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Reading edition
Um acht Uhr früh kam er an, verstört, mit brennenden Augenlidern.
Morgennebel und Dämmerung hingen noch in den Gassen. Der Dichter sah nach Osten, wo zart und strebend die Morgenröte stand.
Geradeswegs ging er in die Lochgasse. Der Gedanke hatte sich in ihm festgesetzt und alles andere verdrängt: Lehrer Mager müsse sein Unrecht einsehen und ihn um Entschuldigung bitten. Das würde ihm die Kraft zur Reinigung geben, zu einem neuen, rückgratvollen Leben.
Und als er die steile, muffige Treppe hinaufstieg, erlebte er die Versöhnung im voraus; er dachte, der Lehrer, der schon damals erwachsene Söhne gehabt hatte, werde jetzt ein weißhaariger, gebeugter Mann mit der Einsicht und Güte des Alters sein, mit dem sich auszusöhnen leicht fallen müsse.
Die alte Wirtschafterin ließ ihn ins niedere, mit geerbten Familienmöbeln vollgestopfte Arbeitszimmer eintreten.
Und der Dichter blickte entgeistert zum Lehrer hin, der am Schreibtisch stand, aufrecht wie ein Pfosten, zäh, mit noch dunkelrotem Haarkranz: vollkommen unverändert.
Die Mundwinkel voller Wut und hämisch in die Wangen zurückgezogen, las er den Aufsatz eines Schülers. Auf dem Schreibtisch befanden sich zwei Stöße blauer Schulhefte, korrigierte und unkorrigierte.
Der Dichter stand im Dunkel an der Tür. Der Lehrer hatte ihn noch nicht bemerkt. Er setzte sich und korrigierte mit roter Tinte den Aufsatz, wobei sein Gesicht in dem Gemisch von Wut und hämischer Freude erstarrt blieb, vom Schein der Petroleumlampe getroffen.
„Der Teufel. Der Teufel.“
„Wie? . . . Sind Sie schon zurück, Josephine?“
„Ich wollte Sie einmal besuchen“, flüsterte der Dichter sehr leise. Er zitterte am ganzen Körper so stark, daß auf dem Biedermeiertisch, an dem er sich festhalten mußte, die bemalte Kaffeekanne schepperte.
Der Lehrer klappte das korrigierte Heft entschlossen auf den Stoß.
Jetzt bemerkte er den fremden Menschen in seinem Zimmer. Der Schreck riß ihn vom Stuhl auf in halbe Kniebeuge. „. . . Wer! Wer sind Sie! . . . Was wollen Sie denn hier!“
„Ich bin ein früherer Schüler von Ihnen. Sie waren mein Lehrer. Ich heiße Anton Seiler.“
„Seiler? . . . Seiler? Haben Sie gestottert in der Schule?“
Eine Blutwelle verdunkelte dem Dichter den Blick.
Und als er wieder sehen konnte, bemerkte er am schrecklichen Lächeln des Lehrers, daß dieser sich erinnerte. Am selben Lächeln, mit dem der Lehrer, wenn der Dichter stotternd stecken geblieben war, ihn der ganzen, belustigten Klasse ausgeliefert hatte.
Der wird mich nicht um Entschuldigung bitten, sagte der Dichter zu sich. Und glaubte körperlich zu fühlen, wie in seinem Innern die letzte Möglichkeit zur Rettung erlosch. Da stand er wie ein Schulknabe, in kraftlosem Haß.
Die Haushälterin kam und reichte dem Lehrer einen Hundertmarkschein: „Der Bäcker kann ihn auch nicht wechseln.“
Zwei Schulknaben waren hinter ihr eingetreten. Sie blieben an der Tür stehen.
„Guten Morgen, Herr Lehrer, wir wollen die Hefte abholen“, sagte der Größere, schulmäßig singend.
Und der Kleine, der neben dem andern nur bis zur Brust reichte, nahm, unter dem starren Blick des Lehrers errötend, erst jetzt die Mütze ab. Langsam zog der Lehrer den Blick zurück. „Einen Moment“, sagte er zum Dichter.
Vorsichtig, und mit allen Sinnen aufnehmend, begann der Kleine sich umzusehen; er war zum ersten Male bei seinem Lehrer in der Stube.
Wie wenn er sich als Knaben erblickte, sah der Dichter mit tiefer, schmerzlicher Rührung den Kleinen an, die Augen, denen Angst den Blick bestimmte, den schon vom Leid gezeichneten Mund, die zartmodellierte, schneeweiße Kinderstirn.
Da lächelte der Kleine zum Dichter hin; augenblicklich verschwand das Lächeln, als der Lehrer sich bewegte.
Und der Dichter hatte das bestimmte Gefühl, daß die Seele gelächelt hatte und in Schrecken erstarrt war.
Das Kratzen der Feder verschärfte die drückende Stille.
Der größere Junge empfand sie nicht; er schneuzte sich laut und stand dabei fest und sicher auf seinen nach innen gerichteten Füßen.
Der Lehrer erhob sich, ebnete den Heftestoß, stellte ihn senkrecht. Der große Schüler warf seine Mütze resolut unter die Achselhöhle und trat aus dem Dunkel in den Lichtkreis. Zögernd und sehnsüchtig näherte sich auch der Kleine.
Aus der Schreibtischlade nahm der Lehrer zwei Himbeeräpfel, gab einen dem großen Schüler. Und als er den Kleinen erkannte, entstand in seinem Gesicht wirkliches Staunen, das langsam zum hämischen Lächeln wurde. „Ah . . . der Weigand kommt, die Hefte holen?“
Energisch legte er den zweiten Apfel wieder in die Schreibtischlade zurück, suchte das eben korrigierte Aufsatzheft des Kleinen aus dem Stoß heraus. „Da geh mal her!“
Das Herz des Dichters begann rasend zu klopfen.
„Du . . . schämst dich also nicht, auch noch zu mir zu kommen?“
Der Kleine verschluckte den Speichel.
Sein mit roter Korrigiertinte verschmiertes Heft lag geöffnet auf dem Schreibtisch. Wortlos blickte der Lehrer einige Male vom Heft zum Schüler, streckte die gekrümmte Hand aus. Sein Blick zwang den Kleinen, das Ohr der Hand entgegenzuneigen.
Mit einem Ruck zerrte er den Schülerkopf zum Heft und stieß des Kleinen Gesicht darauf.
Vorgebeugt blickte der Dichter auf diese Szene seiner Jugend, eiskalt, als wäre sein Leben in des Kleinen Körper übergegangen.
Immerzu stieß der Lehrer des Schülers Gesicht aufs Heft und rief dabei: „Regen mit ch! Essen mit ß! Keule mit äu! Und mit zwei mm schreibst du Amen? Amen!“
Er schleuderte ihn zur Wand. Der Kopf schlug gegen die Türvertäfelung. Der Kleine richtete sich wimmernd auf. Sein furchtbares, leises Weinen klang in die Stille. Der größere Schüler stand ruhig wie ein Soldat.
Und des Lehrers glühendes Gesicht bebte. „Du Frechling wagst es, zu mir zu kommen? . . . Antworte!“
„Antworte!“
„Ich wollte auch einmal die Hefte tragen.“ Das Schluchzen verschlug ihm die Stimme.
Wütend rieb der Lehrer mit dem Siegelring an seinem Finger des Kleinen Stirn: „Was . . . hast du . . . denn da . . . drinnen!“
Der Dichter saß wie eine Leiche und starrte in kaltem Entsetzen auf das rote Malzeichen, das auf der schneeweißen Kinderstirn leuchtend hervortrat.
„Das Mal, das Mal auf seiner Stirn wird nie mehr vergehen. Sie haben ihn gezeichnet“, sagte der Dichter tonlos und laut. „Und wenn es verschwindet, äußerlich, dann ist es ihm ins Gehirn getreten . . . und der Gezeichnete trägt das Mal in der Seele, sein Leben lang.“
Da begann neben dem Hause dröhnend und gewaltig die Kirchenturmglocke zu läuten. Die Stube erzitterte. Der Kleine stand mit ausgebreiteten Armen, eine Hand fluchtbereit am Türdrücker, die Augen entsetzt offen, wie ein Gekreuzigter an die Wand gepreßt. Die Striemen leuchteten auf seiner Stirn. Alle vier standen.
Der Lehrer klappte das Lineal auf den Schreibtisch. Der größere Schüler packte den Stoß Hefte energischer.
Und als die Knaben gegangen waren, sagte der Lehrer:
„Den ganzen Tag Ärger in der Schule und in den wohlverdienten Ruhestunden den Lümmeln die Fehler korrigieren!“ Er setzte sich und sah den Dichter an.
„Was sagen Sie dazu?“
Die Kirchenglocke schlug noch einige Male an und verklang.
„Wie viele Knaben haben Sie gezeichnet ins Leben geschickt?“
„Wie denn, gezeichnet? . . . Ich unterrichte seit fünfundvierzig Jahren. Es sind viele, viele, die ich vorbereitet habe fürs Leben. Und wenig Dank! Glauben Sie mir.“ Seine beiden Hände fuhren wühlend in der Schreibtischlade herum.
„Erinnern Sie sich noch“, der Dichter sprach ganz langsam, „an einen Schulausflug in den Gutenbergerwald . . . Da war ein Schüler wild und fröhlich.“
„Durch den Laubwald nach Reichenberg?“
„Stieg auf Bäume, lachte und sang.“
„Damals, als ich der Klasse die Hünengräber im Walde zeigte und erklärte.“
„Der Schüler war ich.“
„Und Sie waren sonst immer so verkrümpelt und still. Ich entsinne mich.“
„Und im Wald plötzlich so wunderbar glücklich und wild.“
Der Lehrer bemerkte den Mörderblick des Dichters nicht.
„Und als wir zum Wirtshaus kamen . . . ließen Sie mich nicht mit hineingehen, weil ich die zehn Pfennige nicht hatte, um ein Glas Milch kaufen zu können.“
„Ja, zu laut und ungebärdig waren Sie im Wald.“
„Ich mußte vor dem Wirtshaus stehen bleiben, am Zaun.“
„Richtig, noch dazu waren Sie der einzige, der kein Geld hatte.“
„Diese Demütigung vor allen Schulkameraden traf mich damals ins Herz.“
Der Lehrer sah abweisend dem Dichter in die furchtbaren Augen.
„Ich war vorher so fröhlich gewesen . . . Und trage vielleicht seitdem das Mal . . . das Mal!!“ erhob sich die Stimme des Dichters, und langsam erhob sich auch der Körper vom Stuhle, „das glühende Mal in . . . meiner . . . Seele!“ Die ganze Kraft seines Körpers ging in des Dichters würggespreizte Hände über, die dem zur Wand zurückweichenden Lehrer folgten.
— — — Der Adamsapfel glitschte noch einmal unter des Dichters Daumen weg, eine Sekunde lang lockerten sich die Würghände — dann drückten die Daumen den Adamsapfel tief in den Hals hinein.
Die ächzenden ä- und e-Laute verebbten.
Solange der Körper an der Wand zu Boden glitt, ließ der Dichter die Hände am Hals des Toten.
Als er sich aufrichtete, sah er in der verwühlten Schreibtischlade den Himbeerapfel liegen, den der Kleine nicht bekommen hatte. Ein irrsinniges Lächeln der Befriedigung entstellte des Dichters Gesicht, als er den Apfel nahm und einsteckte.
Da erblickte er den Hundertmarkschein.
Und hatte momentan eine Vision — vom Mittelpunkt eines fernen Landes reichte bis zu ihm ein gewaltig auseinandergezogenes Gummiseil, das er sich um den Leib knüpfte, worauf das Gummiseil mit ihm, über Städte und Meer, durch die Luft ins fremde Land zurückschnellte.
Da nahm er den Hundertmarkschein und steckte ihn ein. Den Blick in eine unwirkliche Ferne gerichtet, ging er gefühllos und bereit aus der Stube.
Der Gottesdienst war aus. Die Kirchenglocken läuteten zusammen. Viele vermummte Menschen verließen die Kirche und punktierten schwarz die Schneefläche des Marktplatzes.
Der Dichter blieb stehen, schlenkerte die Hände, als wolle er den Mord abschütteln, ging ein paar Schritte, schlenkerte wieder die Hände.
Und hielt beim Weitergehen die Arme steifgebogen von sich weg.
Seine Hand zuckte zurück vom Klingelzug der Elternwohnung, so daß nur ein Glockenton erklang.
„Jesus! . . . Du bists.“ Die Mutter lief schnell voraus ins Zimmer und warf die Decke übers ungemachte Bett.
Die Atmosphäre der Elternwohnung schlug ihn vollends nieder.
„Hn?“ machte er wie ein Betrunkener und ließ die Hände von den zur Brust hochgenommenen Armen gleich Seehundsflossen kraftlos hängen.
„Kind! was ist denn!“
„Hn?“ Den Mund schlaff offen, sah er blöd umher.
Bis die kleine Mutter ihm in den Blick kam. Da schrie er mit biblisch furchtbarem Entsetzen der Mutter zu: „Mutter! Ich hab ihn umgebracht!“ Und flüchtete, vom Teufel verfolgt, wild brüllend aus dem Zimmer.
Wie ein Kind führte sie ihn an der Hand wieder zurück. „Was machst du mir für Sachen! Du mußt ins Bett. Bist ja krank . . . Ich mach dir kalte Umschläge.“ Geschäftig lief sie zum Bett.
„Mutter, ich hab den Lehrer umgebracht“, sagte er automatisch. „Halts aus.“
Da sah sie es ihm vom Gesicht ab und warf die Hände in den Nacken. Ihr erster Schrei war kurz, wortlos. Aus den folgenden Schreien hörte er die immer wiederkehrenden Worte: „Sag nein! Sag nein!“
„Nein“, sagte er, und ein Engel gab ihm ein Lächeln dazu. „Nein, Mutter.“ Und als er ihren zuckenden Körper umfangen hielt, ihren Scheitel streichelte und dabei über ihn wegsah, rang er sich die letzte Kraft ab, um die Worte sagen zu können: „Es war nur ein Scherz.“
„Mütterchen“, sang er zart, und in seinem Gesicht arbeitete Qual gegen Lächeln.
„Warum hast du mir diesen Schrecken eingejagt? Und ich dumme Frau hab dir geglaubt . . . Jetzt, jetzt, jetzt mußt du was essen.“ Sie huschte in die Küche.
Und er lautlos aus der Wohnung und, von der Straßenmitte weg, dicht an den Häuschen entlang.
„Aber ausgesehen hast du, wie wenns wirklich wahr wär“, rief sie aus der Küche. Und trat, in der Hand den mehlbestaubten Kochlöffel, ins Zimmer. „Weißt du, so bin ich in meinem ganzen Leben nicht erschrocken“, sagte sie lächelnd. Und richtete den Blick suchend ins Leere.
Während der Dichter vor dem Postamt stand.
Die Welt hatte sich für ihn vollkommen verändert. Sein bisheriges Leben war scheinbar von ihm fortgezogen. Es war ihm, als stünde er plötzlich auf der anderen Seite des Planeten. Schwere, ganz neuartige Gefühlsklumpen waren in ihm entstanden, mit denen er sich auseinanderzusetzen hatte.
Nur das Erlebnis mit dem Straßenmädchen griff aus seinem alten Leben herüber. Eine Art Abrechnungsbedürfnis bestimmte ihn, ins Postamt einzutreten und die zwanzig Mark nach Berlin an das Mädchen zu senden.
Am Nebenpult sagte ein junger Bursche: „I streun jetz e bißle am Wasser rum.“
Da wußte der Dichter unvermittelt, daß er ein verlorener Mann war, und sah irr dem Burschen nach, der sorglos pfeifend das Postamt verließ.
Alle fünfzehn Polizeidiener und der Wachtmeister des Städtchens standen in der Bahnhofshalle, um den Mörder abzufangen. Weiber, still gewordene Kinder ließen sich nicht wegjagen. Die verstörte Haushälterin des Lehrers stand beim Wachtmeister.
Und als der Dichter die Bahnhofshalle betrat, grau und unscheinbar, deutete sie zurückweichend auf ihn.
Die Schutzleute hoben die fünfzehn langen Pistolen. Und über des Dichters lastbehangenes Gesicht huschte ein schmerzliches Lächeln.
Die Hände den Fesseln entgegengestreckt, trat er verloren in den Schutzmannskreis, der um ihn zusammenschlug.
„An . . . ton Sei . . . ler“, buchstabierte der Wachtmeister aus den Papieren des Dichters, „geboren in . . . Ja, sind Sie denn von hier?“
„Ja, ich bin hier geboren.“
„Dann kanns nur der Sohn vom Wagner Seiler sein“, rief eine Alte, die einen Flanellbettkittel anhatte.
Und der Dichter sagte: „Eine halbe Stunde Hoffnung war alles, was ich ihr noch geben konnte.“
Als er, gleich einem einziehenden Zirkus vom halben Städtchen begleitet, durch die Bahnhofstraße geführt wurde, zweigte die Alte im Flanellbettkittel ab und brachte der Mutter die Nachricht.