Zweites Buch Hebe
Reading edition
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Der Prinz Carignan, Königliche Hoheit, ältester Prinz aus dem Hause Savoyen, Generalleutnant, Generalinspekteur der Königlichen Akademie der Musik, hatte sein Lever beendet und war bei der Morgentoilette.
In einen wattierten Schlafrock von chinesischer Seide gehüllt, saß er in einem bequemen Sessel, ließ sich die Haare kräuseln und wickeln und sie hinten zu einem koketten Beutel zusammennehmen, lauschte zerstreut auf die Erzählungen seines Friseurs und nippte dann und wann an einer Tasse Schokolade, die ihm der Kammermohr auf einem silbernen Tablett darbot. Der Kammerdiener schnallte ihm dabei die Schuhe.
Durch die offenen Balkontüren flutete der Sonnenschein; die hohen Baumwipfel draußen bewegten sich leise, ein lauer Wind trug die Düfte des Rosenparterres herein — es war ein herrlicher, stiller Sommertag.
Im durchlauchtigsten Schädel brummte und summte es wie ein ganzer Bienenschwarm. Das gestrige Souper hatte lange gedauert. Man hatte deshalb den ganzen Morgen sorgfältig vermieden, Seiner Hoheit Anlaß zum Zorn zu geben, und jede Äußerung, die als Widerspruch hätte ausgelegt werden können, ängstlich unterlassen.
Niemand, der ein Anliegen vorzubringen hatte, war gemeldet worden, ehe der Retter in der Not, der Friseur, mit den Neuigkeiten des Tages erschienen war. Zum Glück hatte der Haarkünstler heute eine besonders leichte Hand gehabt. Er war auch von den interessantesten Anekdoten geschwollen. Die Stirn Seiner Hoheit erhellte sich sichtbar. Er hatte sogar geruht, wiederholt und huldvollst zu lächeln! Das fluchwürdige Verbrechen des Garderobiers, eine Rosette des linken Hosenbeins abzureißen, wurde gnädigst übersehen und das Annähen des illustren Gegenstandes in Geduld ertragen. Der Augenblick war günstig. Auf einen Wink des Kammerdieners wagte sich der Türsteher herein und meldete, daß unter den vielen Supplikanten draußen im Vorzimmer auch der berühmte Tänzer Signore Fossano warte, um die neue italienische Tänzerin Demoiselle Barberini vorzustellen.
»Sollen morgen wiederkommen!« antwortete der Prinz und wandte sich zum Friseur. »Weiter! Das interessiert mich sehr! Seine Majestät war also gestern wieder in La Muette?«
»Ja — zum zweitenmal in einer Woche!«
»Was?!« rief der Prinz. »Zweimal in einer Woche? Das ist gegen alle Gewohnheit! Das ist noch nicht dagewesen! Da ist sicher etwas Besonderes passiert! Hast du etwas erfahren?«
»Ja!«
»Schnell! Ich brenne vor Neugierde!«
»Beim ersten Besuch Seiner Majestät unseres allergnädigsten Königs in dieser Woche in La Muette« — begann der Friseur wieder und setzte mit Grazie seine Zange an, so daß ein leichtes Wölkchen verbrannter Pomade duftend emporwirbelte, wie um die Erzählung mit Weihrauch zu versüßen.
»Hoheit wollen gnädigst entschuldigen«, wagte der Türsteher mit wahrer Todesverachtung zum zweiten Male einzuwerfen, »aber der italienische Tänzer —«
»Er soll sich zum Teufel scheren!«
»Hoheit wollen gnädigst verzeihen — aber — damit droht er eben —«
»Das auch noch! Der Kerl droht? Man werfe ihn hinaus!«
»Zu Befehl!«
»Warten! Wie sagtest du? Womit drohte er?«
»Eben damit, sich hinauswerfen zu lassen!«
»Nicht schlecht!« lachte Se. Hoheit, »gar nicht übel! Da, nimm, du Spaßvogel!« — Er warf dem Türsteher ein Geldstück zu. »Was soll das aber heißen? Was meint er damit?«
»Er meint, daß er heute abreisen will, wenn er nicht empfangen wird!«
»Ich empfange, wann ich will und wen ich will!«
»Das habe ich ihm auch deutlich zu verstehen gegeben! Ich habe ihm gesagt, daß Hoheit mit Geschäften überladen sind — ich habe ihn gebeten, morgen wiederzukommen. Acht Tage hintereinander ist er auch wiedergekommen. Nun will er aber nicht mehr. Noch heute reist er nach London, sagte er. Und das glaubte ich Hoheit nicht vorenthalten zu dürfen ——«
»Hierbleiben soll er! Ich werde ihn arretieren lassen, sag ihm das von mir! Wenn er nur den Versuch macht, sich ohne Urlaub zu entfernen —— acht Tage —— acht Tage antichambriert er nur? Das genügt noch lange nicht! Und du hast ihn nicht gemeldet? Du hast ihn ruhig gehen lassen? Das ist sehr gut — sehr brav von dir! Diese Künstler müssen kurz gehalten werden! Verwöhntes Volk! Muß sich ducken lernen! Geh jetzt, laß ihn noch warten — vielleicht empfange ich ihn später!«
Der Kammerdiener ging.
»Wo waren wir denn mit dem König stehengeblieben?« »Ich wollte eben vom ersten Besuch Seiner Majestät in dieser Woche in La Muette erzählen ——«
»Ganz richtig! Was ist denn dabei geschehen?«
»Seine Majestät ritten, wie immer, durch das Bois nach Madrid zum gewohnten Besuch bei Mademoiselle, der Marquise du Charolais ——«
»Allwo er sehnsüchtigst von Madame du Mailly erwartet wurde ——«
»Zu Befehl! Und auch von ihrer Schwester, Madame de Vintimille —— und von der Gräfin von Toulouse ——«
»Wissen schon! —— Überspringen! — Der ganze >kleine Rat< Seiner Majestät war, wie immer, versammelt! Das war aber sicher kein Grund für den König, sich, gegen alle Gewohnheit, zweimal in einer Woche hinzubemühen!«
»Sicher nicht! Aber unterwegs — im Bois — hatten Seine Majestät eine Begegnung —«
»Was du sagst!«
»Mitten im Walde, bei einer Kreuzung des Weges, sauste ein Phaëton dicht an das königliche Pferd heran! Majestät mußten anhalten —— und als das Gefährt vorbeiflog, haben Majestät geruht, noch allergnädigst zu grüßen —«
»Sacré nom de Dieu! Wer saß denn drin, in jenem Phaëton?«
»Eine Dame —«
»Eine —?«
»Eine sehr schöne Dame — in Blau und Rosa gekleidet! —— Sie kutschierte selbst! — Statt der Peitsche hatte sie eine silberne Lanze in der Hand — am Hut einen Halbmond von Brillanten!«
»Wohl Diana selbst, die auf Königshirsche pirschte?«
»Majestät schienen es wenigstens anzunehmen! Wie gebannt blieben Majestät auf demselben Flecke und starrten mit allerhöchst aufgerissenen Augen der Erscheinung nach, bis sie an der nächsten Biegung des Weges verschwand! Dann erst gaben Majestät dem Pferde die Zügel und galoppierten davon, so schnell, daß das Gefolge kaum mit konnte —«
»Diana scheint eine glückliche Jagd gemacht zu haben! Weiß man, wer sie war?«
»Man vermutet ——«
»Man vermutet nicht! Man hat zu wissen, wenn man was erzählt!«
»Zu Befehl — ich habe auch schon in Erfahrung gebracht —«
»Schnell — ich muß es wissen! Ihr Name?«
»Es war —«
Aber ehe der allwissende Haarkünstler den Namen ausgesprochen hatte, flog die Tür zu den inneren Zimmern auf, und der Intendant des Prinzen stürzte herein, mit verstörter Miene, eine Schatulle in der Hand.
»Hoheit verzeihen — aber — ich muß bitten — wollen Hoheit geruhen, jetzt gleich die Kasse selbst an sich zu nehmen?«
»Was ist denn?«
»Es ist höchste Eile! Bei mir ist sie nicht mehr sicher!«
Der Prinz stand mit Mühe auf und wankte nach dem Schreibtisch.
»Gib her!«
Er schloß ein Fach auf.
»Wieviel ist drin?«
»Der Kassenzettel liegt obenauf; es ist der ganze gestrige Erlös der Rouletten!«
Hoheit flog schnell den Zettel durch.
»Miserabel! Die Pariser sind undankbar! Ich selbst erweise ihnen die Gnade, ihr Spiel zu protegieren! Sie haben die Ehre, im Palais Soissons selbst — in meinen schönsten Räumen — ihr Geld zu verlieren und schätzen es so gering ein!«
Er klappte verächtlich den Deckel der Kassette zu.
»Der Pächter bestiehlt mich aber! Es ist nicht anders möglich! Die Räume sind ja stets gedrängt voll! — Der Mob wird doch nicht so frech sein, noch zu gewinnen! Er stiehlt also! Oder er taugt nichts — versteht seine Sache nicht! Wieviel hat er uns im vorigen Jahre abgeliefert?«
»Knappe hunderttausend Livres!«
»Sag ihm, ich werde ihm die Spielerlaubnis entziehen, wenn ich nicht in diesem Jahre auf mindestens zweihunderttausend komme!«
»Zu Befehl!«
»Hast du auch den Diamanten bekommen, den ich gestern für die Camargo aussuchte?«
»Melde gehorsamst: ja!«
Er reichte dem Prinzen ein Etui. Der prüfte den Inhalt mit Kennermiene.
»Sehr schön! Wirklich magnifik! Das Geld soll sich der Juwelier in der Oper holen.«
»Die Kassen der Oper sind leer! Die Gagen wurden gestern bezahlt und auch die Wechsel der Gebrüder Paris.«
»So soll er nach der Komödie gehen!«
»Ich habe ihn bereits hingeschickt!«
»Es ist gut!«
Der Prinz leerte den Inhalt der Schatulle in die Schublade seines Schreibtisches, schloß ab und steckte den Schlüssel zu sich.
»So! Und darf ich nun wissen, warum du mich so früh und in dieser höchst unmanierlichen Weise mit dem Gelde bemühst? Meines Wissens hatte ich dich noch nicht rufen lassen!«
Der Intendant hatte nicht Zeit, zu antworten.
Es klopfte an die Tür, und alles war starr.
Beim Prinzen von Carignan selbst, im eigenen Palais Seiner Königlichen Hoheit — im Palais Soissons, das von Bedienten, Lakaien und Türstehern wimmelte, hatte man die Keckheit, ohne weiteres und unangemeldet anzuklopfen! Und gar noch, sans façon, einzutreten!
Zwei Gestalten in richterlicher Kleidung, die Hüte auf den Köpfen, standen auf der Schwelle.
»Im Namen des Königs ——«
»Ridicule!« sagte der Prinz gelassen. »Seit wann tritt man so — legère bei mir ein? Ich bin allerdings auch Chef der Theater! Aber — ich muß sagen —— diese Komödie! Zum mindesten geschmacklos!«
»Im Namen des Königs«, sagte die eine Gestalt und reichte dem Prinzen ein Dokument mit anhängendem Siegel. »Laut Urteil des Parlaments sind wir auf Antrag des Bilderhändlers Gersaint bevollmächtigt und haben den Befehl, hier im Palais Eurer Hoheit alles Geld und alle Kostbarkeiten an uns zu nehmen und, sofern es nicht ausreicht, um die Forderung nebst Zinsen, Kosten und unserem Salär zu decken, die Meubles und den Schmuck zu versiegeln und zur öffentlichen Versteigerung zu bringen!«
»Ja, bin ich denn diesem Ehrenmann, diesem Gersaint, etwas schuldig —? Wann habe ich ihm überhaupt etwas abgekauft —? Es ist doch wenigstens zwei Jahre her —«
»Ganz richtig! Zwei Jahre sind es bereits, daß Eure Hoheit die gekauften Gemälde nicht bezahlt haben!«
»Das ist ein Irrtum! Das muß ein Irrtum sein! — — Und wenn sie nicht bezahlt sein sollten — mon Dieu! — warum hat man sich nicht das Geld von meinem Intendanten geholt? — Wie kann man sich denn beklagen?! — Ja, sagen Sie, meine Herren, für wen halten Sie mich denn! — Ich, der Prinz von Carignan, muß mich mit derartigen inferioren Dingen persönlich befassen! — Bin ich dazu von Seiner Majestät, unserem allergnädigsten König, zum Generalintendanten der Akademie ernannt, damit man mir meine Zeit mit den Angelegenheiten eines obskuren Bilderhändlers stiehlt?!«
Beim Nennen des Königs hatten die Gerichtsbeamten ihre Hüte gelüftet und wollten sie wieder aufsetzen.
»Behalten Sie die Hüte in der Hand!« schrie ihnen der Prinz mit Donnerstimme zu. »Und verlassen Sie das Haus!«
»Wir sind auf Befehl des Parlaments hier ——«
»Verlassen Sie das Haus, Messieurs, oder ich lasse Gewalt anwenden!«
»Dürften wir Hoheit auf die Folgen eines gewaltsamen Widerstandes gegen eine amtliche Handlung aufmerksam machen ——«
»Mais non! — Sie dürfen mich auf nichts aufmerksam machen! Sie dürfen in meiner Gegenwart den Mund nicht auftun! Man werfe sie hinaus! Geschwind! Man schaffe sie mir aus den Augen!«
Die Lakaien und Türhüter griffen zu und beförderten die unwillkommenen Gäste auf dem kürzesten Wege auf die Straße.
»Sapperment!« rief der Prinz, »wie werde ich hier bedient! Das ganze Haus habe ich gedrängt voll von Tagedieben, die nicht wissen, was sie tun sollen — die mich vor lauter Langeweile bestehlen — die mich kahl fressen, bis ich wie ein entlaubter Baum dastehe! Nicht mal so viel können sie tun, mir derartigen Besuch vom Leibe zu halten! Aber ehe ich befehle, rührt sich keiner! Ich muß mich selbst bemühen! Ich muß mich echauffieren! Ich muß mich, in höchsteigener Person, bis auf die Knochen blamiert fühlen! — Ich muß mir wie'n Gauner — wie'n Betrüger — weiß Gott, wie'n Strauchdieb vorkommen! Und ihr steht alle dumm da und gafft und laßt den Tort zu und —— wer weiß — lacht euch noch ins Fäustchen! — Ich werde euch mit Ruten streichen lassen! Ich werde euch allesamt in die Bastille werfen! — — Ah — ah! — Das überlebe ich nicht! — Das wird mein Tod! Ich fühle schon, wie mir die Galle zurücktritt! — Luft — Luft ——!«
Erschöpft sank er auf den Sessel nieder, der Friseur benutzte die Gelegenheit, ihm den Pudermantel umzuhängen und setzte seine Quaste mit einer Fermeté in Bewegung, daß der ganze Prinz in einer Wolke weißen Staubs verschwand — wischte dann schnell den Puder aus dem Gesicht — schwärzte die Augenbrauen, klebte zwei Mouchen auf ihre Plätze und hielt, als er fertig war, dem Prinzen ein silbernes Flakon mit Riechsalz unter die Nase.
Der halb Ohnmächtige sog gierig den scharfen Duft ein, seufzte leicht auf, geruhte dann kokett zu niesen, öffnete die Augen und flüsterte matt:»Darf ich nun endlich wissen, wer jene Dame war, die einen solchen Eindruck auf die Majestät, unseren allergnädigsten König, machte?«
»Madame le Normand d'Etioles«, flüsterte der allwissende Haarkünstler ihm ins Ohr, und der Prinz fuhr auf wie von einer Tarantel gestochen.
»Madame d'Etioles?! — Die kleine Poisson?! — Eine Diana bürgerlicher Extraktion?!«
»Ganz recht, Hoheit!«
»Sacré nom de Dieu! — Das ist keck! Und der König hatte die Gnade, sie zu bemerken?«
»Seine Majestät waren hingerissen! Seine Majestät haben von nichts anderem gesprochen die ganze Zeit! Und schon gestern sind Majestät dann, ganz unvermutet, wieder in La Muette eingetroffen!«
»Und gleich durch den Wald nach Madrid galoppiert?!«
»Ja!«
»Und er ist ihr wieder ——?«
»Nicht begegnet!«
Der Prinz lachte.
»Kann ich mir denken! Die kleine Poisson war auf einen so schnellen Erfolg ihres Wilderns nicht gefaßt! Sie wartet erst den gewöhnlichen Wochentag ab! — Nun, sie kann warten! Sie kann noch lange warten, ehe ihr das Taschentuch zugeworfen wird! Sie wird's kaum erreichen, die ehrgeizige, kleine Person! Ein süßer Racker ist sie aber! Ein ganz pikantes Kerlchen! — Witz, Geist, Charme und ein Exterieur! — Wenn ich sie am Ballett hätte, ich würde sie schon durchsetzen! Ich würde ihr schon die richtige höfische Pirouette beibringen, die bis ins königliche Bett reicht! Aber so sans façon — so draufgängerisch! Da macht sie die bürgerliche Extraktion nicht vergessen — und wenn sie den halben Landadel heiratet!«
»Unser allergnädigster Herr ist ja auch erst beim Hochadel angelangt!«
»Überhaupt bei der allerersten Liaison! Noch nicht aus der Schwärmerei heraus! Und die gute du Mailly hat noch Schwestern!«
»Man spricht schon von der zweiten!«
»Man spricht erst? Dann hat's gute Weile! Der König ist ordnungsliebend! Die Familie du Nestle ist groß! Wenn er da durch ist, dann —«
»Wollen Hoheit prophezeien?« flüsterte der Friseur neugierig.
»Nein, du Schelm! Nimm aber die Börse da! Steck ein! Ich bin mit dir zufrieden! Bediene mich stets so gut wie heute!«
Der Friseur nahm die ihm zugeworfene Börse, verbeugte sich tief und ging. Der Kammerdiener räumte den Sessel und die Toilettengegenstände fort, und der Prinz, dem der Garderobier inzwischen den goldgestickten, blausamtenen Rock mit den großen brillantenen Knöpfen und dem Stern angelegt hatte, nahm den ihm gereichten Hut, ließ sich den Degen anschnallen und befahl die Karosse, um nach Versailles zum Lever des Königs zu fahren. Er hatte noch nicht den Hut aufgesetzt, als der Kriegsminister d'Argenson gemeldet wurde.
Der Minister, als echter Militär und Kavalier, war ein großer Connaisseur des Balletts, dessen Evolutionen ihm oft vertrauter waren als die der königlichen Armee. — Er trat ein, den Hut unterm Arm, und wurde äußerst aimable begrüßt.
»Eure Exzellenz wollen die Ordre de Bataille der nächsten Zeit für das Corps de Ballet geben?« rief der Prinz aufgeräumt. »Es wäre mir ein Vergnügen, mit Ihnen zusammen gleich den Schlachtplan zu entwerfen! Sie sehen mich aber im Begriff, zu Hofe zu fahren. Ich darf heute beim Lever nicht fehlen!«
»Dann haben wir Zeit«, sagte d'Argenson und ließ sich in einen Sessel nieder. »Beim König wird es heute erst um vier Uhr Tag. Wegen später Heimkehr von La Muette ist das Lever erst um diese Stunde angesagt. Bei Ihnen doch auch bekanntgegeben?«
»Nein. Da sehen Sie eben, wie nötig meine Anwesenheit ist! Man benachrichtigt mich nicht mehr! Meine lange Absence fällt schon auf!«
»Beruhigen Sie sich, lieber Freund! Es gibt so viele andere Gründe zur Aufregung!«
»Sie bringen mir Neuigkeiten?! Was ist geschehen?«
»Sie wissen es noch nicht? Der Kardinal Fleury hat sich eine ganze Woche beim König entschuldigen lassen.«
»Seine Eminenz sind verstimmt?«
»Der Majestät des Königs gegenüber wird man nicht verstimmt, auch wenn man Kardinal Fleury ist und Frankreich regiert! Seine Eminenz bereiten sich nur, in stiller Zurückgezogenheit, auf eine schwere Entschließung vor. Er steht vor der Notwendigkeit, zu einer Staatsaktion ja und amen zu sagen, die mit den strengen Anschauungen, in denen er den König erzogen hat, wenig harmoniert! Er wird die Proklamierung der Madame du Mailly zur königlichen Mätresse, wenn nicht feierlich sanktionieren, so doch stillschweigend dulden müssen.«
»Also doch!«
»Ja — es ist gestern, anscheinend beim Besuch des Königs bei >Mademoiselle< beschlossen worden, das Verhältnis, trotz der Verstimmung Fleurys, offiziell zu machen.«
»Ich bin neugierig, wie sich der alte Fuchs damit abfindet! Er läßt sonst in solchen Dingen nicht mit sich spaßen! Erinnern Sie sich noch, wie erzürnt er über den Empfang des Königs in Luneville war?«
»Wie sollte ich nicht! Der Begebenheit verdanke ich ja mein Amt!«
»Ja! Ihr Herr Vorgänger hat's schwer büßen müssen! Und doch war das eine sehr graziöse Idee von ihm! Das hätte eine bessere Belohnung verdient! Den vielgeliebten König von einer Eskadron berittener Stadtdamen empfangen und zu seinem Schwiegervater eskortieren zu lassen! Das war doch märchenhaft schön!«
»Ja. Hätte er nur nicht die Ungeschicklichkeit begangen, auch die Königin bei ihrem Einzug von denselben Berittenen eskortieren zu lassen, dann wäre er noch im Amt. Der Kardinal und die Königin sind ein Herz und eine Seele!«
»Deshalb schmollt er anstandshalber vierzehn Tage, ehe er die Sonne der heiligen Kirche wieder über die sündenvolle Welt scheinen läßt! Innerlich wird er mit der Erhebung der Gräfin du Mailly zufrieden sein! Er wird sich sagen — wenn eine Grande Dame, wie sie, sich öffentlich als Mätresse proklamieren läßt, dann hat sie's auch nötig!«
»Sie meinen — das wäre der Anfang vom Ende?«
»Sicher! Und so ist es auch! Sie teilt die Gunstbeziehungen des Königs bereits mit ihrer Schwester!«
»Mit Madame du Vintimille?«
»Ich habe es aus sicherer Quelle! — Mein Friseur —«
»Arme Königin!«
»Werden wir nicht sentimental! Ihre Majestät kann sich nicht beklagen, solange der König — wie's die Konvenienz gebietet — unter den Damen des hohen Adels seine Wahl trifft. Leider scheint er aber schon seine Augen auf eine Bürgerliche oder — was viel schlimmer ist — auf eine gewesene Bürgerliche geworfen zu haben! Das endet nie gut! Die sind zu ehrgeizig!«
»Sie regen sich doch nicht darüber auf?«
»O doch! Es kränkt mich sogar sehr! Wenn der König solche Allüren hat, und gar auf eigene Faust vorgeht, da ist der Staat in Gefahr! Da bedarf es mehr denn je der Führung Sachverständiger! Statt sich von gewissenlosen Strebern Mätressen aufschwatzen lassen — die eine dümmer als die andere — könnte er sich wirklich ——«
»Eurer Hoheit anvertrauen?«
»Ja — ich bitte Sie — wozu hat er mich? — Wozu hat er das Corps de Ballett? Ich würde ihm vortanzen lassen, daß ihm die Beine nur so um den Kopf schwirren!«
»Apropos!« sagte d'Argenson, der sich nicht zu weit auf das heikle Gebiet hinauswagen wollte! »Apropos — Hoheit wissen noch nicht, was alles draußen wartet! Der ganze Salon strahlt vor Jugend und Schönheit. Ich sah da unsere charmante Camargo. Die Sallé war auch da! Und dann etwas ganz Exquisites!«
»Exzellenz scheinen schon die Parade abgenommen zu haben! — Darf ich nach dem Gegenstand des hohen Entzückens fragen?«
»Es war ein ganz neues Gesicht! Eine Venus von Gestalt! Ein rassiger Kopf — schöne Augen — und ein Lächeln! —— Mein Kompliment, Hoheit! Sie wissen ihre Truppen zu rekrutieren!«
Der Prinz schüttelte den Kopf.
»Ich weiß nicht, wen Exzellenz meinen!«
»Ich leider auch nicht. Es war nicht in Erfahrung zu bringen!«
Der Prinz faßte sich an den Kopf.
»Ich hab's! Das wird die neue italienische Tänzerin sein! Etwas ganz Unbedeutendes! Ich versichere — eine ganz obskure Person, von der niemand etwas weiß! Fossano versucht sie mir aufzudrängen!«
»Ich sah ihn auch draußen!«
»Ja. Ich lasse ihn diesmal lange antichambrieren! Ich bin unzufrieden mit ihm!«
»Ein glänzender Tänzer!«
»Ja, aber ein störrischer Kopf! Es ist sehr unbescheiden von ihm, mir eine ganz Unbekannte, eine, die nicht den geringsten Namen hat, zu bringen! Ich erwarte eine Berühmtheit — und er bedient mich mit einer Demoiselle Barberini! — Haben Sie den Namen je gehört?«
»Nein. Ich muß gestehen —«
»Sehen Sie!«
»Wollen aber Hoheit nicht die Damen empfangen? Es wäre ja unrecht, sie meinetwegen warten zu lassen!«
»Sehr gütig! Wenn Exzellenz gestatten, bin ich dann so frei, sie Ihnen vorführen zu lassen. Auf welche belieben Eure Erzellenz zuerst die Augen zu werfen?«
»Ganz nach Ihrem Belieben, mein Prinz!«
»Auf einmal dürfen wir sie nicht besichtigen! — Sie sind spinnefeind miteinander! Eure Exzellenz lieben ja mehr den seriösen Tanz, nicht wahr?«
»Allerdings! Ich bewundere die Majestät der Sallé! Aber die schönen Augen der Camargo versöhnen mich auch mit ihrer ausgelassenen Tanzart!«
»Exzellenz gefallen sich in der Rolle des Paris?!«
»Ich gesteh's! Ich wüßte aber nicht, wem ich den Schönheitspreis zusprechen sollte! Ob Juno, ob Minerva —«
»Also der Reihe nach! Ich lasse Madame Sallé bitten!«
Der Türsteher ging hinaus und machte gleich nachher beide Flügeltüren auf.
»Madame Sallé!«
Herein schwebte in üppiger Majestät die Prima-Ballerina der Oper, die weiten Reifröcke graziös wiegend — die Spitzenmantille fest um den üppigen Busen zusammengenommen — die Mimik in einem spöttisch-ironischen Lächeln kulminierend — die Augen schmerzlich unter sanft zusammengezogenen Brauen blickend — die ganze Erscheinung voll ebenso verletzter wie unnahbarer Würde.
Sie segelte an dem sich galant verbeugenden d'Argenson vorbei, beantwortete seinen Gruß mit einer sanften Biegung des Kopfes und blieb vor dem Prinzen stehen, öffnete wiederholt die Lippen, um zu markieren, daß sie keine Worte finden könnte, und schlug mit ihrem Fächer ein paarmal ungeduldig in ihre linke Hand. Sie war anscheinend aufs höchste empört!
»Blicken Sie mich nicht so ungnädig an, Madame« — fing der Prinz an, ergriff ihre Hand und führte sie an die Lippen. »Sie sehen mich äußerst besorgt über die harte Notwendigkeit, die mich zwang, Sie warten zu lassen! Aber wir Großen der Erde sind geplagte Geschöpfe! — Die Wünsche unseres Herzens müssen wir leider den Forderungen der harten Pflicht hintansetzen. Ich hatte mit Seiner Exzellenz Staatsgeschäfte von größter Wichtigkeit zu besprechen!«
Sie blickte den Kriegsminister von oben herab erstaunt an, als wollte sie fragen, welche Staatsgeschäfte wohl wichtiger sein könnten als die Affären des königlichen Ballettkorps — dann öffnete sie die Lippen und fand jetzt Worte.
»Ich bedaure, in so hochwichtigen Geschäften gestört zu haben«, lispelte sie. »Ich werde aber Eure Hoheit nicht lange in Anspruch nehmen. Ich komme nur, um von Eurer Hoheit Gnade meine Entlassung zu erbitten.«
»Jamais! Jamais de la vie! Was denken Sie sich nur? Wo kämen wir ohne Sie hin! Wir müßten ja die Oper schließen! Ganz Paris würde Aufruhr machen!«
»Hoheit täuschen sich! Seitdem die Camargo ihre italienischen Tänze in Mode gebracht hat, kümmert sich ganz Paris nur um sie! Die hohe Kunst schleicht beschämt davon!«
»Die hohe Kunst, deren einzige Vertreterin Sie sind, Madame, wird nach wie vor in Ehren gehalten! Und sollten Sie anderer Ansicht sein, so wird Sie unser Freund, der Kriegsminister, der hervorragendste Kenner und Verehrer der hohen Schule, vom Gegenteil zu überzeugen wissen! Seine Exzellenz brennt vor Verlangen, heute bei Ihnen zu dejeunieren —«
Sie grüßte d'Argenson jetzt mit äußerster Liebenswürdigkeit, sie bemerkte die verstohlenen Zeichen nicht, die Carignan ihm hinter ihrem Rücken machte, und akzeptierte deshalb auch anstandslos die Deutung, die er der erschrockenen Miene des Ministers sogleich gab.
»Seine Exzellenz werden mir verzeihen«, lachte der Prinz, »daß ich Gefühle ausplaudere, die er Ihnen am liebsten selbst verraten hätte.«
»Ich werde mich glücklich schätzen«, stammelte d'Argenson.
»Nicht wahr — und Sie haben dann die Güte, mit Madame Sallé das Programm zu vereinbaren, das wir demnächst Ihrer Majestät der Königin vorführen werden! — Sie sehen, Madame, wir machen nichts ohne Sie — Sie sind uns ganz unentbehrlich — und Exzellenz, als persona grata bei der Königin, wird Ihnen da helfen, das Richtige zu finden. Tun Sie Ihr Bestes, Madame — und lassen Sie mir bald Ihre Befehle zugehen!«
Er küßte ihre Hand — die Audienz war zu Ende. Die Ballerina beantwortete äußerst aimable die tiefen Reverenzen der beiden Kavaliere und schwebte, jetzt jeder Zoll eine triumphierende Göttin, wieder an dem Kriegsminister vorbei. Sie flüsterte ihm dabei hold zu, daß sie sich ein Vergnügen daraus machen würde, ihn in einer Stunde bei einer trüffierten Ente wiederzusehen, und verschwand.
»Demoiselle Camargo!« meldete der Türsteher, die Flügeltüren wieder weit offenhaltend!! — Und über die Schwelle rauschte jetzt eine Erscheinung, deren Glanz den der Sonne gewiß verdunkelt hätte, wenn dieser von plebejischen Neigungen angekränkelte Lichtklumpen jemals seine Schuldigkeit täte!
Es war eine hohe, schlanke Gestalt, mit fülligem, etwas süßlichem Gesicht und einer Lässigkeit in der Art, sich zu geben, die ebensosehr von verhaltenem Feuer wie von Neigung zur Bequemlichkeit zeugte — ein Temperament, das bald lustig überschäumen, bald in Trübsinn hindämmern konnte — etwas Ungewisses, Unausgeglichenes — eine Persönlichkeit mit eigenem Gesicht und selbstbewußt, aber ohne Pose! Dem Prinzen war sie aber nur eine Frau unter den vielen, die man alle nicht ernst nehmen durfte! Sie beantwortete das Kompliment der beiden Kavaliere mit gemessener Würde und lächelte, aber nur so viel, wie die Konvenienz unbedingt erforderte.
»Monseigneur«, lispelte sie nonchalant, »wollen gütigst entschuldigen, daß ich wegen einer Kleinigkeit störe!«
»Ich freue mich immer, Sie zu sehen, Mademoiselle! Womit kann ich Ihnen gefällig sein?«
»Eure Hoheit sehen mich hier, um meinen Abschied zu verlangen!«
»Mon Dieu, Sie auch!« rief der Prinz mit komischer Verzweiflung. »Soeben teilte uns Madame Sallé ihre Demission mit — weil Ihre Schönheit und Ihre Kunst die ihrige verdunkelt! Nicht wahr, Exzellenz?«
»Ganz recht!« lächelte d'Argenson.
»Sehen Sie, Madame! Und jetzt wollen Sie auf Ihren Triumph verzichten?! Sie scherzen wohl?«
»Es ist mein Ernst, Hoheit!«
»Aber warum? Sie werden doch hier vergöttert! Ganz Paris liegt Ihnen zu Füßen! Alle Welt buhlt um ein Lächeln Ihrer holden Lippen —«
»Und Hoheit sehen sich trotzdem nach Ersatz um!«
»Madame, Sie wissen doch selbst am besten, wie unersetzlich Sie sind! — Brauche ich Ihnen wohl noch zu sagen, wie sehr ich das Glück schätze, Sie als Zierde der Oper bei uns zu wissen! Ich denke ja über nichts anderes nach, als wie ich Ihnen das recht deutlich zum Ausdruck bringen könnte! Gestern noch habe ich mich bei allen Juwelieren der Stadt bemüht! Nichts war mir schön genug; nichts, was mir Ihrer würdig erschienen wäre! Immerhin gestatten Sie wohl?«
Und er ergriff rasch ihre Hand, schob ihr mit Aplomb den bereit gehaltenen Brillantring an den Finger und besiegelte seine Wertschätzung mit einem Kuß auf ihre rosigen Fingerspitzen.
»Als Zeichen unwandelbarer Treue, Madame! — Hübsch, nicht wahr?« wandte er sich zu d'Argenson, auf den Solitär zeigend.
»Charmant! Ein seltenes Feuer!« antwortete der Krieger im Tone höchster Bewunderung — und blickte der Tänzerin in die Augen, um ihr anzudeuten, daß kein noch so funkelnder Diamant mit deren Glut wetteifern könnte.
Einen Augenblick war sie vom Glanz des selten schönen Steines geblendet. Dann richtete sie sich auf, streifte den Ring vom Finger und legte ihn auf den Tisch.
»Nein, Hoheit«, sagte sie, »so war es nicht gemeint! Verletzte Eitelkeit dürfen Sie mir nicht zutrauen! Ich kenne meinen Wert und weiß, daß ich hier als Künstlerin etwas gelte! Wenn ich aber die neue Tanzkunst eingeführt und ihr zum Sieg verholfen habe, so will ich auch die Ehren davon haben. Ich gebe mich nicht dazu her, für andere zu arbeiten, nur damit sie nachher bloß heranzuhüpfen brauchen, um mit lächelnder Miene die Frucht meiner Mühe für sich zu ernten! Ich will keine Brillanten für meine Person. Ich will die gebührende Anerkennung für meine Kunst — oder ich gehe!«
»Ich verstehe Sie nicht!«
»Hoheit verstehen mich nur zu gut!«
»Ich höre wohl, daß Sie sich beklagen. Aber ich sehe wirklich nicht den geringsten Anlaß!«
»Wäre es denn möglich, daß hier eine neue italienische Ballerina ohne Wissen Eurer Hoheit engagiert werden könnte?«
»Jetzt begreife ich! Sie meinen die, die da draußen wartet?! — Die macht Ihnen Kopfschmerzen? Aber meine Liebe! Das ist ja etwas ganz Obskures — etwas ganz Unbedeutendes — ein Nichts, das ich nicht einmal bemerkt habe! Wenn das zu Ihrer Beruhigung beitragen kann, so hören Sie: ich werde sie überhaupt nicht empfangen!«
»Hoheit werden sie empfangen!«
»Mein Ehrenwort, Madame — mein Ehrenwort als Kavalier, ich werde es nicht tun!«
»Ach, die Männer sind alle falsch! Hoheit werden sie empfangen! Hoheit werden sie auch tanzen lassen!«
»Mais non!«
»Warum auch nicht? Sie hat Geist — sie hat Genie! — Ich habe mit ihr geplaudert — sie führt eine glänzende Konversation! Und wenn meine liebe Landsmännin ebenso gut tanzt, wie sie schön ist — —«
»So braucht eine Camargo deswegen nicht besorgt zu sein! Oder wäre es möglich? — Die Camargo selbst fürchtet sich!«
»Ich fürchte mich nicht!«
»So bleiben Sie denn! Nehmen Sie den Kampf auf! Wenn Sie vor der Schlacht fliehen — dann allerdings ——« Sie überlegte einen Augenblick.
»Wohlan denn! Ich bleibe! Ich nehme den Kampf auf!«
»Aber keine Feindseligkeiten! Ich bitte Sie — ich flehe Sie darum an! Sie wissen: ich verabscheue nichts so sehr wie Aufregungen im Theater!«
»Hoheit können unbesorgt sein! Ich kämpfe nur durch meine Leistungen!«
»Bravo!« rief d'Argenson.
»Sie werden siegen!« beteuerte Carignan und griff nach dem verschmähten Ring. »Gestatten Sie mir, im Vorgefühl Ihres gewissen Triumphes Ihnen dies kleine Angebinde nochmals zu offerieren? Sie lehnen es doch nicht ab? Sie tun mir den Schmerz nicht an?«
Er schob ihr nochmals den Ring an den Finger, und sie ließ es jetzt zu.
»Merci! Ich werde ihn als Zeichen guten Einverständnisses behalten«, sagte sie gnädigst. »Und jetzt will ich nicht länger aufhalten! Meine Nebenbuhlerin wartet!«
»Aber ich sagte Ihnen ja —— ich werde sie nicht —«
»Ich weiß! Hoheit gaben Ihr Ehrenwort, sie nicht zu empfangen! Dann ist es eben höchste Zeit, daß ich Platz mache! — Bon jour, messieurs! Ich wünsche gute Unterhaltung!«
Und hold lächelnd schwebte sie hinaus.
Die beiden Herren blickten sich an und lachten laut auf.
»Möchten Exzellenz nicht auch bei ihr frühstücken?«
»Es wird kaum noch not tun! Ich werde mir wohl bei der Sallé redlich den Appetit verderben! Sie haben ja bereits die Güte gehabt, Schicksal zu spielen — —«
»Ich glaubte der Neigung Eurer Erzellenz entgegenzukommen! Oder — wäre es noch zweifelhaft, welcher von den holden Göttinnen der Schönheitspreis gebührte?«
»Schön ist Minerva —— Juno verlockend ——«
»Nicht wahr?«
»Aber Venus —«
»Was Sie sagen? Ist sie denn wirklich so hübsch, die —?«
»Blendend schön!«
»Sacré nom de Dieu!«
»Wie schade, daß Hoheit Ihr Ehrenwort gaben!«
»Nun, wenn auch Sie mich daran erinnern, dann muß ich wohl jenes Ehrenwort schleunigst aus der Welt schaffen!«
»Bravo!«
»Ich werde sie also empfangen!«
Carignan setzte den Hut auf und gab dem Türsteher einen Befehl; dieser öffnete den einen Flügel der Tür, und herein traten Fossano und die Barberina.
»Nun, Signore?« fing der Prinz von oben herab an und ignorierte die Barberina gänzlich, »wir sind ungeduldig?«
»Ich kann es nicht leugnen, Hoheit ——«
»Ich höre es zu meinem Erstaunen! Ich hörte sogar von Drohungen?«
»Ich muß gestehen, Hoheit, ich war nicht darauf gefaßt ——«
»Weiß schon! Sie waren entrüstet! Der Prinz von Carignan, Königliche Hoheit, hätte Ihnen, dem berühmten Tänzer, wohl den Wagentritt halten — Sie, den Hut in der Hand, auf der Straße empfangen sollen ——«
»Sie hätten mich hier empfangen sollen, wie ich's wohl beanspruchen könnte! Einen Künstler meines Ranges läßt man nicht acht Tage hintereinander antichambrieren.«
Der Prinz maß ihn mit einem Blick grenzenloser Verachtung.
»Sie irren sich, Signore! Es interessiert uns keineswegs, zu wissen, warum Sie unzufrieden sind! Es interessiert uns nicht einmal, zu wissen, daß Sie sich mokieren! Es interessiert uns höchstens, was wir selbst Ihnen gegenüber empfinden! Und wir sind mit Ihnen sehr unzufrieden! Verstehen Sie? Sehr unzufrieden!«
»Dürfte ich fragen, warum?«
»Sie hatten von uns den bestimmten Auftrag bekommen, sich eine Partnerin auszusuchen! Die Camargo weigert sich ja, in Ihren Pantomimen aufzutreten! — Ich hatte Sie gebeten, eine Tänzerin ersten Ranges zu engagieren! Der Bequemlichkeit halber ließen wir im Vertrag den Platz für den Namen offen. — Und Sie mißbrauchen unser Vertrauen! Sie schreiben da einen Namen hinein, der kein Name ist — von dem kein Mensch etwas weiß — von dem kein Mensch je etwas gehört hat! Statt einer Künstlerin bringen Sie uns eine Anfängerin her.« — Auch jetzt würdigte Hoheit Barberina keines Blickes. »Ja, mein Lieber, wir sind kein italienischer Duodezstaat, wir sind Paris — wir sind am ersten Hofe der Welt! — Wir suchen uns unsere Leute unter den allerersten Berühmtheiten aus! Wir haben es nicht nötig, uns eine obskure Null oktroyieren zu lassen!«
»Ich bin durchaus der Ansicht Eurer Hoheit!«
»Sehr gnädig!«
»Ich wage sogar zu behaupten, daß ich den Befehl Eurer Hoheit nicht nur mit der größten Gewissenhaftigkeit ausgeführt, sondern noch weit übertroffen habe!«
»Diese Kühnheit! — Ich muß sagen —— da bin ich wirklich neugierig!«
Trotzdem aber würdigte er Barberina keines Blickes.
Fossano antwortete nicht. Er flüsterte Barberina nur schnell ein paar Worte zu, faßte sie bei der Hand, und im nächsten Augenblick wirbelte sie durchs Zimmer wie ein losgelassener Schmetterling und schloß ihr Extempore mit einem Luftsprung ab, wobei sie, ehe sie die Erde wieder berührte, die Füße wiederholt aneinanderschlug.
Der Prinz stand mit offenem Munde da.
»Achtmal«, sagte Fossano, »achtmal, Hoheit! — Das macht ihr in der ganzen Welt keine nach! Die Camargo bringt es nur fertig, die Füße im Schweben viermal aneinanderzuschlagen.«
»Nun, das wird wohl auch bloß viermal gewesen sein!«
»Vorwärts, Barberina!« rief Fossano, »noch einmal!«
Der Kriegsminister setzte sich, um besser zu sehen. Fossano faßte seine Schülerin wieder bei der Hand — noch einmal wirbelte sie durchs Zimmer — noch einmal machte sie den Sprung — aber jetzt absichtlich so nahe an dem Prinzen vorbei, daß sie ihm mit dem Fuße den Hut vom Kopfe schlug. Der Prinz wankte und sank in den Sessel und blieb da mit offenem Munde sitzen.
»Bravo!« rief d'Argenson begeistert. »Es war mindestens achtmal! Ich habe gezählt!«
»Das hohe C der Tanzkunst!« stammelte Carignan verblüfft. »Ich gestehe — ich bin konsterniert! Superb! — Ja, sagen Sie mal, mein Kind — wo haben Sie das gelernt?«
Fossano verbeugte sich, die Hand auf dem Herzen.
»Alle Achtung, Signore! Alle Achtung! Das macht Eurem Unterricht alle Ehre! Das kann noch etwas werden!«
»Das wird eine Sensation!« rief d'Argenson begeistert. »Man wird das Theater stürmen!«
»Warten wir es ab — warten wir ab! — Exzellenz sind immer sehr leicht begeistert! — Vergessen Sie nur nicht, bei wem Sie heute frühstücken!«
»So etwas macht einen alles andere vergessen! Das würde mich sogar der alten hohen Schule untreu machen können!«
»Da muß ich sagen! — Da muß ich wirklich gratulieren!« sagte Carignan, stand auf, nahm den Hut von dem sich verbeugenden Fossano in Empfang und ging auf Babara zu. »Da haben Sie einen großen Sieg über die Camargo gewonnen! Sie müssen wissen: nicht einmal die Camargo hat es vermocht, Seine Exzellenz den Kriegsminister zur neuen Tanzkunst zu bekehren! Er war bis jetzt der überzeugteste Verehrer der seriösen Schule! Und jetzt, auf einmal —! Ja — wenn Sie auf die Art gleich auch alle anderen Widerstände überwinden, dann wollen wir es mit Ihnen versuchen! — Wie heißen Sie?«
»Babara!«
»Demoiselle Barberini!« beeilte sich Fossano zu korrigieren.
»Sag mal, Babara«, sagte Carignan, nachdem er mit einem Blick Fossano seine Mißbilligung für die Einmischung ausgedrückt hatte, »sag mir, mein Kind, wo haben wir das — mit dem Hut — gelernt?«
Sie lächelte schalkhaft.
»Famos! — Wirklich exzellent!«
Er streichelte ihr gnädigst die Wange, und sie ließ es pflichtschuldigst zu.
»Und diese hübschen Augen — diese reizenden Grübchen!« — Er kniff ihr leicht die Wange, hochbefriedigt, nicht den leisesten Widerstand zu finden.
»Wirklich reizend! Sie werden meine Pariser bezaubern! Sie werden hier Ihr Glück machen!«
Endlich ließ er von ihr ab und ging ein paarmal durchs Zimmer, um die Fassung wiederzugewinnen. Dann blieb er vor Fossano stehen.
»Sie haben recht gehabt! Ich habe mich entschlossen, Ihre Schülerin anzunehmen! Sie wird sich hier machen. Wir werden gleich sehen, wie wir sie wirksam einführen!«
»Dürfte ich Eurer Hoheit vorschlagen, in meiner neuesten Pantomime —«
»Nein — nichts Neues! Noch nicht! — Die Oper von Rameau geht noch sehr gut! Wir sind dem Meister verpflichtet — wir müssen sie weiter geben! — Aber ich will mit ihm reden — noch heute werde ich ihn kommen lassen — er wird ein paar neue Tänze einfügen müssen — extra für unsere Akquisition hier etwas komponieren! Ich bringe ihn dazu! — Er wird entzückt sein! — Nachher konferieren Sie selbst mit ihm, Fossano!«
»Wie Eure Hoheit befehlen!«
»Und dann vergessen Sie die Presse nicht — sie muß vorbereitet sein! — Na, das verstehen Sie — Sie sind ja nicht zum ersten Male in Paris!«
»Ich weiß Bescheid!«
»Das muß eine Überraschung werden — eine sensationelle Überrumpelung!«
»Wie eine Bombe wird es einschlagen!« rief der Kriegsminister begeistert.
»Wie soeben hier, so muß es kommen! Man weiß nichts — man hat keine Ahnung — und plötzlich ist das Ereignis da! Und man ist entzückt! So muß es kommen!«
Er ging wieder auf sie zu und betrachtete sie mit Kennermiene.
»Wirklich eine ganz aparte Erscheinung — etwas ganz Seltenes! — Exzellenz haben recht gehabt! — Exzellenz sind Connaisseur!«lachte er.»Aber leider schon engagiert! — Nun, das wird sich auch finden! — Sie werden sich kaum wehren können! — Ja, sagen Sie einmal, mein Kind — haben Sie schon eine Equipage?«
»Nein!«
»Die müssen Sie haben! Wie wollen Sie in Paris vorwärtskommen? — Equipage ist nötig — Remisen, Stallungen, Pferde, Kutscher, Diener — ein eigenes Hotel! — Unumgänglich nötig! — Man muß empfangen können — kleine intime Diners geben — Komponisten, Dichter, Journalisten bewirten und, vor allem, in der Gesellschaft eine Rolle spielen! Die elegante Welt bei sich sehen — viel von sich reden machen! — Das ist zum mindesten ebenso nötig wie das Talent!«
Babara blickte ihn groß an. — Dann auf einmal platzte sie mit einem silberhellen Lachen heraus.
»Sie lachen? — Das ist recht! — So ist's gut! — Das alles wird sich ja bei Ihnen ohne Schwierigkeit einstellen! Das ist selbstverständlich! Wer so viel Liebreiz hat!« — Er kniff sie nochmals in die Wange. — »Da habe ich gar keine Angst! Treten wir erst auf — gewinnen wir erst den entscheidenden Sieg, zeigen wir, welch ein Juwel wir sind — nachher findet sich schon die geeignete Fassung! — Also morgen bei meinem Lever konferieren Sie hier mit Rameau, Fossano! Und Sie auch, Mademoiselle — äh —«
»Barberini«, soufflierte Fossano.
»Barberini«, wiederholte Carignan, sich jede Silbe einprägend. »Nun, hoffentlich wird der Name bald so berühmt, daß man sich ihn ohne weiteres merkt! — Au revoir denn, liebe Barberini — au revoir, Fossano! — Ich hab's eilig — ich muß zu Hofe — Sie müssen mich entschuldigen!«
Er streichelte ihr leicht die Wange, nickte ihr freundlich zu. Fossano ging und nahm seine Schülerin mit.
D'Argenson verabschiedete sich ebenfalls, und Carignan setzte sich noch hin, um seine, durch den Sprung Babaras etwas ramponierte Frisur vom Kammerdiener in ordnungsgemäßen Zustand bringen zu lassen.
Er wollte sich nach beendigter Reparatur wieder erheben, als sich plötzlich ein Paar weiche Hände vor seine Augen legten.
»Aber was soll das — wer erlaubt sich? — Kaum hat man Ordnung geschaffen, dann wird man wieder —«
»Ruhig Blut«, lachte eine silberhelle Stimme, »keine Aufregung, mein Ferkelchen! Ich frisiere dich nochmals, daß du mich nicht vergißt!«
»Marietta?« — rief er und machte die Hände los. »Was machst du hier? — Wie bist du hereingekommen?«
»Ich bin die ganze Zeit hiergewesen!«
»Wo denn?«
»Dort hinter der spanischen Wand! Ich habe alles gehört! Den sämtlichen Audienzen beigewohnt! Die große Sensation mitgemacht, die schnelle Wandlung in der allerdurchlauchtigsten Gesinnung bewundert. Mir machst du keine solchen Anerbietungen, Treuloser! Mir richtest du kein Hotel ein! Mir versprichst du keine Equipagen —«
»Aber erlaube mal«, rief Carignan, »wem hab' ich etwas versprochen? Ich habe diese junge Gans vom Lande über alles, was zur Karriere gehört, unterrichtet — weiter nichts!«
»Als ob man nicht hinter jedem Worte deine Lüsternheit gehört hätte! Du willst ihr ein Hotel einrichten, du selbst willst sie aushalten, leugne es nicht! Aber mich läßt du dir alles abbetteln! Tanze ich nicht ebensogut wie sie? Bin ich nicht die Mutter deiner Kinder?«
»Zum Tanzen bist du längst zu dick! Du warst einmal gut, das leugne ich nicht! Sonst wärst du nicht an der Oper! Und — was die Kinder betrifft, so ist es durchaus nicht sicher —«
»Willst du vielleicht behaupten —?«
»Ich will nichts behaupten! Ich sage nur: wenn ich von allen den Damen Kinder hätte, die angeblich welche von mir haben, dann wäre Frankreich zu klein, sie sämtlich zu beherbergen!«
»Du willst dich also deinen Verpflichtungen entziehen?«
»Gott, ich vergöttere sie ja! Das Mädchen ist allerliebst und die beiden Buben auch! Ich sorge für sie wie ein Vater! Mehr kannst du doch nicht verlangen! — Adoptieren kann ich sie aber nicht! Das würde meine Frau nicht erlauben!«
»Wenn du nur willst!«
»Ich bitte dich — die Tochter eines Königs, wie meine Frau — und — die Kinder einer Ballettdame adoptieren! Du darfst nicht unbescheiden werden, Marietta, sonst setze ich dich ab!«
»Ich und unbescheiden! — Für wen plünderst du die Theaterkassen? — Für mich wohl? Kaufst du meinetwegen der Camargo Solitäre? — Hab' ich dich gebeten, dem italienischen Fratz, der soeben hier war, zu versprechen, sie einzurichten, als ob sie eine Fürstin wäre?«
»Pst — nicht so laut! Staatsgeheimnisse!«
»Wieso Staatsgeheimnisse? — Du willst mir doch nicht einreden, du hättest den Auftrag —?«
»Solche Aufträge hat man nie! Als getreuer Untertan führt man sie eben aus! Man bemüht sich! Und wer da zur rechten Zeit die rechte Person zu präsentieren versteht, der ist ein gemachter Mann!«
»Und da meinst du, daß du — daß der König sich dir anvertrauen würde?«
»Wozu hätte er sonst wohl einen Prinzen von Geblüt zum Generalinspekteur des Corps de Ballett gemacht! — Nun eben, um sich mit ihm en camerade über alle einschlägigen Fragen unterhalten zu können! Er wird schon ungeduldig! Es ist Zeit, daß ich mich ein wenig eifriger zeige! — Und diese Italienerin — sie hat Rasse, sie hat Feuer — sie scheint eine kluge Person zu sein! — Eine draufgängerische Art, sich zu geben! — Zum Entzücken! — Sie wird nicht nur ganz Paris — sie wird auch Versailles in Aufruhr versetzen! — Du hast doch gesehen, mit welcher Fermeté sie mir den Hut vom Kopfe schlug?«
»Und nun, denkst du, wird sie dem König in derselben Weise die Krone vom Kopfe tanzen!«
»Mon Dieu, wie respektlos! Die Krone ist doch keine Nachtmütze! — Der König wird aber gnädig sein — sie wird Gnade vor seinen Augen finden, und wir auch! — Der Kardinal ist schon alt — der König muß einen neuen Staatsminister haben! Wer weiß, Marietta — wenn uns das Glück hold ist — vielleicht werde ich bald imstande sein, dir ein Marquisat zu besorgen!«
Er küßte ihre Stirn.
»Aber hübsch ruhig sein! — Mir nie mit Eifersucht kommen, so sehr ich auch für andere inkliniere! — Das geschieht alles nur wegen der Karriere! Laß mich meine Pläne verfolgen — kümmere du dich um meinen Hausstand und die Kinder, und du sollst sehen, ich kaufe dir ein Marquisat! Parole d'honneur, ich tu's! Und von deinen Söhnen kriegt jeder ein Regiment! Deine Tochter verheirate ich mit einem Grafen! Inzwischen nimm — nimm dies alles —«
Er zog das Fach seines Sekretärs auf, wo er den Erlös des gestrigen Spiels hineingetan hatte, und leerte den Inhalt in ihren Schoß.
»Nimm! Kauf dir alles, was du magst — verschwende — fühl dich reich, damit du einen Vorgeschmack bekommst! — Wenn du mir nur nicht in die Quere kommst — wenn du mir nur keine Szenen machst! — Dann wirst du's staunend erleben, wie der alte Glanz hier wieder heimisch wird! Dann mache ich all die Holzbaracken draußen um den Garten herum dem Erdboden gleich und mache es wieder gut, daß ich dem Schwindler Law gegen schnödes Geld erlaubte, sie zu errichten! Geld, das er mir noch schuldig ist! — Dann lasse ich die Gärten im alten Umfang und alter Herrlichkeit wieder auferstehen — wie sie einst waren, als Katharina von Medici nach den Mühen des Tages drinnen lustwandelte! — Dann jage ich die Spieler und Wucherer hinaus und fege das Pack in den Rinnstein! — Dann, Marietta — dann —! Aber jetzt gib mir einen Kuß! — Und nun: — still sein, lächeln — was auch geschehen mag! — Du verstehst? — Du bist doch brav! — Du wirst dich tapfer halten? —— Noch einen Kuß! — Aber die Zeit eilt! Ich muß fort! — Au revoir, ma chère! Au revoir!«
Er setzte kokett den Hut auf den Kopf und trippelte graziös auf seinen hohen Absätzen hinaus — zwischen zwei Reihen gekrümmter Lakaienrücken zur wartenden Staatskarosse, um nach Versailles zu fahren und dem König von seiner neuesten Akquisition vorzuschwärmen.
Marietta blieb allein. Von Zeit zu Zeit nahm sie eine Handvoll Gold auf, ließ es durch die Finger auf ihren Schoß niederrieseln und freute sich der Musik des klirrenden Metalls, das die Welt beherrscht.
8
Es war die Zeit der ersten Mätressenschau im Leben des fünfzehnten Ludwig.
Das königliche Glücksschiff hatte, nach anfänglichem Zögern, den Hafen der ehelichen Treue verlassen und trieb noch etwas unsicher und ohne Führung auf dem Meere Kytheres umher.
Bange Ungewißheit hatte den Sinn der getreuen Untertanen ergriffen. Würde es, nach glücklicher Lustfahrt, mit Ehren und Ruhm reich beladen, in den schützenden Hafen zurückkehren oder, von ungeschickter Hand gelenkt, kläglich scheitern?
Jeder fühlte sich berufen, hier die Führerschaft an sich zu reißen! Ehrgeiz und Eigennutz waren am Werke; Neid und Verleumdung ebenso. Ein erbitterter Kampf im dunkeln wurde zwischen den verschiedenen Parteien geführt — Kabalen wurden gesponnen — Intrigen entlarvt. Denn die Frucht des Sieges war auch der Mühe wert. Wer es vermochte, die Lenkstange an sich zu reißen, dessen Wille beherrschte die Fahrt. Ein unmerklicher Druck der Hand war imstande, das Ziel zu verrücken und das allgemeine Interesse in die Bahn des Einzelvorteils zu steuern.
Das Schlafzimmer des Königs war die Brutstätte der allerhöchsten Entschließungen, denen Frankreich — und, wenn's gelang, die ganze Welt — zu gehorchen hatte. Wer da der Trägheit des Königs die Mühe des Entschlusses möglichst schmerzlos — das heißt: möglichst unmerklich — abzunehmen verstand, hatte gewonnenes Spiel.
Es galt also, die geeignete Person vorzuschieben, ohne den Argwohn des Königs zu wecken, und sie nachher, ohne Eklat, zu beeinflussen.
Der hohe Adel, dessen ausschließliches Prärogativ es gewesen war, das heiß umstrittene Amt einer königlichen Mätresse zu besetzen, hatte schon ausgespielt. Zu mächtig und einflußreich durch seine allumfassenden Familienverbindungen, hatte der Adel wohl nicht die nötige Vorsicht walten lassen und längst das Mißtrauen des Königs geweckt.
Durch Verschwendung und Vergnügungssucht geschwächt, hatte der Adel schon angefangen, einen Teil seiner Macht den der reich gewordenen Bürgerschaft entstammenden Generalpächtern, Armeelieferanten und anderen Finanzgrößen abzutreten, deren Töchter — durch vollendete Erziehung den Damen der Gesellschaft gleich, durch adlige Heiraten hoffähig — nun auch den Wunsch bemerkbar werden ließen, an dem Wettrennen um die königliche Gunst teilzunehmen.
Der Wunsch des Königs, sich dem Ränkespiel der Höflinge zu entziehen, und wohl auch eine gewisse Übersättigung und ein Drang nach Abwechselung kamen ihnen da entgegen.
Mit Schrecken nahm es der Hochadel wahr!
Die Erinnerung an die Zeit des vierzehnten Ludwig, wo die Witwe Scarron das Land zum Besten der Jesuiten geschröpft hatte, war noch in frischer Erinnerung!
Man war also sehr auf der Hut gegen Überraschungen und schöpfte beim geringsten Anlaß Verdacht.
Noch herrschte wohl die Hofgesellschaft durch die Gräfin von Toulouse und Mademoiselle du Charolais, die die Galanterie des Königs in ihre Interessensphäre hineinzudirigieren verstanden. Sie hatten die Liaison des Königs mit der Gräfin du Mailly herbeigeführt und begünstigt und ihr durch die klug bereit gehaltene Reserve ihrer beiden Schwestern eine gewisse Stetigkeit zu geben versucht.
Aber man war in maßlose Aufregung geraten durch die anscheinend nicht ganz erfolglosen Attacken der unternehmungslustigen »kleinen Poisson«, wie man immer noch Madame d'Etioles nannte.
Und der Eifer und der Aplomb, mit denen der Prinz von Carignan seinen neuentdeckten Schützling zu inszenieren verstand, brachte alles in Verwirrung.
Seit einer Woche redete ganz Paris nur von der Barberini.
D'Argenson machte sich ein Vergnügen daraus, die Hofgesellschaft zu mystifizieren. Der Umstand, daß Rameau selbst extra für sie Tanzeinlagen komponieren mußte und, was noch mehr besagte, daß dieser eigenwillige Meister es mit Begeisterung tat, brachte die Künstler, die mit Madame d'Etioles intime Beziehungen unterhielten, in hellen Aufruhr, und der wurde durch den Neid der anderen Tänzerinnen und ihrer Parteigänger noch mehr geschürt.
Als der Tag ihres ersten Auftretens kam, war auch der Saal der Oper gedrängt voll von allem, was Namen oder Geltung hatte.
Die Logen boten einen glänzenden Anblick dar.
Das vergoldete Schnitzwerk, das vom Boden bis zur Decke die Logen umrankte, hatte selten so viel Pracht und Schönheit auf einmal eingefaßt. Überall gepuderte Lockenköpfe, Perlen, Geschmeide und funkelndes Edelgestein, nackte Schultern, schwellende Busen und kokette Blicke hinter spielenden Fächern — das vordere abgesperrte Parkett voll von eleganten Kavalieren des Hofes und der Aristokratie — hohen Beamten und tapferen Kriegern, die mit den Insassinnen der Logen liebäugelten und verstohlene Zeichen austauschten. Auf der Bühne, rechts und links im Proszenium auf den bevorzugten»bancs du théâtre«, die Habitués aus allen Gesellschaftskreisen! Und hinten, im Parkett, die reiche Bürgerschaft, die Künstler und die ganze goldene Jugend des Seinebabels, hin und her gehend, plaudernd, kritisierend und kokettierend.
»Mademoiselle«, wie der offizielle Titel der Madame de Charolais lautete, hatte ausnahmsweise auch Zeit gefunden. Ihre Anwesenheit hier war heute wichtiger als die gewohnte Unterhaltung mit dem König, dem sie nachher, beim Souper, mit dem Verlauf des großen Ereignisses zu unterhalten gedachte.
Spöttisch blickte sie zur Loge der Madame d'Etioles hinüber, die, strahlend schön und ebenso reich wie geschmackvoll geschmückt, sich von den Künstlern und Finanzleuten den Hof machen ließ.
Das war ein Kommen und Gehen bei ihr. Bald tauchte das spitze Fuchsgesicht Voltaires im Hintergrund der Loge auf, bald die würdige Dichtermajestät Crébillons. Der Präsident Henault verschmähte es nicht, ihr die neuesten Bonmots aufzutischen, auch ein Prinz von Geblüt, der stolze Herzog de la Vallière, küßte ihr die Hand, während ihre Beschützer und Manager, die reichen Armeelieferanten Paris-Duvernois und der Generalpächter Le Normand-Tournehem, dem sie die Ehe mit seinem Neffen und dessen neugebackenen adligen Namen verdankte — sich damit begnügten, sie aus der Ferne zu grüßen. Sie waren nicht wenig stolz auf ihre Schöpfung und träumten von ihrer zukünftigen Macht und Größe, auf den vielumstrittenen Platz an der Seite des Königs.
Aus einer Loge der zweiten Galerie blickte beglückt Mama Poisson zu ihrer unternehmungslustigen Tochter hinunter und tauschte Grüße mit den Herren von Paris aus, mit deren Geld sie Frankreich ihrer Tochter erobern wollte.
Der ehrgeizige junge Prinz von Croy — die Mätressensprößlinge des vierzehnten Ludwig: die Herzöge von Chartres und von Nivernois — der erste Kammerherr Herzog de Chesvres, und der berühmteste Herzensbrecher seiner Zeit, der elegante Herzog von Richelieu — alle waren sie da — vom Theater alles, was frei war — die Minister d'Argenson und Maurepas — der alte Literat Fontenelle, der junge Textdichter Rameaus, Louis de Cahussac, und alle die jungen Reimschmiede der Tagesereignisse! — Alle waren sie herbeigeeilt — die Damen der Aristokratie, um die mutmaßliche Konkurrentin um die allerhöchste Gunst mit eigenen Augen zu sehen und Konterminen zu legen — die Dichter, um sich an ihrer Schönheit zu gut bezahlten Gedichten zu inspirieren, und die Kavaliere, um neuen Nervenkitzel zu suchen.
Aus seiner Loge musterte der Prinz von Carignan sein Publikum und schwelgte im Vorgefühl der Sensation, die er ihm heute bieten konnte. Er lächelte befriedigt, als er im Parkett eine ernste, würdige, einfach gekleidete Gestalt wahrnahm, deren Gegenwart sehr beachtet wurde, die sich aber um niemand kümmerte. Es war der erste Kammerdiener Ludwigs, Bachelier, den Carignan eigens gebeten hatte, sich heute einzufinden. Durch dessen Beihilfe hoffte er seine ehrgeizigen Pläne zu fördern und den anderen Aspiranten auf das Bett Frankreichs ein Schnippchen zu schlagen.
Im Orchester stimmten die Geiger ihre Instrumente und rückten die Pulte zurecht; die Holzbläser bliesen, um ihre Flöten und Klarinetten zu erwärmen; die Hornisten prusteten diskret, wie sich's gebührte, und leerten das Wasser aus den Hörnern; die Rampe wurde angezündet; hinter dem Vorhang klopften und hämmerten die Theaterarbeiter, aber das Dirigentenpult war noch leer.
Endlich kam er, der gefeierte Liebling der Musen, Rameau! Langsam schlängelte sich seine lange, biegsame Gestalt mit dem feingeschnittenen Kopf, leicht vorgeneigt, zwischen den Pulten hindurch. Er blieb hier und dort stehen, blätterte in den Noten und erteilte einige letzte Instruktionen an seine Leute. Zerstreut streiften seine Blicke durch die glänzende Versammlung, ohne zu sehen — ganz erfüllt von den Bildern seiner Phantasie! — Er lächelte in sich hinein und versank in Träumereien, aus denen er dann und wann erwachte, um dem Publikum einen spöttischen Blick zuzuwerfen.
Er hatte noch nie eine solche Genugtuung empfunden wie heute. Von der Natur mit einem unbändigen Schaffenstrieb begabt — mit einer nie versiegenden Ader genialer Einfälle begnadet, hatte er sein Leben lang um ein einfaches Menschenrecht, sich nach seiner Veranlagung zu betätigen, kämpfen müssen. — Erst mit der lieben Familie, die ihm das langsame und sichere Klettern nach dem täglichen Brote auf der gesellschaftlichen Himmelsleiter beibringen wollte, ihn ins Jesuitenkolleg steckte und ihm die Robe des Richters als Gipfel der Entwickelungsmöglichkeiten anwies. Und dann, nach erfolgter Empörung und persönlicher Befreiung — nach dem geistigen Wachstum im Zigeunerleben der freien Kunst, als herumstreichender Musikant und Geiger bei den ambulierenden Theatergesellschaften — das nochmalige Einkapseln als ruhiges, gesetztes Mitglied der göttlichen Weltordnung! Aber jetzt als beamteter musikalischer Maître de plaisir und Modekomponist der verschrobenen Gefühle jener tausendköpfigen Bestie Publikum, die da in Samt und Seide, von Gold und Geschmeiden strotzend, gepudert, geschminkt und mit Schmuck behangen, auch modisch empfinden und konventionell seufzen wollte! —— Eine noch schlimmere geistige Knechtung und Gefangenschaft der Persönlichkeit als die, in die die Familie ihn eingekerkert hatte! Und jetzt wie damals ums tägliche Brot! Aber jetzt nicht mehr aus Unkenntnis der eigenen Kräfte, sondern mit vollem Bewußtsein und aus beginnender Schwäche!
Er hatte sich gefügt — seine menschlichen Empfindungen modisch ausgeputzt und verschnörkelte Allegorien statt den einfachen Ausdruck natürlichen Gefühls gegeben! Statt als Bringer und Spender höchster Lebensfreude an die Herzen zu pochen und ihnen den Himmel des reinsten Glückes zu öffnen, hatte er sich dazu hergegeben, als Oberpriester ihres faden Götzendienstes ihre Genußsucht und ihre hohle Leichtfertigkeit zu beweihräuchern.
Die Götter des Olymps, längst aus dem realen Leben verbannt, herrschten noch unbeschränkt auf den Brettern der Oper und harrten noch des musikalischen Molière, der ihnen zum Cancan aufspielen und sie in tollem Veitstanz nach dem Hades hinfegen sollte.
Nur in ihrem Namen und mit ihrer Hilfe durfte er zu den Menschen sprechen! Das brachte einen Mißton in seine Musik, aber auch eine unsagbare Sehnsucht, die einen jeden, auch den Oberflächlichsten, aufhorchen machte. — Da war ein fremder Ton, ein einfacher Naturlaut, ein Widerhall längst verschwundener Einfachheit unter der modischen Verschnörkelung — ein Hauch des in der Materie gefangenen ewigen Lebens, das dumpf nach Befreiung seufzte und kaum noch zu hoffen wagte. Und das sollte heute endlich Luft bekommen!
Wie ein jäher Lichtstrahl die Nebel durchdringt und das wonnetrunkene Auge die Höhe des Himmels und die Unendlichkeit des blauen Weltraumes schauen läßt, die einen da alle umgebende Kleinlichkeit vergessen macht, so durchschauerte es ihn, als er zum ersten Male Barberina gegenüberstand. Ihre Jugendfrische, ihre seelische Unberührtheit trotz aller Verdorbenheit, ihre Geisteshoheit, die Musik ihrer Bewegungen und ihres Mienenspiels berauschten ihn und machten sofort den Unwillen verstummen, den er, der gefeierte Meister, anfangs über die Zumutung empfand, jener unbekannten Namenlosen die zu ihren Pirouetten gehörige Musik zu komponieren!
Sein Herz tat sich weit auf, seine Seele flog ihr entgegen mit der herrlichsten Inspiration! — Er lebte, die Götzen verblaßten — das Göttliche selbst war ins Leben getreten, hatte sich erniedrigt, um wieder im beschwingten Flug den Weg nach oben zu zeigen und in alles aufwühlender Begeisterung die in süßer Selbstbeweihräucherung hindämmernden Sinne zu erlösen!
Und ihm war's gegeben, dazu aufzuspielen! Das war die Befreiung! — Das war die Rache für unwürdige Knechtschaft!
Mit Feuereifer warf er sich auf die Aufgabe. Sein Genius war ihm hold, im Wonnegefühl des Schaffens berauschte er sich an dem seltenen Glück, in Barberina die leibliche Verkörperung seiner kühnsten Träume von Grazie und beseelter Rhythmik gefunden zu haben. — Und die sollte er heute vor aller Welt ins Leben rufen dürfen! Sein Taktstock, der sonst dem verhaßten Göttergesindel zum Paradetanz aufklopfen mußte, war zum Zauberstab geworden, auf dessen Geheiß die Nebel weichen müßten, um die Krone der Schöpfung — den Menschen in seiner ganzen gottbegnadeten Majestät — in Erscheinung treten zu lassen.
Ob sie's auch begreifen würden, jene entmenschten Modepuppen, die da höchstens den Kitzel ihrer Trägheit oder Förderung ihres Ehrgeizes suchten?
Gleichviel, er würde das Glück — das große, unermeßliche Glück des Gebens haben und der voll empfangenen Gegengabe, einer gleichwertigen Genialität, einer ursprünglichen, weil im vollen Menschentum wurzelnden Künstlerpersönlichkeit!
Hinter dem Vorhang erschollen die üblichen drei Keulenschläge, den Beginn der Vorstellung verkündend.
Noch einmal überflog sein Blick die glänzende Versammlung, noch lächelte er spöttisch über seine Naivität, dort offene Herzen finden zu wollen, dann klopfte er auf das Pult, das Spiel begann, und er war in einer andern Welt.
Der Vorhang hob sich. Die Bühne stellte eine freundliche Gegend am Fuße des Olymps dar.
Hebe, die Göttergeborene, schwebte herein, von Momus, dem Gotte des Spottes und des Lachens, des Erdgeborenen, verfolgt — schmollend ob des Befehls ihres Vaters Zeus, die himmlischen Gefilde zu verlassen, um den Menschen göttliche Freuden zu spenden. — Sie wehrt sich — der lachende Gott versucht ihr den Himmel auf Erden finden zu helfen, ruft die Grazien herbei, die hold lächelnd einhertanzen, Amors Köcher und Bogen bringen und das Nahen des ungezogenen Göttersprößlings verkünden.
Amor stellt sich ein, denn — wie Momus, des Lachens Gott, sagt — Schönheit, Jugend und Liebe gehören zusammen. Hebe versöhnt sich mit dem Erdendasein, und, ihrer Göttersendung eingedenk, ruft sie die thessalische Jugend herbei, um die Weihen der Liebe zu empfangen und das Reich Amors auf Erden zu errichten, wo sie, Hebe, als Königin herrschen will.
Amor ruft Zephir herbei, um sie, ihn und die Grazien nach einem glücklicheren Klima zu bringen.
»Volons — volons sur les bords de la Seine«, ruft sie als Parole aus, und Jugend, Schönheit, die Grazien, Amor, Polyhymnia, Terpsichore und sämtliche benannten und unbenannten lyrischen Talente schweben hin zu den glücklichen Gestaden der Seine, um»la gloire«und »la victoire« zu beweihräuchern. — Hebe ladet zum Feste ein — »sur les bords de la Seine« —, und die lyrischen Talente haben sich zu produzieren!
Erst die Dichtung — (»la Poésie«)!
Das erste Bild, nach dem olympischen Prolog, stellt dann ein nach der am Seinestrand gerade herrschenden hortikulturellen Mode schön zugestutztes Boskett in der »maison« der durch ihre Verse und ihr Liebesschmachten rühmlichst bekannten Dichterin Sappho dar.
Denn»la Poésie« ist feminin — wenn auch nicht immer von lesbischer Extraktion.
»Thélème« liebt Sappho — Sappho liebt »Alcée«, und jener verfolgt diesen mit schwarzer Eifersucht, schleicht sich auf der Jagd von dem Gefolge seines Gebieters, Hymas, fort, um die liebesschmachtende Sappho in ihrem »Boskett« zu überraschen und rasch die Stelle des abwesenden Alcée einzunehmen. — Vergebens wehrt sie seine Werbung ab — schließlich greift sie zur List und verspricht, ihm zu gehören, wenn er den König herbeiruft, um einem Spiel ihres Talents zu lauschen. — Er geht, den Auftrag auszuführen.
Alcée stellt sich ein und empfängt die Kunde des schwarzen Verrats seines Freundes sowie ihrer Hoffnung, durch ihre Kunst ihn zu entlarven und den Segen des Hymas für ihre Liebe zu erringen.
Sie ruft den Gott der Verse und der Poesie herbei. Der König Hymas naht mit seinem Jagdgefolge, und Sapphos Sklaven führen dann eine Allegorie auf, wo eine Flußnymphe vergebens den geliebten Bach herbeiruft, aber ihn schließlich, kraft ihrer Sehnsucht und dem sich gegen diese Verwässerung wehrenden Flußgotte zum Trotz, dem Felsen entlockt.
»Je vous revois, je vous revois; tout cède a la douceur extrème de retrouver l'objet qu'on aime! J'ai vu troubler mes eaux des pleurs, des pleurs que j'ai versée! Perdons les souvenirs de nos tourments passés« —
singen sie — der König wird erschüttert — gerührt — exaltiert — »Mariniers« und »Marinières« tanzen Menuette, Bourrées, Rigaudons und Passepieds. — Sappho darf sich eine Gnade für ihre schöne Allegorie erbitten und erbittet sich Alcée. Treue Liebe hat gesiegt mit Hilfe der allbezwingenden Poesie — der Chor singt: »chantez Sappho, chantez sa gloire« — das Volk tanzt — Najaden, Flußgötter, das ganze mythologische Weltall jubiliert — Amor regiert mit Hilfe der Dichtkunst.
Im zweiten Bild tut er's mit Hilfe der Musik!
Held Tyrteus, Befehlshaber der Lazedämonier, der die Kunst erfand, mit Hilfe der Musik den Mut der Krieger anzufeuern und sie im unwiderstehlichen Furor zu entflammen, wird von Iphis geliebt. Der König Lykurgos jedoch bestimmt, daß dieser Sprößling seines Hauses nur dem Besieger der Messenier angehören kann. Also muß der gute Tyrteus erst die Messenier, die selbstverständlich bereits vor den Mauern Spartas darauf warten, besiegen — Iphis muß nach allen Regeln der Kunst hold um ihn bangen und seufzen — und Apollon um einen Orakelspruch bitten, der ihr auch prompt zuteil wird, aber so vorsichtig gehalten ist, daß eine Allegorie nötig wird, wo Amor erst Apoll hereinschleppt, dann beide vereint den Mars, dann mit ihm zusammen eine Siegesgöttin und zuletzt Hymen selbst — um, ihr zu Trost und Erbauung, ein »pas de cinq« miteinander zu tanzen! — Währenddessen siegt Tyrteus, von ihren Gebeten und seiner musikalischen Schwarzkunst wacker unterstützt — die siegenden Krieger tanzen eine triumphale Polonäse — die Liebenden haben sich, alles löst sich in Wohlgefallen auf, Rigaudons, Menuette, Passepieds, Tamburine lösen sich ab — Amor triumphiert, und ad majorem gloriam suam sollte der Vorhang fallen, um sich für das von Terpsichore allein beherrschte Schlußbild des Balletts wieder zu heben — da setzte die große Überraschung ein, die Rameau für sein Publikum bereit hielt!
Statt der traditionellen Göttin des Tanzes trat der Tanz selbst, das Mysterium der alle Materie besiegenden Bewegung, in Erscheinung — die Natur selbst erhob ihre Stimme — die nachgeschaffenen Götter des Olymps schwiegen und schlichen beschämt davon!
Die Bühne verdunkelte sich — wallende Nebelschleier verdeckten alles — aus dem Orchester wogten sie herauf, von leisen Arpeggien der Harfe getragen, und betäubten alle Sinne!
Da — ein Lichtstrahl — ein paar Töne der Flöte hüpften hervor — andere hinterher — sie haschten sich, formten sich zum Tanz, zur Melodie — von den wogenden Wellen der Harfenklänge getragen, trieben sie suchend hin und her und lockten — da — ein schwacher Schein, der sich langsam erhellte, um allmählich eine Gestalt aus dem Schatten herauszumodellieren — Barberina stand da, in der ganzen Majestät ihrer jungen Schönheit!
Der Inbegriff aller Talente — der Mensch war da! Licht und Töne hatten ihn aus dem Chaos geschaffen — in schmeichelnden Rhythmen aus den formlosen Nebeln heraus gestaltet!
Halb verschleiert stand sie da, feierlich, unbewegt, in der ersten Lebensdämmerung, leicht vornübergebeugt, den sanften Tönen der Flöte lauschend, die aus ihrem Innern den Widerhall der ersten unbewußten Sehnsucht wachriefen, aus der heraus die Starrheit sich allmählich in Bewegung auflöste und in suchendes, tastendes Schreiten umsetzte, das, noch ohne Ziel, nur der inneren Mahnung gehorchend, den wogenden Rhythmen nachgab und sich von ihnen treiben ließ.
Dann ein leises erstes Aufatmen — die geheimnisvoll klagenden Klänge verstummten, die Tonwellen sanken in sich zusammen und glätteten sich aus in einer endlosen Fermate in zart schillerndem Dur, Hornklänge aus der Ferne schwollen mächtig an, rötlich glühte der Morgen hervor, über die Geigen ein leises, schnelles Huschen wie ein jäh erwachter Frühlingswind, der durch das Schilf streicht und die Fläche kräuselt. Der endlose Passagenfluß gliedert sich in Rhythmen — immer schneller jagen die Tonwellen dahin, immer sonniger leuchtet das Licht — der Tag ist da — sie erwacht, blickt geblendet die neugeschaffene Welt an, sieht mit sehnenden Blicken, begehrt nach deren Besitz, öffnet die Arme, um das Leben zu umschlingen — gleitet zaghaft hin und her — bald neugierig suchend — bald furchtsam zusammenschauernd — bald freudig sich an den Farben und Düften des Frühlings berauschend, dann im jähen Schrecken erstarrend, als aus dem nächsten Gebüsch mit kühnem Sprung ein fremdes Wesen auf sie einstürmt und in lüsternem Kreisen um sie herumschleicht, nach ihr greift, aber nicht wagt zuzupacken.
Der Mann ist in ihr Leben getreten! Liebegirrend umschmeichelt er sie und sucht ihr die Schreckensstarre abzuschmeicheln! Halb neugierig, halb scheu lächelt sie ihn an. — Er wird dreister — erhascht ihre Hand, küßt sie, läßt wieder los und fährt zurück! Denn die Berührung seiner Lippen hat die Starre gelöst — sie weicht aus, er folgt — das Spiel macht ihr Vergnügen — sie lacht laut auf — neckt ihn — lockt ihn heran und stößt ihn ab, sooft er sie zu ergreifen sucht. — Immer dreister wird er — immer zudringlicher sein Werben — immer stürmischer sein Angriff — immer verlockender ihre Abwehr — bis plötzlich die Angst sie packt und sie in jäher Flucht pfeilschnell davonwirbelt! — Hin und her geht die Jagd, von eilenden Rhythmen vorwärts gepeitscht, bis er sie endlich im allen Widerstand niederwerfenden Ansturm packt, sie hoch über sich erhebt und die verzweifelt sich Wehrende in den Wald trägt.
Hohnlachend setzt der Chor der Waldgeister ein — unsichtbar und überall anwesend erleben sie den Liebeskampf mit und begleiten mit kurzen, gellenden Schreien die Orgie, die jetzt im Orchester einsetzt, als die beiden, bekränzt, halb nackt, mit flatternden Locken und wehenden Gewändern hereinstürmen im tollsten Bacchanal — ganz Werben und Gewähren, ineinander Aufgehen und Verschmelzen — in einem Sturm der Bewegung, der ihn schließlich erschöpft hinwirft, während sie sich, im Vollrausch der Lebenslust, aufreckt, triumphierend die Hände gegen den Urquell alles Seins emporstreckt und dem niedergerungenen Faun, dem sie erlag und den sie erliegend besiegte, den Fuß auf den Nacken setzt.
Fossano — denn er war's — , Fossano war besiegt, sein Schicksal besiegelt! — Und nie wieder sollte er den Kopf über sie erheben, nimmermehr sie als Schülerin meistern! — Sie war ihm Meisterin geworden, sie war jetzt Herrin — war alles — er nichts!
Er empfand es, wie er dalag und aus den Beifallsrufen draußen im Zuschauerraum nur den Namen: »Barberini!« heraushören konnte. Zähneknirschend sprang er auf, als der Vorhang fiel. Sie verstand das nicht gleich. Freudestrahlend schleppte sie ihn immer und immer wieder mit hervor! — Und erst als auch sie immer nur ihren eigenen Namen von draußen rufen hörte und er sich losriß und in Wut von ihr wegstürzte, da verstand sie, daß sie jetzt oben war — sie allein, und er besiegt, abgetan — ihr Partner nur, den sie zum Gegentanz benötigte, aber auch, wenn's ihr gefiele, verabschieden und durch einen anderen ersetzen konnte!
Triumphierend blickte sie zu ihm hinüber. Es kam ein unheimliches Leuchten in ihre Augen, die Lippen kniffen sich dünn zusammen, etwas in ihr empörte sich jäh gegen ihn — es war ihr nicht klar warum, aber sie hatte die bestimmte Empfindung, noch ein großes Unrecht an ihm rächen zu müssen!
Im Augenblick schwand die Aufwallung, kaum gekommen. Denn jetzt drängte sich alles um sie. Die elegantesten Kavaliere der Hofgesellschaft eilten auf die Bühne, bestürmten sie mit Komplimenten, mit den überschwenglichsten Lobeshymnen — die ganze griechische Mythologie, kaum in die Flucht geschlagen, schwirrte aus allen Ecken und Enden herbei, um die galanten Herren mit den geziemenden Ausdrücken der Begeisterung zu bedienen! — Kythera, Amor, Hebe, Diana und sämtliche Grazien waren nichts gegen sie, deren Anmut und Schönheit und unvergleichliche Tanzkunst man hoch über den höchsten Olymp hob, um sie in liebegirrenden Interjektionen zu beweihräuchern, so der Adoration günstig zu stimmen und in das Garn der allerirdischsten Wünsche zu verstricken!
Sie empfing die verlockendsten Anerbietungen von rechts und von links — lächelnd stand sie da und hörte allen zu, aber erhörte niemand — sobald es irgend ging, stellte sie sie einen nach dem anderen der Mama vor. Und die Mama war ganz Ohr und floß über vor Wonne und freundlichstem Entgegenkommen! So umschwärmt von Kavalieren war sie in ihrem Leben noch nie gewesen! — Sie war lauter Aufmerksamkeit, prägte sich all die fremden Namen und Gesichter ein, sagte zu allem ja und amen und versprach auf ihre Ehre jedem einzelnen, ihm bei der nächsten Vorstellung Zutritt in die Garderobe ihrer Tochter zu verschaffen.
Heute ginge es nicht an! — Denn der Neid der Kolleginnen hätte dem Neuling die schlechteste Garderobe eingeräumt, wo man kaum Platz hätte, sich umzudrehen, noch weniger, Besuche zu empfangen! Das würde aber bis übermorgen anders werden, und dafür wollte Mama Campanini sorgen!
»Ganz Paris liegt Ihnen zu Füßen, Signorina«, lispelte der Prinz von Carignan, der sich zu guter Letzt den Komplimenten des Publikums entzogen hatte, um sich auf die Bühne zu begeben und Unheil zu verhüten. — »Ganz Paris wird morgen von nichts als von Ihnen reden! Sie werden bei Hofe tanzen! Auf Ehre, ich setze es durch! Aber wir müssen für Sie sorgen! In allem Ernst, Sie müssen Ihrer neuerrungenen Position gemäß auftreten können! Sie müssen imstande sein, die Hofgesellschaft zu empfangen — müssen kleine Gesellschaften — kleine intime Soupers geben — müssen ausfahren können! — Nun, das lassen Sie meine Sorge sein! — Überlassen Sie sich nur meiner Führung — vertrauen Sie sich nur mir an — nur mir — ganz mir! Seien Sie meine Freundin — allein meine Freundin — und ermöglichen Sie es mir, so für Ihre Karriere zu wirken, indem Sie mir das Vorrecht geben, ganz für Ihr Leben zu sorgen! — Nicht wahr, süße Barberina?« lispelte er und führte ihre Hand an seine Lippen. — »Nicht wahr, Sie wollen mir vertrauensvoll Ihr Herz öffnen?«
»Hoheit gestatten?« sagte Barberina und zerrte ihre Mutter vor. — »Hoheit gestatten — — meine Mama!«
Und Mama machte ihr tiefstes Kompliment — Hoheit hatte die Gnade, es zu bemerken — er hatte auch die Gnade, ihr einige Fragen zu stellen, die so prompt und befriedigend beantwortet wurden, daß er sie bald abseits winkte und sich herbeiließ, ihr sehr diskrete Instruktionen zu geben, die sie, beglückt lächelnd, unter vielen Verneigungen empfing und gehorsamst zu befolgen versprach.
»Adieu, carissima!« lispelte er dann nochmals im allergnädigsten Ton Babara zu. »Ich sehe, wir werden schon einig! Finden Sie sich morgen bei meinem Lever ein mit Ihrer Frau Mama! Wir werden dann Ihre Gagen-und anderen Verhältnisse besprechen und zum allerbesten ordnen! Noch einmal mein Kompliment! Sie haben famos getanzt! Ihr Debut war entzückend! Ein Triumph sondergleichen!«
Er ging ein paar Schritte und wandte sich dann um.
»Apropos!« sagte er und winkte sie näher. »Fast hätte ich's vergessen: — Bachelier war da — der erste Kammerdiener des Königs! Er war sehr befriedigt — wirklich sehr entzückt! Sie können was darauf geben! Er ist ein Connaisseur! Stellen Sie sich gut mit ihm, falls Sie die Gelegenheit haben sollten! Seine Protektion ist nicht zu verachten! Ich habe schon verschiedene Eventualitäten mit ihm besprochen! — Er wird dem König ein Wort sagen — er wird hoffentlich bald von sich hören lassen! — Ich denke — nach der Übersiedelung des Hofes nach Fontainebleau, bei einem der großen Gartenfeste, werden Sie Gelegenheit haben, den König mit Ihren Pirouetten zu bezaubern! Nun, warten wir es ab! Erst bringen wir all das andere in Ordnung — dann wollen wir sehen! Au revoir!«
Und gnädig winkend, entließ er die beiden Campanini, die jetzt endlich Zeit fanden, sich in die Garderobe zurückzuziehen.
Da gab's gleich mütterliche Ermahnungen und Gefühlsausbrüche durcheinander.
»Mia cara figlia! — Alles ist von dir begeistert! — Man rast vor Entzücken! — Die stolzesten Namen Frankreichs haben sich bei uns eingeschrieben! Die elegantesten Kavaliere von Paris! — Entzückende, graziöse Leute sind das! Die Edelknaben Parmas sind die reinen Bauerntölpel gegen sie! — Was uns da alles an Anerbietungen gemacht wurde! — Da gilt's aber aufzupassen und vorsichtig zu sein! — Ich werde schon meine Augen gebrauchen! Ich werde mich nach den Messieurs erkundigen! Verlaß dich darauf! — — Hast du dir auch die Namen gemerkt?«
»Keinen einzigen!«
»Keinen einzigen! — Entzückend! — Keinen einzigen hat sich das Kind gemerkt! — Und dabei sind das Namen, die die ganze Welt kennt! — Höre nur zu!« Sie ließ eine ganze Flut von Namen hervorwirbeln. Grafen, Herzoge, Prinzen von Geblüt schwirrten der Tochter nur so um die Ohren! — Schweigend saß sie da und ordnete selbst ihre Frisur. Denn eine Zofe hatte sie noch nicht.
»Morgen — morgen wird alles in bester Ordnung sein! Nichts brauchst du dir abgehen zu lassen, wenn du nur auf mich hörst!« sagte die Mama, bedeutungsvoll lächelnd. — »Daß du mir aber keinem von all den Herren auch nur das geringste versprichst!«
»Sei nur ruhig!«
»Keinem von all den Messieurs, wie verlockend sie dir auch kommen! Sei freundlich zu ihnen allen! Ohne Ausnahme freundlich! Sag keinem ein Ja, aber auch kein Nein! — Laß sie glauben, was sie wollen — höre liebenswürdig zu und stoße sie nicht vor den Kopf! Werden sie aber zudringlich — wollen sie Antwort auf der Stelle, dann schicke sie nur zu mir — schicke sie überhaupt alle, ohne Ausnahme, zu mir!«
»Mit Wonne!«
»Es ist schon besser so! — Ich weiß sie richtiger zu behandeln — ich sehe gleich, was an ihnen ist — ich lenke schon alles zum besten! — Zunächst kapern wir den Prinzen von Carignan! Der zappelt schon im Netze — den hast du schon bezaubert! — — Kind — wenn du wüßtest, wie du mich heute glücklich gemacht hast!«
Und sie floß über vor Rührung.
»Ja, Signore Fossano«, fuhr sie den jetzt eintretenden bisherigen Beschützer an und nahm die Nase hoch, »Ihr seid jetzt distanziert! — Jetzt sollt Ihr's nur versuchen, dem armen Kinde die Siegesfreude zu dämpfen wie damals nach ihrem ersten großen Siege als Psyche! — Wie hat sie sich dann ducken müssen! Ins Herz hat's mir geschnitten, sie so grausam um die erste große Freude ihres Lebens gebracht zu sehen! — Jetzt lassen wir uns aber nicht mehr düpieren, Signore — jetzt seid Ihr der Düpierte! Ihr habt heute ausgespielt!«
»Meint Ihr?« lächelte Fossano ironisch.
»Nun, wer fragt wohl nach Euch? — Hat jemand auch nur ein einziges Wort an Euch gerichtet? — Hat man draußen ein einziges Mal >Fossano< gerufen? — Wo blieb Eure große Beliebtheit beim Publikum, mit der Ihr Staat machtet? — Wo blieb auf einmal die Berühmtheit? — Nein, uns imponiert Ihr nicht mehr!«
»Ich sehe es«, sagte Fossano. »Ich erwarte auch gar nichts von Euch, Signora! Babara aber wird nicht vergessen, wer es war, der ihr den Weg zum heutigen Triumph geebnet hat! — Sie wird sich nicht der Dankespflicht entziehen, mir für die Mühe und die Arbeit, die ich mir mit ihr gegeben habe, erkenntlich zu sein! — Sie wird ihres Versprechens eingedenk bleiben, mir zu gehorchen und sich meiner Führung ganz anzuvertrauen!«
»Wir brauchen keine Führung! Wir wissen uns jetzt selbst zu helfen«, sagte die Domina brüsk. »Gewiß, wir sind Euch Dank schuldig, Signore — wir vergessen's nicht — wir sind nicht undankbar! Wir werden auch alles für Euch tun, was wir nur tun können! Unserer Protektion könnt Ihr jederzeit gewärtig sein!«
Es machte ihr eine grausame Freude, ihm das alles zu sagen. Sie hatte sich so lange vor ihm ducken müssen, daß sie lieber ihr Leben gelassen, als die Gelegenheit versäumt hätte, sich gegen ihn aufzulehnen. Und auch Babara war es aus dem Herzen gesprochen. Jedes Wort richtete sie innerlich auf — für jeden Hieb, den die Mutter ihm versetzte, fiel eine von den tausend Fesseln, die sie an ihn ketteten. Bis auf die letzte! Und die löste er selbst!
»Nicht wahr, Babara«, sagte er und verbiß seine Wut über die Ungezogenheit der alten Frau, »nicht wahr, du hast noch etwas übrig für mich? — Du bleibst mir treu? — Du hast noch ein wenig Dank für meine große Liebe zu dir?«
Er trat an sie heran und legte die Hand um ihre Schulter.
Da fuhr sie auf, wie von einer Schlange gebissen, und schlug ihn mit dem Handtuch, mit dem sie sich die Schminke abgewischt hatte, ins Gesicht.
»Ich hasse dich!« rief sie mit zornbebenden Lippen. »Ich hasse dich und werde nie damit aufhören! Für jeden Schritt, den ich noch machen muß auf dem Wege, auf den du mich geführt hast, werde ich dich verfluchen und verabscheuen! Was ich habe, habe ich nicht von dir! Hast du mir aber geholfen, mich da zurechtzufinden — hast du mir das Höchste, das Heiligste im Leben gezeigt und mich es schätzen gelehrt, so hast du's getan, nur um es mir beschmutzen zu können! Jetzt bin ich drin — jetzt bin ich da, wo du mich haben wolltest! Laß mich jetzt zurechtfinden, so gut ich kann! Deiner bedarf ich nicht dazu! Komm mir jetzt nicht zu nahe! Geh! Hinaus — hinaus!«
Und sie trieb ihn, der sie mit weit offenen Augen anstaunte, rückwärts gegen den Ausgang und aus der Garderobe.
In der Tür stieß er mit Rameau zusammen, der kam, um sie zu beglückwünschen, und so den ganzen Auftritt mit angehört hatte.
Fossano drängte sich an ihm vorbei und ging schnell, hinter einem höhnischen Lachen seine Verlegenheit verbergend.
»Armes Kind«, sagte der alte Meister und streichelte ihre Hand, »wie schmerzt es mich, auch bei dir diese Erfahrung machen zu müssen! Nicht nur der Triumph — auch die entwürdigendste Erniedrigung ist dir geworden! Das ist die Kehrseite der Künstlerschaft, deren Herbheit keinem erspart zu bleiben scheint! Du wärest eines besseren Schicksals wert!«
Sie machte ihre Hand los, um ihre Tränen abzutrocknen. Ihre Lippen bebten noch vor Aufregung.
»Recht so!« setzte er fort, »nur dagegen ankämpfen — aus allen Kräften dagegen ankämpfen! — Mußt du auch um die Gunst Fortunas buhlen — mußt du, wie die meisten Künstler, den Preis zahlen, um das Recht, dich zu geben, zu erringen, so versuch wenigstens, dein Ureigenstes, deine Psyche rein und unbeschmutzt zu erhalten! Halte wenigstens den Trieb, dich in deiner Kunst zu geben, rein und unberührt von den Verlockungen der Welt! Sonst ist's um dich geschehen!«
»Nur ruhig, Herr Musikmeister«, sagte die Domina, »sie wird schon ihren Weg machen! Da habt bloß keine Angst!«
»Sehr — sehr viel Angst habe ich um sie! Denkt Ihr, ich kümmere mich um die erste beste? Hier steht aber etwas ganz Seltenes — etwas in der Kunst noch nicht Dagewesenes auf dem Spiel! Das darf nicht gemißbraucht und durch den Schmutz geschleift werden! Da ist's heilige Pflicht zu reden! Und Ihr könnt Euch auf mich verlassen! Ich habe die bittere Erfahrung, die Ihr auch haben werdet, reichlich auskosten müssen! Um Gelegenheit zu haben, ein einziges schönes Lied zu singen und, ohne Rücksicht auf den Geschmack anderer Leute, mich voll und ganz in meiner Kunst zu geben, habe ich auch die Fratzen machen müssen, die die Welt sehen will!«
»Nun, dafür wurdet Ihr bezahlt!«
»Gewiß, Signora! Aber — ist man echt, kann man sich auch dann nicht ganz verleugen! Kunst wird eben alles, woran der echte Künstler rührt! Und es lebt, tant mieux, auch wenn die unsauberen Wünsche der Welt daran kleben! Die Gefahr ist, dabei der Welt zu unterliegen, zu versumpfen, zu veröden und seelisch abzusterben! — Da heißt's kämpfen — mit aller Macht, auch im Versinken, zur Höhe wollen! — Denn schließlich kommt doch der Moment der Befreiung, wo man auf einmal die Fessel abwirft und gegen die Sonne fliegen kann, wenn der Trieb hinauf noch lebendig blieb! Das ist das Wesentliche! Alles andere ist nur Nebensache! Und daran wollte ich eben mahnen, gerade jetzt, mitten im Triumph, wo die Versuchungen von allen Seiten auf Euch einstürmen! Nehmt den Wunsch für Euer Wohlergehen von einem alten Künstler an, der in Eurer Kunst eine der schönsten Offenbarungen seines Lebens gesehen hat!«
Er küßte ihr die Hand und ging bewegt. ——
Die Signora brummte:
»Sie sind sich alle gleich! Neidisch, mißgünstig, der eine wie der andere! Immer kommen sie und suchen die Siegesfreude zu dämpfen! Nichts gönnen sie dir!«
Aber Babara hörte nicht zu. Sie stand da, in Gedanken versunken. — Sie war wieder im Dome zu Parma. Goldig strömte das Licht aus der Kuppel auf sie herab, und sie blickte wieder voll Sehnsucht hinauf zu den Glücklicheren, die befreit gegen das Licht hinaufschwebten, und wollte mit in ihren Reigen — fort von allem, was sie hier unten fesselte!
Die von Herzen kommenden Worte des alten Musikmeisters waren ihr ins Herz gedrungen und hatten da eine Saite vibrieren gemacht, die fortan den Grundton ihres ganzen Wesens angeben sollte. Sie fühlte sich wieder sicher — sie wußte, wohin! Und alles andere, wie es auch kommen mochte, wurde ihr gleichgültig.
Sie dachte nicht einmal daran.
Um so mehr tat es aber die Mama!
9
Im königlichen Schlafzimmer des Schlosses zu Fontainebleau waltete noch Gott Morpheus seines Amtes. — Allerdings nicht ganz gehorsamst! — Denn der allerchristlichste Monarch — Ludwig der Vielgeliebte — war zu seinem eigenen Entsetzen längst wach.
Müde von den Jagden des vorhergehenden Tages, hatte er beschlossen, sich heute gründlich auszuschlafen.
Aber draußen schien die Sonne, die Vögel zwitscherten, und auch das allerhöchste böse Gewissen ließ seine Stimme hören. Laut und vernehmbar sprach es, und weit respektloser, als es der Gemütsruhe — oder, sagen wir, dem Schlaf — eines großen Königs zuträglich war.
Er, dessen Macht unbegrenzt war, konnte nichts dagegen tun. Er hatte am Abend befohlen, daß es heute erst viel später Tag werden sollte bei ihm. Und das Wort eines Königs ist heilig!
Er mußte sich also mit seinem bösen Gewissen abgeben, ob er wollte oder nicht. Jeder Versuch, einzuschlafen, war vergeblich! — Drehte er sich auf die linke Seite, so flüsterte es ihm ins rechte Ohr, und er hörte die Stimme seines Erziehers, des guten Kardinals Fleury, wie sie sich in ernster Mißbilligung seines sittenlosen Lebens erging; legte er sich aufs rechte Ohr, so raunte es ihm ins linke von dem schweren Unrecht, das er seiner getreuen Gemahlin, der guten Königin Maria Leszczynska, antat, als er ihr eine Nebenbuhlerin nach der anderen bescherte; und begrub er den Kopf ganz in den Kissen, dann summte ihm ein ganzer Schwarm zärtlicher Frauenstimmen um den Kopf und zauberte ihm wollüstige Bilder vor. — — Es war zum Wahnsinnigwerden!
Und doch war etwas dabei, was ihn gewissermaßen beruhigte. In puncto Regieren war sein Gewissen rein! — In der Beziehung schwieg die mahnende Stimme.
Er war also ein ausgezeichneter König! — Menschlich vielleicht nicht ganz einwandfrei — aber sonst — — wer könnte ihm etwas vorwerfen? Er führte ja die Geschäfte nicht selbst — er kümmerte sich fast gar nicht um die ganze Geschichte, konnte also unmöglich den geringsten Fehler begangen haben! — Das besorgten schon die Minister! — Das auch! — Mein Gott — wozu waren sie schließlich da?!
Aber die Weiber! — Da war etwas dabei, was ihn zum mindesten beunruhigte!
Er liebte sie — er verehrte sie! Und schließlich sollte das den holden Schönen genügen!
Aber sie wollten mehr! — Sie wollten Macht — oder andere wollten sie durch sie! — Wenn er da nicht von vornherein aufpaßte, würden sie ihn schließlich zwingen, in höchsteigener Person etwas zu wollen — ja, gar zu regieren! — Und da wäre es um seine Ruhe geschehen!
Der Gedanke erschreckte ihn so, daß er sich plötzlich im Bette aufsetzte und nach der brillantierten Uhr auf dem Nachttische griff. Noch eine ganze Stunde bis zu dem für das Lever festgesetzten Glockenschlag!
Seufzend warf er sich wieder im Bette zurück und nahm sich vor, mit dem bösen Gewissen aufzuräumen.
Mit der Königin wurde er am schnellsten fertig.
Erstens war er nicht nur König, sondern auch ein Mann von Welt und hatte also gewisse Privilegien in amourösen Dingen, die sie als Frau und fromme Dienerin der Kirche nicht begreifen konnte oder durfte, und die er ihr also nicht klarzumachen brauchte!
Zweitens hatte sie die nicht ganz einwandfreie Gabe, ihm Töchter zu bescheren. Manchmal sogar zwei auf einmal! — Zum mindesten war das langweilig! Und die Langeweile war nicht seine Sache!
Drittens — und das war das schlimmste — war sie, wenn auch unfreiwillig, die Veranlassung zu einer höchsteigenen Willensäußerung, ja zu einer persönlichen Regierungshandlung Seiner, in dieser Hinsicht äußerst maßvollen königlichen Majestät gewesen!
Er hatte ihretwegen seinen Premierminister und lieben Vetter, den Herzog von Condé, höchstselbst zum Teufel gejagt, sobald er merkte, daß dieser, im Verein mit seiner Geliebten, Madame du Prie, ihm die Maria Leszczynska als Königin zugeführt hatte, nur um durch sie Einfluß auszuüben! — Allerdings merkte er's erst nachträglich, mit Hilfe seines getreuen Richelieu! — Aber es hatte die Bedeutung einer Katastrophe seines Gemütslebens gehabt! Seit dem Augenblick war das Mißtrauen wach und verleidete ihm auch jede illegitime Liaison!
Die gute du Mailly und ihre Schwestern, die sich mit ihr in sein Herz teilten, repräsentierten ebenso viele herrschsüchtige Cliquen des hohen Adels! Und was nach ihnen käme — wer könnte wissen, was das mit sich brächte?!
Sie würden ihn zwingen, sich im Kreise der Bürgerschaft eine Freundin zu wählen, damit er Ruhe hätte!
Allerdings drängte sich auch da bereits jemand an ihn heran! Die kleine d'Etioles — die geborene Poisson — wer konnte wissen, ob sie nicht auch von irgendwelchen Kreisen geschoben wurde? — Bachelier wußte da so viel Bedenkliches zu erzählen! Auch da galt es, sich in acht zu nehmen!
Wo er sich auch hinwandte, überall flüsterte man ihm bald über diese, bald über jene Schönheit Empfehlendes zu! Richelieu hatte einen unerschöpflichen Vorrat an Protegés, für die er plädierte! Und seit einiger Zeit lag ihm, zum Überfluß, noch der Geck Carignan in den Ohren mit jener Tänzerin, von der ganz Paris sprach! — Man würde sie wohl ansehen müssen! — Aber nur ansehen!
Denn in betreff jener Dame schwieg das Mißtrauen Bacheliers total! — Er nahm sich sogar heraus, Zuversicht zu äußern — ja, begeistert von ihr zu reden! — Das war gefährlich! Der Hüter des allerhöchsten Mißtrauens funktionierte nicht mehr! Da galt es aufzupassen! Jene Dame durfte also gar nicht in seine Nähe! — Sie sollte nie bei Hofe tanzen! — Niemals!
Er setzte sich wieder auf.
Wozu hier liegen und sich wegen der eigenen Weibergeschichten Gedanken machen?! — Er war ja der König! — Er hatte sich also vor allem mit dem Sündenregister seiner lieben Untertanen zu befassen! Das war doch seine landesväterliche Pflicht! Man durfte nicht nur an sich selbst denken!
Wenn er aber an seine Landeskinder dachte, da schwieg das höchsteigene böse Gewissen vollends! Denn was die Leute zustande brachten, das spottete jeder Beschreibung! — — Allerdings fingen die Nachrichten an, in der letzten Zeit spärlich zu fließen! — Das Schwarze Kabinett lieferte auf einmal nur politische Nachrichten — statt der befohlenen Resümees aus den täglichen Liebesbriefen! Der Generalpostmeister war wohl amtsmüde?
Ob gestern auch nichts passiert war? — — Das mußte er sofort wissen!
»Bachelier!« rief er. Aber niemand hörte. Kein Bachelier meldete sich.
Entgegen aller Etikette warf der König die Decke ab, setzte sich auf, warf höchstselbst den Schlafrock um, ging zur Tür, öffnete sie und rief:»Bachelier soll kommen!« — Eilte dann wieder zum Bette, schlüpfte in die Pfühle zurück und wartete den Effekt ab!
Bachelier kam atemlos herbeigestürzt und wurde sehr unsanft empfangen.
»Man muß ein König von Frankreich sein, um so schlecht bedient zu werden! — Wir müssen uns selbst aufwarten — müssen aus dem Bette steigen — allein, ganz allein! Wir müssen sogar rufen! Wenn wir hier verrecken, kein Mensch kümmert sich darum, kein Mensch ist da! Obwohl wir das Haus voller Tagediebe haben! — Sonst lauschst du immer an den Türen!«
»Majestät wollen gnädigst verzeihen! Ich hatte aber strengen Befehl, erst um elf anzuklopfen!«
»Und wenn ich nun um zehn sterbe?«
»Der Himmel bewahre uns vor dem Unglück!«
»Du bedienst uns schlecht, Bachelier! Wir sind mit dir unzufrieden! Seit einer Woche hast du uns nichts zu erzählen! — Wenn du wenigstens so viel Eifer zeigtest, uns den Bericht des Generalpostmeisters zu bringen! Aber auch da müssen wir erst befehlen! — Schnell, den Bericht — oder —« und die Blicke des Königs wurden scharf und stechend — »oder sollte auch gestern in meinem Lande nichts vorgefallen sein? Sind wir nach einer Wüste verschlagen — von lauter Schlafmützen umgeben? — Sind meine Granden alle heilig geworden?«
»Alles andere, nur das nicht! Sie sind so unternehmend wie immer!«
»Gott sei Dank! Wir fürchteten schon, der einzige zu sein, der hier etwas Courage hätte! Denke dir, Bachelier, wir liegen hier seit Stunden und ängstigen uns wegen der paar Weibergeschichten, die wir uns geleistet haben! Wir mußten böses Gewissen erdulden — wir kamen sogar in Versuchung, uns schwer schuldig zu fühlen — bloß, weil das Schwarze Kabinett seit geraumer Zeit von andrer Leute Laster schwieg — wir mußten uns geradezu als einziger Sünder in ganz Frankreich vorkommen — wir haben Höllenqualen gelitten!«
»Entsetzlich!«
»Nicht wahr?! Da ist es doch zu verstehen, wenn wir so etwas wie Neugier empfinden! Und du läßt uns warten!«
»Ich bitte alleruntertänigst, Gnade walten zu lassen! Es soll nie wieder vorkommen!«
»Für diesmal denn — wenn du endlich zu berichten beliebst!«
»Befehlen Majestät erst das Resümee der gestrigen Begebenheiten — oder den Bericht des Postmeisters?«
»Erst das Resümee!«
»Ich gestatte mir denn alleruntertänigst zu melden, daß Mademoiselle, Madame du Charolais — —«
»Von Mademoiselle wollen wir nichts wissen! Sie ist unsere Freundin!«
»Eben! Und da ist es von Gewicht, daß sie gestern gebeichtet hat!«
»Kennt man die Beichte schon?«
»Zu dem Zwecke hat sie sie ja abgelegt!«
»Was hat sie denn gestanden?«
»Für ihre Person nichts! Sie beichtet ja nur die Vergehen ihrer Freunde!«
»Himmel, wie wird sie mich denn beim lieben Gott blamiert haben! — Daher das böse Gewissen zu solch ungelegener Zeit! Wer war denn ihr Beichtvater?«
»Wer denn sonst, als der Mitwisser aller Boudoirgeheimnisse — der treue Freund und Berater aller galanten Damen von Welt — —«
»Abbé Bernis?«
»Sehr richtig.«
»Dann ist Gefahr im Verzug! — Schnell ein lettre de cachet!«
»Ich war schon so frei, es mitzubringen!«
»Du bist ein getreuer Diener, Bachelier! Rasch, fülle es aus!«
»Es ist bereits geschehen!«
»Sieh nur, wie eifrig! Ja, bist du denn sicher, daß wir ihn nicht zum Minister machen wollen?«
»Ich gestatte mir sogar, gehorsamst anzunehmen, daß er einmal ein sehr hohes Staatsamt bekleiden wird!«
»Und trotzdem schickst du ihn in die Bastille?«
»Nicht trotzdem, sondern zu dem Zweck! Damit er beizeiten dem allerhöchsten Willen gefügig wird!«
»Sehr gut! Schicke ihn also hin!«
»Er ist schon da!«
»Das auch noch! Sage mir, Bachelier, wen verdammst du noch dazu? Erledigen wir erst die Bastille! Wen schicken wir heute noch hin?«
»Den Dichter Voltaire!«
»Was hat denn der verbrochen?«
»Er hat sich gestern auf offener Straße durchprügeln lassen!«
»Nun, dann hat er ja, was er braucht!«
»Zu Befehl, Sire! Diesmal war er aber unschuldig!«
»Er hat sooft keine Prügel bekommen, wenn er welche hätte haben müssen! Und schließlich: wenn er in die Lage kommt, welche zu bekommen, dann hat er sie sicher verdient!«
»Er scheint anderer Ansicht zu sein! Er schickt uns diese Bittschrift!«
»Ad acta legen! Dieser suffisante Mensch! Er hat seinen Teil, und er suppliziert noch! Er malträtiert uns! Von der öffentlichen Ordnung nicht zu reden, die er durch den Skandal gestört hat! In die Bastille mit ihm!«
»Zu Befehl, Sire, es ist ihm schon besorgt!«
»Sag mal, Bachelier, es wird wohl gut sein, wir schicken dich auch hin! Du wirst schon dreist!«
Bachelier zitterte — lächelte aber gehorsamst mit, da der König selbst bei dem Gedanken lachte.
»Das wäre schon das beste, Bachelier! Aber wer schickt mir denn die anderen hin? Sei also unbesorgt! Und jetzt den Bericht des Generalpostmeisters! Wer figuriert auf der Liste heute? Richelieu?«
»Leider nicht!«
»Der Graf von Sachsen?«
»Auch nicht!«
»Unser Vetter de Chartres? — Der Prinz de Conti? Der Herzog de la Vallière? — d'Argenson? — Maurepas?«
»Seine Exzellenz der Marineminister, ja!« sagte Bachelier, der bei den anderen Namen den Kopf geschüttelt hatte. — »Die hohen Herren sind alle in der Benutzung der Post sehr vorsichtig geworden! Wenn sie nicht gerade andere kompromittieren wollen, senden sie jetzt alles durch Boten!«
»Und warum macht Maurepas da eine Ausnahme?«
»Damit man weiß, daß auch er zu den Verehrern der Tänzerin Barberini zählt!«
»Jene Tänzerin, von der alle Welt — und auch du — uns vorschwärmt?«
»Ganz recht!«
»Sie scheint hier zu gefallen?«
»Alles liegt ihr zu Füßen! — Das heißt, alles, was sich die Erlaubnis der Frau Mama zu erwirken vermochte! Und das sind viele!«
»Wer?«
»Offiziell nur Seine Hoheit der Herr Prinz von Carignan!«
»Das läßt sich denken! Sie ist also seine Geliebte geworden?«
»Seine Hoheit hat ihr ein Hotel einrichten lassen, ihr Toiletten, Schmuck, Gespann geschenkt und ihr eine artige Rente ausgesetzt!«
»Das kann unserer Oper teuer zu stehen kommen — wenn sie ihm Treue hält!«
»Treue ist ein Wort, das sie nicht zu kennen scheint!«
»Glaubst du?«
»Wir haben gestern nicht weniger als zwei Dutzend Briefe ihrer Mama an ebenso viele Verehrer der schönen Dame aufgefangen! Die Briefe waren alle sehr deutlich! Die Mama wird bald ein artiges Vermögen zusammengebracht haben!«
»Zwei Dutzend Verehrer?!«
»Zu Befehl!«
»Und alle begünstigt?«
»Zweifelsohne! — Wenn man bedenkt, daß sie bloß achtzehn Jahre ist und keine drei Monate in Paris — —«
»Eine sehr respektable Leistung!«
»Sie hat eben eine sehr respektable Mutter, Sire!«
»Wer sind denn die Glücklichen?«
»Der Prinz de Conti war darunter! Dann der Marquis de Thibouville, der Herzog von Durfort und der Bischof von — —«
Bachelier flüsterte dem König respektvoll einen Namen zu. Der König lachte.
»Also Hochwürden auch! — Sie scheint jedenfalls keinen üblen Geschmack zu haben! — Und von alledem hat Carignan keine Ahnung?«
»Nein! Seiner Hoheit Ahnungsvermögen scheint in betreff ihrer leiblichen Reize vollauf zu tun zu haben! Denn er ist immer noch rasend verliebt! Und also blind für alles andere!«
»Seine Liebe scheint ihn aber auch stumm zu machen! Das letztemal hat er uns kein Wort mehr von ihr gesagt!«
»Er wird fürchten, schon zuviel gesagt zu haben!«
»Wir sind damit nicht unzufrieden! Aber — er ist ein Geck! Wir wollen ihn heute beim Lever ein wenig vornehmen! Mit wem gedenkt sie ihn heute zu betrügen?«
»Für heute hat sich Mylord Arundel bei ihr zum Souper angesagt!«
»Der tolle Engländer?! Wir haben von ihm gehört! Er scheint sich vorgenommen zu haben, auf dem Felde der Galanterie Frankreich zu erobern! Das geht nicht, Bachelier! Wir gönnen zwar unserem Vetter von Carignan seine Hörner! Er ist aber nicht nur unser Vetter — er ist auch General unserer Armee! — Und die Ehre unserer Armee erlaubt keine englischen Victoiren! — Wir müssen da Sukkurs geben, Bachelier!«
»Wenn Majestät nur zu befehlen geruhen, daß sie heute in Fontainebleau tanzt — dann wird sie heute nicht in Paris soupieren können.«
»Nein, nein! — Wir wollen nicht in Versuchung kommen! — Wir neigen zu sehr dazu, aus einem gelegentlichen Amüsement Folgerungen zu ziehen, die uns nachher lästig werden! Wir sind zu sehr Gewohnheitsmensch! — Wir haben schon zuviel an unseren Fesseln zu tragen! Wir wollen von jener Dame nichts mehr hören! Kein Wort, Bachelier! Kein Wort!«
Und er warf sich in die Kissen zurück und erwartete mit Ungeduld von seinem Getreuen den striktesten Ungehorsam. Aber Bachelier blieb stumm.
»Sag mal, Bachelier«, fing der König von neuem wieder an, »ist sie wirklich so hübsch?«
»Wie ich schon zu berichten die Ehre hatte, liegt ganz Paris ihr zu Füßen!«
»Dann wird sie sicher ein Scheusal sein! Nicht wahr, Bachelier — sie ist abscheulich?«
»Zu Befehl, Sire, abscheulich wie Venus selbst!«
Der König schwieg einen Augenblick. Dann fragte er — anscheinend ganz gleichgültig:
»Welches Ballett steht heute abend auf dem Programm?«
»Der Herzog von Richelieu glaubte, da Ihre Majestät die Königin in Versailles geblieben ist, heute von den feierlichen Sachen absehen zu müssen!«
»Also, was wird denn getanzt?«
»Das Urteil des Paris —«
»Wer stellt die Venus dar?«
»Madame Sallé!«
»Das kann man mir unmöglich zumuten!«
»Eigentlich gibt es nur eine, die die Göttin der Liebe mit voller Illusion verkörpern kann, und das ist, nach Ansicht aller Kenner — —«
»Die Dame Barberini! — Ich weiß! — Man liegt mir seit Wochen in den Ohren damit! Als hätte ich gar nichts dabei zu bestimmen! Ja, sag einmal, Bachelier, wer gibt denn hier an unserem Hofe eigentlich den Ton an?«
»Wer würde sich wohl erdreisten, da den allerhöchsten Entschließungen vorzugreifen?!«
»Das möchte ich auch wissen! Man scheint da aber revoltieren zu wollen! — Man trifft Entscheidungen ohne uns! — Das geht nicht! Jene — — Dame soll heute tanzen! — Aber nur, weil man, ohne uns zu fragen, eine andere dazu designiert hat! Wir wollen zeigen, wer hier regiert! — Sie soll also die Venus darstellen! Und wir — wollen sie schlecht finden! Wir wollen uns nicht weiter von dem Gerede irritieren lassen! Du sollst gleich einen Kurier nach Paris senden! Aber unser guter Vetter Carignan darf es nicht wissen! Es soll eine Surprise für ihn sein! Du veranlaßt also alles!«