← Table of contents
Die Tänzerin Barberina

Zweites Buch Hebe (continued 2)

Reading edition

»Zu Befehl!«

»Und jetzt laß mich in Ruhe!« Bachelier ging.

»Bachelier!« rief der König ihm nach, ehe er noch an die Tür gelangt war.

»Majestät befehlen?«

»Wir hatten dir den Auftrag gegeben, für alle Fälle auch jene Tänzerin — anzusehen! Wir wollen immer sicher gehen! Hast du den Auftrag erfüllt?«

»Zu Befehl, ja!«

»Du hast also Gelegenheit gehabt?«

»Ja. Ich gab der Mutter ein angemessenes Geschenk und bekam dann Gelegenheit, sie aus einem Versteck beim Baden zu beobachten!«

»Nun?«

»Wie eine griechische Statue! — In jeder Beziehung vollendet! — Meine Augen haben noch nie etwas Schöneres gesehen!«

»Wir wollen dich heute eines Besseren belehren! Du kannst gehen!«

Bachelier ging, war aber jetzt nicht einmal halbwegs bis zur Tür gelangt, als der König — jetzt aber sehr aufgeregt — rief:

»Sage einmal, Bachelier — hast du sie dir auch ganz genau angesehen?«

Bachelier zitterte und antwortete nicht. Der König blickte ihn scharf an.

»Hatte sie auch gar keine Leberflecken?«

Bachelier wurde immer blasser. Er kannte die Angst Ludwigs vor den Blattern und wußte, daß er immer an jene Krankheit denken mußte, wenn ihm derartige Schönheitsflecken zu Gesicht kamen. Sein Abscheu davor war unüberwindlich.

Ludwig konnte nicht umhin, die Verlegenheit seines Getreuen zu bemerken.

»Du wirst auf einmal so still? — Du zitterst?! — Also, hat sie welche?«

»Ich gesteh's«, stotterte Bachelier — »ich habe sie im Verdacht! — Ich glaube etwas bemerkt zu haben! — Bestimmt kann ich's aber nicht behaupten! Aber etwas ganz Kleines — fast Unscheinbares — unter dem linken Busen war's!«

»Gnad' dir Gott!«

»Von meinem Versteck aus war's nicht genau zu kontrollieren! Ich habe aber die Signora, ihre Mutter, nachher examiniert! Und sie hat mir auf Ehre versichert, daß die Schönheit der Tochter makellos sei! — Bei der Jungfrau hat sie's beschworen!«

»Da hat sie sicher einen!« rief Ludwig entsetzt. »Und so etwas empfiehlst du mir! Du wagst sogar, mir von ihr vorzuschwärmen! Ich dachte, ich hätte in dir einen treuen Diener, Bachelier — ich sehe aber, ich habe mich geirrt! Du hast mein Vertrauen mißbraucht — du kannst nicht mehr in meiner Nähe sein! Betrügst du mich in einer Sache, dann wirst du mich auch in anderen Dingen hintergehen!«

»Eure Majestät wollen doch gnädigst in Anbetracht meiner langjährigen treuen Dienste geruhen, Gnade walten zu lassen. Eure Majestät wollen doch höchstselbst sich heute abend überzeugen, daß jene Mißgestaltung bei ihr kaum noch als solche zu betrachten ist!«

»Wir wollen dein Schicksal vom Ausfall unserer Besichtigung abhängig machen! — Sie soll heute tanzen — du fertigst sofort den Kurier ab! — Wenn ich aber degoutiert werde, Bachelier, dann brauchst du morgen nicht mehr Dienst zu tun! Du kannst gehen!«

Bachelier ging.

Kurz darauf schlug die Stunde, wo die Sonne Frankreichs aus den Wolken zu steigen geruhte. Ludwig erhob sich aus den Pfühlen. Das Lever begann. Das kleine Entree der höchsten Würdenträger fand statt — das große Entree der Fernerstehenden folgt — das Hemd Frankreichs wurde gewechselt, und heute hatte der Prinz von Carignan den Vorzug, es, von allen beneidet, zu überreichen.

Der König war sehr aufgeräumt.

»Wir sind allerdings keine Tänzerin, mein lieber Vetter«, lachte er. »Aber wir wollen doch Ihre Dienste in betreff des Hemdes annehmen, damit Ihr nicht aus der Übung kommt! Wie wir hören, seid Ihr bei Eurer neuesten Eroberung, bei jener vielgerühmten italienischen Tänzerin, noch nicht so weit gekommen!«

Der Hof lachte. Carignan verbiß sich den Ärger.

»Macht deswegen kein betrübtes Gesicht, lieber Vetter«, fuhr der König gnädig fort. »Unsere königliche Fürsorge ist schon darauf bedacht gewesen, für Abhilfe zu sorgen! — Wir haben also angeordnet, daß die Dame Barberini im heutigen Ballett die Rolle der Venus zu übernehmen hat! — Wir haben von ihrer Sprödigkeit Euch gegenüber gehört! — Wir wollen sie denn unserem ganzen Hofe entschleiern — als gerechte Strafe für sie! — So bekommt Ihr sie auch einmal zu sehen!«

Der Hof war entzückt. — Carignan machte gute Miene zum bösen Spiel. — — Der Tag verging. Der Abend kam und mit dem Abend das Ballett.

Der ganze Hof war versammelt. Die Damen im Glanz ihrer Schönheit und ihrer Toiletten, vor allem die Damen des intimen Kreises: die Gräfin von Toulouse, Madame du Charolais, die Gräfin du Mailly und ihre beiden Schwestern. — Eine gewisse Unruhe hatte sich ihrer bemächtigt. Sie hatten alle von der neuen Schönheit gehört und der Neugier des Königs, sie zu sehen, geschickt entgegenzuarbeiten gewußt. Ihr Schicksal konnte davon abhängig sein, ob sie dem König gefiele oder nicht. Denn seine Entschließungen waren unberechenbar. Und sein Befehl, heute die gefürchtete Schöne vorzustellen, war so plötzlich gekommen, daß dagegen nichts hatte unternommen werden können!

Die Spannung stieg, je weiter der Abend fortschritt.

Ludwig lag, behaglich ausgestreckt, in seinem Fauteuil, in der ersten Reihe — er schien sehr aufgeräumt zu sein, plauderte angeregt mit seiner Nachbarin, der Gräfin von Toulouse, und blickte gelegentlich auch die Auftretenden an.

Endlich kam der große Moment, wo die Göttin der Liebe Paris naht. Barberina betrat die Bühne. Ein Ausruf der Bewunderung unter den Zuschauern! Dann wurde alles still. Auch der König schwieg und blickte, wie alle anderen, gespannt die schöne Erscheinung an.

Nur eine blickte nicht hin. Es war die Gräfin du Mailly. Sie hatte nur Augen für den König.

Der große Moment der Entschleierung kam, die letzte Hülle fiel. Venus zeigte sich den entzückten Blicken des trojanischen Hirten in vollendeter Grazie, mit den lässig erhobenen Armen den letzten Schleier lüftend — —

Der König sah sie mit Kennermiene an, nickte wiederholt, nahm schließlich die Lorgnette und hielt sie an die Augen.

Plötzlich ließ er sie fallen. — Ein kurzer Ausruf, den niemand verstand, entfloh seinen Lippen. — Er erhob sich halb aus dem Sessel, sichtbar aufgeregt, und fiel dann zurück.

Seine Aufregung fiel allgemein auf. Man fing an zu flüstern — man zog sich von der Gräfin du Mailly zurück. Sie saß da, bleich, zerknirscht und von ihrer vermeintlichen Niederlage überzeugt.

Noch einmal hob die Barberina den Schleier — noch einmal hielt Ludwig die Lorgnette an die Augen — kein Zweifel, dort, unter dem linken Busen, war er zu sehen — deutlich zu sehen, jener winzige Fleck, vor dem er eine solche Aversion hatte! Kein Zweifel!

Er ließ die Lorgnette wieder fallen und saß da, stumm das Ende der Vorstellung abwartend. Dann stand er auf, ohne sich um die Damen zu kümmern, rief seinen Maître des plaisirs, den Herzog von Richelieu, und zog sich, von ihm allein begleitet, in seine Gemächer zurück. Im Saale war alles in heller Aufregung. Auf der Bühne ebenso, wo Carignan Barberina strahlend zu ihrem Sieg beglückwünschte.

»Noch niemals, solange ich mich erinnern kann, zeigte Majestät eine solche Teilnahme! — Sie haben einen Erfolg gehabt, wie nur Sie ihn haben konnten! Sie werden noch heute mit dem König soupieren — er zog sich mit Richelieu zurück! Dieser wird sicherlich alles veranlassen. Vergessen Sie aber in Ihrem Glück Ihren getreuen Diener nicht! — Vergessen Sie nicht, wer Ihnen den Weg ebnete!«

Er wurde von einem Kammerdiener des Königs unterbrochen, der zu Barberina herantrat und ihr ein Etui überreichte. Und dieser Kammerdiener war nicht Bachelier, sondern der Onkel der Madame d'Etioles, der bisherige zweite Kammerdiener, Binet.

»Von Seiner Majestät dem König«, sagte Binet herablassend, als sei er selbst die Majestät, und öffnete das Etui, das einen kostbaren Schmuck von Brillanten und Saphiren enthielt. — »Seine Majestät lassen allerhöchst Dero Zufriedenheit mit Mademoiselle aussprechen sowie Dero Absicht, Mademoiselle demnächst in Versailles im Beisein Ihrer Majestät der Königin — in einer anderen Rolle tanzen zu sehen!«

Sprach's, verbeugte sich kalt und ging.

Das war der ausgesprochenste Mißerfolg! — Keine persönliche Vorstellung — kein Souper! — Ein kostbarer Schmuck allerdings — aber die allerhöchste Befriedigung durch den Mund eines Lakaien — —!

Barberina erblaßte, biß sich auf die Lippen, verlor aber die Contenance nicht.

»Ich bitte mir aus, Monseigneur«, sagte sie dann gelassen zu Carignan, der wie ein begossener Pudel dastand, »ich bitte mir aus, mir in Versailles einen anderen Partner geben zu wollen, der mir nicht die Szene verdirbt! — Mit Signore Fossano tanze ich nicht mehr! Er quält mich, er irritiert mich! Und wie hat er als Tänzer dekliniert!«

»Allerdings, mein lieber Fossano«, sagte Carignan, froh, seinen Ärger an jemand auslassen zu können, »ich kann nicht umhin, Ihnen zu sagen, daß Sie mir in diesem Jahre Enttäuschung über Enttäuschung bereiten! Sie sind lange nicht mehr der geistvolle Tänzer, als den ich Sie bisher kannte und bewunderte! Ihr Engagement war ein Fehler! Nun — er hat uns unsere liebe Freundin hier gebracht — das wollen wir Ihnen zugute halten. Aber bei Hofe haben Sie ausgetanzt!«

Womit er die Bühne verließ und sich zum König begab, der ihm jedoch sagen ließ, daß er seiner Dienste heute nicht mehr bedürfe.

Der König konferierte mit dem Herzog von Richelieu.

Hochwichtige Entscheidungen von weitestgehender politischer Tragweite wurden getroffen. — Bachelier, der allmächtige Hüter der Schlafzimmergeheimnisse Seiner Majestät, war in Ungnade gefallen, und Richelieu hatte geschickt die Gelegenheit benutzt, seinen Protegé, Binet, in Erinnerung zu bringen. Und so wurde die Brücke geschlagen, über die die schöne Madame d'Etioles, geborene Poisson, spätere Marquise de Pompadour, ihren Einzug ins Allerheiligste halten sollte, um da unumschränkt zu gebieten!

Das Schicksal Frankreichs war entschieden!

Wer weiß aber, wie es sich gestaltet hätte, wenn die schöne Barberina nicht jenen fast unmerklichen Leberflecken unter dem linken Busen gehabt hätte und Bachelier nicht so ehrlich gewesen wäre, dessen unseliges Vorhandensein dem Könige zu verraten?!

10

Seine Hoheit verbrachte eine schlaflose Nacht.

Das Fehlschlagen seines Planes mit Barberina war für ihn eine Katastrophe, die seine schönsten Hoffnungen vernichtete. Statt, wie er gehofft hatte, die Geschicke des Welttheaters zu lenken, war er mit einem Schlage in seine frühere Einflußlosigkeit zurückgeworfen und mußte sich auf die kleine Welt der königlichen Theater beschränken, wo niemand ihn respektierte — wo die kleinste Choristin ihn auslachen konnte.

In aller Frühe ließ er Fossano rufen, der nach langem Warten endlich erschien, müde, verschlafen und ebenso verärgert wie Hoheit selbst.

Er wurde mit den heftigsten Vorwürfen empfangen.

»Sie haben mich betrogen, Signore! Sie haben mich hintergangen! Sie haben die Barberina als eine makellose Künstlerin bei mir eingeführt! Sie haben ihre Gebrechen verheimlicht! — Diese scheußliche Verunstaltung, von der Sie wissen mußten, haben Sie verschwiegen! Sie haben mich blamiert, den ganzen Hof degoutiert — den Zorn des allerchristlichsten Königs gegen mich heraufbeschworen! Ist das der Dank für meine Protektion? — Schweigen Sie! — Reden Sie nicht! Machen Sie Ihre Verfehlung nicht durch Ausflüchte noch schlimmer! — Von jenem Leberfleck haben Sie gewußt! — Was sage ich, >Fleck<? Eine Landkarte war's! — Wer so etwas hat, zeigt sich nicht nackt — oder verdeckt sein Gebrechen mit Schminke! — Man renommiert doch nicht mit seiner Abstammung von Negern! Man kokettiert nicht mit einer Haut wie Ebenholz! Man tritt nicht vor den Augen Seiner Majestät auf, um seinen Schönheitssinn zu beleidigen und seine Geduld auf die Probe zu setzen! — Man erklärt sich unwürdig und bleibt dem Hofe fern! — — Und Sie selbst — wie haben Sie getanzt?! Miserabel — ganz miserabel!«

»Ich war wahnsinnig vor Eifersucht!«

»Mon Dieu, fangen Sie nicht auch an, mit solchen altmodischen Gefühlen zu prahlen! — Wären Sie wenigstens der alte geblieben! Hätten Sie's verstanden, alle Augen auf sich zu lenken wie früher! Da war Ihr Auftreten immer eine Sensation! Seine Majestät waren charmiert, haben mich stets komplimentiert! Und gestern kein Wort — keine Miene verzogen! Nicht einmal das übliche, befriedigte >Ah< bei Ihrem Erscheinen! Ich weiß nicht, ob ich Sie noch auftreten lassen kann!«

»Hoheit müssen mich verstehen! Ich bin doch auch nur ein Mensch! Und sie quält mich! Bei jedem Auftreten bringt sie mich außer mir durch ihr verächtliches Benehmen! — So auch gestern! Ich verlor ganz den Kopf! Die kühle Ruhe, die zum überlegenen Tanzen nötig ist, war hin! Statt mich ganz in die Lösung der künstlerischen Aufgabe zu versenken, dachte ich nur an sie! — Diese einzige Schönheit, die ich wie ein Juwel gehütet hatte und die seit dem einen Male, wo sie sich mir unverhüllt offenbarte, allen anderen Augen unzugänglich war, sollte jetzt den lüsternen Blicken dieser Roués der Hofgesellschaft preisgegeben und als Dekoration eines höfischen Festes zur Schau gestellt werden! Das machte mich verrückt! Ich tanzte schlecht! Insofern verdiene ich die Vorwürfe Eurer Hoheit!«

»Sehen Sie!«

»Dann kam aber statt des Triumphs der eklatante Mißerfolg Barberinas! Das hat mich wieder aufgerichtet! Jetzt bin ich wieder Herr meiner selbst! Jetzt bin ich wieder der alte! Wenn Hoheit jetzt befehlen, lege ich mir wieder Paris zu Füßen!«

»Umsonst, mein Lieber! Sie werden nie wieder bei Hofe tanzen! Sie haben mich betrogen! Sie haben mich schwer getäuscht! Wenn Sie jene Dame so intim kannten, hätten Sie mich auf jenes Gebrechen aufmerksam machen müssen!«

»Wenn jenes Gebrechen wirklich existierte, hätte ich es getan!«

»Sie wagen zu leugnen, was alle Welt gesehen hat?!«

»Hoheit müssen es doch selbst am besten wissen! Hoheit haben ja die Gnade gehabt, ihr ein Hotel einzurichten! Hoheit gelten doch vor aller Welt als ihr bevorzugter Beschützer!«

»Mon Dieu!! — Das ist eine Sache für sich! Die Intimität aber auch! Und — Sie wissen — ich war durch mein Amt am Hofe die letzte Zeit sehr in Anspruch genommen! Dienstlich verhindert sozusagen!«

»Dann wäre es wohl angebracht, wenn Hoheit sich jetzt herbeiließen, sich Höchstselbst vom Vorhandensein jenes ominösen Leberfleckens zu überzeugen — —?«

»Wozu? — Er ist vorhanden, nachdem unser allerchristlichster König geruht haben, es Allerhöchstselbst zu konstatieren!«

»Sollte es nicht möglich sein, daß jener Fleck auf einen Fehler im Glase der Allerhöchsten Lorgnette zurückzuführen wäre?«

»Sie geben mir eine Idee!«

»Nicht wahr — Hoheit haben selbst nichts gesehen?«

»Ich? Nein! Allerdings nicht!«

»Wollen denn Hoheit sich nicht nochmals durch Augenschein überzeugen?«

»Aber mit Vergnügen! — Nur möchte ich wissen wie?«

»Hoheit werden wohl als bevorzugter Beschützer jederzeit freien und unbehinderten Zutritt zu ihrem Räumen haben?«

»Das schon! Selbstverständlich habe ich das! Aber haben — — und Gebrauch davon machen! — Mein Lieber, man überrascht eine Dame doch nicht so —!«

»Wenn man sie liebt — —«

»Mon Dieu! — Kommen Sie mir wieder mit jenem — Gefühl? Man hat eine Laune — heute diese, morgen jene — aber lieben, sich fesseln lassen — sich in jener vorsintflutlichen Weise echauffieren! — Was denken Sie von mir?«

»Auf alle Fälle gilt es, hier einen Irrtum aufzuklären — und zwar einen, dessen Folgen sonst verhängnisvoll sein könnten! — Da nimmt man keine Rücksicht!«

»Sie haben recht! Wir wollen uns gewissermaßen als Gerichtskommission konstituieren! Denn Sie müssen dabei sein. Wir wollen uns zu ihr begeben!«

Carignan klingelte. Der Kammerdiener erschien.

»Den goldenen Schlüssel!«

»Welchen befehlen Hoheit?«

»Den letzten!«

»Also Rue Viviennes?«

»Rue Viviennes, Schafskopf! Und dann sofort ein Kupee ohne Livree!«

»Das Kupee steht, wie immer, bereit!« antwortete der Kammerdiener und verschwand, um gleich danach mit einem purpurnen Kissen zurückzukehren, auf dem ein goldener Schlüssel ruhte.

Der Herzog nahm ihn, winkte Fossano und ging. So schnell wie möglich ließ er sich nach dem kleinen Hotel in der Rue Viviennes fahren, wo Barberina residierte, fuhr aber nicht an der Treppe vor, sondern ließ an dem kleinen Gartentor an der hinteren Seite des Parks halten, das stets verschlossen war.

Er öffnete es mit dem goldenen Schlüssel, desgleichen die Tür einer geheimen Treppe, deren Vorhandensein Barberina unbekannt war, und die direkt zu ihrem Schlafzimmer führte — stieg hinauf, von Fossano gefolgt, und blieb lauschend an einer Tür stehen.

»Kein Laut!« flüsterte er nach langem Horchen. »Sie wird noch schlafen!«

»Sicher!« sagte Fossano .»Wenn sie keine Probe hat, schläft sie bis in den Nachmittag!«

»Gehen wir hinein!« flüsterte der Prinz, schob vorsichtig den sämtlichen Schlössern angepaßten Schlüssel ins Loch und drehte ihn um.

Sie standen im Allerheiligsten. Ein betäubender Duft von starkem Parfüm schlug ihnen entgegen. Anfangs konnten sie, vom Sonnenschein draußen geblendet, nichts sehen. Aber allmählich gewöhnten sich ihre Augen an das Halbdunkel. — Das Himmelbett mit seinen zugezogenen Vorhängen aus rosaseidenem Brokat — die nachlässig auf alle Möbel hingeworfenen Kleidungsstücke — die goldgestickten kleinen Pantoffeln am Bett — die Schmucksachen auf der von Kristallflakons funkelnden Toilette traten so allmählich nebelhaft in Erscheinung.

Auf den Fußspitzen schlichen sie an das Bett heran und lauschten den ruhigen Atemzügen der hinter den Vorhängen Schlafenden.

»Sie wacht nicht auf!« flüsterte Fossano beruhigend. »Hoheit können ruhig näher treten! Wenn sie so schläft, könnte höchstens ein Pistolenschuß sie wecken!«

»Schweigen Sie! Machen Sie hell!« kommandierte der Prinz. Und Fossano tastete sich an das Fenster heran, zog die dichten Vorhänge zur Seite und ließ die Sonne herein, kam dann auf den Wink des Prinzen wieder ans Bett heran und hob den Bettvorhang vorsichtig auf.

Hoheit trippelte auf leichten Füßen näher, hielt das Lorgnon an die Augen, beugte sich vor, faßte mit eleganter Handbewegung den Zipfel der Bettdecke, hob sie hoch — ließ sie aber mit einem Ausruf der zornigsten Überraschung fallen und wankte zurück.

»Was gibt's?« fragte Fossano.

»Mon Dieu! — Aber so sehen Sie doch! Sehen Sie selbst!«

Fossano schlich näher. Ein Blick genügte. Auf dem Kissen neben Barberina ruhte — der jugendliche Kopf des Herzogs von Durfort!

»Diese Infamie!« rief der Prinz mit halberstickter Stimme. »Diese unerhörte Treulosigkeit! Was mache ich nun mit dieser liederlichen Kreatur?«

»Hoheit sind hier der Herr und Gebieter!«

»Und Sie meinen, ich sollte hier den eifersüchtigen Betrogenen spielen?! Lächerlich!«

»Wenn's gilt, der Lächerlichkeit zu entgehen — ja!« sagte Fossano und verbeugte sich. »Hoheit werden aber gestatten, daß ich mich vorher entferne!«

»Sie lassen mich im Stich?!«

»Dergleichen wird gewöhnlich nur unter den direkt Beteiligten ausgemacht! Hoheit wollen doch keine Blamage!« versetzte Fossano, schadenfroh lächelnd, schlüpfte durch die Tür nach der Wohnung hinaus und überließ den Prinzen seinem Schicksal.

Die arme Hoheit stand da, blickte unsicher bald nach dem Bett, aus dem ihm das unbefangenste Schnarchduett entgegentönte — bald nach der Tür, durch die er gekommen war — konnte sich aber nicht entschließen.

Wäre er allein gekommen — sicherlich wäre er seines Weges gegangen — er hätte ihr den Laufpaß gegeben, und die Sache wäre ohne Aufregung abgelaufen!

Aber jetzt hatte er einen Zeugen gehabt! — Jetzt ging's nicht ohne weiteres! Seine Reputation verlangte eine Aktion — oder man würde über ihn lachen! — Entsetzlich! Ihn, den Prinzen von Carignan, sollte man wegen einer hergelaufenen Tänzerin lächerlich machen können!

Er machte entschlossen einen Schritt auf das Bett zu. Die Knie wankten ihm, er sank auf ein Taburett nieder und wischte sich mit dem Spitzentaschentuch den Angstschweiß aus dem Gesicht, der schon durch die dick aufgetragene Schminke hindurchsickerte.

»Mein Gott, was mache ich nur?« flüsterte er. Aber sein gequälter Seufzer fand bei dem ruhigen, zufriedenen Schnarchen der Schlafenden nur eine alles andere denn beruhigende Antwort!

11

Draußen in ihrem kleinen Kabinett hatte Mama Campanini soeben ihre Andacht beendigt, sie putzte die Flamme der ewigen Lampe, bekreuzigte sich vor dem Muttergottesbilde, setzte sich an ihren Sekretär, schlug ein kleines, rot gebundenes Büchlein auf und vertiefte sich in die langen Kolonnen von Zahlen, die da untereinandergereiht waren.

Das Geschäft blühte. Die goldene Jugend von Paris wetteiferte um den Vorzug, ihre Schätze Barberina zu Füßen zu legen. Und Mama nahm den Tribut gnädigst in Empfang, buchte ihn gewissenhaft, um ihn später nutzbringend anzulegen, vertröstete die jungen Leute je nach Rang und Vermögen mit Hoffnungen oder Versprechungen und ließ keinen ohne die bestimmte Zusage ihrer Fürsprache gehen.

So nahm sie die Sünden ihrer Tochter auf sich. Kein einziger von den jungen, galanten Herren durfte der schönen Babara nahen, ohne vorher von der Mama ins Gebet genommen zu werden. Sie war das Fegefeuer, Babara das Paradies. Im Fegefeuer wurden sie geläutert. Dort ließen sie den irdischen Tand. Im Paradiese genossen sie überirdische Wonnen.

Die Mama prüfte sie auf ihre Vermögensverhältnisse und ihre Opferwilligkeit und erledigte alles Geschäftliche.

Babara erledigte gelegentlich den Rest — frei von aller Schuld. Sie war eben nichts als die gehorsame Tochter.

Auch das Geschäftliche gegenüber dem Himmel erledigte die Mama. Täglich ging sie zur Beichte und ließ sich die Sünden des vorhergegangenen Tages vergeben. Empfing dann die Tochter abends in neugewonnener Unschuld in ihrem Gemach, so saß die gute Alte im Vorzimmer, lächelte beglückt beim fernen Klang der Gläser und betete ihren Rosenkranz. Sie schlief dann den Schlaf der Gerechten und träumte von ihren Schätzen, die sich, dank der gehorsamen Tochter, wacker vermehrten.

Auch sie war enttäuscht über den bloß halben Sieg Babaras am Hofe. Aber Könige sind nicht im Sturm zu nehmen! Alles muß seine Zeit haben! Und inzwischen gab's ja zu tun!

Fossano war für sie erledigt. Sie sah ihn nur im Theater, wo sie nicht mehr mit ihm sprach.

Daß er sich rächen würde, wußte sie. Sie sah es aus den haßerfüllten Blicken, mit denen er ihre Tochter verfolgte, und wußte, daß er ihr auflauerte und nach einer Gelegenheit spähte, sie in ganz eklatanter Weise bloßzustellen.

Sie ließ sich aber nicht stören. Sie lebte in den Tag hinein und besorgte ihre Geschäfte pünktlich und gewissenhaft.

An diesem schönen Morgen war sie aber nicht ganz zufrieden, als sie ihr Büchlein mit den vielsagenden Zahlenreihen zuklappte. — Sie hatte gestern eine stattliche Summe im voraus buchen können, mußte sie leider aber heute mit einem Fragezeichen versehen.

Mylord Arundel, der gestern sich und jene Summe zum Souper angesagt hatte, war schmählich enttäuscht wieder abgezogen. Der Befehl, bei Hofe zu tanzen, war so schnell und unerwartet gekommen, daß sie ihm nicht einmal hatte abschreiben können.

Sie hatte ihn auf ihren Knien um Entschuldigung bitten müssen und ihm mit Mühe und Not ein halbes Versprechen abgerungen, heute zum Lever Babaras zu erscheinen.

Kommt er? — Kommt er nicht? — Die Frage hatte ihr ihre Nachtruhe verdorben! Und jetzt ging sie schon seit Stunden in der Wohnung umher und wartete auf Babara, die sie nicht zu wecken wagte — die aber schlief, als stünde für sie gar nichts auf dem Spiel!

Immer wieder ging sie an die Tür des Schlafzimmers und lauschte. — Denn käme er, dann müßte Babara auch visibel sein! — Sonst wäre alles verloren und Seine Herrlichkeit würde den Strom seiner Schätze in ein anderes Bett leiten!

Sie gönnte dem guten Kinde ja die Ruhe! — Es mochte wohl müde sein nach der Vorstellung und der langen nächtlichen Fahrt! Kein Mensch konnte aber voraussehen, wie lange die Jugend und die Schönheit währen würden! — Für die Ruhe des Alters mußte gesorgt werden!

Nach langem Zögern entschloß die Mama sich endlich, an die Tür zu klopfen. Aber ehe sie noch ihre Absicht vollführt hatte, wurde sie durch einen entsetzten Schrei aufgeschreckt!

Es war drinnen im Schlafzimmer!

Noch einmal schrie es! Kein Zweifel, es war ihre Tochter! Dann wurden auch andere Stimmen laut — zornige Männerstimmen, die gegeneinander wetterten!

Sie eilte hinzu — sie rüttelte heftig an der verschlossenen Tür! — — Da gerade mußte man ihr den Besuch Arundels melden!

Sie durfte ihn nicht abweisen, sie mußte ihn sogar gleich empfangen! — — Und drinnen bei ihrer Tochter ging etwas vor! Sie wußte nicht was, begriff aber, daß es Seiner Herrlichkeit verheimlicht werden müßte! — — Sie tat ihr Bestes!

Sie nötigte Mylord zum Sitzen, schwatzte drauflos von allem möglichen — vom gestrigen Hoffest — vom Erfolg Barberinas — von der Gnade des Königs — fragte den Lord nach dem letzten Rennen — nach den Jagden auf seinen englischen Gütern — überhörte seine Antworten, unterbrach ihn mitten in der Rede, um nach dem Wetten zu fragen und nach der Möglichkeit, im Spiel Glück zu haben — sie ließ ihn nicht zu Worte kommen und hütete sich wohl, sich nach seinen Empfindungen für Babara zu erkundigen.

Mylord ließ mit echt englischem Phlegma alles über sich ergehen; er glaubte zunächst, eine Irrsinnige vor sich zu haben, entschied sich dann für die Annahme, Mama Campanini hätte sich die schönen Weine, die gestern nicht getrunken waren, zu Kopfe steigen lassen, wurde endlich zornig, herrschte sie an, sie solle mit dem Geschwätz aufhören, und stand auf, um sich selbst bei ihrer Tochter anzumelden, da sie seine wiederholte Frage nach ihr nur noch stotternd beantwortete.

Da sprang die Tür des Schlafzimmers auf, und der Prinz von Carignan erschien auf der Schwelle. Aber in welcher Verfassung! — Keuchend vor Zorn, die Augen blutunterlaufen, den Hut schief auf der derangierten Frisur, die eine Spitzenmanschette zerrissen — mit der Hand krampfhaft den Stock umklammernd und sich darauf stützend, um das Zittern des ganzen erlauchten Körpers besser zu prononcieren!

Als er Arundel sah, erkämpfte er mühsam, aber mit vollendeter Eleganz, die Fassung und grüßte genau so reserviert, wie es die Situation erforderte.

»Ich bin entzückt, Eurer Lordschaft hier zu begegnen!« lispelte er.

»Ich bin auch charmiert!«antwortete Seine Herrlichkeit ebenso steif und nicht minder höflich.

»Ich räume Eurer Herrlichkeit mit Vergnügen das Feld«, setzte Carignan fort, »und wünsche, Sie mögen es einmal ebenso befriedigt verlassen wie jetzt ich!«

»Hoheit sind sehr gütig!« gab der Lord zurück.

»Deine saubere Tochter aber werde ich ins Dirnenhospital schicken! Und dich auch, alte Kupplerin!« schrie der Prinz der alten Campanini zu, drohte ihr mit dem Stock und ging, ohne sich weiter um Seine Herrlichkeit zu kümmern.

Arundel blieb stehen und sah die Mama verächtlich an.

Diese alte Frau hatte sich erlaubt, ihn zum besten zu halten — hatte ihn herbestellt, um ein Renkontre zu provozieren — um ihn mit Carignan zu brüskieren und ihn durch den publiken Skandal zu zwingen, offiziell das Protektorat des Hauses zu übernehmen! — Das war zu plump!

»Damn!« sagte er, »Sie haben den Prinzen von meinem Besuch unterrichtet! — Schweigen Sie — Sie führen mich nicht hinters Licht! Sie werden auch keine Freude an Ihrer Intrige haben! Ich gehe jetzt! Und ich weiß nicht, ob ich Ihr Haus noch besuchen werde!«

Da erschien Babara in der Tür — auch sie verwirrt und aufs äußerste aufgeregt, aber in ihrem Negligé so berückend schön, daß der Zorn Seiner Herrlichkeit sofort verrauchte.

Sie floh zwar in holder Verschämtheit, als sie Arundel sah. Aber ihre Decontenance hatte so viel Charme, daß Seine Lordschaft sofort den Kopf verlor! — Und jetzt wußte nicht nur er, sondern auch die Mama, daß er wiederkommen würde!

»Ich will Gnade vor Recht ergehen lassen, Signora«, sagte er und gab ihr die Hand, die sie sofort devot küßte. »Aber Sie werden mich nie wieder in eine derartige Situation bringen! Mademoiselle, Ihre Tochter wird etwas Zeit nötig haben, um die Folgen der Aufregung zu überwinden, denke ich. Ich komme also heute abend wieder!«

»Eure Lordschaft machen mich überglücklich!«

»An Sie denke ich überhaupt nicht! Ich will gut bedient sein! Das Beste, was in Paris Küche und Keller vermögen! Merken Sie sich's, Signora! Meine Börse steht Ihnen zur Verfügung!«

Und ohne ihre Beteuerung zu beachten, er würde besser als der König selbst bedient werden, ging er, kaum noch grüßend.

Als die Signora sich von ihrer tiefen Abschiedsreverence aufrichtete, stand Fossano vor ihr.

Aus dem Nebenzimmer, in das er schnell geschlüpft war, hatte er die ganze Szene verfolgt und trat jetzt ein, um ihre Niederlage zu vervollständigen.

Sie schrie leicht auf, als sie ihn sah. — Sie erkannte ihn kaum wieder, so sehr hatte er sich verändert seit jenem denkwürdigen Abend in der Oper.

Der verwöhnte, siegesbewußte Liebling der Frauen — das Schoßkind des Glücks war aus seiner ganzen Erscheinung vertilgt. Nur noch ein Schatten von ehedem, stand er da, die Augen flackernd und vor ungestillter Rachsucht unheimlich aufleuchtend. Aber die Unsicherheit, die sonst aus den grämlich verzerrten Zügen sprach, war jetzt auf einmal verschwunden. Sonst schleichend wie ein Jäger, der einem schwer zu erlegenden Wild nachstellt — jetzt schadenfroh lächelnd, im frohen Vorgefühl, daß er dem gehetzten Wild den Fang wird geben können.

»Warum so ängstlich?« lachte er, als er ihre entsetzte Miene sah. »Ich tue Euch nichts an, und Eurer Tochter auch nicht! Ich komme nur, um Euch rein geschäftlich zu sprechen, und zwar in Eurem eigenen Interesse!«

»Wir brauchen Eure Hilfe nicht!«

»Mehr als Ihr denkt!« sagte er, schadenfroh lächelnd. »Und obwohl Ihr's nicht wünscht! Ihr seid wohl geschickt — Ihr versteht wohl die gute Gelegenheit auszunützen, die Ihr mir verdankt — aber wie Ihr den Erlös sichern — wie Ihr den Gefahren entgehen sollt, die Euch bedrohen, das wißt Ihr nicht! — Ebensowenig, wie Ihr wißt — wer jetzt drinnen bei Eurer Tochter weilt!«

»Bei ihr ist niemand!«

»Allerdings — in Eurem Sinne — ein Niemand, ein Tunichtgut! Aber in den Augen Babaras mehr wert als all die Schätze, die ihr die anderen zu Füßen legen! Und ein Prinz — ein vornehmer Herr, der Euch mit der größten Eleganz helfen wird, Eure Ersparnisse durchzubringen! Ich brauche nur den Namen Durfort zu nennen — —«

»Er hätte die Keckheit gehabt, trotz meines Verbotes —?«

»Er hatte die Güte, Eure Tochter von Fontainebleau hierher zu begleiten und ihr die lange Reise zu versüßen! Und, da hier alles schlief, mußte er ihr ja notgedrungen auch beim Zubettgehen behilflich sein! — Echauffiert Euch nur nicht deswegen! — Dergleichen kleine Launen werden bei Babara nie ganz zu vermeiden sein. — Das Herz muß dann und wann auch sein Recht haben. Wenn sie sonst nur gehorsam bleibt, so ist nichts verloren! — Der Mann, der heute abend hier soupieren wird — —«

»Ihr habt gelauscht!«

»Das hatte ich nicht nötig. Mylord sprach sehr laut. Und Ihr — — nun, Ihr scheint mir auch das rechte Wort gefunden zu haben! Haltet Euch den Engländer warm! Er wird Euch den Weg — drüben, in England — ebnen! Dort erst wird Babara zu Gold und Ehren kommen! Dort muß sie hin — hier hat sie verspielt! Bei Hofe wird sie nicht zu Geltung kommen. — Nach ihrem gestrigen Mißerfolge sicher nicht!«

»Von einem Mißerfolg kann bei ihr gar keine Rede sein! Ihr werdet wieder schlecht getanzt haben! Ihr werdet wieder versucht haben, sie aus der Stimmung zu bringen — von Eurer Niedertracht wäre es schon zu erwarten! Sie wird dann eben nochmals bei Hofe tanzen, aber ohne Euch! Ihr tanzt nie wieder mit ihr, dafür sorge ich!«

»Und wenn sie auch nochmals dort tanzen wird — die Augen des Königs werden nie wieder auf ihr ruhen, nachdem er sie einmal gesehen und unwürdig gefunden hat!«

»Das ist nicht wahr!«

»Ich war doch dabei! Ich habe ihre Niederlage mit eigenen Augen gesehen! Sie ist hier deklassiert! — Sie hat hier verspielt! Geht nur nach England — laßt sie durch Seine Lordschaft entführen! Aber raschen Entschluß! Schnelles Handeln, ehe der Zorn des Prinzen von Carignan verraucht! Folgt meinem Rat! — Mich werdet Ihr auch drüben finden! — Nicht am Theater! — Nein, ich habe etwas Besseres vor! Wenn mein Engagement hier aus ist, lege ich drüben in London eine Spielbank auf; Ihr könnt partizipieren, wenn Ihr wollt! Im Handumdrehen verdoppele ich Euer Vermögen und Ihr könnt Euch's noch auf Eure alten Tage leisten, Eurer Tochter zu gestatten, dem Lord Arundel die Treue zu bewahren!«

Hohnlachend ging er seines Weges und ließ die erbitterte Signora sitzen.

Eben wollte sie gehen, um ihrer ungehorsamen Tochter den Text zu lesen, da erlebte sie die letzte und schwerste Überraschung dieses verhängnisvollen Morgens.

Der Vertraute des Prinzen von Carignan in allen galanten Dingen, ein gewisser Herr de Thunet, der von Seiner Hoheit Gnade existierte und auf dessen Namen die Hotels der prinzlichen Mätressen stets gemietet waren, trat unangemeldet herein, ein Register in der Hand und von mehreren Helfershelfern begleitet. Ohne die Signora eines Blickes zu würdigen, klappte er sein Register auf, klemmte eine Hornbrille auf die Nase und fing an, die kostbaren Meubles zu bezeichnen, mit denen er im Auftrag Seiner Hoheit das Hotel ausgestattet hatte. Für jedes Stück machte er eine Aufzeichnung im Register, gab den Gehilfen einen Wink und, von festen Fäusten gepackt, wanderte das betreffende Möbel durch die Tür hinaus, trotz der entrüsteten Proteste der alten Dame.

»Seine Hoheit haben nur den Wunsch, den Platz zu räumen«, war alles, was er zur Antwort gab. »Denn die Mietsquittung haben Sie doch in Händen, und Sie bleiben doch hier?«

»Ich bleibe! Und die Möbel auch!«

»Seine Hoheit haben befohlen, für die Meubles Seiner Herrlichkeit des Mylord Arundel Platz zu machen«, antwortete der Vollstrecker des prinzlichen Zornes trocken und räumte in aller Gemütsruhe Zimmer nach Zimmer aus, bis nur noch das Boudoir und das Schlafzimmer übrig waren.

Da pflanzte sich die Signora mit ausgebreiteten Armen vor der Tür auf.

»Nur über meine Leiche kommt Ihr da hinein! — Keinen Stuhl, keinen Schemel, auch nicht das geringste Stück der Einrichtung nehmt Ihr von dort mit!«

»Seine Hoheit legen keinen Wert auf die Ausstattung des entweihten inneren Heiligtums«, antwortete der alte Registrator des galanten Inventars. »Alles, was geeignet wäre, peinliche Erinnerungen oder bittere Empfindungen zu erwecken, bleibt hier und mag auch ferner der Untreue dienen! Aber die kostbaren Spitzen aus Brabant, die alten Juwelen und sonstigen Schmucksachen, wie sie hier verzeichnet sind« — er klappte ein zweites, noch umfangreicheres Register auf —, »haben Hoheit mir befohlen, wieder in Empfang zu nehmen!«

»Er fordert seine Geschenke zurück!«

»Hoheit erachten sich für unwürdig, den schönen Leib Eurer Tochter zu schmücken, den sie fortan von anderen Anbetern verzieren lassen will! Dürfte ich bitten, die Sachen herbeischaffen zu wollen und so meine Aufgabe zu erleichtern?«

»Niemals!« schrie die alte Frau, entsetzt, eines so ansehnlichen Teiles ihres Gewinns beraubt zu werden. Aber sie hatte die Empfindungen ihrer Tochter außer Berechnung gelassen.

Babara, die sich allmählich von der Überraschung erholt hatte, war durch ihre Kammerjungfer von der Ausräumung ihres Hauses benachrichtigt worden und trat jetzt voller Zorn aus ihrem Boudoir heraus.

»Nichts — gar nichts will ich von ihm haben«, rief sie, streifte Armbänder und Ringe ab und warf sie dem Exekutor zu. »Da, nehmt nur! Und da!«Sie zeigte auf die Schatullen und Kästen, die ihre Zofe hinter ihr hertrug. — »Schaut nur genau nach, daß nichts fehlt! — Die Roben, schnell! — Die Spitzen — das brokatne Zeug — schnell, her damit! Fort aus meinen Augen mit allem, was an diesen alten Gecken erinnert!«

Sie unterbrach ihre Rede und eilte ans Fenster, durch das sie Peitschenknall und rollende Räder gehört hatte.

»Ich wüßte nicht, daß ich den Wagen befohlen hätte!« rief sie, schwieg aber plötzlich, als sie das höhnende Lächeln des Abgesandten ihres bisherigen Gebieters sah.

»Die Mühe haben Seine Hoheit Ihnen abzunehmen geruht!« sagte er spöttisch. »Mademoiselle werden es unzweifelhaft vorziehen, eine andere Equipage bei Dero Ausfahrten zu benutzen? Die Stallungen des Hotels sind klein. Das Palais Soissons bietet mehr Platz! Seine Herrlichkeit, Mylord Arundel, bevorzugen ja das Vollblut, und die Schimmel meines Gebieters würden schwerlich Gnade vor seinen Augen gefunden haben! — Auch den Goldfüchsen Seiner Herrlichkeit wünschen Hoheit Platz zu schaffen. Und so beehre ich mich, seine Entschließung mitzuteilen, daß er auf die Auszahlung der Mademoiselle zugesicherten Rente von tausend Louis von heute ab verzichtet!«

Womit der brave Thunet sein Register zuklappte und nach einer steifen Verbeugung das nunmehr leere Zimmer verließ, das der aus allen Himmeln gestürzten Signora Campanini nicht das geringste Möbel mehr darbot, auf das sie hätte in Ohnmacht sinken können!

»Wir sind blamiert! Wir sind vor aller Welt lächerlich gemacht!« seufzte sie.

»Wenn's nur aller Welt gefällt, mich in Ruhe zu lassen, mir soll's recht sein!«

»Womit willst du den Lord Arundel empfangen? Auf der Erde kannst du nicht mit ihm soupieren!«

»Lord Arundel wird eben nach Hause geschickt!« sagte Babara gelassen.

»Du bist eine Undankbare! — Du wirst mich noch ins Grab bringen! Ach, ich Unglückliche! Ach, ich Armselige! Hättest du nur nicht Fossano vor den Kopf gestoßen! Dem Elenden verdanken wir dies alles!«

»Ich werde es ihm auch zu danken wissen! Einen größeren Gefallen als heute hätte er mir nicht erweisen können!«

»Du redest wie eine Irrsinnige!«

»Ich rede wie eine, die bis jetzt im Traum gelebt hat und plötzlich erwacht! So ist's! Denn jetzt sehe ich klar, wo ich war und wo ich nicht mehr sein will! Und ich freue mich, endlich frei zu sein! Dies ganze abscheuliche Leben, zu dem ihr — du und er — mich gezwungen habt, widert mich an! Ekel ist alles, was ich dabei empfunden habe! — Ekel vor mir selbst — Ekel vor einer Welt, die ihre Gunst nur um den Preis der Selbstschändung verkauft! Das soll jetzt aber ein Ende haben! Das mache ich nicht mehr mit!«

»Was willst du denn tun? — Wovon gedenkst du zu leben?«

»Von meiner künstlerischen Leistung! Die soll man mir bezahlen — meine Person aber fortan in Ruhe lassen! Ich kann das verlangen!«

»Dann kennst du die Welt nicht!«

»Dafür weiß ich mit mir Bescheid. Und auch, daß ich niemals den Gipfel der Kunst erklimmen werde — niemals das Göttliche erreichen, was mir im Augenblick des künstlerischen Rausches vorschwebt, wenn ich noch an äußeren Erfolg und Schätzesammeln denke! Niemals werde ich das Gefühl der Erdenschwere los, das mich auch in den Augenblicken der höchsten Wonne herabzieht — wenn ich nicht mit aller Macht gegen das Lotterleben ankämpfe, in das du — und jener Elende mich hineingezogen habt!«

Sie kehrte der alten Frau den Rücken, setzte sich an den Schreibtisch, warf rasch ein paar Zeilen auf einen Briefbogen hin, faltete ihn zusammen, schrieb die Adresse, klingelte und reichte ihn der Zofe.

»An Mylord Arundel!« sagte sie. »Sofort durch Boten hinsenden! Und — daß du's dir merkst —, künftig bin ich für niemand zu Hause! Der Marquis von Thibouville, der Prinz von Gobriant, der Herzog von Durfort — alle ohne Ausnahme werden sie fortgeschickt! Und du auch, auf der Stelle, falls du dich unterstehst, auch nur einen einzigen zu melden, unter welchem Vorwand es auch sein mag! — Halt!« rief sie der Zofe zu, die sich eben entfernen wollte. — »Geh noch zur Oper, melde mich krank! — Sterbenskrank, verstehst du? — Ich tanze heute nicht und morgen auch nicht! Auch kannst du ein Wort fallen lassen, daß ich, sobald ich meine Kräfte wiedergewonnen habe, Paris verlasse und nach London gehe!«

Die Zofe ging.

Die Mama fand endlich Worte.

»Du denkst in allem Ernst daran, nicht mehr aufzutreten?«

»Ich betrete die Oper nicht mehr! Ich werde auch bei Hofe nicht mehr tanzen!«

»Aber der Befehl des Königs?«

»Gilt nur für seinen Generalinspekteur der Oper! Mag er sehen, wie er den Befehl befolgen kann! Mich kümmert's nicht!«

»Er hat die Macht, dich zu zwingen!«

»Nichts kann mich zwingen, wenn ich nicht will! Das wird der Prinz zu wissen bekommen! Ich tanze nicht, und wenn er mich kniefällig um Verzeihung bittet! Ich werde ihn schon klein kriegen!«

Und dann setzte sie sich endlich hin, um ihre Schokolade zu trinken, und trällerte vergnügt wie ein aus dem Bauer entschlüpfter Vogel!

12

Der Prinz von Carignan saß in seinem Kabinett und ließ sich von seinem Sekretär Vortrag halten. Seine Stirn war gefurcht, die Haut gelb von der übergetretenen Galle, die Augen blickten trübe.

Die Spielbank ging schlecht. Der Pächter lieferte keine Überschüsse ab. Die Oper spielte vor leeren Häusern. In der Theaterkasse war kein Sou zu finden. Paris war in Aufruhr. Die feine Welt revoltierte gegen das Regiment des Theatergewaltigen. Sein Thron wankte.

Fast zu gleicher Zeit hatte er drei seiner leuchtendsten Sterne verloren. Die Camargo war ihm mit einem Verehrer durchgegangen. Madame Sallé, erzürnt wegen ihrer Zurücksetzung zugunsten Barberinas in Fontainebleau, hatte ihm ihr Abschiedsgesuch, und zwar durch einen Gerichtsbeamten, zustellen lassen.

Was ihm noch blieb, war nicht zugkräftig genug.

Hätte er wenigstens die Barberina, dann wäre der Verlust der anderen zu verschmerzen! Aber die war immer noch krank und weigerte sich aufzutreten.

»Noch immer keine Besserung?« fragte er betrübt den Sekretär.

»Leider nicht! Wir haben ihr aber ein unfehlbares Heilmittel verabreichen lassen! Der Befehl, nächste Woche in Versailles zu tanzen, ist ihr gestern zugegangen! Das wird sicher helfen!«

»Und wenn sie sich weigert?«

»Sie wird sich hüten!«

»Du kennst sie eben nicht! Sie ist launenhaft und rachsüchtig. Sie wird mich sicher in Verlegenheit bringen wollen! Mir ahnt nichts Gutes! — — Wir können aber nicht unsere Position durch ihre Launen erschüttern lassen! Der König würde mir einen Ungehorsam gegen seinen Befehl niemals vergeben! Es wäre die sichere Ungnade! Sie muß in Versailles tanzen und wenn die Welt darob zugrunde gehen müßte! Wir müssen sie versöhnen!«

»Wie gedenken Eure Hoheit das zu tun?«

»Geschenke! — Geld! — — Das vermag alles!«

»Wir haben kein Geld!«

»Wir haben unseren Schmuck — wir haben unsere Gemäldegalerie!«

»Hoheit wollen sich von den Schätzen der Galerie trennen?«

»Wenn wir sterben, müssen wir es sowieso! — Und ich ziehe den Tod der königlichen Ungnade vor! Du sollst die Gemälde zu Geld machen!«

»Zu Befehl!«

»Den Erlös schickst du ihr! Auch das Gespann und die Equipage! Und schreibe ihr, ich bedauerte den Vorfall von neulich! Die Aufregung, in der ich mich befand, war ja nur zu erklärlich! Ich will aber darüber hinweggehen und ihr wieder die Rente auszahlen lassen! Noch heute vormittag muß alles erledigt sein! Morgen hältst du mir Vortrag darüber!«

Der Sekretär eilte, die Befehle auszuführen. Der Prinz ließ sich in den Garten hinaustragen und gab Befehl, den ganzen Vormittag niemand vorzulassen außer Signore Fossano, den er zu sich befohlen hatte.

Fossano kam. Er sah nicht ohne Genugtuung die Spuren der Verheerung, die die Aufregung bei seinem erlauchten Nebenbuhler hinterlassen hatte.

»Sie haben mich da in eine schöne Situation gebracht, mein Lieber!« sagte der Prinz leicht vorwurfsvoll. »Man ist derartigen Gemütserschütterungen nicht mehr gewachsen! Sie sind auch schwer mit dem guten Ton vereinbar! Dergleichen geht man am besten aus dem Wege! — Sie hatten es aber so schlecht arrangiert, daß wir es nicht mehr konnten!«

»Geruhen denn Eure Hoheit einzusehen, daß auch ich in eine derartige Aufregung versetzt werden konnte? Und daß es mir dadurch unmöglich gemacht wurde, so gut zu tanzen wie sonst?«

»Wenn das der Zweck Ihrer Demonstration war, so haben Sie ihn erreicht!«

»Eure Hoheit wollen also auch glauben, daß ich jene Schwäche niedergekämpft habe und jetzt ganz wieder der alte bin?«

»Keinesfalls! Wer einmal den Kopf verliert — —«

»Der nimmt sich ein anderes Mal in acht, wenn er in dieselbe Situation kommt! — Wollen Eure Hoheit mich auf die Probe stellen?«

»Ich kann Sie unmöglich wieder bei Hofe tanzen lassen!«

»Trotzdem wage ich, darauf zu bestehen! Jetzt eben bin ich es meiner Reputation schuldig, dort zu zeigen, was ich kann! Sonst ist's um meine Karriere geschehen!«

»Das interessiert uns nicht! Sie müssen für sich selbst sorgen! Sie waren eben schlecht! Warum haben Sie nicht besser getanzt?! Sie müssen die Folgen tragen!«

»Das werde ich auch tun! Eure Hoheit können aber versichert sein — wenn ich nicht in Versailles tanze, dann wird es Barberina auch nicht tun!«

Carignan richtete sich im Sessel auf.

»Ach, sieh nur! Sie drohen uns gar! Ja, sagen Sie einmal, haben Sie sich denn mit ihr versöhnt?«

»Weit entfernt!«

»Dann will ich Ihnen etwas sagen! Sie hat mir in Fontainebleau kategorisch erklärt, daß sie nie wieder mit Ihnen tanzen wird!«

»Das weiß ich! Sie soll es aber tun! Sie wird mit mir tanzen oder überhaupt nie wieder auftreten!«

»Sie planen doch keinen Anschlag auf sie?«

»Hoheit können unbesorgt sein!«

»Wie wollen Sie's denn bewirken?«

»Ich brauche gar nichts zu tun!«

»Ich verstehe Sie nicht!«

»Wenn ich spreche, werden Hoheit verstehen!«

»Also sprechen Sie!«

»Wenn ich spreche, wird sie tanzen! Wenn ich schweige, tanzt sie nicht!«

»So sprechen Sie doch!«

»Erst muß ich die Zusage Eurer Hoheit haben, in Versailles tanzen zu dürfen!«

»Unmöglich!«

»Hoheit werden es bereuen! Barberina tanzt nicht — das bedeutet den Zorn des Königs wegen Nichterfüllung seines Befehls! Aber Hoheit wissen das ebensogut wie ich!«

»Also reden Sie!«

»Hoheit kennen die Bedingung!«

»Mein Gott, Sie eigensinniger Mensch! Wenn's durchaus sein muß — meinetwegen können Sie gern tanzen!«

»Das Ehrenwort Eurer Hoheit!«

»Sie werden dreist!«

»Was ich weiß, rechtfertigt die Dreistigkeit!«

»Nun denn, Sie haben mein Ehrenwort! Aber Sie müssen sich gut halten! Die richtigen höfischen Pirouetten! Keine Seitensprünge wie das letztemal! Ich bitte mir das aus!«

»Hoheit können sich auf mich verlassen!«

»Schön! Und jetzt reden Sie!«

»Barberina hat mit Mylord Arundel ausgemacht, in der allernächsten Zeit Paris zu verlassen und nach London zu gehen!«

»Sie fabeln!«

»Heute früh ist der Diener des Lords nach Calais geritten, mit dem Befehl, überall Postpferde zu bestellen! Von morgen ab liegt ein Kutter zur Überfahrt nach Dover bereit!«

»Wir werden das zu verhindern wissen! Übrigens wird sie jetzt schon anderen Sinnes sein!«

»Hoheit meinen?«

»Ich habe guten Grund, es mit Bestimmtheit anzunehmen!« sagte Carignan, mit einem schmerzhaften Seufzer an die Opfer denkend, die er dafür bringen mußte. »Warten Sie's nur ab! Sie werden sehen! Ich verstehe es, Widerspenstige zu zähmen. Adieu, mein Lieber! Es bleibt bei unserer Verabredung! Aber — wie gesagt — die richtigen Pirouetten! — Keine Extempores! Keine Extravaganzen!«

Fossano ging.

Der Sekretär kehrte wieder mit der betrübenden Nachricht, daß die Barberina sich weigere, ihn zu empfangen. Sie wolle von Seiner Hoheit nichts wissen, keine Botschaft in Empfang nehmen — kurz, ihm war in der schnödesten Weise die Tür gezeigt worden.

Carignan raste. Aber es half nichts! Er mußte in den sauren Apfel beißen und in höchsteigener Person zu ihr fahren, um Buße zu tun. Sonst wäre es um ihn geschehen!

Er fuhr also in Begleitung des Sekretärs hin und wurde von Mama Campanini im leeren Salon empfangen.

»Ich kann Hoheit leider nicht bitten, Platz zu nehmen!« sagte sie mit der Miene einer Dulderin und zeigte auf den Fußboden. »Aber Hoheit haben selbst für den Mangel an Sitzgelegenheit gesorgt!«

»Halten wir uns darüber nicht auf, bitte! Ich will ja alles wieder gutmachen. Warum läßt man denn meinen Boten unverrichtetersache wieder zurückkehren? Geld, Schmuck, Gespann, Equipage — die ganze Einrichtung — alles kann sie wieder haben! Und die Rente auch!«

»Das nimmt sie nur von ihren Freunden an!«

»Mein Gott, ich bin doch ihr Freund! — Ich schätze sie nach wie vor! Ich war einen Augenblick alteriert! — Ich wurde von einer Situation überrascht, in der ich nicht erwartet hätte, mich befinden zu müssen! Aber es ist ja alles wieder gut! — Ich versichere — ich bin ihr gar nicht böse! Sie soll nur hereinkommen!«

»Sie ist noch krank vor Aufregung!«

»Gegen die Krankheit bringe ich eben das beste Heilmittel mit! Holen Sie sie nur her!«

»Sie wird nicht kommen! Als der Sekretär vorhin hier war, hat sie mir rundweg erklärt, sie würde sich von Eurer Hoheit nicht einmal die Hand küssen lassen. Nicht einmal um hunderttausend Francs!«

»Das ist stark! Haben wir etwa den Handkuß angeboten? Wir verzichten gern auf jede Intimität! Wir haben aber nicht nötig, hier zu bitten! — Du bringst mir auf der Stelle deine Tochter her! Ich, ihr Chef, befehle es! Und es würde sowohl ihr wie dir teuer zu stehen kommen, wenn ihr meine Geduld noch lange auf die Probe stellt!«

Das half. Die Signora eilte in das Boudoir, und nach einigem Zögern ließ sich Barberina dazu herbei, vor dem Antlitz des gestrengen Herrn Chefs zu erscheinen.

Sie ließ sich aber durchaus nicht imponieren.

Sie war kalt, abweisend, sah ihn kaum an, wies jeden seiner Versuche, sie zu begütigen, ab und bat ihn schließlich, sie in Ruhe zu lassen. Sie wäre noch leidend! Sie könne keine Aufregung vertragen! Sie wolle sich wieder hinlegen!

Aufbrausend versuchte er es auch bei ihr mit dem Ton des Vorgesetzten. Sie lachte ihn aber aus.

Da verlor er die Fassung gänzlich und verlegte sich aufs Bitten! Sie könne ihm jede Bedingung stellen! — Sie müsse aber bei Hofe tanzen! Sie dürfe ihn nicht ins Unglück stürzen! Die Ungnade wäre ihm gewiß!

»Dann tanze ich erst recht nicht!« lachte sie, und die Schadenfreude leuchtete ihr aus den Augen.

Das gab ihm die Fassung wieder.

»Dann brauche ich Gewalt!« rief er. »Entweder Sie tanzen, oder ich lasse Sie und Ihre Mutter verhaften!«

»Ohne Grund? Das können Sie nicht!«

»Ich habe Grund genug! — Ich weiß von Ihren Fluchtplänen mit Lord Arundel! Meine Polizei ist schon in Bewegung, hat schon überall verboten, Ihnen Postpferde zu geben und das Auslaufen aller Schiffe aus dem Hafen von Calais bis auf weiteres untersagt! Beim ersten Versuch, zu entweichen, sind Sie verhaftet, und Seine Lordschaft auch! Sie werden schon überwacht! — Wollen Sie also tanzen?«

»Ich sehe ein — ich muß der Gewalt weichen! Ich werde also tanzen! Aber Eurer Hoheit Geschenke und die Rente nehme ich nicht wieder an! Ich verlange eine geordnete Stellung auf Grund meiner künstlerischen Leistungen! Mindestens fünfhundert Louis Gehalt monatlich! Und ebensoviel für das eine Mal in Versailles!«

Carignan biß sich auf die Lippen. Er dachte an die leeren Kassen seiner Theater. Aber er sah keinen anderen Ausweg und willigte ein.

Kühn gemacht durch den Erfolg, verlangte sie noch die Aufhebung aller polizeilichen Maßnahmen.

»So dumm sind wir nicht!« sagte der Prinz lächelnd. »Unsere Polizei wird ein wachsames Auge auf Sie haben, Signorina! Bis Sie am Hofe getanzt haben! Dann wollen wir sehen! Studieren Sie jetzt fleißig Ihre Tänze mit Fossano!«

»Mit Fossano?! Nimmermehr!«

»Sie müssen ihn als Partner in Versailles haben!«

»Nein, nein! Er würde mir alles verderben! Wenn Hoheit darauf bestehen, tanze ich nicht! Ich lasse mich lieber köpfen!«

»Nun, so erlassen wir's Ihnen! Er mag ein Solo tanzen! Ich habe übrigens für diesen Fall schon John Rich aus London als Gast engagiert! Er wird kommen, Sie kennen ihn sicher dem Namen nach? Der berühmte Harlekin des Coventgardentheaters! Er wird Ihnen glänzend sekundieren, Signorina!«

»Ich tanze auch mit ihm nicht! Ich will den jungen Riccoboni! Er tanzt mir mehr zu Gefallen! Er hat mehr Talent als all die andern!«

»Nun denn, in Gottes Namen, tanzen Sie mit Riccoboni! Wenn Sie bloß tanzen, ist's mir gleich, mit wem! Ich hätte mir dann den Rich ersparen können! Er wird aber schon unterwegs sein! — Na, das sind alles Bagatellen! Gehen Sie zur Ruhe, Signorina! Pflegen Sie Ihre Tochter, Signora! — Au revoir, meine Damen! Lassen Sie sich's gut gehen!«

Und Hoheit ging, froh, den Verkauf seiner Gemäldegalerie noch rückgängig machen zu können und der königlichen Ungnade so leichten Kaufs entronnen zu sein.

Barberina tanzte in Versailles vor der Königin und dem versammelten Hofe und errang einen glänzenden Erfolg.

Der König erschien aber nicht zur Vorstellung. Er hatte an dem Abend ein größeres Interesse an den Staatsgeschäften als an den Reizen Barberinas und blieb der Veranstaltung fern.

Barberina war außer sich. Carignan nicht weniger.

Aber er hielt Wort.

Nach dem Auftreten Barberinas in Versailles hob er die polizeiliche Überwachung auf. Und sie versäumte nicht, sich das zunutze zu machen.

John Rich, der berühmte Londoner Tänzer, hatte ihr von London vorgeschwärmt. Er verstand es, ihren künstlerischen Ehrgeiz aufzustacheln und spiegelte ihr ganz andere Triumphe vor als die der Galanterie, die sie jetzt bis zum Überdruß satt hatte.

Plötzlich eines Tages war sie verschwunden.

Der Herzog von Carignan erledigte eben die Kassenrapporte des vorhergehenden Tages und war voller Freude, weil die Oper jetzt, nach dem Wiederauftreten Barberinas, allabendlich ausverkauft war.

Da brachte man ihm die Nachricht von ihrem Entweichen.

Das war zuviel!

Die Sallé, die Camargo — das hatte er verschmerzen können! Aber jetzt auch noch die Barberini!

Nach all den Opfern! Nach all den Demütigungen!

Seine Hoheit traf auf der Stelle der Schlag!

Barberina aber tanzte nach den Gestaden Albions hinüber. Und Fama flog vor ihr her mit der Kunde von ihrem Schönheitsflecken und ihren anderen galanten Vorzügen!

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings