Viertes Buch Fridericus Rex (continued 2)
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»Rußland wird nicht ruhig bleiben, wenn wir Sachsen betreten!«
»Deshalb betreten wir es auch nur auf kaiserlichen Befehl! Die kaiserlichen Requisitorialbriefe, die von Sachsen freien Durchzug für Seiner Majestät preußische Hilfstruppen verlangen, sind bereits in Dresden abgegeben worden!«
»Und Sachsen rüstet! Dresden wird befestigt! Man hat uns Drohbriefe geschickt!«
»Dann fängt eben Sachsen den Tanz an! Wir nicht! Wir ziehen vorläufig nur mit unseren Truppen durch das Land! Er soll sehen, wie hübsch brav die Sachsen dann mit dem Säbelrasseln aufhören und uns noch Brücken über die Elbe schlagen werden! Wenn nicht — dann riskieren wir eben die Ungnade Rußlands! Bis die Russen marschieren, haben wir längst gesiegt! Nun gehe Er aber und lasse Er mich mit Seinen Bedenken ungeschoren! Meine Befehle hat Er! Daß Er sie mir richtig exekutiert und keine Minute mit unnützem Geschwätz verliert, weder vor mir noch vor anderen, will ich nunmehro hoffen! Gott befohlen!«
Podewils ging, und der König ließ seine beiden Freunde Jordan und Knobelsdorff rufen, die auch auf Audienz warteten.
Knobelsdorff überbrachte, wie befohlen, einige Detailpläne für Sanssouci, die auch Jordan begutachten sollte. Und die drei Freunde waren bald in die Betrachtung der Zeichnungen und Entwürfe vertieft und ließen Politik Politik sein.
Die Bibliothek war endlich nach Friedrichs Wünschen, ebenso die Schlaf-, Empfangs-, Musikzimmer und die beiden großen, runden Pfeilersäle des Mittelteils, die als Speise-und Audienzsaal vorgesehen waren. Um diese Säle und ihre Einrichtung hatte man schon viel hin und her beraten — heute lagen die endgültigen Entwürfe zur Genehmigung vor.
Die Zimmer des linken Flügels fehlten noch. Friedrich wollte sie als Gastzimmer für seine Freunde herrichten lassen. Und da sollte das letzte, das dem Bibliothekzimmer im rechten Flügel entsprach, als besondere Ehrung für den von ihm vielbewunderten Voltaire eingerichtet werden — was wieder den beiden anderen Freunden überflüssig erschien!
Knobelsdorff sträubte sich energisch dagegen.
»Knobelsdorff wurmt's«, sagte der König, »daß er in meinem Hause nicht die übliche Schloßkapelle bauen darf! Nicht, weil ihm daran gelegen wäre, Gotteshäuser zu bauen! Bloß — wegen der dekorativen und architektonischen Aufgabe, die ihm so entgeht! Die Baumeisters sind wie die Pfaffen! Heuchler alle miteinander! Die Sache gilt ihnen stets weniger als das, was drum und dran ist!«
»Nein, nein!« rief Knobelsdorff aufgeregt, »an meiner Person ist mir wahrhaftig nichts gelegen!«
»Und wenn du auch selbst das Gegenteil glaubst — dir ist es doch nur um Befriedigung deines künstlerischen Ehrgeizes zu tun — auch wenn du Kirchen baust! Da ist's dir, wie all den anderen, ganz gleich, ob der Bau den Menschen andere Empfindungen eingibt als Bewunderung für eure Leistung! Daß sie drin veranlaßt werden sollten, durch all das Schöne, womit ihre Sinne umgaukelt werden, die Gottheit zu verehren, daran denkt ihr nicht — das Wunder zu bewirken traut ihr euch eben nicht zu! Ebensowenig, wie die Pfaffen glauben, die Menschen durch ihre Worte von der Wahrheit dessen zu überzeugen, was sie ihnen predigen! Beweisen können sie nichts — deshalb verlangen sie, man soll glauben, blind glauben, und erschleichen sich so eine Autorität, die denen Strohköpfen nicht zukommt! Man soll ihnen aufs Wort glauben, man soll an sie glauben — das ist der geheime Sinn ihrer dunklen Rede! Tut man nur das — dann mag man im Herzen über das jenseitige Leben denken und glauben, was man will. Sie erziehen zur Heuchelei! Dem wollen wir keinen Vorschub leisten! Und deswegen lassen wir die Baumeisters in unserem Hause keine Kapellen zur Befriedigung ihrer künstlerischen Eitelkeit oder zur Befestigung der pfäffischen Autorität einrichten! Für unseren persönlichen Gebrauch haben wir keine besonderen Gebetzimmer nötig. — Im Speisesaal verkehren wir mit geistreichen Männern — im Musiksaal hat die Kunst das große Wort — in der Stille der Bibliothek finden wir allein und ohne Pfaffen die nötige Erbauung! Als Huldigung für den Geist der Aufklärung aber richten wir dem größten zeitgenössischen Geist eine Wohnung ein!«
»Die er doch niemals bewohnen wird! — Wie oft haben Eure Majestät ihn schon in der schmeichelhaftesten Weise eingeladen! Und er läßt sich immer noch bitten, trotz des glänzenden Empfangs bei seinem letzten Besuch! Er wird niemals ganz nach Potsdam kommen! Ihn wird's immer wieder nach Cirey zu seiner geliebten Marquise ziehen!«
»Die Marquise du Chatelet ist nicht unsterblich! Ihre Reize werden auch einmal welk! Ihr Geist mag noch so viele Künste der Verführung haben, dagegen kommen wir sicherlich zehnfach auf! Nicht wahr, Jordan — du glaubst doch auch, daß er kommen wird?«
»Ich glaube schon, daß er eitel genug ist, nicht zu widerstehen, wenn er von der besonderen Ehrung erfährt, die ihm durch diesen Bau zuteil wird! Er wird jedenfalls aus Neugier herkommen und da Wohnung nehmen! Ob er bleibt? — Ich wage es zu bezweifeln! Zwei so geistvolle Menschen können es sicherlich nicht auf die Dauer vertragen, so intim zu verkehren, daß ihre kleinen Menschlichkeiten ihnen nicht mehr verborgen bleiben!«
»Die kleinen Menschlichkeiten nehme ich ohne weiteres bei ihm an, wie er wohl bei mir! Ebenso aber genügend Geistesgröße, um sie zu ignorieren!«
»Die Art Größe war noch nie auf Erden da!« rief Jordan. »Verehrung braucht Distanz! Die Götter müssen über den Wolken, im Verborgenen, thronen! Hat man sie im Hause, so schlägt man sie, wie die Wilden ihre Götzen!«
»Sein Affentum hat mich nur amüsiert, als er hier war, weiter nichts!«
»Auch die Affen sind nur amüsant — in sicherer Ferne! Läßt man sie zu nahe heran, dann beißen sie manchmal! Das schmerzt — man wehrt sich — man schlägt sie! — Und so wandelt sich das Amüsement in sein Gegenteil!«
»Mit dir ist nicht auszukommen!« rief der König, »du behältst immer das letzte Wort! In der Sache aber behalte ich's, denn ich habe die Macht dazu, indem ich der Bauherr bin! Knobelsdorff soll seine kirchenbauerische Phantasie im Dombau austoben! Hier aber soll er mir einen Rahmen für Voltaire schaffen, der nicht nur ihn zwingt, zu bleiben, sondern schon durch die Aufmachung seinen Geist dazu bringt, seine kleinen Menschlichkeiten im Zaum zu halten und seine Würde zusammenzunehmen!«
»Ich hab's!« rief Knobelsdorff, und seine kleinen Augen leuchteten. »Ich baue ihm einen vergoldeten Affenkäfig! Da sperren Majestät ihn ein, wenn er beißen will!«
»Wir können wieder beißen, wenn's sein muß, und haben keine andere Abwehr nötig! Aber tob dich in der Einrichtung aus, soviel du willst, um seine Eitelkeiten zu geißeln! Bring das ganze Tierreich an — der Papagei darf nicht fehlen! Gieß Hohn und Spott und Satire aus vollen Schalen über ihn aus! — Nur mach's geistreich! Und schaff dir gute Handwerker zur Ausführung! Mach mir einen Entwurf und lege ihn mir vor, wenn ich wieder da bin! Spätestens zu Weihnachten! Denn im Frühjahr legen wir den Grundstein, ob der Krieg vorüber ist oder nicht!«
Knobelsdorff packte seine Zeichnungen ein. Die beiden Freunde verabschiedeten sich und wollten gehen. Da packte Friedrich noch Jordan so heftig am Rockzipfel, daß der kleine dürre Mensch fast umgefallen wäre.
»Du mußt mir noch ein Amt und eine rein praktische Tätigkeit für Voltaire finden!« sagte er. »Mit dem mache ich's wie mit den Pfaffen! Ich lasse keinen Pfaffen ins Amt, der sich nicht vorher verpflichtet, Obstbäume zu pflanzen und im Gartenbau vorbildlich zu wirken! Der Gartenbau veredelt und besänftigt! — So wirken wir der Entstehung von Fanatikern entgegen und haben nebenbei auch fürs zeitliche Leben einen kulturellen Gewinn der priesterlichen Tätigkeit!
Mit Voltaire wollen wir's ebenso machen! Auch er soll hier im Lande von Amts wegen pflanzen und säen, damit sein unruhiger Geist keine Zeit zum Extravagieren hat! So bleibt er uns sicher, und wir haben keine Mühe, ihn zu bändigen! Denk darüber nach! Au revoir!« Die beiden Freunde gingen. Friedrich ließ sich den Degen umschnallen, nahm die Handschuhe, pfiff seinen Hunden und ging hinaus, um noch vor dem Essen die Exerzitien anzusehen!
Nachmittags um sechs war, wie befohlen, das Konzert!
Ausnahmsweise spielte der König heute nicht selbst. Die Hauptnummer füllte diesmal ein Tanzdivertissement von Barberina und Lany aus.
Wie sich's im intimen Rahmen des Musikzimmers von selbst ergab, mußte auf größer angelegte Nummern verzichtet werden.
Man beschränkte sich auf Schäfertänze, zierliche pas de deux, allemagnes, und zuletzt kam eine mit hinreißender Bravour von der Barberina getanzte Tarantella!
Es waren nur einige wenige Eingeladene, vor allem die zur Beratung Befohlenen, der Intendant Baron Sweerts, Graun und der Maler Pesne, die Friedrich noch vor Beginn des Konzerts über seine Pläne orientiert hatte.
Kein Beifall durfte laut werden. Aber in den Blicken der Zuschauer, die alle von der Leistung Barberinas hingerissen wurden, war helle Begeisterung, und Entzücken in allen Zügen.
Nur der König saß sinnend da und sah zerstreut dem Tanze zu. Er war noch ganz erfüllt von den vielen künstlerischen Entwürfen, die seinen Geist beschäftigten! Denn auch die Politik, und insbesondere der Krieg, stellte ihm künstlerische Aufgaben, die er sich mit der ganzen Schwungkraft seines leidenschaftlichen Ehrgeizes zu bewältigen bemühte. Nach allen Seiten suchte sein Geist Expansion — von allen Seiten stürmten die Aufgaben auf ihn ein — er war in vollem Kampf mit der Materia — voller Eroberungslust und dem Schöpferdrang, ihr Bewegung, Schönheit, Ruhm, Macht und geistige Werte abzuringen.
Was sich da vor seinen Augen, beim Tanze Barberinas, in schönen Linien und Rhythmen bewegte, war ihm weiter nichts als leidenschaftlich bewegte Materia — sein Material: das lebendige Fleisch und Blut, das er seinen Ideen dienstbar machen wollte, um es in neue künstlerische Werte umzubilden, wenn auch nur für die Lebensdauer einiger Minuten.
Die Materia in höchster Vollendung, in schönster Belebung — weiter nichts!
Was die Barberina gab — was sie seinen Augen und seiner Phantasie darbot, war ihm nur insofern wert, als es ihn sehen ließ, was aus ihr herauszuholen wäre! Keinen anderen Reiz hatte ihr Tanz im gegenwärtigen Augenblick für ihn, der, von seinen Plänen ganz erfüllt, wie ein Vulkan vor der Eruption zitterte.
Noch lange, nachdem der Tanz beendigt war, saß er so, in Sinnen versunken, und bemerkte weder die fragenden Blicke seiner Gäste, die auf ihm ruhten, noch die Enttäuschung der Künstler, die, wegen des Ausbleibens der gnädigen Komplimente, ganz vernichtet dastanden.
Nur Barberina ließ so etwas wie Trotz in ihren Augen aufleuchten! Und das empfand er.
Zögernd stand er auf, kam langsam auf sie zu, ergriff ihre Hand und berührte flüchtig ihre Fingerspitzen mit den Lippen.
»Charmant!« sagte er galant. »Sie haben viel Grazie und echte Passion bewiesen! Aber was Sie tanzten, das sind Spielereien! Sie sind eine große Künstlerin, voll schöpferischer Intuition. Sie müssen lernen, Ihrer würdige Sujets zu eruieren! Sie bedürfen darin noch der Führung! Wir haben Anlaß genommen, Ihnen ein Ballett komponieren zu lassen, worinnen Sie alle Ihre exzellenten Vorzüge zu voller Geltung bringen können! Meister Graun wird es in eine der auf dem Spielplan stehenden Opern einfügen. Die Idee stammt von uns selbst! Meister Pesne fertigt die dekorativen Entwürfe an — unser Intendant hat die Anweisung, an nichts zu sparen, sondern alle Kräfte unserer Oper aufzubieten. Alle Schwesterkünste Terpsichores werden Ihnen dienstbar gemacht — Schönheit, Grazie, Leidenschaft haben Sie auch zur Verfügung Ihres eminenten Könnens! — Wir wollen eine Apotheose der durch den Geist belebten Materia — die Geburt der Bewegung — des Lebens selbst wollen wir durch Ihre Person in Erscheinung treten lassen! Sie sollen Galathée darstellen, Mademoiselle, die unter den Händen Pygmalions zu leben beginnt! Das können Sie, darauf vertrauen wir fest, wie keine andere! So wollen wir Sie — in Ihrer Kunst — verehren! — Bon soir, mademoiselle! — Bon soir, messieurs!«
Er hob den Hut leicht, neigte den Kopf gegen die Anwesenden und ging in seine Gemächer!
Wie ein General nach beendigter Parade Kritik hält oder, vor einer Schlacht, die ordre de bataille erläutert — so hatte er gesprochen! Auch das Lob kurz bemessen und dienstlich knapp!
Und dann: »Bon soir, mademoiselle!«
Nicht die erwartete, ihr so oft schon erteilte Einladung zum Souper im Konfidenzzimmer! — Ihr ganzer übermütiger, mit Rothenburg ausgeheckter Racheplan war ins Wasser gefallen! Sie war gewiß gewesen, durch ihn alles wieder einzurenken und seine gute Laune wiederherzustellen! Und nun entzog er ihr die Gelegenheit, stellte sie auf die Stufe der angestellten Künstlerin und kehrte den gnädigen Herrn und Gebieter heraus, statt, wie so oft, den galanten Verehrer!
Sein Feldherrngenie hatte eben mit feinem Instinkt die Falle gewittert und der Gefahr geschickt vorgebeugt.
»Bon soir mademoiselle!« hatte er gesagt und das Schlachtfeld verlassen! Gleichzeitig aber es glänzend behauptet!
19
Im Hause des Grafen Rothenburg war eine glänzende Tafelrunde um Barberina versammelt.
Die Koryphäen der Hofgesellschaft hatten sich Rendezvous gegeben. Graf Algarotti, Chevalier du Chazot, Rothenburg selbst — alle waren sie da; selbstverständlich auch Pöllnitz, der nach dem Scheitern seines Nürnberger Heiratsprojekts zurückgekehrt und vom König wieder in Gnaden oder vielmehr in gnädigsten Ungnaden aufgenommen war.
Die erlesensten Speisen wurden aufgetragen — der Champagner perlte in den Kelchen — die Stimmung war ausgelassen — Scherze und Anekdoten lösten sich ab. Und da hatte der unermüdliche Erzähler Pöllnitz, wie immer, das große Wort.
»Er war ein Landsmann von Ihnen, Mademoiselle!« bemerkte er, die eben angefangene Erzählung für einen Augenblick unterbrechend. — »Er machte am Hofe des Königs von Preußen Karriere wie Sie — wenn auch in anderer Weise! Er wurde General der Artillerie — was Sie niemals erreichen werden, und endigte am Galgen, vor dem Sie ein gnädiges Geschick sicherlich bewahren wird!«
»Ich strebe auch nicht so hoch, Baron!« lächelte Barberina. »Mein Ehrgeiz hält sich auf einem viel bescheideneren und weniger luftigen Niveau!«
»Eine schöne Dame hängt man überdies hierzulande nicht, wie Sie als Zeremonienmeister wohl wissen werden!« lachte Rothenburg.
»Man hängt ihr höchstens — im Notfall — einen Gatten an!« replizierte Algarotti.
»Wie ungalant!« rief Chazot.
»Sie scheinen nicht zu wissen, daß mein Vertrag mir verbietet, an die Freuden der Ehe zu denken?!« lachte Barberina.
»Wäre es indiskret, zu fragen, oh Sie Ihr Gelübde zu halten gedenken?«
»Sie, Graf Rothenburg, werden mich sicherlich nicht in Versuchung bringen!«
»Ich werde jedenfalls alles aufbieten, um Sie vom Pfade der Tugend abzubringen, Mademoiselle!«
»Von der Tugend steht nichts im Vertrag!« beeilte sich Pöllnitz einzuwerfen. »Nur von der Ehe!«
»Und auch das war gänzlich überflüssig!« sagte Barberina. »Ich wüßte jedenfalls keinen, dem ich meine Freiheit opfern möchte!«
»Und doch weiß Fama zu berichten, daß Mademoiselle unter Dero berühmtesten Entrechats auch den Sprung in die heilige Ehe zu studieren mit Erfolg bemüht waren!«
Barberina nippte an ihrem Glas und gedachte einen kurzen Augenblick ihres entschwundenen Liebhabers.
»Die Zeit des Studiums ist vorüber!« sagte sie dann mit einem leichten Seufzer. »Aber wir wollen unseren liebenswürdigen Baron nicht unterbrechen! Erzählen Sie weiter von Ihrem illustren Abenteurer! Sein Metier interessiert mich!«
»Sein Metier brachte ihm nicht so viel Schätze ein wie Ihnen das Ihrige!«
»Der Ärmste!«
»Er war nämlich Goldmacher —!«
»Die Kunst haben Sie dann wohl bei ihm gelernt, Pöllnitz, nach Ihren Reichtümern zu urteilen?« fragte Rothenburg sarkastisch.
»Ich habe sie gelernt! Wahrhaftig, ich nahm bei ihm Unterricht! Leider aber lernte ich später auch die Kunst, Gold zu Papier zu machen, als ich zu Zeiten Laws in Paris war! Und das rächt sich! Das gelbe Metall verlangt vor allem Treue! Aber — bleiben wir bei unserem Abenteurer! Ich war noch ein junger Mann, als er an den Hof von Berlin kam!«
»Welchen Glauben hatten Sie damals gerade, lieber Baron?« fragte Rothenburg süffisant.
»Den, den alle anderen Leute von Geist und Erziehung hatten! Ich glaubte an den Stein der Weisen!«
»Und auch Sie — haben ihn niemals zu sehen bekommen?«
»Doch! Ich habe ihn sogar in der Hand gehalten!« Er streckte die Rechte aus. »In dieser meiner Hand!«
»Und — trotzdem ist er ein Geheimnis geblieben?«
»Mein Fehler ist es nicht!« rief Pöllnitz lebhaft.
»Das glauben wir Ihnen aufs Wort!«
Alle lachten.
»Lachen Sie nicht! Wenn Sie, wie ich, mit Ihren eigenen Augen gesehen hätten, wie sich ein Stück Silber in pures Gold verwandelte, würden Sie nicht lachen!«
»Das hätten Sie gesehen?«
»Parole d'honneur, ich habe es gesehen! Und es war kein Traum! — Ich ging zu ihm in sein Laboratorium! Ich war neugierig! Alle Welt drängte sich ja dazu, sein Geheimnis zu erforschen — er aber wies sie sämtlich ab. Nur zu mir hatte er Vertrauen!«
»Er war ein Menschenkenner!«
»Zweifelsohne! Er lud mich also ein — ließ mich feierlichst schwören, das Geheimnis zu wahren —!«
»Sehen Sie!« rief Chazot. »Er wußte, daß er sich auf Ihr Plaudertalent verlassen konnte!«
»Lieber Graf!« schmollte Barberina, »ich brenne vor Neugier! Reden Sie doch dem armen Baron nicht ins Gewissen! Lassen Sie ihn doch weiter erzählen!«
»Ich bemühe mich ja nach Kräften, ihn dazu zu bringen, den Schwur zu brechen!«
»Nicht nötig, lieber Graf!« rief Pöllnitz lebhaft. »Ein Eid ist doch nur dem Sinn nach zu halten! Wenn jemand mir ein Geheimnis unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit anvertraut, so tut er's doch nur in der Absicht, ihm die größtmögliche Verbreitung zu verschaffen!«
»Ganz recht!« lachte Rothenburg, und alles lachte mit.
»Ich bitte Sie«, sagte Pöllnitz, »sonst würde er mir doch nicht das Geheimnis verraten. Ich hab's denn auch ruhig weitergegeben, und — wenn's Ihnen Vergnügen macht —«
»Aber sehr!« rief Barberina.
»Ich will also weitererzählen! Ich kam zu ihm in sein Laboratorium! Er zeigte mir seine beiden Tinkturen — die rote Tinktur — die materia prima, auch der Stein der Weisen genannt — ein fleischfarben schillerndes Pulver — und ein weißes Pulver, das er die >weiße Tinktur< nannte, mit der er Quecksilber in reines Silber verwandeln zu können vorgab. Mit der materia prima aber wollte er nicht nur Gold herstellen, sondern auch alle möglichen anderen Wunderdinge verrichten. So zum Beispiel die Jugend wiederherstellen und das Leben mittels des unfehlbar wirksamen und alleinseligmachenden >Jungfernpergaments< verlängern — —«
»Und von all dem Schönen haben Sie das schnöde Gold gewählt?«
»Man nimmt, was man nicht hat, Mademoiselle! Jugend hatte ich, und an die Verlängerung des Lebens zu denken, schien mir noch verfrüht! Gold aber ist, besonders bei einem jungen Mann von Welt, ein seltenes Metall! Ich nahm also sein Anerbieten an, vorerst einen Taler in Gold zu verwandeln! Das bewirkte er folgendermaßen: er breitete ein Stück Pergament auf meiner Hand aus, streute Sand darauf, nahm dann ein Gran seines kostbaren roten Pulvers, breitete es über dem Sand aus, legte den Taler darauf, streute Sand über das Ganze und hieß mich die Hand schließen! Ein seltsames Gefühl, als ob alle Lebenswärme meines Körpers sich auf einmal in meiner Hand konzentrieren wollte, durchrieselte mich! Ich schrie auf! >Nur ruhig!< sagte er und ergriff meine Linke und fühlte den Puls. >Ich passe auf! Öffnen Sie die Hand nicht, ehe ich's erlaube! Sonst ist's vertan!< Ich gehorchte! Ein gelblicher Rauch quoll zwischen meinen Fingern hervor. Ich fühlte eine durchdringende Glut in der Hand — mein Atem stockte — der Puls schlug immer schwächer und schwächer — der Angstschweiß trat mir auf die Stirn. — >Genug<, rief er dann plötzlich. >Machen Sie die Hand auf!< — Ich tat's und — hielt in der Hand ein Stück puren Goldes! — Es ist wahr, Rothenburg — ich schwör' es Ihnen! — Eine Täuschung ist ausgeschlossen! Den Taler hatte ich aus meiner eigenen Tasche genommen!«
»Wenn Sie das nicht gesagt hätten, lieber Pöllnitz«, sagte Rothenburg ruhig, »so würde ich's ohne weiteres angenommen haben. So muß ich glauben, daß Sie, in Ihrer bekannten Distraktion, sich im Wert des Geldes oder — sagen wir — im Metall geirrt haben! Sie werden ihm ein Goldstück gegeben haben!«
»Mais non! — Wofür halten Sie mich?! Am Letzten des Monats — bei dem kargen Gehalt eines Kammerpagen! — Wo hätte ich das Goldstück hernehmen sollen? Der Taler war mein letzter! Der Goldklumpen, den mir Don Caetano — denn so nannte sich mein Abenteurer — der Goldklumpen, den er mir gab, rettete mir das Leben!«
»Und der Eid der Verschwiegenheit, den er Ihnen abnahm, machte ihn berühmt! Denn Sie sangen natürlich sein Lob in allen Tonarten! Der Hof wurde neugierig!«
»Ob der Hof neugierig wurde! Der König selbst — weiland König Friedrich der Erste, Gott habe ihn selig! — interpellierte mich höchstselbst über die Sache! Er ließ daraufhin den Goldmacher kommen! Und Don Caetano hatte dann die Ehre, in allerhöchst Dero Gegenwart, unter Beaufsichtigung des damaligen Kronprinzen, unseres späteren Königs Friedrich Wilhelm des Ersten, selig, Quecksilber zu einem Pfund puren Goldes zu tingieren! Der König war nicht undankbar! Er schenkte ihm sein Bildnis in einem mit Brillanten besetzten Rahmen im Werte von zwölfhundert Talern, und auch das Patent als Generalmajor der Artillerie!«
»Und dann ließ er ihn aufhängen?«
»Nun ja. — Der Goldmacher war ein Betrüger! Er verpflichtete sich, dem König sechs Millionen Taler zu tingieren — und er hielt sein Wort nicht!«
»Und Sie, Baron, wie entgingen Sie dem Galgen?!«
»Ich fiel in Ungnade — das war weit schlimmer als der Galgen! Ich ging nach Paris!«
»Und hatten kein brillantenbesetztes Porträt des Königs zum Trost?«
»Das war mein Glück! Hätte ich das gehabt, dann wäre mir auch der Galgen gewiß gewesen! Man soll sich vor königlichen Brillanten in acht nehmen! Sie stellen immer die erste Phase der Ungnade dar —«
Ein Bedienter trat ein und meldete dem Grafen Rothenburg die Ankunft des Königs. Rothenburg eilte hinaus, und bald darauf trat Friedrich ein, von ihm und Jordan gefolgt.
Er grüßte gnädigst, küßte Barberina galant die Hand und nahm neben ihr Platz.
»Sie haben uns heute durch Ihren Tanz exzeptionell divertiert!« sagte er. »Hätten wir nicht noch verschiedenes zu ordnen gehabt, da wir morgen abreisen wollen, so hätten wir Ihnen unser Wohlgefallen in der Oper bezeugen können! Sie gestatten uns, es jetzt nachzuholen und Ihnen dies Zeichen unserer königlichen Gewogenheit zu dedizieren!«
Er nahm aus der Tasche seines Uniformrockes ein Etui und legte ihr selbst — ein Armband von glitzernden Brillanten um! Eine seltene Auszeichnung!
Barberina zuckte zusammen und blickte Pöllnitz an. Friedrich merkte es.
»Was haben Sie, Mademoiselle? Gefällt Ihnen unsere Gabe nicht?«
»Ich ersterbe vor Dankbarkeit ob der Gnade Eurer Majestät! Der Schmuck ist wahrhaft königlich und selten schön!«
»Was haben Sie denn?«
»Baron Pöllnitz erzählte uns soeben die Geschichte eines anderen Brillantschmucks — eines Schmucks von schicksalsschwangerer Bedeutung!«
Friedrich lachte.
»Man soll sich von Pöllnitzens Aberglauben nicht gleich anstecken lassen! Er wird Ihnen seine alte Geschichte vom Stein der Weisen erzählt haben?«
»Ganz recht, Sire!«
»Und — Sie werden alle trotzdem ebenso klug sein wie zuvor!«
»Ganz recht, Sire!«
»Das ist eben die Quintessenz von Pöllnitzens Weisheit!« scherzte Friedrich. »Ihm ward es wie wenigen gegeben, den erlesensten Lebensrätseln zu begegnen und — blind zu bleiben! Er lernte nie philosophisch denken! Deshalb begreift er nichts — und glaubt an alles!«
»Selig sind, die glauben und nicht sehen!« wagte Pöllnitz einzuwerfen.
»Der blinde Glaube mag gut sein — für Subalterne«, sagte Friedrich. »Eine gewisse Nützlichkeit ist ihm da nicht abzusprechen! Wer aber zum Führer berufen ist, darf nicht auf die eigene Überzeugung verzichten! Ich glaube, was ich greifen und begreifen kann, und lasse mir ohne vollgültige Beweise nichts weismachen!«
Er wandte sich galant an seine Nachbarin.
»Ich glaube zum Beispiel fest an die unvergleichliche Kunst unserer charmanten Barberina und bin durch ihre Leistungen von ihrem Genie überzeugt! Ich werde aber trotzdem nicht darauf verzichten, sie erst als Galathée zu sehen, ehe ich die Überzeugung ausspreche, daß sie in der Rolle so außerordentlich sein wird — wie ich hoffe!«
Barberina dankte mit einem Blick für das Kompliment. Die Tafelrunde geriet in Bewegung.
»Sire, da spricht wohl nur der Wunsch Eurer Majestät nach einem seltenen ästhetischen Genuß mit?« sagte Rothenburg.
»Mich überzeugten die Worte Eurer Majestät nur von allerhöchst Dero Galanterie!« sagte Jordan ruhig und freimütig wie immer. »Majestät werden noch dazu kommen, vor Dero Victorien sich die Karten legen zu lassen! Denn Aberglauben ist's, und kein Glaube, der sich erst überzeugen lassen muß!«
»Wärest du Pastor geblieben, Jordan, so würde ich vielleicht auf dein Urteil in Glaubenssachen etwas geben — wenn's gilt, über Aberglauben zu reden! So gebe ich mehr auf das Feuer der schönen Augen unserer charmanten Barberina! Das wäre schon imstande, mich gläubig zu machen, wenn ich nicht fest in dem Aberglauben wäre, mich erst durch ihre Leistung überzeugen zu lassen!«
»Wovon wollen Eure Majestät noch überzeugt werden — wenn meine Kunst schon das Glück hatte, heute die allerhöchste Anerkennung zu erringen?« fragte Barberina.
»Von Ihrer Fähigkeit, das männlichste aller Probleme — im Leben wie in der Kunst — zu erfassen und zu lösen! Denn das stellt meines Erachtens der Pygmalionmythos dar! Ich will sehen, ob Ihr Wille nachgiebig genug sein kann, ohne seine Elastizität zu verlieren! Ich will wissen, ob Ihr weiblicher Instinkt Schwungkraft genug hat — ob er mitkann — oder zurückbleibt, wie bei den andern! Wird die Statue aus Stein im Morgenrot einer männlichen Tat zu vollem, hingebendem Leben aufflammen?«
»Sire — das hängt von der Sonne ab! Man kann in ihrem Glanz erfrieren — man kann auch von ihren Strahlen versengt werden, ehe man sich seines Lebens recht bewußt wird! Ich fürchte fast, ich werde versagen!«
»Wir wünschen, daß Sie die Probe bestehen, Mademoiselle! Wenn der Feldzug vorüber ist und die Truppen ins Winterquartier gehen, kehren wir wieder und holen uns die Bestätigung! Wir werden dann Pygmalion sehen und das Wunder seiner Schöpfung bestaunen!«
»Dem in der Phantasie Erschauten kommt die Realität des Kunstwerks doch niemals auch nur entfernt nahe!« sagte Jordan.
»In diesem Falle glaube ich es sicher!«
»Dieser feste Glaube Eurer Majestät ist eben, was ich Aberglauben nenne!«
»Der Aberglauben wird zur süßen Pflicht — wenn eine so schöne Dame sein Gegenstand ist!« lispelte Pöllnitz und blickte trotz der Anwesenheit Friedrichs Barberina so verliebt an, daß sie ihm lachend auf die Hand schlug.
»Pöllnitz wechselt eben den Glauben so oft wie den Gegenstand seiner Verehrung!« sagte Friedrich. »Was die Frauen betrifft, so habe ich aber den festen Glauben — daß er immer Pech hat!«
»Sire, sagen Sie das nicht!« ereiferte sich Pöllnitz. »Lesen Sie meine Memoiren — lesen Sie meine Memoiren!«
»Wir brauchen sie nicht zu lesen, um uns davon zu überzeugen, wie sehr Er darinnen nach Rache schnaubt — Rache an dem schönen Geschlecht, das so undankbar war, Seine Verehrung abzulehnen!«
»Mais non!«
»Sie werden uns Frauen in Ihren Memoiren schön zugerichtet haben, Baron!« lachte Barberina.
»Seine Memoiren, ebenso endlos wie seine Abenteuer, lassen sich auf das eine Wort Verachtung — Verachtung für das Weib — zurückführen!«
»Sire, ich protestiere — —«
»Wenn man ihre Grundstimmung in Verse bringen würde, käme nichts als ein Spottgedicht heraus —«
»Wenn Sie es in Verse bringen, Sire — dann sicher!« seufzte Pöllnitz in seinen falschesten Tönen.
»Ach, bitte, Sire, das dürfen Sie uns nicht vorenthalten!« lispelte Barberina, mit einem Blick, als erwarte sie von ihm alles andere — nur keinen Spott. »Haben Sie die Gnade, spenden Sie uns Pöllnitzens Zorn königlich gereimt!«
»Wohlan, wir wollen den Versuch riskieren!« antwortete der König.
Alles wartete entzückt lächelnd. Er sann einen Augenblick nach und begann dann:
»Als Gott in seinem Zorn Den Teufel schuf, Er nahm vom Bock das Horn, Vom Pferd den Huf, Und schuf ein Scheusal, garstig von Gesicht, Dem Wesen nach ein rechter Bösewicht! Er hüllte ihn in Lieblichkeit, Gab ihm ein weiblich Auge, Zum Liebeswerben stets bereit, Und hieß ihm: >Geh und sauge Den Männern ihre beste Kraft Aus Herzen und aus Nieren! Vergifte ihren Lebenssaft Und mach' sie gleich den Tieren! Kannst du das, sollst du gleich mir sein, Honig und Manna essen, Bleibt aber einer im Herzen rein, Sollst ewig Staub du fressen!< Dann schnitt er ihm die Krallen ab Und gab ihm Lilienhände, Ein voller Busen ward zum Grab Für seine Teufelsbrände! Er ließ ihn auf die Männer los Als wundersüße Dirne! Der Hölle Qualen birgt ihr Schoß, Den Himmel täuscht die Stirne Den armen Erdentoren vor, Und rote Lippen lockten Zum Küssen! — Wer den Kopf verlor, Wem da die Pulse stockten, Auf ewig in die Glut versank! Unselig mußt' er leiden, Weil er des Teufels Liebestrank Nicht tat auf Erden meiden!«
»Bravo, bravo!« rief die ganze Gesellschaft, als er geendet hatte.
»Nun, Pöllnitz, haben wir da Seine Gefühle richtig getroffen?«
»Sire, ich würde nie im Leben zu beanspruchen wagen, als Urheber einer so schönen Improvisation zu gelten!«
»Sie gaben uns doch den Anlaß!«
»Den äußeren vielleicht! Wenn Eure Majestät mir aber gestatten, offen zu sprechen — —?«
»Wir befehlen es sogar! Hier wollen wir uns doch keinen Zwang auferlegen! Wir wollen auch nicht die Welt um das seltene Amüsement bringen — Pöllnitz offen sprechen zu hören! Also sans ceremonies, Herr Zeremonienmeister!«
»Dann möchte ich mir gehorsamst zu bemerken erlauben, daß Eure Majestät da nicht meinen Gefühlen Ausdruck gegeben haben! So intensiv äußert sich nur eigene Erfahrung!«
Friedrich runzelte die Stirn. Aber nur für einen Augenblick.
»Wir leugnen nicht, in amoureusen Dingen einige Erfahrungen gemacht zu haben! Und waren sie nicht immer nach unserem Wunsch, so sind wir doch jetzt persuadiert, eines Besseren belehrt zu werden!«
Er streichelte die Hand Barberinas.
»Die Hoffnung habe ich längst aufgegeben«, sagte Pöllnitz mit einem affektierten Seufzer. »Ich ließ mir von jener in Lieblichkeit gehüllten Teufelsbrut, von der Eure Majestät sangen, den Lebenssaft eben nicht vergiften!«
»Himmelsbrut müßten Sie sagen, lieber Baron«, lispelte Barberina. »Gott hat doch, wie Majestät so richtig sagten, auch den Teufel erschaffen!«
»Er hat aber auch Pöllnitz erschaffen!« lachte Friedrich.
»Und Pöllnitz blieb im Herzen rein!«
»Entsetzlich!« rief Pöllnitz. »Meiner Reinheit halber müßte also jenes höllische Ungeheuer Weib, dem Eure Majestät in dem soeben mit so großer Kunst vorgetragenen Gedicht die Krallen abzuschneiden die Gnade hatten, statt Honig und Manna >ewig Staub< fressen!«
»Geben wir uns besiegt, Mademoiselle! Wir kommen gegen Pöllnitzens Logik nicht auf!«
»Majestät wollen nicht vergessen«, sagte Barberina, »daß unser lieber Baron der einzige unter uns ist, der den Stein der Weisen in der Hand gehabt hat!«
»Dagegen möchte ich protestieren!« rief Jordan lebhaft. »Jeder Mensch hält einmal im Leben, wenn auch ohne es zu wissen, den Stein der Weisen in seiner Hand, und damit die Macht, in dem Moment sein Schicksal zu gestalten! Hat er Glück, so übt er, justement in dem Augenblick, instinktiv seine Macht aus — und wird sehend, nicht nur für sich, sondern auch für die anderen!«
»Du hast recht, Jordan«, sagte Friedrich ernst. »Die Natur stellt uns da auf die Probe, ob wir die empfangenen Fähigkeiten so weit zu entwickeln imstande sind, daß wir unsere Bestimmung ahnen und danach unsere Handlungsweise für alle Zukunft richten! Bestehen wir die Probe, so werden wir nicht verworfen, und Fortuna hält in jeder Gefahr schützend ihre Hand über unsere Person und unser Tun! Die Aufgabe, die einem jeden dabei gestellt wird, fällt weniger ins Gewicht! Die Hauptsache ist, daß man die Fähigkeit erlangt, schnell wie der Blitz die Gelegenheit zu erfassen und zu benutzen! Die wird einem jeden, der sie will! Sie geht ihm aber unwiederbringlich verloren, wenn er nur ein einziges Mal zaudert, im Entschluß zaghaft oder in der Ausführung unsicher wird! Zäh an dem Glauben der Vorbestimmung unseres Lebensschicksals festhalten — das ist mein Glaube!«
»Selig macht dieser Glaube aber auch nicht! Und Enttäuschungen bringt auch er«, entgegnete Jordan. »Also möchte ich das auch Aberglauben nennen! Aber — der Aberglauben des Genies!«
»Ob mein Glaube mich selig macht oder nicht, das wird nicht einmal Jordan zu entscheiden haben!« lachte Friedrich. »Wir wollen hier nicht dem Jüngsten Gericht präjudizieren!«
»Warum nicht, Sire«, sagte Barberina. »Es wäre doch amüsant, sich eine Vorstellung des Hergangs zu machen! Ich bin wirklich begierig, zu wissen, ob und wie wir, die wir hier um den Tisch sitzen, uns beim Jüngsten Gericht wiedersehen werden!«
»Wenden Sie sich an Pöllnitz, Mademoiselle! Er ist der einzige von uns, der mit zeremoniellen Dingen Bescheid weiß!«
»Majestät haben also die Gnade, anzunehmen, daß ich wenigstens als Sachverständiger für die himmlische Seligkeit in Frage käme?«
»Das muß Er uns eben beweisen! Wie würde Er es zum Beispiel anstellen, um für uns selbst die ewige Seligkeit zu beanspruchen?«
»Ein schwerer Kasus!« lachte Jordan.
»Um so mehr Reiz muß es für Pöllnitz haben!«
»Ich muß gestehen«, sagte Pöllnitz, »ich befinde mich da in einiger Verlegenheit! Ich hatte noch nie einen König auf der Liste der von mir zu erbittenden Audienzen. Wenn ich also am Himmelstor anklopfe, und Sankt Petrus mir aufmacht —«
»Dann wird Er weder König noch Bettler, sondern den Menschen zu melden haben, lieber Pöllnitz! Mich melde Er also nur als den Fritz!«
»Zu Befehl! Ich melde also den Fritz! — >Was will denn der hier?< wird der gestrenge Hüter des Himmelstors fragen. >Der hat schon auf Erden seine Seligkeit — im Ruhm gesucht! — Der hat keine andere gelten lassen! Hat der jemals Liebe empfunden? Hat er sich wie ein wahrer Christ gedemütigt?! Hat er den rechten Glauben betätigt?! Er will vor Gottes Thron erscheinen?! — Ja — hat er denn etwa — er, der stets die Gottheit mit den Lippen verleugnete — im geheimen doch an sie geglaubt?< — Was soll ich armer Erdenwurm dann auf so knifflige Fragen antworten, Sire?«
»Mein lieber Zeremonienmeister«, sagte Friedrich, und es kam etwas Straffes in seine Haltung und Festigkeit in seinen Blick, »frage Er mich danach — in der nächsten Schlacht, wenn die Kugeln uns um die Ohren pfeifen und nicht treffen! Wenn Er mich dann noch fragt — da werde ich Ihm auch zu antworten wissen!«
Es wurde still in der Runde. Aller Blicke senkten sich vor der Majestät, die aus den Worten sprach. Barberina wagte zuerst die Stille zu brechen.
»Und der Graf Rothenburg? — Wenn Sankt Peter nach seinen Meriten fragt — was werden Sie sagen?« Pöllnitz lachte boshaft auf.
»Da habe ich gar keine Angst! Wenn auch der Torhüter des Himmels beim Lesen des Namens Rothenburg seinen silbernen Bart schüttelt und mich unter buschigen Brauen barsch anglotzt und sagt: >Wie? Dieser Sybarit — dieser lockere Gesell bemüht sich auch um Eintritt? Ich sah ihn noch nie auf dem schmalen Pfad der Tugend!< — >Exzellenz<, werde ich sagen, >der Graf hat sich zwar in Worten mit seinem Unglauben gebrüstet, aber nur weil es Mode war! Seine eigene Tugend hat er stets so gut zu verbergen gesucht, daß kein Mensch sie je in Gefahr bringen konnte! Sein Leben lang lag er stets in inbrünstiger Anbetung auf den Knien. Aus ganzer Seele verehrte er die Schönheit, die Anmut und den Geist, die der Schöpfer in das Vollkommenste seiner Schöpfungen niederlegte! Stets machte er die schönsten der Frauen zu Altären seines Gottesdienstes! Sein Gebet war Poesie — seine Beichte atmete beseligende Liebe. — — Ehren, Auszeichnungen, Reichtum — allem entsagte er und legte es den Frauen zu Füßen! Gesundheit, Leben — alles opferte er ihnen in zahllosen Duellen, und was hatte er davon? Undank, Neid, Verleumdung, die grausamsten Qualen der Eifersucht! — Kein Heiliger war öfter in Versuchung als er! Kein Heiliger wurde je so schwer geplagt — kein Heiliger fiel öfter als er — und lernte die Sünde so gut aus eigener Erfahrung kennen!< — >Laß den braven Mann eintreten!< wird Petrus sagen. >Als abschreckendes Beispiel — als bußfertiger Schlemmer — als Prediger für die Wüstlinge wird er das rechte Wort zu finden wissen!<«
»Fürwahr!« lachte Rothenburg, »wenn ich mit Sicherheit darauf rechnen dürfte, daß Pöllnitz mir als Fürsprecher dienen würde — mir wäre es um die Seligkeit nicht bange! Denn er hat mehr und bessere Ausreden als tausend Priester! Ich befürchte aber, daß er seine Gewandtheit in höfischen Künsten mitsamt seiner übrigen Leiblichkeit hienieden lassen wird, um im Stande der Unschuld da oben zu erscheinen!«
»Da wird nicht viel von ihm übrigbleiben!« lachte Friedrich.
»Er wird jedenfalls so viel Geist damit verbrauchen müssen, uns andere hineinzuschmuggeln, daß er selbst nachher dumm draußen stehen muß!« sagte Jordan.
»Mit Ihnen werde ich nicht viel Mühe haben, Jordan!« rief Pöllnitz. »Bei Ihnen wird der Hinweis genügen, daß Sie Pastor waren und aufhörten es zu sein! Die Tatsache, daß Sie schon bei Lebzeiten aufhörten, mit dunklen Rätseln die Geister hienieden zu verwirren und so, wenn auch negativ, zur Aufklärung beitrugen, wird beredter für Sie sprechen als ich! Und wenn das nicht genügen sollte — ich brauchte bloß darauf hinzuweisen, daß Sie sich bei jedem Gewitter bekreuzigen und Ihre lästerlichen Reden bei Tag durch allabendliche Gebete vor dem Zubettegehen wieder gutmachen! — Mit Ihnen werde ich es also leicht haben! Weit mehr Sorge macht es mir, wie ich einen anderen, der hier nicht anwesend ist, hineinbringe, denn er wird sicherlich zunächst dem Könige auf meiner Liste stehen! Ich meine Voltaire! Ich wüßte nicht, was ich Gutes über ihn vorbringen könnte!«
»Da wäre ich auch in Verlegenheit!« sagte Barberina, die auf die in den Augen des Königs alles überragende Bedeutung Voltaires auch eifersüchtig war. »Was würden Sie zum Beispiel antworten, wenn Petrus Ihnen vorhielte, daß er durch Sklavenhandel Reichtümer sammelte?«
»Ich will Ihnen helfen, Pöllnitz«, rief Rothenburg.
»Ach bitte, tun Sie das!«
»Sagen Sie nur: wenn er sich mit Sklavenhandel befaßte, so tat er's nur, um das Leben in seiner grausamsten und scheußlichsten Form kennenzulernen. Denn das mußte er als Sittenschilderer! Und wenn er dadurch Reichtümer sammelte, so tat er's — um frei und unabhängig zu werden! — Denn nur als freier Mann wird er sich den Luxus leisten können, für die Rechte des Menschen einzutreten und aufklärend zu wirken!«
»Wenn aber Petrus mir dann vorhält, Voltaire hätte das Heiligste verspottet, da er sagte: >Wenn jener Jude mit seinen zwölf Aposteln die christliche Religion zu stiften vermochte — warum sollten nicht ich und zwölf ebenso gescheite Leute eine weit bessere Religion machen können?< — Denn das hat er gesagt!«
»Er hat aber keine gemacht!« sagte Friedrich ruhig. »Und wenn Sie darauf hinweisen, wird es genügen! Denn schon die Tatsache, daß er der Welt nicht noch eine neue Religion bescherte, ist ein so ungeheures Verdienst um den Frieden auf Erden, daß das allein da oben all seiner Bosheit und seinem Spott zur Entschuldigung dienen würde!«
»Sire, wenn Eure Majestät da oben so gut Bescheid wissen — dürfte ich dann alleruntertänigst bitten, mir gnädigst zu sagen, unter welchem Vorwand ich selbst hineingelangen würde?« fragte Pöllnitz. »Ohne allerhöchst Dero Protektion geht's sicherlich nicht! Es gibt wohl keinen Erdenwurm, der so viel Pech hat, wie ich — — keinen, dem so viel Schlechtes nachgesagt wird! Wenn ich mit all dieser Sündenlast da oben ankomme — und überdies noch für Eure Majestät und die gesamte Suite von Philosophen aufkommen muß — dann wird man mir zu guter Letzt sagen: >Pöllnitz, in die Hölle mit dir! — Du verseuchst uns den Himmel mit all den Freigeistern! Wenn unsere Leute hier oben zu viel Aufklärung erhalten, dann glauben sie nichts mehr, dann werden sie zu gescheit — dann werden sie sagen, die Seligkeit hier oben ist keine Seligkeit, und was weiß ich noch!«
»Sei Er unbesorgt, lieber Pöllnitz!« sagte Friedrich und leerte sein Glas. »Dann wird Seine Flatterhaftigkeit und Sein loses Maul da oben erst recht als Kontrast gebraucht, um das Gleichgewicht gegen uns andere herzustellen. Und wenn Er wirklich all die Schlechtigkeit mit heranschleppen würde, die man Ihm, mit Recht oder mit Unrecht, hienieden nachsagt, und alle die Flüche, die Er in dem langen Lotterleben auf Seinem sündigen Haupt angesammelt hat — dann wird der Herrgott, sofern ich ihn kenne, laut auflachen und sagen: >Geh, Pöllnitz, Er ist ein Schaf! Tret Er her und stelle Er sich zu meiner Rechten!<«
Worauf er Barberina die Hand küßte, aufstand, den Hut lüftete und ging, wie er gekommen war, von Jordan gefolgt und von Rothenburg unter vielen tausend alleruntertänigsten Komplimenten bis an den Wagen geleitet.
20
Das Opernhaus lag hell erleuchtet da, dicht umstanden von glänzenden Equipagen, Dienern mit lodernden Fackeln und Hunderten von Neugierigen, die der Winterkälte trotzten, um etwas von dem Glanz und der Pracht zu sehen.
Der König war nach sechsmonatigem Aufenthalt im Felde wieder nach Berlin zurückgekehrt und hatte einen Maskenball ansagen lassen. Und alle, die irgendwie berechtigt waren, zugelassen zu werden, drängten sich, ihn zu sehen und am Feste teilzunehmen.
Die Auffahrt des Hofes war beendigt, der Ball in vollem Gange. Da trat aus einer Tür der dem Schlosse zugewandten Seite des Hauses eine Gestalt heraus, den Hut tief in die Stirn gedrückt, den weiten Mantel dicht zusammengezogen, drängte sich schnell durch die Schar der Gaffer und entfernte sich nach dem Schlosse zu. Über die lange Brücke ging ihr Weg und dann am Ufer des Flusses entlang, an dessen anderer Seite die riesige Silhouette der Hohenzollernburg hoch zum Nachthimmel ragte.
Kein Licht war im ganzen Hause zu sehen, außer in der offenen Wasserpforte, durch die dunkle Schatten heraus und hinein huschten, schwere, verhüllte Gegenstände trugen und sie auf einen langen Spreekahn verluden.
Der Wanderer blieb an der Brüstung stehen und schaute neugierig dem geheimnisvollen Treiben zu, bis die Fackeln verloschen, das Tor verschlossen wurde und der Kahn sich langsam in der Richtung nach der Münze zu in Bewegung setzte. Dann ging der Wanderer weiter durch die dunklen Straßen, stieg die Treppen eines alten Patrizierhauses hinauf und trat in das geräumige Schlafzimmer im ersten Stock ein, das nur schwach erleuchtet war.
Er trat an das Bett, aus dem beim Öffnen der Tür ein schwacher Husten hörbar wurde.
»Du hast mich rufen lassen, Jordan! So geht es dir schlimmer?«
»Nicht schlimmer als sonst — aber doch schlimm genug! Ich konnte meiner Unruhe nicht Herr werden! Der Gedanke, daß ihr Feste feiert, wenn um uns herum alles in Trümmer zu fallen droht, peinigte mich. Um so mehr, da ich hier ohnmächtig liege und kein Wort der Warnung am rechten Ort und zur rechten Zeit laut werden lassen kann! Den König durfte ich nicht stören! Und so rief ich dich!«
Keyserlingk, denn er war es, schlug den Mantel zurück und setzte sich in den Sessel am Bett.
»Wie du siehst, bin ich deinem Rufe gleich gefolgt! Ich mußte mich aber beim König beurlauben und sagte ihm also von deinem Wunsch! Er läßt dich grüßen und will selbst nach dir sehen! Ihm wird es auch darum zu tun sein, des Freundes Stimme zu hören!«
»Wäre das der Fall, so würde er sich nicht mit Festen zu betäuben suchen!«
»Andere will er betäuben, nicht sich! Er will keine Beunruhigung aufkommen lassen, deshalb zeigt er sich der Menge froh und vergnügt! Du kennst den Fritz doch ebensogut wie ich!«
»Ich kannte ihn vielleicht besser als irgendeiner! Ich erkenne ihn aber nicht wieder, seitdem er die großen Enttäuschungen dieses so glorreich begonnenen Feldzuges erlebt hat! Kein Wort spricht er darüber, er, der mir sonst alles anvertraute!«
»Du bist krank, und er will dich nicht beunruhigen!«
»Dann müßte er mir eben reinen Wein einschenken! Er fürchtet aber meine Kritik! Voll Übermut zog er hinaus in den Krieg! Jetzt schämt er sich!«
»Du fieberst, sonst wärest du der letzte, solche Worte zu sprechen! Wann ging er je einem offenen Wort aus dem Wege?! Er bedarf deiner Kritik nicht! Er steht mitten in seiner Tat und kennt sie besser als irgendeiner! Alles, was du ihm sagen könntest, hat er sich selbst gesagt — und mehr noch dazu!«
»Mir ist es darum zu tun, zu helfen, nicht zu tadeln! Vier Augen sehen mehr als zwei! Und jetzt, wo alles von ihm abfällt, wo er nicht mehr weiß, auf wen er sich hier im eigenen Hause verlassen kann, täte es ihm not, daß auch andere die Augen für ihn offen halten!«
»Wennschon, so bedarf er vor allem, daß man ihn nicht verstimme. Dem geht er aus dem Wege, und da hat er recht!«
»Das tat er aber früher nicht!«
»Die sechs Monate haben ihn eben um Jahre der Erfahrung reicher gemacht. In der Not lernt man die Menschen kennen! Wer was taugt, entnimmt der Niederlage die Lehre für den Sieg! Anderer Lehren bedarf er dann nicht!«
Jordan schwieg. Ein heftiger Husten erschütterte die kleine, dürre Gestalt! Keyserlingk reichte ihm den auf dem Nachttisch bereit stehenden Labetrunk und setzte sich wieder.
Jordan betrachtete ihn lächelnd.
»Ewiger alter Sausewind, der du bist! Wenn man dich so aufgeräumt, heiter und lebenslustig dasitzen sieht, wäre man in Versuchung, zu glauben, daß uns nichts etwas anhaben könnte! Leider sind nicht alle so!«
»Das sind Schafsköpfe!« rief Keyserlingk übermütig. »Wo sie den Fritze haben und wissen, wie er gleich dem Blitz dreinfahren kann, wenn's gilt, müßten sie sich freuen, wenn sich recht schöne Gewitterwolken am Horizont zusammenballen! Was schadet es, daß der Kaiser jetzt plötzlich starb und die Süddeutschen abfallen und wieder die Kaiserkrone an Österreich verschachern wollen! Preußen macht den Schacher nicht mit — und wir sind die Rücksicht auf die Verbündeten los! Die Rücksichtnahme hat uns den Feldzug gekostet! Fritze hat am eigenen Leibe gelernt, daß Bündnisse unter Menschen nur so weit reichen wie der eigene Vorteil, und daß offene Feindschaft besser ist als hinterhältige und säumige Verbündete! Wenn auch der Bund mit Frankreich noch hält — Fritze wird auf die Wünsche Frankreichs keine Rücksicht mehr nehmen! Er wird, wie er es selbst für gut findet, handeln! Hätte er das gleich getan, hätte er nicht Böhmen wieder aufgeben müssen! Dann stünde er jetzt vor Wien und hätte es nimmer nötig gehabt, noch mitten im Winter zu kämpfen, um die Österreicher aus Schlesien herauszuwerfen!«
»Allein kann aber auch er nicht gegen eine ganze Welt an! England, Holland, Sachsen, Österreich haben sich gegen ihn verbündet! Rußland ist unsicher! Die Armee ist von Krankheiten dezimiert und immer noch schwer heimgesucht. Die Magazine sind leer, das grobe Geschütz ist vor Prag gänzlich verlorengegangen! Wir sind arm! Wo nehmen wir das Geld her, um Soldaten, Munition, Ausrüstung und Proviant zu beschaffen?«
»Das — Federikus Jordan — laß nur ruhig meine Sorge sein!« sagte eine Stimme an der Tür.
Keyserlingk sprang aus dem Sessel auf. Jordan richtete sich im Bett empor.
»Sorge du nur dafür, daß mein lieber alter Jordan wieder gesund wird, damit mir die Sorge genommen wird. Dann ist alles andere auch gut!«
Der König trat an das Bett und nahm in dem Sessel Platz. Er ergriff die Hand Jordans.
»Ein wenig Arzenei bringe ich dir mit, alter Querkopf!« sagte er und ergriff seine Hand. »Über den Feldzug will ich nicht mit dir rechten! Da genügt's, wenn wir einsehen, daß wir Fehler gemacht haben, und sie bloß nicht wiederholen! Wenn's dich ansonsten beruhigen kann, so höre: England, das mit den andern gegen uns verbündet ist, fängt an, mit uns zu liebäugeln! Carteret, unser Feind, ist nicht mehr Minister! Die Pelhams sind am Ruder! Sie sind uns wohlgesinnt! Und wenn auch England noch an seine Traktate mit der Gegenpartei gebunden ist — das Doppelspiel verstanden die Krämer drüben immer gut! — — Aber setze dich, Keyserlingk! Du wirst heute noch das Tanzbein zu schwingen haben! Du bist wohl den Weg zu Fuß gegangen wie ich? Ich sah keinen Wagen vor dem Hause!«
Keyserlingk bejahte die Frage — und erwähnte dabei die geheimnisvollen Vorgänge am Schloß, die er unterwegs beobachtet hatte, in der Hoffnung, daß Friedrich seine Neugier befriedigen würde.
»Du hast wohl Gespenster gesehen!« sagte der König lächelnd. »Sonst pflegst du deine Augen nur zu benutzen, wenn schöne Weiber im Fahrwasser sind! Sollten wohl die Nixen eine Invasion gemacht haben?!«
»Das sah mehr nach Heiducken aus!« sagte Keyserlingk eifrig.
»Wenn's nur keine Russen waren, wie es Jordan geträumt hat!« lachte der König. »Sei ruhig, Jordan — nicht die Russen — ich selbst habe da ein bißchen geplündert! Nicht, weil ich's nötig hätte — nur damit du wahr träumst! Denn — auf die Plünderung kam's dir bei dem Traum wohl an!«
Und er erzählte den Freunden, wie er all die silbernen Tischplatten, Kandelaber und anderes Gerät, auch den großen silbernen Musikantenchor aus dem Rittersaal, den sein Großvater, der erste König von Preußen, hatte anfertigen lassen, nach der Münze schaffen ließ, um die Schätze in harte Taler umzuprägen.
»Nicht aus Zwang der Not«, sagte er nochmals eilig, als er die erschrockene Miene Jordans sah. »Wir haben Geld genug, den Krieg weiterzuführen. Sechs Millionen Taler haben wir dem Schatz entnommen, anderthalb Millionen haben die Stände hergegeben! Wir benutzen nur die Gelegenheit, den alten geschmacklosen Plunder im Schlosse loszuwerden und nutzbringend anzulegen. Wir verwandeln ihn in Soldaten, Pulver und Blei, die uns in den Stand setzen, Viktorien zu gewinnen! Nachher lassen wir ihn wieder auferstehen — aber in veredelter, künstlerisch wertvollerer Form! Die Künstler kriegen zu tun, und wir haben den Gewinn! Jordan aber, dessen Traum von der Plünderung des Schlosses uns auf den Gedanken brachte, hat die Verantwortung für den Schaden — wenn's ein Schaden sein sollte!«
Er lachte kurz.
»Ich werde mich in acht nehmen«, sagte Jordan, »Eurer Majestät nochmals meine Träume mitzuteilen! Reliquien sind Heiligtümer —«
»So viel Wert haben sie nimmermehr wie das Blut eines einzigen meiner Grenadiere, das auch für die Sache fließen muß! — — Sag einmal, Jordan, du Allerweltsbesserwisser — was hältst du von den Tanzmeisters?« fragte er dann, plötzlich auf ein anderes Gebiet überspringend.
»Eure Majestät wollen gnädigst den Grafen Keyserlingk darüber interpellieren! Er versteht sich auf das Ballett besser als ich!«
»Sicherlich!« lachte Friedrich. »Auch ich traue mir einiges Urteil auf dem Gebiet Terpsichores zu. Nun fragte ich aber nicht wegen des Tanzes! Ich möchte nur wissen, was du von denen Tanzmeisters — als Politikern hältst!«
»Eure Majestät belieben zu scherzen!«
»Auch im Scherz suchen wir den Ernst! Diplomaten sind oft gute Tänzer, aber zu weiter nichts zu gebrauchen! Warum sollte denn nicht ebensogut ein Tanzmeister Pirouetten in der Diplomatie machen können? — Da kam uns jedenfalls neulich einer herangehüpft mit einer guten Idee, die unserer Politik nützlich werden konnte! Wir griffen sie auf! Wir nahmen die Invitation zum Tanz an — wir streckten die Hand aus — da macht der Teufelskerl ein Salto mortale und läßt uns die Tour solo beendigen!«
»Wollen Eure Majestät die Gnade haben, zu erklären, um was der Tanz ging?«
»Wenn wir mittanzen, geht's immer um die Krone, Jordan!«
»Um die — —?«
»Um die Kaiserkrone, mon ami! Um eine andere wird hier im Lande nicht getanzt! Die will man jetzt wieder dem Hause Österreich zu tanzen! Wir wollen es aber nicht! Wir sehen sie lieber auf dem Haupte des Kurfürsten von Sachsen — obwohl er, als König von Polen, eigentlich nicht in Frage käme! Rußland teilt unseren Wunsch und bietet dem Grafen Brühl ansehnliche Summen, um ihn dazu zu bewegen, die Kandidatur Augusts aufzustellen! Österreich, England e tutti quanti haben ihm aber schon erhebliche Summen für das Gegenteil bezahlt! Und Brühl hat also das Angebot Rußlands zu dem Versuch benutzt — England mehr Geld abzupressen!«
»Abscheulich!«
»Was willst du! Ohne Bestechung wird in der Politik nichts erreicht! Brühl hat noble Passionen — teure Passionen! Er verkauft aber auch seinen erlauchten Herrn nur zu den höchsten Preisen! Seine Briefe in dieser Sache an Carteret kannten wir dem Inhalt nach! Wir brauchten aber die Originale, um sie in Petersburg vorlegen zu lassen und so das Doppelspiel Brühls aufzudecken. Können wir das, dann wird sich Rußland ruhig verhalten, wenn wir nicht ganz so sanft mit Sachsen umspringen!« »Und die Originale?« fragte Keyserlingk.
»Die wurden unserem braven Klinggräff von einem ehemaligen Tänzer, Chevalier Fossano, angeboten, dem sie — da er auch Spielbankhalter war — als Pfand für eine Spielschuld einer der Kreaturen Charterets in die Hand gegeben waren. Unser braver Klinggräff aber griff nicht gleich zu! Der Preis war hoch — er glaubte erst unsere Erlaubnis einholen zu müssen! Und inzwischen tanzte der Ballettmeister mit seinem interessanten Raub in die weite Welt hinaus! So wenig Wagemut haben unsere Diplomaten! Sie sind unfähig oder ängstlich, hüben wie drüben! Wir müssen alles selbst tun! Auch im Felde! Unsere besten Generale sind gefallen, oder sie kehren uns schmollend den Rücken!«
»Wollen Majestät den General Einsiedel nicht pardonieren?«
»Nimmermehr! Er hat uns durch seine miserablen Manövers schon eine halbe Armee gekostet!«
»Wenn aber dann der Feldmarschall Schwerin wiederkehrt?«
»So wird Schwerin nicht wieder angenommen! Wer seinem König Bedingungen macht, wenn Not am Mann ist, den kann der König nicht gebrauchen! Schwerin war unser bester Mann! Das mit dem Einsiedel hat er uns krumm genommen und ist gegangen, weil wir ihm seinen Willen nicht tun! Wir lassen uns aber nicht zwingen! Überdies ist ja Winterfeldt noch da! Und den Alten Dessauer haben wir wieder ins Kommando berufen!«
»Eine harte Nuß!« lachte Keyserlingk.
»Aber doch noch zu knacken!« meinte der König. »Er ist ein Querkopf wie Jordan — aber ein General wie wenige! Schlesien hat er uns bereits gesäubert! Er wird auch noch weiter gut funktionieren, wenn sein Eigensinn mit dem Feinde so viel zu tun bekommt, daß er uns damit ungeschoren lassen kann! Und dafür wollen wir sorgen! Wir sind aber nicht gekommen, um über unsere Generale mit dir zu räsonieren! Es gibt Leute, die uns weit schwierigere Probleme stellen!«
»Dürfte ich fragen, welche?«
»Wir sagten bereits — die Tanzmeisters! Und auch die Tänzerinnen!«
Jordan warf sich im Bette zurück und blickte den königlichen Freund lächelnd an.
»Nun«, sagte Friedrich, »du zeigst mit deinem Lächeln, daß du recht geraten hast! Wir meinten die Barberina! Die Dame hat Ehrgeiz! Sie schien mir nicht nur in der Kunst eine Rolle spielen zu wollen! Wir haben sie auf die Probe gestellt! Wir haben versucht, ob sie imstande wäre, auch nur in der Kunst — also auf ihrem eigenen Gebiet — unseren Intentionen Leben zu verleihen! Wir hofften das! Sie hat uns aber enttäuscht! Wir waren mit ihrer Galathée sehr übel zufrieden! Du hast sie doch auch gesehen?«
»Allerdings!«
»Wie gefiel sie dir?«
»Gut!«
»Wir fanden sie miserabel! Gekünstelt, gemacht, gewollt, berechnet! Keine Spur von der unmittelbaren Natürlichkeit, die wir wollten! Die Poesie des ersten, zum Bewußtsein erwachenden Lebens empfand sie nicht — sie verstand sie nur! Und deshalb gab sie nur Theater — gut gemachte Pantomime — aber keine wahre Kunst! Wir haben uns da in der Kunst auch eine Niederlage geholt, Jordan! Und keine kleine! Das Weib ist eben ein schwer zu behauptendes Schlachtfeld!«
»Das Schlachtfeld verlangt eben eine ganz besondere Strategie!« sagte Jordan lächelnd. »Wer vom Weib Empfindung haben will, muß sie zu erwecken verstehen!«
»Und das meinst du, könnten wir nicht?«
»Das könnten Eure Majestät wohl auch! Eure Majestät haben es aber vorgezogen, zu ihrem Verstand zu sprechen! Da kann sie sich doch nicht herausnehmen, mehr zu geben, als von ihr verlangt wird! Nur das, was man dem Weibe gibt, gibt es wieder heraus!«
»Sie ist aber nicht nur Frau, sondern auch eine große Künstlerin! Die Aufgabe selbst muß zu ihrer Empfindung sprechen — nicht der Auftraggeber!«
»Ein echter Künstler empfängt vom Leben allein seine Aufgaben! Ein königlicher Befehl löst keine Kunst aus, nur dienstliche Verrichtung!«
»Du kannst uns doch nicht zumuten, selbst bei ihr den Pygmalion zu agieren?!«
»Im gewissen Sinne — ja — wenn Eure Majestät mehr als den bloßen Dienst von ihr sehen wollen!«
»Die bloße künstlerische Anregung genügt da also nicht?«
»Vielleicht — wenn sie richtig gegeben wird! Sie ist vor allem ein Weib — da liegt der Schlüssel zu ihrer Kunst! Sie ist nicht mehr jung, sie hat das Leben schon ausgekostet! Sie ist vor allem als Künstlerin nicht mehr jung! Ihr Ehrgeiz hat alle gewünschte Befriedigung gehabt, alle Triumphe gefeiert! Die Kunst allein gibt ihr nicht mehr den nötigen Reiz, um ihre Seele in Schwung zu versetzen! Ihr Ehrgeiz richtet sich auf das Leben selbst, um da neue Nahrung zu finden! Und da das Leben sie auf eine so hohe Stufe gestellt hat — — —«
Friedrich begann zu verstehen. Er blickte Jordan scharf an.
»Du hörst: wir haben sie auf die Probe gestellt! Wir sind aber nicht Ludwig von Frankreich! Wir werden also dem Ehrgeiz der Damens, die auch nach unserer Macht schielen, nur wenig Befriedigung bescheren! Unser Tun ist unser Tun! Da teilen wir mit niemand. Uns kann sie nichts als das Amüsement bieten! Da aber verlangen wir alles und echtes — auch wenn es sich nur um eine künstlerische Leistung handelt! Sie hat das, was wir von ihr wollen! Und sie soll es hergeben — — wir zwingen sie noch! Auch die Schlacht gewinnen wir!«
»Wie wollen Eure Majestät das anstellen?«
»Frage mich, wie ich die Schlachten, die ich noch mit Österreich auszukämpfen habe, gewinnen werde! Ich weiß, daß ich sie gewinne! Wann, wo und wie, das ist Sache des Augenblicks! Ich lasse die Gelegenheit an mich herankommen und benutze sie! Enfin! Gute Nacht, Jordan! Ruhe dich aus! Morgen sehe ich noch nach dir!«
Er nahm Keyserlingk unter den Arm und ging mit ihm zu Fuß nach der Oper, von wo er, nachdem er sich gezeigt hatte, unbemerkt fortgegangen war, um seinen kranken Freund zu besuchen.
In seinem kleinen Salon hinter der Proszeniumsloge angekommen, legte er Domino und Maske an. Keyserlingk folgte dem Beispiel, und sie mischten sich unter die Schar der Tanzenden, die das Parkett und die Szene füllten.
Das Menuett hatte eben begonnen. In feierlich graziösem Reigen wogte die Menge hin und her.
Auf einer Erhöhung stand eine glänzende Gesellschaft und sah sich das Treiben an. Eine Menge von eleganten Masken umdrängte eine reich kostümierte, mit kostbaren Brillanten geschmückte Hirtin, in der unschwer die gefeierte Königin des Balles, die Barberina, zu erkennen war.
Friedrich, von Keyserlingk begleitet, näherte sich der Gruppe. Da trat aus der Menge eine in einen schwarzen Domino gehüllte Gestalt vor und richtete in reinstem Italienisch einige Worte an Barberina. Sie stutzte, blickte ihn scharf an, zögerte einen Augenblick, reichte ihm dann aber die Hand und trat zum Menuett mit ihm an. Die Menge machte Platz und hielt im Tanzen inne, um Barberina zuzusehen, denn ein jeder erkannte sie. Die kleine Halbmaske verbarg nur Stirn und Augen.
Noch niemals hatte Friedrich sie so tanzen sehen. Ein Feuer war auf einmal über sie gekommen, ein Schwung der Linien, eine Poesie des Ausdrucks! Der halboffene Mund atmete lauter Hingabe — sie schien von einem fremden Willen getrieben, von dem sie die Bewegung empfing! Nicht auf dem Maskenball in der Oper tanzte sie — fern, in einer anderen Welt, die ihre Phantasie erschlossen, schwebte sie — eine Elfe, ein Wesen aus Mondschein und Nebel, flatterte sie über feuchtgrüne Wiesen hin — leicht, luftig, kaum noch imstande, mit dem Druck ihres Fußes einen Grashalm zu biegen!
»So ist's recht, Psyche!« sagte die Maske plötzlich mitten im Tanze und lachte kurz auf. »Nun laß noch den letzten Schleier fallen!«
Mit einem Ruck blieb sie stehen und griff sich keuchend an die Brust. Dann, schnell wie der Blitz, streckte sie die Hand aus und versuchte ihrem Partner die Maske vom Gesicht zu reißen. Er aber war schneller als sie, er entrann dem Griff und verschwand schnell in der Menge, die sie jetzt aufgeregt umwogte.
Friedrich aber verlor ihn nicht aus den Augen.
»Wir wollen uns jenen Zauberer näher ansehen!« sagte er und zeigte ihn Keyserlingk. »Nimm du ihn fest, aber möglichst unbemerkt, und bring ihn in unsere Loge!«
Keyserlingk winkte einigen maskierten Dienern, die dem König in respektvoller Ferne folgten, drang, von ihnen begleitet, zu dem Unbekannten vor, der sich jetzt unbemerkt glaubte und an der Brüstung einer Loge lehnte. Sie nahmen ihn, wie zum Scherz, in ihre Mitte und drängten ihn nach der Tür der königlichen Loge, die aufging und sich dann sogleich hinter ihnen schloß.
Friedrich wollte zu Barberina — aber er kam nicht rasch genug durch die aufgeregte Menge. Ehe er bis zu ihr gelangte, sah er, wie sie den Arm einer Maske nahm, in der er unschwer Rothenburg erkannte, und, auf ihn gestützt, den Saal verließ, um sich nach ihrer Garderobe zu begeben.
Er wartete noch die Rückkehr Rothenburgs ab und ließ ihn dann zu sich befehlen.
»Nichts Schlimmes!« antwortete Rothenburg auf die Frage des Königs nach ihrem Befinden. »Sie wird bald wieder erscheinen!«
»Was hat sie denn so aufgeregt?«
»Wohl weiter nichts als einer der üblichen Maskenscherze! Eine Mystifikation, der sie zum Opfer fiel!«
»Erkläre dich näher!«
»Wir standen im heiteren Gespräch mit ihr und belustigten uns über die grotesken Krummsprünge der Masken. Da trat ein Domino an sie heran und bekomplimentierte sie im reinsten Italienisch für ihren schönen Schmuck! >Wären Sie aber auch vom Scheitel bis zur Sohle mit Brillanten bedeckt, Mademoiselle — so könnten Sie meine Blicke doch nicht blenden, daß ich nicht imstande wäre, Ihren allerschönsten Schmuck zu sehen, den Sie darunter verbergen!< — >Welchen Schmuck?< fragte sie. >Den einzigen, den Sie — in Fontainebleau als Venus trugen!<«
Friedrich lachte.
»Wir kennen die Geschichte jenes Leberfleckens! Unser braver Chambrier versäumt es niemals, uns von derartigen weltbewegenden Begebenheiten zu berichten!«
»Ein Schönheitspflästerchen war's nur! Parole d'honneur!« rief Rothenburg schnell!
»Du wirst es am Ende wissen!« antwortete Friedrich ruhig. »Und sie — wie nahm sie jene delikate Anspielung auf?«
»Sie blickte den Fremden stechend an. — >Die Stimme kenne ich!< rief sie, >wer sind Sie?< — >Wenn Mademoiselle mir die Ehre eines Tanzes geben wollen, werden Sie's wissen!< lachte er. Kurz entschlossen nahm sie seine Hand. Das Weitere haben Eure Majestät gesehen!«
»Wir werden bald zur Demaskierung blasen lassen«, sagte der König. »Dann wird sich das Geheimnis aufklären. Geh zu ihr, sag ihr das von mir. Und auch, daß ich sie bitten lasse, nach dem Ball mit mir zu soupieren!«
Rothenburg ging, und der König begab sich nach seiner Loge.
Im kleinen Salon erwarteten ihn Keyserlingk und sein Gefangener, immer noch maskiert. Friedrich legte Maske und Domino ab und nahm in dem Sofa Platz.
»Wir haben Sie kommen lassen, um Sie zu bitten, uns aufzuklären«, sagte er, sich an die Maske wendend: »Wir bekomplimentieren Sie übrigens! Sie tanzen ganz ausgezeichnet! Und — noch mehr — Sie verstehen es exzellent, Ihre Partnerin in den Rausch der Rhythmen zu versetzen, ohne den der Tanz kein Tanz ist!«
»Eure Majestät überschätzen meine Wenigkeit! Die Signorina Barberina ist eine der ersten Künstlerinnen unserer Zeit!«
»Ohne Zweifel! Sie hat viel Charme, eine unnachahmliche Grazie, viel Kunstfertigkeit — das geben wir zu! Ihr Tanz hat aber etwas Kaltes, Kühles, Überlegenes — in jeder Beziehung vollendet, aber stets ihrem Willen untertan! So eruptiv — so in Ekstase sahen wir sie — seit ihrem ersten Auftreten nicht!«
»Majestät — wenn's so ist, dann muß auch ich selbst annehmen, einigen Einfluß auf sie ausgeübt zu haben! Ich war selbst in Ekstase — war selbst von ihr berauscht!«
»Ich kenne wenige, die das nicht wären«, sagte der König langsam, »aber keinen einzigen, dem es gelungen wäre, sie aus ihrer Reserve herauszuholen! Wie haben Sie das bewirkt?«
»Die Erklärung ist nur bei ihr zu finden! Sie ist eine Frau im vollsten Sinne des Wortes! Und eine Frau — wenn sie wirklich eine ist — öffnet ihre Seele nur dem einen Auserwählten, der von der Natur für sie bestimmt ist!«
»Wenn sie eine Frau ist?«
»Ja. Ehe sie aber eine wird und vollbewußt als Frau empfindet — dann vielleicht öffnet sich die Knospe ihrer Seele dem ersten, der es versteht, sie mit der Wärme des Lebens anzuhauchen!«
Friedrich schwieg. Einen Augenblick hielt er die Hand vor die Augen.
»Pygmalion!« flüsterte er leise vor sich hin. »Am Ende habe ich da den Pygmalion gefunden, der imstande wäre, meiner steinernen Galathée Leben einzuhauchen!«
Er blickte rasch auf.
»Wir sind weit entfernt«, sagte er, »die Gesetze des Mummenschanzes aufheben zu wollen, obwohl wir uns in unserem eigenen Hause befinden. Noch ist die Demaskierung nicht geboten! Wenn es Ihnen gefällt, bitten wir Sie jedoch, die Maske abzunehmen!«
Der Fremde gehorchte, und Friedrich blickte in ein unbekanntes Gesicht. Er stand auf.
»Wer sind Sie? Ihr Name?«
»Fossano!«
Friedrich blieb vor ihm stehen und blickte ihn scharf an.
»Unser Gesandter in London hat uns den Namen genannt! Sind Sie jener Chevalier Fossano — jener Spielbankhalter — jener ehemalige Tänzer, der uns seine Dienste angeboten hat, nur um uns an der Nase herumzuführen?! Sie haben noch die Dreistigkeit, uns unter die Augen zu treten?!«
»Ich bitte Eure Majestät, Gnade walten zu lassen! Jener Brief schien mir zu kostbar, um ihn in eine dritte Hand zu geben! Ich bin gekommen, um ihn selbst Eurer Majestät zu Füßen zu legen!«
Er zog ein zusammengefaltenes Billett hervor.
»Geben Sie her!«
Fossano überreichte den Brief. Friedrich öffnete ihn und erkannte die Handschrift des Grafen Brühl.
»Très bien!« sagte er. »Es ist vielleicht besser so! Geben Sie Ihre Wohnung an! Mein Schatzmeister wird Ihnen eine angemessene Belohnung auszahlen!«
»Ich danke alleruntertänigst für die große Gnade! Ich muß es aber ablehnen, Geld anzunehmen für etwas, was ich aus Ergebenheit für Eure Majestät getan habe!«
Friedrich blickte ihn an.
»Eh bien!« sagte er kurz. »Wir lassen uns aber nichts schenken! Wenn Sie nicht Geld wollen — so bitten Sie sich eine andere Gnade aus!«
»So bitte ich alleruntertänigst darum, an der Oper in Berlin tanzen zu dürfen!«
Friedrich lachte kurz auf.
»Wir glauben schon«, sagte er, »daß Sie in unserem Corps de ballet Ihren Mann stellen würden! Wenn Sie aber auch die Gabe haben, die Tänzerinnen derartig in Aufregung zu versetzen, wie wir es heute gesehen haben, so sind wir nicht sicher, daß die Damen nicht plötzlich fahnenflüchtig werden! Und das wollen wir vermeiden! Nach Ihrer eigenen Erklärung des soeben Geschehenen müssen wir annehmen, daß Sie im Leben der Dame Barberina entweder die Rolle des >Auserwählten<, wie Sie sagen — oder die des >Ersten< gespielt haben. Und auch, daß Ihre Rolle in diesem Sinne beendigt ist! Denn sonst — wenn es ihr angenehm wäre, wären Sie wohl längst hier?«
»Eure Majestät haben nicht so unrecht!«
»Wollen Sie uns also über jene Beziehungen näher aufklären?«
»Gern!«
Und Fossano erzählte, wie er sie gefunden und unterrichtet, wie er sie in die Welt eingeführt hatte — er erzählte von Psyche, Hebe, Venus und all den anderen Etappen ihrer Karriere. Und Friedrich, in die Ecke seines Sofas zurückgelehnt, lauschte gespannt, und lachte nur dann und wann kurz vor sich hin.
»Eh bien!« sagte er dann, als Fossano geendet hatte. »Sie sind das, was wir suchen! Wir wollen Sie engagieren — aber für die Oper in Dresden!«
Fossano blickte ihn erstaunt an.
»Gehen Sie nach Dresden, melden Sie sich beim schwedischen Gesandten am dortigen Hofe, Wulffenstjerna! Wir wollen ihn benachrichtigen. Er wird das Weitere veranlassen! Suchen Sie das Vertrauen Brühls zu gewinnen, schimpfen Sie auf uns! Wir pardonieren Sie im voraus — nehmen Sie nur kein Blatt vor den Mund! Wenn Sie sich als der verschmähte Geliebte Barberinas ausgeben, wird er Ihnen Glauben schenken! Spielen Sie Ihre Rolle gut. Bedienen Sie uns mit Fleiß. Wir wollen alles wissen. Halten Sie sich dann bereit, hier an unserer Oper zu tanzen, wenn wir Sie rufen lassen! Aber kein Wort davon im voraus! Ihr Auftreten hier behalten wir uns vor — als Surprise!«
Fossano verbeugte sich.
»Ich stehe Euer Majestät zu Diensten und werde mich bemühen, das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen!«
»Wir glauben es! Reisen Sie also morgen früh nach Dresden. Zeigen Sie sich heute nicht mehr auf dem Ball!« Er lachte kurz auf. »Apropos!« sagte er. »Da Sie doch nach Hause gehen, brauchen Sie Ihren Domino nicht mehr! Sie können ihn hier lassen!«
Fossano blickte Friedrich verständnisvoll lächelnd an, legte dann Domino und Maske auf das Sofa, küßte ehrerbietig die ihm gnädigst gereichte Hand des Königs, empfahl sich und ging.
Draußen im Saal wogte das Treiben der Masken hin und her. Der Trubel hatte seinen Höhepunkt erreicht.
Da auf einmal schmetterten die Trompeten eine Fanfare, die Masken drängten sich nach der königlichen Loge, vor der sie sich in einem Halbzirkel aufstellten.
Allen voran, am Arm des Grafen Rothenburg und von unzähligen Verehrern umschwärmt, die Barberina.
An der Brüstung der königlichen Loge erschien Friedrich, unmaskiert — an seiner Seite jener schwarze Domino, der mit Barberina getanzt hatte.
Auf einen Wink des Königs schmetterten die Trompeten noch einmal, und sämtliche Masken fielen — auch die des schwarzen Dominos an seiner Seite.
»Keyserlingk!« rief die Barberina enttäuscht und blickte zu dem pausbäckigen, lebenslustigen Grafen hinauf, dessen Augen ihr lustig entgegenlachten. »Er war's? — Nicht möglich!«
Und sie wollte sich nicht davon überzeugen lassen, so viel Mühe Rothenburg sich auch gab, als er sie langsam durch das Gedränge führte, um sie nach dem Speisesaal des Königs zu begleiten, wo das Souper sie erwartete.
Friedrich aber war sehr aufgeräumt und gab Keyserlingk den Auftrag, schon am nächsten Tage seinem Freund Jordan zu berichten, die schwerste Schlacht in dem zu eröffnenden Feldzuge wäre bereits halb gewonnen!
21
Hohenzollernwetter in Berlin! Strahlender Sonnenschein, kalte, klare Winterluft mit Frostkristallen und Rauhreif über Baumstämmen und Ästen — einer der seltenen herrlichen Wintertage mit klarblauem Himmel und rosig-goldenen Wolken, mit weißem Schnee auf gefrorenem Boden, glitzernden Fensterscheiben und hastendem Hin und Her von aufgeräumten, lustig der Kälte trotzenden, siegesfrohen Menschen, die ihre Freude austobten und vor Begeisterung aufjauchzten, weil sie endlich den schweren Alp los waren, der seit Beginn des nun über ein Jahr dauernden Krieges auf den Gemütern gelastet hatte.
Der Sieg war da! Und heute hielt er seinen feierlichen Einzug in Berlin.
Alles, was Leben und Atem hatte, jung und alt, drängte sich auf den »Linden« zusammen, um den Einzug des Hofes zu sehen und den Siegern von Hohenfriedberg und Soor zuzujubeln.
Pomphaft nahte der Zug in der Mitte der Straße vom Brandenburger Tor her, dessen beide Zollhäuser mit Fahnen und Girlanden von Tannengrün geschmückt waren.
Zuerst die Eskorte — Dragoner in glitzernden Kürassen auf prächtig aufgezäumten Pferden, die, wie heraldische Wappentiere aufgeputzt, stolz einherschritten und ihren heißen Atem mit Kraft in die kalte Luft bliesen, wo er gleich zu weißem Dunst wurde, der sich wollig weich seitwärts ringelte, den ganzen Zug von Rossen und Reitern mit einer einzigen, vorwärts gleitenden Wolke umschloß, aus der nur die Köpfe der Pferde, die bunt gestickten Schabracken und die darauf paradierenden Sieger emportauchten.
Hinter ihnen her die königlichen Karossen, mit Spitzenreitern und Läufern in prachtvollen Livreen — die Pferde mit bunten Troddeln und silberbeschlagenem Geschirr geschmückt —, hinter den von goldenem Schnitzwerk eingefaßten Spiegelscheiben gepuderte, diademgeschmückte Köpfe, am Wagentritt Pagen in großer Gala und auf dem Brett zwischen den hoch geschwungenen Wagenfedern goldbetreßte Lakaien in königlichen Livreen!
Dann ein Wald von mächtig wallenden Fahnen, deren schwere, buntseidene Pracht sich majestätisch im Sonnenschein entfaltete und auf ihren Tüchern und Fahnenbändern, stolz flatternd, die Wappenzeichen der Besiegten zeigten — die Ehrenzeichen der österreichischen und sächsischen Regimenter, im heldenhaften Kampf erbeutet und jetzt als Trophäen vom Sieger in seine Residenz eingebracht.
Und hinter ihnen, zu Pferde, an der Spitze einer glänzenden Schar von Generalen und Obersten, die kleine, jugendlich schlanke Gestalt des Königs in seinem blauen Uniformrock mit den roten Aufschlägen, den Stern auf der Brust, den Dreimaster auf dem hocherhobenen Kopf, die wundervollen, tiefen Augen strahlend vor Siegesglück! Immer wieder mußte er, mit dem Degen salutierend, für die begeisterten Zurufe der Menge danken, die sich in Huldigungen nicht genug tun konnte und ihren jugendlichen Helden stürmisch feierte — ihren »alten Fritzen«, wie sie ihn schon mit dem ihm von seinen Kriegern beigelegten Ehrennamen liebkosend nannten.
Die Menge drängte sich dicht um sein Pferd — allen voran die Straßenjungen, die ihre Mützen in die Luft warfen! »Hoch!« und »Hurra!« und »Vivat, Fritze!« schrien sie und sangen die Melodie mit, die er selbst gemacht hatte — die die voranziehenden Trompeter in die Luft hinausschmetterten, und die fortan, für alle Zeiten, nach der schönsten Viktorie Fritzens benannt, die Preußen zum Siege führen sollte.
Hohenfriedberg — wundervolles Aufjauchzen jugendlichen Draufgängertums — Frühlingssieg altpreußischen Heldentums — unwiderstehliches Aufbäumen unbezwinglichen Kraftbewußtseins — unverwelklicher Ruhmeskranz aufgehender Sonne, in den kurzen Stunden eines herrlichen Hochsommermorgens glorreich errungen! — — Wem schwillt nicht die Brust, wem klopfen die Pulse nicht höher — wer wird nicht wieder jung bei den Gefühlen, die der bloße Klang deines stolzen Namens in der Brust eines jeden Deutschen wachruft! — — Da knüpfte sich für immer der Sieg an Preußens Fahnen — da weihte der Herr der Schlachten Preußens Schwert zum steten unbeugsamen Kampf ums Dasein — da stählte sich die Manneskraft zum Machtbewußtsein — da keimte zuerst die Ahnung von der großen Aufgabe Preußens, zu einigen, zu reinigen, zu befreien — da hob sich zuerst das Banner im vollen Siegesglanz, das einst das ganze Deutschtum zum Siege führen sollte!
In Nacht und Nebel, in Demütigung und Niederlagen, in tiefster Bedrängnis fremden Knechttums — wo auch die Schicksalsschläge am schwersten fielen — tief im innersten Herzenswinkel bliebst du als unentreißbarer Besitz — als kostbares Juwel! Und wo die Töne deiner Jubelfanfaren schmetterten, da wallten wieder Siegesfahnen in den Lüften, und ihnen voran zog wieder der jugendliche Held, vorwärts zum Kampf, und der Wille zum Sieg war wieder wach, der Furor teutonischer Kraft unbezwingbar am Werke!
»Ich will meine Machtstellung behaupten oder untergehen und alles, selbst den Namen Preußen, mit ins Grab nehmen! — — Entweder ich werde keinen einzigen Mann nach Berlin zurückführen, oder wir werden Sieger sein!«
So schreibt nur, wer den festen Glauben an sein Glück und die Schwungkraft seines Genies hat, die Überlegenheit seiner Führung kennt und den unbeugsamen Mut seiner Krieger!
Der Sieg gab ihm recht.
Und als er da am schönen Novembertag an der Spitze seiner Helden in seines Reiches Hauptstadt einzog, wo er auch — »wie sich's schickte« — hatte »tedeumieren« lassen — da mochten seine Gedanken wieder zurückeilen zu dem schönen Junimorgen am Striegauer Wasser, wo der Feind, trotz dem glänzenden Patrouillenritt Zietens und der dadurch bewirkten Wiedervereinigung des Heeres des Markgrafen Karl mit der Hauptarmee, ihn im Rückzug auf Breslau wähnte — wo die feindlichen Führer ruhig auf dem Galgenberge bei Hohenfriedberg tafelten und Fritz wie ein losbrechendes Gewitter auf sie niedersauste, sie mit einer noch in der Entwicklung begriffenen Schlachtordnung angriff — erst den rechten Flügel, dann das Zentrum, dann trotz schwierigen Flußübergängen im Kampfe auch den linken Flügel warf — wo der in den Annalen des Krieges einzig dastehende Ritt der Bayreuther Dragoner unter Keßler Dutzende von Bataillonen wie eine Windsbraut vor sich herfegte, zusammenhieb und jene stolzen Siegeszeichen erbeutete, die ihm jetzt unter den Klängen des Hohenfriedberger Marsches voranflatterten bis ans Zeughaus, wo die Ruhmeszeichen von Fehrbellin auf sie warteten!
Dort wurde Halt geboten, zur Parade angetreten und dann die Trophäen am König vorbei, und von ihm, dem Hofe und der Suite gefolgt, in den Ehrenhof eingebracht.
Vor den Fahnen nahmen die Generale und Obersten Aufstellung, allen voran der alte Fürst von Anhalt-Dessau und der bravouröse Reiterführer und Günstling des Königs, Winterfeldt.
In kurzen, kernigen Worten dankte ihnen Friedrich, wies auf die Bedeutung des Tages hin, an dem die Trophäen erbeutet wurden, und auf den glorreichen Frieden, der mutmaßlich bald daraus resultieren würde! Und bestimmte, in welchen Kirchen die Siegeszeichen aufgehängt werden sollten.
Dann empfing er die Gratulationen der fremden Gesandten, auch Englands, das sich jetzt als Friedensvermittler hervortat, nachdem es sich nach Kräften bemüht hatte, vorher den Brand zu schüren, um auch so im trüben fischen zu können.
Den Gesandten Schwedens, Rudenskjöld, dem er besonders zugetan war, zog er dann in ein Gespräch, das sich zum Erstaunen der Anwesenden sehr in die Länge zog und, ohne Rücksicht auf Zeit und Ort und den wartenden Hof, immer eifriger und aufgeregter wurde.
Schließlich faßte ihn der König am Knopf seiner Weste und sagte so laut, daß alle es hören konnten:
»Die Kugel, die mich treffen soll, ist noch nicht gegossen! Er hat sich düpieren lassen! Und Sein Freund Wulffenstjerna auch!«
Er ließ ihn los, machte ein paar Schritte gegen das Gefolge, kehrte dann um und sagte noch halblaut zu Rudensköld:
»Ich will Ihm etwas sagen — aber es bleibt unter uns: der Kerl, vor dem Er mich warnt, tanzt heute im Ballett mit! Will Er in meinem Gefolge sein, so kann Er sich die Pirouetten meines Quasimörders aus nächster Nähe mit ansehen! Für die politischen Nachrichten, die Er mir gab, danke ich Ihm — wenn auch sie nicht sehr erfreulicher Natur waren!«
Darauf wandte er sich zu den Generalen.
»Messieurs!« sagte er laut. »Wir feiern hier Viktorien und gebärden uns, als wäre das Spiel schon gewonnen und weiter nichts zu tun, als die Friedenstraktate auszutauschen! Das ist ein Irrtum! Den Hauptschlag müssen wir noch führen, schnell und mit Wucht, sollen sich unsere Viktorien nicht in Niederlagen verwandeln! — Wir bitten Euer Liebden«, fuhr er fort, sich an den Fürsten von Anhalt-Dessau wendend, »uns sofort ins Schloß zu folgen, um mit uns und unserem Staatsminister die zu ergreifenden Maßnahmen zu beraten! Messieurs —!«
Und er lüftete den Hut und begab sich, von der nächsten Umgebung gefolgt, nach dem Schloß.
Die Generale und Würdenträger sahen sich an! — Die Mitteilungen, die der König vom schwedischen Gesandten empfangen hatte, waren also ernstester Natur! — Und äußerst dringlich — da er ganz gegen alle Gewohnheit eine Beratung zusammenberief! Er, der seine Pläne sonst stets selbst in größter Verschlossenheit auszuarbeiten und sie niemand anzuvertrauen pflegte, ehe die Ausführung heranreifte!
Im Schlosse ließ Friedrich noch vor der Tafel die beiden Herren und auch den Generaladjutanten Winterfeldt in sein Arbeitszimmer bitten.
Zuerst trat der »Alte Dessauer« ein. Beim ersten Blick auf die alte, knorrige Kerngestalt sah Friedrich, was ihm bevorstand, und bereute fast, ihn gerufen zu haben.
Der eigenwilligste Mensch in der ganzen preußischen Armee — ein Querkopf und Rechthaber, auf langjährige Diensterfahrung pochend, auf alten, wohlerworbenen Kriegsruhm und unvergängliche Verdienste um die preußische Armee gestützt, neidisch auf die alles überstrahlende Glorie des Jüngeren und gekränkt durch — wie er fand — unverdiente Zurücksetzung!
Beim Vater des Königs von allmächtigem Einfluß, von Friedrich aber sofort beim Regierungsantritt auf den rein militärischen Dienst beschränkt und auch da kaltgestellt — das waren Erfahrungen, die seines Erachtens in keinem Verhältnis zu seinen langen und treuen Diensten standen und die den Groll immer noch wachhielten! Der Erste Schlesische Krieg wurde unternommen, ohne ihn um Rat zu fragen oder seine Erfahrung in Anspruch zu nehmen! Der zweite ebenso! Und erst, als es schief ging, wurde er berufen, um alles wieder einzurenken! Und jetzt wollte man gar seinen so lange verschmähten Rat haben! — Auf den Augenblick hatte er gewartet!
Er nahm stillschweigend den ihm gebotenen Sessel ein und wartete ohne ein Zeichen der Neugier ab, welche Mitteilungen der König ihm machen würde.
»Wir hätten Euer Liebden gern vergönnt, nach dem langen Feldzug Dero otium in Dessau zu pflegen! Noch vor Weihnachten werden wir aber Euer Durchlaucht Dienste wiederum in Anspruch nehmen müssen! Wir haben heute überraschend schlimme Kunde bekommen!«
Der alte Fürst räusperte sich, sagte aber nichts.
»Der schwedische Botschafter überbrachte uns heute Nachrichten — —«
Da hakte der Alte Dessauer ein.
»Nachrichten, Majestät, sind für gewöhnlich wie Spatzen! Sie flattern hin, und sie flattern her und machen ein groß Geschrei! Gelingt es aber, eine zu packen, so ist meistens nicht viel daran! Mir schien die Jagd nach solchem Wild immer wenig lohnend!«
Der König richtete sich auf und blickte den Redner scharf an.
»Wenn wir aber trotzdem Euer Liebden dahin informieren, daß Sachsen und Österreich im Begriff sind, uns meuchlings zu überfallen und ihre Armeen über Nacht auf Berlin marschieren lassen werden — —«
»So war das nicht ein Spatz, sondern eine fette Ente! Meines Wissens sind wir doch in Friedensverhandlungen mit den genannten Staaten und haben durch den Vertrag von Hannover seitens England die Zusicherung bekommen, es wollte seinen ganzen Einfluß auf die Verbündeten geltend machen, um einen baldigen Friedensschluß herbeizuführen!«
»Englands Einfluß ist gleich Null, seitdem der Prätendent, Karl Eduard, in Schottland einfiel und den König zwang, seine hannoverschen Truppen in England zu verwenden! Das wissen Euer Liebden ebensogut wie wir! Wir haben heute ganz bestimmte Kunde erhalten von dem Plan Brühls, die Armee des Prinzen von Lothringen durch Sachsen gehen zu lassen, um, mit der sächsischen Armee vereint, auf Berlin zu marschieren! Man ist so sicher, uns zu zerschmettern, daß man schon die Beute geteilt hat. Sachsen soll Magdeburg, Halberstadt und Halle mit Umgegend erhalten — Österreich Schlesien —«
»Ich wette meinen Fürstenhut gegen die Sturmhaube eines Kürassiers, daß das ein Ammenmärchen ist!«
Friedrich sah ihn scharf an.
»Wir glaubten unseren Feldmarschall — unseren lieben Vetter, des Fürsten von Anhalt-Dessau Durchlaucht, vor uns zu haben, zu ernster Beratung mit uns befohlen, und gekommen, um von uns ein Kommando zu empfangen! Euer Liebden aber scheinen zu glauben in die Zeiten des Tabakskollegiums zurückversetzt zu sein!«
Der Verweis wirkte. Der alte Herr wurde glutrot und zupfte heftig an seinem Schnurrbart.
In dem Augenblick trat Podewils ein, entnahm seiner Mappe einige Briefe und reichte sie dem König.
Der König entfaltete sie und gab sie dem Fürsten von Anhalt.
»Da haben Euer Liebden die Beweise! Aus den Briefen geht hervor, daß General Grünne bereits nach zwei Tagen mit seinem Korps zu Gera eintrifft, um bei Leipzig zu den Sachsen zu stoßen. Auch, daß die Sachsen bereits in der Lausitz Magazine errichten für die Armee des Prinzen von Lothringen. Alles, während man mit uns verhandelt, damit wir möglichst lange untätig bleiben!«
Der Fürst von Anhalt legte die Briefe wieder hin.
»Ich halte trotz dieser Briefe auch jetzt noch das Ganze nur für einen Schreckschuß, um die Verhandlungen günstig zu beeinflussen und von Eurer Majestät bessere Bedingungen zu erlangen! Man soll nicht leichtgläubig alles für bare Münze nehmen. Brühl fühlt sich beleidigt durch die scharfe Abfuhr, die ihm in dem Manifest Eurer Majestät zuteil wurde! Aber es wäre doch widernatürlich, wenn er — ein geborener Sachse — bloß aus Rachsucht und Übermut vier Armeen in Sachsen einziehen ließe und so das Land dem Untergang preisgäbe!«
»Podewils!« rief der König.
»Ich gestatte mir ganz gehorsamst, der Ansicht des Fürsten von Anhalt Durchlaucht beizupflichten!« beeilte sich Podewils einzuwerfen. »Graf Brühl ist nicht der Mann, ein so keckes Unternehmen ins Werk zu setzen!«
»Podewils denkt, alle anderen Minister müssen ebenso ängstlich sein wie er!« rief Friedrich ärgerlich. »Wir aber entnehmen dieser schönen Beratung die Lehre, uns nie wieder mit einer derartigen, gänzlich überflüssigen Aktion zu behelligen! Wir wollten Eure Ansichten hören über die Maßnahmen, die jetzt so schnell wie möglich ergriffen werden sollen, um dem Unheil zuvorzukommen! Und müssen uns von langen und unnützen Erörterungen aufhalten lassen, ob die Tatsachen, die wir bereits als solche anerkannt haben, auch wirklich wahr sind! Das war unser Wunsch nicht! Wir schließen solche Beratung auf der Stelle und verordnen und befehlen: Er, Podewils, soll sofort Depeschen an die auswärtigen Höfe abfertigen, worinnen die Anschläge Sachsens und unser Entschluß, denen zuvorzukommen, mitgeteilt werden. Des Fürsten von Anhalt-Dessau Durchlaucht befehlen wir, das Kommando über unser bei Halle zusammengezogenes Heer zu übernehmen! Noch heute reisen Eure Durchlaucht ab, um für dessen Unterhalt Sorge zu tragen und sofort gegen Leipzig und Torgau zu operieren. Winterfeldt kehrt unverzüglich zur schlesischen Armee zurück, die sich an der Grenze der Lausitz zusammenzieht und bereit hält! — Wir selbst nehmen dort den Oberbefehl! Hat Er noch etwas da?« wandte er sich an Podewils, der noch in seiner Mappe kramte.
»Eine Mitteilung des russischen Gesandten: die Kaiserin, seine erhabene Souveränin, ließe die Hoffnung aussprechen, Eure Majestät wollten davon Abstand nehmen, Sachsen anzugreifen — weil ihre Allianz mit dem König von Polen sie verpflichte, für diesen Fall Hilfstruppen zu senden!«
»Das soll sie ruhig tun!« rief Friedrich. »Ihrer Majestät ist zu erwidern, wir wollten gern mit allen Nachbarn in Frieden leben! Wenn wir aber angegriffen werden, wie jetzt, soll uns keine Macht auf Erden — auch nicht die ihrer russischen Majestät — hindern, uns zu verteidigen und unsere Feinde zusammenzuhauen! Messieurs, Ihr habt Eure Ordres!«
Er lüftete seinen Hut. Der Fürst von Anhalt und der General von Winterfeldt salutierten militärisch und gingen. Podewils sammelte seine Papiere und folgte ihnen.
Friedrich rief den Kammerdiener, fragte, ob der Intendant der Oper draußen warte, und befahl, ihn hereinzuführen.
»Wir haben«, rief er, als der Baron Sweerts eintrat, »heute eine Surprise für die Barberina bereit — Er muß uns damit helfen! — Sie ist als Galathée langweilig! Wir haben daher einen neuen Partner für sie kommen lassen, der den Lany als Pygmalion remplacieren soll — den berühmten italienischen Tänzer Fossano! Er ist heute aus Dresden angekommen und befindet sich im Hause des schwedischen Gesandten Rudenskjöld, bereit, uns zu Diensten zu sein. Nebenbei hat er den Auftrag, uns zu ermorden«, setzte er geheimnisvoll flüsternd hinzu. »Erschrecke Er nicht und verrate er dies große Geheimnis niemand — am allerwenigsten der Polizei, damit uns wirklich kein Unheil passiert! — Stelle Er nur — Scherzes halber — rechts und links von der Bühne je einen sergeant d'armes hin! Die sollen auf ihn achtgeben! Aber keinen Ton davon verraten, daß er tanzen wird, lieber Sweerts! — Lany darf, bei Strafe meiner Ungnade, nichts sagen! — Der neue Tänzer wird ohne Aufhebens ins Theater geführt und in seiner Rolle instruiert! — Barberina vor allem darf nichts ahnen! Höre Er — bei seinem Kopf — ehe sie als Statue dasteht, darf sie von dem Tausch nichts wissen! Der Coup darf nicht mißlingen! Wir freuen uns schon auf ihr Erwachen! Gehe Er, lieber Sweerts, besorge Er mir das prompt, und Er kann auf meine Gewogenheit rechnen!«
Der Intendant ging, und der König befahl, das Diner servieren zu lassen.
»Ich zwinge die Canaille noch!« sagte er halblaut auf dem Wege nach dem Speisesaal. »Ich reiße ihr durch den Coup die Maske vom Gesicht! — Ihre Seele will ich nackt und unverhüllt vor mir sehen! Ich will wissen, wer sie ist! Dann vielleicht revidieren wir noch unsere Ansichten über die Damens!«
Er lachte laut auf bei dem Gedanken daran, daß Brühl, ahnungslos, gerade seinen eigenen Spion als Spion gegen ihn engagiert und hergesandt hatte! Und gar noch — als Werkzeug seiner persönlichen Rache!
»Zu plump!« sagte er halblaut und ging in der Erinnerung noch die Erzählung Rudenskjölds durch. Bei der Spielpartie im Hause Brühls, unter der Nachwirkung eines lukullischen Diners, hatte Brühl mit seinem überlegenen diplomatischen Geschick glänzen wollen und seinem Freunde, dem schwedischen Gesandten, gegenüber einige Äußerungen von dem geplanten Überfall auf Preußen fallen lassen — auch von den vielen — glücklichen oder unglücklichen — Zufällen, die die Geschicke der Völker über Nacht verändern könnten — wie zum Beispiel neulich das am Anfang des Jahres erfolgte Hinscheiden des Kaisers! — —»Auch andere Potentaten sind sterblich!« hatte er hinzugefügt, rasch aber das Gespräch unterbrochen. Wulffenstjerna hatte sofort den Eindruck gehabt, daß etwas gegen die Person des Königs von Preußen geplant sei, und ließ die Bemerkung fallen, das plötzliche Verschwinden solch eines hervorragenden Fürsten, wie Friedrichs, wäre noch geeigneter, das Gesicht Europas gründlich zu verändern! Brühl hatte das Spiel unterbrochen, ihn lange angesehen und dann bedeutungsvoll gesagt:»Auch Schweden hätte seinen Vorteil davon, da es schon so viele Provinzen an Brandenburg verloren hat!« und Trumpf-As ausgespielt. Am folgenden Tage wäre dann Fossano bei Wulffenstjerna aufgetaucht, als sei er geschickt, und hätte ihm mitgeteilt, er wäre zum Gastspiel in der Berliner Oper befohlen! Der Graf Brühl hätte ihm den Urlaub von der Dresdener Oper verschafft und ihm auch besondere Aufträge gegeben! Der schwedische Botschafter möge ihm nur auch in Berlin seine Protektion leihen und für seine Sicherheit sorgen! — Wulffenstjerna hatte getan, als verstünde er Halbausgesprochenes, und ihm Empfehlungen an den schwedischen Gesandten in Berlin mitgegeben und diesem noch im geheimen von seinem Verdacht geschrieben, mit der Bitte, den König zu warnen! — So weit Rudenskjölds Erzählung heute im Zeughause.
Friedrich blieb stehen.
»Wir selbst haben den Mann beauftragt, in Dresden so zu tun, als ob er uns wegen der Barberina tödlich hasse! Er wird seine Rolle gut gespielt haben, wenn er das Vertrauen Brühls dermaßen gewonnen hat! Wulffenstjerna hat sich auch von der Komödie düpieren lassen, obwohl er ihn selbst bei Brühl eingeführt hat! Brühl wird nicht so dumm sein, derartige Anschläge gegen uns zu versuchen!«
Er sann einen Augenblick nach.
»Als unser Spion hätte er selbst uns sofort Mitteilung von der Sache machen müssen! Er hat aber nichts gesagt! Entweder — und das wird wohl die Wahrheit sein — existiert kein Anschlag! Oder — er hat's übernommen, uns den Streich zu spielen, und schweigt deshalb! Aber warum? Geld bekommt er auch von uns! Sollte der Kerl uns die Ehre antun — auf uns jaloux zu sein?! — Nun — um so temperamentvoller wird er tanzen!«
Er trat in den Speisesaal, wo die befohlenen Gäste warteten, und aß und trank mit gutem Appetit, scherzte und war guter Laune wie immer, wenn sein Entschluß gefaßt war und er Großes vorhatte.
Am Abend saß er allein in seiner Loge in der Oper.
Er hätte viel darum gegeben, heute Jordan da zu haben, mit dem er so oft das Thema »Weib«, insbesondere das Problem Barberina, diskutiert hatte. Aber Jordan war während des vergangenen Feldzuges plötzlich gestorben, Freund Keyserlingk war ihm einige Monate später in den Tod gefolgt! — Der jähe Verlust seiner beiden intimsten Jugendfreunde hatte Friedrich verschlossen gemacht. Unter all den anderen war niemand, der ihm so nahegekommen wäre, um tief in sein Innerstes hineinblicken zu dürfen! Keiner, der, wie die zwei, ihm helfen durfte, den Lebensrätseln, von der Geburt der ersten Idee an, nachzugehen und sie gestalten zu helfen! Das mußte er fortan allein tun! Und dazu war er geschaffen! Heute aber regte sich nochmals die Sehnsucht danach, ein anderes menschliches Wesen zu finden, eine Seele, der seinen gleich an Tiefe, Empfänglichkeit und fruchtbarer Triebkraft — regte sich zum letzten Male mit voller Gewalt! Die Welt würde er aus den Angeln heben können, wenn er das fände!
Der Vorhang hob sich.
Auf dem Postament in der Werkstatt Pygmalions erhob sich sein Meisterwerk, seine Galathée, im vollen Glanz jugendlicher Schönheit — in einer Anmut der Linien und einer Weichheit der Formengebung, wie sie in der Kunst nur ganz selten und im Leben kaum jemals — außer dieses eine Mal — gesehen wurde!
Bläulichgrünes Licht gab dem Körper die Färbung des Steins.
Pygmalion stand in seliger Verzückung vor seinem vollendeten Werk. Mit aller Inbrunst der Liebe hatte er daran geschaffen, seinen ganzen Drang, seine Sehnsucht nach Erhörung mitschaffen lassen, in dem holden Wahn, daß es ihm gelingen würde, der erschaffenen Gestalt noch den belebenden Funken einzuhauchen! Er zündet Räucherwerk an, opfert der Göttin Venus Rosen, fleht sie an, ihm Erhörung zu schenken und ein Wunder geschehen zu lassen.
Und das Wunder vollzieht sich. Auf rosigen Wolken schwebt die Göttin der Liebe herab. Auf ein Zeichen ihrer Hand erhebt Amor die Fackel, schwingt sie über die Statue — der ganze Raum strahlt in goldig warmem Licht, das die steinerne Gestalt mit der Glut des Lebens überflutet — sie erhebt die Arme, öffnet die Augen, erblickt ihren Schöpfer — zieht, mechanisch, die herabgeglittene Hülle um den entblößten Leib, gleitet vom Postament und steht vor ihm, die Arme halb geöffnet, die Blicke erstaunt, fragend — das Lächeln voll der süßesten Verheißung, bereit, in seine Arme zu sinken, um für das empfangene Leben zu danken — —
So weit entwickelte sich das Drama folgerichtig wie immer! Da geschah das Unerwartete — das was Friedrich herbeiführen wollte — und versetzte den ganzen Zuschauerraum in die größte Aufregung!
Die Barberina hatte, wie immer, ihre Rolle mit dem äußersten Raffinement der Bewegung — aber ohne jede innere Teilnahme ausgeführt. Sie haßte diese Aufgabe! Sie hätte sie mit der ganzen Glut ihrer Seele lösen können! Aber ihr ganzes Empfinden lehnte sich dagegen auf, auf Befehl eines Mannes, und sei's eines Königs, Empfindungen darzustellen, die sie gern und freiwillig gegeben hätte, wenn er ihr mit Gleichem entgegengekommen wäre — statt sie, wie stets, durch eine fortgesetzte Kette von Demütigungen auf ein niedrigeres, ihm untergeordnetes Niveau hinabzudrücken!
Dazu kam ein Gegenspieler, der ihr widerwärtig war — trotz allem Glanz des Auftretens und aller Virtuosität des Könnens! Eine ganz äußerliche, eitle, von ihrer eigenen Vollkommenheit überaus eingenommene Natur — ihr auch als Mann zuwider!
Ekel und Abscheu war alles, was sie empfand, als sie auf dem Postament stand und er um sie herumhantierte, ihr seine Verliebtheit mit leeren Gesten und ausgedörrter Phantasie vormimte! Sie war froh, solange sie noch die Lider geschlossen halten konnte, denn sie wußte — sobald sie sie auftäte, um ihn anzublicken, würde in ihr nichts mitsprechen! Ebenso leer und nichtssagend wie in ihm würde es in ihrem Innern aussehen, weil er ihr nicht die Wärme entgegenbrachte, die ihre Seele zum Mitschwingen geschwungen hätte!
Ein ebenso leeres Theater wie er würde sie denn auch machen und die Bestätigung des Mißlingens den kalten Blicken aus der königlichen Loge entnehmen können.
Heute, wie immer, empfand sie es so; sie tat auf das Stichwort ihre Augen auf, ihre Blicke irrten, suchend, ihrem Schöpfer entgegen und fanden statt Lany — Fossano!
Sie mußte sich Gewalt antun, um nicht laut aufzuschreien!
Ihr ganzes Leben, vom Augenblick ihrer ersten Begegnung mit ihm an bis jetzt, zog mit Blitzesschnelle durch ihr Gehirn!
Sie sah ihn vor sich, wie er ihr mit der Kunst feinster Menschlichkeit den Ausblick in das Höchste und Erstrebenswerteste öffnete — hörte noch die einschmeichelnden Worte, die betörenden Töne seiner Stimme, deren bloßer Klang sie in einen derartigen Rausch der ersten überschwenglichen Begeisterung versetzt hatte, daß ihre Seele, keusch und unberührt, sich zum erstenmal auftat, aber nur, um statt dem erhofften Himmelslicht — der Glut der Hölle Einlaß zu geben, die ihr alles Zarte, Duftige versengen und die Keime der höchsten Entwicklung verdorren machen sollte!
Der Spender des ersten Lebens — und dessen Räuber war er, der ihrem unberührten Sinn zuerst und für immer sein Siegel aufgedrückt und sie sich hörig gemacht hatte, daß sie keinen anderen — sei's dem Herzensgeliebten, sei's dem alles überragenden Genius des großen Königs — etwas anderes bedeuten konnte — als das, wozu dieser Mensch sie gemacht hatte!
Wäre er nicht gewesen; wäre einer von jenen ihr mit derselben Macht genialen Schöpfertums genaht — wie anders hätte sich ihr Leben gestaltet — zu welchen Höhen hätte nicht ihr Genius an solcher Hand schreiten können!
Das alles stürmte auf sie ein, mit einer Gewalt, als müsse sie jäh zerspringen, und spiegelte sich in tausend schillernden Reflexen auf ihrem Antlitz wider. Entsetzen, Angst, Enttäuschung, Bitterkeit, Rachsucht und bodenloser Haß loderten ihm aus ihren Blicken entgegen, so daß er erschreckt wurde von jenem eruptiven Aufflammen der geknechteten Leidenschaft. Er wich zurück und sah sich nach einer Zuflucht um.
Einen Augenblick stand sie so entflammt, in voller Raserei, keuchend, die Hände gegen den Busen gepreßt! Dann stürzte sie mit erhobenen Händen auf ihn zu, wie um ihn in Stücke zu reißen — ein paar Schritte nur — und dann fiel sie wie vom Blitz getroffen nieder — und lag ihm leblos zu Füßen!
Starr vor Entsetzen stand er da, ohne zu begreifen, ohne eine Bewegung machen zu können, um ihr zu helfen.
Da stürzte aus der, der königlichen gegenübergelegenen Proszeniumsloge ein junger Mann auf die Bühne, nahm sie auf seine Arme und trug sie in die Kulisse hinaus!
Der Vorhang fiel rasch, die Musik hörte auf, ein aufgeregtes Stimmengewirr erhob sich im Zuschauerraum!
In seiner Loge saß Friedrich, in seinen Sessel zurückgelehnt, die Hand vor den Augen.
Er hatte alles gesehen, alles miterlebt — in den kurzen Minuten ein ganzes Menschenschicksal vor sich ablaufen sehen, und er wußte jetzt Bescheid!
Ein Weib nur wie die anderen — eine mehr, aber nicht das Weib! Sie hatte das Zeug dazu, wie wenige von all denen, die er gekannt hatte! Und weil sie es voll und ganz hatte — deshalb war sie ihm voll und ganz verlorengegangen! Denn der erste, der sich ihr genaht und sie mit dem Leben gerufen hatte, war der Unrechte gewesen — der nicht für sie Bestimmte — aber von der gleich genialen Kraft, sie voll in Besitz zu nehmen! Und deshalb konnte sie nie einem anderen das sein, was sie ihm sonst hätte werden können — auch nicht dem Rechten — sei er Bettler oder König!
Er — der König — hatte sie heute zum vollen Bewußtsein ihres verlorenen Paradieses geweckt! Er hatte ihren Schöpfungsakt da fortgesetzt, wo sein Vorgänger, Fossano, aufgehört hatte! Der Haß, der gegen jenen so jäh zum Ausbruch gekommen war, würde beim Erwachen lebendig bleiben und sich gegen ihn richten, der ihr die letzte Hülle von der Seele gerissen hatte!
»Sie wird sich ärgern, den verhaßten Kerl vor sich zu sehen!« hatte er gedacht, als er ins Theater fuhr. »Taugt sie etwas, dann wird sie wohl fühlen, daß der Streich von mir kommt und dem Scherz mit gutem Humor begegnen! Sonst taugt sie eben nichts — und kann mir nichts sein!«
Sie taugte eben nichts! Das wußte er jetzt! Ihre Leidenschaft hatte ihn in ihrem gewaltsamen Aufbrausen frappiert! Aber etwas anderes als Haß würde sie ihm nicht entgegenbringen können!
Er ging in den kleinen Salon hinaus. Da erwartete ihn der Intendant, Baron Sweerts, um, falls es erwünscht wäre, die nötigen Aufklärungen zu geben.
Friedrich sah ihn kalt an.
»Die Geschichte haben wir jetzt satt! Es gelingt uns nicht, aus dieser Pantomime das herauszubekommen, was wir gewollt haben! Jedesmal kommt etwas anderes heraus! Die Dame fühlt ihre Ohnmacht der Aufgabe gegenüber! Das ist ihr auf die Nieren gegangen! Sie hat sich heute gar zu sehr alteriert! Wir entbinden sie davon, weiter in der Rolle aufzutreten, und befehlen, den Pygmalion vom Spielplan abzusetzen! — Apropos — Knobelsdorff braucht einige Panneaus für unser neues Haus! Schaffe Er den ganzen Appareil in das Atelier Pesnes! Der kann uns die Geschichte malen! Die Dame soll ihm dafür posieren! Aufzutreten braucht sie dann nicht mehr als Galathée!«
Der Intendant verbeugte sich und fragte den König, ob er den fremden Tänzer zu sehen wünsche?
»Laß Er ihn kommen!«
Fossano wurde vorgelassen. Er war noch blaß von der Aufregung und außerstande zu sprechen, aber auch unfähig, sich die gebührende Selbstbeherrschung aufzuerlegen. Er begriff die Situation voll und ganz, und daß er nur das Werkzeug in der Hand eines größeren Meisters gewesen war. Sein Selbstgefühl bäumte sich auf; aus seinen Blicken loderte etwas wie Wut.