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Die Sitten der Völker, Erster Band

Australien und Ozeanien (continued 3)

Reading edition

Illustration from Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde

Phot. A. C. Haddon.

Abb. 154. Regenschirm aus Kokosnußblättern,

in dem der Zauberer den Regenzauber verbirgt. Sein oberer Teil wird schwarz gemacht, um die Wolke vorzustellen, an der Spitze werden junge Kokosnußblätter aufgehängt, um die fallenden Regentropfen anzudeuten.

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Das ganze Leben und Treiben der Melanesier erscheint von Zauberei gleichsam durchsetzt zu sein, die bei den verschiedensten Gelegenheiten, überhaupt bei allem, was des Menschen Herz beschäftigt und erfreut, angewendet wird. Will zum Beispiel auf Deutsch-Neuguinea ein Jäger auf seinem Ausfluge Glück haben, so verbrennt er eine bestimmte Sorte Holz, das aus dem Innern, wo die „Jagdgeister“ hausen, herstammt, und schwärzt sich mit dem Ruß Gesicht, Hände, Knie und Ellbogen, desgleichen die Nase seines Hundes, oder er mischt winzige Teilchen eines Krokodilzahnes unter das Hundefutter, damit die Gier und Kraft dieses Tieres auf seinen Begleiter übergehe, oder er berührt die Nase des Hundes mit der Klaue eines habichtartigen Vogels, damit er seine Beute krampfhaft festhalte wie dieser. Um beim Anbau von Tarowurzeln einen guten Erfolg zu erzielen, muß der Eingeborene einen Tarostein besitzen, den er anruft, und mit dem er die Tarostücke berührt, ehe er sie in die Erde legt. Die Entstehung solcher Tarosteine wird auf folgende interessante Legende zurückgeführt. Es war einmal ein Geist, der großen Appetit auf Taro hatte und von dieser Wurzel eine riesige Menge verzehrte; als aber die Wurzeln in seinem Magen zu sprossen begannen, platzte dieser und die Tarostücke flogen nach allen Richtungen und verwandelten sich in Steine, die fortan die Macht besaßen, bei der Tarozucht Erfolg herbeizuführen. Zaubersteine finden auch Verwendung, um Männer flink, leichtfüßig und ausdauernd zu machen, so daß sie imstande sind, ohne Ermattung die ganze Nacht hindurch zu tanzen; man schabt von den Steinen ein Pulver ab und reibt damit die Glieder dieser Dauertänzer ein. Manche Männer besitzen auch die Macht des Weissagens, die ihnen nach dem Aberglauben der Eingeborenen meistens durch die Geister und Seelen Verstorbener verliehen wird; ihre Antworten gehen durch den Mund des Wahrsagers, der während des Zwiegesprächs mit den Geistern anscheinend die Besinnung verloren hat. Wird zum Beispiel über einen Kriegszug beraten, so niest und schüttelt sich einer der Teilnehmer, der im Rufe steht, mit einem überirdischen Geiste vertraut zu sein, woraus man entnimmt, daß der Geist bei ihm Einzug gehalten hat. Seine Augen beginnen zu funkeln, sein Mund zu schäumen, seine Glieder zu zucken, schließlich krampft sich der ganze Körper zusammen; darauf ertönt aus seiner Kehle eine Stimme, aber angeblich nicht seine eigene, sondern die des Geistes, die den Vorschlag der Versammlung mißbilligt oder gutheißt. Diese Antwort ist dann ausschlaggebend für die Teilnehmer.

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Phot. A. C. Haddon.

Abb. 155. Ein Regenzauber (menschliches Gesicht)

von den Inseln der Torresstraße.

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Phot. R. W. Williamson.

Abb. 156. Tabuzeichen auf den Salomonen,

das ein Krokodil darstellen soll; zum Schutz der Kokospalmen.

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Phot. R. W. Williamson.

Abb. 157. Tabuzeichen aus einem Bündel Blätter,

das andeutet, daß der Übertreter des Verbots in seinem Kanu auf See durch die Winde weggeblasen und untergehen wird.

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Phot. R. W. Williamson.

Abb. 158. Tabuzeichen (Muschel auf einem Stock),

welches besagt, daß der Übertreter sein Gehör (Ähnlichkeit der Muschel mit einem Ohr) verlieren wird.

In einer Gegend der Admiralitätsinseln stellt man auf folgende Weise durch Zauber fest, ob ein Kampf unternommen werden soll oder nicht. Der Wahrsager rollt ein Betelblatt zusammen, beißt ein Stückchen davon ab, kaut es mit Arekanuß und läßt den Speichel in die Rolle fallen; je nach der Richtung, nach welcher dieser in ihr nach dem Öffnen abfließt, wird Krieg oder Frieden beschlossen. Auf den Salomonen und auch anderwärts sind Gottesurteile üblich, um die Schuld oder Unschuld eines Menschen, der eines Vergehens angeklagt ist, zu erweisen. Die Art und Weise dieser Gottesurteile oder Ordalien ist in den einzelnen Gegenden ganz verschieden. Der Beschuldigte ruft zum Beispiel die Hilfe eines Mannes an, der einen Stein mit Zauberkraft besitzt. Dieser erhitzt ihn und wirft ihn aus einer Hand in die andere; verbrennt er sich die Hände dabei, so ist der Angeklagte schuldig, wo nicht, trifft ihn keine Schuld. In einigen Gegenden von Holländisch-Neuguinea schreiben die Eingeborenen, wie meistens in Melanesien, den Tod eines ihrer Angehörigen den bösen Anschlägen irgend eines anderen zu und suchen diesen ausfindig zu machen. Der Körper eines Verstorbenen wird nun dort über einem mäßigen Feuer ausgetrocknet und die Flüssigkeit, die in den nächsten Tagen aus dem Körper fließt, wird aufgefangen und aufbewahrt. Diese Flüssigkeit wird dann bei passender Gelegenheit solchen, die im Verdacht stehen, den Tod herbeigeführt zu haben, zu trinken gegeben; wenn sie sich nach dem Genusse übergeben, gilt ihre Schuld für erwiesen, und ihr Tod ist die weitere Folge. Auf einer kleinen Insel nördlich von Holländisch-Neuguinea nimmt die Stelle dieser Leichenflüssigkeit ein Pulver ein, das aus den Knochen eines Verstorbenen hergestellt ist. Ist der Verdächtige außerstande, das Pulver hinunterzuschlucken, so gilt seine Schuld als erwiesen, und der Tod ist ihm gewiß. In der Nähe von Finschhafen lauscht man ängstlich und gespannt auf die Worte, die ein Kranker in seinen Fieberphantasien oder im Traume ausstößt, um den Namen der Person, welche die Verzauberung bewirkt hat, zu erfahren, oder man zündet am Abend des Sterbetages ein Feuer im Dorfe an und nennt nacheinander die Namen von Personen, die den Tod verschuldet haben könnten; diejenige, bei deren Namensnennung das Feuer hell auflodert, wird als der Täter angesehen. Es drängt sich nun von selbst die Frage auf, ob für den Fall, daß der Zauberer unrecht hat oder seine Weissagungen nicht in Erfüllung gehen, nicht das Rechtsgefühl der Eingeborenen sich aufbäumt. Manchmal geschieht dies allerdings. So wird der Zauberer auf Deutsch-Neuguinea häufig in Fällen, in denen er seinen Zauber nicht nach Wunsch ausgeführt hat, zum Schadenersatz angehalten. Ist er zum Beispiel um Regen angegangen worden, und will dieser, nachdem er sich in Strömen eingestellt hatte, nicht wieder aufhören, so muß er den Schaden tragen, den die Feldfrüchte durch den übermäßigen Niederschlag erlitten haben. Vielfach wird der Zauberer wohl durch seine langjährige Beobachtung und Erfahrung das Richtige treffen. Ein Mißlingen schiebt er aber klugerweise vielfach auch dem Umstande zu, daß die Macht des Geistes, den er angerufen hatte, durch die Gegenwirkung eines noch höheren Geistes beeinträchtigt worden sei, und die Eingeborenen geben sich damit zufrieden.

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Original i. Museum f. Völkerkunde, Berlin.

Abb. 159 u. 160. Präparierte Menschenschädel vom Kaiserin-Augusta-Fluß (Deutsch-Neuguinea).

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Original i. Museum f. Völkerkunde, Berlin.

Abb. 161 u. 162. Präparierte Menschenschädel vom Kaiserin-Augusta-Fluß (Deutsch-Neuguinea).

Sehr verbreitet über ganz Melanesien ist auch der Glaube an Vorzeichen, im besonderen, wenn es sich um den Ausgang eines geplanten Zuges, entweder zur Jagd oder zum Fischfang oder zum Kriege, handelt. Auf einigen Ost-Neuguinea vorgelagerten Inseln verkündet das Piepen eines fliegenden Fuchses den Fischern am Riff Glück, der Schrei eines gewissen Vogels aber Unglück; wer letzteren hört, kehrt sofort um. Auf einer der Neuhebriden lebt ein kleiner Vogel, dessen Ruf bald wie das einheimische „nein“, bald wie die Stimme eines redenden Menschen klingt. Wenn Männer auf einer Expedition den ersteren Ruf hören, so halten sie dies für ein böses Zeichen, im anderen Falle ziehen sie mit großer Hoffnung aus. Bei den Koita hält man es auf dem Schildkröten- oder Dujongfang für glückbringend, wenn ein fliegender Fisch in ihr Kanu springt, oder auf einem Jagdausflug ein bestimmter Vogel ruft; sofort gehen sie in der Richtung weiter, aus welcher der Ruf erklang. Dagegen gilt das Auftauchen einer grünen Taubenart als ein böses Omen; begegnet eine Jagdgesellschaft einem solchen Tiere aus der Richtung, die sie gerade einschlug, dann kehrt sie sofort um und unternimmt bis zum nächsten Tage nichts weiter. Auch links und rechts spielen in dem Aberglauben der Melanesier eine Rolle. Springt zum Beispiel ein Hornhecht rechts vom Kanu auf oder stößt ein Jäger zufällig mit seinem rechten Fuß gegen einen Stein, so bedeutet dies für ihn Glück, im entgegengesetzten Falle befürchtet er ein Unglück. Manche Vorfälle werden als Warnungen vor einem bösen Ereignis, das im Anzuge ist, angesehen. Das Erscheinen eines Frosches oder eines anderen Geschöpfes, das sonst nicht in eine Hütte zu kommen pflegt, wird von den Bewohnern der Neuhebriden als der Vorbote des Todes gedeutet; eine glänzende, goldfarbene Schlange gilt gleichfalls als Anzeichen des Todes; bleibt sie ruhig liegen, dann glaubt man, daß der Tod durch eine Krankheit verursacht wird, bewegt sie sich aber, dann tritt ein gewaltsamer Tod ein. Auf der Gazellehalbinsel gilt ein gewisser Vogel als Weissager des bevorstehenden Todes; die gleiche Bedeutung haben hier Sternschnuppen; man hält sie für Seelen Abgeschiedener, die auf die Erde kommen, um jemand, den sie sich dazu ausersehen haben, zu holen. Bei den Bewohnern im Innern Neupommerns besagt ein Ring um die Sonne, daß irgend ein Mensch getötet worden ist, phosphoreszierende Lichter auf dem Wasser sollen von badenden Geistern herrühren und so fort.

Auch die Einrichtung des Tabus, das heißt die Sitte, gewisse Gegenstände, Personen oder Plätze gleichsam durch Belegen mit einem Bann für eine bestimmte Zeit oder auch für immer unantastbar oder unbetretbar zu machen, findet sich in Melanesien. Sein Ansehen und seine einschränkende Kraft liegen aber nicht allein in dem persönlichen Verbot, das ein Mann erläßt, sondern in der Macht des Geistes, der vermöge seines Manas mit ihm in Verbindung steht und jede Übertretung des Tabus auch ahndet. Man kann das Tabu hinsichtlich dieser seiner Wirksamkeit mit einem Fluch vergleichen. Durch das Tabu wird im allgemeinen das Eigentumsrecht einer Person geschützt. Der eine will dadurch seine Gärten oder Kokosnußbäume davor bewahren, daß ihm die Erträge geraubt werden, ein anderer sein Fischnetz oder sein Kanu vor Fortnahme, ein dritter belegt sein Haus während längerer Abwesenheit mit einem Tabu aus dem gleichen Grunde. Auch Knaben und Mädchen stehen, wie wir oben hörten, vor Eintritt der Mannbarkeit unter einem Tabu, das heißt, es dürfen bestimmte Personen sich ihnen nicht nähern, sie selbst bestimmte Gegenstände nicht anrühren und bestimmte Speisen nicht genießen. Für die Frauen und Kinder sind die Versammlungshäuser der Männer, sowie die Plätze der geheimen Gesellschaften tabu, das heißt jene dürfen sie nicht betreten und die sich auf ihnen abspielenden heiligen Handlungen nicht anschauen. Äußerlich wird das Tabu durch ein deutlich sichtbares Merkmal gekennzeichnet, zum Beispiel durch Grasbüschel oder Blätterbündel (Abb. 157), die man an den betreffenden Gegenstand anbindet, oder durch zwei kreuzweise in die Erde gesteckte Hölzer, geschnitzte Stöcke, zwei mit ihrer konkaven Fläche aufeinander gelegte und am Rande eingekerbte Palmblätter, wodurch das Aussehen eines Krokodilrachens vorgetäuscht wird und anderes mehr (Abb. 156 u. 158). Jedes dieser Zeichen genügt als Warnung, die verstanden und im allgemeinen auch befolgt wird. Denn eine Verletzung des Tabus zieht strenge Strafe des Geistes, meistens schwere Krankheit oder auch den Tod nach sich. Auf Kaiser-Wilhelms-Land kann man bei unbeabsichtigter Verletzung des Tabus vor der Strafe bewahrt werden; der Geschädigte verabreicht dem Frevler als Heilmittel ein durch Zauber besprochenes Wasser zum Trinken.

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Phot. R. W. Williamson.

Abb 163. Mafulugrab.

Eine ausführlichere Besprechung erfordern die Toten- und Bestattungsgebräuche der Melanesier, die manchmal mit recht verwickelten Zeremonien verknüpft sind. Eine Übereinstimmung bezüglich der Art und Weise, wie man sich des Toten entledigt, herrscht in Melanesien nicht. Mit dem gewöhnlichen Volke pflegt man im allgemeinen nicht viel Umstände zu machen, dagegen erfährt in der Regel der tote Körper eines Häuptlings oder einer Standesperson eine ehrenvolle Behandlung.

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Aus: Seligmann, The Melanesians.

Abb. 164. Totenstuhl der Koita.

Zumeist wird der Tote wie bei uns der Erde übergeben. In Gegenden, wo eine solche Bestattung ein Vorrecht der Häuptlinge ist, wird die Leiche in die See versenkt. In einigen Gegenden ist es Brauch, daß nahe Verwandte des Toten ein paar Knochen von ihm zurückbehalten und sie später als Reliquien tragen, oder in bestimmten Schreinen aufbewahren. Am Kaiserin-Augusta-Fluß (Deutsch-Neuguinea) trägt man auf die Schädel Verstorbener eine plastische Masse auf und modelliert diese naturgetreu zu einem Gesicht. Die Augen werden durch Muscheln ersetzt, die Kopfhaare durch Zotteln, das ganze Gesicht schließlich mit Zeichnungen bedeckt, die an die Tatauierungen der Maori erinnern (Abb. 159 bis 162). Anderwärts wieder herrscht die Sitte, zunächst den ganzen Körper zu bestatten, später aber das Skelett auszugraben und einzelne Teile davon zur Aufbewahrung loszulösen. Für bedeutendere Personen werden bisweilen große, mehr oder weniger verzierte Totenschreine errichtet, in denen die Habseligkeiten des Toten mit der Leiche untergebracht werden. Diese Schreine genießen dann den Ruf besonderer Heiligkeit. Oft werden dem Verstorbenen der Schmuck und andere Gegenstände, die er im Leben besessen hat, ins Grab mitgegeben oder auch vor dem Begräbnis neben der Leiche zur Schau gestellt, in dem Glauben, daß die Seele des Toten die gespenstischen Elemente der Sachen mit sich nimmt; bisweilen wird auch die ganze Habe des Verstorbenen zerstört. Auf den Salomonen wird das Grab eines Häuptlings oder einer Person von Ansehen mit einem manchmal treppenförmig abgestuften Steinhaufen bedeckt, auf dem oben ein aus einem Baumstamme roh geschnittener Gedächtnisblock aufgestellt oder auch ein kleiner Aufbau, etwa ein auf einem kurzen Pfosten ruhendes Kegeldach oder ein von aufrecht stehenden Stöcken getragenes Giebeldach oder auch ein winziges hausähnliches Gefäß errichtet werden (Abb. 182). Meistens findet sich aber in einem solchen Grabe nicht der ganze Körper des Toten, sondern nur sein Schädel oder einzelne Knochen beigesetzt. Bei den Mafulu und in einigen Teilen Neuguineas werden die Toten auf Plattformen, die auf rohen Holzgerüsten für diesen Zweck besonders errichtet sind, oder in die Gabelung eines heiligen Feigenbaumes ausgesetzt und dem Verfall überlassen (Abb. 163).

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Phot. A. C. Haddon.

Abb. 165. Totentänzer der Torresstraßeinseln.

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Phot. A. C. Haddon.

Abb. 166. Totentänzer der Torresstraßeinseln.

Die nachstehend geschilderten typischen Begräbnisszenen aus den verschiedenen Teilen Melanesiens sind heutigentags vielfach im Verschwinden begriffen, da die Missionare die Eingeborenen mehr und mehr veranlassen, ihre Toten nach den Gebräuchen der christlichen Kirche zu bestatten. Nach dem Tode eines Koita auf Neuguinea malt man auf sein Gesicht rote Farbstriche und sein Körper wird reich geschmückt. Die Dorfbewohner treten nun an den Toten heran, berühren sein Gesicht mit ihrer Nase, was etwa unserem Abschiedskuß gleichkommen dürfte, und wachen und jammern bei der Leiche die ganze Nacht hindurch, ohne Nahrung zu sich zu nehmen. Sodann wird der Tote auf einen Totenstuhl (Abb. 164), das heißt ein rohes Holzgestell, dessen Sitzbrett für drei Personen Raum bietet, gesetzt, neben ihm nehmen zwei Lebende, etwa seine Frau und sein ältester Sohn, Platz. Eine Stunde lang ertönen Trommelschlag und Totenlieder, dann werden des Verstorbenen Besitzgegenstände zerschlagen und an der Seite des Stuhles ausgelegt. Hierauf nimmt man dem Toten fast seinen ganzen Schmuck wieder ab, „küßt“ ihn noch einmal, rollt ihn in eine Matte und trägt ihn auf einer Stange zu Grabe. In den nächsten Tagen folgt nun ein Leichenschmaus dem anderen. Hierauf muß die Witwe, die von Kopf bis zu Fuß schwarz bemalt und am Haupthaar geschoren wird, einen bestimmten Trauerschmuck tragen. Die Trauer um ihren Gatten dauert sechs Monate, und während dieser Zeit ist sie verschiedenen Tabu unterworfen. Nach Ablauf dieser Frist wird wieder ein Fest gefeiert, an dem die Witwe endlich ihre Trauer ablegt; die schwarze Farbe wird mit dem Saft unreifer Kokosnüsse von ihrem Körper abgewaschen. Bei den Roro wird der Tote, nachdem man ihn ins Grab versenkt hat, zweimal mit einem Baumzweige von Kopf bis zu Fuß gestreichelt, um seinen Geist zu vertreiben. Ein oder zwei Monate lang nach dem Begräbnis brennt nachtsüber ein Feuer auf seinem Grabe, um „den Toten zu wärmen“. Im Mekeogebiet legen, wenn ein Mann gestorben ist, alle Verwandten Trauer an; sie enthalten sich außerdem des Tanzens, Singens und der lauten Lustbarkeiten. Beim Bemalen ihres Körpers verwenden sie keine rote Farbe; die männlichen Verwandten dürfen überhaupt nichts Bemaltes tragen und die Frauen vertauschen ihren mit Grasfransen besetzten Rock, der sich eng um ihren ganzen Körper schmiegt, gegen einen viel kleineren und kürzeren, der nur vorn und hinten wie eine Schürze herunterhängt und die Seiten unbedeckt läßt. Der Tote wird im Gemeindehaus oder auf einem besonders dazu erbauten Gerüste aufgestellt und unter Weinen und Wehklagen, in eine Palmenblattmatte gehüllt, in die Erde versenkt. Sobald der Tote von einer dünnen Erdschicht bedeckt ist, wirft sich der nächste Angehörige in das Grab hinein und verharrt hier weinend so lange, bis das Grab vollgeschaufelt ist. Nachdem das Begräbnis vorüber ist, läßt sich dieser nächste Verwandte vor den anderen nicht wieder sehen; nur mit einer rohen Rindenhülle bekleidet (Abb. 177), muß er die Tage im verborgenen und die Nächte weinend auf dem Grabe zubringen. Zur Nachtzeit wandert er auch wohl an den Orten umher, die der Verstorbene besucht hat, und ruft ihn. Dies dauert so lange, bis die formelle Anlegung des Trauerschmuckes vor sich geht. Ganz im Gegensatz zu diesem Brauch tiefster Trauer geben die Männer, die den Begräbnisritus ausgeführt haben, sich einem heiteren Feste hin, das mit einem Spiel endigt, bei dem sie nach einem hängenden Eber- oder Känguruhschenkel schnappen.

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Phot. R. W. Williamson.

Abb. 167. Tanz der Mafulu bei einer Leichenfeierlichkeit

vor dem im Vordergrund gelegenen Grabe.

Erst nach Wochen oder Monaten beginnt man in aller Form den Trauerschmuck anzulegen. Die Verwandten versammeln sich im Gemeindehaus der Sippe, ihr Körper ist mehr oder weniger schwarz angemalt und ihr Haar abrasiert; bei den Frauen wird das ganze Kopfhaar weggenommen, bei den Männern bleiben kleine Haarbüschel über den Ohren stehen. Gleichzeitig gibt es einen gemeinsamen Schmaus. Der Trauerschmuck besteht für gewöhnlich in Halskragen, Armbändern oder Hüftengürtel aus geflochtenen Binsen oder Gras. Diese formelle Trauer dauert eine Zeitlang, gewöhnlich mehrere Monate. Währenddessen dürfen die Leidtragenden nicht baden und unterliegen besonderen Nahrungseinschränkungen. Der Abschluß der Trauerzeit wird wiederum festlich begangen; der Trauerschmuck wird den Trägern in aller Form abgenommen, wodurch sie auch von den Speiseverboten befreit werden. Natürlich bilden den Schluß wieder Schweineschlachten, Schmaus und Tanz (Abb. 165 und 166).

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Phot. R. W. Williamson.

Abb. 168. Tanz des Häuptlings der Mafulu vor dem Grabe.

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Phot. G. Landtman.

Abb. 169. Witwe in Halbtrauer.

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Phot. G. Landtman.

Abb. 170. Plattform für Leichen vom Flyriver.

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Phot. G. Landtman.

Abb. 171. Kiwaigrab.

Eigenartig sind die Totengebräuche bei den Mafulu. Beim Herannahen des Todes wird dem Sterbenden ein Weib, das diese Tätigkeit als Beruf betreibt, zur Bewachung beigegeben. Sobald sie sich überzeugt hat, daß der Tod eingetreten ist, verabreicht sie dem Toten mit der Faust einen Schlag auf den Kopf und erklärt ihn für tot; falls er es bis dahin noch nicht gewesen sein sollte, ist er es jetzt in der Tat. Bei einem Häuptlinge kommt noch ein umständlicheres Verfahren in Betracht. Ein Zauberer geht mit einem Stücke des Dammgurtes des Sterbenden sowie mit einem Rest der Speise, die er eben erst gegessen hat, in den Busch, steckt den Speiserest in den Gürtel und umwickelt diesen wieder mit einem Blatt, so daß eine Kugel daraus entsteht. Diese steckt er unter ein brennendes Holzscheit, sich selbst legt er daneben mit geschlossenen Augen, verharrt aber so nur wenige Minuten, springt dann wieder auf und untersucht die Kugel. Ist die Speise verbrannt oder angesengt, so ist dies ein Anzeichen dafür, daß der Häuptling sterben muß; er erhält dann den bewußten Schlag auf den Kopf. Manchmal behaupten die Mafulu, daß ein Zauberer aus einem feindlich gesinnten Dorfe den Tod eines Häuptlings durch solch ein Verfahren absichtlich herbeigeführt habe; dann ist ein Kampf zwischen den beiden Sippen die natürliche Folge. — Auf die Todesverkündigung hin erfolgt lautes Geschrei von den Männern des Dorfes, das den Zweck haben soll, den Geist einzuschüchtern. Die Frauen, die schon eine Zeitlang gejammert haben, stimmen nun ein richtiges Begräbnislied an, das sie bis zur Beisetzung mit Unterbrechung absingen, und die Verwandten des Heimgegangenen bestreichen sich den Körper mit Lehm. Inzwischen erscheinen Männer und Frauen aus anderen Dörfern; die Frauen sind ebenfalls mit Lehm beschmiert. Jetzt erhebt sich wiederum lautes Wehklagen und Singen. Das Begräbnis selbst findet etwa vierundzwanzig Stunden nach dem Tode statt. Der Körper wird, die Knie bis ans Kinn angezogen, in Blätter und Rinde eingewickelt, und unter Gesang der Frauen, die ihre Begräbnislieder fortsetzen, zu Grabe getragen. Daraufhin schreien die Männer wieder ganz laut, um den Geist noch mehr einzuschüchtern und ihn schließlich gänzlich zu vertreiben. Die Angehörigen legen nun Trauer an, die hauptsächlich in dem Anschwärzen des Gesichtes, oft auch des ganzen Körpers, besteht. Die Witwe beziehungsweise der Witwer oder auch der nächste Anverwandte trägt eine kleine Trauerhalskette aus Bindfaden. Sind zwei oder drei Tage verstrichen, so findet der Leichenschmaus statt, zu dem Leute aus anderen Dörfern geladen werden. Zuerst betreten zwei weibliche Gäste mit Speeren in den Händen das Dorf und laufen zweimal unter Schwingen der Speere darin umher. Bei ihrer zweiten Tour folgt ihnen eine Schar männlicher Gäste, die die Dorfumzäunung mit gleichfalls geschwungenen Speeren herunter und wieder zurück tanzen, bis sie das Grab erreicht haben (Abb. 167). Dann betritt ein weiterer Gast, gewöhnlich der Häuptling oder sein Sohn, das Dorf in vollem Tanzschmuck (Abb. 168); er schlägt seine Trommel und tanzt im Zickzack die Umfriedigung entlang, bis auch er zu dem Grab kommt. Daraufhin entfernt der Häuptling des Dorfclans seinen Kopftanzputz, ein schweres Holzgestell mit Federaufputz, der manchmal meterhoch über seinen Kopf hinausragt, und der Tanz ist zu Ende. Schließlich wird ein Schwein nach dem anderen aufs Grab gelegt, getötet und zerteilt; hierdurch soll die Seele des Abgeschiedenen endgültig versöhnt werden. Die Gäste werden alle mit Gemüse und Schweinefleisch bewirtet. War der Tote ein Häuptling oder eine gewichtige Persönlichkeit, so darf sein Körper nicht der Erde anvertraut werden, sondern bleibt frei an der Luft liegen. Um den widrigen Ausströmungen der faulenden Leiche zu entgehen, verlassen die Bewohner für diese Zeit das Dorf, es bleiben aber zwei Frauen auf Wache bei dem Leichnam zurück; diese sollen indessen nicht seine irdischen Überreste, sondern das Schweineblut bewachen.

Merkwürdig ist die Zeremonie, die man mit der Trauerablegung hier sowohl wie bei den Mekeo verbindet. Nach Verlauf von etwa ein bis zwei Wochen, aber auch bis zu sechs Monaten, wird ein Schwein unter dem Gerüst eines Häuptlingsgrabes getötet; darauf wird dem Hauptleidtragenden sein Trauerbindfaden vom Halse abgeschnitten, in das Schweineblut eingetaucht und fortgeworfen; sein Gesicht bekommt zwei Farbstriche, gewöhnlich in Rot, auf jede Backe; es folgen nun Gelage und Tanz.

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Phot. G. Landtman.

Abb. 172. Witwe in Ganztrauer.

Die Kiwai an der Mündung des Flyrivers (Britisch-Neuguinea) legten früher den Toten zusammen mit seinen Waffen, Werkzeugen und Schmucksachen auf eine Plattform (Abb. 170) und brachten ihm von Zeit zu Zeit Geschenke, die in Nahrungsmitteln bestanden. Die Verwandten aber begossen täglich die Leiche mit Wasser, um den Auflösungsprozeß dadurch zu beschleunigen. Sobald nur noch die Knochen übrig waren, wuschen und begruben sie diese im Garten. Den Schädel aber behielten sie oft eine Zeitlang zurück; der eine oder andere Leidtragende band ihn sich um den Hals, bisweilen auch Schädelreste von mehreren Verwandten der Reihe nach. Der Trauernde konnte sich angeblich mittels des Schädels mit dem Toten verständigen, das heißt mit seiner Hilfe weissagen. Jetzt setzt das Kiwaivolk seine Toten in der Erde bei; der Kopf ist nach Westen, das heißt nach der Richtung der untergehenden Sonne und dem Monde zu, wo das Land der Toten liegt, gerichtet. Man baut schließlich ein kleines Haus über dem Grabe (Abb. 171), dessen Form eine ganz verschiedene ist. Die Habseligkeiten des Toten werden an einem Stock, der in der Erde steckt, oder an den Ecken des kleinen Hauses aufgehängt. Wochenlang brennt für den Toten ein Feuer unter oder neben diesem Häuschen am Fuße des Grabes. Ein Korb, der denjenigen ähnelt, in welchen die Mütter in diesen Gegenden ihre Kinder zu tragen pflegen, zeigt an, daß hier ein Kind bestattet liegt (Abb. 173). Sogleich nach dem Tode ertönt das Klagen und Singen der Dorfbewohner.

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Phot. G. Landtman.

Abb. 173. Kiwaikindergrab.

Ist der Verstorbene ein Mann, so wird seine Frau in einem Mattenverschlag in dem langen Frauenhaus des Dorfes abgeschlossen; sie darf sich nicht an dem Begräbnis beteiligen. Zum Zeichen ihrer Trauer bestreicht sie ihren Körper mit Lehm, jammert unaufhörlich und geht nur im Dunkeln aus. Wenn sie schließlich den Verschlag verläßt, trägt sie ein Trauergewand aus Gras, das ihren ganzen Körper bedeckt und mit dem sie auch ihr Gesicht verhüllen kann (Abbild. 172). Nach ein paar Wochen tritt an Stelle dieser den Körper verhüllenden Trauergewänder eine Kappe und ein Kopfputz aus Gras, der über Rücken und Brust herabhängt (Abbildung 169), und um die Hüften ein Rock, den sie mehrere Wochen trägt, um dann ein Stück nach dem anderen abzulegen. Trauert ein Kiwaimann, so bestreicht er sich zum Zeichen dafür ganz und gar mit Lehm und trägt ein Grasgewand um seinen Hals, das hinten fast bis auf die Erde reicht und vorn bis über die Brust geht (Abb. 176); auch dieses wird allmählich mit dem Nachlassen der Trauer verkürzt. In einer anderen Gegend des östlichen Flyriverufers tragen die Eingeborenen zum Zeichen der Trauer ein kapuzenartiges Netz, das über Kopf und Gesicht gestreift wird und dieses wie ein Schleier bedeckt (Abb. 175). In dem Grade, wie die Trauer geringer wird, lüftet sein Träger die Kapuze und gibt das Gesicht frei. Überhaupt ist der Trauerschmuck über ganz Neuguinea verbreitet. Allgemein gilt als Ausdruck des Schmerzes ein Bemalen der Brust und des Gesichtes mit schwarzer Farbe; auch Trauernetze sind vielfach in Gebrauch. Die Basilakiweiber tragen Muschelschmuck als Trauerabzeichen (Abb. 181). Bei den Papua von Holländisch-Neuguinea (Abb. 177) wird nach dem Hinscheiden einer Person von den Klageweibern ein Totengesang angestimmt, der öfters eines poetischen Reizes nicht entbehrt; unter anderem werden darin die treue Vorsorge des Verstorbenen für seine Familie, sowie seine Tugenden, vor allem seine Kriegs- und Heldentaten verherrlicht. Die Klageweiber waschen auch die Leiche, hüllen sie in Matten und umschnüren sie mit festem Bast, worauf die Bestattung in der Erde erfolgt. Bei den Mambri stellt man das Ahnenbild des Verstorbenen neben sein Grab und schilt es tüchtig dafür aus, daß es einen so tapferen Mann hat sterben lassen. Daneben gibt es aber noch ganz seltsame Bestattungsgebräuche. In einer Gegend werden die Toten in ausgestreckter, horizontaler Lage in Käfige aus geflochtenen Zweigen gelegt, die auf Pfählen am Strande hinter dem Dorfe ruhen. In einer anderen Gegend werden dem Leichnam die Knie stark hochgezogen und der Kopf tief auf die Brust herabgedrückt; in dieser Stellung wird der ganze Körper in einen Palmblätterkorb gesteckt, der ihn ganz fest umschließt, verschnürt und in der Wohnung an der Wand aufgehängt. Bei einem anderen Stamme legt man den Toten in ein flaches Grab, deckt ihn mit schweren Steinen zu und umzäunt die Stätte mit starken Ästen (Abb. 179), über die man quer Sagoblätter sowie den oder die Spaten legt, die zum Schaufeln des Grabes benutzt wurden. Diese Ruhestätten tragen öfters auch ein niederes Giebeldach aus Blättern (Abb. 178). In einer anderen Gegend wird die Umzäunung dicht um das Grab herumgelegt und das Ganze mit einem Palmblätterdach bedeckt, so daß ein kleiner hausähnlicher Bau entsteht, den man oft hübsch ausputzt. Schließlich verdient noch eine Grabform Erwähnung. Sie besteht aus einem kleinen, aus vier Holzplatten gezimmerten, ebenfalls hausähnlichen Bau, der auf einem Pfosten ruht und von einem geschnitzten und verzierten Dach gekrönt wird. Dieses Behältnis ist so klein, daß nur die Knochen darin aufbewahrt werden können, es bildet also eine Art Totenschrein (Abb. 188).

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Phot. D. Mackay.

Abb. 174. Menschliche Amulette

aus getrockneten und geräucherten Körperteilen, die als Andenken an einen Verstorbenen von dessen Angehörigen getragen werden.

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Phot. G. Landtman.

Abb. 175. Mann in Trauertracht von Gaima (Ostufer des Flyrivers).

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Phot. G. Landtman.

Abb. 176. Kiwaimann in voller Trauer.

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Ein eigenartiger Kultus wird mit dem Schädel von den Eingeborenen der Geelvinkbai betrieben. Hier wird der Kopf vom übrigen Körper losgelöst, geräuchert und schön präpariert, das heißt mit künstlichen Ohren und Nase, die aus Holz geschnitten wurden, und mit Augen aus Fruchtkernen oder Glasperlen versehen, sodann in einen sogenannten Korwar (Abb. 180), einem aus Holz schön geschnitzten Ahnenbild, aufbewahrt. Außerdem wird er wie eine lebende Person behandelt; er bekommt seine Mahlzeiten, empfängt Besuche der Anverwandten und Bekannten und wird von ersteren um Rat angegangen. — Die Bergstämme landeinwärts der genannten Bai trocknen die Leiche auf einem Gerüst, in seltenen Fällen tun sie dies auch direkt in der Hütte, wo sie den toten Körper an die Wand hängen. Früher bestand dabei die schreckliche Sitte, das bei der Fäulnis abfließende Leichenwasser in einem darunterstehenden Gefäße aufzufangen und der Witwe zum Trinken zu reichen, mit der Begründung, daß sie sterben müsse, falls sie davon nichts genieße.

Auf den Inseln am östlichen Ende Neuguineas bewahrt man nicht nur den Schädel, sondern auch andere Knochen des Toten auf, wie die Wirbel, Finger- und Fußknochen, desgleichen den Unterkiefer, die aufgereiht von den Verwandten als Armbänder oder Halsschmuck getragen werden (Abb. 174). Die langen Röhrenknochen werden zu den kleinen Spateln umgearbeitet, mit denen man bei feierlichen Gelegenheiten die Kalkmasse aus dem Kürbisbehälter für das Betelkauen herausholt.

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Aus: v. d. Sande, Nova Guinea.

Abb. 177. Trauertracht aus Rindenstoff auf Holländisch-Neuguinea.

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Aus: v. d. Sande, Nova Guinea.

Abb. 178. Gräber auf Holländisch-Neuguinea.

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Aus: v. d. Sande, Nova Guinea.

Abb. 179. Gräber auf Holländisch-Neuguinea.

Was den Bismarckarchipel anbetrifft, so sei zunächst die Schilderung der Vorgänge, die sich beim Tode eines großen Häuptlings auf der Gazellehalbinsel abspielten, hervorgehoben. Als sein Ende geahnt wurde, ertönte die große Trommel und rief die Verwandten zum Sterbelager. Die nächsten Angehörigen setzten sich dicht neben den Sterbenden, befühlten ihn von oben bis unten und murmelten ihm Trostworte zu; andere saßen umher und kauten Betel, währenddessen die Weiber draußen ein lautes Geschrei anstimmten. Die Trommel verkündete schließlich den Tod des Häuptlings. Darauf begann das Wehklagen der Männer und Frauen, sowie das Dröhnen der Trommel von neuem; dies währte die ganze Nacht hindurch. Inzwischen wurde eine niedere Plattform errichtet, auf der am frühen Morgen die Leiche in sitzender Stellung aufgebahrt und geschmückt wurde (Abbild. 184). In der Zwischenzeit wurden die Plantagen des Verstorbenen zerstört und all seine Schätze zusammengesucht, die man um ihn herum aufbaute. Jetzt traten maskierte Gestalten aus dem Walde hervor und führten eine Reihe Tänze um den Toten auf, die von Trommelschlag begleitet und durch Wehklagen unterbrochen wurden. Ein Verwandter des Häuptlings legte einheimisches Geld zu seinen Füßen, das unter die Tänzer verteilt wurde; diese zogen sich darauf zurück. Weiter brachte man ein Kanu herbei, legte den Toten hinein, gab ihm ein Ruder in die Hand, schmückte ihn von neuem, hüllte ihn in Matten und trug ihn endlich zu Grabe. Das Wehklagen wurde nun stärker, und die Verwandten ließen sich nur mit Mühe davon abhalten, nicht in das Grab zu springen. Doch schließlich wurde dieses zugeschaufelt. Und wieder ertönte Trommelschlag bis zum Morgen. Dadurch wollte man die Seele des Verstorbenen weit weg nach dem Osten begleiten, an den Ort, wohin sie vermutlich wandert und wohin die Reise vom frühen Morgen bis zum Sonnenuntergang dauert. Als daher am nächsten Tage sich die Sonne zeigte, spähte man nach dem östlichen Himmel aus, um zu sehen, ob eine Wolke die dort untergehenden Sterne verhülle; war dies der Fall, dann erblickte man darin ein Anzeichen, daß der Geist seinen Einzug gehalten hatte. Ungefähr ein Jahr später wurde der Schädel des Häuptlings wieder ausgegraben, rot und weiß angemalt, mit einem Federbusch geschmückt und auf eine besondere Plattform gebracht.

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Original i. Ethnogr. Museum, Dresden.

Abb. 180. Schädelkorwar aus Holländisch-Neuguinea.

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Aus: Brown, Melanesians and Polynesians.

Abb. 181. Basilakiweiber im Trauerschmuck.

Bei den Sulka, einem Stamme des mittleren Neupommern, sind die Begräbnisfeierlichkeiten auch für einen gewöhnlichen Mann ziemlich umständliche. Sobald der Tod eingetreten ist, wird seine Hütte geschmückt und sein gleichfalls schön ausgeputzter Leichnam in sie hineingelegt, worauf wieder ein großes Wehklagen anhebt. Die Plantagen des Verstorbenen werden auch hier verwüstet, seine Schweine getötet und verteilt, seine Waffen zerschlagen; früher wurden auch, falls es sich um einen reichen Mann handelte, seine Weiber getötet. Der Leichnam wird nun am nächsten Tage in sitzender Stellung, den Kopf über der Erde, im Hause selbst beigesetzt und mit einem Haufen Bananenblätter bedeckt; dann werden Steine darumgelegt und wird ein Feuer angezündet. Längere Zeit hindurch schlafen die Verwandten neben ihm, die Männer auf der einen, die Weiber auf der anderen Seite. Sehr wichtig ist nun die Vertreibung der Seele des Verstorbenen. Damit sie keinen Widerstand leiste, wird der Zeitpunkt hierfür geheim gehalten und die Vorbereitungen über Nacht getroffen. Sehr früh am nächsten Morgen fahren plötzlich die Männer mit einem Schrei in die Höhe, schlagen gegen die Wände des Hauses und laufen mit brennenden Fackeln aus Kokosnußblättern umher; durch diesen Lärm entweicht darauf der erschreckte Geist. Wenn das Fleisch des Leichnams ganz zersetzt ist, werden die Knochen wieder ausgegraben, in einen Sack aus Blättern gehüllt und im Hause aufgehängt. Nach Ablauf einer gewissen Zeit gibt es einen Gedenkschmaus.

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Aus: Brown, Melanesians and Polynesians.

Abb. 182. Grab eines Häuptlings auf den Salomoinseln.

Das giebelartige Gebilde enthält den Schädel des Toten, den die geschnitzte Figur zur Rechten darstellen soll. Die Eingeborenen bringen dem Geiste des verstorbenen Häuptlings Opfer, die auf dem Steinhaufen niedergelegt und verbrannt werden.

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Aus „Kolonie und Heimat“.

Abb. 183. Scheiterhaufen zur Leichenverbrennung

auf den Salomonen.

In Nord-Neumecklenburg und auf Neuhannover wird der Körper eines Toten auf Speeren aufgebahrt, von den Angehörigen von Haus zu Haus getragen und am nächsten Tage auf eine Plattform vor seinem Hause gelegt, unter der man einen Holzstoß errichtet. Je angesehener die Stellung war, die der Verstorbene bekleidete, um so höher fällt die Plattform aus. Nachdem sodann der Holzstoß in Brand gesteckt ist, besteigt ein männlicher Verwandter die Plattform und berührt den Kopf des Toten von Zeit zu Zeit unter Gesang mit einem Speer, so lange, bis die Flammen ihn zum Herabsteigen zwingen. Endlich fängt auch die Plattform Feuer, bricht zusammen, und mit ihr fällt der Leichnam in die Glut. Er wird sodann herausgenommen, ein Stück von ihm losgelöst und unter die Jünglinge des Dorfes verteilt, der übrige Körper aber noch einmal ins Feuer gelegt und zu Asche verbrannt. Alle diese Vorgänge begleiten lautes Wehklagen und Geschrei. Schließlich folgt ein Gelage. Über der Asche des Feuers und des Toten wird ein Dach errichtet. Nach einigen Wochen vermischt man die Aschenreste mit Kokosnußmilch; mit diesem Brei schmieren sich die Leidtragenden den ganzen Körper ein. Die Trauer hält eine bestimmte Zeit lang an und findet ihren Abschluß in einem Schmaus. — Auf Neumecklenburg treffen wir auch noch andere Bestattungsgebräuche an. In manchen Teilen der Insel wird der Tote in einer Hütte eingebaut, oder in einem Kanu aufgestellt, auch mit Ocker eingerieben, oder die Daumen werden ihm zusammengebunden, so daß seine Hände wie zum Gebet erhoben erscheinen, und der ganze Körper wird verbrannt. Anderwärts fertigt man eine Figur des Verstorbenen in Lebensgröße an, bringt sie morgens auf eine Plattform und verbrennt sie abends. In den Rosselbergen legt man den Toten, in sitzender Stellung ganz und gar mit gepulvertem Kalk bestrichen und in Blätter eingehüllt, auf einem Querbalken unter das Dach seines Hauses, wo er jahrelang aufbewahrt bleibt.

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Aus: Parkinson, Dreißig Jahre in der Südsee.

Abb. 184. Feierlichkeit zu Ehren des auf dem Totenstuhl ruhenden Verstorbenen von hohem Rang bei einer Duk-Duk-Gesellschaft.

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Aus: Parkinson, Dreißig Jahre in der Südsee.

Abb. 185. Aufbahren einer Leiche auf der Gazellehalbinsel.

In einer Küstengegend der Admiralitätsinseln, wo die Häuser auf Pfählen in die See hineingebaut sind und es besondere Hütten für die Frauen gibt, wird der Tote in einem solchen Frauenhaus mit dem Kopfe nach der See zu aufgebahrt; hier verbleibt er bis zur völligen Verwesung. Die Weiber bewachen die Leiche, entfernen das faulende Fleisch, versenken es in Körben in das Meer, das Skelett aber waschen sie mit Seewasser und begraben es in Körbe verpackt in der Erde, mit Ausnahme des Schädels, der Rippen und der Knochen der Unterarme, die in einen zweiten Korb gelegt und in die See hinabgelassen werden, bis alles gebleicht und sauber geworden ist. Dann legt man die Knochen mit scharf riechenden Kräutern in eine hölzerne Schüssel und bringt sie in das Haus, in dem der Verstorbene lebte. Aus den Zähnen verfertigen sich die Geschwister eine Halskette. Bei einer späteren Festlichkeit werden die zurückbehaltenen Knochen unter die nahen Verwandten verteilt, die sie zum Andenken an den Verstorbenen tragen. Der Schädel indessen wird für eine noch spätere, ganz besonders wichtige Zeremonie zurückgelegt, zu der ausgedehnte Vorbereitungen getroffen werden. Zu diesem Zweck wird eine prächtig geschnitzte Plattform hergestellt, die den Schädel aufnehmen soll. Am anderen Morgen kniet der Veranstalter der Festlichkeit nieder, ein Zauberer setzt sich auf seine Schultern und hält sich an seinen Haaren fest; dadurch will er jenem Kraft verleihen, damit er seinen Pflichten beim Fest gewachsen ist. Darauf ertönt Trommelschlag in der ganzen Umgegend, die Gäste strömen herbei, und wenn sie versammelt sind, hält der Veranstalter (gewöhnlich der Sohn des Verstorbenen) eine Ansprache, in der er den Toten und die Anwesenden, auch sich selbst lobt und ihre Feinde schmäht. Schließlich tritt unter Trommelwirbel der Zauberer hervor und nimmt den Schädel in die Hand, worauf der Festgeber ihn mit einem in Öl getauchten Drakänenzweig schlägt und dabei die Worte ausruft: „Du bist mein Vater“; nach einer Weile wiederholt er den gleichen Vorgang und ruft dieses Mal: „Empfange diese Speise, die dir zu Ehren zubereitet wurde“, und beim dritten Male: „Beschütze mich, beschütze mein Volk, beschütze meine Kinder“. In jeder Pause werden die Trommeln geschlagen, und ein Trommelzeichen beschließt auch die Feier, worauf das eigentliche Freudenfest einsetzt. Der Schädel wird stets sorgfältig aufbewahrt.

Auf dem Bismarckarchipel gibt es in manchen Gegenden auch Gesellschaften, die gewissermaßen den Geheimbünden gleichen, nur daß sie ihre Tätigkeit ausschließlich zum Andenken Verstorbener entfalten. Diese Gesellschaften halten das ganze Jahr hindurch Aufführungen und Zeremonien auf ihren geheimen Plätzen ab, aber einmal im Jahre nehmen sie zu Ehren der Toten eine öffentliche heilige Handlung vor, bei welcher geschmaust und getanzt wird (Abb. 186). Wenn sie die heiligen Masken auf den Tanzplatz bringen, so tun sie es unter Wehklagen und lautem Ausrufen der Namen der Gestorbenen, zu deren Ehren sie die Masken angefertigt hatten; die Weiber schreien ebenfalls, raufen sich die Haare aus und reißen sich sogar die Kleider vom Leibe, gleichsam als ob sie den Verstand verloren hätten. Auf der Gazellehalbinsel wird der Tote nochmals in sitzender Stellung aufgebahrt (Abb. 185) und geschmückt, die Maskentänzer führen ihm zu Ehren einen Tanz auf, dem andere Zeremonien folgen. Auch die Duk-Duk-Leute führen beim Tode ihrer Mitglieder Tänze auf (Abb. 184).

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Aus: Parkinson, Dreißig Jahre in der Südsee.

Abb. 186. Maskierte Tänzer einer geheimen Gesellschaft auf Neumecklenburg,

die im Gegensatz zu den anderen Gesellschaften ihre Tänze nur zu Ehren ihrer Toten aufführen.

Auf den Salomonen endlich sind die Trauergebräuche im allgemeinen den oben geschilderten ähnlich. Auch hier trauern die Weiber, indem sie sich Kopfhaar, Gesicht und Oberkörper mit einer aus Kokosnußöl und Holzkohle bereiteten breiigen Masse einreiben und dumpfe, eintönige Klagelieder, die den Lebensgang des Abgeschiedenen sowie seine Taten verherrlichen, anstimmen. Die Leiche wird darauf auf einen Holzstoß gelegt und dieser angezündet; die Männer werfen Yamswurzeln, Taro, Bananen und andere Früchte, Wohlhabendere auch Hunde und Schweine in die Glut, damit diese Speisen dem Verstorbenen als Wegzehrung für seine lange Reise dienen. Die Weiber sitzen unterdessen, in burnusartige Gewänder aus Bananenblättern gehüllt, um den Scheiterhaufen und setzen ihre klagenden Sterbegesänge fort. Die Überreste des Toten werden aus der Asche von den männlichen Anverwandten sorgfältig gesammelt und in einem Mattenkorb aufbewahrt. Zum Andenken an ihn errichtet man über der Verbrennungsstätte kleine zusammenhängende Häuschen aus Bambus und den trockenen Blättern der Sagopalme, in denen der Korb mit den Knochenresten zeitweilig aufgestellt wird. Wenn Wind und Wetter diese kleinen Ahnenhäuschen zerstört haben, werden die Knochenreste in ein Kanu gelegt, von jungen Männern in die See hinausgefahren und hier versenkt. — Auf Holländisch-Neuguinea werden die Leichen in hausförmige, überdachte Särge gelegt, die jedoch manchmal so schmal sind, daß nur die Knochen darin untergebracht werden können (Abb. 187).

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Aus: Van der Sande, Nova Guinea.

Abb. 187. Am Grabe des Mannes trauernde Witwe (Holländisch-Neuguinea).

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Phot. A. C. Haddon.

Abb. 188. Kindermumie von den Inseln der Torresstraße.

Im Anschluß hieran mögen noch einige Worte über die Begräbnisgebräuche beim Tode von Kindern folgen. Trotz ihrer niederen Kultur scheint vielen Melanesiern der Tod ihrer Kleinen doch nahe zu gehen. Verschiedentlich lesen wir, daß die Eltern die üblichen Totenklagen ihretwegen anstimmen und sich das Gesicht schwärzen, wie beim Tode eines Erwachsenen. Auf Kaiser-Wilhelms-Land trennen sich die Eltern schwer von ihren Lieblingen; sie bemalen sie mit Ocker, wickeln sie in Blätter ein und bewahren sie eine Zeitlang in ihrer Hütte auf. Bei den Papua der Torresstraße soll der Fall vorgekommen sein, daß eine Mutter ihr totes Kind beständig auf ihrem Rücken mit sich herumschleppte (Abb. 188), und ein Papua von Doreh soll sich das Bild seines Söhnchens auf den Rücken haben einbrennen lassen. Bei den Mafulu herrscht die seltsame Sitte, daß eine Frau, die ein Kind verloren hat, sich einen ihrer Finger amputieren läßt; sie unterzieht sich dieser Prozedur jedesmal, wenn sie dasselbe Unglück trifft; manchmal sogar drei- bis viermal hintereinander.

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Aus: Spencer & Gillen, Native Tribes of Central-Australia.

Abb. 189. Hochwerfen eines Knaben in die Luft bei einer der Aufnahmezeremonien des Aruntastammes.

Australien.

Die Eingeborenen Australiens bieten in ihrem Äußeren ein im großen und ganzen einheitliches Bild dar, das sie deutlich sowohl von den Schwarzen Melanesiens als denen Afrikas unterscheidet, wenngleich zwischen einzelnen Stämmen manche Abweichungen nicht zu verkennen sind, was in erster Linie wohl mit der verschiedenen Lebensweise, im besonderen der Ernährung, sodann aber auch mit der verschiedenen ethnischen Mischung zusammenhängen dürfte. Sie sind eine Rasse von etwas über Mittelgröße; die Männer werden im Durchschnitt etwa hundertundsechzig bis hundertachtundsechzig Zentimeter hoch, jedoch kommen gelegentlich auch große Leute vor. Trotzdem sie im allgemeinen eine leidlich gut entwickelte Muskulatur besitzen, fallen die Australier doch durch ihre große Magerkeit auf, die nicht selten so hochgradig ist, daß man sozusagen die Knochen durch ihre Haut sehen kann. Fettansatz fehlt ihnen zumeist, wohl infolge ungenügender Ernährung. Dessenungeachtet ist ihr Körper auffällig geschmeidig und ziemlich leistungsfähig. Daneben gibt es aber auch Stämme von kräftiger, muskulöser Gestalt, und zwar dort, wo die Lebensbedingungen günstigere sind. Die samtweich sich anfühlende Haut der Australier wird für gewöhnlich als schwarz beschrieben, in Wirklichkeit aber ist ihre Farbe mehr ein Schokoladenbraun; es kommen aber alle möglichen Schattierungen vom dunkleren Schwarzbraun bis zum Braun des Milchkaffees vor. Vielfach wird eine dunklere Farbe durch Einreiben mit Ocker vorgetäuscht. Der Haarwuchs ist sehr üppig, selbst die Arme sind zumeist mit kurzen, gekräuselten Haaren dicht bedeckt, oft genug auch die ganze Körperoberfläche. Das Kopfhaar ist gewellt oder lockig, und fällt für gewöhnlich bis auf die Schultern herab. Seine Farbe ist ein glänzendes Schwarz mit einem Stich ins Braune oder Rotbraune; etwa vorkommende rötliche Haare rühren vom Färben her. Der Bart pflegt gut entwickelt zu sein. Der Schädel ist von langer, ziemlich hoher Form. Das Gesicht ist niedrig und breit, die Backenknochen stehen etwas vor, die niedrige, schmale Stirn dagegen tritt sehr zurück. Bemerkenswert sind die kräftig entwickelten Augenbrauenwülste, die große, ausdrucksvolle, tiefliegende Augen überschatten. Die Nase ist kurz und dick, besitzt einen gerade verlaufenden Rücken und dicke große Flügel; die Nasenwurzel ist durch eine scharfe Einsattlung von der Stirn abgesetzt. Diese eigenartige Gesichtsbildung verleiht den Australiern etwas ungemein Abstoßendes (Abb. 190 und 191).

Die geistigen und sittlichen Eigenschaften der Australier werden vielfach unterschätzt. Sie sollen nach dem Zeugnisse guter Kenner über leichte Auffassungsgabe, scharfes Denken, gutes Vermögen, die Dinge geistig zu verarbeiten, und ein vorzügliches Gedächtnis verfügen und sich durch persönlichen Mut, Standhaftigkeit, Entschlossenheit, Ausdauer, Selbstbeherrschung, Stolz, Zuneigung zu Familienmitgliedern und ein gewisses Gefühl der Stammeszugehörigkeit auszeichnen. Daneben weisen sie aber auch eine Reihe schlechter Eigenschaften auf, wie Habsucht, Gefühllosigkeit, Rachsucht, Undankbarkeit, Mißtrauen, Lügenhaftigkeit, Trägheit und große Unreinlichkeit. Seit der Entdeckung Australiens durch die Europäer und der Besitzergreifung der brauchbaren Landstrecken durch sie ist die eingeborene Bevölkerung in stetem Rückgange begriffen, zumal da die Kolonisatoren rücksichtslos gegen sie vorgegangen sind und epidemische Krankheiten verheerend auf sie eingewirkt haben.

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Aus Straß, Naturgeschichte des Menschen.

Abb. 190. Australisches Mädchen.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 191. Australierin mit Schmucknarben.

Die bei den Eingeborenen als schön geltenden Narben werden ihnen in der Zeit des Wachstums beigebracht.

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Die Australier leben zerstreut über das Land in kleinen Gruppen zusammen, in Horden von höchstens hundert Mitgliedern, die das Land durchstreifen und deren mehrere sich gewöhnlich zu einem Stamme, allerdings oft genug in ganz losem Zusammenhange aneinandergeschlossen haben. Jede Horde besitzt eine ziemliche Selbständigkeit und erledigt ihre eigenen Angelegenheiten; die Ordnung innerhalb der Gruppe liegt in den Händen älterer Männer, die sich durch große Klugheit, Gewandtheit, Mut und gewisse Zauberkräfte vor den anderen hervorgetan haben und darauf achten, daß die überkommenen Gebräuche streng weiter bewahrt und Übertreter bestraft werden. — Das gemeinsame Band, das die Horden eines Stammes umschlingt, pflegen in erster Linie die gemeinsame Sprache oder Mundart, ferner gemeinsame Gewohnheiten und Anschauungen sowie gegenseitige Heirat und Tauschverkehr zu sein. Der Grund dafür, daß es in Australien zu keiner Bildung größerer Verbände unter den Eingeborenen gekommen ist, liegt darin, daß die trockene, dürre Natur des Landes größere Menschenansammlungen nicht zu ernähren imstande ist. — In ihrer Nahrung sind die Australier nicht wählerisch; sie genießen alles, was sie auf ihren Streifzügen auf dem Lande und zu Wasser erbeuten, hauptsächlich Beuteltiere, wie zum Beispiel das Känguruh und Opossum, ferner Emue, Schlangen, Fische und so weiter, und was ihre Weiber mit Hand und Grabstock an Wurzeln, Früchten, Pilzen, Flechten und kleinem Getier wie Würmern, Larven, Insekten, Ameisen, Heuschrecken, Raupen aus dem Boden ausgraben oder auflesen. Mit großem Geschick verstehen sie sich darauf, der Fährte des Wildes nachzugehen, sich an dasselbe wie ein Raubtier heranzupirschen und aus unmittelbarer Nähe mittels Wurfspießes zu erlegen. Wenn der Wind ungünstig steht, beschmieren sich gewisse Stämme Südaustraliens mit Schlamm, um der Witterung vorzubeugen, oder, wenn es an Deckung fehlt, bedecken sie ihren Körper mit stark beblätterten Zweigen; bei der Jagd auf Wasservögel hüllen sie ihr Haupt in Schilf. Die Fische werden im seichten Wasser entweder mit der Hand direkt ergriffen oder mittels eines flachen Gegenstandes aufs Trockene geschleudert; in tieferen Gewässern benutzt man Schlepp- oder Stellnetze, auch Hürden und Dämme, sowie Fischspeere. — Kleinere Tiere, sowie Wurzeln und Knollen werden roh verzehrt, alles übrige in glühender Asche, auf heißen Steinen oder, wie wir es in Polynesien bereits kennen lernten, in erhitzten Erdgruben geröstet, beziehungsweise gargekocht. Das dazu erforderliche Feuer gewinnt man entweder durch Bohren, Quirlen oder Reiben. Menschenfresserei kam früher häufig vor, war aber wohl kaum allgemein verbreitet. Sie entsprang dem Bestreben, durch Verzehren von Herz und Nieren seines Feindes sich dessen gute Eigenschaften, in besonderem Mut anzueignen, sowie der Rachsucht, Leckerei und in Zeiten der Not auch dem Mangel an Fleisch. Im Innern des australischen Erdteils scheint man dieser Unsitte noch zu frönen; hier bestand auch früher Endokannibalismus, das heißt das Leichenverzehren von Angehörigen.

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Aus: Weule, Leitfaden der Völkerkunde.

Abb. 192. Windschirm, den Australiern als Wohnung dienend.

Die Wohnungen der Australier sind, entsprechend ihrer umherschweifenden Lebensweise, die denkbar primitivsten. Zumeist sind sie nicht über einfache Windschirme oder Wetterdächer aus Rindenstücken oder Zweigen hinausgekommen (Abb. 192). In Nord- und Zentralaustralien sind dagegen wirkliche Hütten eine keineswegs seltene Erscheinung.

Obwohl das Klima, besonders im Süden, stellenweise recht rauh ist und häufig empfindliche Wetterstürze stattfinden, ist die Bekleidung des Australiers eine nur geringe. Man kann bei ihm mehr von einem Schmuck als von einer Bedeckung sprechen. Die Männer tragen meistens einen Rinden- oder Bastgürtel, ein winziges Band aus gedrehten Menschenhaaren oder ein Stückchen Perlschnur; in den Gegenden, wo das Klima einem schroffen Wechsel unterworfen ist, werden zum Schutze gegen Kälte und Regen kleine Mäntel aus Känguruh- oder Opossumfell oder Matten über den Rücken gehängt. In der gleichen Weise wie die Männer bekleiden sich die Frauen; charakteristisch für sie ist stellenweise ein Mantelsack aus Känguruhfell, in dem sie die Säugekinder mit sich schleppen. In manchen Gegenden aber gehen beide Geschlechter, zumal auf ihren Wanderungen, am liebsten splitternackt. Dagegen legt man allgemein auf reichliche Körperbedeckung bei den Festen und Tänzen Wert.

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Phot. W. E. Roth.

Abb. 193. Weiber aus Nordqueensland,

die zum Gesang der Männer bei einer Festlichkeit mit ihren Händen den Takt schlagen.

Der eigentliche Schmuck besteht aus Schnüren aus Menschenhaar oder Pelzstückchen um den Hals oder Oberarm. Sehr beliebt ist in vielen Gegenden ein Putz aus den Schwänzen kleiner Tiere; nicht minder verbreitet sind Perlmuscheln, Tierzähne, Krebsschalen, Rohrstengel, geflochtene Grasreifen und ähnliches mehr. Besonders das männliche Geschlecht bevorzugt den Schmuck. Zum Verzieren des Körpers zählen auch die Hautbemalung in den Farben Schwarz, Weiß, Rot, auf die wir gelegentlich der Schilderung der verschiedenen Festlichkeiten noch zurückkommen, das Färben der Haarkrone mit Erde und das Erzeugen von Narbenwülsten auf Brust und Rücken; das letztere ist eine bei beiden Geschlechtern weit verbreitete Sitte (Abb. 191 und 193). Diese Narben, die aus Einritzungen der Haut mittels Steinmesser oder einfacher Steinsplitter hervorgehen, sind meistens quer verlaufende, reliefartig hervortretende Stränge, die nicht nur zur Verschönerung dienen, sondern auch Alters- und Rangabzeichen darstellen, sowie den Schmerz über den Tod eines Angehörigen andeuten sollen. Viele Stämme Australiens betreiben noch andere körperliche Verunstaltungen, die ähnliche Bedeutungen haben, wie das Durchbohren der Nasenscheidewand und Ausschlagen eines Vorderzahns (Abb. 204). Eine unter den australischen Stämmen sehr verbreitete, ganz sonderbare Unsitte ist das Aufschlitzen der männlichen Harnröhre (von den Zentralaustraliern mika genannt), deren Zweck uns unbekannt ist. Früher glaubte man in diesem operativen Eingriff eine antikonzeptionelle Präventivmaßregel erblicken zu dürfen, indessen sprechen verschiedene Gründe (relative Unwirksamkeit, Unwissenheit der Australier über die Bedeutung dieser Verstümmlung, Unkenntnis des Vorganges der Konzeption) gegen eine solche Auslegung. Neuerdings glaubt man, dieser seltsamen Prozedur homosexuelle Bedeutung beilegen zu sollen. Der Geschlechtstrieb der Australier ist ein ziemlich reger, zumal die Kinder in ganz frühen Jahren von den Eltern in die Geheimnisse des geschlechtlichen Lebens eingeweiht werden. Die Mädchen verlieren ihre Reinheit schon, sobald sich der Fortpflanzungstrieb einstellt, was bereits um das achte bis zwölfte Lebensjahr der Fall ist; sie geben sich dann etwas älteren Knaben preis. Das weibliche Geschlecht soll besonders wollüstig veranlagt sein. Trotzdem gehen die Australier nicht wahllos Verbindungen miteinander ein, sondern ihr Geschlechtstrieb scheint im großen und ganzen auf eine bestimmte Person gerichtet zu sein. Die strengen Vorschriften bei Eingehen der Ehe regeln außerdem den geschlechtlichen Verkehr. Nur gelegentlich der großen Korroborietänze, die vielfach unter obszönen Bewegungen getanzt werden, herrscht bei manchen Stämmen allgemeine geschlechtliche Vermischung.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 194. Australierin vor einem Steine,

der als der Sitz von Kindergeistern gilt.

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Phot. Kerry & Co.

Abb. 195. Szene aus einer Borazeremonie (Ostaustralien).

Die einzuführenden Jünglinge müssen eine Anzahl Pantomimen mitmachen, die ihnen die Männer nachher erklären.

Die Tatsache, daß verschiedene Australierstämme nicht wissen, daß der Mensch aus dem Kohabitationsakte hervorgeht, sondern über seine Entstehung noch ganz primitive Auffassungen haben, gibt uns Anlaß, hierauf etwas näher einzugehen. Entsprechend den ursprünglichen Ansichten der Naturvölker, daß die Geister der Verstorbenen unter anderem in den Wäldern umherstreifen, in den Bäumen und Pflanzen Wohnung nehmen und sich wieder zu Menschen umwandeln können, glauben die Australier, daß ein Pflanzengeist bei der Entstehung eines neuen Menschen in ein Weib fährt und sich in ihm dazu ausbildet, daß es sich also bei der Geburt um eine Inkarnation, Wiederfleischwerdung eines Ahnen handelt. Sie halten daher auch eine Beteiligung des Vaters, das heißt den Geschlechtsverkehr für belanglos, höchstens meinen sie, daß dadurch die Geschlechtswege passierbar für den Austritt des Kindes gemacht werden. Die Arunta bilden sich zum Beispiel ein, daß in gewissen Steinen Kindergeister stecken, die sowohl durch Zauber wie durch eigene Macht in den Körper eines Weibes übergehen, und zwar durch den Nabel in der Größe eines kleinen Sandkornes, das aber bereits vollkommen gestaltete menschliche Wesen, Knaben oder Mädchen, vorstelle und Leben und Seele besitze. Auf einem solchen Steine befindet sich ein kleines rundes Loch, durch das die Geister vermutlich hinausgelangen (Abb. 194). Über ihm ist ein schwarzer Strich mit Holzkohle gezogen, und jedermann, der diese Stätte zufällig besucht, erneuert ihn. Dieser Strich trägt den gleichen Namen, wie der Streifen, den dieser Stamm über die Augen eines neugeborenen Kindes zur Abwendung von Krankheiten zeichnet. Wenn Frauen diesen Stein aufsuchen, so tun sie dies, um schwanger zu werden. Ein Mann, der die Kraft und den Willen dazu besitzt, kann die Frauen aus seiner Umgebung dazu bringen, daß sie Kinder bekommen, wenn sie zu diesem Steine gehen und einen Zauberspruch über ihn sprechen. Anderseits, wenn eine junge Frau an diesem Steine vorbei muß, aber keinen Nachwuchs mehr haben möchte, dann sucht sie den Geist des Steines über ihr Alter zu täuschen, indem sie sich als ein altes Weib gibt, ihr Gesicht in Falten zieht, sich vornüber bückt und an einem Stock geht, auch mit bebender Stimme, wie sie alte Frauen haben, ausruft: „Komm nicht zu mir, ich bin eine alte Frau“. Auf diese Weise hofft sie unbehelligt von den Kindergeistern gelassen zu werden. Interessant ist der Glaube, daß irrtümlicherweise auch in einen Mann ein solches Geisterkind hineingehen könne; in diesem Falle stirbt er, obgleich ein geschickter Medizinmann vielleicht imstande ist, ihn zu retten.

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Phot. The Royal Colonial Institute.

Abb. 196. Baum mit Mustern,

die für die Borazeremonie eingeschnitten werden.

Wie bereits erwähnt, ist es der Ahnengeist, der die Kinderkeime (ratapa) außerhalb des Mutterleibes entstehen und bei passender Gelegenheit in sie hineintreten läßt. Als Wohnsitz solcher Kinderkeime gelten Bäume, Felsen, Steine, Wassertümpel und die Tschuringa oder das Schwirrholz. Letzteres ist ein flaches längliches Stück Holz oder ein Stein, die an einem Ende durchbohrt und mit einer Schnur versehen sind; wird das Tschuringa rasch und kräftig gedreht, dann gibt es einen sausenden Ton (wie unsere Waldteufel) von sich. Daß diesem Gerät, das übrigens bei den Zeremonien der Australier eine große Rolle spielt, wie wir noch sehen werden, der Wohnsitz eines ratapa zugeschrieben wird, kommt daher, daß nach dem Glauben der Australier die Bäume, aus denen es hergestellt wird, aus dem Körper eines von zwei Hunden zerrissenen geisterhaften Wesens, namens Murtamurta, gewachsen sind. Eine nähere Berührung mit den angeführten Gegenständen hat zur Folge, daß eine Frau guter Hoffnung wird. Badet eine Frau zum Beispiel am Proserpine River (Queensland), so gehen die Kinderkeime der Pandanuswurzel in sie über; hat sie bei einem anderen Stamm nach dem Genuß von Lalitjafrüchten Erbrechen, dann ist dies ein Anzeichen, daß der Lalitjakindeskeim durch ihre Hüften in sie eindrang, oder schlägt sie einen Gummibaum mit einem Beil, dann wird dadurch gleichfalls ein Kinderkeim frei. Diese Kinderkeime gehen nun keineswegs immer sogleich in Menschengestalt in den Leib des Weibes über, sondern auch in der eines Tieres, zum Beispiel eines Regenvogels (Mädchen) oder einer Schlange (Knaben) und anderes mehr, verwandeln sich aber im Mutterleib wieder in einen Menschen. Auch die Berührung einer Frau mit einem Tschuringaholz genügt, um sie in gute Hoffnung kommen zu lassen.

Während der Schwangerschaft ist die Australierin, wie wir es schon von der Melanesierin her kennen, bestimmten Speiseverboten unterworfen, jedoch scheinen diese nicht so umfangreich wie dort zu sein. Sie darf gewisse Fleischspeisen, hauptsächlich vom Ameisenigel, Känguruh, Opossum, Emu und Schlangen, bei anderen Stämmen überhaupt kein Fleisch genießen. Als Grund für diese Einschränkungen wird angegeben, daß entweder die Mutter eine schwere Krankheit davon bekomme, oder das Kind am Mutterleibe anwachse oder sterbe und so weiter. Meistens ist auch der Mann an diese Vorschriften gebunden. Bei den Urubunna geht er während dieser Zeit auch nicht auf die Jagd, denn der Geist des Tieres, von dessen Fleisch er aß, würde ihn begleiten, das Wild warnen und das Wurfgeschoß ablenken.

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Phot. W. E. Roth.

Abb. 197. Fadenspiele aus Nordqueensland.

Sie stellen vor (linke Reihe von oben nach unten:) zwei Männer, die ein Tal hinabsteigen; zwei Ratten nebeneinander; vier in einer Reihe gehende Knaben, die sich die Hände reichen; einen laufenden Emu; eine Fledermaus; zwei ruhende Kakadu; (mittlere Reihe:) einen Kasuar; ein Krokodil; einen Mann, der auf einen Baum klettert; eine Schildkröte; (rechte Reihe:) eine Schildkröte; zwei weiße Kraniche; zwei mit Stöcken fechtende Frauen; eine fliegende Ente; zwei Fische; ein Känguruh.

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Phot. Kerry & Co.

Abb. 198. Szene aus einer Borazeremonie.

Die Medizinmänner des Stammes führen eine Reihe von Handlungen, die nur in Kunstgriffen bestehen, aus, um die Knaben in dem Glauben, daß sie zaubern können, zu bestärken.

Über die Geburt der Australierin habe ich nichts Näheres in Erfahrung bringen können. Die Abnabelung wird mittels Muschel, Känguruhknochen, Stein oder Obsidianmesser vorgenommen und gibt verschiedentlich Anlaß zu bestimmten Zeremonien. Bei den Narrinjeri bewahrt der Vater die Nabelschnur sorgfältig in einem Bündel Federn auf. Übergibt er dieses Bündel dem Vater eines Kindes aus einem anderen Stamme, dann werden beide Kinder Ngia Ngiampe, das heißt sie dürfen, solange die Nabelschnur nicht wieder zurückgegeben ist, miteinander nicht nur nicht sprechen, sondern sich auch nicht berühren oder überhaupt nahekommen. Nach der Rückgabe des Büschels erlischt diese Vereinbarung. Über ihren Zweck sich näher auszulassen, würde zu weit führen. — Wirft bei den Westaustraliern die Mutter die Nabelschnur ins Wasser, dann wird der Sohn später ein guter Schwimmer. Die Kaitisch (Zentralaustralien) wickeln den Nabelstrang in Pelzstreifen und binden diese dem Kinde um den Hals. Die Warrunga, die ähnlich damit verfahren, überreichen sie, falls es sich um ein Mädchen handelt, das der Oheim mütterlicherseits verheiraten muß, später diesem, der sie eine Zeitlang in seinem Armband trägt und dem Vater des Kindes Waffen schenkt; er darf aber das Kind selbst nicht eher sehen, als bis es laufen kann. Sobald dieser Zeitpunkt gekommen ist, erhält er vom Vater Pelzstreifen übersandt, kommt ins Lager, sieht sich das Kind an und bringt dem Vater Geschenke mit. Den Nabelschnurrest legt er in einen hohlen Baum, dessen Ort er niemanden verrät. Bei den Kaitisch müssen der Vater und die Großeltern mütterlicherseits während der Entbindung im Busch sich aufhalten; bei der Rückkehr bringt der Großvater einen Strauß mit und berührt mit ihm das Haupt der Wöchnerin, die darauf ihr Kind in einem hölzernen Gefäß, das als Wiege dient, in die Höhe hebt und es der Großmutter reicht. Diese reibt das Kind an ihrem Magen herum und wirft es mehrere Male in die Höhe, dann umarmt sie es von rückwärts. Der Vater wärmt bei seiner Rückkehr einen Speer über dem Feuer und läßt ihn über dem Neugeborenen hin und her gleiten. Darauf zeichnet er dem Kinde einen schwarzen Kreis um die Augen und den Nabel und gibt es der Mutter zurück. — Die Namengebung findet bei einigen Stämmen sogleich nach der Geburt, bei anderen erst nach Wochen statt. Die Bewohner des unteren Murray halten es für unheilbringend, dem Kinde einen Namen zu geben, ehe es gehen kann. In noch anderen Gegenden erfolgt eine zweite Namengebung, zum Beispiel im Knabenalter. In Westaustralien tauscht man seinen Namen als Zeichen der Freundschaft aus. Bei den Muralug (Kap York) wird in Gegenwart aller Verwandten bei der Namengebung eine Festlichkeit veranstaltet, der Vater aber darf dabei nicht anwesend sein. Die Mutter hält das Kind über einen Karamubusch und fleht den Segen der Götter auf das Neugeborene herab.

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Phot. Kerry & Co.

Abb. 199. Szene aus der Borazeremonie der Stämme Ostaustraliens.

Die Jünglinge werden mit bedecktem Kopf den Pfad von einem Teil des Borakreises zum anderen längs der eingegrabenen Zeichnungen geführt.

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Zwillinge werden in Zentralaustralien sofort getötet, verkrüppelte Kinder entweder ebenfalls aus dem Wege geräumt oder aus Aberglauben am Leben gelassen und verehrt. Überhaupt ist in allen Teilen Australiens der Kindsmord sehr verbreitet, die englische Regierung vermag hiergegen wenig auszurichten. Oberländer sah am Murray ein Weib, das zehn bis elf ihrer Kinder getötet hatte. Der Grund für diese Grausamkeit liegt darin, daß man von einer größeren Anzahl Kinder, meistens bei mehr als zwei, nicht erbaut ist, weil sie bei der Erziehung unter den obwaltenden recht ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnissen Schwierigkeiten bereiten und auf den langen Märschen lästig fallen. Die getöteten Kinder wurden früher allgemein gegessen, und zwar beteiligten sich an dem Mahl nur die Frauen.

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Phot. Kerry & Co.

Abb. 200. Szene aus einer Borazeremonie.

Die Männer gehen mit Speeren auf ein in den Sand gezeichnetes Känguruh los.

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Abb. 201. Szene aus einer Einführungszeremonie des Warramungastammes.

Das Schweigegebot, das den Jünglingen bei dieser Zeremonie auferlegt wird, wird durch Berührung des Hauptes eines der alten Männer mittels eines beblätterten Zweiges gelöst.

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Auch die Australierin säugt ihre Kinder lange Zeit, in der Regel vier bis fünf Jahre lang. Solvado beobachtete nicht selten, daß Knaben ihr Waffenspiel unterbrachen und zur Mutter eilten, die gerade einem jüngeren Kinde die Brust reichte und sie auch damit versorgte.

Bis zum Alter von etwa sieben Jahren wachsen die Knaben mit den Mädchen zusammen unter der Obhut der Mutter auf, dann werden sie getrennt; sie erhalten fortan Unterweisung in mancherlei Künsten. So eignen sie sich die Kenntnisse, die sie als Jäger brauchen, an, indem sie im Lande umherstreifen und die Beschaffenheit und den Aufenthaltsort von Tieren und Pflanzen, die als Nahrung dienen, kennen lernen; dadurch erwerben sie sich gleichzeitig eine staunenswerte Beobachtungsgabe. Sie werden ferner in dem Gebrauch der Waffen unterwiesen und erfahren das Nötigste von den Gebräuchen des Stammes. Alles dieses wird den Knaben gleichsam spielend beigebracht, nicht durch systematische Belehrung. Bei einigen Stämmen ist es Sitte, die Knaben, sobald sie das richtige Alter erreicht haben, aus dem Heimatdorfe fortzuschicken, um einige Monate unter den Leuten einer anderen Gruppe desselben Stammes oder auch von fremden Stämmen zuzubringen und hier ebenfalls Erfahrungen zu sammeln. Während dieses Aufenthaltes kümmern sich die Männer der Gruppe, bei welcher der Knabe untergebracht ist, um seine Erziehung; er lernt dadurch andere Orte und Gebräuche kennen, gewinnt neue Freunde und zieht manchen Vorteil für sein späteres Leben aus solcher „Pension“. Nach Ablauf dieser Zeit kehrt er in die Heimat zurück, wobei ihn ein paar Männer begleiten, die hier einige Tage lang bewirtet werden, und wird dann als Mann aufgenommen; dieses Ereignis wird für gewöhnlich durch irgend eine Zeremonie zum Ausdruck gebracht. Die Stammesgruppe, die sich in der geschilderten Weise für den Knaben verpflichtete, pflegt meistens einen ihrer eigenen Knaben zur Erziehung der Gruppe zu übergeben, aus welcher dieser Knabe stammt; es besteht also gleichsam ein Austausch der Kinder. Dieser beschränkt sich aber nicht nur auf bestimmte Gruppen, sondern der eine Knabe geht in diese, der andere in jene Gruppe zur Ausbildung. Es bahnt sich dadurch ein engeres Verhältnis zwischen den einzelnen Personen wie zwischen den verschiedenen Gruppen eines und auch eines fremden Stammes an.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 202. Tanzunterricht der Knaben für einen Korroborie.

Der alte Mann lehrt sie diesen Tanz. Er singt und schlägt den Takt dazu mit zwei Bumerangs.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 203. Zeremonialgegenstände der Australier.

An beiden Seiten sind Zauberstöcke dargestellt, mit denen die Eingeborenen glauben, durch „Zielen“ auf einen Menschen diesem Unheil bringen zu können; oben ist ein Halsschmuck der Leute des Adlerhabichtclans, unten ein Tschuringa und in der Mitte ein Halsband mit Quaste abgebildet.

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Schon beim Heranwachsen zum Jüngling haben die Knaben sich bestimmten Speiseverboten zu unterziehen. Die verschiedenen Stämme besitzen ihre eigenen Bestimmungen darüber, aber es gelten immer die beliebtesten Speisen als verboten, zum Beispiel der Emu, der für die Australier eine große Delikatesse bedeutet, oder in den Küstengegenden der Dugong oder die Schildkröte; sonstige Gerichte, die anderwärts auf dieser Verbotstafel stehen, sind das Stachelschwein, der Wombat, Aale, Emueier und Honig. Je mehr sich der heranwachsende Jüngling dem Mannesalter nähert, um so mehr werden für ihn diese Speiseverbote eingeschränkt, ihm die beliebten Speisen also wieder freigegeben. Zu einem bestimmten Zeitpunkte entscheiden ein paar Männer darüber, ob er jetzt von einem bestimmten Verbot zu befreien ist, etwa von dem Verbot, Fleisch vom Beuteldachs (Bandikut) zu essen. Es wird dafür ein solches Tier eingefangen und gekocht; einer der Männer reibt dem Jünglinge das Fett über den Mund und gibt ihm von dem Fleisch zu essen; fortan ist es ihm gestattet von dieser Nahrung zu sich zu nehmen. In ähnlicher Weise werden die verschiedenen Speiseverbote nacheinander aufgehoben. Manche Stämme dehnen diesen Widerruf auf eine sehr lange Spanne Zeit aus; so kommt es schließlich soweit, daß ein Mann bereits alt und grau geworden ist, ehe er alle Speisen essen darf. Auch die Frauen müssen sich ähnlichen Vorschriften unterziehen und sich bestimmter Speisen bis zu einem gewissen Alter enthalten. Bei manchen Stämmen scheint das Erzeugen von Schmucknarben mit der Aufhebung dieser Verbote in Zusammenhang zu stehen; bei jedem Widerruf werden eine oder mehrere Narben beigebracht.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 204. Ausschlagen eines Schneidezahnes bei einem Mädchen des Kaitischstammes,

ein Brauch, der vielen australischen Stämmen eigen ist und bei Knaben oder Mädchen in einem gewissen Alter ausgeführt wird.

Wie unter den Melanesiern, so sind auch unter den Eingeborenen Nordqueenslands Fadenspiele sehr verbreitet. Es handelt sich hierbei darum, eine Schnur zwischen den Fingern zu allerlei Figuren — beliebt sind unter anderem Fische, Schildkröte, fliegender Fuchs, Kanu, Kokospalme — zu verstricken (Abb. 197).

Die Zeremonien, mit denen die Jünglinge in die geheimen Sitten ihres Stammes eingeführt werden, stimmen in ihren großen Zügen in fast ganz Ostaustralien (Viktoria, Neusüdwales und einem Teil von Queensland) miteinander überein, dagegen wechseln sie in ihren Einzelheiten sowie in ihrem Namen von Stamm zu Stamm. Der Einfachheit halber wollen wir sie kurz als Borazeremonien, dem bei einigen Stämmen von Neusüdwales üblichen und in die Wissenschaft eingeführten Namen, bezeichnen. Erst wenn ein Mann mehrere Boraversammlungen mitgemacht hat, gilt er für ein völlig eingeweihtes Mitglied des Stammes, indessen ist für ihn die erste Sitzung, bei der er als Knabe zugegen war, die bei weitem wichtigste.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 205. Teilnehmer einer Einführungszeremonie (Pflaumenbaumtotem) bei den Arunta.

Sie sind mit Streifen aus gelbem Ocker und Kohle bemalt und mit Daunen beklebt; die sitzende Person trägt einen hohen Kopfputz, der einen Pflaumenbaum darstellen soll.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 206. Schlußszene der Einführungszeremonie bei dem Aruntastamme.

Die Knaben müssen, ohne zu sprechen, längere Zeit im Sande liegen.

Besitzt eine Ortsgruppe einen oder zwei Knaben, die nach Ansicht der älteren Männer das erforderliche Alter für die erste Bora erreicht haben, so wird darüber in einer Sitzung ein Beschluß gefaßt und die Vorbereitungen für die erste Sitzung getroffen, die vielleicht erst nach Monaten zustande kommt. Es werden nun Boten ausgeschickt, um die benachbarten Gruppen davon zu benachrichtigen. Auf diesen Gängen führen die Boten gewöhnlich diesen oder jenen Gegenstand, je nach der bei den einzelnen Stämmen herrschenden Sitte, mit sich, bald einen Botenstock, ein kleines Stück Holz, das Kerben aufweist, bald ein Schwirrholz, oder einen Männergürtel, oder einen Strauß Federn. Unter Vorzeigung dieses Kennzeichens macht der Bote vor den alten Männern des Lagers Mitteilung über Zeit und Ort der nächsten Bora, ladet sie ein und fordert sie gleichzeitig auf, diejenigen Knaben mitzubringen, die ihrem Alter nach eingeführt werden können. Ein solcher Bote gilt stets für heilig und unverletzlich, selbst wenn er zu feindlich gesinnten Eingeborenen kommen sollte. Kurz vor dem festgesetzten Tage begibt sich die das Fest gebende Gruppe aufs Feld in die Nähe der Stelle, wo die Bora abgehalten werden soll. Die eingeweihten Männer beginnen dann den Erdboden für die Feier vorzubereiten. Der Plan hierzu fällt an den verschiedenen Orten verschieden aus, allgemein üblich ist jedoch eine Dreiteilung des Boragrundes. Man unterscheidet einen großen, kreisförmigen, sorgfältig gesäuberten und geglätteten Platz, der von einem niedrigen Erddamm umgeben ist, sodann einen oft vierhundert bis vierhundertfünfzig Meter langen Pfad, der von dem großen Kreis in den Busch führt und in einen kleinen gelichteten Kreis endet, der ebenfalls von einem niedrigen Damm umzäunt wird. Frauen dürfen nur den größeren Kreis aufsuchen, aber keine davon, überhaupt kein Uneingeweihter darf den Pfad erblicken; auf Übertretung steht Todesstrafe. Auf jeder Seite des Pfades werden nämlich verschiedene Zeichnungen auf dem Erdboden gemacht, entweder in Gestalt erhöhter Erdhügel oder von Umrißzeichnungen (Abb. 195), die mit einem Beil hergestellt werden und meistens verschiedene Tierarten, zum Beispiel Känguruhe, Emue, Schlangen und so weiter, manchmal auch geometrische Muster (Abb. 199) darstellen. Die Bäume zu beiden Seiten des Pfades werden mit Schnitzereien verziert (Abb. 196), entweder gleichfalls mit geometrischen Mustern oder mit Tieren. An einer Stelle des Pfades oder des kleineren Kreises findet sich oft ein Erdhügel aufgeworfen in Form einer menschlichen Gestalt, die ein mythisches Wesen darstellt. Dieses, von einigen Stämmen Baiame genannt, hat nach dem Aberglauben der Eingeborenen die Borazeremonien eingeführt und findet sich bei jeder Veranstaltung wieder ein, um zuzusehen, ob die Feier auch nach den alten Vorschriften durchgeführt wird.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 207. Szene eines Korroborietanzes des Aruntastammes.

Die sitzenden Leute singen und schlagen den Takt zu dem Tanz mit ihren Bumerangs. In der Laubhütte schmücken sich die Tänzer.

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Rückt der Tag für die Zeremonie heran, so treffen die eingeladenen Gäste aus der Umgebung allmählich ein. Sobald sich eine Gruppe dem Borafeld nähert, sendet sie einen Boten voraus, der ihre Ankunft ankündigt. Man empfängt die Gäste mit großer Feierlichkeit, die teilweise in einem Tanze im großen Kreise besteht. Den Eingeweihten unter ihnen wird dann der Pfad gezeigt, ebenso der kleine Kreis und die Zeichnungen. Bei diesen Gelegenheiten, wo Männer aus verschiedenen Gegenden zusammenströmen, kommt es zum Austrag alter Kränkungen durch einen Kampf; aber wenn dann die Uneinigkeiten ausgeglichen sind, ist der Friede wieder hergestellt, und die Zeremonie geht vor sich, sobald der letzte Trupp der Eingeladenen eingetroffen ist.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 208. Mann mit Froschtotem.

Der hohe Kopfputz stellt einen heiligen Baum dar, und die Daunen an des Mannes Kopf und Körper seine Wurzeln.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 209. Schlußszene eines Korroborietanzes,

die der vorderste, ein übernatürliches Wesen darstellende Mann anführt.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 210. Szene aus der Feuerzeremonie des Aruntastammes.

Die Knaben liegen auf der niedergebrannten Glut.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 211. Zeremonie des Wildkatzentotems des Aruntastammes.

Der aufrechte Gegenstand stellt den mythischen Vorfahren dar.

Es ist unmöglich, in Kürze alle Einzelheiten der Zeremonie (Abb. 195, 198 bis 200) zu beschreiben, die überdies bei den verschiedenen Stämmen anders ausfallen. Am ersten Abschnitt, der am großen Borakreis sich abspielt, beteiligen sich auch die alten Frauen; von den übrigen Vorgängen ist das weibliche Geschlecht ausgeschlossen. Die Knaben werden zu dem kleineren Ring geführt, die Zeichnungen an den Bäumen und die Figuren auf dem Erdboden ihnen von älteren Männern, die während der ganzen Zeit ihre Beschützer sind, gezeigt und erklärt (Abb. 199). Die Männer führen Zauberspiele und Pantomimen auf, welche die Knaben sich mitansehen müssen und von jenen erklärt werden. Bei dieser Gelegenheit erblicken die Knaben auch zum erstenmal ein Tschuringa oder Schwirrholz (Abb. 203), jenes Stück Holz von spitz-ovaler Form, das mit einer an seinem Ende befestigten Schnur schnell in Bewegung gesetzt wird und einen summenden Ton hervorbringt. Frauen bekommen dieses Gerät niemals zu Gesicht, die Knaben werden auch davor gewarnt, einer Frau gegenüber jemals von ihm zu sprechen, geschweige denn es einer solchen zu zeigen. Sollte ein weibliches Wesen aus Unachtsamkeit etwa ein Schwirrholz erblicken, so wird es getötet. Es wird den Frauen vorgeredet, daß der Ton, den das Schwirrholz verursacht, die Stimme eines übernatürlichen Wesens sei. Solange die Zeremonie der Bora vor sich geht, hört man ihn. Die Zeremonien bestehen zum großen Teil in Pantomimen, bei denen die Darsteller die Tätigkeit von Tieren nachahmen. Alle diese Vorgänge, sowie die Dinge, die den Novizen in dieser Zeit gezeigt werden, sind heilig und dürfen von den Frauen nicht gesehen werden. — Die Knaben haben meistens auch noch einen blutigen Eingriff an ihrem Gliede zu erdulden; es wird an ihnen die Beschneidung, das heißt die Abtrennung der Vorhaut vollzogen. Bei einigen Stämmen erfolgt nach einigen Wochen noch eine zweite Operation, das Bloßlegen (Aufschlitzen) der Harnröhre, die wir bereits oben (S. 154) erwähnten. Bei den Arunta wird mit dem bei diesen Eingriffen abfließenden Blute ein kleines Schwirrholz bestrichen, damit es später als Liebeszauber diene. Der Jüngling, der ein Mädchen zur Heirat geneigt machen will, läßt es dann schwirren. Bei anderen Stämmen gehört zu den Einweihungsfeierlichkeiten auch das Ausschlagen eines Vorderzahnes (Abb. 204), das Hochwerfen der Knaben in die Luft (Abb. 189), das Anbringen von Narben und eine Art von Feuerprobe. Während aller dieser Vorgänge werden die Knaben scharf beobachtet, ob sie sich dabei richtig benehmen; befolgt einer von ihnen nicht die Befehle seines Beschützers, so wird er umgebracht. Solange die Borazeremonie dauert, sind die Knaben und ihre Begleiter von den Frauen und Mädchen getrennt. Die Männer verbringen einen Teil des Tages mit der Beschaffung der Nahrung durch Jagd, die übrige Zeit gilt den Vorführungen. Am Schluß werden die Knaben den Frauen zugeführt, und öfters wird noch ein Fest veranstaltet, an dem sich auch diese beteiligen. Die Knaben aber leben noch eine Zeitlang, manchmal vier Monate, mit ihren Beschützern im Busch und werden von ihnen über alle Gesetze und Gebräuche des Stammes, sowie über die Notwendigkeit, diese zu befolgen und den älteren Männern zu gehorchen, unterwiesen. Während dieser Probezeit dürfen die Knaben keine Frauen sehen, noch von ihnen gesehen werden. Bei einigen Stämmen dauert dies so lange, bis sich für die Knaben Gelegenheit bietet der nächsten Bora beizuwohnen. Zur vollständigen Mannbarwerdung müssen die Jünglinge mehrere Boraversammlungen besuchen, bei deren jeder sie immer etwas Neues sehen, das ihnen vordem noch vorenthalten wurde.

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Phot. W. E. Roth.

Abb. 212. Zaubergestalt von Nordqueensland,

die zur Vertreibung der Moskitos verbrannt wird.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 213. Szene aus der Adler-Habicht-Zeremonie des Aruntastammes bei den Einführungsfeierlichkeiten der Jünglinge.

Die beiden handelnden Personen stellen zwei dieser Vögel im Streite um ein Stück Fleisch dar.

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Szene aus einem Korroborie,

einer Art dramatischer Pantomime und Tanz. Der am Boden liegende Eingeborene soll einen schlafenden Mann darstellen, während der auf ihn Zuschreitende zwischen den Zehen ein in Rinde gehülltes Pulver eines Zaubersteines hält, das er auf den Schlafenden fallen läßt, um ihn so zu töten.

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Die Feuerzeremonie oder Ingwurra (Abb. 210), um auf sie noch einmal etwas ausführlicher zurückzukommen, ist das letzte Stadium der Einweihungsfeierlichkeiten bei den Arunta und führt die Bevölkerung von weit und breit auf Einladung zusammen. Eigentlich ist sie eine Aufeinanderfolge verschiedener Akte. Die Feierlichkeiten werden wochenlang mit den üblichen Korrobories eingeleitet, an denen sich auch die Frauen beteiligen. Ein Korroborie, eine Art dramatischer Unterhaltung, ein pantomimischer Tanz (Abb. 202, 207, 209 und farbige Kunstbeilage), den ein Gesang begleitet, besteht gewöhnlich aus einem Zyklus von Vorführungen, von denen eine jede einen Abend ausfüllt, so daß das Ganze mehrere Abende hintereinander in Anspruch nimmt. Den Korrobories folgt als zweiter Akt die Ingwurrazeremonie. Jetzt trennen sich die Frauen von den Männern und bleiben auf dem Felde, während letztere mit Ausnahme einiger Tagesstunden, die sie der Jagd widmen, auf dem Festplatz leben und diese Zeit auf die Vorbereitung und Aufführung heiliger Zeremonien verwenden. Da wir weiter unten auf diese etwas ausführlicher zurückkommen, wollen wir hier nur erwähnen, daß sie die heiligen Mythen des Stammes versinnbildlichen und für die jungen Leute ein Mittel abgeben sollen, sie in den Glaubensauffassungen, die damit in Zusammenhang stehen, zu unterweisen. Diese Vorbereitungen erfordern eine geraume Zeit, obwohl jede Aufführung eigentlich nur wenige Minuten dauert. Wenn damit Monate vergangen sind, beginnen nun die wirklichen Zeremonien, die sich auf etwa zwei Wochen erstrecken. Täglich werden die jungen Leute, die aufgenommen werden sollen, auf die Jagd gesandt, deren Beute sie aber nicht für sich behalten dürfen, sondern an die älteren Männer abliefern müssen. Bevor sie des Abends zurückkehren, besorgen sich die Frauen Feuer, trockenes Gras und Reisig. Die Jünglinge versehen sich bei ihrer Ankunft aus dem Busch mit einer Anzahl beblätterter Zweige, stellen sich in einem dichten Viereck zusammen, laufen den sie erwartenden Frauen, die das Gras und das Holz angezündet haben und es auf die Eindringlinge zu werfen sich bemühen, entgegen, und suchen sich dagegen, so gut sie können, mit ihren Zweigen zu schützen. Nach einiger Zeit kehren sie auf den Festplatz zurück, bringen hier ihre Zweige unter und legen sich nieder; sie müssen so stundenlang ohne etwas zu sprechen verharren (Abb. 206). Nachdem sich dieser Vorgang mehrere Tage hindurch wiederholt hat und die heiligen Zeremonien inzwischen Tag und Nacht ihren Fortgang genommen haben, werden die Knaben auf zwei Tage in den Busch geschickt, um hier eine eingreifendere Feuerprobe durchzumachen. Die älteren Männer, denen die Novizen anvertraut sind, zünden aus Kloben und Ästen ein großes Feuer von etwa zwei bis drei Meter im Durchmesser an, bedecken die Glut, sobald das Feuer heruntergebrannt ist, mit Zweigen und fordern die Jünglinge auf, sich auf die Äste zu legen und hier vier bis fünf Minuten auszuhalten (Abb. 210). Trotzdem die auf die glühende Asche gelegten Sträucher die direkte Berührung mit ihr verhindern, so daß die jungen Leute sich nicht verbrennen können, erfordern die große Hitze und der Rauch doch einen großen Aufwand an Energie, um diese Probe durchzuführen. Sodann kehren die Jünglinge nach dem Lagerplatz zurück. Hier wird der Abend mit allerlei Neckereien zugebracht; die Frauen in dem Lager und die Männer auf dem Festplatze rufen einander Scherzworte zu und ziehen einander auf. Bei solcher Gelegenheit darf ein Mann auch seiner Schwiegermutter zurufen, mit der er sonst jeglichen Verkehr meiden muß. In fast ganz Australien nämlich bestehen zwischen beiden Parteien merkwürdige Sitten. Sieht ein Mann seine Schwiegermutter kommen, so muß er sich verstecken und sie vorüberlassen, damit sich beide auf keinen Fall zu Gesicht bekommen. Ist ein Verstecken unmöglich, so muß er nach rechts oder links mit abgewendetem Gesicht abbiegen, einen großen Bogen um sie machen und ihr auf jeden Fall ausweichen. Bei einzelnen Stämmen darf er sich mit ihr überhaupt in kein Gespräch einlassen. Vernachlässigt jemand diese Vorschriften, so kann er vom Häuptling in Strafe genommen werden.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 214. Zauberzeremonie behufs Vermehrung von Würmern.

Am nächsten Tage haben die jungen Leute die letzte Feuerzeremonie zu bestehen. Auch hierbei werden von den Frauen große Feuer angelegt und die glühende Asche mit grünen Zweigen bedeckt. Dieses Mal aber müssen die Jünglinge der Reihe nach in das Feuer hineintreten und mitten im dichten Rauch niederknien, wobei sie eine der Frauen an den Schultern noch herabdrückt. Damit schließt endlich die Ingwurrazeremonie. Wenn die Jünglinge alle verschiedenen Feuerproben bestanden haben, werden sie fortan als vollgültige Mitglieder des Stammes angesehen. Nachdem in den nächsten Tagen noch einige gewöhnliche Korrobories, an denen auch die Frauen sich beteiligen, abgehalten worden sind, ziehen die fremden Gruppen in ihr eigenes Dorf zurück.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 215. Zauberzeremonie, die bezweckt, Insekten zu veranlassen, daß sie Eier legen.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 216. Zeremonie behufs Vermehrung von Schlangen bei dem Urabunnastamme.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 217. Totemzeremonie des Aruntastammes.

Die beiden aufgeputzten Männer stellen zwei Vorfahren des Stammes dar; der eine dieser Vorfahren steht in Verbindung mit der Sonne, der andere mit einem Baum, dessen Blüten zu einem bestimmten Tranke verwendet werden.

Die Zeremonien der Australier hängen eng mit ihrer Religion zusammen. Ihre religiösen Vorstellungen beruhen auf dem Glauben an überirdische, meist mythenhafte Wesen und auf Zauberei. Im allgemeinen werden gute und böse Geister unterschieden, darunter wiederum mächtigere und unbedeutendere. Leider ist es den Europäern bis jetzt nur in unvollkommenem Maße möglich gewesen, in das religiöse Leben und Denken der Australier einzudringen. Dazu kommt, daß unter ihnen selbst nur ganz verschwommene Begriffe von den Geistern und so weiter herrschen, so daß wir nur ein mangelhaftes Bild von ihrer Religion besitzen. Eine große Rolle spielt dabei das bekannte Totemwesen. Ein jeder Stamm zerfällt in eine Anzahl Gruppen (Clans oder Sippen), von denen jede in einem, zumeist genetischen Verhältnis zu irgend einem Gegenstand oder einer Erscheinung in der Natur zu stehen glaubt, zu seinem Totem. Dieses ist zumeist ein bestimmtes Tier oder eine Pflanze, die zu Nahrungszwecken dienen, aber auch eine Naturerscheinung. Dieses Totem, nach dem sich die Sippe auch benennt, wird von ihr verehrt. Die eine Gruppe steht, um ein paar Beispiele anzuführen, mit einem Känguruh, andere mit dem Opossum oder dem Emu oder einer Schlange, wieder andere mit einer Akazienart, einem Grassamen und ähnlichem, noch andere mit Regen, Wind, Feuer und so weiter in Zusammenhang (Abb. 205, 208, 211 und 213). Für gewöhnlich darf kein Mitglied einer Totemgruppe sein eigenes Totem verzehren, wenn es sich um ein Tier oder eine Pflanze handelt, oder es töten, wenn es das erstere betrifft, denn es ist ihm heilig, wohl aber ist ihm gestattet, das einer anderen Gruppe zu essen, beziehungsweise zu töten. Ferner besteht vielfach der Glaube, daß die Anhänger eines Totems bewirken können, daß dieses sich vermehrt oder zunimmt, also einem bestimmten Teile der Natur zu befehlen imstande sind. Ein Känguruhmann zum Beispiel kann das Känguruh zur starken Vermehrung zwingen, ein Regenmann Regen hervorrufen, ein Feuermann stets sein eigenes Feuer erzeugen, so daß er dazu keiner Vorrichtungen bedarf. Wohl gemerkt, diese Fähigkeit beschränkt sich immer nur auf das eigene Totem. Ein Mitglied des Känguruhtotems kann daher keinen Regen machen, und ein Mann des Regentotems nichts dazu tun, daß sich das Känguruh vermehre. In vielen Gegenden Australiens bestehen gewisse Zeremonien, die besonders zu dem Zwecke abgehalten werden, um das Totem zu vermehren. Jede Totemgruppe pflegt eine bestimmte Stelle zu besitzen, an der man diese Zeremonien vornimmt; meistens ist dies das Verbreitungszentrum des betreffenden Tieres oder der Hauptstandort der Pflanze. Ein paar Beispiele von solchen Zeremonien. Handelt es sich darum, die Vermehrung von Schlangen zu erwirken, so erscheint an dem betreffenden Totemplatz der mit rotem und gelbem Ocker angemalte und mit dem Waningakopfputz (das weitere über ihn siehe weiter unten) ausgerüstete Oberste der Schlangentotemgruppe, kniet vor den versammelten Mitgliedern nieder und streckt die Arme ganz lang aus, wobei er in jeder Hand einen angespitzten Knochen hält. Ein Mann, der zu seiner Rechten kniet, nimmt sich den Knochen aus der entsprechenden Hand, hebt an seinem Oberarm eine Hautfalte hoch und durchsticht sie mit diesem Knochen; dasselbe tut ein Mann, der zur Linken sich niedergelassen hat (Abb. 216). Der Oberste singt darauf, in der gleichen Stellung verharrend, ein Lied oder einen Zauberspruch, dessen Inhalt den Anwesenden heutzutage unverständlich erscheint, und die Zeremonie ist beendigt. Wenn daraufhin die Schlangen recht zahlreich geworden sind, bringen Männer, welche der betreffenden Gruppe nicht angehören, einige dieser Tiere dem Obersten mit den Worten: „Siehe, hier sind Schlangen“. Dieser nimmt etwas Schlangenfett, reibt sich damit die Arme ein und antwortet: „So esset alle“. Damit will er besagen, daß die Schlangen dank seiner Zeremonie so zahlreich geworden sind, daß jeder Stamm sie in genügender Menge zur Verfügung hat. — Um Würmer, eine Delikatesse für die Australier, zu vermehren, reibt ein Mann die Magengegend eines anderen mit einem heiligen Steine, der das Ei eines solchen Tieres darstellen soll (Abb. 214); oder singt die Insekten an, auf daß sie Eier legen (Abb. 215). Um Regenwetter herbeizuführen, wurde bei den Kurna an einem Wasserloch eine Grube ausgeworfen und über ihr eine Hütte errichtet. Nachdem sich in ihr alle Anwesenden, darunter auch Gäste, versammelt hatten, schnürte sich einer der älteren Männer ein Band fest um den linken Oberarm und öffnete mit einem spitzen Steine eine Blutader in der Gegend des Ellenbogengelenkes. Das ausströmende Blut ließ er über die am Boden dicht gedrängt Hockenden laufen, auf die mit Blut bespritzten Stellen streute er Vogeldaunen. Jetzt wurden einige vor Beginn der Zeremonie in die Wassergrube geworfene Steine herausgenommen und an einem entfernten Platz in das Astwerk eines der höchsten Bäume gelegt. Währenddessen zerrieben andere Männer Gipsspat zu feinem Pulver und streuten es auf die Oberfläche des Wassers. Schließlich stießen alle Anwesenden die Hütte mit dem Kopfe um. Das fließende Blut soll den vom Himmel strömenden Regen versinnbildlichen, die Daunen leichte, die Steine schwere Wolken; das Verstecken der Steine in den Baumgipfeln geschieht in der Absicht, daß sie der Regengeist sehe, und mit dem Niederreißen der Hütte soll angedeutet werden, daß der Geist in gleicher Weise die Wolken durchbohren möge. Um anderseits kühle Witterung zu bekommen, zünden geschmückte Männer hinter einem Windschirm ein Feuer an, lassen sich an ihm nieder und geben an, daß sie frieren und vor Kälte zittern. Hierdurch hoffen sie eine Abkühlung des Wetters herbeiführen zu können. Manche Stämme nehmen an, daß ein Mann sich in sein Totem verwandeln könne, wenn dieses ein Tier ist. Ein Totemtier verletzt nach der allgemeinen Annahme niemals seine menschlichen Verwandten; daher braucht zum Beispiel ein Anhänger des Schlangentotems nicht zu befürchten, von einer Schlange gebissen zu werden.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 218. Bodenzeichnungen für die Wollunquatotemzeremonie.

Diese Zeichnungen gelten den Eingeborenen als heilig und dürfen von Frauen nicht gesehen werden; in diesem Bilde stellen sie die Wanderungen des mythischen Vorfahren Wollunqua dar.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 219. Warramungaleute im Schmuck für eine Zeremonie des Wollunquatotems.

Der Gegenstand über dem Kopf des einen Mannes ist aus Grasstengeln hergestellt und mit Schnur aus Menschenhaar umwickelt; er soll Wollunqua, eine mythische Schlange, darstellen.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 220. Schlußszene bei der Wollunquatotemzeremonie des Warramungastammes,

bei der den Aufführenden der Kopfputz abgenommen wird.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 221. Szene aus der Wollunquatotemzeremonie des Warramungastammes.

Ein Mann streicht mit einem Zweige über die auf einem Erdhaufen dargestellte mythische Schlange Wollunqua; dies soll sie versöhnen.

Alle Mitglieder einer jeden Totemsippe halten sich für nahe Blutsverwandte; die Mitgliedschaft zu einer Gruppe wird durch die Erbfolge geregelt. In Gegenden (Ostaustralien), wo ein Kind dem Clan der Mutter angehört, erbt es das Totem der Mutter, in anderen wieder, wo es zur Gruppe des Vaters zählt, nimmt es dessen Totem an. Bei noch anderen Stämmen wird das Totem nicht vererbt, sondern auf andere Weise erworben. Wie wir schon hörten, ist jedes Totem an einen bestimmten Platz oder Gegenstand gebunden. Wird bei den Arunta zum Beispiel ein Kind geboren, so erhält es das Totem der Stelle, in dessen Nähe es angeblich von der Mutter empfangen wurde. Glaubt also eine Frau, daß sie ihr Kind bei einem bestimmten Baume oder einem Felsen empfangen habe, der mit dem Emu in Verbindung steht, so bekommt das Kind das Emutotem, ganz gleich welcher Sippe die Mutter angehört.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 222. Szene aus der Feuerzeremonie des Warramungastammes.

Das Totemwesen zeigt seine höchste Entwicklung in Zentralaustralien. Hier hat man auch die ganze Lehre tiefer durchdacht und sich ihren Ursprung zurechtgelegt. Vor Zeiten, bevor es noch einen Menschen gab, lebte in Australien eine Art übernatürlicher Wesen, die Totemahnen. Sie besaßen ganz erstaunliche Kräfte und auch die Fähigkeit, sowohl die Natur des Menschen wie die von Tieren oder Pflanzen in sich zu verkörpern. Alle diese Vorfahren, so meinen einige Stämme nun, ließen, während sie das Land durchzogen, an bestimmten Orten viele Kindergeister zurück, die, wie wir bereits vordem (S. 156) entwickelten, in die Frauen übergehen und dann als richtige Menschenkinder geboren werden. Nach dem Tode kehrt ihr Geist wieder zu seiner Ursprungsstätte, zum Beispiel in einen heiligen Stein oder Baum, mit denen er verbunden ist, zurück und wartet dort auf seine Wiederfleischwerdung. Jedes Stammesmitglied ist also die Wiedergeburt eines der Vorfahren. Die Stämme im Innern Australiens führen nun Zeremonien auf, die auf diese Totemvorfahren Bezug nehmen, indem sie dieselben zur Darstellung bringen (Abb. 217). Allgemein nimmt man an, daß diese Totemahnen die betreffenden Zeremonien der Sippe persönlich in der Weise, wie sie heute begangen werden, vordem eingeführt haben. Die bei den Einweihungsfeierlichkeiten der Jünglinge von uns erwähnten Zeremonien sind zum Teil solche, die mit dem Totemahnen in Zusammenhang stehen. Als Beispiel, wie es bei einer solchen zugeht, möge die Zeremonie des Schlangentotems der Warramunga gelten. Der Vorfahre dieses Totems soll ein mythisches Wesen Wollunqua gewesen sein, das eine solche Größe besaß, daß es, wenn es auf dem Schwanz gestanden hätte, mit seinem Kopf bis in den Himmel hineingereicht haben würde; jetzt liegt es in ein großes Wasserloch in einem einsamen Tal gebannt. Bei einer der darauf bezüglichen Zeremonien nun wird ein Erdhügel geformt und auf ihn die Gestalt einer Schlange gezeichnet (Abb. 221). Darauf gehen die Männer des Wollunquatotems (Abb. 219) um den Hügel herum, und einer von ihnen streicht mit einem Zweig über den Fuß des Hügels (Abb. 221); nachdem man darauf den größten Teil der Nacht gesungen und um den Hügel getanzt hat, greift man am frühen Morgen den Hügel mit Speeren, Bumerangs und Keulen an und zertrümmert ihn. Offenbar soll durch diese Zeremonie Wollunqua verhindert werden, sein Wasserloch zu verlassen. In dem übrigen Australien, wo kein Totemglauben herrscht — nur im Zentrum des Erdteiles treffen wir ihn im vollen Umfange an —, kommt den Zeremonien eine andere Bedeutung bei. Allerdings bilden ihren Hintergrund teilweise hier auch noch mythische Vorstellungen von Vorfahren — diese Legenden und Erzählungen von den Ahnen werden den Jünglingen also nicht nur erzählt, sondern auch dramatisch vorgeführt —, daneben aber auch wieder Geschichten über Tiere. In diesem Falle ahmen die darstellenden Männer die Handlungen der Tiere nach oder führen etwas um Zeichnungen, die Tiere wiedergeben, auf. So zum Beispiel laufen sie auf allen Vieren herum wie ein grasendes Känguruh und ähnliches. Allen diesen Vorführungen, wie den die Wanderungen des Totemahnen darstellenden Zeichnungen (Abb. 218 und 220) ist gemeinsam ihre Heiligkeit; daher dürfen sie weder von Frauen noch von Kindern gesehen werden.

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 223. Szene aus der Feuerzeremonie des Warramungastammes.

Die Eingeborenen tanzen vor der Hütte, in der andere Männer sitzen und singen. Die Fackeln, die sie halten, werden später abgebrannt.

Außer den Zeremonien, die der Verehrung des Totems und der Verkörperung der heiligen Mythen dienen sollen, kennen verschiedene Stämme noch eine Reihe anderer Zeremonien, die ganz anderer Natur sind. Als Beispiel von solchen diene die Feuerzeremonie der Warramunga, die indessen mit der gelegentlich der Jünglingsweihen stattfindenden und oben geschilderten nicht identisch ist. Sie geht darauf hinaus, daß alle Beteiligten die zwischen ihnen bestehenden Streitigkeiten beilegen. Ein Augenzeuge schreibt, daß die Zeremonie an einem Abend damit einsetzte, daß, nachdem sich die Männer um einige kleinere Feuer gruppiert hatten, ein komisches Intermezzo sich abspielte. Einige sprangen zunächst auf, stürmten mit erhobenen Waffen wütend umher, schrien laut und gebärdeten sich ganz unsinnig; hierauf begann man mit Neckereien, einer machte über den anderen höhnische Bemerkungen, suchte ihn auch direkt zu beleidigen, nahm ihm seine Waffen fort und versteckte sie im Busch; die jüngeren Leute nahmen den älteren die Speisen weg, eine unter anderen Umständen ganz unerhörte Beleidigung — über alles amüsierten sich die Anwesenden köstlich. Darauf setzte der Tanz ein, an dem die Teilnehmer sich so grotesk wie möglich benahmen, auch die Frauen wirkten dabei mit, die vordem den Vorgängen nur von weitem zugesehen hatten. Diese Belustigungen dauerten bis gegen Mitternacht. Am nächsten Morgen bemalten sich die Männer mit Ocker und führten eine ganz drollige Pantomime auf; die Hände hinten am Kopfe haltend, tanzten sie zunächst in der Richtung des Lagers der Frauen zu, wenn sie sich ihm näherten, gingen sie bald auf den Händen, bald auf den Knien vorwärts (Abb. 222), kehrten aber vor dem Lager um und in das ihrige zurück. Hierauf zogen sich die Männer, einige alte Leute ausgenommen, in den Busch zurück und blieben hier eine Woche. Wichtig ist bei diesem Akte der Zeremonie, daß die jungen Männer die Frauen nicht sehen durften. Nach der Rückkehr der Männer aus dem Walde begannen die Vorbereitungen für die eigentliche Feuerzeremonie, die unter anderem in der Anfertigung mächtiger Fackeln aus Zweigen (Abb. 223) und in der Errichtung einer etwa sechs Meter hohen, mit rotem Ocker bemalten und an der Spitze mit einem Busch Zweige geschmückten Stange zwischen dem Männer- und Frauenlager bestanden. Die eigentliche Feuerzeremonie spielte sich nachts ab. Die sie darstellenden Männer bestrichen sich dazu von Kopf bis zu Fuß mit rotem Lehm und darüber mit einer dicken Schicht weißen Pfeifentons und nahmen die Fackeln in die Hand. Dann ging einer zum Angriff über, indem er mit seiner Fackel wie mit einem vorgestreckten Spieß in die Menschengruppe hineinstürmte, in der sich einer der Männer befand, mit dem er im letzten Jahre einen heftigen Streit gehabt hatte. Man wehrte hier den Angriff mit Keulen und Speeren ab. Damit war das Zeichen zu einem allgemeinen Durcheinander gegeben. Beide Parteien stürmten nun aufeinander los, die brennenden Fackeln sausten dabei auf Kopf und Rumpf nieder und die glühenden Kohlenreste stoben auseinander. Die Frauen standen klagend daneben und senkten brennende Zweige, um, wie sie behaupteten, dadurch zu verhindern, daß die Männer sich ernstlich verletzten. Die lodernde Glut, der mächtige Qualm, im Gegensatz dazu die weiß angestrichenen Körper, der mächtige Lärm, alles dieses machte den Eindruck einer recht wilden rohen Szene. Endlich wurden die Fackeln auf die Erde geschleudert und ihre Flammen gelöscht.

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Phot. Kerry & Co.

Abb. 224. Eingeborener der Prince of Wales-Insel

mit einem Stabe, der ein Waninga trägt.

Bei der Beschreibung der Zeremonien erwähnten wir bereits verschiedentlich heilige Gegenstände, vor allem das Schwirrholz, das besonders bei den Jünglingsweihen eine wichtige Rolle spielt. Denn bei dieser Gelegenheit erfahren die Knaben zum ersten Male, daß jene geheimnisvollen Töne, die einem überirdischen Wesen zugeschrieben werden und oft genug ihnen großen Schrecken einflößten, durch diesen unscheinbaren Gegenstand hervorgerufen werden. Wir sprachen auch bereits von dem Tschuringa (Abb. 203), das dem eigentlichen Schwirrholz in der Form wohl gleicht, aber kein Loch für die Schnur besitzt, also nicht geschwungen werden kann. Der Name für diesen Gegenstand stammt aus der Aruntasprache und bedeutet „heilig“. Es ist oft mit eingeritzten Mustern schön verziert. Die Stämme von Mittel- und Westaustralien verwenden das Tschuringa nur bei ihren heiligen Handlungen, vor allem sind die Gebräuche, die damit im Zusammenhange stehen, bei den Arunta hoch entwickelt. Hier besitzt jede Person, Mann, Weib und Kind, sein eigenes Tschuringa, mit dem ein jedes verbunden ist; die Frauen und Kinder aber dürfen das ihrige nicht zu Gesicht bekommen. Alle Tschuringa, die einer Totemgruppe angehören, werden an einem besonderen Ort aufbewahrt. Dieser gilt ebenfalls für heilig; ein Jäger zum Beispiel würde auf der Jagd nach einem Känguruh, wenn er sich solchen Aufbewahrungsorten näherte, ihm nicht weiter nachstellen, sondern davon Abstand nehmen. Während der Zeremonien werden diese Tschuringa, die sonst wie ein großer Schatz ängstlich gehütet werden, hervorgeholt, betrachtet und befühlt; dabei sprechen die Eingeborenen nur im Flüsterton und betragen sich höchst feierlich. Aus Höflichkeit pflegt eine Totemgruppe einer anderen wohl ihr Tschuringa zu leihen, sie erhält es dann unter vielen feierlichen Zeremonien wieder zurück (Abb. 225).

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Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 225. Zurückbringen eines ausgeliehenen Tschuringa.

Ein anderer heiliger Gegenstand, auf den schon hingewiesen wurde, ist das Waninga. In seiner einfachsten Form besteht es aus zwei in der Mitte in Gestalt eines Kreuzes zusammengebundenen Stöcken, auf welches Haar- oder Pelzsträhnen webartig gewickelt sind. Bald wird es in der Hand (Abb. 224), bald auf dem Kopfe (Abb. 227) getragen. Im westlichen Australien weist dieser Gegenstand entwickeltere Formen auf. In dem in Abbildung 227 dargestellten Falle sind fünf kleine Waninga zu einem einzigen Ganzen zusammengefügt. Die Bedeutung des Waninga, das ebenso wie das Schwirrholz und das Tschuringa weder Frauen noch Kinder erblicken dürfen, ist eine dunkle. Bei manchen Zeremonien soll es nach Aussage der Eingeborenen das Totem darstellen, mit dem sie in Zusammenhang steht, also eine Ratte oder eine Schlange. In Westaustralien scheint das Waninga eine ähnliche Rolle wie die Masken Melanesiens und anderer Länder zu spielen. Solche kommen übrigens auch im äußersten Norden von Queensland vor, offenbar liegt hier ein Einfluß von Neuguinea her vor, mit dem Australien durch die Inseln der Torresstraße in Verbindung steht (Abb. 226).

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Phot. W. E. Roth.

Abb. 226. Maskentänzer (Krokodiltanz)

bei einer Einführungszeremonie in Nordqueensland.

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Phot. A. R. Brown.

Abb. 227. Eingeborener mit Waningahaarputz.

Wir schließen hieran eine Besprechung des Glaubens an Magie und Zauberei, durch den das Leben der Eingeborenen Australiens stark beeinflußt wird. Wird ein Mann in einem Kampfe durch einen Speer verwundet oder getötet, so kommt dies daher, daß der Speer verzaubert war; verfehlte ein Speer, der nach einem Känguruh geworfen wurde, sein Ziel, so war dabei ebenfalls Zauberei im Spiele. Um sich gegen solchen Zauber zu wehren, beziehungsweise ihm vorzubeugen, besitzen manche Stämme in Westaustralien kleine Zauberlieder oder Sprüche, die Männer und Frauen, wenn sie mit irgend einer Arbeit beschäftigt sind, singen. Ein Mann, der sich zum Beispiel Widerhaken an seinen Speer schnitzt, singt dann ein bestimmtes Lied, damit sie stark werden und nicht abbrechen; ein anderes Lied wieder, wenn er eine Speerschleuder anfertigt und so weiter. Ähnlich wie wir es bereits von den Melanesiern her kennen, werden Krankheit und Tod nicht auf natürliche Ursachen zurückgeführt, sondern als die Wirkung böser Zauberei gedeutet, die einer, der dem Betreffenden übel wollte, ihm zufügte. Mancherlei Zaubermittel gibt es, um bei einem anderen Krankheit oder sogar den Tod hervorzurufen. Am verbreitetsten ist das Verfahren des Zuspitzens, wie man es bezeichnen kann. Bei einzelnen Stämmen kann nur ein Zauberer es ausüben, bei anderen hingegen jedermann, sofern er nur den dazu erforderlichen Apparat besitzt. Es gibt von ihm zwar verschiedene Formen, indessen ist der wesentliche Teil daran stets ein Stück Knochen oder Holz, das an dem einen Ende zugespitzt ist; ihm wohnt der böse Zauber inne. Während der Mann nämlich den Stock oder Knochen zuspitzt, murmelt er Flüche, wie etwa: „Möge dein Herz auseinandergerissen werden“ oder: „Möge dein Rücken sich spalten und deine Rippen auseinandergezerrt werden“ und ähnliches mehr und legt dadurch den Zauber in den angespitzten Gegenstand hinein. Ebenso verschieden wie die Form des Werkzeuges ist auch seine Anwendung; sie beruht in der Hauptsache darauf, daß der Knochen oder Stein nach der Richtung der zu schädigenden Person gerichtet wird. Natürlich darf das Opfer von diesen Machenschaften nichts erfahren. Ein solcher Richtapparat, der von zwei Personen bedient wird, besteht aus einer langen gedrehten Schnur aus Menschenhaar, an deren einem Ende fünf kleine Richtknochen und an deren anderem ein solcher und ein paar Klauen von Adlerfalken an einem Stück Harz sitzen. Der vordere Mann hält bei seiner Anwendung die Richtknochen und der hintere die Vogelklauen, ersterer richtet die Knochen nach der Richtung, wo derjenige, dem er Schaden zufügen will, weilt, und stößt sie mit einem Ruck dorthin. Der böse Zauber nimmt dementsprechend diese Richtung und dringt in den Menschen, auf den es abgesehen ist, ein. Dieser erkrankt und bekommt heftige innere Schmerzen, die den Falkenklauen zugeschrieben werden, da diese, wie man annimmt, die inneren Organe umkrallen (Abb. 228 und 229).

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