Asien (continued 2)
Reading edition

Phot. Bureau of Science, Manila.
Abb. 314. Eine Bogobofrau von der Insel Mindanao
mit spitz gefeilten und geschwärzten Zähnen.
Die Kleidung der Negrito besteht nur in einem schmalen Stück Baumbast oder auch verschiedentlich schon in eingeführten Stoffen, die als Gürtel umgebunden werden. Auch Körperschmuck wird vereinzelt getragen in Gestalt von Ketten aus Samenkernen, von Perlen, Kämmen mit buntem Federschmuck, Blumen, Ringen und Armbändern aus Metall; die letzteren sind bereits Importware. Tatauierung kommt bei einigen Stämmen vor, auch Zahnfeilung (Abb. 314) und Durchbohrung des Ohrläppchens, um durch das Loch allerlei Dinge zu stecken.

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Abb. 315.

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Abb. 316.
Abb. 315 und 316. Igorroten und Ilongoten beim Tanz,
der in Bewegungen im Kreise unter Begleitung bronzener Gongs besteht und von einem Manne angeführt wird. Die Schritte wechseln dabei und die Bewegungen sind oft dramatischer Natur.
Die Negrito bekunden eine große Vorliebe für Musik und Tanz, die sie übrigens mit allen Pygmäenvölkern teilen. Zwar sind ihre Musikinstrumente sehr primitiver Natur; sie bestehen in Flöten und Violinen aus Bambus, sowie in roh geformten Gitarren, an manchen Orten aber auch in Gongs, die wahrscheinlich von den Malaien herrühren. Ein beliebtes Musikwerkzeug ist ein Baumstamm, der zwischen zwei Bambusgerüsten aufgehängt und so in der Schwebe erhalten wird (Abb. 309). Die Weiber stellen sich in einer Reihe auf und bearbeiten ihn mit kurzen Hölzern in rhythmischem Trommelschlag, während ein oder zwei Männer ein Gong zur Begleitung anschlagen. Tanzen bildet ein Hauptvergnügen für die Negrito und bietet ihnen Gelegenheit, ihrer übersprudelnden Laune freien Lauf zu lassen. Neben Schrittänzen kennen sie auch mimische Tänze, in denen sie unter anderem das Einholen der Ernte, das Einsammeln von Honig, oder Episoden, die sich auf den Krieg und die Liebe beziehen, dramatisch vorführen. Die sittlichen Anschauungen der Negrito sind in der Regel ziemlich hohe, wie die vielen Züge, die über sie berichtet werden, erkennen lassen. Die Liebe der Eltern zu ihren Kindern ist eine rührende, die ihrerseits wieder den Eltern mit Hochachtung begegnen. Im allgemeinen können die Negrito für friedfertig, wahrheitsliebend und ehrlich gelten. Mord soll unter ihnen eine äußerst seltene Erscheinung sein und nur in der Notwehr oder aus Blutrache vorkommen. Gelegentliche Abweichungen von dieser relativ hohen Moral kann nur durch ungünstigen fremden Einfluß erklärt werden. Über die Religion der Negrito fließen die Beobachtungen nur spärlich. Was wir wissen, ist, daß sie in dem Glauben an die Geister Verstorbener besteht, mit denen sie jeden Ort sich belebt denken und deren Tätigkeit sie jedwedes Mißgeschick zuschreiben. Wenn ihnen alles gelingt, kümmern sie sich wenig um die Geister. Äußere Formen der Religion sind unbekannt, außer den schon erwähnten Opfern, die man nach erfolgreicher Jagd darbringt. Krankheiten betrachtet man als Strafe, die die Geister für ein Vergehen auferlegen. In nicht ernsten Fällen machen Medizinmänner den Versuch, den Kranken durch Austreiben des Geistes zu heilen. Dieses Vorgehen ist für diese unter Umständen gewagt, wenn nämlich der Erfolg ausbleibt und sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Auch Zaubermittel sind den Negrito bekannt, um Krankheit zu heilen oder Frauen sich geneigt zu machen. Regen- und Wetterzauber scheinen sie nicht zu kennen, abgesehen, daß sie Wildknochen verbrennen, um heftige Gewitter abzuschwächen. Auch glauben sie an gewisse Vorbedeutungen.

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Abb. 317. Mangyanmann von Bulalakao (Mindoro)
auf der Brautsuche.
Über das soziale Leben der Negrito ist herzlich wenig bekannt. Um die bösen Mächte von der Schwangeren fernzuhalten, wendet man auch hier Abwehrmaßregeln an. Besonders gefürchtet ist der Dämon Patianak, der Mutter und Kind zu töten trachtet, wenn erstere gerade in schweren Wehen liegt. Dann verschließt der Mann sorgfältig die Hütte, zündet ein großes Feuer an, legt seine wenigen Kleidungsstücke ab und schwingt den Kampilan, bis seine Frau entbunden ist. — Weder die Geburt eines Kindes noch seine Namenverleihung bieten Anlaß zu einem besonderen Fest. In den meisten Fällen bekommt das Neugeborene einen Namen, den für gewöhnlich die älteren Männer der Gemeinde, nicht die Eltern, aussuchen, und der meistens auf irgendeinen in der Nähe der Geburtstätte befindlichen, in die Augen fallenden Gegenstand, oder auch auf irgendein Ereignis oder eine Eigenschaft Bezug hat, sogleich am Tage seiner Geburt. Es wird nur ein Name gegeben, und kein Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Namen gemacht. Wird ein Kind kränklich, dann vertauscht man seinen Namen, weil man annimmt, daß der Geist, der die Stelle bewohnt, wo das Kind das Licht der Welt erblickte, mit dessen Namen nicht zufrieden ist. Würde man diesen Versuch, den Geist zu versöhnen, nicht anstellen, dann könnte das Kind sterben.

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Abb. 318. Weib der Kalinga, eines Igorrotenstammes,
in Festtracht.
Die Heiraten werden gewöhnlich von den Eltern abgeschlossen, doch wird den Mädchen auch eine gewisse Freiheit in der Auswahl ihres Zukünftigen gewährt. Es herrscht auch der Brauch, die Bräute zwischen Familien auszutauschen; Bruder und Schwester aus einer Familie heiraten Schwester und Bruder aus einer anderen, wodurch die Unkosten der Hochzeit vermindert werden. Hin und wieder werden Kinder miteinander verlobt. Der Schwiegersohn gibt dem Vater der Braut ein kleines Geschenk; von eigentlichem Kauf kann man indessen nicht gut sprechen, zumal dieser der Tochter eine Anzahl Sachen mit in die Ehe gibt, die ihm aber als Eigentum verbleiben. Eine eigentliche Hochzeitszeremonie, wenigstens in großem Stile, gibt es bei den Negrito nicht; aber ein Festgelage mit sich daran anschließendem Tanz (Abb. 315 und 316) wird für gewöhnlich doch abgehalten. In manchen Gegenden setzen sich Mann und Frau, die die Ehe eingehen wollen, mitten in den Kreis ihrer Verwandten und füttern sich gegenseitig aus einer gemeinsamen Schüssel; außerdem verrichten sie, wenn die Zuschauer diese Handlung beifällig aufgenommen haben, noch irgendeine gemeinsame Dienstleistung, um dadurch zu bekunden, daß sie in ihrem zukünftigen Ehestande gemeinsam arbeiten wollen. Die nächsten Tage verbringen die jungen Eheleute im Hause der Eltern der Frau, darauf kehren sie in ihr eigenes Heim ein. Ihre Rückkehr wird mit weiteren Geschenken an die Braut, mit Tanz und Gelage gefeiert, je nach den Mitteln des jungen Ehemannes. Diese bestimmen auch die Anzahl der Frauen, die er sich hält. — Auf Keuschheit vor der Ehe wird strenge gehalten und Zuwiderhandeln bei beiden Teilen aufs empfindlichste, selbst mit dem Tode bestraft. Wenn ein Mann ein Mädchen schwängert, wird er, selbst wenn er sie heiratet, auch noch streng bestraft. Ehebruch kommt äußerst selten vor und wird für gewöhnlich ebenfalls mit dem Tode geahndet, reiche Leute können auch in Geldbuße genommen werden. Scheidung aber kommt häufig vor; wenn Mann und Frau und die beiderseitigen Familien darin einwilligen, so wird der Besitz gleichmäßig unter beide Teile geteilt, die Kinder aber bekommt die Frau.

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Abb. 319. Ifugaofrauen beim Flechten der Haare.

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Abb. 320. Ilongotenkrieger aus Nordluzon
mit eigenartigem Kopfputz und einem schön gearbeiteten und verzierten Schwert.
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Neben den Negrito kommen nun auf den Philippinen noch malaiische oder, besser gesagt, indonesische Völker (Abb. 310 und 317) vor, die sich, wie wir bereits hörten, teils mit jenen, teils mit hinzugewanderten Chinesen und Japanern kreuzten. Mit den wichtigsten von ihnen wollen wir uns nunmehr noch beschäftigen. Auf Luzon, der größten Insel des Archipels, leben die Igorroten (Abb. 315, 316 und 321), Tinguianen, Ilongoten (Abb. 320), Kalinga (Abb. 318 und 323) und Ifugao (Abbild. 319). Die Ilongoten haben viel Negrito-, die Kalinga viel Chinesen- und Japanerblut in sich aufgenommen. Im allgemeinen sind diese Völker schön gebaute Leute von mittlerer Körpergröße und rötlich bis dunkel oliv-brauner Hautfarbe. Ihr Haar ist lang und straff. Einzelne Stämme, zum Beispiel die Igorroten und Tinguianen, tragen ihr Kopfhaar lang und binden es auf dem Scheitel in einen Knoten zusammen (Abbild. 321), flechten auch wohl Bänder oder Perlenketten hinein und raffen die Stirnhaare in einem kleinen Netz nach oben, andere wieder, wie die Ifugao, rasieren sich den Kopf ringsherum und lassen nur in der Mitte einen Schopf stehen.

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Abb. 321. Bontokigorrotenweib.
Ihr Hauptschmuck besteht in der schönen Frisur des Kopfhaares, das mit einer Perlenschnur verziert ist.
Die Kleidung dieser Leute pflegt für die Männer in einer Hose (Abb. 322), für die Weiber in einem kurzen, von den Hüften bis zu den Knien reichenden Rock zu bestehen, sowie für beide Geschlechter in einer anschließenden Jacke (Abb. 324). Tatauierung wird von ihnen allen geübt (Abb. 323), besondere Sorgfalt verwenden darauf die Igorroten und Ifugao; die bei ihnen am meisten verbreiteten Muster setzen sich aus geraden und gebogenen Linien zusammen. Die Frauen lieben allgemein Körperschmuck in Form von Ohrringen, Halsketten, Spangen und Ringen (Abb. 324 und 325). Bei den Tinguianen sind ein wesentlicher Bestandteil ihres Schmuckes Perlenschnüre, mit denen sie sich nicht nur das Kopfhaar und den Hals, sondern auch die Arme behängen (Abb. 326). An den Armen legen sie eine Schnur über die andere, so daß die Ketten schließlich vom Handgelenk bis zu dem Ellbogen reichen und, wenn die Wohlhabenheit ihres Besitzers es gestattet, sogar bis an die Schulter herauf. Als Zeichen der Vornehmheit gilt es, die Schnüre um das Handgelenk so fest anzuziehen, daß sie das Glied zum Anschwellen bringen; aber gern unterzieht man sich dieser Unbequemlichkeit aus Eitelkeit. — Vornehme Ifugao leisten sich als Ruhestätte eine aus Holz geschnitzte, unseren Liegestühlen ähnliche Bank (Abb. 327).

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Abb. 322. Manobomann von der Insel Mindanao beim Bogenschießen.
Er trägt kurze Hosen und eine kurze Jacke.
Die Indonesier Luzons sind alle fest angesiedelte Ackerbauer, aber dabei durchweg noch Kopfjäger oder waren es wenigstens bis in die neueste Zeit hinein; denn die amerikanische Regierung sucht natürlich mit allen Mitteln diesem Unwesen Einhalt zu gebieten. Die Igorroten wohnen im nördlichen Luzon in festen Dörfern, deren Bevölkerung drei- bis viertausend Köpfe ausmacht. Jedes Dorf enthält in seiner Mitte das Gemeindegerichtshaus (Abb. 328), in welchem der Häuptling zusammen mit den Ältesten die Streitigkeiten schlichtet und die sonstigen Gemeindesachen ordnet. Auch dienen diese Häuser ähnlichen Zwecken, wie in Ozeanien die Junggesellenhäuser; es wohnen und schlafen in ihnen die Unverheirateten, es werden in ihnen die Gäste empfangen und beherbergt und schließlich auch die Kriegstrophäen aufbewahrt. Der Zutritt zu diesen Häusern ist dem weiblichen Geschlecht verboten; die unverheirateten Mädchen schlafen ebenfalls in besonderen Hütten. Die Tinguianen hausen in den rauhen Gebirgsabhängen des nordwestlichen Luzon. Sie haben es in geschickter Weise verstanden, sich trotz der ungünstigen Geländeverhältnisse den Boden zu Ackerzwecken nutzbar zu machen. Um Ackerland zu gewinnen, ziehen sie an den Bergabhängen eine Steinmauer, hauen dahinter den Steinboden ab und füllen ihn auf, bis sie eine Terrasse hergestellt haben; hinter dieser errichten sie eine zweite Steinmauer, die sie wieder auffüllen, und fahren so fort, bis sich schließlich Stufe über Stufe die Abhänge hinauf erhebt. Für die Bewässerung dieser Terrassenfelder sorgt man in der Weise, daß man das Wasser eines Bergstromes auf die höchste Terrasse leitet und es, wenn diese Terrasse genügend begossen worden ist, auf die nächst darunterliegende laufen läßt und so weiter. Manchmal ist es erforderlich, lange Dämme aufzuwerfen und zwischen ihnen gleichsam wie in einer Wasserleitung den Gebirgsbach große Strecken weit zu dem Punkt, wo man ihn sich nutzbar machen will, hinabzubefördern. Der beständige Kriegszustand, unter dem die Tinguianen mit ihrer Nachbarschaft leben, weil sie eifrige Kopfjäger sind, hat sie gezwungen, sich in befestigte Ansiedlungen zurückzuziehen. Ihre Verfassung ist eine oligarchische; kein Häuptling steht an der Spitze der Gemeinde, sondern einige wenige ältere Männer regeln die Geschäfte. Bei den bis in die jüngste Zeit üblichen Kopfjagden gingen die Krieger zunächst mit dem Speere vor; bei Handgemenge aber verließen sie sich auf ihren Schild, ihre Kopfaxt und ihr Jagdmesser. Mit dem Schild, der an seinem oberen Rande mit drei Sprossen ausgestattet ist (Abb. 329), versuchten sie dem Gegner zwischen die Beine zu fahren, um ihn hinzuwerfen, ihm dann weiter mit der Axt einen Schlag auf den Kopf zu geben, um ihn kampfunfähig zu machen. Sodann trat das untere Ende des Schildes in Wirksamkeit. In seine beiden Sprossen wurde der Hals des Opfers wie in eine Knopfgabel eingezwängt, und dann der Kopf vom Rumpfe abgetrennt. Wenn die Sieger mit ihren Trophäen (Abb. 331) heimgekehrt waren, wurde eine große Feier abgehalten, die wie üblich in Tanz, Gesang und Schnapstrinken bestand. Die besondere Vorliebe der Filippino für Tanz und Musik erwähnten wir bereits oben. Unter den üblichen Musikinstrumenten kommt auch die Nasenflöte vor (Abb. 330), auf der eine klagende Melodie gespielt wird, dadurch, daß man leise mit einem Nasenloch hineinbläst, während das andere verstopft ist, um keine Kraft zu vergeuden. Nach Beendigung des Kriegstanzes werden die erbeuteten Köpfe in kleine Stücke gespalten und eines davon als Andenken an die Tapferkeit der Sieger jedem Gaste überreicht, der es mit nach Hause nimmt. Bei anderen Stämmen, zum Beispiel den Ifuago, werden die von den Kopfjägern heimgebrachten Schädel in den Häusern aufbewahrt (Abb. 332).

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Abb. 323. Kalingamann mit Tatauierung,
die bei diesem Stamme sehr verbreitet ist und bald nur als Schmuck, bald als Auszeichnung, bald zu medizinischen Zwecken ausgeübt wird.

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Abb. 324. Mangyanfrau von Mindoro,
eines Stammes aus dem Innern, der wahrscheinlich Negerblut in sich aufgenommen hat. Zwischen den Lippen hält sie ein Stückchen Tabak, um die Zähne damit zu schwärzen.
Die Tinguianen bekunden eine große Fertigkeit in der Herstellung von Schmiedearbeiten, und dabei ist das dazu zur Verwendung kommende Handwerkszeug ein ganz primitives. Zwei ausgehöhlte Holzkloben oder Palmenstämme, in denen Stempel mit einem Federbündel, das die Höhlung genügend füllt, auf und nieder bewegt werden, bilden den Blasebalg. Das untere Ende eines jeden Baumzylinders setzt sich in einen Bambusstab fort, der mit ihm durch Tonmasse verbunden ist und horizontal bis zum Schmelzofen zusammen mit dem Bambusstab des anderen Zylinders verläuft. Wird der Stempel nach unten gestoßen, dann drängt er die im Zylinder befindliche Luft nach dem Schmelzgut, wird er sodann wieder hochgezogen, dann fallen die Federn zusammen und lassen die Luft von oben eindringen, und so fort. Das glühend gemachte Eisen wird auf einfachen großen Steinen, die als Amboß dienen, mittels schwerer Steinhämmer zusammengeschweißt und darauf noch mittels kleiner Metallhämmer weiter bearbeitet. Ist der auf diese Weise geschmiedete Gegenstand fertig, so wird er noch durch wiederholtes Erhitzen gehärtet und dann in kaltes Wasser gestürzt. Der Ruhm der Schmiedeerzeugnisse der Tinguianen hat sich auf alle Nachbarstämme ausgebreitet und dazu beigetragen, daß ihre Speere und Kopfäxte nicht nur auf Luzon, sondern auch darüber hinaus im ganzen Archipel Absatz finden.
Die Religion der Luzonvölker gipfelt in Animismus und Ahnenkultus. Die Igorroten glauben außer an eine Reihe Gottheiten, die durch die Ahnengeister mit ihnen in Verbindung steht, noch an ein höheres Wesen. Man sucht diese Götter durch Opfer gut zu stimmen; rohgeschnitzte Holzstücke stellen die Geister vor. In der Nähe eines jeden Dorfes befindet sich ein geweihter Baum, in dem, wie man annimmt, die Ahnengeister ihre Wohnung haben; vor das Wohnhaus legt man Reis und andere Speisen für sie auf kleine Bänke hin (Abb. 333). Die Tinguianen glauben mittels der Hilfe von bestimmten Medien mit den Geistern, deren sie eine ganze Schar besitzen, sprechen zu können; die Geister nehmen dabei von diesen Medien Besitz und verkünden durch deren Mund selbst, was man tun soll. Zu diesem Zwecke begibt sich der Vermittler in einen in der Nähe des Dorfes gelegenen Hain und bringt dort den Pinaing auf einem Altar Opfer dar. Diese sind eigenartig geformte Steine (Abbild. 337); in ihnen sieht man den Aufenthaltsort der Geister, die das Dorf beschützen; ihre Köpfe werden eingeölt, ihr Hals mit Rindenbändern umwunden und vor ihnen außerdem noch Blut von einem geopferten Schweine zusammen mit Reis ausgeschüttet. Bevor man das Tier tötet, wird es auf die Erde gelegt, Betelnuß und Kalk kommt darauf zu liegen (Abb. 334), sodann wird es vom Medium mit geölten Fingern bestrichen, das dabei die Götter auffordert, dem bevorstehenden Opfer ihre Aufmerksamkeit zu schenken (Abb. 336). Wenn man annehmen kann, daß die Geister von dem geopferten Tiere genügend genossen haben, wird das Schwein für die Beteiligten weiter zurechtgemacht und verspeist. Natürlich finden im Anschluß hieran auch wieder Tänze statt. Der Glaube an die Macht und das Interesse der Geisterwelt ist so stark beim Volke eingewurzelt, daß jedes Ereignis des gewöhnlichen Lebens von Kundgebungen dieser Anschauungen begleitet wird.

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Abb. 325. Kopfputz der Kalinga.

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Abb. 326. Ein Opfer an die Geister in einem Tinguianenhaus.
Man beachte die am Arm übereinander liegenden Perlenbänder des das Opfer Darbringenden.
Alle Igorrotenstämme stehen auf einer hohen Stufe der Moral. Die Keuschheit der Mädchen wird ängstlich behütet; um Anfechtungen nicht ausgesetzt zu sein, müssen die unverheirateten Mädchen die Nächte in besonders hierzu bestimmten Schlafhäusern zubringen (Abb. 338). Ein Fehltritt wird mit schweren körperlichen Züchtigungen und sogar mit dem Tode bestraft. Bei einem bestimmten Stamme hat der Verführer die Pflicht, das Mädchen zu heiraten oder ihr als Buße ein vollständiges neues Gewand und ein trächtiges Schwein zu schenken; auch muß er ein der Liebelei etwa entsprungenes Kind unterhalten. Sobald zwei Verliebte die Zustimmung ihrer Eltern erhalten haben, müssen sie eine Art Probeehe eingehen. Es wird ein großes Fest veranstaltet, während dessen die beiden allein in eine Hütte eingesperrt werden und sich etwa vier bis fünf Tage lang bis zum Schluß des Festes darin aufhalten; Speisen werden ihnen verabreicht. Nach Ablauf dieser Frist steht es jedem Teile frei, von der Heirat Abstand zu nehmen, er muß dann aber Buße an seinen Partner zahlen. Tritt der junge Mann zurück, so hat er dem Mädchen eine Anzahl Gegenstände zum Geschenk zu machen und die gewiß nicht geringen Kosten des Festes zu bestreiten, tritt dagegen das Mädchen zurück, so fallen ihr die Unkosten der Feier zu. Wird das Mädchen aber schwanger, so muß der Mann sie heiraten. Bei einigen Stämmen der Igorroten kann der Mann seine Frau sechs Monate nach der Hochzeit wieder verlassen, falls sie innerhalb dieser Zeit nicht guter Hoffnung geworden ist. Ist dieser Fall aber eingetreten, dann ist er für immer an sie gebunden und kann getötet werden, sofern er die Ehe einseitig aufhebt. Von den Geburtsgebräuchen der Igorroten ist wenig bekannt. Kommt ein Kind mit umschlungener Nabelschnur zur Welt, so wird es sofort begraben, weil man von ihm fürchtet, daß es später seinen Eltern nach dem Leben trachten könnte. Zwillinge werden gleichfalls als unglückbringend angesehen und aus dem Wege gebracht, es müßte denn sein, daß sich ein Nachbar ausfindig machen läßt, der sie adoptiert; in diesem Falle stehen keine schlimmen Folgen von ihnen zu befürchten.

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Abb. 327. Ein Ifugao auf seiner roh aus Holz geschnitzten Ruhebank,
die sich nur Leute von Vornehmheit leisten können.
Bei den Tinguianen werden bereits für ganz junge Kinder von den Eltern die Ehen abgeschlossen; man bezahlt für das Mädchen eine Kaufsumme. Aber erst von der Pubertät an leben beide Teile zusammen. Naht der Zeitpunkt des Eheabschlusses, so überreicht der Bräutigam seinen Schwiegereltern eine wertvolle Kanne und darf sie von diesem Zeitpunkte an nicht mehr bei Namen nennen. Die Eltern des Mädchens machen eine Schüssel Reis zurecht und füllen in eine Kokosnußschale Wasser; beides stellen sie zwischen das Paar auf die Erde (Abb. 339). Das Mädchen nimmt eine Handvoll Reis, drückt die Körner zu einem Ballen zusammen und läßt sie zwischen die Bambusstäbe des Fußbodens hindurchfallen, als Opfer für die Geister. Der Jüngling ballt ebenfalls eine Reiskugel zusammen und wirft sie in die Höhe. Bricht sie nach dem Herabfallen auseinander oder kommt sie ins Rollen, so gilt dies als ein böses Vorzeichen dafür, daß das Paar sich untreu werde oder daß seine Kinder sterben werden; bleibt sie aber an der Stelle liegen, wo sie hingefallen ist, dann liegt die Zukunft für die jungen Eheleute günstig. Sie trinken von dem kalten Wasser aus der Kokosschale, und die eigentliche Ehezeremonie ist vorüber. — Die Ifugao des nördlichen Luzon (Abb. 340) feiern die Hochzeit mit einer größeren Festlichkeit.

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Abb. 328. Ein Igorrotengerichtshof.
Diese Gebäude, zu denen der Zutritt den Frauen verboten ist, dienen auch als Aufenthaltsort für die Männer und als Schlafstätte für die Jünglinge.

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Abb. 329. Ein Krieger der Tinguianen.
Das Verlangen nach Köpfen veranlaßt die jungen Leute häufig, Angriffe auf fremde Siedlungen zu unternehmen. Der Angriff erfolgt mittels des Speeres; beim Kampf in geschlossenen Reihen aber bedient man sich der Kopfaxt, des Schlachtmessers und des Schildes.
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Ein Begräbnis in einem Tinguianendorf ist ein großes Ereignis. Der Tote wird in seine besten Gewänder gekleidet und in sitzender Stellung gegen die Wand des Zimmers gelehnt (Abb. 341); um und über ihn werden Decken und andere wertvolle Geschenke aufgehäuft, deren Geisterseelen seiner Seele zu den Ahnen nach Maglawa, dem künftigen Heim, zu folgen haben. Während des Begräbnisses, das gewöhnlich drei Tage dauert, muß die Witwe unter einer weißen Decke verbleiben und wird samt der Leiche Tag und Nacht von Wehklagenden bewacht, aus dem Grunde, daß nicht böswillige Geister dem Toten schaden und den Tod der Hinterbliebenen herbeiführen können. Am Morgen des dritten Tages versammeln sich alle Freunde und Verwandte im Hause des Toten, worauf ein jeder männliche Gast etwa hundertfünfzig Hiebe erhält, „damit sie alle ebenso betrübt seien, wie die Familie des Toten“ (Abb. 344). Mit Einbruch der Nacht setzt sich eine alte Frau vor die Leiche, bedeckt sich ihr Gesicht mit den Händen und beginnt laut zu klagen und den Geist des Verstorbenen zu bitten, in ihren Körper einzutreten. Daß dieser Wunsch erfüllt ist, zeigt sich sodann daran, daß sie sich wie besessen gebärdet und ohnmächtig zusammensinkt. Einen Augenblick läßt man sie in diesem Zustande, darauf bringt man Feuer und Wasser und verscheucht dadurch den Geist; die Verzückte macht aber zuvor noch den Anwesenden Mitteilung von des Toten letztem Willen. Der Tote wird in einer Gruft unter dem Hause begraben, in der bereits einer oder mehrere seiner Vorfahren ruhen; die Familie bleibt noch viele Tage lang mit verschiedenen strengen Tabu belegt, und das Grab wird dauernd bewacht, damit sich ihm keine feindlichen Geister nähern.

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Abb. 330. Tinguian auf einer Nasenflöte spielend.
Das bei diesem Volksstamme sehr beliebte Musikwerkzeug wird mittels eines Nasenloches geblasen.
Auf der Insel Mindanao sind die wichtigsten Stämme die Subanun auf der westlichen Halbinsel des Eilands, die Bogobo an den Abhängen des Berges Apo. Die Kleidung dieser Leute ist die übliche der Filippino; besonders malerisch soll die Tracht der Bogobostämme sein. Die Männer halten ihr Haar mit Tüchern zusammen (Abbild. 343), deren Spitzen sie mit Perlen und Troddeln verzieren; oft tragen sie über einem enganschließenden Hemd einen kunstvoll mit Perlen besetzten oder bestickten Rock, der vorn offen ist. Die Beinkleider sind gleichfalls an ihrem unteren Rande mit einem perlenverzierten oder ausgestickten Streifen besetzt. An Stelle der Taschen trägt jeder Mann auf seinem Rücken einen kunstvoll mit Perlen besetzten hanfenen Beutel, der mit Troddeln und Schellen (eigenem Erzeugnis der Eingeborenen) umrandet ist. Die Kleidung der Bagobofrauen ist nicht minder künstlerisch. Die bis auf den Rock reichende und am Halse fest anschließende Jacke, wodurch der Oberkörper vollständig verhüllt wird, ist auf den Schultern und den Ärmeln, am Halse und Taillenschluß ebenfalls bestickt, oft auch mit komplizierten Mustern in Muschelscheiben oder Perlen verziert. Männer wie Frauen tragen außerdem um den Hals Perlenschnüre, die oft frei bis auf die Brust herabfallen, sowie Schellenarmbänder. Die Frauen lieben es auch, sich die Arme mit Messing- und Muschelschmuck, die Beine und Knöchel mit Spangen zu überladen, an denen Klappern und Schellen sitzen.

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Abb. 331. Ifugaokrieger mit erbeuteten Schädeltrophäen.
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Die Bogobo (Abb. 347) sind zwar nominell einem Herrscher unterstellt, aber die Unterhäuptlinge erkennen nicht immer seine Herrschaft an. Neben ihnen (Datus genannt), die Recht zu sprechen und darauf zu achten haben, daß Übertreter des Gesetzes bestraft werden, verfügen auch noch Priesterinnen über eine gewisse Macht. Es sind dieses meistens Frauen in mittleren Jahren, die unter anderem große Fertigkeit in der Webekunst besitzen und von den Geistern sich berufen fühlen, eine „Mabalian“ zu werden; sie sind auch in der Arzneikunde bewandert und pflegen die Kranken. Als Auszeichnung dürfen sie eine besondere Tracht tragen, die sich keine andere Frau beilegen darf, sonst würde sie von den Geistern bestraft werden. Die Pflicht dieser Priesterinnen ist es, die Zeremonien zu leiten, die zur Besänftigung der Geister beständig abgehalten werden, und ihnen im besonderen Opfergaben darzubringen. Auch bei der Geburt sind sie hilfreich. Ist ein Kind geboren, dann reibt die Priesterin dessen Augen und die der Zuschauer mit einer besonderen Art von Erde ein, damit sie nicht blind werden, und erhält dafür eine Belohnung in Geld.

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Abb. 332. Geschmückte Schädeltrophäen in einem Ifugaohaus.
Wenn einer der Ihrigen im Kampfe fiel und seinen Kopf einbüßte, wird von den Ifugao der kopflose Körper unter großer Beteiligung feierlich begraben und an den nächsten Tagen eine Rachezeremonie abgehalten.
Bei den Subanun (Abb. 345) unterziehen sich beide Eltern vor der Geburt ihres zu erwartenden Kindes einer Reihe Einschränkungen bezüglich der Kost sowohl wie der Beschäftigung. Der Gatte darf nicht anders als ruhig und gebückt einhergehen, vielleicht aus Furcht, er könnte die Aufmerksamkeit böser Geister auf sich lenken. Er darf das Sparrenwerk seines Hauses, ebensowenig andere Dinge, nicht festbinden, weil er sonst dadurch Verwicklungen bei der Geburt herbeiführen würde und anderes mehr. Die Geburt spielt sich selten im eigenen Hause ab, vielmehr wird für die Mutter kurze Zeit vor ihrer Niederkunft abseits eine kleine Hütte erbaut, in die man allerlei Zaubermittel hängt. Der Grund für diese Absonderung liegt vielleicht in der Furcht, die Frau könnte während der Geburt im Wohnhaus sterben. Nach ihrer Niederkunft muß die junge Mutter noch tagelang in der Hütte verweilen und wird dabei der Hitze eines großen Feuers ausgesetzt, ein recht unangenehmes Verfahren, das wohl zur Austrocknung vorgenommen wird und meist große Brandwunden hinterläßt. Knaben und Mädchen der Subanun gehen jahrelang vollständig nackend, sie sind nur mit Zaubermitteln behängt gegen böse Geister. Sie erhalten nicht eher einen Namen, als bis sie vier oder fünf Jahre alt geworden sind. Für Knaben und Mädchen gibt es keine besonderen Schlafräume, wie bei anderen Philippinenstämmen; sie schlafen mit den Eltern zusammen.

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Abb. 333. Tinguianenaltare für den Geisterkult,
auf denen Opfer dargebracht und vor denen Tänze abgehalten werden.
Mit der Heirat der Subanun sind keine bemerkenswerten Sonderbräuche verbunden; das Wichtigste ist dabei die symbolische gegenseitige Reisfütterung des Paares aus einer gemeinsamen Schüssel, wozu der Priester den Segen der Geister anruft. Die Eltern vereinbaren das Nötige bezüglich des Brautpreises. Die Schwiegereltern werden mit großer Achtung behandelt; der junge Ehemann redet den Vater und die Mutter seiner Frau nicht mit ihrem Namen an, die Frau erweist den Eltern ihres Mannes die gleiche Höflichkeit. Von Polygamie, die wohl gestattet ist, wird selten Gebrauch gemacht, weil dies ein Luxus ist, den sich nur die Reichen leisten können. Da die Ehe der Subanun mehr auf Verstandesgrundlage denn auf solcher des Gefühls beruht, so erklärt es sich, daß sie von langer Dauer ist und durch Untreue nicht getrübt wird. Diese Sicherheit wird durch das Bewußtsein noch erhöht, daß die Partei, die danach trachtet, die Ehe zu lösen, Entschädigung zahlen muß oder eines Teils des ihr Ausgesetzten verlustig geht.

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Abb. 334. Ein Tinguian beim Ölen eines Schweines für das Opfer.

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Abb. 335. Ifugao beim Tanz um ein Bildnis.
Die Arme werden dabei abwechselnd vorwärts und rückwärts gestoßen.
Die Bogobo heiraten in einem verhältnismäßig viel späteren Alter als anderswo auf den Philippinen; die die Ehe eingehenden Teile sind manchmal schon zwanzig Jahre alt. Die Eltern bringen für gewöhnlich die Partie zustande, die dann in aller Form bei einer Versammlung von Freunden und Verwandten, wobei zwei Gemeindehäuptlinge die beiden Personen vertreten, ihre Bestätigung findet. Der Vater des Mädchens macht stets ein Gegengeschenk, das ungefähr der Hälfte der Hochzeitsgabe von seiten des Bräutigams entspricht, damit es nicht heißt, er habe seine Tochter verkauft. Die Hochzeit findet aber dann noch nicht statt, sondern der Jüngling muß erst ein Jahr lang für seinen zukünftigen Schwiegervater arbeiten. Die Hochzeitszeremonie ist die gleiche wie anderwärts; Braut und Bräutigam bedienen sich gegenseitig mit Reis aus einer gemeinsamen Schüssel, und die Priesterin bringt den Geistern Opfer dar. Die Jungvermählten begeben sich zwar in ihr eigenes Heim, der Ehemann aber muß noch jahrelang gewisse Dienste für die Familie seiner Frau verrichten.

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Abb. 336. Tinguian bei den Vorbereitungen für ein Opfer.
Das Medium ruft die Aufmerksamkeit der Geister auf das Opfer an, das man ihnen darbringt, darauf läßt man eine kurze Zeit verstreichen, damit sie daran teilnehmen können, und richtet die Tiere dann zum Verspeisen zu.
Die Religion der Bogobo ist der Geisterkult; für sie hat man in den Häusern besondere Vorrichtungen als Wohnung geschaffen, damit sie beständig zugegen sein und alles, was die Menschen tun, fördern können. Die Zahl der Geister ist sehr groß; sie üben einen besonderen Schutz für bestimmte Menschen aus, so zum Beispiel kümmert sich ein Geist um die Krieger, ein anderer um die Weber, ein dritter um die Messingarbeiter und so weiter. Der Geist, dem alles Eßbare gehört und der nach den Feldern und Ernten sieht, erhält einen Schrein für sich mitten auf dem Reisfeld erbaut; nachdem die Ernte eingetragen ist, wird ihm zu Ehren eine große Feier abgehalten. Ein Geist führt die Rolle des Oberhauptes aller Geister; er ist es, der die Welt erschaffen hat und der stets sein Opfer zuerst erhält, sobald irgendeine Zeremonie vollzogen wird. Ihm sind die anderen Geister auch untertan. Interessant ist der Aberglaube, daß, wenn Kinder aus zwei Familien sich heiraten, sich die besonderen Schutzgeister jeder Partei miteinander verschmelzen und fortan ein Geist werden, der das Paar beschirmt. Die Geister, die die Krieger beschützen, sind mit besonderer Macht ausgestattet und dürfen auch nur von solchen Kriegern angeredet werden, die eine oder mehrere Personen bereits getötet haben; auch ein Mann, der den Verehrer einer ungetreuen Frau umbrachte, zählt zu diesen Bevorzugten. Diese Krieger haben die Berechtigung, ein besonderes Gewand zu tragen, und wenn sie mehreren Menschen im Kriege den Garaus gemacht haben, diesem einen weiteren Schmuck hinzufügen. Gelegentlich bringt man den Schutzgeistern der Krieger ein Menschenopfer, das in einem Sklaven oder einem Gefangenen besteht; Sklaverei ist eine anerkannte Einrichtung der Bogobo und das Bedürfnis nach Sklaven führt oft zu Einfällen bei den Nachbarstämmen. Bei diesem Opfer darf ein jeder teilnehmen, der während des Jahres von Unglück geplagt wurde, oder jede Familie, in der ein Todesfall vorgekommen ist; Vorbedingung ist aber, daß dem Datu das Opfer bezahlt oder ein eigenes gestellt wird. Der zum Opfer auserlesene Sklave wird mit über den Kopf zusammengebundenen Händen an einen Baum gestellt und über ihn ein Gebet gesprochen. Darauf wird ein Speer mit sehr langem Schaft gegen seine linke Brust gerichtet und alle, die zum Kauf des Sklaven beigetragen haben, beteiligen sich insofern an dem Opfer, als sie den Schaft entweder halten oder ihn berühren. Auf ein bestimmtes Zeichen wird der Speer sodann durch das Herz gestoßen. Die Leiche erhält dann noch eine Anzahl Stichwunden und wird begraben. Hieran schließt sich eine Zeremonie, bei der zwei bekränzte Stangen hoch aufgerichtet werden, um das Ereignis zu kennzeichnen, die Krieger sich stark betrinken, ihre Taten dabei rühmen und so weiter.

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Abb. 337. Ein Tinguian beim Darbringen eines Opfers für die Wächtersteine.
Diese Steine, in die der Aufenthalt der Wachtgötter verlegt wird, werden vor Beginn bestimmter Zeremonien mit Rindenbändern umwickelt und mit Öl eingerieben, darauf wird vor ihnen Reis mit Schweineblut ausgestreut.
Erkrankt ein Bogobo, so wird er in das Haus eines anderen gebracht, damit die bösen Hausgeister ihn aus den Augen verlieren und die guten der anderen Behausung sich seiner annehmen; sobald man aber den Eindruck des bevorstehenden Todes hat, wird der Kranke in sein eigenes Haus wieder zurückgebracht, damit sein Tod nicht die Aufmerksamkeit der bösen Geister auf das Haus des Freundes lenke. Stirbt ein Mensch dennoch im Hause eines anderen, so muß seine Familie für das Unglück, das sein Tod diesem sicherlich bringen wird, eine Buße zahlen. — Von einer Klasse Geister glaubt man, daß sie die Schatten des Toten verzehren und Macht besitzen, den Lebenden ein Leid anzutun; sie werden manchmal direkt als gleichbedeutend mit den Geistern der Toten betrachtet.
Die Subanun kennen ebenfalls zahlreiche Geister, unter anderen solche der See, der Erde, der Wälder, der Flüsse und Beschützer der Kranken. Ihre Religion beruht auf einer Reihe Offenbarungen, die den Medizinmännern von Zeit zu Zeit zuteil werden. Deren Tätigkeit besteht in dem Verkünden von Orakeln oder Aussprüchen der Geister, mit denen sie zu sprechen vermögen, in Opfern und Gebeten an diese und in der Heilung von Krankheiten. Die bedeutenderen unter ihnen werden hochgeehrt. Man begräbt die Medizinmänner auch nicht, sondern setzt sie unter Schutzdächern aus, da man glaubt, daß sie wieder zur Erde zurückkehren.

Phot. Bureau of Science, Manila.
Abb. 338. Weiberschlafhaus bei den Bontokigorroten.
Die Mädchen schlafen in diesen Hütten, die so niedrig sind, daß eine Person kaum aufrecht in ihnen stehen kann, und einen knapp dreiviertel Meter hohen Eingang besitzen, etwa zwei Jahre lang bis zu ihrer Heirat.
Den Geistern werden rohe Altäre errichtet, auf denen man Reis, Hühner, Eier, Betel, Tabak und Reisbier in Krügen darbringt; auch kleine Boote setzt man mit Opfergaben beladen aufs Wasser, wohl in der Hoffnung, daß sie die bösen Einflüsse mit sich fortnehmen möchten. Auch auf Vorbedeutungen legt man Gewicht; auf Grund solcher Verkündigungen wird gelegentlich eine Verlobung wieder aufgelöst oder eine Reise unterlassen, bei anderen das Vorhaben nur aufgeschoben. Viele Zeremonien dienen der Versöhnung der Geister oder ihrer Vermittlung bei unangenehmen Lagen, auch der Förderung der Ernte, dem Schutze des Hauses bei seinem Aufbau und anderes mehr.

Phot. Fay Cooper Cole.
Abb. 339. Tinguianenhochzeit.
Die Braut nimmt eine Handvoll Reis aus einem Napf und zerstreut sie zwischen die Latten des Bambusfußbodens als Opfer für die Geister. Der Bräutigam wirft einen Reisballen in die Luft, um aus dessen Niederfallen festzustellen, ob seine Verbindung glückbringend sein wird. Beide trinken darauf Wasser aus einer Kokosnußschale, womit die Zeremonie beendet ist.
Sehr häufig werden Feste gefeiert, zu denen die Vorräte bereits beizeiten gesammelt und die benachbarten Häuptlinge eingeladen werden. Eigenartig ist die Form der Einladung; es werden Rotangstücke überbracht, die Knoten tragen, und zwar so viel, als noch Tage bis zur Veranstaltung des Festes vorhanden sind. Jeden Tag schneidet der Eingeladene einen Knoten ab, und wenn nur noch ein Knoten übrig bleibt, dann weiß er, daß die festgesetzte Zeit herangekommen ist. Haben sich die Gäste versammelt, dann werden alle Waffen beiseite gelegt und der Obhut eines oder zweier Männer übergeben. Vor Beginn des Festes pflegt ein Freund des Festgebers darauf aufmerksam zu machen, daß derjenige, der nicht den erforderlichen Anstand bewahrt, in Strafe genommen wird. — Bei solchen Festen, die zur Erfüllung eines Gelübdes, daß ein Kranker sich erhole, oder zur Erinnerung an einen Toten, oder zu irgendeinem anderen frommen Zweck veranstaltet werden, errichtet man Altäre, vor denen die Medizinmänner die Zeremonien vollziehen. Die Gäste aber lassen sich dadurch in ihrem Vergnügen nicht im geringsten stören, da sie auf dem Standpunkt stehen, daß die ernste Seite der Feier ausschließlich Sache der Medizinmänner ist.

Phot. Bureau of Science, Manila.
Abb. 340. Ein Ifugaopaar im Hochzeitsschmuck.
Die Hochzeit wird bei den Ifugao wie alle besonderen Ereignisse in ihrem Leben mit großer Festlichkeit begangen. Sie verwenden viel Zeit auf das Sammeln des für solche, einen religiösen Charakter tragenden Feiern notwendigen Materials.
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Wie schon erwähnt, werden die Leichen der Medizinmänner im Freien ausgesetzt; der gewöhnliche Mensch wird in eine Matte gehüllt oder in einen Sarg gelegt und dann in der Erde begraben. Nach dem Begräbnis baden die Angehörigen im Flusse, bevor sie in ihre Wohnungen zurückkehren.

Phot. Fay Cooper Cole.
Abb. 341. Trauer bei einem Begräbnis der Tinguianen.
Der Tote ruht, in seine besten Gewänder gekleidet und von Tüchern und anderen Wertsachen, die er ins Jenseits mitnehmen soll, umgeben, in sitzender Stellung gegen die Wand der Hütte gelehnt.
Es erübrigt sich noch der Moro (Abb. 346) zu gedenken, Malaien mohammedanischen Glaubens, die ursprünglich Bewohner der Nordküste Borneos waren, wo sie unter der Bezeichnung Bajau oder Seezigeuner bekannt sind und erhebliche Kreuzungen mit Arabern eingegangen sind. Kurz vor der Entdeckung der Philippinen durch die Spanier nahmen sie von den Suluinseln Besitz und wurden von hier aus durch ihre Raubzüge zur See zu Anfang des vorigen Jahrhunderts eine ständige Quelle des Schreckens für die Bewohner der umliegenden Inseln, deren Besitztum und Frauen ihre Bedürfnisse befriedigen. Daher bekunden sie auch eine Abneigung gegen die Arbeit, zumal sie von früher Jugend ab bereits an die Waffen und die Seeräuberei gewohnt werden. Durch diese ihre Beschäftigung sind sie kriegerisch und furchtlos, selbst grausam geworden, trotzdem heutzutage wenig Gelegenheit für die Ausübung ihres Handwerks sich ihnen bietet, da man sehr auf sie acht gibt. Um ihrem Gewerbe leicht nachgehen zu können, haben sie ihre Wohnungen an der Küste auf Pfählen errichtet; im gegebenen Augenblick können sie von hier aus sofort in ihre Boote gelangen, die dicht vor der Tür vor Anker liegen. Es bedarf keines Hinweises, daß sie tüchtige Seeleute und des Schwimmens kundig sind.

Phot. Bureau of Science, Manila.
Abb. 342. Eine Frau der Bontokigorroten in ihrem Leichenstaat.
Die Igorroten nehmen den Tod sehr gelassen auf und klagen weder, noch trauern sie lange um einen Verstorbenen, am wenigsten um eine bejahrte Person. Trotzdem dauern die Trauerzeremonien zwei bis acht Tage, je nach dem Rang des Verstorbenen.
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Die Moro sind von kleiner Gestalt, schlank gebaut und doch muskulös; sie sind sehr beweglich und zeigen sehr lebhafte Augen unter einer niederen Stirn in einem kleinen Gesicht. Der Sultan von Sulu ist nominell der Herrscher aller Moro, doch wird seine Autorität auf den außenliegenden Inseln nicht immer anerkannt von denen, die ihm untergeordnete Vertrauensstellen innehaben. In jedem Dorfe nämlich liegt die Führung der Gemeinde in den Händen eines Datu oder Pangiran; daneben aber kommt auch dem Priester eine gewisse Macht zu. Mit der Religiosität des Moro ist es nicht weit her; sie tritt meistens nur dann in Erscheinung, wenn er, vom Leben angewidert oder um ein Gelübde zu erfüllen, Amok läuft und möglichst viele Ketzer umbringt, ehe er mit dem eigenen Leben die Strafe seiner Begeisterung bezahlt. Die Moscheen der Moro sind in schlechtem Zustand, die vorgeschriebenen Fasten werden unregelmäßig eingehalten und sonstige Enthaltsamkeit, die der Islam vorschreibt, wird wenig beachtet, sofern man annehmen kann, daß diese Übertretung nicht bemerkt wird. Der Moro zollt zwar dem Koran große Verehrung, hat aber fast keine Ahnung von seinem Inhalt.

Phot. Bureau of Science, Manila.
Abb. 343. Ein Bogobo
mit prächtig gestickter Kleidung.

Phot. Fay Cooper Cole.
Abb. 344. Zeremonie des Durchpeitschens bei einer Totenfeier der Tinguianen.
Jeder der männlichen Gäste wird durchgepeitscht, damit alle sich so traurig fühlen, wie die Familie des Verschiedenen.
Die Männer tragen Hemden, Jacken und Hosen, dazu eine Schärpe in leuchtender Farbe und Kopf- oder Halstuch, Leute, die eine Wallfahrt nach Mekka unternommen haben, auch einen Turban. Ihre Gewänder sind gleichfalls kunstvoll gestickt und oft aus schwerster Seide hergestellt. Die Männer tragen das Haar herabfallend, die Frauen schlingen es zu einem mehr oder weniger phantastischen Knoten. Eine Eigenart ist das Feilen und Schwärzen der Zähne. — Besondere Sorgfalt widmen die Moro ihren Waffen, als da sind der Barong, ein kurzes, schweres Hackmesser mit einer scharfen Schneide wie ein Rasiermesser und einem dicken Rücken, sodann der Kris, der Kampilan, ein Schwert mit zwei Griffen, und die Lanze. Diese Waffen sind durchweg aus dem allerbesten Material hergestellt, manchmal prächtig mit Gravierungen und Tauschierung aus Silber verziert.

Phot. Bureau of Science, Manila.
Abb. 345. Frau der Subanun (westliche Halbinsel Mindanaos),
die sich sehr zu putzen lieben.
Die Moro finden anscheinend nicht viel Vergnügen am Tanz, dagegen widmen sich ihm viel die Frauen, so bei Hochzeiten und anderen Gelegenheiten. Ihr Tanz kennzeichnet sich durch Bewegungen mit dem Oberkörper, die im besonderen die Arme und Hände ausführen, während die Füße überhaupt nicht in Tätigkeit treten. Die jungen Leute bekunden nur Interesse an einer Art Kriegstanz, den sie mit Schwert und Stock bewaffnet aufführen, und bei dem sie mit besonderer Geschicklichkeit und Schnelligkeit Fechterkunststücke darbieten. — Die Musik, für die die Moro viel übrig haben, soll ihre Lebensweise widerspiegeln, ihr Gesang dem Rollen der See ähneln. Das am meisten gebräuchliche Instrument ist eine Art Xylophon, auf dem die Frauen oft stundenlang spielen.

Phot. Bureau of Science, Manila.
Abb. 346. Moromann vom Suluarchipel.
Die Moro wanderten kurz vor der Invasion der Spanier ein.
An die Geburt eines Kindes knüpfen sich bei den Bewohnern des Suluarchipels einige eigenartige Gebräuche. Bei zögernder Geburt wird durch Spalten von Pinang oder Zerschneiden der Ingwerwurzel darüber Rat eingeholt, was die Ursache hierfür sein könnte, und dementsprechend werden Maßregeln getroffen. Hat die Kreißende zum Beispiel mit ihren Eltern Streit gehabt, so müssen diese sich Gesicht und Hände in einem Gefäß mit Wasser waschen und dabei geloben, nach günstigem Verlauf der Geburt ein Opfer darzubringen. Ein Teil dieses Waschwassers wird der Gebärenden zu trinken gegeben, der Rest über sie ausgegossen. Unmittelbar vor der Abnabelung ruft die Hebamme dem Kinde einen Namen zu und fragt an, ob es so heißen will; gibt es durch einen Ton seine Zustimmung, so behält es diesen Namen, verhält es sich aber ruhig, so wird ein anderer Name ausgedacht. Den abgetrennten Nabelstrang eines Knaben hebt man in einem kleinen Kober auf, der von diesem, sobald er erwachsen ist, um den Hals oder den Bauch getragen wird; derjenige der Mädchen wird sofort begraben. Die Nachgeburt wird mit Asche und Pinangblüten in ein Pinangblatt gewickelt und in eine Kalapanuß gelegt, die man zubindet. Eine der Geburtshelferinnen trägt sie mit bedecktem Kopfe hinaus und begräbt sie dicht bei der Wohnung; unterwegs aber darf sie kein Wort sprechen und niemand Rede stehen; sonst wird das Kind heuchlerisch. An der Stelle, wo die Nachgeburt vergraben ist, pflanzt man einen Gagabaum und zündet dort vier Nächte hindurch Harzfackeln an. Eigenartig ist die Anerkennung des Kindes durch den Vater. Die Hebamme gibt die Erklärung ab, wer der Vater ist. Dieser oder einer der männlichen Blutsverwandten muß dann den Bambussplitter, mit dem die Nabelschnur durchtrennt wurde, an einem Speer befestigen. Diesen steckt der Betreffende dann in einen bestimmten Baum und erkennt durch diese Zeremonie das Kind vor allen Dorfgenossen als sein eigenes an. Der Baum verbleibt Eigentum des Kindes.

Abb. 347. Bogobomusikanten.
Bemerkenswert ist ihre reich bestickte Kleidung, die häufig noch mit Muschelreihen oder Perlen behängt wird.
Die Polygamie ist allgemein verbreitet, da der Koran mehrere legale Frauen erlaubt. Die Frauen werden meistens gekauft; ihre Stellung ist eine ziemlich hohe. Ihre Heiratsfähigkeit beginnt mit dem dreizehnten Lebensjahr. Auf den Suluinseln soll vor der Landung der Spanier die Homosexualität sehr verbreitet gewesen sein, in dem Maße, daß auf Antrag der Frauen an dem Gliede der geschlechtsreifen jungen Männer eine eigentümliche Operation vorgenommen wurde, durch die jeder gleichgeschlechtliche Verkehr unmöglich gemacht werden sollte.

Phot. W. Tams.
Abb. 348. Geisterboot von der Westküste Malakkas,
in das Opfer für die Geister gelegt werden. Diese werden eingeladen, auf ihm wegzusegeln, worauf das Boot zur Ebbe ins Wasser gesetzt wird. Die Figuren und Opfergegenstände stammen von einem solchen Geisterboot, das an der Ostküste treibend aufgefunden wurde.
Malakka oder die malaiische Halbinsel.
Die malaiische Halbinsel, die südöstliche Spitze des asiatischen Festlandes, bildete von jeher die Brücke zwischen dem letzteren, im besonderen Indochina, und den Inseln des Malaiischen Archipels und war somit den Völkerwanderungen, die teils von China, teils von Vorderindien aus im Laufe der Zeiten dieses Gebiet überfluteten, in hohem Grade ausgesetzt. Es kann daher kein Wunder nehmen, wenn wir hier einen richtigen „Völkerbrei“ antreffen, an dem die Malaien, beziehungsweise ihnen verwandte Völker den Hauptbestandteil ausmachen. Indessen bewohnen diese heutzutage vorwiegend die Küstengegenden, während im Innern noch verschiedene Stämme wilder Ureinwohner hausen, vor allem die Semang, Senoi, Sakai (Abb. 350) und Jakhûn oder Jokol. Die Orang ûtan, Lâut, Belenda, Tanggan und andere mehr sind entweder nur Unterabteilungen dieser Völker oder ihnen verwandte Stämme. Die Semang und Senoi weisen überwiegend die charakteristischen Züge der Negrito, also der afrikanischen Grundrasse auf, die Sakai dagegen nähern sich mehr den Australiern und den Wedda, also den Angehörigen der sinoaustralischen Grundrasse; beide Völker sind vielfach miteinander Kreuzungen eingegangen. In den Jakhûn dagegen ist bereits malaiisches Blut vertreten. Alle diese Stämme leben in der Hauptsache von der Jagd, wozu sie kleine Bogen und Pfeile, auch Blasrohre (Abb. 349) mit einem in den Giftsaft des Upasbaumes getauchten Geschoß benutzen, und den Erträgen des einheimischen Bodens (Yams und andere Wurzeln). Ackerbau betreiben sie nicht, wohl aber handeln sie mit Honig, Kampfer, Gummi und anderen tropischen Erzeugnissen. Feste Wohnungen kennen sie nicht; für gewöhnlich hausen sie hinter primitiven Windschirmen, unter Laubdächern, überhängenden Felsen oder Höhlen; aber auch auf Bäumen werden sie angetroffen. Schlagen sie auf ihren Wanderungen ein primitives Lager auf, dann muß ein unverheiratetes Mädchen durch Quirlen Feuer anmachen, um mit gutem Erfolge kochen zu können. Damit man stets dazu bereit ist, trägt jeder Jakhûn das erforderliche Hölzchen am Körper oder auch auf dem Stirnband von Rinde immer bei sich. — Die Semang erzeugen auch Feuer durch Sägen, das heißt durch Hin- und Herziehen einer Liane über ein Stück Holz.

Aus: Skeat & Blagden, Pagan Tribes.
Abb. 349. Jakhûn, mit dem Blasrohr auf einen Vogel schießend.
In dem an seiner Seite befestigten Köcher befinden sich die vergifteten Pfeile.
Die Kleidung der Männer besteht bei den Wildstämmen in einem Gürtel aus mehrfach gewundener Schnur oder in einer Schambinde aus Rindenstoff, bei den Frauen in einer solchen aus zahlreich herabhängenden Schnüren. Wie anderwärts besteht auch bei allen diesen Stämmen lebhafte Neigung, sich mit irgendeinem glänzenden oder farbigen Gegenstande, wie bunten Seemuscheln, Samenkernen und anderem mehr zu schmücken. Außerdem wird der Körper bemalt, jedoch nicht tatauiert. Auch Ohrdurchbohrung (Abb. 351) und Zahnfeilung kommen, von den Malaien übernommen, vor. — Die Frauen der Semang tragen in ihrem Haar mit eigentümlichen Mustern bedeckte Kämme, aber nicht zur Zierde oder zum Halt für die Haare — sie besitzen meist nur etwa drei Zähne —, sondern zum Schutze gegen bestimmte Krankheiten, gegen die man die Zeichnungen eingeritzt hat. Jede Frau hat eine große Anzahl dieser Zauberkämme in ihrem Besitz und tauscht sie mit anderen Frauen leihweise aus.

Phot. L. Wray.
Abb. 350. Musikkapelle wilder Sakai von Perak.
Links spielen zwei Eingeborene auf Bambusgitarren, daneben bläst ein Jüngling die Nasenflöte und im Hintergrunde spielt einer die Maultrommel.
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Mit diesen Zaubermustern hat es nämlich eine ganz eigentümliche Bewandtnis. Es sind durchweg geometrische Zeichnungen (Abb. 352) in großer Reichhaltigkeit und Fülle — man zählt ihrer gegen hundertundvierzig —, die die Semang angeblich schon von ihren Vorfahren überkommen haben. Ihre Bedeutung ist eine zeremonielle; jedes der einzelnen Muster soll eine Krankheit bezeichnen, beziehungsweise eine Blume, durch deren Geruch der Geist dieser Krankheit von dem Träger des betreffenden Gegenstandes abgehalten wird. Mit Vorliebe werden solche Zaubermuster auf den Köchern und Zaubergefäßen, sowie auf den Kämmen angebracht. Außer diesen geometrischen Mustern schnitzt man noch andere Zeichnungen auf den Bambusgegenständen ein, die Menschen, Tiere, Pflanzen, allerdings manchmal in recht schematischer Wiedergabe, veranschaulichen. Diese werden auf Gegenständen angebracht, die gleichsam repräsentativen Zwecken dienen.

Phot. Dr. J. Gimlette.
Abb. 351. Kelantanmädchen mit Ohrstiften,
die früher von der weiblichen Jugend bis zur Hochzeit getragen werden mußten.
Von den verschiedenen Wildstämmen Malakkas stehen die Semang in kultureller Hinsicht am tiefsten; sie sind sicher als bodenständig zu betrachten; höher stehen schon die Sakai, die sich mit ihnen vermischten. Auf der verhältnismäßig höchsten Stufe, bereits auf einer Art Halbkultur, die vielfach von den benachbarten Malaien mit übernommen wurde, stehen die Jakhûn und Belenda. Unser Wissen über diese Wildstämme ist nur ein stückweises.
Wie die Australier stellen sich auch die Semang die Seele als einen Vogel vor und erklären sich die Entstehung des Menschen in der Weise, daß dieser Seelenvogel, der auf den Zweigen eines Himmelsbaumes sitzt, von Kari, dem höchsten Gotte, zur Erde gesandt, hier von dem Ehemanne getötet und der Frau zu essen gegeben werde; dadurch gehe die Seele des Vogels in den Fötus über. Sonst darf dieser Seelenvogel von niemanden getötet und verspeist werden. — Während der Schwangerschaft weicht der Orang ûtan-Mann, wenn irgend möglich, nicht von der Seite seiner Frau; durch seine Anwesenheit glaubt er das Gedeihen des werdenden Kindes zu fördern. Bei den Jakhûn wird die schwere Stunde äußerlich durch ein in die Augen fallendes Büschel von Palmblätterfasern kenntlich gemacht, damit jede männliche Person, die dies bemerkt, sogleich umkehrt; nur der eigene Mann darf in der Nähe bleiben, um helfen zu können. Für gewöhnlich aber stehen auch bei den Urwaldstämmen weise Frauen der Gebärenden bei, meistens alte Weiber, die eine bevorzugte Stellung unter den Frauen einnehmen, insofern sie von allen gemeinsam durch diese zu leistenden Arbeiten, wie Rotangwinden, Wurzelsuchen und so weiter befreit sind, dafür aber auch die Kinder des Dorfes in ihre Obhut zu nehmen haben. Ihre Hütten sind im Gegensatz zu denen der übrigen Bewohner, die auf Pfählen ruhen, direkt auf dem Erdboden erbaut und besitzen eine ganz niedere, kleine Tür, damit niemand hineinschauen kann. Denn hier pflegen die Weiber des Dorfes auch niederzukommen. In dem Augenblick, wo das Kind das Licht der Welt erblickt, erheben die Orang Lâut ein mächtiges Geschrei und schlagen dabei die Trommeln, um die bösen Geister zu vertreiben; wenn die Nabelschnur durchschnitten ist, brauchen sie von ihnen nichts mehr zu befürchten. Die weise Frau, die der jungen Mutter in ihren Nöten beigestanden hat, bläst während dieses Lärms kräftig auf das Neugeborene.

Aus: Skeat & Blagden, Pagan Tribes.
Abb. 352. Zauberkämme der Semang.

Aus: Skeat & Blagden, Pagan Tribes.
Abb. 353. Sakaifrauen, die Junge ihrer Haustiere säugen.
In dem Augenblick, in dem die Nabelschnur durchschnitten wird, geben die Belenda dem Kinde den Namen; sie nennen es entweder nach dem wichtigsten Moment, der in ihren Träumen eine Rolle spielte, oder nach dem Gegenstand, den sie am Morgen der Geburt erblickten; ein Zauberer legt dem Kinde einen von ihm angefertigten Kopfreifen aus Baumrinde um, auf dem der vereinbarte Name geschrieben steht. Die Semang nennen das Kind nach dem Namen des Baumes, unter dem es geboren worden ist. Der Nabelschnurrest der Knaben wurde von den Jakhûn an einen Wurfstein des Vaters gebunden, mit dem dieser schon einmal einen Feind getötet hatte, darauf in Seewasser getaucht, gewaschen und in den Rauch zum Trocknen gehängt, schließlich mit dem Wurfsteine aufbewahrt, bis der Knabe erwachsen war. Bei seiner Verheiratung nahm er beide Dinge in Empfang und hob sie gleichfalls auf; ein solcher Wurfstein verfehlte dann niemals sein Ziel. — Oft säugen die Frauen der Sakai neben ihren Kindern auch noch die Jungen ihrer Haustiere, namentlich solche, denen sie zugetan sind (Abb. 353).

Phot. J. W. Knocker.
Abb. 354. Wagen, wie er bei Einweihungsfeierlichkeiten für Aufzüge benützt wird.
An der Ostküste sind Wagen üblich, die Fabelwesen, wie Pfau-Löwen, fliegende Pferde mit Menschenkopf und so weiter als Aufsatz tragen. Im Hintergrund des Bildes ist ein solcher Wagen sichtbar.
Bei den Malaien wird die Mutter und das Kind nicht nur vor der Geburt des letzteren, sondern auch nachher gegen die bösen Geister durch mancherlei Methoden gefeit. Eine davon besteht darin, daß sie einen Heiltrank, genannt der „Hundert-Kräuter-Trank“, weil er so viel Bestandteile aufweisen soll, zu sich nehmen muß, eine andere darin, daß sie sozusagen geröstet wird. Mehrmals am Tage wird sie auf einem erhöhten Gerüst, unter dem ein helles Holzfeuer lodert, der größten Hitze ausgesetzt, eine allerdings recht grausame Behandlung, die vier bis vierzig Tage durchgeführt wird und unter Umständen das arme Opfer buchstäblich seiner Sinne beraubt oder es direkt tötet. Das malaiische Baby erhält meistens im Verlaufe der ersten Woche (anscheinend probeweise) seinen Namen, erkrankt es aber, dann wird es sofort von einem anderen adoptiert, wenigstens vorübergehend, und erhält damit einen neuen Namen. Auf der Ostküste der Halbinsel besteht die hübsche Sitte, auf sieben verschiedene Bananen verschiedene Namen zu schreiben und das Kind seinen eigenen selbst wählen zu lassen. Später schließt sich an die Namensgebung die Zeremonie des Rasierens des Kopfes und des ersten Nägelbeschneidens. Jede dieser Zeremonien verlangt das Opfer zweier Ziegen, wenn das Kind ein Knabe, und nur einer Ziege, wenn es ein Mädchen ist. Die Haarabfälle und Nägel werden jedesmal am Fuße eines Obstbaumes (Bananen-, Granatbaumes und so weiter) begraben, dadurch glaubt man seine Fruchtbarkeit zu heben. Ungefähr am vierzigsten Tage wird das Kind ins Freie gebracht und den Wassergeistern vorgestellt. — Der Eintritt der Pubertät wird festlich begangen (Abb. 354).
Die Ehe der Semang ist die Einehe. Während vor ihr große geschlechtliche Freiheit herrscht, bleiben sich nach ihrem Eingehen die beiden Gatten fortan treu. Ehebruch wird mit dem Tode bestraft, indessen kann diese Strafe durch eine Geldbuße abgelöst werden, deren Höhe aber doch der für einen Mord entspricht. Zeremonien finden bei Eingehen der Ehe nicht statt. Dagegen begegnen wir solchen in ausgedehntem Maße bei den malaiischen Stämmen.

Phot. N. Annandale.
Abb. 355. Szene von einem Kampf zwischen zwei Stieren.
Ihre Haut wird mit Tigerfett eingerieben, um den Gegner mutlos zu machen.
Die Ehe der Malaien Malakkas wird von seiten der Eltern oder Verwandten des Jünglings eingeleitet. Glauben sie, eine passende Partie für ihn gefunden zu haben, so lassen sie zunächst durch einen zuverlässigen Boten aushorchen, ob das Mädchen etwa schon versprochen ist, falls dies nicht zutrifft, geben sie ihren Wunsch zu erkennen und lassen gleichzeitig den Tag für die weiteren Vereinbarungen festsetzen. An diesem Tage stellen sich Vertreter des Jünglings pünktlich ein, der eine von ihnen überreicht ein Betelnußtablett mit den dazu gehörigen Dingen (Betelblatt, Kalk, Betelnuß, Gambir) und die erste Abschlagszahlung des Brautpreises in Gestalt von Silber oder Schmucksachen. Ein Bruch des Eheversprechens von seiten des Jünglings hat in der Regel zur Folge, daß er seine Verlobungsgeschenke (Abb. 356) verwirkt, ein solcher von seiten des Mädchens, daß es sie in doppeltem Werte zurückerstatten muß. An die Hochzeit selbst knüpfen sich bei den von dem Islam noch nicht beeinflußten malaiischen Stämmen eine Unmasse von Gebräuchen, unter denen die Läuterungs- und Reinigungszeremonien die Hauptsache ausmachen. Sie beruhen zum größten Teil auf dem Gedanken, daß Bräutigam und Braut eine königliche Rolle spielen, eine angenommene Identitätsvertauschung, um die Gefahren abzuwenden, die dem früheren Glauben nach jede Hochzeitsfeier wie überhaupt jedes kritische Ereignis im Leben des Stammes begleiten. Die Sitte erfordert drei Dinge für die Gültigkeit der Ehe: die Zahlung des Brautpreises, das gemeinsame Essen der Brautleute von einer Speise und die Anerkennung der Ehe vor Zeugen, unter denen die Dorfältesten anwesend sein müssen. Diese drei Elemente des Eheschlusses finden sich auch bei den Urwaldstämmen, dagegen erfahren wir nichts von ihnen über eigentliche Läuterungs- und Reinigungszeremonien. Die Besisistämme legen großes Gewicht darauf, daß der zukünftige Ehemann auch imstande ist, seine Frau durch seiner Hände Kraft zu ernähren, und stellen an ihn diesbezügliche Fragen. Die Parteien setzen sich um einen Hügel und an den Bräutigam werden etwa folgende Fragen gerichtet: „Gehst du geschickt mit dem Blasrohr um?“, „Kannst du geschickt Bäume fällen?“, „Kannst du tüchtig Zigaretten rauchen?“ Fallen die Antworten zur Zufriedenheit aus, dann wird der letzte Punkt sogleich praktisch erprobt. Nachdem der Bräutigam der Braut eine Zigarette gegeben und sich selber auch eine angezündet hat, wird er aufgefordert, sie dreimal um den Hügel herumzujagen. Erhascht er sie, dann werden beide für verheiratet erklärt, wenn nicht, dann hat der Mann das Recht, bei einer anderen Gelegenheit noch einmal sein Glück zu versuchen. Bei anderen wilden Stämmen tritt an Stelle des Hügels ein Feuer, um das die Braut herumgejagt wird. Offenbar handelt es sich bei dieser Zeremonie um einen Überrest des Brautraubes.

Phot. Cambridge Archaeolog. Museum.
Abb. 356. Körbchen in Vogelform,
die der malaiische Jüngling bei der Verlobung seiner Angebeteten darbringt.
Bei den zivilisierten Malaien treten, wie gesagt, noch die Reinigungszeremonien hinzu, wenn wir von dem kurzen Akte absehen, den der mohammedanische Moscheebeamte vornimmt; häufig genug aber wird die Hochzeit ohne Zutun des letzteren gefeiert. Die verschiedenen Zeremonien, die sich an eine Hochzeit dieser Malaienstämme knüpfen, sollen oft sieben Tage und ebensoviel Nächte hintereinander dauern. Die drei ersten Nächte sind hauptsächlich der Austreibung oder Aufhebung der bösen Mächte und außerdem der Zeremonie des Hennafärbens gewidmet, die jede für sich in dem Hause des Bräutigams, beziehungsweise der Braut stattfindet. Am vierten Tage findet der feierliche Zug des Bräutigams zum Hause der Braut und sodann das königliche Paradesitzen oder die Erhebung des Brautpaares auf den Thron statt (Abb. 357). Schließlich wird der letzte oder die drei letzten Tage, je nach der Dauer der vorausgegangenen Zeremonien, den üblichen Läuterungsfeierlichkeiten gewidmet. Während der ganzen Zeit werden jetzt meistens arabische Hymnen gesungen, sowie malaiisches Fechten und andere Tänze aufgeführt an Stelle der früher bei dieser Gelegenheit üblichen Hahnen- (Abb. 361) und Stierkämpfe (Abb. 355), Aufführungen des malaiischen Dramas und so weiter, die aber heutzutage wohl nur noch im Norden üblich sein dürften.

Phot. F. W. Knocker.
Abb. 357. Malaiisches Brautpaar bei der Bersandingzeremonie,
bei der es für einen Tag zum Range eines Königs und einer Königin erhoben wird.
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Das Hennafärben findet zunächst für sich statt, am zweiten Abend indessen öffentlich unter „Zurschaustellung“ des Brautpaares und zwar jedes Teiles bei sich zu Hause, und zur Entgegennahme von Glückwünschen und Geschenken seitens des beiderseitigen Bekanntenkreises. Eine auserwählte Sippe von Verwandten, Freunden und Dienern begrüßt Braut und Bräutigam nacheinander nach malaiischer Sitte, streut etwas gerösteten, mit Safran gelb gefärbten und ganz gewöhnlichen „gewaschenen“ Reis umher, berührt Stirn und Hände der Brautleute mit einer zauberkräftigen Reispaste und färbt ihnen noch Hände und Fußseiten mit Henna. Am vierten Tage spielt das Paar, in prächtige Gewänder gekleidet, die Rolle eines „eintägigen Königs und Königin“, wie die malaiische Bezeichnung lautet. Das Eigenartige an einem malaiischen Hochzeitskleide sind eine goldgestickte, kurze, krappfarbene Jacke mit engen Ärmeln, ein Sarong und lose seidene Beinkleider; dazu kommen bei der Braut noch zahlreiche, oft auch nur geliehene Armbänder, Fußbänder, Halsketten und Brustschmuck, mit denen sie gleichsam überladen wird, sowie ein seltsam geformter Kopfputz aus unechten Gold- oder Silberblumen, die, da sie auf Draht gezogen sind, bei der geringsten Bewegung erzittern und schillern. Außerdem werden der Braut die Haarspitzen abgeschnitten. Der Bräutigam ist mit einem steifen Kopfputz, der künstliche Blumen und Reiherfedern trägt, Halsketten, Armbändern, Brustschmuck und einem Kris geschmückt. Diese auffällige Anpassung der beiden Geschlechter in ihrer Hochzeitskleidung soll ohne Zweifel die Gefahren des kritischen Zeitpunktes mildern.

Phot. W. Tams.
Abb. 358. Hochzeitsandenken und Betelbäume für Aufzüge.
Die vier unteren Stöcke werden jedem Gaste gereicht; sie bestehen aus bemalten Eiern, ähnlich unseren Ostereiern, Blumen und in Fähnchen, in die Tierformen eingeschnitten sind. Der Betelbaum in der Mitte wird bei Hochzeiten im Zuge getragen.

Phot. Cambridge Archaeolog. Museum.
Abb. 359. Geisterschwinge eines Zauberers.
Ihr Inhalt besteht in glückbringenden, aus Teig geformten Fischen, Hühnern, Katzen, Büffeln und Krabben, die den Geistern dargebracht werden.

Phot. Cambridge Archaeolog. Museum.
Abb. 360. Ein Geisterhäuschen,
wie es bei den Einführungsfesten der Jünglinge an der Ostküste verwendet wird. Man füllt das Häuschen mit den Gaben für die Gäste.

Phot. J. Scott-Mason.
Abb. 361. Hahnenkämpfe bei den Malaien.
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Phot. J. Scott-Mason.
Abb. 361. Hahnenkämpfe bei den Malaien.

Phot. Cambridge Archaeolog. Museum.
Abb. 362. Malaiischer Hochzeitsschmuck.
Die drei mittleren Stücke sollen „Betelblätterbäume“ vorstellen gemäß der alten Sitte von Selangor, Betelblätter beim Hochzeitszuge zu tragen. Die beiden äußeren Sträuße werden von Braut und Bräutigam getragen.

Phot. N. Annandale.
Abb. 363. Ein Götterschrein in einer Höhle auf den kleinen „Birdnest“-Inseln in der Inlandsee von Singora.
Die Tonfiguren sind zur Versöhnung der Götter dargebracht.
Nachdem die letzten Vorbereitungen getroffen sind, bricht die Partei des Bräutigams, nach älterem Brauch mit einer alten Frau an der Spitze unter lautem Trommelschlag, Gongbegleitung und Raketengeknatter nach dem Hause der Braut auf; in abgelegenen Teilen des Landes trägt noch ein Verwandter oder Diener den Bräutigam auf den Schultern, in den von der europäischen Kultur beleckten Gebieten zieht er in einem modernen Gefährt aus, am liebsten in einem Automobil. Früher war es üblich, daß der Bräutigam vor dem Hause der Braut so lange warten mußte, bis er den „Tribut an die Königin des Landes“, die Braut, gezahlt hatte; heute wird er ohne weiteres hineingelassen. Er wird in das Prunkzimmer geführt, das mit dem gestreiften „Regenbogen“, einem Wandbehang, und farbigen „Himmel“, einem Deckentuch ausgestattet ist, und hier von der Braut erwartet. Darauf setzt sich das Paar. Dies geschieht aber in aller Form und ist eine langweilige Sache, denn beide müssen ihre Knie ganz allmählich, ohne Unterbrechung, beugen, bis sie sitzen, ebenso langsam müssen sie sich wieder erheben, bis sie aufrecht stehen; dieser Vorgang wiederholt sich so lange, bis sich beide zu genau demselben Augenblick niederlassen. Wenn es ihm gelingt, soll sich der Bräutigam auf einen Teil des Brautkleides setzen, denn dadurch sichert er sich die wirkliche und nominelle Oberherrschaft im Hause. Sitzt nun endlich das Paar, dann tauscht es das vorschriftsmäßige Gelübde aus und bietet sich zu diesem Zwecke besonders zubereiteten Reis, „den Reis der königlichen Anwesenheit“, zu essen an. Er wird in einem achteckigen Behälter dargereicht (Abb. 358), der auch bunte Eier enthält und verzierte Wimpeln trägt, die hier die weißseidenen Hochzeitsschleifen vertreten; jeder Gast erhält hiervon ein Stück; falls man es ihm vorenthalten würde, hätte es früher daraufhin einen Kampf mit dem Kris gegeben. Der letzte Akt der Hochzeitsfeier besteht in dem Besprengen des Brautpaares, das mit vorgestreckten Händen dasitzt, mit Weihwasser. Fast allgemein üblich ist schließlich noch, daß ein Knoten in Form eines V von der Braut und dem Bräutigam gelöst wird — dieses Lösen ist ein Sinnbild der Vertreibung aller schädlichen Einflüsse —, und eine Schnur oder ein Gürtel aus regenbogenfarbigen Fäden siebenmal über die Köpfe und unter die Füße des jetzt verbundenen Paares geführt wird, um dann entweder vom Bräutigam entzweigerissen oder durchgebrannt zu werden; das verkohlte Ende wird sodann noch dem jungen Paare auf die Stirn gerieben. Zum Schluß wird die ganze Hochzeitsgesellschaft von den Jünglingen mittels Bambusspritzen durchnäßt. In Selangor war es früher üblich, Bäumchen aus Betelblättern im Hochzeitszug zu tragen, während Braut und Bräutigam Betelsträuße in der Hand hielten (Abb. 362).

Phot. N. Annandale.
Abb. 364. Ein Zauberer in Erwartung des Geistes,
der von ihm Besitz ergreifen soll.
Während die malaiischen Stämme sich im allgemeinen zu der Lehre des Islam bekennen, die allerdings auch bei ihnen vielfach noch mit Dämonenglauben durchsetzt ist, sind die Urwaldstämme Anhänger des Animismus und des Ahnendienstes. Für sie ist die ganze Natur von Geistern (Abb. 348, 360 und 363) angefüllt; die einen sitzen im Regen, andere in der Hitze, oder in den Bergen, Flüssen, Seen, in Tieren und so weiter. Gegen ihren bösen Einfluß sucht man sich mit Hilfe von Zauberern zu schützen (Abb. 359, 364 und 365). Im Gegensatz zu dieser religiösen Auffassung scheint die der Semang zu stehen. Dieser Stamm bekennt sich anscheinend zu einem höchsten Wesen namens Kari. Dieses ist von übernatürlicher Gestalt, besitzt feurigen Atem und hat alle Dinge mit Ausnahme des Menschen und der Erde erschaffen, jedoch dem ersteren, den auf sein Geheiß ein untergeordnetes Wesen, Ple genannt, schuf, die Seele eingegeben. Es sendet auch die Seelen, die alle auf einem großen Baume hinter seinem Throne sitzen, vermittels bestimmter Vögel in den Leib der schwangeren Mutter. Für den Kari existieren keine Bildnisse, Tempel oder sonstige Kultorte, auch keine Priesterschaft. Von einer äußerlichen Verehrung dieses Wesens weiß man nur das eine, daß die Semang bei einem Gewitter ihm Opfer in Gestalt einiger Blutstropfen darbringen, die sie sich aus der Gegend des Schienbeins entnehmen, und mit Wasser vermischt gen Himmel spritzen; sie hoffen dadurch Kari zu besänftigen.

Phot. Cambridge Archaeolog. Museum.
Abb. 365. Schwarze Zauberfiguren.
Will man einem Menschen etwas Böses zufügen, dann formt man von ihm eine Figur und durchbohrt mit einer Nadel den Körperteil, dem man an der lebenden Person Schaden zufügen will. Die Schirme und Kerzen finden bei der Zeremonie Anwendung.

Phot. N. Annandale.
Abb. 366. Schnurflechtwerk über einem malaiischen Grabe an der Ostküste (bei Singora).
Der Tod wird durch die Todesgeister herbeigeführt; diese besorgen dies aber nicht nach eigenem Wunsch, sondern auf Befehl des Kari. Wenn sie auf ihrer unsichtbaren Wanderung einen Menschen erblicken, der reif zum Sterben ist, so melden sie dies dem Ple, der seinerseits diese Mitteilung dem Kari weitergibt. Dieser trifft die Entscheidung; fällt sie zuungunsten des betreffenden Menschen aus, so senden die Todesgeister den Totenwind, der über den dem Sterben Geweihten hinwegweht. Hiergegen vermag aber kein Zauber zu helfen, wie gegen Krankheiten. Die Leichen werden im allgemeinen begraben, und zwar zusammengebunden in sitzender Stellung; bei einigen Stämmen wird das Grab mit einem kleinen Zaun von stachligen Blättern und Zweigen, seltener mit einem Flechtwerk aus Schnur (Abb. 366) umgeben. Auf das Grab selbst setzt man Speisen, neben ihm zündet man Feuer an. Die Zauberer der Pangan werden nicht begraben, sondern in den Zweigen eines Baumes beigesetzt, damit ihre Seele über den bösen Geist hinwegfliegen kann, der für gewöhnliche Menschen den Weg zum Paradies versperrt. Auch Menschen, die eines gewaltsamen Todes sterben, werden zwischen den Zweigen ausgesetzt (Abb. 368). Von einer Wiederherausnahme der Leichen oder Knochen, sowie von einer Verehrung der letzteren wird nichts berichtet. Die Semang geben den Verstorbenen ins Grab eine Bambusröhre mit, auf der die Häuptlinge bestimmte Zauberzeichen eingeschnitzt haben; mit diesen müssen jene bei dem Gericht vor Kari erscheinen und sie vorweisen. Nachdem Gericht abgehalten worden ist, gehen die guten Seelen nach dem Untergang der Sonne ins Paradies, die bösen aber können dorthin nicht gelangen, weil sie durch eigene Wächter davon abgehalten werden; sie müssen ins Fegefeuer, wo sie ein elendes Dasein zu führen haben. — Die buddhistischen Malaien setzen ihre Leichen der Luft aus (Abb. 367 u. 369) und verbrennen ihre Knochen, wenn sie verwest sind. Die Asche setzt man vor den Buddhabildern nieder (Abbild. 370).

Phot. N. Annandale.
Abb. 367. Malaiisches Begräbnis.
Die Leiche wird bis zur völligen Verwesung in einer luftdurchlässigen Kiste aufbewahrt.

Phot. N. Annandale.
Abb. 368. Eigentümlicher luftiger Sarg der Malaien
für solche, die eines gewaltsamen Todes gestorben sind.
Viel prunkvoller dagegen gestaltet sich ein Begräbnis mohammedanischer Malaien, wie man es tagtäglich beobachten kann. Der Leichnam wird in schöne Sarongs eingehüllt, die, wenn die Angehörigen es sich leisten können, reich mit Goldfäden bestickt sind, und über einer Matte auf eine Matratze gelegt; der Kopf ruht dabei auf fünf bis sechs Kissen; die Hände, zwischen deren Finger ein Dolch oder eine Betelnußschere als „Symbol des Eisens“ — wie man behauptet, soll das den Toten am Aufstehen hindern — geschoben ist, liegen über der Brust gefaltet. Eine Schale mit Weihwasser wird zu jeder Seite auf die Erde gestellt, und die gestreiften Behänge, die bei keiner malaiischen Festlichkeit fehlen dürfen, werden angebracht, so daß das Ganze auch hier sozusagen einen „königlichen“ Eindruck macht. Zu gleicher Zeit wird eine Leichenwache abgehalten, die so lange bleibt, als der Tote noch im Hause weilt; das Herdfeuer und die angezündeten Lampen müssen aber mindestens sieben Tage und ebensoviel Nächte nachher noch brennen. Der mohammedanische Priester wird geholt, und die Verwandten werden benachrichtigt. Jetzt wird der Tote mittels einer Anzahl malaiischer Schönheitsmittel gewaschen und bekommt die letzten „neun Spülungen“. Diese Zeremonie wird aus dem Grunde so genannt, weil das Wasser dreimal zur Linken, dreimal zur Rechten und dreimal vorn über die Leiche ausgeschüttet wird. Gleichzeitig wird dem Toten auch der Mund verstopft, damit nichts Unreines eindringen kann. Nachdem er in ein Leinentuch gewickelt ist, wird dieses mit den zu diesem Zwecke abgerissenen Ecken an fünf Stellen zusammengebunden; wohlriechende Essenzen, zerpflückte Blumen und Girlanden aus Blätterwerk, „Füße des Tausendfußes“ genannt, werden für den Leichenzug fertig gemacht. Nun wird der Tote in den Sarg gelegt, dieser auf die Bahre gesetzt und mit einem schwarzen Leichentuch bedeckt, auf das die „Tausendfüße“ gestreut werden. Da die malaiische Sitte ein Gefährt mit Rädern für die Überführung der Leiche verbietet, so wird der Sarg stets getragen; die Zahl der Träger richtet sich nach dem Range des Verstorbenen. Am Grabe angekommen, wird der Sarg in die Erde versenkt und die fünf Wickelbänder gelöst. Die Angehörigen reichen den Totengräbern in der Gruft Erdbälle, die sie geknetet haben; diese werden dem Toten unter die Nase gehalten, damit er daran „rieche“. Das Grab wird sodann ganz vorsichtig zugeschüttet, denn die Erde darf die Körperoberfläche nicht direkt treffen. Schließlich werden zwei rauhe Pfosten aus Holz (Abb. 371), runde bei einem Manne, flache bei einem Weibe, vorläufig eingeschlagen, und zwar einer am Kopfende, der andere in der Mitte (nicht am Fußende). Bei dem Begräbnis eines Sultans werden manchmal weiße Tuchstreifen verteilt; Weiß ist nämlich wie bei den Malaien seit undenklichen Zeiten die Farbe der Trauer. Weiß spielt im übrigen auch bei den religiösen Gebräuchen der Malaien eine große Rolle (Abb. 372), alle weißen Tiere sind heilig, und nach der allgemeinen Annahme fließt in den Adern ihrer Könige und Fürsten weißes Blut. Wenn möglich, leitet ein mohammedanischer Geistlicher die Totenfeier; er streut die duftenden Essenzen und die zerpflückten Blumen, die auf der Bahre lagen, über das Grab und richtet sodann an den Toten eine Ermahnung. Es besteht nämlich der Glaube, daß der Tote sich bei dieser Gelegenheit noch einmal ermannt und mit den Händen umhertastet, um zu erfahren, wo er sich befindet; entdeckt er an seinem Tuche, daß die Ecken fehlen, dann begreift er, daß er tot ist, und gibt sich zufrieden; er stützt sich darauf auf den Ellbogen und lauscht der Ermahnung; wenn sie zu Ende ist, sinkt er zurück und ist nun wirklich tot. Die ganze Versammlung, die bei der Zeremonie mit gekreuzten Beinen auf der Erde sitzt, spricht dem Priester hundertmal das bekannte Gebet nach: „Allah ist groß, es gibt keinen Gott außer Allah,“ zuerst langsam und dann allmählich immer schneller werdend bis zur hundertsten Wiederholung; schließlich sind die Worte nur noch ein Geschnatter. Die Feier endet mit einem Leichenschmaus. Die Nachbarn dehnen ihn drei Tage lang aus; dabei wird dem Toten der Koran jeden Abend vorgelesen. Am dritten, siebten, vierzehnten, vierzigsten und hundertsten Tage wird wieder geschmaust und schließlich ein bestimmter Tag im Jahre für ein Festessen zum Andenken der Ahnen festgesetzt. Die provisorisch eingeschlagenen Pfosten werden später durch dauernde ersetzt; außerdem werden vier Planken mit zugeschnittenen Enden um den Grabhügel gelegt, um ihm die richtige Lage zu erhalten. Diese fromme Pflicht erfordert wiederum die Veranstaltung eines Festes. Wegen der großen Kostspieligkeit, die mit den Begräbniszeremonien verknüpft ist, werden diese in den meisten Fällen sehr abgekürzt.

Phot. N. Annandale.
Abb. 369. Malaiisches Begräbnis.
Die Leichen werden in luftdurchlässigen Särgen der Verwesung überlassen. Die Skelettknochen werden dann in Reisbeuteln oder Matten für die Verbrennung gesammelt.

Abb. 370. Malaiisches Begräbnis.
Die Asche der verbrannten Knochen wird gesammelt und in kleinen Gefäßen oder Trommeln vor dem Buddhabildnis aufgestellt.

Abb. 371. Malaiische Moschee mit Friedhof.
Die runden Grabsteine bezeichnen Männer-, die flachen Frauengräber.

Phot. G. M. Laidlaw.
Abb. 372. Malaien vor dem Grab eines wundertätigen Heiligen,
vor dem sie ein Gelübde ablegen dadurch, daß sie einen Streifen weißes Tuch an einem Stock befestigen.

Phot. E. H. Man.
Abb. 373. Angehende Priester der Nikobaresen im Tragstuhl.
Andamanen und Nikobaren.
Die Andamanen und Nikobaren sind zwei im Bengalischen Golf zwischen Vorder- und Hinterindien gelegene Inselgruppen, die trotz ihrer räumlichen Nähe doch ganz verschiedene Menschen aufweisen. Beide stehen unter englisch-indischer, wenn auch eigener lokaler Verwaltung. In Port Blair auf den Andamanen befindet sich die Strafkolonie des indischen Königreichs, etwa sechzehntausend Menschen, die zu lebenslänglicher oder doch wenigstens langjähriger Haft auf diesem idyllisch schön gelegenen Stück Erde verurteilt sind.
Die Ureinwohner der Andamanen sind Negrito, Leute von sehr kleiner Statur (ein Meter achtundvierzig Zentimeter für die Männer) und dunkler Hautfarbe mit kurzem Kopf und spiralgelocktem Haar (Abb. 374 und 375), also Verwandte der Semang auf Malakka und der eigentlichen Negrito auf den Philippinen, die wie diese auf recht niederer Kulturstufe stehen. Hingegen sind die Bewohner der Nikobaren hochgewachsene, hellfarbige Menschen mit langem Schädel und langem, schlichtem Haar, die eine höhere Kultur bereits besitzen, wahrscheinlich von der südöstlichen Spitze des asiatischen Festlandes herstammen und den wilden Malaien verwandt sind. So verschieden wie die Bewohner der Andamanen und Nikobaren in ihrem Äußern sind, ebenso unterscheiden sie sich in ihren Gebräuchen und religiösen Ansichten.
Die Andamanesen kennen feste Wohnungen nicht; sie leben unter Laubdächern. Ihre Kleidung ist sehr primitiv und besteht aus einem Blätterschurz; vielfach gehen sie auch ganz nackt. Körperschmuck ist bei ihnen nur gering entwickelt. Beliebt ist Bemalung mit rotem Ocker, besonders unter den Weibern, die sich außerdem ihr Gesicht, bisweilen auch Arme, Beine und Rumpf mit breiten weißen Farbstreifen schmücken. Kokette Personen legen sich ein aus Pflanzenfasern geflochtenes schmales Band um die Hüften, an dem als Berlocke ein kleiner schöngeglätteter und gebleichter Fischknochen herabhängt. Auch Tatauierung kommt bei beiden Geschlechtern vor (Abb. 374). Es scheint, daß diese Muster, die durch kleine Einschnitte auf Brust und Rücken hervorgebracht werden, teils Kennzeichen der geschlechtlichen Reife, teils Stammesmarken abgeben. Die Waffen der Andamanesen sind Bogen und Pfeil, sowie Speere. Ihre soziale Einrichtung ist die Großfamilie; eine feste Organisation gibt es nicht. Die Erzeugung des Feuers ist ihnen merkwürdigerweise unbekannt, auch ihre Sprache besitzt keinerlei Bezeichnung, die dafür spricht, daß sie vormals sich auf die Feuerzubereitung verstanden hätten. Trotzdem verfügen sie heutzutage wohl über Feuer, aber es wird stets an schon vorhandenem angezündet. Dagegen sind die Andamanesen imstande, rohes Topfgeschirr anzufertigen und es auch bereits mit einfachen Mustern zu versehen. Ihre Nahrung sind die Erträge der Jagd und des Bodens. Bemerkenswert ist die Sitte, daß ein jeder, ganz gleich ob Mann oder Weib, irgendein Tier sein ganzes Leben lang von seiner Nahrung ausschließen muß; bei Übertretung dieser Vorschrift steht zu gewärtigen, daß sich dem Betreffenden die Haut abschält, er weiße Haare bekommt und so weiter. Bei der Auswahl der verbotenen Speise ist in den meisten Fällen die Behauptung der Mutter maßgebend, daß diese dem Kinde Verdauungsbeschwerden mache, in anderen Fällen wird irgendein Tier aus eigenem Antrieb erwählt, natürlich zumeist ein wenig schmackhaftes (Individualtotemismus).
Die Andamanesen stehen in geistiger Hinsicht auf der Stufe des Kindes. Nach den Schilderungen von Richard Temple sind sie gegen Fremde argwöhnisch, aber auch gastfrei, undankbar, nachäffend, eitel und unter dem Einfluß der Eitelkeit fleißig und ausdauernd, gelehrig, aber nur bis zu einer gewissen Grenze, die schnell erreicht wird, geistig leicht ermüdend, von kurzem, aber zähem Gedächtnis, geneigt für Spiel und Scherz; sie sind ferner sorglos und unbekümmert, waghalsig, aber nicht mutig, selbstsüchtig, aufbrausend, ganz unverantwortlich im Zorn, aber leicht auch zu besänftigen. Unter sich sind sie in der Regel liebevoll und freundlich, rücksichtsvoll gegen alte Leute, Schwache und Hilflose, gütig gegen ihre Frauen und Kinder und stolz auf die letzteren, die sie häufig verwöhnen. Werden sie aber gereizt, dann werden sie grausam, neidisch, verräterisch und rachsüchtig.

Phot. E. H. Man.
Abb. 374. Andamanese mit Schmucknarben,
die von Frauen an beiden Geschlechtern zwischen acht und achtzehn Jahren angebracht werden. Sie bestehen aus einer Reihe von Einschnitten, die mit einem Glasscherben erzeugt werden.

Phot. Lady Eadley-Wilmot.
Abb. 375. Trauernde Andamanesen,
die ihren Körper mit olivgrünem Lehm beschmieren und ihn dann mit gelbem Ocker bemalen. Im Vordergrunde in der Mitte eine trauernde Mutter mit senkrechter Streifenbemalung, links von ihr eine trauernde Gattin mit dem Schädel des Verstorbenen auf dem Rücken.
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Soziale Empfindungen werden im allgemeinen nicht in Worte gekleidet. Kommt man zusammen, dann starrt man sich eine Zeitlang schweigend an, bis der Jüngere das Schweigen mit einer alltäglichen Bemerkung bricht. Dann erst erfolgt eifriges Erzählen von Neuigkeiten; diesen zuzuhören bereitet dem Andamanesen ein großes Vergnügen. Wenn hingegen Verwandte zusammenkommen, dann setzt sich einer dem anderen auf den Schoß (Abb. 376); sie schmiegen sich fest aneinander an, weinen laut und gebärden sich überschwenglich; nach einer langen Trennung dauert dieses Verhalten unter Umständen stundenlang. Beim Abschied reicht man sich die Hand, pustet darauf und tauscht Abschiedsworte aus.

Phot. Heywood Seton-Karr.
Abb. 376. Gegenseitige Begrüßung der Andamanesen nach langer Abwesenheit.

Phot. A. R. Brown.
Abb. 377. Eheschließung der Andamanesen.
Die Andamanesen bekunden eine kindliche Vorliebe für Spiele; sie kennen ein einheimisches Blindekuhspiel, Bockspringen und ein Versteckspiel. Scheinjagden auf Tiere, Scheinbegräbnisse und Geistersuchen sind ihr Lieblingssport; sie veranstalten auch gern Wettspiele beim Schwimmen, Werfen, Schaukeln, Bogenschießen und Ringkampf. Die Beschaffung der Nahrung ist natürlich ihre Hauptbeschäftigung; dann kommt aber sogleich der regelmäßige Abend- oder Nachttanz, eine seltsame, eintönige Aufführung, bei der die Füße rhythmisch auf einem besonderen Schallbrett (einem schildartig ausgehöhlten Stück Holz, das auf einem Querholz ruht) aufschlagen, ein oder mehrere Lieder aus dem Stegreif gesungen und die Hände in gleichmäßigem Takte auf die Lenden geklatscht werden. Dieser Tanz findet jeden Abend statt, sofern sich nur genügend Teilnehmer zusammenfinden; er wird stundenlang, bei besonderen Gelegenheiten auch die ganze Nacht lang ausgedehnt. Beide Geschlechter tanzen die ihnen zugewiesenen Rollen. Diese Vergnügungen und die Schildkrötenjagd sind die einzigen Beschäftigungen, die den Andamanesen die ganze Nacht hindurch wachzuhalten vermögen.

Phot. A. R. Brown.
Abb. 378. Eine andamanesische Mutter,
die ebenso wie ihr Kind am Kopfe geschoren ist.
Die Religion der Andamanesen besteht in der einfachsten Form des Animismus, das heißt sie beschränkt sich auf eine unbestimmte Furcht vor den Geistern der Ahnen und den bösen Geistern des Waldes, der See und der Krankheit; sie ist darauf bedacht, Handlungen zu vermeiden, die für diese unangenehm sind. Außerdem kennen sie eine Art höchsten Wesens, den Sturmgott, Puluga genannt, der früher auf der Erde auf dem höchsten Berge der Andamanen lebte, jetzt aber im Himmel in einem großen Hause wohnt. Er hat die ganze Welt und alle Dinge geschaffen, ausgenommen die bösen Kräfte. Daher besitzt er auch über diese keine Macht; er begnügt sich damit, ihnen seine Beleidiger anzugeben. Puluga hat auch eine Frau, die er sich selbst schuf, und viele Kinder, die sich im Verein mit der Mutter damit vergnügen, von Zeit zu Zeit Fische und Krabben in die Flüsse und in das Meer für die Bewohner der Erde zu werfen. Verehrung oder Gottesdienst kommt bei den Andamanesen in keinerlei Form vor. Man braucht sich gar nicht weiter um die höchste Gottheit zu kümmern, darf nur das nicht tun, wodurch sie veranlaßt werden könnte, den Ertrag des Dschungels zu schädigen. Jedoch kennen sie einige Maßregeln, um sich vor Unglück zu schützen. So tragen sie stets Feuer bei sich, um den Waldgeist zu verscheuchen, sie werfen explodierende Blätter ins Feuer und verbrennen Bienenwachs, um den Sturmgeist fernzuhalten, sie schwirren mit dem Bogen und machen sich dabei lustig über den Mond bei einer Finsternis und ähnliches mehr. Die Andamanesen glauben stark an Träume, die oft genug ihr späteres Benehmen beeinflussen, auch an die Aussprüche weiser Männer, von solchen, die prophetische Träume haben, mit einem zweiten Gesicht begabt sind und die Macht besitzen, mit Geistern zu verkehren, oder imstande sind, Glück und Unglück herbeizuführen. Solche Leute betreiben eine primitive Zauber- und Hexenkunst und ziehen dabei für sich Nutzen aus den Dingen, die sie zu diesem Zweck mit Tabu belegen. Der Andamanese hat eine bestimmte Vorstellung über die Seele, die er von seinem Spiegelbild im Wasser, nicht von seinem Schatten herleitet. Sie wandert nach dem Tode in eine andere Dschungelwelt und lebt dort, wie sie hier auf Erden gelebt hat; hin und wieder besucht sie die Erde und bekundet eine deutliche Neigung, in andere Wesen einzugehen. Demnach hat jedes empfangene Kind schon vorher ein Dasein geführt. Auch Tieren und im besonderen Vögeln werden menschliche Eigenschaften beigelegt. Gefangene, die von den Andamanesen ermordet worden waren, fand man mit schweren Steinen bedeckt, um die Vögel zu warnen, daß sie den Engländern nicht verrieten, was vorgefallen war, und wohin sich die Mörder begeben hatten. Die Andamanesen besitzen eine Unmasse Märchen, an deren Wirklichkeit sie glauben; in ihnen spielt die Verwandlung von Menschen in Tiere, Vögel, Fische, Steine und andere Gegenstände eine große Rolle; daher erblicken sie in den wichtigsten Tieren ihrer Fauna die tierischen Formen ihrer Ahnen.

Phot. E. H. Man.
Abb. 379. Pfahlbaudorf der Nikobaresen zu Camorta Harbour.
Die großen Gebäude sind Wohnhäuser, die kleineren mit geradem Dach Küchenhäuser. Die Stangen zur Linken sind zum Schutze gegen die bösen Geister aufgestellt.
Das Kind erhält bereits vor der Geburt seinen Namen, der beim männlichen Geschlecht allerdings meist bei Eintritt der Mannbarkeit, bei der Hochzeit und im höheren Alter einen Wechsel oder eine Abänderung erfährt. Heißt ein Knabe zum Beispiel Hira, so wird dieser Name bei der Reife in Guma-hira, bei der Hochzeit in Maya-hira und im Alter in Maya-jangi-hira umgeändert. Hübsch ist die Sitte, ein Mädchen bei der zweiten Namensgebung nach einem von sechzehn auserwählten Bäumchen zu benennen, das gerade um die Zeit, in der es das Reifealter erreicht, blüht. Am Morgen nach der Geburt wird dem Kinde das Kopfhaar geschoren; würde dies sofort geschehen, dann könnte das Kind sterben. Auch an der Mutter wird dieses Verfahren, wenn auch nur teilweise, vorgenommen (Abb. 378). Bald nach der Geburt formt der Vater dem Kinde den Kopf, indem er mit angewärmten Händen ihn von allen Seiten zusammendrückt; in gleicher Weise verfährt er mit den übrigen Körperknochen. — Merkwürdig ist der Brauch, daß innerhalb des Stammes einer die Kinder des anderen annimmt; Kinder, die nach dem sechsten oder siebenten geboren werden, leben daher selten bei ihren Eltern. Haben die Knaben und Mädchen die Zeit der Reife erreicht, so finden bestimmte Einweihungsfeierlichkeiten statt. Nachdem sie Jahre hindurch bestimmten Speiseverboten (Enthalten des Genusses von Schildkröten, Schweinen, bestimmten Fischen, Honig und so weiter) sich unterworfen haben, werden diese Verbote durch besondere Feiern gruppenweise wieder aufgehoben. Eine zeitweise Absonderung der Novizen findet aber nicht statt, und beide Geschlechter dürfen an den Feierlichkeiten teilnehmen.

Phot. E. H. Man.
Abb. 380. Ringkampf der Nikobaresen,
der bei ihnen sehr beliebt ist. Dieser Kampf wird an den Geisterpfosten am Landungsplatze des Dorfes abgehalten. Auch die Vorliebe dieses Volkes für europäische Kleidung zeigt sich in diesem Bilde. Der rechts außen stehende Eingeborene trägt nichts als einen steifen Hut, neben ihm steht ein birmanischer Händler, der übernächste trägt außer dem Tropenhelm nur ein Hemd usw.
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Phot. E. H. Man.
Abb. 381. Modelle der Nikobaresen von Häusern, Kanus, Lärmgeräten, um die Geister zu erschrecken,
wozu die Brettchen in der Mitte mit eingeschnittenen tanzenden Männern und Frauen und die Figuren unmittelbar darüber dienen. Die drei Kopfbedeckungen daneben werden in der Nacht vor dem großen Erinnerungsfest an die Verstorbenen den ausgegrabenen weiblichen Schädeln aufgesetzt.
Die Heirat wird durch die Eltern oder Verwandten zustande gebracht; auch kleine Kinder werden bereits miteinander verlobt und müssen, wenn sie das heiratsfähige Alter erreicht haben, diese Vereinbarung erfüllen. Die Ehe der Andamanesen ist die Einehe. Auch Leviratsehe besteht, das heißt die Pflicht für den unverheirateten jüngeren Bruder, die Witwe des verstorbenen Bruders oder für einen kinderlosen Witwer, die jüngere Schwester seiner verstorbenen Frau zu heiraten, vorausgesetzt, daß kein zu großer Altersunterschied besteht. — Der Hochzeitsritus ist ein ganz einfacher und besteht nur darin, daß an einem Morgen in Gegenwart des Häuptlings und derer, die es angeht, der Bräutigam seine Beine über die der Braut legt (Abb. 377), und daß man zum Zeichen der vollzogenen Ehe Fackeln um sie anzündet. Trotz dieser gewiß einfach zu nennenden Zeremonie, der jede religiöse Bedeutung abgeht, bleibt die Ehe doch eine feste; eine Scheidung kommt selten vor, niemals aber nach der Geburt eines Kindes. Ebenso ist Polygamie oder Blutschande ausgeschlossen. Auf Untreue ruht Todesstrafe für beide schuldigen Teile, obgleich geschlechtlicher Verkehr schon vor der Hochzeit die Regel ist.
Mehr Bedeutung als den übrigen Ereignissen des Lebens legt man der Bestattung der Toten bei. Kleine Kinder werden nur einfach unter dem Fußboden der elterlichen Hütte begraben, dagegen die Erwachsenen entweder in einer flachen Gruft beigesetzt, oder, was als eine besondere Ehre gilt, zu einem Bündel zusammengebunden, auf eine Plattform oder in die Zweige eines Baumes gelegt. Kränze aus Rohrblättern werden sichtbar um den Platz herum aufgehängt, der ungefähr drei Monate lang vereinsamt bleibt. Merkwürdig ist, daß dieses alles ohne irgendwelches Weinen oder Wehklagen vor sich geht. Nach Ablauf dieser Zeit werden die Knochen des Verstorbenen ausgegraben, gewaschen, zerbrochen und an die Bekannten verteilt, auch zu Schmuck verarbeitet; man legt ihnen großen Wert bei, einmal als Andenken an den Toten und zum anderen als Linderungsmittel bei Schmerzen wie überhaupt als Heilmittel bei Krankheiten; es genügt, sie einfach auf die erkrankte Körperstelle zu legen. Der Schädel erfährt meistens eine besondere Ehrung. Der nächste Angehörige pflegt ihn mit roter Farbe bemalt und mit Fransen aus Holzfasern verziert, vom Halse herab das ganze Leben lang auf dem Rücken oder auf der Brust zu tragen (Abb. 375). Die Trauer selbst besteht darin, daß man sich den Kopf mit grüngrauem Lehm beschmiert und den übrigen Körper mit gelbem Ocker bemalt — die Eltern schmücken sich mit senkrechten Streifen —, sowie das Tanzen einstellt.

Phot. E. H. Man.
Abb. 382. Opfer an die bösen Geister in Gestalt von Früchten,
dargebracht von den Angehörigen eines Toten, um sie bei guter Laune zu erhalten.
Die Nikobaresen, die bereits bei ihrer Einwanderung die Eigenschaften der Kontinentalvölker, denen sie angehörten, mitbrachten, aber diese frühere Halbkultur wegen der isolierten Lage ihrer neuen Heimat unverändert beibehielten, sind ein intelligentes Volk, das sich mit Leichtigkeit fremde Sprachen aneignet und sehr bewandert ist im Handel mit ihrem Hauptausfuhrartikel, den Erzeugnissen der Kokospalme. Der Wunsch, fremde Sprachen, Kleidung und Manieren nachzuahmen, und die erfrischende Naivität, die dabei zum Ausdruck kommt, lassen sie dem Fremden gegenüber als ein äußerst amüsantes Volk erscheinen (Abb. 380). Wie ihre Stammesgenossen auf dem Festlande leben sie ebenfalls in festen Wohnungen, die für gewöhnlich auf Pfählen, entweder direkt auf dem trockenen Lande oder an Hintergewässern oder an sonstigen geeigneten, vor hohem Seegang geschützten Stellen gruppenweise (Dörfer) errichtet sind (Abb. 379). Die Nikobaresen waren früher Strand- und Seeräuber, bis die indische Regierung diesem Unfug Einhalt tat; sonst sind sie nach der Schilderung von Temple ein ruhiges, friedliebendes, gegen Kinder, alte Leute und Frauen gütiges Völkchen. Ihre Verwaltung ist ganz demokratisch und liegt in den Händen eines Häuptlings; dabei halten sie streng an den althergebrachten Gewohnheiten fest.
Die Stellung der Frau ist bei den Nikobaresen eine verhältnismäßig hohe; sie ist hier nicht mehr die Sklavin des Mannes, sondern genießt volle Freiheit. Das mag zum Teil daher rühren, daß Mädchengeburten auf diesen Inseln relativ spärlich sind und daher mehr Nachfrage nach weiblichen Wesen herrscht. Ein Mädchen hat auch das Recht, einen ihr unangenehmen Freier zurückzuweisen. Bei der Hochzeit bekommt die Braut eine Aussteuer an Schweinen, Kokos- und Pandanusbäumen mit. Der Ehemann siedelt merkwürdigerweise in das Haus seiner jungen Frau über, nicht umgekehrt. — Kommt die Nikobaresin in andere Umstände, dann wird sie und ihr Gatte von allen Arbeiten befreit. Wo sie beide hinkommen, werden sie freudig aufgenommen, und ihnen zu Ehren wird das beste Schwein geschlachtet. Für gewöhnlich verlangt man dann von der Schwangeren auch, daß sie Samenkörner in die Erde lege, weil man sich von dieser Saat eine besondere Fruchtbarkeit verspricht. — Da hochgradige Schädelabflachung auch unter diesen Insulanern für schön gilt, ist es allgemeiner Brauch, daß die Mütter ihren Kindern sogleich von der Geburt an den Kopf in eine bestimmte Form bringen, indem sie ihn mit angefeuchteten Händen jeden Tag mehrere Stunden lang sanft zusammendrücken.

Phot. E. H. Man.
Abb. 383. Kleines Boot, in das der Priester einen Geist gebannt hat und in dem dieser stromab treibt.

Phot. A. R. Brown.
Abb. 384. Tanz beim Friedensschluß.
⇒ GRÖSSERES BILD
Da die Nikobaresen in einem für ihre Lebensweise und ihre Anforderungen an Behaglichkeit wirklichen Lande des Überflusses leben, so bleibt ihnen naturgemäß viel freie Zeit übrig, die sie zum großen Teil, man kann fast sagen, gänzlich auf religiöse Zeremonien und das Verfertigen der dafür nötigen Gegenstände (Abb. 381) verwenden. Die Zeremonien beruhen sämtlich auf einer alles beherrschenden Angst vor Geistern und Gespenstern und auf der daraus folgenden Notwendigkeit, diese zu verscheuchen und zu bannen. Dieser Gedanke liegt jedweder Zeremonie zugrunde, ob sie geselliger oder anderer Natur ist; er füllt einen großen Teil ihres Lebens aus, besonders des Nachts. Ein Ausfluß dieses Aberglaubens ist auch die feierliche Hinrichtung der Übeltäter, die sich schwerer Vergehen gegen die Gemeinde, wie Mord, Gewohnheitsdiebstahl und öffentliches Ärgernis zuschulden kommen ließen; da in ihren Augen der Teufel von ihnen Besitz ergriffen hat, so werden sie in aller Form mit großer Grausamkeit getötet. Hexen und Hexenentdecker gibt es natürlich im Überfluß, da jedes Unglück und jede Krankheit einer Hexe oder einem Geist zugeschrieben werden. Das alleinige Heilmittel dafür bleibt dann stets die Austreibung, die entweder privatim oder von einem Heilpriester vorgenommen wird. Letzterer, übrigens ein Typus, wie er unter vielen halbkultivierten Volksstämmen angetroffen wird, erscheint hier in interessanter Abwechslung in der Gestalt des Mafai, das heißt „eines Menschen, der priesterlichen Unterricht erhält“ (= Adepten). Ein jeder, der sich dazu berufen fühlt, kann es zu einem solchen Mafai bringen, deswegen braucht er schließlich doch noch nicht ein vollkommener Priester zu werden. Dieser priesterliche „Student“ führt ein behagliches, müßiges Leben, denn seine Bediensteten besorgen alles; er wird in einer Art Feldstuhl von einem Ort zum anderen getragen (Abb. 373).
Aus der Fülle abergläubischer Gebräuche der Nikobaresen wollen wir uns darauf beschränken, eine wenige hier herauszugreifen. Die Familie und ihre Freunde halten mit Hilfe des Priesters einige allgemeine Geisterbeschwörungen in der Form eines Geisterfestes ab. Die Männer sitzen dabei umher, rauchen und trinken, die Weiber schleppen an Hausvorrat Lebensmittel, Geräte, Waffen und allerlei sonstigen Kram herbei; letzterer wird, nachdem man tüchtig geheult hat, zerbrochen und vors Haus geworfen. Dann wird ein besonders gemästetes, großes Schwein im ganzen gebraten und unter die Vorfahren und die Anwesenden, hauptsächlich aber unter letztere, verteilt. Dadurch sollen die Geister besänftigt werden (Abb. 382). Der Priester, der inzwischen vom Trinken und seiner Geheimniskrämerei in Verzückung geraten ist, beginnt jetzt sein Geschäft; er ist ganz mit Öl eingerieben und im Gesicht rot bemalt. Er singt klagend mit tiefer Baßstimme, eilt umher, um den Geist des Unheils zu fangen, zu beschwatzen, auszuschelten und zu schmähen, die Frauen begleiten sein Getue mit fürchterlichem Geheul, so lange, bis nach einem Kampf der Geist angeblich ergriffen, in ein kleines, verziertes Modellboot gesteckt und weit in die See hinausgetrieben wird (Abb. 383). Da man sich nun vor dem bösen Geist sicher glaubt, setzt die Belustigung ein, bis spät in die Nacht dauern Essen, Trinken, Singen und Tanzen an. Sollte das Boot etwa in einem anderen Dorf landen und dort sich festsetzen, dann greifen dessen Bewohner die Beleidiger mit kurzen, dicken Stöcken nach alter Sitte an, bis ein paar Köpfe oder Gliedmaßen verletzt sind. Erst dann wird der Friede erklärt, der manchmal unter sonderbaren Zeremonien geschlossen wird. Die Männer, die den letzten Angriff unternommen haben, errichten eine Wand aus Grasfasern und stellen sich vor sie hin, während die Weiber auf dem Boden vor ihr Platz nehmen und im Takte mit ihren Händen die Schenkel schlagen (Abb. 384). Die Männer der Gegenpartei tanzen dann vor ihnen; jeder Tänzer legt seine Arme auf die Schulter eines der stehenden Männer und springt mit ihm unter tüchtigem Schütteln auf und ab. Nach dem Tanze weinen beide Teile und tauschen ihre Waffen untereinander aus. Hieran schließt sich noch ein Fest, bei dem die Angreifer als Gäste des fremden Dorfes einen oder zwei Tage bleiben.
Das Leben der Nikobaresen ist von zahlreichen Tabu durchsetzt, die ihnen manchmal wirklich recht unbequem werden. Die sonderbarsten derartigen Verbote dürften diejenigen sein, die die Sprache und Nomenklatur der Leute beeinflussen. Ein jeder Mensch hat das Recht, sich ein beliebiges Wort aus der Landessprache, sei es noch so wesentlich oder ganz allgemein, als Name anzueignen; stirbt er aber, dann wird dieses Wort für etwa eine ganze Generation mit Tabu belegt, aus Furcht, man könnte, wenn man es ausspräche, den Geist herbeirufen. Einen noch augenfälligeren Beweis dafür, wie stark der Aberglaube häusliche Gepflogenheiten beeinflußt, können wir in der Gewohnheit erblicken, im Hauseingang Schreckbilder der Geister aufzuhängen; es sind dies manchmal lebensgroße Figuren menschlicher Wesen, die oft mit Speeren bewaffnet sind, manchmal auch mythische Tiere, mit Fischen, Krokodilen, Vögeln und Schweinen als Unterlage und bildliche Darstellungen aller möglichen Dinge in bunten Farben auf flache Arekablattscheiden gemalt. Auch draußen vor dem Hause befinden sich ähnliche Geisterscheuchen.
Die Begräbnisfeierlichkeiten der Nikobaresen sind zahlreich und ziehen sich sehr in die Länge; sie verfolgen lediglich den Zweck, die Geister in Furcht zu versetzen, an anderen Orten auch, um den Geist bei guter Laune zu erhalten und die Lebenden vor seinem Zorn zu schützen. Ein Todesfall bringt viel Unkosten mit sich, die die Eingeborenen aber gern auf sich nehmen, falls nur der Geist dadurch beschwichtigt wird. Die Leichen werden zwischen Sonnenuntergang und Tagesanbruch begraben, damit die Schatten der Trauergesellschaft nicht in die Gräber fallen und mit dem Toten begraben werden; denn der Schatten des Nikobaresen ist das sichtbare Zeichen seines Geistes, vielfach feiert man daher noch ganz besonders „das Speisen der Schatten“. Der Geist des Verstorbenen gilt für um so gefährlicher, je kürzere Zeit seit dem Tode vergangen ist; darum hält man an manchen Stellen recht bald ein Fest ab, bei dem die Toten wieder ausgegraben, die Knochen gesäubert und nochmals in der Erde beigesetzt werden. An manchen Orten nimmt diese Sitte die Form einer gemeinsamen alljährlich wiederkehrenden Ausgrabung aller kürzlich Verstorbenen an, die mit großer Feierlichkeit einhergeht; die Knochen werden sodann in einem Beinhause untereinander gemischt; die Geister können nun keinen Schaden mehr anrichten. In noch anderen Dörfern legt man die Leichen in ein Halbkanu, das zu diesem Zwecke in der Mitte durchgeschnitten wurde, und stellt dieses in die Gabelung zweier Pfosten ins Dschungel, bis der Körper herausfällt und das Fleisch von den Schweinen verzehrt wird. Ab und zu finden die Gebeine dieser Leichen unter großem Gepränge ebenfalls Aufnahme in einem gemeinsamen Beinhause. Und in noch anderen Orten gibt es neben dem Begräbnisplatze besondere Sterbehäuser, in die man sich zurückzieht, wenn es ans Sterben geht (Abb. 385).

Phot. E. H. Man.
Abb. 385. Begräbnisplatz mit Grabpfosten und Sterbehaus auf den Nikobaren.

Phot. R. Lenz.
Abb. 386. Begräbniswagen mit der Leiche des letzten verstorbenen Königs.
Hinterindien.
Hinterindien, der zwischen dem Bengalischen Meerbusen und der chinesischen Südsee liegende Abschnitt des südöstlichen asiatischen Festlandes (abgesehen von der malaiischen Halbinsel) zerfiel vor dem Eingreifen der Engländer und Franzosen in mehrere Staaten: Birma, Siam, Annam, Tonking, Kotschinchina und Kambodscha. Mit Ausnahme von Siam, das ein eigenes, selbständiges Reich geblieben ist, haben alle andern die europäische Oberherrschaft anerkannt, jedoch hat sich in ihnen eine herrschende Oberschicht erhalten, die wir als Birmanen, Siamesen, Annamiten und so weiter bezeichnen. In ihrem Äußeren machen diese Völker einen ziemlich einheitlichen Eindruck; ihr Rassenverhältnis ist im übrigen aber noch nicht aufgeklärt. Es scheint jedoch so viel festzustehen, daß sich zu einer bodenständigen Urbevölkerung, die wahrscheinlich der indoaustralischen Grundrasse angehörte, also den Senoi, Kubu, Toala und so weiter verwandt war, im Laufe der Zeiten von Westen her sich nordindische (Tibet) und von Norden her chinesische Elemente hinzugesellten, die teils die einheimische Bevölkerung allmählich aufsogen, teils in die unzugänglichen Landesteile verdrängten. Die aus diesem Mischungsprozeß, an dem übrigens auch die Malaien Anteil nahmen, hervorgegangene Bevölkerung bezeichnet man als Thaivölker (= freie Männer). Diese Thai haben sich wieder in vier große Stämme gegliedert, in die Thosmuong im Nordosten (Tonking und Annam), die Schan mit den Khamti, Sing-po und Katschin im Nordwesten (Oberbirma), die Laotier im Südosten (Französisch-Laos) und die Siamesen im Südwesten (Siam).
In kultureller Hinsicht stehen die Thaivölker den Chinesen und Tibetern näher, in gesellschaftlicher aber schließen sie sich mehr an die Malaien an. Im allgemeinen sind die Kulturverhältnisse Hinterindiens recht verschiedene. Die in die Berge zurückgedrängten Stämme haben zumeist ihren ursprünglichen Zustand noch bewahrt, hingegen die genannten herrschenden Stämme der fruchtbaren Ebenen sich eine gewisse Halbkultur angeeignet, die teils indischem, teils chinesischem Einflusse ihre Entstehung verdankt. Überreste der ersteren sind die großartigen zahlreichen, von Birma bis nach Kotschinchina hin vorkommenden Tempelruinen, die mit ihren reichen Skulpturen und Sanskritinschriften von der ehemaligen Herrschaft des Brahmanentums Zeugnis ablegen; es sei unter anderem nur an die prächtigen Tempelreste von Angkor-Wat (erbaut 825 vor Christi) und Nakhon-Thom erinnert. Beschäftigen wir uns nunmehr mit den Sitten und Gebräuchen in den einzelnen Ländern Hinterindiens.
Siam.
Über die Abstammung der Siamesen haben wir uns im vorstehenden bereits ausgelassen. Ihr Äußeres wird gekennzeichnet durch eine mittelgroße Gestalt, olivbraune Hautfarbe, schwarzes glattes Haar, auffallend kurzen Kopf, rautenförmiges Gesicht, vorstehende Backenknochen, große Augen, flache, kurze Nase, aufgeworfene Lippen und kurzes Kinn. Dieser im allgemeinen unangenehme Eindruck wird beim männlichen Geschlecht noch durch die unschöne Haartracht (kurz abgeschnittene, bürstenartig hochstehende Haare) und die schwarz gefärbten Zähne verstärkt. Die Frauen dagegen tragen das Kopfhaar lang und halten sich ihre Zähne mehr oder weniger weiß. Wie alle Malaien wohnen die Siamesen meistens auch in Pfahlbauten. Auf den großen Flüssen bringen sie ihr Leben vielfach direkt auf Booten zu, so daß sozusagen schwimmende Dörfer hier entstehen (Abb. 389).

Phot. Gebr. Haeckel.
Abb. 387. Siamesisches Mädchen.
Die Nationaltracht der Männer ist der Panung, ein etwa ein Meter breites und zweieinhalb Meter langes Stück Tuch, das mit seiner Mitte um den Körper gelegt und vorn so befestigt wird, daß die beiden Enden herunterhängen, die dann wie ein Strick gedreht, zwischen den Beinen durchgeführt, hinten hochgehoben und in der Taille mitten auf dem Rücken zusammengerafft werden. Sieht man einen so bekleideten Mann von vorn, so hat man den Eindruck, als ob er in Kniehosen einherginge. Früher pflegten die Frauen ebenfalls mit einem Panung sich zu bekleiden, der als Rock eingerichtet war, und trugen dazu noch eine von der Schulter herabhängende kleine, die Brust bedeckende Schärpe (Abb. 387). Heutzutage wird dagegen noch eine Jacke und eine reich bestickte europäische Bluse getragen; Damen der besseren Gesellschaft gehen indessen vollständig nach der neuesten abendländischen Mode angezogen. Auch die Männer in den Städten tragen meistens unter dem Panung weiße Drillichhosen nach europäischem Schnitt, baumwollene Strümpfe, und Schuhe, die Beamten sämtlich Uniform. Kleine Kinder dagegen gehen für gewöhnlich nackt einher, wenn man nicht gerade eine herzförmige Scheibe aus Gold oder Silber, die die kleinen Mädchen umgehängt erhalten, als Kleidungsstück ansehen will. Auf dem Lande aber herrscht noch die alte Mode vor. Die Laosfrauen tragen noch heute einen Rock, die Männer einen Gürtel über dem Panung. Eine alte Bestimmung schreibt eine gewisse Farbe für die einzelnen Wochentage vor, für Sonntag rosa, für Montag silbergrau, Dienstag rot, Mittwoch grün, Donnerstag verschieden, Freitag hellblau, Sonnabend dunkelblau. — Die Karenfrauen pflegen ihre Gewänder mit hübschen Stickereien zu verzieren (Abb. 391).