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Die Schwägerinnen. Zweiter Theil

Die Schwägerinnen. (continued 3)

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Deine –«

Josephine vernahm, daß ein Eilbote ihr nachgeschickt würde. Sie mußte sich losreißen. Ein Fädchen aus dem Blondengewirk ihres Schleiers blieb an dem Gefieder der Schreibfeder hangen, und ein kleiner Dintenfleck an ihrem Finger.

Josephine wie ihre Pflegemutter sprachen wenig auf dem Wege nach Bühle. Fabia saß still in sich gekehrt, trübsinnig starrte Jene in die Ferne. Als aber jetzt der englische Garten sichtbar ward, und hinter dem Immergrün seiner Gehölze, vermischt mit der zarten Frische lebendiger Knospen, das graue, todte Schloß, eine verstorbene Einöde von Stein – als sie jetzt bei dem Postamente vorüber fuhren, worunter der todte Hund begraben liegt: da erblickte Josephine den stummen Wächter mit keinem minderen Schauer als eine abgeschiedene Seele der Vorwelt den Cerberus, und als sey dies festgehaltene flüchtige Bild nur allein ein Symbol ewiger Ruhe, und dies der Eingang in das stille Reich der Schatten.

Das eintönige Geräusch des Brunnens, auch nicht um den leisesten Tonfall eines Tropfens anders als sonst, weckte in Fabien bittere Gefühle der Vergangenheit. Dort war die Wohnung, in der ihr Mann gelitten und aufgehört zu leben – es däuchte seiner Wittwe, als ob das Lüftchen, welches die spielenden Wellen der Wasserkufe kräuselte, ihr seine letzten Seufzer zuwehete. Blüthenbäume streuten ihren Schmuck vor die Schwelle, über die Kummer und Gram mit ihm eingezogen waren, um nur den Todten zu entlassen –; und diese Gleichgültigkeit der Natur, welcher der Mensch unwillkürlich Theilnahme abverlangt, diese Wiederkehr ihrer unschuldigen Freuden, an dieselbe Stätte, wo die Schuld, eigene oder fremde, unsre besten hinweggenommen für immer – schärfte die Empfindung, womit Fabia sich jener Zeit bewußt ward, und des wichtigen Moments, der ihr jetzt bevorstand.

Um das Schloßgebäude schwebte die Stille der Einsamkeit und der Ehrfurcht vor dem Range, wie vor dem kranken Geiste seiner dermaligen Bewohner. Der Zustand des Grafen war bekannt, und seine Tochter galt kaum weniger leidend an Gemüth.

Das Unglück, wie mächtig es auch sey, hat stets eine kleine Hofhaltung. Nur ein einziger Bedienter stand, nicht unähnlich einer Statue seines Standes, an einer Säule des Flurs, harrend, wie es schien. Die Zeit hatte angemessen der altväterlichen Livree seinen Scheitel mit Puder bestreut, und mehr noch als diese greise Mode, gab ihm eine Miene unbewußter Geringschätzung gegen diese Etiquette adeliger Größe, und ein Zug von Schweigen in seinem erfahrungsvollen Gesicht ein ehrwürdiges Ansehen. Auf ihre Frage erhielt Fabia zur Antwort von ihm, daß sie erwartet würde – und Josephinens Blick hing dabei so ängstlich an den goldbesponnenen Knöpfen seines Rockes, als ob sie eine nahe wichtige Entscheidung davon abzählen wolle. Noch fragte Fabia, die niemals sicher genug gehen konnte: die Herrschaft sey doch – allein? – Der Bediente, ein alter Bekannter von ihr, lächelte nur; die Tochter des Oberverwalters von Bonna mußte fremd geworden seyn, dem Andenken der Lebensweise des Majoratsherrn. Er sagte mit schwermüthigem Scherz: »es ist zwar heute großer Galatag; aber diese hohen Gäste lassen Raum und Ruhe, und die Frau Rentmeisterinn dürfen sich ganz und gar nicht irren lassen.«

Indem Fabia die breite Treppe, mit Decken belegt, unter starkem Herzklopfen hinan stieg, erhob sie sich zu dem Gefühl, daß sie es nicht sey, welche die nächste Minute zu scheuen brauche. Doch wie kommt es, daß die Last auf dem Gewissen eines Andern den Athem des Rechtschaffenen hemmt? und warum wirft ein fremdes Erröthen, noch ehe es vor unserm Auge aufgeht, den Schein der Schuldverkündigung auf unser eigenes Gesicht? –

Sie standen auf dem öden Vorsaal. Eine Uhr, in langem weißen Gehäuse, nahm sich an dem dunklen Pfeiler, daran sie befestiget war, todtenhaft aus, und das Gleichmaaß des Perpendikels bewegte sich im Einklang mit dem Gesetz der Zeit und ihrer Schwere. Der Stundengott hatte hier keine Flügel. – In den Nischen der Wand entlang, erblickte man zwar beschwingte Gestalten; doch schienen auch diese seit manchem Jahr unregsam ihren Standpunkt einzunehmen, und nur in so fern, wenn Ruhe der Begriff des Himmels ist – dem Olymp anzugehören.

Der Bediente zog die Thür sacht auf, ein Strom von Licht und Luft aus dem ihr gegenüber geöffneten Fenster quoll durch die Spalte. Die Meldung geschah lautlos, und alsbald traten auf einen Wink des Alten die beiden Damen ein.

Frau Fabia, und hinter ihr das schüchterne Mädchen, sah sich in einem Zimmer, das füglich den Sälen des Schlosses beigezählt werden können. Zwei Reihen Ahnenbilder in Oel gemalt und tief nachgedunkelt, beschatteten die Seitenwände, und gaben der schweigsamen Leere dieses Prunkgemachs eine geisterartige Geselligkeit. An dem obern Ende des länglichen Zimmers stand ein antikes Canapee, breitgestreift, mit weiß und seladongrünem Atlas überzogen; davor ein Tisch, köstlich besetzt. Ein damastnes Tafeltuch, wie vom Webstuhl der kunstreichen Athene, hing in schimmernder Weiße bis auf das bunte Gewirk des Teppichs nieder, und um den Tisch herum standen mehrere Lehnsessel, deren jeder ein Großvater, bequem und doch galant, wie am Tage der goldnen Hochzeit. In einen Winkel geschmiegt saß der Graf, und dem Canapee gegenüber seine Tochter.

Bei dem ersten Blicke auf jenen unglücklichen Mann, auf den Schnee seines Hauptes, auf den Staatsrock, der so weit, so spottend weit entfernt zu passen, um die abgezehrten Glieder hing, zerschmolz aller Groll in Fabiens Herzen. Der Putz der Alten wie der Blinden hat etwas eigenthümlich Rührendes. Jener: weil ihr hinfälliger Anblick das Nichtige der Eitelkeit predigt; dieser: daß ihnen selbst unsichtbar, eine Huldigung der Welt beigegeben ward, die nur am Schein hängt. Und sind Blödsinnige nicht Blinde in geistigem Sinn? – Zwar könnte Graf Frankenstern für einen Seher gegolten haben, denn eben jetzt leuchtete sein Gesicht im Abglanz einer Vision; aber es war nur ein Blendwerk, nur das Irrlicht einer gespenstischen Imagination, daneben die Nacht seines innern Lebens nur um so finsterer erschien.

Auch Gräfinn Albane war älter geworden, als zufolge einer Berechnung von Jahren; doch war der Eindruck dieser ersichtlichen Veränderung durchaus ein anderer. Man könnte von ihr sagen, ihre Schönheit sey verwelkt, um verklärt zu werden. Ein weißes Kleid von wolkigem Mousselin umhüllte ihre zarte Gestalt, doch, im schärfsten Contrast zu dieser anspruchslosen Wahl, blinkte jener Schmuck, so schwer vermißt! so grausig ersetzt! auf dem feinen Halse und der Brust der Gräfinn, und hielt ihren schlanken Leib, ihre Arme umschlossen – wie wenn Kinder in eitlem Spiel sich mit dem Geschmeide ihrer Mutter zieren – und stach, bewaffnet mit allen Blitzen der Frühlingssonne und einer jähen Reflexion, Fabien ins Auge und durch das Auge in das tiefste Herz. – Ein kleines blankes Schlüsselbund an ihrer linken Seite stellte die Gräfinn als Wirthinn des Hauses und jener unsichtbaren Gäste dar, denen zu Ehren sie so geschmückt, und gleichsam nur dadurch verkörpert sich zeigte. Doch der schmale zackige Reif einer goldnen Krone auf ihrem reichen Haar, ließ phantastisch und in Zweifel, welch eine Fürstinn in der wüsten Ideenwelt ihres Vaters, sie, fremd sich selbst, vorstelle? – Und über dies häusliche Theater goß die wasserziehende Sonne einen trüben Glanz der Illusion aus. Die Blumen in dem damastnen Gedeck traten labyrinthisch und winterweiß hervor, wie durch einen Hauch von Frost entstanden – und der feurige Wein auf dem Tische glühte nur zum Schein. Das rothe Blut der Traube schwellt nur die Adern der Lebendigen; doch diese begeisternde Kraft leiht nimmer Denen eine Seele, welche keine Existenz haben. Der Graf fand nur Genuß in Gedanken, und schwelgte heute mehr als je in seinem Wahn; und Albane saß da so geisterhaft gesättigt und traumtrunken, mit einem herben verzichtenden Lächeln auf den bleichen Lippen, als hätten diese nie die Süßigkeit des Lebens gekostet, und jener edlen Gabe, die des Menschen Herz erfreut und stärkt! –

Als die reelle Fabia dieses Schauspiels ansichtig ward, rieselte ein eisiger Schauer an ihrem Rücken hinab, und ihr nähernder Gang erstarrte.

Die Gräfinn zeigte bei dem Eintritte derselben einen heftigen Ruck, so, als wenn eine Unbeweglichkeit mechanisch aufgehoben wird. Und indem sie dabei das Gleichgewicht verlor, fiel das Diadem, nur lose aufgelegt, von ihrem Haupte, und rollte zu Boden. Josephine bückte sich darnach. Doch achtlos dieses ominösen Vorfalls schritt die Gräfinn den Kommenden entgegen, und begrüßte sie mit sanfter, sehr bewegter Stimme. »Das ist Josephine?« fragte sie; aber das Epitheton für den Laut dieser Frage fehlt unserer Sprache und jeder. – Darauf berührte ihr Mund die Stirn des Mädchens, und dieser heilige Kuß, den das verleugnete, namenlose Kind als Sacrament empfand, firmelte es.

»Josephine!« rief der Graf mit dem herzschneidenden Tone der Ueberspannung, taumelte von seinem Sitz, und schwankte gegen die Gruppe, um in eine Kniebeugung zu sinken; aber Josephine kam ihm zuvor. Sie umschlang den Greis mit weichen Armen, und weinte über ihn. Gräfinn Albane überließ ihren Vater dem Entzücken, sein kaiserliches Idol, oder die Psyche desselben, in lieblicher Verjüngung vor sich zu sehen, und das Mädchen dem guten Geiste der Demuth und der Wahrheit der ihm einwohnte. Im Drange, ihr Herz zu öffnen, legte sie die zitternde Hand an den blanken Drücker einer Tapetenthür, und zog Fabien mit sich in ein anstoßendes Cabinet. »Wie viel Dank bin ich Ihnen schuldig, liebe Fabia!« sagte sie hastig und herzlich, »Josephine scheint ein Engel. Dieser Blick einer himmlischen Unschuld kann nicht lügen.«

Die fromme Fabia antwortete: »Gottlob! nicht umsonst war mein Gebet bei des Mädchens Erziehung: hilf, Herr! hilf! laß wohl gelingen! Josephine ist ohne Trug und Arglist; lauter und rein von Gemüth und Sinn, wie ein Wassertropfen aus dem Weihebrunnen der göttlichen Gnade.«

Wir lassen es dahin gestellt seyn, ob dieses Bild vom Tropfen, in welchem sich Frau Fabia zum Lobe der Tochter ergoß, ganz unvermischt und klar von einem Vorwurf ihrer Abstammung gewesen, der die erquickende Wirkung desselben trübte. –

Albane senkte die benetzten Wimpern, wie beschämt von der Verschuldung, die sie gegen Fabia wissend war, und mit einem erkenntlichen Seufzer glitt ihr Blick, zufällig vielleicht – auf einen Ring von großem Werth an ihrem Finger. Fabia fing diesen Blick im Brennpunkt ihrer Seele auf. – Sie sprach, und jede Fiber zitterte an ihrem Körper: »ich will nicht fürchten, Gräfinn, daß Sie mir ein Geschenk zudenken! – Die Sucht zu glänzen war nie mein Fehler, nie die zufriedene Eitelkeit sogar, daß mein Thun Werth vor Gott hätte. Einer Wittwe ziemt es vollends nicht, zu brilliren, und die da einsam ist, sorge nur, daß sie dem Herrn gefalle. Der Frau, welcher die Brust des Mannes fehlt, zu ihrem Schilde vor den Pfeilen der Welt, steht nichts besser an, als ein Flor der Trauer und Zurückgezogenheit, der sie gleichsam unsichtbar mache unter Denen, die nach dem Schein urtheilen, und spitzfindig einen Stein des Anstoßes sehen, wo nichts zu sehen ist. – Darum will ich ihn nicht tragen, und wenn er alle Schätze der Erde aufwöge! ist mir das Herz doch schon beschwert genug. O Gräfinn! diese Edelsteine hier haben meinen guten Mann in das Grab gedrückt und mir viel tausend, tausend Thränen gekostet!«

Der Gräfinn Gesicht erbleichte zu Schnee, eine ängstliche Verwirrung sprach aus ihrer Miene. Sie richtete das Auge, voll eines sanften Lichtes, forschend auf Fabien, als wolle sie ihre dunkle Rede beleuchten. Ein krampfhaft leises Zucken regte sich nur auf ihren Lippen, als ob ihr die Kraft gebräche zu einer Frage, deren anschuldigende Beantwortung ihr das Herz brechen müßte.

Es lag etwas Versöhnendes in diesem stummen Hinnehmen. Gemildert sprach Fabia: »Sie wissen wahrscheinlich, daß ihr Herr Vater meinem seligen Manne den Tag vor ihrer Abreise von Bonna, eine Chatoulle in Verwahrung gegeben, darin dieser Familienschmuck befindlich seyn sollte. Den Schlüssel dazu hatten wir nicht bekommen. Mein guter Mann ward gleich darauf so krank, daß ich fürchtete, das Grab werde sich ihm zunächst öffnen. Doch er genas. Nach Jahren, in denen er sich, peinlich wie dieser Redliche nun war, mit Zweifeln getragen, die ich jetzt für eine Ahnung halten mögte, gab uns der Zufall den Aufschluß in die Hände. Wir fanden in dem Kästchen nichts von Schmuck, nur eine todte Perle –: den Leichnam eines Kindes, und ein blutbeflecktes Messer.« Hier hielt Frau Fabia mit einem durchbohrenden Blicke bedeutsam inne.

Aber nicht die Farbe der Blutschuld zeigte sich auf den Wangen der Gräfinn, nur jener zarte unschuldige Anflug, den ein schneidender Wind etwa in dem Kelch der weißen Rose entblößt. Sie lächelte kalt und sprach: »so hielten Sie vermuthlich davor, daß ein Zusammenhang zwischen beiden Dingen statt fände, der – mich schaudert, es auszudenken. Wohl war jenes Kindlein das meine, ein zu früh Gebornes. Ich versündigte mich durch den Wunsch, es der Erde vorenthalten zu können – o! wie bestraft sich doch jeder Gedanke räuberisch gegen die Natur! – Der Arzt, vielleicht weniger aus Mitleid mit meinem mütterlichen Schmerz, als aus Leidenschaft für jedes Präparat, schlug mir vor, den Körper meines Kindes zu balsamiren, so könnte ich ihn in einem kühlen Gewölbe aufbewahren. Es geschah – ich legte das kleine Vergißmeinnicht, was der Tod mir vom Herzen gepflückt, in jenes sargähnliche Kästchen; darin ist es vertrocknet. Mit jenem Messer aber hat der Arzt, der nämliche, meiner theuren Mutter die kranke Brust abgelöst.«

Frau Fabia fühlte bei diesen erklärenden Worten einen Schnitt durch ihr tiefstes Innere. Nach einer verstummenden Pause sagte sie: »doch werden Sie zugeben, daß jenes Depot geeignet war, einen Geschäftsmann stutzig zu machen; zumal wenn er wie mein Seliger, von einem unseligen Mißtrauen heimgesucht, jeder Sache die schlimmste Seite absah.«

Die Gräfinn sah still vor sich nieder, und antwortete eine lange Weile nicht. Dann sprach sie: »ach ich verzeihe Ihnen – Wen man schwach gesehn, hält man gar bald eines Verbrechens fähig.«

»Gräfinn –« stammelte die Wittwe, »ich habe viel gelitten, dieser Geschichte wegen.«

»So wäre ich denn noch auf andere Art als ich meinte, in unabtragbarer Schuld gegen Sie!« erwiederte die Gräfinn mit dem herben Lächeln der Kränkung. Fabien stiegen Thränen in die Augen. Das Taschentuch entfiel ihr – die Gräfinn beugte sich es aufzuheben, und die Schlüssel an ihrem Gürtel erklirrten silberhell und leise. Und wie geringfügig diese kleine Dienstleistung auch war, so verlieh ihr doch die augenblickliche Stellung gegen die Beleidigerinn etwas Hohes.

Wie von diesem erklingelnden Laut erinnert, sonderte Albane nicht ohne Schwierigkeit einen kleinen Schlüssel von der Mehrzahl Derer, die der Ringhaken an ihrem Gürtel umfaßt hielt, bis es ihr gelang, ihn davon los zu machen; und sprach: »hätte ich diesen Schlüssel wohl so nahe an meinem Herzen tragen können, wenn dieses Herz noch ein strafbareres Geheimniß umschlösse, als dessen Mitwisserinn Sie sind? und wenn ich gewußt, welchen Kummer Sie deshalb trügen? – Nehmen Sie ihn denn hin mit der Versicherung, daß ich unschuldig an Ihrem Gram, und Ihnen ewig, ewig! dankbar bin! – Nein, gute Fabia! fürchten Sie keinen andern Lohn als dieses Wort, was bethätigen zu können, meine beste Hoffnung wäre. Ein Edelstein, und wäre es auch der erste Solitair der Welt – bezahlt weder Liebe noch Leiden. – Mit diesem Schmucke belade ich mich nur, um meinem Vater eine Freude zu machen. Wehe mir! o es ist schrecklich, wenn der Vater zum Kinde wird, und die Tochter zur Mutter! –«

»Wissen Sie schon,« sagte Fabia, durch eine sehr natürliche Association der Ideen zu dieser Mittheilung gelenkt, indem sie ihre Thränen trocknete, »daß Herr de Romana, Sylvius bei uns genannt – sich in Sanct Capella aufhält? Er ist der intimste Freund meines Schwagers.«

Bei dieser Nachricht ging eine Wandlung in den Zügen der Gräfinn vor.

»Um Gotteswillen!« sprach sie mit aller Dringlichkeit befürchtender Angst, »verhindern Sie, daß er hierher kommt! ich weiß nicht, ob ich es aushielte. Das geringe Maß meiner noch übrigen Kräfte reicht kaum zur Erfüllung der traurigen Pflicht, die ich meinem Vater schulde. Jenes Band ist gelöst. Wozu sollte er mich auch beunruhigen wollen? Für ihn bin ich todt. – Ich, ich selbst habe es gehört, wie er, ein jüngeres schönes Weib umfangend, davon sprach, daß eine gestorbene Liebe in ihrem Grabe bleiben müsse. – So sey es denn! und nimmer will ich ihn wiedersehen.«

Und indem die Gräfinn so sprach, schwand ein Schatten jener Scene, deren flüchtige Zeuginn sie gewesen, über ihr Gesicht. – Eine Eifersucht höherer Art offenbart sich nur im Verschwinden der verdunkelten Erscheinung.

»Wenn ich nur kann, liebe Gräfinn!« antwortete Fabia in Bezug auf das von ihr erflehte Verhindern, »wenn ich nur kann! – Aber wird Sylvius – oder Romana – nicht nach Josephinen fragen? und ist das Recht dazu ihm irgend verweigerlich?«

»Josephine bleibt einstweilen hier,« entschied die Gräfinn, ohne sich auf eine nähere Bestimmung über diesen Punkt einzulassen, »auf Sie aber, liebe Fabia, verlasse ich mich, daß Sie den Vater derselben mir entfernt halten.«

Frau Fabia versprach dies mit größerer Willfährigkeit als sie vielleicht früher gezeigt haben würde, eine Zusammenkunft der Liebenden zu ermitteln. Sie hielt den Schlüssel zur Chatoulle fest empor und sprach: »könnte ich nun – nicht den kleinen Sarg, der ist auch versenkt – nein! den großen Sarg meines Mannes damit öffnen und ihm sagen, wie so ruhig er hätte seyn können bei Lebzeiten, und daß er sich und mich unnütz abgequält. Ach! er würde so wenig auf mich hören als sonst.«

»Ja, die Todten schlafen tief –« sagte Albane mit verstörtem Lächeln. Das Bedürfniß dieser unaufregbaren Ruhe sprach eben jetzt lauter als jemals in ihr an.

Als die Frauen ihre geheime Unterredung hiermit beendigten, und wieder in das Zimmer traten, fanden sie den Grafen auf dem Canapee an Josephinens Seite, und in emsigem Gespräch mit ihr, welches anziehend seyn mußte, denn die Augen des alten Herrn hingen innig an dem lieben Kinde, und jener crasse Ausdruck geistiger Verworrenheit, welche seine schlaffen Gesichtszüge charakterisirte, und unter jedem Härchen des greisen Bartes hervorstach – war dem klaren Durchblick des Gefühls gewichen, womit die anmuthige Nähe eines Wesens auf ihn wirkte, was ihn so nahe anging.

Wir überlassen diese kleine Gesellschaft des Weiteren sich selbst, und eilen der späten Rückkehr Fabiens nach dem Stifte zuvor.

Zeitiger als er vermuthet worden, und ziemlich mißvergnügt, kam der Administrator mit seinem Freunde nach Sanct Capella zurück. Der Zweck dieser kleinen Reise war unerreicht geblieben, auf der ihnen einige Fatalitäten zugestoßen, und dies war es wohl nicht allein, was ihn verstimmte. Jenes geheimnißvolle Unbehagen, welches die Seele wie den Körper Dessen durchschleicht, Dem ein Uebel bevorsteht, der schwüle Schauer, der die Blitze ankündigt, die unser Herz treffen sollen, die ganze Atmosphäre trüber Ahnung beklemmte ihn heimlich, und verdunkelte seinem Blicke die Lieblichkeit der Natur. In solcher Stimmung gelingt uns fast nichts. Unsere Plane vereiteln, die sicherste Berechnung trügt – wir finden Hindernisse bei Allem. Und von der Zukunft leise beängstigt, wird es uns nicht deutlich, warum die gegenwärtige Minute den gewohnten Gang unserer Weise, unserer Wünsche, also erschwere? So wie im Gegensatz die Hoffnung ohne eine andere Gewähr als sich selbst, zu jedem Glück verhilft, und oft unsere kühnsten Erwartungen überflügelt.

Sylvius, der sich unpäßlich fühlte, begab sich sogleich in sein Zimmer, um noch einen Brief von dringendem Bezug auf das mißlungene Geschäft dieser Reise zu schreiben, und der weltliche Prälat von Sanct Capella schritt mit bewölkter Stirn dem seinen zu. Niemand hatte ihn willkommen geheißen – das kam ihm seltsam vor. Etwas finster von dieser scheinbaren Vernachlässigung fragte er eine dienende Person, die ihm begegnete, nach Fabien, und erhielt zur Antwort, daß sie verreist wäre.

»Verreist? meine Schwägerinn?« fragte der Administrator, und hätte nicht ungläubiger hohnlächeln können, wenn man ihm gesagt: das Stift, in höchsteigener steinerner Figur, sey bei dem schönen Abend ein wenig spatzieren gegangen.

Man erwarte die Frau mit jedem Augenblick zurück, setzte die Berichterstatterin hinzu; worauf Jener flüchtig vermuthete, nur ein wirthschaftlicher Grund von großer Erheblichkeit müsse eine so stete Haushälterin von Ort und Stelle gerückt haben. Doch um nichts heiterer durch diese Folgerung, trat er in die heimische Wohnung, entledigte sich des Reisebedarfs und alsbald ward sein umherschweifender Blick von jenem Blättchen auf seinem Schreibpult magnetisch angezogen. Er las diese wenigen Zeilen unzähligemale, ehe er den Sinn derselben zu fassen vermogte.

»Allmächtiger Gott!« rief er zu sich selbst, »das arme Mädchen in meiner Abwesenheit fortzuschaffen – gleichsam wegzustehlen! –« Ein Getümmel aufrührischer Gedanken bestürmte ihn, und Frau Fabia, welche sich im Laufe des verflossenen Nachmittags richterlich benommen, ahnete wohl schwerlich, daß ihr Andenken ob jener eigenmächtigen Gewaltthat, um wenig später vor Gericht gezogen – wo nicht zermalmt würde. – Aber der kindliche Ton des kleinen Brief-Fragments entwaffnete ihn, und keine Reihe thatsächlicher Beweise hätte ihn so vollständig überzeugen können, wie die schulmäßige Entschuldigung der ersten Zeile: daß es nimmer ein Wesen gegeben, so fremd jeden Egoismus, so ganz aus Liebe und Hingebung gebildet, wie Josephine. Beitragen sollte er? Wozu? – Er sammelte seine ganze Kraft für diese abgebrochene Bitte. Dabei nahm er das Fädchen an der Feder hangend wahr. Zarter sind die Fäden nicht, in denen der Sommer in die Lüfte flattert – doch nichts wirkt so ausnehmend fein wie die Zuneigung zu einem persönlichen Gegenstand: und so war denn jene Seidenfaser ein starkes Bindemittel seiner Ideen, ein Segeltau, was sein Herz schwellen machte. »Schwester Veronica wird es wissen –« dachte der Administrator, und eilte ohne Verzug aus dem Zimmer. Leidenschaftliche Hast, dieses räthselhafte Dunkel aufgehellt zu sehen, trieb ihn die öden Säle entlang, bis zur Thür der entlegenen Zelle, an welche die Abendsonne Verklärung mahlte, so daß dieser Eingang wirklich einer Himmelspforte glich. Hier stand er still, und Stille waltete ringsum. Ein Gefühl, der Andacht verwandt, ließ ihn zögernd dies Altarblatt betrachten, dahinter ein Geist wohnte, der mit dem Göttlichen vertrauten Umgang pflog. Sein Herz, heftig klopfend vom hurtigen Gehen, vom Drange der Erwartung, ward in dieser sanften Nähe wunderbar besänftigt. Er richtete sich hochathmend auf, während er den gekrümmten Finger leise und langsam an die Thür legte. Sie that sich auf. Der hereindringende Strahl vergoldete diese anspruchlosen Wände, und warf einen Schimmer von Glanz und Heiligkeit auf die Gestalt der Nonne, welche in frommer Einfalt mit einem Liebeswerk beschäftiget war. Ein Myrthenbaum von üppiger Schönheit, davon die Nonne mit wähliger Vorsicht eine Menge Zweige abschnitt, stand vor ihr auf einem Tische und daneben lag ein kleiner Namenszug aus altdeutschen Lettern in Perlen gereiht. Und wie die klösterliche Jungfrau den alten schönen Kopf, um den ein Nimbus der Gottseligkeit schwebte, an den Baum der Liebe schmiegte, der ihr nie geblüht, der ihr nur die bittere Frucht der Entsagung bereitet: gewährte ihr Anblick ein fast überirdisches Bild.

Wie selten hatte ein Mann diese einsame Schwelle beschritten! – Der aufgeregte Blick des Administrators schien den ewigen Bestand der Dinge umher aufheben zu wollen. Kein Stäubchen dieser reinlichen Clause ruhete noch so tief und lange, es tief empor bei seinem Eintritt, um gesellig in der plötzlichen Erleuchtung zu schweben, und eine größere als diese lautlose Unruhe störte nie die stete Geborgenheit dieser Wohnung, deren Luft nur ein Odemzug des Friedens war.

»Verzeihen Sie doch ja gütigst meiner Zudringlichkeit,« sagte der Besuchende nach ehrerbietigem Gruß, »Ihnen zu dieser Zeit vielleicht beschwerlich zu werden.« Man findet, in abgesondertem Verhältnisse werden die Menschen leicht eben so weitläuftig als förmlich gegen einander, wogegen die Welt der Umgangsweise eine drängende Kürze anschleift. Schwester Veronica ließ das Messerchen, womit sie Myrthen schnitt, ihrer Hand entgleiten, und bezeigte eine verwunderungsvolle Freude, den Vorstand des Hauses bei sich zu sehen, der ihr nach herzlicher Versicherung zu jeder Zeit willkommen wäre. Zugleich bemerkte sie still für sich, daß sein stattliches Aeußere etwas verstört sey – und die Stimmung der guten Nonne, seit einigen Tagen von stärkeren Eindrücken bewegt, spannte sich für den beziehungsvollen Ton, womit er anhob: »ich war verreist mit meinem Freunde und finde jetzt bei unserer Rückkehr die Schwägerinn nicht daheim. Das befremdet mich. Sie hat auch Josephine mitgenommen – –« Der Administrator stockte. »Eine hypochondrische Aengstlichkeit wandelte mich an – wenn nur kein unangenehmer Vorfall – ich meinte nun, Sie, werthe Schwester Veronica, würden mir des Näheren Auskunft geben können.«

»Was ich weiß, will ich ihnen sagen –« sprach die Nonne, und das tiefsinnige Lächeln in ihren Zügen drückte eben sowohl ihre bekümmerte Unwissenheit in dieser Sache, als eine Zuflucht der Gemüthsruhe aus, die sie dem Frager gäbe. »Frau Fabia ist nach Bühle gefahren, mit dem lieben Kinde. Dort ist die Gräfinn Frankenstern mit ihrem Herrn Vater angekommen – und trägt Verlangen, ihre gute Freundin hiesigen Orts baldigst zu sprechen. Ein expresser Bote –«

Das Gesicht des Administrators hatte sich während dieser Nachricht verändert. »Das ist ein großes Ereigniß!« unterbrach er die Nonne mit gesenkter Stimme; doch nur mechanisch schien er die Sylbenlaute dieses Wortes auszusprechen, das Muskelspiel seines Mundes schob krampfhaft der getroffenen Wahl des Ausdrucks einen andern unter, und sagte: »das ist ein großes Unglück!« Der Nonne ging die Ahnung auf, sie hätte ihm etwas höchst Wichtiges mitgetheilt.

Da jedoch Niemand, am wenigsten aber ein ältliches Frauenzimmer, dem Reiz des Bewußtseyns zu widerstehen vermag, das, was man sagen könne, habe Werth für den, der es höre: so konnte auch Schwester Veronica nicht umhin, den Schatz ihrer Neuigkeit in kleiner Münze auszuzählen. Vorerst aber mußte sich der Administrator auf ihr inständiges Nöthigen niederlassen. Er berührte kaum die Kante eines Stuhls, und saß dennoch wie auf Nadeln. – Schwester Veronica begann nun: »gestern Abend, da es dämmerte – das Schummerstündchen bringe ich gern drüben zu – ging ich hinüber zu den lieben Ihrigen. Es war uns Allen traurig zu Sinne: denn Gregors kleine Julie lag im Sterben – ich bin, wie Sie sehen daran, für ein Todtenkränzchen zu sorgen – die Mutter, hieß es, wäre außer sich, und man hatte geschickt, Frau Fabia mögte kommen, und in dieser Angst den armen Leutchen mit Rath und Zuspruch ein wenig beistehen. Sie ist, das muß man an ihr rühmen – von christlicher Geduld und gelassenem Wesen –« diese Tugenden seiner Schwägerinn hätte jetzt schwerlich ein Freund der Wahrheit dem Administrator nachsagen mögen. Er sah die Nonne mit einem weitschauenden Blicke beschleunigender Aufmerksamkeit an, und es däuchte ihm, seiner theilnehmenden Nächstenliebe ungeachtet, als ob sie von einem Falle spräche, der die ersten Eltern nach Erschaffung der Welt betroffen hätte.

»So blieb ich denn,« fuhr die geistliche Jungfrau fort, »mit Josephine allein. Das gute Kind war aber betrübt und äußerte sonderbare Gedanken, die ich jedoch für weiter nichts hielt, als jenen wehmüthigen Ernst, der ein jugendlich Gemüth ergreift, wenn es den Tod in der Nähe weiß, und gute Menschen in Schmerz und Leid um ein Liebstes und Einziges. Dann wird der Gedanke an jede mögliche Trennung, die uns selbst bevorstehen könnte, so natürlich. Wenn uns ein Verlust bewegt, dann scheint Alles um uns her zu wanken, und wir umfassen, was uns vorzugsweise am Herzen liegt, nur um so inniger. – Also wieder auf Josephine zu kommen, so sagte sie: wie weh es ihr thun würde, Sanct Capella zu verlassen, wo ihr nur allein wohl wäre. Wie gern sie hier sterben mögte oder wohnen in dieser Zelle, es ging mir nahe. Ich erwiederte ihr, daß an solch ein Scheiden vor der Hand doch nicht zu denken sey, daß sie mein Stübchen erben solle, mit Allem, wie es steht und liegt.«

Das Auge des Zuhörers schien dies Testament im Innersten seiner Seele aufzunehmen. Sein Blick spähte umher, als schätzte er die lieben Heiligen allzumal – und der geringste Gegenstand war durch den Gebrauch ein kleiner Heiliger geworden – nach ihrem Nennwerthe ab, und trüge die stummen Effecten in die Register seines Geistes ein. Dann ruhte sein Auge auf einem umgeschlagenen Notenblatte aus, als notire er dies Adagio, zähle die Pausen, und vergleiche den letzten hinsterbenden Ton mit der Rede der Erblasserinn, welche mit heiterem todesvertrauten Sinn an ihre Auflösung denken konnte. – Ein anderer Kranz von diesem Myrthenbaume, ein anderer Name in den Anfangsbuchstaben dieser Perlen schwebte ihm in einer gewissen Ideenverwirrung vor. Die Wünsche des jungen Mädchens, welche beide auf bittere Resignation deuteten, griffen schmerzlich an sein Gefühl, und er schwieg mit einem tiefen Seufzer. »Wie wir noch so über mein Vermächtniß sprachen,« fuhr die Nonne fort: »kam Frau Fabia zurück. Sie trug einen Brief in ihrer Hand und begehrte Licht, um ihn zu lesen. Und da sie ihn las – sehen Sie um Gotteswillen! wird uns die Frau schier ohnmächtig. Ich kann nicht leugnen, daß mir alle Glieder zitterten. Die Frau Schwägerinn ist nicht nervenschwach, nein! eine starkmüthige Person, häuslich erkräftiget, gesund an Leib und Seele: so mußte ihr der Brief hart angekommen seyn. Auch jagt der Sturm das Laub der Espe nicht geschwinder, als das Blatt in ihrer Hand flog. Sie ging alsbald zu Bette, und ich hatte ihretwegen eine unruhige Nacht. Am Morgen in aller Frühe wollte ich mich erkundigen, wie sie geschlafen: das Zimmer war noch zu. Ich kam wieder und fand es abermals verschlossen; doch vernahm ich drinnen ein leises Gespräch und unterschied Josephinens schluchzende Stimme. Nun halte ich Einbruch kaum so schlimm, als Eindrängen in das Geheimniß eines Andern, und habe mich mein Lebtag davor gescheut. Das Vertrauen muß ein Geschenk der Freundschaft seyn, nicht aber eine milde Gabe, die der Ungestüm davon trägt, wenn er die Gutherzigkeit überrascht. – Ich dachte, es wird wohl an mich kommen. Auch kam Frau Fabia, um mir zu sagen: daß sie für diesen Nachmittag nach Bühle fahren würde. Josephine stand stumm und blaß wie ein Marienbild daneben, und sah mich nur mit einem barmherzigen Gesichtchen an. Und da die Mutter meinte: sie denke nicht allzuspät wieder da zu seyn, konnte sie sich nicht enthalten zu weinen, als sollten wir uns niemals wiedersehen. Ich sprach ihr Muth ein und sagte: nun, wir scheiden ja nicht für ewig, mein Herzenskind! was wärs denn auch, wenn Du ein paar Tage drüben bleiben müßtest? bin ich doch in meiner Jugend, und noch dazu als Braut, auch bei der hochseligen Gräfinn Frankenstern gewesen, und würde heut noch Bescheid im Schlosse wissen, und Dir das kleine Gemach zeigen können, worin ich geschlafen. – Das schien dem lieben Mädchen denn traut und tröstlich zu seyn, und ein Mehreres, werther Herr Administrator, wüßte ich Ihnen nicht zu sagen.«

Es genügte jedoch. Der Administrator dankte zerstreut, wechselte in gebundener Rede – im Sinne der Zurückhaltung – einige Worte; denn es machte ihn beklommen, daß er gegen die herzliche Nonne nicht ganz aufrichtig seyn dürfte. So war es ihm nicht unlieb, daß der Zufall ihm über einen Moment hinweghalf, der sein Zartgefühl, das der Freundschaft wie der Verschwiegenheit, in die Probe nahm. – Er ward abgerufen, weil Jemand ihn zu sprechen begehre. Doch als der Administrator in sein Zimmer kam, fand er zu seinem Befremden keinen fremden Zuspruch, sondern seinen Freund, den Major Feldmeister, der im Gleichmaß starker Schritte auf und nieder ging. Es verändert seltsam unsere Stimmung, ob wir Besuch in unserm Eigenthum empfangen, oder von Andern darin empfangen werden. Demnach ließ eine gewisse erschrockene Verwunderung, gemischt mit einem dumpfen Gefühl getäuschten Erwartens, den Administrator an der Schwelle seines Zimmers zurücktreten, als er die Einquartierung desselben inne ward. –

»Bitte nicht übel zu nehmen, Freundchen, daß ich so sans façon Eingang gesucht –« sagte der Major, die Miene des Unmuths an Jenem bemerkend, und ein fremdartiges Lächeln lief hurtig wie Geflügel über die Furchen seines Angesichts, was in diesem Augenblicke einem Winterfelde glich, matt von der Sonne beschienen.

»Den rechten Eingang finden –« fuhr er fort, »ist schwer, und mancher folgerichtige, bei dem wahrhaftigen Gott! taugt dennoch nichts.«

Herr Prälat kannte seinen Freund und dessen Redeweise zu genau, um noch eines einleitenden Wortes zu bedürfen. Eine böse Ahnung kroch an sein Herz; aber er nahm sich zusammen, und sagte mit stoischer Stimme: »Sie haben mir etwas Schlimmes anzukündigen, Major! fassen Sie Sich in der Kürze, ich bitte! ich bin gefaßt. –«

Diese Voraussetzung brachte den Major aus dem Zusammenhang. In merklicher Verwirrung antwortete er: »Schlimmes? nun ja, aber vermengt mit Gutem, wie uns die bittersten Erfahrungen gereicht werden. Das Schicksal ist ein Mischling, Glücklich retournirt, Freundchen? waren Sie schon da, wie die Estafette kam? – Sehen Sie, da habe ich mir all mein Lebtag eingebildet, ein blasender Postillon müsse ein Glück verlautbaren: etwa des große Loos – die Ankunft des Königs – oder einen Ehrenaufzug und dergleichen. Daß eine Hiobspost mit solch fröhlichem Gebläse kommen könne, das hätte ich nimmer gedacht. So erinnere ich mich, daß, als ich, ein junger Offizier damals, in B– stand, hatten wir eine Schlittenfahrt en Masque mit solchem Vorklang. Der Zug war originell genug, und wir fuhren, so zu sagen, mit Furcht und Schrecken. Der Führer der ersten Dame, ein allerliebstes Mädchen, schön wie das Leben, war der Tod! –«

»Major!« sagte der Administrator in sichtlicher Pein, »nochmals bitte ich Sie, sagen Sie mir ohne Bild, ohne Masque, Wessen Tod ich erfahren soll? – Mein Bruder –«

Es wäre nicht genau zu bestimmen, ob der alte Feldmeister hierbei nickte, oder nur das Haupt senkte, da er alle Allegorien fallen ließ, und einfach sagte: »ja, wozu die vorbereitende Folter und ihren ausdehnenden Grad? Sie sind ein Mann. Ihr Bruder – ist nicht mehr, und nur an den Ort seiner Bestimmung gelangt, um auf das Schleunigste zu sterben. –«

Alles Blut wich aus den Wangen des Administrators. »Großer Gott! mein guter Constanz!« rief er mit blassen Lippen, und fühlte in diesem herzandringenden Moment, daß Eines Vaters Blut in ihren Adern flösse. »Nicht möglich! und an Sie, Major, ist die Nachricht gekommen?« Es war, als ob ein leiser Zweifel in dieser Frage läge.

»An mich!« antwortete der ehrliche Alte mit dem Vollbewußtseyn eines wahrhaften Freundes, »mein Neffe hat es mir geschrieben, da die arme Therese sich außer Stande dazu gefühlt, und Füßli nicht Zeit gehabt hat. Füßli! der Leichtfuß vergißt zu bemerken, Wer Füßli sey, als ob mir wie dem Allwissenden aller Menschen Namen in mein Buch geschrieben wären.«

Der Major berührte hierauf in Kürze, wie? und wann? der Gemahl Theresens gestorben sey.

»Ich träume wohl?« fragte sein Bruder und legte die Hand an die Stirne, auf der noch bleiches Entsetzen schwebte, »wie aber kam der Lieutnant Feldmeister in jene ferne Gegend, und zu einer so herben Dienstleistung?« Es war, als ob er diese sonderbare Fügung im Namen des Verstorbenen übel nähme.

»Sehen Sie,« erwiederte der Major, »das ist eine merkwürdige Geschichte, und ich gäbe meine Lieblingsschmarre darum, wenn ich in meiner Jugend Logik studirt hätte. Da könnte ich Ihnen Alles fein ordentlich entwickeln, statt daß ich hinten anfange, vorn ein Fädchen abreiße, – und so weiter. Der Rudolph hat ein enormes Glück gehabt, was mir bei dieser traurigen Gelegenheit kund geworden, und mein Glaube an die Fama der Estafette gewissermaßen doch Recht. Die Fee Fanferlüsche – Sie wissen schon – hat das Zeitliche gesegnet, und ihn zum Universalerben eingesetzt. Das hätte der Junge wohl nicht gedacht, daß, als er die alte Dame Wischiwaschi aus einer lächerlichen Verlegenheit empor riß, und sie vor aller Welt Augen in den Ballstuhl setzte, sie ihn dafür für zeitlebens jeder ernsthaften Verlegenheit überheben, und so weich setzen würde? – Man schätzt ihren Nachlaß auf hunderttausend Thaler. Gleichzeitig mit diesem Vermächtniß erfährt er, versetzt zu seyn, worauf er, wie Sie Sich vielleicht erinnern, angetragen, um nicht für einen Erbschleicher zu gelten. So spielt der Zufall. Daß der Rudolph grade an den Ort kommen mußte, wohin Ihr Bruder, begleitet von der lieben Frau, seiner gesandschaftlichen Ordre folgte, scheint mir jedoch nicht von Ohngefähr. Taugt nichts! rief ich unwillkürlich aus, wie ich das las.

Nun verursacht großes Glück auch im besten Falle eine kleine Narrheit. Und wie der Ritter Don Quixote ein Barbierbecken für Mambrins Helm hielt, so sieht nun Rudolph einen Damenschuh in Allem, was ihm begegnet. Ich glaube, würde die Armee auf Kriegsfuß gesetzt, er sähe sie auf Pantoffeln von Silbermoor marschiren. Der Pantoffelheld! Der! –«

Der Administrator empfand schmerzlich, daß des alten Freundes theilnehmendes Interesse an den gemeinsamen wichtigen Mittheilungen diesmal zu silbern sey, um mit dem seinigen in Einklang zu stehen. In diesen Augenblicken schien ihm kein todtes Metall beglückend. Er hatte nur Gefühl für den Verlust eines so kräftigen jungen Lebens, welches der Welt und ihren Freuden so im Umsehen entrissen worden war.

»Ich kann es noch nicht fassen –« schob der Administrator in die Pause jenes Ausrufs ein, und sein Ton ließ errathen, daß er von der Rede des Freundes wenig oder nichts gehört, und während ihrer Dauer nur an den Verstorbenen gedacht hätte. Er sah jetzt auf, in seinem erloschenen Blicke entglomm ein Funke – und so fragte er: »Sie meinen also, Major, daß Ihr Neffe in Verabredung mit Theresen dort eingetroffen wäre? –« Der Schatten, der in diesem Gedanken auf die Abwesende fiel, verfinsterte sein Gesicht tief. Aber mit dem Eifer der Selbstentrüstung trat der Major vor ihn hin, und sprach: »da sey Gott für! daß ich so etwas nur gedacht, geschweige denn geäußert hätte. Oder es müßte eine Verabredung der höheren Mächte darunter verstanden seyn, die vorausgesehen, daß Ihr Bruder sterben, und Therese fremd und verlassen allda, einen Freund brauchen würde, der wie mein braver Artillerist für sie durchs Feuer liefe. – Besinnt Euch Freundchen! es wäre ja nicht einmal möglich gewesen; denn mein Neffe ward früher versetzt, als der Legationsrath seine Frau von hier abholte. – Hätten Sie Acht gegeben, was ich gesagt: so würden Sie jetzt hören, wo ich hinaus gewollt – mein Schwadroniren hat mich jedoch zu weit abwärts geführt. – Da geht der Rudolph eines Tages über den Markt, und stößt auf einen Menschen, der einen Schuh trägt. Jener erkennt ihn – den Schuh nämlich – an der Farbe, an dem kleinen polnischen Maße; er kennt die Dame, der er gehört. Nun läuft gleichsam dieser niedliche Wegweiser vor ihm her, und führt ihn vor die rechte Schmiede. So ists, Freundchen. Und daß mein Neffe nun der armen Therese beisteht, so viel er kann, ist nicht mehr als billig. –«

Dies Letztere sagte der Major in dem Tone löblichen Gutachtens, und mit persönlichem Accent – als ob der Lieutnant nur bewogen von der Rücksicht, in welchem Verhältniß sein Oheim zu der Familie des Hingeschiedenen stände – sich der jungen Frau angenommen. Dennoch konnte der Administrator ein Lächeln, so bitter als traurig, nicht unterdrücken, als er sagte: »es wäre dessenungeachtet sehr möglich, daß mein seliger Bruder so wie die Welt, welche er verlassen, etwas gegen diesen Curator einzuwenden hätte. –«

Der Major zog die Braunen zusammen, und klemmte die Unterlippe ein. Er fühlte wohl, daß sein Freund recht hatte; wie hätte er aber das kleine Unrecht, was in dieser Erwiederung gegen ihn selbst lag, nicht lieber männlich verbeißen als rügen, und mit der Gereiztheit eines Betrübten Geduld haben mögen? Er antwortete demnach langmüthig: »das hat der Rudolph auch bedacht, und deshalb dafür gesorgt, daß Therese den Gasthof verließe. Sie hält sich jetzt höchst wahrscheinlich auf dem Gute der Baroninn Lenau, einer Schwester seiner Mutter auf. Dies war die Intention meines Neffen, als er den Brief an mich geschrieben. Doch die Hauptsache darin hätte ich beinahe vergessen. Therese läßt Sie flehentlichst bitten, wenn es irgend möglich wäre, hinzukommen. Sie wüßte sich nicht Rath und es gäbe Manches zu ordnen, was nur den nächsten Verwandten zustände. –«

Herr Prälat sah schweigend vor sich hin. Die Forderung dieser weiten Reise von solch traurigem Anlaß, geschah zu einer Zeit, die dem Entschlusse günstig war. Sein Herz war erschüttert, und nicht von der Seite allein, wo der plötzliche Schlag der eben vernommenen Nachricht es bestürzte. Die Zukunft schwebte im Ungewissen – und es war, als wäre der Bestand aller bisherigen Verhältnisse aufgelöst. Dann konnte Sylvius ihn jetzt vertreten. Wer wüßte, ob er jemals eine so lange Abwesenheit ohne Zeitverlust für sein Amt ermöglichen könnte? – Und wie er auf der Wage der Gedanken alles Schwierige der fraglichen Reise erwog, und dachte, ob er sich auch stark genug dazu fände, die kalten Geschäfte des Verstorbenen zu besorgen, und ein warmes Bad hysterischer Thränen hinzunehmen, die Therese etwa vergießen mögte, – fühlte er mit einem nervösen Schauer, daß ein Leben von so verhängnißvollem Gewicht, und in ewiger Pendel-Schwingung wie das seines Bruders, den Todten so früh hinab ziehen müssen. In Folge dieser Betrachtungen sagte er: »seine Rastlosigkeit – glauben Sie es! hat den armen Constanz aufgerieben.«

»Das sag' ich auch!« sprach der Major, »man bekam Schwindel, vom Hören bloß. Er flog ja, wie auf Fausts Mantel –« der Hund knurrte – »still da! Dich meine ich nicht, mein Alterchen – von einem Ende der Welt zum andern. Wären wir vom Schöpfer dazu geschaffen: dann hätte er uns Flügel gegeben wie der Schwalbe, oder uns luftig gemacht wie den Wind. So aber sind wir Wesen mit Fleisch und Bein, und ein standhafter Prinz ist Derjenige, der in der Tragödie dieses Erdenlebens am würdigsten aushält. – Wir schreiten bedächtig einher, oder fahren gemächlich mit Vieren. – In der Schrift steht, der Herr habe nicht Gefallen an Jemandes Beinen, noch an der Stärke des Rosses. – Oft habe ich über diese Stelle nachgedacht. Wenn ich die Gicht in meinem Bein spürte, da empfand ich, daß der gütige Gott und Heiland kein Wohlgefallen daran haben könnte.«

»Und jetzt,« sprach der Administrator, der nur wie im Dunkeln der Gedankenreihe seines alten Freundes gefolgt war, »wo er endlich festen Fuß gefaßt haben würde, mußte mein guter Bruder sterben!«

»Ebendeswegen!« erwiederte der Major mit verstärkter Stimme, »ebendeswegen starb er. Gebt Euch zufrieden, Freundchen! – Mit aller Hochachtung gegen den Legationsrath gesprochen; aber ein Mann der Ruhe war er nicht, und so machte er sich mit der Schnellpost des Todes davon. Vielleicht war dies der klügste Streich des Diplomaten, und jedenfalls besser als ein späterer Rückzug aus dem neuen Hausstaate. Er mogte die alte Urkunde der Liebe hervorgesucht und manchen Buchstaben darin verlöscht gefunden haben. Zum Ehestande dieser seßhaften Charge paßte er nur so wie der Vogel, der sich im Fluge vermählt, sein Weibchen dann in irgend einem Neste sitzen läßt, wo dann der Teufel nicht selten ein Ei in die Wirthschaft legt.« –

Hier trat Frau Fabia ein, und bei dem Anblick der frommen Domina des weltlichen Klosterhauses erstarb das böse Princip dem alten Feldmeister auf der soldatischen Zunge. Er grüßte, schlüpfte zur Thür hinaus, durch ein unverständliches Murmeln andeutend, er wolle den bewußten Brief holen – und Herr Prälat sah sich mit seiner Schwägerin allein. Er hatte den Wagen nicht kommen gehört, ihre Ankunft schien ihm ersehnt, obzwar sie allein kam. Auch entsprach Fabiens Gesicht der Empfindung, welche sie aufnahm. Der strenge Charakter desselben war einem Ausdruck von Schwermuth und Erleichterung gewichen, der sich wechselseitig aufhob, und ein sanftes Ineinanderfließen von Klarheit und Trübsinn über ihre Züge verbreitete, was Zutrauen einflößte, sie werde eine schmerzliche Erfahrung eben so wohl zu theilen fähig seyn, als zu beurtheilen wissen.

»Es ist mir lieb, Fabia, daß Du nun da bist!« sagte der Administrator ihr entgegen tretend; aber sein Gruß klang traurig. »Denke nur, mein guter Bruder ist todt! und Therese ist nun eine Wittwe, wie Du!«

Frau Fabia erschrak. Alles, was dieser Nachmittag für sie enthalten, trat vor der Bedeutendheit dieser Worte in den Schatten; aber ein leises Streiflicht zuckte auf ihren Lippen – der Geist der Wahrsagung erschien darin, und ein Gedankenblitz des Vergleichs: Therese werde nimmer seyn wie sie.

»Um Gott! was Du sagst, mein Bruder!« antwortete Fabia, »und wäre diese Nachricht mehr als ein Gerücht?«

»Diese Nachricht,« erwiederte Jener mit abgeschlossener Gewißheit in Blick und Ton, »ist diesen Abend durch eine Estafette an den Major gekommen. Constanz ist in der Nacht seiner Ankunft in – an der Bräune gestorben, und – also erstickt!« Dies Letztere setzte der Administrator mit erstickter Stimme hinzu. Das Wasser schoß ihm in die Augen, und vor Fabiens Theilnahme, welche sich mütterlich zu äußern pflegte, das heißt: ob auch zartsinnig, doch überlegen – schämte er sich der brüderlichen Thräne nicht.

»Denke Dir das nicht gar so schwarz –« sagte Fabia leidsam, und bemühte sich, obgleich unverhehlt der eigenen Rührung, ihren Schwager zu trösten. Sie machte dabei zu Gunsten einer dunklen Stunde eine Kraft geltend, welche gewiß zu den schätzbarsten dieser oft verkannten Frau gehörte. Fabia besaß die Gabe eines wunderbar wirkenden Zuspruchs. Vermöge solcher Erfahrungen, die, indem sie das Leben trüben, den Blick des Geistes schärfen, war ihr eine tiefere Einsicht in die Herzen vergönnt, als diese sonst selten gefunden werden dürfte, wo es an Weltkenntniß fehlt, die Fabia nicht erwerben können. – Zuweilen sogar sprach etwas Sibyllinisches aus ihr. Um ihrer Zuverlässigkeit willen glaubte man an sie. Und da Fabia es für eine Pflichterfüllung ihrer Religion hielt, sich der Betrübten anzunehmen: so versäumte sie keine Gelegenheit es zu thun; in ihrem Benehmen lag alsdann eine schmerzvergütende Innigkeit, deren sie gänzlich ermangelte, wo es darauf ankam, sich mit den Fröhlichen zu freuen. Gegen den Gottesdienst der Freude war Fabia stumpf. Und da sie im Geiste der Zerknirschung den Spruch vor Augen hatte: »ein zerschlagenes Herz wird Gott nicht verachten« –: so war ihr nichts von größerem Werth, sich linden und lieblichen Wesens daran zu beweisen, als – eine Wunde. So ging ihr des Schwagers Leid sehr nahe, und zwar um so näher, als sie bedachte, er traure jetzt in gleichem Grade wie um ihren Mann. Und obgleich der verstorbene Bruder desselben ihr ein Fremder gewesen: so empfand doch auch sie seinen Tod in einem Nachgefühl ihrer eigenen Verwittwung.

»Mein Herr und Heiland! was ist doch das Leben!« sagte nun Fabia beschaulicher Weise, als der Affect des Schmerzes besprochen schien, »hier stand er noch vor wenig Wochen – ich sehe ihn leiblich vor mir stehen. Ich habe es Dir nicht sagen mögen und Keinem; aber der Bruder kam mir übel vor. Es giebt einen gewissen Verfall des Aussehens, der doch selten trügt; indeß wähnte ich, er wäre nur angegriffen von den Strapatzen seiner Reisen, auch habe ich ihn früher nicht gekannt. Glaube nur, Bester! das Zusammenleben mit Therese hätte nicht mehr gut gethan. Sie waren einander entwöhnt, wo nicht gar fremd geworden. Und was ist denn die Ehe, wenn sie Jahre zuläßt, in denen man vergnügt ohne einander seyn kann, und nach dem Lebewohl vom Munde des Gatten nun wirklich wohllebt? der Ehe Bund ist so enge, daß er alles Fremdartige ausschließt, und wo Mann und Weib einander viel zu erzählen haben: da fühlt gewiß Eins für's Andre wenig.«

»Du gehst zu weit, Fabia –« entgegnete der Administrator, »Tausende von Ehegatten werden durch Pflicht und Verhältniß getrennt, und lieben sich dennoch.«

Darauf sprach Frau Fabia: »es mag eine Liebe geben, die in der Trennung sogar besser besteht; aber es ist nicht die, welche ich meine. – Was nun Theresen anbetrifft: so dürfte ihr ehelich Gefühl schwerlich unter den ersteren Fall zu rechnen seyn. Wer weiß, wie sehr wir Ursach hätten, für diese Auflösung den Herrn zu preisen! – Du weißt ja selbst, wie verbitternd Scheidungen anderer Art –« der Faden ihrer Rede riß bei dieser geschwisterlichen Beziehung ab, und der Administrator schaute düster wie in eine Ferne, der Zukunft oder der Vergangenheit.

»Was soll nun aus Theresen werden?« fragte Fabia, und wendete die Richtung ihrer Gedanken, »ohne Vermögen, ohne einen Halt, der Lust am Fleiß, wie jeder Geschicklichkeit ermangelnd, die da Nutzen schafft –«

Der Administrator lächelte dieser unnützen Sorge. »Ich glaube, gute Fabia,« sagte er mit jener Ironie der Duldsamkeit, die nur ganz schwach eine Schwäche andeutet, »wir dürfen deßhalb unbekümmert seyn. Das Glück selbst scheint sich ihrer angenommen zu haben, und Wen dies sich zu eigen macht, der braucht nichts als ein paar Flügel des Leichtsinns, und diese hat Therese schon.« Und nun erzählte er seiner Schwägerinn halblaut, was er vom Major erfahren. Er schloß mit den Worten: »so läßt sich nun absehen, wie Alles kommen werde. Wenn es nun ein schöner Zug von Dir ist, liebe Fabia, daß Du das Unglück achtest, und Dem vorzugsweise freundlich bist, Den – um in Deiner Sprache zu reden – der Herr heim sucht: so laß uns Theresen mindestens nicht zürnen, daß sie verdienstlos eine Begünstigte scheint; daß noch vor dem Verlust der Ersatz schon Wurzel gefaßt, wie ein neuer Kinderzahn schon glänzend dasteht, ehe der erste fast schmerzlos gebrochen. – Auch das Glück kommt von Gott, und wir schmähen den Geber, wenn wir vom Glücklichen nicht glimpflich denken.«

Mit einem bekränkten Lächeln antwortete Fabia: »o! ich will ihr alles Gute gönnen und wünschen. Der Allwissende sieht ins Innerste, und weiß allein, ob wir treu erfunden werden oder nicht. Daß ich mich fortan auch der leisesten Verurtheilung enthalte: das ist gelobt. Ach mein Bruder! welch ein erfahrungsreicher Tag der heutige! seit gestern Abend ist mein Herz nicht aus der Presse gekommen. Ich war in Bühle – Du weißt es. Frankensterns sind da, und die Gräfinn hatte mir geschrieben. Sie ist unschuldig – und sehr unglücklich. Eine Centnerlast ist von meiner Seele gewälzt; aber ich könnte doch nicht sagen, daß mir leicht zu Muthe wäre; denn der Vorwurf, wie Unrecht ihr geschehen, wenn auch in Gedanken nur, drückt mich nieder.« Und nun erzählte auch Fabia ihrem Schwager, wie sie die Gräfinn und ihren Vater angetroffen, und wie Albane sich erklärt, hinsichtlich jenes empörenden Verdachts. Sie endete ihren Bericht mit den Worten: »und so hat denn mein Mann um ein Nichtiges sein Leben verkürzt, und das meine mir verkümmert!«

»Sieh, Fabia!« sagte der Administrator nach einer ernsten Pause, »hätten wir die göttliche Kraft, einem Menschen zu vertrauen: dann wäre uns das nagende Gefühl bitterer und fruchtloser Reue erspart, und wir hielten uns an etwas Besseres, als an Beweise. Unsere Sinne sind falsche Zeugen – nur das Herz spricht wahr, in dem Glauben an das ewig Gute.«

Ein Gedenken an Sylvius, an das, was in seinen eigensten Angelegenheiten ihm einst das Licht dieser Ueberzeugung verdunkelt – schwebte schattenähnlich vor ihm auf. »Und Josephine?« fragte er mit verhaltener Stimme.

»Sie grüßt Dich – grüßt Dich tausendmal!« antwortete Fabia. »Sie wird für einige Zeit in Bühle bleiben?« fragte der Administrator abermals, und ein Gefühl, gemischt aus Wunsch und Zweifel, ließ ihn seiner Schwägerinn diese Antwort in den Mund legen. Aber Fabia sagte nicht ja, nicht nein. Sie legte die Hand an die Stirne, und sprach: »was wird nun Romana dazu sagen? Seine Frau ist ihm so nahe – und er hat es keinen Gewinn; die Tochter ist ihm entrückt, und er muß es geschehen lassen. Und wenn Albane Josephine nicht mehr von sich ließe: wer könnte es hindern? es ist einmal Ihr Kind!«

»Wer es hindern könnte?« entgegnete Herr Prälat lebhaft und mit Wärme: »Du, Fabia! unbeschadet des mütterlichen Vorrechts ist Josephine auch Dein, durch die treue Mühe der Erziehung. Du hättest, dünkt mich, auch ein Wort dagegen zu sagen, daß das arme Mädchen in jener unheimlichen Umgebung verkommen sollte. Josephine ist an uns gewöhnt – es wäre auch hart für den armen Sylvius, wenn er ihre Nähe – dies einzige Glück, was er ohne Vorwurf genießt – einbüßen sollte.«

»Wirst Du mit ihm sprechen?« fragte Fabia mit kranker, krampfhafter Stimme, »mein Kopf glüht und hämmert; ich werde nun gehen, und mir einen Umschlag von Kräuteressig geben lassen.«

Noch eine kleine Weile hielt ihr Schwager sie zurück und berieth, auf welche gleichlautende Weise diese unverweigerliche Mittheilung an den Freund beschränkt werden könnte und müßte. Dann eröffnete er ihr den Entschluß zur Reise, was der nöthigen Gestalten wegen auch nicht geeignet war, Fabiens tobenden Kopfschmerz zu beschwichtigen. Es giebt jedoch einen Zustand des Leibes und der Seele, der die Welt in Trümmer brechen sieht, ohne etwas mehr als aus Schwäche zu wanken. Mit diesem wankenden Schritte entfernte sich Fabia, und Herr Prälat mogte seinem Freunde die Ruhe der kommenden Nacht nicht stören. Ihm selbst kam und verging sie schlaflos. Als aber der Morgen frühlingshell und heilig erwachte, da ging aus dem Chaos seiner Gedanken ein neues Licht hervor, und der Gott in seinem Busen ordnete die finstern Kräfte. –

Nachdem der Administrator nun den Brief an den Major gelesen, und sich gleichsam mit eigenen Augen von dem Geschehenen überzeugt hatte, sah er die darin enthaltenen Umstände wie mit andern an. Gesammelten Geistes hatte er eine lange Unterredung mit Sylvius, und betrieb dann seine Abreise, die in der Frühe des nächsten Tages statt haben sollte.

Die Offiziere in Corpore kamen, um dem Administrator ihr Beileid bei dem Hintritt seines Bruders zu bezeugen; auch die Nonne, die Repräsentantinn der schlafen gegangenen Geistlichkeit des Stiftes, fehlte nicht, seinem Verweser ein Wort des Antheils und der Herzlichkeit über den Entschlafenen zu sagen. Sie äußerte sich dabei in der ihr eigenthümlich milden Gelassenheit, die auf der Höhe des Alters und eines erhobenen Charakters mit Ruhe dem Wechsel des Lebens zusieht. – Veronica sprach: »besinnen Sie Sich einmal, Frau Fabia! sagte ich es nicht immer, daß die arme Therese noch nicht überhin wäre? solch glücklicher Leichtsinn ist oftmals zu großer Beschwerde bestimmt, und wer immer lustig und lässig seyn will, muß sich endlich durcharbeiten. Das Leben fordert Ernst, und selbst das Glück ist gewichtig und trägt sich schwer, wie vielmehr das Unglück! – Jener berühmte Maler aus Modena, derselbe, der die heilige Nacht gemalt hat, o wunderschöne! trug sich an einem Geldsack todt. Wollte man Therese anspannen, fleißig zu seyn, so käme es mir vor, als sähe ich einen Schmetterling an einer dräthernen Kette sein Futternäpfchen ziehen, wie man Vögel abzurichten pflegt. Ich gönnte es ihr, daß sie sich von Blumen nährte.«

Ein wenig Wermuth bitterte auf Fabiens Lippen, da sie antwortete: »wenn ich die Schwägerinn so eitlem Treiben hingegeben sah, so gänzlich unbekümmert um das Eine, was Noth ist, dann dachte ich wohl an jene Stelle in den Psalmen, die da heißt: es wird ein grausamer Engel über Dich kommen –«

»Das ist denn der Gasthof zum Engel für die Aermste gewesen –« entgegnete die Nonne mit einem stillen Seufzer. Die beiden Prophetinnen theilten sich flüsternd mit, was sie von der Zukunft der jungen Wittwe dächten. Veronicas Schauen war ein gläubiges im Geist der Liebe, die allen Menschen Gutes wünscht, und das Beste gönnt. Und weil das Versagte uns das Höchste scheint, und die Reinheit des Ideals uns für den Nichtbesitz entschädigt: so that sich der Himmel vor ihr auf, der Himmel auf Erden, als wofür sie eine Ehe hielt, aus gegenseitiger Neigung geschlossen.

Der Fernblick der Frau Fabia hatte die Erfahrung für sich. Indem sie wußte, daß eine Frau auch Tugend und Treue bedürfe, um ihren Mann auf die Dauer zu fesseln, setzte sie das Glück in den Selbstgenuß eines reinen Bewußtseyns, und Theresen deshalb in den Fall mancher trüben Stunde, die sich von vergangenen Tagen herleite.

Frau Fabia mag auf ihre Weise Recht haben. Aber eben so gewiß ist es, daß jenes schöpferische Genie des Glückes, daraus die Poesie des Lebens, ja, das Leben selbst hervorgeht – in etwas Unbewußtem besteht, und daß die Erfüllung unserer Pflichten nicht hinreicht, uns selig zu machen, hier und dort. –

Unter den Pensionairen des Klosterhauses von Sanct Capella hatte nur Einer keine Notiz von dem traurigen Ereigniß genommen: Hauptmann Moorhausen, und der Administrator, trotz seiner Zerstreuung, ihn doch vermißt, da der gutmüthige Fabulist einer wahrhaften Theilnahme an Allem, was diese Familie betraf, sonst nie zu ermangeln pflegte.

Gegen den Abend – Sylvius de Romana war von einem einsamen Spaziergange in die Wildniß des Waldes noch nicht zurück – Frau Fabia für ihren Schwager mit Einpacken beschäftiget, und Herr Prälat allein in seinem Zimmer, um einiges Nöthige für seine Abwesenheit zu besorgen; da trat der Hauptmann bei ihm ein.

Obgleich Jener verdüsterten Blickes von seinem Schreibpult aufsah, als ob der Flor um seinem Arm ihm vor den Augen läge, so bemerkte er doch, er sähe den Hauptmann in der Staatsuniform. Die weißen Glaçee-Handschuh, blendend neu, doch mit einem gelblichen Schein vom langen Liegen – glänzten leichenförmlich mit gekreuzten Fingern auf dem Invalidenstocke, und deuteten trauerfeierlich auf den Tact der Condolenz, da von festlicher Eleganz anderer Art hier nicht die Rede seyn konnte. Seine Miene drückte den Anstand des Bedauerns, und einen Hinterhalt von Selbstgefälligkeit und Absicht aus. Er versicherte seine Theilnahme, und gemahnte in dem allegorischen Schwunge, den er dabei nahm, an die Sprache eines altmodischen Neujahrswunsches, der unter seiner Vignette, gepreßt mit den Insignien der Zeitlichkeit, einen Amor mit flammendem Herzen verbirgt, das im Verhältniß seiner Größe zu dem kleinen Gott jenes zwanzigpfündige anschaulich machte, wovon er einst erzählt.

Der Administrator dankte in Kürze und lächelnd. Er erkundigte sich nach des Hauptmanns Befinden und sagte, daß, da er ihn diesen Morgen unter den andern Offizieren nicht bei sich gesehen, er beinahe gefürchtet, Jener, welcher bisweilen an krampfhaften Zufällen litt, hätte sein Zittern wieder bekommen.

Der Veteran erröthete, faßte unter die straffe Halsbinde, räusperte sich und sprach: »au contraire, Werthester! ich war nie gesünder, und fühle mich wie verjüngt. Meine Natur –« »ist vortrefflich; ich weiß es –« unterbrach ihn der Administrator, der sich heute nicht stark genug fühlte, den Kampf mit dem Riesen dieser Imagination zu bestehen.

»Von Zittern keine Spur –« setzte der Hauptmann die Ruhmrede seiner Gesundheit fort, »und nur aus einem festen Grundsatze kam ich nicht früher. Mir widersteht die übliche, oder vielmehr üble Sitte, daß man mit seiner Theilnahme zudringlich werde, und en Masse über Einen herfalle, dem ein Trauerfall begegnet ist. Leidtragende mögten auf diese Weise unterliegen – und Delicatesse in der Freundschaft geht mir über Alles.«

»Sie ist die Grazie des Gefühls –« entgegnete der Administrator wie mit trübem Spott; doch konnte er nicht umhin, in dem, was Moorhausen gesagt, zum erstenmale etwas Wahres zu finden.

»Grazie! ja, auf Ehre!« antwortete jener, »das ist das rechte Wort.« Und das fletschende Lächeln, womit er es aussprach, gab den Inbegriff weiblicher Anmuth in die widrige Gewalt eines Fauns. »Diese Eigenschaft,« setzte er mit Grimasse hinzu, »ist jedoch nicht Jedermanns Sache, und ich glaube, ihr verdanke ich es allein, daß mir alle Leute gut sind. Ich muß etwas Anziehendes an mir haben – wo aber steckt es? dachte ich oft. Mir selbst unerklärbar. Als ich ein Knabe war, schenkte mir eine alte Pathe einen Magnet, in Gestalt einer Seejungfer – wir können nicht ableugnen, in manchem Sinnbild wirkt Magie. Mein Glück bei dem schönen Geschlecht war enorm – ich könnte Ihnen zum Erstaunen davon erzählen.«

Herr Prälat entsetzte sich vor dieser Möglichkeit und sprach hastig in jener flüchtigen Tonweise, die nicht zweifeln läßt, man wünsche verschont zu bleiben: »zu besserer Zeit, Capitain! ein andermal wird mir das viel Vergnügen gewähren.«

Doch nichtsdestoweniger verfolgte dieser Unabweisliche den Lauf der Rede wie folgt: »die Weiber – ich sage Ihnen –«

»liefen davon?« fiel der Administrator mit verzweifelndem Humor ein. Der Hauptmann stutzte betroffen, und jener setzte vergütend hinzu, »ich meine, aus Furcht vor dem Sieger.«

»Ah so!« antwortete der Cäsar des Invalidencorps, zufriedengestellt, »diese kleinen Feinde wissen sich in ihren Waffen zu behaupten. Doch Wer sich stark fühlt, der hüte sich nur vor einer Delila, die ihn an die Philister verräth. Auch dem niedlichsten Satan hätte ich mich nicht bei einem Haare fassen lassen. – So oft ich sogar auf eine Dame im Spiel pointirte, Tausend gegen Eins: ich gewann. Aber ein Mann von Ehre benimmt sich auch discret, wo er gewiß ist, sein Fortüne nicht zu verfehlen.«

Der Administrator warf einen vielsagenden Blick auf den kahlen Scheitel dieses Simsons, und rief mit einem stillen Seufzer das Glück an, statt seiner ein Thor der Erlösung zu erschüttern, daß er frei würde. Es verließ sofort seinen Prahler, der den Stuhl heran schob, als wolle er dem Zwecke seines Besuchs näher kommen – und entrückte ihm das Ziel.

»Jetzt freilich,« sprach der Hauptmann, »habe ich manchen bedenklichen Augenblick, daß ich die Gunst der Gelegenheit mir entfliehen ließ. – Was nützt mir all' mein aufgespartes Vermögen? mein schönes Geldchen, und mein Gut? ich genieße es allein. Das macht grämlich vor der Zeit. Ich bedürfte Jemandes, der mich erheiterte.«

Der Administrator lächelte ein wenig skoptisch, indem er erwiederte: »Wer so Viel in sich trägt, wie Sie, dächte ich, kann kaum in den Fall kommen, durch Gesellschaft zu gewinnen.«

»Den Teufel auch, mein Freund!« antwortete der martialische Moorhausen, durch den leisen Stich, der ihm schmeichelnd versetzt worden, empfindlich gereizt. »Ein Mann von so ungeheuern Erfahrungen wie ich, ist nur um so mehr einsam, und bedarf seines Gegensatzes, eines kindlichen Wesens, dem er imponirt, das er glücklich macht, und welches ihn ergötzt – und so habe ich denn längst reiflich überlegt und erwogen – Hm! Hm! es wäre das Zuträglichste für mich, ich heirathete. Nur schwankte das Schiff meiner Gedanken, nach allen Richtungen der Windrose; ich wußte nicht recht, wohin mich wenden? bis ich denn endlich wie durch einen plötzlichen Ruck fest in meiner Wahl geworden bin.«

Der Administrator starrte den Hauptmann an. Er dachte an eine Windsbraut, und wie das Schifflein, dem darnach gelüstete, vermuthlich auf eine Sandbank gerathen wäre. So sprach er nicht ohne einen Blick mitleidigen Ernstes auf den kühnen Segler: »Heirathen? Sie scherzen, Capitain.«

»Nicht daß ich wüßte –« antwortete Dieser, und zog die Stirn kraus. »Mir ist wahrhaftig in Gott! nicht spaßerlich zu Muthe. Auch wäre das zur Unzeit, Freund! weil aber die rechte Zeit treffen, ein Punkt ist, den ich stets im Auge gehabt – weshalb man mich auch beim Regiment den glücklichen Zieler zu nennen pflegte: so zog ich mich diesen Morgen in mein Zimmer zurück, und wartete bis jetzt. Ist das Gemüth einmal afficirt: so wird auch der beste Mensch leicht in Harnisch gebracht gegen eines Andern Anliegen. Man sagt: Weilen bringt Gefahr; aber die Eile thut es nicht minder. So erinnere ich mich, daß als meine Mutter im Sterben lag – es dauerte lange, und es ist schrecklich, daß auch Leute von Rang so ringen müssen – kamen Schlösser, Schreiner, und so weiter – um die Arbeit für die Leiche, die es noch nicht war, zu erbitten. Darob ergrimmte mein Vater dergestalt, daß er einen jener armen Handwerker, die um das liebe Leben zu fristen, dem Tode vorausgeeilt waren, beinahe gemißhandelt hätte. – An diese Scene mußte ich unwillkürlich denken, da ich Anstand nahm, früher als in diesem Augenblick mich Ihrer gütigen Fürsprache bei der Wittwe Ihres Herrn Bruders zu versichern. Uf! nun war's heraus. –«

Der Administrator zweifelte jetzt nicht mehr, daß Moorhausen den Verstand verloren hätte. Er meisterte daher sein sprachloses Staunen, und indem er in diese fixe Idee einzugehen schien, sagte er so vernünftig als möglich: »in der That, Sie fühlen fein; es wäre wirklich ein Stückchen Arbeit, was Sie in Theresens Hand ansprächen. –«

Ein Lächeln der Selbstzuversicht verklärte den alten Ehestandscandidaten. »Sie meinen,« sprach er, »die schöne Frau würde mir den Kopf warm machen? thut nichts. Die kleine Hexe hat mir's angethan – werde schon mit ihr fertig werden. Eine Gardinenpredigt hält Die nicht, dafür stehe ich Ihnen. Und diese fatale Theologie macht nur verstockte Sünder und Langeweile. Wir liefern kleine Gefechte, allerliebste Scharmützel. Sie giebt mir Eins drauf – ich aber liebe das.« »Capitain Moorhausen,« versetzte Herr Prälat, dessen Stimmung nicht darnach war, diesen Unsinn länger auszuhalten, »Sie sind ein eben so einsichtsvoller als expediter Mann. Wie zeitig Sie auch in dieser Angelegenheit kommen, ich habe dennoch Grund zu glauben, es geschähe in jedem Sinne zu spät. Sollte meine Schwägerinn sich wieder verehelichen: so steht ihr der Mann, den sie wählt, zweifelsohne schon zur Seite. –«

Dem Hauptmann entfiel der Stock, sein Gesicht verlängerte sich zusehends. Der Administrator bückte sich nach dem Bambus, und legte ihn in die Hände, an denen jenes erwähnte Zittern sichtlich zu werden anfing. Und mit unverkennbarer Redlichkeit redete er sofort: »sehen Sie diese zutrauliche Erklärung meiner Seits nicht für einen Korb an; auch reiche ich Ihnen hiermit nicht den Stab zum Weitergehen in dieser Absicht. Nein! nur einen Stützpunkt auf dem einsamen Gange, der unter manchen Umständen, und in gewissen Jahren auch sein Gutes hat. Zuweilen borgt der Geist der Lüge die göttliche Stimme, welche einst sprach: es ist nicht gut, daß der Mensch allein sey.«

Der Hauptmann verstummte. Er bat nur noch, daß sein Vertrauter auch schweigen möge. Die Glaçeehandschuh platzten bei dem Händedrucke des Abschieds, den er bald darauf nahm. Der Krampf zog ihm die Brust zusammen, das Herz schlug Chamade. Er ließ die Flügel tief hängen – und selbst der kleinste Querpfeifer bei seinem ehemaligen Regiment würde diesen Preiswürdigen jetzt nicht »den glücklichen Zieler« genannt haben.

Josephine war nur ein paar Wochen in Bühle. Obgleich – nach der Zeitrechnung des Geistes – fast kein Augenblick verging, in welchem ihre Gedanken nicht hinüber schwebten nach St. Capella und weiter noch, da sie ihren Schutzfreund auf Reisen wußte –: so machte doch ihr jetziger Aufenthalt sein Recht auf dies empfängliche Gemüth geltend. Die traumhafte Stille des Schlosses, der melancholische Reiz seiner Umgebungen, die einsiedlerische Schwermuth der Gräfinn, die selbst der Umgang ihres liebenswürdigen Kindes nicht zerstreuen konnte – die unheimliche Welt ihres Vaters, welche schweigsam die magischen Kreise zog, wirkte, vereint mit der Stimme der Natur, auf das junge Mädchen, dessen Herz jedem tiefen Eindruck offen war. Der Frühling hatte sich indeß entfaltet, und prangte in völlig aufgeschlossener Schönheit. Auch in die dumpfen Zimmer und Säle des herrschaftlichen Hauses von Bühle drang sein milder Hauch, und die warmen Sonnenschatten von den aufknospenden Blättern der Linde spielten an den kalten Wänden, und mischten ihren lebendigen Schein mit dem todten Ernst der Ahnenbilder. Der Brunnenstrahl blitzte vielfarbig, wie ein Ueberfluß von Diamanten, und sein eintöniges Rauschen weckte eine Quelle der Ahnung in dem Herzen seiner düstern Anwohner, und floß mit dem Strom von Lust, Leid und Leben zusammen, der die verjüngte Schöpfung schwellte. An einem der schönsten Abende hob Graf Frankenstern den Blick vom Boden auf, über den die Sonne lange goldene Brücken schlug, so daß die Möglichkeit ihm einleuchtete, sie zu passiren. – Er hatte den lieben langen Tag mit so tief gesenktem Auge vor sich hin gesehen, als wolle er das Räthsel des Daseyns ergründen; doch als jetzt das himmlische Licht über diesen Abgrund schien, verlangte er, Josephine solle ihn in den Garten führen. Dies war unerhört. Seit Jahren hatte der Graf keinen Spaziergang gemacht, und nur den Sitz im Sessel mit dem Polster der Kutsche vertauscht. Freudig gehorchte das Mädchen, und reichte schnell, ehe der Vorsatz ihn gereue, Hut und Stock dar, und schlang ein kleines Tuch von Persischer Seide zur Fürsorge um seinen Hals. Die Gräfinn wollte nachkommen.

Vorsichtig leitete Josephine den schwachen Greis die Treppe hinab, und unterstützte ihn zart, doch jugendkräftig. Seine gleitenden Schritte, das fühlbare Wanken des verfallnen Körpers bewegten ihr das Herz im Busen, und ihr elastischer Fuß ging so langsam als möglich. Der Bediente öffnete das eiserne Gitterthor und geleitete seinen Herrn mit theilnehmenden Blicken von ferne. Sie traten in den grünen Bezirk. Alles stand hier noch unverändert; nur die jungen Bäume waren groß und stark geworden, seit der Graf sie zum letzten Male gesehen, einige hingen voll Blüthen, und schimmerten mit weißröthlichen Büscheln lieblich zwischen dem finstern Gehölz.

Josephine athmete tief – und ein leiser Seufzer, ein Odem von langem Weh, schwebte auf den stummen Lippen des Grafen, und vermischte sich mit der Wonne der süßen, ambrosischen Luft. Beinahe taumelnd vor Schwäche, strebte der Graf doch weiter und weiter, obgleich Josephine ihn bescheiden aufmerksam machte, es mögte ihm für's Erste wohl zu viel werden. So waren sie an einen Platz gekommen, der eine schöne Aussicht bot. – Unter einer breitästigen Esche winkte ein weißer Gartenstuhl, so hart und kunstlos, als hätte ihn ein Eremit geflochten – zur Ruhe. Der Graf ließ sich mit Hülfe seiner Führerinn darin nieder, und Josephine setzte sich schmeichelnd zu seinen Füßen. Es war eine kleine Anhöhe. Der Wind kräuselte sanft das grüne Meer der Saat, ein lindes Säuseln, wie von Geisterflügeln, regte sich in den Wipfeln des Baumes. Eine ahnungsvolle Stille rings umher! – Der Graf senkte das Gesicht, um sein Auge an dem frischen Anblick zu stärken. Er sah die Ernte im Geist – und die dünnen Halme seines Haupthaars weheten silberweiß auf und nieder, als wäre das Feld nun reif und der Schnitter in der Nähe.

»Die Welt ist doch schön!« sagte er nach einer beschaulichen Pause, »wenn das Leben so hervorgeht, und Alles wach wird: wach!« Und mit fallender Stimme setzte er scheu und furchtsam hinzu: »gehst Du gern schlafen, mein Kind?« –

Josephine fuhr aus träumerischem Sinnen empor. Sie antwortete: »ich? wenn ich müde bin, sehr gern. Der Schlaf, die Ruhe der Wesen, ist etwas recht Holdes. In sanfter Betäubung stärkt sein Labsal. Wer mögte ihn nicht lieben, diesen Wohlthäter? – Auch beunruhigt mich nie ein böser Traum – höchstens träume ich seltsam. In der verwichenen Nacht wärmte ich einen Schneekönig an meiner Brust – der war erstarrt; plötzlich flatterte er auf, und verschwand in den Wolken – und traurig sah ich ihm nach.«

»Schneekönig?« erwiederte der Graf, »das ist ein kleiner Vogel, nicht wahr?« Und wie aus einem Geklüft seines Gedächtnisses tönte ein Echo jener Stelle: »der Mensch wird geboren zu leiden, wie die Vögel schweben, emporzufliegen.« – In vergleichendem Sinne sagte er: »die Vögel des Waldes sind glücklicher daran als wir; sie steigen aufwärts mit fröhlichem Gesange – die Tiefe nur ist still und schrecklich. Wer aber schläft, ist allein, ist in Gefahr, und schließt sich sein Auge, dann –« Josephine sah mit offenem blauen Auge zu dem Greise auf, der unter einem Schauer verstummte, ehe er noch ausgeredet hatte. Sie sprach mit leidsamem Widerspruch: »das will mir nicht so vorkommen, lieber Herr Graf. Die Menschen sind einsam, und daß sie es wissen, ist ihr größter Schmerz. Wer aber schläft – und wäre es auch im Grabe – genießt unbewußt Frieden, und Gott schützt den Schlummer des Gerechten! –«

Graf Frankenstern schien sichtlich erschüttert durch diese Rede des Mädchens. Mit zitternder Lippe wagte er etwas auszusprechen, was ein halbes Säculum nicht laut in ihm geworden war: das Bannwort seines Dämons. Er sah Josephine dunkeln Blickes an, und sagte: »so fürchtest Du Dich nicht vor dem – Tode – mein Kind?«

Ein unsterbliches Lächeln verklärte mit der Abendsonne zugleich Josephinens reine Züge. »Nein! gewiß nicht!« versicherte sie mit Innigkeit. »Ich halte dafür, der Tod sey ein verkannter Engel; kein Bote der Schrecken. Er kommt ja auch nur auf Gottes Geheiß: wie sollte er einer kindlichen Seele nicht willkommen seyn – früh oder spät! – Das kleinste Blümchen zerstiebt, und wenn seine Zeit da ist, erblühet es auf's neue; die Sonne geht unter und schöner wieder auf, und das Herz, welches selbst im Traume den kleinen Schneekönig erwärmt, sollte erstarren – und nicht für den Himmel schlagen? – Könnte ich glücklich machen, Alle, die ich liebe, ich gäbe gern die kleine Blume meines Lebens hin.« Ein paar Thränen rollten, als Josephine dies sprach, von ihren Wangen, und der Thau auf einer jungen Rose glänzt nicht schöner.

Dies war der wunderbare Moment, der eine gequälte Seele erlösete. Der Graf athmete auf mit leisem Stöhnen, wie Einer der erwacht, und sprach: »ich sehe ein, daß Du recht hast, mein Kind, und wie bleiern meine Augen geschlossen gewesen. Mir ist, als ob ein Gespenst verschwände – als ob es Morgen würde. Mir ist recht klar. Nun will ich erst noch einmal zu leben anfangen. Sieh! was dort so golden funkelt, ist das nicht Sanct Capella? vorhin erkannte ich es deutlich. Wir wollen nun nächstens einmal hinüber fahren.« Josephine lächelte wehmüthig, und das Herz war ihr unsäglich schwer. »Und glaubst Du wohl,« fragte der Greis abermals nach einer stillen Weile, »daß ich die Abendglocke höre?« Dem Mädchen kam ein Grauen an: es war fast unmöglich in dieser Entfernung. »Ich bin doch müde von dem kurzen Gange,« sagte er mit matter Stimme, »laß mich ein wenig an Dich lehnen – oder ist Deine Brust auch krank? –«

Josephine umschlang mit weichem Arm seine Schulter, und drückte das sinkende Haupt sanft an sich. Sie schwieg bange, und schaute geängstet aus, wo die Gräfinn nur bleiben möge? Da kam Albane. Das leichte Rauschen ihrer Schritte, den Gang, der ihm so treu durch die Wüste des Daseyns gefolgt, vernahm ihr Vater noch einmal. »Mir däucht, ich sähe meine Frau –« stammelte er kaum verständlich, »warum sprichst Du so leise? – –« Und jetzt sprach der Graf nicht mehr, und athmete schwächer und schwächer. Die Gräfinn knieete in's Gras und faltete die Hände; ihr Gebet war ein unaussprechlicher Seufzer. Josephine glühte wie eine Fackel. Angst und Abendschein gaben ihr die flammendes Gestalt eines Cherubs. Sie glich dem Genius des Todes, wenn er sich des müden Menschen erbarmt: dem Sinnbild ihrer eigenen Vorstellung. Mit bebender Hand streichelte sie den kühlen Scheitel, den der Gedanke verließ, und dessen Sinne schon geschlossen waren. Sie legte den Finger prüfend an den Puls der Schläfe, und fand ihn stockend – nun stand er stille.

»Er ist gestorben –« sagte Josephine mit der allerleisesten Stimme, als könnte ein Laut ihn wecken.

Albane schwieg noch immer und weinte nur heftig. So blieb die Gruppe lange in heiligem Verstummen.

Jetzt schlief Josephinen der Arm ein; denn der Todte ward starr und schwer. Sie lehnte ihn zurück in den Sessel, und die Seinen schauten nun in sein erblaßtes Angesicht.

»O mein Vater!« sagte die Gräfinn mit heißen Thränen, »kann man leichter und schöner sterben, als Du? Dein ganzes Leben war nur eine Flucht vor Dir selbst, eine Furcht vor dem Tode, und freundlich erschien er Dir, und ereilte Dich zu lieblicher Stunde.« In zerrinnenden Bildern sah Albane sein hartes Geschick und was sie mit ihm ertragen. Und so ergoß ihr gepreßtes Herz sich in den bekannten Strophen: »schlummre wohl indeß, du träge Bürde seines Erdengangs! ihren Mantel deckt auf Dich die Nacht, und ihre Lampen brennen über Dir im heil'gen Zelte. – «

Es schien der Gräfinn bedeutsam, daß ihr Vater unter einer Esche verschieden wäre, welchem Holze dieses Baumes man eine wundstillende und schmerzheilende Kraft zuschreibt. –

Die Sterne brannten schon am Himmel, und ihr feierliches Licht fand jene Gruppe noch unverändert. Jetzt fing die Abendluft an kühl zu werden; die Gräfinn erschauerte in jenem Frösteln, welches man nur in der Nähe des Todes empfindet, und auch Josephinens blühende Wange war sehr blaß. – Auf einen Wink der Ersteren ward der weiße Gartensessel mit seinem stillen Inhaber sacht und sanft aufgehoben, und nach dem Schlosse getragen. Hier ließ man die Vorhänge tief herab, und die entseelte Hülle auf ein Lager nieder. Viele Kerzen wurden angezündet, auf daß es hell würde um den allerdunkelsten Schlaf. Albane und ihre Tochter setzten sich zu beiden Seiten des Verstorbenen, und blieben die Nacht hindurch bei ihm, weil sie fürchteten, er könne im Starrkrampf liegen. Hätte der Graf dies vorausgesehen: der traute Anblick dieser ersten Nachtwache würde ihn sein Lebelang beruhiget haben. An der Kerze, welche ihren geheimnißvollen Schein auf seine schweigsamen Züge warf, blühete ein glimmender Brief – dies Auge aber war geschlossen, und las keinen mehr. Es hatte sich für jenen Freibrief geöffnet, der nicht mit Dinte geschrieben ist, oder Funken, oder in den rinnenden Sand der Zeit, sondern mit dem Geiste des lebendigen Gottes.

Draußen erwachte der Gesang der Lerche, und vor der goldnen Leuchte des Tages erbleichte das nächtliche Licht. Ein purpurner Schimmer breitete sich mählig über den Leichnam aus – da verließ ihn die Gräfinn unter den Flügeln der Morgenröthe, und begab sich zur Ruhe, deren ihre erschöpften Kräfte bedurften. Auch Josephine wankte von hinnen, zu versuchen, ob sie ein wenig schlummern könne? doch ihre Pulse klopften wie im Fieber, und das Herz schlug hoch und ängstlich unter dem weichen Sterbepfühl ihres Großvaters.

Wie Albane es sich im Stillen gelobt: so geschah es. Die Section des Grafen ward, nachdem der Arzt die Auflösung desselben dargethan, ohne Geräusch vollbracht, und dann – da kein eigentliches Familienbegräbniß in Bühle vorhanden war, sein sterblich Theil in Sanct Capella beigesetzt. Das Herz ihres Vaters aber blieb, in einer Urne verwahrt, ihr Eigenthum. – Um jedes Aufsehen zu vermeiden, ging die Bestattung zu später Zeit vor sich, und nur das Heer der Sterne gab dem düstern Leichenzuge Glanz und Geleit. Still, wie der Thau der Nächte sinkt, fielen Albanens Thränen, und Josephine dachte mit Wehmuth daran, wie der Graf wenige Augenblicke vor seinem Abscheiden von der Fahrt nach dem Stifte gesprochen. –

Nachdem der Administrator seiner brüderlichen Pflicht vollkommen und nach bester Einsicht genügt, kehrte er, zufrieden mit dem Abschluß dessen, was ihn hierher gefordert, nach seiner Heimath zurück. Auf der langen Reise hatte er Muße, über dies Fragment seines Lebens nachzudenken, und auch die tiefsinnige Neigung dazu. Seine Brüder waren nun beide todt. Die Beschäftigung mit den Papieren des Jüngstverstorbenen hatte ihn dem Constanz inniger verschwistert, als das Vermächtniß der mütterlichen Natur ihn jemals fühlen lassen, daß sie ihnen Einen Vater gegeben. Er nahm ein besonderes Gefühl von Einsamkeit mit hinweg – er stand nun allein. Wunderbar genug war Therese, welche länger als zwei Jahre in häuslicher Verbindung mit ihm gelebt, ihm fast entfremdet worden, im Gegensatz zu der Erfahrung, nach welcher eine Auflösung durch den Tod Familienbande selten erschlafft, sondern sie vielmehr enger zieht. Auch hätte die Weite den Verknüpfungspunkten ihrer gegenseitigen Anhänglichkeit wohl am wenigsten geschadet. Ein anderer Schutzfreund nahm sich ihrer innigst an, und solch ein Edelstein für weibliche Fassung ist immer ein Solitair. Diese Regel ist ohne Plural. –

Es lag nicht in Theresens Wesen, Schmerz zu heucheln, mit Thränen Prunk zu treiben, oder sich in der Rolle einer Artemisia zu gefallen. Mit bewundernswürdiger Gewandtheit veränderte sie den Faltenwurf des Trauerflors, und verhüllte nur ganz leicht die Brust, voll von dem Wunsche, das Leben möglichst zu genießen, und kaum die Blöße der flatterhaften Schultern, welche keinen Kummer tragen könnten. So hatte die schöne leichtsinnige Frau es ihrem Schwager keinen Hehl, daß sie, sobald der Anstand es nur irgend erlaube, den Lieutenant Feldmeister heirathen werde, und sich von diesem Bündniß des Glückes Fülle verspreche. Mit jenem entziffernden Instinkt der Schlauheit, welche unser Geschlecht in den geheimsten Zügen eines Männerherzens lesen läßt, verschwieg sie ihm die Leidenschaft, welche diese Bürgschaft leistete, und sprach nur von den soliden Eigenschaften des künftigen Gatten, von seinem Erbvermögen, was sie über jeden Mangel hinwegsetze und sicher stelle; als ob sie darin die Gewähr fände, welche zunächst auf dem Grade ihrer eigenen Zuverlässigkeit beruhete.

»So dürfen wir auch hoffen,« setzte Therese wie zum Facit der aufgezählten Summe ihrer Hoffnungen hinzu, »daß die gute Baronin uns ihr schönes Gut vermache. Sie hat schon ein Wörtchen davon gemunkelt. Dann lebe ich den Sommer über hier, glückselig wie eine kleine Fee in meinem Blumenreiche. Den Winter aber bringe ich in der Stadt zu. Eine Offiziersfrau steht immer ein wenig auf freierem Fuß, auf halbem Sold ihres Standes gleichsam, und ist von den Philistern entlassen. – Sieh! so geht bei uns das Sprüchwort in Erfüllung, wo Tauben sind, fliegen Tauben zu.«

Der Administrator hing schweigend an diesem geschwätzigen Munde, dem er so oft ein willigeres Ohr geliehen – und sprach jetzt wie von einem plötzlichen Ingrimm überrascht: »nun so spanne Deine Tauben vor den Wagen der Liebe, und sorge, daß ihrer keine der Geier hole.«

Therese sah ihren Schwager betroffen an. »Bist Du mir böse, Cölestin?« fragte sie, scheu geworden, »und dem Rudolph bist Du wohl auch nicht gut?«

Herr Prälat verneinte mit Hitze jede Animosität gegen den Nachfolger seines Bruders, und sagte dann: »wie sollte ich Dir zürnen, Therese? Du bist ein Weib! –« Er lächelte bitter. Es lag viel herbe Wirklichkeit in diesem Lächeln, der Zauber jener kleinen einschmeichelnden Gaukeleien, die das Urtheil eines Mannes so leicht verblenden, war verschwunden. – Er nahm einen kühlen Abschied von der künftigen Frau von Feldmeister; Theresen aber schossen ein paar warme Thränen in die Augen.

Die Baroninn Lenau empfand, vermöge der Sympathie ihres Geschlechts, den Kaltsinn, der ihre Schutzbefohlne betrübte, und sagte, als diese weinte: »das ist nun nicht anders, meine Goldtochter! wenn das Kind todt ist, hat die Gevatterschaft ein Ende.« Theresen aber fiel der Taufstein auf das Herz. –

Der Administrator hing, wie wir bereits erwähnt, seinen stillen Betrachtungen nach. Wie anders erschien ihm Therese als sonst! Nicht der Bruder ihres Mannes war in ihm gekränkt, sondern der Mann im Allgemeinen. Er bedauerte es nun nicht mehr, daß ein mitleidiger Tod den armen Constanz einer schlimmeren Verkältung entrissen. Er dachte an die Worte des Majors. Dabei konnte er nicht umhin, mit inniger Achtung Fabiens zu gedenken. Er gestand sich, daß der pflichtgetreue Sinn einer Frau wohl die Gabe aufwöge, den Augen eines Mannes zu gefallen, und Theresens Liebreiz sank gegen den charakteristischen Gehalt ihrer Schwägerinn tief in der Wagschale. – Doch man vergesse nicht, daß Therese abwesend war. –

Wenn nun Fabiens Gatte die Augen auf immer vor einem Phantom geschlossen, und Theresens Gemahl einem Schatten nachgejagt, der ihn vor der Zeit ins Grab stürzte: so mußte die philosophische Selbstfrage in dem letzten der drei Brüder entstehen: von welchem Geist und Wesen sein Streben sey? Er stieg bis in die Gründe seines Herzens hinab, und was er da gefunden, wollen wir einstweilen auf sich beruhen lassen. – Dort lag seine Jugendliebe unter tiefem Schutt in sich selbst zerfallen; aber der Glaube an diese göttliche Kraft stand noch fest, und die Freundschaft unterstützte ihn, wenn gleich als Kummersäule. Die Nachricht von der Ankunft der Gräfinn hatte seinen Freund Sylvius außer sich gesetzt, und der Administrator ihn in dieser äußersten Aufregung verlassen müssen. Jetzt dachte er bekümmert darüber nach, was aus diesem ganz einzigen Verhältniß nun werden solle? – In den zartesten Beziehungen hing ein Theil seines eigenen Glückes davon ab – und nicht der kleinste.

Mit aufgehobenem Gleichgewicht seiner Empfindungen kam er in Sanct Capella an, und das Erste was er vernahm, war: daß Graf Frankenstern unterdessen ein stiller Bewohner des Stifts geworden sey. Der Verweser desselben erschrak über diesen Verwesenden; denn daß Gräfinn Albane nun wegziehen und ihre Tochter mit sich nehmen würde, war die natürlichste Ideenfolge; aber sie führte ihn traurig ein. Er trat in das Kloster wie in eine Einöde. Seine Wohnung däuchte ihm unsäglich weit, und so war es ihm im Stillen lieb, daß er am Abend seiner Heimkehr mit Fabia nicht ganz allein wäre. Der Major und Schwester Veronica kamen, den Wirth des Hauses willkommen zu heißen. Der Administrator stattete Bericht ab, jedoch in Kürze, und hier und da sogar abgerissen. Fragen der Frauen, querfeldeingeschoben, konnten den Zusammenhang nicht durchaus ergänzen, wie sehr es auch der apostolischen Fabia zuwider war, daß ihr Wissen, wie das unser Aller, nur Stückwerk seyn solle, und wie auch Veronica, die fromme Tochter der Kirche, ihre Abstammung nicht verleugnete, und sich diesmal als Evens Tochter bewies. Wir sprechen die gute Nonne selig, aber von der Erbsünde einer kleinen Neugier gar nicht frei. –

Herr Prälat lief flüchtig über die Vorgänge der Krankheit und über den Hügel hin, darunter sein Bruder schlief, und hielt sich nur etwas länger bei dem Glück des jungen Feldmeisters und dem Gute der Baroninn auf, was auch zu diesem gehörte. Von Theresen sprach er vermeidlicher Weise so wenig als möglich. Man nahm das Geschick dieser Beiden als ein entschieden gepaartes an, und stellte unter mancherlei Bemerkungen dieser Ehe das Prognosticon.

Der Major hob an: »der Rudolph hat Glück, und ich gönne es ihm von Herzen, denn er verdient es auch. Er ist ein tüchtiger Mensch, ein ehrenwerther Soldat – doch mag er sich in Acht nehmen, daß er nicht zu einem verrufenen Regiment komme. Der Pantoffel ist sein Schicksalszeichen – und die verfängliche Devise nicht immer von Kraftmehl. Die Schleifen auf dem Schuh seiner alten Fee waren, wie mir die Obristinn erzählte, von gesponnenem Glase. Eine gefährliche Masse, das! man macht auch kleine Sprühteufelchen davon. Und dabei fällt mir eine merkwürdige Geschichte ein. Als ich ein Knabe war, ließ ich einst zur Fastnacht einen Reserve-Pfannkuchen in die Tasche schlüpfen, worin solch ein gehörntes Ding stack. Alsbald fuhr der Grünliche durch die geschmorte Rinde in die schwarze Hölle der gegossenen Pflaumen hinein, und that wie zu Hause. Ich aber aß den leidigen Satanas wie zur gesegneten Mahlzeit, und würde es bis jetzt noch nicht wissen, wenn mir nicht ein Splitter von diesem heillosen Füllsel die Zunge geritzt hätte.«

»Gott behüte und bewahre!« rief die Nonne mit frommen Schaudern vor solch leiblicher und geistlicher Gefahr, und die Geberde des Entsetzens wurde in der Mechanik ihrer Finger zu einem Kreuz, »wie war es möglich, daß Sie ohne Schaden davon kamen?« Der Major lachte und sprach: »Was verdaut man nicht Alles, wenn man jung und gesund ist! – Mein Vater tobte, daß ich den Teufel im Leibe hätte; und die Mama kochte ohne Unterlaß Milchbrei, den sie mit mütterlichen Thränen salzte. – Aber um wieder auf das Vorige zu kommen: so will ich von Grund der Seele wünschen, daß die beiden Leutchen sich vertragen, und einander das Leben nicht versalzen mögen.«

Fabia lächelte ganz leise. Sie sprach: »Therese lässet ihre Lindigkeit kund werden Jedermann – und das Küchenwesen war nie ihre Sache.« Der Administrator bemerkte still, wie seine schriftkundige Schwägerinn sich glimpflich auszudrücken wüßte, indem sie doch verständlich genug andeutete, daß Coquetterie und Mangel an Häuslichkeit, diese Fehler, welche sie so oft zum Aerger gereizt hatten, der ehelichen Glückseligkeit, von der die Rede war, schädlich werden könnten. Und wie in unbewußter Gewohnheit, sich Theresens anzunehmen, nahm er das Wort und sprach: »der Geist einer guten Ehe kann dessenungeachtet bestehen. Wie manche treffliche Speisemeisterinn kocht Gift, vergällt ihrem Manne jede Freude, und brät ihn am langsamen Feuer! –« »Ach!« entgegnete Veronica, schauernd bei dieser Vorstellung, mit einem kühlenden Seufzer, »Das kann ich mir schrecklich denken. Zwar in der Welt, sagt man – soll es da oder dort so seyn. Die Frauen, hörte ich, trachten nach eitlen Dingen, sind fremd daheim und wissen nicht Bescheid, weder im eigenen Hause noch in der Herzenskammer des Mannes. Sogar die Kindlein – wenn es nicht etwa böser Leumund redet – sind ihren Müttern häufig eine Nebensache, und öfterer lästig als lieb.– Ich bin nur eine Jungfrau – aber daß mein Geschlecht dahin entartet wäre, scheint mir kaum möglich. So darf man sich jedoch nicht wundern, wenn heut zu Tage so viele Männer die schönste Gelegenheit links liegen lassen, das göttliche Gestift des Ehestands aufheben und leider Gottes! ledig bleiben. Wenn unsere Frauen fleißiger den Himmel bauten: so würde sich seltner ein Stein des Anstoßes für das Heirathen finden.«

Der Major ergriff die heilige Hand der Nonne, und drückte sie etwas derb, wenn auch mit Verehrung, indem er sprach: »Hoch hinaus wollen sie wohl; aber es wird ein Thurm zu Babel daraus, eine Sprachverwirrung ohne Gleichen. Wo eine Frau den Mann verstände: da wäre die Loosung: Ein Gott! Ein Herz! Eine Seele! Ein Glück und Ein Grab! – Dem Himmel sey's geklagt! es lautet anders – und tiefer besehen, denken sie nur an die Grube. – Sie, Schwester Veronica, wollte ich heute noch ehelichen. Sie würden jeden Mann nicht allein glücklich gemacht haben, sondern auch gut.«

Bei dieser Erklärung in Kürze erröthete Veronica durch die blasse Tünche des Alters so jungfräulich schön, als hätte dies rauhe Betasten ihrer zartesten Gefühle auf der feinen Zeichnung des Gesichts eine Spätrose abgerieben. Herr Prälat kam ihrer bescheidenen Antwort zuvor und sprach: »an den Motiven zur Ehe mag es zumeist liegen, daß so wenige Segen tragen. Auf welches Fundament werden sie gegründet? – Ich erinnere mich, daß meine Tante vermittelst einer Karte, der einzigen französischen Leichtfertigkeit, die das plattdeutsche Pfarrhaus aufzuweisen hatte, die innersten Herzensgedanken jedes Bräutigams in der Gemeine heraus brachte, indem sie dabei ein Sprüchelchen im Munde führte, wovon ich nur den Anfang noch weiß: der Eine thuts um der Ducaten, der Andre um ein schön Gesicht – wobei der Onkel, wenn er guter Laune war, die Reihenfolge unterbrach, und mit poetischer Freiheit darauf reimte: gerathen – nicht! – Zwölf Aussprüche enthielt dies psychologische Orakel. Zwölf? lieber Gott! das sind falsche Apostel. Legion heißt ihre Zahl, und dann wäre der Einzige noch nicht darunter, auf den sich bauen läßt: wahre Liebe!«

»Wahre Liebe!« wiederholte der alte Feldmeister, und es war, als ob das leise Spottlächeln, welches ihm auf der bärtigen Lippe schwebte, jenes Wort mit der Andacht des Gefühls ausgesprochen – hohnneckte. »Es ist damit,« fuhr er fort, »wie mit dem alleinseligmachenden Glauben: wie Viele bekennen sich bloß äußerlich dazu, ohne diese göttliche Mutter des Heils im Geist und in der Wahrheit zu verehren. Die Mehrzahl der Männer besteht aus heimlichen Mohamedanern – getaufte Weiber in Massen sind dem heidnischen Götzendienste zugethan; in der Ehe aber herrscht das Judenthum vor, und der Erlöser wird da tagtäglich gekreuziget, so daß ihm die Lust zur Auferstehung wohl vergehen mögte.«

»Wer Sie so hörte, Herr Major,« entgegnete hierauf die Nonne, welcher es leise beängstigte, so oft ein religiöses Bild, behuf der Rede gebraucht ward, »der sollte glauben, Sie sprächen aus Erfahrung. Und doch weiß ich von guter Hand, welch ein friedliches Stillleben Sie mit Ihrer lieben seligen Frau geführt haben, wie man diese allgemein als eine ganz vortreffliche Dame gerühmt – der Meriten ihres Ehemannes zu geschweigen.«

Dieser verbindliche Ausfall auf den seinigen, womit Veronica weiblichen Sinnes sich erwiedernd zeigte, schien von niederschlagender Wirkung auf den Major zu seyn. Die Menschen an ihre Verdienste wie an ihre Verluste zu erinnern, erreicht fast immer den Zweck, sie aus den Vortheil des Angriffs in jene leidsame Stellung zu versetzen, die der Geschmeichelte wie der Gerührte unwillkürlich annimmt. – Die buschigen Braunen des Majors zogen sich zusammen, und seine Augen wurden feucht; das sanfte Bild seliger Tage schwamm in seinem Blick. Mit schwankender Stimme antwortete er: »meinen Sie, Schwester Veronica, daß, wenn jene Erfahrung meine eigene wäre, ich sie ausgesprochen haben würde? – Meine Frau war gut und brav, und als sie todt war, da merkte ich erst, wie sehr sie es gewesen. – Doch deßhalb widerrufe ich kein Jota von dem Obigen. Gott besser's! es ist an der Zeit.«

Es war auch an der Zeit, dies Gespräch zu enden. Fabia, verstimmt durch die Vertheidigung des Schwagers, die er der abwesenden Therese nicht minder als der gegenwärtigen angedeihen ließ, hatte kein Wort mehr gesagt. Ihr däuchte, sie hätte die Kosten dazu getragen. Sein Urtheil schien ihr eine Geringschätzung derjenigen Verdienstlichkeiten zu enthalten, in denen sie sich auszeichnete. Sie wünschte, er mögte einmal zu der Einsicht gelangen, wie hoch eine gute Wirthinn zu halten sey. Sollte dies jedoch geschehen: so mußte er die treue Fabia vermissen. Und indem der Major davon sprach, daß er die abgeschiedene Gattinn erst vollkommen gewürdiget, regte dies den Gedanken in ihr an, zu scheiden. Sie legte in gekränktem Geiste das Amt der Schlüssel nieder, und ahnete nicht, daß diese Handlung in der Idee der Wirklichkeit nur um einen leisen Schritt vorauseilte.

Noch immer hatte Gräfinn Albane sich entschieden geweigert, ihren Gemahl zu sprechen, weil sie sich die Kraft dazu nicht zutraute. Sylvius, der das Heil seiner Beruhigung daran zu knüpfen schien, daß seine Frau ihm angehöre, ließ nicht ab mit Dringen, und setzte alle Hülfsmittel in Bewegung. Fabiens Zureden schürte den Funken, der in der Asche glomm, worin Albane büßte – und Josephinens rührende Fürsprache gewann endlich ihrem Vater die heißersehnte Gunst. Der Tod des Vaters hatte seine Tochter dergestalt erschüttert, daß sie glauben mogte, die heftige Bewegung, in welche die Zusammenkunft mit ihrem Gemahl sie versetzen mußte, werde drein gehen. Und so war der Entschluß dazu gleichsam ein Abschluß aller bisherigen Verhältnisse, und sogar erforderlich, um Josephinens willen.

In der Stunde, worin die Gräfinn ihren Gemahl in Bühle erwartete, saß sie am offnen Fenster und allein, von jener säuselnden und summenden Frühlingsstille träumerisch umwebt, welche aus dem Schlaf des Herzens, aus seinem innersten Düster herauf, Gefühle der Vergangenheit beschwört. Als sie den Hufschlag seines Pferdes vernahm, stand der Schlag in ihrem Busen stille, und nicht dies Herz selbst, nur ein Seufzer flog ihm entgegen. Jetzt hörte sie seinen Schritt auf der Treppe – sein Näherkommen – Zeit und Erfahrung hatten mächtige Fortschritte gemacht, seit sie den Besuch ihres Gemahls zum letztenmale in Bonna empfangen: dennoch drang dieser vertraute Hall wie einst an ihre Seele, und keine Empfindung, über welche er sonst Macht geübt, konnte ihm entweichen. Er trat langsam ein, Albane zitterte heftig, unvermögend sich aufrecht zu erhalten. Sylvius blieb wie gefesselt und gebannt an der Thüre stehen, und warf einen unaussprechlichen Blick nach der geliebten Gestalt, welche sein gewesen war – und eine weite wüste Welt lag zwischen ihnen. »Albane!« sagte er leise, und ein paar große Thränen rollten über seine Wangen, »bin ich Dir gar nichts mehr? –« O! welch ein Zauber liegt in der Stimme eines Menschen, der uns theuer ist oder war! – Solch eine Stimme enthält den Schlüssel zu jedem Geheimniß der Harmonie, und kann, ob sie durch tausend Mißverhältnisse hindurch klänge, nie zu einem Mißlaut für die Seele werden, darin einmal ihr Echo wohnte. Sylvius hatte seinen Jahren voraus gealtert, und Der, den die Morgenröthe der Jugend einst zu den Göttern erhoben, zeigte sich gebeugt von menschlicher Schwachheit; aber die Stimme war ihm geblieben, mit der er die Geliebte einst bewegt, daß ihr unsterblicher Antheil der seine würde. –

Die Gräfinn wendete sich nach ihm um, mit einem Lächeln der Verzeihung, der Abgeschiedenheit – wenn wir so sagen dürfen; es war das geistigselige Lächeln eines Schattens, was auf ihren Lippen schwebte, die so wenig eines Lautes mächtig schienen, wie ein körperloses Wesen der Rede fähig seyn mag. Endlich entrang sie ihnen die Kraft dazu, und sprach mit bebendem Munde: »vielleicht, Sylvius, wäre es besser gewesen, wir hätten die begrabene Liebe früherer Jahre ruhen lassen –; aber, da es einmal Dein Wunsch war, da Du meinst, es werde zu Deinem Frieden gereichen, daß Du mich sähest, so komm doch näher und laß uns freundlich zusammen sprechen!«

Diese Antwort zerriß Romanas männliche Seele. Was ist das Zürnen der Liebe gegen die stille Freundlichkeit der erkalteten! – Wir bemerken dabei, wie es Albanen selbst in dieser Minute nicht möglich war, ihr Geschlecht zu verleugnen, und in den ersten Worten, die sie zu ihrem Manne sprach, seit sie ihn in den Armen einer Andern gesehen, etwas Anderes zu fassen, als jene Erinnerung.

Sylvius verstand seine beleidigte Gattinn augenblicklich. Daß Albane jedoch ihrer Weiblichkeit ein Genüge leistete, ermannte ihn. Gefaßt entgegnete er nun: »ja, theure Albane! es ist die Bedingniß meines Fortlebens, und der Ruhe, welcher ich noch irgend theilhaft werden kann, daß ich Dir sage, auf welche Weise Du Zeuginn jener unseligen Scene geworden bist, in der Du mich betroffen. Du wirst mich dann vielleicht weniger schuldig finden, als Du wähntest, und mindestens – wie Dein Gefühl auch entscheide – mich bedauern müssen. Höre mich gutwillig an!« Hierauf erzählte Sylvius de Romana seine Geschichte mit Tony von Schütz, einfach und wahr. Er verschmähete, nach edelsinniger Art, Alles und Jedes, was jenem Verhältniß zur Beschönigung dienen können. – Diese Mittheilung hatte nicht den Stoff, aber seine Kraft, ihn zu bewältigen, erschöpft; und so eilte er zum Schluß und sprach: »Du weißt nun Alles – und doch auch Nichts: denn ich kann Dir nur die äußern Beziehungen nachweisen, die mich in jenes Netz verlockten. Gott aber, der es einst auflösen wird vor Deinem Blick, sieht ins Innerste, und weiß, daß ich Dich, das Weib meines Herzens! nur allein geliebt, und ewig lieben werde. Wäre es Dir nicht möglich, einen flüchtigen Augenblick zu vergessen, in welchem Du an mir zweifeltest? – Dein Vater ist nun todt. Was hindert Dich noch, für den Rest unseres Daseyns mein zu seyn, zu der öffentlichen Rechtfertigung unseres geheimen Bündnisses, und – lass' mich es hinzufügen: zu dem Glück unseres Kindes? –«

Die Gräfinn athmete tief. Sie schüttelte leise den Kopf, lächelte weinend und verneinend und sprach: »der Himmel sey mein Zeuge! ich zürne Dir nicht. Auch müßte ich mich zuvor selbst anklagen, denn mein Wegbleiben gab Dich ja frei. Doch jedes Zurückgehen ist unmöglich, des griechischen Sängers Gattinn verschwand vor einem Rückblicke. Ein erstorbenes Gefühl läßt sich nicht wecken – und jenes, mit welchem ich mich die Deinige wußte – ist todt. Aber Deine Freundinn bin ich noch – Deine beste Freundinn! ja, Sylvius, die will ich immer bleiben. Mache kein so unglückliches Gesicht, Lieber! frage Dich selbst, ob wir verdient haben, mit einander glücklich zu seyn? – Die Ehe ist ein Verhältniß der Heiligkeit, nicht aber der Heimlichkeit, und Gott ist gerecht. Nach seinem unerforschlichen Gesetz und Willen müssen Diejenigen ein Glück verschmähen, welche es sich anzueignen wagten, ohne höhere Befugniß, als die der Leidenschaft. – Wir versöhnen den Himmel durch ein freiwilliges Opfer. So werden unsere Väter uns von dorther segnen; hier glaubten wir dieser Weihung entbehren zu können, als das Band der Stola uns zusammenfügte. Ich werde nach Bonna ziehen, Sylvius! in jenes Haus, worin Du gelebt hast, und mich geliebt – mich allein. Still, mein Freund! ich glaube Dir. – Der Majoratserbe überläßt mir das kleine Witthum, und diese Angelegenheit ist längst berichtiget. Gönne es mir auch, in Frieden einsam zu seyn, und die stille Freude meiner Liebe. – Ich werde in Deinem Cabinet schlafen, an derselben Stelle, wo Dein Bett gestanden, und die alte Einrichtung wie zu den Zeiten Deines Vaters herzustellen suchen. So werde ich Deine Hausfrau seyn, ohne Gemahl – wie ich Deine Gattinn war, ohne Dein Haus zu kennen. Ein Theil jener früheren süßen Täuschungen wird mir wiederkehren, der Traum Deiner Nähe wird mich begleiten und beglücken, und so werden meine Tage gleichmäßig hinrinnen, wie das Bächlein unter dem Kreuze, welches dort die Wache hält.«

»Albane!« rief Sylvius mit heftigem, mit heißem Schmerz, »Du reißest mir mein Herz entzwei, und ich weiß nicht, ob gütiger als grausam? Vermag nichts, Dich zu bewegen, daß Du anderes Sinnes würdest?«

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