Die Schwägerinnen. (continued 2)
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Diesmal machte ein bösartig galligtes Fieber den Rentmeister für längere Zeit unfähig, sein Amt zu verwalten. Auch hierin trat seine Frau helfend ein. Fabia schrieb eine schöne, feste Hand; accurat bis ins Kleinliche, war sie unfehlbar in jeder Art der Buchführung, und deshalb wohl geeignet, einen Secretair ihres Mannes zu vertreten. Sie unterzog sich auch diesem Geschäft mit willigem Eifer, und theilte ihre Zeit zwischen seiner Pflege und seinem Beruf. Wir können uns nicht enthalten, hier zu sagen, wie wichtig es sey, daß eine Frau den Beruf des Mannes ehre. Wo dies geschieht, da ist in der Achtung dafür auch ein Gesetz der Unterordnung gegeben, nach welchem weibliches Wirken und Wollen bestimmt werden muß. – Auch von dieser Seite hätte ihr bitterster Feind unsrer Fabia nichts zur Last legen können. Dies, wie überhaupt den reellen Werth seiner Frau, wußte der Rentmeister auch zu schätzen, und vielleicht war es mehr ein Bedürfniß seiner Krankheit als seines Herzens, daß er die Freude an einem Kinde, ihrer ermangelnd – so gar tief empfand. Das liebenswürdige Pflegekind füllte diese Lücke nicht aus, die eine Wunde in Fabiens Herzen blieb; denn tief im Innersten verletzt, kämpfte sie oft mit Thränen, wenn ihr Mann mißmüthig gegen die Vorsicht grollte, und sich in Worten Luft machte, die eben so gut eine Anklage für sie selbst enthalten konnten.
»Wie aus einem Stein entsprungen,« sagte er dann wohl, »wie von der Sonne ausgebrütet, bin ich bestimmt, ohne Vater, ohne Kind zu leben und zu sterben. Der natürlichste Trost für eine verwaisete Jugend, der Trost, sein Daseyn fortzupflanzen, ist mir versagt. Wenn einst Deine Thräne, gute Fabia, versiegt ist, dann gedenkt man mein nicht mehr, und keine Blume sprießt aus der trocknen Erde meines Grabes.«
Da weinte Fabia schon jetzt. »Du schneidest mir mein Herz entzwei –« sprach sie mit unterdrückter Stimme. »Wir wollen uns nicht versündigen, Lieber! wenn uns nun ein Kind zu Theil geworden wäre, etwa behaftet mit einem Fehl, oder erbärmlicher Art, dessen klägliches Geschrei Tag und Nacht nicht zu stillen? Wie? oder wenn aber ein gesundes, das uns zu größerem Jammer bald wieder entrissen würde?–« Auch ein stummes, auch ein todtes Kind wäre ihm lieber als keines – gab der Rentmeister in eigenwilligem Trotze der besänftigenden Vorstellung seiner Frau zur Antwort. Fabia flehete hierauf ihren Mann an, sich solcher Reden zu enthalten, und warnte ihn mit christlichem Sinn, aber im Geiste jener heidnischen Worte: »ihnen zur Strafe erhören die Götter der Sterblichen Wünsche! –«
Dies war in den ersten Jahren der Verheirathung des Rentmeisters gewesen. Später hatten sich diese Eheleute der Hoffnung begeben, daß dies ersehnte Glück ihnen noch werden könne, und sich mit ganzer Liebe – so weit Fabiens Gemüth derselben fähig war, und der kränkliche Zustand ihres Mannes sie zuließ – der Erziehung der kleinen Josephine gewidmet. Sobald der Rentmeister sich von jener Niederlage erholt hatte, ging er mit den Seinen von Bonna ab. Fabien fiel das Scheiden von der Heimath doch schwerer, als sie gedacht. Der neue Wohnort war auch schön; aber so recht wohl wollte es ihr in Bühle nicht werden. Dazu kam, daß ihr Mann, obgleich von amtlichen Unannehmlichkeiten frei, doch sein verdrüßlich Wesen beibehielt, jeden erheiternden Umgang mied und verscheuchte, und endlich durch eine gewaltsame Entdeckung für immer verstört wurde. Jene Chatoulle deren unsre Leser gedenken – war unter dem Drangsal des hitzigen Fiebers, was sich unmittelbar an ihre Uebergabe schloß, abseits gekommen. Nach dieser Zeit fand der Rentmeister so viel Geschäfte, deren Abschluß ihm bei seiner Ortsveränderung dringend anlag, daß es ihm genügte, dies anvertraute Gut wohlverschlossen zu wissen. – Einst aber sprang ihm das Kästchen ins Auge, und er verlangte den Schlüssel dazu von seiner Frau. »Den Schlüssel?« fragte Fabia befremdet, »ich habe keinen je gesehen. Du brachtest das Kästchen ja selbst, wie es hier ist. O, ich weiß mich jenes schrecklichen Abends noch ganz genau zu entsinnen.«
Der Rentmeister besann sich jetzt, daß der Graf den Schlüssel hatte schicken wollen, und er muthmaßte, daß es in der Verwirrung der Abreise vergessen worden wäre. Einen Schlosser kommen zu lassen, daß dieser den innenliegenden Reichthum sähe, dazu war der Rentmeister zu furchtsam. Ein krankhaftes Mißtrauen verursachte ihm und Andern gar manche unnütze Qual – und so beredete Fabia ihn, das Geschmeide und dessen Richtigkeit einstweilen auf sich beruhen zu lassen.
Nach längerem Verlauf seitdem starb eine alte Jungfer in Bühle, die daselbst gelebt; die Tochter des Fiscal. Dem Rentmeister, als einem Bekannten der Wohlseligen, fiel ein kleines Legat mit dem Auftrag zu, ihren Nachlaß zu reguliren, und somit eine Menge Schlüssel in die Hände, darunter mehrere kleine waren. An einem Tage, wo Fabia auf die Bleiche gegangen war und Josephine mit sich genommen hatte, ihr Mann sich ungewohnter Weise ganz allein befand, beschlich ihn der Geist des Unglücks in dem Gedanken, einen jener Schlüssel an dem Kästchen zu versuchen, ob es sich öffnen ließe. Das künstliche Schloß widerstand dieser Probe, doch erhitzt vom bösen Feind, der nicht selten in Gestalt der Neugier den Menschen berückt, that er ihm Gewalt an. Die feine Stahlfeder sprang entzwei, der Deckel auf – und der Rentmeister blieb mit entsetztem Blick starr vor dem Inhalte stehen. Statt des verzeichneten Schmuckes funkelte ein Messer, daran Blut eingerostet war – und auf dem atlaßnen Kissen, wo sonst blitzende Rosetten und Brustschleifen geruht, lag, in weißem Battist gewickelt, der Leichnam eines Kindes, so mumienartig zusammengetrocknet, daß er kaum zu erkennen war. Nur wie ein brauner Gedanke, so unkörperlich, so gewesen – sah das winzige Gesicht unter einem tiefen Häubchen hervor, dessen Form für ein Mädchen zeugte. – Ein schwach gewürzhafter Geruch war die erstickte Luft dieses kleinen Grabmals.
Als Fabia mit heißen Wangen von der Bleiche heimkehrte, fand sie ihren Mann selbst erbleicht. »Sieh hin!« sagte er mit bläulichen Lippen, »der Hehler einer schauderhaften Mordthat bin ich gewesen, und nicht allein um die Ruhe meiner Seele, sondern auch um all mein Gut, wenn ich den Majoratsschmuck ersetzen muß. Wer wird mir denn glauben, daß ich dem Worte eines Wahnsinnigen trauete? – Darum fand sich der Schlüssel nicht, und ich – ich leichtgläubiger Thor! ladete mir ein fremdes Verbrechen auf. Wie oft hast Du meine argwöhnische Vorsichtigkeit getadelt? Du siehst nun, wie vorsichtig ich war! –«
Zum erstenmale verließ Fabien ihre Fassung. Sie stieß einen leisen Schrei aus, und stand entfärbt, Grausen im Blick, wie unbeweglich. »Mein Herr und Heiland!« stammelte sie, »das ist ganz erschrecklich! der Verstand steht mir still.«
»Der meinige ist hier zu Ende –« fuhr der Rentmeister fort, »Was soll ich nun anfangen! Anzeige davon machen? stillschweigen? daß ein Zufall diese Beweise einer Unthat bei mir entdecke, und mich zum Mörder stemple? – Ich habe nicht Lust, zum Lohne für Treu und Glauben auf dem Schaffot zu beschließen.«
Fabia kannte ihres Mannes Weise, sich selbst in furchtbaren Möglichkeiten zu überbieten. Sie sprach aus geängsteter Seele: »ach! warum bin ich heute nicht zu Hause geblieben! Wer hieß Dich dies Behältniß öffnen? – Das Kind läge fein stille vor wie nach, und wir wüßten von nichts. Das arme Würmchen! –« Und mit gewundenen Händen niederblickend darauf, dachte sie an den Wurm im Gewissen, der die unglückliche Albane wohl genagt haben mogte. –
»Was redest Du doch, Frau?« rief der Rentmeister erzürnt, »es hätte längst geschehen sollen, sage ich Dir. Unverzeihlich ist meine Saumseligkeit! ich bin wie mit Blindheit geschlagen gewesen. Deshalb wurden die Anstalten zu jener fluchwürdigen Reise so schleunigst getroffen, als wie auf der Flucht – der Sohn des Forstmeisters ist auch fort in die weite Welt; die Früchte ihres Leibes fallen Anderen zur Last, und von ihnen heißt es: Die sind besorgt und aufgehoben, der Graf wird seine Diener loben.«
»Du vergissest, lieber Mann,« fiel Fabia betäubt ihm in die Rede, »daß man die Gräfinn todt sagt. Ach! ihr wäre wohl, wenn solch ein Weh auf ihrem Leben gelastet hätte. – Graf Frankenstern aber und der junge Romana müssen doch einmal wieder kommen. –«
»Die werden sich hüten –« entgegnete Fabiens Gemahl. »Der Alte – ich meine den Grafen – hat um dies gräuliche Geheimniß gewußt: nichts ist gewisser. Die Hast, womit er mich nöthigte, das Kästchen anzunehmen, ist mir deutlich im Gedächtniß. Sieh, Fabia! ich habe eine Ahnung gehabt; denn es wollte mich erdrücken, als ich es mir nach Hause trug.«
Fabia sah diese verschwiegene Erfahrung als ein göttliches Strafgericht an. Wie oft hatte ihr Mann gegen den Himmel gemurrt! jetzt war ihm zu Theil geworden, was er für besser hielt, als das weise Versagen seines Wunsches: ein todtes, ein stummes Kind! – Sie selbst verstummte vor dieser Betrachtung und war sehr gebeugt.
Die unglückliche Fabia! dieser heimliche Gedanke schlug Wurzel in der Seele ihres Mannes, und wurde zum Polyp, der mit tausend Fasern seine Lebenskräfte umklammerte. Der Rentmeister ward nicht mehr gesund. Wir wissen, wie er nach kränklichen Jahren kurz vor seinem Ende die Beruhigung genoß, in dem Bruder, der sich zu ihm finden mußte, den Seinen eine Stütze hinterlassen zu können. Sterbend legte er in die Brust des wackern Administrators das Geheimniß nieder, was ihn zu Tode gedrückt, und die Pflicht, den ihm gespielten Betrug zu seiner Zeit offenkundig zu machen.
Nachdem sein Bruder bestattet worden, ließ Herr Prälat bei nächtlicher Weile den kleinen Schmucksarg unter den Altar der Capelle versenken, von der das Stift den Namen führt. Die Maurer mogten wähnen, sie vergrüben einen Schatz – aber diese Stelle stand unter heiligem Schutz. Schweigend verrichteten sie ihre Arbeit, und die dumpfen Schläge hallten schaurig von den stillen Wänden wieder.
Die Wittwe, gesenkten Hauptes, sah ihnen zu. »Was blickst Du so düster, Fabia?« flüsterte ihr Schwager, »verlasse Dich darauf, ich bin zwar nicht so bibelfest wie Du, weiß aber doch, daß, wenn ein finstres Werk zu Tage kommen soll, oder die Unschuld gerechtfertiget, die Steine reden müssen. Darin lasse Alles sich fügen, wie es des Himmels Wille ist! –«
Als die Gräfinn, der heimischen Gegend entrückt, fremde Luft sog, athmete sie doch etwas leichter auf, und es war, als ob hinter ihr die leidige Welt versänke. Zwar war nicht fester Boden unter ihren Füßen, und die Zukunft ihr nichts weniger als klar; aber der trübe Strom, worin Albane dem Versinken nahe gewesen, rann doch abwärts, so wie die Räder des Reisewagens entrollten. Nach einer folgerichtigen Nothwendigkeit müssen leidenschaftliche Gemüther zuletzt vor ihrem eigenen Glücke fliehen, und nur Ruhe suchen. Ruhe, der Friede stiller Seelen, dieser tiefe geistige Genuß, ist ihnen das einzige Bedürfniß. Weinend wenden sie das Auge von jenem süßen Taumel, jener Freudetrunkenheit, die nicht dauern kann, und streben nach Selbstbewußtseyn. Sie wissen, wie bald das schwache Herz erliegt, wie nöthig ihm eine Stütze sey. Das Glück aber fordert Kraft zur Ausdauer – des Himmels Seligkeit, unser höchstes Streben, währt ewig. Die überspannte Saite springt jedoch mit einem Wehlaut. – Vielleicht hatte eine gewisse Uebersättigung von Geheimniß das Verlangen in der Gräfinn erzeugt, öde zu bleiben, ohne irgend eine andere Beziehung als auf ihren Vater; ja, sie hatte in den verflossenen Jahren, trotz der befriedigten Leidenschaft und dem Gelingen ihrer kühnsten Plane – so viel gelitten und nur Gott bewußt –: daß ein völliges Nichtseyn ihr dagegen wünschenswerth erschien. Daß sie spurlos verschwände, sich und Andern, das hätte Albane wohl gewünscht. So war diese Reise vorläufig als eine Gestorbenheit zu betrachten, die von mancher Seite erlösend für sie wäre. – Auch waren Gründe dazu vorhanden gewesen, abgesehen von denen, die das Innnerste der Seele so zart verhüllen, daß nur der Finger Gottes sie aufzudecken vermag. Der Arzt, der Gräfinn vertrautester Freund, hatte ihr eröffnet, wie er von hoher Behörde aufgefordert worden sey, über den Gesundheitszustand ihres Vaters und sein geistiges Vermögen Zeugniß einzusenden. Der Staat trage billiges Verlangen, unter der Befugniß, für eine bedeutende Seelenzahl zu sorgen, deren Aufsicht unmöglich einem Geisteskranken anvertraut bleiben könne, das schöne Majorat bei Leibesleben seines derzeitigen Grundherrn zu ererben, und den Grafen Frankenstern anständig zu pensioniren. Zudem wisse er von guter Hand, daß der Bischof, in Kenntniß von dem Gelübde der Mutter Albanens, sich höchlich wundere, wie und warum dem Himmel eine Seele und der Kirche ein Brautschatz so lange vorenthalten werde? – Auch von dieser Seite drohe den Verhältnissen der Gräfinn ein Angriff. – Sonach sey es an der Zeit, sich diesen Anmaßungen zu entziehen.
Wie durch Inspiration jener Frage an das Gewissen seines Leibarztes kundig, beantwortete der Graf sie selbst. Nie war er gesammelter gewesen, als zu dieser Zeit, wo die Zerstreuung der Reise-Angelegenheiten seine verworrenen Gedanken auf gewisse Weise entschuldigt haben würde. Da war kein träges Säumen mehr. Gleich einem schlafenden Funken, den ein Hauch plötzlich weckt, leuchtete er auf, und entbrannte auch wohl im Zorn über so manchen Mißbrauch, der sich eingeschlichen. Die Beamten erstaunten, denen er sich edelstolz als Herr zeigte, als der gütige Schützer seiner Unterthanen gegen die Strenge der Verwaltung. Alles trat in ein anderes Licht – und erröthend vor Freude, schrieb der Arzt sein Attestat an die Regierung.
Doch nur für diesen Zweck schien der Graf durch die freundliche Ohrenbläserei desselben zu thätiger Umsicht entflammt worden zu seyn. Er sank alsbald wieder in seine gewöhnliche Apathie zurück, und fuhr mit geschlossenen Augen und Sinnen durch die Natur, ohne daß ihre schönsten Wunder vermogt hätten, nur mit einem Strahl göttlicher Offenbarung an seinen finstern Geist zu dringen.
Albane webte um ihn wie ein Schatten, und verließ ihn nie; die Pflicht der Sorge für ihren Vater erfüllte jeden ihrer Augenblicke. Auch bedurfte der Graf dieser Treue. Die Furcht vor dem Tode quälte ihn abwesend minder, und war zu der fixen Idee geworden, dieser Feind seiner Lebensruhe könne ihn nicht ereilen, so lange er von Ort zu Ort zöge, wie man nur in der Heimath schlafen zu können meint. Ein beständiges Fliehen trieb ihn rastlos umher, und die Geißel der Menschheit vereinigte sich mit diesem unstäten Drange, ihm keine bleibende Stätte zu gönnen.
Der Ausbruch des Krieges hatte das Land überschwemmt – die Güter des Grafen waren stark mitgenommen. Albane erkannte es als eine nicht genug zu preisende Wohlthat, dieser Usurpation entronnen zu seyn. Sie lebte in verborgner Stille mit ihrem Vater, bald hier, bald da. Ein, dem Grafen vormals befreundeter reicher Edelmann, der sein einsames Alter in der Hauptstadt gesellig erheiterte, hatte Albane und ihren Vater unterweges getroffen, und ihnen seine unbewohnten Schlösser in Auswahl zum Aufenthalt angeboten, welche sie zu Zeiten benützten. Der Oberverwalter sendete die verlangten Summen durch die dritte, vierte Hand gegen die Unterschrift des Grafen, an ein Handlungshaus, und mußte in Allem für sich selbst stehen. –
Ein Irrthum hatte die Nachricht, Albane sey todt, in Bonna verbreitet, leicht für wahr angenommen, da ja die Gräfinn immer kränklich gewesen. Eine authentische Bestätigung war unter jenen wüsten Umständen nicht einzuziehen. Niemand zweifelte, auch Sylvius nicht. Wir wissen, welche Folge dies hatte. Zweifel wäre hier Glauben gewesen – Glaube der Liebe! –
Als die Gräfinn daher ihren Gemahl in Tonys Arm erblickt, als sie die Geschichte der gestorbenen Frau aus seinem Munde vernommen: da war ihr Zustand der jener abgeschiedenen Gattinn vergleichbar, welche, wie eine sinnige Sage uns erzählt – nachdem sie ihren Gatten, den zu trösten sie aus der Unterwelt herauf gestiegen, an der Seite seiner Braut gesehen, ob auch nur einen Augenblick lang – willig in die Hölle zurückgekehrt sey, auf ewig. – Albane floh vor diesem Anblick, diesen Worten, unauslöschliche Flammen im Busen. Wie eine Verfolgte warf sie sich an den Hals ihres Vaters, und das ungestüm klopfende Herz begehrte Zuflucht bei ihm. Sie vergaß, daß der Graf ihr Geheimniß nicht kenne. Sie wußte nicht, daß Sylvius sie für todt hielt. Die Gräfinn dachte endlich nicht daran, daß sie selbst sich zuerst von ihrem Gemahl losgerissen hatte. Aber nichts destoweniger fühlte sie unter heißen Schmerzen, wie sehr sie ihn geliebt, und daß er sie nicht vergessen dürfen noch sollen. Jener Moment, der sie davon überzeugte, hatte eigentlich und weit anders als ihre Trennung, ein inniges Band zerrissen, und das Herz blutete nach.
»Dies also war die Liebe –« sagte Albane mit dem wunden Lächeln einer frischen Kränkung, »der ich mein Seelenheil geopfert!? – O Gott! so lieben Menschen, – Männer! O meine Mutter!«
Ihr grauete nun vor nichts mehr auf Erden, es wäre denn die Rückkehr nach Bonna gewesen. – Nach und nach spannten ihre Gefühle sich ab, und eine tonlose Stille, die keinen Anklang mehr von sich giebt, schwebte um das zertrümmerte Saitenspiel ihrer Empfindung. Wenn alle Schmerzen der Seele sich durch Mittheilung lindern: die Leiden gekränkter Liebe nicht. Diese tragen sich nur allein. Wo Menschen um eine verlorene, verrathene Liebe wissen, da wird ihr Verlust doppelt gefühlt, da ist der Schmerz jenes Wissens größer, als der ihrer Erfahrung. Wer getröstet seyn will, darf nur die Theilnahme der Engel ansprechen, und wirklich war ein Engel Albanens einziger Trost: ihre kindliche Pflicht.
Graf Frankenstern war allgemach ein Greis geworden. Sein Körper schien gesund, doch sein Geist bei zunehmenden Jahren die zerstörende Kraft verloren zu haben, und in einen gewissen Zustand der Kindheit zurückgegangen zu seyn. Seine Imagination war ein Spiel – aber mit ernsten Gegenständen. Er interessirte sich für Politik – allein nur in Gemäßheit seiner verworrenen Begriffe. Aus Mangel entsprechender Mittheilung berief er oft die Monarchen und ihre Feldherrn zu sich, und legte ihnen seine Ansichten und Plane vor. »Ach!« sagte er dann, und deutete traurig auf die hohen Stühle, »Sie schweigen, meine Tochter! ich hoffe wenig.« Albane schwieg auch. Sie hoffte gar nichts mehr. –
Die Gräfinn pflegte ihres Vaters treu und sanft wie eine Mutter. Sie schmückte sich geduldig, wenn er es für solch eine Zusammenkunft wünschte, sorgte für eine vornehme Bewirthung, die unberührt blieb, weil nur Geister zu Gast waren – und machte ihm allen Willen, wie man einem kranken Kinde thut. Mit träumerischem Lächeln starrte sie in die wüste Leere des Zimmers – nur der Spiegel zeigte ihr ein bleiches Bild. Aber jener Friede, welcher höher ist als alle Vernunft, fing an, bei ihr einzukehren.
Vorzugsweise beschäftigte den Grafen eine welthistorische Person: der beseitigte Schutzgeist Napoleons, die Exkaiserinn von Frankreich. Sie war die liebste Puppe seiner Gedanken, ihr Schicksal trug er im Herzen – und hätte lieber gesehen, daß Jedermann diese Erste Frau auf Händen trüge.
»Heut kommt Josephine – sie hat es mir geschrieben,« sagte der Graf und blickte in einen kleinen Zettel der vor ihm lag, »binde Dir ein besseres Halsband um, meine Tochter.«
Albane erblaßte. Dieser theure Name regte die tiefste Sehnsucht ihres Busens auf. »Wenn das wäre,« antwortete sie mit wankender Stimme, »dann hätte ich nur einen Schmuck –: zahllose Perlen! Perlen aus dem tiefsten Meer!« Und über ihre Wangen rollten Thränen, in denen ein Glanz von Freude schimmerte.
Die große Tragödie des Krieges war aus, die Völker steckten das Schwerdt in die Scheide, die Fürsten zogen ruhmgekrönt nach Haus. Gras wuchs über den Schmerz der Welt, und wo am meisten Blut geflossen, da blühte die segensreiche Aehre am schönsten. – Jetzt war dem Grafen zu Muthe, als wäre ein langer Kampf in ihm zu Ende, und er dürfe nun auch heimziehen. Er sehnte sich nach Ruhe – nach einer neuen oder vielmehr alten Ordnung der Dinge. »Albane,« sagte er, »ich habe es nun satt, dies Nomaden-Leben. Wir wollen fort, nach Bühle –« ein leiser letzter Schauer vor Bonna rieselte über seine Nerven – »hörst Du? meine Tochter?« Dann setzte er hinzu: »Sanct Capella ist nicht weit von dort.«
»Die Klöster sind aufgehoben –« antwortete die Gräfinn, indem sich bei dem Worte ihres Vaters der Schleier hob, worein sie, völlig entsagend, alle Wünsche, ihr irdisch Leid, vor der ganzen Welt verhüllt hatte.
»Nun, das Stift steht ja noch –« versetzte Jener, als wolle er sich nicht merken lassen, daß er daran nicht gedacht. »Nonne kannst Du nicht werden –« fuhr der Graf wie befreit fort, »nicht Seine päbstliche Heiligkeit, nein! der himmlische Vater selbst hat Dir Dispens davon gegeben, und Du bist mehr als eine barmherzige Schwester, Du bist eine wohlthätige Tochter geworden, für mich alten schwachen Mann!«
Da weinte Albane laut. Sie fühlte sich entsündigt, und daß die Liebe des Gesetzes Erfüllung sey.
Die Zurüstungen zur Reise wurden nun getroffen. »Wie werde ich Alles finden?« fragte die Gräfinn sich tausendmal. Das Thor der Möglichkeiten that sich weit vor ihr auf – doch der künftige Tag ist den Sterblichen verschlossen.
Wir finden Theresen auf der Reise nach ihrem künftigen Wohnorte wieder. Sie sitzt an der Seite des Gemahls, berührt von seinem Mantel; ihre Hand liegt in der seinigen –; aber die Jahre ihrer Entfernung, die Länder, welche Constanz durchreist, liegen fühlbarer noch für seine Gattinn, zwischen ihnen. Sogar seine Stimme klingt ihr fremd – wie von einem dunkeln Jenseits herüber. Jener rührende Zauber, womit die geliebteste Stimme an die Seele dringt: er war vernichtet durch eine Gegenkraft – und Therese hörte nur, daß ihr Mann etwas heiser sey. – Sie blickt in den Boden seines Hutes, den sie auf ihrem Schooße hält, weil Constanz, um besser zu ruhen, sich mit unbedecktem Haupte in die Ecke des Wagens geschmiegt hat; doch eigentlich blickt sie in die Tiefe ihres Herzens, das auch ohne Hut und deshalb übel gefahren ist – und ein fremder Meister hat dort auch seine dunkle Vignette angeheftet. – Die Fahrt geht rasch; aber Therese kann sich von dem Gedanken an das Stift nicht losreißen, und doch, so wie der unermeßliche Himmel sich vor ihr ausspannt, spannt ein geheimnißvoller Aether die Flügel ihrer Sehnsucht nach der Ferne. –
»Erzähle mir etwas Du Liebste! von Deinen Freunden –« sagte Constanz zu seiner schweigsamen Gefährtinn, »und vergönne, daß ich Dir still zuhöre. Es ist, als ob mir jedes Wort einen schmerzenden Reiz in der Luftröhre verursachte. Wie es scheint, hast Du sehr glücklich in Sanct Capella gelebt.«
»O sehr glücklich!« antwortete Therese mit einem Seufzer der Wehmuth; und der Accent dieser Versicherung hätte ihren Mann beleidigen müssen, wenn er innigere Ansprüche an seine Frau gemacht.
»Der Ort ist doch wirklich zauberisch schön gelegen,« fuhr Therese fort, »und läßt nichts vermissen. Wir bildeten eine kleine Gesellschaft unter uns, das ist denn ein ganz anderes Verhältniß, als die Verbindungen in Mitten der Welt. Wir waren Hausgenossen – Eine Familie gleichsam – und mit wahrer Lust im Bann des Klosters. Die Verschiedenheit der Charaktere, welche dazu gehört, um innig im Umgange zu seyn, gab unserm einfachen Zusammenleben vielseitiges Interesse. – Welch ein köstlicher Mensch ist der Bruder! nur gesunder möchte ich ihn wünschen, obgleich er sich in der letzteren Zeit erholt zu haben schien. Dann Fabia – wie eine Mutter war sie für mein Bestes bedacht. Man muß sie nur kennen. Wer sie aber kennt, schätzt sie gewiß. Sie gleicht einem süßen Kern in spröder Schale. Und etwas Lieberes, als die alte Nonne, die Du gesehen hast, kannst Du Dir gar nicht denken, Constanz. Das ist wahrlich eine heilige Jungfrau, die besser als der Papst die Sünde den Menschen verzeihen könnte! – Da ist nichts von der finstern Verdammniß zu spüren, die Niemand selig werden lässet, der die Welt ein wenig lieb hat. Schwester Veronica ist sanftmüthigen Geistes, mild gegen Jedermann – kein feindlicher Gedanke, kein gehässiges Gefühl fände Raum in ihrer friedenvollen Seele. Auch hat sie selbst geliebt, und ihr Herz dieser Liebe geopfert. Man kann diese kleine Geschichte nicht ohne die größte Rührung hören. – Dafür scheint ihr denn auch ewige Jugend geworden zu seyn, und ich habe zuweilen schon gedacht, die gute Nonne stirbt wohl gar nicht, und wird in ihrem Erdenleibe, worin sie himmlisch lebt, einmal von Engeln emporgetragen.«
»Deine Schilderung ist begeistert, meine Therese –« fiel hier Constanz seiner Gattinn in die Rede, »und ich hätte Dir so viel Sinn für klösterliche Vorzüge kaum zugetraut.«
Therese empfand die leise Ironie in den Worten ihres Mannes nicht. Sie sprach: »von der Clausur merkte man nicht das Geringste an ihr. Veronica konnte sehr heiter seyn, und sogar anmuthig scherzen. Wie oft hat sie über die tollen Lügen Moorhausens herzlich gelacht! wo selbst der Schwager ergrimmte, sagte sie nur: es ist ihm zur andern Natur geworden, ich denke mir, er genießt das Vergnügen eines Fabeldichters, der aus dem Stegreif erzählt, und gönne es ihm.«
»Und der Major?« mit diesen drei Frageworten störte hier abermals Constanz die Charakteristik, womit seine Frau ihn unterhielt, »dem scheinst Du ganz besonders wohl zu wollen.«
Therese erröthete; ein Widerschein von Purpur, von zarterem Anflug und höherer Farbe als das Futter ihres Hutes, hauchte ihre Wange an, und sie schlug die braunen Augen tief nieder. Sie sprach: »o! das ist auch ein excellenter Mann! Den solltest Du kennen. Er war mir väterlich gut, und ich hätte ihm zuweilen die Hand küssen mögen.«
Hier zog Constanz die seinige aus Theresens Hand, und schlang einen Knoten in das bastseidne Schnupftuch, als wolle er sich etwas in das Gedächtniß knüpfen. Eine Pause trat ein, dann sagte er: »dieser Major Feldmesser –«
»Feldmeister,« berichtigte Therese, und ihr Mann redete weiter, »hat mir auch sehr gefallen.« Seine Frau warf auf diesen Ausspruch ihm einen schönen Blick zu, und erwiederte: »er ist der beste Freund Deines Bruders, und diesen Rang wird ihm schwerlich jener Sylvius streitig machen, der mir immer unheimlich vorgekommen ist.«
»Nun der Schatten darf Deinem Gemälde auch nicht fehlen –« versetzte Constanz, »doch das Schönste, den Lichtpunkt, hast Du Dir bis zuletzt aufgehoben: Josephine. Dieses liebenswürdige Geschöpf, erquicklich in seinem Anblick und bescheiden, ist ein wahres Blümchen Augentrost.«
Es ist ein schlimmes Zeichen, wenn eine Frau, auch die beste – das Lob einer Andern ihres Geschlechts, ohne Eifersucht, aus dem Munde ihres Gemahls hört. Ohne Extase entgegnete hierauf Therese: »es ist ein seelengutes Mädchen, und gar nicht so simpel, wie man glauben könnte. – Sie wird strenge gehalten, die arme Josephine! und ihren zarten Kräften wird viel aufgebürdet, was nur durch diese stille Duldung zu ertragen möglich ist.«
»Das süße Lamm!« sprach Constanz mit regem Bedauern, »doch nach dem Sprüchwort und der Erfahrung: regieren gestrenge Herren nicht lange.« Ein diplomatisches Lächeln spielte um seinen Mund. Und weil dieses Bild von raschem Umschwung ihn in den Kreislauf seiner Vergangenheit zurück versetzte, so kam er durch eine sehr natürliche Association der Ideen auf die Frage: »wie brachtet Ihr denn sammt und sonders Eure Tage zu?«
»Du meinst, wir hätten Langeweile gehabt? nicht einen Augenblick, sage ich Dir!« versicherte Therese mit leuchtenden Augen. Und das Quecksilber ihres Temperaments machte ihre Seele zu einem Spiegel, der die kleinen Freuden des Stiftes glänzend verdoppelte; ihre Rückblicke zeigten Alles in erhöheter und reinster Potenz. »Des Abends waren wir zusammen, und spielten Whist oder Schach –« setzte sie mit fallender Stimme hinzu, und der Tagesbericht der muntern Kostgängerinn von Sanct Capella endete in einem leisen, ernsten Seufzer.
»Und da schlugst Du selbst den tapfern Feldmeister aus dem Felde – nicht wahr?« fragte Constanz, ihrer Fertigkeit sich entsinnend, und zupfte seine Frau an einem Löckchen hinterm Ohr. Aber es war Theresen, als ob sie am Gewissen gezupft würde.
»Nicht immer –,« antwortete sie halblaut, »ich war auch bisweilen im Verlust.« – War es der versteckte Sinn dieser Worte, oder der Geist der Liebe, der in der Erinnerung an das Schachspiel ahnungsvoll sein Herz bewegte? – Genug, die Wage seines unpäßlichen Gleichmuths schwankte, und der Ton war von Gewicht, als ob ein Vorwurf ihn herabzöge, womit er sagte: »da Deine Zeit so mit Vergnügen besetzt war, wie ich zu dem meinigen höre, – so fandest Du wohl wenig Muße, meiner zu gedenken?–«
So hätte Constanz jedoch nicht fragen sollen! Therese ward sich bewußt, daß ihr Gemahl beinahe drei Jahre abwesend gewesen. Sie antwortete tiefsinnig lächelnd: »es braucht viel Zeit, bis eine Welt untergeht.« –
»Wo hast Du die Phrase her, Therese?« fragte Constanz, erstaunt über das Wissen seiner Frau, und über die Anwendung, welche sie von jenen Worten machte.
»Ich schlug sie jüngst in einem Buche auf, worin der Bruder las –« sagte die schöne Frau, welcher der Verfall des ganzen römischen Reichs übrigens sehr gleichgültig war.
»So bin ich noch Deine Welt?« fragte er seltsam heftig, und neigte sich zu ihr, und Theresens Blick, ein Abglanz jener Sonne, die ihn einst erwärmt, fiel wie ein Mondstrahl, kühl und geheimnißvoll, in das Düster seiner Vorstellungen.
Während der längeren Dauer dieser Reise suchte Therese durch freundliches Geschwätz ihren Mann zu erheitern, der sich leidend dabei verhielt. Wenn sie beflissen schien, von Diesem und Jenem zu sprechen, so war's vielleicht, daß er ihre Absicht merkte, was ihn verstimmte. – Das Bedürfniß der Unterhaltung ist ein schlimmes Merkmal für die Liebe. Wo ein Liebender die Langeweile des Andern empfindet, da ist dieser Andere schon verkürzt. Ein Herz, ganz von seinem Gegenstande ausgefüllt, bedarf nichts als des Glückes, bei ihm zu seyn. Liebende sind – ist ihr Verhältniß in der Ordnung – Sich die Einzigen, die da leben: denn jede junge Ehe wiederholt die Schöpfung, und der Athem Gottes hat millionenmal das Paradies geschaffen, seit das erste verloren ging. Wenn daher Menschen, beseelt von diesem ewigen Hauch, etwas außer sich merken, und mit jenem Bewußtseyn, was der Liebe heiliges Glück vernichtet, ihr Gefühl verhüllen, o! dann blitzt der feurigste Gedanke, oder auch ein Witzfunken, nur von dem flammenden Schwerte des Engels, der an der Gartenpforte ihres Edens steht. Sie wandeln fortan zwischen Dornen und Disteln der Erbsünde, und das Kind der harten Erde wird mit Schmerzen geboren, wissend, daß es sterben muß! –
Nach mehreren Tagen, in denen der neue Legationsrath sich und seiner Gattinn nur wenige Stunden der Ruhe gegönnt, sahen sie die schöne Stadt nun vor sich, welche der Ort seiner Bestimmung war. In äußerster Erschöpfung freute sich Therese, endlich am Ziel zu seyn. Ihr Blut war durch das anhaltend rasche Fahren in Wallung, das feine Geäder am Halse hüpfte, in jeder Fingerspitze hämmerte ein Puls. Sie war zu müde, um sich ängsten zu können, da Constanz sich unwohl klagte. »Dein Husten pfeift ordentlich und hat einen schneidenden Ton,« sagte sie unter einem nervenfröstelnden Rückenschauer zu ihrem Manne. »Ich denke, wenn Du wirst ausgeschlafen haben, dann giebt es sich.«
»Ja, ich denke einen langen Schlaf zu thun –« antwortete Constanz mit mattem Lächeln, und schloß die entzündeten Augen vor dem Häusermeer, was der letzte Abendschein vergoldete.
»Das wolle der Himmel geben!« erwiederte Therese unschuldig auf jene berühmten Worte.
Indessen dämmerte es tief, ehe sie die Stadt erreichten. Es war zur Meßzeit, und trotz der abendlichen Späte ein wogendes Gewimmel in den Straßen. Der Reisewagen, dem der blasende Postillon Respect verschaffte, rückte jedoch nur langsam vorwärts, und hielt am Engel, einem Hotel, das hinsichtlich seiner Vorzüglichkeit so hoch über die Adler und Sterne der besten Gasthöfe ragte, wie der Geist seines Sinnbilds über die menschliche Unvollkommenheit.
Therese erschrak, als die großen Laternen zu beiden Seiten des ätherblauen Schildes, worauf der weiße Engel, mit einer Palme in den Händen, schwebte, ihren Schein auf das Gesicht ihres Mannes fallen ließen; es war todtenblaß, Constanz war kaum noch im Stande, die bequeme Stiege hinanzusteigen. Im Zimmer angelangt, sank er beinahe ohnmächtig in einen Stuhl. – Hier, von einem erstickenden Husten, wobei ihm jede Muskel schwoll, convulsivisch erregt, konnte er lange nicht zu Worte kommen; doch als er eines Sylbenlautes mächtig war, forderte er einen Arzt, weil der Schmerz im Halse von Minute zu Minute furchtbarer wurde. Es ward bestellt. Alsbald rauschte unter den Händen eines flinken Dienstmädchens das Bett, wonach Constanz stöhnend verlangte; der Tisch war gedeckt, die kräftige Suppe dampfte – aber der Kranke schüttelte sich gegen den Genuß, und der armen Therese war aller Appetit vergangen.
Eine tödtlich lange Stunde war vorüber, und der Doctor noch immer nicht da. Das Kommen an der Hausthüre, das unaufhörliche Gehen auf dem Vorsaal, der Laut jeder männlichen Stimme im Flur, täuschte die peinliche Erwartung der harrenden Frau. Constanz lag ganz still, er seufzte nur. –
Unglücklicherweise hatte man für das Erkranken eines Herrn, der mit vier Pferden Extrapost angekommen, nur den vornehmsten Arzt passend gefunden. Leider aber war dieser der bequemste von Allen, der lieber seinen Leib pflegte, als den Derer, die sich seiner Kunst anvertrauten. In solchen Aerzten hat das Gefühl ihrer eigenen Unsterblichkeit die achtsame Sorge für das Leben Anderer verschlungen. Sie fußen fest auf der begrabenen Welt, die einen düstern Lorbeer für sie trägt. –
Jener Primus der Mediciner dieser Stadt saß bei einem Abendschmause, kaum frugaler als der in Voßens Idyllen, und gehabte sich gleich seinem Collegen aus Hamburg, den der Pächter redend darin einführt – als der Ruf aus dem Engel an ihn erging. Er that jedoch seiner Menschlichkeit zuvor volle Genüge und gütlich, ehe er ihm Folge leistete.
Endlich rollte sein Wagen vor. »Der Regierungsrath kommt –« rief der Kellner in das stille Zimmer, und ein stattlicher Mann keuchte die Treppe herauf. Therese war eines deutlichen Berichts fast unfähig, der Doctor verpustete inzwischen. Dann schritt er gravitätisch dem Bette zu, nahm Platz, seine Taschenuhr in die Hand und faßte den Puls des Kranken. Die ruhige Flamme der Kerzen zitterte im Zifferblatt, und warf einen prunkenden Schein auf den Orden an der Brust des Arztes. Theresens Herz schlug flüchtig; doch ihr Athem stockte. –
»Eine schlimme Halsentzündung ist im Anzuge –« war der Ausspruch, wobei Therese ihren schönen, freien Hals wie zugeschnürt fühlte. »Ein Wundarzt muß schleunigst herbeigerufen werden –« setzte der Doctor dictatorisch hinzu, und betrachtete einige Momente die Gesichtszüge des Kranken, der taub und glühend, wie in den Schmerz von Flammen eingehüllt, da lag, und kein Zeichen der Theilnahme an seinem eignen Wohl und Weh – von sich gab. Man brachte das verlangte Schreibzeug, der Doctor schrieb nach kurzem Besinnen einige Abreviaturen mit blasser Dinte, und schlang seinen Namenszug in eine großartige Hieroglyphe. Dann schnitt er – mit der Scheere der Parze – den Streifen Papier ab, und reichte ihn einem Aufwärter, der schon darauf wartete, das Recept in die Apotheke zu tragen.
Unterdessen kam der Wundarzt und empfing seine Instruction. Dann entfernte sich der Regierungsrath, um an die Tafel des Wohllebens zurück zu kehren; unbekümmert darum, ob auch wissend – daß ein bedeutenderer Mann hier stürbe.
»Verlassen Sie mich nur nicht!« flehte Therese den Wundarzt an, der, ein guter Mensch und viel sanfter als sein Beruf – ihr versprach, die Nacht über da zu bleiben. »Auch wird es nöthig sein –« sagte er, um diese Maßregel durch mehr als sein Mitleid, durch Erkenntniß der Gefahr zu rechtfertigen, »der Herr Gemahl haben die Bräune.«
Therese starrte den Chirurg mit ihren braunen Augen an, die auch wohl gefährlich werden konnten, und fragte furchtsam: »die Bräune? an der sterben doch wohl nur Kinder? –«
Der Wundarzt schwieg; ein Lächeln trüber Erfahrung, ein leises Achselzucken nur, war seine Antwort.
Mit einem kindischen Grauen sah Therese ihn die zappelnden Blutegel auspacken, die sich ihr wie kleine dunkle Schlangen an das Herz legten.
Welch eine Nacht! – doch auch die Schatten der bängsten zerfließen.
Als der goldne Morgen heraufstieg, zerfloß Therese in tausend Thränen: Constanz war gegen die dritte Stunde gestorben. Mit allen Schauern der Natur hatte seine Frau zum erstenmale den Tod gesehn, und in den Zügen Dessen, den sie einst geliebt. Dort lag er nun, ein starrer Leichnam! die bleierne Stille seines Anblicks wirkte zermalmend auf Theresens Leichtsinn – es waren die schwersten Stunden, die sie gelebt; denn an dem Todtenbette ihrer Mutter hatte die Liebe ihr zur Seite gestanden.
»Eine Stunde früher –« hatte der Wundarzt unbedachtsam geäussert, und der Kranke wäre zu retten gewesen; jene Stunde der Säumniß, am Tische des reichen Mannes, die dem armen Constanz himmlisches Manna zu kosten gab.
Das Geräusch des Tages erwachte, der Markt füllte sich mit Menschen, die Kaufleute legten heute bunte Waaren aus. Eine fremde, gleichgültige Welt bewegte sich unter Theresens verweintem Blick. Die Sonne schien frühlingsheiter – sah denn das Auge Gottes diesen Jammer nicht? – die furchtbare Eile dieses Vorfalls machte den Eindruck davon auf das Gemüth der beklagenswerthen Frau noch gewaltsamer, so daß sie zu erliegen glaubte. Sie fühlte sich fürchterlich allein. Sie dachte an die Bewohner des Stiftes, die ruhig träumen würden, es gehe ihr nach Wunsch. Endlich sank sie in eine fühllose Mattigkeit.
Wie ungemein dies traurige Ereigniß nun auch war, so konnte der Wirth zum Engel, bei dem Gedränge seines Hauses, sich nur auf flüchtige Beweise seiner Theilnahme einlassen. Er übernahm die Meldung bei den Behörden, die Besorgnisse der Bestattung, und hatte nun für weiteren Beistand keine Zeit; doch destomehr, seine Gäste mit jenem interessanten Vorfall zu unterhalten. Zum Tröster war der practische Mann ohnehin nicht geschaffen. Man denke Theresen! sie, die, selbst für den freudigsten Zweck, keines geschäftsmäßigen Bestellens jemals fähig gewesen, sollte eine Auskunft geben, wie sie wünsche, daß ihr Gemahl begraben werde, mit dem Tischler reden, der, das Maaß zum Sarge zu nehmen, kam, und dem Schlosser Gehör geben, für den der Wirth bat, daß er die Arbeit bekäme. – »Ich beschwöre Dich, Füßli« –, sagte sie mit gerungenen Händen zu dem Bedienten ihres Mannes, einer treuen, leidtragenden Seele, »überhebe mich dieser Menschen, die härter sind als ihr Holz und Eisen, was sie handhaben! ich halte es länger nicht aus, ihnen Rede zu stehen.«
In einem kraftlosen Zustande lag sie auf dem Sopha; unter ihren Fenstern summte das Gewühl. Sie glaubte, die Bewegung des Fahrens noch zu empfinden, zuweilen schrak sie auf, im Gefühl von einem tiefen Fall. Wie im Traume traten die Bilder vergangener Stunden zu ihr hin. Es war ihr, als ob Fabia spräche: »Du bist nun auch eine Wittwe, wie ich!« Eine Wittwe! diesem bangen einsamen Begriff widerstrebte ihre frische Jugend, und der harmlose Sinn, welcher sie bisher beglückt hatte. Die Glocken hallten mit tiefen Tönen dies Wort – die Stille flüsterte es nach, und die Reiseuhr, die noch regelmäßig ging, da die Zeit ihres Besitzers abgelaufen war, pickte mit sachter silberner Ruhe, daß es wirklich wahr sey. – Auf einmal fragte sie scheu und leise: »hörtest Du nichts, Füßli?« »Nein,« antwortete der Bediente, »ich glaubte, gnädige Frau wären eingeschlafen, und dankte meinem Gott dafür. Ach!« fuhr er sein betrübtes Herz erleichternd fort, »zur Messe ankommen und sterben, und in einem Gasthofe seyn: das ist Alles, was ein Mensch ausstehen kann. Das Leichenbrett sogar steht auf der Rechnung.«
»Ach laß es stehen! Sey nur still, um Gotteswillen – wenn Du nicht willst, daß ich selbst den Tod davon habe –« sagte Therese abwehrend, »es war mir, als hörte ich Jemand sprechen, dessen Stimme mir bekannt ist.« Sie lauschte nach der Wandseite.
»Eine Herrschaft vom Lande, eine alte Baroninn, war eben angekommen, und logirt daneben –« antwortete Füßli, und seine Dame nahm doch Anstand, ihm einen Auftrag der Neugier zu geben.
»Mein Kopf ist wüst –« sagte Therese, »und in diesem Gewirre der Angst werden Einem selbst die stillsten Gedanken laut.« Doch wie von jener Täuschung besänftiget, schlief sie nun wirklich ein.
Als Therese am nächsten Morgen zu einer dumpfen Besonnenheit erwachte, sagte sie: »mit Schrecken sehe ich, daß ich noch wie ein Regenbogen gekleidet bin – ich muß doch wohl ein wenig trauern? Mir ist ganz schwarz vor den Augen, wenn ich nur daran denke. Gehe Füßli, und kaufe mir einen Streifen Flor zur Binde – eine finstre Haube könnte ich nicht tragen, ich stürbe – Dann hole mir ein Paar Schuhe von Serge; nimm einen von diesen mit, sie passen mir am besten.« Sie schleuderte den Probeschuh – eine seidne Aurora – von dem zierlichen Fuß, und setzte mit einem herben Lächeln hinzu: »Wer mich so sähe, müßte glauben, ich wandelte auf Rosen. – Das Kleid will mir die Wirthstochter besorgen.«
Der Befehligte ging und kam lange nicht wieder. Endlich trat er ein mit einer gewissen Hast, der Athem schien ihm entgangen, und die Zornader stark angelaufen.
»Du warst lange, Füßli –« empfing ihn seine Dame im Klageton eines gütigen Vorwurfs, »wohl eine Stunde, und Du glaubst nicht, wie bange mir der Augenblick vergeht, den ich ganz allein zubringe.«
»Kann nichts dafür, gnädigste Frau,« entschuldigte sich jener, »es ist überall ein Gedränge, man kann nirgends zu. Aus einem Viertel machen sich die Kaufleute nichts – es wird Alles im Ganzen abgesetzt; da ließen sie mich stehen. Dann müssen kleine Füße bei großen Damen hier rar seyn. Des Suchens war kein Ende, und an Kinderschuhen von diesem Maaße kein Vorrath. Zuletzt hatte ich noch einen Auftritt auf offner Straße. Es ist hier eine verflixte Polizei.«
»Wie so?« fragte Therese, und schickte sich an, den Einkauf zu versuchen.
»Nun,« antwortete der Bediente mit entrüstetem Tone: »wie ich so im besten Gehen bin, kommt Einer von der Polizei daher – ich meine, das müsse er gewesen seyn – stiert auf meine Hand und ruft: Freund! wo hast Du den Schuh her? – Es fiel mich an. Mein Herr Offizier, gab ich ihm zur Antwort, gestohlen habe ich den Schuh nicht, und um das Weitere braucht sich Niemand zu kümmern. Nun legte er sich aufs Bitten, besah sich den Schuh von allen Seiten, so daß ich daran denken mußte, was mir, da ich noch ein kleiner Knabe war, meine Mutter seliger von einem bezauberten Prinzen erzählte, der – –«
»Ich weiß, ich weiß –« unterbrach ihn Therese mit einiger Heftigkeit. – Füßli starrte seine Dame an. Sie war wie mit Blut begossen – er meinte, es käme vom Bücken; nur über seinen Horizont ging es gänzlich, daß sie wissen wolle, was er aus dem tiefsten Winkel der Beilade seiner Mutter Goldamme hervorzusuchen im Begriff gewesen. »Wie sah denn der Herr aus?« fragte sie.
»Es war der hübscheste Polizei-Lieutenant, den ich noch gesehen habe –« antwortete Füßli, »lang und wohl gewachsen; aber seine Keckheit hatte mich verdrossen, deshalb gab ich ihm nur kurzen Bescheid.« Therese ließ sich die Uniform beschreiben. Sie hörte still zu, dann sagte sie mit rügender Stimme: »Du hättest ihm doch höflicher Auskunft geben sollen.«
Füßli, stumm gekränkt, schüttelte leise den Kopf. Er meinte in seinem subalternen Verstande, daß selbst die betrübteste Frau sich von der Aufmerksamkeit eines Mannes geschmeichelt fühle, die dem kleinsten ihrer persönlichen Reize zu Theil würde: er wußte nicht, wie viel feiner Therese combinirte, da sie ihrem Diener den Mangel eines verbindlicheren Benehmens vorhielt. –
Jetzt ward es laut auf dem Vorsaal. Therese öffnete die Thür, und trat hinaus. Die Dame vom Lande, ihre Wandnachbarinn, stand im Begriff abzureisen, von ihren Leuten und den dienstbaren Geistern des Hotels umgeben, welche mit Schachteln, Paqueten, Flaschen, und hundert unnennbaren Kleinigkeiten des Bedarfs zu einem behaglichen Leben, belastet waren. Sie selbst glich einem wandelnden Pavillon, blieb aber stehen, als die ätherische Gestalt Theresens, nur etwa wie ein Trauermantel mit leichtem Schwarz besäumt, aus der düstern Stille ihres Zimmers aufflatterte, und redete sie an. »Ach meine Liebe,« sagte sie mit einer Fülle von Gutherzigkeit in dem wohlgenährten Gesicht, »Sie sind gewiß die junge Dame, welche hier zu einer so traurigen Erfahrung gekommen ist? – Wie mich das gedauert hat! so jung Wittwe werden, das ist in Wahrheit betrübt. Wie gern hätte ich Ihnen meine Theilnahme bezeugt! aber man hat den Kopf so voll von Einkäufen, – sieh Dörtchen! o verzeihen Sie – den polnischen Gries, den haben wir ja nun doch vergessen!« Therese bedeckte mit der weißen Hand die Augen, vor all' diesem häuslichen Wust. Sie hätte keiner Erinnerung bedurft, an den unwirthbaren Boden ihrer Heimath. Mit leisem, verachtenden Stolz, wie er dem Schmerz und der Liebe gegen solche Geringfügigkeiten eigen ist, verbeugte sie sich, aber doch mit der Grazie des Kummers.
»Könnte ich Ihnen irgend womit dienen?« fragte die Baroninn im Tone erhöheter Achtung, da sie kein Sterbenswörtchen, kaum einen Seufzer, aus diesem schönen Munde vernommen, der ein so heiliges Recht zur Klage hatte, deren Zurückhaltung stets am stärksten an das Herz des Mitleids dringt. Therese dankte gerührt. Sie konnte den Wunsch, ein aufrichtiges Mitgefühl zu äußern, nicht verkennen.
»Die Zeit –« setzte die Baroninn, wie wenig sie deren auch zu haben schien, in der Weise einer erfahrnen Trösterinn hinzu: »die Zeit, glauben Sie das mir, meine Beste! lindert auch den größten Schmerz. Da mein guter Mann starb – er ist nun schon seit zwanzig Jahren todt – da meinte ich auch nicht, noch einen frohen Tag zu erleben. Es giebt sich jedoch Alles, auch das, was uns beugt. – Werden Sie, wenn man fragen darf – Sich lange hier aufhalten?«
»Ich fürchte nicht, daß ich das müßte,« antwortete Therese mit einem Blick voll Schauer: »der Boden dieses Hauses brennt unter meinen Füßen.«
Die Dame nickte, gleich einer unförmlichen Pagode auf diesem großartigen Kamin, worin ein frisches Leben zu Asche geworden war, und sprach: »sonst hätte ich Sie gebeten, zu mir zu kommen, auf mein Gut. Ich bin die Baroninn Lenau.«
Dieser Name schlug mit einem bekannten Klange nicht an Theresens Ohr, nein! an ihr Herz. Therese wußte von jenem Nicolaus, der ihn mit dichterischen Ehren führt, und würdigte ihn wohl höher als den Kaiser, den sie als einen Feind ihres zerstückten Vaterlandes betrachtete. Eine poetische Verwandtschaft so wenig wie eine andere, zwischen diesem Lenau und der Baroninn, ließ sich gleichwohl schwerlich voraussetzen, und doch – trotz der Prosa dieser Erscheinung, und wie versunken in sich selbst Therese auch war, so flüsterte, da sie ihn nennen hörte, ein zartes ob auch melancholisches Gefühl, wie das Schönste seiner Schilflieder es erregt, in ihrem Busen auf. –
Das Wohlwollen verbindet schnell. Mit einem Zuge von Wehmuth ließ Therese die Baroninn aus den Augen. Sie trat ans Fenster, und sah die bepackte Landkutsche, von ihrer aristokratischen Bestimmung zu einer anspruchslosen Victualienfuhre benützt – langsam und schwerfällig abfahren. Therese dachte dieser flüchtigen Begegnung nach, welche sie doch ein wenig zerstreut hatte. Sie besaß überhaupt eine gewisse Vorliebe für ältere Personen ihres Geschlechts, und die Gabe ihnen zu gefallen; hingegen Frauen von mittleren Jahren konnte sie nicht leiden, ohne sich eines Grundes dafür bewußt zu seyn. Diese Eigenheit, denen, die mit ihr lebten, so bekannt, daß, als Therese einst ein rüstiges Weib, welches ihr Erdbeeren feil bot, gegen ihre Gewohnheit ziemlich unfreundlich abwies, ihr Schwager lächelnd sagte: »die Arme hat wahrscheinlich nicht das rechte Alter, um Dir sammt ihren schönen Früchten anzustehen? –« hielt sie vielleicht theilweise von Fabia entfernt, während ein Verhältniß ungeheuchelter Zuneigung zwischen der alten Nonne und der jüngsten Schwägerinn des Administrators bestand.
»Es giebt sich Alles,« hatte die Baroninn gesagt, »auch das, was uns beugt.«
Was ist wohl starrer als der Tod? Und doch schmiegt der Gedanke an die Verstorbenen sich allmählig unsern Vorstellungen an, hausbequem wie ein Kleid, in dessen weiten Falten ein wenig Staub ruht, ohne daß auch das reinste Herz davon beunruhigt würde.
Therese blickte tiefsinnig in das Gewühl, welches geräuschvoll wie ein Strom, doch eben so unverständlich sich unter ihr bewegte. Stunde an Stunde verrann – gegen den Abend sollte Constanz still, doch feierlich beerdiget werden, und seine Frau begehrte, während dieses Acts allein zu bleiben. Füßli wagte bescheidenen Widerspruch; das Gefühl der Einsamkeit und eines gemeinsamen Verlustes hatte dem treuen Diener Freundesrecht dazu gegeben.
»Es ist so schön, gnädigste Frau,« sagte er beklommen, »wenn ein Ehegatte den letzten Gang mit dem Andern nicht scheut, sey er immerhin der schwerste. Ich mögte sagen, es sähe den Frauen so ähnlich. Die Mutter blickt zehnmal in die Wiege, ob ihr Kindlein gut schläft, eine Pflegerinn achtet darauf, ob die Kissen des Kranken recht liegen, und eine Wittwe sollte das Auge abwenden und nicht sehen wollen, wie man ihren Todten gebettet hat? – Was mich betrifft, so würde ich meinen Herrn begleiten, und wenn ich auf den Knieen seinem Sarge nachrutschen müßte.«
Therese erröthete beschämt, und ein Anflug von Zorn über den Vorwurf, der in diesen treuen Worten für sie lag, schürte die Flamme ihres Angesichts. Sie sagte mit Selbstvertheidigung: »daß ich mein blutend Weh vor den Augen fremder Menschen entschleiern, und der Neugier ein Schauspiel geben sollte: dies kann ich nicht. Es wäre eine Form, die meinem Wesen widerstünde; meinem Constanz hilft es nicht mehr, und Wem schadet es, wenn ich lasse, was zu thun er selbst unräthlich finden würde? – Jeder hat seine eigene Schicklichkeit, guter Füßli.« Und dabei lächelte sie todesängstlich, wie im Besserwissen einer höheren Stimmung.
Jener schüttelte den Kopf, und seine Miene würde ein Kundiger dieser Sprache der Seele in die Antwort übertragen haben: »aber die Liebe ist doch nur Eine!«
»Wäre nur der Schwager hier,« jammerte Therese, und brach in Thränen aus, deren Thau sie dem Gras des fremden Kirchhofs vorenthielt –, »oder ein anderer Freund, der sich meiner annähme!« Füßli schwieg gekränkt. Seine weinende Dame sprach: »verlassener als ich, ist wohl auf Gottes Erde Niemand – und war ich es eigentlich nicht immer? –« In dieser Frage, womit Therese sich gleichsam frei sprach von den zarten Pflichten einer Verbundenen, geschah dem Anspruch des Gemahls Eintrag, den der Tod von jedem irdischen Bande gelös't; aber die Stunde des Begräbnisses gab ihm sein volles Recht wieder. Erschütternd in Schluchzen, aufgelös't in Leid, saß Therese im einsamen Sopha, während Der, dem sie kraft des ehelichen Gehorsams hierher gefolgt war, zu seiner letzten Ruhestätte schwankte, und sie an fremder Stelle allein ließ. Jeder Glockenhall bewegte ihre Seele in einer Schwingung stürmischen Schmerzes; überwältigt von unbekannten aber furchtbaren Gefühlen, war sie keines klaren Gedankens fähig. Endlich lagerte sich eine dumpfe Stille um ihren müden Geist. Sie lehnte den Kopf hinten über, schloß die Augen, und ließ unbewußt einzelne Tropfen unter den Wimpern hervorrinnen. – Im Hause, was den todten Gast entlassen, herrschte eine ungewöhnliche und bange Stille; selten schwebte der Engel mit der Palme in solcher Ruhe.
Da eilte ein starker doch gedämpfter Schritt die Treppe herauf an die Thür von Theresens Zimmer; es klopfte, und ohne das Wörtchen der Erlaubniß abzuwarten, trat ein Offizier ein. Rudolph Feldmeister lag zu Theresens Füßen, und hauchte athemlos einen ehrerbietigen Kuß auf die schwarze Serge ihres Schuhes.
Wie von einem elektrischen Schlage geweckt schaute sie auf. Schweigend sah sie ihn an, nur der nasse Blick, die zitternde Hand redete in einem leisen Druck, der dennoch die gepreßte Empfindung verständlich machte, worin sie athmete. Therese glaubte, der Himmel habe sich geöffnet, ihr seinen sichtbaren Schutz zuzusenden. Nach einer unaussprechlichen Minute sagte sie mit wankender Stimme: »so eben begräbt man meinen Mann – und ich weiß nicht, ob es sich ziemt, daß Ihr Hierseyn, lieber Freund, seine Wittwe tröste? –«
»O Therese!« rief der Lieutnant leidenschaftlich versichernd, »wie hat dieser Todesfall mich ergriffen, ohne daß ich wußte, Wen er träfe! und nun sollte ein erbärmlicher Anstand mich fern halten, wohin mein Herz mich drängt, selbst wenn es anders schlüge, als für den einzigen Wunsch dieser geliebten Nähe?«
Therese weinte heftig, der Lieutnant stand langsam auf, und sah finster in den Fall ihrer Thränen. »Fürchten Sie nicht, Therese,« sagte er mit jener edelsinnigen Achtung, die einem höheren Gemüth der Anblick des Leidens einflößt, wenn gleich sich in seinen Ton ein wenig verbitternde Kälte der Eifersucht mischte, »daß ich die Heiligkeit dieser Stunde und ihrer Gefühle nicht genug ehren mögte, um von dem meinigen zu schweigen. – Aber – die Vorsehung scheint mich zu Ihrem Schutz berufen zu haben, den Sie in so seltsam unglücklicher Lage in dieser fremden Stadt bedürfen könnten. Mit unsäglicher Mühe und Eile bin ich einer zarten Spur von Ihnen nachgegangen, hoffend, daß ich Sie fände – – Therese! mein Wiedersehen so unvermuthet, freut Sie nicht?«
Therese erhob das quellende Auge zu ihm; ein warmer Strom floß in sein Herz, und machte es schwellen. Sie schüttelte den schönen Kopf, und diese verneinende Geberde sprach jene zuversichtliche Erwartung nicht ab. »Unvermuthet?« sagte sie mit dem leisen Accent magnetischer Ahnung, »nein mein Freund! ich wußte, Sie wären mir nahe. Wo ich bedrängt bin, da erscheinen Sie! – Habe ich doch schon ihre Stimme vernommen. Unmöglich scheint mir nichts, nachdem, was ich erfahren. Ach!« und bei diesem seufzenden Ausruf rang sie die zarten Hände in ihrem Schooße, »was habe ich gelitten seit unserer Trennung! ich werde es nie – nie! vergessen.«
Diese Versicherung spaltete sich in dem Gefühl des Empfängers. Der angegebene Zeitpunct schmeichelte, ob auch unbestimmt, seinem fordernden Herzen; doch das Unmaß von Weh, wovon der leichte Sinn dieses harmlosen Wesens betroffen worden, deutete wahrscheinlich nur auf einen Schlag des Schicksals hin, der zur Zeit seine eigenen Empfindungen unterdrückte. Seine Zunge war für einen Moment gelähmt, dann sagte er: »ich glaubte nicht, daß der Verlust eines Mannes, den Sie eigentlich nur dem Namen nach besaßen, Sie bis zu diesem Grade außer Fassung bringen könnte, da es nur auf Ihre Neigung ankommen würde, jenen hohlen Besitz zu behalten.«
Therese seufzte aus voller Brust und dachte: »am Ende nimmt er es wohl übel, daß ich traurig bin? – O über die Männer! ihre Eigensucht findet sich sogar durch die Aufregung beleidigt, welche Derjenige verursacht, der allen irrdischen Wallungen ein Ziel setzt! –« Sie antwortete: »als Constanz zurückkehrte – o Gott! wann kam er denn? da hätte ich im Voraus wissen können, was mir begegnen würde. Mir war so kalt und schauerlich zu Muthe, als ob der Tod mich in seine Arme schlösse. Nun ging es holter, polter fort. Unerbittlich für den Wunsch der Seinen, gönnte er mir kaum Zeit, mich zu fassen, da das Scheiden vom Stift mir sehr schwer fiel. Dort ist mir wohl gewesen, sehr wohl! kleine Uebelstände etwa abgerechnet, die gegen so vieles Gute nicht in Betracht zu ziehen sind. Mit freundlicher Vernunft ließ der Schwager mich gewähren, und mir kein Härchen krümmen. Er war mir ein Bruder, wahrhaftig ein Bruder! und Ihren Oheim, ja den Major, habe ich wie einen Vater geliebt!«
Sein Neffe lächelte kühl, wie mit der Indolenz eines dankbaren Vetters, denn die Wärme, womit Therese des Administrators erwähnte, that der Wirkung jenes kindlichen Gedankens Eintrag.
»Der Morgen, wo wir von Sanct Capella abreiseten,« fuhr sie fort, »war mir schrecklich. Die ganze Welt kam mir verändert vor, so auch mein Mann. Ich war wirklich ein wenig einsiedlerisch geworden – und der Gedanke, mich wieder in seine umherfahrende Weise einzurichten, widerstrebte mir. Unbeschreiblich abgemüdet, mehr am Geist als am Körper, langte ich hier an. Erlassen Sie es mir, daß ich Ihnen von der kurzen Krankheit erzähle, die den armen Constanz binnen wenig Stunden hinabwürgte; ich bin es nicht im Stande. Und wäre er mein Feind gewesen, und nicht mein Mann, ich hätte gern, als es ihm an Luft gebrach, den Athem meiner Brust ihm einhauchen mögen.« Ein langer zitternder Seufzer, aushaltend in sprachlosem Schmerz, schloß diese Rede.
»Ich glaube Ihnen –,« sagte Rudolph bewältigt. Doch von seinem Standpunkt aus, und nach der Behauptung jenes Kenners der menschlichen Seele, dessen genialem Blick diese dunkle Substanz durchsichtig war, so daß er ihre tiefsten Geheimnisse an das Licht brachte, wie zum Beispiel eine beschattete Stelle der Theilnahme, die da lautet: denn nichts scheint Denen trübe, die gewinnen –, setzte er hinzu: »jenes Bild des Grauens wird sich mildern, theure Therese. Wie sollte, wenn die Vorstellung des Todes haften bliebe, der Soldat bestehen, der ihn mit all seinen Schrecken ertragen, und in furchtbarer Masse sehen muß, ohne daß er bei diesem Anblick zagen dürfte? Ein stärkeres Gefühl bezwingt ihn. Mein süßes Leben! beruhige Dich! jetzt bin ich da.«
Ein Blick innigster Schutzversicherung ward zwischen ihnen gewechselt. Und mit dem schüchternen Aufschluchzen überwundner Aengste sagte Therese: »ich bin kein Held, lieber Freund! und mich in einer so ganz einzigen Lage zu benehmen, fehlt es mir an Umsicht, wie an Erfahrung. Mich mit dem Nachlaß des Verstorbenen zu befassen, ist mir rein unmöglich. Ich glaube, ich könnte die größte Erbschaft wegschenken, um nur nicht davon reden zu hören.«
Der Lieutnant lächelte wundersam in sich hinein. Und Therese sprach weiter: »ein feiner Mann vom Corps Diplomatique war bei mir, dem ich das Portefeuille meines Mannes aushändigen mußte. Ich wußte nicht, ob ich recht daran gethan, und ob nicht noch andere als staatsgeheime Papiere darin gewesen? – Wäre nur der Schwager hier? ich habe einen Brief an ihn angefangen – dort liegt er noch. Als ich mich dazu sammeln wollte, kam ein Sammelbruder, wie denn überhaupt Störungen begehrlicher Art hier unvermeidlich sind. – Die Gedanken versagten mir, kein Wort wollte aus der Feder fließen; aber Thränen sind genug auf das Papier geflossen.«
»Ich schreibe an den Major –« sagte der Lieutnant mit nachholender Hast, »heute noch! sogleich. Wir senden eine Estafette. Der Administrator muß her. Doch dürfte es bei der großen Entfernung eine ziemliche Weile dauern. O Therese, Muth gefaßt, holde Freundinn! es werden bessere Tage kommen; dann sind diese ein beklemmender Traum gewesen. Mir war, als hätte ich auch geträumt – aber feenhaft, und meine Zukunft wäre verwandelt. Ich wüßte Ihnen Gutes zu erzählen; allein es deucht mir unzart, daß ich in diesen Augenblicken von mir spräche, und von irgend einem andern Glück als dem, zu Ihrer Beruhigung beitragen zu können.«
Therese athmete erleichtert auf, reichte ihm herzlich die Hand und sprach: »so wäre mir denn geholfen; zweifeln Sie nicht, daß Ihre Gegenwart die größte Wohlthat für mich ist. Aber noch ist mein ganzes Wesen so von Furcht und Beben eingenommen, daß ich die Hoffnung nicht zu fassen vermag, ich würde mich wieder einmal freuen können. – Es ist mir, als begäbe sich der Trost, daß ich Sie sähe, nur im Fieber. Ihr Bild wankt vor meinen Augen, eine so jähe, so erschütternde Veränderung läßt uns fühlen, daß nichts Bestand hat. Und die Angst zuckt schreckend durch meine Glieder, ich könnte erwachen, und Sie wären verschwunden.«
»Nein ich bleibe!« rief der junge Mann mit fester Innigkeit, und der Ton entschiedenen Selbstvertrauens steigerte sich zur Leidenschaft, da er hinzusetzte: »ich bleibe ewig Ihr treuester Freund! und eher mögte ich mich wohl selbst verlassen, als von dem Platze weichen, auf den himmlische Gunst mich gestellt hat. – Ist es ein Zufall, daß wir uns in Polen, im Stifte, und nun hier, in öder Weite, abgerissen von allen vorigen Beziehungen, gefunden haben? Eine unsichtbare Hand hat uns verknüpft, Therese! ich halte meinen Schwur, und der Himmel selbst scheint es zu wollen.«
»Constanz –« flüsterte Therese, »wird mir auch sein Schatten zürnen?«
»Er war eine vermittelnde Macht zwischen uns –« entgegnete Rudolph, »sein Daseyn, nun nicht mehr begrenzt, erweitert sich für unendliche Wünsche. Ein Geist ist nicht engherzig mehr, daß er dem Liebsten, was die Erde für ihn hatte, einen Strahl von Seligkeit, die Liebe! mißgönnen sollte. Aber Therese – Sie sind krank, und ein Wunder ist es nicht. Wenn ich Sie nur besser aufgehoben wüßte, in weiblich schicklicher Pflege. Der Gasthof ist kein Asyl für eine Leidtragende. Nun, morgen wird es anders seyn. Ich schreibe die Nacht hindurch, und mit Anbruch des Tages lasse ich meinen Boten fliegen.«
Jetzt trat Füßli ein. Die Schwermuth der Dienstpflicht, von der er zurückkehrte, beugte ihn sichtbar, ein Grabeswehen düsterte um die beflorte Gestalt, und die Citrone in seiner Hand, deren Poren im Ausdruck starken Schmerzes lind geworden waren, hauchte einen leisen, bangen Geruch aus.
Eine wunde Röthe floß mit der Blässe Theresens zusammen, als sie den Diener ansichtig ward, an den sie während dieser Scene mit keiner Sylbe gedacht hatte. Und auch das erdfahle Gesicht des ehrlichen Schweizers überzog sich mit der Farbe der Empfindlichkeit, da er den fremden Offizier erkannte. »Füßli!« sagte Therese mit weichem Tone, »dieser Herr, ein naher Verwandter des Major von Feldmeister im Stift, wird so gütig seyn, in meinem Namen nach Sanct Capella zu schreiben, und Dir das Nöthige hierüber ertheilen.«
Der Diener verbeugte sich stumm, und indem seine Dame sich gleichsam zu einer Entschuldigung herabließ, über dies Zusammentreffen, wie über die Vollmacht, welche der Lieutnant von ihr empfangen, zwang eine zarte Stimme ihres Busens sie, sich solchergestalt gegen ihn zu erklären. – Wenn es eine Pflicht zu trauern giebt, so ist stumme Treue der beredteste Vorwurf. Wer sich schweigend härmt, versenkt in tiefen Gram, erhebt sich in jeder Sphäre über Den, der Ohr und Lippe dem Troste öffnet.
Rudolph ging bald darauf. Er beeilte sich, die Briefe zu schreiben, die keinen längeren Verzug gestatteten. Den folgenden Nachmittag wollte er wieder kommen, weil der Dienst ihn am Morgen nicht entließ.
Therese empfand sein Fortgehen selbst für die Frist einer kurzen Frühlingsnacht, und bei der Gewißheit seiner Wiederkehr, doch beängstend.
Füßli blieb stöckisch, und wartete mit finsterer Unterwürfigkeit seines Dienstes. O! warum kann keiner sehnenden Seele Erquickung zu Theil werden, ohne daß die Mißgunst irgend einen erbitternden Tropfen dazu mischte? – Vor Allem stehet der Genuß auch der schuldlosesten Liebe unter diesem weltlichen Fluch. Sie ist das himmlische Feuer, dessen Raub mit jener Strafe gebüßt wird, die sich täglich erneut. – Der Freundschaft – und ist diese weniger ätherischen Ursprungs? – wird ihre schmelzende Kraft eher verziehen. Sie – »die Freundschaft hat Stufen, die am Throne Gottes durch alle Geister hinaufsteigen, bis zum Unendlichen!« So hoch kann der gewöhnliche Begriff sich nicht erheben. Aber Liebe, hienieden gefühlt, erscheint den Menschen oftmals niedrig. – Und nicht immer sind die Beweggründe Derer rein, die im unberufenen Zweifel, ob ein Verhältniß lauter sey, ein Herz in Flammen läutern. – Hätte der Major anstatt seines Neffen sich zum Beistand Theresens gefunden, der Diener ihres verstorbenen Gemahls würde ihn gesegnet haben; der junge hübsche Offizier, der ihren Schuh sogar erkannt – war ihm ein Dorn im Auge.
Schon hatte Therese am folgenden Tage ihres Freundes geharrt, und die Minuten, welche er zögerte, berechnet, als Rudolph kam, und wie es schien im Drange einer willkommnen Nachricht.
»Ich habe über Sie verfügt –« sagte er mit einem offnen Blicke, und hörbar knitterte seine Hand ein Blatt Papier in der Tasche, was er aber stecken ließ, als bedürfe es zwischen ihnen des Beweises nicht, »werden Sie mir das Zutrauen verleiden, daß ich es durfte?«
Therese bat ihn, mit einer Miene der Vorausbilligung, niemals ungewiß darüber und jetzt deutlicher zu seyn.
»Hier können Sie nicht bleiben, mein süßes Kind!« sprach der Lieutnant, und dieser zärtliche Zusatz sänftigte den taktischen Ton, der die Vermuthung anschlug, dieser Feldmeister von Theresens Gegenwart werde sich, als ehelicher Feldherr ihrer Zukunft, gar wohl zu benehmen wissen. – »Selbst meine Besuche,« fuhr er fort, »würden einem ärgerlichen Aufsehen nicht entgehen, und ich – ich leugne es nicht – bin empfindlich gegen die öffentliche Meinung. Lieber aber mögte ich einen Flecken an meiner Ehre dulden, oder in der Pupille meines Auges, als daß Ihr Ruf, theure Therese! durch mich, und wäre es um den leisesten Hauch eines Wortes – verdunkelt würde. Da ist mir denn guter Rath nicht über Nacht, nein! gestern Abend schon gekommen. Eine Anverwandte von mir, die Besitzerinn eines hübschen Landgutes in hiesiger Gegend, und eine so wackere Frau, daß ich wohl manche weibliche Tugend neben der harmlosesten Gutherzigkeit an ihr verehre, ist freundlich bereit, Sie bei sich aufzunehmen. Meine Tante ist in jedem Sinne wie von Milch genährt, und der Aufenthalt bei ihr ganz geeignet, den Affect der Betrübniß herabzustimmen. Sie werden –,« dies setzte der Lieutnant mit einem gutmüthigen Lächeln hinzu, »Gelegenheit finden, sich zu beruhigen; ein Athem von pflegmatischer Behaglichkeit ist die Lebensluft dieses Hauses, und ich werde Fug und Recht haben, oft genug darin einzukehren.«
Es hätte dieses letzteren Antriebes kaum bedurft, um Theresen dem Vorschlag ihres Freundes geneigt zu machen. Das wilde Täubchen war völlig zahm geworden.
Füßli – so wurde beschlossen – sollte im Gasthof bei den Sachen bleiben, bis der Administrator in Person, oder doch Nachricht von ihm käme. Auch konnte von Seiten der Behörden noch irgend eine Forderung ergehen, zu deren Aufnahme Jemand an Ort und Stelle seyn müßte. Schon in einer Stunde – mit solch militairischer Kürze war dieser Aufbruch bestimmt worden – sollte die Equipage da seyn, worin Therese nach jenem Landgute abgeholt werden würde. Rudolph wollte sie zu Pferde begleiten. In fliegender Eil wurden nun die Anstalten zur Abreise getroffen. Therese säumte keinesweges, den Engel dieses Hauses zu verlassen, um dem zu folgen, den sie mit besserem Recht für den ihrigen, und für einen Boten des Himmels hielt. Sie zog den schwarzen Schleier über ihr Gesicht, und sich in den Hintergrund des Wagens zurück, so lange er durch das lärmende Getöse der Stadt rollte. Doch als auch das Geräusch der Vorstadt immer ländlicher wurde, bis endlich am letzten Häuschen die sausenden Räder an dem schwirrenden Rade eines Seilers vorüberflogen, der sein hartes Gespinnst durch die weichen Frühlingslüfte milderte, da bewegte diese Schnur Theresens Herz, und es schlug in der grünen Stille einsam wie eine Bilderuhr. – Wie sanft wallten die Saaten! wie weit vergoldete die Sonne den Gesichtskreis! in welcher erhabenen Ruhe mischte das Blaßblau eines fernen Amphitheaters von Bergen sich mit dem Horizont! – Die Natur senkte ihren malerischen Vorhang über Theresens Einbildungskraft, und den Tumult jener wüsten Scenen, denen sie entronnen war. Kein neugierig kalter Blick traf sie mehr, und hier und da fiel der ihrige auf ein unschuldiges Blumenauge, in der zarten Frische erster Färbung, und es schien mit Wärme zu sagen, daß es den Thau gar wohl kenne, der zu nächtlicher Zeit sinkt. –
Rudolph ritt nebenher, und zum erstenmale ein neues schönes Pferd, womit er ritterlich bei dem Geleit seiner trauernden Dame paradirte, und dessen charakteristische Uebermüthigkeiten sein Aufmerken erforderten. Therese saß allein in tiefen Gedanken. Wie wenig glich ihre dermalige Stimmung jener, in welcher sie einst nach dem Scheiden von ihrem Gemahl, in Begleitung seines Bruders, dem gastfreundlichen Kloster zuflüchtete. – Gänzlich unbekannt war ihr der Ort und die Person, denen sie nun eine schützende Aufnahme verdanken würde; aber sie überließ sich mit unbedingtem Vertrauen ihrem Führer. Die Gleichgültigkeit des Kummers und erschöpfter Kräfte, nahm dieser Hingebung auch das leiseste Bedenken. Das Fahren erinnerte sie an die jüngste Vergangenheit. Constanz lag nun still für immer. Welch ein kleiner bescheidener Raum genügte ihm zur langen Rast! sein ruheloses Leben voll glänzender Entwürfe war nun aus, wie ein fliegender Stern in Dunkelheit erlischt. Sie versetzte sich in die Empfindungen, welche sie bei seiner Ankunft und während der Reise gehabt hatte, und gestand sich, daß es Vorgefühle gebe. War die tiefe sehnende Ruhe, in welcher alle Aengste, alle Wünsche schwiegen, vielleicht Gewähr dafür, daß Furcht und Hoffnung nun erfüllt seyen? – Nie hatte Therese mit zarteren Regungen der Reue an Constanz gedacht, nie sein Verhängniß in so innigem Bezug auf ihr Gemüth empfunden; obzwar jeder Faden von Eintrag in dem Gewebe ihres gegenseitigen Lebens nun abgerissen war. Auch das Glück wird mit Buße getragen, nicht allein das Gefühl der Schuld und der Besitz, sogar der zu hoffende, giebt uns nicht selten erst eine vorwurfsvolle Schätzung dessen, was wir verloren haben. –
Der Abend begann, sich auf die Landschaft zu senken. Noch schwebte der feurige Sonnenball, jedes Lüftchen riß eine flammende Rose aus dem Kranz von Purpurgewölk, der Himmel glich einem Garten voll brennender Liebe. – Das Geläut der ziehenden Heerden vom frischen Anger scholl fernher, wie wandelnde Abendglöckchen, da der Tag sich neigte, und dieser friedsame begnügte Ton weckte ein traumhaftes Sehnen, dem Heimweh verwandt, in Theresens Seele. Wo war ihre Heimath auf Erden? Nirgend! – Als nun die Sonne hinunter war, die geschäftigen Schatten einschliefen, und ein dämmernder Duft sich über Feld und Wiese verbreitete, da erschien ihre selige Mutter vor Theresens träumenden Augen, und ihr überirrdisches Lächeln sagte: »mir ist recht wohl! laß mich schlafen, Kind!« Auch Constanz richtete sich auf, und seine gestorbene Gestalt blühete wie unter einem Veilchenschimmer, der vom violetten Schein der Höhen mit dem röthlichen Hauch noch nicht aufgebrochner Laubknospen zusammenfloß. Und der Abendwind flüsterte mit seiner Stimme: »ich habe nun Ruhe gefunden – was betrübst Du Dich?« Eine namenlose Wehmuth ließ Theresen wünschen, sie könnte auch sterben. – »Sterben? jetzt, wo ihrer treulosen Neigung nichts mehr im Wege steht?« frägst Du vielleicht meine Leserinn, und Deine Hand hebt den Stein des Anstoßes. Aber lasse mich den Zweifel Deiner Frage heben. Wisse! der Schmerz um Die, welche nicht mehr athmen, und das Entzücken des Lebens, die Liebe! mischen ihre tiefsten Einflüsse zu einem Quell, der verlangend strebt, sich in das Meer der Ewigkeit zu ergießen. In Beiden fühlen wir uns unendlich. So stirbt die Jugend leicht unter dem vollen Blüthenhang ihrer Hoffnungen; nur das Alter klammert sich fest an den entblätterten Stamm des Daseyns, hätte es auch nur bittere Früchte getragen. –
Bei einem Bug der Straße öffnete sich die Aussicht in ein reiches Dorf, von Obstgärten umgeben. Das Schloß, kein Rittersitz von architektonischem Prunk, nur ein stattlicheres Wohnhaus – lag kaum abgesondert und sehr freundlich.
Der Lieutenant rief in den Wagen: »Wir sind an Ort und Stelle, –« und bei dem ersten Hinblick auf die Fenster, welche ein Abglanz der Abendröthe in saffranfarbenem Mattgold erhellte, spürte Therese jenes Bangen, welches uns Frauen mehr oder minder vor dem Eingehen in ein neues Verhältniß ergreift, oder, was oft gleichbedeutend ist – wenn wir uns dem Ziele einer Reise nähern.
Der Spiegel eines schöngeformten Teiches dicht vor dem Schlosse, am vorderen Rande von einer Brustwehr eingefaßt, und zu beiden Seiten mit weißen Gartenbänken versehen, strahlte das schwache Geflimmer einzelner Sterne zurück, und daneben den leuchtenden Vollmond des runden, rothen Gesichts einer Dame, die über das Geländer gelehnt, Karpfen fütterte. Die auftauchenden Fische zogen dunkle Kreise über die glatte Wasserfläche, worin das Schloß winkte und wankte; die Dame aber wich nicht von ihrem Platze, und war so vertieft in ihre speisende Lust, daß sie den Wagen nicht kommen gehört hatte. Schweigend hob der Lieutnant Theresen heraus, und sie gingen dem Teiche zu. Die Dame wendete sich um – erleichterten Herzens erkannte Therese die Baroninn Lenau in ihr. Und jetzt wußte sie auch auf einmal, daß Rudolph schon im Stift ihr diese Verwandte genannt, und von ihr erzählt hatte.
Die Baroninn schien mit dem Begriff der Nahrung völlig identisch zu seyn. Ihre Gestalt war wie die Fülle von Gottes Segen, ein angeschnittnes Brod lag in ihrem derben Arm, und das Messer blickte nur wie zum Spott der ihr eigenthümlichen Milde, womit sie nie eine andere Schärfe handhabte. – »Sieh da!« sagte die Baroninn sichtlich erfreut, »mein einladender Wunsch kam von Herzen, und ist deßhalb zu Herzen gegangen – wenn gleich auf einem kleinen Umwege –« setzte sie mit einem Lächeln vergnügter Schlauheit hinzu.
Diese einfachen Worte, und eine begrüßende Umarmung ließen Theresen fühlen, wie herzlich es mit dieser Aufnahme gemeint sey.
Rudolph hatte nicht nöthig, das Kleinod seiner Sorge der gütigen Tante werth und wichtig zu machen, welche liebreich es in Gold fassen mögen.
Die Baroninn hielt in einer einfachen neidlosen Denkweise die Schönheit für einen Empfehlungsbrief ihres Schöpfers, und das Unglück für ein heiliges Recht. Sie benahm sich, diesem Glauben zufolge, so, daß Therese sich wie im Himmel fühlte. Selbst ihr Aufenthalt im Stift, wie geneigt wir auch sind, das Vergangene zu überschätzen – war von mancher Seite für sie und für manche kleine Blöße schonungsloser gewesen, als der gastfreie Schirm dieses Hauses. Die Baroninn war nicht minder ein Muster der Wirthlichkeit, als Du, häusliche Fabia! aber dies hausmütterliche Walten war ihr ein rühriges Vergnügen, ein vorbereitender Genuß, kein werkthätiges Verdienst, was sich geltend machte. Sie war auch fromm; doch ohne selbstgefällige Strenge. Ihr Christenmuth war kein abtödtender und absondernder Stolz, sondern guter Muth, und deshalb ein tägliches Wohlleben, wie die Schrift sagt. Die fröhliche Zutraulichkeit zu Gott, womit sie sich des Besten von ihm versah, belohnte sich durch Zufriedenheit mit allen Menschen. Sie ließ die ganze Welt gewähren – und Wer jemals unter intoleranten Bekehrungs-Versuchen gelitten, weiß diese köstliche Eigenschaft zu würdigen. Allein auch Therese hatte sich geändert, nicht nur, daß ihre Umgebung eine andere war. Wir dürfen es zudem rühmlich voraussetzen, daß Frau Fabia sich der verwittweten Schwägerinn gewissenhaft angenommen haben würde. Theilnahme an widrigen Erfahrungen ward nimmer bei ihr vergebens gesucht; nur der Mitfreude war dies verschlossene Gemüth nicht fähig. Ihre Tugenden schmeckten alle, – wenn dieser Ausdruck nicht profan wäre – ein wenig nach dem Essig vom Kreuz. So versüßte sie Niemandem das Leben, und selbst das Gute, was sie erwies, blieb nicht ohne eine säuernde Mischung. – Die Baroninn dagegen war ein christlich-weiblicher Epikur; ihre Glückseligkeitslehre lief auf unschädlichen Genuß hinaus, den keine Verbitterung trübte. Sie schlürfte Geist des Lebens mit jedem Athemzuge, und wandelte das reine Element in stärkenden Wein. – Einer Therese mußte dieses System freilich besser zusagen. Jener anmuthige Leichtsinn zwar, der zu so vielen Mißhelligkeiten zwischen den Schwägerinnen Anlaß gegeben, trug nunmehr einen Flor von Melancholie, der ihn niederhielt; doch wäre ihr bewegliches Naturell auch nicht durch diesen zarten Ueberhang von Trauer gehalten worden, das Geheimniß jener wunderbaren Gegenwirkung Anderer auf uns, würde hier, wo im Umgange einer frohsinnigen Matrone nichts von der jungen Frau gefordert ward, als daß sie sich erheitern möge, Theresen zu einem soliden Ernst für Pflicht und Nachdenken gestimmt haben. Und endlich die Hauptsache! welch eine scharfe Ehrenwächterinn war ihr Fabia gegen den Blick eines Mannes gewesen! wie kränkend hatte jenes wachsame Auge auf jeden Schatten gedeutet, wenn der wohlwollende Schwager die Schwächen von Constanz reizender Gattin in allzugünstigem Lichte zu betrachten schien! Und welcher stummen aber richterlichen Rüge war die bemerkte Leidenschaft Rudolphs verfallen! und wie streng war das Urtheil, was über den aufmunternden Gegenstand seiner strafbaren Flammen erging! – Die Baroninn gönnte das menschliche Glück, zu gefallen, von ganzem guten Herzen so gern, ohne deßhalb eine liebenswürdige Frau für einen gefallnen Engel zu halten. Jeder Vorzug, den Therese besaß oder empfing, schien ihr natürlich. Sie fand die öfteren Besuche des Lieutnants, die Begeisterung für sein Schutzamt, ganz in der Ordnung und rechtmäßig. Sie schalt, wenn er eine Stunde länger ausblieb, als zu erwarten gewesen, und Therese vertheidigte lächelnd den Freund, der sich zu ihr bekennen, und die Wirksamkeit ihrer anziehenden Kräfte beweisen durfte.
Der junge Mann war seiner Tante sehr ehrenwerth und ein Schooßkind des Geschicks; – den Neigungen der Günstlinge aber wird geschmeichelt, und vielleicht war die Baroninn es sich kaum bewußt, daß sie die Güte der Gottheit verehrte, indem ihre eigene ein Verhältniß heiligte, was außerdem dem Bannstrahl der Welt schwerlich entgehen können.
Und da wir Theresen einstweilen so wohl aufgehoben wissen, wenden wir uns nach Sanct Capella zurück.
An einem milden Abend jener Zeit, in welcher wir die abwesende Therese begleitet haben, befand Schwester Veronica sich mit Josephinen in demselben großen Zimmer, worin unsere Erzählung anhebt. Sie saßen feiernd am offnen Fenster einander gegenüber. Tiefe, ernste Dämmerung herrschte in dem bewohnten Raum, in schattigen Umrissen zeigten sich alle Gegenstände; die Miene des Reformators war nicht mehr kenntlich, und nur der Rahmen seines Bildes warf einen zweifelhaften Strahl in das uranfängliche Düster.
Fabia, welche die sogenannte Dunkelstunde nicht liebte, wie man dies – beiläufig gesagt – meistens bei Personen von vorwaltendem Verstande und äußerer Thätigkeit findet – war in die Familie eines der Unterbeamten des Stiftes berufen worden, wo eben ein Lebensfunke erlöschen wollte. Ein liebholdes Kind, das einzige der Eltern, lag im Sterben. Man hatte die Schwägerinn des Administrators, deren Umsicht und christliche Gemüthsfassung geachtet war, zum Trost der Mutter herbei geholt, und noch sollte sie aus der Wohnung des Jammers wiederkehren. Von diesem Fenster aus war jene Wohnung in einem der klösterlichen Seitengebäude zu übersehen, und von dem wankenden Lichte da unten schwebte der stille Schatten des Todes herauf um die beiden Gestalten. Draußen aber pulsirte das warme Leben der Natur, und das Firmament flimmerte frühlingskräftig. Prachtvoller hatte die Nacht ihren Bogen nie gewölbt; die grüne Erde, gestickt mit Thauperlen und einer Milchstraße von Blüthen, schien dunkelblau, und nur ein tieferer Himmel.
Veronica hing mit verklärten Zügen an der überirrdischen Welt, die – nach einem poetischen Gleichniß – wie eine heilige Nonne verschleiert aus dem Sprachgitter der Sterne blickte; Josephine hing das Köpfchen auf den Busen. Beide hatten bisher geschwiegen. Jetzt sagte die Erstere, wie in sich selbst zurücksinkend: »ich will doch warten, bis Frau Fabia kommt, obgleich ich kaum zweifle, welche Kunde sie uns bringen wird. – Die arme Mutter! noch schwach und angegriffen von einer schweren Krankheit, wäre es viel, wenn sie es ertrüge, daß ihre süße Blume gebrochen da liegt!«
Josephine lächelte sanft und sprach: »ich, liebe Veronica, kann das Sterben nicht so sehr bedauern. Es hebt uns leise empor über alles Schwere, und stillt unsre Sehnsucht. Muß uns Jemand sterben, müssen wir erst traurig werden, um diese Sehnsucht zu empfinden? mir erregt sie der auflebende Frühling, die Freude sogar. Ihnen, liebe Veronica, darf ich es gestehen: es gehet mir wohl, worüber hätte ich mich zu beklagen? und doch ist mir zuweilen so weh zu Muthe, daß ich es nicht zu beschreiben wüßte. Aber um alles Glück der Welt mögte ich dieses wehmüthige Gefühl nicht tauschen.«
»Mein Kind,« antwortete die Nonne, und die geistliche Jungfrau nahm in ihrer Seelenreine keinen Anstand, ein mütterliches Bild für ihre Erklärung anzuwenden, »das sind die jugendlichen Wehen des Herzens, aus denen der Mensch in zartester Bildung hervorgeht, und die Liebe, ein Kind ihres Schöpfers, wird zum Licht geboren.«
Hier rauschte der Wind, wie jener Geist, von dem man nicht weiß, von wannen er kommt – und ein zartes Erröthen Josephinens barg sich unter dem dunkeln Flügel der Luft. Mit einem linden langen Odemzuge sprach das Mädchen: »ach, und der Frühling! das lichte Weiß seines ersten Blümchens, sein Blüthenschnee, das rinnende Gewässer, kommt mir wie der reine Glanz eines Engels vor, der am Grabe der Natur: Auferstehen! singt, und die Erde gleichsam heiligt. Ein seliger Schmerz durchdringt meine Seele, ich liebe Alles, was mir angehört, inniger aber sehnsüchtig. Das Künftige zieht mich zu sich heran, und von dem Gegenwärtigen kann ich nicht lassen.«
»Und wenn nun,« fuhr Schwester Veronica fort, »die Farben aufglühen, und wie Töne zusammenklingen, so daß Eine Stimme der Unsterblichkeit uns vernehmlich wird, wenn alles Leben sich erneut und verjüngt, dann feiern wir das Gedächtniß der Todten, und die Sonne bescheint den Tag aller Seelen, der in den Frühling gehört und nicht in den Herbst, zur trüben Zeit, wo die letzten Blätter fallen. Nie habe ich für meine Verstorbene inbrünstiger gebetet, und ihre versunkenen Denkmale wieder aufgerichtet in meinem Gemüth, als wenn ich zum erstenmale den frischen Sproß des Grases aus ihrer Asche grünen und blühen sah. – Ich verstehe wohl Dein Gefühl, aber das meinige kannst Du noch nicht fassen. Die Jugend reißt der warme Strom des Lebens mit sich fort; doch das Alter steht am Ufer der Zeit, worin so mancher Wunsch einwinterte und erstarrte. Jenseits strecken die Vorangegangenen ihre Arme nach uns aus, und der Blick ihrer Nähe zieht uns zu ihnen hinüber.«
»Nein, nein!« rief Josephine lebhaft und ängstlich, und faßte das Gewand der Nonne wie ein Kind, was die davoneilende Mutter an diesem schwachen Stoff zu halten meint, »es ist, als ob dieser Gedanke schon Sie mir entzöge. Auch reißt mich nichts hinweg – diese Möglichkeit könnte ich nur fürchten, doch mich ihr willig hingeben? nie! o nie! – Als ich Sie am Sonntage auf ihrer Violine phantasiren hörte – ich saß auf der Bank im Klostergarten – war es mir, als ob ein Himmel unaussprechlicher Empfindung auf mich niederschwebte. Ich mußte weinen, und wußte doch nicht warum? Ich dachte, wie so mancher dieser entzückenden Klänge in den Mauern Ihrer Zelle schliefe, und daß, wenn einst ein Herz voll Liebe darin klopft, es diese Capelle aufwecken würde, um ihrer Heiligkeit und Ruhe theilhaft zu werden. Wer wird einst dieses Weihestübchen bewohnen? – O laß mich ruhn an dieser lieben Stelle – bat ich den lieben Gott. Wenn ich aber dennoch scheiden müßte –« ihre Stimme versagte für einen Moment –, »so werde ich jene Töne, die mich über das Irrdische hinaus trugen, lebenslang mit dem Athem meines Herzens tragen, und in diesem Herzen Alles, was ich hier geliebt, und für wenig Anderes wird Raum darin seyn.«
»Mein trautes Kind!« rief Veronica in einem Ausbruch der Rührung und Güte, »Du sollst meine Zelle erben, ich verspreche es Dir. Und meine Bücher, meine Blumen – die Violine, den Ring –: Alles, was ich habe. Es ist mein liebster Wunsch, daß Du mir die Augen zudrückest. Dann werde ich –« setzte sie leise hinzu, »wie eine Nonne sterben, von der man sagt, daß der Engel jungfräulicher Frömmigkeit sichtbar wird, wenn sie verscheidet – und wie eine Mutter zugleich. Du weinst, Josephine? es fiel ein Tropfen, und Deine Wange ist feucht. Beruhige Dich, Herzenskind! nimm Deine Guitarre, und singe mir ein kleines Lied, es ist lange nicht geschehen. Du fühlst sehr wahr: die Musik ist ein religiöses Geheimniß, und nicht auf Erden geboren. Die Töne, welche aus der innersten Fülle der Seele quellen, sind himmlische Eingebungen und die Sprache der Geister. So soll das ganz einzige Spiel des großen Violinisten – ich hätte ihn hören mögen – etwas Dämonisches gehabt haben, und alle Schönheit seines Vortrages würde mir höchstens nur gewesen seyn, als ob ich empfände, wie die Kunst verzweifelt. Nein! selbst Paganini hätte meine cremoneser Geige nicht erben dürfen; sie ist nur Dein Vermächtniß – keines Andern. Und wenn ein Zufall den Bogen zerbräche, und nur ein Seufzer Deines reinen Odems jemals über den stummen Steg hinstreicht: so ist ewige Harmonie darin, und das Werkzeug meiner innigsten Freuden kann schweigen und zerfallen, wie ich, oder wie Das, was lieblich an mir ist.«
Die Violine war – wie wir bemerken – eine schwache Saite dieser trefflichen Choristinn; eine Saite, welche leicht in nachtönende Schwingung gerieth. Sie wollte nächstdem das geschmeichelte Gefühl ihrer Virtuosität mit dem unerkünstelten Beifall vergelten, den sie den einfachen Melodieen ihres Lieblings zollte.
Josephine, gehorsam dem Wunsch der Nonne, lös'te das Instrument, ein Geschenk des Administrators, von der Wand, und griff einige Accorde. Dann setzte sie sich nieder, hob das schöne Auge aufwärts und sang mit jenem melancholischen Wohllaut der die tiefste Glückseligkeit anspricht:
»Kaum hat mit frischem Thau die Nacht Des Himmels dunkle Au begossen, So seh ich tausend Lilien sprossen, Verklärt von wundersamer Pracht. Sie öffnen ihre Kelche weit Und lassen ihre Strahlen regnen, Die schlummermüde Welt zu segnen Durch einen Traum von Herrlichkeit! Ihr Lilien der heil'gen Nacht! Wie sehn ich mich nach Eurem Garten, Wo Engel liebend Eurer warten, Ein treuer Gärtner Euch bewacht: Gebt ihr so fern mit mildem Schein Schon süßen Trost der Brust hienieden, Wie süß, wie süß wird einst der Frieden Im Schatten Eurer Blüthen seyn!«
»Welch ein köstliches Lied, mein süßes Mädchen!« sagte die Nonne mit schimmernden Augen, »es spricht für eine tiefe und heilige Empfindung. Kennst Du den Dichter?«
Josephine nannte ihn –*) und sprach: »es ist auch mein liebstes. Seit ich es habe, singe ich es fast nur allein, doch nicht oft, weil es weder gestört noch täglich werden darf, und eine Stimmung und Stille erheischt, die – wie jetzt –«
*): Heinrich Wenzel.
»Ein Schlummerlied im höheren Chor –« unterbrach Schwester Veronica die Rede des Mädchens. »Wenn das Kind etwa schon gestorben wäre: so könntest Du den Schrei des Schmerzes aus der Brust der Eltern damit eingesungen haben.«
Die Thür ging auf, und Fabiens dunkle Gestalt trat gespenstisch mit müden Schritten ein. Sie hielt einen Brief uneröffnet, verhängnißvoll in ihrer weißen Hand.
»Nun, Frau Fabia,« sagte die Nonne und erhob sich von ihrem Sessel, »was werden wir nun erfahren?«
»Die Kleine ist dem Herrn entschlafen –« antwortete Fabia mit jener dumpfen Ruhe christlicher Ergebung, die jedoch wachsam für ihren Ausdruck ist. »Noch ist die Mutter betäubt, der Vater hingegen scheint gelassen; nur fürchte ich, daß es nicht vorhalten werde. – Noch kein Licht, Josephine? wie kann man so gern im Finstern seyn! – besorge es geschwind, daß ich diesen Brief lesen kann. Ein Bote von Bühle ist angekommen, und die einfältigen Leute schickten ihn mir nach. Es war, als ob der Tod hörbar anklopfte, und Furcht und Schrecken kam uns Alle an, die wir still um das kleine Sterbebett standen und beteten.«
Josephine eilte, die Lampe anzuzünden, und indem der kaum entglommene Schein derselben auf Fabiens Gesicht fiel und ihr Auge von einer Zeile zur andern glitt, sah Veronica, daß ihre Züge sich veränderten. »Eine Neuigkeit, Schwester Veronica,« wendete die Pflegemutter Josephinens im Drange der Mittheilung sich an die Nonne, »Graf Frankenstern ist mit seiner Tochter endlich angekommen.«
»Graf Frankenstern!« rief Jene mit antheilvollem Interesse, und der Ton, den die Glocke dieser Nachricht anschlug, war ein Klang aus der guten alten Zeit des Klosters. »Der hochbejahrte Herr lebt also noch! und Comteß Albane kann auch nicht mehr jung seyn – wenn ich mir die Gräfinn Mutter bedenke – diese leutselige Dame war mir ein höheres Wesen und wie so ganz war sie für Sanct Capella eingenommen! – In Bühle, sagten Sie, hält die Herrschaft sich auf?«
»Ja –« antwortete Fabia schwach, und eine große Erschütterung dieser starkmüthigen Frau ward laut in der kleinen Sylbe, »reiche mir einen Stuhl, Josephine –« sagte sie sehr sacht, während das sichtliche Schwanken ihres Körpers verrieth, daß Fabia mit dem Gefühl der Ohnmacht kämpfe. –
Diese Botschaft wirkte nach, und ihr schlagender Eindruck hielt an. Die kleinen klaren Schriftzüge, von einer Hand kommend, welche, wie Fabia jetzt deutlich empfand – Gram und Herzeleid über ihr unbeflecktes Leben gebracht, verwirrten ihre Seele. Das Dunkel einer finstern That stieg vor ihr auf, daneben der Schatten ihres Mannes, kummerkrank und dräuend, daß seine Frau nicht vergessen möge, welch eine Last ihn ins Grab gedrückt, und Fabia glaubte mit ihm zu versinken.
»Jesus Maria!« rief die Nonne, als sie die Todesblässe auf dem Angesicht ihrer Freundinn sah, »was widerfährt Ihnen denn? Ein paar Tropfen Lebensgeist – wenn ich sie nur bei der Hand hätte – ein Trunk frischen Wassers –« das zitternde Mädchen flog hinab, ihn zu holen. Inzwischen hatte Frau Fabia sich schon erholt. Sie wehrte sich mit selbständiger Kraft gegen die Schwäche, von der sie einen Augenblick bewältigt worden war, wie gegen die mitleidige Angst, welche über sie verfügen wollte, und sprach, obgleich mit bebenden Lippen: »es ist schon vorüber. Seyn Sie außer Sorgen meinetwegen, Schwester Veronica. Und Josephine – Du siehst, mein Kind, es ist mir wieder besser. Aber trinken will ich doch. –« Sie stärkte sich durch einen erfrischenden Zug.
»Ja, ja!« sagte die Nonne, und ihre Rede nahm wider Wissen und Willen die Methode einer gelinden Strafpredigt an, »ein geistlich Amt, das der Tröstung und des Beistands in der letzten Noth, erfordert starken Odem, und Wer sich stark fühlt, ist es deshalb nicht zu allen Zeiten, und übernimmt sich wohl einmal. Sterben aber ist kein Kinderspiel, und man sieht nicht zu, daß man sich daran ergötze.« So ist aber – der geneigte Leser erlaube uns diese Episode – auch eine edle und geläuterte Seele nicht sicher, daß kleinliche und niedere Stoffe, welche die Scheidekunst eines gereinigten Charakters für immer aussondern müßte, sich in das Ergebniß ihrer Urtheile mischen. Wir sind uns selbst nicht klar. In der freundschaftlichen Aeußerung der Schwester Veronica, die wir vor Vielen ihres Gleichen heilig und selig preisen, dürfte ein kleiner Nonnendünkel kaum zu verkennen seyn, und der Glaube, daß, um in Todesängsten beizustehen, menschliche Theilnahme hiezu nicht genüge, und die Kraft zu solchem Beistand nur von einem Geiste ausfließen könne, der durch priesterliche Weihen dazu befähigt worden sey.
»Denn der Bote –« so fahren wir mit den Worten der Nonne fort, »ein Bote hat mir all mein Lebtag Schrecken eingejagt, und es war mir immer, als ob ich das Schicksal in Person kommen sähe, was mir ein neues Päckchen zu tragen brächte. Wer weiß auch, was der Brief enthält! – So viel ich mich erinnere, waren Sie in früheren Jahren in Verbindung mit Gräfinn Albane? –«
Fabia nickte schwer und schwieg. »Wenn nur der Schwager da wäre!« sagte sie, und ihr Auge starrte sinnend vor sich hin, »erst morgen Abend kehrt er zurück, dann ist es zu spät.«
»Wozu?« fragte die Nonne mit einem leichten Anfluge jener Neugier ihres Alters und Standes. Und mit aufrichtiger Liebedienstlichkeit setzte sie hinzu: »wenn Sie in Etwas bedrängt wären, Frau Fabia, worin ich Ihnen mit Rath und That nützlich werden könnte –«
»Das wird sich später finden –« antwortete Fabia mit einem bedeutenden Blicke nach Josephinen hin, und drückte dankbar die zellenzarte Hand der Nonne, wie aus Wachs gewebt, »für jetzt bedarf ich nichts als Ruhe.«
»Wie kalt Sie noch sind!« sagte Schwester Veronica besorglich, »ich dächte, ein Krampfpulver wäre nicht übel für die Nacht; es beruhiget die Nerven.«
Fabia lächelte seltsam bitter, als bedürfe ihre innere Aufregung ein anderes Opium. Sie verneinte den Gebrauch des Mittels, und begab sich in ihr Schlafgemach. Den folgenden Morgen war große Wäsche im Stift; eine der Haupt-Stadien dieser geregelten Oekonomie. An solchen Tagen ging Frau Fabia sonst gleich der Sommersonne früh auf, um sich mit wahrer Hoheit im Meere dieser Waschfluth zu bespiegeln. Ja, wir dürfen kühn behaupten, daß die Göttinn, an der wir Selbstgefälligkeit so natürlich finden, sich vielleicht in einem minderen Grade derselben aus dem Schaum der Wellen erhoben habe, als womit die Juno dieser häuslichen Sphäre sich von ihrem brausenden Element benetzen ließ. – Daß diese Wolke ihm vorübergehe, hatte der Administrator stets und so auch jetzt eine kleine Reise unternommen, und Therese ihm einst muthwillig gedroht, er werde einmal aus dem Regen in die Traufe kommen. In diesem Punkte war aber Therese gleich den Männern, und wendete am liebsten jener häuslichen Nothwendigkeit den Rücken. Sie badete wohl eher die Füßchen im Thau, als daß sie einen ihrer rosigen Finger zu Gunsten einer wirthschaftlichen Bemühung naß gemacht hätte. – Wir zweifeln daher, daß Therese selbst der Waschfrau Chamissos die poetische Seite abgewinnen mögen, wogegen sie gewiß den trockensten Gegenstand des versandeten Schlaraffenlandes geeigneter gehalten haben würde, besungen zu werden. –
Heute aber schwebte kein ordnender und waltender Geist über diesen Wässern. Fabia schien in tiefem Schlaf versunken zu seyn. Josephine klopfte leise an die Thür der Pflegemutter, und Fabia that auf. – Ihr Aussehen trug die Spuren einer schlummerlosen Nacht, ungewöhnlich achtlos war ihr Anzug; doch selbst in seiner Nachlässigkeit noch keusch und sauber. Ihr Auge, von Schatten vertieft, die sich darunter gelagert, glühte fieberhaft, und Miene wie Gebehrde war von jener Ermattung – der Feindinn jeder Thätigkeit – beschlichen, welche uns anhängt, sobald wir herzenskränklich sind.
»Vergieb, liebe Mutter, daß ich es wagte, Dich zu stören –« sagte Josephine, indem sie ihren betroffenen Blick in einen bittenden zu mildern suchte. »Es befremdete uns, daß Du noch nicht aufgestanden warst, weil es gegen Deine Weise ist.«
»Ich habe nicht viel geschlafen –« antwortete Fabia gemäßigt wie immer, »und mich auf Wichtiges vorzubereiten. Wir müssen heute nach Bühle auf das Schloß – mein Kind; doch fahren wir erst nach Tische. Ziehe Dir das neue luftblaue Kleid an, und ordne Dein Haar sorgfältig, ich will Dir gern behülflich dabei seyn. Das goldne Kreuzchen binde um den Hals, und wirf den gestickten Schleier über, er läßt Dir äußerst günstig.«
»Heute?« fragte Josephine bestürzt, und dachte, der Herold des jüngsten Tages habe die Stimme ihrer Pflegemutter geliehen. Nie war Frau Fabia an Tagen häuslicher Geschäftigkeit nur einen Schritt von der Schwelle dieses Hauses und von ihrer Pflicht gewichen; nie hatte das Mädchen ein eitles Wort aus Fabiens Munde gehört. Das Ende aller Dinge schien gekommen, oder doch nahe zu seyn. Scheu und bekümmert setzte daher Josephine jener einsylbigen Frage hinzu, deren Accent all ihre Verwunderung ausdrückte: »Du scheinst sehr unwohl, meine Mutter.«
»Und wenn auch!« antwortete Diese, indem ein herbes Lächeln der Gleichgültigkeit gegen alles Bisherige auf ihre Lippen stieg, »der Herr mein Gott wird mich stärken.« Sie heftete dabei einen durchdringenden Blick auf das Crucifix von Gußeisen, welches auf ihrem Nachttische stand. Dieser Blick enthielt ein angsthaftes Gebet, und besagte, soviel wir von dem flehenden Geflüster am Altar des innern Heiligthums verstehen: »Du! der Du uns rein gewaschen hast von unsern Sünden mit Deinem theuren Blut, gieb, daß Albane –« hier drang ein unaussprechlicher Seufzer durch das kalte Metall an das Herz des höchsten Erbarmers. Und von einem Gefühl ermuthiget, was sich erhob, sagte sie: »es muß Alles gehen. Wie wird es seyn, wenn ich nicht mehr da bin?«
»O sprich mir davon nicht!« bat Josephine, und küßte Fabiens mütterliche Hand.
»Eben jetzt muß ich recht sehr mit Dir davon sprechen,« erwiederte Fabia, selbst in dieser erweichenden Minute dem Grundsatz treu, dem Eigenwillen eines Kindes niemals nachzugeben. »Wir haben viel mit einander zu reden. – Doch siehe! daß Du die Thür zuvor verschließest. So! nun schiebe den Riegel vor.«
Von dieser Vorsicht geängstet, war Josephine voll Furcht und Warten der Dinge, die da kommen würden. Frau Fabia schien einer vorbereitenden Pause zu bedürfen, in der sie sich fasse, dann sprach sie mit einem Ton würdevoller Abbitte: »wenn ich Dich zuweilen hart angelassen, und Dir zeither strenger war, als daß ich Deinen unschuldigen Neigungen und Wünschen jemals geschmeichelt hätte – so geschah es –« ihre Stimme wankte.
»O geliebte Mutter!« rief Josephine, welche diese demüthige Sprache der tugendstolzen Pflegemutter nicht aushalten konnte, »es ist nur zu meinem Besten geschehen. Womit habe ich Dich beleidiget, daß Du Dich so fremd gegen mich ausweisest? bin ich nicht Dein Kind? – Ich will sie ablegen, diese Fehler, denen mein guter Wille noch manchmal unterliegt; habe nur ein wenig Geduld mit mir. Und wenn ich mich heute in Bühle etwa linkisch benehmen sollte –«
Ein Lächeln, worin mehr Rechtfertigung lag, als in jedem moralischen Beweise, flog Fabiens Miene an. Sie antwortete: »das fürchte nicht. Du hast ein Recht, dort zu seyn: die Gräfinn Frankenstern, der ich Dich zuführe, ist Deine Mutter.«
Josephine stieß einen leisen Schrei aus, als hätte ihr dies Wort einen Dolch in die Brust gestoßen. Der Name Derer, die ihr das Leben gegeben, schien diese Himmelsgabe zurück zu nehmen, und das liebliche Bild des Mädchens versteinte zu weißem Marmor.
»So ist's, mein Kind!« setzte Fabia mütterlicher als je hinzu, »die Stunde, darin das Band sich lös't, was uns so lange verknüpfte, reißt nicht allein an meinem Herzen – ich muß mich ernstlich zusammennehmen.«
»Mutter!« sagte Josephine furchtsam und leidenschaftlich, »ich hoffe zu Gott, Du willst mich nicht verstoßen.«
»Du brichst mir das Herz entzwei, Mädchen!« entgegnete Fabia schmerzlich. »Darf ich Dich denn jenen Ansprüchen vorenthalten? Es wird Alles darauf ankommen, wie wir die Gräfinn finden. Du bist die Tochter einer heimlichen Ehe, und dein Vater – der Onkel wird Dir sagen –«
»Der Onkel – ist mein Vater?« fragte Josephine mit schwacher Stimme.
»Der Onkel – komme doch zu Dir, Kind! ist auch Dein Onkel nicht, und es nur dem Namen nach gewesen. Dem Blute nach, gehst Du uns gar nichts an.«
Bei dieser Erklärung, welche Fabia nicht aus lossagender Kälte, sondern der vollständigen Erklärung wegen gab, sah Josephine aus, als wären ihr alle Adern geöffnet. Ihre Seele strömte in Liebe für die Menschen, mit denen sie gelebt, für den Ort, der ihr die trauteste Heimath geworden war. Sie empfand den Einfluß einer innigen Gewohnheit. Sie empfand ihn mit schwellendem Herzen, da sie den Abschied so nahe wußte. Die gräfliche Mutter stand wie eine verhüllte Gottheit von ferne, und scheue Ehrfurcht, ein fremdartiges Grauen war Alles, was Josephine für ihre Näherung hatte. Und der Administrator war nicht einmal da! es däuchte Josephinen, als ob sie diesem gütigen Freunde hinterrücks entführt würde. Ein Gefühl, zarter noch als Dankbarkeit, forderte in ihr, daß sie ihm diesen schnellen und gewaltsamen Abruf selbst sagen und klagen könnte, daß er Augenzeuge wäre der sträubenden Wehmuth, womit sie von hinnen schied. –
Als der Nachmittag nun kam, erschien Josephine in vorschriftlichem Anzuge. Sie war bei dem Werk der Toilette ihrer wenig bewußt gewesen, um so eifriger hatten ihr die Grazien gedient, welche zurückweichen, wo die Eitelkeit handreicht. Auch Fabia war ausnahmsweise festlich angethan. Sie trug ein dunkles Kleid von tannengrüner Seide; doch indem die verwittwete Frau bei dieser seltnen Gelegenheit ihr Licht leuchten ließ, trug doch der Christbaum ihres Gewandes kein einziges Flämmchen Flitterstaat zur Schau, sondern nur die Frucht bescheidener Einfalt, an der man erkannte, weß Geistes Kind sie wäre.
Der Himmel hatte sich mit Gewölk umzogen. Frau Fabia, im Begriff, sich in den Wagen zu setzen, schaute auf und sprach: »den guten Regenschirm wollen wir noch mitnehmen, zur Fürsorge. Wir könnten ihn brauchen, beim Aussteigen. Er steht, wenn ich nicht irre, in des Schwagers Zimmer, im Winkel wo die Pfeifen lehnen –« Und hurtiger flattert der Vogel nicht vom Zweig, als Josephine dahin flog, ehe es möglich war, ihr zuvorzukommen. Sie drängte die Seele des Abschieds, als den Inbegriff schmerzlicher Empfindung, in den heißen Blick, womit sie die stummen kalten Wände grüßte, und Wer weiß, ob nicht zum letztenmal! – Dort stand der braune Schirm, und neben dem Saum seines geschlossenen Zeltes, blickte der Kopf des Mustapha zu ihr hinauf, die in dem wehenden Schleier, eher der schönsten Blume des Harems, als, des goldnen Kreuzchens ungeachtet – einer jungen Braut der Kirche glich. Hier stand das Schreibpult des Administrators, und ein kleines weißes Blättchen lag lockend auf der grünen Fläche. Josephine warf einen Blick darauf – ein Sonnenstrahl fiel gleichzeitig in die Werkstatt ihrer Gedanken. Eine Feder war auf jenem Streifen Papier probirt: »Josephine,« stand in kalligraphischer Schönheit am Rande des Blättchens, und das Urbild dieses wohllautenden Namens stand mit schöneren Zügen davor. Sie ergriff die Feder, und schrieb mit fliegenden Fingern:
»Ich muß fort – verzeihe, daß ich mit Ich anfange; aber Stolz ist nicht in mir, nur eine sehr traurige Liebe, daß ich von Sanct Capella scheiden muß. Kannst Du etwas beitragen – –