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Die Schatzinsel

Zweiter Teil Der Schiffskoch

Reading edition

Siebentes Kapitel Ich fahre nach Bristol

Es dauerte länger als der Squire geglaubt hatte, bis wir seefertig waren, und keiner unserer ersten Pläne — nicht einmal der Dr. Livesays, mich bei sich zu behalten — konnte durchgeführt werden, so wie wir es beabsichtigt hatten. Der Doktor mußte nach London, um dort einen Stellvertreter aufzutreiben, der Squire war in Bristol tüchtig an der Arbeit und ich lebte weiter im Schloß unter der Obhut des alten Wildhüters Redruth, fast wie ein Gefangener, aber ganz erfüllt von Seephantasien und den herrlichsten Träumen von fernen Inseln und Abenteuern. Ich brütete stundenlang über der Karte und dachte über alle Einzelheiten nach, an die ich mich ganz genau erinnere. Beim Feuer im Zimmer des Verwalters sitzend, näherte ich mich der Insel von jeder möglichen Richtung her. Ich durchforschte jeden Quadratmeter ihrer Oberfläche, ich erklomm wohl tausendmal jenen steilen Hügel, das „Fernrohr“, und genoß von seiner Spitze aus die wundervollsten und abwechslungsreichsten Ausblicke. Manchmal war die Insel von Wilden dicht bevölkert, mit denen wir Kämpfe bestehen mußten, dann wieder gab es dort wilde Tiere, die uns verfolgten. Aber in keiner meiner Phantasien gingen so tragische und seltsame Dinge vor, wie wir sie wirklich erleben sollten.

So vergingen die Wochen, bis eines schönen Tages ein Brief, an Dr. Livesay gerichtet, ankam, mit dem Zusatz auf dem Umschlag: „Im Falle von dessen Abwesenheit von Tom Redruth oder dem jungen Hawkins zu öffnen.“ Dieser Anweisung folgend fanden wir — oder vielmehr fand ich, denn der Wildhüter konnte nur Gedrucktes ordentlich lesen — die nachstehenden wichtigen Nachrichten:

Gasthof zum Alten Anker, Bristol, 1. März 17..

„Lieber Livesay, da ich nicht weiß, ob Ihr schon zu Hause oder in London seid, sende ich diesen Brief in doppelter Ausfertigung nach beiden Orten.

Das Schiff ist gekauft und ausgerüstet. Es liegt seefertig vor Anker. Ich habe niemals einen schöneren Schooner gesehen. — Ein Kind könnte ihn segeln — zweihundert Tonnen — Name: ‚Hispaniola‘.

Ich bekam ihn durch meinen alten Freund Blandly, der sich als ein Prachtkerl durch und durch erwiesen hat. Der ausgezeichnete Junge arbeitete buchstäblich wie ein Sklave für mich, und dasselbe taten alle anderen in Bristol, sowie sie Wind davon bekamen, nach welchem Hafen wir segeln — nach welchem Schatz, meine ich.“

„Redruth,“ sagte ich, die Vorlesung unterbrechend, „das wird Dr. Livesay nicht gefallen. Der Gutsherr hat doch geplaudert.“ „Na, und wer hat denn mehr Recht dazu als er?“ brummte der Wildhüter. „Eine schöne Ordnung wär’ das, wenn der Squire wegen Dr. Livesay nicht reden dürfte.“

Danach gab ich jeden weiteren Erklärungsversuch auf und las einfach weiter:

„Blandly selbst hat die Hispaniola entdeckt und durch seine wunderbare Geschicklichkeit habe ich sie für einen Pappenstiel bekommen. Es gibt viele Leute in Bristol, die gegen Blandly unglaublich voreingenommen sind. Sie behaupten, daß dieser ehrliche Kerl für Geld alles zu tun imstande sei, daß die Hispaniola ihm selbst gehörte und daß er sie mir unverschämt teuer angehängt habe, also die durchsichtigsten Lügen. Niemand wagte es übrigens die Vorzüge des Schiffes zu leugnen.

Soweit kein Hindernis. Die Arbeitsleute natürlich zum Verzweifeln langsam, aber mit der Zeit wurde auch das besser. Nur wegen der Mannschaft hatte ich Sorge.

Ich wollte rund zwanzig Mann — für den Fall als wir mit Piraten, Eingeborenen oder den unangenehmen Franzosen zu tun kriegen sollten — aber ich hatte eine verteufelte Plage, auch nur ein Dutzend zusammenzubringen, bis mich endlich der sonderbarste Zufall gerade mit dem richtigen Mann zusammenführte.

Ich stand beim Dock und kam rein zufällig ins Gespräch mit ihm. Es stellte sich heraus, daß er ein alter Seemann war, eine Hafenschenke hielt, alle Matrosen von Bristol kannte, auf dem Lande seine Gesundheit eingebüßt hatte und jetzt eine gute Stelle als Schiffskoch suchte, um wieder auf die See zu gehen. Er war an diesem Morgen zu den Docks heruntergehumpelt, um, wie er sagte, wieder ein wenig Seeluft zu atmen.

Ich war schrecklich gerührt — auch Euch wäre es so gegangen — und aus reinem Mitleid nahm ich ihn sofort als Schiffskoch auf. Er heißt der lange John Silver und hat nur ein Bein, doch das betrachte ich als Empfehlung, da er das andere im Dienste des Vaterlandes unter dem unsterblichen Hawke verloren hat. Er bezieht keine Pension! Oh, welch erbärmliche Zeit, in der wir leben, Livesay!

Nun Herr, ich hatte geglaubt, nur einen Koch entdeckt zu haben, aber ich hatte die ganze Mannschaft gefunden. Gemeinsam mit Silver gelang es mir in wenigen Tagen eine Gesellschaft der zähesten, alten Seebären, die man sich vorstellen kann, zusammenzubringen, die zwar nicht schön anzusehen sind, deren Gesichtern man aber ansieht wieviel Feuer und Mut in ihnen steckt. Ich glaube, wir könnten mit einer Fregatte anbinden.

Der lange John befreite mich sogar von sechs oder sieben, die ich bereits aufgenommen hatte. Er bewies mir ohne weiteres, daß sie zu jener Sorte von Neulingen gehörten, die uns im Falle von Abenteuern nur lästig, oder geradezu gefährlich gewesen wären.

Ich bin in der herrlichsten Stimmung und Gesundheit, esse wie ein Drescher und schlafe wie ein Sack, aber trotzdem freut mich nichts, ehe ich nicht meine alten Matrosen die Anker lichten sehen werde. Auf zur See! Was liegt an dem Schatz! Die Herrlichkeit des Meeres ist’s, was mich ganz närrisch macht. Und jetzt, Livesay, kommt rasch! Verliert keine Stunde, wenn Ihr etwas auf mich gebt.

Schickt den Jungen Hawkins gleich zu seiner Mutter, Abschied nehmen, mit Redruth als Bewachung, und dann kommt beide so rasch wie nur möglich nach Bristol!

John Trelawney.

P. S. Ich habe vergessen zu erzählen, daß Blandly, der übrigens, wenn wir bis Ende August nicht zurück sind, ein zweites Schiff nach uns aussenden wird, einen glänzenden Navigationsoffizier für uns ausfindig gemacht hat — zu meinem Leidwesen ein etwas halsstarriger Mensch, aber im übrigen eine Perle. Der lange John Silver hat einen sehr tüchtigen Maat ausgegraben namens John Arrow. Ich habe einen Bootsmann, der pfeifen kann, Livesay, alles wird wie auf einem Kriegsschiff sein, an Bord des guten Schiffes Hispaniola.

Ich vergaß auch zu sagen, daß Silver ein gestellter Mann ist. Ich weiß genau, daß er ein Bankkonto hat, welches immer in guter Ordnung ist. Seine Frau bleibt zurück und führt den Gasthof weiter. Da sie eine Farbige ist, wird man es ein paar alten Junggesellen, wie uns beiden, nicht weiter übelnehmen, wenn wir annehmen, daß es vielleicht ebensosehr die Frau ist, wie die wacklige Gesundheit, was ihn wieder aufs Meer hinaustreibt.

J. T.

P. P. S. Hawkins kann eine Nacht bei seiner Mutter bleiben.“

Man kann sich die Aufregung vorstellen, in die mich dieser Brief versetzte. Ich war außer mir vor Entzücken und verachtete maßlos den alten Tom Redruth, der nicht zu klagen und zu brummen aufhörte. Jeder der anderen Wildhüter wäre mit Freuden an seiner Statt gegangen, aber das war nicht der Wille des Gutsherrn, und der Wille des Gutsherrn war Gesetz für sie alle. Keiner außer dem alten Redruth hätte auch nur zu murren gewagt.

Der nächste Morgen fand uns beide im „Admiral Benbow“, und dort sah ich meine Mutter bei bester Gesundheit und Laune wieder. Der Kapitän, der die Ursache von so viel Verdruß gewesen, war dorthin gegangen, wo auch die Bösen nicht mehr schaden können. Der Squire hatte alles richten lassen, die Gaststube war neu gemalt und das Schild repariert worden, er hatte auch noch einige Möbelstücke geschickt — vor allem einen herrlichen Lehnstuhl für die Mutter. Er hatte ihr auch einen Lehrjungen verschafft, damit sie eine Hilfe hätte, wenn ich fort wäre.

Erst als ich diesen Jungen sah, begriff ich zum ersten Male den Ernst des Augenblicks. Bis dahin hatte ich nur an die Abenteuer, die vor mir lagen, und keinen Moment an die Heimat gedacht, die ich nun verließ.

Und erst beim Anblick dieses ungeschickten, fremden Jungen, der hier an meiner Stelle mit meiner Mutter leben sollte, kamen mir die ersten Tränen. Ich fürchte, ich habe diesen Burschen sehr gequält, denn da ihm die Arbeit neu war, hatte ich hundert Gelegenheiten ihm etwas am Zeug zu flicken und ihn zu demütigen, und ich nützte sie weidlich aus.

Die Nacht verging und am nächsten Tag nach dem Mittagessen waren wir beide auf den Beinen, Redruth und ich. Ich sagte meiner Mutter Lebewohl und auch der Bucht, in der ich geboren war, und dem lieben, alten „Admiral Benbow“, der, seitdem er neu gemalt war, mir nicht mehr so vertraut erschien. Einer meiner letzten Gedanken war der an den Kapitän, der so oft mit seinem federngeschmückten Hut, seiner Hiebnarbe und mit seinem alten Messingfernrohr die Bucht entlang spaziert war. Im nächsten Augenblick bogen wir um die Ecke und meine Heimat war nicht mehr zu sehen. —

Die Post nahm uns um die Dämmerstunde beim „König Georg“ auf der Heide auf. Ich war zwischen Redruth und einem alten, dicken Herrn eingekeilt und muß trotz der raschen Bewegung und der kalten Nachtluft von Beginn der Fahrt an meist geduselt haben. Und dann schlief ich wie ein Stück Holz, bergauf, bergab, durch alle Stationen durch, denn ich erwachte von einem Rippenstoß, und als ich die Augen öffnete, hielten wir vor einem großen Gebäude in einer städtischen Straße und es war längst Tag geworden.

„Wo sind wir?“ fragte ich.

„Bristol!“ sagte Tom. „Aussteigen!“

Herr Trelawney hatte seinen Wohnsitz in einem Gasthof weit draußen bei den Docks aufgeschlagen, um die Arbeiten auf dem Schooner leicht beaufsichtigen zu können. Dorthin mußten wir nun gehen und zu meinem Entzücken führte unser Weg die Kais entlang und vorbei an einer Unzahl von Schiffen aller Größen, Arten und Nationen. Auf dem einen sangen Matrosen bei der Arbeit, auf einem andern hingen Leute hoch über meinem Kopf an Strickleitern, die nicht dicker aussahen als Spinnweben. Obwohl ich am Meeresstrande gelebt hatte, schien es mir als hätte ich das Meer nie gekannt. Der Teer- und Salzgeruch waren mir neu. Ich sah die seltsamsten Gallionfiguren auf fremdländischen Schiffen und viele, alte Seeleute mit Ohrgehängen und gelockten Backenbärten und geteerten Zöpfen, mit ihrem schwankenden, schwerfälligen Seemannsgang. Wenn mir ebensoviele Könige oder Erzbischöfe begegnet wären, ich hätte nicht begeisterter sein können.

Und ich selbst wollte aufs Meer hinaus! Auf einem Schooner, mit einem pfeifenden Bootsmann und bezopften, singenden Matrosen, zur See, nach einer unbekannten Insel, vergrabene Schätze zu suchen!

Während ich noch in diesen herrlichen Träumen schwelgte, kamen wir plötzlich vor ein großes Gasthaus und trafen Herrn Trelawney, der ganz wie ein Seeoffizier ausstaffiert war und mit einem Lächeln auf den Lippen in einer ausgezeichneten Nachahmung des breitbeinigen Ganges der Seeleute aus der Türe trat.

„Da seid Ihr,“ rief er, „und der Doktor ist heute Nacht aus London eingetroffen! Bravo! Die Schiffsgesellschaft ist beisammen!“

„O Herr!“ rief ich, „wann segeln wir?“

„Segeln!“ sagte er, „wir segeln morgen!“

Achtes Kapitel Der Gasthof „zum Fernrohr“

Als ich gefrühstückt hatte, gab mir der Squire einen Brief, der an John Silver, Gastwirt zum „Fernrohr“, gerichtet war, und sagte mir, ich würde mich leicht hinfinden, wenn ich die Docks entlang ginge und gut Ausschau halte nach einem kleinen Gasthof, der ein großes Messingfernrohr als Schild habe. Ich machte mich auf den Weg, überglücklich, daß ich Gelegenheit fand noch mehr Schiffe und Seeleute zu sehen und schlüpfte durch ein Gewühl von Menschen, Karren und Gepäck, denn bei den Docks herrschte um diese Zeit lebhafte Bewegung, bis ich den bezeichneten Gasthof gefunden hatte.

Es war eine ganz nette, kleine Schenke. Das Schild war neu gemalt, an den Fenstern hingen saubere Vorhänge, der Flur war mit hellem Sand bestreut. Auf jeder Seite war ein Gang und eine offene Tür, so daß man in den großen, niedrigen Raum gut hineinschauen konnte, trotz der Tabakwolken, die ihn erfüllten.

Die Gäste waren hauptsächlich Seeleute und sie sprachen so laut, daß ich erschreckt an der Türe stehen blieb und beinahe Angst hatte einzutreten.

Wie ich so wartete, kam ein Mann aus einem Nebenzimmer, und ich sah mit einem Blick, daß es der lange John sein mußte. Sein linkes Bein war nahe der Hüfte abgeschnitten und unter der linken Schulter trug er eine Krücke, die er mit unglaublicher Geschicklichkeit handhabte, indem er wie ein Vogel daran herumhüpfte. Er war sehr groß und stark, mit einem Gesicht, das so breit war wie ein Schinken, dabei unschön und blaß, aber klug und freundlich im Ausdruck. Er schien in der besten Stimmung zu sein, bewegte sich pfeifend zwischen den Tischen herum und hatte ein fröhliches Wort oder einen kleinen Klaps auf die Schulter für die bevorzugteren Gäste.

Nun, um die Wahrheit zu sagen, ich war von der ersten Erwähnung des langen John an heimlich in Angst gewesen, er könnte sich als der einbeinige Seemann entpuppen, nach dem ich so lange im „Admiral Benbow“ hatte Ausschau halten müssen. Doch ein Blick auf den Mann genügte, um meine Befürchtungen zu zerstreuen. Ich hatte den Kapitän, den schwarzen Hund und den blinden Pew gesehen und glaubte zu wissen, wie ein Pirat aussah. Nach meiner Meinung sicherlich ein Wesen, grundverschieden von diesem sauberen und freundlichen Hauswirt.

Ich faßte sofort Mut, überschritt die Schwelle und ging gerade auf den Mann zu, der auf seine Krücke gelehnt dastand und mit einem Gast plauderte.

„Herr Silver?“ fragte ich, den Brief hinhaltend.

„Ja, mein Junge,“ sagte er, „gewiß, das ist mein Name. Und wer magst du sein?“ Als er den Brief des Gutsherrn las, lief etwas wie ein Schrecken über seine Züge.

„Ah,“ sagte er, indem er mir die Hand bot, „du bist der neue Schiffsjunge? Sehr erfreut dich zu sehen.“ Und er nahm meine Hand in seine breite, feste Pranke.

Da erhob sich plötzlich an einer anderen Seite der Gaststube ein Gast und eilte zur Türe hinaus. Er hatte nicht weit bis zur Tür und war mit einem Augenblick draußen auf der Straße. Aber gerade seine Eile hatte meine Aufmerksamkeit erregt und ich erkannte ihn mit einem Blick. Es war der wachsfarbene Mensch mit den zwei abgehauenen Fingern, der als erster von der unheimlichen Gesellschaft des Kapitäns in den „Admiral Benbow“ gekommen war.

„Halt!“ rief ich. „Aufhalten! Es ist der schwarze Hund.“

„Ich scher mich den Kuckuck darum, wer er ist“, rief Silver. „Aber er hat seine Zeche nicht bezahlt. Harry, lauf und fange ihn.“

Einer der anderen Gäste, der der Tür zunächst saß, sprang auf und rannte dem Flüchtenden nach.

„Und wenn er der Admiral Hawke wäre, er müßte seine Zeche bezahlen!“ schrie Silver. „Wie?“ fragte er, meine Hand loslassend, „wie sagtest du, hieß er? Schwarzer, was?“

„Schwarzer Hund, Herr“, sagte ich. „Hat Herr Trelawney Euch nicht von den Piraten erzählt? Das war einer davon.“

„Was?“ rief Silver. „In meinem Hause? Ben, lauf und hilf Harry suchen. Einer von diesen Schmutzlappen war er? — Warst du das, der mit ihm getrunken hat, Morgan? Komm einmal her!“

Der Mann, den er Morgan nannte — ein alter, grauhaariger, seeluftgebräunter Matrose —, kam ziemlich tölpelhaft heran, seinen Kautabak im Munde.

„Nun, Morgan,“ sagte der lange John sehr streng, „du hast nie früher den schwarzen, schwarzen — diesen schwarzen Hund gesehen? Oder doch?“

„Keine Spur, Herr“, sagte Morgan mit einer Verbeugung.

„Du wußtest nicht, wie er heißt? Oder ja?“

„Nein, Herr.“

„Beim Teufel, Tom Morgan, du kannst von Glück sagen!“ rief der Wirt aus. „Wenn du mit so einem Kerl verbandelt wärst, hättest du nie mehr den Fuß in mein Haus setzen dürfen, dafür bürge ich dir. Und was spracht ihr denn miteinander?“

Illustration from Die Schatzinsel: Roman

„Ich weiß wirklich nicht, Herr“, antwortete Morgan.

„Ist das ein Kopf, was du da auf den Schultern sitzen hast? Oder bloß ein Stückchen Holz?“ schrie der lange John. „Weiß wirklich nicht! Vielleicht weißt du zufällig wirklich nicht, mit wem du da gesprochen hast, also hör zu, schnell, wovon habt ihr geredet? Von Seereisen, Kapitänen, Schiffen, heraus damit, was war es? Mach den Schnabel auf!“

„Vom Kielanholen haben wir geredet“, sagte Morgan.

„Kielanholen, so so? — Sehr anständig, ein passendes Gespräch, da kann man Gift darauf nehmen. Du bist ein Tölpel, Tom, geh wieder auf deinen Platz!“

Und als der Alte wieder auf seinen Platz zurückwackelte, fügte Silver mit einem vertraulichen Flüstern, das mir sehr schmeichelte, hinzu:

„Er ist ein ganz ehrlicher Kerl, der Tom Morgan, nur dumm! Und nun“, fuhr er laut fort, „laßt mich einmal nachdenken — schwarzer Hund? Nein, ich kenne den Namen nicht und doch kommt mir vor — ja, es scheint mir, ich habe den Schmutzlappen schon gesehen —. Er pflegte mit einem blinden Bettler herzukommen — —“

„Natürlich! Ganz sicher!“ sagte ich. „Ich kannte auch diesen blinden Mann. Pew hieß er.“

„So ist es!“ rief Silver jetzt ganz aufgeregt. „Pew! Ja, so hieß er und er sah aus wie ein Gauner, wahrhaftig! Na, wenn wir diesen schwarzen Hund erwischen, das wird den Kapitän Trelawney freuen! Ben ist ein guter Läufer, wenige Seeleute können so laufen wie Ben. Wenn er ihn nur erwischt! Er sprach vom Kielanholen? Na, dann werde ich ihn Kiel-holen!“

Die ganze Zeit, während er diese Reden ausstieß, humpelte er auf seiner Krücke in der Schenke herum, schlug mit der Hand auf die Tische und gab so deutliche Zeichen von Aufregung, daß selbst ein Richter von Old Bailey von ihrer Echtheit überzeugt gewesen wäre. Mein Verdacht war wieder rege geworden, als ich den schwarzen Hund im „Fernrohr“ traf, und ich beobachtete den Koch scharf, aber er war zu schlau und zu schlagfertig und zu gescheit für mich, und als schließlich die beiden Männer atemlos zurückkamen und gestanden, daß sie die Spur im Gedränge verloren hatten und beschimpft worden waren wie Diebe, da war ich schon so weit, daß ich auf die Unschuld des langen John Eide abgelegt hätte.

Illustration from Die Schatzinsel: Roman

„Schau her, Hawkins!“ sagte er, „das ist verflucht unangenehm für mich, nicht? das wirst du verstehen? Da habe ich diesen elenden Sohn eines Holländers in meinem eigenen Hause sitzen und von meinem eigenen Rum trinken lassen! Und du kommst daher und erzählst mir, wer das ist, und ich lasse den Kerl vor meinen eigenen Augen entschlüpfen! Hawkins, tu mir den Gefallen, schau, daß mich der Kapitän gerecht beurteilt! Du bist noch recht jung, aber du bist klug, das habe ich gleich gesehen, als du hereintratst. Also was hätte ich tun sollen mit diesem alten Stück Holz da, mit dem ich herumhumpeln muß? Als ich noch Obermatrose war, da wäre ich dem Kerl schon nachgekommen und hätte ihn gepackt und ihn in Stücke gerissen, sicherlich! Aber jetzt — —?“

Und ganz plötzlich hielt er inne, riß den Mund auf, als sei ihm etwas eingefallen.

„Die Zeche!“ rief er aus. „Drei Runden Rum! Nein, beim Teufel, die Zeche hatte ich ganz vergessen!“

Und auf eine Bank sinkend, lachte er bis ihm die Tränen herunterliefen, und ich mußte mitlachen. Immer wieder lachten wir eine neue Salve, bis das Schankzimmer widerhallte.

„Herrgott, was ich für ein altes Seekalb bin!“ sagte er endlich, sich die Lachtränen aus den Augen wischend. „Wir beide würden gut zusammenpassen, Hawkins, denn ich bürge dafür, eigentlich sollte ich als Schiffsjunge rangieren. Aber was, das ist schon einmal so. Pflicht ist Pflicht, Kamerad. Ich werde mir halt meinen Federhut aufsetzen und mit dir zu Kapitän Trelawney gehen, die Geschichte berichten. Denn weißt du, junger Hawkins, es ist doch eine ernste Sache, und weder du noch ich können verlangen, daß man uns einfach Vertrauen schenkt. Auch du nicht, freilich! Wir sind nicht gewandt, beide nicht. Aber, bei meinen Knöpfen! das war lustig, das mit der Zeche!“

Und er begann wieder so herzlich zu lachen, daß ich, obwohl ich keinen Witz darin fand, wieder seine Heiterkeit teilen mußte.

Auf unserem kleinen Spaziergang, die Kais entlang, war er der interessanteste Gesellschafter, den man sich wünschen konnte. Er erzählte mir von den verschiedenen Schiffen, bei denen wir vorbeikamen, erklärte mir Takelung, Tonnage und Nation eines jeden, machte mich auf Einzelheiten der Arbeiten aufmerksam, die da vor sich gingen — wie das eine ablud, das andere Fracht einnahm und ein drittes seefertig gemacht wurde. Von Zeit zu Zeit schob er irgendeinen kleinen Seemannsscherz ein oder wiederholte eine nautische Redensart, bis ich sie erlernt hatte. Ich merkte, daß er ein unerhört angenehmer Schiffskamerad sein müßte.

Als wir zum Gasthof kamen, saßen der Squire und Dr. Livesay zusammen bei einem Quart Bier mit Toast und waren eben im Begriff, sich an Bord des Schooners zu einem Inspektionsbesuch zu begeben.

Der lange John erzählte das Begebnis vom Anfang bis zum Ende mit viel Lebendigkeit und vollkommen der Wahrheit entsprechend. „So war’s, nicht wahr, Hawkins?“ fragte er manchmal, und ich konnte es immer nur bestätigen.

Die beiden Herren bedauerten, daß der schwarze Hund entkommen war, aber alle waren der Meinung, daß man da nichts machen könne, und nach einem Austausch von Höflichkeiten zog der lange John mit seiner Krücke wieder ab.

„Alle Mann an Bord heute nachmittag um vier!“ rief ihm der Squire nach.

„Gut, gut, Herr!“ rief der Koch im Fortgehen.

„Nun, Squire,“ sagte Dr. Livesay, „ich habe im allgemeinen nicht viel übrig für Eure Entdeckungen, aber ich muß schon sagen, der Mann gefällt mir.“

„Der Mann ist ein Prachtkerl“, erklärte der Gutsherr.

„Und nun,“ fügte der Doktor hinzu, „darf Jim mit uns an Bord kommen?“

„Gewiß darf er!“ sagte der Squire. „Nimm deinen Hut, Hawkins, jetzt wollen wir uns das Schiff anschauen.“

Neuntes Kapitel Pulver und Waffen

Die Hispaniola lag etwas außerhalb der Docks und wir fuhren unter den Gallionfiguren und rund um das Heck vieler anderer Schiffe herum, deren Taue sich manchmal an unserem Kiel rieben oder über unseren Köpfen schwangen. Endlich kamen wir an die Langseite des Schiffes und wurden, als wir anlegten, vom Maat, Herrn Arrow, einem braungebrannten, alten Seemann, mit Ohrringen in den Ohren und schielenden Augen begrüßt. Er und der Squire vertrugen sich großartig, doch bemerkte ich bald, daß es zwischen Herrn Trelawney und dem Kapitän ganz anders stand.

Dieser Kapitän war ein streng dreinblickender Mann, dem nichts an Bord recht zu sein schien, und wir erfuhren bald warum; denn kaum hatten wir die Kabine betreten, so folgte uns ein Matrose.

„Kapitän Smollett, Herr, wünscht mit Euch zu sprechen“, meldete er.

„Ich stehe dem Kapitän stets zur Verfügung. Führ’ ihn herein!“ sagte der Squire.

Der Kapitän, der seinem Boten auf dem Fuße folgte, trat gleich ein und schloß hinter sich die Türe.

„Nun, Kapitän Smollett, was wünschen Sie? Alles wohlauf, hoffe ich. Alles klar und fahrtbereit?“

„Nun, Herr,“ sagte der Kapitän, „ich denke es ist besser gerade zu reden, selbst auf die Gefahr hin Anstoß zu erregen: Mir gefällt diese Fahrt nicht, ich mag die Mannschaft nicht und mein Offizier ist mir unangenehm. Das ist einfach und klar, nicht wahr?“

„Vielleicht, Herr, paßt Ihnen auch das Schiff nicht?“ erkundigte sich der Squire, der, wie ich sehen konnte, sehr verärgert war.

„Darüber kann ich noch nichts sagen, Herr, da ich es noch nicht ausprobiert habe“, antwortete der Kapitän. „Es scheint ein tüchtiges Fahrzeug zu sein, mehr kann ich nicht sagen.“

„Möglicherweise sagt Ihnen auch der Schiffsherr nicht zu?“ fragte der Squire.

Doch hier mischte sich Dr. Livesay ein.

„Halt!“ sagte er, „einen Augenblick! Solche Fragen haben keinen Sinn und machen nur böses Blut. Der Kapitän hat zu viel oder zu wenig gesagt, und ich muß ihn dringend um eine Erklärung bitten. Ihr mögt die Fahrt nicht, Kapitän?“

„Herr, ich wurde, was man so nennt, mit versiegelter Marschordre aufgenommen, dieses Schiff für jenen Herrn dorthin zu führen, wohin er es verlangen würde“, sagte der Kapitän. „Soweit ganz gut, doch jetzt sehe ich, daß jeder Mann an Bord mehr weiß als ich. Ich kann das nun nicht in Ordnung finden. Wie denken Sie darüber?“

„Nein!“ sagte Dr. Livesay. „Gewiß ist das nicht in Ordnung.“

„Zunächst“, sagte der Kapitän, „erfahre ich, daß wir einen Schatz suchen werden — höre das von meinen eigenen Leuten, verstehen Sie. Nun, — Schätze suchen ist eine kitzliche Arbeit, ich mag Fahrten um Schätze nicht, unter gar keinen Umständen. Aber dann mag ich sie am allerwenigsten, wenn sie geheimbleiben sollen und das Geheimnis — ich bitte um Vergebung, Herr Trelawney — dem Papagei erzählt worden ist.“

„Silvers Papagei?“ fragte der Squire.

„Das ist so eine Redensart,“ sagte der Kapitän, „geplappert, meine ich. Ich glaube, keiner von den Herren ahnt, was sie vor sich haben, aber meine Ansicht ist: ‚Leben oder Tod, und kein sehr breiter Raum dazwischen!‘“

„Das ist richtig, und ich finde, nur allzuwahr,“ antwortete Dr. Livesay, „wir nehmen die Gefahr auf uns, doch sind wir nicht so unwissend wie Ihr glaubt. Weiter: Ihr sagt, Ihr mögt die Mannschaft nicht. Sind es keine guten Matrosen?“

„Sie gefallen mir nicht, Herr,“ erwiderte Kapitän Smollett, „und immerhin glaube ich, hätte man die Wahl der Leute mir überlassen sollen, wenn wir schon davon reden.“

„Vielleicht,“ antwortete der Doktor, „mein Freund hätte Euch vielleicht zu Rate ziehen sollen. Doch geschah der Verstoß nicht absichtlich, wenn es einer war. Ihr mögt auch Herrn Arrow nicht?“

„Nein, Herr. Ich glaube er ist ein guter Seemann, aber er steht zu kameradschaftlich mit den Leuten, um ein guter Seeoffizier zu sein. Ein Maat muß Distanz halten — er sollte nicht mit den Matrosen trinken!“

„Ja, meinen Sie, daß er trinkt?“ rief der Squire aus.

„Nein,“ antwortete der Kapitän, „ich finde bloß, daß er zu vertraulich mit den Matrosen ist.“

„Und nun, wo wollen Sie hinaus, Kapitän?“ fragte der Doktor. „Sagen Sie, was Sie wünschen.“

„Meine Herren, sind Sie entschlossen diese Fahrt anzutreten?“

„Eisern entschlossen“, antwortete der Squire.

„Sehr gut,“ sagte der Kapitän, „da Sie mich nun so geduldig angehört haben, als ich die Dinge behauptete, die ich nicht beweisen konnte, lassen Sie mich noch ein paar Worte sagen: Die Leute verstauen das Pulver und die Waffen im Vorderdeck. Wir haben einen guten Platz unter der Kabine — warum nicht dorthin damit? — Das wäre der erste Punkt. Ferner: Sie bringen vier Ihrer eigenen Leute mit, und ich höre, daß Sie einige davon vorne untergebracht haben wollen. Warum nicht hier neben der Kabine? — Zweiter Punkt.“

„Noch etwas?“ fragte Herr Trelawney.

„Noch etwas“, sagte der Kapitän. „Es ist schon zu viel geschwatzt worden.“

„Viel zu viel“, bestätigte der Doktor.

„Ich werde Ihnen sagen, was ich selbst gehört habe“, fuhr Kapitän Smollett fort. „Daß Sie eine Karte der Insel besitzen, daß die Orte, wo Schätze liegen, darauf mit roten Kreuzen bezeichnet sind und daß die Insel — — — liegt“, und dabei nannte er genau die Längen- und Breitengrade.

„Ich habe das niemals einer Seele erzählt,“ rief der Squire, „keinem Menschen!“

„Die Matrosen wissen es, Herr“, erwiderte der Kapitän.

„Livesay, das müßt Ihr oder Hawkins gewesen sein!“ rief der Squire.

„Es spielt keine Rolle, wer es war“, antwortete der Doktor, und ich merkte, daß weder er noch der Kapitän den Protesten des Herrn Trelawney viel Beachtung schenkten. Auch ich tat es nicht, denn er war gar zu geschwätzig. Trotzdem glaube ich, daß er diesmal die volle Wahrheit sagte und daß niemand die Lage der Insel ausgeplaudert hatte.

„Nun, meine Herren,“ fuhr der Kapitän fort, „ich weiß nicht, wer diese Karte hat, aber ich stelle zur Bedingung, daß sie selbst vor mir und Herrn Arrow geheimgehalten wird. Wenn nicht, müßte ich Sie um meine Entlassung bitten.“

„Ich sehe,“ sagte der Doktor, „Sie wollen sagen, daß wir diese Sache geheim halten und aus dem Hinterschiff eine Art Kaserne machen, die mit den eigenen Leuten meines Freundes bemannt ist und über das Pulver und die Waffen an Bord allein verfügt; mit einem Wort: Sie fürchten Meuterei.“

„Herr,“ sagte Kapitän Smollett, „ich habe nicht die Absicht, beleidigt zu tun, aber ich stelle Ihr Recht in Abrede, mir Behauptungen in den Mund zu legen. Kein Kapitän wäre berechtigt, überhaupt auszufahren, wenn er Grund hätte, etwas derartiges zu sagen. Was Herrn Arrow anlangt, so halte ich ihn für durchaus ehrlich, ebenso ein paar der Leute, und es ist möglich, daß alle es sind. Doch bin ich für die Sicherheit des Schiffes verantwortlich und für das Leben jedes Mannes an Bord. Ich sehe, daß die Dinge nach meiner Meinung nicht ganz so gehen wie sie sollten und ich bitte Sie gewisse Vorsichtsmaßregeln zu treffen oder mich zu entlassen. Das ist alles.“

„Kapitän Smollett,“ begann der Doktor lächelnd, „habt Ihr je die Fabel vom Berg und der Maus gehört? Ich hoffe Ihr werdet nicht böse sein, aber Ihr erinnert mich an diese Fabel. Als Ihr eintratet, wolltet Ihr mehr sagen, dafür gebe ich meine Perücke zum Pfande.“

„Doktor,“ sagte der Kapitän, „Ihr seid ein scharfsichtiger Mann. Als ich eintrat, wollte ich um meine Entlassung bitten, denn ich dachte nicht, daß Herr Trelawney mich anhören würde.“

„Das hätte ich auch nicht getan“, rief der Squire. „Wenn Livesay nicht hier gewesen wäre, hätte ich Euch zum Teufel gehen lassen. Jetzt habe ich Euch angehört. Ich werde tun, was Ihr wünscht, aber ich denke darum nicht besser von Euch.“

„Das machen Sie, wie Sie wollen, Herr,“ sagte der Kapitän, „Sie werden sehen, daß ich meine Pflicht tue.“

Und damit empfahl er sich.

„Trelawney,“ sagte der Doktor, „entgegen allen meinen Befürchtungen habt Ihr, wie ich glaube, zustande gebracht, zwei ehrliche Leute an Bord zu bekommen — diesen Mann und Silver.“

„Silver, wenn Ihr wollt,“ rief der Squire, „aber was diesen unausstehlichen Schwindler anlangt, so erkläre ich sein Benehmen für unmännlich, unseemännisch und für schlechtweg unenglisch.“

„Nun,“ sagte der Doktor, „wir werden sehen.“

Als wir auf Deck kamen, hatten die Leute schon begonnen — während sie ihren Singsang johohoten — die Waffen und das Pulver umzuladen und der Kapitän und Herr Arrow überwachten die Arbeit.

Die neue Einteilung war sehr nach meinem Sinn. Der Schooner war von unterst zu oberst gekehrt worden. Auf dem Hinterschiff hatte man aus der früheren Hauptwaffenkammer sechs Kojen gewonnen. Diese Reihe von Kabinen war mit der Küche und dem Backbord nur durch einen verbarrikadierten Gang an der Hafenseite verbunden. Ursprünglich hätten der Kapitän, Herr Arrow, Hunter, Joyce, der Doktor und der Squire diese sechs Kojen bewohnen sollen. Nun sollten Redruth und ich zwei davon bekommen und Herr Arrow und der Kapitän würden auf Deck in der Lukenkappe schlafen, die auf beiden Seiten vergrößert worden war, so daß man sie fast eine Kajüte nennen konnte. Sie war noch immer sehr niedrig, aber es war Platz für zwei Hängematten darin, und selbst dem Maat schien diese Einteilung zuzusagen. Auch er war vielleicht wegen der Mannschaft im Zweifel gewesen, doch ist es nur eine Vermutung von mir, denn wie Sie hören werden, hatten wir nicht lange den Vorzug, seine Meinungen zu hören.

Wir waren alle fest bei der Arbeit des Umladens und der Umstellung der Kojen, als die letzten ein oder zwei Mann mit dem langen John in einem Boot daherkamen.

Der Koch kletterte geschickt wie ein Affe herauf, und als er sah, was vorging, schrie er: „Hallo! Kameraden, was geschieht da?“ „Wir laden das Pulver um“, antwortete einer.

„Nun beim Teufel!“ schrie der lange John, „wenn wir das tun, versäumen wir die Morgenflut!“

„Meine Befehle!“ sagte der Kapitän kurz. „Ihr könnt hinuntergehen, Mann, die Leute werden ihr Nachtmahl haben wollen.“

„Gut, gut!“ antwortete der Koch, und seine Mütze berührend, verschwand er sofort in der Richtung seiner Küche.

„Das ist ein guter Mann, Kapitän“, sagte der Doktor.

„Sehr möglich,“ erwiderte Kapitän Smollett. „Vorsichtig damit, Leute — vorsichtig.“ Er lief nach vorne zu den Matrosen, die die Pulverkisten aufhoben, und plötzlich, als er bemerkte, daß ich die Drehbrasse, eine lange Erzkanone betrachtete, die man ins Mittschiff hinübertrug, rief er: „He, Schiffsjunge, fort von da. Hinunter mit dir zum Koch und laß dir eine Arbeit geben!“

Illustration from Die Schatzinsel: Roman

Und beim Hinunterlaufen hörte ich ihn ganz laut zum Doktor sagen:

„Ich mag keine Protektionskinder auf meinem Schiff!“

Ich kann versichern, daß ich vollständig die Ansicht des Gutsherrn über den Kapitän teilte und ihn tief haßte.

Zehntes Kapitel Die Seereise

Die ganze Nacht waren wir eifrig beschäftigt alles auf seinen Platz zu verstauen, während ganze Bootladungen von Freunden des Squires, Herr Blandly und andere, kamen, um uns eine gute Fahrt und eine glückliche Heimkehr zu wünschen.

Wir hatten im „Admiral Benbow“ nie eine Nacht gehabt, in der ich so viel arbeiten mußte, und ich war hundemüde, als kurz vor Sonnenaufgang der Bootsmann seine Pfeife ertönen ließ und die Mannschaft zu den Gangspills eilte. Doch selbst wenn ich zweimal so müde gewesen wäre, hätte ich das Deck nicht verlassen wollen. Alles war so neu und interessant für mich — die kurzen Befehle, der schrille Ton der Pfeife, die Matrosen, die sich beim Flackern der Schiffslaternen an ihre Plätze drängten.

„Nun, Barbecue! Stimm’ uns ein Lied an“, rief eine Stimme. „Das alte Lied“, schrie ein anderer. „Kameraden!“ sagte der lange John, der dabei stand, und sogleich stimmte er das Lied an, das ich so gut kannte.

„Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste“ und die ganze Mannschaft fiel im Chor ein: „Jo — ho ho und ein Fläschchen Rum“, und beim dritten „Ho“ legten sie mit aller Kraft die Spaken aus.

Selbst in diesem aufregenden Augenblick fühlte ich mich eine Sekunde lang in den alten „Admiral Benbow“ zurückversetzt und glaubte wieder die Stimme des Kapitäns im Chor krächzen zu hören. Doch bald wurde der Anker kürzer gezogen, nun hing er nur mehr am Bugspriet, dann begannen die Segel anzuziehen, das Land und die Reede auf beiden Seiten entschwand allmählich, und ehe ich mich hinlegen konnte, um doch noch eine Stunde Schlaf herauszuschlagen, hatte die Hispaniola schon ihre Fahrt zur Schatzinsel angetreten.

Ich werde die Reise nicht in allen Einzelheiten schildern. Sie war ziemlich gut. Das Schiff erwies sich als tüchtiges Fahrzeug, die Mannschaft bestand aus fähigen Seeleuten und der Kapitän verstand sein Handwerk gründlich. Doch bevor wir in die Nähe der Schatzinsel kamen, geschahen ein paar Dinge, die berichtet werden müssen.

Vor allem wurde es mit Arrow schlimmer als selbst der Kapitän gefürchtet hatte. Er besaß keine Autorität bei der Mannschaft und die Leute machten mit ihm was sie wollten. Aber das war nicht das ärgste. Schon am ersten oder zweiten Tag der Reise begann er mit trüben Augen, geröteten Wangen, stotternd, kurz mit allen Zeichen der Betrunkenheit, auf Deck zu erscheinen. Immer wieder wurde er in Ungnade hinunterkommandiert. Manchmal fiel er hin und verletzte sich. Oft lag er den ganzen Tag in seinem kleinen Bettkasten an der einen Seite der Kajütenkappe. Manchmal war er einen oder zwei Tage fast nüchtern und konnte seine Arbeit so ziemlich versehen.

Indessen konnten wir nie herausbringen, woher er die Getränke bekam. Das war das Rätsel des Schiffes. Wir mochten ihn beobachten soviel wir wollten, es war nicht zu lösen. Und wenn wir ihn selbst fragten, so lachte er bloß, wenn er betrunken war, und war er nüchtern, leugnete er feierlich, je etwas anderes als Wasser gekostet zu haben.

Er war nicht nur als Offizier unbrauchbar und ein schlechtes Beispiel für die Leute, es schien auch klar, daß er, wenn er in diesem Tempo weitermachte, sich bald zu Tode trinken würde. Es war daher niemand sehr überrascht oder besonders betrübt, als er einmal in einer stürmischen Nacht, als die See hoch ging, ganz verschwand und nie mehr gesehen wurde.

„Über Bord!“ sagte der Kapitän. „Nun, meine Herren, das erspart mir die Mühe, ihn in Ketten legen zu lassen.“

Aber nun standen wir ohne Maat da und es war natürlich notwendig einen Matrosen vorrücken zu lassen. Der Bootsmann John Anderson schien dazu der geeignete Mann an Bord, und trotzdem er seinen alten Rang behielt, besorgte er die Geschäfte des Maats. Herr Trelawney verstand etwas vom Seewesen und seine Kenntnisse erwiesen sich als sehr nützlich, denn bei gutem Wetter übernahm er oft selbst die Wache. Und auch der Bootsführer, Israel Hands, war ein sorgsamer, verschmitzter, erfahrener, alter Seemann, der im Notfall fast jeden Dienst versehen konnte.

Er stand sehr vertraut mit dem langen John Silver und so komme ich bei Erwähnung seines Namens ganz von selbst auf unseren Schiffskoch zu sprechen, dem die Matrosen den Spitznamen „Bratrost“ gaben.

An Bord trug er seine Krücke an einem dünnen Tau um den Hals gebunden, um beide Hände freizubehalten. Es war interessant zuzusehen, wie er den Fuß der Krücke gegen eine Schott stemmte und darauf gestützt, jeder Bewegung des Schiffes nachgehend, seine Kocherei erledigte, wie am sicheren Ufer. Er hatte ein oder zwei Schlingen aufgetakelt, um sich über die weitesten Zwischenräume hinüberzuhissen — sie wurden die Ohrringe des langen John genannt — und so half er sich von einem Ort zum anderen, einmal die Krücke gebrauchend, dann sie wieder an das Tau hängend, so schnell wie irgendeiner mit gesunden Beinen. Dennoch gaben ein paar Matrosen, die vorher mit ihm gesegelt waren, ihrem Mitleid Ausdruck ihn so heruntergekommen zu sehen.

„Der Bratrost ist kein gewöhnlicher Mann,“ sagte der Bootsführer zu mir, „er hat in seinen jungen Jahren etwas gelernt und kann sprechen wie ein Buch, wenn er will. Und tapfer ist er wie ein Löwe! Ich habe gesehen, wie er unbewaffnet viere überwältigte und ihnen die Köpfe aneinanderschlug!“

Die ganze Mannschaft achtete ihn und gehorchte ihm sogar. Er hatte eine eigene Art mit jedem zu reden und jedem einen persönlichen Dienst zu leisten. Mir gegenüber war er unermüdlich gütig und immer erfreut mich in der Küche zu sehen, die er blitzsauber hielt, daß es eine Freude war, wie die polierten Schüsseln dahingen. Und in der Ecke stand der Käfig mit seinem Papagei.

„Komm, Hawkins,“ pflegte er zu sagen, „komm mit John, wir wollen Geschichten erzählen. Niemand ist mir willkommener als du, mein Sohn! Setz dich und plaudern wir ein wenig. Kapitän Flint hier — ich nenne meinen Papagei Kapitän Flint nach dem berühmten Freibeuter — wird dir einen guten Erfolg unserer Reise prophezeien. Nicht wahr, Kapitän?“

Und der Papagei plapperte mit großer Geläufigkeit: „Goldstücke, Goldstücke, Goldstücke“, bis John sein Taschentuch über den Käfig warf.

„Dieser Vogel,“ pflegte er dann zu erzählen, „ist vielleicht zweihundert Jahre alt, Hawkins. Sie leben ewig, diese Viecher, und wenn jemand mehr Bosheit gesehen hat, so kann das nur der Teufel in Person gewesen sein.“

„Er ist mit England, dem großen Kapitän England, dem Freibeuter, gesegelt. Er war in Madagaskar und in Malabar, in Surinam und Providence und Portobello. Er war dabei, wie die untergegangenen Goldschiffe aufgefischt wurden. Dort lernte er das ‚Goldstücke‘! was kein Wunder ist, denn dreihundertfünfzigtausend davon haben sie dort gefischt, Hawkins! Er war beim Entern des indischen Vizekönigsschiffes, bei Goa, dabei, jawohl. Und wenn man ihn anschaut, möchte man ihn für ein Baby halten! Aber Ihr habt schon Pulver gerochen, nicht wahr, Kapitän?“

„Dabei gewesen!“ kreischte der Papagei.

„Ah, der ist ein schlauer Kerl“, pflegte der Koch darauf zu sagen und reichte ihm ein Stück Zucker aus seiner Tasche, und der Vogel pickte an den Käfigstäben und fluchte darauf los, daß es kaum anzuhören war. — „Natürlich,“ sagte John, „wer Pech anrührt, besudelt sich, Junge. Der arme, unschuldige Vogel da flucht, daß einem Hören und Sehen vergeht und kann doch nichts dafür, da kann man Gift darauf nehmen. Er würde genau so fluchen, wenn ein Kaplan dabei wäre.“ Und John berührte seine Stirne mit einem so feierlichen Gesicht dazu, daß ich überzeugt sein mußte, er sei der beste Mensch.

Indessen standen der Squire und Kapitän Smollett immer noch recht fremd zueinander. Der Gutsherr ließ ganz deutlich erkennen, daß er den Kapitän verachte. Der Kapitän seinerseits sprach nur, wenn er gefragt wurde, und dann scharf, kurz, trocken und nie ein Wort mehr als notwendig. In die Enge getrieben gab er zu, daß er scheinbar in bezug auf die Mannschaft Unrecht behalten habe, daß ein paar der Matrosen so flinke, frische Kerle seien, wie er es nicht besser wünschen konnte und daß alle sich ziemlich gut hielten. Das Schiff aber hatte er geradezu lieb gewonnen. „Es ist treuer als ein Ehemann von seiner angetrauten Frau erwarten darf. Aber,“ pflegte er hinzuzufügen, „wir sind noch nicht zurück und die ganze Fahrt ist mir nicht geheuer.“

Wenn der Gutsherr dergleichen hörte, pflegte er sich abzuwenden und mit hochmütigem Gesicht auf Deck herumzuspazieren.

„Noch ein klein wenig mehr von dem Mann,“ sagte er in solchen Augenblicken, „und ich gehe in die Luft.“

Wir hatten ein paarmal schweren Seegang und dabei zeigten sich die vorzüglichen Eigenschaften der Hispaniola. Jedermann an Bord schien sehr zufrieden und man hätte übrigens schon sehr unbescheiden sein müssen, um es nicht zu sein, denn ich glaube, daß seit Noahs Zeiten noch nie eine Mannschaft so verwöhnt worden ist. Bei jeder Gelegenheit gab es doppelten Grog, an besonderen Tagen, zum Beispiel wenn der Squire erfuhr, daß jemand von der Schiffsgesellschaft Geburtstag habe, eine festlichere Mahlzeit, und immer stand ein Faß mit Äpfeln offen da, und wer wollte konnte sich bedienen.

„Ich habe noch nie gesehen, daß aus derlei etwas Gutes entstanden ist,“ sagte der Kapitän zu Dr. Livesay, „wer Matrosen verzieht, erzieht Teufel, das ist meine Meinung.“

Und dennoch brachte uns das Äpfelfaß Gutes, wie wir gleich hören werden, denn ohne dieses wären wir ungewarnt geblieben und vielleicht alle durch verräterische Hand umgekommen.

Das kam so.

Wir waren mit den Passatwinden gesegelt, um den Wind nach der Insel hin zu bekommen, der wir zustrebten — ich darf mich nicht deutlicher ausdrücken — und fuhren nun mit den frohesten Hoffnungen Tag und Nacht auf sie zu. Es war aller Berechnung nach der letzte Tag unserer Fahrt. In der Nacht oder spätestens vor Tagesanbruch sollten wir die Schatzinsel sichten. Wir steuerten Südsüdwest und hatten eine steife Brise und ruhige See. Die Hispaniola schlingerte nicht und ihr Bugspriet wurde nur von Zeit zu Zeit von einer Welle übersprüht. Alle waren fest bei der Arbeit und in bester Stimmung, da wir so nahe dem Ziel unserer Reise waren.

Nun geschah es zufällig, daß ich gerade nach Sonnenuntergang, als ich meine Arbeit getan hatte, plötzlich Lust nach einem Apfel verspürte. Ich lief auf Deck. Die Wachen waren alle vorne, um nach der Insel auszulugen. Der Mann am Steuer beobachtete das Luv und pfiff sich leise ein Liedchen. Das war der einzige Laut, der außer dem einförmigen Anschlagen des Wassers gegen den Bug und die Seiten des Schiffes zu vernehmen war. Ich stieg in das Apfelfaß hinein und fand, daß kaum mehr ein Apfel übrig war. Aber wie ich da am Grunde des Fasses saß, muß ich entweder durch die schaukelnde Bewegung des Schiffes und das Geräusch der Wellen eingeschläfert worden sein oder war eben im Begriff gewesen einzuschlafen, als sich der schwere Körper eines Mannes mit einem ziemlichen Ruck an das Faß lehnte. Es schwankte und ich wollte eben aufspringen, als der Mann zu sprechen anfing. Es war die Stimme Silvers, und wie ich kaum ein Dutzend Worte gehört hatte, wäre ich um keinen Preis der Welt zum Vorschein gekommen, sondern lag zitternd und horchend von Furcht und Neugierde bewegt da, denn aus diesen paar Worten hatte ich entnommen, daß das Leben aller ehrlichen Männer an Bord jetzt allein von mir abhing.

Elftes Kapitel Was ich im Äpfelfaß hörte

„Nein, nicht ich,“ sagte Silver, „Flint war Kapitän. Ich war Quartiermeister meines Holzbeines wegen. Ich verlor mein Bein an derselben Breitseite, an der der alte Pew sein Augenlicht einbüßte. Das war ein Meisterchirurg, der mich amputierte — von der Universität, großartig, und Latein eimerweis und was sonst noch alles! Und doch wurde er gehängt wie ein Hund und trocknete an der Sonne, grad wie die anderen in Corso Castle. Das waren Roberts Leute, und das kommt davon, wenn man den Namen seines Schiffes wechselt in ‚Königsschatz‘ oder so. Und ich sage, wie ein Schiff getauft ist, so muß es heißen, und fertig! So war es mit der ‚Cassandra‘, die uns alle glücklich von Malabar heimbrachte, nachdem England den Vizekönig von Indien gekapert hatte, so war es mit dem ‚Walroß‘, Flints altem Schiff, das ich ganz voll Blut und bis zum Sinken mit Gold angefüllt gesehen habe.“ „Ah“, rief eine andere Stimme, die des jüngsten Matrosen an Bord, offenbar voll Bewunderung: „Flint war doch der größte der Zunft, nicht wahr?“

„Auch Davis war ein Kerl, unbedingt“, sagte Silver. „Ich bin nie mit ihm gefahren. Zuerst mit England, dann mit Flint, das ist meine Geschichte, und jetzt hier sozusagen auf eigene Rechnung. Ich habe mir unter England Neunhundert beiseite gelegt und Zweitausend bei Flint — das ist nicht schlecht für einen Matrosen — alles sicher in der Bank angelegt. Nicht das Verdienen macht es jetzt aus, sondern das Sparen, ganz bestimmt. Wo sind heute Englands Leute? Wer weiß das? Wo sind die Leute von Flint? Die meisten hier an Bord und froh die Schiffskost zu fressen — manche haben bis dahin gebettelt. Der alte Pew, der sein Augenlicht verloren hat, gibt zwölfhundert Pfund im Jahr aus wie ein Lord. Wo ist er jetzt? Nun, er ist tot und unter Deck, aber vor zwei Jahren war er am Verhungern. Er bettelte und stahl und schnitt den Leuten den Hals durch und hungerte trotzdem dabei, zum Teufel!“

„Es steht also nicht einmal dafür“, sagte der junge Matrose.

„Es steht nicht dafür, für Esel, sicherlich — für die steht gar nichts dafür“, rief Silver. „Aber schau her, du bist jung, gewiß, aber du bist ein gescheiter Kerl. Das sehe ich dir an den Augen an, mit dir kann man sprechen wie mit einem Mann.“

Illustration from Die Schatzinsel: Roman

Man kann sich vorstellen, wie mir zumute war, als ich hörte, wie dieser abscheuliche, alte Schurke einem anderen gegenüber genau dieselben Schmeicheleien gebrauchte, mit denen er mich eingefangen hatte. Ich glaube, wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich ihn durch das Faß hindurch getötet. Indessen fuhr er fort, ohne zu ahnen, daß er belauscht wurde:

„Das ist so mit uns Glücksrittern — man lebt hart und riskiert zu hängen. Aber man ißt und trinkt wie ein Kampfhahn, und wenn eine Fahrt gemacht wird, so bleiben einem nicht Hunderte von Hellern, sondern Hunderte von Pfunden in der Tasche. Nun, das meiste geht für Rum auf und für ein lustiges Leben, und die meisten gehen wieder arm zur See. Aber das ist nicht mein Kurs! Ich lege alles schön zur Seite, etwas hier und etwas da, und nirgends zu viel, damit kein Verdacht entsteht. Ich bin fünfzig, wohlgemerkt. Wenn ich von dieser Fahrt zurückkomme, setze ich mich allen Ernstes als Gentleman zur Ruhe. Es ist schon an der Zeit, sagst du, ja! aber ich hab angenehm gelebt inzwischen, mir nie etwas versagt, was das Herz begehrte, weich geschlafen und fein gegessen all mein Lebtag, außer auf der See!“

„Gut,“ sagte der andere, „aber das ganze übrige Geld ist weg, Ihr dürft Euch in Bristol nicht mehr zeigen nach dieser Sache.“

„Nun, wo glaubst du, ist es?“ fragte Silver spöttisch.

„In Bristol, bei Banken und versteckt“, antwortete sein Gefährte.

„Dort war es“, sagte der Koch; „dort war es, als wir die Anker lichteten, aber meine alte Dame hat schon wieder alles. Und das ‚Fernrohr‘ ist verkauft, Pachtvertrag, Kundschaft und Einrichtung, alles, und die alte Dame ist fort und wird mich irgendwo treffen. Ich würde dir sagen, wo, denn ich vertraue dir, aber das gäb Eifersucht unter den anderen.“

„Und könnt Ihr Euch auf Eure Frau verlassen?“ fragte der andere.

„Wir Glücksritter“, erwiderte der Koch, „vertrauen einander für gewöhnlich wenig und sicherlich mit Recht, aber ich hab’ so meine eigene Art, wenn ein Kamerad mich betrügt — einer, der mich kennt, meine ich, der lebt nicht lange auf derselben Welt mit dem alten John. Einige fürchteten sich vor dem alten Pew und einige vor Flint, aber Flint selbst fürchtete sich vor mir! Und er war gefürchtet und stolz. Oh, Flints Mannschaft, das waren die schärfsten Kerle auf See. Der Teufel selbst hätte sich gefürchtet mit ihnen zu segeln. Na, ich bin kein Prahler und du siehst selbst, wie leicht man mit mir auskommt. Aber als ich Quartiermeister war, da konnte man Flints alte Freibeuter wahrhaftig keine Lämmer nennen. Nein, du kannst ganz sicher sein im Schiff des alten John.“

„Nun, ich kann es Euch ja jetzt sagen,“ erwiderte der Bursche, „mir hat diese Anwerbung nicht sehr gefallen, aber nun, John, da wir miteinander gesprochen — hier ist meine Hand.“

„Ein braver Bursch bist du und ein gescheiter Kerl,“ antwortete Silver und schüttelte die Hand des Burschen so herzlich, daß das ganze Faß wackelte, „meine Augen haben nie einen prächtigeren Glücksritter gesehen.“

Nun begann ich ihre Ausdrücke zu verstehen: Mit dem Wort „Glücksritter“ bezeichneten sie nichts mehr und nichts weniger als einen gewöhnlichen Seeräuber, und die kleine Szene, die ich belauschte, war der letzte Akt der Verführung eines der anständigen Matrosen — vielleicht des letzten, den es an Bord noch gab. Doch darüber sollte ich bald beruhigt werden, denn auf ein leises Pfeifen Silvers kam ein dritter Mann auf ihn zu und gesellte sich zu den beiden.

„Dick ist ein vernünftiger Kerl“, sagte Silver.

„Oh, ich wußte, daß Dick gescheit ist“, erwiderte die Stimme des Bootsführers Israel Hands.

„Der ist kein Narr, der Dick“, und er kaute seinen Tabak und spuckte aus. „Aber schau her,“ fuhr er fort, „eins will ich wissen, Bratrost! Wie lange sollen wir noch herumstehen und uns benehmen wie auf einem verfluchten Marketenderschiff? Ich habe so ziemlich genug vom Kapitän Smollett, er hat mich, Donnerwetter! lange genug herumgehetzt. Ich will in die Kabine jetzt, ich will ihre feinen Sachen und ihre Weine und alles.“

„Israel,“ sagte Silver, „dein Kopf ist nicht sehr tüchtig, das war er niemals, aber du kannst hören, nehme ich an. Wenigstens sind deine Ohren groß genug. Und ich sage dir folgendes: du bleibst weiter in der Koje und lebst wie ein Matrose und sprichst bescheiden und bleibst nüchtern, bis ich das Zeichen gebe, und dabei bleibt’s, mein Sohn.“

„Ich habe doch nichts gesagt, nicht wahr?“ murrte der Bootsführer, „ich hab nur gefragt, wann? Das ist alles.“

„Wann, zum Teufel!“ schrie Silver, „wenn du’s wissen willst, werde ich dir sagen, wann. So spät wie nur irgend möglich, verstehst du? Das ist ein erstklassiger Seemann, der Kapitän Smollett, der uns dieses verfluchte Schiff führt. Da ist dieser Squire und dieser Doktor mit einer Karte und solchen Sachen. Ja, weiß denn ich, wo es ist? Und Ihr wißt es grad so wenig, nicht wahr? Nun also meine ich, dieser Doktor und dieser Squire sollen das Zeug finden und uns helfen es an Bord zu schaffen in Dreiteufelsnamen, dann werden wir weitersehen. Wenn ich Euer aller sicher wäre, ihr Söhne von doppelten Holländern, dann ließe ich den Kapitän Smollett uns den halben Weg zurückführen, bevor ich losschlage.“

„Nun, wir sind lauter Seeleute hier an Bord, sollte ich denken“, sagte der junge Dick.

„Wir sind alle Matrosen, meinst du“, fuhr ihn Silver an. „Wir können einen Kurs steuern, aber wer soll ihn setzen? Darüber würdet Ihr euch alle zerzanken, vom Anfang bis zum Ende. Wenn es nach mir ginge, ließe ich den Kapitän Smollett uns alle zurückführen, wenigstens bis in die Passatwinde, dann würden wir uns nicht so verflucht verrechnen und einen Löffel Wasser im Tag machen. Aber ich weiß, wie Ihr seid und darum will ich sie auf der Insel erledigen, sowie das Zeug an Bord gebracht ist. Es ist schade, aber Ihr seid nie glücklich, bevor Ihr nicht betrunken seid. Der Teufel hol mich, mir ist ganz schlecht, daß ich mit Euresgleichen segeln soll!“

„Beruhige dich, langer John,“ rief Israel, „wer kommt dir denn in die Quere?“

„Ach, wieviel schöne Schiffe, was glaubt Ihr wohl, habe ich schon entern gesehen und wieviel frische Jungen am Hinrichtungsdock in der Sonne trocknen!“ rief Silver, „und alles nur wegen der verfluchten Gier und Eile. Ich hab schon was auf der See erlebt, versteht Ihr? Wenn Ihr nur Euren Kurs halten würdet, könntet Ihr dann in Karossen fahren, aber Ihr gewiß nicht, Ihr bringt es nicht zusammen! Ihr müßt morgen Euren Rum haben und dann hängen, anders tut Ihr es nicht!“

„Jedermann weiß, daß Ihr so eine Art Prediger wart, John, aber andere konnten ebensogut arbeiten und steuern wie Ihr“, sagte Israel. „Natürlich, sie führten ein bißchen ein lustiges Leben, sie waren nicht so vornehm und nüchtern, sondern hatten ihren Spaß, die anderen, mit fröhlichen Kumpanen.“

„So?“ sagte Silver. „Nun, und wo sind sie jetzt? Pew war einer von dieser Sorte und der starb als Bettler; Flint war so und hat sich in Savannah zu Tode gesoffen. Ja, sie waren eine prachtvolle Mannschaft, nur, wo sind sie jetzt?“

„Aber,“ fragte Dick, „wenn wir sie querüberlegen, was sollen wir dann mit ihnen tun?“

„Das ist mein Mann!“ rief der Koch bewundernd, „das nenne ich Geschäftsgeist! Nun, was glaubt Ihr? Sie am Ufer aussetzen? — Das hätte England gemacht. Oder sie niederstechen wie die Schweine? Das wäre Flints oder Billy Bones Art gewesen.“

„Ja, Billy war der Mann dafür,“ sagte Israel. „Tote Leute beißen nicht“, sagte er. Nun, er ist jetzt selber tot und kennt die Sache ganz genau. Das war ein scharfer Kerl, der Billy.“

„Recht habt Ihr, scharf und rasch bei der Hand. Aber aufgepaßt! Ich bin ein nachlässiger Mensch — ich bin ein Gentleman, sagt Ihr. Aber diesmal ists ernst; Pflicht ist Pflicht, Kameraden. Ich stimme für Tod! Wenn ich erst mal meinen Parlamentssitz habe und in der Kutsche spazieren fahre, mag ich nicht, daß einer von diesen Seeadvokaten dort in der Kabine unerwartet nach Hause kommt, wie der Teufel in die Predigt. Abwarten! sage ich, aber wenn die Zeit da ist, aufschlitzen!“

„John,“ rief der Bootsführer, „Ihr seid ein Mann!“

„Das werdet Ihr dann auch sagen, wenns soweit ist, Israel,“ sagte Silver. „Nur einen will ich für mich — ich will den Trelawney. Mit diesen Händen will ich ihm seinen Kalbskopf vom Halse drehen. Dick!“ fügte er abbrechend hinzu, „geh, sei ein lieber Kerl, spring hinüber und bring mir einen Apfel, um mir den Gaumen anzufeuchten.“

Ihr könnt Euch mein Entsetzen vorstellen. Ich wäre herausgesprungen und fortgelaufen, wenn ich die Kraft gehabt hätte, aber meine Beine versagten und mein Herz schlug wie ein Hammer. Ich hörte Dick aufstehen, doch dann schien ihn jemand abzuhalten und die Stimme von Hands rief:

„Ach, laßt das, Ihr werdet doch nicht aus diesem Fasse saufen wollen, John! Trinken wir lieber ein Glas Rum.“

„Dick,“ sagte Silver, „ich vertraue dir. Ich hab mir ein Zeichen am Fasse gemacht, verstehst du? Hier ist der Schlüssel. Du füllst ein Kännchen und bringst es herauf.“

Trotz meiner Angst mußte ich im stillen daran denken, daß offenbar auf diese Weise Herr Arrow zu den starken Getränken gekommen war, die ihn umgebracht hatten.

Dick blieb eine kleine Weile aus und in seiner Abwesenheit sprach Israel dem Koch ins Ohr. Ich konnte nur ein oder zwei Worte erlauschen, dennoch waren es wichtige Nachrichten, denn es war deutlich aus den Bruchstücken des Gespräches, die ich hören konnte, zu entnehmen, daß noch ein paar zuverlässige Leute unter den Matrosen waren.

Als Dick zurückkehrte nahm einer nach dem anderen von dem Trio die Kanne und trank; einer „Auf gutes Gelingen“, der zweite „Dieses Glas dem alten Flint“, und Silver selbst sagte in einer Art Singsang:

„Auf unsere Gesundheit! Und immer mit dem Wind. Das gibt Beute, Speis’ und Trank und Geld geschwind.“

Da wurde es in meinem Faß plötzlich lichter und aufblickend sah ich, daß der Mond aufgegangen war, der den Kreuzmast in silbernes Licht tauchte und weiß auf das Luv des Vordersegels leuchtete; und fast im selben Augenblick schrie die Stimme aus dem Lugaus: „Land ho!“

Zwölftes Kapitel Kriegsrat

Illustration from Die Schatzinsel: Roman

Es gab ein großes Getrappel quer über das Deck. Ich konnte hören, wie die Leute aus der Kabine und vom Focksegel herüberstürzten. Ich schlüpfte in einem Augenblick aus meinem Faß, tauchte unter das Vordersegel, machte zwei Sätze gegen das Hinterdeck zu und kam rechtzeitig auf Deck, um zusammen mit Hunter und Dr. Livesay zum Wetterbug zu stürzen.

Dort waren schon alle Matrosen versammelt. Fast gleichzeitig mit dem Aufgehen des Mondes hatte sich ein Nebelstreifen gehoben. Südwestlich von uns sahen wir nun zwei niedrige Hügel, ein paar Meilen voneinander entfernt, und hinter dem einen erhob sich ein dritter, höherer Berg, dessen Spitze noch im Nebel lag. Alle drei schienen von spitzer, kegelförmiger Gestalt zu sein.

Soviel sah ich, fast noch träumend, denn ich hatte mich von der entsetzlichen Angst, die ich vor ein oder zwei Minuten durchlebt hatte, noch nicht erholt. Und dann hörte ich die Stimme des Kapitän Smollett Befehle erteilen. Die Hispaniola wurde dem Wind etwas näher gelegt und segelte nun einen Kurs, der sie gerade dem Osten der Insel zuführen mußte.

„Und nun, Leute,“ sagte der Kapitän, als alles fertig war, „hat einer von euch je dieses Land gesehen?“

„Ich, Herr,“ sagte Silver, „ein Handelsschiff, auf dem ich Koch war, hat hier Wasser eingenommen.“

„Der Ankergrund ist im Süden, hinter einer kleinen Insel, nicht wahr?“ fragte der Kapitän.

„Ja, Herr, sie heißt die Skelettinsel. Das war einmal ein Seeräubernest, und ein Matrose, den wir an Bord hatten, kannte alle Namen hier. Der Hügel nach Norden zu heißt der Kreuzmastberg, nach Süden zu laufen drei in einer Reihe, der große mit der Wolke darüber wird gewöhnlich das „Fernrohr“ genannt, weil sie dort eine Wachstation hielten, wenn sie am Ankerplatz putzten, denn dort reinigten sie ihre Schiffe, mit Verlaub, Herr.“

„Ich habe eine Karte hier, schaut nach, ob das der Platz ist.“

Die Augen des langen John brannten, als er die Karte in die Hand nahm, doch erkannte ich am neuen Aussehen des Papiers, daß er eine Enttäuschung erleben mußte. Das war nicht die Karte, die wir in Billy Bones’ Koffer gefunden hatten, sondern eine genaue Kopie, die in jeder Beziehung vollständig war — Namen, Höhen und Lotungen — mit alleiniger Ausnahme der roten Kreuze und der handschriftlichen Bemerkungen. So stark sein Verdruß auch gewesen sein mag, Silver hatte doch die Selbstbeherrschung ihn zu verbergen.

„Ja, Herr, sicher ist das der Ort, und wie schön gezeichnet, wer das nur gemacht hat? Dazu waren die Piraten zu unwissend, meine ich. Ja, ja, hier steht es: ‚Kapitän Kidds Ankerplatz‘ — gerade so nannte ihn mein Schiffskamerad. Eine starke Strömung läuft die Südspitze entlang zur Westküste. Ganz recht hatten Sie, Herr, den Kurs zu ändern und an der Wetterseite zu bleiben. Wenn es nämlich Ihre Absicht war hineinzufahren und Kiel zu holen, dafür gibt es in diesen Gewässern keinen besseren Platz —“.

„Ich danke Euch, Mann,“ sagte Kapitän Smollett, „ich werde Euch später rufen, damit Ihr uns helft, jetzt könnt Ihr gehen.“

Ich war überrascht über die Kaltblütigkeit, mit welcher John seine Kenntnis der Insel zugab, und ich muß gestehen, ich geriet in Furcht, als er näher an mich herantrat. Er wußte natürlich nicht, daß ich in dem Apfelfaß seinen Kriegsrat belauscht hatte, aber ich war nun schon von einem solchen Entsetzen über seine Grausamkeit, Doppelzüngigkeit und Stärke ergriffen, daß ich kaum einen Schauer verbergen konnte, als er seine Hand auf meinen Arm legte.

„Ah,“ sagte er, „das ist ein herrlicher Platz, diese Insel — ein wundervoller Platz für einen Jungen zum Herumstreifen! Du wirst baden und auf Bäume klettern und Ziegen jagen, wenn du willst und selber wie eine Ziege auf den Bergen herumsteigen. Ach, das macht mich wieder jung, ich habe beinahe mein Holzbein vergessen! Ja, es ist eine schöne Sache jung zu sein und seine zehn Zehen zu haben, sicherlich. Wenn du ein wenig auf Forschungsreisen gehen willst, sag es nur dem alten John und er wird dir einen Imbiß zum Mitnehmen vorbereiten.“

Und er klopfte mir freundlich auf die Schulter, humpelte fort und ging nach unten.

Kapitän Smollett, der Gutsherr und Dr. Livesay standen im Gespräch zusammen auf Achterdeck, und so sehr ich mich danach sehnte, ihnen meine Geschichte zu erzählen, wagte ich es doch nicht, sie einfach zu unterbrechen. Als ich immer noch nach irgendeiner anständigen Ausrede dafür suchte, rief mich Dr. Livesay an seine Seite. Er hatte seine Pfeife unten gelassen und da er ein leidenschaftlicher Raucher war, wollte er mich um sie schicken. Doch sobald ich ihm nahe genug gekommen war, um ihm unbelauscht ein Wort sagen zu können, beschwor ich ihn sofort: „Herr Doktor, hören Sie mich an. Gehen Sie mit dem Kapitän und dem Squire in die Kabine hinunter und dann lassen Sie mich unter irgendeinem Vorwand holen, ich habe furchtbare Neuigkeiten.“

Der Doktor wechselte ein wenig die Farbe, aber im nächsten Augenblick hatte er sich in der Gewalt.

„Danke, Jim,“ sagte er ganz laut, „das war alles, was ich wissen wollte“, als ob er mich etwas gefragt hätte, und damit wandte er sich auf dem Absatz um und begab sich zu den beiden anderen. Sie sprachen ein wenig miteinander und trotzdem keiner von ihnen auffuhr oder seine Stimme erhob oder auch nur pfiff, war es ganz klar, daß Dr. Livesay ihnen meine Bitte mitgeteilt hatte, denn der Kapitän gab sofort Job Anderson einen Befehl und alle Matrosen wurden auf Deck gepfiffen.

„Bursche,“ sagte Kapitän Smollett, „ich habe euch etwas zu sagen: dieses Land, das wir gesichtet haben, ist unser Reiseziel. Herr Trelawney, der, wie wir alle wissen, ein sehr freigebiger Herr ist, hat mich eben über euch befragt und ich konnte ihm nur sagen, daß jeder Mann an Bord seine Pflicht getan hat; auf Deck und unter Deck habt ihr so anständig gearbeitet, wie ich es nicht besser verlangen kann. Nun wollen er und ich und der Doktor in die Kabine gehen und auf Eure Gesundheit trinken und Euch wird hier Grog aufgetragen werden, damit Ihr auf unsere Gesundheit trinken könnt. Ich will euch sagen, wie ich das finde: Ich finde es schön von Herrn Trelawney, und wenn ihr das auch findet, so werdet ihr jetzt ein Seemannshurra auf den Gentleman ausbringen, der das tut.“

Das Hurra folgte — selbstverständlich —, doch klang es so voll und herzlich, daß ich gestehen muß, ich konnte kaum glauben, daß es dieselben Leute waren, die im Sinne hatten uns zu ermorden.

„Noch ein Lebehoch für Kapitän Smollett!“ rief der lange John, als das erste verklungen war.

Und auch dieses wurde mit Lust und Liebe ausgebracht.

Darauf begaben sich die drei Herren hinunter und bald nachher kam eine Botschaft, daß Jim Hawkins in die Kabine verlangt werde.

Ich fand alle drei rund um den Tisch sitzend, eine Flasche spanischen Weins und ein paar Malagatrauben vor sich. Der Doktor rauchte drauf los und hatte seine Perücke auf dem Schoß, was, wie ich wußte, ein Zeichen von Aufregung bei ihm war.

Das Fenster zum Achterdeck war offen, denn es war eine warme Nacht und man konnte den Mondschein auf dem Kielwasser leuchten sehen.

„Nun, Hawkins!“ sagte der Squire, „du hast uns etwas zu sagen. Heraus damit.“

Ich tat, wie mir befohlen war und erzählte so kurz ich konnte alle Einzelheiten von dem Gespräch Silvers. Niemand unterbrach mich bis ich fertig war und keiner von den dreien machte auch nur eine Bewegung, sondern sie schauten mir, vom ersten bis zum letzten Wort, gerade ins Gesicht.

„Jim,“ sagte Dr. Livesay, „nimm Platz.“

Und sie hießen mich am Tische bei ihnen Platz nehmen, schenkten mir ein Glas Wein ein, füllten mir die Hände mit Malagatrauben an und alle drei, einer nach dem anderen, standen auf und tranken mit einer Verbeugung vor mir, auf meine Gesundheit, mein Wohlergehen und meinen Mut.

„Nun, Kapitän,“ sagte der Squire, „Ihr hattet recht und ich hatte unrecht. Ich gestehe, daß ich ein Esel war und erwarte Eure Befehle.“

„Nicht mehr Esel als ich, Herr“, erwiderte der Kapitän. „Ich habe noch nie gehört, daß eine Mannschaft, die auf Meuterei ausging, nicht vorher Zeichen gab, aus denen jedermann, der Augen im Kopfe hatte, das Unheil kommen sehen und sich entsprechend einrichten konnte. Aber diese Mannschaft,“ fügte er hinzu, „die ist mir über!“

„Kapitän,“ sagte der Doktor, „mit Eurer Erlaubnis, das ist Silver. Ein außerordentlicher Mensch.“

„Er würde außerordentlich gut auf einem Galgen aussehen, Herr,“ antwortete der Kapitän, „aber das ist Gerede und führt zu gar nichts. Ich möchte drei oder vier Punkte erörtern, wenn Herr Trelawney erlaubt.“

„Ihr, Herr, seid der Kapitän, an Euch ist es zu reden“, sagte Herr Trelawney, würdevoll.

„Erster Punkt:“, begann Herr Smollett, „wir müssen vorwärts, weil wir nicht zurück können. Wenn ich befehlen würde umzuwenden, würden sie sofort entern. Zweiter Punkt: Wir haben etwas Zeit vor uns, wenigstens bis dieser Schatz gefunden ist. Dritter Punkt: Es gibt ein paar anständige Leute unter den Matrosen. Nun, Herr, früher oder später muß es zum Zuschlagen kommen und ich denke das Gescheiteste ist, wir lassen es eines schönen Tages dazukommen, wenn sie es am wenigsten erwarten. Wir können, denke ich, auf Ihre eigenen Hausdiener zählen, Herr Trelawney?“

„Wie auf mich selbst“, erklärte der Squire. „Drei,“ zählte der Kapitän, „und wir mit Hawkins zusammen macht sieben; nun, und welche von den Matrosen sind verläßlich?“

„Höchstwahrscheinlich Trelawneys eigene Leute,“ sagte der Doktor, „die er selbst aufgabelte, bevor er Silver traf.“

„Nein,“ antwortete der Squire, „Hands war einer von den meinen.“

„Ich hätte wirklich gedacht, daß man sich auf Hands verlassen könne“, fügte der Kapitän hinzu.

„Und zu denken, daß sie alle Engländer sind!“ brach der Squire aus. „Herr, ich wäre imstande, das Schiff in die Luft gehen zu lassen.“

„Nun, meine Herren,“ sagte der Kapitän, „das beste, was ich raten kann ist nicht viel: wir müssen, wenn es Ihnen beliebt, beilegen und scharf Wache halten. Das ist langweilig für Männer, ich weiß, es wäre viel angenehmer zuzuschlagen. Aber da kann man nichts machen, ehe wir unsere Leute kennen. Beilegen und auf guten Wind warten, das ist meine Meinung.“

„Jim“, sagte der Doktor, „kann uns mehr helfen als sonst jemand, denn die Leute sind ihm gegenüber nicht zurückhaltend und Jim ist ein Junge, der gleich was merkt.“

„Hawkins, ich setze ungeheures Vertrauen in dich“, fügte der Squire hinzu.

Ich war sehr verzweifelt darüber, denn ich fühlte mich vollkommen hilflos. Dennoch kam durch eine sonderbare Verkettung von Umständen gerade durch mich die Rettung. Immerhin, man mochte reden was man wollte, wir waren nur sieben von sechsundzwanzig, auf die man sich verlassen konnte, und von diesen sieben war einer ein Knabe, so daß die Erwachsenen bloß sechs gegen neunzehn waren.

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