Fünfter Teil Mein Seeabenteuer
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Zweiundzwanzigstes Kapitel Wie ich mein Seeabenteuer begann
Die Meuterer kehrten nicht wieder — nicht einmal ein Schuß kam mehr aus dem Walde. Sie hatten, wie es der Kapitän nannte, „ihre Tagesration bekommen“ und wir blieben Herren des Platzes und konnten nun in Ruhe uns um die Verwundeten kümmern und unser Mittagessen bereiten. Der Squire und ich kochten, der Gefahr trotzend, im Freien und selbst draußen konnten wir kaum zur Besinnung kommen vor Entsetzen über das laute Stöhnen der Patienten des Doktors, das bis zu uns drang.
Von den acht Mann, die im Kampfe gefallen waren, atmeten nur mehr drei — der eine Seeräuber, der an der Schießscharte angeschossen worden war, Hunter und Kapitän Smollett. Und von diesen waren die beiden ersten so gut wie tot. Der Meuterer starb unter dem Messer des Doktors und Hunter kam, trotz aller unserer Bemühungen, nicht mehr zum Bewußtsein. Er lag den ganzen Tag im Sterben und keuchte laut wie der alte Freibeuter daheim während seines Schlaganfalles. Das Brustbein war ihm durch den Schlag zertrümmert worden und sein Schädel beim Fall zerschmettert, und in der nächsten Nacht ging er ohne einen Laut von sich zu geben zu seinem Schöpfer heim.
Die Wunden des Kapitäns waren schwer, doch nicht lebensgefährlich. Kein lebenswichtiges Organ war ernstlich verletzt. Andersons Kugel — denn Job hatte ihn zuerst getroffen — hatte ihm das Schulterblatt zerbrochen und die Lunge leicht gestreift. Der zweite Schuß war in die Wadenmuskeln gedrungen. Er werde sich bestimmt erholen, sagte der Doktor, doch dürfe er wochenlang weder gehen noch den Arm bewegen und womöglich auch nicht sprechen.
Mein Schnitt durch die Knöchel war ein Flohbiß, den Dr. Livesay mit Pflaster flickte und mich noch obendrein dafür bei den Ohren nahm.
Nach dem Essen saßen der Squire und der Doktor eine Weile zur Beratung neben dem Lager des Kapitäns und als sie sich ausgesprochen hatten nahm der Doktor seinen Hut und seine Pistolen, umgürtete sich mit dem Entermesser, steckte die Karte in die Tasche, kletterte mit geschultertem Gewehr auf der Nordseite über die Umzäunung und machte sich vergnügt auf den Weg.
Gray und ich saßen zusammen am anderen Ende des Blockhauses, um während der Beratung unserer Vorgesetzten außer Hörweite zu sein. Gray nahm die Pfeife aus dem Munde und vergaß fast sie wieder hineinzustecken, so paff war er über das Beginnen des Doktors.
„Was, zum Henker, ist in ihn gefahren?“ sagte er, „ist Dr. Livesay verrückt geworden?“
„Kaum“, sagte ich. „Ich glaube, von der ganzen Mannschaft hat er am wenigsten Anlage dazu.“
„Nun, Kamerad,“ meinte Gray, „vielleicht ist er nicht verrückt, doch wenn er es nicht ist dann paß auf was ich dir sage, bin ich es.“
„Ich denke,“ erwiderte ich, „der Doktor hat seinen Plan. Wenn ich nicht sehr irre, ist er Ben Gunn besuchen gegangen.“
Wie sich später herausstellte, war es wirklich so. Doch inzwischen war es im Hause erstickend heiß und der kleine Fleck Sand innerhalb der Umzäunung glühte in der Mittagsonne. Mir ging ein anderer Gedanke durch den Kopf, der keineswegs so richtig war. Ich beneidete den Doktor, der im kühlen Waldesschatten spazieren ging, den angenehmen Duft der Nadelbäume und den Gesang der Vögel genoß, während ich gebraten dasaß und mit meinen Kleidern am heißen Harz hängen blieb, rings um mich so viel Blut und so viel Leichen, daß mich ein Ekel vor dem Hause packte, der fast so stark war wie Furcht.
Die ganze Zeit während ich das Blockhaus und dann das Eßgeschirr aufwusch, wurden Ekel und Neid immer stärker, bis ich endlich, als ich mich zufällig unbeobachtet bei einem Brotkorb fand, den ersten Schritt für meine Flucht vorbereitete und meine beiden Manteltaschen mit Zwieback füllte.
Ich war vielleicht ein Narr und sicherlich war ich im Begriff einen törichten, tollkühnen Schritt zu tun, doch war ich entschlossen alle in meiner Macht stehenden Vorsichtsmaßregeln dabei zu beobachten. Dieser Zwieback würde mich, wenn mir irgend etwas geschehen sollte, wenigstens bis zum Abend des nächsten Tages vor dem ärgsten Hunger schützen.
Ferner nahm ich ein paar Pistolen mit, und da ich bereits ein Pulverhorn und Kugeln hatte, fühlte ich mich mit Waffen wohlversehen.
Der Plan, mit dem ich mich trug, war an und für sich nicht schlecht. Ich wollte die schmale Landzunge, welche im Osten den Ankerplatz von der offenen See trennt, hinuntergehen, den weißen Felsen, den ich am letzten Abend bemerkt hatte, suchen und mich überzeugen, ob Ben Gunn dort sein Boot versteckt habe; was, wie ich noch immer glaube, wohl der Mühe wert war zu unternehmen. Doch da ich sicher war, daß man mir nicht gestatten würde die Umzäunung zu verlassen, wollte ich französischen Abschied nehmen und unbeobachtet hinausschlüpfen. Und das war eine so schlechte Handlungsweise, daß dadurch die ganze Sache zu einem Unrecht wurde. Doch ich war nur ein Bub’ und war fest entschlossen meinen Plan durchzuführen.
Der Zufall wollte es, daß ich eine wundervolle Gelegenheit fand. Der Squire und Gray waren eifrig damit beschäftigt dem Kapitän bei seinen Verbänden Hilfe zu leisten. Der Weg war frei und so machte ich einen Satz über die Umzäunung und mitten hinein in das dichteste Gehölz, und ehe meine Abwesenheit bemerkt wurde, war ich außer Hörweite.
Das war meine zweite Torheit und sie war viel schlimmer als die erste, denn ich ließ nur zwei gesunde Männer zur Bewachung des Hauses zurück; doch sollte sie späterhin, gleich der ersten, zur Rettung für uns alle werden.
Ich nahm meinen Weg geradeaus zur Ostküste der Insel, da ich entschlossen war die dem Meere zu gelegene Seite der Landzunge hinunterzugehen, um jede Möglichkeit zu vermeiden vom Ankerplatz aus beobachtet zu werden.
Es war schon spät am Nachmittag, doch noch immer warm und sonnig. Als ich mich weiter durch hohes Gebüsch hindurchwand, konnte ich in naher Entfernung nicht nur den unaufhörlichen Donner der Brandung, sondern auch ein gewisses Rauschen der Blätter und Aneinanderschlagen der Zweige hören, das mir anzeigte, daß die Brise stärker als sonst eingesetzt hatte. Bald spürte ich einen kalten Luftzug und nach einigen weiteren Schritten kam ich an den offenen Rand des Waldes und sah das Meer blau und sonnig weit vor mir liegen und die Brandung wallend und schäumend an die Küste anschlagen.
Ich habe um die Schatzinsel die See niemals ruhig gesehen. Wenn die Sonne noch so heiß brannte und kein Lüftchen sich rührte und die Oberfläche des Meeres glatt und blau dalag, schlugen doch diese breiten Wogen Tag und Nacht donnernd und donnernd an die Küste, und ich glaube kaum, daß es einen Platz auf der Insel gibt, wo dieses Getöse nicht ans Ohr dringt.
Ich ging mit großem Entzücken die Küste entlang, bis ich endlich, da ich nun annahm, weit genug nach Süden gekommen zu sein, unter der Deckung dichten Gebüsches vorsichtig den Sattel der Landzunge erklomm. Hinter mir war das Meer, vor mir der Ankerplatz.
Die Seebrise war im Abflauen und es schien als hätte sie sich durch ihre ungewöhnliche Heftigkeit schneller zu Ende geblasen und nun folgten ihr wechselnd leichte Winde aus Süden und Südost, die breite Nebelstreifen mit sich führten. Der Ankerplatz an der Leeseite der Skelettinsel lag noch immer in der bleiernen Stille, in der wir ihn zuerst betreten hatten. Die Hispaniola spiegelte sich in dieser ruhigen Wasserfläche von der Spitze, an der die Freibeuterflagge flatterte, bis zur Wasserlinie.
Daneben lag eines der Ruderboote, in dessen Achtersitz Silver saß — ihn konnte ich stets erkennen —, während ein paar seiner Leute sich über die Reeling beugten. Einer von ihnen, mit der roten Mütze, war derselbe Schurke, den ich ein paar Stunden vorher Hals über Kopf über die Palisade fliehen gesehen hatte. Sie schienen zu lachen und zu plaudern, obwohl ich auf diese Entfernung — über eine Meile — natürlich kein Wort ihres Gespräches vernehmen konnte.
Plötzlich erhob sich ein abscheuliches, unmenschliches Gekreisch, das mich zuerst wahnsinnig erschreckte, doch bald erinnerte ich mich wieder an die Stimme des „Kapitän Flint“ und glaubte sogar den Papagei in seinem leuchtenden Gefieder wahrzunehmen, wie er auf dem Handgelenk seines Herrn geduckt dasaß.
Bald darauf fuhr die Jolle gegen das Ufer; der Mann in der roten Mütze aber und sein Gefährte gingen hinunter in die Kabine.
Um diese Zeit war die Sonne hinter dem „Fernrohr“ untergegangen und da der Nebel sich rasch zusammenzog fing es an ernstlich dunkel zu werden und ich sah, daß ich keine Zeit verlieren dürfe, wenn ich das Boot noch an diesem Abend finden wollte.
Der weiße Felsen, der sich deutlich über dem Nebel abzeichnete, war immer noch ein ziemliches Stück entfernt und es dauerte eine gute Weile bis ich durch das Gestrüpp, oft auf allen Vieren kriechend, mich hinarbeitete. Die Nacht war fast niedergesunken, als ich endlich ankam. Genau unter dem Felsen war eine ganz schmale, mit Rasen ausgelegte Vertiefung, die durch die Böschung und dichtes Unterholz, das dort sehr üppig wuchs, verborgen war. In der Mitte der kleinen Schlucht stand wirklich ein Zelt aus Ziegenhäuten, wie es die Zigeuner in England mit sich herumführen.
Ich sprang in die kleine Schlucht hinunter, hob den Zeltvorhang und da stand Ben Gunns Boot — unzweifelhaft sozusagen „zu Hause gemacht“: ein rohes, schiefwandiges Fahrzeug aus unbehauenem Holz, dessen Innenseite mit Tierfellen, mit der Haarseite nach innen, belegt war. Das Ding war außerordentlich klein, sogar für mich, und ich vermochte mir kaum vorstellen, wie es einen erwachsenen Mann über Wasser halten konnte. Es hatte einen kleinen, ganz niedrigen Strecksitz im Bug und zum Antrieb ein kurzes Doppelruder. Ich hatte vorher nie ein Fischerboot gesehen wie es die alten Briten benützten, doch habe ich inzwischen welche kennen gelernt und kann keine bessere Vorstellung von Ben Gunns Boot geben, als indem ich es mit dem ältesten und primitivsten Fischerboot vergleiche, das jemals Menschenhände angefertigt haben. Doch besaß es zweifellos einen großen Vorteil vor jenen Booten aus der Vorzeit: es war überaus leicht und tragbar.
Da ich das Boot nun gefunden hatte hätte man denken sollen, daß ich mir vorläufig genug an Durchgängerei geleistet hatte. Doch inzwischen hatte ich einen Plan gefaßt und mich so heftig in ihn verliebt, daß ich ihn, glaube ich, sogar vor Kapitän Smolletts Augen durchgeführt hätte. Er bestand darin unter dem Schutze der Nacht die Hispaniola abzuschneiden und den Wellen und Winden preiszugeben, so daß sie irgendwo an Land treiben mußte. Ich war sicher, daß den Meuterern nach ihrem Mißerfolg am Morgen nichts mehr am Herzen lag als die Anker zu lichten und fortzusegeln und dachte, daß es eine schöne Sache wäre, das zu verhindern. Da ich nun sah wie sie ihre Wachen ohne Boot zurückließen, glaubte ich, daß man dies mit geringer Gefahr durchführen könnte.
Ich setzte mich nieder, um auf die Dunkelheit zu warten und ließ mir inzwischen eine tüchtige Zwiebackmahlzeit gutschmecken. Es war eine Nacht wie sie unter zehntausend für meine Zwecke nicht geeigneter sein konnte. Der Nebel bedeckte nun den ganzen Himmel. Als die letzten Strahlen des Tageslichtes dahinschwanden legte sich vollkommene Finsternis über die Schatzinsel. Und als ich schließlich das Fischerboot schulterte und damit aus der kleinen Schlucht, wo ich mein Abendbrot gegessen hatte, hinausstolperte, waren nur noch zwei Punkte auf dem ganzen Ankerplatz sichtbar.
Der eine war ein großes Feuer am Ufer, um das die besiegten Seeräuber zechend auf der morastigen Wiese herumlagen, der zweite ein bloßer Lichtschimmer in der Finsternis, der die Lage des Schiffes anzeigte. Es hatte sich während der Ebbe gedreht — so daß der Bug jetzt mir zugewendet war — und die einzigen Lichter an Bord waren die in der Kabine.
Die Ebbe dauerte schon einige Zeit und ich mußte eine lange Strecke durch den sumpfigen Sand waten, in den ich wiederholt bis über die Knöchel einsank, ehe ich an das zurückflutende Meer kam und endlich mit einigem Aufwand von Kraft und Geschicklichkeit mein Fischerboot mit dem Kiel nach abwärts auf die Wasserfläche setzen konnte.
Dreiundzwanzigstes Kapitel Die Ebbe nimmt ihren Fortgang
Das Fischerboot war wirklich für eine Person meiner Größe und meines Gewichtes ein ganz sicheres Fahrzeug — und ich bekam genug Erfahrung, um dies zu wissen — und war ganz flott und geschickt, wenn man es auf dem Wasser sich selbst überließ.
Doch war es infolge seiner Schiefwandigkeit und Unförmigkeit überaus schwer zu lenken. Man konnte machen was man wollte, es drehte sich immer mehr leewärts als irgend etwas, und sich um und umzudrehen war die Kunst, die es am besten verstand. Selbst Ben Gunn gab zu, das es „sich etwas sonderbar benahm, bis man seine Art kannte“.
Sicherlich kannte ich ihre seine Art vorerst nicht. Es drehte sich nach jeder Richtung, nur nicht nach der, in welcher ich es haben wollte. Fast die ganze Zeit ging es nach der Breitseite zu und ich bin überzeugt, daß ich niemals das Schiff erreicht hätte, wenn nicht die Flut gekommen wäre. Zum Glück riß sie mich mit, ich konnte rudern wie ich wollte. Und die Hispaniola lag gerade auf dem Weg und konnte gar nicht verfehlt werden.
Zuerst tauchte sie vor mir auf wie ein dunkler Fleck, dunkler als die Dunkelheit ringsum, dann begannen ihre Spieren und der Schiffsrumpf Umrisse anzunehmen und im nächsten Augenblick (denn je weiter ich vorwärts kam, desto stärker wurde die Strömung) war ich neben ihrem Kabeltau und hatte es schon ergriffen. Das Kabeltau war straff wie eine Bogensehne gespannt — so stark zog sie an ihrem Anker. Rings um den Schiffsrumpf sprudelte und rauschte die anprallende Strömung in der pechschwarzen Nacht wie ein kleiner Bergfluß — ein Schnitt mit meinem Messer — und die Hispaniola würde mit der Flut forttreiben.

Das wäre soweit ganz gut gewesen, doch ich erinnerte mich gehört zu haben, daß ein straffes Ankertau, plötzlich durchschnitten, ein so gefährliches Ding sei wie ein scheues Pferd. Es war zehn gegen eins zu wetten, daß, wenn ich so tollkühn gewesen wäre, die Hispaniola von ihrem Anker wegzuschneiden, ich und das Fischerboot glatt aus dem Wasser hinausgestoßen worden wären.
Damit war es also nichts und wenn das Glück mich nicht wiederum besonders begünstigt hätte, hätte ich meinen Plan ganz aufgeben müssen. Doch die leichten Winde, die zuerst von Südost und Süden gekommen waren schlugen nach Einbruch der Dunkelheit in Südwest um. Mitten in meinem Sinnen kam ein Windstoß, packte die Hispaniola und zwang sie in die Strömung hinauf. Dabei fühlte ich zu meiner großen Freude wie sich das Ankertau lockerte und die Hand, mit welcher ich es festhielt, eine Sekunde lang ins Wasser tauchte.
Als ich das sah entschloß ich mich rasch, nahm ein Messer, das ich mit den Zähnen aufmachte und schnitt eine Faser nach der anderen durch bis das Fahrzeug nur mehr von zweien gehalten wurde. Dann wartete ich ruhig mit dem Abschneiden dieser letzten beiden, bis eine neue Brise die Spannung noch mehr gelockert haben würde.
Während dieser ganzen Zeit hörte ich aus der Kabine laute Stimmen, doch war ich, um die Wahrheit zu sagen, so ganz mit anderen Gedanken beschäftigt, daß ich kaum hingehört hatte. Jetzt aber begann ich, da ich nichts anderes zu tun hatte, besser aufzupassen.
Die eine Stimme erkannte ich als die des Bootsführers Israel Hands, des einstigen Kanoniers des Kapitän Flint. Die andere gehörte natürlich meinem Freund mit der roten Nachtmütze.
Die beiden waren offenbar arg betrunken und tranken auch jetzt weiter, denn während ich zuhörte, öffnete einer von ihnen mit einem Gröhlen das Heckfenster und warf einen Gegenstand hinaus, den ich sicherlich mit Recht für eine leere Flasche hielt. Doch waren sie nicht nur betrunken sondern auch in furchtbarer Wut. Die Flüche flogen wie Hagelkörner und von Zeit zu Zeit entstand ein so wüster Lärm, daß ich sicher war, die Sache würde mit Schlägen enden. Doch immer wieder legte sich der Streit, die Stimmen wurden ein wenig gedämpfter bis zum nächsten Höhepunkt, der wieder ohne Resultat abklang.
Ich konnte den Schein des großen Wachtfeuers am Ufer durch die Bäume an der Küste hell herüberleuchten sehen. Einer sang ein eintöniges, altes Seemannslied mit einem trillernden Refrain am Ende jedes Verses, doch gab es anscheinend überhaupt kein Ende als das der Geduld des Sängers. Ich hatte es auf unserer Reise wiederholt gehört und erinnerte mich zweier Verse daraus:
„Mit fünfundsiebzig die Reise begann, Zurück kam nur ein einziger Mann.“
Ich fand, daß es ein zu schmerzlich passendes Lied für eine Gesellschaft war, die am selben Morgen so grausame Verluste erlitten hatte; doch waren freilich, wie ich sah, alle diese Freibeuter so gefühllos wie das Meer, auf dem sie segelten.
Endlich kam die Brise. Der Schooner neigte sich seitwärts und kam in der Dunkelheit näher. Ich fühlte wiederum das Ankertau schlaffer werden und schnitt mit einem guten, festen Schnitt die letzten Fasern durch.
Die Brise bewegte das Fischerboot nur wenig und ich wurde fast augenblicklich gegen den Bug der Hispaniola getrieben. Gleichzeitig begann sich der Schooner zu drehen und langsam gegen den Strom zu rollen.
Ich arbeitete wie ein Teufel, denn ich erwartete jeden Augenblick versenkt zu werden. Und da ich herausgefunden hatte, daß ich das Fischerboot nicht gerade wegbekommen konnte, ruderte ich es umgekehrt. Endlich war ich von meinem gefährlichen Nachbar befreit und eben als ich den letzten Stoß tat, bekam ich zufällig einen leichten Strick in die Hand, der hinten über Bord hing und packte ihn sofort.
Warum ich das tat, ist kaum zu erklären. Es geschah zuerst aus bloßem Instinkt. Doch als ich ihn erst gepackt hatte und sah, daß er fest hielt, bekam meine Neugier die Oberhand und ich beschloß einen Blick durch das Kabinenfenster zu werfen. Ich zog mich an dem Strick hinauf und als ich mich nahe genug glaubte, erhob ich mich, der unerhörten Gefahr nicht achtend, in halber Körperhöhe und konnte nun das Dach und einen Teil des Inneren der Kabine überblicken.
Um diese Zeit glitt der Schooner mit seinem winzigen Begleiter schon ziemlich rasch durch das Wasser und wir kamen in die Nähe des Lagerfeuers. Das Schiff sprach laut, wie die Seeleute sagen, es wälzte sich mit fortwährendem Geplätscher über die unendlichen Wellen und ehe ich durch das Fenster hineinblicken konnte war es mir unverständlich, wieso die Wachen nicht aufgeschreckt worden waren. Doch war der eine Blick, den ich von meinem wackligen Boot aus wagte, hinreichend, um alles zu verstehen, denn ich sah Hands und seinen Gefährten in tödlichem Ringen, einer die Hand an der Kehle des anderen, wütend ineinander verschlungen.
Ich fiel wieder auf meinen kleinen Sitz zurück und wirklich gerade noch zur rechten Zeit, denn ich war fast über Bord geflogen. Ich konnte im Augenblick nichts sehen als diese beiden wild geröteten Gesichter wie sie unter der rauchenden Lampe gegeneinander schwankten und schloß die Augen, um sie wieder an die Dunkelheit zu gewöhnen.
Die endlose Ballade war schließlich doch zu einem Abschluß gekommen und die ganze übrige Gesellschaft beim Lagerfeuer sang den Schlußchor, den ich so oft gehört hatte:
„Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste, Jo-ho-ho und ein Fläschchen Rum, Schnaps stand stets auf der Höllenfahrtsliste Jo-ho-ho und ein Fläschchen Rum.“
Während ich darüber nachsann, wie doch Schnaps in diesem Augenblick in der Kabine der Hispaniola zur Höllenfahrt vorbereitete, wurde ich durch einen plötzlichen Ruck des Fischerbootes überrascht. Gleichzeitig schwankte es und schien seinen Kurs zu ändern während seine Schnelligkeit befremdlich zunahm.
Ich öffnete sofort die Augen. Rund um mich schoben sich kleine Wellen, deren Kämme aufleuchteten. Die Hispaniola, in deren Kielwasser ich immer noch herumgewirbelt wurde, schien in ihrem Kurse zu schwanken und ich sah ihre Spiere durch die finstere Nacht hin und hergehen, und als ich näher zusah, sah ich, daß sie nach Süden zog.
Ich blickte zurück und das Herz schlug mir gegen die Rippen. Dort gerade hinter mir glühte der Schein des Lagerfeuers. Die Strömung hatte sich im rechten Winkel gedreht und hatte das große Schiff um das kleine auf den Wellen tanzende Fischerboot herumgefegt. Schneller und schneller, immer höher gingen die Wellen, immer lauter rollten sie es durch die Meerenge in die offene See.
Plötzlich drehte sich der Schooner vor mir mit einem heftigen Ruck um etwa zwanzig Grade und fast im selben Augenblick erschollen Schreie vom Bord des Schiffes. Ich hörte wie die Leiter der Lukenkappe von stampfenden Füßen erzitterte und wußte nun, daß die beiden Trunkenbolde endlich in ihrem Kampf innehielten und das Unheil zu begreifen begannen.
Ich legte mich flach auf den Boden des jämmerlichen, kleinen Schiffleins und empfahl meine Seele ihrem Schöpfer. Es schien sicher, daß wir, wenn wir aus der Meerenge hinauskämen, in die Gewalt der tobenden Wellen kommen müßten, wo alle meine Sorgen ihr rasches Ende finden würden. Und trotzdem ich vielleicht den Tod ertragen konnte, dem nahenden Geschick entgegenzuschauen war mir unerträglich.
Ich muß stundenlang so dagelegen sein, fortwährend von den Wellen auf und ab geworfen, manchmal vom sprühenden Seeschaum bespritzt und immerfort in Erwartung des Todes. Allmählich überwältigte mich die Müdigkeit. Betäubung und gelegentlich Erstarrung überfielen mich inmitten all dieser Schrecknisse, bis mich endlich der Schlaf in die Arme nahm. Und da lag ich nun in meinem von den Wogen herumgeworfenen Fischerboot und träumte von der Heimat und dem alten „Admiral Benbow“.
Vierundzwanzigstes Kapitel Die Fahrt des Fischerbootes
Es war heller Tag, als ich erwachte und sah, daß ich mich im Südwesten der Schatzinsel befand. Die Sonne war schon aufgegangen, doch war sie noch durch die hohe Wand des „Fernrohrs“ verdeckt, das auf dieser Seite in ungeheuren Klippen fast bis zum Meer herabkam. Der Haulbowlinegipfel und der Mizzenmasthügel standen seitlich von mir, der eine kahl und dunkel, der andere von vierzig bis fünfzig Fuß hohen Schluchten durchzogen, an deren Boden sich große Massen abgesplitterter Felsen türmten. Ich war kaum eine Viertelmeile vom Lande entfernt und mein erster Gedanke war daher, heranzurudern und zu landen. Diese Absicht mußte ich bald aufgeben. Zwischen den abgebröckelten Felsen brach sich die Brandung mit lautem Widerhall und hohe Springfluten stiegen und fielen, folgten einander von Sekunde zu Sekunde. Wenn ich mich in die Nähe wagte mußte ich entweder, an die felsige Küste geschleudert, den Tod finden oder vergeblich meine Kraft dabei verbrauchen, die vorstehenden Felsen zu erklimmen.

Doch das war nicht alles, denn plötzlich sah ich auf flachen Felsblöcken in Rudeln kriechend oder mit lautem Anprall in die See plumsend, riesige, schleimige Ungeheuer — weiche Schnecken von unglaublicher Größe schienen sie mir — die, vierzig oder sechzig beisammen, mit dem Lärm ihres Gekläffes die Felsen widerhallen machten.
Später erfuhr ich, daß das vollkommen harmlose Seelöwen waren, doch ihr Anblick, dazu die steilen Uferfelsen und die heftige Brandung, genügten, mich von der Landung hier abstehen zu lassen und ich war entschlossen lieber auf dem Meere zu verhungern als noch solche Gefahren zu bestehen.
Indessen lag vor mir eine bessere Landungsmöglichkeit. Nördlich vom Haulbowlinekopf erstreckt sich eine schmale Landzunge, die bei niedriger Flut einen langen Strich gelben Sandes zurückläßt. Nördlich davon liegt ein anderes Kap — das Waldkap — wie es auf der Karte bezeichnet war — unter hohen, grünen Nadelbäumen versteckt, welche bis zum Seeufer herabreichen.
Ich erinnerte mich an das, was Silver über die Strömung gesagt hatte, die der ganzen Westküste der Schatzinsel entlang nach Norden geht, und da ich aus meiner Lage ersah, daß ich bereits von ihr getragen wurde, zog ich es vor den Haulbowlinekopf hinter mir zu lassen und meine Kräfte für einen Landungsversuch an dem weniger gefährlich aussehenden Waldkap aufzusparen.
Die Wogen rollten hoch, aber gleichmäßig, der Wind blies stetig und mild vom Süden her und die Wellen stiegen und fielen ohne sich an der Strömung zu brechen.
Wäre es anders gewesen, hätte ich längst umgekommen sein müssen. So aber schwamm mein kleines Boot überraschend leicht und sicher dahin.
Oft sah ich, wie ich da auf dem Boden lag und nach dem Dollbord blickte, einen hohen, blauen Berg sich nahe vor mir erheben. Doch das Fischerboot sprang dann nur ein wenig in die Höhe, tanzte wie wenn es auf Federn ginge, und senkte sich jenseits des Wellenberges wieder leicht wie ein Vogel in die Mulde.
Nach einer Weile wuchs meine Kühnheit und ich versuchte meine Ruderkünste. Doch schon ein kleiner Wechsel im Gleichgewicht erzeugte heftige Veränderungen im Benehmen eines solchen Fischerbootes. Denn kaum hatte ich mich nur ein wenig bewegt, gab es sofort seine freundlich tänzelnde Bewegung auf und lief geradeaus einen so steilen Wasserberg hinab, daß ich ganz schwindlig wurde, dann steckte es seine Nase, während der Gischt hochaufspritzte, tief in die Seite der nächsten Welle hinein.
Ich wurde durchnäßt und erschreckt und nahm sofort meine frühere Lage ein, worauf auch das Fischerboot zur Besinnung zu kommen schien und mich so sanft wie früher durch die Wellen führte. Es schien klar, daß es keine Einmischung duldete. Doch wann konnte ich hoffen, da ich auf keine Weise seinen Lauf beeinflussen durfte, an Land zu kommen?
Ich fing an mich entsetzlich zu fürchten, doch verlor ich trotzdem nicht den Kopf. Langsam und mit äußerster Vorsicht bei meinen Bewegungen, schöpfte ich mit meiner Mütze das Wasser aus dem Boot; dann, mit den Augen ein wenig über dem Bootrand, begann ich zu studieren, wie es das Boot fertigbrachte, um so ruhig zwischen den höchsten Wellen durchzukommen.
Ich fand heraus, daß jede Welle durchaus nicht der große, weiche, glatte Berg war, als der sie vom Ufer oder von einem Schiffsdeck aus erschien, sondern in Wirklichkeit wie irgendein Gebirge auf dem trockenen Lande aus Spitzen, ebenen Flächen und Tälern bestand. Das Fischerboot schlängelte sich, wenn man es sich selbst überließ, ganz auf eigene Faust durch diese tieferen Teile und vermied die steilen Abhänge und hohen Gipfel der Wellen.
Nun gut, dachte ich, es ist also klar, daß ich ruhig liegen muß, um nicht das Gleichgewicht zu stören, doch ist es ebenso klar, daß ich das Ruder an ruhigen Stellen von Zeit zu Zeit benützen kann, um das Boot mit ein oder zwei Schlägen mehr landwärts zu lenken. Gesagt, getan. Da lag ich also auf meinen Ellbogen in der anstrengendsten Haltung und machte von Zeit zu Zeit einen oder zwei schwache Ruderschläge, um die Bootspitze landwärts zu drehen.
Es war eine sehr ermüdende und langsame Arbeit, doch gewann ich sichtlich Boden und als wir nahe an das Waldkap kamen, sah ich, daß ich zwar unfehlbar diesen Punkt verfehlen werde, doch war ich nur mehr einige hundert Meter östlich davon. Ich konnte die luftigen, grünen Baumspitzen sich im Winde bewegen sehen und war ganz sicher, daß ich am nächsten Vorgebirge unbedingt würde landen können.
Es war höchste Zeit, denn der Durst begann mich zu quälen. Die glühende Sonne über mir, ihr tausendfacher Widerschein von den Wellen her, das Seewasser, das mich bespritzte und auf mir trocknete, das sogar meine Lippen mit Salz förmlich zusammenbuk, all das brannte mir in der Kehle und quälte mein Gehirn. Als ich die Bäume so nahe sah, wurde ich vor Sehnsucht beinahe krank. Doch die Strömung führte mich bald weiter und als ich wieder die offene See vor mir sah, hatte ich einen Augenblick, der meine Gedanken in ganz andere Bahnen lenkte.
Gerade vor mir sah ich die Hispaniola unter Segel. Doch war ich vor Durst so außer mir, daß ich kaum wußte, ob ich froh oder traurig wäre, wenn sie mich überfahren würde. Ehe ich aber zu einem Schlusse gekommen war, hatte mich die Überraschung ganz überwältigt und ich konnte nur hinstarren und staunen.
Die prachtvoll weiße Leinwand der Hispaniola blinkte wie Schnee oder Silber in der Sonne. Als ich sie zuerst sichtete waren alle Segel gespannt und sie nahm den Kurs ungefähr Nordwest. Ich nahm an, daß die Leute an Bord um die Insel herum wollten, um wieder zurück zum Ankerplatz zu gelangen. Plötzlich fing sie an sich mehr und mehr nach Westen zu wenden, so daß ich schon glaubte man habe mich von dort gesichtet und jage mir nach. Schließlich aber stand sie eine ganze Zeitlang hilflos vor dem Winde mit schlaffen Segeln.
„Ungeschickte Kerle,“ dachte ich mir, „die müssen noch immer ganz betrunken sein!“ Und ich stellte mir vor, wie Kapitän Smollett sie behandelt hätte. Inzwischen wiederholte sich immer wieder dasselbe Manöver: Das Schiff segelte ein paar Minuten rasch, blieb wieder liegen und pendelte dann wieder hin und her, hinauf und hinunter, nach Norden, Süden, Osten und Westen, und jede solche Bewegung endete wie sie begonnen hatte, mit schlaff herunterhängendem Segel. Es wurde mir nun klar, daß niemand steuerte. Doch wenn es so war, wo waren die Matrosen? Entweder tödlich besoffen oder sie hatten das Schiff verlassen, dachte ich, und vielleicht könnte ich, wenn ich an Bord gelangte, das Schiff seinem Kapitän zurückgeben.
Die Strömung trug in gleichem Tempo Fischerboot und Schooner nach Süden. Der Schooner segelte so wild und unregelmäßig und lag nach jedem Anlauf so lange still, daß er gar nicht vorwärts kam. Wenn ich es nur wagen könnte mich aufzusetzen und zu rudern, war ich sicher ihn einholen zu können. Dieser Plan hatte einen abenteuerlichen Beigeschmack, der mich begeisterte, und der Gedanke an den Wasserbehälter in der Kabine erhöhte meinen Mut.
Ich setzte mich auf, wurde fast im selben Augenblick wiederum mit einem Strahl von Gischt überschüttet, doch blieb ich fest bei meiner Absicht und machte mich daran mit aller Kraft und Vorsicht der steuerlosen Hispaniola nachzurudern. Einmal geriet ich in so schwere See, daß ich mit klopfendem Herzen innehalten und Wasser ausschöpfen mußte. Doch nach und nach wußte ich, was ich zu tun hatte und führte mein Fischerboot, trotzdem ich hie und da einen Wasserstrahl ins Gesicht und das Boot einen Stoß in den Bug bekam, sicher durch die Wellen.
Ich kam dem Schooner nun rasch näher und konnte das Metall des Helms in der Sonne glitzern sehen, doch noch immer war keine Seele auf Deck zu erblicken. Es blieb keine andere Wahl als anzunehmen, daß das Schiff verlassen worden war, und wenn nicht, so lagen die Leute betrunken unter Deck, wo ich sie einsperren konnte und das Schiff zu meiner Verfügung hätte.
Eine Zeitlang tat es das für mich unangenehmste — es stand still. Es stand fast nach Süden, natürlich fortwährend gierend. So oft es zurückfiel, füllten sich die Segel ein wenig und dann drehte es sich gleich gegen den Wind. Ich sagte schon, daß dies für mich das Schlechteste war, das geschehen konnte; denn so hilflos der Schooner in solcher Lage auch aussah, er fuhr fort von mir davonzulaufen, nicht bloß so schnell ihn die Strömung stieß, sondern mit dem ganzen Gewicht seiner Abtrift. Doch schließlich hatte ich Glück. Die Brise legte sich sekundenlang und da die Strömung das Schiff allmählich herumzog, drehte es sich langsam um seine Achse und wandte mir endlich das Achterdeck zu mit dem immer noch weitgeöffneten Kabinenfenster und der Lampe über dem Tische, die in den Tag hinein weiterbrannte. Das Hauptsegel hing wie eine Fahne herab. Die Hispaniola stand still bis auf die durch die Strömung erzeugte Bewegung.
Während der letzten Minuten war ich etwas zurückgeblieben, doch jetzt verdoppelte ich meine Anstrengungen und nahm die Jagd von neuem auf.
Ich war keine hundert Meter mehr von ihr entfernt, als der Wind mit einem Schlag wieder einsetzte und schon flog sie wie eine Schwalbe wieder weit fort.
Meine erste Regung war Verzweiflung, die sich jedoch sofort in Freude verwandelte. Denn sie drehte sich bis sie mit der Breitseite zu mir stand, kam näher und hatte bald die Hälfte, dann zwei Drittel und endlich drei Viertel der Entfernung zwischen uns wieder eingebracht. Ich konnte die Wellen weiß unter ihrem Bug hervorschimmern sehen. Ungeheuer groß erschien sie mir von meiner tiefen Stellung aus dem Fischerboot heraus.
Und da begann ich plötzlich zu begreifen. Ich hatte kaum Zeit zu denken — kaum Zeit zu handeln und mich zu retten. Ich war auf der Spitze eines Wellenberges und schon beugte sich der Schooner über den nächsten. Der Bugspriet stand über meinem Kopfe. Ich sprang auf die Füße, faßte mit der einen Hand den Klüverbaum, während mein Fuß zwischen dem Stag und der Brasse stand. Und als ich dort noch keuchend hing, zeigte mir ein dumpfer Schlag an, daß der Schooner sich gesenkt und mein Fischerboot getroffen hatte und daß ich nunmehr allein auf die Hispaniola angewiesen war.
Fünfundzwanzigstes Kapitel Ich ziehe die Piratenfahne ein
Kaum hatte ich den Bugspriet erfaßt, als der Klüverbaum den anderen Bug mit einem schußähnlichen Knall traf. Der Schooner zitterte bis in den Kiel unter der Umsteuerung, doch im nächsten Augenblick flog der Klüver, während die anderen Segel weiter angespannt waren, wieder zurück.
Das hätte mich fast in die See gestoßen; darum verlor ich jetzt keine Zeit, sondern kroch den Bugspriet entlang und taumelte, mit dem Kopf nach vorne, auf Deck. Ich war auf der Leeseite des Vorderkastells, und das Hauptsegel, das noch gespannt war, verbarg mir einen Teil des Achterdecks. Keine Seele war zu sehen. Der Fußboden, welcher seit der Meuterei nicht mehr aufgewaschen worden war, zeigte viele Fußspuren und eine leere Flasche, der der Hals abgebrochen war, tummelte sich wie ein lebendiges Wesen im Speigat herum.
Plötzlich kam die Hispaniola richtig in den Wind. Die Klüver hinter mir krachten laut, das Steuerruder schlug an und das ganze Schiff hob sich und erzitterte, während sich der Hauptmast nach innen drehte, die Segel sich lüfteten und mir das Achterdeck enthüllten.
Da waren auch die beiden Wachen:
Rotmütze lag auf dem Rücken, steif wie ein Stück Holz, die Arme weit ausgestreckt und durch die geöffneten Lippen zeigte er seine Zähne; Israel Hands an die Reeling gelehnt, das Kinn auf die Brust herabgefallen, die Hände offen vor sich hingestreckt, mit einem Gesicht, das weiß war wie Wachs.
Eine Zeitlang fuhr das Schiff fort zu bocken und sich zu bäumen wie ein ungebärdiges Roß, die Segel füllten sich bald auf der einen, bald auf der anderen Seite und die Spiere schwang auf und ab, bis der Mast unter dem Druck laut ächzte. Dann und wann sprang eine Wolke leichten Schaumes über die Reeling und manchmal schlug der Schiffsbug schwer gegen die Dünung.
Das große, aufgetakelte Schiff brachte natürlich eine viel größere Bewegung hervor als mein kleines, schiefwandiges Fischerboot, das jetzt auf dem Boden der See ruhte.
Bei jedem Sprung des Schooners glitt die Rotmütze hin und her, was geisterhaft anzusehen war und auch seine Haltung und sein starres Grinsen, das die Zähne entblößte wurde durch die heftige Bewegung nicht verändert. Bei jedem Sprung schien auch Hands mehr in sich selbst hineinzusinken und sich auf das Deck niederzulassen, so daß seine Füße immer weiter hinausglitten und der ganze Körper mehr zum Achterdeck zu gebogen wurde, bis schließlich sein Gesicht von mir aus nicht mehr zu sehen war und ich außer seinem Ohr und einer zerzausten Locke seines Backenbartes nichts mehr von ihm erblicken konnte.
Gleichzeitig bemerkte ich rund um die beiden Männer Spritzer dunklen Blutes auf dem Boden und begann als sicher anzunehmen, daß sie einander in ihrer trunkenen Wut getötet hatten.
Während ich noch entgeistert hinsah, drehte sich Israel Hands in einem ruhigen Moment als das Schiff stillstand teilweise herum und arbeitete sich mit einem Stöhnen wieder in die Lage hinüber, in der ich ihn zuerst erblickt hatte. Das Stöhnen, das mir seine Schmerzen und seine tödliche Schwäche verriet und die Art, in der seine Kinnbacken aufgerissen herunterhingen, ging mir zu Herzen, doch wenn ich an das Gespräch dachte, das ich aus dem Äpfelfaß belauscht hatte, verließ mich jedes Mitleid. Ich schritt hinüber bis zum Hauptmast.
„Kommt an Bord, Herr Hands“, sagte ich ironisch. Er rollte finster die Augen, doch war er zu schwach, um Erstaunen zu zeigen, er konnte nur das eine Wort hervorbringen: „Branntwein!“

Mir schien es, daß da keine Zeit zu verlieren war und indem ich dem Klüverbaum auswich, der wieder über das Deck schlingerte schlüpfte ich die Kajütentreppe hinunter in die Kabine. Dort fand ich eine unbeschreibliche Unordnung. Alle versperrbaren Möbel waren auf der Suche nach der Karte aufgebrochen worden, auf dem Fußboden lag dicker Schmutz, dort wo die Schurken sich zum Trinken oder zur Beratung niedergelassen hatten, nachdem sie in dem Morast rund um ihr Lagerfeuer herumgewatet waren. Die Wände, alle sauber weiß ausgemalt und rings mit goldenen Kränzen geschmückt, zeigten die Abdrücke schmutziger Finger. Beim Rollen des Schiffes klirrten Dutzende von leeren Flaschen in den Winkeln aneinander. Eines von den medizinischen Büchern des Doktors lag offen auf dem Tische, mit zur Hälfte herausgerissenen Blättern, die, wie es schien, als Fidibusse verwendet worden waren — und auf alle diese Unordnung warf die blakende Lampe noch immer ihren trüben Schein.
Als ich in den Keller kam, fand ich, daß die Fässer fort waren und eine überraschend große Anzahl Flaschen geleert und weggeworfen worden waren. Zweifellos war seit Beginn der Meuterei kein Mann nüchtern geblieben.
Auf meiner Suche nach Eßwaren fand ich endlich eine Flasche, in der noch etwas Branntwein war, für Hands, und für mich ein paar Zwiebackstücke, eingemachte Früchte, eine große Malagatraube und ein Stück Käse. Damit beladen kam ich auf Deck, verstaute meine eigene Portion hinter den Rudern, so daß sie der Bootsführer nicht erreichen konnte, ging zum Wasserbehälter und trank einen guten langen Schluck Wasser, und erst dann und nicht früher gab ich Hands von dem Branntwein.
Er muß eine Viertelpinte getrunken haben, so lange dauerte es, bis er die Flasche vom Munde hob.
„Ja,“ sagte er, „beim Teufel, das habe ich gebraucht!“
Ich saß schon in meinem Winkel und begann zu essen.
„Stark verletzt?“ fragte ich ihn.
Er grunzte oder bellte vielmehr.
„Wenn dieser Doktor an Bord wäre,“ sagte er, „wäre ich bald wieder obenauf, aber ich bin ein Pechvogel, das ist die Sache bei mir. Der Waschlappen da, der ist tot,“ fügte er hinzu, auf die Rotmütze zeigend, „übrigens war er ja kein Seemann. Aber wo kommst denn du her?“
„Nun“, sagte ich, „ich bin an Bord gekommen, um dieses Schiff in Besitz zu nehmen, Herr Hands, und Ihr habt mich gefälligst bis auf weiteres als Euren Kapitän zu betrachten.“
Er sah mich ziemlich scheel an, sagte aber nichts. Ein wenig Farbe war wieder in seine Wangen zurückgekehrt, doch sah er noch immer sehr schlecht aus und rutschte noch immer bei jedem Ruck des Schiffes hilflos aus.
„Und übrigens“, fuhr ich fort, „mag ich diese Fahne nicht, Herr Hands und werde sie mit Eurer Erlaubnis einziehen. Lieber gar keine als diese.“
Und ich duckte mich wieder unter dem Klüverbaum, lief zur Flaggenstange, riß die verfluchte, schwarze Fahne herunter und warf sie über Bord.
„Gott schütze den König!“ sagte ich, meine Mütze lüftend, „und mit Kapitän Silver ist es jetzt aus.“
Er beobachtete mich scharf und schlau, während sein Kinn immer noch auf die Brust herunterhing.
„Ich glaube,“ sagte er endlich, „ich glaube, Kapitän Hawkins, Ihr werdet vielleicht an Land gehen wollen, jetzt. Darüber könnten wir reden.“
„Freilich,“ sagte ich, „natürlich, Herr Hands! Sagt was Ihr zu sagen habt.“ Und ich setzte mich mit gutem Appetit wieder zu meiner Mahlzeit.
„Dieser Mann da,“ er nickte schwach zu der Leiche hinüber — „O’Brien hieß er, ein widerlicher Irländer —, dieser Mann und ich haben das Segel aufgezogen und wollten zurücksegeln. Na, der Mann ist tot, so tot wie ein Schiffsrumpf. Wer jetzt das Schiff segeln soll, weiß ich nicht. Wenn ich Euch dabei nicht helfe, seid Ihr wohl nicht der Mann dazu, kommt mir vor. Ich sag Euch was: Ihr gebt mir zu essen und zu trinken und einen alten Schal oder ein Sacktüchel, um meine Wunde zu verbinden, und dafür sage ich Euch, wie man segeln muß. Ich glaube das ist ein ehrlicher Handel.“
„Ich will nicht zurück zu Kapitän Kidds Ankerplatz,“ sagte ich, „ich will in die Nordbucht und dort ruhig vor Anker gehen.“
„Ja natürlich wollt Ihr das,“ rief er, „ich bin doch schließlich kein so verteufelter Tölpel. Ich seh doch, was vorgeht, nicht wahr? Ich hab meinen Wurf probiert und verloren und Ihr habt mir den Wind abgefangen. Nach der Nordbucht? Aber ich hab doch keine Wahl! Ich würde Euch auch helfen die Hispaniola zum Hinrichtungsdock zu segeln, beim Teufel, das würd ich!“
Das schien mir ganz vernünftig. Wir schlossen sofort das Geschäft ab. Nach drei Minuten segelte die Hispaniola längs der Küste der Schatzinsel leicht vor dem Wind und ich hatte begründete Hoffnung die nördliche Spitze vor Mittag zu erreichen und bei der Nordbucht noch vor hohem Wasserstand zu sein, so daß wir sicher ankern und dann warten konnten, bis uns die zurückgehende Flut die Möglichkeit gab an Land zu gehen.
Dann band ich die Ruderpinne an und ging zu meinem eigenen Koffer, aus dem ich ein weiches, seidenes Tuch meiner Mutter herausnahm. Damit verband Hands mit meiner Hilfe die große, blutende Stichwunde, die er in den Schenkel bekommen hatte und nachdem er etwas gegessen und noch ein paar Schluck Branntwein genommen hatte fing er an sich sichtlich wieder aufzurichten, sprach lauter und deutlicher und war überhaupt ein anderer Mensch geworden.
Die Brise war uns sehr günstig. Wir glitten wie ein Vogel vor ihr her, die Küste flog vorüber und die Aussicht wechselte jeden Augenblick. Bald hatten wir die Hochfläche passiert und fuhren an niedrigem Sandland vorbei, das mit Zwergfichten spärlich bestanden war und dann wendeten wir uns um die Ecke des Felsenberges, der die Insel im Norden begrenzt.
Ich war in sehr gehobener Stimmung über mein neues Kommando und entzückt von dem schönen, sonnigen Wetter und den verschiedenartigen Ausblicken auf die Küste. Ich hatte nun genug Trinkwasser und gute Sachen zum Essen und mein Gewissen, das wegen meiner Flucht sehr unruhig gewesen war, war jetzt durch die große Eroberung, die ich gemacht hatte, beruhigt. Mir blieb nichts zu wünschen übrig, nur die Augen des Bootsführers, die mich spöttisch verfolgten und das sonderbare Lächeln, das fortwährend auf seinem Gesicht spielte, störten mich. Es war ein Lächeln, das einen Zug von Schmerz und Schwäche hatte — das Lächeln eines abgehärmten, alten Mannes —, aber ein Körnchen Spott, ein Schatten von Verrat lag dennoch in seinem Ausdruck, wie er mich da bei meiner Arbeit listig beobachtete, beobachtete, beobachtete.
Sechsundzwanzigstes Kapitel Israel Hands
Der Wind, der unseren Wünschen entgegenkam wandte sich jetzt nach Westen und wir konnten nun um so leichter vom nordwestlichen Winkel der Insel an die Mündung der kleinen Landzunge fahren, doch wagten wir es nicht, das Schiff an den Strand laufen zu lassen, ehe die Flut ein wenig weiter weg war, da wir keine Möglichkeit hatten Anker zu werfen. Der Bootsführer sagte mir, wie ich das Schiff beilegen sollte und als mir das nach einer Reihe von Versuchen gelungen war, setzten wir uns schweigend zum Essen.
„Kapitän!“ sagte er schließlich mit demselben unbehaglichen Lächeln, „könntet Ihr nicht meinen alten Schiffskameraden da, den O’Brien, über Bord werfen? Ich bin für gewöhnlich nicht heiklich und ich geniere mich nicht, weil ich ihn zu Brei geschlagen habe, aber ich finde, er ist nicht gerade ein Zimmerschmuck, wie er daliegt; hab ich recht?“
„Dazu bin ich nicht stark genug und ich mag auch so eine Arbeit nicht,“ sagte ich, „und von mir aus kann er hier liegen bleiben.“
„Jim, das ist ein unseliges Schiff, diese Hispaniola“, fuhr er blinzelnd fort.
„Ein Schüppel Männer tot von dieser Hispaniola — eine Menge armer Matrosen hin, seit wir zwei in Bristol zur See gegangen sind. Ich hab noch nie solch ein dreckiges Pech gesehen. Ich nicht. Da ist dieser O’Brien da — er ist doch tot, nicht wahr? Ja also, ich bin kein Gelehrter und Ihr seid ein Bursch, der lesen und rechnen kann. Na, und um es gerade herauszusagen, glaubt Ihr, daß ein Toter einfach tot ist für immer oder kann er wieder lebendig werden?“
„Man kann den Leib töten, Herr Hands, doch nicht den Geist, das müßt Ihr schon wissen,“ erwiderte ich, „O’Brien ist in einer anderen Welt und vielleicht beobachtet er uns.“
„So!“ sagte er, „nun, das ist unangenehm — scheint also, abmurksen ist schade um die Zeit. Na, hol’s der Kuckuck, vor Geistern braucht man sich nicht viel zu fürchten, das hab’ ich schon gesehen. Mit den Geistern will ich es schon noch aufnehmen. Und jetzt haben wir uns ausgesprochen, Jim, und es wär sehr nett von Euch, wenn Ihr da in die Kabine hinuntergehen würdet und mir — ja was denn? — ich kann mich an den Namen nicht erinnern — ja, also wenn Ihr mir eine Flasche Wein bringen würdet, Jim — der Branntwein da ist mir zu stark.“
Die zögernde Ausdrucksweise des Bootsführers kam mir unnatürlich vor und seine Behauptung, daß er Wein dem Branntwein vorziehe, glaubte ich schon gar nicht. Die ganze Geschichte war ein Vorwand. Er wollte, daß ich das Deck verlasse — soviel war gewiß; aber zu welchem Zweck, das konnte ich mir absolut nicht vorstellen. Ich begegnete niemals seinem Blick. Seine Augen schweiften fortwährend hin und her, hinauf und hinunter, hafteten einmal mit einem flüchtigen Blick am Himmel und dann wieder mit einem scheuen Blinzeln auf dem toten O’Brien. Dabei lächelte er ununterbrochen und steckte seine Zunge so schuldbewußt und verlegen heraus, daß ein Kind hätte erraten können, er sinne auf Betrug. Trotzdem stimmte ich ihm sofort bei, denn ich sah, daß das für mich vorteilhafter sei und daß ich einem so besonders dummen Kerl meinen Verdacht jederzeit leicht verbergen könne.
„Wein?“ sagte ich, „Herr! Wollt Ihr weißen oder roten?“
„Nun, es ist mir verflucht gleichgültig, Kamerad, wenn nur genug davon da ist und wenn er stark ist.“
„Gut,“ antwortete ich, „ich werde Euch Porter bringen, Herr Hands, aber eine Weile wird es schon dauern, bis ich welchen ausgrabe.“
Und damit rannte ich, so lärmend ich konnte, die Kajütentreppe hinunter, zog meine Schuhe aus, lief leise den Gang entlang zurück, stieg auf die Vorkastelleiter und schaute aus dem Kajütenfenster hinaus. Ich wußte, daß er nicht annehmen konnte mich dort zu sehen, doch machte ich es so vorsichtig wie möglich. Und richtig erwiesen sich meine ärgsten Vermutungen als nur zu richtig.
Er hatte sich aus seiner Lage erhoben, auf Hände und Knie gestützt und trotzdem ihn sein Bein sichtlich sehr schmerzte — ich hörte ihn unterdrückt stöhnen —, schleppte er sich doch ziemlich flink über das Deck. In einer halben Minute hatte er die Speigatluke erreicht und aus einer Tauwerkrolle ein langes Messer herausgezogen, das bis zum Griff mit Blut besudelt war. Er schaute es einen Moment an, indem er seinen Unterkiefer vorstreckte, probierte die Spitze auf der Handfläche, dann verbarg er es hastig unter seiner Jacke und wälzte sich wieder zu seinem alten Platz an der Reeling zurück.
Das war alles, was ich wissen wollte. Israel konnte sich bewegen, er war jetzt bewaffnet, und da er mich vorhin so eifrig loswerden wollte, war es klar, daß ich das Opfer sein sollte. Was er dann tun wollte, ob er versuchen wollte quer durch die Insel zum Lager bei den Sümpfen zu kriechen oder ob er den langen Tom abfeuern wollte, im Vertrauen darauf, daß seine Kameraden ihm gleich zu Hilfe kommen würden, das war natürlich mehr als ich wissen konnte.
Doch in einem Punkte konnte ich mich auf ihn verlassen, da unsere Interessen dabei zusammengingen: das war die Lenkung des Schooners. Wir beide wünschten ihn sicher an Land zu bringen, auf einen geschützten Platz, wo man ihn, wenn es dazu an der Zeit war, mit so wenig Arbeit und Gefahr wie möglich wieder fortbringen könnte. Solange das nicht vollbracht war, würde er mir sicherlich nicht den Garaus machen.
Während ich diese ganze Sache überdachte, war ich nicht müßig geblieben, sondern war leise in die Kabine zurückgeschlüpft, hatte wieder meine Schuhe angezogen, eine beliebige Flasche Wein mitgenommen und so ausgerüstet erschien ich wieder auf Deck.
Hands lag wie ich ihn verlassen hatte, wie ein Häuflein Elend mit halbgeschlossenen Augen, als sei er zu schwach das Licht zu ertragen. Immerhin blickte er auf als ich kam, brach der Flasche den Hals so geschickt wie einer, der das schon oft gemacht hat und nahm einen guten Schluck und sagte seinen Lieblingstoast „Gut Glück“. Dann lag er eine Weile still und zog schließlich eine Rolle Tabak heraus und bat mich ihm ein Priemchen zu schneiden.
„Schneidet mir ein bißchen davon, denn ich hab kein Messer und habe auch nicht die Kraft dazu, selbst wenn ich eines hätte. Ach Jim, Jim, ich glaube, mit mir ist’s aus! Schneidet mir ein Priemchen, es wird wohl das letzte sein, Junge, denn ich bin auf dem Weg in meine ewige Heimat, ganz gewiß!“
„Gut,“ sagte ich, „ich werde Euch Tabak schneiden, aber wenn ich an Eurer Stelle wäre und mich so elend fühlte, dann würde ich zu beten anfangen wie ein Christ.“
„Warum?“ sagte er, „jetzt sagt mir, warum.“
„Warum?“ rief ich, „Ihr habt mich doch gerade wegen der Toten gefragt. Nun, Ihr habt Euren Eid gebrochen; Ihr habt in Sünde, Lüge und Blut gelebt. Ein Mensch, den Ihr getötet habt, liegt in diesem Augenblick zu Euren Füßen; Gott schütze Euch. Und Ihr fragt, warum?“
Ich sprach ein wenig hitzig, denn ich dachte an den blutigen Dolch, den er in seiner Tasche versteckt hatte und der in seinen bösen Gedanken bestimmt war mir den Garaus zu machen.
Er hingegen nahm einen großen Schluck Wein und sagte mit ganz ungewöhnlicher Feierlichkeit:
„Seit dreißig Jahren segle ich jetzt auf dem Meere und habe gutes und schlechtes, besseres und schlechteres, schönes und dreckiges Wetter erlebt, habe mitgemacht, daß die Vorräte ausgingen, Messerstechen und noch mancherlei. Aber ich will Euch was sagen: ich hab’ noch niemals gesehen, daß aus Güte was Gutes entsteht. Wer zuerst schlägt, der ist mein Mann. Tote Leute beißen nicht — das ist meine Ansicht. Amen, so sei es. Und nun schaut her,“ fuhr er in plötzlich verändertem Tone fort, „genug von dem Unsinn. Die Flut steht gerade richtig. Nun nehmt gefälligst meine Befehle an, Kapitän Hawkins, dann werden wir im Nu drin sein und die Sache ist erledigt.“
Alles in allem hatten wir kaum mehr zwei Meilen zu segeln, doch war die Einfahrt in diesen nördlichen Ankerplatz nicht nur schmal und seicht, sondern drehte sich östlich und westlich und war darum schwierig zu bewerkstelligen, so daß der Schooner sehr vorsichtig hineingelotst werden mußte. Ich glaube, daß ich ein guter, flinker Untergebener war und ganz sicher war Hands ein vorzüglicher Pilot, denn er lenkte hierher und dorthin und manövrierte vorsichtig und vermied die Klippen mit einer Sicherheit und Sorgfalt, daß es eine Freude war.
Kaum hatten wir das Vorgebirge passiert, so waren wir von Land umschlossen. Die Ufer der Nordbucht waren so dicht bewaldet wie die des südlichen Ankerplatzes, doch war die Zunge länger und schmäler und es sah hier aus wie die Mündung eines Flußlaufes, was es ja tatsächlich war. Gerade vor uns am südlichen Ende lag ein fast ganz zertrümmertes Schiffswrack im letzten Stadium der Auflösung.
Es war ein großer Dreimaster, doch schien er schon sehr den Unbilden des Wetters ausgesetzt, da er ganz mit großen Büscheln Seetang bewachsen war. Auf Deck hatten ein paar Schößlinge der Ufergebüsche Wurzel gefaßt und standen jetzt in Blüte. Ein trauriger Anblick, doch gab er uns volle Gewißheit darüber, daß dieser Ankerplatz windstill war.
„Schaut her,“ sagte Hands, „das ist ein nettes Fleckchen zum Landen. Schöner flacher Sand, keine Katze zu sehen, ringsherum Bäume und Blumen wie in einem Garten auf dem alten Schiff da.“
„Und wenn wir erst gelandet sind,“ fragte ich, „wie sollen wir die Hispaniola wieder wegkriegen?“
„Sehr einfach,“ antwortete er, „wenn die Ebbe kommt nehmt Ihr ein Seil hinüber ans Ufer; dort legt Ihr es um eine der großen Fichten, kehrt um, bringt das Seil mit und legt es um den Gangspill, dann wartet Ihr auf die Flut. Wenn das Wasser hoch geht, alles an Bord zieht an dem Seil! Das Schiff schwimmt wie am Schnürchen. Und jetzt, mein Junge aufgepaßt, wir werden es gleich haben! Aber sie geht zu schnell, ein wenig nach Steuerbord — so — Vorsicht — Steuerbord — Backbord — ein wenig nur — vorsichtig — vorsichtig!“
So gab er seine Befehle, die ich atemlos befolgte. Und plötzlich schrie er: „Jetzt fest nach Luv!“ Ich wendete fest das Steuer, die Hispaniola drehte sich rasch herum und lief mit dem Steven das niedrige, bewaldete Ufer an.
Die Aufregung während dieser letzten Manöver hatte mich etwas von der scharfen Beobachtung des Bootsführers abgelenkt. Und auch jetzt noch war ich vom Interesse für unsere Landung so in Anspruch genommen, daß ich die Gefahr, die über meinem Haupte schwebte, ganz vergaß und über die Steuerbordreeling gelehnt dastand und auf das Wasser hinaussah. Er hätte mich kampflos niedermachen können, wenn mich nicht eine plötzliche Unruhe befallen hätte, so daß ich mich umdrehte. Vielleicht hatte ich ein Knarren gehört oder irgendwie seinen Schatten aus einem Winkel meines Auges bemerkt, vielleicht war es ein Instinkt wie der einer Katze — kurz, als ich mich umdrehte, war Hands schon den halben Weg zu mir mit dem Messer in der rechten Hand.

Wir müssen beide laut aufgeschrien haben als unsere Blicke sich trafen. Doch mein Schrei war ein Schreckensschrei, seiner das Wutbrüllen eines losgehenden Stieres. Im selben Augenblick warf er sich nach vorne und ich sprang seitwärts gegen den Bug. Dabei hatte ich den Helmstock losgelassen, der leewärts schnellte und mir so das Leben rettete, denn er schlug Hands so heftig vor die Brust, daß er taumelte. Ehe er sich erholen konnte, war ich aus dem Winkel, in den er mich wie in eine Falle gelockt hatte, draußen, und hatte nun das ganze Deck zu meiner Verfügung. Vor dem Hauptmast hielt ich inne, zog eine Pistole aus der Tasche, zielte ruhig, obwohl er sich inzwischen umgedreht hatte und wieder auf mich zukam und drückte ab. Der Hammer fiel, doch folgte weder Blitz noch Knall, denn das Seewasser hatte die Zündung verdorben. Ich verfluchte meine Nachlässigkeit. Warum hatte ich nicht längst meine einzigen Waffen untersucht und neu geladen? Dann hätte ich nicht, wie jetzt, ein schwaches flüchtiges Schaf, vor diesem Schlächter zittern müssen.
Es war geradezu merkwürdig, wie rasch er sich trotz seiner Verwundung bewegen konnte, während sein graues Haar über sein Gesicht fiel, das vor Haß und Wut hochrot war. Ich hatte keine Zeit meine andere Pistole zu probieren und auch gar keine Lust dazu, denn es war klar, daß es nutzlos sein mußte. Eines war sicher: Ich konnte mich nicht einfach vor ihm zurückziehen, denn er würde mich sonst bald in den Bug jagen, wie er mich vor einem Augenblick fast in den Hintersteven gelockt hatte, und war ich einmal gefangen, so waren acht bis zehn Zoll des blutgetränkten Messers meine letzte Erfahrung in dieser Welt. Ich umfaßte den Hauptmast, der ziemlich dick war mit beiden Handflächen und wartete nun mit gespannten Nerven.
Da er sah, daß ich ihn überlisten wollte, hielt auch er ein, und ein oder zwei Augenblicke vergingen mit Scheinbewegungen seinerseits, die ich entsprechend erwiderte. Dieses Spiel hatte ich oft zu Hause zwischen den Felsen der Schwarzhügelbucht gespielt, doch sicherlich nie mit so wildklopfendem Herzen wie diesmal. Immerhin, es war, wie ich sagte, ein Knabenspiel, und ich glaubte wohl mich darin gegen einen ältlichen Seemann mit verwundetem Schenkel behaupten zu können. Ja, mein Mut begann so zu wachsen, daß ich mir einige rasche Gedankensprünge erlaubte und mir das Ende dieses Spieles vorzustellen versuchte. Und während ich als sicher annahm, daß ich es ziemlich lange ausspinnen könnte, sah ich doch keine Hoffnung für ein endgültiges Entkommen.
Aber während die Dinge so standen, lief das Schiff plötzlich mit einem Ruck auf, schwankte, grub sich einen Augenblick in den Sand und kippte dann mit einem Schlag über, bis das Deck in einem Winkel von fünfundvierzig Grad stand und eine tüchtige Menge Wasser durch die Speigatlöcher hereinfloß und einen förmlichen Teich zwischen Deck und Reeling bildete. Wir beide wurden in einer Sekunde umgeworfen und rollten fast gleichzeitig in das Speigat. Die tote Rotmütze taumelte uns mit immer noch steif ausgestreckten Armen nach und so nahe waren wir einander, daß mein Kopf gegen den Fuß des Bootsführers anstieß, daß mir die Zähne krachten. Trotz der Erschütterung war ich als erster wieder auf den Beinen, denn Hands war mit dem Leichnam aneinander geraten. Die plötzliche Neigung des Schiffes machte es unmöglich auf Deck herumzulaufen und ich mußte einen anderen Weg zur Flucht suchen, und zwar sofort, denn mein Feind berührte mich schon fast. Schnell wie ein Gedanke sprang ich in die Besanwanten, kletterte rasch hinauf und tat keinen Atemzug, bis ich oben auf dem Kreuzmast saß.
Meine Schnelligkeit hatte mich gerettet, denn das Messer stak etwa einen halben Fuß unter mir und Israel Hands stand da mit offenem Munde und aufwärtsgewendetem Gesicht wie eine Statue der Überraschung und Enttäuschung.
Jetzt, da ich einen Augenblick für mich hatte, verlor ich keine Zeit, wechselte die Zündung meiner Pistole und als die eine in Ordnung war, ging ich daran, die zweite zu laden, um doppelt sicher zu gehen.
Meine neue Beschäftigung war ein schwerer Schlag für Hands; er fing an einzusehen, daß das Spiel sich gegen ihn wendete. Nach sichtlichem Zögern schleppte auch er sich zu den Wanten und fing an mit dem Messer zwischen den Zähnen langsam und unter Schmerzen hinaufzukriechen.
Es kostete ihm eine Menge Zeit und er stöhnte schmerzlich wie er da sein verwundetes Bein hinter sich herzog. Ich hatte inzwischen ruhig meine Vorbereitungen beendet, noch ehe er ein Drittel des Weges zurückgelegt hatte. Dann richtete ich mit einer Pistole in jeder Hand das Wort an ihn:
„Noch einen Schritt, Herr Hands,“ sagte ich, „und ich werde Euch das Gehirn ausblasen! Tote Leute beißen nicht, wie Ihr wißt!“ fügte ich mit einem Kichern hinzu.
Er hielt sofort ein. Ich konnte auf seinem Gesicht die Gedanken arbeiten sehen und der Vorgang war so langsam und mühevoll, daß ich in meiner neu gefundenen Sicherheit laut auflachte. Endlich begann er, nachdem er einmal oder zweimal geschluckt hatte, zu sprechen und sein Gesicht trug dabei immer noch denselben Ausdruck äußerster Bestürzung. Um sprechen zu können, mußte er das Messer aus dem Munde nehmen, doch im übrigen blieb er unbeweglich.
„Jim,“ sagte er, „ich denke wir sind beide in der Tinte und werden einen Pakt schließen müssen. Ohne diesen Ruck hätte ich Euch schon, aber ich bin ein Pechvogel und ich glaube, ich werde mich ergeben müssen und das ist nicht leicht, seht Ihr, für einen alten Seemann, so einem Schiffsjunker, wie Ihr seid, Jim.“
Lächelnd sog ich seine Worte ein, stolz wie der Hahn am Mist, als blitzschnell seine rechte Hand über die Schulter zurückgriff. Etwas schwirrte wie ein Pfeil durch die Luft, ich fühlte einen Schlag und darauf einen scharfen Schmerz und fand mich mit der Schulter an dem Mast festgenagelt. In dem entsetzlichen Schmerz und in der Überraschung des Moments — ich kann kaum sagen, daß es durch meinen eigenen Willen geschah und sicher ohne eine bewußte Absicht — gingen meine beiden Pistolen los und beide fielen mir aus der Hand. Sie fielen nicht allein; mit einem erstickten Schrei ließ der Bootsführer die Strickleitern los und stürzte mit dem Kopf voran ins Wasser.
Siebenundzwanzigstes Kapitel „Goldstücke“
Infolge der geneigten Stellung des Schiffes hingen die Masten weit über das Wasser hinaus und von meinem Sitz auf dem Kreuzmast sah ich nichts unter mir als die Oberfläche der Bucht. Hands, der nicht so weit hinaufgekommen war, war dem Schiff entsprechend näher und fiel zwischen mich und die Reeling. Er wurde noch einmal emporgetrieben und versank dann endgültig. Ich konnte ihn, als das Wasser ruhig geworden war, auf dem reinen weißen Sand im Schatten des Schiffes zusammengekauert liegen sehen. Ein paar Fische flitzten über seinen Leib hinüber. Manchmal schien er sich zu bewegen, so als ob er versuchte aufzustehen. Aber er war wirklich tot, erschossen und ertrunken und lag jetzt da, den Fischen zum Fraße, an demselben Platz, wo er beabsichtigt hatte mich niederzumachen.
Kaum hatte ich mich dessen versichert, trat mir die Schauerlichkeit dieser letzten Minuten erst voll ins Bewußtsein und ich fühlte mich krank, schwach und elend. Das Blut rann mir über Rücken und Brust. Das Messer brannte an der Stelle, wo es meine Schulter an den Mast festnagelte wie ein heißes Eisen, und doch waren es nicht diese körperlichen Leiden, die mich quälten, denn diese glaubte ich ohne Murren ertragen zu können, sondern es war die entsetzliche Furcht vom Kreuzmast hinunter in dieses stille, grüne Wasser neben die Leiche des Bootsführers zu fallen.
Ich hielt mich mit beiden Händen fest bis mich die Nägel schmerzten und schloß die Augen als könnte ich so die Gefahr zudecken. Allmählich aber kam ich wieder zu mir, mein Puls ging ruhiger und ich konnte überlegen. Mein erster Gedanke war, das Messer herauszuziehen, doch stak es entweder zu fest oder waren meine Nerven zu schwach, mich überlief ein heftiger Schauer und ich gab es auf. Sonderbarerweise brachte gerade dieser Schauer die Arbeit fertig. Das Messer hätte mich wirklich um ein Haar verfehlt, denn es hatte mich nur an einem Hautfetzen festgehalten, der jetzt durch den Schauer weggerissen wurde. Gewiß lief das Blut um so schneller an mir herunter, doch ich war wieder mein eigener Herr und nur mit meinem Hemd und meinem Rock am Mast festgehalten.
Die riß ich mit einem raschen Ruck fort und gelangte über die Steuerbordwanten wieder auf Deck. Um nichts in der Welt hätte ich mich auf die überhängenden Backbordwanten gewagt, von denen Israel heruntergestürzt war.
Ich ging hinunter und versorgte meine Wunde so gut wie möglich. Sie schmerzte mich tüchtig und blutete noch immer heftig, doch war sie weder tief noch gefährlich und hinderte mich auch nicht sonderlich an der Benützung meines Armes. Dann schaute ich um mich, und da das Schiff nun gewissermaßen mein Eigen geworden war, wollte ich es noch von seinem letzten Passagier — dem toten O’Brien — befreien.

Er war, wie gesagt, gegen die Reeling gestürzt, wo er jetzt wie eine Art grauenhafter, plumper Marionette dalag, in Lebensgröße freilich, doch wie verschieden von der Farbe und Anmut des Lebens! In dieser Lage konnte ich ihn leicht handhaben und da meine tragischen Abenteuer in mir schon jede Furcht vor dem Toten verwischt hatten, so nahm ich ihn wie einen Sack Kleie um die Mitte und warf ihn mit einem festen Anlauf über Bord. Mit einem lauten Platschen fiel er ins Wasser, die rote Mütze wurde fortgeschleudert und schwamm an der Oberfläche weiter. Als die Wellen wieder ruhiger gingen konnte ich ihn und Israel Hands Seite an Seite liegen sehen, beide schaukelnd in der zittrigen Bewegung des Wassers. O’Brien war trotz seiner Jugend ganz kahlköpfig. Da lag er nun mit dem kahlen Kopf quer über den Knien seines Mörders und die schnellen Fische segelten über beide hinweg, hin und her.
Ich war nun allein auf dem Schiff und die Flut hatte sich eben gewendet. Die Sonne war schon so nahe am Untergehen, daß der Schatten der Nadelbäume auf dem westlichen Ufer bereits quer über den Ankerplatz fiel und Muster auf das Deck zeichnete. Der Abendwind hatte eingesetzt und trotzdem er durch den Berg im Osten mit den zwei Spitzen abgehalten war, so war doch ein leises Summen im Tauwerk zu vernehmen und die schlaffen Segel rasselten hin und her.
Ich begann für das Schiff zu fürchten. Rasch ließ ich die Stagsegel aufs Deck fallen, doch mit dem Hauptsegel war schwerer zu hantieren. Natürlich hatte sich, als der Schooner überkippte, der Mastbaum nach außen geschwungen und seine Kappe und ein oder zwei Fuß vom Segel hingen sogar unter Wasser. Dies, dachte ich, mußte die Gefahr noch vergrößern, doch war die Spannung so stark, daß ich fast fürchtete etwas zu unternehmen. Schließlich nahm ich mein Messer heraus und durchschnitt die Felle. Die Spitze neigte sich sofort und eine große Fläche losen Segeltuches schwamm breit auf dem Wasser. Und nun konnte ich ziehen wie ich wollte, es war nicht zu bewegen, und ich konnte jetzt nichts mehr machen. Von nun ab mußte ich die Hispaniola wie mich selbst dem Schicksal überlassen.
Inzwischen war der ganze Ankerplatz in den Schatten gerückt — ich erinnere mich noch wie die letzten Strahlen durch eine Waldlichtung fielen und leuchtend wie Edelsteine auf dem blühenden Mantel des Wracks leuchteten. Es begann kühl zu werden, die Flut strömte rasch seewärts und der Schooner setzte sich mehr und mehr an seinen Balkenköpfen fest.
Ich kletterte nach vorne und schaute hinüber. Das Wasser sah ziemlich seicht aus. Als letzte Sicherung das durchschnittene Ankertau mit beiden Händen festhaltend, ließ ich mich langsam über Bord gleiten. Das Wasser reichte mir kaum bis zur Hüfte, der Sand war fest und von den Wellen gefurcht und ich watete in bester Stimmung ans Ufer, die gekenterte Hispaniola, deren Hauptsegel weit über die Oberfläche der Bucht herabhing, zurücklassend. Gerade sank die Sonne hinab und der Abendwind pfiff leise durch die rauschenden Fichten.
Schließlich und endlich war ich nun wieder auf dem Lande und war auch nicht mit leeren Händen zurückgekehrt. Da lag der Schooner, von den Piraten befreit und bereit, unsere eigenen Leute aufzunehmen und wieder in See zu gehen. Nichts war selbstverständlicher, als daß ich wieder in das Blockhaus heimkehren und mich meiner Errungenschaften rühmen wollte. Möglicherweise würde man mich ein bißchen wegen meiner Pflichtversäumnis schelten, doch die Wiedereroberung der Hispaniola war eine schlagende Antwort und ich hoffte, daß selbst Kapitän Smollett zugeben würde, daß ich meine Zeit nicht verloren hatte.
Mit solchen Gedanken und in bester Laune schritt ich dem Blockhaus und meinen Gefährten zu. Ich erinnerte mich, daß der östlichste der Flüsse, welche in Kapitän Kidds Ankerplatz münden, von dem zweispitzigen Berg links herabkam und wandte mich jener Richtung zu, um den Fluß zu übersetzen solange er noch schmal war. Der Wald war ziemlich offen und so hatte ich bald den Berg erreicht und watete durch das Wasser.
Ich war nun nahe dem Punkte, wo ich den ausgesetzten Ben Gunn getroffen hatte und blickte darum aufmerksamer rings um mich. Es war inzwischen ganz dunkel geworden, und als ich in die Schlucht zwischen den beiden Spitzen kam, bemerkte ich ein schwankendes Licht ungefähr in der Richtung, wo der Inselmensch sein Mahl beim offenen Feuer kochen mochte. Dennoch wunderte ich mich über seine Sorglosigkeit. Denn wenn ich dieses Licht bemerkte, konnte es nicht ebensogut Silver von seinem Lagerplatz in den Sümpfen aus gewahren?
Die Nacht sank allmählich noch tiefer herab und ich konnte mich nur schwer orientieren, denn der Doppelberg hinter mir und das „Fernrohr“ zu meiner Rechten waren nur mehr schwächer und schwächer sichtbar. Wenige Sterne standen am Himmel und in der Mulde, in der ich wanderte, stolperte ich oft über Büsche und Sandhügel.
Plötzlich wurde es heller. Ich blickte auf und sah, wie der blasse Schimmer der Mondstrahlen den Gipfel des „Fernrohrs“ erhellte und bald darauf sah ich ein breites silbernes Etwas sich hinter den Bäumen bewegen und merkte nun, daß der Mond aufgegangen war.
Mit seiner Hilfe legte ich den Rest meiner Reise rasch zurück und bald gehend, bald laufend, näherte ich mich unruhig der Umzäunung. Doch als ich das Wäldchen durchschritt, das davor liegt, mäßigte ich meinen Schritt und ging vorsichtiger, denn es wäre wohl ein trauriges Ende meiner Abenteuer gewesen, irrtümlich von meinen eigenen Leuten niedergeschossen zu werden.
Der Mond erhob sich immer höher. Sein Licht fiel breit auf die offeneren Teile des Waldes und gerade vor mir tauchte ein ganz anderes Leuchten zwischen den Bäumen auf. Es war rot und dann und wann verdunkelte es sich ein wenig, so daß es aussah wie ein verglimmender Scheiterhaufen.
Ich konnte mir absolut nicht denken, was dies sein mochte.
Endlich kam ich gerade auf die Lichtung hinunter, deren westlicher Rand schon in Mondlicht getaucht war, während das Blockhaus selbst und seine Umgebung noch im dunklen Schatten lag, der von langen silbernen Lichtstreifen stellenweise durchbrochen wurde. An der anderen Seite des Hauses brannte ein ungeheures Feuer eben zu Asche und warf einen roten Widerschein, der in seltsamem Gegensatz zu der bleichen Milde des Mondes stand. Keine Seele bewegte sich, kein Laut war zu hören, außer den Geräuschen der Brise.
Sehr verwundert und vielleicht auch etwas erschreckt blieb ich stehen. Es war nicht unsere Art, große Feuer anzuzünden, der Kapitän hielt uns in bezug auf Brennholz eher knapp. Ich begann zu fürchten, daß während meiner Abwesenheit irgend etwas fehlgegangen sei.
Ich schlich um das östliche Ende, hielt mich vorsichtig im Schatten und überschritt an einem geeigneten Punkt, wo die Finsternis am dichtesten war, die Umzäunung.
Um noch sicherer zu gehen, kroch ich auf allen Vieren lautlos um die Ecke des Hauses. Als ich näher kam wurde ich plötzlich viel ruhiger und vergnügter. An und für sich ist es kein schönes Geräusch und ich habe mich zu anderen Zeiten oft darüber beklagt, doch in diesem Augenblick klang mir das friedliche, laute Schnarchen meiner Freunde wie Musik in den Ohren. Doch eines war sicher: Sie hielten verflucht schlecht Wache. Wenn jetzt Silver und seine Leute hereingekrochen wären, so hätte keiner mehr von ihnen den Tag erlebt. Das kommt davon, dachte ich, daß der Kapitän verwundet ist und machte mir heftige Vorwürfe, sie in dieser Gefahr mit so wenigen gesunden Leuten, die zur Bewachung taugten, zurückgelassen zu haben.
Inzwischen war ich zur Tür gekommen und hatte mich aufgerichtet. Drinnen war alles dunkel und ich konnte keine Einzelheiten ausnehmen. Man hörte nur das einförmige Schnarchen und manchmal ein kleines Geräusch wie Geflatter oder Picken, das ich mir absolut nicht erklären konnte.
Mit ausgestreckten Armen ging ich langsam hinein. Ich wollte mich auf meinen Platz legen und (dachte ich mit innerem Lachen) mich über ihre Gesichter freuen, wenn sie mich am Morgen dort fänden. Da stieß mein Fuß auf etwas — es war das Bein eines Schläfers. Er wandte sich um und seufzte, doch ohne zu erwachen. Plötzlich kreischte eine schrille Stimme aus der Dunkelheit heraus:
„Goldstücke! Goldstücke! Goldstücke! Goldstücke! Goldstücke!“ und ohne Pause immerfort weiter wie das Klappern einer kleinen Mühle.
Silvers grüner Papagei, Kapitän Flint! Ihn hatte ich an einem Stück Rinde picken gehört, er, der besser Wache hielt als irgendein menschliches Wesen, hatte so mein Kommen mit seinem eintönigen Ruf gemeldet.
Ich hatte keine Zeit mich zu fassen, denn vom scharfen, schneidenden Ruf des Papageies erwachten die Schläfer und sprangen auf. Mit einem wilden Fluch rief Silver:
„Wer da?“
Ich wendete mich zur Flucht, stieß heftig gegen einen Mann, wich zurück und rannte geradewegs in die Arme eines zweiten hinein, der mich packte und festhielt.
„Bring’ eine Fackel, Dick“, sagte Silver, als ich nun gefangen war.
Und einer der Männer verließ das Blockhaus und kehrte sofort mit einer brennenden Fackel zurück.