Sechster Teil Kapitän Silver
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Achtundzwanzigstes Kapitel Im Lager des Feindes
Der rote Schein der Fackel, die das Innere des Blockhauses erleuchtete, zeigte mir die ärgsten meiner Erwartungen verwirklicht. Die Piraten waren im Besitz des Hauses und der Vorräte. Da war die Tonne Kognak, das Schweinefleisch und das Brot an den früheren Plätzen; doch zu meinem verzehnfachten Entsetzen kein Zeichen von Gefangenen. Ich konnte nur annehmen, daß alle zugrunde gegangen waren und mein Herz klagte mich schmerzlich an, daß ich nicht dabeigewesen, um mit ihnen zu sterben.
Es waren alles in allem sechs Freibeuter, sonst war keiner lebendig geblieben. Fünf davon standen da, erhitzt und aufgedunsen, plötzlich aus dem ersten Schlaf der Trunkenheit herausgerissen. Der sechste hatte sich bloß auf seinen Ellbogen gestützt, war totenblaß und die blutbefleckte Binde um seinen Kopf zeigte, daß er erst kürzlich verwundet und verbunden worden war. Ich erinnerte mich an den Mann, den wir bei dem großen Angriff angeschossen hatten und der in den Wald zurückgelaufen war und zweifelte nicht, ihn vor mir zu haben.
Der Papagei saß auf der Schulter des langen John und putzte sein Gefieder, John selbst fand ich etwas bleicher und ernster als früher. Er trug noch immer den seinen Tuchanzug, welchen er bei seiner Friedensbotschaft anhatte, der sah jedoch sehr mitgenommen aus, war mit Erde beschmutzt und von Dornen zerrissen.
„So,“ sagte er, „da ist ja Jim Hawkins wahrhaftig hereingeschneit, was? Na, ich freu’ mich sehr.“
Und darauf setzte er sich auf das Branntweinfaß und füllte sich eine Pfeife.

„Leih’ mir Feuer, Dick“, sagte er, und dann, als die Pfeife gut brannte: „Das ist genug, Junge, stecke es ins Holz zurück — und Ihr, meine Herren, braucht Euch nicht zu stören wegen Herrn Hawkins, er wird Euch entschuldigen, nicht wahr? Und nun, Jim“ — und dabei stopfte er sich die Pfeife, „da bist du nun, und eine nette Überraschung für den armen, alten John. Ich hab’ sofort gesehen, daß du ein geriebener bist als ich dich zum erstenmal sah, aber das jetzt schlägt dem Faß den Boden aus, meiner Seel’.“
Zu all dem schwieg ich wie man sich denken kann säuberlich still. Sie hatten mich mit dem Rücken gegen die Mauer gestellt, und da stand ich nun und schaute Silver ins Gesicht, dem äußeren Anschein nach ganz mutig, hoffe ich, doch schwarze Verzweiflung im Herzen.
Silver tat mit großer Seelenruhe ein paar Züge aus seiner Pfeife und fuhr dann fort:
„Also Jim, da du nun schon hier bist, will ich dir sagen, was ich mir denke. Ich habe dich immer gern gehabt, weil du ein gescheiter Junge bist und mir aufs Haar ähnlich, als ich noch jung und hübsch war.
Ich hab’ es dir immer gegönnt, dich hervorzutun und als Gentleman zu sterben, und nun, mein Hühnchen, ist es so weit. Kapitän Smollett ist ein guter Seemann, das gebe ich ohne weiteres zu, aber streng auf Disziplin erpicht. ‚Pflicht ist Pflicht‘, sagt er und er hat recht, ihm mußt du also aus dem Wege gehen. Aber sogar der Doktor ist wütend auf dich — ‚undankbarer Taugenichts‘ hat er gesagt, und kurz und gut, du kannst zu deinen eigenen Leuten nicht zurück, denn sie wollen dich nicht, und wenn du nicht eine dritte Schiffsgesellschaft ausrüsten willst, die ganz allein aus dir bestehen soll — was ein wenig langweilig wäre —, so mußt du eben beim Kapitän Silver bleiben.“
So weit, so gut. Meine Freunde lebten also noch alle und obwohl ich teilweise Silvers Behauptung glaubte, daß sie wegen meiner Flucht gegen mich aufgebracht wären, so war ich doch durch das Gehörte eher erleichtert als betrübt.
„Ich will nichts darüber sagen, daß du in unseren Händen bist,“ fuhr Silver fort, „aber wahr ist es ja, sicherlich. Ich bin für freie Aussprache, denn beim Drohen kommt nichts heraus. Wenn du den Dienst bei uns magst, gut, dann tritt ein. Und wenn nicht, Jim, dann kannst du ruhig nein sagen, Schiffskamerad. Ich glaube, ehrlicher kann kein sterblicher Seemann reden, zum Teufel!“
„Soll ich also antworten?“ fragte ich mit zitternder Stimme. Während dieser höhnischen Reden hatte ich die Drohung des Todes, der über mir hing, wohl zu fühlen bekommen und meine Wangen brannten und das Herz schlug mir schmerzvoll in der Brust.
„Junge,“ sagte Silver, „kein Mensch zwingt dich. Überleg’ dir die Sache. Keiner von uns wird dich zur Eile antreiben, Kamerad, die Zeit vergeht so angenehm in deiner Gesellschaft.“
„Nun,“ sagte ich, etwas kühner werdend, „wenn ich wählen soll, so erkläre ich, daß ich ein Recht habe, zu wissen, was eigentlich vorgeht und warum ihr hier seid und wo meine Freunde sind.“
„Was vorgeht?“ wiederholte einer der Freibeuter mit einem tiefen Knurren, „ja, da wären wir selber froh, wenn wir das wüßten!“
„Du, halt gefälligst den Schnabel bis man mit dir spricht, mein Freund“, schrie Silver wild hinüber. Und dann fuhr er in dem früheren, süßlichen Tone fort: „Gestern früh, Herr Hawkins,“ sagte er, „kommt auf einmal Doktor Livesay mit einer weißen Flagge herunter. Sagt er: ‚Kapitän Silver, Ihr seid geschnapst. Das Schiff ist weg.‘ Nun mag sein, wir haben ein Glas zuviel getrunken und ein Lied gesungen, um’s leichter zu machen, ich sage nicht nein. Und wahrscheinlich hat niemand von uns Wache gehalten. Jetzt schauten wir hinaus und beim Teufel das alte Schiff war weg. Nun, wir haben wie die Narren dreingeschaut, und ich am närrischsten. ‚Also,‘ sagt der Doktor, ‚wir werden verhandeln.‘ Wir verhandelten, wir zwei, nun und wir kamen überein: die Vorräte, der Branntwein, das Blockhaus, das Brennholz, das Ihr so vorsorglich geschnitten habt, kurz, die die ganze verfluchte Sache gehört uns. Und jetzt sind sie weg, wo, weiß ich nicht.“
Er zog wieder still an seiner Pfeife.
„Und wenn du dir vielleicht in den Schädel setzt,“ fuhr er fort, „daß du mit in den Vertrag eingeschlossen bist, so irrst du dich sehr. ‚Wieviele von euch wollen fort?‘ war mein letztes Wort. ‚Vier‘, sagt er — vier, einer davon verwundet. ‚Wo der verfluchte Bub’ ist,‘ sagt er, ‚das weiß ich nicht und kümmere mich auch nicht darum. Wir haben so ziemlich genug von ihm.‘ Das waren seine Worte.“
„Ist das alles?“
„Nun, das ist zum mindesten alles, was ich dir zu sagen habe, mein Sohn“, erwiderte Silver.
„Und nun soll ich wählen?“
„Und nun sollst du wählen, freilich“, sagte Silver.
„Nun,“ sagte ich, „ich bin kein Esel und weiß ganz gut, was ich zu erwarten habe. Und wenn’s das ärgste ist, es macht mir nicht viel. Ich habe schon zu viele Leute sterben sehen in diesen letzten Tagen. Aber eins will ich Euch doch noch sagen“, fuhr ich erregt fort: „Erstens: Ihr seid bös’ dran: Das Schiff verloren, der Schatz beim Teufel, Eure Leute tot und Eure ganze Sache schiefgegangen. Und wenn Ihr wissen wollt, wer daran schuld ist — ich! Ich war im Äpfelfaß an dem Abend, als wir Land sichteten und ich habe jedes Wort gehört, was Ihr, John, und Ihr, Dick Johnson, und Hands, der nun am Grund des Meeres liegt, gesprochen habt und ich habe es noch in derselben Stunde gemeldet. Ich habe das Ankertau des Schooners durchschnitten, ich habe die Männer an Bord getötet und ich habe die Hispaniola dorthin gebracht, wo keiner von euch sie wieder sehen wird. Keiner! Das Lachen ist auf meiner Seite. Ich habe vom ersten Moment an diese Sache geführt und ich hab’ nicht mehr Angst vor Euch als vor einer Fliege. Tötet mich, wenn Ihr wollt, oder laßt mich leben. Aber eins will ich noch sagen: Wenn Ihr mich verschont, soll alles Vergangene vergessen sein und wenn Ihr wegen Freibeuterei vor Gericht steht, werde ich alles tun, um Euch herauszureißen. Es ist an Euch, zu wählen. Ihr könnt noch einen Menschen umbringen und Euch damit nichts nützen oder Ihr könnt Euch einen Zeugen aufsparen, der imstande wäre, Euch vor dem Galgen zu retten.“
Ich mußte einhalten, denn ich versichere, ich war ganz außer Atem, doch zu meinem Erstaunen regte sich kein einziger von ihnen und sie starrten mich an wie die Schafe. „Und nun, Herr Silver,“ rief ich aus, „ich denke, Ihr seid der beste Mann hier und wenn’s dazu kommt, auch der ärgste, ich wäre Ihnen verbunden, wenn Ihr den Doktor wissen ließet, wie ich die Sache aufgefaßt habe.“
„Ich werde daran denken“, sagte Silver in einem so merkwürdigen Ton, daß ich um keinen Preis hätte entscheiden können, ob er über meine Bitte lache oder ob ihm mein Mut gefallen habe.
„Ich weiß noch etwas von ihm,“ rief der alte, mahagonibraune Matrose Morgan, den ich in der Schenke des langen John in Bristol zum erstenmal gesehen hatte, „er war’s, der den schwarzen Hund erkannt hat.“
„Und seht her,“ sagte der Schiffskoch, „dazu kommt noch etwas dazu, beim Teufel, es war dieser selbige Junge, der dem Billy Bones die Karte abgeschwindelt hat. Vom Ersten bis zum Letzten ist uns dieser Jim Hawkins in die Quere gekommen!“
„Das soll er zahlen!“ rief Morgan mit einem Fluch und stürzte mit gezogenem Messer vor.
„Halt!“ schrie Silver. „wer seid Ihr eigentlich, Tom Morgan? Glaubt Ihr vielleicht, Ihr seid der Kapitän? Zum Teufel, ich werde Euch eines besseren belehren! Wenn Ihr mich wild macht, dann werdet Ihr bald dort sein, wo ich manchen festen Kerl in den letzten dreißig Jahren hinbefördert hab’. — Mir hat noch niemand ungestraft getrotzt, Tom Morgan, da könnt Ihr sicher sein.“
Morgan hielt ein, doch ein heiseres Gemurmel erhob sich aus der Schar.
„Tom hat recht“, sagte einer.
„Ich habe mich lange genug an der Nase herumführen lassen von anderen“, fügte ein zweiter hinzu, „ich will gehängt werden, wenn ich mich noch von dir auch foppen lasse, John Silver.“
„Will einer von euch, ihr Herren, mit mir anfangen?“ brüllte Silver, sich von seinem Sitze auf dem Faß weit nach vorne beugend, die noch immer brennende Pfeife in der Rechten, „dann sagt nur, was ihr wollt. Ihr seid nicht stumm, denke ich. Wer was von mir will, der kann’s haben. Bin ich dazu so alt geworden, daß irgendein Sohn einer Rumtonne jetzt gegen mich aufmucken darf? Ihr kennt die Gebräuche, ihr seid alle Glücksritter auf eigene Rechnung. Nun, ich bin bereit. Soll einen Säbel nehmen, wer es wagt, und ich will mir ihn inwendig anschauen, trotz meiner Krücke, ehe diese Pfeife ausgeraucht ist.“
Keiner rührte sich, keiner antwortete.
„Ihr wollt also nicht?“ fügte er hinzu, die Pfeife wieder zum Munde führend. „Na, ihr seid eine nette Gesellschaft zum Anschauen, aber zum Kämpfen nicht. Jetzt werde ich euch etwas sagen, falls ihr Englisch versteht: Ihr habt mich zum Kapitän gewählt. Ich bin euer Kapitän, weil ich der beste Mann auf eine Seemeile weit bin. Ihr wollt nicht wie ordentliche Glücksritter kämpfen, nicht wahr? Dann, in Teufelsnamen, werdet ihr gehorchen, das sage ich euch. Ich kann diesen Jungen gut leiden, ich hab’ nie einen besseren Jungen gesehen. Er ist mehr Mann, als irgendeiner von euch Ratten hier im Haus, und eins sage ich euch: Den möcht ich sehen, der ihn anrührt! Das hab’ ich zu sagen! Und ihr könnt mir’s glauben!“
Ein langes Stillschweigen folgte. Ich stand kerzengerade an der Mauer und mein Herz schlug wie ein Schmiedehammer, aber ich hatte wieder Hoffnung gefaßt. Silver lehnte sich an die Wand, mit gekreuzten Armen, die Pfeife noch immer im Mundwinkel und anscheinend vollkommen ruhig, als wäre er in der Kirche. Doch seine Augen wanderten unruhig hin und her und er beobachtete seine unbotmäßigen Genossen. Diese zogen sich allmählich an das andere Ende des Blockhauses zurück und das leise Zischen ihrer flüsternden Reden schlug an mein Ohr. Manchmal blickten sie auf, und das rote Licht der Fackel beleuchtete dann sekundenlang ihre nervigen Gesichter. Doch nicht mir, sondern Silver wandten sie ihre Blicke zu.
„Es scheint, ihr habt euch eine Menge zu sagen“, bemerkte Silver, weit in die Luft hinausspuckend. „Laßt hören, was ihr wollt.“
„Entschuldigung, Herr,“ erwiderte einer der Leute, „Ihr geht etwas frei mit den Regeln um, aber vielleicht werdet Ihr so freundlich sein und Euch an die übrigen Regeln halten. Die Mannschaft ist unzufrieden. Die Mannschaft mag sich nicht tyrannisieren lassen; die Mannschaft hat Rechte, wie jede andere Mannschaft, und ich bin schon so frei, aber es steht auch in Euern Regeln, daß wir miteinander reden können. Ich bitte um Entschuldigung, wir erkennen an, daß Ihr zurzeit Kapitän seid, aber ich verlange mein Recht und wir wollen draußen beratschlagen.“
Und mit umständlichem Seemannsgruß schritt der lange, übelaussehende, gelbäugige Kerl, der etwa fünfunddreißig Jahre alt sein mochte, gemächlich zur Tür und verschwand draußen. Einer nach dem anderen folgten die übrigen seinem Beispiel. Jeder salutierte, als er vorüberkam und sagte ein Wort der Entschuldigung. „Gemäß den Regeln“, sagte der eine. „Matrosenberatung“, sagte Morgan. Und so marschierten sie alle hinaus und ließen Silver und mich allein beim Licht der Fackel.
Der Schiffskoch legte sofort die Pfeife aus der Hand.
„Die Sache ist so, Jim Hawkins,“ sagte er in kaum hörbarem Flüsterton, „du stehst hart vor dem Tod, und, was viel ärger ist, vor dem Gemartertwerden. Sie wollen mich absetzen. Doch wohlgemerkt, ich stehe zu dir in Dick und Dünn. Das war vorher nicht meine Absicht, ich meine, ehe du gesprochen hattest. Ich verzweifelte schon an dieser ganzen Sache und dachte schon, daß ich auch noch gehängt werde. Aber ich sehe, du bist schon der Richtige, und nun sage ich: Du stehst zu Hawkins, John, und Hawkins wird zu dir stehen. Du bist seine letzte Karte, und, zum Donner John, er ist deine letzte! Rücken an Rücken, sage ich. Du rettest deinen Zeugen und er wird dir deinen Hals retten.“
Ich begann dunkel zu begreifen.
„Ihr glaubt, alles ist verloren?“ fragte ich.
„Natürlich!“ antwortete er. „Schiff weg, Hals weg — so sieht die Sache aus. Als ich auf die Bucht hinausschaute, Jim Hawkins, und kein Schiff sah — nun, ich bin zäh, aber da habe ich’s aufgegeben. Was diese Kerle da und ihre Beratung betrifft, das sind ja ausgemachte Narren und Feiglinge. Ich werde dein Leben retten — wenn es irgendwie geht —, doch Jim, du mußt den langen John vor dem Galgen schützen!“
Ich war bestürzt, denn es schien so eine hoffnungslose Sache, die er da forderte — er, der alte Freibeuter, der Rädelsführer von Anbeginn.
„Was ich tun kann, werde ich tun“, sagte ich.
„Abgemacht!“ schrie der lange John. „Du wirst mutig für mich sprechen, und zum Donnerwetter, es wird schon gelingen!“
Er humpelte zu der Fackel, die zwischen dem Brennholz befestigt war, und zündete wieder seine Pfeife an.
„Versteh mich recht, Jim,“ sagte er dann, „ich bin ein vernünftiger Mensch. Ich bin jetzt auf der Seite des Squire. Ich weiß, Ihr habt das Schiff irgendwo. Wie Ihr das gemacht habt, weiß ich nicht, aber es wird schon irgendwo sicher liegen. Ich nehme an, Hands und O’Brien sind erledigt. Von denen habe ich nie viel gehalten. Jetzt paß’ auf: Ich stelle keine Fragen und lasse auch andere keine stellen. Ich weiß auch, wenn ein Spiel verloren ist, ganz genau weiß ich das, und ich weiß auch, wie ein tüchtiger Kerl ausschaut. Ja, du, der du jung bist und ich, wir zwei, miteinander hätten schon was ausrichten können.“
Er goß sich etwas Kognak aus dem Faß in ein Zinnfläschchen.
„Willst du probieren, Kamerad?“ fragte er. Und als ich ablehnte: „Nun, ich werde einen Zug machen, Jim, ich brauch eine Herzstärkung, böse Dinge stehen bevor.
Übrigens, Jim, weil wir schon davon reden, warum mag mir nur der Doktor diese Karte gegeben haben?“ Mein Gesicht drückte so ungekünsteltes Staunen aus, daß er die Überflüssigkeit weiterer Fragen einsah.
„Nun, er gab sie mir“, sagte er. „Irgend etwas steckt schon dahinter, kein Zweifel — Schlechtes oder Gutes.“
Und er nahm noch einen Schluck Branntwein und schüttelte sorgenvoll seinen großen blonden Kopf wie einer, der sich auf’s Ärgste gefaßt macht.
Neunundzwanzigstes Kapitel Wiederum der schwarze Fleck
Als die Beratung der Freibeuter eine Zeitlang gedauert hatte, kam einer von ihnen in das Haus zurück und bat, neuerlich salutierend, und zwar mit einer Höflichkeit, die mir ironisch vorkam, ihm einen Augenblick die Fackel zu leihen. Silver gestattete es und der Abgesandte zog sich zurück und ließ uns im Dunkeln.
„Es kommt eine Brise, Jim“, sagte Silver der nun schon einen ganz freundlichen und herzlichen Ton angenommen hatte.
Ich schaute durch die mir nächstgelegene Schießscharte hinaus. Das große Feuer war jetzt fast niedergebrannt und glühte nur mehr so schwach, daß ich das Ersuchen der Verschwörer um eine Fackel begriff. Etwa auf dem halben Wege den Abhang hinab zur Palisade waren sie in einer Gruppe versammelt. Einer hielt das Licht, einer kniete in der Mitte, und ich sah die Schneide eines offenen Messers im Lichte des Mondes und dem Schein der Fackel vielfältig aufblitzen. Die übrigen standen alle nach vorn gebeugt, so, als ob sie die Bewegungen des einen in der Mitte beobachteten. Ich konnte gerade noch ausnehmen, daß er außer dem Messer auch ein Buch in der Hand hielt, und wunderte mich noch, wie etwas so nicht zu ihm Passendes in seinen Besitz kam, als der Kniende sich wieder erhob und die ganze Gesellschaft gegen das Haus zu schritt.
„Da kommen sie“, sagte ich und kehrte in meine frühere Haltung zurück; denn es schien mir unter meiner Würde, mich bei ihrer Beobachtung ertappen zu lassen.
„Aber ja, sollen nur kommen, Junge — laß sie nur kommen“, sagte Silver vergnügt. „Ich hab’ schon noch einen Schuß in meinem Köcher.“ Die Tür ging auf, und die fünf Männer, die zusammengedrängt gerade in der Türöffnung standen, stießen einen vorwärts. Unter anderen Verhältnissen wäre es komisch gewesen, sein zaghaftes Nähern zu beobachten, wie er einen Fuß vor den anderen setzte und dabei seine geschlossene rechte Hand vorstreckte.
„Komm nur vor, mein Junge,“ rief Silver, „ich werde dich nicht fressen. Gib es her, du Tölpel! Ich kenne die Regeln und werde doch eine Deputation nicht beleidigen.“
So ermutigt, trat der Freibeuter etwas kühner vor, und nachdem er Silver einen Gegenstand in die Hand gedrückt hatte, schlüpfte er ein wenig gewandter zu seinen Gefährten zurück.

Der Schiffskoch betrachtete das, was man ihm überreicht hatte.
„Der schwarze Fleck! Ich dachte mir’s“, bemerkte er. „Wo habt ihr denn das Papier her? O weh, schau mal her, das bringt euch kein Glück! Ihr habt das aus der Bibel herausgeschnitten. Welcher Esel hat denn die Bibel zerschnitten?“
„Nun also! Da habt ihr’s!“ sagte Morgan. „Was habe ich gesagt? Da schaut nichts Gutes heraus, habe ich gesagt.“
„Nun, ihr habt es ja so ziemlich untereinander ausgemacht,“ fuhr Silver fort, „Ihr werdet wohl alle hängen. Wer ist denn der sanftmütige Tölpel, dem die Bibel gehört?“
„Dick“ sagte einer.
„Also Dick war es? Nun, dann kann Dick ja beten gehen,“ sagte Silver, „sein Teil Glück hat er schon verspielt.“
Doch da mischte sich der Lange mit den gelben Augen ein.
„Laßt diese Reden, John Silver,“ sagte er, „diese Mannschaft hat Euch in offener Beratung den schwarzen Fleck zugedacht, wie es sich gehört. Dreht ihn um, wie es sich gehört, und schaut, was drauf geschrieben steht. Dann könnt Ihr reden.“
„Danke, Georg,“ erwiderte der Schiffskoch, „Ihr wart immer für glattes Geschäft und kennt die Regeln auswendig, wie ich mit Vergnügen sehe. Also was steht denn da? Ah! „Abgesetzt“ — nicht wahr? Sehr schön geschrieben, wie gedruckt! Ist es Eure Handschrift, Georg? Nun, Ihr seid ja ein förmlicher Führer der Mannschaft geworden. Wenn Ihr nächstens Kapitän werdet, werde ich mich nicht wundern. Möchtet Ihr nicht so gut sein und mir die Fackel herreichen? Die Pfeife zieht nicht.“
„Hört mal,“ sagte Georg, „Ihr braucht die Mannschaft nicht länger zu hänseln. Ihr seid ein lustiger Geselle, aber Eure Herrschaft ist jetzt vorbei und Ihr könnt nun von dem Faß da herunterkommen und mit abstimmen.“
„Ich glaubte, Ihr behauptet die Regeln zu kennen“, erwiderte Silver verächtlich. „Macht nichts, wenn Ihr sie nicht kennt, ich kenne sie und warte hier — und bin noch immer Euer Kapitän, versteht Ihr mich — bis Ihr Eure Klagen vorgebracht und ich erwidert habe. Und bis dahin ist Euer schwarzer Fleck keinen Pfennig wert. Nachher werden wir sehen.“
„Oh,“ erwiderte Georg, „damit nur kein Mißverständnis besteht: wir sind alle einig. Also: erstens habt Ihr diese ganze Sache festgefahren — das könnt Ihr wohl nicht leugnen. Zweitens habt Ihr den Feind ohne Grund aus dieser Falle herausgelassen. Warum wollten sie heraus? Ich weiß nicht, aber es ist ganz klar, daß sie wollten. Drittens erlaubt Ihr uns nicht, ihnen zu folgen. Oh, wir durchschauen Euch, John Silver, Ihr wollt mit denen gemeinsame Sache machen. Und dann ist viertens dieser Junge da.“
„Ist das alles?“ fragte Silver ruhig.
„Es ist gerade genug“, entgegnete grollend Georg. „Wir werden alle hängen und an der Sonne trocknen wegen deiner Stümperei.“
„Nun, ich werde alle diese vier Punkte, einen nach dem anderen, beantworten. Ich also habe diese ganze Sache festgefahren?
Nun, ihr wißt doch alle, was ich wollte, und ihr wißt auch, daß, wenn es zustande gekommen wäre, wir heute alle am Leben geblieben und kampftüchtig und gut angegessen an Bord der Hispaniola säßen mit dem Schatz, zum Donnerwetter! unten im Schiffsrumpf. Wer hat sich mir widersetzt? Wer hat mich zu etwas anderem gezwungen, wo ich doch euer selbstgewählter Kapitän war? Wer hat mir den schwarzen Fleck übergeben am Tag als wir landeten und diesen ganzen Tanz angefangen? Na, es ist ein schöner Tanz — darin bin ich mit euch einig — und es schaut verflucht so aus, als ob er sich zu einem ‚Schottischen‘ auswachsen wollte in der Schlinge am Exekutionsdock in London, wahrhaftig. Und wer ist schuld daran? Nun, Anderson, Hands und Ihr, Georg Merry. Und Ihr seid der letzte von dieser frechen Gesellschaft, der übriggeblieben ist, und Ihr habt die Teufelsunverschämtheit und wollt Euch als Kapitän über mich stellen? Ihr, der die meisten von uns am Gewissen hat! Aber, bei den Höllenmächten! Diese letzte Geschichte ist mir zu viel!“
Silver hielt ein, und ich konnte in den Gesichtern Georgs und seiner Genossen sehen, daß diese Worte nicht ohne Eindruck geblieben waren.
„Das war Nummer eins“, rief der Beschuldigte und wischte sich den Schweiß von der Stirne, denn er hatte mit solcher Heftigkeit gesprochen, daß das Haus zitterte. „Nun, ich gebe euch mein Wort darauf, ich hab’ es satt, mit euch zu reden. Ihr habt weder Verstand noch Gedächtnis, und was euren Eltern eingefallen ist, daß sie euch Seeleute werden ließen, das verstehe ich nicht. Seeleute?! Glücksritter?! Schneider seid ihr!“
„Sprecht weiter, John“, sagte Morgan. „Sprecht zu den anderen.“
„Ach, die anderen!“ erwiderte John. „Das ist wahrhaftig eine nette Gesellschaft! Ihr sagt, diese Fahrt ist verpatzt. Ja, Donnerwetter noch einmal, wenn Ihr nur verstehen würdet, wie arg verpatzt sie ist! Wir sind dem Galgen so nahe, daß mir der Hals steif wird, wenn ich an ihn denke. Ihr habt sie vielleicht schon gesehen, in Reihen aufgehängt, wenn die Vögel an ihnen picken und die Seeleute auf sie zeigen, wenn sie vorübergehen. ‚Wer ist das?‘ fragt einer. ‚Das? das ist John Silver, ich hab’ ihn gut gekannt‘, sagt ein anderer, und Ihr könnt die Ketten rasseln hören, während Ihr zum nächsten kommt. Soweit halten wir jetzt, und das haben wir denen zu verdanken, dem da und Hands und Anderson und den anderen Kerlen unter euch, die uns ins Verderben getrieben haben. Und wenn ihr wissen wollt, was mit Nummer vier ist, mit dem Jungen da? Ja, zum Teufel, ist er denn nicht unsere Geisel? Werden wir eine Geisel verschwenden? Nein, das werden wir nicht. Wer weiß, ob nicht gerade sie unsere letzte Rettung werden wird. Ich soll diesen Jungen töten? Nein, Kameraden, das werde ich nicht tun, so dumm bin ich nicht. Und über Punkt drei, ja da wäre eine Menge zu sagen. Ist es denn gar nichts, wenn ein richtiger, gelernter Doktor jeden Tag zu euch kommt, euch besuchen — Euch, John, mit Eurer Kopfwunde — und Euch, Georg Merry, den das Fieber noch vor sechs Stunden gebeutelt hat daß Eure Augen davon noch immer gelb sind wie eine Zitronenschale? Und wißt ihr vielleicht nicht, daß ein Hilfsschiff ausgerüstet wird, und es dürfte gar nicht mehr lange dauern, dann ist es da und wir werden schon sehen, wer froh sein wird, dann eine Geisel zu haben! Und was Nummer zwei anlangt, und warum ich mit denen einen Handel abschloß? Ja, seid denn Ihr nicht auf den Knien gekrochen gekommen, um mich dazuzubringen? So niedergeschlagen wart ihr — und ihr wäret auch Hungers gestorben, wenn ich es nicht gemacht hätte — aber das ist noch gar nichts, da schaut her — darum hab’ ich es gemacht!“
Und er warf ein Blatt Papier auf den Boden, das ich sofort erkannte — es war die Karte auf gelbem Papier, mit den drei roten Kreuzen, die ich in der Wachsleinwand am Boden des Koffers von Billy Bones gefunden hatte. Warum sie ihm der Doktor gegeben hatte, das allerdings ging über meinen Verstand.
Doch während mir das Auftauchen der Karte unverständlich war, schien es den Meuterern einfach unglaublich. Sie sprangen auf die Karte los wie Katzen auf eine Maus. Sie ging von Hand zu Hand, einer riß sie dem anderen weg und beim Anhören der Flüche, Ausrufe und des kindischen Gelächters, mit welchem sie ihr Studium begleiteten, hätte man glauben können, daß sie nicht nur das Gold schon in der Hand hätten sondern damit auch schon in Sicherheit auf hoher See seien.
„Ja,“ sagte einer, „das ist schon Flints Hand, ganz gewiß. J. F. und ein Strich darunter mit einem Haken dran, so hat er sich unterschrieben.“
„Sehr nett“, sagte Georg. „Aber wie sollen wir damit fortkommen — ohne Schiff?“
Silver sprang plötzlich auf, und indem er sich mit einer Hand an die Wand stützte, rief er: „Ich warne Euch, Georg! Noch ein Wort von diesem Gespött, und ich schlag’ Euch nieder! Wie? Ja, wie soll ich das wissen? Ihr hättet mir das sagen sollen, Ihr und die anderen, bevor Ihr mir meinen Schooner durch Eure Einmischung verloren habt, verfluchte Kerle! Aber natürlich, ihr wißt es nicht, ihr habt den Verstand einer Küchenschabe. Aber höflich könnt Ihr reden, Georg Merry, und höflich werdet Ihr sein von nun ab, da könnt Ihr Gift daraufnehmen!“
„So gehört es sich“, sagte der alte Morgan.
„Gehören? Das will ich meinen“, sagte der Schiffskoch. „Ihr habt das Schiff verloren, ich habe den Schatz gefunden, wer von uns beiden ist der bessere Mann? Aber hol’s der Teufel, ich trete zurück! Wählt zum Kapitän wen ihr wollt, ich hab’ genug davon.“
„Silver!“ riefen sie. „Der Bratrost soll leben, unser Bratrost muß Kapitän sein!“
„Aus diesem Loch bläst es?“ rief der Koch. „Georg, mein Freund, Ihr werdet auf die nächste Wahl warten müssen. Und seid froh, daß ich nicht rachsüchtig bin; das war nie meine Art. — Und was ist’s nun mit dem schwarzen Fleck, Kameraden? Er taugt nicht viel, was? Dick hat sein Glück verspielt und seine Bibel ruiniert und sonst ist nichts dabei herausgekommen.“
„Es wird doch genügen, wenn ich die Bibel küsse, nicht wahr?“ murmelte Dick, der sichtlich unter dem Fluche litt, den er da auf sich geladen hatte.
„Eine Bibel, aus der etwas herausgerissen worden ist?“ erwiderte Silver spöttisch. „Nein, die hat jetzt nicht mehr Kraft als irgendein Balladenbuch.“
„Soviel doch?“ rief Dick förmlich erfreut, „nun, damit ist sie ja doch was wert.“
„Da, Jim — da habt Ihr was Interessantes zum Anschauen“, sagte Silver, indem er mir das Papier zuschob.
Es war ein rundes Stück Papier, ungefähr in der Größe einer Krone. Auf der einen Seite war es leer, denn es war das letzte Blatt; auf der anderen Seite standen ein paar Verse aus der Offenbarung, und zwar Worte, die mich betroffen machten: „Draußen stehen Hunde und Mörder.“ Die bedruckte Seite war mit Holzasche geschwärzt, an der ich mir die Finger beschmutzte, und auf der leeren Seite war ebenfalls mit Holzasche das eine Wort „Abgesetzt“ geschrieben. Ich habe mir dieses Dokument als Kuriosität bis heute aufbewahrt, aber man sieht kein Zeichen einer Schrift mehr darauf, nur einen einzigen Ritzer, wie man ihn mit dem Daumennagel hervorbringen kann.
Damit waren die Ereignisse dieser Nacht zu Ende, und nachdem wir miteinander eine Runde getrunken hatten, legten wir uns schlafen. Äußerlich bekundete Silver seine Rachsucht nur so weit, daß er Georg als Wache aufstellte und ihn mit dem Tode bedrohte, wenn er sich unzuverlässig erweisen sollte.
Lange konnte ich kein Auge schließen, denn ich hatte, weiß Gott, genug Stoff zum Nachdenken. Ich dachte an den Mann, den ich an diesem Nachmittage getötet hatte, an meine höchst gefährliche Lage und vor allem an das merkwürdige Spiel, das ich Silver jetzt spielen sah: wie er mit einer Hand die Meuterer zusammenhielt und mit der anderen nach jedem möglichen und unmöglichen Mittel griff, um sein elendes Leben zu retten. Er selbst schlief friedlich und schnarchte laut. Trotz seiner Schlechtigkeit tat er mir leid, wenn ich an die dunklen Gefahren dachte, von denen er umgeben war und an den schmachvollen Galgentod, der ihn erwartete.
Dreißigstes Kapitel Auf Ehrenwort
Ich wurde geweckt — das heißt wir alle wurden geweckt, sogar die Schildwache, die gegen den Türpfosten gefallen war, wurde von einer klaren herzlichen Stimme geweckt, die uns vom Waldrand her anrief:
„Blockhaus hoi!“ rief es, „der Doktor ist da!“ Und er war es. Ich war froh, seine Stimme zu hören, doch meine Freude war nicht ganz ungemischt. Ich dachte bekümmert an mein ungehorsames und listiges Benehmen, und als ich mich umsah, mit was für Gefährten es mich zusammengebracht hatte und von welchen Gefahren ich umringt war, da schämte ich mich, ihm ins Gesicht zu schauen.
Er mußte noch im Finstern aufgestanden sein, denn die Sonne war noch kaum draußen, und als ich an eine Schießscharte lief, um hinzusehen, sah ich ihn, wie damals Silver, bis an die Knie im Nebel stehen.
„Der Herr Doktor! Schönsten guten Morgen, Herr!“ rief Silver, ganz wach und sofort von guter Laune strahlend. „Froh und früh, das muß man sagen. Das Sprichwort hat recht: Es ist der erste Vogel, der das Futter kriegt. Georg, nehmt Eure Beine in die Hand, mein Sohn, und helft Dr. Livesay ins Schiff hinein. Allen geht’s gut, Herr Doktor, alle Patienten sind frisch und munter.“
So schwatzte er drauflos, wie er da oben auf dem Abhang stand, die Krücke unterm Ellbogen, mit dem anderen Arm an das Blockhaus gelehnt — in Stimme, Art und Ausdruck ganz der alte John von früher.
„Und wir haben eine Überraschung für Euch, Herr“, fuhr er fort. „Wir haben einen kleinen Fremden hier, jawohl! Ein neuer Gast und Pensionär, Herr, und kreuzfidel! Hat wie ein Sack da grad’ neben mir geschlafen — nebeneinander sind wir gelegen, die ganze Nacht.“ Doktor Livesay war indessen über die Umzäunung und dem Koch ganz nahegekommen, und ich konnte die Erregung in seiner Stimme hören, als er fragte:
„Doch nicht Jim?“
„Jim selber, wie er leibt und lebt“, sagte Silver. Der Doktor stand starr, sprach kein Wort und es dauerte ein paar Sekunden, ehe er weitergehen konnte.
„Na, na,“ sagte er schließlich, „erst die Pflicht und dann das Vergnügen, wie Ihr zu sagen pflegt, Silver. Erst wollen wir einmal Eure Patienten untersuchen.“
Einen Augenblick später trat er in das Blockhaus ein und mit einem grimmigen Nicken zu mir herüber ging er an seine Arbeit. Er schien gar keine Furcht zu empfinden, obwohl er wissen mußte, daß sein Leben, mitten unter diesen verräterischen Teufeln da, an einem Haar hing. Er aber plauderte mit seinen Patienten, als ob er einen gewöhnlichen ärztlichen Besuch in einer ruhigen englischen Familie machte, und seine Ruhe schien wieder auf die Leute zurückzuwirken, denn sie benahmen sich, als ob nichts geschehen wäre — als sei er noch weiter der Schiffsarzt und sie die ordentlichen Matrosen.

„Es geht gut, mein Freund,“ sagte er zu dem Kerl mit dem verbundenen Kopf, „Ihr seid sehr knapp durchgerutscht und Euer Schädel muß hart wie Eisen sein. Nun, Georg, wie geht’s? Ihr habt eine nette Farbe, freilich. Ja, Eure Leber, mein Lieber, ist drunter und drüber. Habt Ihr die Medizin genommen? Hat er die Medizin genommen, Leute?“
„Freilich, freilich, Herr, ganz gewiß“, erwiderte Morgan.
„Denn wißt ihr, Leute, seid ich Meutererarzt geworden bin oder auch Gefängnisarzt, wie ich es lieber nenne,“ sagte Doktor Livesay in seiner liebenswürdigsten Art, „seitdem mach’ ich mir ein Gewissen draus, daß mir kein einziger Mann für König Georg (den Gott erhalte!) und den Galgen verloren geht.“ Die Schufte blickten einander an, schluckten aber die Pille schweigend.
„Dick fühlt sich krank, Herr“, sagte einer.
„So?“ antwortete der Doktor. „Kommt her, Dick, und laßt Eure Zunge anschauen. Nun ja, seine Zunge könnte den Franzosen Furcht einjagen! Wieder einer mit Fieber.“
„Das kommt davon,“ sagte Morgan, „das kommt vom Bibelzerreißen.“
„Das kommt davon, daß ihr dumme Esel seid“, erwiderte der Doktor, „und nicht Verstand genug habt, um gute Luft von vergifteter, und trockenen Boden von einem elenden, verpesteten Sumpf zu unterscheiden. Ich halte es für sehr wahrscheinlich — doch das ist natürlich nur meine Meinung —, daß ihr alle noch ordentlich draufzuzahlen haben werdet, ehe ihr die Malaria wieder los seid. Wie kann man nur in einem Sumpf sein Lager aufschlagen? Silver, über Euch wundere ich mich. Ihr seid weniger dumm als die meisten hier, und doch scheint Ihr nicht die geringste Idee von den Grundregeln der Gesundheitslehre zu haben.“
„So“, fügte er hinzu, nachdem er ihnen allen Arznei verabreicht, und sie seine Vorschriften mit geradezu lächerlicher Demut befolgt hatten, in der sie eher Armenschulkindern als blutschuldigen Meuterern und Piraten glichen — „so, für heute sind wir fertig und jetzt möchte ich, bitte, mit dem Jungen da sprechen.“ Und er nickte nachlässig in meine Richtung hin.
Georg Merry stand an der Tür und spuckte und schluckte gerade an einer übelschmeckenden Medizin, doch beim ersten Wort, das der Doktor in dieser Sache sprach, drehte er sich mit hochrotem Gesicht um und rief fluchend „Nein!“
Silver schlug mit der Faust auf das Faß.
„Ru—he!“ brüllte er und schaute wie ein Löwe um sich. „Herr Doktor,“ fuhr er in gewöhnlichem Tone fort, „ich habe daran gedacht, ich weiß, daß Ihr den Jungen gern habt. Wir alle sind Euch für Eure Güte untertänigst dankbar, und wie Ihr seht, haben wir Vertrauen zu Euch und nehmen die Medizin ein, als ob es Grog wäre. Ich denke, ich habe einen Weg gefunden, der uns allen zusagen wird: Hawkins, wollt Ihr mir Euer Ehrenwort als Gentleman geben — denn ein Gentleman seid Ihr trotz Eurer bescheidenen Abkunft — nicht auszureißen?“
Bereitwillig gab ich mein Wort.
„Also, Herr Doktor,“ sagte Silver, „Ihr geht, bitte, aus der Umzäunung heraus und wenn Ihr mal draußen seid, bring’ ich den Jungen von innen auch hin, und ich denke, Ihr werdet ganz gut mit ihm durch die Ritzen reden können. Guten Tag, Herr, und unsere besten Empfehlungen dem Squire und Kapitän Smollett.“
Die Mißbilligung der ganzen Mannschaft, welche nur durch Silvers wilde Blicke im Zaum gehalten worden war, brach sofort los, als der Doktor aus dem Haus getreten war. Sie beschuldigten Silver ganz rund heraus, doppeltes Spiel zu spielen, einen Separatfrieden für sich selbst herauszuschlagen, die Interessen seiner Mitschuldigen und Opfer zu verraten, mit einem Wort genau der Dinge, die er wirklich tat. Das schien mir in diesem Falle so augenscheinlich, daß ich mir nicht vorstellen konnte, wie er ihren Zorn abwenden würde. Aber er war zweimal soviel Mann als die anderen, und sein Sieg am vorigen Abend hatte ihm einen ungeheuren Einfluß verschafft. Er putzte sie nach allen Regeln der Kunst herunter, nannte sie Esel und Dummköpfe, sagte, es sei notwendig, daß ich mit dem Doktor rede, fuchtelte ihnen mit der Karte vor der Nase herum und fragte, ob sie den Vertrag gerade an diesem Tag brechen wollten, an dem sie doch den Schatz suchen wollten.
„Nein, zum Donnerwetter,“ rief er, „wir werden den Vertrag brechen bis die Zeit dazu da ist, und bis dahin will ich den Doktor foppen, und wenn ich seine Schuhe mit Branntwein salben sollte.“
Dann befahl er ihnen, das Feuer anzuzünden, und schritt stolz, die Hand auf meine Schulter gelehnt, auf seiner Krücke mit mir hinaus. Sie blieben ganz verwirrt zurück, von seiner Zungenfertigkeit zum Schweigen gebracht, doch kaum überzeugt.
„Langsam, Junge, langsam“, sagte er. „Auf eins, zwei kämen sie hinter uns her, wenn sie uns laufen sähen.“ Wir näherten uns also sehr bedächtig der Stelle, wo uns der Doktor jenseits der Umzäunung erwartete, und sobald wir in bequemer Hörweite waren, blieb Silver stehen.
„Nicht wahr, Sie werden sich das auch merken, Herr Doktor?“ sagte er. „Und der Junge wird Ihnen erzählen, wie ich ihm das Leben rettete und dafür abgesetzt wurde. Herr Doktor, wenn einer so nahe dem Wind steuert wie ich und um sein letztes bißchen Atem, Kopf und Adler spielen muß, möchten Sie ihm da nicht ein gutes Wort geben? Denken Sie doch daran, daß es nicht nur um mein Leben geht, sondern auch um das des Jungen da, und geben Sie mir ein wenig Hoffnung, um der Barmherzigkeit willen.“
Silver war ganz verändert, sobald er seinen Freunden und dem Blockhaus den Rücken gedreht hatte. Seine Wangen schienen eingefallen, seine Stimme zitterte, seine Seelenangst war echt.
„Aber John, Ihr fürchtet Euch doch nicht?“ fragte Doktor Livesay.
„Herr Doktor, ich bin kein Feigling, ich nicht, nicht so viel!“ Und schlug ein Schnippchen. „Aber ich will ehrlich gestehen, vor dem Galgen fürchte ich mich. Ihr seid ein guter und anständiger Mensch, ich habe nie einen besseren getroffen. Und Ihr werdet nicht vergessen, was ich Gutes getan habe, sowie Ihr auch bestimmt das Böse nicht vergessen werdet. Und jetzt will ich beiseite treten — seht, dorthin — und Euch mit Jim allein lassen, und Ihr werdet mir auch das zugute halten, nicht war? Denn es ist viel, was ich da wage!“ Dabei ging er zurück, bis er außer Hörweite war, setzte sich auf einen Baumstumpf und begann zu pfeifen, während er sich auf seinem Sitz gelegentlich herumdrehte, um abwechselnd mich und den Doktor und dann wieder seine unbotmäßigen Gesellen zu beobachten, die im Sand auf und ab gingen, zwischen dem Feuer — das sie fleißig schürten — und dem Hause, aus dem sie Schweinefleisch und Brot für das Frühstück heraustrugen.
„Nun, Jim,“ sagte der Doktor traurig, „da bist du ja. Was du dir eingebrockt hast, das wirst du aufessen, mein Junge. Es fällt mir schwer, dich auszuzanken, aber eins muß ich dir doch sagen, ob du es freundlich oder unfreundlich findest: Wenn Kapitän Smollett gesund gewesen wäre, hättest du es nicht gewagt, fortzulaufen. Aber als er krank war und es nicht verhindern konnte, da war es, zum Teufel, einfach eine Feigheit!“
Ich muß gestehen, daß ich jetzt zu weinen anfing. „Doktor,“ sagte ich, „schonet mich, ich habe mir genug schwere Vorwürfe gemacht. Mein Leben ist ja doch verwirkt, und ich wäre schon tot, wenn mich Silver nicht geschützt hätte. Doktor, glaubt mir, ich werde zu sterben wissen, und ich glaube auch, daß ich den Tod verdient habe, aber vor dem Martern fürchte ich mich. Wenn sie mich martern werden —“
„Jim,“ unterbrach mich der Doktor, mit ganz veränderter Stimme, „Jim, das kann ich nicht anhören. Spring herüber und wir laufen was wir können.“
„Herr Doktor,“ sagte ich, „ich hab’ mein Wort gegeben.“
„Ich weiß, ich weiß,“ rief er, „da kann man jetzt nichts machen, Jim. Ich nehm’ das Ganze auf mich, den Schimpf und die Schande, mein Junge, aber hier lassen kann ich dich nicht. Spring! Ein Sprung und du bist draußen, und dann wollen wir rennen wie die Gazellen.“
„Nein!“ erwiderte ich. „Ihr wißt ganz gut, daß Ihr so etwas auch nicht tätet, weder Ihr, noch der Squire, noch der Kapitän. Und ich tu’s auch nicht. Silver hat mir vertraut, ich habe mein Wort gegeben und gehe zurück. Aber ich bin noch nicht zu Ende. Wenn sie mich martern, könnte ich mir ein Wort entreißen lassen, wo das Schiff liegt. Ich hab’ nämlich das Schiff, teils, weil ich Glück hatte, und teils, weil ich’s eben gewagt habe, in Sicherheit bringen können und es liegt bei der Nordbucht am Ufer, etwas unter Wasser. Schon bei halber Flut muß es trocken und oben sein.“
„Das Schiff!“ rief der Doktor aus.
Rasch schilderte ich ihm meine Abenteuer, und er hörte mir schweigend zu.
„Das ist schon wie Schicksal,“ bemerkte er, als ich zu Ende war, „bei jedem Schritt bist du es, der uns das Leben rettet. Und glaubst du, daß wir jetzt zugeben werden, daß du deines lassen mußt? Das wäre eine traurige Vergeltung, mein Junge. Du hast die Verschwörung entdeckt, du hast Ben Gunn gefunden — das Beste, was dir je geglückt ist oder glücken wird, und wenn du neunzig wirst. Ja, beim Zeus, weil wir von Ben Gunn reden! Das ist der verkörperte Unfug dieser Mensch — Silver!“ rief er, „Silver!! Ich will Euch einen Rat geben“, fuhr er fort, als der Koch näher kam, „beeilt Euch nicht zu sehr, den Schatz zu suchen.“
„Warum, Herr? ich tue jetzt mein möglichstes,“ sagte Silver, „kann ich doch, Sie entschuldigen schon, mein Leben und das des Jungen nur retten, wenn wir dem Schatz nachjagen.“
„Nun Silver,“ erwiderte der Doktor, „wenn das so ist, will ich einen Schritt weitergehen. Ihr werdet Verdruß haben, wenn Ihr ihn findet!“
„Herr,“ sagte Silver, „das ist zu viel und zu wenig. Was habt Ihr im Sinn? Warum habt Ihr das Blockhaus verlassen, warum habt Ihr mir die Karte da gegeben? Ich weiß es nicht. Und doch habe ich mit geschlossenen Augen Eure Befehle befolgt, ohne irgendeine Hoffnung für mich zu sehen.. Aber das jetzt, das ist zu viel! Und wenn Ihr mir nicht geradeheraus sagt, was Ihr eigentlich meint, dann werde ich das Steuer loslassen.“
„Nein,“ sagte der Doktor nachdenklich, „ich habe kein Recht, mehr zu sagen, denn es ist nicht mein Geheimnis, Silver, sonst würde ich es sagen, mein Wort darauf. Aber ich will so weit gehen, als ich darf, und noch einen Schritt weiter, wenn auch der Kapitän mir tüchtig meine Perücke zerzausen wird, wenn ich nicht sehr irre. Aber zuerst will ich Euch ein wenig Hoffnung geben: Silver, wenn wir beide lebendig aus dieser Wolfsfalle herauskommen, werde ich tun, was ich kann, um Euch herauszureißen.“
Das Gesicht Silvers strahlte. „Mehr könntet Ihr nicht sagen, Herr, wenn Ihr meine Mutter wäret“, rief er aus.
„Nun, das ist mein erstes Zugeständnis“, fügte der Doktor hinzu. „Das zweite ist ein Rat: Haltet den Jungen fest bei Euch, und wenn Ihr Hilfe braucht, ruft. Ich gehe jetzt, diese Hilfe zu suchen, und das ist der beste Beweis, daß ich nicht in den Tag hineinschwätze. Leb’ wohl, Jim.“ Doktor Livesay schüttelte mir durch die Umzäunung die Hand, nickte Silver zu und ging mit raschen Schritten dem Walde zu.
Einunddreißigstes Kapitel Die Jagd nach dem Schatze — Flints Wegweiser
„Jim,“ sagte Silver, als wir allein waren, „Ihr habt auch mir das Leben gerettet, und das werde ich nicht vergessen. Ich hab’ beobachtet, so aus meinem Augenwinkel heraus, daß Euch der Doktor riet, fortzulaufen, und Ihr habt nein gesagt. Das habe ich so deutlich gesehen, wie wenn ich zugehört hätte. Jim, Ihr habt eins gut bei mir. Das ist der erste Hoffnungsschimmer, seit der Angriff versagte, und den verdanke ich Euch. Jetzt, Jim, müssen wir mit versiegelter Marschorder diesem Schatz nachjagen, und die Sache gefällt mir gar nicht. Wir beide müssen fest zusammenbleiben, Schulter an Schulter, und wir werden uns schon irgendwie durchbeißen.“
Da rief uns ein Mann vom Feuer her zu, daß das Frühstück bereit sei, und wir setzten uns dazu und aßen Zwieback und Pökelfleisch. Sie hatten ein Feuer angezündet, an dem man einen Ochsen hätte braten können und dem man sich nur von der Windseite nähern konnte, und auch da nur mit Vorsicht. Ebenso verschwenderisch hatten sie etwa dreimal soviel gekocht, als wir essen konnten und einer von ihnen warf mit einem dummen Lachen das übriggebliebene Essen ins Feuer, das vom ungewöhnlichen Brennmaterial zischte und hoch aufloderte. Ich hatte noch nie eine solche törichte Verschwendung gesehen. Sie wirtschafteten in jeder Beziehung von der Hand in den Mund, das Essen verwüsteten sie, ihre Schildwachen schliefen ein, und obgleich sie verwegen genug für jedes Scharmützel waren, schien es mir sicher, daß sie zu einem längeren Kampf gänzlich ungeeignet geworden.
Selbst Silver, auf dessen Schulter Kapitän Flint saß und mitaß, hatte kein Wort des Tadels für ihre Verschwendung. Und das überraschte mich um so mehr, denn niemals hatte er sich so schlau gezeigt wie jetzt.
„Na, Kameraden,“ sagte er, „ihr könnt schon froh sein, den Bratrost zu haben, daß er für euch denkt. Ich hab’ jetzt, was ich wollte. Ganz sicher, sie haben das Schiff. Wo es ist, weiß ich noch nicht, doch wenn wir erst den Schatz haben, werden wir schon suchen und es finden. Und dann Kameraden, wer die Boote hat, denk’ ich, der hat ja doch die Oberhand.“
So sprach er weiter, dabei mit vollem Munde heißen Speck kauend, so richtete er ihre Hoffnung und ihr Vertrauen wieder auf und, wie ich glaube, gleichzeitig auch seinen eigenen Mut.
„Was die Geisel anlangt,“ fuhr er fort, „wird das wohl sein letztes Gespräch mit seinen vielgeliebten Leuten gewesen sein. Ich weiß jetzt, was ich wissen wollte, und schönen Dank dafür, aber das ist jetzt vorüber. Ich werde ihn zu mir nehmen, wenn wir jetzt auf die Schatzsuche gehen und auf ihn aufpassen, als wäre er von Gold, für den Fall, daß etwas geschieht, ihr versteht schon. Haben wir erst das Schiff und den Schatz und sind wieder fröhliche Gesellen auf See, na, dann wollen wir schon mit Herrn Hawkins noch ein Wörtchen reden und ihm sein Teil zukommen lassen für alle seine Freundlichkeit.“
Es war kein Wunder, daß die Leute jetzt gut gelaunt waren. Ich für mein Teil war furchtbar niedergeschlagen. Wenn sich der Plan, den er da eben entworfen hatte, als ausführbar erweisen sollte, so würde wohl Silver, der nun schon ein doppelter Verräter war, nicht zögern ihn auszuführen. Er hatte in beiden Lagern Fuß gefaßt, und es war kein Zweifel, daß er Reichtum und Freiheit mit den Piraten dem bloßen Entkommen vor dem Galgen vorziehen würde, was ja das Äußerste war, was wir ihm zu bieten hatten.
Ja selbst, wenn es sich so fügen sollte, daß er gezwungen wäre, Doktor Livesay die Treue zu bewahren, welche Gefahr lag selbst dann noch vor uns! Welch ein Augenblick, wenn der Verdacht seiner Gefährten sich in Gewißheit verwandelte und er und ich ums liebe Leben zu kämpfen haben würden — er der Krüppel, und ich ein Knabe, gegen fünf starke kampftüchtige Seeleute! Zu dieser doppelten Furcht kam noch das Geheimnis, das für mich noch immer über dem Verhalten meiner Freunde lag: ihrer unerklärten Flucht aus dem Blockhaus und ihrer unerklärlichen Übergabe der Karte. Noch weniger verständlich war die letzte Warnung des Doktors an Silver: „Wenn Ihr den Schatz findet, werdet Ihr Verdruß haben“, und man wird mir gerne glauben, daß mir mein Frühstück nicht besonders schmeckte und daß ich mit sehr gemischten Gefühlen hinter meinen Gefangenenwärtern auf die Schatzsuche ging.
Wir sahen sehr sonderbar aus, wenn jemand dabei gewesen wäre, um uns zu sehen, wie wir da alle in schmutzigen Matrosenanzügen und, bis auf mich, alle bis zu den Zähnen bewaffnet, ausrückten. Silver hatte zwei Gewehre umgehängt — eines vorne, eines hinten —, dazu noch den großen Hirschfänger in seinem Gürtel und eine Pistole in jeder Tasche seines langschößigen Rockes. Kapitän Flint, der auf seiner Schulter saß und Matrosenredensarten sinnlos vor sich hinplapperte, vervollständigte seine merkwürdige Ausrüstung. Ich hatte einen Strick um meinen Leib geschlungen und folgte gehorsam dem Schiffskoch, der das Ende des Seils manchmal in der einen freien Hand, manchmal zwischen dem mächtigen Gebiß hielt. Wahrhaftig, wie ein Tanzbär wurde ich dahingeführt.
Die anderen Matrosen waren verschiedenartig bepackt. Einige trugen Spaten und Schaufeln — das war das erste gewesen, was sie von der Hispaniola hinuntergetragen hatten —, andere waren mit Fleisch, Brot und Branntwein für die Mittagsmahlzeit beladen. Alle Vorräte kamen, wie ich bemerkte, aus unserer Speisekammer und ich sah, wie richtig Silvers Worte gewesen waren. Wenn er nicht mit dem Doktor den Vertrag geschlossen hätte, wäre er mit seinen Meuterern, nachdem das Schiff weg war, auf Trinkwasser und die etwaigen Ergebnisse der Jagd angewiesen gewesen. Wasser wäre nicht sehr ihr Geschmack gewesen und Matrosen sind selten gute Jäger. Außerdem schien es wahrscheinlich, daß sie auch nicht über sehr große Pulvervorräte verfügten, wenn sie so wenig Eßwaren hatten.

Nun, so ausgerüstet, machten wir uns auf den Weg — selbst der Kerl mit dem Loch im Kopf war mit, für den es sicherlich besser gewesen wäre, im Schatten zu Hause zu bleiben — und wanderten der Bucht zu, wo uns die beiden Boote erwarteten. Auch sie trugen Spuren der betrunkenen Wildheit der Seeräuber; in einem war die Ruderbank gebrochen, und beide waren verschmutzt und auf dem Boden standen Wasserlachen. Wir mußten aus Sicherheitsgründen beide mitschleppen und so setzten wir uns endlich in Bewegung.
Unterwegs gab es einigen Streit, der Karte wegen. Das rote Kreuz war natürlich viel zu groß, um als Führer zu dienen und die Ausdrücke der Erklärung auf der Rückseite schienen immerhin zweideutig. Diese Erklärung lautete, wie man sich erinnern wird, folgendermaßen:
„Hoher Baum, Fernrohrabhang, Wegweiser nach N. von NNO. Skelettinsel OSO. und nach O. Zehn Fuß.“
Ein hoher Baum war also die wichtigste Bezeichnung. Der Ankerplatz war gerade vor uns von einer Hochfläche begrenzt, die etwa zwei- bis dreihundert Fuß hoch lag und sich im Norden an den abfallenden südlichen Abhang des „Fernrohrs“, und gegen Süden an die steile zerklüftete Erhöhung, der Kreuzmastberg genannt, anschloß. Diese Hochfläche war dicht mit Nadelbäumen verschiedener Höhe bestanden. Da und dort erhob sich ein Baum vierzig oder fünfzig Fuß über seine Nachbarn, doch welcher davon der eigentliche „hohe Baum“ des Kapitän Flint war, konnte nur an Ort und Stelle mit Hilfe des Kompasses entschieden werden.
Trotzdem die Sache so lag, hieb jeder der Matrosen, bevor wir halb drüben waren, einen Baum, den er sich aussuchte, um, und nur der lange John zuckte die Achseln und riet ihnen, zu warten, bis wir an Ort und Stelle wären.
Auf Silvers Anordnung, der die Matrosen nicht vorzeitig ermüden wollte, gingen wir nur langsam vorwärts und landeten nach einer beträchtlichen Weile bei der Mündung des zweiten Flusses, desjenigen, der durch eine bewaldete Schlucht vom „Fernrohr“ herunterkommt. Von da aus hielten wir uns nach links und erstiegen den Abhang gegen die Hochfläche zu.
Beim Anstieg verlangsamte der Moorboden mit seiner Sumpfvegetation sehr unser Tempo, doch allmählich ging es steiler hinauf, der Boden wurde steiniger, der Wald veränderte seinen Charakter und die Bäume standen in größeren Abständen. Wir kamen nun in einen wunderschönen Teil der Insel. Wohlriechender Ginster und andere blühende Stauden hatten das Gras fast ganz verdrängt. Dichte Gruppen grüner Muskatnußbäume waren da und dort mit den roten Säulen der breitschattigen Nadelbäume untermischt und vermengten ihren Duft mit dem der Nadelbäume. Die Luft war frisch und anregend und wirkte trotz der herniederbrennenden Sonne wunderbar belebend auf unsere Sinne.
Die Leute gingen in fächerförmiger Anordnung und riefen und sprangen hin und her. Ziemlich weit hinter den anderen folgten Silver und ich — er keuchend von der Anstrengung des Steigens, und ich durch den Strick kurzgehalten. Von Zeit zu Zeit mußte ich ihm die Hand reichen, denn der Weg gab ihm viel zu schaffen und er war mehrmals im Begriffe, rückwärts den Abhang hinunter zu fallen.
Als wir ungefähr eine halbe Meile zurückgelegt hatten, und uns der Höhe näherten, ertönte plötzlich ein lauter Schreckensschrei eines der Männer, der am weitesten nach links gekommen war, ein zweites- und drittesmal schrie er, und die übrigen stürzten nach jener Richtung hin.
„Er kann nicht den Schatz gefunden haben, denn der ist doch ganz oben“, sagte der alte Morgan, der von rechts an uns vorübereilte.
Und es war wirklich etwas ganz anderes. Als wir oben ankamen, sahen wir am Fuße einer ziemlich hohen Tanne und in grüne Schlingpflanzen verschlungen, die sogar einige der kleineren Knochen gehoben hatten, ein menschliches Skelett liegen, das nur mit einigen Lumpen bedeckt war. Ein kalter Schauer durchfuhr in diesem Augenblick alle unsere Herzen.
„Er war ein Seemann“, sagte Georg Merry, der, kühner als die übrigen, nahe herangegangen war und die Kleiderfetzen prüfend betrachtete. „Zum mindesten ist das gutes Matrosentuch.“
„Freilich,“ sagte Silver, „höchstwahrscheinlich, oder hast du gedacht einen Bischof hier oben zu finden? Doch wie merkwürdig die Knochen liegen. Das geht nicht mit rechten Dingen zu.“ Es schien tatsächlich, wenn man genauer hinsah, ausgeschlossen, daß der Leichnam da in natürlicher Stellung lag. Durch irgendwelche zufällige äußere Einflüsse (vielleicht war es das Werk der Vögel oder der langsam wachsenden Schlingpflanze, die allmählich seine Überreste eingehüllt hatte) lag der Mann vollkommen gerade da, seine Füße zeigten nach einer Richtung und seine Hände, die wie die eines Tauchers über den Kopf erhoben waren, genau in die entgegengesetzte.
„Mir geht ein Gedanke durch meinen alten Schädel,“ bemerkte Silver. „Das ist der Kompaß: Dort ist der höchste Punkt der Skelettinsel, der wie ein Zahn heraussteht. Bestimmt jetzt die Richtung der Leiche da.“
Es geschah. Der Körper zeigte gerade in die Richtung der Insel, und auf dem Kompaß stand Ostsüdost und nach Ost zu lesen.
„Ich dachte mir’s,“ rief der Koch, „das ist ein Wegweiser. Gerade dahinauf geht es zum Polarstern und zu unseren lustigen Dollars. Unverkennbar, das war einer von Flints Scherzen! — Er war mit den sechsen allein hier oben und tötete sie alle, Mann für Mann. Und den einen da schleppte er her und richtete ihn als Wegweiser. Das sind lange Knochen und die Haare sind blond. Ja, das dürfte Allardyce sein! Erinnerst du dich noch an Allardyce, Tom Morgan?“
„Natürlich,“ erwiderte Morgan, „erinnere ich mich an ihn: Er schuldete mir Geld und nahm ein Messer mit ans Land.“
„Weil wir gerade von Messern reden“, sagte ein anderer, „warum liegt seines hier nirgend herum? Flint war nicht der Mann, einem Seemann die Taschen auszuleeren, und die Vögel, denke ich, hätten es auch sein lassen.“
„Beim Teufel, das ist wahr!“ rief Silver.
„Aber rein gar nichts ist da,“ sagte Merry suchend herumblickend, „keine Kupfermünze, keine Tabaksdose, das kommt mir nicht geheuer vor.“
„Ist es auch nicht,“ gab Silver zu, „nicht geheuer und nicht hübsch. Kreuzdonnerwetter, Kameraden, wenn Flint lebte, wär’ das ein heißer Punkt für uns. Sechs waren sie und sechs sind wir. Und von ihnen sind nur mehr Knochen übrig.“
„Mit diesen Augen hier habe ich ihn tot daliegen sehen“, sagte Morgan. „Billy nahm mich mit hinein zu ihm. Da lag er und seine Augen waren mit Kupfermünzen zugehalten.“
„Tot, ja, das schon, tot ist er und in der Hölle,“ sagte der Kerl mit dem verbundenen Kopf, „doch wenn jemals ein Geist umging, dem von Flint traue ich es schon zu. Dieser Flint hat einen bösen Tod gehabt!“ — „Ja,“ bemerkte ein anderer, „bald wütete er, dann wieder schrie er um Rum und dann sang er. ‚Fünfzehn Mann‘ war sein einziges Lied, Kameraden, und ich muß ehrlich sagen, seit der Zeit höre ich es nicht gerne singen. Es war sehr heiß, das Fenster stand offen und ich hörte das alte Lied noch ganz deutlich, als der Mann schon im Sterben lag.“
„Laßt,“ sagte Silver, „hört auf mit diesen Geschichten. Er ist tot und er geht nicht um, jedenfalls nicht bei Tag, das glaube ich einfach nicht. Wer sich Sorgen macht, kommt um! Jetzt auf zu den Dublonen!“ Wir machten uns auf den Weg; doch trotz der heißen Sonne und dem blendenden Tageslicht gingen die Piraten nicht mehr getrennt und liefen nicht mehr schreiend durch den Wald, sondern hielten sich aneinander und sprachen mit gehaltenem Atem. Die Furcht vor dem toten Freibeuter hatte ihren Mut gelähmt.
Zweiunddreißigstes Kapitel Die Jagd nach dem Schatze — Die Stimme aus den Bäumen
Noch unter dem Eindruck dieses Schreckens, zum Teil auch, um Silver und den Kranken etwas Zeit zum Ausruhen zu geben, machte die ganze Gesellschaft Rast, sobald die Höhe erreicht war.
Die Hochfläche neigte sich gegen Westen, und der Punkt, wo wir haltmachten, hatte einen weiten Ausblick nach beiden Seiten. Vor uns sahen wir über die Baumwipfel hinweg das von der Brandung bespülte Waldkap; dahinter konnte man nicht nur den Ankerplatz und die Skelettinsel, sondern auch noch jenseits der Landzunge und des östlichen Tieflandes einen breiten Streifen der offenen See erblicken. Senkrecht über uns erhob sich das Fernrohr, das hier mit einzelstehenden Nadelbäumen bewachsen war, dazwischen lagen schwarze zerklüftete Schluchten. Kein Laut war zu hören, außer dem fernen Anschlagen der Brandung ringsum und dem Gezirp der zahllosen Insekten im Gesträuch. Kein Mensch, kein Schiff auf der See. Gerade die Weite des Ausblickes erhöhte das Gefühl tiefer Einsamkeit.
Silver machte mit seinem Kompaß während der Rast verschiedene Aufnahmen.
„Da sind drei hohe Bäume,“ sagte er, „ungefähr in der bezeichneten Richtung von der Skelettinsel. ‚Fernrohrabhang,‘ damit wird wohl der tiefere Punkt dort gemeint sein. Es ist ein Kinderspiel, die Geschichte jetzt zu finden. Ich möchte beinahe vorher mittagessen.“
„Mir vergeht der Hunger, wenn ich an Flint denke — als ob’s mir passiert wäre —!“
„Ja, mein Sohn, du kannst dem Himmel danken, daß er tot ist“, sagte Silver.
„Er war ein häßlicher Teufel!“ rief ein dritter Seeräuber schaudernd. „Ganz blau im Gesicht!“
„Das hat der Rum aus ihm gemacht,“ fügte Merry hinzu, „ja, ganz blau war er, das ist richtig.“
Seit der Auffindung des Skeletts hatten sie angefangen immer leiser zu sprechen, so daß das Geräusch ihrer Reden das Schweigen des Waldes kaum unterbrach. Und jetzt, ganz plötzlich, ertönte aus einer Baumgruppe vor uns eine dünne, hohe, zitternde Stimme, die das wohlbekannte Lied sang:
„Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste — Jo-hoho — Und ein Fläschchen Rum!“
Niemals habe ich ein wilderes Entsetzen gesehen, als jetzt das der Seeräuber. Ihre Gesichter entfärbten sich, ein paar sprangen auf die Füße, andere klammerten sich an die Kameraden an, Morgan warf sich zu Boden.
„Es ist Flint, zum —!“ schrie Merry. Plötzlich brach das Lied mitten in einem Tone ab, so, als ob jemand dem Sänger den Mund zugehalten hätte. Mir klang es, wie es durch die klare sonnige Luft zwischen den grünen Baumwipfeln ertönte, heiter und lieblich, um so seltsamer schien mir die Wirkung auf meine Gefährten.
„Also,“ sagte Silver, als seine aschgrauen Lippen ein Wort hervorbringen konnten, „das gibts nicht. Das ist ein netter Anfang. Ich weiß nicht, wer da gesungen hat, einer macht sich da einen Witz, einer der aus Fleisch und Blut ist; darauf könnt ihr Gift nehmen!“
Im Sprechen hatte er wieder Mut gewonnen und in sein Gesicht kam wieder ein wenig Farbe. Auch die anderen hatten bereits angefangen auf seine Ermutigung zu hören und kamen ein wenig zu sich, als die Stimme wieder ertönte — diesmal nicht singend, sondern in einem schwachen, fernen Ruf, den die Schluchten des „Fernrohrs“ noch schwächer widerhallten.
„Darby M’ Graw,“ jammerte es — denn das ist das Wort, das den Klang am besten andeutet —, „Darby M’ Graw!“
„Darby M’ Graw!“ wieder und wieder und dann noch etwas stärker und mit einem Fluch, den ich nicht wiedergeben kann; „Hol’ mir den Rum, Darby!“
Die Freibeuter standen wie angenagelt und die Augen traten ihnen aus den Höhlen. Noch lange nachdem die Stimme verklungen war, starrten sie in entsetztem Schweigen vor sich hin.
„Jetzt ist es sicher!“ keuchte einer, „gehen wir!“
„Das waren seine letzten Worte,“ stöhnte Morgan, „seine letzten Worte auf dieser Erde.“
Dick hatte seine Bibel ausgepackt und betete eifrig. Er war fromm erzogen worden, der gute Dick, ehe er zur See ging und in schlechte Gesellschaft geraten war.
Nur Silver blieb unbesiegt. Ich hörte zwar, wie ihm die Zähne klapperten, aber er ergab sich noch immer nicht.

„Niemand auf der Insel hier hat jemals von Darby gehört“, murmelte er, „außer uns.“ Dann fuhr er mit großer Anstrengung fort: „Kameraden!“ rief er, „ich bin hergekommen, um dieses Gold zu kriegen, und niemand soll mich daran hindern, weder Mensch noch Teufel! Ich habe mich vor Flint im Leben nicht gefürchtet und ich will mich ihm entgegenstellen, bei allen Teufeln, auch wenn er tot ist. Siebenhunderttausend Pfund liegen kaum eine Viertelmeile von hier. Wann ist je ein Glücksritter vor einem Schatze umgekehrt, bloß wegen so eines alten Seemannes mit einer blauen Fratze, der noch dazu tot ist?“
Doch jetzt war kein Zeichen wiedererwachenden Muts bei seinen Gefährten zu sehen, viel eher wachsende Furcht über die Kühnheit seiner Reden.
„Gebt acht, John!“ sagte Merry, „man soll die Geister nicht böse machen!“
Die übrigen waren zu entsetzt, um zu antworten. Sie wären davongelaufen, wenn sie es gewagt hätten, doch die Furcht hielt sie beisammen und trieb sie zu John, wie wenn sein Wagemut ihnen helfen würde. Er hingegen hatte seine Schwäche tapfer niedergekämpft.
„Geister? Kann schon sein!“ sagte er, „nur eins versteh’ ich nicht: Ich habe ein Echo gehört. Kein Mensch hat je ein Gespenst mit einem Schatten gesehen, was sollte es also mit einem Echo machen, möchte ich wissen? Ist das nicht unnatürlich?“
Diese Beweisführung kam mir ziemlich schwach vor. Doch läßt sich niemals sagen, was den Abergläubischen beeinflussen kann, denn zu meinem großen Erstaunen war Georg Merry merklich getröstet.
„Das ist wahr,“ sagte er, „Ihr seid ein gescheiter Kerl John, kein Zweifel. Vorwärts Kameraden! Wir sind auf einer falschen Fährte, glaube ich. Und wenn ich es recht bedenke, war es schon ähnlich wie Flints Stimme, das geb ich zu, aber eigentlich doch nicht ganz. Eher wie jemandes anderen Stimme — eher wie —“
„Beim Teufel — Ben Gunn!“ brüllte Silver.
„Ja, ja,“ rief Morgan, aufspringend, „Ben Gunn war’s!“
„Es macht keinen großen Unterschied,“ sagte Dick, „Ben Gunn ist ebensowenig am Leben wie Flint.“
Doch die alten Matrosen überschütteten ihn mit Hohn.
„Was fällt dir ein, wer schert sich um Ben Gunn“, rief Merry. „Ob tot oder lebendig, keine Katze fragt nach dem.“
Es war ganz merkwürdig, wie rasch ihnen der Mut zurückgekehrt war, und ihre Wangen Farbe bekamen. Bald schnatterten sie durcheinander, und als kein anderer Laut mehr vernehmbar wurde, schulterten sie die Geräte und machten sich auf den Weg, Merry mit Silvers Kompaß, der die gerade Richtung zur Skelettinsel zeigte, voran. Er hatte wahr gesprochen: Ob tot oder lebendig, niemand scherte sich um Ben Gunn.
Nur Dick hielt noch immer seine Bibel fest und blickte mit ängstlichen Augen um sich, doch fand er kein Mitgefühl und Silver lachte sogar über seine Vorsichtsmaßregel.
„Ich hab’ es dir ja gesagt, warum hast du deine Bibel verdorben? Wenn sie nichts mehr zum Schwören taugt, was glaubst du, gibt ein Geist dafür? Nicht das!“ Und er schlug mit seinen dicken Fingern ein Schnippchen, während er, auf seine Krücke gestützt, einen Augenblick stehen blieb.
Doch Dick war untröstlich, und ich sah bald, daß der Junge im Begriffe war krank zu werden. Die Hitze, die Erschöpfung und der Schreck erhöhten sichtlich das von Doktor Livesay prophezeite Fieber.
Es war ein schöner freier Weg, den wir da auf dem Kamm gingen, denn die Hochfläche war, wie gesagt, gegen Westen geneigt. Die hohen und niedrigen Nadelhölzer standen in weiten Zwischenräumen und auch zwischen den Muskatnuß- und Azaleengruppen waren große Lichtungen, auf die die heiße Sonne niederbrannte. Da wir ziemlich gegen Nordwesten über die Insel wanderten, zogen wir einerseits näher zum „Fernrohr“ hin und sahen andererseits weit über jene westliche Bucht hinaus, in der ich einmal in meinem kleinen Boot zitternd herumgestoßen worden war.
Der erste der hohen Bäume war erreicht, und bei der Prüfung mit dem Kompaß zeigte es sich, daß es ein falscher war. Ebenso ging es mit dem zweiten. Der dritte erhob sich über einer Gruppe Unterholz fast zweihundert Fuß in die Luft, ein Riesengewächs, der rote Stamm groß wie ein Haus, in dessen Schatten eine Kompagnie hätte bequem exerzieren können. Er konnte von Osten und Westen, von weit her, wahrgenommen werden und man hätte ihn als Wegweiser in die Karte einzeichnen können.
Doch nicht seine Größe machte Eindruck auf meine Gefährten, sondern der Umstand, daß dort siebenhunderttausend Pfund Gold irgendwo in seinem Schatten begraben lagen. Der Gedanke an das Geld verschlang den früheren Schrecken, als sie näher kamen. Ihre Augen brannten, ihre Füße liefen leichter und schneller, denn ihre ganze Seele hing an diesem Gelde und an dem Leben voll Vergnügen und Verschwendung, das da auf jeden einzelnen von ihnen zu warten schien.
Silver humpelte stöhnend auf seiner Krücke heran. Seine weitgeöffneten Nasenflügel zitterten und er fluchte wütend, wenn sich die Fliegen auf seinem großen, von Hitze glänzenden Gesicht niederließen. Er zog wild an dem Strick, der mich mit ihm verband, und von Zeit zu Zeit schaute er mich böse an. Er gab sich gar keine Mühe, seine Gedanken zu verbergen und ich las es schaudernd von seinem Gesicht. In dieser unmittelbaren Nähe des Goldes war alles übrige vergessen. Sein Versprechen und die Mahnung des Doktors waren vergangene Dinge, und ich konnte nicht daran zweifeln, daß er hoffte, den Schatz zu heben, die Hispaniola im Schutze der Nacht aufzufinden und zu bergen und allen ehrlichen Menschen auf der Insel die Kehle zu durchschneiden, um, so wie er es zuerst beabsichtigt hatte, beladen mit Verbrechen und Reichtümern, fortzusegeln. Bedrückt von diesen Gedanken fiel es mir schwer, mit dem raschen Gang der Schatzsucher Schritt zu halten. Manchmal stolperte ich und dann zog Silver roh am Strick und schoß mörderische Blicke auf mich. Dick, der zurückgeblieben war und jetzt die Nachhut bildete, plapperte, während das Fieber stieg, Gebete und Flüche vor sich hin. Auch das vergrößerte meinen Jammer, und dazu kam noch, daß mich der Gedanke an das Trauerspiel ununterbrochen verfolgte, das sich einst hier auf dieser Hochfläche zugetragen hatte, als jener verruchte Freibeuter mit der blauen Fratze mit eigener Hand seine sechs Mitschuldigen ermordete. Dieses Tal, das jetzt so friedlich dalag, mag damals von Todesschreien erzittert haben, und bei diesem Gedanken glaubte ich jene Schreie noch zu hören.
Wir standen nun am Rande des Dickichts.
„Hallo, Kameraden, allemiteinander!“ rief Merry, und die ersten fingen zu laufen an.
Doch plötzlich, wenige Schritte weiter, standen sie still. Ein schwacher Schrei. Silver verdoppelte seine Geschwindigkeit, er stampfte mit seiner Krücke wie ein Besessener, und im nächsten Augenblick mußten auch wir beide haltmachen.
Vor uns lag ein großer Graben, der schon vor längerer Zeit ausgegraben worden sein mußte, denn der Boden war mit Gras bewachsen. Darin stak der Griff einer zerbrochenen Spitzhaue und ringsherum lagen die Bretter mehrerer Packkisten verstreut; auf einer war mit einem heißen Eisen das Wort „Walroß“ — der Name von Flints Schiff — eingebrannt.
Alles war sonnenklar. Jemand hatte das Versteck gefunden und ausgeräumt: Die siebenhunderttausend Pfund waren fort!
Dreiunddreißigstes Kapitel Der Fall eines Häuptlings
Noch nie hatte sich ein so ungeheurer Umschwung ereignet.
Jeder der sechs Leute war wie erschlagen. Doch an Silver ging der Schlag fast augenblicklich vorüber. Jeder Gedanke in ihm war wie bei einem Rennpferd in voller Jagd geradeaus auf dieses Geld gerichtet gewesen. In einer einzigen Sekunde war er aufgehalten worden; er behielt den Kopf hoch, fand seine gute Laune wieder und wechselte seinen Plan, noch ehe die anderen Zeit hatten, ihre Enttäuschung voll zu erfassen.
„Jim,“ flüsterte er, „nimm das da, und mach’ dich auf Unannehmlichkeiten gefaßt.“ Dabei reichte er mir eine zweiläufige Pistole.
Gleichzeitig begann er sich unauffällig gegen Norden zu bewegen und mit wenigen Schritten hatte er den Graben zwischen uns beide und die anderen fünf gelegt. Dann schaute er mich an und nickte mir zu, wie um zu sagen: „Das ist ein enger Winkel“, und ich fand, daß er recht hatte. Seine Blicke waren jetzt ganz freundlich und ich war über diesen fortwährenden Gesinnungswechsel so empört, daß ich es nicht unterlassen konnte, ihm zuzuflüstern: „Also habt Ihr Euch wieder zur anderen Partei geschlagen.“
Doch er hatte keine Zeit mehr, zu antworten. Die Freibeuter sprangen schreiend und fluchend einer nach dem anderen in den Graben, warfen die Bretter zur Seite und fingen an, mit den Händen zu graben. Morgan fand ein Goldstück und hielt es unter einer wahren Sturzflut von Flüchen in die Höhe. Es war ein Zweipfundstück und ging eine Weile von Hand zu Hand.
„Zwei Pfund!“ brüllte Merry, indem er es Silver drohend hinhielt. „Das sind Eure siebenhunderttausend Pfund, was? Ihr seid der Mann der guten Geschäfte, nicht wahr? Ihr habt nie was verpatzt, Ihr holzköpfiger Tölpel!“
„Grabt nur, Jungen!“ sagte Silver mit kühler Frechheit, „Ihr werdet schon ein paar Erdnüsse finden, glaube ich.“
„Erdnüsse!“ wiederholte Merry kreischend. „Kameraden, hört ihr’s. Ich sage euch jetzt, der Mann hat es die ganze Zeit gewußt. Schaut ihm ins Gesicht, da stehts geschrieben.“
„Ah, Merry,“ bemerkte Silver, „Ihr wollt wieder Kapitän werden? Ihr seid ein ehrgeiziger Junge, das muß man sagen.“
Doch diesmal waren alle auf Merrys Seite. Sie kletterten wieder aus dem Graben heraus und sandten wütende Blicke zurück, doch sah ich zu meiner Freude, daß sie alle auf der Silver entgegengesetzten Seite hinaufkamen.
Nun, da standen wir: zwei auf der einen Seite, fünf auf der anderen, zwischen uns der Graben, und niemand wagte vorderhand den ersten Schlag zu tun. Silver rührte sich nicht. Er stand sehr aufrecht an seiner Krücke und beobachtete sie so kühl wie nur denkbar. Er war tapfer; darüber gab’s keinen Zweifel.
Schließlich schien Merry der Ansicht zu sein, daß man etwas reden sollte.
„Kameraden,“ sagte er, „die zwei da drüben sind allein; der alte Krüppel, der uns hergebracht hat und so tölpelhaft anrennen ließ, und der Bengel, dem ich das Herz aus dem Leibe zu reißen gedenke. Nun Kameraden — —“
Er hob Arm und Stimme und wollte offenbar jetzt losfahren. Doch in diesem Augenblick — krach — krach — krach — blitzten drei Gewehrschüsse aus dem Gebüsch. Merry rollte mit dem Kopf voran in den Graben, der Mann mit dem Verband drehte sich wie ein Kreisel und fiel in seiner ganzen Länge tot hin und die übrigen drei wendeten sich und rannten fort so rasch sie konnten.
Bevor man sich besinnen konnte, hatte der lange John schon zwei Pistolenschüsse auf Merry abgefeuert, der im Todeskampf lag, und als dieser im letzten Augenblick seiner Agonie die Augen zu ihm aufschlug, sagte er: „Na, Georg, ich denke, dich habe ich erledigt.“
Im selben Moment kamen der Doktor, Gray und Ben Gunn mit rauchenden Gewehren von den Muskatbäumen her auf uns zu.
„Vorwärts!“ rief der Doktor. „Schnell Jungen, wir müssen die Boote vor ihnen erreichen.“
In heftigster Eile gingen wir los und arbeiteten uns mit vieler Mühe, manchmal bis zur Brust durchs Gebüsch stampfend, einen Weg.
Ich versichere es. Silver lag viel daran mit uns Schritt zu halten. Die Mühe, die es dem Mann kostete, an seiner Krücke mit uns durch Dick und Dünn zu springen bis seine Adern fast sprangen, war eine übermenschliche Leistung, auch nach der Meinung des Doktors. Trotzdem war er schon etwa dreißig Schritte zurückgeblieben und fast am Ersticken, als wir den Gipfel des Abhanges erreichten.
„Herr Doktor,“ rief er, „seht dorthin! Keine Eile!“
Sicherlich war keine Eile mehr nötig. Von einer offenen Stelle der Hochfläche aus konnten wir die drei Überlebenden in derselben Richtung, von der sie gekommen waren, gerade gegen den Kreuzmastberg laufen sehen. Wir waren bereits zwischen ihnen und den Booten, und so konnten wir vier uns niedersetzen, um Atem zu schöpfen, während der lange John, der sich das Gesicht abtrocknete, uns langsam nachkam.
„Vielen Dank, Herr Doktor,“ sagte er, „Ihr kamet gerade im letzten Moment für mich und Hawkins. Also Ihr seid es, Ben Gunn! Nun, Ihr seid mir ein netter Bursch.“
„Ich bin Ben Gunn, ich bin’s“, erwiderte der Ausgesetzte und wand sich dabei vor Verlegenheit wie ein Aal. „Aber,“ fügte er nach einer langen Pause hinzu, „wie geht’s, Herr Silver? Recht gut, sagt Ihr, das freut mich.“
„Ben, Ben,“ murmelte Silver, „wenn ich denke, was Ihr mir angetan habt!“
Der Doktor sandte Gray zurück, um eine der von den Meuterern bei ihrer Flucht im Stich gelassenen Spitzhauen zu holen, und erzählte, während wir gemächlich zum Landungsplatz der Boote hinabstiegen, in kurzen Worten, was vorgegangen war. Es war eine Geschichte, welche Silver außerordentlich interessierte und deren Held von Anfang bis zu Ende Ben Gunn, der ausgesetzte Halbidiot war.
Ben hatte auf seinen langen einsamen Wanderungen durch die Insel das Skelett gefunden, er war es, der es ausgeraubt hatte! Er hatte den Schatz gefunden, ihn ausgegraben (es war der Stiel seiner Kreuzhacke, der zerbrochen im Graben lag) und ihn in vielen mühseligen Tagwerken vom Fuß der hohen Fichte bis zu einem Versteck geschafft, das er an dem zweispitzigen Hügel am Nordostende der Insel angelegt hatte. Dort lag er, sicher aufbewahrt, schon zwei Monate, ehe die Hispaniola landete. Nachdem der Doktor ihm dieses Geheimnis am Nachmittage des Angriffes entwunden hatte und als er am nächsten Morgen den Ankerplatz verlassen daliegen sah, war er zu Silver gegangen, hatte ihm die Karte gegeben, die jetzt nutzlos geworden war, ebenso die Vorräte (denn Ben Gunns Keller war mit selbst eingesalzenem Wildfleisch wohlversehen), kurz, er hatte ihm alles und jedes gegeben, nur um die Möglichkeit zu haben, in Sicherheit vom Blockhaus nach dem zweispitzigen Berg zu ziehen, wo er vor der Malaria geschützt war und das Geld bewachen konnte.
„Was dich anbelangt, Jim, ging’s mir ja sehr zu Herzen, doch ich mußte mein möglichstes für die tun, die zu ihrer Pflicht gestanden hatten. Und wessen Schuld war es, daß du nicht darunter warst?“ — An jenem Morgen, als er sah, daß ich in die schreckliche Enttäuschung, die er für die Meuterer bereit hatte, verwickelt werden mußte, war er den ganzen Weg zur Schatzhöhle zurückgelaufen, ließ den Squire zur Pflege des Kapitäns zurück und machte mit Gray und Ben Gunn den ganzen Weg quer durch die Insel, um rechtzeitig zur Stelle zu sein. Doch bald sah er, daß wir ihm zuvorgekommen waren und Ben Gunn, der ein flinker Läufer war, wurde vorausgeschickt, um alles zu tun, was er allein eben tun konnte. Dem war es eingefallen, auf den Aberglauben seiner alten Schiffsgefährten zu spekulieren, und das gelang ihm so weit, daß er sie hinhielt, bis Gray und der Doktor hinaufgekommen waren und schon versteckt lagen, ehe die Schatzjäger ankamen.
„Na,“ sagte Silver, „ein Glück für mich, daß ich Hawkins bei mir hatte. Ihr hättet den alten John ruhig in Stücke reißen lassen und ihm keine Träne nachgeweint, Herr Doktor.“
„Keine einzige“, erwiderte Doktor Livesay vergnügt. Inzwischen hatten wir die Boote erreicht. Der Doktor schlug mit der Hacke das eine zusammen und wir nahmen alle in dem anderen Platz und ruderten zur Nordbucht.
Das war ein Weg von acht oder neun Meilen. Silver wurde, trotzdem er vor Müdigkeit halb tot war, wie wir anderen an ein Ruder gesetzt, und bald glitten wir rasch über die ruhige See. Bald kamen wir aus der Meerenge heraus und umsegelten das südöstliche Ende der Insel, um welches wir vier Tage vorher die Hispaniola bugsiert hatten.
Als wir den zweispitzigen Hügel passierten, konnten wir die schwarze Mündung von Ben Gunns Höhle sehen und einen Mann davor, der sich an sein Gewehr lehnte. Es war der Squire. Wir schwenkten ein Taschentuch und brachen in Hochrufe aus, in welche Silver ebenso lebhaft einstimmte wie die anderen. Und wem begegneten wir drei Meilen weiter, gerade bei der Mündung der Nordbucht? Niemand anderem als der Hispaniola, die da allein herumkreuzte. Die letzte Flut hatte sie emporgehoben; und wenn ein stärkerer Wind oder eine heftige Flutströmung, wie am südlichen Ankerplatz, eingesetzt hätte, hätten wir sie entweder nie oder nur hoffnungslos gestrandet wieder gefunden. So aber war bis auf das verdorbene Hauptsegel so ziemlich alles in Ordnung. Ein neuer Anker wurde fertiggemacht und eineinhalb Faden tief ins Wasser gelassen. Wir alle ruderten wieder zur Rumbucht hinüber, dem nächsten Landungsplatz für Ben Gunns Schatzhaus. Dann kehrte Gray allein mit dem Boot zur Hispaniola zurück, wo er die Nacht auf Wache verbringen sollte.
Eine leicht abgeschrägte Böschung führte von der Bucht zum Eingang des Schachtes. Oben trafen wir den Squire. Er war herzlich und freundlich zu mir und sprach nichts von meiner Flucht, weder tadelnd noch lobend. Bei Silvers höflichem Gruß rötete sich sein Gesicht.
„John Silver,“ sagte er, „Ihr seid ein unglaublicher Schurke und Schwindler — ein monströser Schwindler, Herr. Man sagte mir, daß ich Euch nicht verfolgen lassen solle. Gut, ich werde es nicht tun. Doch die Toten, Herr, hängen an Eurem Halse wie Mühlsteine.“
„Vielen Dank, Herr“, erwiderte der lange John, neuerlich grüßend.
„Ihr wagt es noch, mir zu danken!“ schrie der Squire. „Ich begehe eine große Pflichtverletzung. Aus meinen Augen!“

Darauf betraten wir alle die Höhle. Sie war hoch und luftig, enthielt eine kleine Quelle und einen kleinen Teich reinen Wassers, der mit Farnkräutern überhangen war. Der Boden bestand aus Sand. Vor einem großen Feuer lag Kapitän Smollett und in einem entfernten Winkel, der nur schwach vom Feuerschein beleuchtet wurde, sah ich große Haufen Goldmünzen und viereckig aufgebaute Stöße von Goldbarren. Das war Flints Schatz, den zu suchen wir so weit hergekommen waren, und der nun schon siebzehn Menschen von der Hispaniola das Leben gekostet hatte. Wieviele er verschlungen hatte, als er aufgehäuft wurde, wieviel Blut und Kummer, wieviel gute Schiffe auf den Meeresgrund versenkt wurden, wieviel tapfere Männer mit verbundenen Augen den Untergang fanden, wieviel Kanonenschüsse, wieviel Schande, Lüge und Grausamkeit da mitaufgehäuft lagen, konnte wohl kein Lebender erzählen. Doch drei waren jetzt auf unserer Insel — Silver, der alte Morgan und Ben Gunn —, die jeder einen Anteil an diesen Verbrechen gehabt hatten, da jeder von ihnen, wenn auch vergeblich, gehofft hatte, den Lohn einzuheimsen.
„Komm herein, Jim,“ sagte der Kapitän, „du bist in deiner Art ein guter Junge. Aber ich glaube nicht, daß wir zwei wieder zusammen auf die See gehen werden, für mich bist du zu sehr Protektionskind.
Seid Ihr das, John Silver? Was bringt Euch her, Mann?“
„Ich bin zu meiner Pflicht zurückgekehrt, Herr“, erwiderte Silver.
„Ah!“ sagte der Kapitän. Das war alles, was er sagte.
Welch ein Festmahl war das, mit allen meinen Freunden wieder an einem Tische vereint. Wie schmeckte mir Ben Gunns gepökeltes Wildfleisch und sonstige Leckerbissen und eine Flasche alten Weines von der Hispaniola! Ich glaube, nie hat es frohere oder glücklichere Menschen gegeben! Und dort saß Silver, ganz im Hintergrund und fast schon im Finstern, doch auch er aß eifrig, jeden Moment bereit aufzuspringen, wenn jemand etwas brauchte, und manchmal stimmte er sogar leise in unser Gelächter ein — derselbe sanfte, höfliche, unterwürfige Seemann, als der er mit uns ausgefahren war.
Vierunddreißigstes und letztes Kapitel
Am nächsten Morgen mußten wir frühzeitig mit der Arbeit beginnen, denn der Transport dieser großen Menge Goldes, zu Lande fast eine Meile weit bis zum Ufer, und dann drei Meilen mit dem Boot zur Hispaniola, war eine beträchtliche Aufgabe für eine so kleine Anzahl von Arbeitern. Die drei Kerle, die noch immer auf der Insel herumstreiften, fürchteten wir wenig. Eine einzige Schildwache auf dem vorspringenden Rande des Hügels genügte, um uns vor einem plötzlichen Angriff zu schützen, und übrigens nahmen wir an, daß sie nicht sehr auf weitere Kämpfe erpicht waren.
Die Arbeit ging also fröhlich vorwärts. Gray und Ben Gunn kamen und gingen mit dem Boot und die übrigen häuften inzwischen am Ufer den Schatz auf. Zwei Barren mit einem Tau zusammengehalten waren eine ziemliche Ladung für einen starken Mann, mit der er nur langsam vorwärtskommen konnte. Da ich für mein Teil nicht viel zu tragen imstande war, wurde ich den ganzen Tag in der Höhle damit beschäftigt, das gemünzte Gold in Brotsäcke zu packen.
Es war eine seltsame Sammlung; wie der Hort Billy Bones von verschiedenartigster Prägung, doch um soviel größer und vielfältiger, daß ich wohl nie ein größeres Vergnügen hatte, als bei diesem Sortieren. Englische, französische, spanische und portugiesische Münzen, Georgs- und Ludwigstaler, Dublonen und doppelte Guineen, Moidore und Zechinen, die Bilder aller europäischen Könige der letzten hundert Jahre, seltsames orientalisches Geld, gestanzt mit einer Art Büschel von Fäden oder wie mit Spinnweben, dann runde und viereckige und in der Mitte durchbohrte Stücke, die offenbar zum Tragen am Halse bestimmt waren, fast alle Münzenarten der Welt müssen wohl in dieser Sammlung ihren Platz gefunden haben. Sie waren zahllos wie die gefallenen Blätter im Herbste, und mein Rücken schmerzte mich vom Bücken und meine Finger vom Sortieren.
Tag für Tag ging diese Arbeit weiter. Jeden Abend wurde ein Vermögen an Bord geborgen und ein neues wartete, um am nächsten Abend verwahrt zu werden. Während der ganzen Zeit hörten wir nichts von den drei überlebenden Meuterern.
Endlich — ich glaube es war in der dritten Nacht — ließ der Wind, als ich mit dem Doktor oben auf den Hügeln auf und ab ging, von wo man die tiefgelegenen Teile der Insel übersieht, einen eigentümlichen Lärm herüberklingen, der zwischen Kreischen und Singen die Mitte hielt. Es war nur ein flüchtiger Augenblick, dem wieder das frühere Schweigen folgte.
„Hilf Himmel!“ sagte der Doktor, „die Meuterer!“
„Alle betrunken, Herr“, warf Silvers Stimme von hinten ein.
Silver, muß ich bemerken, hatte seine vollständige Freiheit, und trotz täglicher Abweisungen schien er sich wieder ganz als unser bevorzugter und befreundeter Gefolgsmann zu fühlen. Es war tatsächlich bemerkenswert, mit welch unermüdlicher Höflichkeit er diese fortwährenden Zurückweisungen ertrug und fortfuhr zu versuchen, sich bei allen in Gunst zu setzen. Trotzdem behandelten ihn alle nicht besser als einen Hund, außer Ben Gunn, der noch immer eine entsetzliche Furcht vor seinem früheren Quartiermeister hatte, und mir, der ihm tatsächlich Dank schuldig war. Allerdings hatte gerade ich in dieser Beziehung Anlaß, von ihm noch schlechter zu denken als jeder andere, hatte ich ihn doch auf der Hochfläche neuerlichen Verrat ersinnen gesehen. Der Doktor antwortete ihm daher auch entsprechend mürrisch.
„Betrunken oder nicht mehr ganz bei Sinnen“, sagte er.
„Ganz recht, Herr,“ erwiderte Silver, „und uns kann es wohl ziemlich gleichgültig sein, welches von beiden.“
„Ich denke, Ihr werdet nicht verlangen, daß ich Euch für einen menschlichen Menschen halte,“ erwiderte der Doktor mit einem höhnischen Blick, „und darum mag Euch meine Ansicht überraschen, Herr Silver. Doch wenn ich sicher wäre, daß sie phantasieren — wie ich eigentlich ziemlich sicher bin, da zumindest einer von ihnen schwer fieberkrank ist — so würde ich dieses Lager verlassen und trotz der Gefahr für meinen eigenen Leichnam ihnen ärztliche Hilfe zuteil werden lassen.“
„Bitte um Entschuldigung, Herr, aber das wäre sehr unrecht“, entgegnete Silver. „Ihr würdet Euer kostbares Leben einbüßen, ganz sicher. Ich bin jetzt ganz auf Eurer Seite mit Haut und Haaren, und ich möchte nicht, daß unsere Partei geschwächt wird oder daß Euch was zustößt — wenn ich bedenke, was ich gerade Euch schulde. Doch diese Leute da unten, die könnten ihr Wort nicht halten — nein, nicht einmal wenn sie wollten. Und was noch ärger ist, die würden nicht glauben, daß Ihr es könnt.“
„Nein,“ sagte der Doktor, „aber Ihr seid der Mann vom Worthalten, das wissen wir.“
Nun, das war so ziemlich das letzte, was wir von den Meuterern hörten. Nur einmal vernahmen wir aus weiter Entfernung einen Schuß; offenbar jagten sie. Eine Beratung wurde abgehalten und es wurde beschlossen, daß wir sie auf der Insel lassen sollten — zur ungeheuren Begeisterung Ben Gunns und unter energischer Zustimmung Grays. Wir ließen einen tüchtigen Vorrat von Pulver und Blei, den größten Teil des gepökelten Wildfleisches, einige Arzneien und andere Notwendigkeiten, Werkzeuge, Kleidung, ein Segel, ein bis zwei Faden Tau und, auf besonderen Wunsch des Doktors, einen ansehnlichen Vorrat Tabak zurück.
Das war so ziemlich unsere letzte Arbeit auf der Insel. Vorher hatten wir den Schatz geborgen und genügend Wasser und für den Notfall auch den Rest des Ziegenfleisches eingeschifft. Endlich lichteten wir eines schönen Morgens die Anker und segelten aus der Nordbucht heraus. Dieselbe Fahne wehte auf dem Schiffe, die der Kapitän auf dem Blockhause gehißt hatte.
Die drei Burschen aber hatten uns wohl besser beobachtet, als wir gedacht hatten, wie sich bald herausstellte. Denn als wir aus der Meerenge herauskamen, mußten wir uns sehr nahe an das südliche Kap halten und dort sahen wir sie alle drei mit flehenden, emporgehobenen Armen auf der sandigen Landzunge knien. Ich glaube, es ging uns allen zu Herzen, sie in diesem elenden Zustande zurückzulassen, doch konnten wir eine neuerliche Meuterei nicht riskieren, und sie dem Galgen zuzuführen, wäre doch eine grausame Form der Güte gewesen. Der Doktor rief sie an und sagte ihnen von den Vorräten, die wir zurückgelassen hatten und wo sie sie finden würden. Doch sie fuhren fort uns beim Namen zu rufen und uns um Gottes Willen zu beschwören, barmherzig zu sein und sie nicht an diesem Orte sterben zu lassen.
Schließlich, als sie sahen, daß das Schiff seinen Kurs fortsetzte und rasch außer Hörweite gelangte, sprang einer von ihnen — ich weiß nicht welcher — mit einem heiseren Schrei auf die Füße, legte sein Gewehr an und gab einen Schuß ab, der an Silvers Kopf vorüberpfiff und das Hauptsegel durchbohrte. Danach hielten wir uns in Deckung hinter der Reeling, und als ich wieder herausschaute, waren sie von der Landzunge verschwunden und diese selbst schon kaum mehr sichtbar. Das war das Ende, und noch vor Mittag war zu meiner unaussprechlichen Freude auch vom höchsten Felsen der Schatzinsel nichts mehr zu erblicken und rings um uns war blaue See.
Wir waren unserer so wenige, daß jeder am Bord mithelfen mußte, nur der Kapitän lag auf einer Matratze im Achterdeck und erteilte seine Befehle. Denn obwohl er sich sehr erholt hatte, brauchte er noch Ruhe. Wir steuerten nach dem nächsten Hafen im spanischen Teil Amerikas, denn wir konnten die weite Reise nach Hause ohne neue Matrosen nicht wagen. Ohnehin wurden wir durch widrige Winde und ein paar ziemliche Stürme alle sehr hergenommen und waren alle mit unseren Kräften am Rande, noch ehe wir den Hafen erreicht hatten.
Gerade bei Sonnenuntergang gingen wir in einem wunderbar gelegenen Hafen vor Anker und wurden sofort von kleinen Booten umringt, voll von Negern, mexikanischen Indianern und Halbbluteingeborenen, die uns Früchte und Gemüse verkauften und uns anboten, kleine Münzen aus dem Wasser zu tauchen. Der Anblick so vieler heiterer Gesichter (besonders der schwarzen), der Geschmack der tropischen Früchte und vor allem die Lichter, die in der Stadt aufzublitzen begannen, vereint, bildeten den entzückendsten Gegensatz zu unserem düsteren, blutigen Aufenthalt auf der Insel. Der Doktor und der Squire nahmen mich mit und wir gingen ans Ufer, um dort den Abend zu verbringen. Dort trafen sie den Kapitän eines englischen Kriegsschiffes, kamen ins Gespräch mit ihm, gingen mit an Bord seines Schiffes, kurzum, die Zeit verging so angenehm, daß der Tag anbrach, als wir die Hispaniola betraten.
Ben Gunn war allein auf Deck, und sowie wir an Bord kamen, fing er unter sonderbaren Verrenkungen an, uns ein Geständnis zu machen. Silver war fort. Der Ausgesetzte hatte ihm vor ein paar Stunden zu seiner Flucht in einem der Uferboote geholfen und er versicherte uns nun, daß er das nur getan habe, um uns zu schützen, denn unser Leben wäre bestimmt verloren gewesen, wenn „jener Mann mit dem einen Bein“ an Bord geblieben wäre. Doch das war nicht alles. Der Schiffskoch war nicht mit leeren Händen verschwunden. Er hatte heimlich einen Balken durchsägt und einen der mit Münzen gefüllten Brotsäcke im Werte von vielleicht drei- bis vierhundert Guineen mitgenommen, der ihm auf seinen ferneren Wanderungen von Nutzen sein sollte.
Ich glaube, wir waren alle froh, ihn so billig losgeworden zu sein.
Nun, um es kurz zu sagen, wir nahmen ein paar Matrosen an Bord, hatten eine gute Heimreise, und die Hispaniola erreichte Bristol eben, als Herr Blandly daran ging, ein Hilfsschiff auszurüsten. Nur fünf von denen, die ausgefahren waren, kehrten zurück.
„Schnaps stand stets auf der Höllenfahrtsliste“ ...
Immerhin waren wir kein so böser Fall als jenes andere Schiff, von dem sie gesungen hatten:
„Mit fünfundsiebzig die Reise begann, Zurück kam nur ein einziger Mann.“
Jeder von uns bekam einen reichlichen Anteil von dem Schatze und nützte ihn klug oder töricht, je nach seiner Art. Kapitän Smollett zog sich von seinem Berufe zurück. Gray sparte nicht nur sein Geld, sondern, plötzlich von dem Wunsche ergriffen, sich hinaufzuarbeiten, lernte er gründlich sein Handwerk und ist jetzt Maat und Mitbesitzer eines schönen großen Schiffes, überdies verheiratet und Familienvater. Ben Gunn bekam tausend Pfund, die er in drei Wochen, vielmehr genauer bezeichnet in neunzehn Tagen, ausgab oder verlor, denn schon am zwanzigsten sah man ihn wieder betteln. Dann bekam er eine Torhüterstelle, also genau das, was er gefürchtet hatte. Er lebt noch immer und ist ein großer Liebling, dabei auch eine Art Prügelknabe der Dorfjungen und an Sonn- und Feiertagen ein gesuchter Sänger im Kirchenchor.
Von Silver hörten wir nichts mehr. Der schreckliche Mensch mit dem einen Bein ist endlich ganz aus meinem Leben verschwunden. Ich nehme an, er hat seine alte Negerin irgendwo getroffen und lebt vielleicht irgendwo behaglich mit ihr und Kapitän Flint. Das steht zu hoffen, denn ich glaube, seine Aussichten auf ein behagliches Leben in der anderen Welt sind äußerst gering.
Das Barrensilber und die Waffen liegen, soviel ich weiß, noch immer dort, wo Flint sie vergraben hat, und was mich betrifft, können sie dort liegen bleiben. Keine zehn Ochsen könnten mich je wieder zu der fluchbeladenen Insel zurückbringen; und die schlimmsten Träume, die ich je habe, sind jene, in denen ich die Brandung an ihre Küsten dröhnen höre oder aufgeschreckt in die Höhe fahre, mit der scharfen Stimme Kapitän Flints wieder in meinen Ohren: „Goldstücke! Goldstücke!“
