Die Kammerjungfer. (continued 3)
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Aber dieser seligen Stunde folgten viele bange, sie fing wieder an zu zagen, zu ringen, zu hoffen, auf Mittel zu sinnen, wie dem Kinde zu helfen sei. Besonders glaubte sie, daß ihre eigne Pflege nöthig sei, und ging deswegen nicht zum Nähen aus, wie auch Frau Krauter darüber böse war; denn wenn Klärchen meinte, im Hause eben so viel verdienen zu können, merkten sie bald an der Kasse, daß dem nicht so war. Stundenlang trug sich Klärchen mit dem Kinde, oder saß von Kummer und Wachen ermattet mit müßigen Händen. Bis vierzehn Tage vor Weihnachten ging es leidlich, der Hausstand hatte noch nicht Mangel gelitten, da trat aber statt des bisherigen milden Wetters strenge Kälte ein, und Holzmangel machte sich bitter fühlbar. Tante Rieke wagte Klärchen nicht anzusprechen, weil sie ja durch eigne Schuld in diese Verlegenheit gekommen war, und auch die Mutter hatte nicht Muth dazu, weil Tante Rieke ihr Weihnachten schon die Miethe geben mußte. So ward denn für jetzt beschlossen, Klärchens Flitterstaat zu verkaufen, den sie um Alles in der Welt doch nicht wieder getragen haben würde. Frau Krauter war sehr zufrieden damit. Wir helfen uns noch einige Wochen hin, dachte sie, länger kann das Würmchen nicht mehr leben, und dann ist Klärchen doppelt fleißig und die Noth hat ein Ende. Der schwarze seidene Mantel und der Sammethut machten den Anfang, dann folgten allerhand Kleinigkeiten, für die aber sehr wenig eingenommen wurde, und da Tag und Nacht geheizt werden mußte, auch außer Essen und Trinken noch Medizin und allerlei andere Dinge zu beschaffen waren, so war bald die Kasse wieder so leer wie zuvor, und Klärchen stand am dritten Weihnachtstage trostlos vor den leeren Kommodenkasten. Noch fand sich einiges Unbedeutende, das sie sich eigentlich schämte auszubieten, aber die Mutter brachte einen Thaler dafür. Das Schlimme bei diesem Verkaufen war nur, daß Klärchen für den Flitterstaat nichts Derbes und Festes in der Stelle hatte. Ein Deckentuch war ihr einziges warmes Kleidungsstück und hatte auch bei dem milden Wetter ausgereicht; jetzt hatte sie weder einen Mantel, noch ein warmes Kleid, und konnte kaum die warme Stube verlassen. Aber auch diese Stube war nicht mehr warm zu machen; am Sylvester-Morgen blieb Frau Krauter im Bett liegen, um nicht zu frieren, und Klärchen ging in den Holzstall, um noch einmal Nachlese zu halten, obgleich sie gestern Abend schon sehr genau eingesammelt hatte. Sie fand einige Splitterchen, kochte noch einmal Kaffee und für Gretchen einen Brei. Die Stube ward kaum warm. Klärchen fragte nichts nach der Kälte, aber Hülfe mußte nun geschafft werden, das Kind durfte nicht frieren. Vor allen Dingen zog sie selbst ihren einzigen wollenen Unterrock aus, machte eine Kappe davon, hüllte das Kind da warm hinein und trug es so im Deckentuch in der kalten Stube. Um noch etwas unter dem dünnen wollenen Mousselin-Kleide zu haben, hatte sie den weißen Unterrock mit der Frisur angezogen, der aus ihrer Mädchenzeit, jetzt aber dünn und verwaschen, kaum noch zu Futter nutzbar, in einer Ecke lag. Sie kämpfte lange, ob sie zu Tante Rieke gehen sollte, oder vielmehr zu Buchsteins; denn schon seit acht Tagen war die Tante dort, weil Gretchen an einer bösen Grippe niederlag. Sie entschied sich zum Gehen, die Noth war zu groß, ihre Stube ward immer kälter, die Mutter jammerte nach Essen, und sie selbst und ihr Kind waren hungrig. O wenn sie nur Kraft zum Beten gehabt hätte! Aber sie war matt und schwach, konnte sich nicht erheben und trug all dies Elend als eine wohlverdiente Schuld.
Der Nordwind pfiff durch ihre dünnen Kleider, an allen Gliedern bebend trat sie zu Buchsteins in das Haus. Fritz nahm eben dem Lehrjungen einen Korb mit Spähnen und Holzabfällen ab, die er in der Werkstatt aufgeräumt. Klärchens Blicke sahen unwillkürlich verlangend darauf. Fritz, der für Klärchens Augensprache immer noch ein feinfühlendes Verständniß hatte, verstand auch diesen Blick. Ein heißes Weh ging durch sein Herz. Sie ist in Noth, dachte er, sie sieht bleich und kümmerlich aus, und ihr habt sie vergessen. Er führte sie in die Stube. Gretchen hatte zum erstenmal das Bett verlassen und saß in Betten und Mäntel gehüllt im Lehnstuhl, Vater Buchstein und die Tante saßen neben ihr, freueten sich ihrer Genesung, der sie mit einiger Besorgniß entgegen sahen, weil der sehr heftige Husten in Gretchens Zustande was Angstvolles hatte. Die Tante erschrak, als Klärchen als ein so sprechendes Bild des Jammers und des Elendes in die Stube trat. Fritz stellte ihr einen Stuhl an den Ofen, sie setzte sich, aber immer noch flogen ihre Glieder vor Frost.
Wie geht's Euch denn? fragte die Tante besorgt.
Die Mutter liegt im Bett, und mein Gretchen – hier stockte Klärchens Stimme.
Warum hast Du keinen Mantel um? – fuhr die Tante fort – was hast Du denn an? Sie hob unwillkürlich das dünne Kleid und den wohlbekannten Frisurenrock auf. Ach Gott! nichts weiter? sagte die Tante erschrocken, warum denn keinen wollenen Rock?
Klärchen legte beide Hände vor die Augen. Ich habe keinen, schluchzte sie, und habe nichts, nichts! Fritz trat an das Fenster, er konnte seinen Augen nicht gebieten. Gretchen bat die Tante, welche Kleidungsstücke sie für Klärchen holen sollte; aber Klärchen sagte leise weinend:
O nichts für mich, nur etwas Holz und Essen für meine Mutter und mein Kind.
Fritz eilte hinaus. Der Korb mit dem Holze stand noch dort, alles mögliche aus der Speisekammer packte er hinzu und eilte nun voran in Klärchens Wohnung. Wie fand er es hier! öde und kalt, das Kind weinend, die Großmutter klagend. Mit zitternden Händen machte er selbst Feuer, stellte Wasser dabei, und als Tante Rieke mit dem eingekleideten Klärchen in die Stube trat, hörte diese wenigstens das tröstliche Knistern im Ofen. Sie sah ihn so demüthig und dankbar an, er konnte den Blick nicht vertragen, sein Gewissen machte ihm Vorwürfe, daß er sie darben ließ; freilich war sein Gretchen in den Tagen schwer krank gewesen, und seine Zeit durch die Pflege hingenommen, aber daran dachte er jetzt nicht, sondern nur an seine Schuld.
Als er darauf den Abend allein saß und dem neuen Jahr entgegen wachte, – denn sein alter Vater war jetzt sehr kränklich und auch die Tante von den vorhergegangenen Nachtwachen angegriffen, – da gingen seine Gedanken zurück in die Vergangenheit. Es waren zwei Jahr, daß er zu Klärchen die warnenden Worte gesprochen, – wie hatte sich seitdem alles geändert! Er fühlte dankbar, daß der Herr seine Gebete erhört, an der Seite seines treuen Gretchens war er von aller Unruhe des Herzens geheilt, und wenn auch die Jugenderinnerung zuweilen wunderlich durch seine Seele klang, so hatte das nichts Schmerzliches mehr. Klärchen war der Welt entfremdet und dem Himmel gewonnen; Fritz flehte zum Herrn, daß er alle ihre Herzen verklären möge, daß er sie einen Weg führe zum himmlischen Jerusalem und dort oben ewig selig vereinigt halte.
Während Fritz so mit seinen Gedanken allein war, saß Klärchen ebenso an der Wiege ihres hinwelkenden Kindes. Sie war matt und krank, ihre Glaubenswelt schwach und ohne Halt, das Leben war ihr trüb' und der Himmel fern, ihr einziger Trost war das Kind, ihr einziger Gedanke: so grausam kann Gott nicht sein, dir dies zu nehmen. Und doch kann er es, dachte sie angstvoll, und du hast es verdient! – Das Leben lag wie eine schwere Schuld hinter ihr, und der erlösenden Liebe wagte sie sich nicht zu nahen. In die Kirche war sie nicht gekommen, die Tante und Buchsteins hatte sie lange nicht gesprochen, so fehlte es ihr an jedem stärkenden Zuspruch, und innerlich und äußerlich welkte sie dahin.
Am anderen Morgen stand Frau Krauter trotz der warmen Stube nicht auf, sie fühlte sich wirklich krank, und als es in den nächsten Tagen zunahm, schickte die Tante einen Arzt. Der erklärte es für eine nervöse Grippe. Klärchen hatte nun doppelt zu pflegen, und da die Tante immer wieder an Gretchens Krankenbette gebunden war, stand sie ganz allein. Nur Fritz kam zuweilen; aber ernst und schweigsam war er, Klärchen hielt das für eine verdiente Nichtachtung, wagte ihn kaum anzusehen und zu danken für Alles, was er ihr zur Erleichterung that und schickte. So gingen ihr die Tage wie im dumpfen Traume hin. Nach drei Wochen erklärte der Arzt den Zustand der Mutter für besser, zugleich aber ward sein Gesicht beim Anschauen des Kindes immer bedenklicher. Klärchen empfand große Qualen; je mehr sie das Kind hegte und pflegte, je furchtbarer ward ihr der Gedanke seines Todes. Eines Abends wollte es die Brust nicht mehr nehmen und hing matt das Köpfchen; wie ein Schwert fuhr der Schmerz durch Klärchens Brust. Sie wußte in der Angst nicht was beginnen; der liebe Gott will nicht helfen, vielleicht können es Menschen. Sie stürzte zur Tante, aber bei Buchsteins war Angst und Verwirrung, der alte Benjamin stand mit gefalteten Händen im Hause, Gretchen lag in schweren Kindesnöthen. Klärchen lief zu Gustchen Vogler, lief zum Arzt; der fand das Kind freilich sehr krank, er hatte es aber nicht anders erwartet. Gustchen blieb die Nacht, machte Thee, wärmte Tücher und hörte Klärchens Klagen an. Die Nacht war so lang, dichte Schneeflocken hielten die Dämmerung am Morgen noch länger auf. Endlich ward es Tag. Klärchen hielt laut jammernd das sterbende Kind auf dem Schooße, als die Thür sich öffnete und Tante Rieke eintrat.
Eben stirbt mein Kind! rief Klärchen verzweiflungsvoll.
Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, sein Name sei gelobt ewiglich, – sagte die Tante bewegt.
Nein, nein, rief Klärchen und küßte den letzten Athemzug von des Kindes Lippen.
Ja, ja, sagte die Tante. Klärchen, laß uns beten, wir sind jetzt beide kinderlos, – Thränen erstickten ihre Stimme, – auch mein Gretchen ist hinübergegangen.
Klärchen starrte sie an. Ja, fuhr die Tante fort, laß uns den lieben Herrn im Himmel bitten, daß er uns Kraft giebt, daß er uns tröstet.
Der liebe Herr im Himmel? stöhnte Klärchen; aber ihre Hände falteten sich, die seligen Stunden, die sie mit diesem Herrn schon verlebt hatte, nahten sich ihr plötzlich wie ein Trostes-Engel. Am ersten Advent hatte ja ihr Kind eben so bleich auf ihrem Schooße geruht; damals hatte sie Kraft, es dem Herrn willig hinzugeben. O Herr, hilf mir! flehte sie, und der Herr half. Ja wunderbar, schnell, augenblicklich! eine selige Erhebung fühlte sie im Herzen, der düstere Traum, die Angst war vorüber. Sie konnte mit der Tante beten, sie konnte mit ergebenem Herzen heiße Thränen weinen.
Und diese Thränen flossen noch oft, aber sie lösten die Last ihres Gewissens und machten sie zum Kinde Gottes.
Klärchens äußeres Leben war bald wieder im alten Geleise. Sie ging aus zum Nähen; weil sie gesund war, und nichts sie mehr an's Haus fesselte, wollte sie auch wieder arbeiten. So still und einförmig ihre Tage aber auch äußerlich hingingen, so warm und lebendig war es ihr im Herzen: ihre Gedanken zogen immer mehr dem Himmel zu, dahin, wo ihr Kindchen mit den Engeln spielt, und der Himmel kam zu ihr hernieder mit seinem Frieden, seiner Seligkeit. Sie verlangte und hoffte von diesem Leben nichts weiter, ja, wenn sie des Abends oder des Sonntags bei der Tante war, diese sie mit Liebe und Vertrauen überhäufte, und wenn gar Fritz dazu kam, mit ihnen sprach, ihnen vorlas, und sie einen theilnehmenden Blick von ihm erhaschte, da meinte sie, so glückliche Tage nicht verdient zu haben, und bat Gott, sie ihr bis zum Lebensende so zu erhalten.
Der Sommer ging vorüber, auch der halbe Winter. Am Sylvester-Abend saßen Klärchen, Fritz und die Tante beisammen, es wurde nicht gescherzt und fröhlich geplaudert, aber alle drei waren im Herrn selig vergnügt. Fritz, obgleich er es nicht wagte, die Wünsche seines Herzens in die Wirklichkeit hinaus zu denken, ahnete doch, was der Herr mit ihm vorhätte. Unter schweren Kämpfen hatte er ihm einst sein thörichtes Herz und seine Jugendliebe übergeben, verklärt sollte er diese Liebe aus seiner Hand zurück erhalten. Als er Klärchen gute Nacht wünschte und den Segen des Herrn zum neuen Jahr, da konnte er seiner Stimme nicht gebieten, und Klärchen fühlte den Ton in ihrer Seele. O Gott! sie wagte es ja kaum, in seine reinen, lichten Augen zu schauen, sie hatte ihn nur in ihr Gebet eingeschlossen und ersehnt, er möchte ihr nicht länger zürnen.
Frau Krauter, die seit der schweren Krankheit sich nie wieder ganz erholt und immer gekränkelt hatte, mußte sich nach Neujahr legen, und Klärchen durfte sie nicht verlassen. Doch ward ihr eine lange Krankenpflege diesmal erspart, ein Lungenschlag machte der Mutter Leben schnell ein Ende.
Klärchen war nun eine Waise. Und doch nicht, – die Tante nahm sie nicht allein an ihr Herz, auch in ihr Haus, und ward ihr eine wahrhafte Mutter. Als der Frühling draußen sproßte, saß Klärchen in Gretchens Fenster neben blühenden Schneeglöckchen. Der alte Benjamin hatte sie ihr gebracht; ja, seine Liebe zu Gretchen war auf Klärchen übergegangen, und Klärchen hatte mit ihm wieder scherzen und plaudern und fröhlich singen gelernt. Der Staarmatz rief: »Klärchen, so recht«, und mit dem Dompfaffen sang sie: Lobe den Herrn, o meine Seele! – Fritz arbeitete rüstig in der Werkstatt, lauschte zum Fenster hinaus, und sein Herz schlug hoch auf, wenn er Klärchens blaue Augen sah, so rein, so kindlich und verklärt, wie sie ihm auf seinen Wanderungen vorgeschwebt. Als aber der Frühling immer schöner hervorbrach, Blüthen und Blumen sich entfalteten, konnte sich auch Fritz nicht länger halten, und Klärchen durfte den ganzen Himmel seiner Liebe schauen.
Sie ist jetzt Frau Meisterin, sie ist stolz auf ihren Stand und trägt nur dunkle Strümpfe, feste Lederschuh und ein einfaches Kleid. Sie ist neu und schöner erblüht, ist die Freude ihres Mannes und der Segen ihres Hausstandes. Der alte Buchstein sitzt im Lehnstuhl und wiegt sein jüngstes Enkelchen auf den Knieen, Benjamin führt ein kleines blondes Gretchen zur Tante hinüber, Klärchen sitzt unter dem offenen Fenster der Werkstatt und singt mit schöner Stimme:
Lobe den Herrn, o meine Seele,
Ich will ihn loben bis in Tod!
Weil ich noch Stunden auf Erden zähle,
Will ich lobsingen meinem Gott;
Der Leib und Seel gegeben hat,
Werde gepriesen früh und spat.
Halleluja, Halleluja.
Selig, ja selig ist der zu nennen,
Deß Hülfe der Gott Jacob ist,
Welcher vom Glauben sich Nichts läßt trennen
Und hofft getrost auf Jesum Christ.
Wer diesen Herrn zum Beistand hat,
Am besten findet Rath und That.
Halleluja, Hallelujah.
Druck von Ed. Heynemann in Halle.
Bei F. A. Brockhaus in Leipzig erschien und ist in allen Buchhandlungen zu erhalten:
Gutzkow (Karl), Die Ritter vom Geiste. Roman in neun Büchern. Zweite Auflage. Neun Bände. 8. 11 Thlr.
Bei der außerordentlichen Theilnahme und Anerkennung, die Gutzkow's großartiges Zeitgemälde der Gegenwart in allen Theilen und Bildungskreisen Deutschlands gefunden, bedarf es gewiß nur der Hinweisung auf die so rasch nöthiggewordene zweite unveränderte Auflage desselben, um auch diejenigen zur Lecture der »Ritter vom Geiste« zu veranlassen, die sich bisher diesen Genuß noch nicht verschafften.
Levin Schücking's neueste Romane.
Bei F. A. Brockhaus in Leipzig erschien und ist in allen Buchhandlungen zu erhalten:
Der Bauernfürst. Zwei Bände. 8. 4 Thlr.
Die Königin der Nacht. Roman. 8. 1 Thlr. 24 Ngr.
Die beiden neuesten Romane Levin Schücking's, eines unserer beliebtesten Romanschriftsteller, die seine früheren Romane: »Ein Sohn des Volkes« (1849), »Die Ritterbürtigen« (1846), »Eine dunkle That« (1846), »Ein Schloß am Meer« (1843) an Originalität und drastischem Schwung noch übertreffen.
Erschienen ist bei F. A. Brockhaus in Leipzig und durch alle Buchhandlungen zu beziehen:
Italienischer Novellenschatz. Ausgewählt und übersetzt von A. Keller. Sechs Teile. 12. Jeder Theil 1 Thlr. 10 Ngr.
Den Inhalt dieses Werks bilden 150 italienische Novellen, von dem rühmlichst bekannten Professor A. Keller in Tübingen übersetzt, als eine chronologische Reihe von charakteristischen Proben der italienischen Erzählungskunst, eine Geschichte der italienischen Novellistik in Beispielen. Diese Blüten der italienischen Literatur, der anerkannten Meisterin auf dem Gebiet der Novelle, liefern die mannichfachsten Beiträge zur Cultur- und Sittengeschichte Italiens und werden dem deutschen Publicum die anziehendste Unterhaltung gewähren. Des größten italienischen Erzählers, Boccaccio's, Novellen hat der Uebersetzer von seinem Plane ausgeschlossen, weil dieselben bereits in der »ausgezeichneten« Uebersetzung Witte's, erschienen seien, welche den Titel führt:
Boccaccio (Giovanni), Das Dekameron. Aus dem Italienischen übersetzt von K. Witte. Zweite verbesserte Auflage. Drei Theile. 12. 1843. 2 Thlr. 15 Ngr.
Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.
Bei Richard Mühlmann in Halle ist erschienen und in allen soliden Buchhandlungen zu haben:
Die Kammerjungfer, eine Stadtgeschichte, von Maria Nathusius, Verfasserin der Dorfgeschichten: Martha die Stiefmutter, Lorenz der Freigemeindler, Vater Sohn und Enkel etc. 9 Bogen. 9 Sgr.
Dieses Buch erzählt die Geschichte eines jener unglücklichen Mädchen, wie sie zu tausenden in großen und kleinen Städten, ohne häusliche Zucht und Wurzel in dem göttlichen Worte, von schwankenden Eltern er- und verzogen, aufwachsen, von Ansprüchen einer weniger als halben Bildung gestachelt, und von Romanlectüre und leichter Gesellschaft getragen, in allerlei schöne und hohe Gedanken hinauswuchern, hinter deren Gefühl sich doch die bloße Sinnlichkeit und hinter deren Phantasien sich die gewöhnlichsten Spekulationen verbergen, daß wenn dann die gar losen Blumenblätter im ersten Windstoße abfallen, die innere Armuth und Hülflosigkeit in ihrer Blöße dasteht. Die Heldin dieser Erzählung bleibt vor dem tiefsten Sumpfe der Sünde, in welchem schließlich unzählige ihres gleichen für ein ganzes Leben versinken, schon durch die Keuschheit der Feder einer weiblichen Verfasserin bewahrt. Sie gelangt mitten in ihren edlen Gefühlen nur bis zum gewöhnlichen Hausdiebstahl, und auch der wird ihr verziehen. Sie empfängt aber ihren Lohn dadurch, daß sie »ihr Glück macht« durch eine »gar nicht üble Partie«, von deren Jammer sie endlich das Durchgehen ihres Mannes befreit. Durch das alles hat die Gnade Gottes ihr leichtfertiges und widerstrebendes Herz aber immer stärker und stärker an sich gezogen, bis sie zu einer rechtschaffenen Buße und Umkehr gelangt. Als Gegenbild steht daneben die einfache, heitere und anmuthige Gestalt ihrer Jugendfreundin, eines ehrbaren, schlecht und recht in der Furcht Gottes aufgewachsenen Bürgermädchens. Durch die psychologische Wahrheit, und die gefällige Weise, womit die Begebenheiten von dem vielfach anerkannten Talente der Verfasserin dargestellt sind, vermag die Erzählung auch das Interesse von Leserkreisen aller Stände zu fesseln. Vorzüglich aber wäre es zu wünschen, daß Freunde der inneren Mission Mittel und Wege aufsuchten, um sie recht zahlreich in jenen Kreisen, aus deren Leben sie redet und auf welche sie als eine Warnungs- und Weckstimme insonderheit zu wirken bestimmt ist, zu verbreiten. –