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Die Kammerjungfer

Die Kammerjungfer. (continued 2)

Reading edition

Klärchen! sagte die Generalin, ich habe schon vor acht Tagen gemerkt, daß Jemand bei meiner Kasse gewesen; ich war aber meiner Sache nicht gewiß und besonders wollte ich nicht glauben, daß Sie der Dieb seien.

Dieb! schluchzte Klärchen, ich wollte nicht stehlen, ich wollte das Geld wieder hineinlegen.

Thörichte Reden! entgegnete die Generalin bestimmt. Sie haben gestohlen, haben auf ganz abscheuliche Weise mein Vertrauen gemißbraucht; nichts kann Sie jetzt vor einer gerichtlichen Untersuchung retten, als wenn Sie mir ganz der Wahrheit gemäß Ihren Frevel gestehen und auch die Beweggründe dazu. Ueberhaupt muß ich jetzt Ihren ganzen Lebenswandel kennen lernen, von dem sich in der letzten Zeit sehr schlimme Gerüchte verbreitet haben.

Klärchen war in einer entsetzlichen Lage. Aller Hochmuth, aller Stolz war dahin. Die Sünde ist feig, Furcht folgt ihr auf den Fersen. Furcht war es, die Klärchens Wesen durchzitterte; sie dachte an ihre Liebe, an den Grafen, freilich ihm zu Liebe war sie ja eine Diebin geworden; sie dachte aber an ihre Freundinnen, an Tante Rieke. Ja sie bekannte, sie schilderte ihre erhabene Liebe zum Grafen. Wenn er nicht verreist war, hätte sie das zweite Geld nicht genommen, ja sie würde das erstgenommene Geld wieder hinzugelegt haben. Seine Liebe war so großmüthig gegen sie. Alles, was ihm gehörte, war auch das Ihre; ja er hatte versprochen, sie zu heirathen.

Die Generalin erwiederte ihr, daß sie ein armes, getäuschtes Mädchen sei, daß es aber allen Leichtsinnigen so gehe. Wie würde ein achtbares Offiziercorps es je dulden, daß der Graf ein Mädchen heirathe, wie sie!

Klärchen sah die Sprecherin groß an bei diesen Worten. Wie ich? fragte sie leise.

Ja wie Sie! wiederholte die Generalin. Sie haben sich des Abends auf der Straße umhergetrieben, Sie gelten in der Stadt als eine leichtfertige Koquette, und der Graf ist nicht Ihre erste Liebe.

Klärchen ward roth. Sollte die Generalin vom Mediziner wissen? Oder wollte sie nur versuchen, die Wahrheit zu erfahren? Zu jeder andern Zeit würde sie geleugnet haben, jetzt aber war sie von der Furcht beherrscht: sie schwieg zu dieser Beschuldigung und begann nur, die Generalin wegen ihres Fehlers, wie sie die Entwendung des Geldes nannte, um Verzeihung zu bitten.

Die Generalin hielt ihr eine lange Rede, stellte ihr die Folgen eines solchen Lebenswandels vor, die allerdings anders ausschauten, als Klärchens Bilder von der Zukunft. Zugleich aber versprach die nachsichtige Dame, von der Sache nicht zu reden und Klärchen bis Ostern ruhig im Dienst zu behalten. Da Sie aber wahrscheinlich zu schwach sind, schloß sie diese Unterredung, das Verhältniß mit dem Grafen aufzulösen, soll das von seiner Seite geschehen; er soll es erfahren, wohin sein Leichtsinn ein armes unglückliches Mädchen gebracht hat, er soll es erfahren, daß er Sie zur Diebin machte.

Dies Letzte brachte Klärchen fast zur Verzweiflung, sie flehte, sie bat, – aber vergebens, die Generalin blieb bei ihrem Vorsatz, und Klärchen mußte endlich das Zimmer verlassen. Ihr Erstes war nun, selbst an den Grafen zu schreiben; sie schilderte ihr Unglück, ihre Liebe, ihre Verzweiflung, wenn er sie verließe. Sie benetzte den Brief mit Thränen, daß die Schrift kaum zu lesen war, und gerade als sie ihn gesiegelt hatte, trat ihre Mutter ein.

Du kommst wie ein Engel des Himmels, sagte Klärchen, Du mußt schnell den Brief zum Grafen tragen.

Ist nicht nöthig, schmunzelte die Mutter, ich habe das Geld schon.

O Gott, stammelte Klärchen, so wäre es gar nicht nöthig gewesen! Sie bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte heftig. Hätte sie doch nur noch eine Stunde gewartet, so wäre das Unglück nicht über sie gekommen! Die Mutter war außer sich über den Schmerz der Tochter, sie forschte, sie tröstete, sie erzählte, wie sie gestern Abend noch spät zum Grafen gelaufen, wie sie ihn auch da nicht gefunden, wie sie ihn aber heut früh im Bette getroffen, und er das Geld habe herausrücken müssen. Er brummte freilich ein Bißchen (setzte die Mutter hinzu), und meinte, das ginge über seine Kräfte.

Sagte er das? entgegnete Klärchen heftig. O trage ihm das Geld wieder hin, und meinen Brief dazu; sage ihm: ich wolle nichts weiter, als seine Liebe, und er solle gleich antworten. Aber geh' gleich, Mutter, und komm gleich wieder.

Die Mutter verstand von Allem nichts, sie schüttelte den Kopf, sie wußte nur: Guste Vogler würde kommen, um das Geld zu holen, und die würde nicht wenig Lärm machen, wenn sie nichts bekäme. Sie redete also der Tochter zu. Ihr Liebesleute, sagte sie, da zankt Ihr Euch nun und macht Euch unnöthig Noth. Nimm ruhig das Geld und bezahle Deine Schulden, ich will ihn heut Abend zu uns bestellen, da könnt Ihr Euch versöhnen. Klärchen, laß Dich die Liebe nicht verblenden! Der Graf entschlüpft Dir noch wie mein Rechtsgelehrter.

Klärchen wollte eben auffahren, als es an der Thür klopfte. Guste! sagte sie leise und sah dabei unwillkürlich auf das Geld in der Mutter Hand.

Soll ich? fragte diese.

Ja, entgegnete Klärchen seufzend, bezahle nur, aber geh' vor die Thür, sag', ich sei krank.

Die Mutter ging und die Sache war bald abgemacht. Jetzt aber mußte sie die Besorgung des Briefes an den Grafen übernehmen; sie versprach, gewiß nicht ohne Antwort wieder zu kommen.

Aber sie kam doch ohne Antwort. Der Graf war schon im Dienst gewesen, und Frau Krauter zum Nachmittag wieder hinbestellt. Klärchen verlebte qualvolle Stunden, sie hatte sich zu Bett gelegt, um nur nicht Leuten in das Gesicht sehen zu müssen. Hier lauschte sie jedem Fußtritt auf der Treppe. Sie machte sich wunderliche Phantasien. Wenn er ihren Brief lies't, wird sein Herz zerschmelzen, er wird ihr Unglück nicht ertragen können, er wird selbst zu ihr kommen, er wird trotzen der Welt und der Generalin und wird sie selbst trösten, beruhigen und ihr aus dem Wirrwarr helfen. – Aber wie ward ihr, als die Mutter in der Dämmerung zu ihr eintrat mit dem kalten Bescheid: Der Graf sei sehr verdrießlich gewesen, er habe von einem zweiten Briefe gesprochen, von schrecklicher Unvorsichtigkeit, von kaum zu lösenden Unannehmlichkeiten, er müsse sich die Sache überlegen und wolle morgen Bescheid schicken.

Das war ein Todesstoß für Klärchen. Sie fühlte sich in einer solchen Nacht des Unglücks, daß sie keinen Gedanken fassen konnte, sie fühlte nur, die Sache mit dem Grafen sei aus. Sie blieb auch den folgenden Morgen im Bett liegen, sie konnte nichts anders thun, als weinen und das sollte Niemand sehen. Zuweilen kam der Hoffnungsschimmer: die Mutter könne doch noch einen tröstlichen Brief bringen, sie dachte wenige Tage zurück, wie seine Liebe da so heiß, seine Versprechungen so heilig, so für die Ewigkeit gewesen; aber sie bedachte nicht, daß alle solche Betheurungen nur Teufelswerk sind, die wie Seifenblasen verwehen; sie gehörte zu den Tausenden von thörichten Jungfrauen, die solchen Versicherungen trauten.

Doch lange blieb sie nicht in Ungewißheit. Die Mutter kam mit dem Briefe, und der war wie sie bei solchen Gelegenheiten auch zu Tausenden geschrieben werden. Noch Versicherungen heißester Liebe, aber man muß der Nothwendigkeit, der Pflicht, der Ehre weichen, wenn auch das Herz darüber bricht. – Klärchen las und weinte, und weinte und las wieder, und blieb den Tag im Bett liegen. So viel Besinnung nur hatte sie, den größeren Theil der Goldstücke, die der Graf mitgeschickt, für sich zu behalten und der Mutter nur den kleineren zu geben.

Der März war gekommen, der Schnee geschmolzen, und die warme Frühlingssonne schien auf die belebten Straßen. Klärchen hatte unter dem Vorgeben, sie sei krank, das Haus 14 Tage lang nicht verlassen; eigentlich aber fürchtete sie sich ihren Bekannten zu begegnen, und besonders der Tante Rieke. Die Mutter hatte vorläufig der Tante vom Dienstwechsel sagen, und als Grund dazu angeben müssen: Klärchen könne das Sitzen nicht vertragen, sie hätte sich darum nach einem Dienst umgesehen, wo sie mehr Bewegung hätte.

Eines Tages nun ging Klärchen aus, um Besorgungen für die Frau Generalin zu machen. Die Sonne schien so warm, Kinder spielten lustig auf der Straße, vom nahen Exerzierplatz klang laute Musik zu Klärchens Ohren. Klärchen aber war betrübt und verbittert; gerade das fröhliche Treiben überall, das lustige Aussehn der ganzen Welt war ihr unangenehm. Noch unangenehmer aber war es ihr, daß Tante Rieke ihr entgegen kam. Ausweichen konnte sie nicht, sie mußte sich also auf eine ernste Unterredung gefaßt machen. Die Tante war aber nicht so schlimm, als sie gefürchtet.

Du siehst recht blaß aus, sagte sie theilnehmend, mußt doch recht krank gewesen sein.

Klärchen erzählte so gut wie möglich und fügte hinzu, daß der neue Dienst im Hotel Reinhard gewiß passender für sie sein würde.

Aber ein Gasthof! sagte die Tante.

Ich habe mit dem Gasthofsleben gar nichts zu thun, entgegnete Klärchen, ich bin die Mamsell, die allen Kaffee und Zucker unter sich hat, ich habe das Frühstück auf die Zimmer zu schicken, und die Wäsche unter mir. Dazu bekomme ich 60 Thaler Gehalt und viele Geschenke.

Es ward ihr nicht schwer die Tante zu beruhigen. Im Sprechen hatten sie der Tante Haus erreicht. Klärchen mußte mit eintreten. Gretchen stand in der Stube und haspelte. Was ist das langweilige Arbeit, wenn die Sonne so warm in das Fenster schaut und einen immer in das Freie ruft! sagte sie; aber es ist nun das Letzte und wir machen Schicht mit dem Spinnen. – Bei den Worten beugte sie sich über einen Topf mit blühenden Schneeglöckchen, als ob ihr der Anblick neue Kraft zu ihrer Arbeit geben solle.

Wo hast Du denn schon die hübschen Blumen her? fragte Klärchen.

Von Benjamin, entgegnete Gretchen, und ward roth dabei, denn sie wußte, daß Fritz Buchstein die Blumen in den Topf gesetzt hatte, und das war ihr das Schönste daran. Benjamin ist wieder gesund, er hat die Blumen in seiner Stube zur Blüthe gebracht und sie mir dann geschenkt. Und sieh nur die weißen Blümchen, wie sie so rein und zart dastehen und ihre Köpfchen so still niederbeugen. Ich mag keine Blumen lieber, als die Schneeglöckchen, und Benjamin hätte mich durch nichts mehr erfreuen können.

Klärchen stimmte mit Worten ein, aber ihr Herz war matt, sie konnte sich nicht über Blumen freuen.

Jetzt bin ich fertig! sagte Gretchen fröhlich, nun hilf mir, Klärchen, Erbsen legen und Salat säen. Ein Hauptspaß ist es, die Sachen alle recht früh zu haben. – Sie setzte einen Nankinghut auf, nahm den bereit stehenden Samen und ging der Tante und Klärchen voran.

Der Himmel war lichtblau, weiße Frühlingswölkchen zogen daran, der Erdboden war braun und frisch, die Veilchen legten ihre seidenen Blättchen auseinander, die Stachelbeerbüsche hatten einen grünen Schimmer, der Buchfink schlug, Spatzen lärmten, Tauben girrten auf den Dächern, und in den Nachbarsgärten ward gearbeitet, geplaudert und gesungen. Auch Benjamin schaute zum Fenster hinaus, der Matz saß ihm auf der Schulter und rief: »Jungfer Gretchen, so recht.« Gretchen rief: er solle schweigen, seine häßliche Stimme passe nicht zum Frühling. Benjamin aber flüsterte dem Vogel etwas zu, und der schnarrte sein »Racker, Spitzbub« mit so vielem Eifer, daß selbst Fritz Buchstein das Fenster seiner Werkstatt aufmachte und Ruhe gebot. Doch er trat auch in den Garten und sah über das Staket hinüber, Gretchen bei der Arbeit zu. Daß Klärchen dabei war, zog ihn wohl auch hinaus, aber es machte ihn nicht mehr verlegen, nein, der Herr hatte seine Gebete erhört und seinem Herzen Ruhe gegeben; nur eine Theilnahme für das arme unglückliche Mädchen fühlte er noch. Er wußte ihr Schicksal mit dem Grafen ziemlich genau. Wenn sie doch jetzt noch umkehrte! dachte er, ihre Blässe und ihr Stillsein waren ihm eine Beruhigung.

Doch Gretchen ließ ihn nicht lange bei diesen Gedanken, sie war so frisch und fröhlich, sein Herz freuete sich über sie. Als Benjamin sie neckte wegen der schiefen Reihen auf dem Erbsenbeete, schwang sich Fritz am alten Fliederbaume über das Staket und übernahm selbst das Amt des Reihenziehens. Frau Bendler stand glücklich dabei, und der alte Buchstein, der am Stock gestützt, sich von der Frühlingssonne wärmen ließ, schien sich noch mehr zu erwärmen am Anblick seines glücklichen Sohnes und des braven Gretchens.

Klärchen konnte es nicht aushalten zwischen diesen glücklichen Menschen. Fritz Buchstein liebt die Grete, das ist richtig. Gretchen kam ihr heut ordentlich hübsch vor. Und Fritz? den hatte sie längst zu gut für die Grete gefunden. In dieser Stimmung wandelte sie fast etwas wie Reue an, den Fritz so schnöde behandelt zu haben. Daß er sie erst geliebt, fühlte sie zu bestimmt, und jetzt, wo ihr Glück in der vornehmen Welt gescheitert, konnte sie sich das Leben in einem stattlichen Bürgerhaus an der Seite eines Fritz schon möglich denken. Freilich müßte sie ja dann ein frommes, fleißiges, ordentliches Mädchen wie Gretchen sein, flüsterte eine Stimme in ihrem Innern, und ihr Gewissen regte sich, Thränen liefen ihr über die blassen Wangen.

Wieder einige Monate waren vergangen, der Sommer war herrlich. Gretchen freute sich erst an den Blüthenbäumen, dann an den duftenden Rosen. Fritz hatte auch in seinem Garten Blumen gepflanzt und gesäet, daß Alles lustig durch einander blühte. Benjamin hatte seine Freude an dem Paar, er neckte sie aber auch und war kühn in seinen Neckereien, denn nach einem schönen, warmen Sommerregen brach plötzlich ein F. und G. aus der braunen Erde heraus und war bald in krauser grüner Kresse sehr deutlich zu lesen. Seinen Staarmatz lehrte er heimlich eine neue Rede, und sein Dompfaff sang lieblicher als je: Lobe den Herrn o meine Seele.

Auch Klärchens Thränen waren wieder getrocknet, ihre Wangen wieder aufgeblüht. Das Gasthofsleben gefiel ihr wohl. Sie ward von den Fremden bewundert, man war galant gegen sie, man schmeichelte ihr. Daß dies keinen weiteren Einfluß auf ihr künftiges Leben haben würde, wußte sie, es waren Fremde, die nach ein oder zwei Tagen abreisten, und sich nur amüsiren wollten. Sie war daher sehr zurückhaltend und wollte überhaupt mit vornehmen Leuten nichts zu thun haben. Ihre Phantasien waren aus dem Hochromantischen zur Idylle hinabgestiegen. Nur ein fühlendes Herz und Bildung mußte der Mann haben, mit dem sie in einem kleinen Stübchen leben sollte. Und einen solchen Mann hatte sie bald gefunden. Es war der Oberkellner des Hotels; seine Bildung war untadelhaft, er sprach englisch und französisch, ging immer in schwarzem Frack und weißer Halsbinde, und hatte in seinem Wesen etwas überaus Vornehmes. Daß sie gerade mit ihrer Liebe Schiffbruch gelitten, kam Herrn Eduard zu gute, denn bald war er ihrer Liebe gewiß. Natürlich hatte er ihr vorher seine Verhältnisse klar auseinander gesetzt. Eigentlich konnten sie jetzt schon heirathen, er hatte 200 Thaler Zinsen und stand sich beinahe ebenso viel im Dienste: aber sein Streben ging nach einem eigenen Hotel, seine Kenntnisse, seine Bekanntschaften mußten es ihm leicht machen eines zu erhalten, ja, er war schon nach verschiedenen Seiten hin in Unterhandlungen gewesen. Er malte Klärchen die herrlichste Zukunft. Sie, die Dame des Hotels, sollte ein Leben wie eine Prinzessin führen, und schalten und walten nach Wohlgefallen. Klärchen vergaß ganz die Vergangenheit und ward wieder kühn in ihrem Auftreten, und sehr selbstgefällig und mit sich zufrieden. Zum 10. August, Klärchens Geburtstag, hatten sie sich vorgenommen, die Verlobung zu veröffentlichen. Der Bräutigam hatte ihr im Voraus einen rosa Taffethut und eine schwarze Atlasmantille geschenkt. Beides lag auf dem Sopha in ihrem Stübchen, ein ächtes Batisttuch und gelbe Glaceehandschuh daneben. Es war am Vorabend des Geburtstages, schon ganz spät dämmerig, ihre Stubenthür war nur angelehnt, – da hörte sie zwei flüsternde Stimmen auf dem Korridor.

Thee will er haben, so mach doch nur! Er ist besoffen, hat aber noch so viel Verstand, daß er weiß, was ihm noth thut.

Der kann was vertragen! entgegnete die andere Stimme, ein anderer ehrlicher Mensch wäre den ganzen Tag besoffen, wenn er so viel tränke wie der.

Und ein Spitzbube ist er dazu, sagte wieder die erste Stimme; alle Monat hundert Thaler schlägt er gewiß unter, und der alte Esel merkt's nicht und hat den Narren an ihm gefressen.

Die Stimmen entfernten sich jetzt, Klärchen war in besonderer Aufregung. Wen meinten sie? Wer war der Spitzbube, der Betrunkene? Eine schreckliche Ahnung ging durch ihre Seele. Sollte es Eduard sein? Schon einigemal hatte er so nach Wein geduftet, daß sie ihn darauf angeredet; er aber hatte gelacht und gemeint, er wäre ein schlechter Kellner, wenn er den Wein nicht probiren wolle, auch wäre es durchaus nothwendig bei seiner anstrengenden Lebensweise, sich zuweilen mit einem guten Schluck zu stärken. Daß der Wein aber auch nur die geringste Wirkung auf ihn geübt, hatte Klärchen noch nie gemerkt. Sie fing an sich zu beruhigen: er ist es doch wohl nicht. Nun gar der Spitzbube! das konnte ja nicht auf ihn gehen, er sah so nobel aus, er sprach so schön. Freilich leichtfertig konnte er auch zuweilen reden, und näher kannte sie ihn nicht, und wußte nicht, wie es mit seiner Moral beschaffen. Dazu schlug ihr eignes Gewissen; ihre eigne Moral war doch eigentlich auch: wenn es nur die Leute nicht wissen. Dieß, daß es die Leute wußten, daß gewiß zwei Kellner die Redenden gewesen, war das Unangenehmste bei der Sache. Sie mußte den Grund dieses Gespräches wissen, sie mußte aus ihrer Ungewißheit kommen, und verließ deshalb ihr Zimmer. Im Vorbeigehen faßte sie an ihres Bräutigams Thür, die war verschlossen. Darauf sah sie in den Salon. Hier war er nicht. Sie ging in die Küche und erkundigte sich, für wen der Thee bestimmt sei. Für Herrn Eduard, sagte die Köchin unbefangen. Der Laufbursche, der mit dem Brett und der Tasse dabei stand, grinsete bei diesen Worten die Küchenmagd sehr verständlich an. Klärchen mußte sich sehr zusammen nehmen, um ihre Bewegung nicht merken zu lassen; sie konnte den Abend auf ihrem Lager keine Ruhe finden. Wie entsetzlich, wenn er trinkt! Sie dachte an ihren verstorbenen Vater, wie der die Mutter dadurch so unglücklich gemacht hatte, sie sah um sich noch lebende Beispiele genug. Selbst der alte Vogler, der sonst im Haus Alles gehen ließ, wie es wollte, – wenn er betrunken nach Hause kam, war die kranke Frau und die verzogene Tochter nicht vor seinen Schlägen sicher. Und wie mag es vielleicht mit dem Gasthof stehen? Ob die vorgespiegelten Hoffnungen wohl Wahrheit sind? So allein mit der Nacht und mit ihren Gedanken, ward ihr ganz bange, und – wunderlich genug, – Fritz Buchstein und Tante Rieke standen Beide mit ihren ernsten Gesichtern und strafenden Worten vor ihrer Seele. Wenn der Gott, von dem sie so viel reden, dich doch für dein leichtsinniges Leben strafen könnte? Wenn die Tante Recht hätte mit ihrem Sprüchwort: Wie man's treibt, so geht's? – Aber was sollte sie machen? Jetzt wieder zurücktreten – das war unmöglich, ihr Ruf würde darunter noch mehr leiden und ihre Zukunft ganz verloren sein. Auch wird Eduard sie nicht lassen, er liebt sie zu sehr, und sie liebt ihn auch zu sehr. Ja, das ist ihr Trost. Diese Liebe muß ihn, sollte er wirklich Fehler an sich haben, bessern. O, wie erhebend ist der Gedanke! Er ist so weich, so nachgebend, sie kann ihn um den Finger wickeln, er wird ihr Alles zu Liebe thun, sie wird einen Engel von Ehemann aus ihm machen. Dieser Gedanke hat schon manche Mädchen zu unglücklichen Frauen gemacht. Sie wollen ihn bessern, ihn ändern, sie trauen ihrer schwachen Kraft gar Großes zu. Solche Liebe hat noch keinen Mann geändert; und je weichlicher und schwächer sie dieser Liebe zu Füßen liegen, je weichlicher und schwächer geben sie sich wieder den alten Sünden hin. Einen Menschen ändern, dazu gehört eine andere Macht, gehört die Kraft von oben.

Klärchen aber hatte sich mit diesen Gedanken beruhigt, und als am anderen Morgen Eduard mit seiner gewöhnlichen Gewandtheit und Liebenswürdigkeit vor ihr stand, war sie wieder frischen Muthes. Aber sagen mußte sie ihm von dem Gespräch – zur heilsamen Warnung, rieth ihre Klugheit. Auch gab es ihr eine Art von Uebergewicht über ihn, wenn sie um seine Fehler wußte. Sie erzählte es zwar in dem Sinne, als ob sie nicht an die Möglichkeit solcher Dinge glaube; aber er mußte jedes von den erlauschten Worten hören. Eduard ward feuerroth und sichtbar verlegen, aber Zornesworte mußten die Verlegenheit verbergen; er wollte die Schurken verklagen, er wollte ihnen den gottlosen Mund stopfen, es sei Neid, und so weiter. Im Grunde aber war er recht froh, daß ihm Klärchen die Personen nicht nennen konnte. Eine genaue Untersuchung wäre ihm doch nicht gelegen gewesen. Die Anschuldigung des Betrinkens erklärte er damit, daß er gestern Wein abgezogen habe, und daß die kalte Kellerluft, nach der Schwüle oben im Haus, ihm nicht wohl gethan, sodaß er schwindlich und ohnmächtig geworden. O, er that so erzürnt und erboßt, daß ihm Klärchen die schönsten Worte geben mußte, um ihn wieder zu beruhigen. Er ließ sich auch beruhigen, und Beide unterdrückten durch süße Worte ihre gegenseitigen beängstigenden Gefühle.

Gegen Mittag wanderten Beide zu Tante Rieke. Klärchen hatte die Freude, daß man ihnen überall nachsah, – wirklich ein schönes Paar! Er sah wenigstens aus wie ein Baron, und sie nicht minder vornehm. Was wird die hausbackene Grete, was Fritz Buchstein sagen? Grete wird gewiß verlegen dem vornehmen Manne gegenüber, und Tante Rieke macht einen etwas tieferen Knix.

Aber sie irrte sich. Tante Rieke war allerdings verwundert, Klärchen am Arme eines fremden Mannes zu sehen; und als diese den Namen nannte und ihn als ihren Bräutigam vorstellte, machte sie ein sehr ernsthaftes Gesicht. Gretchen aber sah dem Bräutigam erst forschend und dann ganz erzürnt in die Augen. Dieser ward sichtlich verlegen dadurch und wandte sich ab. Klärchen bemerkte das und wußte gar nicht, woran sie war. Die Tante unterbrach zuerst die peinliche Pause.

Klärchen, ich hätte geglaubt, du hättest uns nicht so sehr überrascht mit einer so wichtigen Sache, sagte sie mit einem leisen Vorwurf im Tone.

Klärchen entschuldigte sich damit, daß es so schnell gekommen, und mit Aehnlichem. Der Bräutigam hatte während dessen seine Fassung vollständig wieder gewonnen und spielte den Beleidigten.

Ich hoffe, daß Sie gegen meine Person nichts einzuwenden haben, – sagte er gereizt, – und daß ich Ihnen ein willkommener Neffe bin. Meine Verhältnisse sind von der Art, daß ich mich Ihnen getrost als solcher nahen darf.

Verzeihen Sie, Herr Günther, entgegnete die Tante sanft, ich wünschte nur, Klärchen hätte mehr Zutrauen zu mir gehabt. Gegen Sie bin ich ganz unpartheiisch, denn ich versichere Sie, daß Sie uns ganz unbekannt sind; weder ich noch meine Tochter haben je Ihren Namen gehört.

Ich kenne den Herrn wohl, – sagte Gretchen jetzt leise, aber mit unverkennbarem scharfem Ausdruck.

Ich wüßte nicht, stotterte Eduard; vielleicht so vorübergehend, vielleicht im Theater oder in einem Kaffeegarten.

Gretchen schüttelte den Kopf und schwieg, und Eduard ging leicht darüber hin und knüpfte eine lebhafte Unterhaltung an. Tante Rieke aber blieb ziemlich schweigsam, und Gretchen und Klärchen schwiegen auch, bis zu aller Erleichterung der Besuch ein Ende hatte.

Auf der Straße konnte Eduard seinen Zorn nicht verhalten. Das mußt Du versprechen, sagte er eifrig, mit diesen rohen, ungebildeten Leuten darfst Du keinen Verkehr haben. Sie haben mich unter aller Würde behandelt, und was dieser Stockfisch, dies Gretchen von mir wollte, begreife ich nicht.

Klärchen war auch ganz außer sich. Wo waren die Triumphe, die sie erwartet hatte? Von Gretchen ward sie nicht beneidet, das fühlte sie, – eher bemitleidet; und dahinter mußte etwas stecken. Und daß auch die Tante so wenig Freude über den vornehm aussehenden Bräutigam gezeigt, war ihr entsetzlich, ja das Weinen war ihr nahe; und doch mußte sie sich vor dem zornigen Bräutigam jetzt zusammen nehmen.

Es war den Tag sehr unruhig im Hotel, so daß Beide wenig Gelegenheit fanden, sich zu sprechen. Klärchen war sehr damit zufrieden. Sie wartete nur auf eine passende Zeit, um zur Tante schlüpfen zu können und den Grund von Gretchens sonderbarem Wesen zu erforschen. Als Eduard bei der sehr zahlreichen Abendtafel beschäftigt war, führte sie ihr Vorhaben aus. Sie fand die Tante und Gretchen in der dämmernden Stube. Erst wußte sie nicht recht, wie sie beginnen sollte, aber es half ja nichts und sie bat mit etwas stockender Stimme, ihr zu sagen, ob sie etwas Unrechtes von ihrem Bräutigam wüßten. Gretchen sah verlegen vor sich nieder.

Klärchen! begann die Tante, vor allen Dingen möchten wir es Dir recht begreiflich machen, daß wir es gut mit Dir meinen. – Bei diesen Worten nahm sie Klärchens Hand und sah sie mit den sanften braunen Augen recht herzlich an. Klärchens Herz war leichtfertig, aber für die Stimme der Wahrheit hatte sie doch noch Gefühl. Ich glaube es, entgegnete sie und erwiederte der Tante Händedruck. Diese fuhr fort:

Kennst Du Deinen Bräutigam genau?

Ich kenne ihn seitdem ich im Hotel bin, versetzte Klärchen. Ich weiß, daß er dem Herrn des Hauses Ein und Alles ist, daß er eigentlich das ganze Geschäft führt und in Kurzem selbst einen Gasthof übernehmen wird. Er hat Konnexionen, Vermögen, dazu ist er gebildet und von Allen, die im Gasthofe aus- und eingehen, geachtet und geliebt.

Das ist wohl gut, sagte die Tante; aber es sind nur äußere Dinge, und Du könntest bei alle dem kreuzunglücklich werden. Weißt Du, ob er ein rechtschaffener Mann ist, ob er ein braver Mann ist, der Gott mehr fürchtet, als die Menschen?

Freilich hoffe ich, daß er ein rechtschaffener Mann ist, und habe keine Ursache, das Gegentheil zu glauben. Und wißt Ihr etwas von ihm, so ist's Eure Pflicht und Schuldigkeit, es mir zu sagen.

Der Tante gefielen diese Worte wohl, sie meinte, Klärchen liege ihres Bräutigams Rechtschaffenheit gar sehr an der Seele; aber von der war es nur die brennende Begierde, etwas zu wissen, zu hören; ihr Stolz war gedemüthigt, sie war innerlich erboßt, sie hätte mit der ganzen Welt hadern mögen.

Ich will Dir nun erzählen, was wir von Deinem Bräutigam wissen, begann die Tante, Du kannst dann überlegen, was Du zu thun hast. Im vorletzten Winter, als ich am gastrischen Fieber lag, mußte Gretchen für mich manche Krankenbesuche übernehmen. Unsere schwerste Kranke war damals ein Mädchen, die ein Vierteljahr vorher ein Kind gehabt hatte und jetzt an der Auszehrung elend darnieder lag, so arm und verlassen, daß es ihr am Allernothwendigsten fehlte, und unser Verein kaum anschaffen konnte, was sie gebrauchte. Bei ihrer äußeren Noth hatte sie aber auch innerlichen Jammer, sie sprach viel von dem Vater ihres Kindes, was der ihr vorgespiegelt und versprochen, und wie er sie jetzt in Hunger und Kummer umkommen lasse. Oft hat Gretchen ihre Klagen über den Menschen mit anhören müssen, und die Urtheile und Schilderungen von ihm waren nicht fein. Als das Mädchen immer elender ward und ihren Tod vor Augen sah, war ihr größtes Verlangen, ihren Geliebten, wie sie ihn denn doch in manchen Stunden noch nannte, nur einmal noch zu sehen. Eine Frau, die schon früher die Unterhändlerin des Liebespaares gewesen, ward zu wiederholten Malen abgeschickt, aber immer vergebens. Als nun Gretchen eines Tages hinkömmt und die Kranke besonders schwach findet und ihr Trost und Theilnahme zuspricht, ist diese untröstlich und sagt nur immer, sie müsse Günthern noch einmal sehen. Gretchen hatte den Namen des Mannes nie gehört und auch nie viel von der Geschichte wissen wollen. Als sie ihr nun vorstellt, wie ihr Herz an einem Menschen hängen könnte, der sie so schmählich verlassen und verstoßen habe, wie sie sich lieber dem Himmel zuwenden solle und dem Heilande, der sie nicht verstoßen und verschmähen würde, und so Aehnliches, um ihren Sinn zu bewegen, da kömmt die Frau herein, die immer an Günther abgeschickt war, und ruft: Er kommt, er kommt! Gretchen will schnell gehen, aber der Mann steht in der Thür, ehe sie sich dessen versieht. Er geht an das Bett, die Kranke hat sich zu ihm gewendet und sagt: Ich sterbe nun, – und dazu weint sie bitterlich. – Das ist meine Schuld nicht! entgegnet er barsch, und ich bin heute gekommen, damit die Lauferei endlich ein Ende hat. Was willst Du nun? ich habe nicht viel Zeit hier zu stehen. – Du hast mich so elend umkommen lassen, schluchzt die Kranke wieder. – Ich? ruft er da und setzt ihr auseinander, was er alles gegeben; seine Schuld sei es nicht, daß sie krank geworden, und sie habe Verwandte, die mehr hätten als er, die sollten sich nur um sie bekümmern. – Die Kranke kann vor Weinen nicht sprechen, sie will seine Hand nehmen, er aber zieht sich zurück. Da kann sich Gretchen nicht mehr halten, tritt zu ihm, nimmt seine Hand und legt sie in die der Kranken und sagt: Das sind Alles unnütze Reden, die Arme wird nicht lange mehr leben und wollte nur Trostworte, und nicht so harte Worte von Ihnen hören. – Er ist ganz erschrocken, denn er hat Gretchen im ersten Eifer nicht gesehen, und führt nun eine andere Sprache und läßt auch einiges Geld dort. Nach zwei Tagen war das Mädchen todt.

Die Tante schwieg. Klärchen war in höchster Aufregung. Sprechen konnte sie nicht; sie reichte der Tante die Hand und stürzte zum Zimmer hinaus. Die Tante wollte ihr nachrufen, aber sie hörte nicht, sie lief mit eilenden Schritten über die Straße und verschloß sich dann in ihrem Zimmer. Hier brach sie in Thränen aus. Ein abscheulicher Mensch! solch ein Verhältniß vorher zu haben! Sie wollte augenblicklich mit ihm brechen, sie wollte einen Mann haben, der geachtet und geehrt ward von der ganzen Welt und der besonders weit über Tante Rieke und über Greten stand. – So gingen ihre Gedanken anfänglich durch einander. – Als sie aber eine halbe Stunde geweint, und ihre Thränen versiegten, ward sie ruhiger. Und wenn die ganze Geschichte wahr wäre, dachte sie, was hat er eigentlich verbrochen? Daß ich seine erste Liebe nicht bin, konnt' ich mir vorher denken. Er ist ja auch deine erste Liebe nicht, entgegnete ihr Gewissen, und du hast ihm auch von allen Abenteuern nichts gesagt. Das ist eben der Fluch der Sünde: um die eigene zu beschönigen, mußte sie auch die des Andern entschuldigen und so die Last beider tragen. Daß das Mädchen so dumm war, sich verführen zu lassen, fuhr sie fort, ist traurig, und es ist schändlich von ihm, die Arme so im Stich zu lassen; aber gewiß war sie ein ganz unbedeutendes Wesen, die ihn nicht fesseln konnte, dir hätte so etwas nie passiren können. Das einzige Unglück dabei ist nur, daß es nicht verborgen blieb, und daß gerade ihre Verwandten so tief hinein blicken mußten. Ihrem Glücke konnte die Sache nicht mehr hinderlich sein, Mutter und Kind sind todt. Wenn sie einst Herrin eines großen Hotels ist, es bequem wie eine Prinzessin hat, dazu von dem Manne geliebt und angebetet wird, was sie Alles nicht bezweifelte, so fehlte ihrem Glücke nichts. Die Sache mit dem Aufgeben mußte doch überlegt werden, und wer konnte denn wissen, ob in Wahrheit die Begebenheit so schwarz war, wie die Tante sie vorgetragen? Die Tante sieht Alles mit so strengen Blicken an; in den Stücken war ihr nicht zu trauen. Aber beichten sollte ihr Bräutigam, erfahren, daß sie Alles wisse, und um so demüthiger werden und ergebener. Als er wie gewöhnlich nach den beendigten Geschäften zu ihr kam, fand er sie so getröstet, aber die Thränen flossen von Neuem bei seinem Anblick. Er, mit dem bösen Gewissen, war besonders weichherzig, forschte nach den Thränen und erfuhr nun die ganze Geschichte. Da schien sein Zorn keine Grenzen zu haben, er nannte Alles die abscheulichste Verleumdung, und Gretchen sammt der Tante maliziöse Personen, die absichtlich eine Sache so verdreht hätten, um ihm Klärchen abspenstig zu machen. Wer weiß, in welchen Winkel sie sie stecken möchten; sie ärgern sich, sie vornehmer und schöner zu sehen, und so mehr. Von der Kranken erzählte er: sie sei Hausmädchen hier gewesen, und er habe allerdings ein kleines Liebesverhältniß mit ihr gehabt, später sei sie fortgekommen, sei liederlich geworden und so herab gekommen. In ihrer Noth habe sie sich zu ihm gewandt, und er habe sie hin und wieder unterstützt, ja, er habe sich durch seine Gutmüthigkeit verleiten lassen, einmal hinzugehen, weil die Person ihm keine Ruhe gelassen. – Und das ist die Geschichte, die Deine vortreffliche Cousine so verdreht hat! schloß der Erzürnte. Du mußt mir jetzt aber heilig versprechen, mit den abscheulichen Menschen ganz und gar zu brechen, denn bei ihrer Schlechtigkeit sind sie auch roh und ungebildet und passen für uns nicht. Es ist mir eigentlich recht lieb, daß sie die Veranlassung zu diesem Bruche gegeben haben. Nun sind wir sie los. Nach dem, wie sie mich behandelt haben, können sie nicht verlangen, daß ich je wieder einen Fuß über ihre Schwelle setze. – Hierauf begann er seine Pläne für die nächste Zukunft zu entwickeln. Die malte er so glänzend, so herrlich, daß Klärchen sich völlig befriedigt fühlte und in alle seine Vorschläge einging. Um allen ferneren Intriguen zu entgehen, wollten sie noch vor dem Winter heirathen und die Annahme eines eigenen Hotels gar nicht abwarten. Günther hatte sich eine kleine neue Wohnung gerade gegenüber schon angesehen, die sollte mit Mahagoni-Meubeln und allen möglichen Luxussachen ausgestattet werden, und Klärchen sollte da allein ihre Wirthschaft haben. Vierhundert Thaler sollte sie jährlich bekommen, außer den Sachen, die hin und wieder aus der Gastwirthschaft abfielen. Als Klärchen erwähnte, daß die Tante ihr, im Falle sie sich mit deren Genehmigung verheirathe, eine Ausstattung versprochen, brausete Günther von Neuem auf. Wir brauchen Deiner Tante Ausstattung nicht, ich werde ihr schreiben: ich bedankte mich sowohl für ihre Verleumdungen, als für ihre Hochzeitsgeschenke, ich könnte ganz und gar ohne sie bestehen, ich würde sie nie wieder belästigen, würde aber auch meiner Frau nicht erlauben ein Haus zu betreten, das so hinterlistig meine Ehre angegriffen. – Klärchen machte einige Einwendungen dagegen. Wenn sie die Tante auch immer mehr gefürchtet, als geliebt hatte, auf diese Weise wollte sie sie doch nicht beleidigen, weil die Tante es immer gut mit ihr gemeint. Günther versprach den Brief nicht ganz so arg zu machen, aber, setzte er hinzu, wenn wir sie bei dieser Gelegenheit nicht los werden, wird sie uns das ganze Leben plagen. In dem Sinn sprach er noch Mancherlei. Klärchen ließ sich bereden, und die Sache schien abgemacht. Am anderen Abend aber kam Frau Krauter mit sehr bedenklichem Gesichte. Tante Rieke hatte sie zu sich kommen lassen, ihr das Vorgefallene erzählt und ihr den Brief mitgegeben, den Günther heut Morgen an die Tante geschickt. Klärchen ward heiß und kalt beim Lesen dieses Briefes; der war wenigstens so grob, als Günther gestern Abend sich vorgenommen hatte zu schreiben. Frau Krauter trug den Mantel auf beiden Schultern; bei Tante Rieke hatte sie geklagt über das Unglück und über den Leichtsinn der Welt; hier redete sie anders, weil ihr im Grunde diese Verheirathung der Tochter sehr erwünscht kam. Schon jetzt kam mancher Bissen aus dem Hotel zu ihr hin, schon jetzt hatte sie zeitweise ein herrliches Leben geführt, sie erwartete nun den Himmel von Klärchens eigenem Hotel. Als sie die Tochter böse auf den Bräutigam sah, redete sie gütlich zu. Jeder Mann hat seine schwache Seite, und die Tante wird nicht ohne Schuld sein. Wenn Du auch einen Andern genommen hättest, sie wäre doch nicht zufrieden gewesen; denn ihr Geschmack ist nicht Dein Geschmack, und Du mußt es mit Deinem Manne halten. Klärchen seufzte, und mußte der Mutter doch theilweise Recht geben. Entweder! oder! hieß es jetzt, und da sie den Bräutigam nicht fallen lassen wollte, mußte sie von der Tante lassen. Die Mutter mußte ihr aber versprechen, zur Tante zu gehen und ihr zu sagen, wie unglücklich sie über ihres Bräutigams Brief gewesen; aber da sie ihn zu sehr liebe und auch das Beste von der Zukunft hoffe, müsse sie sich in seinen Willen fügen und den Umgang mit der Tante für jetzt abbrechen, – doch nicht für lange, denn er werde gewiß bald seinen Fehler einsehen und die Tante um Verzeihung bitten.

Es war der 25. September. Klärchen stand vor dem Spiegel und legte die rosa Schürze um den weißen Mullrock, setzte ein rosa Häubchen auf und war nun bereit, die Gäste zum Chokoladenfrühstück zu empfangen. Gestern hatte sie Hochzeit gehabt, war stolz im weißen Atlaskleide zur Kirche gefahren und war als schönste Braut bewundert. Herr Reinhard hatte darauf seinem Oberkellner ein Diner gegeben, und die Nachfeier dieses Diners war eine Abendgesellschaft in der Wohnung der Neuvermählten. Ein Privatsekretair mit seiner Frau, ein Detailhändler mit seiner Frau, ein Rendant, Gustchen Vogler, einige Handlungsdiener und Mutter Krauter waren die Mitglieder der Gesellschaft. Klärchen mußte sich gestehen, daß diese Leute nicht zu ihren eleganten Zimmern paßten, aber auch Günther war in dieser Gesellschaft ein Anderer, als gegen die vornehmen Leute im Hotel. Er lachte anders, er sprach anders und ließ sich in seinem ganzen Wesen auf eine unangenehme Weise gehen. Freilich hatte er den Tag ungewöhnlich viel getrunken, und das ist bei so seltenen festlichen Gelegenheiten nicht zu umgehen, tröstete sie sich. Dieselbe Gesellschaft sollte heut Morgen ein Chokoladenfrühstück nehmen. Klärchen hatte Alles auf's Schönste vorbereitet, die feinen Tassen standen bereit, auf gemalten Tellern war Kuchen und Torte servirt, und sie selbst ruhte jetzt wie eine vornehme Dame im Sopha und erwartete ihre Gäste. Die Mutter war die erste, die kam; sie sah schmunzelnd auf Kuchen und Chokolade, setzte sich wohlgefällig in die andere Sophaecke und sagte:

Hätt' ich doch im Leben nicht geglaubt, daß es Dir noch so glücken würde, Du kleiner Brausekopf. Immer wenn ich dachte, es war so weit, dann ging Dein heißes Blut wieder durch. Gott sei Dank, daß wir nun eingelaufen sind in den Hafen!

Klärchen lächelte. So hatte sie doch wenigstens die Mutter, die ihrem Schicksal Weihrauch streute, da selbst das eigne Herz sich nicht recht dazu bequemen wollte. Günther trat etwas bleicher als gewöhnlich, aber guter Laune ein. Die Gäste folgten bald, es ward Chokolade getrunken, Frau Krauter ließ es sich von Allen am besten schmecken; dagegen verschmähte der Schwiegersohn ganz und gar dies süße Getränk. Mir ist heut mehr wie Weintrinken, sagte er scherzend, verließ das Zimmer und kam bald mit einem Arm voll Flaschen wieder. Die Herren schmunzelten, die Frauen neckten auf nicht sehr feine Weise, und Klärchen sah ängstlich auf ihren Mann. Jedenfalls war er schon im angeregten Zustande herüber gekommen, denn sie sah, daß beim Einschenken der Chokolade ihm die Hände zitterten. Sie hätte gern Einspruch gethan gegen das neue Trinkgelage, aber erstens scheute sie sich, als Wirthin etwas zu sagen, und dann wußte sie, daß Günther in solchen Dingen sich nichts sagen ließ. Die Herrengesellschaft ward immer lauter, die Frauen sahen sich bedenklich an. Klärchen klagte, daß ihr Mann schon seit einigen Tagen unwohl sei und daß ihm der Wein sehr schlecht bekommen würde. Er ward auch immer bleicher, seine Hände zitterten auffallend, seine Zunge lallte. Doch war er nicht der Schlimmste. In der Ecke des Mahagonisopha's schlummerte der Rendant, und einer von den jungen Kaufmannsdienern hatte sich schon entfernt. Die Frauen drangen jetzt auf die Auflösung der Gesellschaft. Das war mit den angetrunkenen Männern nicht leicht zu bewerkstelligen, aber es gelang ihnen endlich, und Klärchen war mit dem Mann und der Mutter allein.

Günther hatte sich nicht besinnungslos getrunken, weil er viel vertragen konnte; er wußte, daß ihm Schlafen jetzt das Beste sei und legte sich zu Bett. Die Mutter ging nach Haus, weil sie nicht Lust hatte, Tassen und Gläser zu waschen und aufzuräumen, und Klärchen saß nun in der eleganten Stube allein. Sie hatte aber auch nicht Lust zum Aufräumen, sie mußte sich erst besinnen von der vielen Unruhe, setzte sich auf den Sitz im Fenster und schaute hinaus auf die Straße. Der blaue Himmel und helle Sonnenschein lockte Spatziergänger in das Freie, auch vor dem Hotel war es sehr lebendig, Wagen fuhren, Wagen kamen, und es war ganz unterhaltend, das anzusehen. Ja unterhaltend, aber nicht für Klärchen. Ihr Herz war schwer, ohne daß sie recht wußte, was sie wollte. Sie war nun am Ziel ihrer Wünsche, sie konnte herrlich leben und die vornehme Dame spielen. Die Mahagoni-Meubel, der Sopha-Teppich, die gewirkte Tischdecke, die Blumenvasen, die goldgerahmten Bilder, sie hätte sich nie eine schönere Wohnung träumen können, – und doch war sie nicht befriedigt und das war ihr so unerträglich, sie hätte weinen können. In dieser Unlust an der ganzen Welt griff sie zu einem Roman, der auf dem Arbeitstisch lag und aus ihrer Stube im Hotel mit herüber gewandert war, und suchte sich wenigstens zu zerstreuen.

Als Günther nach einigen Stunden wieder zum Vorschein kam, murrete er etwas, noch Alles so in Unordnung zu finden. In seinem Kellner-Eifer räumte er selbst gleich Flaschen und Gläser bei Seite. Klärchen versicherte, im höchsten Grade angegriffen zu sein, und sein böses Gewissen hieß ihn schweigen, aber der eheliche Himmel hing nicht ganz voller Geigen.

Fritz Buchstein ging im Garten auf und ab. Die Sonne warf ihre letzten Strahlen nur noch an das blaue Schieferdach des Kirchthurmes, aber herrliches Abendroth, wie es den Herbstabenden eigen, flammete über der Scheuer hinauf. Zwischen gelbem Laub und verkommenen Zweigen blühten noch allerhand liebliche Blumen, die Pflaumen hingen blau an den Bäumen, Aepfel- und Birnenbäume senkten die schweren Zweige und sahen der Ernte entgegen, auf dem Nachbarshofe ward ein Fuder Kartoffeln in den Keller geladen, und Kinder hockten im Garten um ein Häufchen Kartoffelstroh, dessen blauer Rauch über die Nachbarsgärten hinzog. Fritz schaute das Alles mit den Augen seiner Seele an, und Freude und Friede durchzitterten sein Herz. Hier war seine traute Heimath und hier sollt' es ihm vergönnt sein, seinen Heerd zu bauen und dem Herrn zu Ehr' und Liebe Bürger und Hausvater sein.

Gestern hatte er Klärchen trauen sehen. Klärchen im weißen Kleide, grünen Kranze, mit den schönen, blauen, kindlichen Augen hatte sein Herz noch einmal in Erinnerung und Theilnahme bewegt. Der schwarze, bleiche Mann neben ihr schien ihm der Böse zu sein, dem sie sich übergab, und sein Herz konnte es nicht lassen, wiederum zu bitten: Herr, verlasse sie dennoch nicht, führe sie, halte sie; Weg hast du aller Wege, an Mitteln fehlt's Dir nicht.

Auf dem Heimwege war er mit Frau Bendler und Gretchen zusammen getroffen, und als er Gretchen sah, war Glück und Friede in seine Brust gezogen. Gretchen hatte ihn angeschaut mit den treuherzigen Augen und der vielen Liebe darin, und auch seine Augen sprachen seine Gedanken aus. Ehen werden im Himmel geschlossen. Gretchen, das fühlte er, war ihm vom Himmel bestimmt, mit ihr wollte er wallen den Weg hinan, seine Liebe sollte sie führen, trösten, ihr dienen auf dem beschwerlichen Weg, und ihr treues, starkes Herz sollte ihn tragen mit allen seinen Fehlern. Ja, ihr wollte er auch die Schmerzen seiner Jugend sagen, jetzt wo er sie überwunden, wo Liebe und Freudigkeit zu Gretchen sein Herz beseelte. In Sehnsucht schaute er hinüber in den Nachbarsgarten, da trat Gretchen singend drüben aus der Thür. Sie grüßte hinüber und schüttelte dann an einem Pflaumenbaum, daß die blauen Früchte über sie herfielen. Fritz schwang sich über das Stacket. Soll ich Dir helfen? fragte er. Gretchen nickte, und er suchte die Pflaumen mit in ihre Schürze. Als sie mit ihrer Arbeit fertig waren, nahm Fritz Gretchens Hand, sah ihr bewegt in die Augen und sagte: Gretchen, Du weißt schon längst die Gedanken meines Herzens. – Gretchen nickte.

Ich liebe Dich von ganzem Herzen, fuhr er fort, und der Herr wird mir Kraft geben, Dich so glücklich zu machen, wie Du es verdienst und wie ich es so gern möchte.

Gretchen neigte den Kopf und dachte: ich bin ja nicht werth solches Glückes.

Jetzt wollen wir zur Tante gehen, sprach er weiter, legte Gretchens Arm in den seinen, nahm ihre Hand mit beiden Händen; so gingen sie durch den Garten. Da öffnete sich oben ein Fensterlein, der Staarmatz hupfte auf das Brett und schnarrte: Jungfer Braut! – Ja, Du alter Benjamin steckst Deine Nase immer zuerst in alle Dinge. Diesmal zankte sich Gretchen nicht mit dem Matz; sie lächelte hinauf und Beide blieben stehen, denn die weiße Mütze mit dem fröhlichen Angesicht schaute auch zum Fenster hinaus. Der Herr segne Euch! rief er herunter, dann neigte er den Kopf hin und her vor dem Dompfaffen, und der begann sogleich: »Lobe den Herrn, o meine Seele« – ja da konnten es Fritz und Gretchen nicht lassen, mit heller Stimme stimmten sie ein und Benjamin ebenfalls:

Ich will ihn loben bis in Tod!

Weil ich noch Stunden auf Erden zähle,

Will ich lobsingen meinem Gott;

Der Leib und Seel' gegeben hat,

Werde gepriesen früh und spat.

Halleluja, Halleluja.

Selig, ja selig ist der zu nennen,

Deß Hülfe der Gott Jacob ist,

Der sich vom Glauben läßt gar nichts trennen

Und hofft getrost auf Jesum Christ.

Wer diesen Herrn zum Beistand hat,

Am besten findet Rath und That.

Halleluja, Halleluja.

Die Tante kam gerade zur rechten Zeit heraus, um die letzten Strophen mit zu singen, dann aber mußte ihr weiches Herz erst einige Freudenthränen weinen. Und als nun Vater Buchstein drüben in seiner Hausthür erschien, ward beschlossen, augenblicklich einige Latten vom Stacket zu nehmen und eine Oeffnung zur Thür zwischen beiden Gärten zu machen. Benjamin kam flugs herunter und brachte dem Fritz das Handwerkszeug entgegen, und mit fröhlichen Worten und Mienen half die ganze Gesellschaft bei der Arbeit. Während der alte Buchstein am Krückstock langsam herangeschlichen kam, um den sonderbaren Lärm zu untersuchen, war die Oeffnung schon fertig, und Fritz führte Braut und Schwiegermutter dem Vater entgegen.

Klärchen verlebte ihre Flitterwochen in ungetrübtem Vergnügen. Günther suchte ihr den ersten Tag vergessen zu machen. Er führte sie in Kaffeegärten, in Conzerte, in das Theater. Im Hause hatte sie fast gar nichts zu thun, nur Kaffee und Thee mußte sie kochen, und dies, so wie die übrige wenige Hausarbeit, that die Mutter gern, weil sie dafür mittrinken und mitessen konnte. Das Mittagsessen bekam Klärchen aus dem Hotel mit Erlaubniß des Herrn Reinhard, dem es auf eine Person mehr oder weniger nicht ankam, und Günther schien dafür nur um so dienstfertiger und seinem Herrn um so mehr zugethan. Klärchen hätte jetzt schöne Zeit zum Flicken und Nähen gehabt, aber es fehlte ihr an Lust dazu. An ihren alten Sachen, meinte sie, wäre nichts mehr zu flicken, und die wenigen neuen, die sie zum kleinen Haushalt angeschafft, waren neu in einem Laden gekauft. Später, sagte Günther, würde er doch das ganze Inventar eines Hotels annehmen, jetzt könnten sie sich behelfen.

Daß er gegen Weihnachten hin öfter als gewöhnlich nicht nach Hause kam, wunderte sie nicht, da jetzt mehr Besuch als gewöhnlich drüben, und Günther sehr beschäftigt war. Auch daß er zuweilen sehr hohläugig aussah und ihm die Hände leise zitterten, schob Klärchen auf die großen Anstrengungen. Ueberdem hatte ihr Mann sich so sehr in seiner Gewalt, daß, so wie er sich beobachtet glaubte, eine Lebendigkeit und Festigkeit in sein ganzes Wesen fuhr, die Klärchen wieder beruhigte.

Eines Abends kam sie gegen zehn Uhr von der Mutter zurück, die seit einigen Tagen krank war. Im Vorbeigehen wollte sie sich etwas Geld vom Manne holen, den sie schwerlich heut zu Hause erwarten konnte. Im Hotel war es noch ziemlich lebendig, auf dem Flur traf sie den kleinen Laufburschen, der im Sommer ihrem Manne den Thee besorgen mußte, und der auch jedenfalls damals das Zwiegespräch mit einem Kameraden gehalten.

Wo ist mein Mann? fragte Klärchen.

In seiner Stube, ich muß ihm wieder Thee kochen, sagte der Junge spöttisch.

Erschrocken lief Klärchen dahin und fand ihren Mann in einem Zustande, wie sie ihn noch nie gesehen hatte. Er saß vor dem Tisch, schlug mit beiden Fäusten darauf und lallte: Zehn tausend Thaler, – fünf tausend Thaler, – das soll gehen, – das muß gehen. – Klärchen schloß schnell die Thür hinter sich. Um Gottes Willen, Günther! rief sie: Du bist betrunken!

Betrunken? wiederholte Günther erschrocken und wollte sich in gewohnter Weise zusammennehmen, aber es ging nicht, er fiel zusammen und lallte wieder unverständliche Worte. Jetzt klopfte es an der Thür. Klärchen fragte, wer da sei.

Ich bringe den Thee, rief der Laufbursche, und Herr Reinhard will den Herrn Eduard sprechen.

Klärchen verließ die Stube, nahm dem Burschen den Thee ab und wechselte mit Herrn Reinhard einige Worte. Der schien die Fabel von dem Unwohlsein zu glauben und entfernte sich. Klärchen aber warf ihrem Mann einen Paletot um, setzte ihm den Hut auf und führte ihn, nachdem sie gelauscht, ob Niemand auf der Treppe und auf dem Flur sei, zum Hause hinaus. In ihrer Wohnung aber brachen ihre Angst und ihr Zorn in heftige Worte aus. Er glotzte sie mit starren Augen an und sagte kein Wort. Sie ward immer heftiger und verlangte, er solle sich zu Bett legen. Sie faßte ihn an, um ihn dahin zu führen, da machte er sich mit einem mal los, gab ihr einen tüchtigen Stoß und sagte grimmig: Sei ruhig und mach nicht solchen Lärm! Wer heißt Dich raisonniren? Hier, zieh meine Stiefeln aus! – Klärchen stand erschrocken, aber unmöglich hätte sie sich zu solchem erniedrigenden Dienst hergeben können. – Willst Du bald! rief er noch grimmiger, oder soll ich Dich gehorchen lehren? Dabei trat er dicht vor sie, starrte sie an und schüttelte mit seiner schweren Hand ihr Kinn gar unsanft. Klärchen schrie laut auf. – Allons! sagte er, warf sich auf einen Stuhl nieder und streckte ihr die Füße entgegen. Klärchen sah, daß mit dem betrunkenen Menschen nicht zu spaßen sei, daß sie Mißhandlungen erwarten könne, und entschloß sich zu der Arbeit, aber mit lautem Weinen. Er gab ihr noch einen Tritt mit dem Fuß, und schlug dann wieder mit beiden Fäusten auf den Tisch. Zehntausend Thaler! lallte seine Zunge, – zehntausend Thaler – und dann links um kehrt! – Klärchen hatte sich in eine dunkle Ecke gesetzt; er hielt noch ein langes Selbstgespräch, aber seine Worte wurden immer unverständlicher, bis er sein Haupt senkte und laut schnarchte.

Klärchen legte sich mit den Kleidern auf das Bett, aber an Schlaf war nicht zu denken, sie fürchtete sich vor ihrem Mann, es war ihr grausig mit ihm allein zu sein, in ihrer Hülfslosigkeit waren Thränen ihr einziger Trost. Sie weinte und weinte, bis sie vor Ermüdung einschlief.

Gegen Morgen wachte sie auf. Als sie die Thür nach der Wohnstube öffnete, regte es sich auch, ihr Mann tappte in der dunkeln, eiskalten Stube umher. Sie machte Licht; Günther sah sie scheu an, zugleich aber flogen seine Glieder vor Schwäche und Frost, er sah wirklich jämmerlich aus, und Klärchen hätte fast Mitleiden mit ihm gehabt; aber Zorn und Kummer überwogen jedes andere Gefühl. Auch war sie selbst von der entsetzlichen Nacht matt und elend. Gewiß wird er sich entschuldigen und wieder süße Worte machen, dachte Klärchen; aber das vergebe und vergesse ich nicht; ich werde es ihm sagen, wenn noch einmal Aehnliches passirt, gehe ich von ihm. Als sie schweigend nach dem Ofen ging, um Feuer zu machen, begann er zu reden.

Warum hast Du mich gestern hier in der Stube sitzen lassen?

Klärchen sah ihn verwundert an. Weißt Du, was gestern Abend passirt ist? fragte sie mit zitternder Stimme.

Freilich weiß ich das, und es ist schlecht genug von einer Frau, wenn der Mann krank und aufgeregt nach Hause kommt, ihn wie eine Xantippe zu behandeln. Du hast gelärmt und getobt, anstatt mich sanft zu beruhigen, wie es einer ordentlichen Frau zukommt.

Weißt Du denn, daß ich Dich herüber geholt habe? fragte Klärchen mit von Thränen erstickter Stimme, daß Herr Reinhard Dich sprechen wollte, daß die Kellner Dich höhnten wegen Deiner Betrunkenheit, und daß ich Dich nur heimlich fortgebracht habe?

Das weiß ich Alles! entgegnete Günther kalt. Das war sehr weise von Dir, Du hättest nur hier so fortfahren sollen.

Klärchen konnte nicht weiter reden, der Kummer schnürte ihr die Kehle zu. Er bereute also nicht einmal seine Unthaten, er klagte sie an. Das war das erste Mal, daß er im nüchternen Zustande unfreundlich war; jetzt mußte sie jede Hoffnung, ihn je anders zu sehen, aufgeben. Er legte sich zu Bett, sie mußte ihn bedienen, sie mußte die abgesandten Boten des Hotels abfertigen, und als später die Mutter kam, dieser ihre Stimmung verbergen. Sie hätte sich geschämt, ihr Unglück merken zu lassen; trotz ihrer Klugheit, trotz ihres Hochmuthes war sie jetzt eben so weit als die Mutter.

Nachdem das Ehepaar acht Tage nicht mit einander gesprochen, Günther sich fast gar nicht oder nur mürrisch gezeigt hatte, und Klärchens Augen fast nicht trocken geworden waren, schien er endlich wieder besserer Laune zu werden. Er brachte mehr Geld, denn auch das hatte sie in den letzten acht Tagen fast gar nicht gehabt. Er fing an zu schmeicheln, ja, sein Unrecht einzusehen, und Klärchen hielt es für das Beste, nicht zu unversöhnlich zu sein. So war äußerlich das Verhältniß wieder hergestellt, aber der Stachel saß in Klärchens Herzen, unmöglich konnte sie sich über ihr Schicksal noch leichtfertige Phantasien machen, die Wirklichkeit war zu sprechend.

Weihnachten kam, und Günther schien es darauf abgesehen zu haben, Klärchens leicht bewegliches Herz wieder ganz zu gewinnen. Der Weihnachtstisch prangte von schönen Sachen. Ein seidener Mantel, ein Sammethut, wie ihn nur die vornehmste Dame wünschen konnte, lagen darauf, und außer andern Kleinigkeiten auch ein Zwanzig-Thaler-Schein, um Kinderwäsche zu kaufen. Klärchen war guter Hoffnung. Auch Frau Krauter hatte Günther mit manchen hübschen Sachen bedacht, – so gab es nur fröhliche Gesichter.

Am Weihnachtsmorgen mußte Klärchen in die Kirche gehen, um ihren Staat zu zeigen. Dieser Triumph sollte nach den vielen trüben Tagen eine Erquickung sein. Aber hauptsächlich lag ihr daran, sich der Tante und Gretchen zu zeigen. Die hatten gegen die Mutter so manche bedenkliche Worte, auch wegen ihrer äußeren Lage, fallen lassen; darüber sollten sie beruhigt werden. Sie mußte freilich zu dem Pietisten in die Stephani-Kirche gehen, aber das war ihr gleich; des Wortes Gottes wegen ging sie doch nicht hin. Ja, in der letzten Zeit hatte sie sich noch mehr als je gescheut, an den Herrn zu denken; es überfiel sie zuweilen eine Ahnung, als ob die Worte der Tante Wahrheit werden und der Himmel ihren Leichtsinn strafen könnte. Heute war sie aber zu vergnügt, um so ernste Gedanken haben zu können.

Sie hatte eigentlich die Absicht gehabt, sich so in der Kirche zu setzen, daß sie von allen Seiten gesehen ward, aber im Hineintreten gewann ihr besseres Gefühl die Oberhand, sie schämte sich und setzte sich in eine entfernte Ecke. Als nun die Orgel in vollen Tönen die Kirche erfüllte, als viele hundert Stimmen sich damit vereinten, und »Vom Himmel hoch da komm' ich her« laut daher schallte, da ward es ihr wunderbar zu Muthe. Sie vergaß Mantel und Hut, und konnte es nicht lassen, die Worte aufmerksam mit zu lesen und zu singen:

Es ist der Herre Christ unser Gott,

Der will euch führ'n aus aller Noth,

Er will eu'r Heiland selber sein,

Von allen Sünden machen rein.

Er bringt euch alle Seligkeit,

Die Gott der Vater hat bereit't,

Daß ihr mit uns im Himmelreich

Sollt mit uns leben ewiglich.

Einen Führer aus aller Noth! ob du den auch noch nöthig haben wirst? dachte Klärchen. – O wie glücklich war ich unverheirathet! ein Tag immer heller und lustiger als der andere, die Welt so lachend, – warum bin ich nur in mein Unglück gelaufen? wer weiß, wie es mir noch gehen wird? und ich habe keinen Helfer aus der Noth. Der Heiland, den Tante Rieke und Gretchen haben, ist nicht dein Heiland, du kennst ihn nicht und magst ihn auch nicht kennen, setzte sie muthlos hinzu. Die Stimme des Predigers zog sie wieder von ihren Gedanken ab.

»Dies ist der Tag, den der Herr machet, lasset uns freuen und fröhlich darinnen sein,« so begann er die Rede. Das Evangelium folgte, dann redete er so warm und eindringlich vom Christkindlein, warum es herab gekommen von seinem hohen Himmel, was es uns gebracht, was es wieder von uns verlange, daß Klärchen unwiderstehlich seinen Worten folgen mußte. – »Wie groß und unaussprechlich ist die Gnade für uns arme Sünder, die wir so elend und so bloß, die wir im Dunkel des Todes sitzen und bangen vor dem ewigen Gericht, – unser Gewissen sagt es uns, daß das Gesetz den Stab über uns gebrochen, daß wir dem Zorne der Verdammung zugehören. Da erscheint ein Licht in der Finsterniß, ein Trost in der Angst, der liebe Heiland kommt, verkündigt uns Freiheit von allen Sünden, Erlösung von Tod und Hölle, giebt uns die Hoffnung der ewigen Seligkeit. O wie ist doch die Liebe so groß, o wie müssen wir ihr entgegen jauchzen! O du liebliches Kind in der Krippe, du kömmst in unsere armselige Welt, nimmst auf Dich alle unsere Schmerzen, stirbst für uns den bittern Tod, den Tod am Kreuze. Du kommst, Du suchst mich, Du kannst es nicht lassen, mich armen elenden Sünder an Dein Herz zu nehmen. O so nimm mich denn hin, umfasse mich, halte mich, ich will Dein sein auf ewig!« –

Klärchen war ergriffen, so etwas hatte sie noch nie gehört. Oder hatte sie nicht hören wollen? war ihr Herz hart gewesen, und hatte der Herr es jetzt weich gemacht? Ja, der Herr kann Gnade geben, wie es ihm beliebt, und aus Gnaden sollen wir selig werden. – Doch bestürmten heut auch heiße Fürbitten seinen Thron. Fritz Buchstein hatte oben vom Chor Klärchen erkannt, und hatte Segen für sie, für diesen Gang vom Himmel herab gefleht. Gretchen und ihre Mutter saßen auch nicht fern und mit brünstigem Gebet flehten sie des Herrn Geist auf das verlassene Klärchen.

Als diese zur Kirche hinaus ging, kam sie mit der Tante zusammen. Sie schämte sich fast ihres Weihnachtsstaates, und mit einem sanften und demüthigen Ausdruck, wie ihn Niemand an ihr gewohnt war, bot sie den Verwandten einen guten Morgen und ein fröhliches Fest. Die Tante und Gretchen reichten ihr Beide freundlich die Hand. Klärchen ging im Gespräche, aber sehr verlegen, neben ihnen her, bis vor Bendlers Haus. Beim Abschied sagte sie: Ich habe Euch längst besuchen wollen, und wenn Ihr es erlaubt, komme ich bald. – Bei den letzten Worten traten ihr die Thränen in die Augen und sie eilte hinweg.

Am Sylvester-Abend ließ man bei Frau Bendler wieder Schiffchen schwimmen, Gretchen aber war ohne Angst, daß sich ihr Schiffchen mit Fritzens vereinigen möchte; sie war fröhlich und guter Dinge, es ward erzählt und gescherzt und auch ernsthaft gesprochen und gelesen und gesungen und gebetet, bis der Wächter das neue Jahr verkündete.

Bei Günthers sah es anders aus. Seit Weihnachten schon war er in ganz besonders fröhlicher Aufregung, und am Sylvestermorgen sagte er zu Klärchen: Heut muß es hoch bei uns hergehen, es wird der letzte Sylvester sein, den wir hier verleben, wer weiß, wo wir im künftigen Jahre sind! Wohl in weitläuftigeren Räumen, und Du hast Kuchen und Zucker nicht selbst zu holen. Aber heut hole ihn nur! – Dabei legte er einen Fünfthalerschein auf den Tisch. – Hole nur Alles, was zu einem feinen kalten Abendbrod nöthig ist, und dann sei eine vernünftige Frau. Ich sehe nicht ein, – wenn ich mich alle Tage vom Morgen bis Abend quälen muß, will ich auch mein Vergnügen haben. – Ist denn das was so Schlimmes, wenn es mal ein Paar Stunden drunter und drüber geht? Sieh die Frau Rendantin an, die lacht, wenn ihr Mann ein Bißchen angetrunken ist, läßt ihn den Rausch ausschlafen und dann geht das Leben wieder seinen gewöhnlichen Gang. Man ist darum kein Trinker, aber bei besonderen Gelegenheiten sich an einem Gläschen Wein erfreuen, ist wohl erlaubt.

Klärchen sah ein, wenn sie allen Zank und Streit vermeiden wollte, müßte sie sich in diese Theorien fügen, und wollte es einmal in Güte versuchen. Auch hatte die Mutter das Gespräch mit angehört, und war ganz auf des Schwiegersohnes Seite. Klärchen hat zu viel Romane gelesen, sagte sie weise, sie hat sich vom Leben sonderbare Bilder gemacht, denkt alle Menschen sollen Engel sein, und sie ist doch selbst kein Engel. – Günther stimmte lachend ein, und es war sehr gute Stimmung im Haus.

Die Gäste kamen; erst ging es scheinbar sehr fein und anständig her, doch Frauen und Männer wurden gemüthlicher, dann lebhafter und lebhafter und das neue Jahr ward mit tollem Lärmen begrüßt.

Nur Klärchen war schweigsam, so viel sie auch von den Andern geneckt und gereizt ward. Sie gab Unwohlsein vor, was in ihrem Zustande sehr glaublich schien. Im Grunde aber ekelte sie dies rohe Wesen an, ihre Natur war zu edel, um sich in solcher Gemeinheit wohl zu fühlen. Ihr leichtfertiger Sinn hatte wohl nach Lust und Vergnügen, nach vornehmen und hohen Dingen gestrebt, hatte sich auch schlechter Mittel dazu bedient; aber die Gesellschaft, in der sie sich jetzt befand, diese Art und Weise zu leben, konnte ihr durch kein Schlaraffenleben angenehm gemacht werden. Auch war sie in der letzten Woche sehr nachdenklich gewesen. Der Kirchgang am Weihnachtsmorgen, die Gefühle, die er angeregt, hatten seine Weihe ausgegossen auch noch über die nächsten Tage; eine Unruhe hatte sie erfaßt, daß sie selbst nicht wußte, wie ihr war; aber das fühlte sie, in Essen und Trinken, in schönen Kleidern fand sie die Befriedigung dieser Unruhe nicht.

Als der Rendant sein Maaß getrunken hatte, und die anderen Männer auf dem Höhepunkte der Ausgelassenheit waren, da verfügte die Frau Rendantin die Auflösung des Gelages und Niemand hatte etwas dagegen. Günther legte sich ohne Weiteres zu Bette, schlief seinen Rausch aus, und als er am anderen Morgen bleich und mit zitternden Händen kaum die Kaffeetasse halten konnte, demonstrirte er seiner Frau, wie unschuldig ein solches Vergnügen sei, und wie es nur auf die Frauen ankäme, daß die Männer vernünftig blieben, und so mehr. Klärchen schwieg, die Erinnerung an den gestrigen Abend und der zitternde Mann vor ihr waren ihr schrecklich, und immer und immer wieder mußte sie an den verlebten Sylvesterabend bei Tante Rieke denken, an Fritz Buchstein – welch ein Mann er war gegen die Männer, die jetzt in ihre Nähe kamen, wie getrost und ruhig Gretchen sein konnte, das hausbackene Gretchen, und wie sie selbst trotz des seidenen Mantels und des Sammethutes in Angst und Schrecken lebte. Daß die Zukunft ihr nichts Besseres bringen könne, war sie sicher. Ja, ihr bangte vor dieser Zukunft, und das bitterste Gefühl dabei war, daß sie ihr Schicksal selbst verschuldet. Wie sie jetzt noch sich retten könne, wußte sie nicht; an den Helfer und Retter dort oben sich zu wenden, fehlte ihr Glauben und Muth; ihr Leben war nun einmal so, sie mußte sehen, wie es abliefe.

Der Januar ging Klärchen mit Nähen von Kindersachen sehr schnell dahin, sie lernte da einen Genuß kennen, der ihr ganz neu war, den Genuß des Stilllebens und des Fleißes. Ihre Gedanken waren bei dem Kindchen, das einst in diesen Kleidern stecken sollte, und süße Freude durchströmte ihr Herz. Diese Freude des Stilllebens aber sollte ihr nicht lange bleiben. Günther, der in der freudigen Aufregung, in der er sich seit Wochen befand, öfter als je eine Flasche guten Weines trank, that das in seiner eigenen Wohnung, um ungestört und sicher seinen Rausch auskuriren zu können. Oft ging das ganz still ab, oft aber tobte er und lärmte und Klärchen hatte Mühe und Noth, ihn zur Ruhe zu bringen. So war es Anfang Februars geworden. Seit acht Tagen war Klärchen unwohl und die Mutter Tag und Nacht bei ihr, um die Hausarbeit zu verrichten, daneben aber auch um den oft angetrunkenen Schwiegersohn zu bedienen. Sie verstand das besser als die Tochter, sie hatte Erfahrung darin von ihrem verstorbenen Manne her, und ihr Gefühl war abgestumpft. Er dagegen war erkenntlich auf jede Weise gegen sie, und darum redete sie immer gegen die Tochter das Wort für ihn, entschuldigte ihn und beschönigte sein Laster, wo sie nur konnte. Zur Fastnacht bestimmte Günther, trotzdem Klärchen erst wieder einige Tage aus dem Bett war, eine Gesellschaft, und zwar wollte er für diesmal nur die Herren haben. Klärchen war es zufrieden, sie konnte mit der Mutter in der Schlafstube bleiben, und der Anblick von den betrunkenen Männern wurde ihr erspart. Daß es wild hergehen würde, war vorauszusehen.

Und es ging wild her, wilder als da die Frauen dabei gewesen. Klärchen ward angst und bange, wenn sie das Toben und Brausen im Nebenzimmer hörte, und die Mutter hatte genug zu beruhigen. Aber selbst diese machte bald ein bedenkliches Gesicht, denn Teller und Gläser klirrten durch einander, und das Geschrei war nicht mehr das des Uebermuthes, sondern das des Zornes. Beide Frauen stürzten heraus, zwei Männer gingen eben zur Thür hinaus, der Rendant lag an der Erde, und Günther schlug mit beiden Fäusten auf ihn los. Klärchen versuchte es seine Arme fest zu halten, denn schon floß Blut über des Rendanten Stirn, die Mutter war dem Blutenden behülflich sich aufzurichten, und mit Hülfe beider Frauen kam er zur Thür hinaus. Jetzt aber richtete sich die Wuth des Betrunkenen auf Frau und Schwiegermutter; blindlings schlug er zu, und beide konnten sich nicht schnell genug in die Schlafstube flüchten. Dem Riegel waren seine Kräfte nicht gewachsen und er begnügte sich jetzt, seine Tobsucht an Gegenständen in der Stube auszulassen. Klärchen saß weinend und mit blutender Nase, – dahin gerade war ein Faustschlag gefallen. Die Mutter hielt ihr schweigend das Waschbecken vor. Diese Mißhandlungen wußte sie freilich nicht zu entschuldigen. Ja sie mußte es jetzt geduldig hören, wie Klärchen sie mit Vorwürfen überschüttete, das Laster ihres Mannes so beschönigt zu haben. Klärchen machte in ihrer Heftigkeit viele Pläne. Jedenfalls wollte sie von dem Manne, vor dessen Mißhandlungen sie keine Minute sicher sei. Sie wollte wieder Schneiderin werden, wollte lieber Salz und Brod essen, und so weiter. Sie ließ sich endlich von der Mutter bereden, sich zur Ruhe zu legen, und da Günther nebenan laut schnarchte, konnten sie für jetzt ruhig sein.

Am andern Morgen selbst konnte Klärchen den Mann nicht sehen, die Mutter aber wollte neutral bleiben und wenigstens für eine warme Stube und für Kaffee sorgen. Günther sah sie mit bösem Gewissen an; er hatte wohl eine Ahnung von dem, was er gestern gethan, aber Worte der Versöhnung wollte er nicht sprechen. Er fand es viel bequemer, die Schuld auf beide Frauen zu schieben. Künftig sollten sie ihre Nase nicht in Sachen stecken, die sie nichts angingen, der Rendant hätte ihn schändlich beleidigt und seine Prügel verdient. So ungefähr sprach er. Die Mutter konnte es doch nicht lassen, ihn an Klärchens Zustand zu erinnern, und außerdem, daß sie solche Behandlung nicht gewohnt sei. Günther aber ließ sich auf nichts ein, er war grob und wegwerfend und wollte sein Betragen als ganz gerecht hinstellen. Klärchen hörte durch die offene Thüre jedes Wort, und ihr Herz wollte brechen. Mit dem Mann konnte sie nicht zusammen bleiben. Aber wie von ihm los kommen? Sie hatte ja Niemand in der Welt, der ihr rathen und helfen konnte. An Tante Rieke dachte sie; aber hatte die sie nicht gewarnt und ihr Unglück vorhergesagt? Zu der wagte sie sich nicht. Aus Furcht auch hatte sie den am Weihnachtsmorgen versprochenen Besuch von Woche zu Woche aufgeschoben, und, da sie die Entschuldigung gehabt, daß ihr Mann es verboten, sich dabei beruhigt.

Jetzt kamen für Klärchen trübe Tage. Daß Günther sich fast gar nicht bei ihr sehen ließ, war ihr ganz recht, aber sie war doch zu verlassen, selbst die Frau Rendantin und die anderen Frauen hatten sich seit dem Fastnachtsabend zurück gezogen. An Gelde fehlte es ihr oft, aber zum Glück war die Mutter immer bereit, Günthern etwas abzubetteln; so waren sie wenigstens nie in äußerer Noth. Dies letzte hob die Mutter immer besonders als Trost hervor. Dein Mann ist wohlhabend und darum hat er seine Eigenheiten, die Du tragen mußt. Dein Vater hat mich weit schlechter behandelt, und dabei wußt' ich nicht, wovon ich uns satt machen sollte. Du kannst in allen Stücken ohne Sorgen leben und brauchst die Hände nicht zu rühren. – Klärchen entgegnete, sie wollte lieber Salz und Brod essen, ja verhungern, als solche Behandlung dulden und überhaupt solch ein Leben führen. – Du wohl! sagte dann die Mutter wieder, aber Dein Kind? Ich kenne das, ich habe auch so gesprochen; wie ich Dich aber erst hatte, und wie ich schwach und elend wurde, da kriegt' ich andere Gedanken. – Ja, das Kind! seufzte Klärchen. – Und das war es auch, was sie geduldig machte. Wohin sollte sie mit dem Würmchen? Sie hätte kaum sich allein ernähren können, wie sollte sie dazu das Kind noch pflegen und ernähren? Sie verschluckte darum manchen Aerger, sie gewöhnte sich sogar, freundlich zu scheinen, weil sie merkte, daß so mit Günther noch am besten fertig werden war. Daß er oft schimpfte, sie auch wohl in der Betrunkenheit stieß, mußte sie sich gefallen lassen.

In der Kirche war sie einmal wieder gewesen, in der trübsten Zeit, bald nach Fastnacht. Und zwar in die Stephani-Kirche zog es sie. Der wunderbare Eindruck von Weihnachten war ihr wieder vor die Seele getreten. – Aber der Prediger sprach diesmal sehr ernst. Er schilderte die Leiden unseres Herrn und Heilandes, die er erduldet, um uns arme elende Sünder zu erlösen vom ewigen Tode. Dann sprach er vom Zustande eines unbekehrten Sünders, von seiner Angst und Unruhe in der Gegenwart, von der Strafe und dem Gerichte der Zukunft. – Klärchen ward durch diese Predigt so ergriffen, daß sie sich mehrere Tage nicht beruhigen konnte und froh war, als die Zeit den Eindruck zu verwischen schien. Sie war seitdem nie wieder in der Kirche gewesen.

Der Winter verging, der Frühling kam mit seinen schönen Tagen, wo die Luft lau, wo die Veilchen blühen, die Lerchen singen und die Saaten grünen. Klärchen sah von alle dem nicht viel. Um die Freuden der schönen Natur zu genießen, war sie nie gewohnt spazieren zu gehen, und in Kaffeegärten führte sie Günther nicht mehr; er schämte sich ihrer Schwerfälligkeit und ging lieber allein seinem Vergnügen nach. Das war freilich auch anders, als sich Klärchen in romantischen Phantasien die Liebe ihres Mannes gedacht hatte; gerade in diesen Zuständen wollte sie mehr als je auf Händen getragen und vergöttert werden. Aber die gewöhnliche Flitterliebe ohne den wahren festen Grund im Herzen hält nicht weiter hinaus.

Eines Sonnabends Abends –, es war Anfangs Mai –, da saß Klärchen am offnen Fenster und schaute auf die rein gekehrte Straße und sah dem fröhlichen Spiel der Kinder zu. Eine Nachbarin drüben kam eben mit zweien von einem Spaziergange zurück. Sie waren ganz mit Blumen beladen. Weißdorn, Primeln und Tulpen blühten lieblich in den kleinen Händen. Klärchen ward bewegt von diesem lieblichen Anblick. Wenn du erst ein Kind hast, dachte sie, gehst du auch mit ihm spazieren, pflückst ihm Blumen, machst ihm Kränze. Ihr Herz schlug froh bei diesen Bildern, und überhaupt hing das Glück ihrer Zukunft jetzt eben so leidenschaftlich an dem Kinde, das sie unter ihrem Herzen trug, als früher an anderen Phantasiegebilden. – Doch spazieren gehen könntest du zuweilen auch ohne Kind und dir so schöne Blumen holen! Ja, heute war es zu schön! sie nahm Hut und Umschlagetuch und wanderte zum Thore hinaus.

Ihr Weg führte sie zu einem Gärtner, einem weitläufigen Verwandten, den sie in ihrer Jugend, ehe sie in Kaffeegärten und Conzerte ging, oft mit der Mutter, mit Tante Rieke und mit Gretchen besucht hatte. Es war ihr wohl, wie lange nicht, zu Sinne, als sie dem Grasrain entlang der blühenden Weißdornhecke entgegen ging. O wie die Lerchen dem blauen Himmel entgegen jubelten, und Duft und Lieblichkeit überall und tiefer Frieden! – Sie trat in den Garten. Lichtblaue Irisstreifen begrenzten die Rabatten, vor dem Haus blühten Tulpen, blaue Männertreue, Ranunkeln und Hyazinthen. In den blühenden Bäumen, dem jungen Grün der Spiräen und Flieder hüpften und sangen Vöglein, und hoch drüber in einem knospenden Kastanienbaume schlug eine Nachtigall in langen, weichen, gehaltenen Tönen. O wie schön ist des lieben Gottes Welt! mußte Klärchen sagen und seufzend hinzusetzen: wenn er doch auch dein lieber Gott wäre! Sie wollte in einen Seitenweg einbiegen, trat aber erschrocken zurück, – in einer Fliederlaube saßen Fritz und Gretchen traulich neben einander. Fritz hatte seinen Arm um Gretchen geschlungen und schaute ihr warm in die Augen, diese hatte einen weiß blühenden Spiräenzweig um das Haar geschlungen und sah ganz wie eine Braut aus. Jetzt erst dachte Klärchen daran, daß morgen Gretchens Hochzeitstag war. Das bewegte sie sehr. Sie suchte sich in dem Bosquet einen einsamen Platz und ließ den Thränen freien Lauf. Nicht aus Neid weinte sie, nein, aus Reue und Kummer über das eigene Unglück. Wie glücklich mußte Gretchen sein, zur Seite solch' eines rechtschaffenen Mannes! Ja, Rechtschaffenheit geht über alle Galanterie, dachte sie jetzt. Wenn ich auch rechtschaffen und fromm sein könnte, vielleicht ginge es mir dann besser. Wie fange ich es aber an? Ich weiß es nicht. Und ob mir der liebe Gott helfen kann? ich weiß es auch nicht. Wer soll mir rathen? Wenn ich an die Fastenpredigt denke, wird mir angst, ich kann sie immer nicht vergessen, und kann mir doch auch nicht helfen. – Sie schlich sich aus dem Garten, brach sich einige Weißdornzweige von der Hecke und ging mit weichem Herzen und feuchten Augen durch den dämmernden Abend. Morgen früh wollte sie in die Stephani-Kirche gehen; und wenn sie auch morgen keine Lust dazu haben sollte –, denn sie kannte den Wechsel ihrer Stimmungen –, sie wollte doch gehen und wenigstens dem lieben Gott dies Versprechen halten.

Und sie hielt Wort und nahm ihren alten Platz in der Stephani-Kirche ein. Der Prediger hielt diesmal eine Frühlingspredigt, er schilderte so warm die Liebe und Freundlichkeit des Herrn und die Schönheit des Frühlings, und knüpfte daran den Frühling einer Seele, die auch dem Herrn entgegenblüht und sprosst und nur von seinem Segen und Gnadenschein Gedeihen erwartet. Klärchen ward durch diese Predigt viel getröstet und gestärkt. Der Herr ist sehr freundlich und gütig gegen die Menschen, vielleicht erbarmt er sich auch deiner und wendet noch das selbstverschuldete Unglück von deinem Leben ab. Er ladet alle Sünder ein, er wird auch dich nicht zurückstoßen! Aber wie sollst du es anfangen, zu ihm zu kommen? Und wie soll er dir helfen? – Klärchen meinte, wenn sie an Hülfe dachte, immer nur die äußere, sie fühlte, daß Günther einem Abgrund entgegen ging, in den er sie mit hinein ziehen würde. Angst in der Gegenwart, Furcht vor der Zukunft trieb sie Hülfe zu suchen, und da sie recht gut wußte, daß ihr Menschen nicht helfen konnten, wollte sie es mit dem Himmel versuchen. Die Predigt heut machte ihr neuen Muth dazu, und der Prediger, der so mild und liebreich geredet, hatte ihr ganzes Herz gewonnen; ihm näher zu kommen und sich ihm anzuvertrauen, war ihr höchster Wunsch. Menschen wußte sie außerdem nicht, die ihr hätten rathen können; der Tante Rieke ernste Reden und Ermahnungen hatte sie stets mit Gleichgültigkeit, Widerspruch und Lachen aufgenommen; der ihr Unglück aufzudecken und ihr Unrecht zu gestehen, fühlte sie eine unüberwindliche Scheu.

Als der letzte Vers gesungen war, leerte sich die volle Kirche, nur im Chor sammelte sich eine kleinere Anzahl, um das Brautpaar trauen zu sehen. Auch Klärchen trat hinzu, aufrichtige Theilnahme an Gretchens Schicksal veranlaßte sie dazu. Freilich kamen ihrem Herzen gar sonderbare Gedanken. Wo Gretchen steht, könntest du auch stehen, und was ist das für ein Mann! Sie hatte ihn immer schon bewundert und zu gut gefunden für Gretchen, aber in ihrer eignen Thorheit war sie verblendet und hatte seines Herzens Sprache mit Verachtung erwidert. Jetzt stand er da, so schön und männlich, mit so mildem, liebevollem Ausdruck. Klärchen traten die Thränen in die Augen und ihr Herz war so bewegt. Als der Prediger die Versammlung aufforderte, für das junge Paar mit zu beten, faltete sie die Hände und brachte zum erstenmal in ihrem Leben etwas wie ein ernstliches Gebet vor den Herrn. Als beim Hinausgehen Fritzens Augen ihrem weichen, theilnehmenden Blicke begegneten, fuhr ein freudiger Schreck in sein Herz, und wenn er dies Herz auch ganz und gar seinem Gretchen geschenkt, so war es doch immer, als ob er Klärchens Seele mit auf seiner Seele tragen müsse. Die heißen Gebete seiner Jugend konnte er nicht verloren geben.

Klärchen dachte darauf, wie sie Bekanntschaft mit dem Prediger machen könne. So geradezu hinzugehen war ihr unmöglich, es mußte sich eine Gelegenheit darbieten, und diese hoffte sie am leichtesten in der Taufe ihres Kindes zu finden. Zu Günther sprach sie noch nicht davon, obgleich sie fühlte, ein jeder Prediger würde ihm gleich sein. Sie fürchtete doch seinen Widerspruch und wollte eine gelegenere Zeit abwarten. Aber mit trostvollen Hoffnungen und Plänen beschäftigte sie sich in den stillen Wochen bis zur Geburt ihres Kindes.

Ende Juni genas sie glücklich eines kleinen Mädchens. Günther war sehr erfreut und sehr aufmerksam gegen Mutter und Kind. Klärchen hatte zwar schon in den Wochen vorher eine freudige, wenn auch oft unruhige und zerstreute Stimmung an ihm bemerkt, jetzt kam aber unzweifelhaft die Freude an ihr und dem Kinde dazu. Sie war schöner erblüht als je, und das Kind hatte die großen, blauen Augen und feinen Züge der Mutter. Günther war aufmerksam wie in den ersten Tagen seiner Liebe, schöne Geschenke brachten seine Hände und schmeichlerische Worte entglitten seinem Munde, ja, in einer einsamen Stunde bat er sie sogar um Verzeihung wegen der Vergangenheit und versprach ihr eine goldene Zukunft. Er deutete dabei an, daß sie bald ihren Wohnsitz ändern würden, und forschte dann, wie alt wohl ihr Kindchen sein müsse, um mit ihm eine weitere Reise zu unternehmen. Klärchen hätte sich jetzt ganz glücklich träumen können, aber die gemachten Erfahrungen ließen sich nicht aus ihrem Gedächtniß verwischen; auch waren Günthers Augen zuweilen so unstet, seine Worte so geheimnißvoll, daß sie Angst vor seiner Nähe hatte. Als das Kind fünf Wochen alt war, ward es in der Stephani-Kirche getauft, Günther hatte nichts dagegen, er hörte kaum hin, als ihm Klärchen den Vorschlag machte. Aber daß Gretchen Gevatter stehen sollte, schlug er rund ab, er wollte mit den Leuten nichts zu thun haben. Nur das setzte sie durch, daß die Kleine Gretchens Namen bekam.

Zu Klärchens Geburtstag war das kleine Gretchen sechs Wochen alt, und lag süß schlummernd neben der Mutter in der Wiege. Vor dem Sopha stand der Geburtstagstisch, den Günther am Morgen mit Kuchen und Blumen geschmückt. Außerdem hatte er ihr 30 Thaler in Scheinen geschenkt mit dem geheimnißvollen Bemerken: sie sorgsam zu bewahren; sie würde bald Gebrauch davon machen müssen. Klärchen hatte schon zu oft solche Bemerkungen gehört, und hatte das Geld, ohne weiter darüber zu forschen, in ihr Nähkästchen geschlossen. Jetzt war es bald Abend, sie saß am offnen Fenster, die Luft in der Stube war ihr zu eng geworden, aber auch außen war es nicht besser, es war ein schwüler Tag gewesen. Klärchen hatte ernsthafte Gedanken, sie war plötzlich so weit glücklicher als früher, Günther wie umgewandelt, – sollte der liebe Gott wirklich ihre Gebete erhört haben? Ihr Herz war dankbar gestimmt, und sie machte sich das Gelübde, fromm und rechtschaffen zu werden, knüpfte daran aber unwillkürlich die Bedingung des Glücklichseins, und dies Glücklichsein suchte sie immer noch in äußeren Dingen.

Verwundert sah sie mit einemmal Herrn Reinhard mit noch zwei Männern aus dem Hotel und eilig zu ihr hinüber kommen. Erstaunt ging sie ihnen entgegen. Herr Reinhard fragte ernsthaft nach ihrem Manne.

Ich meine, er ist drüben, sagte Klärchen unbefangen, und erwarte ihn jeden Augenblick. Es ist heut mein Geburtstag, fügte sie, indem sie auf den Festtisch zeigte, hinzu, und er wollte noch mit mir spazieren gehen.

Der Schurke! murmelte Reinhard, und Klärchen fuhr erschrocken zusammen. Sie müssen erlauben, daß wir den Sekretair öffnen, fuhr Reinhard fort, und sogleich machte er sich mit Hauptschlüsseln an das Werk.

Klärchen bat den Herrn Reinhard mit Thränen, ihr zu sagen, was vorgefallen, und Herr Reinhard erzählte nicht mit den feinsten Worten, wie Günther ihn wenigstens um zehntausend Thaler betrogen, wie er schändlicher Weise sein Vertrauen gemißbraucht, seine Handschrift nachgemacht, sein Siegel benutzt, falsche Wechsel ausgestellt, und jetzt wahrscheinlich nach Amerika gegangen sei. Klärchen, überwältigt von diesen Nachrichten, saß laut jammernd neben der Wiege, Frau Krauter kam dazu, jammerte mit und vermehrte die Verwirrung. – Im Schranke fand man nichts. Klärchen erzählte, daß Günther vor kurzer Zeit viele unnütze Papiere, wie er sie genannt, verbrannt habe. Während sich zu den genannten Personen noch Wirthsleute und Mitbewohner des Hauses eingefunden hatten, und das kleine Gretchen, vom Lärmen aufgeweckt, laut dazwischen schrie, kam der Postbote und brachte einen Brief für Klärchen. Hastig erbrach sie ihn und las:

Liebes Klärchen! Ich schreibe in großer Eile. Wenn Du diese Zeilen liest, bin ich bald in Hamburg und besteige gleich nach meiner Ankunft ein Dampfschiff, das mich nach London und dann weiter nach Amerika bringt. Packe schnell Deine Sachen, Deine Ausstattung kann Dir Niemand streitig machen, und komm nach Hamburg mit unserem kleinen Gretchen. In der Vorstadt St. Pauli Nr. 10. wirst Du, wenn Du Deinen Namen sagst, freundlich aufgenommen, wirst alles Uebrige erfahren und eine bequeme Ueberfahrt nach Amerika haben. Ich beschwöre Dich, laß mich nicht im Stich, ich kann nicht leben ohne Dich und ohne unser liebes Kind, ich werde Dich mit offenen Armen empfangen und in unser Hotel führen, da sollst Du fürstlich leben und die Bettelwirthschaft, die Dich jetzt drückte, bald vergessen. – Du kommst! ich zweifle nicht und bin ewig Dein Eduard Günther.

Klärchen ließ es willenlos geschehen, daß auch Herr Reinhard den Brief nahm und las. Er ward noch zorniger, als er erfuhr, daß der Betrüger ihm entgangen sei, und fragte Klärchen mit beißenden Worten, was sie zu dem Vorschlag sage. Diese erklärte, sie wolle lieber mit ihrem Kinde verhungern, als dem Manne folgen. Als Herr Reinhard merkte, daß Klärchen ganz unwissend in der Sache sei, als er ihren Schmerz darüber sah, ward er etwas milder gegen sie gestimmt, aber die Wohnung mußte sie räumen und die ganze Einrichtung ihres Haushaltes zurücklassen, denn sie konnte nicht leugnen, daß Günther Alles angeschafft hatte; nur ihre eigenen Kleidungsstücke und Leibwäsche, das Bettchen und Zeug des Kindes nebst einigen Kleinigkeiten wurden ihr mitzunehmen erlaubt.

Klärchen saß wieder in der kleinen Stube ihrer Mutter. Die zwei Jahre ihrer Abwesenheit waren ihr wie ein Traum, ein Traum, der in Lust und Herrlichkeit begonnen und geendet in Jammer und Noth. Dem schwülen Tage war ein Gewitter gefolgt, das jetzt in einen leisen Landregen endete. Die Mutter war trotz des Regens ausgegangen, um Einkäufe zu machen, denn ihr Haus war ganz leer; und seitdem ihr Klärchen die 30 Thaler im Nähkästchen gezeigt, war sie guten Muthes. Sie lebte nur in der Gegenwart und sagte, wenn es ihr gut ging: der liebe Gott wird weiter sorgen. Denn sie führte den lieben Gott wenigstens im Munde, wenn sie ihn auch nicht im Herzen hatte. Klärchen war nicht guten Muthes, sie saß in der dämmernden Stube am Fenster, sah auf die grauen, naßgewaschenen Häuser und auf die fallenden Tropfen, und ihre Augen tropften ebenfalls. Was werden die Nachbarn sagen, dachte sie, wenn sie dich hier wieder sehen, und nun in Schande und Noth; was Gustchen Vogler, die sie manchmal in ihrer vornehmen Wohnung besucht und ihr Loos gepriesen und beneidet hatte? Was wird Tante Rieke sagen, die ihr das Alles vorher gesagt? Aber Mitleiden wird sie doch mit dir haben. Hat sie doch neulich ganz freundlich zur Mutter von Klärchen gesprochen, hat sich gefreut, daß sie ihr kleines Mädchen Gretchen genannt hat, und daß sie Klärchen einigemal in der Stephani-Kirche gesehen. Ja, die Stephani-Kirche! – dachte Klärchen weiter, es hat dir auch nichts geholfen; der liebe Gott hat deine Gebete nicht erhört, er hat dir die Strafe für dein früheres Leben bald geschickt, er ist ein strafender Gott. Klärchen konnte nicht zu ihm aufsehen, aber ihr vergangenes Leben ging jetzt vor ihrer Seele vorüber, die zwei letzten Jahre kamen ihr wie ein langes Leben vor. Es war jetzt Jahreszeit, als Fritz Buchstein zurückkam, als sie mit Geringschätzung auf ihn schaute und um den Studenten buhlte. Was hätte sie denn gehabt, wenn sie den errungen? O sie wußte jetzt, daß rohe, gottlose Männer eben so gegen ihre Frauen sind, wenn sie auch in den Liebesmonaten eine sanfte Sprache führen. Sie hatte es erfahren, daß schöne Kleider und ein vornehmes, bequemes Leben keine Freude sind, wenn das Herz an Kummer und Verdruß zehren muß. Sie dachte weiter an ihr Leben bei der Generalin, wohin der Leichtsinn sie dort geführt, und hielt beide Hände vor das Gesicht vor innerer Schaam. Wie ganz anders dachte sie jetzt über den Grafen, diesen leichtfertigen, wortbrüchigen Menschen, der sie beinahe in den Abgrund getaumelt. Ja, sie fühlte so etwas wie Fügung Gottes, daß sie vor noch tieferem Fall und äußerster Schande bewahrt geblieben. Mit welchem Leichtsinn aber hatte sie sich ihrem Manne in die Arme geworfen! Sie hatte gewußt, daß er leichtfertig, ja sie zweifelte eigentlich nicht an der Tante Aussage, daß er schlecht und herzlos sei; aber sie meinte damals, wenn es ihr äußerlich wohl ginge, wäre sie glücklich. Und wie unglücklich und trostlos hatte sie sich an seiner Seite gefühlt, wie war jetzt ihre ganze Zukunft zerstört! Ob dir der liebe Gott dennoch helfen könnte? kam ihr ein heller Gedanke in der Nacht ihres Herzens. Die Tante hatte oft gesagt: Aeußere Noth ist kein Unglück, der Herr kann uns dabei doch Frieden und Freude schenken. Sie schaute auf ihr Gretchen, das so sanft in der Wiege schlief, und fühlte eine Ahnung höherer Freude, als alle irdischen Genüsse ihr bis jetzt geboten. Für das Kind leben, arbeiten, das soll mein Trost sein! O wie süß es jetzt seine Aermchen streckte und dehnte und seine Aeuglein aufthat! Klärchen nahm das Kind an ihre Brust und vergaß allen Kummer. Sie nahm sich vor, alle Schaam zu überwinden und morgen gleich neue Kundschaft als Schneiderin zu suchen, die dreißig Thaler wollte sie sparen und für Nothfälle aufheben, damit es ihrem Kinde nie am Nöthigsten gebräche.

Aber es sollte anders sein. Klärchens noch zarte Gesundheit war von den letzten Stürmen so erschüttert, daß sie am anderen Morgen ihr Bett nicht verlassen konnte; ja, nach einigen Tagen hatte sich ein so heftiges Nervenfieber entwickelt, daß sie besinnungslos dalag. So vergingen vierzehn Tage, sie wußte nichts davon, wenn man ihr das Kind an die Brust legte, sie wußte nicht, daß Tante Rieke und Gretchen oft pflegend an ihrem Bette saßen, sie hörte nichts von den Todesbefürchtungen, die der Arzt in ihrer Nähe aussprach. Endlich kam die glückliche Krisis, Klärchen erlangte ihr Bewußtsein wieder, die Tante und Gretchen nahten sich ihr vorsichtig; Klärchen konnte vor Schwäche nicht reden, aber lächelte dankbar. Man mußte ihr das Kind zeigen, sie nahm es an ihr Herz, sie war so glücklich und fühlte einen Himmel in diesen Umgebungen. Von Tage zu Tage ward sie kräftiger und fühlte sich bald wie neugeboren.

Aber auch für ihre Seele begann ein neues Leben. Eine Genesungszeit ist oft eine segensreiche, da ist der Boden locker und der Same findet eine gute Statt. Frau Bendler wußte das, und benutzte es. Sie sprach ihr Trost und Muth zu; Klärchen hörte gern, denn kein Vorwurf, kein hartes Wort traf ihre Vergangenheit, nur der Gegenwart, der Zukunft sollte sie jetzt leben. Auch der Stephani-Prediger kam, sie hatte der Tante von ihrer früheren Sehnsucht nach ihm gesagt. Warm und eindringlich sprach er von der Liebe und Gnade unseres Herrn, und seine Worte machten immer tieferen Eindruck auf Klärchens Herz. Ja, der Herr gab dem Samen, der hier gesäet wurde, ein gnädiges Gedeihen. Klärchen lernte ihren Heiland kennen, sie fühlte, daß sie trotz ihrer vielen Sünden sich ihm doch nahen dürfe, sie fühlte, daß alle Lust und Herrlichkeit der Welt nichts ist gegen den Frieden, den er uns beut. Dieser Frieden ward nur gestört durch die Erinnerung an die Vergangenheit. Ihre Schuld kam ihr oft gar groß vor, aber wenn sie sah, wie die Tante und Gretchen, schwache Menschen wie sie selbst, ihr nur mit Liebe und Theilnahme ihren Leichtsinn, ihre Lieblosigkeit und Verspottung vergalten, wie vielmehr mußte sie bei dem Herrn Verzeihung finden. Ja, der Herr nimmt an ihr reuevolles Herz. Aber auch allen Menschen, denen sie Unrecht gethan, möchte sie ihre Reue sagen. Vor allen zogen ihre stillen Gedanken sie zu Fritz Buchstein hin; sie hätte wissen mögen, ob er sie nicht gar sehr verachte und gering schätze, ob sie Gretchens Worten trauen und je sein Haus besuchen dürfe, sie hätte ihm gern ihr demüthiges Herz gezeigt und ihn um Verzeihung für ihr liebloses Betragen gegen ihn gebeten. Doch nach ihm zu fragen wagte sie nicht, und als Gretchen einst erwähnte: Fritz warte nur auf Erlaubniß, seinen Krankenbesuch zu machen, konnte sie kaum vor innerer Bewegung diese Erlaubniß geben.

Bald darauf, – Klärchen war allein mit ihrem Kinde im Zimmer, – öffnete sich die Thür und Fritz trat ein. Klärchen hatte eben sinnend in den letzten Abendschein geschaut und gedacht, ob Fritz wirklich kommen würde, als er plötzlich vor ihr stand. Sie erhob sich erschrocken vom Stuhl, er aber nöthigte sie zum Sitzen und bot ihr einen freundlichen guten Abend. Als er ihr so mild und theilnehmend in die Augen sah, ging ihr das Herz über, sie konnte keine Worte finden, nahm seine Hand mit beiden Händen und weinte bitterlich. Das war zu viel für Fritz, er machte sich los und trat schweigend an das Fenster. Die Hand, die sie mit Thränen benetzt, legte er auf sein klopfendes Herz und flehte um Kraft. Fest und ernst setzte er sich dann zu ihr, sprach tröstliche Worte zu ihr, aber berührte mehr ihr äußeres Leben. Klärchen, die da meinte, sie hätte zu heftig ihre innere Bewegung kund gethan und ihn dadurch verletzt, nahm sich zusammen und versuchte ruhig und gelassen zu sprechen. Das kleine Gretchen ward der Gegenstand der Unterhaltung. Fritz sagte, wie er und Gretchen auch solcher Freude entgegen sähen, wie dann die Kinder zusammen spielen und groß werden könnten. Die Tante und Gretchen kamen jetzt hinzu, und Klärchen athmete leichter, die Unterhaltung ward ganz unbefangen. Die Tante sprach zu Fritz von Klärchens Wunsch, die Scheidung von Günther so schnell als möglich gerichtlich zu machen, was bei den vorliegenden Umständen nicht schwer sein konnte. Klärchen sprach dann von ihren Lebensplänen, daß sie wieder nähen wolle und mit Gottes Hülfe ihr Kind ernähren und erziehen. Sie drückte bei diesen Worten ihr Gretchen innig und zärtlich an das Herz und bemerkte nicht, wie der Tante Blicke wehmüthig auf dem Kinde ruhten, dessen Augen so groß aus dem kleinen weißen Gesichtchen herausschauten. Der Mutter schwere Krankheit hatte natürlich auch das Kind halb verkommen lassen; alle Sachverständige fürchteten für sein Leben, und nur Klärchen ahnete nichts von dem gefährlichen Zustande.

Am nächsten Sonntag ging sie zuerst in die Stephani-Kirche. Ihr Herz war voll seliger Dankbarkeit und voll heißen Gebetes. Das war ein segensreicher Morgen. Sie konnte getrost dem Herrn nahen und erwartete ihren Frieden nicht mehr von äußerem Wohlergehen, sondern nur in der Gnade und Liebe des treuen Herrn.

Nach der Kirche rüstete sie sich zu ihrem ersten Gang in die Stadt. Es war ein schwerer Gang. Sie sagte Niemandem wohin, sie ging zur Generalin. Diese Frau, gegen die sie sich am schwersten vergangen, deren Güte und Freundlichkeit sie mit schmählichem Undank belohnt hatte, mußte sie um Verzeihung bitten. Mit klopfendem Herzen stieg sie die Treppe hinauf, zog sie die Klingel. Der alte Bediente, der ihr eigentlich immer gut Freund gewesen, machte ihr jetzt durch seinen freundlichen Gruß den besten Muth. Als er ging, sie zu melden, stand sie allein in dem ihr wohlbekannten Vorzimmerchen. Der Nähtisch, vor dem sie so oft gesessen, stand noch an demselben Platz, der wohlbekannte Arbeitskorb darauf. Sie sah sich dort im Geiste sitzen mit all ihrer Eitelkeit, mit ihren tollen Gedanken und wunderlichen Plänen für die Zukunft. Ein schnelles Roth flog über ihre Wangen. Wie schämte sie sich der Vergangenheit, wie schnell hatte sich die Zukunft strafend für sie enthüllt, wie bangte ihr vor den ernsten Worten der Generalin, und wie trieb es sie doch wieder, ihr Herz zu erleichtern!

Die Generalin war indessen sehr schwankend, ob sie Klärchen annehmen sollte oder nicht. Sie hatte von ihrem Schicksale gehört, fand es wohl verdient und glaubte, daß jetzt nur äußere Noth und Bitte um Unterstützung Klärchen hergetrieben. Sie schämte sich aber fast vor dem Bedienten, der hatte so theilnehmend Klärchen genannt, der schien gar nicht zu zweifeln, daß sie vorgelassen würde, und sie gab die Erlaubniß.

Klärchen konnte vor Bangigkeit erst nicht reden, sie nahm nur der Generalin Hand und küßte sie. Diese sagte mit etwas kaltem Tone: Ich habe von Ihrem Unglück gehört, und bedaure Sie.

Ich bin jetzt nicht unglücklich, gnädige Frau, unterbrach sie Klärchen schüchtern, nicht so unglücklich, als da ich bei Ihnen war. – Die Generalin machte ein verwundertes Gesicht, und Klärchen fuhr fort: Ich bereue meinen Leichtsinn, und hoffe, ich werde mit Gottes Hülfe anders werden, ich konnte es nur nicht lassen (bei diesen Worten wurde ihre Stimme zitternd und Thränen traten in ihre Augen), ich konnt' es nur nicht lassen, vor allem erst Ihre Verzeihung zu erbitten; ich wage es kaum, es war zu schlecht, o Gott! ich habe Sie ja bestohlen. – – Klärchen konnte nicht weiter reden, und die gutmüthige Frau Generalin war so bewegt von dieser unerwarteten Scene, daß sich ihre Gefühle plötzlich wandten, und sie die bleiche, junge Frau in den herzlichsten Worten ihrer Verzeihung versicherte. Sie unterhielt sich noch weiter mit ihr, fragte nach ihren Plänen für die Zukunft, und als sie hörte, daß Klärchen wieder schneidern wolle, erbot sie sich, ihr selbst Arbeit zu geben und ihr auch Kundschaft zu verschaffen. Klärchen war gerührt von dieser Güte. Sie pries es als eine Gnade Gottes und als die Erhörung ihres Gebetes von heut Morgen in der Kirche, wo sie zum Herrn so dringend gefleht, ihr doch die Theilnahme und Liebe guter Menschen wieder zuzuwenden, weil sie doch noch ein gar zu schwankendes Rohr sei und leicht muthlos werden könne; aber die Freude, bei der Frau Generalin im Hause arbeiten zu dürfen, müsse sie erst mit der Zeit verdienen, sie müsse sich jetzt noch zu sehr schämen und fürchten, ihre Wohlthäterin könne ihr noch nicht trauen.

Diese aufrichtige Reue machte die Generalin immer gütiger, und Klärchen schied von ihr, das Herz voller Trost und froher Hoffnungen. Aber der Herr wollte sie lehren, gar keinen Trost bei Menschen, sondern bei ihm allein zu suchen, und führte sie noch schwere Wege.

Als sie nach Hause kam, hatte ihre Mutter das kleine Gretchen auf dem Arm, und Klärchen bemerkte zum erstenmal, daß ihr Kindchen nicht so aussah wie andere Kinder dieses Alters. Ein jäher Schreck fuhr durch ihre Seele, sie nahm es, sah ihm in die großen, blauen Augen, faßte die welken Hände und sah flehend zum Himmel auf. Nein, das kann der Herr nicht thun, das könntest du auch nicht ertragen! dachte sie. Vielleicht will er nur deinen Glauben prüfen, und du willst nicht aufhören zu bitten.

Sie forschte bei der Mutter und bei der Tante und anderen Bekannten nach deren Meinungen über das Kind, und es war ihr Balsam, zu hören, wie schwächliche Kinder oft leichter über die ersten Jahre hinkämen, als starke und vollsäftige. Ach, dachte sie, du willst es sorgsam pflegen und hüten, und der liebe Gott wird das segnen.

Daß sie, als sie wieder zum Nähen ausging, Gretchen der Pflege ihrer Mutter überlassen mußte, wurde ihr sehr schwer; doch die dreißig Thaler waren zu Ende, und die Tante und alle vernünftigen Menschen erwarteten, daß sie ihre hergestellten Kräfte zur Arbeit benutzen würde. Es wurde ihr nicht schwer, sich einen Wirkungskreis zu verschaffen; ja bald ward er so groß, daß sie nicht allen Anforderungen genügen konnte. Frau Krauter war sehr glücklich darüber; zwar reichte das Geld gerade nur von der Hand in den Mund, sie war aber gewohnt, nicht weiter zu denken. Klärchens Tage gingen einförmig hin: in der Woche nähte sie in den Häusern, jeden Sonntag ging sie in die Stephani-Kirche, die Feierstunden, die ihr blieben, widmete sie der Pflege ihres Kindes. Von einer Sorge, die auf ihrem Herzen ruhte, der Scheidung von ihrem Manne, hatte sie der Herr selbst befreit. Das Schiff, auf welchem Günther sich eingeschifft, war im Kanal gescheitert, und er selbst hatte den Tod und das Ende seiner Pläne in den Wellen gefunden. So hätte sie sich in ihrem Stillleben ungestört und mit jedem Tage glücklicher fühlen können, wenn nur ihr Kind frisch und gesund gewesen; aber die bange Sorge saß ihr wie ein Stachel im Herzen, und ihr Glaube war noch zu jung und schwach, um willig ihr Liebstes zu opfern und wie Abraham zu rufen: Herr, hier bin ich.

Es war am ersten Adventssonntag. Klärchen war früh in der Kirche gewesen und noch erfüllt von der herrlichen Predigt, erquickte sie sich an der sonntäglichen Ruhe. Ihre Mutter war zu Tante Rieke gegangen, sie saß allein in der Stube, ihr schlummerndes Gretchen auf dem Schooße. Schneeflocken fielen leise nieder, Klärchen schaute still hinein, es war ihr, als ob sie durch die weiße Decke doch die ganze Herrlichkeit des Himmels sähe; sie fühlte eine Glückseligkeit von da oben sich in ihr Herz hinabsenken, wie sie nie gefühlt. Sie faltete die Hände: O Du lieber himmlischer Vater, halte mich so wie Du mich in diesem Augenblicke hältst, ich fühle mich an Deinem Herzen, ich könnte Dir Alles geben, ja auch das Liebste hier. Sie sah auf ihr bleiches Kind, aber fühlte eine selige Verklärung im Herzen. Da schlug das kleine Gretchen die matten Augen auf, die Mutter drückte es heiß an ihr Herz und schluchzte: O Herr, aber gieb Du Kraft! ich bin schwach, sehr schwach! Sie fühlte die Verheißung vom Tode ihres Kindes, und ihr Herz konnte sich beugen.

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