DRITTER AUFZUG
Reading edition
Sechster Auftritt
Talbot auf Fastolf gestützt und von Soldaten begleitet. Gleich darauf Lionel
TALBOT. Hier unter diesen Bäumen setzt mich nieder, Und ihr begebt euch in die Schlacht zurück, Ich brauche keines Beistands, um zu sterben.
FASTOLF. O unglückselig jammervoller Tag! (Lionel tritt auf) Zu welchem Anblick kommt Ihr, Lionel! Hier liegt der Feldherr auf den Tod verwundet.
LIONEL. Das wolle Gott nicht! Edler Lord, steht auf! Jetzt ists nicht Zeit, ermattet hinzusinken. Weicht nicht dem Tod, gebietet der Natur Mit Eurem mächtgen Willen, daß sie lebe!
TALBOT. Umsonst! Der Tag des Schicksals ist gekommen, Der unsern Thron in Frankreich stürzen soll. Vergebens in verzweiflungsvollem Kampf Wagt ich das Letzte noch, ihn abzuwenden. Vom Stahl dahin geschmettert lieg ich hier, Um nicht mehr aufzustehn.—Reims ist verloren, So eilt, Paris zu retten!
LIONEL. Paris hat sich vertragen mit dem Dauphin, Soeben bringt ein Eilbot uns die Nachricht.
TALBOT (reißt den Verband ab). So strömet hin, ihr Bäche meines Bluts, Denn überdrüssig bin ich dieser Sonne!
LIONEL. Ich kann nicht bleiben.—Fastolf, bringt den Feldherrn An einen sichern Ort, wir können uns Nicht lange mehr auf diesem Posten halten. Die Unsern fliehen schon von allen Seiten, Unwiderstehlich dringt das Mädchen vor—
TALBOT. Unsinn, du siegst und ich muß untergehn! Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens. Erhabene Vernunft, lichthelle Tochter Des göttlichen Hauptes, weise Gründerin Des Weltgebäudes, Führerin der Sterne, Wer bist du denn, wenn du dem tollen Roß Des Aberwitzes an den Schweif gebunden, Ohnmächtig rufend, mit dem Trunkenen Dich sehend in den Abgrund stürzen mußt! Verflucht sei, wer sein Leben an das Große Und Würdge wendet und bedachte Plane Mit weisem Geist entwirft! Dem Narrenkönig Gehört die Welt—
LIONEL. Mylord! Ihr habt nur noch Für wenig Augenblicke Leben—denkt An Euren Schöpfer!
TALBOT. Wären wir als Tapfre Durch andre Tapfere besiegt, wir könnten Uns trösten mit dem allgemeinen Schicksal, Das immer wechselnd seine Kugel dreht— Doch solchem groben Gaukelspiel erliegen! War unser ernstes arbeitvolles Leben Keines ernsthaftem Ausgangs wert?
LIONEL (reicht ihm die Hand). Mylord, fahrt wohl! Der Tränen schuldgen Zoll Will ich Euch redlich nach der Schlacht entrichten, Wenn ich alsdann noch übrig bin. Jetzt aber Ruft das Geschick mich fort, das auf dem Schlachtfeld Noch richtend sitzt und seine Lose schüttelt. Auf Wiedersehn in einer andern Welt, Kurz ist der Abschied für die lange Freundschaft. (Geht ab)
TALBOT. Bald ists vorüber und der Erde geb ich, Der ewgen Sonne die Atome wieder, Die sich zu Schmerz und Lust in mir gefügt— Und von dem mächtgen Talbot, der die Welt Mit seinem Kriegsruhm füllte, bleibt nichts übrig, Als eine Handvoll leichten Staubs.—So geht Der Mensch zu Ende—und die einzige Ausbeute, die wir aus dem Kampf des Lebens Wegtragen, ist die Einsicht in das Nichts, Und herzliche Verachtung alles dessen, Was uns erhaben schien und wünschenswert—