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Die Falkner vom Falkenhof. Zweiter Band

[II. (Fortsetzung)] (continued 2)

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»Aber wir haben ja abgemacht, am Vergangenen nicht mehr zu rühren,« sagte sie lächelnd und mit bittendem Blick.

»Ich meine ja nur so, Cousine, weil Sie meine Braut heut' vor ihrem Übermut bewahrt haben. Ich habe es wohl beobachtet.«

»O, das wird niemand scharf auffassen,« entgegnete Dolores, »denn Prinzeß Eleonore ist noch so jung, so voll von Lustigkeit –«

»Und Sie schon so alt und gesetzt!« erwiderte er scherzend.

Da lachte sie doch, trotz ihrer Bemühung, die Mißstimmung Falkners zu besänftigen.

»Vier Jahre Unterschied machen viel bei einer Frau,« meinte sie dann weise, »und außerdem,« fuhr sie ernster fort, »außerdem habe ich so etwas wie eine Schule des Lebens durchgemacht.«

»Ich wollte, Lolo hatte auch ein paar Klassen dieser Schule hinter sich,« murmelte Falkner. Er war ernstlich mißgestimmt, denn das Benehmen seiner Braut dünkte ihm weniger kindliche Lustigkeit als Mangel an Herz und Gemüt, und wenn ein Bräutigam das findet, so ist es ein schlimmes Zeichen für die künftige Ehe.

Dasselbe dachte Dolores auch, als sie, selbst kutschierend, durch die warme, sternenhelle Nacht nach Hause fuhr, und sie freute sich nur, daß er nicht dabei gewesen und es nicht gesehen, wie Prinzeß Lolo die Gräfin Schinga so lange gequält, bis diese ihre Schlangen holen ließ und um die Arme legte, und die Ahnungslose dann mit hellem Gelächter auf die vor Abscheu blasse Dolores zustieß, daß die kalten, glatten Leiber der ekelhaften Reptile sie berührten und das eine derselben zischend und züngelnd auf sie losfuhr. Diesen »Scherz« nannte sie ihrerseits nun wieder mit anderem Namen, um so mehr, als ihr bei dem bloßen Gedanken an die Berührung mit den verhaßten Tieren noch die Zähne zusammenschlugen vor Entsetzen. Über solche Abneigungen gegen gewisse Tiere zuckt die Wissenschaft nur die Achseln, nennt sie gelehrt Idiosynkrasie, aber eine Erklärung dafür hat sie noch nicht gefunden.

Dolores war's jedenfalls lieb, daß Falkner der Schlangenscene nicht beigewohnt hatte, denn wozu Flecken werfen auf das Bild seiner Auserwählten. Freilich waren ihr schon Zweifel gekommen, ob Prinzeß Lolo wirklich sein Ideal, seine Erwählte sei, oder ob nicht der Vorfall in und an der Gruftkapelle ihn dazu verpflichtet hatte, ihre Hand zu erbitten. Das allerdings begriff sie nicht, warum die herzogliche Familie sich so schnell bereit gefunden hatte, diese fürstliche Hand dem Vasallen zu bewilligen, denn am Ende war die öffentliche Liebeserklärung der Prinzeß ja nicht vor der ganzen Welt, sondern vor einem kleinen Kreise geschehen, dem man durch ein Wort hätte bedeuten können, von dem Gehörten keinen Gebrauch zu machen.

Aber es geschehen mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als jedermann sich erklären und zusammenreimen kann, und darum grübelte Dolores auch nicht weiter darüber, »wie es wohl gewesen sein könnte,« aber mit tiefem Schmerz im Herzen sagte sie sich, daß Glück und innere Befriedigung ihm durch diese Braut wohl nicht erblühen könnte. Und dieser Gedanke machte sie unsäglich traurig, und sie verwünschte die Fügung, die sie vor Jahr und Tag zur Bühnenlaufbahn gedrängt, denn längst hatte sie diese als Wurzel alles Übels erkannt, und das war's, was ihr die Wiederaufnahme derselben zur Unmöglichkeit machte, wenn auch Prinzeß Alexandra freudig ihre Überredungsgabe als das Entscheidende bei diesem Entschlusse pries. Erst hatten der Stolz und der Widerspruchsgeist sich in ihr aufgebäumt gegen den Entschluß, aber nicht, weil Prinzeß Alexandras engerer Horizont die Tiefen einer echten Künstlerlaufbahn nicht umspannte, sondern weil Falkner sich in Antipathie davon abwandte, und sie um keinen Preis ihn hätte glauben machen wollen, es geschehe seinetwegen, daß sie ihrem zuerst gewählten Berufe entsagte. Und dann hatte der Impuls eines Momentes die Entscheidung gebracht, und nun – nun that es nichts mehr zur Sache, was er sich dabei dachte. Sie hatten Frieden geschlossen miteinander, ehrlichen Frieden durch sein männlich mutiges Eingeständnis seiner Vorurteile und des daraus entsprungenen Unrechts – was wollte sie weiter?

Am Eingang zum Falkenhofer Park hielt sie die Pferde an und sprang vom Wagen – es gelüstete sie, bis zum Hause zu gehen, um die Kühle nach dem heißen Tage noch zu genießen. Nachdem sie dem Groom die Zügel gegeben und ihm empfohlen hatte, im Schritt zum Stalle zu fahren, bog sie in eine Seitenallee des Fahrwegs ein, nahm den Hut ab und ging langsam dahin – kaum daß der Kies unter ihrem leichten Fuß knirschte.

In einem Rondel, das sie durchschreiten wollte, sah sie eine Cigarre glühen und erkannte in dem Raucher bald den Doktor Ruß, welcher also in seiner Weise den schönen Abend genoß. Eigentlich lag ihr nichts an einem erneuten Plauderzwang, aber da sie fürchten mußte, in dem weißen Kleide, das sie der Hitze wegen mit dem schwarzen heut' zum erstenmal vertauscht hatte, auch in dem Dunkel des Baumschattens entdeckt zu werden, so ergriff sie lieber die Initiative und rief heiteren Tons:

»Wo man raucht, da laß uns ruhig harren, Bösewichter führen nicht Cigarren.«

»Dolores, sind Sie's?« rief Doktor Ruß aufspringend. »Ich hörte den Wagen zurückkehren und dachte Sie nun längst in Ihren Zimmern.«

»Die schöne Nacht verlockte mich noch zu einem Spaziergange,« erklärte sie. »Doch ich bin auf dem direkten Wege zum Hause und bitte Sie, sich nicht stören zu lassen.«

»Ganz und gar nicht,« versicherte Ruß. »Es ist ohnedem Zeit zur Ruhe, und meine Frau wird mir eine Gardinenpredigt halten wegen Nachtschwärmens.«

Dolores mußte bei dieser affektierten Pantoffelheldenerklärung lächeln, denn sie zweifelte, ob Frau Ruß die Courage zu einer ganzen Predigt finden würde. Sie traute der verschlossenen und von ihrem Gatten wohltrainierten Frau kaum das tadelnde Wort zu, das sie vielleicht erleichtert hätte, während sie ihre Mißbilligung in sich hineinwürgte und mit vermehrter Bitterkeit an ihrem Herzen nagen ließ.

Ruß erkundigte sich nun, wie es bei Schingas gewesen sei. Er hatte mit seiner Frau niemals in Arnsdorf Besuch gemacht, war daher auch nicht eingeladen worden, aber er und der Graf kannten sich vom Begegnen, und er hatte genug von der polnischen Wirtschaft bei demselben gehört, um Interesse für ihn zu haben. Dolores antwortete aber nur mit der allgemeinen Erklärung: »sehr nett,« und da sie gern eine Kritik des heutigen Abends vermeiden wollte, mit welcher Doktor Ruß am Ende an seinen Stiefsohn gegangen wäre, so ließ sie dies Thema schnell fallen und erzählte ihm, was sie bisher unterlassen hatte zu thun – nämlich die Entdeckung von der verstellbaren Kaminwand, welche ihr Zimmer mit dem Nordflügel verband.

»Ah,« meinte Ruß mit Interesse, »das würde ich an Ihrer Stelle ordentlich verschließen lassen, denn wenngleich ein Eindringen von dieser Seite wohl kaum zu fürchten ist, das Bewußtsein dieser Geheimverbindungen, wie unsere Vorfahren sie liebten, ist immerhin unbehaglich genug.«

Dolores erklärte nun, daß Ramo diesen sicheren Verschluß bereits besorgt und zum Überflusse noch auf der anderen Seite ein Fuchseisen gelegt habe.

»Nun, ich hab' es ja immer gesagt, dieser Ramo ist eine Perle,« rief Ruß scheinbar sehr amüsiert. »Da wäre es ihm ja ordentlich zu wünschen, daß sich der Fuchs in dieser unfreundlichen Falle finge. Freilich zweifle ich, daß es je einer versucht hat, bei Ihnen auf diesem Wege einzudringen.«

Jetzt erörterte Dolores auch die gefundenen Fußspuren, was Doktor Ruß entschieden ernst nahm, denn er versprach bei der Nachforschung zu helfen, auf welchem Wege wohl der Inhaber dieser Pedalabdrücke in den Nordflügel gekommen sein könnte. Und damit trennte sich Dolores von ihrem Gaste, der noch einen Moment draußen zögerte und dann bei seiner Frau eintrat, welche sich sogleich erhob und ihr Strickzeug zusammenrollte. Dabei warf sie einen scharfen Blick auf ihren Gatten, welcher mit unsicheren Händen Bücher zusammenraffte, welche den Tisch mit der Lampe darauf bedeckten.

»Ist dir schlecht, Ruß?« fragte sie. »Du bist so blaß.«

Er schüttelte den Kopf und begann leise eine Melodie zu pfeifen.

»Das ist keine Antwort,« sagte sie gereizt, und als er auch darauf nichts erwiderte, fuhr sie heftig fort: »Aber du wirst dir noch ein tüchtiges Wechselfieber holen mit diesem Herumstrolchen in den ungesunden Nachtnebeln. Wie dir das so allein Vergnügen machen kann, fasse ich nicht.«

»O, ich war aber nicht allein, mein Täubchen,« erwiderte er sanft. »Dolores war, als sie von Schingas nach Hause kam, durch den Park gegangen. Dort begegneten wir uns, und ich begleitete sie nach Hause.«

Nun war die Reihe, blaß zu werden, an Frau Ruß, denn ihr Mann wußte, daß sie eifersüchtig war, und er hatte seinen Pfeil wohlbedacht entsendet, doch daß er getroffen, wagte sie ihm nicht zu sagen, und so ließ sie ihn sich weiter bohren in ihr thörichtes, altes Herz, und was er wirkte, war Gift und Galle und Haß und Bitterkeit.

Das freilich hatte Doktor Ruß mit seinem Trumpf erreicht, daß die Aufmerksamkeit seiner Frau von ihm und seiner Blässe abgelenkt ward, denn was, zum Teufel, brauchte sie's zu wissen, daß die Fußspuren droben im Nordflügel ihm mehr noch zu überlegen gaben, als der vernietete Kamin und das Fuchseisen des braven Ramo? – – –

Und zur selben Zeit durchlebte Falkner auf Monrepos böse Stunden, denn zu all seiner Mißstimmung hatte Prinzeß Lolo ihm selbst mit kleinen Übertreibungen ihrer Heldenthat die Geschichte mit den Schlangen erzählt und aus vollem Halse über das geradzu wahnsinnige Entsetzen »der dummen Satanella« gelacht.

»Du, zu ihrem Geburtstage schicke ich ihr anonym eine kleine Natter in einem Kästchen zu,« hatte sie geschlossen, »wenn ich nur dann bloß den Luftsprung sehen könnte, den sie machen wird, wenn das Vieh ihr so – tsch! – entgegenzischt.«

Falkner war außer sich, denn was wirklich über die Hälfte ungebundener, fesselloser Übermut war, nannte er, gereizt, wie er einmal war, herzlos und unweiblich.

Auf Monrepos angelangt, arbeitete ihm Prinzeß Alexandra, welche seinen tadelnden Blick in Arnsdorf und sein Schweigen auf die Erzählung seiner Braut bei der Heimfahrt ganz richtig aufgefaßt hatte, noch in die Hände, indem sie beim Gute Nacht sagen die Schwester liebevoll umfaßte und, Falkner die andere Hand reichend, sagte:

»Zu deinem Besten, Lolo, weil ich dich so lieb habe und deinen Verlobten schon als meinen Bruder betrachte, muß ich dir heut' etwas sagen, und zwar vor seinen Ohren, damit es auch wirkt und nicht bloß als leerer Schall verhallt. Du warst heut' Abend zu laut, Herzchen, zu wild fast! Das schickt sich nicht für eine junge Braut, welche vor dem ernstesten Schritt ihres Lebens steht!«

Da riß Prinzeß Lolo sich los aus den Schwesterarmen und stand nun sprühenden Auges, mit geballten Fäustchen vor den beiden.

»Nun hab' ich's satt, das ewige Schulmeistern und Sittenpredigen,« sprudelte es rapid über ihre Lippen. »Eben weil ich eine Braut bin, verbitte ich's mir, eben weil ich Braut bin, kann ich sein wie ich will. Ich will hinaus aus eurem ledernen Zwange, aus der tödlichen Langeweile eures lächerlichen kleinen Hofes, und weil ich mich nicht in eine eben solch' blödsinnige Mausefalle sperren lassen will, heirate ich mir statt eines dummen Prinzen lieber den da, als dessen Frau ich wenigstens thun kann, was mir paßt und was ich mag!«

»Nun, nun, Lolo, ich denke doch, du heiratest den Baron, weil du ihn so recht von Herzen lieb hast,« sagte Prinzeß Alexandra sanft, als ihre Schwester atemlos schwieg.

»Natürlich, deswegen auch,« rief die kleine Durchlaucht mit einem raschen Blick auf Falkner. Sie war über und über rot geworden.

»O nein, nur deshalb« meinte die ältere Schwester mit einem bittenden Blick, der die ganzen Unabhängigkeitsgefühle in der kleinen Furie wieder entfesselte.

»Ich will nicht geschulmeistert werden, und was ich gesagt hab', das hab' ich gesagt,« zischte sie und flog dann ohne weiteren Gruß von dannen und in ihr Zimmer, wo sie sich durch das Zerschlagen einiger kostbaren Nippes wesentlich erleichterte. Prinzeß Alexandra aber blickte Falkner trüben Lächelns an.

»Da werden Sie noch viel zu erziehen haben, trotz meiner redlichen und unverdrossenen Mühe,« sagte sie leise.

Er küßte ehrfurchtsvoll die warm gebotene Hand.

»Das ist gärender Most, Durchlaucht,« erwiderte er gegen seine bessere Überzeugung, denn was sollte er sonst sagen? »Aber ich will dafür sorgen, daß es klarer, goldiger Wein wird,« setzte er, sich mit Gewalt bezwingend, in ehrlichster Meinung hinzu.

»Gott geb's!« seufzte sie.

Falkner aber konnte heute nicht zur Ruhe kommen, denn die erlebten Scenen hatten ihm einen starken Stoß gegeben. Ihm graute vor der Zukunft, ihm graute vor dem, was hinter ihm lag, nur beides in verschiedener Weise. Was sollte daraus werden? Wie würde die Frau erst die Würde verlieren, welche die Braut schon, wie vorhin, mit Füßen trat, als ob solch' zertretenes und zerknülltes Ding sich wieder ganz glätten und mit Erfolg anziehen ließe! Und wenn er sich als redlich wollender Mensch auch vorzustellen versuchte, daß vielleicht gerade dies unverdrossene »Erziehen,« das Prinzeß Alexandra an der ihr anvertrauten Schwester erprobt, zu dem negativen Resultat geführt hatte, weil nicht eben jede Natur sich in die Form pressen läßt, die andere für sie ausgesucht und ausgeklügelt haben, so war es doch immerhin noch zweifelhaft, in welcher Form der eigenwillige Sprühteufel aus seinen Händen hervorgehen würde. Und es ist auch solch' eine eigene Sache mit der Erziehung der Frau durch den Mann, denn wenn die Liebe der ersteren nicht groß und nicht stark genug, wenn ihr Charakter nicht doch schon so fest ist, um ihn unbedingt dem ihres Mannes anzupassen, so giebt's doch nur einen Mißklang, den das »Erziehen« nur noch schlimmer macht, wenn's eben so betrieben wird, daß es ein Schulmeistern bleibt und nicht ein ganz unbewußtes Führen an der Hand der Liebe, die ja alles vermag. Denn wenn den Menschen etwas toll machen kann, widerspruchsvoll und eigensinnig, so ist es unablässiges Reden, Korrigieren und Verweisen.

Das alles sagte sich Falkner ohne Beschönigung, und dabei mußte er an die Ironie des Schicksals denken, das ihm jetzt als zu hoch vorstellte für seine Wünsche, was ihm früher zu niedrig gewesen. Und als ihm dann die Augen aufgingen und er sich bücken wollte und dem so niedrig geglaubten Wesen die Hand reichen, da war es zu weit geworden dazu, und jetzt –? Jetzt war es zu hoch und vielleicht auch zu spät. Vielleicht? Nein, es war gewißlich zu spät, denn er war gebunden, gebunden durch sein Wort und durch seine Ehre. Und als er dessen gedachte, da preßte er die Zähne fest zusammen.

»Vorwärts,« sagte er sich, »vorwärts und nicht rückwärts geschaut – das hat noch kein Falkner gethan. Und sie drüben im Falkenhof, sie wird es auch so halten, denn nicht umsonst tragen wir die Devise: ›Alle Falken ehrlich!‹«

Illustration from Die Falkner vom Falkenhof. Zweiter Band.
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