III.
Reading edition
Ich sprach zum Geier: Reiß aus dem Herzen Den Namen mir, der drin gegraben steht, Vergessen lernen will ich und verschmerzen. – Der Geier sprach: »Es ist zu spät.«
E. Geibel nach François Coppée.
Die Redensart: »Man weiß nicht was der nächste Tag bringt,« ist eine oft gedankenlos gehörte, gedankenlos gesprochene – d. h. gedankenlos im Sinne des Gewohnheitsmäßigen, das ja meist gedankenlos ist, weil maschinenhaft. Es denken aber wirklich nur wenige an den tiefen Sinn der Redensart vom nächsten Tage und der Ungewißheit menschlicher Vorausbestimmung, denn mit demselben Recht wie den nächsten Tag, können wir die nächste Stunde nennen, und auch von den sechzig Minuten dieser kurzen Zeitspanne, die vielen so lang werden kann, ist keine einzige, über die wir mit Gewißheit gebieten können. Und das ist einer der größten Beweise göttlicher Weisheit, daran geistiger Hochmut jene Demut lernen könnte, die der Heiland von uns verlangt.

Es ist ja nicht allein, daß der menschliche Geist, dessen Stärke die Tiefen der Erde und die Höhen der Luft durchdringt, dessen Ziel keine Grenzen kennt, daß dieser willensstarke Geist machtlos steht wie ein Kind vor der nächsten Stunde, von der er zwar sagt: ich werde sie so oder so ausfüllen und anwenden. Aber der menschliche Geist in seinem Hochmut – dem schlimmsten, den es giebt – im Vollgefühl seiner Stärke, durch die er Großes geschafft und noch Größeres schaffen will – was ist er im Angesicht jener Macht, die ihm die nächste Stunde nicht einmal anvertraut zur eigenen Verfügung? Was ist er, daß er diese Macht so gerne leugnet und sich über sie stellt? Die Antwort ist tief demütigend. Und so hat's der Schöpfer wohl gewollt in seiner Weisheit, doch wer denkt daran, wenn man sagt: »Ich werde dann das und das thun, morgen jenes vornehmen und in Wochen, in Monaten soll dies geschehen –« Es ist, als wenn ein Kind sagt: »Mutter, ich werde den Mond herunternehmen und putzen – er sieht so trübe aus.« Ja, da lächeln wir wohl oder ärgern uns gar über den kindlichen Unverstand, über das Unsinnige solcher Reden, für die, wenn ein Erwachsener sie anwendet, er sicherlich unter geistige Bewachung kommt, d. h. für verrückt erklärt wird, aber sind wir denn anders als die Kinder mit ihrem »ich werde das und das thun?« Darin eben liegt der Hochmut, der Größenwahn des menschlichen Geistes, der mit Bewußtsein darüber gebietet, worüber er keine Macht hat, nur das er sich diese Machtlosigkeit nicht klar macht, nicht klar machen will in jener Selbsttäuschung, die so süß ist. Und darum sage ich, daß die Redensart: »Man weiß nicht, was der nächste Tag bringt,« nur gedankenlos in Anwendung kommt, denn wäre man sich klar darüber, man würde mit weniger Sicherheit und mehr Demut über denselben verfügen.
Auch der Tag nach dem Schingaschen Feste brachte Veränderungen in den herzoglichen Landaufenthalt, welche man vor vierundzwanzig Stunden noch für unmöglich gehalten. Man hatte schon so schön für kommende Tage »Bestimmungen zu treffen geruht,« man »gedachte« noch etwa zwei Monate in der stillen Zurückgezogenheit von Monrepos zu verleben, dann die Hochzeit der Prinzeß Lolo in kleinem Kreise zu feiern u. s. w. u. s. w. Und während man noch über all' das Beratungen pflog, reiste das kleine, beschriebene Blättchen Papier schon, das alles, alles änderte und umstürzte.
Dieses Briefblatt aber war ein Heiratsantrag für Prinzeß Alexandra.
»Als ich vor fünf Jahren um den unschätzbaren Besitz Ihrer Hand bat,« schrieb der Fürst, von dem er kam, »da sagten Sie mir, Ihre Mission an Ihrer Prinzeß Schwester sei noch nicht erfüllt, und Sie hätten sich gelobt, Ihren Posten nicht eher zu verlassen, bis Eleonore von Nordland versorgt und geborgen sei. Ihr Entschluß schien unabänderlich damals, und ich mußte mich ihm beugen, doch ich ging mit Ihrem Geständnis, daß ich Ihnen nicht gleichgültig sei. Heut' höre ich, daß Prinzeß Eleonore sich vermählt, und unverweilt klopfe ich wieder an Ihre Thür und an Ihr Herz, und wenn Jakob um Rahel auch noch länger freite – fünf Jahre geduldigen Wartens aber sind für unsere kurzbemessene Lebensspanne wohl auch eine Probe, eine Liebesprobe, Alexandra, von der ich hoffe, daß sie nicht umsonst war –« – – – – – – – – – – – – – – – Und sie war nicht umsonst. Was lange Jahre hindurch verborgen und ungeahnt von andern im Herzen dieses edlen Fürstenkindes geruht, es wachte auf mit diesen Zeilen und sehnte und drängte ans Tageslicht, denn das Glücksbedürfnis lebt in jeder Menschenbrust und stirbt nicht, wenn es auch künstlich zum Schlafen gebracht wird.
Der alte Herzog war entzückt, als seine Tochter ihm von diesem Briefe erzählte, denn er liebte den Schreiber desselben, und der Korb, den er vor fünf Jahren erhalten, hatte ihn mit großem Unwillen erfüllt, ganz abgesehen von den übrigen Körben, welche sie in Abundanz ausgeteilt. Aber der treffliche alte Herr ward noch viel mehr entzückt, als Prinzeß Alexandra ihm auf sein Befragen errötend gestand, daß sie die Hand des treuen Bewerbers annehmen wolle. Auch der Erbprinz war hoch erfreut, doch Prinzeß Lolo sagte lachend:
»Also den alten, langweiligen Stiefel willst du heiraten? Na, dann guten Morgen! Was doch die Leute für verdrehte Geschmäcker haben!«
Unwillig verwies Prinzeß Alexandra ihrer Schwester einmal die schlechte Grammatik ihrer Apostrophe, dann aber besonders scharf den ganz unpassenden Ausdruck »Stiefel« für einen Menschen, der ihr so hoch stände – einen Ausdruck überhaupt, der sich wohl für die Grooms schicke, nicht aber für eine Dame von hoher Geburt.
Die kleine Durchlaucht war aber nicht mundtot zu machen.
»Bitte, ich habe den famosen Ausdruck schon gefürstet gebraucht,« entgegnete sie, »denn die Grooms sagen: Stiebel!«
Prinzeß Alexandra wandte sich ernstlich erzürnt ab mit der Frage, woher ihr die Kenntnis des Stalljargons käme.
»Ich höre ihnen immer vom Balkon aus zu, wenn sie die Pferde putzen und satteln,« gestand Prinzeß Lolo lachend, »und dabei sangen sie gestern ein reizendes Lied:
Stiebel, du mußt sterben, Bist noch so jung, jung, jung!«
Prinzeß Alexandra gab es seufzend auf, hier noch Unkraut jäten zu wollen und dachte über das Rätsel der Natur nach, daß trotz sorgfältigster Erziehung und gänzlicher Fernhaltung alles und jedes Gemeinen ein Wesen dennoch die Gassenhauer der Grooms für »reizend« erklären und den ungeschminkten Naturlauten dieser Menschenklasse überhaupt mit Vergnügen und ersichtlich mehr Erfolg als den höchsten Erziehungsprinzipien lauschen kann. Und wenn Prinzeß Alexandra in dieser bittern Stunde der Erkenntnis, daß ihre Opfer umsonst gebracht und verfehlt waren, es thatsächlich bereute, das ersehnte Glück nicht schon vor fünf Jahren erreicht zu haben, so wird ihr dies niemand verargen können, denn das Bewußtsein treuester Pflichterfüllung konnte ihr selbst diese egoistische Regung nicht rauben.
Mit wendender Post traf auf das gegebene Jawort ein dreifacher Brief des Entzückens von dem fürstlichen Bräutigam an den Herzog, den Erbprinzen und die hohe Braut selbst ein; doch neben der Verheißung, daß die Werbung in aller Form und der nötigen Etikette wiederholt werden sollte, wurde auch die Bitte dringend laut, verschiedener Angelegenheiten wegen den Termin der Vermählung zu beschleunigen, und da diese Angelegenheiten dem Herzoge zwingender und wichtiger deuchten als die ersichtliche Ungeduld des endlich Erhörten, das langerwartete Glück auch zu besitzen, so wurde als zeitigster Termin der Hochzeit der Geburtstag der Prinzeß, sechs Wochen de dato fixiert. Doch da hierbei auch der Brautstand der Prinzeß Lolo in Betracht kam, d. h. die Stellung, welche dem Freiherrn von Falkner bei den Vermählungsceremonien einzuräumen war, der zur Konferenz zugezogene Kammerherr als stellvertretender Hofmarschall aber der entschiedenen, von Fräulein von Drusen eingeimpften Ansicht war, daß eine Stellung bei der Vermählung der älteren Prinzeß mit einem regierenden Fürsten dem Freiherrn von Falkner nur als Gatten der jüngeren Prinzeß zu geben sei, indem ein – hm, hm – unebenbürtiger, also auf diplomatischem Wege amtlich nicht notifizierter Bräutigam einer Prinzeß überhaupt gar keine Stellung habe, so wurde die Vermählung dieses Paares um acht Tage früher als die andere fixiert und Falkner dies mitgeteilt. Es bedurfte übrigens gar nicht der drastischen Neckereien des Prinzeßchens, mit denen sie Falkner »sein auf diplomatischem Wege amtlich nicht notifiziertes Bräutigamsdasein« drollig genug vorhielt, um ihn verstehen zu machen, was der Grund dieses beschleunigten Hochzeitstermins war, denn er hatte lange genug an Höfen gelebt, um das zu begreifen, aber im Grunde war er ganz damit zufrieden. Das Band war ja durch ihn nicht mehr löslich, und ob es zwei oder drei Monat später für ihn zur lebenslänglichen Fessel wurde oder in fünf Wochen – was that das?
Doch es wurde noch mehr beschlossen im Rate der Familie, denn da man das Ende des Juli noch für zu früh im Jahre hielt für den programmmäßigen Ausflug nach dem Süden, so ward die Ummöblierung von Monrepos alsbald festgesetzt, damit das junge Paar daselbst seine Flitterwochen verleben konnte. Andere Vorschläge von seiten des Bräutigams wurden, als nicht üblich, gar nicht erbeten, und auch Prinzeß Lolo opponierte nicht, denn es war schon eine ganz andere Sache, Schloßherrin auf Monrepos zu sein, nach dem berühmten Muster Cäsars, welcher auch lieber auf dem Dorfe der erste, als in Rom der zweite war. Zudem spukten in dem blonden Köpfchen eigene Ideen von Visiten in Stadt und Land – und es sollte ganz amüsant werden auf Monrepos. »Die alte Bude soll sich wundern, wie ich sie aufmöbeln und aufkratzen werde,« gelobte sie sich innerlich.
Doch so sehr des Herzogs Vaterherz sich freute über das Glück seiner Töchter, die er so gern echt bürgerlich und gemütlich »seine Mädels« nannte – die fortgesetzten Konferenzen, Korrespondenzen und Depeschenwechsel dieser letzten Tage versetzten sein ruhebedürftiges Gemüt in einen harten Anklagezustand gegen das Schicksal, das ihm nicht 'mal seine paar Sommermonate in Ruhe gönne und seinen Rosen ungestraft gestatte, so wilde Triebe anzusetzen, als ihnen beliebe, denn wer kam in diesem Trubel dazu, auch nur eine Raupe von den Stämmen zu lesen? Und nun sollte es gar vorzeitig zurückgehen in die staubige Residenz, in das große Schloß mit dem englischen Park, in welchem ihm die Etikette verbot, zu arbeiten – kurz, er sollte um zwei volle Monate eher aufhören, ein Mensch zu sein! Das war mehr für das geduldige Temperament des trefflichen alten Herrn, als er es ertragen konnte, und Entschlüsse, welche vorläufig nur als schwarze Gedanken in seinem Busen geruht, wurden in ihm reif – Entschlüsse, welche zwar nicht erschütternd an die Fundamente seines Landes und des Reiches griffen, welche aber für sein Haus immerhin Bedeutung hatten. Und nun war die Reihe, Konferenzen abzuhalten, an ihm – d. h. er legte, als seine Entschlüsse zur Reife gediehen und unwiderstehlich in ihm aufstiegen, Gartenschere und Okuliermesser mit der Entschiedenheit und der Hast beiseite, welche ebensosehr auf eine Unabänderlichkeit seiner Ideen, als auch auf deren rasche Erledigung deuteten, und nachdem er sich noch etlichemal die Hände gerieben und ein halb Dutzend Mal um ein Rosenrondel gegangen war, ließ er seinen Sohn, den Erbprinzen, zu sich bitten und blieb mit demselben nahezu zwei Stunden eingeschlossen. Des Herzogs Kammerdiener hörte seinen hohen Herrn dabei mehrmals mit erhobener Stimme reden – aber was immer auch besprochen wurde, es hatte einen friedlichen und befriedigenden Ausgang, denn als nach besagten zwei Stunden der Herzog mit seinem Erben wieder hinaustrat in den Garten und der Erbprinz nach seinem Hute griff, da reichte der Vater dem Sohne die Hand.
»So, dann Glück auf, mein Junge,« sagte er herzlich. »Es hat so kommen sollen – und contre la force il n'y a point de résistance. Die zwingende Gewalt liegt eben im Menschen selbst – das ist die Natur. Willst du heut' noch nach dem Falkenhofe?« –
»Ja, Vater. Wozu auf morgen verschieben, was man heut' ebensogut erfahren kann?« –
»Ja, ja! Also nochmals: Glück auf, Emil!« –
Der Erbprinz küßte seines Vaters Hand und verließ Monrepos auf dem Wege zum Falkenhofe. Er ging aber nicht schnell, wie ein Mensch, der seiner Sache gewiß ist. Langsam schritt er hin und blieb oftmals grübelnd stehen, aber am Ende kam er doch an sein Ziel und wurde von Ramo unverzüglich bei der Herrin des Falkenhofes gemeldet.
Draußen brütete die Schwüle des Sommernachmittags über den Bäumen – aber die Sonne neigte sich schon nach dem Westen. Die dicken Mauern, wie sie nur die Architektur vergangener Jahrhunderte kannte, ließen nicht viel Hitze von außen hinein in die gewölbten Räume des Falkenhofes, und erquickt atmete der Erbprinz die Kühle ein, die ihm beim Eintritt in das feudale Schloß entgegenwehte. In denkbar kürzester Zeit kam Ramo wieder herab und meldete, daß Dolores den Erbprinzen erwarte. Gerade als letzterer sich anschickte, die Treppe hinaufzusteigen, erschien Doktor Ruß in der Vorhalle und begrüßte überrascht den hohen Besucher und schickte sich an, denselben nach oben zu begleiten.
»Ich war gerade im Begriff, meiner Nichte dieses Buch, das eben eintraf, zu bringen,« sagte er, auf eine Broschüre in seiner Hand deutend.
Doch zu seiner größten Überraschung nahm der Erbprinz ihm das Heft aus der Hand, ohne auch nur einen Blick auf den Titel zu werfen.
»Ich kann Ihnen diese Mühe abnehmen,« meinte er, grüßte freundlich, aber in der Weise, welche nur den Regierenden eigen ist, wenn sie jemand entlassen, und schritt, dem voraneilenden Ramo folgend, die breite, teppichbelegte Treppe zu dem von Dolores bewohnten Flügel hinan.
Doktor Ruß aber richtete sich von seiner tiefen Verbeugung auf und konzentrierte sich rückwärts nach seinen Gemächern.
»Das war kurz – und deutlich,« murmelte er vor sich hin. »Hm! Hm! Also man will allein sein oben. Vielleicht enfin seuls! Und warum will man allein sein? Weil man etwas zu besprechen hat, wozu ein Dritter überflüssig ist. Um das zu erraten, dazu gehört nicht viel Kombinationsgabe. War dieser Besuch erwartet? Kommt er unerwartet? Schade nur, daß –«
Und die Gedanken des Doktor Ruß verloren sich in ein vielsagendes Kopfschütteln.
Oben im Korridor aber sagte der Erbprinz zu Ramo:
»Ich wünsche Ihre Herrin, die Baroneß, allein und ungestört zu sprechen. Bitte, sorgen Sie also dafür, daß niemand gemeldet oder ungemeldet eindringt, so lange ich hier bin. Niemand; – auch Doktor Ruß nicht!«
»Sehr wohl, Hoheit,« erwiderte Ramo respektvoll, aber nicht servil. Er mochte den Erbprinzen gern leiden, den Doktor Ruß aber nicht, trotzdem sich letzterer stets sehr freundlich dem Kammerdiener gegenüber zeigte.
»Willkommen, Hoheit,« sagte Dolores, als der Thronerbe bei ihr eintrat. »Ah – Sie bringen mir ein Buch!«
»Ich nahm es Doktor Ruß ab, der es Ihnen eben bringen wollte,« erklärte der Erbprinz, die dargebotene Hand küssend.
»O, zu gütig –« –
»Nein, es war keine Güte, nicht einmal Gefälligkeit. Ich wollte Sie heut' allein sprechen.«
»Allein, Hoheit?« fragte Dolores erstaunt. »Das klingt ja ganz mysteriös und macht mich sehr neugierig. Sind es Staatsgeheimnisse, welche ich hören soll?« –
»Auch das,« erwiderte er, auf ihren Ton eingehend. »Große Staatsgeheimnisse eines kleinen Staates. Also nur für Ihre Ohren allein bestimmt!« –
»Ei, wie reizend! Ich habe mir immer gewünscht, Mitwisserin von Staatsgeheimnissen zu sein,« meinte sie nicht ohne ein leises Staunen, denn er hatte den letzten Satz merkwürdig ernst gesprochen, ernster, als er sonst zu reden pflegte.
Ramo hatte inzwischen die Jalousien des Salons, wo Dolores ihren Gast empfangen hatte, emporgezogen, denn die Sonne lag nicht mehr darauf, aber er hatte die Fenster trotzdem noch geschlossen.
»O Ramo, die Fenster auf!« rief Dolores, als er eben noch die Salonthür schloß.
»Es ist noch zu heiß draußen, Herrin,« murmelte er in seinem leisen, wohlerzogenen Kammerdienertone und setzte noch leiser spanisch hinzu: »Man versteht unten auf der Terrasse jedes hier gesprochene Wort bei offenen Fenstern.«
Und damit glitt er leise aus dem Salon und schloß sogar die Thür zum Turmzimmer hinter sich.
Dolores fühlte sich entschieden intriguiert. Zwar mochte sie Angelegenheiten von Wichtigkeit auch nicht mehr im Turmzimmer besprechen, seit sie das Geheimnis des Kamins kannte, durch welches die Passage freilich abgeschnitten war, hinter dessen Wand man aber im Nordflügel jedes im Turmzimmer gesprochene Wort vernehmen konnte. Denn selbst der findige Ramo hatte nicht entdecken können, wie der Inhaber der gefundenen Fußspuren in dieses Zimmer hinein gelangt war. Aber Ramo kannte auch die unausgesprochenen Wünsche seiner Herrin – er wußte, daß das Turmzimmer ihr nicht eher wieder lieb werden konnte, ehe es nebenan nicht sicher war, und da er selbst ein leises Unbehagen empfand bei dem Gedanken, daß es dicht neben den Wohnräumen dieser geliebten Herrin einen geheimnisvollen Schlupfwinkel gab für unbekannte Schleicher, daß die Wände dieses Zimmers sozusagen Ohren hatten, so schnitt er diesen lieber ab, was der Erbprinz zu sagen hatte.
Dieser und Dolores nahmen im Salon indes einander gegenüber Platz.
»Also nun zu den Staatsgeheimnissen,« meinte sie, ersichtlich gespannt. »Nach dem zu dieser Unterredung nötigen Apparate bin ich doch wohl berechtigt, etwas ganz Außergewöhnliches zu erwarten und zu hören!«
»Und doch erraten Sie gewiß nicht, daß von Ihnen in dieser Stunde das Bestehen oder Aufhören eines Staates abhängt,« erwiderte der Erbprinz mit jenem Lächeln, das auch Ernst bedeuten kann.
»Von mir?« fragte Dolores erstaunt. Aber dann lachte sie. »O Hoheit, die Hundstage und die Sauregurkenzeit, wo man vergebens nach Enten sucht, um die Zeitungen zu füllen und die Konversation zu beleben – die sind doch noch nicht da, und vor denen brauchen Sie sich doch nicht zu fürchten!«
»Das ist sehr freundlich bemerkt, aber mir lag wirklich jeder Scherz fern,« versicherte der Erbprinz. »Also darf ich mein Staatsgeheimnis erzählen? Und werden Sie mich geduldig anhören, bis ich zu Ende damit bin?«
»Ich werde keine Silbe sagen, bis Hoheit mir erklären, daß Sie fertig sind,« entgegnete sie freundlich und lehnte sich zurück in ihren Sessel. »Also ich höre und verspreche, kein Wort zu verlieren.«
»Nun wohl,« sagte der Erbprinz, »ich verspreche dagegen auch, kurz zu sein und Ihre Geduld nicht zu schwer zu prüfen. Um mit dem neuesten zu beginnen, so muß ich also berichten, daß wegen der in sechs Wochen stattfindenden Vermählung meiner Schwester Alexandra, von der Sie gestern ja gehört haben, die Hochzeit meiner Schwester Lolo schon Anfang August stattfinden muß. Entscheidend waren dabei Etikettenfragen in Rücksicht auf meinen künftigen Schwager Falkner – wir haben das heute Morgen besprochen und bestimmt.«
»Gehört das zur Sache?« warf Dolores etwas kühl ein.
»Doch, denn es leitet die Sache selbst ein,« entgegnete der Erbprinz und fuhr fort: »Aber der durch diese Hochzeiten zu erwartende Trubel und der Umstand, daß, da Monrepos dem jungen Paare als buen retiro für den Honigmond eingerichtet werden soll, wir alle diesen lieben Aufenthalt in den nächsten Tagen verlassen müssen, all' dies hat den Herzog, meinen Vater, etwas nervös gemacht. Er ist ein Mensch mit stillen Neigungen und dem Hange zu einem ruhigen Leben, und nichts ist ihm schrecklicher, als sich in eine Uniform zwängen zu müssen und Pflichten zu erfüllen, die ihn nicht befriedigen, die ihm das leere Gefühl hinterlassen, nichts gethan zu haben und doch in Bewegung gewesen zu sein. Und nun sein Haus leer wird und ihn die Rücksicht für seine Töchter nicht mehr fesselt, nun will der Herzog einen langgehegten Wunsch erfüllen und auf die Regierung verzichten. Er ließ mich also vorhin zu sich rufen und teilte mir seinen Entschluß mit.«
»Ah, das also ist das Staatsgeheimnis!« rief Dolores interessiert. »Aber, Hoheit, warum würdigen Sie mich, es mir gerade anzuvertrauen?«
»Weil, wie ich Ihnen schon sagte, das Bestehen und Aufhören unseres kleinen Staates von Ihnen abhängt,« erwiderte der Erbprinz.
»Sesam, öffne dich!« rief sie lächelnd.
»Ich komme zur Sache. Nachdem der Herzog mir also seinen Entschluß, zu resignieren, kundgegeben hatte, billigte ich denselben vollständig, denn ich teile ganz die Lebensansichten meines Vaters und dessen Neigungen. Ich sagte ihm also, ich begriffe voll und ganz die Motive, die ihn Scepter und Krone niederlegen ließen, aber ich würde diese Resignation auch gerechtfertigt finden, wenn sie aus dem Grunde geschähe, daß damit zugleich unser Land dem Reiche einverleibt würde, welches unsere Souveränität vertragsmäßig anerkennt, dem wir aber damit doch ein Hindernis sind. Ich habe als Vergleich dafür nur den dahinbrausenden Blitzzug, welcher über Zeit und Raum triumphierend den Erdball durchmißt und dazu genötigt wird, jedesmal vor einer kleinen Haltestelle ein unliebsames Halt zu machen, um Ballast aufzunehmen, der ihn nicht beschwert, aber aufhält und belästigt.«
»Das ist eine großherzige politische Auffassung, Hoheit!«
»Sie wäre es, Baroneß, wenn ich nicht ein Mensch wäre und als solcher eigennützige Motive im verborgensten Winkel meines Herzens bärge.«
»Wer soll Ihnen das glauben, Prinz?«
»Hören Sie mich zu Ende, und Sie werden es glauben müssen. Also mein Vater gab mir von seinem Gesichtspunkt aus recht, denn seine partikularistischen Ideen von ehedem sind längst einer wirklich großherzigen, weiten Auffassung von politischer Einigkeit und Größe gewichen, und er hätte auch sicher seine engbegrenzte Souveränität für diesen großen Gedanken geopfert, wenn er nicht geglaubt hätte, das Aufrechthalten derselben mir, seinem einzigen Sohne und Erben, schuldig sein zu müssen. Nach dieser Eröffnung glaubte ich meinen Moment zum Sprechen gekommen, und ich erklärte meinem Vater, daß ich seinem Beispiel freudig folgen und auf einen Thron verzichten wollte, dem gegenüber, ganz abgesehen von meiner politischen Überzeugung, mir ein Leben als mediatisierter Fürst weit größere geistige Vorteile böte. Aber nun komme ich auf des Pudels Kern. Der Herzog fragte mich, als erfahrener Menschenkenner, ob dies allein mein Motiv sei, und da mußte ich freilich gestehen: nein. Denn das wahre Motiv für mich ist – eine Dame, eine Dame, welche ich liebe, und welche mir nicht ebenbürtig ist. Und ich setzte dem Herzog auseinander, wie ich davon geträumt hätte, den Herrscherpflichten zu entsagen – nicht um der Liebe willen, welche ja stets hinter Pflicht zurücktreten muß, sondern rein meiner politischen Überzeugung wegen, und wie ich dann, ein freier Mann, mich einfach nach meiner ererbten Privatbesitzung Graf von Waldburg nennen wollte, um der Dame meines Herzens mit meiner Hand auch meinen Namen bieten zu können. Was nach dieser Erklärung zwischen meinem Vater und mir als Herzog und Erbprinz und endlich als Vater und Sohn besprochen wurde, gehört nicht hierher, ich will nur sagen, daß ich siegte – vielleicht weil der Sieg meiner Schwester Eleonore dem meinen vorausgegangen war. Aber ich habe alles von der Entscheidung jener Dame abhängig gemacht. Nimmt sie meine Hand an, dann werden die Reichslande um ein paar Quadratmeilen größer – refüsiert sie mich, so übernehme ich die Regierung, bis ein geeigneter Moment die Verzichtleistung unauffällig vollzieht.«
»Und das sollte in meiner Hand liegen?« fragte Dolores, als er schwieg.
»Ja,« sagte er fest, »weil Sie die Dame sind, die ich liebe, und weil ich nicht als Erbprinz mit der linken Hand, sondern als Graf von Waldburg vor Sie hintrete, Ihnen Herz, Rechte und Namen biete und Sie frage: wollen Sie mein Weib werden?«
Dolores war aufgestanden – blaß lehnte sie an dem Tisch, der hinter ihr stand und sah zu dem Prinzen herüber, der sich gleichfalls erhoben hatte.
»Hoheit sehen mich aufs höchste überrascht,« sagte sie nach einer Pause ruhig und gefaßt. »Der mich so hoch ehrende, liebe und in letzter Zeit vertraute Verkehr mit Monrepos hat mich nie, auch nicht im entferntesten ahnen lassen, daß –« sie stockte.
»Daß ich Sie liebe,« vollendete der Erbprinz. »Nein, Dolores, ich weiß, daß ich mich nicht verraten habe, denn ich halte es für einen Mann in meiner Stellung für gewissenlos, eine Frau mit seiner Liebe zu verfolgen, der er im besten Falle nichts bieten kann als einen Trauring zur linken Hand, einen fremden Namen und eine stets untergeordnete, peinliche Stellung in seinem Hause. Das waren die Motive, die mich veranlaßten, Ihnen meine Neigung zu verbergen, aber ich wußte, daß wenn Ihr Herz für mich spräche, Sie dies auch in sich verschließen würden. Nun aber hab' ich's erreicht, ich darf sprechen und trete vor Sie hin mit meinem Geständnis. Dolores, darf ich auf Erhörung, darf ich auf Gegenliebe hoffen?«
Nun ward es still in dem hohen, kühlen Raume, so still, daß man das Summen der Fliegen an den Fensterscheiben hören konnte. Dolores stand, die großen, dunklen Augen traumverloren in die Ferne gerichtet und sann, der Erbprinz wartete auf ihre Antwort – –
»Hoheit,« sagte Dolores nach einer Weile, »ich würde Sie schwer täuschen, wenn ich Ihnen sagen wollte, daß die wahrhaft herzliche Sympathie, welche ich für Sie empfinde, Liebe ist. Wenn Sie diese verlangen – ich habe sie nicht!«
»O Dolores!« rief er schmerzlich bewegt. »Ich habe es wohl geahnt, daß ein anderer – –«
»Nein, nein!« unterbrach sie ihn schnell, »kein anderer. Es steht niemand zwischen Ihnen und Ihrer Werbung. Und vielleicht ist die herzliche Sympathie, von der ich Ihnen sprach, auch der rechte Kitt für eine glückliche Ehe – –«
»Vielleicht ist es auch die Liebe selbst, ohne daß Sie es wissen,« fiel er bittenden Blickes ein.
Sie aber schüttelte mit trübem Lächeln den Kopf.
»Nein, Hoheit – wir wollen uns beide darüber nicht täuschen. Es frägt sich nur, ob Ihnen genügt, was ich zu bieten habe – –«
»Dolores – –«
»Sie sollen nicht sofort ›Ja‹ sagen, Hoheit,« fiel sie ihm ins Wort, »Sie sollen sich prüfen, ob Sie vorlieb nehmen wollen mit einem Herzen, das ja nicht verneint, lieben zu können, und das auch nicht sagt: Ich werde Sie niemals lieben, denn ich glaube und begreife, daß eine Frau Sie lieben kann. Aber mehr noch als Sie bedarf ich der Prüfung. Es hat so viel verlockendes, Ihren Antrag anzunehmen, weil es der Antrag eines redlichen, großdenkenden Mannes ist, weil ich mir einbilde, Ihr Herz könnte eine Heimat werden für mein heimatloses Herz und weil die Einsamkeit mich oft so trostlos ansieht – aber all' das darf mich nicht verleiten, das Lebensglück – Ihr Lebensglück auf eine Karte zu setzen, von der ich nicht weiß, ob sie gewinnt. Und darum muß ich mich prüfen und Sie müssen mir Zeit lassen, ja?«
»Kann ich ›Nein‹ sagen?« fragte er mit einem Seufzer zurück. »Und wie lange soll ich auf Ihre Entscheidung warten? Denn ich habe für mich schon entschieden!«
»Wie lange?« sagte Dolores träumerisch. »Ich kann nicht wissen, wie lange ich brauche, um die Zweifel meines eignen Herzens zu bekämpfen. Denn wenn ich kämpfe, so geschieht es offenen Visiers und ehrlich, auch gegen mich selbst – –«
»Das weiß ich, Dolores! Und ich will warten – warten, bis Sie mich rufen. Doch eins muß ich Ihnen sagen: auch ich werde kämpfen, aber nicht mit mir, denn in mir ist alles klar, aber um Sie, und ich will damit nicht eher aufhören, als bis Sie selbst mir sagen, daß es vergebens ist, daß Sie einen anderen lieben. Und vielleicht siege ich auch, denn ich gehe ja nicht hoffnungslos von Ihnen.«
Da lächelte sie schmerzlich.
»Mit einem armseligen ›vielleicht,‹« sagte sie leise.
»Nicht armselig,« erwiderte er warm, »denn haben Sie nicht gehört, was ein Geistreicher gesagt, daß das Wörtchen ›vielleicht‹ die Visitenkarte der Hoffnung ist?«
»Und wenn die Hoffnung nun darauf schriebe: p. p. c. – pour prendre congé?« fragte Dolores.
Einen Augenblick sah der Erbprinz ihr in die angstvoll auf sich gerichteten Augen, dann erwiderte er zuversichtlich:
»Das müßte ich schwarz auf weiß haben, denn die Hoffnung nimmt niemals für immer Abschied von den Menschen.«
Sie aber schüttelte nur mit dem Kopfe – sie wußte es besser.
Und der Erbprinz ging, und wenn er das Wörtchen »vielleicht,« auf das er so viel Hoffnung setzte, zurückdrängte, so blieb ihm freilich nicht mehr viel übrig, um darauf zu bauen. Aber Menschen in seiner Lebenslage bauen dennoch – luftige, hohe Schlösser auf sandigen Boden, bis der Windstoß kommt, der sie vor ihren Augen zusammenbrechen läßt und ihnen nichts davon bleibt, als Schutt, Trümmer und Scherben. – –
Dolores war allein zurückgeblieben mit klopfendem Herzen und fliegenden Pulsen, denn kaum war der Erbprinz gegangen, da traten vor ihren redlichen Sinn schon die Fragen: Was hast du gethan? Welches Recht hast du, ein Herz zu versprechen, das du voll und ganz nicht mehr geben kannst? Welches Recht hast du, Hoffnungen zu erwecken, die du nicht erfüllen kannst?
Und doch hätte sie am liebsten gleich »Ja« gesagt, denn ihr schien Hand und Herz des Erbprinzen wie ein wohlgeborgener Hafen, in welchem sie sicher war vor sich selbst, in welchen sie sich allzeit retten konnte, wenn auch die hohe See des Lebens ihr den Gischt in die Augen schleuderte und sie blendete, daß sie ihren Weg nicht mehr klar sah vor sich. Und sie glaubte glücklich werden zu können an der Seite eines solch' edeln Menschen, selbst wenn sie ihn nicht so liebte, wie sie dachte und glaubte, lieben zu sollen, und endlich wußte sie es nicht und ahnte nicht, wie schwer ihr Herz getroffen war und wie unheilbar seine Wunde. Diese Erkenntnis ward ihr noch vorbehalten – sie wäre ihr erspart geblieben, wenn es sie an jenem Abend nicht herausgetrieben hätte, um im Freien in Gottes klarer Luft besser denken, besser prüfen zu können, trotzdem das Zünglein der Wage sich schon tief herabneigte nach der Wagschale des Erbprinzen, denn, wie gesagt, Dolores hatte noch nicht genug gekostet vom Apfel der Erkenntnis, hatte auf die Sprache des eigenen Herzens noch nicht gelauscht oder dieselbe doch gebieterisch zum Schweigen gebracht – kurz, sie war noch nicht sehend geworden.
Während der Erbprinz droben war bei ihr, hatten Doktor Ruß und seine Frau auf der Terrasse vor ihren Zimmern Platz genommen, und kurz darauf kam auch Falkner von Monrepos herüber, um, wie er sogleich sagte, seiner Mutter den heut' von der herzoglichen Familie fixierten Tag seiner Hochzeit zu melden.
»Die Einladungskarten werden jedenfalls zur rechten Zeit hier eintreffen,« schloß er, »aber ich denke, der Herzog wird noch vor seiner Abreise von Monrepos Gelegenheit nehmen, davon zu sprechen, das heißt seine Einladung persönlich anbringen.« –
Frau Ruß strickte ihre Nadel ab, an deren Maschen sie eifrig zählte. »Dreiundzwanzig – vierundzwanzig,« schloß sie und ließ dann das Strickzeug sinken, um auf die Einladungsfrage einzugehen. Diesen Moment aber hatte Doktor Ruß sehr wohl abgepaßt.
»Wäre es nicht besser, lieber Alfred,« begann er, »wenn du drüben in Monrepos einen Wink darüber fallen lassen könntest, daß die Einladung besser ganz unterbleibt? Du würdest dadurch deiner Mutter den peinlichen Moment der Entschuldigung über ihr Fernbleiben von deiner Hochzeit ersparen.« –
Frau Ruß hatte ihren Gatten, während er sprach, angesehen, ohne ihn zu unterbrechen. Jetzt nahm sie mit einem Ruck ihr Gestrick wieder auf, doch um ihren festgeschlossenen Mund zuckte es seltsam.
Falkner aber hielt sein Erstaunen nicht zurück.
»Warum willst du meiner Hochzeit nicht beiwohnen, Mutter?« fragte er.
Wieder öffnete Frau Ruß den Mund zur Antwort und wieder übernahm Doktor Ruß dieselbe.
»Deine Mutter hat drei Gründe für ihre Weigerung,« sagte er. »Erstens sind wir pekuniär nicht so gestellt, um die für einen solchen Tag und an solchem Orte nötigen Ausgaben für Reise, Kleider etc. bestreiten zu können.« –
»Nun, meine Mutter wird die Deckung dieser Auslagen von mir in diesem Falle wohl annehmen,« fiel Falkner dem Redner ins Wort.
»Zweitens,« fuhr Ruß unbeirrt fort, abermals eine Antwort seiner Frau abschneidend, »zweitens will deine Mutter einer derartigen Feier niemals ohne ihren Gatten – meine Wenigkeit – beiwohnen.«
»Man wird aber auch am herzoglichen Hofe den Takt haben, diesen Gatten meiner Mutter mit einzuladen,« fiel Falkner abermals ein.
»Diesen Fall vorausgesetzt, wird deine Mutter drittens sich nicht der Möglichkeit aussetzen, in der Hofrangordnung auf eine Stufe gestellt zu werden, welche vielleicht ihrer jetzigen bürgerlichen Stellung, nicht aber ihrem Geschmacke entspricht; ganz abgesehen davon, daß es ihr peinlich wäre, mich, ihren Gatten, dabei übersehen und beiseite schieben zu lassen,« schloß Doktor Ruß.
Falkner konnte dem klugen, alles erwägenden Manne in diesem Falle nicht unrecht geben.
»Ich glaube kaum, daß ihr euch in eurem Verhältnis zu mir derartigen Dingen aussetzen würdet,« sagte er indes sehr ruhig.
»Nein, du glaubst es nicht, und ich glaube es auch nicht, was den Herzog und die Seinen persönlich anbetrifft,« erwiderte Ruß, »aber die Hofrangordnung macht der Hofmarschall, und du wie wir sind dessen eben nicht sicher, sowie seiner Ansichten über den Fall. Sparen wir also dem Herzog das Peinliche, seine Gegenschwieger deplaziert zu sehen, und sparen wir uns den Ärger, es zu sein!«
»Nun, das wird sich alles noch finden,« meinte Falkner, um das Gespräch zu beenden.
»Der zweite und dritte Punkt vielleicht – der erste sicher nicht,« beharrte Doktor Ruß. »Denn,« fuhr er fort, »es fällt mir nicht ein, mich in Schulden stürzen zu wollen dieses einen Tages wegen, der uns vielleicht nur Kränkung und Zurücksetzung bringt.«
»Herrgott, wie kann man immer nur daran denken,« fuhr Falkner auf. »Dieses ewige Mißtrauen macht euch elend und stellt der übrigen Welt doch ein geistiges Armutszeugnis aus, das sie nicht verdient.«
Doktor Ruß zuckte mit den Achseln und lächelte ein bedeutsames Lächeln, dann aber stand er auf, trat an seine Frau heran, umfaßte sie liebevoll und drückte sie an sich.
»Teures Weib, hier ist dein Platz, den du dir selbst gewählt,« sagte er mit dem vollen Wohlklange seiner modulationsfähigen Stimme. »Hier ist dein Platz, der dein bleibt, ob auch die Welt dich verstößt wegen deiner Herzenswahl. Denn was nützen uns Rangkronen und Titel, wenn das Herz fehlt?«
Und er beugte sich herab, ihren zuckenden Mund zu küssen und ihre vor Rührung überquellenden Augen zu trocknen.
»Na, da schlag' Gott den Teufel tot,« murmelte Falkner ziemlich deutlich, denn diese Komödie täuschte ihn nicht und sollte es vielleicht auch nicht thun. Denn einmal hielt er seinen Stiefvater für einen viel zu klugen Mann, um ihm solch' unlogisches und ungerechtfertigtes Vom-Zaun-brechen einer Rührscene zuzutrauen, und dann wußte er sehr genau, daß es dieser Ton war, mit welchem er seine Mutter sich gewann und unterordnete, mit dem er sie aufreizte und zu seinen Ansichten und Plänen bekehrte. Ob es nun zu diesen gehörte, oder ob wirklich sein Mißtrauen und die Furcht, nicht für voll anerkannt zu werden, in ihm vorherrschte – genug, er wußte seine Frau genau ebenso denkend zu machen. Frau Ruß bewieß auch sofort, daß ihres Mannes Taktik für sie berechnet und mit Erfolg gekrönt war, wie gewöhnlich.
»Ja, mein Lieb,« sagte sie, mit den Thränen kämpfend, »wir bleiben fern von dem Orte, an dem wir nur geduldet werden würden. Ich brauche die ganze hochmütige Clique nicht,« fuhr sie heftig fort, »und wer mich frägt, wer ich bin –: ich bin die Frau Ruß, nichts mehr und nichts weniger!« –
»Aber liebe Mutter, wer ist dir denn je in dieser Beziehung zu nahe getreten?« fragte Falkner beruhigend, doch Doktor Ruß winkte ihm nur ab und drückte den Kopf seiner Frau lange und stumm an seine Brust. Die Wirkung war komplett, der Sieg war gewonnen über ein verbittertes Weib. Deshalb blieben Falkners Worte auch gänzlich unbeachtet, und er war im Begriff, sich zu erheben und zu gehen, als Doktor Ruß, wieder Platz nehmend, ein anderes Thema aufnahm.
»Da wir gerade einmal in Ruhe bei dem Thema deiner Heirat sind, lieber Alfred,« sagte er, »so mag zugleich eine Frage erledigt werden, welche nahe liegt. Was haben deine Mutter und ich von deiner Heirat zu erwarten?«
»Das verstehe ich nicht,« erwiderte Falkner verwundert.
»Nun wohl, ich meine, welch' materielle Vorteile können und sollen uns daraus ersprießen?«
»Materielle Vorteile?« wiederholte Falkner. »Offen gesagt sehe ich für euch als Kollektivbegriff keine, doch werde ich nach wie vor bemüht sein, aus meinen Überschüssen meiner Mutter diejenige Hilfe zu gewähren, welche ich eben gewähren kann.«
Frau Ruß reichte ihrem Sohne die Hand und wollte etwas sagen, doch ein vielsagendes »Hm!« ihres Gatten hielt das freundliche und dankbare Wort auf der Stelle zurück.
»Was soll das heißen?« fragte Falkner gereizt.
»Ich wollte damit nur sagen, daß wir natürlich keine Rothschild-artigen Revenüen von dir verlangen,« erwiderte Ruß sehr gelassen, »denn wir wissen ja, daß die Apanage deiner Braut durch ihre unebenbürtige Heirat erlischt und ihr mütterliches Vermögen nur eine unantastbare Leibrente bildet. Ich habe also auch nicht von pekuniären Vorteilen gesprochen, sondern von materiellen.«
»Jedenfalls bist du sehr gut informiert,« sagte Falkner sarkastisch.
»Nicht wahr?« nickte Doktor Ruß seinem Stiefsohne so harmlos zu, daß diesem das Blut in die Stirn stieg und er alle Mühe hatte, eine heftige Antwort zurückzudrängen.
»Ich bitte also um eine Erklärung, was du unter materiellen Vorteilen von meiner Heirat verstehst,« rief er ungeduldig, »du mußt meiner schweren Begriffsfähigkeit hierin etwas zu Hilfe kommen.« –
»Gern, lieber Alfred,« entgegnete Ruß sehr sanft und freundlich. »Ich meine nämlich, es dürfte jetzt die Zeit gekommen sein, wo du statt deiner vielgerühmten Hilfen aus deinen Überschüssen –«
Nun sprang aber Falkner empor im hellen Zorn.
»Wie kannst du wagen, von ›vielgerühmten‹ Hilfen zu sprechen,« sagte er leise mit flammendem Auge. »Ich habe das Wenige, was ich meiner Mutter geben konnte, in meinem Herzen stets um seiner Wenigkeit willen beklagt, aber ich war nie solch' ein Lump, mich dessen zu rühmen, was ich gab; denn wer sich erfüllbarer Pflichten rühmt, ist nichts als ein alberner Selbstanbeter und ein verächtlicher Renommist obendrein!«
Doktor Ruß sah ein, daß er zu weit gegangen war und seinen Stiefsohn unnötig gereizt hatte. Er nickte ihm deshalb lächelnd zu und klatschte leise Beifall.
»Bravo! Bravo!« rief er, »Adelheid, geliebtes Weib, sieh' deinen Sohn, dein Fleisch und Blut! In welch' schönen Zorn er für dich geraten kann –« –
»Was soll das wieder?« unterbrach ihn Falkner drohend. Aber Doktor Ruß war nicht so leicht einzuschüchtern.
»Nein, du hast mich nicht recht verstanden, oder ich, vielmehr, habe mich nicht richtig ausgedrückt,« sagte er mit seinem gewinnendsten Ton. »Ich meinte vielgerühmt in dem Sinne, als deine Mutter, und ich mit ihr, es in der That stets viel gerühmt haben, daß du von dem Deinen trotz den großen Ansprüchen, welche deine Carriere, dein Name und die große Stadt an dich stellten, immer noch für deine Mutter übrig hattest –«
»Daran ist auch von dir nichts zu rühmen,« unterbrach ihn Falkner kurz und scharf, denn der schnelle Blick, den Frau Ruß auf ihren Mann geworfen hatte, war ihm nicht entgangen und hatte ihm gesagt, daß sein Stiefvater das böse Wort nur zu seinen Gunsten gedreht, und seine Fertigkeit in dieser Kunst abermals bewiesen hatte.
»Doch! doch!« widersprach der Unerschütterliche auf das Süßeste, und fuhr dann fort: »Um also endlich auf des Pudels Kern zu kommen, so hatte ich sagen wollen, daß deine Mutter und ich erwarten, daß es dir nunmehr gelingen wird durch deinen unleugbaren Einfluß am Hofe des Herzogs, deines Schwiegervaters, für mich eine Stellung zu erwirken, welche deine Mutter auf eine Stufe stellt, die für dich nichts Peinliches hat. Der meinem Namen mangelnde Adel dürfte dann auch wohl so schwer nicht zu beschaffen sein.«
Falkner, welcher stehen geblieben war, ergriff jetzt seinen Hut.
»Ich fürchte, dich enttäuschen zu müssen,« sagte er, sich vollständig bezwingend. »Ich bin so ganz und gar nicht der Mann dazu, der durch eine nähere Verbindung mit den Großen dieser Erde, diese sogleich dazu benutzt, um seine Verwandten zu poussieren. Das war ein Geschäft für die Pompadour und ihresgleichen. Deine eigenen Bemühungen um eine Professur werden da jedenfalls erfolgreicher sein. Du brauchst dann auch den Adel nicht, dessen in meinen Augen ein gebildeter Mensch überhaupt nicht bedarf, um vorwärts zu kommen. Und bis ich soweit bin, das heißt bis ich in der Intimität mit den neuen Verwandten soweit gedeihe, daß ich eine derartige Bitte aussprechen würde – bis dahin bist du längst in Amt und Würden.«
»Natürlich,« erwiderte Doktor Ruß seltsam zerstreut.
»Dies ist meine persönliche Ansicht davon,« fuhr Falkner fort, »aber es kommt noch ein anderer Faktor dazu, der deinem Wunsche entgegentritt. Es ist dies die wahrscheinliche Resignation des Herzogs und seines Hauses und die Einverleibung Nordlands in die Reichslande.«
»Ah –!« machte Doktor Ruß mit demselben unsteten Blick wie zuvor.
»Ich bitte euch, diese Mitteilung aber geheim zu halten,« schloß Falkner, verwundert, daß die Zunge seines Schwiegervaters keinen scharf zugespitzten Pfeil auf seine Weigerung hatte. »Ich habe,« setzte er hinzu, »nur deshalb davon gesprochen und dir gegenüber Gebrauch von dieser nur in Umrissen skizzierten Idee gemacht, um den Beweis zu liefern, daß Egoismus und böser Wille mich nicht leitet.«
»Gewiß! Gewiß!« meinte Doktor Ruß, wie wenn jemand, sehr beschäftigt, ein fragendes Kind abfertigen will.
»Und nun adieu, liebe Mutter,« sagte Falkner, sich zu Frau Ruß wendend. »Ich reise morgen früh ab und habe heut' noch mehreres zu thun.«
»Adieu, lieber Junge,« erwiderte sie in ihrer kalten, kurzen Weise. »Es ist noch früh am Abend – mußt du schon gehen?«
»Ich wollte Dolores noch Lebewohl sagen, Mutter.«
»Dolores? Ah, da wirst du heut' nicht angenommen,« fiel Doktor Ruß mit der altgewohnten Aufmerksamkeit ein. »Der Erbprinz ist oben.«
»Darin sehe ich noch keinen Grund, nicht auch angenommen zu werden,« erwiderte Falkner, der einen Moment gestutzt hatte.
Nun berichtete Ruß mit leisem, bedeutsamem Lachen, wie er vorhin an der Treppe kurz und bündig von dem Erbprinzen »entlassen« worden war, und er legte in seinen Bericht eine Bedeutung, die er ja, wie wir wissen, in der That erraten hatte, welche er aber kaum berechtigt war, hereinzulegen.
»Nun, so richtet ihr Dolores wohl meine Empfehlungen aus,« meinte Falkner gleichgültig, küßte seiner Mutter die Hand, berührte die Fingerspitzen des Doktor Ruß und ging durch die große Lindenallee der Grenze von Monrepos zu. Sein Stiefvater aber raffte auch mit leisem Singen seine Siebensachen zusammen, warf seiner Frau eine Kußhand zu und verschwand im Hause, um es alsbald von einer anderen Seite aus wieder zu verlassen, als er von einem Diener erfuhr, daß der Erbprinz schon fort und »Baroneß« in den Park gegangen sei.
Falkner änderte inzwischen auch seine Absicht, direkt nach Monrepos zurückzukehren. Das stattgehabte Gespräch mit seinem Stiefvater hatte ihn, wie alle derartigen Gespräche mit demselben, geärgert und erregt, mehr aber noch gab ihm die nach Ruß' Version wichtige Anwesenheit des Erbprinzen im Falkenhofe zu denken. Was hatte dieser mit Dolores zu besprechen, daß er keine Zeugen zu haben wünschte? Grübelnd und seltsam erregt, ging er vorwärts, bog in dem Gefühl, sein Gleichgewicht erst durch einen Spaziergang wiederherstellen zu müssen, in einen Seitengang ein und schritt die denselben mehrfach kreuzenden, schattigen Laubsteige benutzend, planlos weiter. Am Abend war eine erfrischende Brise von Osten hergekommen, und die Sonne sank in wunderbar leuchtendem Glanz im Westen hinab. Da begann im Dorfe die Abendglocke zu läuten – weich und weihevoll schwebten die gedämpften Glockentöne durch die Luft, und Falkner nahm unwillkürlich den Hut vom Kopfe und blieb lauschend stehen. Er dachte mit seltsam wehmütigem Gefühl der Zeit, da er noch zur Abendglocke den Angelus betete, bis die Welt ihren Staub über jenen frommen Brauch legte und er ihn verlor. Denn man hört ja im Geräusch der Welt und der großen Städte keine Glocken mehr läuten, und wer ihren Klang nicht im Herzen trägt, den rufen sie bald nicht mehr zu dem geweihten Ort, dem sie dienen – – –
Und wie er stand und darüber nachsann, wie man so leicht vergißt, was nicht von dieser Welt ist, da tönte durch den Glockenklang eine wunderschöne, volle, weiche Frauenstimme zu ihm herüber –
»Dolores!« dachte er und eilte vorwärts. Mit wenigen Schritten war er am Hexenloch, an dessen malerischem Ufer sie stand. Im Hintergrunde flüsterten leis die uralten Blutbuchen. Sie hatte das Angesicht dem purpurroten Sonnenuntergange zugewendet, der durch eine Lichtung in den Bäumen auf die kaum bewegten Äste und auf das geheimnisvoll dunkle Wasser des Hexenloches leuchtende Tinten zauberte. Ihr wunderschönes Antlitz mit den dunkeln Augen, die ungeblendet hineinsahen in den Sonnenuntergang war goldrot beleuchtet.
So stand sie im weißen Kleide, Sonnenlicht in dem schimmernden Goldhaar, wie eine Elfe, seltsam überirdisch zu sehen, und sang ein Lied, dessen weiche Modulation, dessen wie von Schluchzen durchbebte Melodie wunderbar hineinpaßte in das stimmungsvolle Bild. Es war ein italienisches Lied, vielgesungen, weitbekannt, aber hier durchweht von hoher Künstlerschaft, von tiefstem Empfinden, das also hinausklang in den stillen, glockendurchzitterten Abend:
»Ich möchte sterben, wenn die Frühlingslüfte Vom heitern Himmel lau die Erd' durchwehen, Wenn neue Blüten hauchen neue Düfte, Die Schwalben sorgend nach dem Nestlein sehen. Ich möchte sterben, wenn die Sonne nieder Am Himmel sinkt und schon die Veilchen träumen – Da flieht zu Gott die müde Seele wieder, Zu unbegrenzten, frühlingshellen Räumen. Doch wenn der Sturm rast und die Blitze flammen, Wenn finstre Wolken durch die Lüfte jagen, Und wirbelnd treibt das welke Laub zusammen, Möcht' ich nicht sterben, nicht hinaus mich wagen. Ich möchte sterben, wenn die Sonne nieder Am Himmel sinkt und schon die Veilchen träumen – Da flieht zu Gott die müde Seele wieder Zu unbegrenzten, frühlingshellen Räumen.«[1]
[1]: Nach dem Italienischen des L. M. Cognetti von der Verfasserin.
Und wie Falkner stand und dem Liede lauschte, ungesehen von der einsamen Sängerin, da fiel ihm die Zeichnung des Blattes ein, das dem Liede als Umschlag diente, und das er einst drüben in Monrepos gesehen –: vor der untergehenden Sonne, die auf die »träumenden Veilchen« herabblickt, zwei beschwingte Schatten, welche sich zum Kusse zusammenneigen – –
»Vorrei morir – vorrei morir« – verklang es wie ein schluchzender Hauch. »Dolores –!« und er stand neben ihr, plötzlich, unerwartet, aber sie erschrak nicht vor seinem schnellen Kommen, sondern sah durch die Lichtung hinein in das Abendsonnengold, als wäre sie allein, wie vorher.
Und es wurde still unter den Blutbuchen am Hexenloch wie in einer Kirche, nur seine tiefen, schweren Atemzüge waren zu hören.
»Vorrei morir –« wiederholte er dann leise. »Warum nur möchten Sie sterben, Dolores?«
Da sah sie ihn an, wortlos, aber er schien keiner anderen Antwort zu bedürfen.
»Ich war im Falkenhof und wollte Ihnen Lebewohl sagen, denn ich reise morgen ab,« fuhr er nach einer Pause fort. »Und Prinzeß Alexandra läßt Ihnen sagen, daß Sie zu meiner Hochzeit nach Nordland kommen sollen.«
»Ja,« sagte Dolores mechanisch. Es war ihr erstes Wort.
»Ja,« wiederholte er. »Leben Sie wohl!« Und er reichte ihr die Hand. Als sie die ihre hineinlegte, ohne Druck, wie apathisch, da sprach sie mit seltsam klingender Stimme: »Sie kommen dann vielleicht auch zu meiner Hochzeit.«
Da prallte er zurück, wie getroffen.
»Der Erbprinz!« fuhr es ihm durch den Sinn, daß er den Namen laut aussprach. Sie nickte bejahend.
»Und Sie haben ›Ja‹ gesagt,« fragte er.
»Noch nicht,« erwiderte sie, »aber ich werde es wohl thun. Es ist das beste. Denn er ist ein guter, edler Mensch.«
»Und trotzdem singen Sie's in die Welt hinaus, daß Sie sterben möchten?« fragte er wieder, und als sie darauf keine Antwort hatte, fuhr er, dicht an sie herantretend, fort: »Wenn ich das noch sagen wollte, ich, Dolores! Ich, der ich ein namenloses Glück in blindem Wahn, in unsinniger Verblendung von mir stieß, eine königliche Lilie in den Staub trat und dafür ein Flatterröslein erwarb! Und dieses Glück war mir so nahe gelegt, und, meinen Sie nicht, daß es mir gelungen wäre, es zu erwerben?«
Doch statt zu antworten, wendete sie das schöne Haupt ab von ihm und sah wieder hinein in das Abendrot, das zu rosigen und violetten Tönen zu verblassen begann.
»Dolores,« sagte er leise, und sich zu ihr hinneigend, »Dolores, nur ein Wort sagen Sie mir! Hätte ich mein Glück erringen können, oder war es zu hoch für mich?«
»Zu hoch ist nichts für menschliches Wünschen,« antwortete sie, ohne ihn anzusehen, und als er mit leisem Ausruf bis dicht vor sie hintrat, fuhr sie mit seltsamem Schwanken in der Stimme fort: »Aber jetzt ist es zu spät.«
»Zu spät!« wiederholte er stöhnend. »Nun denn, wenn es zu spät ist, so leben Sie wohl, Dolores!«
»Leben Sie wohl, Alfred,« kam es mit erstickter Stimme zurück.
»Nein,« sagte er heftig, »nein, so gehe ich nicht! Ich muß etwas mitnehmen für diese Reise durchs Leben, etwas, das mich stärkt, wonach mich hungert und dürstet zugleich. Sie müssen mich noch einmal ansehen –!«
Da wendete sie den ernsten, umschleierten Blick zu ihm zurück und sah ihm in die Augen, wortlos zwar, aber ein leises Rot stieg in ihre blassen Wangen dabei, und dann senkte sie das blonde Haupt und ein leises, unterdrücktes Schluchzen durchbebte ihren Körper.
Da legte Falkner seinen Arm um sie und zog sie an seine Brust, und so ruhte sie einen kurzen, seligen Augenblick lang.
»Dolores, ich liebe dich von ganzem Herzen,« flüsterte er zu ihr herab, »und nun weiß ich's, daß auch du mich liebst!«
»Ja,« antwortete sie einfach – was aber lag alles in diesem kurzen, schlichten »Ja.« Und dann machte sie sich frei aus seinen Armen. »Du mußt jetzt gehen,« sagte sie, »denn die Sonne ist untergegangen, und es ist spät geworden – zu spät!«
Da sagte er gehorsam: »Lebewohl,« doch ehe er ging, nahm er einen Zweig der Blutbuche, den sie vorhin abgebrochen hatte, aus ihrer Hand, küßte ihn, und sprach: »Laß es mir als einziges, was mir von dir bleiben darf –:
Dies Blatt aus sommerlichen Tagen, Ich nahm es so im Wandern mit, Auf daß es einst mir möge sagen Wie süß die Nachtigall geschlagen, Wie grün der Wald, den ich durchschritt.«
Und dann ging er, ohne sich umzuwenden, und sie sah ihm nach mit umflortem Blick, wie er der Lichtung zuschritt, dem verblassenden Abendrot entgegen, und seine Gestalt zeichnete sich hoch und gebietend ab auf dem goldenen Grunde des scheidenden Lichtes, denn unter den Bäumen war es ganz dunkel geworden, dunkler noch auf den trägen Wassern des Hexenloches, auf welchem weiße Nymphäen blühten wie verlorene Sterne am dunkel umwölkten Nachthimmel.
Und da war es ihr, als ob eine Hand sie herandrängte hart an den Rand des Tümpels, und ehe sie noch erschrocken Widerstand leisten oder sich umsehen konnte, verlor ihr Fuß den Halt, mit einem lauten Aufschrei stürzte sie das graue Ufer hinab und die schwarzen Wellen des Hexenloches schlugen über ihr zusammen – – – –
Doch einer hörte den Schrei – Falkner – und sich blitzschnell umwendend, sah er eben noch die weiße Gestalt in dem unheimlichen Tümpel verschwinden.
Entsetzt, aber ohne einen Moment zu verlieren, kehrte er im raschesten Laufe zurück, und wie er das Hexenloch erreichte, sah er sie wieder emportauchen in ihrem Kleide, gehoben von den, der Sage nach unergründlich tiefen Fluten, kämpfend, ringend mit dem nahen Tode.
Und er rang mit dem Allbesieger um dies junge Leben, lautlos in der tiefen Dämmerung suchte er dem Strudel, dessen Wirbeln und Gurgeln dem Hexenloche die einzige Bewegung gab, sein Opfer zu entreißen, und obwohl ein tüchtiger Schwimmer, mußte er doch hart und verzweifelt kämpfen, um sich mit seiner Last, die, sich an seinen Hals klammernd, jetzt das Bewußtsein verlor, aus dem verderblichen Wirbel herauszuarbeiten. Aber er siegte, trotz aller Schwierigkeiten, über den Tod, der seine Runen schon in das blasse, schöne Gesicht seines Opfers gezeichnet hatte, und atemlos, erschöpft fast, stieg er endlich ans Ufer und legte Dolores sanft auf den grünen Rasen. Im ersten Augenblick, als er nur undeutlich ihre Züge in dem schwachen, verglimmenden Lichte unter den hohen Bäumen unterscheiden konnte, und vergeblich auf einen Atemzug lauschte, da glaubte er sie tot, und ein wilder, unsäglicher Schmerz ergriff ihn, daß er ihren leblosen Körper wieder emporrichtete, an seine Brust ihr todblasses Haupt legte und ihre kalten Lippen küßte, als könnte er ihr mit seinem Atem wieder das entflohene Leben einhauchen. Und da that sie einen tiefen, tiefen Atemzug und schlug die Augen auf.
»O, du hast mich gerettet?!« murmelte sie matt, wie schlafbefangen. Doch nun ließ er sie nicht ruhen. Er rieb ihre kalten Hände, und strich ihr das nasse Haar aus der Stirn, und richtete sie endlich völlig empor.
»Fühlst du dich stark genug, nach dem Falkenhof zu gehen?« fragte er liebevoll, »sonst mußt du hier bleiben, bis ich Leute hole, die dich ins Haus tragen helfen, denn es ist ein weiter Weg für dich!«
»Nein, nein, nicht hierbleiben,« erwiderte sie, mit leisem Schauer hinüberblickend nach dem Hexenloch, das wieder ruhig und unbewegt dalag, als hätte ein Mensch nicht eben noch in ihm um sein Leben gekämpft und gerungen. »Ich bin ganz stark und erholt und kann sehr gut gehen –«
Aber es ging doch noch ein wenig schwach und matt, woran die nassen Kleider viel schuld hatten, die Nervenerschütterung und die Erschöpfung aber noch mehr. Falkner stützte und trug sie halb, und so gingen sie langsam auf dem kürzesten Wege nach dem Falkenhofe zurück, und wenn sie, blasser und blasser werdend, einhielt im Gehen, da legte er sanft ihren Kopf an seine Schulter und strich ihr ebenso sanft über Stirn und Haar.
»Warum bin ich nicht lieber gestorben?« fragte sie einmal und faltete die Hände.
»Es hing an einem Haare!« erwiderte er ernst. »Aber es scheint, du sollst noch leben!«
Und langsam weiterschreitend, fragte er sie, wie es gekommen, denn im ersten jähen Schrecken hatte er geglaubt, sie habe selbst den Tod gesucht.
»O nein,« erwiderte sie stolz, »Selbstmord ist eine Feigheit, und ich habe sogar den Mut zum Leben.«
»Daran erkenn' ich meine stolze Dolores,« sagte er bewundernd, und als sie mit einem halben Lächeln zu ihm emporsah mit ihren großen, dunkeln Augen, die jetzt einen so ganz anderen, weichen Ausdruck hatten, da setzte er hinzu: »Denn die stolze Dolores war bewunderungswürdig und schön – die demütige Dolores aber ist noch tausendmal schöner.«
Da senkte sie, matt errötend, den Blick wieder zu Boden.
»Nein,« sagte sie nach einer Pause, »nein, es war nicht mein Wille, das Hexenloch zu meinem Grabe zu machen. Ich weiß auch nicht mehr, wie es kam – ich muß durch einen unbedachten Schritt ausgeglitten sein, und wenn es nicht einfach unmöglich wäre, es zu behaupten, so würde ich sagen, ich hatte das Gefühl, als hätte mich irgend etwas hinabgestoßen.«
»Vielleicht hat das plötzliche Ausgleiten und die damit verbundene Erschütterung das Gefühl erzeugt,« meinte er.
»So wird, so muß es sein,« sagte sie matt.
Endlich kamen sie zum Falkenhof, der im matten Dämmerlicht, im letzten Schimmer des geschiedenen Tages dalag, ruhig und friedlich, und großartig. Vor der Terrasse unten stand Doktor Ruß und schnitt mit seinem Taschenmesser welke Blätter von einem Rosenbaum, doch schien er die Schwüle des zur Rüste gegangenen Tages noch nicht überwunden zu haben, denn er mußte sein Geschäft oft unterbrechen, um seine Stirn mit dem Taschentuch zu trocknen, ja der sonst so kühle, blasse Mann war rot und erhitzt, als wäre er überrasch gegangen. Da er mit dem Rücken gegen den Park stand, so sah er das Paar auch nicht, das über das weiche bowling-green quer geschritten kam, und wandte sich erst um, als er die Stimme seines Stiefsohnes hörte, der Dolores eben sagte, daß er sie bis nach oben führen würde. Überrascht, Falkner heut' Abend nochmals hier zu sehen, wandte Doktor Ruß sich um, und fuhr bei dem Anblick der totenblassen, von ihren schweren, nassen Kleidern umhüllten Dolores so heftig zurück, daß ihm das Messer abglitt und tief in seine Hand fuhr.
»Herr des Himmels, was ist geschehen?« preßte er, blasser als Dolores selbst, hervor.
Doch diese lächelte. »Ich habe die Hexenprobe im Hexenloch bestanden,« sagte sie scherzend. »Das heißt,« fuhr sie sich verbessernd fort, »ich habe bewiesen, daß ich keine Hexe bin, denn ich wäre entschieden untergesunken, wenn Alfred mich nicht herausgeholt hätte, was ihm schwer genug gefallen ist.«
»Aber, um alles in der Welt, wie kam es denn, daß Sie in den gefährlichen Tümpel fielen?« forschte Doktor Ruß weiter, das Taschentuch um seine blutende Hand wickelnd.
»Mir war's, als hätte mich jemand, der nicht da war, hineingestoßen,« erwiderte sie, immer im scherzenden Tone, »aber das ist nur die sensationelle Lesart – die richtige ist leider, daß ich einfach ausgeglitten bin und das Gleichgewicht verloren habe, was einem zuweilen passieren soll,« fügte sie mit einem matten Abglanz früherer Schelmerei hinzu.
»Du bist dem sicheren Tode nur durch den Umstand entronnen, daß ich noch nahe genug war, deinen Schrei zu hören und zu Hilfe zu eilen,« sagte Falkner ernst. »Aber zu Erklärungen ist jetzt keine Zeit, denn vor allem mußt du die Kleider wechseln und sofort zur Ruhe gehen, damit das Nachspiel dieses Falles nicht tragischer endet, als dieser selbst.«
»Gewiß – so schnell wie möglich zu Bette, liebe Dolores,« redete nun Doktor Ruß auch zu; »doch auch du, Alfred, mußt dich hier umkleiden. Ich gehe, Ihnen aus meiner Apotheke ein Vademekum gegen Erkältung zu holen!« – Damit eilte er hinein, und Falkner führte Dolores ins Haus und bis vor ihre Zimmer. Dort wollte sie ihm danken, aber er ließ es nicht zu.
»Daß deine Rettung mir gelang, war ja keine Heldenthat, sondern barer Egoismus,« meinte er, und verließ sie so schnell, daß sie ihm eben nur noch ein halb ersticktes »Lebewohl« zurufen konnte.
In Kleidern von Doktor Ruß, die ihm zur Not paßten, langte Falkner erst spät in Monrepos an, begrüßt von besorgten Fragen seines späten Kommens wegen, das man natürlich einem besonderen Ereignis zuschrieb. Nur Prinzeß Lolo, welche sich in Zorn und Ungeduld über das lange, unentschuldigte Ausbleiben ihres Verlobten in Wein- und Schreikrämpfe versetzt hatte, wollte von triftigen Gründen nichts wissen, und beruhigte sich erst, als Falkner nach diversen, sehr geduldigen Versuchen, sie zur Vernunft zu bringen, sich kurz auf dem Absatz umdrehte und das Zimmer verlassen wollte. Da hörte das Schluchzen und Schreien wie mit einem Zauberschlage auf, und derselbe Mund, der eben noch verzerrt und zuckend geschrieen hatte, wie ein eigensinniges Kind, er lachte hell auf und fragte:
»Aber wie siehst du denn aus? Dein Rock schlägt ja auf dem Rücken eine Wasserfalte.«
»Weinen und Lachen steckt in einem Sacke,« murmelte der Herzog, dessen Autorität sich diesem Kinde gegenüber wieder als machtlos bewiesen, während die Bitten der Prinzeß Alexandra um Mäßigung die Sache entschieden verschlimmert hatte.
Falkner wandte sich auf die Anrede seiner Braut um, heißen Zorn im Antlitz, aber äußerlich sehr ruhig und beherrscht.
»Ich werde dir den Rock, der einen so wohlthätigen Einfluß auf deine Stimmung hat, schenken,« sagte er nicht ohne Schärfe, welche dem Erbprinzen, den das Benehmen seiner Schwester unsäglich reizte und empörte, viel zu schwach und »bräutigamhaft« erschien. »Vielleicht,« fuhr er nicht ohne Galgenhumor fort, »vielleicht ist die Wasserfalte eine natürliche Folge davon, daß ein Sprung ins Wasser mein spätes Kommen verschuldet hat.«
Und nun berichtete er kurz von dem Unfall, der Dolores betroffen, bei größter Anteilnahme der herzoglichen Familie, welche seinem von ihm nur flüchtig berührten Rettungswerke die wärmste Bewunderung spendete.
»Da hättest du denn bei dem Herausfischen deiner Cousine selbst ertrinken können?« fragte Prinzeß Lolo, welche bis dahin mit großen Augen zugehört.
»Es gehört ein harter Kampf dazu, dort das eigene Leben zu retten, geschweige denn das anderer,« sagte der Erbprinz, welchen die Gefahr, in welcher Dolores geschwebt, aufs Tiefste erschüttert hatte.
»Dann war es schlecht von dir, hinein zu springen,« rief Prinzeß Lolo außer sich, »du hast kein Recht dazu, dich für andere in Gefahr zu begeben, du gehörst mir!«
»Lolo!« mahnte Prinzeß Alexandra empört, »vergiß nicht, was der Dichter sagt:
Ein braver Mann denkt an sich selbst zuletzt, Vertraut auf Gott und rettet die Bedrängten.
Und Falkner hat sich als ›ein braver Mann‹ gezeigt! Muß dich das nicht mit Stolz erfüllen? Die einzige Entschuldigung für dich ist, daß dieser empörende Egoismus nur ein Ausbruch deiner nachträglichen und gerechtfertigten Angst um sein Leben war!«
»Ratteltatteltattel!« äffte die kleine Durchlaucht blitzenden Auges ihrer Schwester nach. »Was ihr nicht immer über mir zu meistern habt! Ich habe mir gar nichts anderes gedacht, als ich gesagt habe, und bleibe dabei, daß Alfred gar nicht das Recht hat, sich in Gefahr zu begeben. Was hast du überhaupt mit Dolores Falkner abends am Hexenloch zu thun?« setzte sie eifersüchtig hinzu.
Falkner wollte diesen unbewußt gerechtfertigten Ausbruch mit Stillschweigen übergehen und unbeantwortet lassen, aber ein forschender Blick des Erbprinzen schien ihm dieselbe Frage vorzulegen. Er antwortete daher, was die reine Wahrheit war:
»Ich wollte auf dem Wege über das Hexenloch nach Monrepos zurückkehren und traf sie dort an. Der Unfall ereignete sich erst, als ich schon im Weitergehen war – glücklicherweise nicht weit genug, um noch helfen zu können.«
»Glücklicherweise!« höhnte Prinzeß Lolo mit so eigenem Ausdruck, daß Falkner auffuhr, sich aber beherrschte und von dem Herzog die Erlaubnis ausbat, sich zurückziehen zu dürfen, da das lange Tragen der nassen Kleider ihm ein gewisses Gefühl des Unbehagens verursacht habe. Als er seiner Verlobten aber Gute Nacht sagte, hatte diese schon die Reue erfaßt.
»Sei nicht böse,« flüsterte sie, »es war ja nur, weil ich eifersüchtig auf dich bin! Ich werde mir heut' Nacht noch die Augen ausweinen in dem Gedanken an die Gefahr, in der du geschwebt – und weil ich dich geärgert habe. Aber du darfst wirklich nicht böse sein!«
Er küßte ihr die kleine, rosige Hand und ging – schuldbewußt, elend und glücklich zugleich, denn er war sich einer Untreue gegen seine Verlobte bewußt, welche nur strengste Buße, absolutes, unbedingtes Entsagen zu sühnen vermochte vor dem Richterstuhl seines eigenen unbeugsamen, strengen Gewissens, das selbst seinen Schmerz um ein verscherztes Glück und seinen Unwillen gegen die Ungezogenheiten seiner Braut nicht freisprechen wollte. Und was er sich der Stimme seines Gewissens gegenüber heut' Abend gelobte, er wußte, er würde es halten, und er wußte, daß Dolores es achten würde.
Die herzogliche Familie schickte am selben Abend noch nach dem Falkenhof einen Boten, der sich nach dem Befinden der Baroneß erkundigen sollte und die Nachricht zurückbrachte, daß sie ruhig und fest schlafe.
Und in der That schlief Dolores ruhig und fest, erschöpft von ihrem Kampfe mit den schrecklichen Wassern, bewacht von der alten treuen Tereza, welche die Nacht nicht von dem Bette der Herrin wich. Diese aber träumte, sie flöge durch einen weiten, weiten Raum, unten aber stand Falkner mit ausgebreiteten Armen sie aufzufangen, doch ein Windstoß riß sie dahin, bis sie in den Wolken verschwand und nichts mehr sah. Plötzlich aber zerrissen die Wolken wie ein Vorhang, und einer Laterna magica gleich zog die Scene am Hexenloch noch einmal an ihr vorüber, nur anders in einzelnen Dingen, und wie sie das Wasser über sich zusammenschlagen sah auf dem Bilde in den Wolken, da wachte sie auf und wußte, sie hatte das schon einmal geträumt – –
Geträumt und erlebt?
Doch ihr Geist war allzu schlafbefangen, um darüber grübeln zu können, und als sie die Augen wieder schloß, glaubte sie es neben ihrem Bette rauschen zu hören wie von seidenen Kleidern, und als sie die Augen deshalb wieder mühsam öffnete, sah sie die Ahnfrau Dolorosa über sich gebeugt.
»Das war der zweite Traum, den ich dir gezeigt,« meinte sie es flüstern zu hören. »Denk' an die beiden anderen Traumbilder und hüte dich!«
Da fuhr sie hoch empor aus ihren Kissen – es war niemand zu sehen.
»Tereza, war jemand hier?« fragte sie die sich besorgt über sie beugende Dienerin.
»Verzeihe, Herrin – ich war eingeschlafen,« sagte diese, »da hat mir geträumt, es kam eine schöne, fremdartig gekleidete Dame herein und ging an dein Bett, und ich hörte sie mit dir flüstern. Und wenn es nicht ein Traum sein müßte, weil doch niemand hier ist, so würde ich schwören, ich hätte sie mit eigenen Augen gesehen!«
»Es war doch nur ein Traum,« dachte Dolores und schlief wieder ein.
***
Doch noch ein anderer hatte im Falkenhof unruhige Träume – das war der Doktor Ruß, und wenn er auch dabei fast ununterbrochen schlief, so störte er doch seine Frau durch sein lautes Sprechen im Schlafe, und ihre Müdigkeit wich vollends, als sie ihren Gatten öfters den Namen »Dolores« aussprechen hörte. Wilde, wahnsinnige Eifersucht ergriff das Herz der alternden Frau, und mit der Freude der Selbstqual, mit dem Verlangen jener Leidenschaft, »welche mit Eifer sucht, was Leiden schafft,« opferte sie gern den eigenen Schlaf, um aus den abgerissenen Worten und Sätzen ihres sich unruhig hin- und herwerfenden Mannes einen Zusammenhang herauszufinden, aus dem sie mit wilder Freude neue Qualen herausdüfteln konnte für ihr altes Herz, das in seiner eisigen Hülle in dem einen Punkt schlug wie vor dreißig Jahren, als der selige Freiherr von Falkner, ihr erster Gatte, ihr noch Grund gab zur Eifersucht.
Aber die Ausbeute dieser Nacht war nur gering, denn alles, was sie erlauschte und verstand, drehte sich unablässig um drei Dinge: »Dolores – zum zweitenmal gerettet – wer hätte gedacht, daß sie schreien würde. –« – – –
Daraus konnte sie sich keinen Vers machen.
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Der Haushalt in Monrepos wurde einige Tage nach dem Unfall am Hexenloch aufgelöst, und die herzogliche Familie nahm herzlichen und warmen Abschied von Dolores, welche das Versprechen geben mußte, den Hochzeiten in Nordland beizuwohnen – ersterer als Verwandte des Bräutigams, letzterer als Freundin und Palastdame der künftigen Großherzogin Alexandra, welche ihr versprach, das Patent rechtzeitig von ihrem hohen Verlobten zu erbitten. Dolores war tief bewegt von soviel Güte und wahrhaft tiefe Herzensbildung verratendem Entgegenkommen, doch Prinzeß Alexandra, welche ihr etwas altjüngferliches Wesen mit einem Schlage abgeworfen zu haben schien, wollte davon nichts einräumen, sondern schob alles auf die glänzenden äußeren und inneren Eigenschaften der einst so angezweifelten Herrin vom Falkenhof, welche das Vorurteil so rasch besiegt und gründlich ausgerottet hatte, das man gegen sie gehegt. Und als dann Dolores versicherte, dieser Sieg sei der schönste ihres Lebens, und sie fühle sich so hoch erhoben und beglückt durch die Freundschaft der hohen Frau, daß es wahrlich nicht noch jenes vielbeneideten und heißersehnten Titels einer Palastdame bedürfe, um ihr das kostbare Gut dieser Freundschaft gewissermaßen auf dem Wege eines Gnadenaktes verbrieft und versiegelt zuzusichern, da sagte Prinzeß Alexandra mit jenem feinen Takt und jener seltenen Gabe, welche ein Geschenk wert macht durch die Absicht:
»Nein, liebe Dolores, Ihre Ernennung soll auch kein Gnadenakt sein, keine sogenannte Rehabilitierung als Lehnsherrin vom Falkenhof nach Ihrer Bühnenlaufbahn, am allerwenigsten aber ein leerer Schall – aber ich will's Ihnen bekennen, was ich dabei im Auge habe. Sie würden in Ihrer Bescheidenheit von selbst ja doch nicht kommen, mich aufzusuchen, Sie würden sogar eine Einladung ablehnen aus demselben Motiv – aber Sie müssen kommen, wenn Ihr Amt Sie ruft, bei besonderen Gelegenheiten Dienst zu thun bei mir. Sie sehen also, daß Ihr Patent nur mein Anrecht an Sie verbriefen und den schnödesten selbstsüchtigsten Motiven dienen soll.«
Was konnte Dolores thun dieser herzgewinnenden Art, zu geben, gegenüber? Sie konnte nur geben, was so geboten wurde, und daß es ein warmes Gefühl im eigenen Herzen verursachte, war eine ganz natürliche Folge.
Doch ehe es leer wurde und still in Monrepos, waren es drei Dinge, die ihr Schmerzen verursachten und Pein. Das erste war Falkners Abschied. Er war am Morgen nach dem Unfall abgereist, ohne sie gesehen zu haben, ohne Wort, ohne Botschaft. Sie mußte ihn dafür um so höher achten, er stieg darum in ihrer Bewunderung, und sie sagte sich auch, daß er als Ehrenmann nur so handeln durfte – aber es schmerzte sie darum doch, und sie war noch nicht so gestählt im Entsagen, daß es sie nicht mit Bitterkeit gegen ihr Schicksal und tiefstem Schmerz erfüllt hätte. Und dabei bäumte ihr Stolz sich in heftigen Selbstvorwürfen auf, daß es ihm gelungen war, ihr das Geständnis ihrer Liebe zu entreißen, gegen ihren festen Willen, der so stark gewesen, und ihr reines, thörichtes Herz so schwach. – – – – –
Und Pein machte ihr dann der Erbprinz, dessen Augen mit stummen Fragen auf sie gerichtet waren, dem sie jetzt nicht um alles in der Welt hätte sagen können, daß sie seine Werbung nicht annehmen könnte, weil eine hoffnungslose Liebe es ihr so bald schon unmöglich mache, einen Bund fürs Leben zu schließen. Und aus diesem Grunde mied sie es, mit ihm allein zu sein, und als er an einem der letzten Tage dennoch Gelegenheit fand, sie ohne Zeugen zu sprechen, das heißt ihr einfach zu sagen:
»Scheide ich mit oder ohne Hoffnung? Sagen Sie mir nur soviel!« – da rang sie stumm die Hände und erwiderte dann schmerzlich:
»Sie müssen mir Zeit lassen, Prinz! Ich bin ja noch nicht fertig mit mir selbst. Soll ein entscheidendes Wort aber heute noch fallen, so ist es ein ›Nein.‹«
»Ich werde warten,« hatte er einfach geantwortet.
Der dritte aber, der ihr Pein verursachte, war Keppler, welcher auch bis zum letzten Moment bleiben mußte, an seinen Porträts beider Prinzessinnen zu malen, um dieselben für die letzten Lasuren und Retouchen in seinem Atelier fertig zu stellen. Er kam, um von ihr Abschied zu nehmen, mit finsteren Zügen, wie ein Fremder zurückhaltend, so daß sie verwundert den Kopf schüttelte.
»Was habe ich Ihnen gethan?« fragte sie sanft und vorwurfsvoll.
»Mir? Nichts und alles,« erwiderte er, »aber Sie haben sich selbst am meisten getroffen.«
»Können Sie mir's immer noch nicht vergeben, daß ich zur Bühne nicht zurückkehren will?« sagte sie mit mattem Lächeln, aber freundlich.
»Das wäre der eine Punkt,« gab er nach einer Pause zu. »Ich hoffe aber, Sie haben Ihr Ultimatum darin noch nicht gesprochen.«
»Doch, lieber Freund, es ist entschieden.«
»Es ist eine himmelschreiende Sünde an der Kunst. Sie hätten berühmt werden können wie die Catalani und die Malibran und der erbleichende Glanz des Sternes einer Patti fing an, auf Sie überzugehen!« rief Keppler, aufrichtige Überzeugung im Tone.
»Man soll nach den Sternen nicht begehren,« erwiderte Dolores, mit einem Versuche zu scherzen.
»Sie thaten es einst – warum jetzt nicht mehr?« fragte er erregt.
Sie errötete tief und sah zur Seite.
»Ich kann nicht – diese Sterne haben ihren Reiz für mich verloren, ich begehre sie nicht mehr.«
Da seufzte er tief, fast ungeduldig.
»Was würden Sie von mir sagen, würfe ich eines Tages Pinsel und Palette ins Feuer und sagte: Ich kann nicht mehr malen.«
»Ich habe ja aber nur Schminke und Puderquasten und falschen Hermelin ins Feuer geworfen,« entgegnete Dolores. »Mir bleibt meine Musik für alle Zeit, und ich hoffe noch manches Lied zu ersinnen, das ›den Komponisten der Satanella‹ dem Herzen näher bringt – Sie wissen, solch' ein Lied, von dem Geibel sagt:
Es singen's bald zu Nacht am Born Die Mägde mit den Krügen; Der Jäger summt es vor sich her, Spürt er im Buchenhage, Der Fischer wirft das Netz ins Meer Und singt's beim Ruderschlage.
Hat dieser Ehrgeiz Grenzen, welche Ihnen weit genug dünken für mich? Muß ich denn durchaus dabei noch heut' den armen Lohengrin fragen, woher er kommt, morgen dem Troubadour versichern, daß ich unter Thränen lächle und übermorgen als Traviata an der Schwindsucht sterben?«
Keppler mußte unwillkürlich lächeln.
»Mit Frauen läßt sich nicht logisch streiten,« sagte er, »aber ich will ja auch nicht weiter forschen, denn Sie würden mir ja doch nicht sagen, was diese Wandlung in Ihnen bewirkt hat. Nur eine Frage muß ich thun: Haben Sie hier schon komponiert?«
»Im Anfang schrieb ich ein paar Lieder,« erwiderte sie zögernd.
»Und seitdem nichts mehr?«
»Nichts.«
»O, was hat dieser Falkenhof aus Ihnen gemacht!« rief er schmerzlich.
»Es hat doch jeder Mensch einmal im Jahre Ferien,« meinte Dolores, mit einem Versuche gleichgültig zu bleiben.
»Als ob Ihnen das Schaffen, das Denken in Tönen eine Arbeit wäre, die der Erholung bedürfte,« entgegnete Keppler finster. »Ihre Schwingen sind Ihnen eben salonfähig gestutzt worden, und man hat dabei leider auch die ganze Schwungkraft derselben gelähmt. Ist's nicht so?«
»Vielleicht,« nickte sie etwas kühl.
»Soweit wäre es nie gekommen, wenn Sie meine Frau hätten werden wollen,« rief er heftig.
»Vielleicht,« wiederholte sie, blaß werdend, aber eben so ruhig.
Da sprang er auf und trat dicht vor sie hin.
»Dolores,« sagte er mit stockendem Atem, »Dolores, noch können Ihre Schwingen wieder wachsen! Kehren Sie allem den Rücken, und werden Sie mein Weib – noch einmal bitte ich Sie darum, flehe ich Sie an!«
Jäh erblassend wandte sie sich ab – mußte auch das noch kommen, sie zu peinigen.
»Dolores, Ihre Antwort!« bat er leise vor Erregung.
Da wandte sie ihm wieder ihr schönes Antlitz zu.
»Nein,« sagte sie fest.
»Nein! Wieder nein!« rief er außer sich. »Dolores, heut' habe ich ein Recht zu fragen, warum Sie meine Hand, die Hand eines redlichen Menschen, der Sie so sehr liebt, zum zweitenmal zurückweisen. Zurückweisen mit einem kurzen, harten ›Nein,‹ unversüßt, unvergoldet durch die üblichen Versicherungen von Achtung und Freundschaft – hab' ich auch das verwirkt?«
»Warum quälen Sie mich so?« fragte sie schmerzlich.
»Quäle ich Sie? Nein, bei Gott, das will ich nicht, denn es ist nicht edel, Gleiches mit Gleichem zu vergelten,« erwiderte er bitter und ergriff seinen Hut. »Also leben Sie wohl! Aber eins müssen Sie wissen und sollen es bedenken: Es ist nicht gut, ein Herz von sich zu weisen, das wahrhaft liebt. Und wenn einst Ihr Herz gebrochen und Ihr Kranz verblüht ist, dann ist es zu spät, sich in die Arme der Kunst zu flüchten – sie wird nichts mehr haben für Sie als höchstens – Mittelmäßigkeit.«
Sie wollte ihm antworten: »Sie sind ein zu spät geborener Prophet, denn mein Herz ist gebrochen, mein Kranz ist verwelkt,« – aber sie schloß die Lippen wieder und schwieg, blaß und kalt, und als er in der Thür noch einmal umkehrte, voll Reue über seine harten Worte, und ihr zögernd die Hand reichte, da legte sie freilich die ihre hinein, aber sie war kalt und bewegungslos, wie eine Marmorhand.
Und als sie dann endlich allein war, da war auch ihre Kraft erschöpft, elend an Leib und Seele, sank sie zu Boden und rang die Hände und klagte ihr Schicksal an, das ihr die Liebe zweier redlicher Männer, die sie nicht wieder lieben konnte, bescherte, während sie den, den sie liebte mit der ersten Liebe ihres Herzens, nicht lieben durfte.
Derselbe Bahnzug, der die Bewohner von Monrepos fortführte in ihrem auf der Station deponierten Salonwagen, verabschiedet auf dem Perron von den Bewohnern von Falkenhof und Arnsdorf, welche den Scheidenden eine Überfülle von Rosen mitgaben auf den Weg – derselbe Zug brachte Dolores von der anderen Seite Gäste: Professor Balthasar und seine liebenswürdige Frau, welche mit ihrem Gatten, dem berühmten Historienmaler, siegreich in die Schranken trat durch ihre stimmungsvollen Landschaftsbilder, welche ihr Pinsel in Aquarell duftig und mit hoher Meisterschaft hinzauberte aufs Papier. Dolores begrüßte diese lieben Freunde mit aufrichtiger Freude, denn von dem nicht nur äußerlich, sondern von innen heraus liebenswürdigen und bedeutenden Paar, dessen Unterhaltungsgabe noch außerdem hervorragend war, hoffte sie viel für ihr Gemüt, dessen sonnige Eigenschaften die letzte Zeit so sehr getrübt. Doch ihre frühere Heiterkeit, Energie und Thatkraft wollten trotz der anziehenden Gesellschaft nicht zurückkehren, und mehr als einmal fragten sich der Professor und seine Frau: »Was ist mit ihr vorgegangen? Was hat sie getroffen? Von der geistsprühenden, harmlos heiteren, entzückenden Dolores, was ist geblieben? Ein schönes ernstes Mädchen, bei dessen Anblick man staunend fragt: Ist das die berückende Satanella von ehedem? Welche Wandlung!«
»Aber eine Wandlung zum Schöneren,« behauptete der Professor, und seine Frau riet mit echt weiblichem Instinkt auf eine unglückliche Liebe als auf des Wandels Ursache.
Und die Wochen schwanden dahin, und Balthasars verließen wieder den Falkenhof mit großem Bedauern, diesmal aber zusammen mit Dolores, welche nach Nordland fuhr – zu Alfred Falkners Hochzeit als Gast der Prinzessin Alexandra. Es war nur eine Leidensstation mehr auf dem Kreuzwege ihres Herzens, und nicht einmal die letzte, wie sie wußte. Aber sie haderte nicht mehr mit ihrem Schicksal, das ihr Ruhm und Besitz gewährt und ihr das Glück versagte, denn sie hieß nicht umsonst – Dolores, die Schmerzensreiche. Sie war ruhiger geworden mit der Zeit, und als sie nun dem schweren Tag seiner Hochzeit entgegenfuhr, da glaubte sie fest und ehrlich ganz und vollkommen entsagt und überwunden zu haben.
Doktor Ruß und seine Frau waren im Falkenhofe zurückgeblieben – sie hatten ihr Fernbleiben von der Hochzeit in Nordland durchgesetzt, und da sie ja erst im Herbst mit Dolores zusammen den Falkenhof verlassen sollten, so hüteten sie einstweilen das Haus. Die Anwesenheit des Balthasarschen Ehepaares hatte ihnen übrigens eine sehr angenehme Abwechslung geschaffen, unter welcher sogar Frau Ruß ein wenig aufthaute und weniger schroff schien wie früher, wohingegen Doktor Ruß und der Professor sich in vielen Dingen fanden und sich gegenseitig sehr ansprachen. Auch Schingas hatten in dieser Zeit gute Nachbarschaft gehalten, und soweit der heiße Sommer die Gräfin nicht im tiefsten Negligé in ihr Zimmer bannte in Gesellschaft ihrer Schlangen und ihres Zola, waren sie häufige Gäste im Falkenhof.
Dolores wurde in Nordland von einer herzoglichen Equipage abgeholt und in dem grandiosen Schlosse von Prinzeß Alexandra, welche ihr Zimmer neben ihren eigenen Appartements angewiesen hatte, empfangen. Und als sie bald nach ihrer Ankunft im kleinen Kreise zum Familienthee befohlen wurde, dem Falkner aber nicht beiwohnte, da sah sie, daß man das leichte, bürgerliche Gewand aus Monrepos vollkommen mit dem Hofkleide vertauscht hatte, welches ja an kleinen Höfen viel steifer ist, als an großen, hier aber freilich anmutender wurde die persönliche, schlichte, und herzgewinnende Weise seiner Träger. Prinzeß Lolo, welche heute Mittag eine Abschiedscour absolviert hatte, war übermütig und naseweis wie immer und machte den Damen und Herren jede Verbeugung, jede Antwort mit sehr viel Beobachtungs- und Nachahmungsgabe nach, nur daß sie eben alles ins Lächerliche zog und Dolores, wider Willen mitlachend, eigentlich froh war, daß Falkner nicht zugegen war, denn die amüsante Darstellung schien ihr etwas moquant und herzlos, und sie wußte, daß er für das Herunterziehen und Persiflieren von jedermann kein Verständnis hatte.
»Ich hätte schreien können vor Lachen, als all' diese Karikaturen an mir vorbeimarschierten in Gänsemarsch und jedes mir einen Kuß auf den rechten Handschuh applizierte,« schloß Prinzeß Lolo ihren Bericht. »Sascha, wenn du deine Cour hältst, dann rate ich dir, laß dir einen Blitzapparat in der Corsage deines Kleides anbringen und photographiere dir damit die schönsten Gestalten und Komplimente. Da ist ein alter General, der setzte sich einfach aufs Parkett vor mich hin, als er im Anmarschieren plötzlich parierte – er wird sich auch vor dich hinsetzen. Und dann die ganzen Landpomeranzen, die Komplimente machen als hätten sie einen Schuß in die Kniee bekommen, und über ihre großen Zehen stolpern! Ich habe in dieser Menagerie heut' nur den Grafen Schinga vermißt in seinem Schweinetreiberkostüm und meine künftige Schwiegermutter in ihrer altmodischen Faltentaille ohne Kragen, mit Scheulederscheiteln, Diamantringen auf dem Zeigefinger und ihrem ewigen Strickstrumpf!«
Nun war Frau Ruß Dolores gar nicht sympathisch, aber es war ihr noch nicht eingefallen, die starke, unmodern und nachlässig gekleidete, aber doch noch stattliche Frau lächerlich zu finden. Daß es aber von seiten der Braut ihres Sohnes geschah, berührte sie unsäglich unangenehm, und als gar bei den letzten Worten Falkner den Salon betrat, da errötete sie für die lose Zunge der Prinzeß, und der erschrockene, abbittende Blick, der jener zugekommen wäre, traf ihn aus Dolores' Augen, das Aufleuchten seiner Augen aber sagte ihr, daß er sie verstanden habe und ihr danke.
Die übrige Gesellschaft, bestehend aus der Familie, einigen wenigen zur Hochzeit erschienenen fürstlichen Verwandten, einigen hohen Hofchargen und dem Verlobten der Prinzeß Alexandra, welchem sie Dolores als ihre liebe Freundin und künftige Palastdame vorgestellt hatte, verfiel in peinliches Schweigen, als Falkner unter ihnen stand, ehe seine Braut kaum ihre Rede vollendet hatte. Er küßte derselben, nachdem er seine pflichtschuldigen Reverenzen gemacht, die Hand und sagte ihr, nur hörbar den Zunächststehenden:
»Es giebt eine Posse, in welcher ein unzufriedener Sohn die klassischen Worte spricht: ›Man kann nicht vorsichtig genug sein in der Wahl seiner Eltern.‹ Diese Weisheit läßt sich ja auch auf Schwiegereltern anwenden und zwar um so erfolgreicher, als man hier wirklich diese gerühmte Vorsicht zur Anwendung bringen kann.«
Prinzeß Lolo lachte.
»Ach was – ich heirate dich ja, nicht deine Mutter!«
»Eben darum sollte sie wohl besser außerhalb deiner Karikaturengalerie bleiben,« entgegnete er sehr ernst.
»Aha,« machte die Prinzeß böse, »darum nennt man den Abend vor der Hochzeit wohl den Polterabend, weil der Bräutigam schon das Recht zu haben glaubt, seiner Braut poltrige Reden zu halten!« – Sprach's und drehte sich auf dem Absatz um.
Dolores, welche ein Gespräch mit Falkner fürchtete und erhoffte, sah sich getäuscht, denn er fand oder suchte keine Gelegenheit mit ihr zu sprechen.
Auch am anderen, dem Hochzeitstage, wechselten sie nur wenige Worte. Das war nach der Trauung in der Schloßkapelle, deren Altar Ihre Durchlaucht die Prinzeß Eleonore von Nordland hoch erhobenen Hauptes, die Augen zwar nicht feucht vor innerer Bewegung über den Ernst des Augenblickes, sondern sehr munter leuchtend und lachend als Freifrau von Falkner verließ. Das Brautpaar nahm in einem Salon, bevor das Frühstück serviert wurde, die Glückwünsche der wenigen Anwesenden entgegen, und so mußte auch Dolores sich bezwingen, beiden ein Glück zu wünschen, das ihr nicht vergönnt war. Sie trat auf die kleine, reizende, spitzenumrieselte, atlasumrauschte Braut zu und reichte ihr die Hand.
»Glück auf, Cousine,« sagte sie. »Hie guet Falkner alleweg! Und,« setzte sie hinzu, ein Etui aus der Tasche ziehend, »was ich der Prinzeß von Nordland wohl kaum bieten durfte – die Verwandte bitte ich's freundlich anzunehmen.«
Die junge Frau nahm lächelnd das blaue Samtetui entgegen und öffnete es – da funkelte, leuchtete und blitzte auf weißem Kissen eine Brosche von Brillanten in Form einer graziös geschlungenen Schleife, welche eine Kaiserin geschmückt hätte, so groß waren die Steine, so rein ihr Wasser, so mächtig ihr Feuer, so reizend die Form der Fassung und so wahrhaft fürstlich die Größe des nach einer »Rokoko-Corsage« modellierten Schmuckes. Lolo Falkner stieß einen Schrei der Bewunderung aus, das verwöhnte Fürstenkind war geblendet. In ihrer stürmischen Art fiel sie der Geberin freudestrahlend um den Hals.
»Nein, wie reizend von Ihnen – von dir! Wir nennen uns doch jetzt ›du,‹ nicht wahr? Ich hab' es ja aber immer gesagt, du bist eine famose, urnette Rübe, Dolores! Nein, diese Diamanten! Selbstgewachsene, was?«
»Wenigstens bei mir in Brasilien teilweise selbstgefunden,« erwiderte Dolores amüsiert, als die weichen, zarten Arme sie freigaben und der kleine rosige Mund einen Moment still stand. Und während die Braut mit ihrem Schatz zu den anderen flog, um ihn zu zeigen und ihn bewundern zu lassen, stand Dolores neben Falkner, stumm, nach dem Worte suchend, das sie ihm sagen sollte.
»Ich wollte, ich hätte am heutigen Tage auch ein gutes Wort von dir mit auf den Weg nehmen können,« sprach er endlich leise.
Da sah sie auf zu ihm mit ihrem klaren, reinen Blick und reichte ihm die Hand.
»Ein Wort, Alfred?« wiederholte sie. »O, ein ganzes, langes Gebet für dein Glück, das hat Gott gehört!«
»Ich danke dir,« sagte er mit einem tiefen Atemzuge, »das wiegt den Wert deiner Gabe für meine – meine Frau so reichlich auf, weil es unschätzbar ist.«
Das waren die einzigen Worte, welche sie wechselten, denn nach dem Hochzeitsfrühstück reiste das junge Paar sogleich ab.
Prinzeß Alexandra wollte nichts von einer sofortigen Heimkehr Dolores' nach dem Falkenhofe wissen und behielt sie in Nordland zurück bis zu ihrer eigenen Vermählung, welche zehn Tage später mit großem Pomp und der ganzen Entwicklung fürstlicher Etikette stattfand. Als das Jawort am Altar gesprochen war, trat Dolores an die Seite der fürstlichen Braut, welche wunderschön, weil ganz verklärt, aussah, denn in ihrem Patent war sie zur Palastdame der Großherzogin Alexandra ernannt und übernahm mit dem Augenblicke des Ringwechsels auch alle Funktionen ihres Amtes. Daß aller Blicke sich dabei, wie vorher auch, auf sie richteten, war natürlich vermöge ihrer außergewöhnlich schönen Erscheinung, welche heute, umrauscht von der weißen, golddurchwirkten Courschleppe, zur vollsten Geltung kam, und was das on dit dabei von ihrem Reichtum, ihren Talenten und ihrer kurzen, siegreichen Künstlerlaufbahn sagte, glich schon einem ganzen Roman, da Frau Fama den Mund dabei recht voll nahm, und die gewohnheitsmäßigen bösen Zungen, welche natürlich »Allerlei« wußten, wurden einfach überstimmt und mußten sich auf eine günstigere Gelegenheit vertrösten, wo sie ihren Tropfen Gift loswerden konnten, der, wenn er auch »leider« keine Aussicht hatte, den moralischen Tod der Begeiferten zu verursachen, doch mindestens einen Flecken oder eine Narbe hinterlassen mußte. Ja, ja –
Die Disteln und die Dornen, die stechen gar sehr, Die falschen, falschen Zungen aber viel, viel mehr! –
Jedenfalls war die demonstrative Freundschaft der nunmehrigen Großherzogin für die junge, interessante Erbherrin vom Falkenhof ein Schild, daran viele der giftigen Pfeile abprallten, denn die Welt verträgt es nun einmal nicht, wenn Schönheit, Reichtum und Genie sich in einer Person, besonders einer weiblichen, vereinen. Und es waren auch vielleicht einige darunter, welche sich einer sehr festen, entschiedenen und unzweideutigen Ablehnung ihrer Huldigungen aus der Zeit erinnerten, da Dolores als Doña Falconieros die Satanella sang – – nun war die Gelegenheit vielleicht gekommen, Rache zu nehmen für diese Abweisungen beleidigender Huldigungen, denen eine schutzlose Frau so leicht ausgesetzt ist. Aber wie gesagt, die Stimmen der Verleumdung und hämischer, vieldeutiger Worte verhallten in dem Chor der Bewunderung für die »Brasilianerin,« deren natürliche, ungemachte Würde, deren reiner, stolzer Blick ihrem Siege auf dem glatten Parkett des Hofes einen sehr soliden Hintergrund verlieh, durch das »noli me tangere,« welches daraus sprach.
Der Hochzeit wohnte natürlich auch der Freiherr von Falkner mit seiner jungen Frau bei, welche in Rosa mit Silber, die Brillantschleife von Dolores an der Brust, rosa Federn und Brillantsterne im Haar, einen Watteau entzückt hätte durch ihre jugendfrischen Reize, welche sie einem Figürchen von Sèvresbiskuit ähnlich machte, und deren sie sich auch voll bewußt war.
Das sah Falkner, und er sah sie auch mit ihrer Jugendschöne kokettieren. Sein Blick suchte unwillkürlich Dolores, auf welche er einst, befangen von Vorurteilen, als auf eine »Komödiantin« verächtlich herabsehen zu müssen geglaubt und deren von jeder Gefallsucht freies, natürliches Auftreten er nicht nur bemerken und anerkennen, sondern auch bewundern mußte. Da war nicht ein Hauch von Koketterie in ihrem Wesen und war es auch auf der Bühne nicht gewesen, weil es ihrem Charakter fern lag, weil ihr Stolz sich dagegen sträubte, die Bewunderung der Welt durch künstliches Hervorheben und Aufmerksammachen auf ihre Schönheit zu provozieren, aber sie war sich auch bewußt, daß ihre Schönheit siegend war ohne diese Mittel und durch das Unbewußte, Keusche, mit dem sie sich gab. Aber der Blick, mit welchem er hinübersah nach ihr, wie sie im weißen Spitzenkleide, die schimmernde, golddurchwirkte Courschleppe zu ihren Füßen, um den wunderschönen, alabasterweißen Hals eine einzige, schlichte Rivière von Diamanten, einen Halbmond von Diamanten im leuchtenden, wie poliertes Kupfer glänzenden, hochaufgesteckten Haar, am Altar stand neben der knieenden Gestalt der hohen Braut, dieser Blick wurde aufgefangen von der jungen Freifrau und erweckte sofort ein heißes Gefühl von Eifersucht in ihrem jungen Herzen. Und als dann die Trauung vorbei war und alles zur Cour sich begab, da trat sie dicht an ihn heran.
»Du!« sagte sie mit halbem Lachen, aber dem Weinen doch näher, »du, ich sage dir, kokettiere nicht mit der schönen Cousine – c'est défendu!«
»Das weiß ich, kleine Weisheit,« erwiderte er freundlich, »aber selbst wenn ich wollte – zum Kokettieren gehören meistens zwei!«
»Ja, ist wahr, du bist ihr riesig gleichgültig,« lachte Lolo Falkner nun wirklich. »Natürlich schmeichelt das deiner Eitelkeit nicht, denn ihr Männer seid doch nun einmal reichlich so eitel wie wir!«
»Auch wie du?« fragte er, auf ihren Ton eingehend.
»O, viel eitler,« protestierte sie. »Aber,« setzte sie flüsternd hinzu, alle Dämonen der Schelmerei und Schadenfreude in den lachenden Augen, »aber, wenn du's etwa nicht glauben willst, wie entsetzlich gleichgültig du ihr bist, so will ich dir ein Geheimnis verraten. Ich habe mir nämlich damals in Monrepos eingebildet, daß du Dolores wegen dem Testament des buckligen Freiherrn heiraten würdest, und habe sie deswegen interpelliert.«
»O, Lolo!« seufzte Falkner auf seinen taktlosen kleinen Tollkopf von Frau herab.
»Ja, da hat sie dich mir mit einer Bereitwilligkeit abgetreten, welche stupend war, sage ich dir. Ergo – du bist ihr ganz Wurscht!« –
Und mit dieser neuesten Errungenschaft zur Vervollständigung ihres Sprachlexikons tanzte sie triumphierend davon. Falkner aber fiel eine Binde von den Augen, er sah klarer in die Vergangenheit und eines der Rätsel dieses stolzen Herzens war gelöst.
»Arme Dolores!«
Im übrigen traten sie sich auch bei dieser Gelegenheit nicht näher, als beim zufälligen Begegnen zur Aufrechterhaltung der äußeren Formen nötig war, und die Welt, welche alles beobachtet, alles sieht, sagte:
»Er kann es nicht verwinden und ihr nicht vergeben, daß nicht er, sondern sie den Falkenhof bekommen hat.«
Und Fragern, welche die einfachste Lösung dieses Erbfolgekriegs in einer Vermählung der Erbin mit dem Enterbten sahen, wurde geheimnisvoll geantwortet:
»Ja sehen Sie - er hat sie nicht gemocht, weil sie doch Opernsängerin gewesen ist. Und sie ist ihm auch zu antipathisch; das kann ja jedes Kind sehen. Rote Haare sind eben auch nicht jedermanns Sache.«
***
Am Tage nach der Vermählung der Prinzeß Alexandra hielt der Freiherr von Falkner mit seiner Frau den Einzug in Monrepos, das ihr der Herzog, vollständig eingerichtet, als Morgengabe geschenkt zum Sommeraufenthalt, während Dolores dem großherzoglichen Paare auf einige Tage in dessen Residenz folgte, um dort bei den Einzugsfeierlichkeiten ihres Amtes zu walten – und so kam es, daß sie erst nach vierzehntägiger Abwesenheit in den Falkenhof zurückkehrte.
***
Die junge Freifrau von Falkner hatte sich in Monrepos sofort mit großem Selbstbewußtsein installiert und energisch Besitz ergriffen von ihrem Regiment. Bis dahin immer noch halb als Kind behandelt, jeden Zwang hassend, war sie in einer Atmosphäre aufgewachsen, welche, wie ihrer Mutter, ihren ganzen Neigungen widersprach. Die programmmäßigen, geregelten Vergnügungen machten ihr gar keinen Spaß, sie wollte Vergnügungen nach ihrem eigenen Maßstabe. Auch liebte sie's gar nicht, erzogen zu werden, und emancipierte sich auch vielfach mit Erfolg von den guten Lehren, welche sie nicht als solche anerkannte, sondern sie einfach für eigens zu ihrer Qual erfundene Plackereien hielt. Daß das Leben eine sehr ernste Sache sei, und der Schmerz, als ein herber, doch treuer Gast dem Menschen kaum von der Seite weicht, das begriff sie nicht und lachte insgeheim über die »Thränenweiden,« welche die Aufgabe dieses Lebens in einer Vorbereitung für das künftige erblickten und das Elend aufsuchten, um es zu lindern. Das Leben war für Eleonore von Nordland ein ewiger Tanz, in welchem man wohl Pausen machte, sich zu erholen, aber um Gottes willen nicht ganz aufhörte zu tanzen. Es ging ihr eben wie so vielen anderen, welche für ihre Eigenart zu früh und zu spät geboren werden – und bei ihr war entschieden das Letztere der Fall, denn wenn König Jerôme »lustiken« Andenkens diese leichtblütigste Prinzeß der Welt kennen gelernt und, da sie ganz sein Genre war, zur Königin gemacht hätte, so wäre es sicher noch viel, viel »lustiker« zugegangen im schönen Wilhelmshöhe.
Da man aber nun leider nicht mehr in diesen vergnügten Zeiten lebte und auf dem Vulkan tanzte, lachte und Tollheiten trieb, sondern unsere Zeit darin entschieden decenter und würdiger geworden ist, so wünschte Prinzeß Lolo nichts sehnlicher, als, da sie doch den König Jerôme nicht heiraten konnte, herauszukommen aus dem Zwange eines Hofes und dem Schicksal zu entrinnen, dereinst als »sitzengebliebenes« Herzogstöchterlein in dem Familienstift als Äbtissin desselben zu enden. Da war Falkner, den sie bisher eigentlich schon zu den »Alten« gerechnet hatte, erst in Monrepos so recht in ihr Leben getreten, und nachdem er ihr erst imponiert, hatte sie sich sterblich in ihn verliebt – eine Backfischliebe, wie sie fast immer vorkommt, wenn Schulmädchen der ersten Klasse oder Selekta sich in einen der Lehrer – meist den Zeichen- oder Gesangslehrer – verlieben, heimliche, sehr schlechte Gedichte an ihn machen und sonstigen Kultus mit ihm treiben, von dem er keine Ahnung hat. Da Prinzeß Lolo nun aber keine höhere Töchterschule und kein Pensionat besucht hatte, ihre Privatlehrer aber alle sehr gesetzten Alters und keine Epigonen des schönen Adonis waren, so hatte sie dieses Herzensstadium auch nicht durchgemacht und sie trat erst in dasselbe, als der Freiherr von Falkner mit seiner imposanten Erscheinung, seinem kühl-vornehmen, ernsten Wesen zu Monrepos ihren Weg kreuzte. Nun fing das junge, unerfahrene Herzchen Feuer, und da sie wußte, daß Prinzessinnen auf den Bällen nicht engagiert werden, sondern selbst ihre Tänzer wählen und befehlen, so versicherte sie sich erst, daß die gefährliche Konkurrenz von Dolores keine Nebenbuhlerschaft war, und präsentierte ihm, der sich von Dolores aussichtslos zurückgewiesen sah, ihr junges Herz mit einer Deutlichkeit, die ihm bei der Jugend und der Unerfahrenheit der Herzogstochter schmeichelte und wohlthat. Durch welche Motive der Herzog bestimmt worden war, seine jüngste Tochter außerhalb ihres hohen Standes zu verheiraten und sie einem simplen Edelmann zu geben, mit dessen Haus er freilich lange schon befreundet war, wissen wir.
Für Falkner gab es nach der Scene an der Gruftkapelle kaum noch einen anderen Weg, als den, welchen er eingeschlagen hatte, und nun er ganz gebunden war, wußte er auch, daß Dolores ihr Herzensgeheimnis niemals preisgegeben hätte, nie sich hätte abringen lassen, wenn es anders gekommen wäre, wenn der Herzog dem Vasallen die Hand seiner Tochter versagt hätte.
Und so fand denn die Schließung einer Ehe statt, die ein vierfach verfehltes Rechenexempel war, die ein Blick in die Zukunft verhindert hätte. Freilich hätte auch jetzt noch dieser eine Blick beiden viel ersparen können, doch es soll ja nicht sein, wir sind, zu unserem Glück meist, unwissend über die Ereignisse der nächsten Stunden und Tage. Die Freifrau von Falkner nahm also Besitz von ihrer Freiheit mit einem Eifer und einer Energie, welche deutlich bewiesen, wie die langersehnte Selbständigkeit ihr wohlthat. Ihr Anordnen, ihr Befehlen, Arrangieren verriet eine Sicherheit, welche bezeichnend war und erstaunlich zugleich, wenn man die Abhängigkeit in Betracht zog, in welcher sie bisher gelebt hatte. Nun fühlte sie sich ganz Schloßfrau, und am Tage nach ihrer Ankunft in Monrepos hatten viele Hände viel zu thun, denn ihr Geschmack verwarf die meisten Arrangements, änderte, setzte Möbel um, verlegte ganze Zimmer, und als sie dann erklärte, es sei so gut, da war freilich ein genialer Zug, ein gewisser künstlerischer Sinn nicht zu leugnen, der in den Arrangements lag.
Eine ganze, volle Woche lang beschäftigte das neue, unumschränkte Eigentum, das eigene Heim den unruhigen Geist der jungen Freifrau wie ein langersehntes, oft begehrtes Spielzeug; eine ganze Woche lang war sie auch glücklich und zufrieden in Gesellschaft ihres Gatten, welcher alles that, ihr dieses neue Heim durch seine Gesellschaft anziehend zu machen, welcher freundlich und liebreich einging auf ihre Intentionen, ihre bizarren Gedankensprünge, und in dem glücklichen und zufriedenen Ausdruck ihrer lachenden blauen Augen Ersatz fand für manches Verlorene, oder vielmehr zu finden glaubte und zu finden hoffte. Für ihn selbst war ja diese Zeit des gezwungenen dolce far niente ein Opfer, das er angesichts des elfenhaften, quecksilbernen Wesens an seiner Seite ein kleines nannte, das er auch in dieser leicht gleitenden, ruhevollen ersten Woche auf Monrepos als solches empfand. Aber er liebte die Arbeit und liebte Beschäftigung, und da er »auf höheren Befehl bis auf weiteres« von allem und jedem Dienst freigegeben war, bis sich der gesuchte höhere Posten, wie er sich für den Schwiegersohn eines regierenden Fürsten schickte, gefunden hatte, so war er entschlossen, diese Pause in seinem Arbeitsleben durch selbstgewähltes Studium auszufüllen. Damit freilich kam er in dieser ersten Woche nicht weit, denn wenn er Lolo in einem entfernten Zimmer wirtschaften, räumen und befehlen hörte und die Bücher aufschlug, da war sie gewiß im nächsten Moment schon da, steckte das Köpfchen mit der winzigsten Spur einer Frauenhaube auf dem Blondhaar zur Thür hinein und fragte lachend und eifrig tausend und eine Frage, bis er resigniert die Bücher zusammenklappte und freundlich auf ihre Wünsche einging.
Aber eine Woche verstreicht schnell, besonders wenn sie Glück bringt und Friede, und Falkner hatte den allerbesten Willen für beides.
Und so geschah es denn genau eine Woche nach dem Einzuge des jungen Paares auf Monrepos, als beim ersten Frühstück an einem herrlichen Sommermorgen auf der Veranda die junge Frau ihre Theetasse hinsetzte, die kleinen rosigen Hände im Schoß faltete, sich zurücklehnte und – gähnte.
»Ei, noch müde, Lolo?« fragte Falkner lächelnd, denn es war nicht gerade mehr sehr früh am Morgen.
»Müde? Nein, langweilig,« gestand Frau Lolo offenherzig genug.
»O! O! Ich fühle mich sehr geschmeichelt,« meinte Falkner heiter.
Das aber nahm seine Frau übel.
»Dabei ist gar nichts zu lachen,« sagte sie pikiert. »Es ist langweilig, das wirst du auch nicht leugnen können. Man spricht sich halt am Ende aus.«
»Findest du, Lolo?«
»Ja, ganz entschieden! Ich bin jetzt mit den Arrangements fertig, was soll ich anfangen?«
»Wir wollen zusammen lesen, zusammen studieren,« schlug Falkner vor, der schon manche Lücke im Wissen seiner kleinen Frau entdeckt hatte. Sie aber streckte abwehrend beide Hände aus und machte die Augen vor Entsetzen weit auf.
»Um Gottes willen!« rief sie. »Lesen? Studieren? Ich danke bestens. Ich bin kaum der ewigen, unausstehlichen Schulstube entronnen, und soll jetzt wieder damit anfangen? Dazu habe ich doch nicht geheiratet?«
»Aber Lolochen, man soll doch niemals aufhören zu lernen und sich zu bilden,« erwiderte Falkner freundlich und ohne hofmeisternden Ton.
»Das ist purer Unsinn,« meinte Lolo mit souveräner Verachtung. »Ich habe aufgehört zu lernen, und wer mir schon solch' langweiliges Geschichtsbuch von weitem zeigt, der macht mich ganz wild. Ich bitte dich um alles in der Welt, es ist doch so egal, ob Kolumbus das Pulver erfunden und Berthold Schwarz Amerika entdeckt hat –«
»Umgekehrt, Lolo,« sagte Falkner mehr amüsiert, als entsetzt.
»Da hast du's,« entgegnete Lolo überlegen, »das Pulver ist da und Amerika ist da, was braucht man damit geplagt zu werden, wie die Leute hießen, die es entdeckt haben? Und die römischen und deutschen Kaiser vollends, die sind mir riesig egal, ob sie Nero hießen oder Ferdinand, und wenn du mich auf die Litteratur bringst, da wirst du auch kein Glück haben mit mir, denn dann erklärte ich dir im voraus, daß Goethe der langweiligste Mensch von der Welt war und Schiller mich nervös macht, trotzdem, oder vielmehr, weil ich habe den ›Grafen von Habsburg‹ auswendig lernen müssen.«
»Vielleicht eben deshalb, Lolo,« erwiderte Falkner amüsiert. »Aber ich hoffe, daß es mir gelingen wird, dir eine bessere Meinung über diese Plagegeister beizubringen. Und es giebt doch auch gewisse Dinge in Litteratur und Geschichte, welche man wissen muß, wenn man auf der Straße allgemeiner Bildung fortkommen will.«