III. Henriette.
Reading edition

Wie ist doch das Herz treu, so lange es jung und rein ist! Wie ist es so zartfühlend und aufrichtig! Wie liebte ich diese Jüdin, welche ich kaum gesehen und so bald wieder verloren! Welch engelgleiches Bildniß ist mir von diesem zerbrechlichen Wesen, dem reizenden Verein von Anmuth, Zucht und Schönheit, geblieben!
Der Gedanke an den Tod erwacht langsam, nach und nach; in den ersten Tagen des Lebens hat sein Name keinen Sinn. Für die Kindheit ist alles in der Blüthe, im Entstehen, eine Schöpfung von gestern; für den Jüngling ist alles Kraft, Jugend, überströmendes Leben. In der That, einzelne Wesen verschwinden aus dem Gesichte, aber sie sterben nicht.... Sterben! das will sagen, für immer der Freude verloren sein; den lachenden Anblick der Fluren, des Himmels, selbst den Gedanken daran verlieren, welchen so glänzende Hoffnungen, so lebendige, wahre Gebilde erfüllen!!...
Sterben! das will sagen, die Glieder, welche von Kraft strotzen, von Leben glühen, die frisches Blut röthet, schwach werden, eisig erkalten, in entsetzliche Blässe sich auflösen sehen.
Unter die Erde dringen, das Leichentuch aufheben, dieses wurmzerfressene Fleisch anschauen, die staubzerfallenen Gebeine... der Greis kennt diese Bilder, er verscheucht sie, aber den Jüngling treten sie niemals an.
Er verliert die, welche er liebt, er weiß, daß er sie nicht wiedersehen wird, er begegnet ihrem Leichenzug, er weiß, daß sie unter diesen Bretern, unter diesem Hügel liegt... aber es ist immer noch sie, unverändert, ewig schön, rein, reizend mit dem verschämten Lächeln, dem schüchternen Blick, der ergreifenden Stimme.
Er verliert die, welche er liebt, sein Herz erstickt oder strömt glühende Seufzer aus; er sucht, er ruft die, welche ihm entrissen worden; er redet zu ihr, er legt ihrem Schatten das ihr eigenthümliche Leben, die ihr eigenthümliche Liebe bei, er sieht sie vor sich stehen.... es ist immer noch sie, unverändert, ewig schön, rein, reizend mit dem verschämten Lächeln, dem schüchternen Blicke, der ergreifenden Stimme.
Er verliert die, welche er liebt. Nein, er trennt sich von ihr, sie befindet sich an irgend einem Orte und dieser Ort ist durch ihre Gegenwart verschönt; er ist
Geehrt durch ihren Fuß, erhellt von ihrem Blick;
alles ist daselbst Schönheit, Liebe, mildes Licht, keusches Geheimniß...
Und dennoch! An dem Orte, wo sie sich befindet, ist die Nacht, die Kälte, die Nässe, der Tod und seine widerwärtigen Gehilfen in vollster Thätigkeit!
Der Gedanke an den Tod erwacht langsam, nach und nach. Aber ist er einmal in die Seele des Menschen gedrungen, so verschwindet er nicht wieder. Vordem war seine Zukunft Leben; jetzt ist der Tod das Ende aller seiner Pläne, derselbe drängt sich von nun an in alle seine Unternehmungen. Er denkt an ihn, wenn er die Scheune füllt, er zieht ihn zu Rathe, wenn er Güter erwirbt, derselbe drängt sich auf, wenn er seine Pachten abschließt; er setzt sich einsam mit demselben in sein Gemach, um sein Testament zu machen, und unterzeichnet dasselbe mit ihm.
Die Jugend ist hochherzig, empfänglich, muthig... und die Greise nennen sie verschwenderisch, unüberlegt, tollkühn.
Das Alter ist haushälterisch, bedachtsam, vorsichtig... und die Jünglinge heißen es geizig, selbstsüchtig, zaghaft.
Aber warum beurtheilen sie einander, wie können sie sich beurtheilen? Sie haben keinen gemeinschaftlichen Maßstab. Die Einen berechnen alles auf's Leben, die Anderen alles auf den Tod.
Dieser Augenblick, wo der Lebenshorizont des Menschen wechselt, ist bedeutsam. Die eben noch so fern am Himmel schwebenden Gebiete ziehen näher, das phantastische, glänzende Gewölk wird dicht und regungslos, die azurnen und goldenen Räume zeigen nur noch die Nacht hinter kurzer Dämmerung... O! wie verändert sind die Verhältnisse! wie bedeutungslos erscheint dem Menschen alles, was er gethan! Er begreift nun, daß sein Vater ernst, daß sein Großvater finster war und Abends, wenn die Spiele begannen, sich zurückzog.
Er selbst fühlt sich bewegt; dieser neue Gedanke arbeitet in seinem Herzen und weckt die Erinnerung an viele Worte, viele Dinge, deren düstern Sinn oder trostreichen Zauber er früher nicht begriff....
Es war einmal in den Tagen seiner ersten Jugend, an einem Sonntage; er sah, er hörte der Zecher fröhliche Lust, wie sie in der Weinlaube saßen, das Leben feierten und dem Grabe Hohn sprachen; man lachte, man trank, man erheiterte sich das kurze Dasein und unter dem Laube heraus rauschte in fröhlicher Weise das Lied durch die Lüfte:
.... Einst müßt ihr in die Grube sinken, Wo Nacht auf immer uns umschlingt; Drum Freunde! laßt uns leben, trinken! Auf Freunde, trinket, lebet, singt!... Und will in's Leichentuch uns hüllen Der bleiche Knochenmann, Freund Hain, Dann laßt das Glas noch einmal füllen... Mit dreistem Sprung zur Gruft hinein!
Und der Chor wiederholte mit vollem, wogendem Klange:
Und will in's Leichentuch uns hüllen Der bleiche Knochenmann, Freund Hain, Dann laßt das Glas noch einmal füllen... Mit dreistem Sprung zur Gruft hinein!
Vor Jahren, vor langen Jahren war's einmal auf steinigem Acker, ein schwacher Greis beugte sich unter der Last seiner schweren Arbeit. Im Brande der Sonne machte er eine unfruchtbare Haide urbar; der Schweiß rann ihm von der kahlen Stirne und die Hacke zitterte in seiner dürren Hand.
In dem Augenblick kam ein Reiter den Rain entlang. Beim Anblicke des Mannes zügelte er seinen Lauf: Ihr habt wol Eure liebe Noth? fragte er. Der Greis hielt ein und gab durch eine Geberde zu erkennen, daß ihm die Noth nicht fehle; dann nahm er die Hacke wieder zur Hand und sprach: Man muß sich in Geduld schicken, um den Himmel zu verdienen!
Ferne, aber gewaltige Erinnerungen, deren jede einen ganz verschiedenen Keim in sich birgt. Welcher ist's, der aufsprießen wird?....
Ist die Nacht hinter der kurzen Dämmerung ewig? Dann laßt mich anstoßen mit euch, fröhliche Kumpane! laßt mich mit euch des Lebens genießen, Trotz biete ich dir, Freund Hain!... Dann stelle ich all mein Sach' auf das Leben und auf mein Haupt: Ehre, Tugend, Humanität, Reichthum; denn mein Gott bin ich, meine Ewigkeit diese wenigen Tage, mein ganzer Antheil an der Glückseligkeit so viel ich vom Antheil Anderer erhasche, so viel ich Freuden aus meinem Körper gewinne, so viel ich meine Sinne entzücken kann! Ehrlich – wenn ich stark, reich, wohl vom Schicksale bedacht; achtbar aber auch dann, wenn schwach, ich List gebrauche, wenn ich arm, stehle; wenn ich enterbt, im Finstern wandle, um mir meinen Antheil vom Erbe zu verschaffen; denn meine Nacht nahet und ich habe ein gleiches Recht zum Genuß!
Und will in's Leichentuch uns hüllen . . . . . . . . . . . . . .
Lustiges Liedlein, wie düster erscheinst du mir! Du gleichst dem blühenden Hügel, der vermoderte Gebeine bedeckt!
Aber wenn die Nacht hinter dieser kurzen Dämmerung sich lichtet!.... Wenn sie nur ein dichter Schleier ist, der dem Auge die glänzenden, unendlichen Himmel verhüllt?...
Dann, Alter, wende ich mich zu dir; deine Lumpen ziehen mich an; ich will auf deinem Pfade wandeln.
Welcher Frieden für das Herz, welches Licht für den Geist! Eine gemeinsame Mühseligkeit, ein gemeinsamer Gott, eine gemeinsame Ewigkeit! Komm, mein Bruder, dein Elend dauert mich; dies Gold wird mich anklagen, wenn ich dir keine Linderung gewähre. Leiden und Duldung, Reichthum und Milde sind nicht mehr leere Worte, sondern süße Arzneien und führen zum Leben!
Das Ueble also ist ein Uebel und daher das Gute zu erwählen und zu verfolgen. Die Gerechtigkeit ist heilig, die Humanität segensvoll; der Schwache hat seine Rechte und der Starke beschränkende Pflichten. Mächtig oder elend, niemand ist enterbt außer durch seine Schuld... Vergnügen, Lust, Reichthümer, ihr habt eure Gebrechen und eure Pflichten. Armuth, Schmerzen, Herzeleid, ihr habt eure Tröstungen und eure Berechtigungen.... Tod! ich will dir weder Hohn sprechen noch dich fürchten; einzig und allein will ich mich bereiten, die glücklichen Reiche zu sehen, deren Eingang du aufschließest.
Alter Mann! wie weise, reich und tröstlich erscheinst du mir. Du gleichst in meinen Augen alten Ruinen, die am entlegenen Plätzchen Schätze verbergen.
So ändern sich die Dinge mit der Anschauungsweise. In diesem Sinne ist der Augenblick so bedeutsam, wo der Gedanke an den Tod die Seele des Menschen erfaßt und zwei Wege sich vor ihm öffnen.
Wäre der Mensch ein bloßes Vernunftwesen, so würde man ihn je nach dem Standpunkte seiner Ansichten durch eine gebieterische, schicksalsschwere Nothwendigkeit, von Schluß zu Schluß folgend, in dem einen oder dem andern dieser beiden Wege wandeln sehen. Glücklicherweise kennt und liebt der Mensch, unabhängig von aller Schulweisheit, die Ordnung, die Gerechtigkeit, das Gute; wenn er die Tugend gekostet, so zieht sie ihn an und er hält fest an ihr. Zudem, von Leidenschaften gepeinigt, von der Nothwendigkeit ganz und gar in Anspruch genommen, hat der armselige Vernunftmensch, der wankelmüthige Geist, das schwache Geschöpf weder Zeit noch Kraft, grausam oder erhaben zu sein... Doch man folge der Menge, man beobachte die Einzelnen, welche sich davon absonderten, um segenbringend oder verderblich zu wirken, und man wird unter denen, die nach bestimmten Grundsätzen handeln, auch die Entschlossensten antreffen und sie ohne Stolz zur Tugend schreiten sehen, und zum Verbrechen ohne Gewissensbisse.
Doch, armes Liedlein! darum hadre ich nicht mit dir; du dachtest an nichts Uebles. Trinken und Singen ist ein herrlich Ding: die Freude erweitert das Herz. Unter der Weinlaube beim Klange der Becher ziehe der Ernste, der Freudenfeind sich zurück, dann erscheinst du, auf den Flügeln der Lust und Freude heranschwebend.
Ist es deine Schuld, wenn einzelne Verse dem Laubdache entschlüpfen und an das Ohr eines Knaben schlagen, der mit seinem Oheim den Hügel hinanstieg?
Wir kehrten zurück. Mein Oheim Tom trinkt selber freilich keinen Wein, aber er sah es gern, wenn andere Leute um eine Flasche herum die Sorgen und Mühen der Woche vergaßen. Es war seine Gewohnheit nicht, an solchen Gelagen Theil zu nehmen, allein es machte ihm Vergnügen, ihnen zuzusehen, die Fröhlichkeit pflanzte sich auf ihn fort und seine Züge belebten sich mit freundlichem Lächeln. So ging ich auch Sonntag Abends mit ihm spazieren, nicht etwa an öffentliche Orte oder an einsame Stellen, sondern zwischen den Weingeländen herum, die vor der Stadt die Familien der geringen Leute versammelten.

Noch jetzt gehe ich dahin. Zuweilen bin ich mitten darunter, ich weiß nicht ob etwa, weil ich selbst ein geringer Mann geblieben bin, oder ob meine Kunst mich dahin leitete.
Da rede ich von zwei neuen Dingen zu dir, Leser! Das Erstere wird einen unangenehmen Eindruck auf dich machen, das Letztere überrascht dich, wenn du aus dem, was du bisher von meiner Geschichte gelesen, nicht errathen hast, daß Ostade und Teniers mich weit stärker anzogen, als Grotius und Pufendorf. Doch ich will diese beiden Dinge trennen, um von jedem besonders zu sprechen.
Hast du jenes Knötchen vergessen, welches dein Haupt so gut als das meinige hat? Ich erlaube mir, dich daran zu erinnern. Vernimm also, daß niemand von sich sagt, er gehöre zu dem gewöhnlichen Volke, noch darauf stolz ist, vom Volke zu sein, oder seine Freunde darunter zu haben. Oder wäre ich nicht ein wenig dein Freund? Was du auch sein magst, das Volk ist in deinem Munde das Volk auf niedrerer Stufe, als der, wo du in der Stufenleiter der bürgerlichen Gesellschaft stehst. Du, du gehörst nicht dazu und in jedem Falle, wo deine Eitelkeit (wiederum das Knötchen) ihre Rechnung nicht dabei findet, wirst du keinen Ruhm darin suchen, zum Volke zu gehören, und wärest du wirklich aus ihm. Merk dir's.
In der That, wenn bewußtes Knötchen durch die Aufgeblasenheit eines Großen sich verletzt fühlt und es gern auswetzen möchte, könnte es sich weigern unter solchen Umständen, daß du eine Ehre darein setztest, zum Volke zu gehören, und wäre es auch wirklich nicht einmal der Fall. Aber das ist nur für den Augenblick und blos deshalb, weil das Volk weit mehr Lebensart, bessere Sitten, einen weit vorzüglicheren Ton hat, als jener Große, und weil er's als unendlich tief unter ihm stehend betrachtet.
Eben so wenn besagtes Knötchen möchte, daß du einem Club vorstehst, die Seele einer Bewegung seist, das Haupt einer Partei, der Herausgeber eines Volksblatts, so würdest du wieder nur in ein Ding deinen Stolz setzen, nämlich darein, daß du zum Volke gehörst, daß du aus dem Schoose des Volks entsprossen, daß du im Schoose des Volks und, wenn möglich, für dasselbe sterben wollest. Aber deine weißen Handschuh, dein feines Kleid, deine saubere Wäsche, das Spazierstöckchen, mit dem du spielend umherfichst, die Augengläser, welche dir ein Bedürfniß geworden, zeugen wider deine Behauptung. Du nennst dich Einen vom Volk! und würdest dich beleidigt fühlen, hielte man dich beim Worte.
Du siehst, die Ausnahme bewahrheitet die Regel.
Ja, es ist wirklich so, ich bin beim Volk geblieben. Ich suche daraus weder Ruhm noch Schimpf zu ziehen, obwol ich fühle, wie ungemein schwer das ist.
Ich schreite zu dem zweiten Punkte.
Mein Oheim Tom hegte große Vorurtheile wider den Stand eines Künstlers. Er fand denselben eines denkenden Wesens nicht sehr würdig und höchst ungeeignet, ein essendes, trinkendes und besonders ein heirathendes Wesen zu ernähren. Sonderbar ist dabei, daß er, während er die Künstler geringschätzte, die Kunst ganz besonders verehrte, insoweit nämlich die Kunst in's Bereich der Gelehrsamkeit fällt, als sie ein Gegenstand zu Untersuchungen, zu Denkschriften ist. Mein Oheim hatte zwei dicke Bände über die griechische Glyptik geschrieben.

Ich hingegen ließ die griechische Steinschneiderei sein wie sie wollte; jung wie ich war, hatte das Grün der Wälder, das Blau der Berge, der Adel der menschlichen Gestalt, die Anmuth der Frauen, der weiße Bart des Greises für mich einen geheimen Zauber, der noch weit lebendiger und gewaltiger wurde, wenn ich auf Leinwand oder Papier eine Nachahmung dieser mir so reizenden Dinge sah. Tausend linkische Versuche auf meinen Heften und Büchern thaten die wundersame Lust kund, die ich in der Nachahmung meiner selbst fand, und ich erinnere mich, daß ich lange Arbeitstunden hindurch mit Wollust die reizenden Bilder niederkritzelte, welche einige, gar häufig falsch oder nothdürftig begriffene Verse Virgils in meiner Einbildung erweckten. Ich malte Dido. Ich malte Jarbas. Ich malte Venus selber:
Virginis os habitumque gerens, et virginis arma Spartanae: vel qualis equos Threissa fatigat Harpalyce, volucremque fuga praevertitur Hebrum. Namque humeris de more habilem suspenderat arcum Venatrix, dederatque comam diffundere ventis, Nuda genu, nodoque sinus collecta fluentes.
Anfänglich hatte mein Oheim Tom zu meinen Kritzeleien gelächelt; später aber hörte er auf, eine Neigung zu ermuntern, die mich von meinen Studien abzog. Nichts desto weniger nährte er, wenn er Sonntag Abends mich mit in die Weinberge spazieren nahm, ohne es zu ahnen, diesen Hang, dem er entgegenarbeiten wollte. Unter den Laubgewinden fand ich die reizendsten Spiele von Licht und Schatten, lebendige, malerische Gruppen und jene menschlichen Antlitze, auf denen sich in tausend Zügen Freude, Trunkenheit, Friede, bange Sorgen, kindliche Freude oder verschämte Schüchternheit malten. Ich liebte eben so sehr als er diese Spaziergänge, nur daß wir auf denselben verschiedenen Gelüsten nachgingen. Als indeß in meinen Heften auf die Jarbas und Dido nach und nach gewöhnlichere, aber wahrere Figuren folgten, hörten diese Spaziergänge auf.
Nun führte mich mein guter Oheim wider seine Neigung und trotz seines hohen Alters weit von der Stadt nach entlegenen Fluren spazieren, zuweilen sogar bis zu den Orten, wo unter den Felsen des Berges Salève die Arve sich durch ein grünendes Thal schlängelt, einsame Inseln mit ihren Fluthen umschließend und in ihren Wellen den sanften Glanz der Abendsonne spiegelnd. Von dem Platze, wo wir uns niederließen, sah man eine alte Barke vorüberziehende Landleute an's andere Ufer setzen, oder auch in der Ferne eine lange Reihe von Kühen durch eine Furth von den Inseln zum festen Lande ziehen. Der Hirt folgte auf einem alten Rößlein, vor sich im Sattel ein Paar Buben; das Gebrüll ward ferner und ferner und schlug in leisem Verhallen kaum an unser Ohr, bis der lange Zug sich in den dunkelblauen Schatten der Dämmerung verlor.

Diese Schauspiele entzückten mich. Mit bewegtem Herzen, die Seele voll süßer Empfindungen, ging ich von dannen und ein geheimes Verlangen zur Nachbildung, zur Wiedergabe einiger Züge von diesen Wundern drängte mich bereits. Nach der Rückkehr verwendete ich den ganzen Abend darauf. In entzückender, stets bereitwillig aufblühender Träumerei schmückte ich meine unförmigen Gebilde mit der höchsten Farbenpracht, die in meiner Phantasie lebte, und zitterte im Gefühl der unschuldigsten, jedoch lebhaftesten Freude.
Obgleich mein Oheim über die Steinbildnerei schrieb und die Werke des Phidias sammt den drei Manieren Raphael's auswendig wußte, so verstand sich mein guter Oheim doch blutwenig auf Zeichnen- und Malerkunst. Er rühmte die schönen Zeiten der Renaissance[3], allein seine Liebhaberei richtete sich auf die Medaillons von Le Prince und die Hirtengemälde von Boucher, womit er seine Bibliothek geschmückt hatte.
[3]: Das Zeitalter aufblühender Kunst von 1453, der Einnahme Konstantinopels, bis 1610, Beginn der Regierung Ludwig's XIII., dessen Ausbildungspunkt unter Franz I. von Frankreich fällt.
Jedoch hing neben dem Bette in wurmstichigem Rahmen noch ein Bild, welches wir, mein Oheim und ich, vor allen anderen liebten, obgleich aus verschiedenen Beweggründen: er, weil dies Gemälde, das aus der Zeit vor Raphael herstammte, viel Licht auf die Erfindung der Oelmalerei warf; ich, weil es mir vor allen die geheimnißvolle Macht des Schönen offenbarte.

Es war eine Madonna mit dem Jesuskindlein auf dem Arme. Ein goldener Heiligenschein umzog die keusche Stirn der Marie, ihr Haar fiel auf die Schultern herab und ein blaues Gewand mit weiten Aermeln ließ in ihrer Haltung unschuldsvolle Anmuth und die zärtliche Besorgtheit einer jungen Mutter erblicken. Auf mich übte dies Gemälde, das ohne alle kunstreiche Erfindung war und den ausgeprägten Charakter eines Jahrhunderts des Glaubens, der Jugend und aufblühender Kunst trug, einen unwiderstehlichen Reiz. Die junge Madonna besaß meine Bewunderung, meine Liebe, meine Verehrung, und wenn ich hinauf zu meinem Oheim ging, so haftete mein erster und letzter Blick auf ihr.
Meinem Oheim aber schien das Alles mit dem Rechtsstudium gar nicht zusammenzupassen, er nahm das Gemälde herab und ließ es verschwinden.
Das Recht ging jedoch darum nicht besser; ich fand keinen Geschmack daran und als ich meine Jüdin verloren hatte, ließ ich von jeglicher Arbeit ab. Keinen Ehrgeiz fühlte ich mehr, keinen Hang zu irgend etwas, keine Zeichnungen, keine Bücher, ein einziges ausgenommen, das fast nimmer aus meinen Händen kam. Wochen, Monate verflossen so und mein armer Oheim bekümmerte sich sehr, allein er machte mir nicht den geringsten Vorwurf.
Eines Tages war ich zu ihm gegangen und setzte mich wie gewöhnlich neben seinen Schreibtisch. Er saß über seinen Büchern und beschäftigte sich, eine Belegstelle abzuschreiben. Ich bemerkte das Zittern seiner Hand, welches heute auffällig stark war; die schwankenden Buchstaben verriethen eine ungewöhnliche Unsicherheit. Diese zunehmenden Anzeichen des unmerklich sich steigernden Alters erweckten in mir eine Traurigkeit, welche meinem Gemüthe eigenthümlich zu werden begann und in Ermangelung andern Gegenstandes sich auf diese Wahrnehmungen richtete.

Und das hatte seinen Grund, denn der Oheim, welcher vor mir dasaß, war meine Vorsehung auf Erden, und so weit meine Erinnerung reichte, hatte ich keine andere Stütze als die seinige gehabt, keine väterliche Liebe als von ihm erfahren. Man hat dies bereits aus den bisherigen Erzählungen abnehmen können; wenn man aber bedenken will, daß ich diesem guten Oheime noch keine Seite widmete, um den Leser mit ihm bekannt zu machen, so wird man es entschuldigen, wenn ich mit freudiger Bereitwilligkeit jetzt von ihm rede.
Mein Oheim Tom ist unter den Gelehrten bekannt, allen denen zum Beispiel, die sich mit der griechischen Steinbildnerei oder der Bulle Unigenitus beschäftigen. Sein Name ist in den Verzeichnissen der öffentlichen Bibliotheken zu lesen, seine Werke findet man in besondern Fächern aufgestellt. Unsere Familie ist deutschen Ursprungs und ließ sich im verwichenen Jahrhunderte in Genf nieder. Gegen 1720 erblickte mein Oheim das Licht der Welt in dem alten Hause, welches am St. Petersbrunnen steht, einem alten Kloster, dessen einer Eckthurm noch zu sehen ist. Dies ist alles was ich von den Vorfahren meines Oheims und seinen ersten Lebensjahren weiß. Ich darf annehmen, daß er seine Schule durchmachte, die akademischen Grade erwarb und sich dem ehelosen Stande und den Wissenschaften widmete. Er ließ sich bald darauf in dem erwähnten Hause der französischen Stiftung nieder, gleichfalls ein altes Kloster, wo er die ganze Zeit seines langen Lebens verbrachte.
Mein Oheim lebte zwischen seinen Büchern, und da er keine Verbindungen in der Stadt unterhielt, so war sein Name wol manchem lebenden Gelehrten, besonders in Deutschland, bekannt, allein in seinem eigenen Stadtviertel fast gar nicht. Kein Geräusch in seiner Behausung, kein Wechsel in seinen Gewohnheiten, keine Aenderung in seiner alterthümlichen Tracht. Daher kam es, daß man, wie alles Eintönige und unwandelbar Gleichmäßige, als Häuser, Markzeichen, so auch ihn sah, ohne ihn zu bemerken. Zwei- oder dreimal wol redeten mich Vorübergehende an, und fragten, wer der Greis wäre; allein dies waren Fremde, welchen seine Haltung oder Tracht, die von der Anderer so wesentlich abstach, auffiel. »Es ist mein Oheim!« antwortete ich voll Stolz über ihre Neugierde.
Aus dieser Lebensweise, diesem Geschmacke entstanden auch gewisse geistige Gewohnheiten. Fremd wie mein Oheim, als Mann der Wissenschaft, der Welt war, schöpfte er in vollem Vertrauen auf seine Wissenschaft, seine Lehrsätze und Meinungen aus Büchern, wobei ihn nicht die verdächtige Unparteilichkeit eines Philosophen leitete, sondern ein ruhiger Geist, der den Leidenschaften und Triebfedern der Welt fremd war und weder Eile zum Beschließen noch Gründe zur Anhänglichkeit an eine Richtung hatte. Daher war er mit den gewagtesten Aufstellungen der Philosophie vertraut und hatte mit nicht minderer Genauigkeit in den spitzfindigsten Fragen der Theologie herumgearbeitet, ohne daß man so leicht herausbringen konnte, was denn eigentlich seine Ansicht war. Die Moral hatte er mit demselben wissenschaftlichen Geiste studirt, doch mehr um sie zu kennen als um einen Vergleich zur Anwendung darin zu ziehen. Darum war es eben so schwierig, die Grundsätze seiner Handlungsweise herauszufinden. In Betreff des Glaubens wie im Gebiete der Grundsätze erregte nichts sein Erstaunen, nichts seinen Eifer, und wenn seine Ueberzeugungen schwach waren, so war seine Duldsamkeit eine vollständige.
Dies Gemälde, das ich von meinem Oheim entwarf, wird ihm vielleicht die Liebe vieler Leser, wenn nicht gar ihre Achtung rauben. Es thut mir leid und dies um so mehr, als ich dieserhalb sich meine Freundschaft für sie verringern fühle. Ja, wenn es sich darum handelte, ob jene Art Skepticismus, die ich meinem Oheim beilege, an und für sich oder ihrer Richtung willen gut oder schlecht sei, so glaube ich, meine Ansicht würde mit jenem Theile der Leser zusammenpassen, allein ich sage mich von ihnen los, wenn sie sich um der Beschaffenheit einer Lehre willen für berechtigt halten, ihre Liebe und Achtung dem Manne, welcher ihr anhängt, zu entziehen, sobald dieser Mann gut und ehrenhaft ist.
Um aber gerecht zu sein, meine Leser sind zu entschuldigen. Ihre Ansicht entspringt aus achtbarer Quelle. In der That, der größte Theil der Menschen, ich meine diejenigen, welche ihrem Geschlechte Ehre machen, ist gewiß mehr als einmal in den Fall gekommen, an sich selbst zu erkennen, daß edle Triebe nicht ausreichen, um zum Guten zu führen, und wie oft sie unterliegen, wenn sie mit anderen minder edeln Trieben zu kämpfen haben. Deshalb sind in ihren Augen Grundsätze und Glaubensgesetze nothwendig als mächtige Hilfsleiter und allein vermögend, dem Guten den Sieg zu sichern, und deshalb sind sie gegen diejenigen mistrauisch, bei denen sie diese Bürgschaften nicht zu bemerken glauben.
Eben in dieser Meinung, die ich durchaus theile, finde ich die Erklärung und gewissermaßen den Schlüssel des Charakters meines Oheims und der scheinbaren Widersprüche, welche auf den ersten Blick zwischen seinen Ansichten und seinem Leben obwalteten. Dieser Mann war von einer so guten, ehrenhaften, wohlwollenden Gemüthsart, daß er vielleicht niemals gleich den Lesern, von denen ich redete, in die Lage gekommen ist, das Bedürfniß von Hilfsmitteln, die ihn zum Guten ermunterten, und noch weniger die ihn vom Schlechten abhielten, zu empfinden. Ein natürliches richtiges Gefühl bewahrte ihn vor allen Ausschweifungen, eine angeborne Schüchternheit und sein zurückgezogenes Leben hatten ihn in altväterlicher Einfachheit erhalten, während sein eher menschlich als empfindsam, eher edelmüthig als warm zu nennendes Herz, welches wenig von Enttäuschung und Mistrauen heimgesucht war, eine gewisse jugendliche Frische behalten hatte, die sich in allen seinen Gefühlen und Handlungen äußerte. Und dabei, was einzutreten pflegt, wenn die Tugenden keine Anstrengung kosteten, weder Stolz noch Härte, sondern echte Bescheidenheit, reine Güte und ein gewisser Zauber von Unschuld erhöheten alle liebenswürdigen Eigenschaften dieses vortrefflichen Greises.
Also trotz der mehr oder weniger sonderbaren und widersprechenden Ansichten, welche im Gemüthe meines Oheims wogen und neben einander bestehen oder unter sich im Kampfe begriffen sein mochten, trotz der moralischen oder Verhaltungs-Grundsätze, die folgerecht aus diesen Ansichten hervorgehen konnten, trugen alle seine Handlungen den Charakter der strengsten Ehrenhaftigkeit und wahrsten Güte. Wenn die Woche in den fleißigen Forschungen, die ihn ganz und gar beschäftigten, vergangen war, widmete er den Sonntag einer ehrbaren stillen Ruhe: Morgens besorgte ein alter Barbier, der einer Zeit mit ihm entsprossen, seinen Bart und ordnete seine Perrücke, dann that er einen kastanienbraunen Rock, neu, aber von altem Schnitt, an und begab sich in die Kirche seines Sprengels, auf den Rohrstab mit goldenem Knopfe gestützt und unter dem Arme einen Psalter, der sauber in genarbtes Leder gebunden und mit silbernem Schloß versehen war. Er setzte sich an seinen bestimmten Platz und hörte die Predigt mit gewissenhafter Aufmerksamkeit an, und sicherlich brachte keiner eine größere Bereitwilligkeit mit, die Ermahnungen auf sich anzuwenden. Seine unsichere Stimme ertönte beim Gesange und nachdem er seine reichliche, doch stets gleiche Gabe in den Opferstock gethan, kehrte er nach Hause zurück; wir aßen zusammen und der Abend ward den gemüthlichen Spaziergängen, wovon ich oben sprach, gewidmet.
Diese Züge, welche nur eine Lebensseite meines Oheims darstellen, genügen, um ein Bild von der ehrenhaften Einfachheit zu geben, die in allen Handlungen seines zurückgezogenen Lebens vorwaltete, obgleich sie keinen genügenden Maßstab von der eben so einfachen Güte seines Herzens geben; und ich fühle mich in Verlegenheit, dieselbe zu schildern, ohne ihren Reiz zu verwischen, ohne Gefahr zu laufen, das als Tugend hinzustellen, was bei ihm Natur, gewohnte Weise war. Soll ich erwähnen, daß er durch den Tod meiner ihm mancherlei Verpflichtungen hinterlassenden Eltern mein Beschützer geworden und geblieben war, ohne daß es ihm jemals in den Sinn kam, es nöthige ihn keine natürliche Pflicht, sein mäßiges Vermögen meinetwillen anzugreifen? Soll ich sagen, daß es ihm nie, auch nur einen Augenblick einfiel, daß ich kein Recht auf alle seine Opfer habe, ja daß er nicht einmal danach fragte, ob ich derselben würdig sei, seine Lehren befolge, oder seine Wohlthaten dankbar anerkenne? Doch in den Augen Vieler wird dies als eine sich von selbst verstehende Pflicht erscheinen und seine Güte zeigt sich am besten in seinen minder bedeutenden Handlungen.
Dies ist meine Meinung. Und darum bedauere ich, daß die alte Dienerin, die fünfunddreißig Jahre lang den kleinen Haushalt meines Oheims führte, nicht an meiner Statt die Feder führt. Besser bei Kräften als sie, fand er es weit einfacher, die Schwächen ihrer Wirthschaft selber zu verbessern als ihr eine Nebenbuhlerin zu geben, und statt darum übler Laune zu werden, ließ ihn seine natürliche Lebendigkeit die Alte mit lustigen, liebevollen Scherzworten necken. Allerdings, er zankte zuweilen mit ihr, aber nur weil sie nicht auf seine Vorschriften hörte, und indem er sie mit dem Hippokrates tyrannisirte, vertauschte der wackere Oheim gewissermaßen die Rollen und wurde ihr Diener. In den letzten Lebensmonaten dieser Frau räumte er ihr seinen lieben Lehnstuhl ein und machte jeden Tag eigenhändig das Bett der alten Dienerin, wohin wir sie zusammen hinüberbrachten, um den bleichen Lippen noch ein Lächeln zu entlocken.
Eines Abends fühlte die arme Frau ungewöhnlich heftige Schmerzen; mein Oheim ließ sich auf's genaueste alle Symptome sagen, fragte sein Buch um Rath, ersann einen helfenden Trank und ging selbst um Mitternacht, um denselben unter seinen eigenen Augen von dem Apotheker bereiten zu lassen. Seine Abwesenheit dauerte etwas lange; Margarethe rief mich und theilte mir ihre Besorgniß mit. Schnell zog ich mich an und eilte auf dem nächsten Wege zum Apotheker. Mein Oheim war vor wenigen Augenblicken hier fortgegangen. Durch diese Versicherung beruhigt, nahm ich meinen Rückweg durch dieselbe Straße, die er gegangen sein mußte; es war die Altstädter Straße.
Ich hatte die Mitte der Straße, die sehr abschüssig ist, erreicht, da gewahrte ich in einiger Entfernung einen einzelnen Mann, den ich an seinen Bewegungen nicht sogleich für meinen Onkel erkannte. Er trug unter großer Anstrengung einen schweren Gegenstand, den er zwei Mal niedersetzte, wie um Athem zu holen, und als er am obern Ende der Straße angelangt war, stellte er seine Last in die Ecke eines Häuservorsprungs, wobei er mit dem Stocke versuchte, ob der Gegenstand nicht in die Straße zurückrollen könne.
Jetzt erkannte ich meinen Oheim, der sich sehr wunderte, mich zu erblicken. Ich erklärte ihm die Veranlassung meines Nachgehens. – Ich, ich wäre schon zurück, antwortete er, wenn ich mich nicht an einen großen Stein tüchtig gestoßen hätte; und damit eilte er hinkend weiter.
Dieser Zug, glaube ich, zeichnet den edeln Mann. Alt, hinkend, trotz seiner Eile hatte er ganz allein den gewaltigen Stein an einen Ort getragen, wo er keinen Schaden mehr thun konnte, und diesen Umstand allein hatte er von seinem Begebnisse bereits vergessen.
Jetzt wird man eher begreifen, mit welcher Traurigkeit mich an jenem Tage das Zittern seiner Hand erfüllte. Ich brachte dies Zeichen mit anderen zusammen, welchen ich denselben Ursprung zuschrieb, seine mehr und mehr sich vermindernde Eßlust, die Abkürzung der Spaziergänge und Sonntags in der Kirche eine Erschöpfung, gegen die er nur mit sichtbarem Kraftaufwande ankämpfte.
Während ich mich diesen traurigen Gedanken hingab, fielen meine Augen mit einem Male auf die Madonna... sie war wieder an ihren Platz gehängt. Ich fühlte mich überrascht, denn ich glaubte, mein Oheim hätte sie an einen schon lange danach gehenden Juden verkauft. Ich erhob mich unwillkürlich, um sie zu betrachten.

Diese Madonna, sagte in diesem Augenblicke mein Oheim...
Seine Stimme zitterte vor Bewegung.
Das Einzige, worin ich gewissermaßen mit meinem Oheim im Widerspruche stand, war – und man hat gesehen, wie – mein Hang zu den schönen Künsten. Nur der unendliche Werth, den er darein setzte, den einzigen Sprößling der Familie in eine ruhmreiche wissenschaftliche Laufbahn treten zu sehen, hatte ihn einzig und allein zu jenen Kunstgriffen vermocht, die, wie unschuldig sie auch waren, seinem geraden Sinne, wie seiner Herzensgüte namenlos viel gekostet hatten. Gewiß, er hatte es sich als eine gewaltige Härte vorgeworfen, mir den Anblick der Madonna entzogen zu haben. Und das war genug, um seine reine, heitere Seele zu beunruhigen und mit Scham vor sich selber zu erfüllen.
Diese Madonna, hub mein Oheim auf's neue an, habe ich wegnehmen lassen, weil es.... Ich hätte sie sollen nicht wegnehmen... Ich schenke sie Dir. Du magst sie in Dein Zimmer bringen lassen.
Während dieser Worte hatte mein Oheim seine gewöhnliche Ruhe wiedergewonnen. Jetzt war es an mir, mich verwirrt und gerührt zu fühlen; denn diese bedauernden Worte und das sie begleitende edle Geschenk überfielen mich mitten in meiner Traurigkeit.
Aber dafür, fuhr er lächelnd fort, gibst Du mir meine Bücher wieder. Mein Grotius langweilt sich da unten... Mein Pufendorf schläft... Die Alte hat mir von Spinnen gesagt, die zwischen den beiden ihre Netze weben... Nun jeder hat seinen Hang... Das Recht bietet freilich eine ehrenhafte Laufbahn dar!... Doch was? die Kunst hat auch ihr Gutes... Man malt die schöne Natur, man stellt mannichfache Scenen dar, man macht sich einen Namen... Wird man auch nicht reich dabei, so kann man doch bescheiden davon leben... Sparsamkeit, etwas Beihülfe;... über lang oder kurz, wenn ich nicht mehr bin, mein bischen Habe...

Hier konnte ich meine Thränen nicht mehr zurückhalten; ich gab ihnen freien Lauf und überließ mich ganz der Betrübniß, welche diese Worte in mir hervorriefen.
Mein Oheim schwieg, er hatte die Veranlassung meiner Thränen misdeutet und versuchte anfänglich nicht, mich zu trösten. Jedoch nach einigem Schweigen trat er näher:
Ein so verständiges Mädchen! sagte er;... so schön!... Ein so junges Mädchen!
Nicht um sie weine ich, guter Oheim; aber Sie haben mir so betrübende Dinge gesagt!... Was soll aus mir werden, wenn Sie nicht mehr sind? Diese Worte rissen meinen Oheim aus seinem Irrthume und erleichterten sein Herz so sehr, daß er augenblicklich seine Heiterkeit wiederfand.
Ohe! mein armer Julius, darum weinst Du?...

Schön! schön! wenn's weiter nichts ist, mein Sohn, werde schon leben... Mit vierundachtzig Jahren versteht man die Kunst... und dann habe ich meinen Hippokrates... weine nicht, Kind. Es handelt sich jetzt um weiter nichts, als um die schönen Künste.... und dann um Dein Geschick. Das Alter, siehst Du, kommt bei Dir, wie bei mir... das Recht behagt Dir nicht?... nun, nach Deinem Gefallen. Also, wirf Dich auf die schönen Künste.... denn freilich, jeder muß sich in seinem Geschäfte gefallen. Du nimmst die Madonna; wir suchen für Dich eine Werkstätte. Hier magst Du beginnen, in Rom endigen; so wird's am besten sein. Ein bloßes Scheinleben zu führen, wäre ja doch am Ende das größte Uebel; hat man ein Ziel vor Augen, so arbeitet man, und erstrebt, und erreicht es, vermählt sich...
Ich unterbrach ihn: nimmer, mein Oheim!
Nimmer? gut; wie Du willst... Aber weshalb, Julius, willst Du den Hagestolz spielen?
Weil, sagte ich verlegen, weil ich mir selbst gelobt habe, seitdem...
Armes Mädchen!... So verständig!... Nun, folge Deinem Hange, Dein Wille gilt ja. Ich bin nicht daran gestorben. Die Hauptsache ist, daß Du Dir einen Stand wählest; wir wollen darüber sprechen.
Ich mußte mir alle Mühe geben, um über die Vertauschung des Rechts mit den schönen Künsten erfreut zu scheinen; allein mein Herz war von Traurigkeit und Dankbarkeit so erfüllt, daß kein andres Gefühl darin Platz fand. Nach Verlauf weniger Augenblicke zog ich mich zurück, nachdem ich meinen Oheim herzlich umarmt hatte.
Hierdurch erklärt sich meine zweite Bemerkung. Und jetzt, Leser, wirst du begreifen, da ich nun Künstler geworden und einer aus dem Volke geblieben war, daß mich ein zwiefaches Verlangen nach den Weingeländen zieht oder mich antreibt, eine Rolle mitzuspielen. Und noch ein anderer Grund kommt dazu: das Vergnügen, dieselben Orte zu besuchen, wo ich vordem mit meinem Oheim gegangen war. Selber an der langen Tafel sitzend, stelle ich mir ihn vor, wie er durch die umliegenden Büsche streift, stehen bleibt, um zu hören, um dies oder jenes zu beobachten, sein Lächeln umschwebt mich wie ein Zephyrhauch und die Erinnerung an ihn wird lebendiger.
Uebrigens gewähren diese Orte, abgesehen von der Kunst, welche dort reichliche Nahrung findet, die wahrsten und achtbarsten Vergnügungen unter denen, die man im Familienkreise hat. Die Sitte beherrscht und zügelt die Freude, wie Einfachheit den Reiz derselben erhöht. Welch unschuldige, süße Spannung gewährt nicht an den oft so unangenehmen Wochentagen die Hoffnung auf die Augenblicke, wo man seine Familie mit der eines Freundes oder Nachbars vereint, um auf die Flur hinauszugehen, unter die reizenden Schatten der Buchen oder unter die Kastanienbäume auf die Berge! Wie strahlend erscheint nicht Sonntags die Sonne, wie glänzend das Blau des Himmels! Nach den frommen Pflichten, welche diesen Tag heiligen, gehen bei Zeiten, schon um Mittag, denn die Tageshitze scheint dem nicht schwer, dessen Schritt die Freude belebt, die Familien hinaus vor die Stadt und die fröhlichen Gesichter stehen im Einklange mit dem lebendigen Aussehen der Festkleider. Der Schritt der Eltern, der des Großvaters, wenn derselbe noch Theil an den Vergnügungen nimmt, regelt den Gang; nichts desto weniger scherzt man frei nach allen Seiten hin, und das junge Mädchen, welches den Jünglingen zu gefallen sucht, wie das ihr unvermeidlicher Trieb ist, fühlt sich vor dem bewachenden Auge der Mutter nicht durch falsche Zurückhaltung oder trauriges Sprödethun gefesselt. Gelächter, Spiele, neckische Munterkeit, eine frische Laune bringen die muthwillige Truppe durcheinander und beleben sie; die Eltern plaudern im Lärm dieser Lust, und hinter ihnen verjüngt selbst der Großvater sich am Gewühle dieser Freuden des ihm entgegengesetzten Alters.
Aber das sind nur erst die Vorspiele. Man kommt unter die Buchen: die Frische, die Ruhe, eine besetzte Tafel thut Allen wohl; die Speisen mögen sein wie sie wollen, Eßlust und Glück verleihen ihnen eine kostbare Würze. Selbst die verdrießlichen Uebelstände einer ländlichen Küche sind nur eine Veranlassung zur Fröhlichkeit, ein gefundenes Willkommen für die zum Scherz gestimmte Gesellschaft. Dem Großvater aber wird jede Rücksicht gezollt, man trifft die Anordnungen, wie sie ihm bequem sind, berücksichtigt, was ihn innerlich freuet, der Lärm wird seinetwegen gemildert, jeder Jüngling macht sich eine Ehre daraus, ihm Ehrerbietung zu zollen, und schätzt es sich zum Glücke, daß er so eine Gelegenheit findet, einen Anspruch auf die Nichte des Greises zu erlangen.
Und welch' entzückende Augenblicke folgen nicht jetzt! Die Gruppen zerstreuen sich, die weißen Gewänder glänzen hier und dort auf dem Rasen ringsum. Der Einfluß des Abends erweckt heitere Gespräche, eine größre Vertraulichkeit; auf die Ausgelassenheiten des Mahles folgt ein süßes Sichgehenlassen, und des herannahenden Tages Ende macht die Augenblicke kostbarer. Ich leugne es gar nicht, daß, während die Eltern an der Tafel sitzen bleiben, um fortzuplaudern, oder an einem ruhigen Plätzchen schlummern, nicht manch' zärtliches Wörtchen ausgetauscht ward; daß das Vergnügen, sich von den Uebrigen wegzustehlen, nicht lebhaft sei, daß Wonne und Verwirrung die Pulse nicht heftig pochen machen, daß endlich nicht auch mancher sich verrechnet hatte, wenn von der Buchenlaube das Zeichen der Wiedervereinigung und des Aufbruchs erschallt.
Wo wäre da etwas Uebles daran? Wie können junge Leute sich besser kennen, sich lieben lernen und zu Gatten erkiesen? Wahrlich, die plaudernden oder schlummernden Eltern haben Recht, daß sie nicht fürchten, was sie andrerseits nicht bemerken wollen; sie haben das Gefühl gegenseitiger Ehrbarkeit zum Bürgen, daß im Schoose der Familie sich alles rein gestaltet, daß sie in ihrer Vereinigung ein Heiligthum ist, aus dem jede Unlauterkeit verbannt ist.
So waren die Belustigungen unserer Eltern; Spuren davon sind allerdings noch da, aber sie verschwinden mehr und mehr in der allgemeinen Verschmelzung der Sitten, in der sie sich allzumal so die alte Derbheit wie die alte Gutmüthigkeit verlieren; in der sich die einfachen, durch Arbeit errungenen Freuden, die Annehmlichkeiten des Brudersinns und die heiligen Bande der Familie von Tag zu Tag gegen ein zunehmendes Wohlleben, das aber ohne Würze ist, austauschen.
Aber was zu allen Zeiten am meisten verheerend in die Einfachheit und Gemüthlichkeit der Vergnügungen fällt, das ist das Knötchen, das unbezähmbare Knötchen. Das Knötchen ist's, von dem die Reihen dieser liebenswürdigen, achtbaren Spaziergänger gelichtet werden, von ihm werden diese geräuschlosen und nicht kostspieligen Vergnügungen in Acht erklärt; das Knötchen stellt an seinen Mann die Anforderung, auf irgend einem öffentlichen Platze zu paradiren; es empfiehlt ihm Bart und Sporen, die nur in der Thüre eines Kaffeehauses oder auf dem Pflaster einer Straße von gutem Tone einen Werth haben; es ist's, das ihn Sonntags seine Straße, seinen Laden, seinen Vater selber und die Orte, wo derselbe weilt, meiden läßt; es läßt ihn Vergnügen an dem Rößlein finden, welches ihn in einem Stücklein Fiaker, das gelb wie eine alte Stiefelstulpe ist, hinschleppt bis zu einer räucherigen Kneipe; es ist's eben so sehr und gar noch mehr als das Vergnügen, das ihn aus der Gesellschaft der Seinigen scheucht und ihm jenen unehrbaren Ton, jene frechen Reden eingibt, worin er sich mit den Freunden seiner Wahl belustigt.
Ja, das Knötchen ist's, welches den Menschen regiert! Ist's nicht in dieser einen Gestalt, so ist's in einer andern, und zwar wird es stets heftiger, je besser die Verhältnisse des Menschen sich gestalten. Das Knötchen ist's, welches seine Vergnügungen verflacht, seinen Geist verdummt, sein Herz verdirbt. Wenn Leidenschaften oder die Wechselfälle des Lebens, wenn persönliches oder allgemeines Unglück seine Stimme nicht übertönen, so gebietet es unumschränkt über den Menschen wie über die Gesellschaft. Die Sitten, die Gebräuche, die Empfindungen des Einzelnen und Aller richten sich nach seinem Willen oder wechseln nach der geringsten seiner Launen. Dann trennen oder einen sich die Menschen, nicht wahren Unbills oder heiliger Sache willen, sondern um elende Vortheile, wegen des falschen Glanzes, worin sie strahlen, wegen des Flitterstaats, der ihr hohles Gemüth bedeckt. Dann sieht man sie Staub auf Ihresgleichen schütten, einzig und allein in dem glühenden Begehren, die ihnen Voranstehenden einzuholen; dann tritt die Gleichgiltigkeit an die Stelle des Brudersinns, ein neidisches Begehren an die des theilnehmenden Herzens und leben heißt nicht mehr lieben, sich freuen, sondern scheinen!
Und wenn Zeiten wie die unsrigen schon durch die Verweichlichung des Wohllebens und die faden Schaubilder, die sie bieten, zur Erweiterung der Herrschaft des Knötchens geeignet sind, so sind sie es noch mehr durch die Lauheit der Gemüther, durch die Richtigkeit der Ueberzeugungen, durch jenen falschen Schimmer der Gleichheit, womit die Menschheit voll unsinnigem Begehren sich wohlgefällig brüstet. Wie viel Raum zu Wachsthum und maßloser Ausdehnung bieten nicht dem Knötchen jene Herzen dar, in denen keine Flamme lodert, kein Glaube wurzelt, keine Leidenschaft in den Tiefen rüttelt! Welch ungemeines Gebiet eröffnet ihm nicht das Prinzip der Gleichheit, so wie es ausgelegt und von denen gepredigt wird, die nicht daran glauben, noch daran halten; begierig aufgenommen von denen, die es nicht verstehen; angenommen nur als das Recht, die Pflicht, die Sucht, den Höherstehenden sich gleich zu stellen! Seht hin, wie sie sich alle in den Tummelplatz stürzen, wo, nichts destoweniger, obgleich man sich hat stoßen, erdrücken, verstümmeln lassen, die Einen immer an der Spitze stehen und die Anderen auf der untersten Stufe... Statt an ihrem Platze zu bleiben und denselben zu verbessern, verachten sie ihn voll Verdruß und Scham, daß sie denselben einnahmen, und brennen vor Ungeduld, einen andern einzunehmen, vor Begierde, auch sich zu brüsten. O ihr Einfältigen, Menschen ohne Herz, die an ihren dünnen, aber zahllosen Fäden die schmählichste aller Leidenschaften, die Eitelkeit, leitet!
Das Knötchen ist also, richtig erwogen, ein trauriger Rathgeber, ein erbärmlicher Herrscher; und wenn es auch nicht möglich ist, es mit der Wurzel auszureißen, so ist es wenigstens die Pflicht eines vernünftigen Menschen, es stets zurückzudrängen, und wo er einen Sproß desselben aufschießen sieht, ihm entgegenzuwirken.
Seit zwanzig Jahren habe ich dies ernstlich betrieben und glaube, daß ich manche Keime erstickt, manche Sprößlinge des Knötchens unterdrückt habe; aber kann ich behaupten, daß ich mein Knötchen vertilgt habe? das wäre eine Lüge. Ich fühle sein Dasein; obgleich es nicht mehr so gefräßig ist, so hat es doch noch eine beträchtliche Dicke, und ist bei der geringsten Veranlassung bereit, üppige Sprossen zu treiben und alle guten Keime zu ersticken, denen ich auf seine Unkosten ein Plätzchen angewiesen habe. Sonderbar! Ueber gewisse Grenzen hinaus schlägt unsre Kraft wider uns selbst zurück; will man das Knötchen ausrotten, so verleiht man einem andern Knötchen daneben das beste Gedeihen. Und man sagt: Ich kann mir schmeicheln, daß ich keine Eitelkeit besitze; aber das ist schon an und für sich eine Eitelkeit. Drum habe ich, weil ich das Ganze nicht vermochte, das Nothwendigste gethan. Ich habe ihm meine Gemälde, meine Bücher zum Spielplatze eingeräumt, doch dabei ihm jegliche Vorrede untersagt, obgleich es mir jedes Mal dazu rieth; aber es gibt noch weit wichtigere Dinge, die ich vor seiner Berührung in Sicherheit gebracht habe.
Und so nun sind meine Freundschaften. Ich will, daß daran gar nichts Bemerkenswerthes sei. Ich will, daß das Band derselben frei bleibe, aber stark; ich will, daß die Quelle derselben tief, stets frisch und rein sei, geschützt vor dem Zephyr und geschirmt vor dem Unwetter; es möge nicht der wilde Bach sein, der sich über jegliche Klippe stürzt, um jeden Vorsprung spaltet, und dessen bald erhitzte, bald kalte Welle jegliche Blume tränkt, sich mit jedem Dufte schwängert, nach der Farbe des Himmels oder mit dem Rande seines Bettes das Aussehen ändert. Ich will in meinem Freunde seine Zuneigung zu mir lieben, den Reiz, den ich empfinde, ihn wie mich selbst zu lieben, unsere gemeinschaftlichen Erinnerungen, unsere gegenseitigen Hoffnungen, unsere vertrauten Unterredungen, sein dem meinigen bekanntes Herz, seine Tugenden, welche meine Seele fesseln, seine Talente, aus denen mein Geist Genuß schöpft, und nicht seinen Wagen, sein Haus, seinen Rang, seine Stellung, seine Macht oder seinen Ruf will ich lieben. Ich will es, Knötchen! also schweig!
Und nun meine Freuden – die sind folgender Gestalt. Ich will sie suchen, wo mein Herz sie findet, ohne Rücksicht auf das Kleid der Leute oder die Vergoldung der Wände. Ich will einfache, wo möglich aber wahre, beständige; solche, die ihre Reize von irgend einer Würze des Herzens oder des Geistes, aus irgend einer lebendigen und anständigen Neigung, aus irgend einem unschuldigen Triumphe empfangen haben, der über Trägheit, Sünde, Eigennutz erfochten ist; ich will sie in dem Vergnügen Anderer weit eher finden, als in dem meinigen; denn das ist die beste Freude, die sich mittheilt, sich ausbreitet, im Kreise schwirrt und das Herz mit erweiternder Wärme durchzieht. Also, fort, Knötchen! Laß mich unter den Buchen bei den wackeren Leuten. – Aber man bemerkt dich! – Mir einerlei. – Aber du bist in Hemdärmeln! – Desto kühler befinde ich mich. – Aber es sieht aus, als gehörtest du zu ihres Gleichen! – Das meine ich auch. – Da, sieh ein Wagen!... – Laß ihn fahren. – Und dort Städter, die dich kennen! – Grüße sie von mir und scher' dich fort, Knötchen!
So schließlich ist meine Ansicht, meine Weise, nicht allein mich zu benehmen, sondern auch Andere zu beurtheilen, abzuwägen, was sie taugen, und sie in meiner Achtung abzuschätzen. Noch einmal, von hinnen, Knötchen! Du bist der Vater der Dummheit, wenn nicht die Dummheit selber. Von hinnen! Ich sehe, als was du dich vor mir darstellst, von wem du zu mir kommst, du triffst oft Gutes und Schönes bei dieser Außenseite, die dich verlockt, aber du triffst auch Gutes und Schönes unter dem Kittel, den du verachtest. Bevor du diese Menschen wägst, erlaube, daß ich sie, den Einen wie den Andern, entkleide. Knötchen! ich hatte einen Oheim, dessen du dich mehr geschämt als gerühmt hättest... ich habe eine Jüdin geliebt, die du nur mit Verachtung angeblickt hättest... Von hinnen! auf immer fort von mir!!
Außer meinem Oheim Tom, mir und dem bereits früher erwähnten Maler gab es noch andere Miethsleute in dem Hause. Ich will sie der Reihe nach von unten bis oben aufzählen, um so bis zu dem zu gelangen, der dem Himmel am nächsten wohnte und den Weg dahin um diese Zeit etwa einschlug, eine schöne Dachwohnung gen Norden freilassend, wo ich mich einrichtete.
Frage mich nicht, Leser, was all' diese neuen Personen mit meiner Geschichte zu thun haben. Nichts vielleicht. Allein, wenn du mir bis hierher gefolgt bist, was wird dich eine Abschweifung mehr kosten? Du bist daran gewöhnt, und ich werde diese Gestalten, die mir so theuer sind, wie jede Erinnerung des Jugendalters es ist, wieder aufleben sehen. Also herauf, ihr alten Miethsleute, Nachbarn von ehedem, die gegenwärtig vom Schauplatze der Welt verschwunden sind, deren ferne Erinnerung aber mein Herz mit Entzücken bewahrt!
Da war zuerst in demselben Stockwerke mit uns ein abgedankter Lehrer, ein alter, gutmüthiger Mann, dessen einzige Beschäftigung darin bestand, sein mit vierzig Jahren Arbeit verdientes Gnadenbrod gemächlich zu verzehren. Ein friedlicher, jovialer Epikuräer, begoß er Morgens die Blumen eines kleinen Gartens, Mittags hielt er regelmäßig sein Schläfchen. Nach dem Essen ging er, die Abendluft zu genießen, in Gemeinschaft mit einigen Kanarienvögeln, die er aufgezogen hatte und die pickend und flatternd ihm zur Seite blieben.

Er hatte indeß seinen frühern Stand nicht so gänzlich aufgeben können und sein Hauptvergnügen bestand darin, daß er allen Dingen, allen Personen ein Sprüchlein anhängte, welches seine Schulmeister-Erinnerungen ihm darboten. Ich war ehedem ihm durch die Hände gegangen und nicht ganz und gar gefühllos für den prosodischen Fluß seiner Kernsprüche; dazu hatte er mich lieb und es geschah nicht leicht, daß er mir begegnete, ohne mich in seiner Weise anzureden:
puer, si qua fata aspera rumpas, Tu Marcellus eris,
und sein dicker Bauch schüttelte sich in langem, kräftigem Lachen, um das ich ihn beneidete, wenn ich auch nicht mit einstimmte. Wenn eine alte Magd ihm aus dem Dorfe irgend ein kleines, eigennütziges Geschenk brachte:
Timeo Danaos, et dona ferentes!
und das Bäuchlein setzte sich in Bewegung. Aber wenn es sich um seine Gemahlin handelte, dann nahm es kein Ende
Dum comuntur, dum moliuntur, annus est.... ..... varium et mutabile semper foemina! ..... notumque, furens quid foemina possit!
und manche andre Redensart. Madame bereitete indessen ihre Speisen und fand die Redeweise ihres Gemahls höchst abscheulich, worüber sich dieser bewogen fühlte zu murmeln:
melius nil coelibe vita.

Im Stockwerke drüber wohnte ein achtzigjähriger, brummiger, mürrischer alter Rathsherr der Republik. Sommers saß er in einem großen Sorgenstuhle und verbrachte seine Lebenszeit neben dem Fenster, um die Straße auf's Genaueste zu beobachten. In allen Dingen sah er den Verfall des Staats und die Verderbniß der Sitten. An den frisch getünchten Häusern, an den frisch beworfenen Mauern, an den runden Hüten, an der Seltenheit der Zöpfe und vor allen Dingen an der Jugend der jungen Leute
..... cuncta terrarum mutata Praeter atrocem animum Catonis,
sagte der Schulmeister. Winters steckte er seine mageren Beine in Pappenstiefeln und verlebte seine Stunden am Kamin, nur einmal alle Monate verließ er dasselbe, um an die Thür zu treten, versteht sich in Pappenstiefeln, und einigen Bettlern, seinen Zeitgenossen, eine Gabe zu verabreichen. In diesen alten, verwitterten Menschenresten erkannte er noch die Spuren der guten Zeit, die wurmstichigen Reste jener alten, so veränderten, so verfallenen Republik.

Ueber diesem mürrischen Greise wohnte in stiller Zurückgezogenheit eine zahlreiche Familie, deren Haupt ein im Steuerwesen angestellter Feldmesser war. Dieser Mann saß den ganzen lieben Tag an seinem Meßtische und brachte selbst einen Theil der Nächte über seinen Zeichnungen zu. Ich erinnere mich, daß er stolz auf sein mühevolles, unabhängiges Leben war, und wenn er hin und wieder einmal sich mit seiner Familie eine Lustpartie erlaubte, so kostete er selbst die Freude mit einer ernsten stolzen Miene, die mir, dem Jünglinge, eine mit Bewunderung vermischte Ehrfurcht einflößte
Dos est magna, parentium virtus . . . . .
sagte mit ernster Miene selbst der Schulmeister.

Bevor wir zur Dachwohnung gelangen, kommen wir noch vor der Wohnung eines Baßspielers vorbei. Dieser gab den ganzen Tag über Stunden und behielt nur die Nacht für sich, um Weisen für sein Instrument zu componiren
modo summa, Modo hac resonat quae chordis quatuor ima.
Rings um den Musikanten herum ging es in eine Menge von Zimmern und Kämmerchen, welche an Studenten vermiethet und veraftermiethet waren, die bei ihm in die Kost gingen; diese Herren waren starke Raucher, nahmen ihre Vorlesungen durch, sangen Lieder, bliesen Horn oder spielten Flageolet, so daß in diesem Bereiche die Musik niemals abriß.

Quousque tandem!!
Und nun die besagte Dachwohnung.
Diese Dachwohnung war groß und hatte ein vortreffliches Licht. Der Feldmesser wollte sie haben und ich ebenfalls. Man brach ein Fenster durch, zog eine Breterwand und so hatten wir jeder unser Dachstübchen.
Ich fand hier die Aussicht auf den See und die Berge wieder. Mein Fenster befand sich in gleicher Höhe und gar nahe bei den großen gothischen Rosen, die in der mittleren Höhe der Thürme der Hauptkirche sich befinden. Von dieser erhabenen Gegend aus beherrscht der Blick die öden Dächer, und das Geräusch der Stadt erstarb, ehe es so weit gelangte.
Aber ich begann bereits in jenes Alter zu treten, wo solche Eindrücke nicht mehr ihre gewaltige Kraft üben, und jeden neuen Tag suchte mein Herz mehr in sich selber Bewegung und Leben.
Aus demselben Grunde war auch mein Hang zur Nachahmung nicht mehr so lebendig; es bedarf zu einer solchen Neigung einer Ruhe, die ich nicht mehr besaß. Oft aufgeregt, verwirrt von den unbestimmten Regungen einer Sehnsucht ohne Gegenstand vermochte ich nicht mehr auf mein Modell zu sehen, ich betrachtete meine undankbare Nachbildung mit Widerwillen, warf den Pinsel bei Seite und überließ mich meiner Träumerei ganze Stunden lang.
Dies innere Leben hat seine Wonne und seine Bitterkeit. Wenn diese Träume süß sind, so ist das Erwachen düster, niederschlagend; die Seele tritt wieder in die Wirklichkeit, nachdem sie ihre Kraft erschlafft oder verloren hat. Drum war ich denn nach solchen Stunden zur Wiederaufnahme meiner Arbeit unfähig und nicht weniger unfähig, die Träume wieder herbeizuführen; ich verließ dann das Haus, um meinen Unmuth draußen spazieren zu tragen.
Auf einem solchen Spaziergange geschah es, daß eine zufällige Begegnung mich aus diesem Zustande der Sehnsucht und halben Müßiggangs riß.
Eines Tages wollte ich in meine Wohnung durch die Thür, die auf der Kirchenseite unter den dicken Linden sich befindet, zurückkehren. Ein prächtiger Wagen hielt davor; kaum war ich an demselben vorüber, als eine Stimme, die ich augenblicklich wiedererkannte, mich voll Ueberraschung zurückkehren ließ.... »Herr Julius!« rief diese Stimme mit großer Bewegung.
In meiner Verwirrung zögerte ich näher zu treten, als ich zu bemerken glaubte, daß man mir winke. Ich wendete wieder um; in rascher Hast öffnete sich der Schlag und ich befand mich Angesichts der liebenswürdigen Lucy! Sie war in Trauerkleidern, ihre Augen naß von Thränen... Bei diesem Anblick brachen auch mir die Thränen hervor.
Ich erinnerte mich alsbald an ihr weißes Gewand, ihre kindlichen Befürchtungen, an die Worte des Greises, an seine Güte gegen mich. O! wie sehr verdiente er noch zu leben, sprach ich nach einer Weile, der Verlust ist schmerzlich, mein Fräulein!... Erlauben Sie mir, daß ich diese Zähren dem Gedächtniß seiner herzlichen Güte, das in mir lebt, zolle. Lucy hinderten ihre Gefühle zu antworten, sie drückte mir die Hand mit einer Bewegung, deren dankbare Huld durch eine anmuthige Zurückhaltung in Schranken gehalten wurde.
Ich hoffe, sagte sie endlich, daß Sie glücklicher sind, als ich, und Ihren Herrn Oheim noch besitzen... – Er lebt, versetzte ich, aber das Alter kommt immer mehr und beugt ihn zur Erde. Wie oft, mein Fräulein, habe ich an Ihren Vater gedacht!... und jeden Tag begriff ich Ihre Betrübniß mehr.
Lucy wendete sich jetzt zu einem Herrn, der neben ihr saß, und erklärte ihm in wenigen Worten auf Englisch den Zufall, dem sie vor fünf Jahren meine Bekanntschaft und die meines Oheims verdankte, und wie mein Wiedersehen, das ihr so lebhaft einen Tag vorgeführt habe, da ihr Vater so glücklich und liebevoll war, ihr diese schmerzliche Bewegung verursachte. Sie fügte noch eine Lobeserhebung über mich und meinen Oheim hinzu, und als sie davon sprach, daß ich Waise sei, bemerkte ich in ihren Mienen und in ihren Worten dasselbe Mitleid, welches mich früher so sehr ergriffen hatte. Als sie mit ihrer Erzählung fertig war, reichte mir der Herr, welcher nicht Französisch zu sprechen schien, die Hand mit dem Ausdrucke wohlwollender Achtung.
Da wandte sich Lucy an mich: der Herr ist mein Gemahl; er ist der Beschützer und Freund, den mein Vater selbst für mich erwählt hat. Nach jenem Tage, wo Sie ihn sahen, Herr Julius, sollte ich ihn nicht mehr lange behalten... Achtzehn Monate später rief ihn Gott zu sich ab... Mehr als einmal erinnerte er sich lächelnd Ihrer Geschichte... Wenn, fügte sie hinzu, auch Sie ein dem meinigen ähnliches Leid erfahren werden, so bitte ich Sie, mich davon zu unterrichten; ich will Ihren Oheim begrüßen... wie alt ist er?
Er tritt in sein fünfundachtzigstes Jahr.
Meine Antwort machte großen Eindruck auf sie; erst nach einigem Schweigen versetzte sie: Ich bin gekommen, um mit dem Maler zu sprechen, der das Bild meines Vaters gefertigt hat... Glauben Sie, Herr Julius, daß ich ihn allein treffen kann?
Ohne Zweifel, gnädige Frau, ertheilen Sie mir Ihre Befehle, ich werde sie meinem Kunstgenossen überbringen.
Sie unterbrach mich.
O! so haben Sie Ihrer Neigung folgen können!... Schön, ich nehme Ihr Anerbieten an; ich werde die Zeit bestimmen. Allein zuvor möchten wir, mein Gemahl und ich, gern etwas von Ihren Leistungen sehen. Wohnen Sie hier im Hause?
Ja, gnädige Frau.... Obgleich es mich etwas in Verlegenheit setzt, daß ich Ihnen nichts, als einige schlechte Versuche zu zeigen vermag, so schlage ich doch aus Eigenliebe die Ehre, die Sie mir erweisen wollen, nicht aus.
Wir sprachen noch einige Worte. Ich trat zurück und der Wagen entfernte sich.

Diese unerwartete Begegnung gab alten süßen Regungen das Leben wieder und riß mich aus einem Zustande der Erschlaffung, worin ich mich seit einigen Monaten befand.
Doch darf ich's sagen? Wenn schon ich stets meine Jüdin geliebt und ihr Gedächtniß bewahrt hatte, so verlor doch nichts desto weniger mein Schmerz von diesem Tage an seine Bitterkeit, meine Seele wurde gleichsam von der Vergangenheit losgebunden und begann eine freie Erhebung nach der Zukunft, süß beladen mit einer Erinnerung, die ihr nicht mehr so schmerzlich war, ohne daß sie aufhörte, theuer und lieb zu sein.
Gleichwol war diese Begegnung nicht frei von jeglicher Wolke gewesen. Obgleich ich Lucy vergessen hatte, obgleich ich niemals, selbst nicht in den überschwänglichsten Träumen, im entferntesten den Gedanken hegen konnte, ihr etwas zu sein, so war mir doch vom ersten Augenblicke an der Anblick jenes neben ihr sitzenden Herrn beklemmend gewesen, und als ich aus Lucy's Munde vernahm, daß sie vermählt war, zuckte Verwirrung und Eifersucht durch mein Herz.
Doch war das ein Uebergang; noch ehe ich den Wagen verließ, hatte mein Herz sich mit dem Herrn ausgesöhnt und ich sah in Lucy nichts mehr als seine liebenswürdige Gemahlin, die er mir gestattete lieb zu haben.
Die nächsten Tage lebte ich in dieser Erinnerung und der Hoffnung, Lucy bald wiederzusehen; ich hatte einige Kopien verfertigt, unter anderen eine von der Madonna, zwei oder drei Portraits, so wie einige Compositionen, alles meistentheils mehr als mittelmäßig ausgeführt, jedoch nicht ohne gewisse Anzeichen von Talent. Nun, man kann denken, wie das Knötchen mir beistand, mit der größten Sorgfalt die Bilder in's vortheilhafteste Licht zu stellen, und alles war zum Empfange Lucy's bereitet, als sie in der That erschien. Ihr Gemahl begleitete sie.
Noch heute kann ich an diese junge Dame nicht denken, ohne daß mir bei der Erinnerung das Herz schwillt. Daß ich diese so wahre Güte, deren Reiz durch ihren Stand, ihren Schmuck, ihren Reichthum noch erhöht wurde, nicht schön genug malen kann; diese Einfachheit der Gefühle, welche die Manieren und Vorurtheile der großen Welt weder zu verfälschen noch zurückzudrängen vermochten! Obgleich ein schwermüthiger Zug ihr eigen war, so durchdrang doch der Hauch eines wohlwollenden Lächelns jedes ihrer Worte, und schon der freundliche Ausdruck ihres Blicks verlieh selbst ihrem Schweigen einen unwiderstehlichen Zauber. Kaum war sie in mein bescheidenes Dachstübchen eingetreten, so waren ihre ersten Worte ermuthigende Glückwünsche. Sie betrachtete meine Werke mit besonderer Theilnahme und in allem, was sie ihrem Gemahl auf Englisch sagte, athmete ein entzückendes Wohlwollen. Nur einen Augenblick redeten Beide flüsternd zu einander; allein mit einem Tone und einem Ausdruck, der nur zu geeignet war, mich in jene süße Verlegenheit zu setzen, welche die Begleiterin einer freudigen Erwartung ist.
Während ich alle meine Bilder auf Lucy's Ansuchen hervorholte, um sie ihren Blicken vorzuführen, vernahm ich den Schritt meines Oheims auf dem Vorsaal. Ich lief hin, um die Thür zu öffnen.

Lucy mußte etwas ahnen; sie stand auf. Beim Anblick meines alten Oheims ging sie ihm entgegen; dann dachte sie an sich selbst und konnte ihre Bewegung nicht verbergen. Mein Oheim, heiter wie immer und seiner alten, höflichen Sitte getreu, erfaßte die Hand der jungen Dame, neigte sich und brachte dieselbe an die Lippen. Erlauben Sie, schöne Dame, sprach er, daß ich Ihnen den Besuch erwidern darf, womit Sie mich vor fünf Jahren beehrten, als Sie den Taugenichts da mir zurückbrachten... Ich weiß, fuhr er fort, als er Lucy's Thränen rinnen sah, ich weiß, Sie sind betrübt... jener edle Greis war Ihr Vater! ich weiß auch, daß dieser Herr Ihr Gemahl ist... und würdig ist, es zu sein, da Er ihn für Sie erwählt hat.
Der Herr ergriff in diesem Augenblicke die Hand meines Oheims und lud ihn ein, sich auf einen Stuhl zu setzen, den er selber herangerückt hatte, während ich in gespanntester Aufmerksamkeit auf diese Scene hinschauete.
Verzeihen Sie meine Bewegung, sagte jetzt Lucy... als ich Sie zu Lausanne sah, Sie und meinen Vater, beide beinahe in gleichem Alter, in einem Zimmer bei einander, beide für das Glück zweier Personen so nothwendig... damals empfand ich Ahnungen, welche Ihre Gegenwart mir in diesem Augenblicke allzulebendig zurückruft... Ich danke Gott dafür, daß er Sie erhalten hat. Wenn mir nicht der Zufall Herrn Julius in den Weg führte, so war meine Absicht, Genf nicht zu verlassen, ohne Erkundigungen über Sie einzuziehen... Aber es freut mich ungemein dem Anscheine nach Sie so wohlauf zu sehen, und ich empfinde eben so viel Dank als Verlegenheit darüber, daß Sie sich so hoch heraufbemüheten, mir dieses Vergnügen zu bereiten.
Beste Dame, versetzte mein Oheim, Sie sind ein liebenswürdiges Wesen! und es ist eine Lust, Sie anzuhören... Zu Lausanne stieg er auch hoch, Ihr Vater... und er wurde dafür nicht mit einem solchen Empfange gelohnt, wie man ihn nicht ohne Ihre Stimme, ohne Ihr Wesen, ohne Ihr Herz gewähren kann.... Theuerste Dame, seien Sie glücklich... Bald, ja bald steige ich noch höher!... wenn mein armer Julius dort nichts dagegen hat.
Ach, nimmermehr, bester Oheim, rief ich aus und war tief ergriffen von der eben so traurigen, als schlagenden Aehnlichkeit, welche meine gegenwärtige Lage mit derjenigen hatte, worin sich damals Lucy befand. Und in den Mienen der jungen Dame las ich, daß ihr Gedanke in diesem Augenblicke mit dem meinigen zusammentraf.
Doch, ich will Sie nicht stören, bemerkte mein Oheim nach einigen Wechselworten. Sie besehen die Versuche meines armen Julius... ich will Sie allein lassen... Ich bitte Sie, sagen Sie dem Herrn, daß ich heute bedauere, nicht lieber Englisch zu verstehen als Hebräisch, da würde ich das Vergnügen haben, ihn unterhalten zu können.
Dann faßte er die Hand Lucy's und sprach: Leben Sie wohl, mein Kind... seien Sie glücklich... Es ist ein Recht, das dem Greise zusteht, daß er eine so junge Dame mit seinen Segenswünschen begleite... Also thue ich... Leben Sie wohl, werthester Herr, Sie sind mit einander verbunden, ich werde Sie auch in meiner Erinnerung nicht von einander scheiden. Nach diesen Worten verbeugte sich mein Oheim Tom abermals, küßte Lucy's Hand und zog sich zurück. Wir begleiteten ihn alle drei, sämmtlich von dem lebhaften Gefühle der Ehrfurcht und Zuneigung erfüllt, welches in Verbindung mit einem schwermüthigen Gedanken das liebenswürdige Greisenalter einflößt.
Als mein Oheim sich entfernt hatte, setzten wir uns. Lucy sprach von ihm, sie wollte in seinen Zügen Aehnlichkeit mit ihrem Vater finden, besonders in dieser heitern Freudigkeit, in dieser so wahren Höflichkeit unter etwas alten oder vertraulichen Formen. Und oft nach diesen Bemerkungen hielt sie inne, als würde sie von dem Gedanken an den Verlust, den eine nahe Zukunft mir drohete, trübe gestimmt. Hierauf ging sie zu einem andern Gegenstande über: Herr Julius, sagte sie und eine leichte Röthe überflog dabei ihre Wangen, wir haben das Ihnen bekannte Portrait meines Vaters mitgebracht, unser Wunsch wäre, zwei Kopien davon zu besitzen. Ich hoffe, Sie werden mir die Gefälligkeit erweisen, diese Arbeit über sich zu nehmen. Ihr Talent ist uns Bürge, daß Sie unseren Erwartungen entsprechen werden, wenn schon das Andenken, welches Sie meinem vielgeliebten Vater bewahrt haben, ein Grund ist, der mich weit mehr bestimmt.
Man denke sich meine Freude; ich mußte dieselbe zurückhalten; allein Lucy und ihr Gemahl konnten durch meine Verwirrung und Verlegenheit hindurch die ganze Lebhaftigkeit derselben ermessen. Dieselbe wurde durch die Zuversicht, welche ich hegte, daß eine solche Arbeit meine Kräfte nicht überstieg, noch vermehrt. Denselben Tag noch holte ich das Portrait ab und ging an's Werk, ich sah mich diesmal ganz entschieden in die Bahn der schönen Künste hineingeworfen.
Unter andern Umständen hätte dies Portrait mir einige Traurigkeit einflößen können, denn es lenkte meine Einbildung lebhaft auf die Vergangenheit zurück, wo ich jene beiden Wesen, die einander so theuer waren und die jetzt der Tod schied, im vollen Leben erblickte; die Jungfrau, geschmückt mit dem lachenden Glanze der Pracht und Jugend, welche ihre Thränen noch nicht getrübt hatten, und Lucy jetzt in Trauer und Klagegewänder gehüllt... Allein ich war zu sehr von der Freude und Dankbarkeit erfüllt, als daß der Eindruck dieses Gegensatzes in mir hätte vorherrschend bleiben können.
Welch' herrliche Beschäftigung! Mein Stift hatte dies theure Gesicht nachzuzeichnen, er hatte die Umrisse ihrer Gestalt, die weiche Anmuth ihrer Haltung wiederzugeben; oft blieb ich bezaubert vor meinem Modell stehen und war für einige Augenblicke zu aufgeregt, um fortarbeiten zu können.

Ein vortreffliches Weib! sagte mein Oheim, als er diese großen Ereignisse von mir erfuhr; ich bedaure, nicht lieber Englisch statt Hebräisch zu verstehen,... nun bist Du recht zufrieden, mein armer Julius!... nun sei es. Aber daß die Arbeit Dir Ehre mache! setzte er hinzu, daß man die Gesetze des Lichts und Schattens beobachtet sehe, und die beiden Perspectiven, sowol die Linear- als Luftperspective... und dann, das Kunstgefühl... und... Vortreffliche Frau! In Wahrheit eben so liebenswürdig als schön!...

Die Kalesche Lucy's hatte während ihres letzten Besuchs auf der Seite des Hauses gehalten, die dem Hospital gegenüberliegt, während die Wagen, welche die Modelle zu meinem Kunstgenossen brachten, stets an der Kirchenseite angehalten hatten.
Dieser Umstand erregte die Aufmerksamkeit der Miethsleute. Als diese endlich nach tausenderlei Muthmaßungen, in denen sie am allerwenigsten auf mich gerathen hatten, bemerkten, daß die Kalesche mit den Wappenschildern meinetwegen da anhielt, stieg der Ruf meines Ruhmes, eines funkelnagelneuen und deshalb um so glänzenderen Ruhmes von Stock zu Stock, und der alte Schulmeister that sich etwas darauf zu gute, daß er in Bezug auf seine Vorhersagungen sprach:
– Non ego perfidum Dixi sacramentum.
Was für eine schlechte Redensart führst Du da? unterbrach ihn seine Frau.
– Odi profanum vulgus Et arceo.
Acht auf Deine Töpfe!

Ich dächte, daß funfzig Jahre Schulmeisterei Dir diese verwünschte Sucht lateinischer Floskeln, die Dich unerträglich machen, verleidet hätten. Kannst Du diese Dummheiten nicht sein lassen und wie alle Welt Französisch sprechen?
Du weichst sehr von Horaz ab, meine Liebe, denn der sagt:
Nocturna versate manu, versate diurna;
und wenn ich Dich Nachts damit verschone, kannst Du mich wol Tags über anhören.
Horaz und alle diese Leute sind große Dummköpfe, wenn sie Dir so etwas eingebildet haben. Nachts schnarchst Du, daß ich nicht schlafen kann, und am Tage machst Du mich taub mit Deinem Kauderwelsch.
Du schimpfst da auf Schönheiten, die Du nicht verstehst. Nimm doch Vernunft an, liebe Frau; wenn ich Deine Gerichte esse und sie gut finde, kannst Du doch auch meine Verse loben und ihren Duft empfinden...
Vellem in amicitia sic erraremus.
Meine Gerichte sind gut, aber Dein Gebräu abscheulich!
– Melius nil caelibe vita!
Und ich bleibe dabei, was ich von dem jungen Manne sagte:
– Non ego perfidum Dixi sacramentum.

Andrerseits hatte der Baßspieler und seine ganze Sippschaft (ich habe schon anderswo einmal bemerklich gemacht, daß Studenten ihr Leben am Fenster verbringen) nicht ermangelt, die glänzende Kalesche zu bemerken. Wenigstens funfzehn Köpfe zeigten sich auf einmal an den Fenstern, die auf die Straße gingen, sahen neugierig die Diener herabspringen, den Schlag öffnen und die junge Dame, auf den Arm ihres Gemahls gestützt, in die Hausflur treten. Sogleich begannen die Muthmaßungen: Zu wem geht sie?... – Wär's vielleicht, dachte der Musiker, ein Dilettant, den die Vorsehung... und alle Köpfe hatten sich an die Fenster, Dachluken und Gucklöcher begeben, welche auf den Hof gingen...
Lucy stieg die Treppe hinauf, Lucy durchschritt den letzten Stock; sicher geht die schöne Dame zu dem jungen Maler!! und mein Ruhm stieg bis zu den Sternen.
Nur der Feldmesser und seine Familie hatten für diese großen Ereignisse keine Acht. Der Herr vom Hause befand sich auf den Feldern und maß seine Winkel, die Mutter befaßte sich mit den Haushaltssorgen, während die älteste Tochter, seitwärts von mir in dem Zimmer, an den Blättern ihres Vaters arbeitete. Inmitten ihres thätigen, bedrängten Lebens gab es wenig Zeit auf die Angelegenheiten der Straße zu passen oder auf den Verkehr der Nachbarn.
Indessen schritt meine Arbeit vorwärts. Mit der Morgendämmerung stand ich auf und stieg in meine Werkstatt, um daselbst mit Eifer bis zur Tagesneige zu arbeiten. Diesen anhaltenden Beschäftigungen verdanke ich's, daß ich auch in etwas die Bekanntschaft des Feldmessers machte. Auch er verließ mit der Morgenröthe nebst seiner Tochter seine Wohnung; wir stiegen zusammen die Treppe hinauf, und während er in sein Arbeitszimmer trat, um dem jungen Mädchen Arbeiten für den Tag anzuweisen, ging ich meinerseits in meine Werkstatt, um mich einzurichten. Die Nachbarschaft und diese Gleichförmigkeit der Gewohnheiten brachten uns allmälig etwas näher, so daß, trotz des Werthes, den der Mann auf die Benutzung seiner Zeit legte, es bereits dahin gekommen war, daß er eine oder zwei Minuten zum Plaudern auf der Thürschwelle verwendete, wenn der Gegenstand, den wir beim Hinaufsteigen besprochen hatten, durchaus noch ein Paar kurze Worte mehr heischte. Während wir hinaufstiegen, ging seine Tochter, mit dem Schlüssel des Arbeitszimmers in der Hand, vor uns her. Sie war von anziehendem Wuchs und einem mehr edeln als hübschen Gesichte. Immer in bloßem Kopfe und äußerst einfach angezogen, waren ihre schönen an der Stirne anliegenden Haare bei ihrer Jugend und Frische ihr schönster Schmuck.

Der Einfluß einer strengen Erziehung gibt sich bei denen, welche so glücklich waren, eine solche zu genießen, in jedem Alter kund. Obgleich unterwürfig und schüchtern, trug das junge Mädchen doch auf ihrer Stirn den Ausdruck jenes etwas rauhen Stolzes, welcher sich weit kräftiger in dem Gesichte ihres Vaters aussprach. Unbekannt mit den Sitten der Welt, hatte sie ihre eigenen, edeln, zurückhaltenden, so, daß sie, einfach, wie ihr Stand, durchaus nicht den gemeinen, gewöhnlichen Ausdruck zeigte.
Aber es war doch eine höchst eigenthümliche und anziehende Sache, dieses junge Mädchen in dem Alter der Lust so fleißig zu sehen, ohne Rast und fast ohne Erholung sich Arbeiten widmend, die gewöhnlich ihrem Geschlechte fremd sind, und so jung wie sie war, gemeinschaftlich mit dem Vater für den Unterhalt der Familie sorgend.
Ich verfehlte nicht, mich Morgens regelmäßig einzustellen, damit ich nicht nöthig hätte, allein in meine Werkstatt steigen zu müssen. Nur geschah es einige Mal, daß der Feldmesser Tags zuvor die Arbeit angewiesen hatte und Henriette allein hinaufstieg. Das waren unglückliche Tage für mich; denn ich fürchtete, daß ich ihr dieselbe Verlegenheit bereiten möchte, die ich selber bereits empfand, und ich wußte nichts Besseres zu thun, als meinen Schritt zu beflügeln, wenn ich mich vor ihr befand, oder langsamer zu gehen, wenn ich sie vor mir hinaufsteigen hörte.
Saß ich einmal in meiner Werkstatt, so gewährte mir die Anwesenheit meiner unsichtbaren Genossin einen seltsamen Reiz. Ich fand eine angenehme Zerstreuung in dem geringsten Geräusche, das mir ihren Schritt, ihr Verhalten oder ihre verschiedenen Bewegungen vergegenwärtigte. Und wenn dann die Mittagsstunde sie hinabrief, so empfand ich eine Einsamkeit und Langeweile, so daß ich mich nach und nach daran gewöhnte, mich zu derselben Stunde, wie sie, zu entfernen.
Inmitten meiner neuen Zerstreuungen fiel mir oft ein Umstand ein. Die ersten Tage vor meinem regelmäßigen Morgeneintreffen hatte sie zuweilen während der langen Arbeitsstunden ein Liedlein gesungen, dann aber hatte der Gesang plötzlich aufgehört, und just eben, als ich begann, demselben mit größerm Vergnügen zu lauschen. War es Zufall? Geschah es meinetwegen? War ich ihr schon genugsam aufgefallen, daß sie sich diesen Zwang anlegte? Bedeutete dieses Schweigen, daß sie sich mit mir beschäftigte, wie ich mich mit ihr?

Das waren hundert Fragen und eine Menge anderer dazu, die mir unendlich viel zu denken und sinnen gaben. Nach Vollendung meiner Kopien unternahm ich nichts mehr; meine Leinwand blieb leer, meine Pinsel lagen zerstreut umher. Nichts hatte Reiz für mich, neben dem Gefühle, welches meine Tage erfüllte.
Und es waren nicht mehr wie sonst Träumereien, deren Leere und Hohlheit ich mir selbst gestand. Dieses Mal vielmehr kam der Gedanke an Heirath von vorn herein in meinen Sinn, und als er einmal da war, wollte er nicht wieder fort.
Glückliches Alter, in dem ich mich damals noch befand! letzte schöne Tage, die bald das Alter der Erfahrung und Reife abschließen soll! Ehe ich noch ein Wort mit dem Mädchen gesprochen hatte, nahm ich mir vor, sie zu heirathen. Bevor ich noch über diesen beschwerlichen Stand einmal nachgedacht, den die Dichter uns als das Grab der Liebe malen und die Moralisten als ein heiliges aber fesselschweres Joch, steuerte ich darauf los wie zu einem Gestade voll Blumen und Duft. Bevor ich mich darum kümmerte, wie oder wovon ein Haus besteht, oder eine Familie aufblüht, beschäftigte ich mich bereits und vorzugsweise, gewisse Anordnungen herauszuklügeln, deren leichte Möglichkeit meinen Wünschen allen Reiz naher Wirklichkeit verlieh.
In der That, mein ganzes Streben ging darauf hin, eine Thür in die Breterwand zu brechen; dann wurde Henriettens Dachstübchen unsere Hochzeitskammer, das meinige unser Arbeitszimmer, wo, sie an ihren Schreibereien, ich an meiner Leinwand, uns die Tage in Frieden, Glück und Liebe gesponnen, dahinflossen.
Eines Morgens dachte ich, in mein Fenster gelehnt, an dergleichen Dinge und schaute gewohnheitsmäßig dem alten Schulmeister zu, welcher die Tulpen seines Gärtleins begoß; da erschien auf einmal Henriette an ihrem Fenster.

Sie suchte mich nicht, wie ich an der lebhaften Röthe, die plötzlich ihre Wangen färbte, erkennen konnte. Indeß, um nicht merken zu lassen, daß meine Anwesenheit einen größern Eindruck auf sie mache, als ihr Stolz zu gestehen erlaubte, so konnte sie nicht sogleich wieder zurückgehen. Sie blieb also; nur um ihre Verlegenheit zu verbergen, blickte sie auf die entgegengesetzte Seite nach den Wolken in der Luft.
Die Gelegenheit war vortrefflich, um endlich mit derjenigen, die ich zu meiner Frau machen wollte, ein Gespräch anzuknüpfen. Ich raffte also meine Kräfte zusammen, um meine lebhafte Unruhe zu überwinden.
Diese Tulpen... sagte ich zum Schulmeister...
Kaum hatte ich die beiden Worte ausgesprochen, da zog Henriette ihren Kopf zurück, ehe noch der Schulmeister den seinigen emporgehoben hatte, und mit der Unterredung blieb es dabei.

Ah! ah! Sie schauen mir zu? sagte der Schulmeister; Schalk! Ich ahne, was Sie denken:
Das Bauen geht noch an, doch in dem Alter pflanzen!
Erstlich, junger Herr, sind dies Tulpen:
Ei, wehrt dem Weisen nicht Daß er für Andrer Freude sich bemüht!
Sehen Sie, diese gesprenkelte, die in Holland zwanzig Dukaten werth wäre, habe ich meiner Gemahlin bestimmt:
Purpureos spargam flores....
Der Schulmeister citirte noch, als ich verwirrt und ärgerlich bereits mein Fenster wieder geschlossen hatte.
Der schlechte Erfolg dieses Versuchs benahm mir die Lust, ihn zu erneuern, so daß ich während mehrer Wochen mich begnügte, bescheidentlich die vorerwähnten Gewohnheiten weiter zu verfolgen.

Henriette bekam zuweilen einen Besuch. Wenn die Sorgen der Haushaltung der Mutter einige Augenblicke erlaubten, so kam sie herauf, um neben ihr zu arbeiten. Sogleich näherte ich mich der Zwischenwand und hielt meinen Athem an, um ihre Worte besser zu vernehmen.
Dein Vater, sprach die Mutter, wird gegen sechs Uhr zurück sein; ich habe Deine Brüder bereits angekleidet, damit wir zusammen ausgehen können.
Ihr werdet wol ohne mich gehen müssen, Mutter, denn ich sehe nicht ab, wie diese Arbeit morgen fertig sein soll, wenn ich nicht dabei bleibe. Donnerstag, weißt Du, ist der Hauszins fällig.
Du bist der Familie höchst unentbehrlich, mein liebes Kind, ich freue mich, daß Deine Brüder Dir werden Beistand leisten können.
Ich freue mich des Vaters willen darüber.
Dein Vater ist, gottlob, stark und noch jung; ich fürchte für ihn nichts als Krankheit und Alter... Da könntest Du uns wol fehlen, Henriette.
Ich bin auch stark und hoffe am Leben zu bleiben.
Ich hoffe das auch, liebes Kind; allein Du kommst in die Jahre, wo Du Dich verheirathen könntest.
Meine Mutter, ich bleibe bei Euch; lieber will ich in dieser Bedrängniß, die wir zusammen theilen, bleiben, als sie gegen eine andre, in der ich Euch entfremdet wäre, vertauschen.
Also einen reichen Mann begehrst Du, Henriette?
Nein, meine Mutter; denn ich wäre ihm nicht gleich. Aber ich will Euch nicht meine Arbeit entziehen, um sie einem Herrn zuzubringen, dem ich sie nicht schuldig bin.
Du hast Recht, Henriette, keinen Reichthum zu begehren, allein bedenke, mein Kind, daß Deine Mutter sich in ihrer Bedrängniß recht glücklich fühlt und daß all ihr Glück ihr von ihrem Herrn und ihren Kindern herkommt. Eine noch größere Armuth, aber mit einem achtbaren Manne, ist besser, als Mädchen bleiben, Henriette. Das Unglück kommt vom Laster und nicht von der Armuth.
Meine Mutter, es gibt wenig Männer, wie mein Vater.
Das hieß sich mir bedeutend nähern, ohne im geringsten Arg von mir zu haben; das Gefühl, welches mir dieses tugendsame, stolze Mädchen einflößte, war der Art, daß ich einen sehr bittern Verdruß darüber empfand. Uebrigens war die Unterhaltung durchaus nicht nach meinem Sinne. Henriettens Worte verkündeten zwar ein wirklich freies Herz, aber auch ein starkes, das über sich selbst verfügte, und wenn es auch geschaffen war, sich ohne Wiederkehr zu geben, doch nicht jene zarten, leicht entzündbaren Seiten darbot, durch welche allein ein junger Mann meiner Art den Zugang zu finden sich schmeichelt. Das Einzige, was meine Hoffnungen ermuthigte, waren die Worte der Mutter. Die gute Frau schien mir, indem sie die Achtbarkeit der Armuth pries, wahrhaft göttlich und ganz zu meinen Gunsten zu reden. Denn ich war ehrenhaft, aber vor allen Dingen war ich arm.
Unglücklicherweise hing Henriette nicht von ihrer Mutter allein ab. Es war ein auffallender, jedoch natürlicher Zug, daß jener Charakter des Stolzes und der Unabhängigkeit, welcher bei den Mitgliedern dieser Familie so sichtbarlich hervorsprang, sich bei jeglichem mit einer gänzlichen Unterwürfigkeit unter den Willen des Familienhaupts, der die Seele Aller bildete, vereinigte. Der Feldmesser, ein fester, strenger, arbeitsamer Mann, übte, wenn er auch in seinem Wesen nicht sehr gesprächig und in seinen Formen nicht übermäßig höflich war, auf alle die Seinigen die mächtige, einflußreiche Gewalt des guten Beispiels, der Aufopferung, untadelhaften Wandels. Seine Frau liebte ihn bis zur Verehrung, und seit ein selbständigeres Urtheil Henrietten gestattete, ihren Vater mit andern Männern zu vergleichen, gewöhnte sie sich, ihn höher als die Mehrzahl derselben in ihrer Achtung zu stellen; so, daß ihre mehr tiefe als zärtliche, mehr ehrerbietige als mittheilende kindliche Liebe dem Urheber ihrer Tage einen unbedingten Gehorsam zollte. Weder ihr Herz noch ihre Person konnten einem Andern angehören, als dem der Vater, der in ihren Augen so würdig war, ihre Wahl zu leiten, den Vorrang ertheilte.
Ich habe seitdem Gelegenheit gehabt wahrzunehmen, und zwar oft mit jenem Gefühle der Bewunderung, welches die Augen mit heißen Thränen füllt, wie anziehend und ehrwürdig diese bescheidene Familie, wie wahrhaft groß dieser geringe Mann war. Allein damals erschienen mir diese Strenge, diese Unterwürfigkeit, diese Tugendhaftigkeit als eben soviel Hindernisse meiner Wünsche. Was kümmerte es mich denn auch, daß die Frauen unterwürfig waren, da ich meinerseits nicht wußte, wie ihrem Herrn und Meister zu nahen? Was lag mir daran, daß der Feldmesser streng, entschieden, arbeitsam war, wenn diese Eigenschaften, die er zweifelsohne in seinem Schwiegersohne wiederfinden wollte, just mir gebrachen? Zwar konnte er dafür die guten Eigenschaften, welche ich zum Ersatz für die seinigen bieten konnte, mir zu gute rechnen; allein ich hegte wenig Hoffnung, in diesem Punkte viel Glück zu erfahren. In der That, die rauhe Unzugänglichkeit des Mannes, sein stolzes, empfindliches Auge, seine abgemessene Rede und der Einfluß seines Charakters verursachten mir, ihm gegenüber, eine Linkheit, welche alle meine Lichtseiten in den Schatten stellte.
Also stand alles mir entgegen, und wie das zu gehen pflegt, jedes Hinderniß machte meine Wünsche nur glühender; jemehr ich daran dachte, wie schwer, ja unmöglich es sei, Henriettens Hand zu erlangen, destomehr vereinigte sich all' mein Begehren in einen sehnlichen, in einen einzigen Wunsch, den, diese Hand zu erlangen.
Dies verleitete mich nun zu einem ritterlichen, aber verzweifelten Beginnen; nämlich: den ersten Schritt mit Gewalt zu thun, indem ich meiner Zukünftigen das leidenschaftliche Geständniß meiner Gefühle machte. Es handelte sich in der That auch nur darum, eine günstige Gelegenheit zu erspähen. Ich erspähete also, und so lange und so vortrefflich, daß eine Gelegenheit um die andere mir entschlüpfte, ohne daß ich zu einer Erklärung gelangte.
Es war Anfangs des Morgens. Wir stiegen zuweilen allein hinauf, und ich war mit Henrietten schon zu dem Grade der Vertraulichkeit gekommen, daß ich nach dem Gruße mich an sie wendete, um nach ihrem Vater zu fragen und meine Ansicht über das langweilige Regenwetter oder die schönen Tage auszusprechen. Zehnmal wenigstens ermunterte mich meine Kühnheit, weiter zu gehen und ein entscheidendes, zärtliches Geständniß auszusprechen; doch stieg mir in dem entscheidenden Augenblicke das Blut in die Wangen, die Verwirrung raubte mir die Sprache und ich verschob es auf einen Augenblick, wo ich ohne Erröthen und ohne Verwirrung sein würde. Während ich so auf den günstigen Augenblick wartete, mischte sich der Feldmesser unmerklich wieder in's Spiel, und Henriette stieg nicht wieder allein zum Dachstübchen hinauf.
Aber die Liebe ist so erfinderisch! Zur Stunde des Mittagessens ging und kam Henriette, ohne begleitet zu sein; ich richtete mich also ein, daß ich mit ihr zusammenging. Das Ding gelang vortrefflich. Mir fehlte nichts mehr, als mich zu erklären, da verlegte die Familie auf einmal plötzlich ihre Essenszeit und ich mußte Mittags wie Abends allein die Treppen auf und ab wandeln.
Nun blieb noch ein letztes Mittel, allerdings sehr gewagt, aber unfehlbar. Dies war nämlich, unter irgend einem Vorwande mich zu Henriette zu begeben und daselbst meinen Gefühlen freie Sprache zu verleihen. Gar manches Mal machte ich mich auf den Weg, allein jedes Mal blieb mir nichts übrig, als wieder umzukehren, denn die Mutter Henriettens fing nach und nach an, ihr bei der Arbeit Gesellschaft zu leisten.
Ich verdanke es den Lehren des Herrn Ratin und seinen zuchtreichen Reden, daß ich während des ganzen Verlaufs einer Jugend, worin ich kaum etwas anderes that als lieben, niemals an eine Frau das mindeste zärtliche Wort richtete. Diese dumme Schüchternheit ist ein Gut, dessen Werth ich gegenwärtig erkenne. Sie ist's, die dem Jüngling jene angeborene Verschämtheit, welche, einmal verloren, nicht wiederkehrt, erhält und ihn dieselbe bis in die Ehe hinein behaupten läßt; sie bewahrt sein Herz jung und rein; sein Herz füllt sich mit tausend regen, zärtlichen Gefühlen, deren Trieb er unterdrückt, doch nur, um den reinsten und reichsten Zoll derjenigen darzubringen, welche die Gefährtin seines Lebens sein wird.
Allein damals dachte ich anders. Ich war unwillig über mich selber und überlegte, wie oft bereits diese unheilbare Schüchternheit meine Zunge gebannt hatte, wo alles mich zum Sprechen einlud, und ich begann bereits zu glauben, daß ich vermöge dieses angeborenen linkischen und blöden Wesens ewig Junggeselle bleiben müßte, blos weil ich meine Gefühle nicht auszusprechen vermochte. Glücklicherweise kam der Zufall mir zu Hilfe.
Als ich so eines Morgens meinen entmuthigenden Gedanken nachhing, klopfte es an meine Thür. Ich eilte zu öffnen: es war Lucy. Der Besuch dieser Dame erfüllte mich mit heitrer Stimmung, denn ich wußte im Voraus, wie schmeichelnd verbindlich ihre Rede war, und bildete mir fest ein, daß jenseit der Scheidewand Henriette kein Wort verlor.

Lucy kehrte von einem Ausfluge in die Schweiz zurück und kam, um nach ihren Kopien zu fragen. Sie war allein, ich zeigte ihr dieselben; sie war so freundlich, davon entzückt, bezaubert zu scheinen und mich mit Lobeserhebungen über meine Talente zu überschütten. Auch war ich außer mir vor Freude, als sie auf einmal abbrach und mich fragte: Sie waren gestern nicht zu Hause?
Hatten Sie sich bemüht, bis zu meinem Zimmer zu steigen, gnädige Frau? Gerade gestern Morgen ließ mich mein Oheim zu einem Spaziergange mit ihm abrufen.
Dies sagte mir eben eine junge Person, die in dem Zimmer nebenan arbeitet und bei der ich mich einige Augenblicke erholte. Können Sie mir nicht sagen, wie sie heißt?
Bei dieser Frage erröthete ich bis über die Stirne. Lucy bemerkte es und verbesserte sich nicht ohne einige Verlegenheit: Ich habe Ihnen da eine dumme Frage gethan, die etwas zudringlich sein kann, entschuldigen Sie, Herr Julius... Mein einziger Beweggrund war das Verlangen, den Namen des jungen Mädchens zu wissen, deren Miene, Haltung und Benehmen meine Theilnahme erweckt haben.
Sie heißt Henriette... versetzte ich, noch in größter Verwirrung. Es ist dies ein Name, den ich nicht ohne Bewegung ausspreche, obgleich ich mir ihn unaufhörlich wiederhole... Aufgemuntert durch die Miene, womit Lucy mich anhörte, vorzüglich aber aufgemuntert von dem Gedanken, das große Wort meines Geständnisses zu fördern, vielleicht sogar zu Stande bringen, fuhr ich fort: Da ich gewagt habe, soviel zu sagen, glaube ich noch mehr sagen zu müssen... Dies junge Mädchen, alle Tage sehe ich sie, ich arbeite neben ihr, ich liebe sie!... und Ihre Frage hat mich so bestürzt, als hätten Sie ein Geheimniß überrascht, welches bisher in der Tiefe meines Herzens verborgen war!... Nun wissen Sie genug, um meine Empfindungen zu begreifen und die Wünsche, welche sie in mir erwecken, wenn ich mich überreden könnte, daß sie günstig aufgenommen würden...
In diesem Augenblicke wurden wir unterbrochen; es war der Gemahl Lucy's. Wir kamen wieder auf die Kopien zu sprechen; bald darauf verließen sie mich.
Nach diesen Vorgängen fühlte ich das Bedürfniß, allein zu sein. Freudestrahlend, entzückt, erleichtert, bewunderte ich, was ich zu sagen gewagt hatte, und so vortrefflich, so zur rechten Zeit. Und wie leicht es ist, dachte ich.
Und was mich am meisten entzückte, war, daß Henriette, der es doch jeden Augenblick freistand, ihren Unwillen dadurch kund zu geben, daß sie sich entfernte, das Dachstübchen erst nach der Ankunft von Lucy's Gemahl verlassen hatte.
Auf diesen Umstand bauete ich eine Welt von Seligkeit. Henriette hatte meine Erklärung angehört, also gut aufgenommen; sie hatte dieselbe gern gehört, weil ihr Herz mir gehörte. Kurz, da sie um ein Uhr nicht, wie gewöhnlich, wieder heraufkam, so überredete ich mich alsbald, daß sie als gehorsame, zärtliche Tochter meine Wünsche ihrer Familie vorgetragen habe und diese sich jetzt darüber berathe.

Ich empfand daher die süßesten Qualen der Erwartung, bis ich gegen drei Uhr nach Mittag jemand die Treppe heraufkommen hörte. Die Person ging festen Schritts auf meine Thür zu und öffnete ohne Umstände. Es war... es war... der Feldmesser!

Mein Gesicht mußte sich wol nicht im gehörigen Zustande der Ruhe befinden, denn der Feldmesser sprach barsch: Mein Besuch macht Sie erbleichen, und doch hätten Sie sich desselben wol versehen können.
In der That, mein Herr, stotterte ich, ich schmeichelte mir...
Fassen Sie sich, setzen wir uns.
Wir setzten uns. Ich pflege in allen Dingen geradeaus zu gehen, hub der Feldmesser an; deshalb sehen Sie mich hier. Er warf einen von Stolz funkelnden Blick auf mich: seit längerer Zeit, mein Herr, misfällt mir Ihr Benehmen. Ich glaubte genugsam dagegen vorgebeugt zu haben... aber heute Morgen haben Sie im Beisein einer dritten Person meine Tochter compromittirt!... Was soll dies Benehmen bedeuten?
Werthester Herr, stammelte ich zur Antwort, Sie mögen meine Unerfahrenheit schelten, aber verdächtigen Sie meine Absichten nicht...
Ehrliche Absichten gehen offen zu Werk. Aber Ihre Handlungsweise ist zweideutig, zumal schon Ihre Lage, wenigstens so weit ich sie kenne, mich keineswegs über Ihr Benehmen beruhigen kann...
Sie beleidigen mich, Herr! unterbrach ich ihn, mit lebhafter Geberde auffahrend.
Das ist möglich, versetzte der Feldmesser mit einer Ruhe, die mich fürchten machte; ich bin aber auch bereit, Ihnen Genugthuung zu geben. Mag sein, daß ich Sie zu streng beurtheile. Mag sein, daß Sie bei Ihrem schüchternen, unerfahrnen, linkischen Wesen fest und ehrenhaft in Ihren Absichten sind. Es liegt an Ihnen, mir den Beweis zu geben, daß Ihre auf jeden Fall unschicklichen Aeußerungen wenigstens ehrlich sind. Sie sollten wissen, wohin sie führen können, nothwendig führen müssen, wenn sie nicht jeder Rechtfertigung entbehren sollen!... Zeigen Sie mir also, daß Sie wirklich im Stande sind, sich zu vermählen, so will ich Ihren Absichten augenblicklich Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Was verdienen Sie, jahrein, jahraus gerechnet?
Diese entsetzliche Frage, welche ich bereits eine Weile über meinem Haupte schweben sah, brach mit Blitzesgewalt auf mich herein; ich verdiente noch nichts, ich besaß keinen Heller im Vermögen, aber daran zu denken, hatte ich vergessen. Wenn Henriette mich liebte, wenn Henriette mit mir vereint war, was bedurfte es da weiter?... Eine Thür durch den Verschlag brechen, so war alles abgethan. Aber so rechnete der Feldmesser nicht.

Ich verdiene, versetzte ich todtenbleich, mein Herr, ich verdiene... allerdings weniger, als ich ohne Zweifel in der Folge verdienen werde;... aber ich habe einen Stand...
Er unterbrach mich: drum eben, weil Sie einen Stand haben, und weil dieser Stand Maler ist, stelle ich meine Frage. Es wird Ihnen das Sprichwort nicht unbekannt sein. Ihr Stand bringt zuweilen Ruhm ein, aber nicht immer Brod. Meine Tochter hat nichts. Was haben Sie? Oder besser, um auf meine Frage zurückzukommen: wie viel verdienen Sie durchschnittlich im Jahr?
Ich verdiene...
Es gab kein anderes Mittel, ich mußte lügen oder die Frage nicht verstehen... da klopfte es an meine Thüre.
Wer liebt eine plötzliche Umwandlung? Aristoteles rühmt die Knotenschürzung und ihre plötzliche Lösung; es lebe Aristoteles! Was in der Welt ist nicht eine gute, glückliche Lösung werth! Lucy, mein guter Engel, meine Vorsehung!!
Ich hatte geöffnet. Ein Livreebedienter trat ein und trug zwei große Beutel Geld. In meinem Entzücken ließ ich ihn gewähren. Er legte dieselben auf den Tisch und öffnete den einen, Haufen blanker Thaler fielen daraus hervor und er stapelte sie auf, damit ich sie nachsehen konnte. Dann reichte er mir ein Papier dar: hier ist die Rechnung: Funfzehnhundert Francs für die beiden Kopien. Milady hat mir aufgetragen, sie sammt dem Originale mitzubringen, wenn Sie erlauben.

Nun war alle Verlegenheit weg! Es ist gut, versetzte ich. Ich will Ihnen die Kopien geben. Hiernach wendete ich mich wieder zu dem Feldmesser, der sich erhoben und seinen Hut bereits genommen hatte: wie ich die Ehre Ihnen zu sagen hatte, ich verdiene durchschnittlich...
Er unterbrach mich: Sie haben Ihre Geschäfte, ich die meinigen. Der Mann hier wartet. Auf ein ander Mal. Und er verließ mich in dem Augenblicke, da ich voll Zuversicht mit aller Beredtsamkeit eines feurigen Liebhabers sprechen wollte, den der Himmel selbst begünstigt und beisteht... Zum Henker die Feldmesser! rief ich, als er gegangen war.

Um mich zu beruhigen, heftete ich meine Blicke auf die Thaler. Es war selbst bei meiner Verstimmung ein behaglicher Anblick. Die Stapel erhoben sich in geschlossenen Reihen und ich entdeckte eine wunderbare Schönheit in dieser Bauart. Noch niemals hatte mein Auge so große Schätze beisammen gesehen, und als ich an Lucy dachte, von der mir alles dies Gute kam, konnte ich nicht umhin zu wiederholen: edle Lucy, mein guter Engel! In Ermangelung eines Geldschranks verbarg ich bis dahin, daß sich ein Plätzchen zum Anlegen meines Reichthums gefunden hätte, die ganze Summe in den Ofen und verließ mein Zimmer, um allein, in freier Natur die Freude zu genießen, welche nach Augenblicken so großer Beängstigung in mein Herz gekommen war. Uebrigens waren meine Angelegenheiten seit dem Morgen tüchtig vorgeschritten, und ich fühlte das Bedürfniß, sobald als möglich hinlängliche Ruhe zu gewinnen, um über die Schritte nachzudenken, welche mir zu thun übrig blieben.
Das Erste war, meinem Oheim, welcher noch von nichts wußte, alles zu offenbaren. Daß ich ihm bisher meine Pläne verborgen hielt, daran war die feste Ueberzeugung schuld, daß er sich von keinem andern Gedanken leiten lassen würde, als dem, mich glücklich zu machen, und daß er meine Verheirathung durch neue Opfer von seiner Seite erleichtern würde. Gerade diese Gewißheit, in Verbindung mit meiner Kenntniß seiner beschränkten Mittel und mancher Aufopferungen, die er sich in jüngster Zeit meiner kleinen Künstlerausstattung wegen auferlegt hatte, machte es mir zur heiligen Pflicht, seinen allzubereitwilligen Edelmuth nicht ferner auf die Probe zu stellen. Alle diese Gedanken aber verscheuchte der Reichthum, den ich der Freigebigkeit Lucy's verdankte, so daß ich ihn nur noch von dem Vorgefallenen zu unterrichten und ihn zu bitten hatte, er möge seiner Güte die Krone aufsetzen und nächsten Tags hingehen und um Henriettens Hand für seinen Neffen anhalten. Es unterlag keinem Zweifel, daß, wenn er mir diese Gunst erzeigte, die Würde seines Alters, das Gewicht seiner Zustimmung und die einnehmende Herzlichkeit seines Wesens den Erfolg eines Schrittes sicherten, von dem die Ruhe meines Lebens abhing. Ich beschloß noch denselben Abend mit ihm zu reden.
Spät kam ich wieder, und es war zur Stunde des Nachtessens: Zu Tisch! zu Tisch, lieber Oheim!... ich bringe wichtige Neuigkeiten!
Ich weiß, ich weiß, mein Kind. Die Alte unterrichtete mich von allem... Es ist von Thalern die Rede... ein großer Sack... der Pactolus hat sich ganz und gar über meinen armen Julius ausgeströmt...
Der Pactolus in leibhaftiger Person, lieber Oheim. Er ist in meinem Ofen eingesperrt... doch setzen wir uns zuvörderst zu Tisch, denn ich habe noch ganz andere Dinge mitzutheilen!
Ich bemerkte, daß mein Oheim, statt die letzten Worte heiter aufzufassen und, wie es seine Gewohnheit war an meiner Freude Theil zu nehmen, sich mit nachdenklicher Miene, wie wenn ihm etwas im Kopfe herumginge, dem Tische näherte und einen Blick seitwärts auf die Alte warf, deren Anwesenheit ihm sichtbarlich unbequem war, ohne daß er es über sich gewinnen konnte, sie fortzuschicken. Ich gab Margarethen ein Zeichen und sie zog sich zurück.
Als wir an unserm gewohnten Platze saßen, hub mein Oheim an: Ich habe Dir auch etwas mitzutheilen. Und er hustete, wie es ihm wol geschah, wenn er sich sehr anstrengte, um einen peinlichen Vorwurf auszusprechen.

Du weißt... Er hielt inne und hub anders an: diese gute Dame ist wirklich großmüthig, edel in ihrem Verfahren!... Es ist eine Ehre, die Gunst einer Person von so würdigem Herzen zu genießen... eine Ehre, mein Kind, die verdient sein will... Du bist nun auf einmal auf dem besten Wege... Nun aber Ordnung, gute Aufführung, Arbeit, und alles geht gut.... Aber, fuhr er mit festerm Tone fort, ehrenhaft für und für!... Schaden wollen, nimmerdar! Hüte Dich, ein junges Mädchen ist etwas Heiliges!... nur für den Bösewicht nicht.
Ich verstehe Sie nicht, bester Oheim! rief ich in großer Aufregung aus.
Das junge Mädchen... da oben...
Und was ist's mit der?...
Du liebst sie?...
Aus Herzensgrund!
Das ist's eben, Julius, das taugt nicht!
Diese Worte sprach mein Oheim mit feierlichem Ernste; ich fühlte mich – ich muß es gestehen – versucht zu lachen, denn ich nahm an, daß seine Bekümmerniß um meine Ehrenhaftigkeit von irgend einem Dienstbotengeklatsche herrührte, welches die Alte ihm vertrauen zu müssen geglaubt hatte. Dieses Mal, entgegnete ich, weiß ich wirklich nicht, was Sie meinen. Das junge Mädchen – ich liebe sie wirklich, und ich wollte Sie bitten, morgen zu den Eltern derselben zu gehen, um im Namen Ihres Neffen um ihre Hand anzuhalten. Wo ist da etwas Böses, liebster Oheim?

Du!... rief mein Oheim erstaunt; wie sagtest Du? Du willst Dich verheirathen?... Und bist Schuld daran, sagte er in heftiger Bewegung aufstehend, daß ich ihrem Vater gerade das Gegentheil versichert habe!...
O weh! rief ich aus. Wie unglückselig! Bester Oheim, was haben Sie gemacht!
Aber, ich that... was die Rechtlichkeit verlangte... Höre... so höre doch. Eben, vor einer Stunde, kommt dieser Teufelskerl auf einmal zu mir gerannt, sagt, Du machtest seiner Tochter den Hof... sagt, Du habest seine Tochter compromittirt... fragt, was seine Tochter thun solle und ob Du an Ehe dächtest?... Da hab' ich ihm versetzt, im Gegentheil, Du habest Dir selber gelobt...
Ich bin verloren! unterbrach ich ihn und überließ mich allen Ausbrüchen der Verzweiflung.
Kaum hatte mein Oheim Tom vernommen, daß meine Absichten lauter und meine Ehre unangetastet war, da unterdrückte das heftige Bedauern, wider seinen Willen meine Hoffnungen gefährdet zu haben, bei ihm fast jenes kluge Bedenken, welches den Greisen eigen ist, und er dachte augenblicklich weit mehr daran, wie er meinen Kummer schnell abhelfen solle, als die Rathsamkeit oder Rücksichten der Heirath zu erwägen, von der ich ihm eben zum ersten Male gesprochen hatte.
Indeß ich mich trostlos meinem Schmerze überließ, ging er im Zimmer auf und ab und sprach vor sich hin: Ja, ja!... was ist da zu machen... Lieber Himmel! wenn ich das hätte ahnen können... dergleichen Schwüre... man macht sie in Deinem Alter... das mag hingehen... Man besinnt sich anders, auch gut... der Fehler steckt darin, daß man in meinem Alter alle solche Verwicklungen vergessen hat... Dann trat er näher an mich heran: Muth gefaßt! mein armer Julius!... Muth gefaßt!... Ich gehe morgen... ich erkläre alles, ich thue ihnen zu wissen...
Morgen! sagte ich erschrocken. Heute Abend!... Abend noch, lieber Oheim! in diesem Augenblicke! Sie finden sie Alle beisammen. Morgens da geht er aus.
Aber... meine Güte! diesen Abend... Und dann ist das junge Mädchen dabei!
Was thut das! sie lassen sie hinausgehen, wenn es nothwendig ist. Diesen Abend, ich beschwöre Sie, bester Oheim!
Nun! so sei es drum! ich gehe heute Abend!... Freilich schon zehn Uhr. Rufe die Alte, daß ich mich ein wenig ankleide.

Ich benutzte diese Augenblicke, um meinen Oheim von allem Vorgefallenen zu unterrichten. Bald hatte er die Pantoffeln abgelegt und gegen Schnallenschuhe vertauscht; ich rückte ihm die Perrücke zurecht, nachdem ich dieselbe sorgsam gepudert hatte; Margarethe und ich halfen ihm den schönen kastanienbraunen Rock auf die Schultern, dann gab ich ihm den Rohrstock in die Hand, alles indem ich ihn unterrichtete, was vorgegangen war und was er zu sagen und was zu antworten habe. Schon gut! schon gut! sagte mein Oheim, den mein Geschwätz ganz betäubte. Und er ging.
Ich unterrichtete jetzt die alte Margarethe von Allem. Mit Thränen in den Augen hörte sie mich an und in den Augenblicken lebhafter Spannung war sie ganz Seele mit mir und theilte meine Angst und meine Wünsche, als wären es ihre eigenen. Jeden Augenblick öffneten wir die Thüre, um auf der Treppe nach der Rückkehr des Oheims zu lauschen, oder wir gingen in die Bibliothek und suchten etwas von dem, was über uns vorging, zu erhaschen.

Nach Verlauf einer Viertelstunde öffnete sich die Thüre des Feldmessers; ich erkannte den Gang meines Oheims.
So bald! rief ich aus. So bin ich ausgeschlagen, Margarethe.
Müssen bis morgen warten! sagte mein Oheim hereintretend; sie sind nicht zu Hause.
Diese Antwort verursachte mir eine lebhafte Bekümmerniß.
Sie haben also auf sie gewartet?...
Ja, ich wartete... aber sie kommen erst gegen Mitternacht heim, hat mir die Tochter gesagt.
Sie haben sie also gesehen?...