I. Die beiden Gefangenen. (continued 2)
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Ich dachte an die Wonne, mich bald in die Arme meines Onkels werfen zu können; das Verlangen danach war so heftig, so ungestüm, daß mich bei dem bloßen Gedanken, dasselbe könne getäuscht werden, unbegrenzte Niedergeschlagenheit überfiel. Mein Oheim! mein theurer Oheim! rief ich aus tief ergriffenem Herzen; wenn ich dich nur sehe, mit dir spreche... mit dir beisammen bin...
In diesem Augenblicke fuhr ein Reisewagen auf der Heerstraße hin; sechs Postpferde zogen ihn, in ihrem Laufe lange Staubwolken aufwirbelnd. Der Postillon ließ seine Peitsche knallen, indeß die Dienerschaft nachlässig auf ihren Sitzen schlief. Dieser Wagen war etwa bereits zweihundert Schritte an dem Orte, wo ich saß, vorüber, als er anhielt, ein Diener niederstieg und auf mich zukam.
Ich wollte davonlaufen, da glaubte ich John, den Diener der jungen Miß, zu erkennen. Sind Sie, rief er mich an, der junge Mann, der gestern aus dem Hause an der Peterskirche verschwunden ist?
Ja, antwortete ich ihm.
So folgen Sie mir.
Wohin?
Zu dem Wagen. Ihr Lehrer ist in schöner Besorgniß!
Wo ist denn mein Lehrer?
Er sucht Sie auf allen Kreuzwegen... kleiner Spaßvogel!

Diese Worte erweckten in mir einigen Verdacht, daß Herr Ratin sich bei den Reisenden befinden könne, so daß ich John nicht folgen wollte, als ich von weitem eine weiße Gestalt aus dem Wagen steigen sah. Schnell erhob ich mich und lief auf die junge Miß zu, damit sie nicht so weit auf der staubigen Straße zu gehen habe; doch als ich mich näherte, hemmten Scham und Aufregung meine Schritte und ich blieb in einiger Entfernung von ihr stehen.
Sie sind Herr Julius, nicht wahr? redete sie mich mit freundlicher Stimme an.
Ja, mein Fräulein.
Ach! Wie die Sonne Sie verbrannt hat. Steigen Sie mit in den Wagen. Ihr Lehrer befindet sich in großer Angst, und es macht mir viel Freude, daß wir Ihnen begegnet sind...
Kommen Sie, Freundchen, sagte der Greis, der den Kopf aus dem Schlage gesteckt hatte, kommen Sie herein, wir wollen ein wenig von Ihrer Geschichte sprechen.... Sie müssen recht müde sein?
Ich stieg ein und der Wagen fuhr weiter.
Ich befand mich in einem so aufgeregten Zustande, daß mir die Worte fehlten. Glückseligkeit, Verwirrung und Scham trieben mein Herz in heftigen Schlägen und durchglüheten mein gebräuntes Antlitz mit brennendem Feuer. Ich hielt den Rest meines Stückes Schwarzbrod noch in der Hand.
Sie haben keine gute Mahlzeit bekommen, wie es mir scheint, sagte der Greis. Sagen Sie mir doch, in welchem Gasthofe sind Sie gewesen?
Bei Landleuten, mein Herr, die mich diese Nacht beherbergten.
Und wohin dachten Sie heute Abend zu gehen?
Nach Lausanne.
Wie, so weit? fiel die junge Miß ein, und im bloßen Kopfe, wie Sie sind.
Vielleicht noch weiter! Allenthalben hin, Fräulein, bis ich meinen Onkel gefunden habe! Und Thränen traten mir in die Augen.
Er hat sonst niemand mehr! sagte sie zu ihrem Vater. Dabei warf sie einen Blick voll Mitleid auf mich, dessen Zauber die kühnsten Träume verwirklichte, welche ich an meinem Fenster gehegt hatte.
Mein Sohn, hub der freundliche Greis wieder an, Sie bleiben bis Lausanne bei uns und wir geben Sie dort in die Hände Ihres Oheims. Sie haben da einen wilden Streich gemacht. Wovor fürchteten Sie sich denn so sehr?
Ach, Herr! ich hatte ja dem Gefangenen die Feile gegeben. Er litt entsetzlich, das können Sie glauben; es war ja nur, um das eine Fußeisen etwas auszufeilen...
Nun, Freundchen, darin sehe ich nichts als das Mitgefühl eines guten Herzens. In Ihrem Alter braucht man noch nicht zu wissen, daß es immer nur zu einem Zwecke ist, wenn ein Gefangener eine Feile leiht. Aber Sie sagen ja nichts von der Werkstatt des Malers; Sie waren es doch, nicht wahr?
Ja, mein Herr. Ich hätte es dem Maler gesagt, meinem Oheim, Ihnen.... aber vor Herrn Ratin hatte ich Furcht.
Ist denn dieser Herr Ratin ein so fürchterlicher Mensch? Aber noch eins, was wollten Sie in dem Zimmer des Malers machen? Hatten Sie das Bild meiner Tochter herumgedreht?
Ich erröthete bis über die Stirne.
Er fing an zu lachen. Ah! ah! das macht die Sache ernst, denn sicher geschah es nicht, um mein Bild zu sehen. Jetzt ist es an dir, Lucy, böse zu werden.
Keinesweges, mein Vater, sagte sie, mit bezaubernder Anmuth lachend. Ich weiß, daß Herr Julius die Künste liebt: er selbst zeichnet mit Talent, also ist es sehr natürlich, daß er die Arbeit eines geschickten Künstlers sehen wollte.
Lucy, fiel der Greis mit sanftem Scherz ein, du brauchst gleichfalls nicht zu wissen, daß, wenn man ein Bild umdreht, worauf sich dein Antlitz befindet, es sehr natürlich aus dem Grunde geschieht, dasselbe zu sehen.... Da er meine Scham bemerkte, setzte er hinzu: Erröthen Sie nicht, mein Sohn, seien Sie überzeugt, daß ich Sie deshalb nicht weniger achte und daß meine Tochter Ihnen verzeiht. Nicht wahr, Lucy?
Eine leichte Verlegenheit folgte diesen Worten, die jedoch nur bei mir allein von längerer Dauer war. Bald hatte ich auf eine Menge von Fragen zu antworten, welche diese liebenswürdigen Personen an mich richteten. Nach dem obigen Gespräche bemerkte ich bei dem Greise eine zunehmende herzliche Fröhlichkeit und zu gleicher Zeit bei der jungen Miß ein wenig mehr Zurückhaltung, doch keinesweges auch geringere Theilnahme und Besorgniß für meine Lage. Ich meinestheils konnte die Augen nicht auf sie richten, ohne mich wie berauscht von ihrem Anblicke und dem süßesten Entzücken durchschauert zu fühlen.
Indeß naheten wir uns der Stadt. Wird Ihr Oheim nicht böse sein? sagte der Greis zu mir.
O nein, mein Herr!.... Und wenn auch, die Freude, ihn wiederzusehen, wird so groß sein, daß mir das wenig Kummer macht.
Liebenswürdiges Kind, sagte Lucy auf Englisch.
Ich will Sie aber doch sogleich in seine Hände abliefern. Eichenstraße, nicht wahr? John! Laß Eichenstraße Nr. 3 halten.
Meine einzige Furcht war, daß wir meinen Onkel nicht zu Hause fänden. Der Wagen hielt an, und ein kleines Kind sagte uns, daß er sich in seinem Zimmer befinde. Ruf' ihn herab, sagte ich zu dem Kinde.
Nein, wir gehen hinauf, sagte der Greis; ist es hoch?
Im ersten Stock, versetzte das Kind.
Und wie bei dem Maler faßte die junge Miß den Arm ihres Vaters und trat mit ihm in die Hausflur, während ich ihre Fußtapfen hätte küssen mögen.

Mein Oheim war eben nach Hause gekommen. Kaum erblickte ich ihn, so eilte ich auf ihn zu und warf mich in seine Arme. Du, Julius! sagte er. Ich überhäufte ihn mit Liebkosungen, ohne einer Antwort fähig zu sein.
Du kommst ohne Hut, mein Sohn, indeß in gutem Geleit, wie ich sehe. Mein Fräulein und mein Herr, haben Sie die Güte, sich zu setzen. Ich ließ seine Hand los, um Stühle herbeizuholen.
Wir wollten nur, mein Herr, bemerkte der Greis, dies Kind, das allerdings einer Unbesonnenheit schuldig, dessen Herz aber ganz brav ist, Ihren würdigen Händen übergeben; er mag Ihnen selbst erzählen, welchen Zufällen wir es verdanken, daß wir ihn zum Reisegefährten hatten und uns die Freiheit nahmen, bei Ihnen einzusprechen. Leben Sie wohl, Freundchen, sagte er und reichte mir die Hand; ich lasse Ihnen meinen Namen hier auf dieser Karte, daß Sie wissen, wer ich bin, wenn Sie jemals mir wieder das Vergnügen erweisen wollen, meine Freundschaft in Anspruch zu nehmen.
Leben Sie wohl, Herr Julius...., sagte das liebenswürdige Mädchen und reichte mir ihre Hand.
Nassen Auges sah ich sie scheiden.

Auf diese Weise fand ich meinen guten Onkel Tom wieder. Nach Verlauf etlicher Tage kehrten wir nach Genf zurück. Er erlösete mich von Herrn Ratin und nahm mich mit sich.
Also war der Anfang meiner Jugend; ich werde in der »Bibliothek« erzählen, wie ich drei Jahre später dieselbe beschloß.
