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Reading edition
Eine wahre Geschichte.

Berlin, 1801. Bei Johann Friedrich Unger.
Journal der Romane.
Drittes Stück.
Inhalt:
1. Die Bekanntschaft auf der Reise. Eine wahre Geschichte.
2. Autun und Manon. Eine Erzählung.

Berlin, 1801.
Bei Johann Friedrich Unger.
Die Bekanntschaft auf der Reise.

Eine wahre Geschichte.

Es war ein schwüler Tag. — Die Sonne verbarg sich hinter graues Gewölk, das ein Gewitter verkündigte. — Das feierliche Schweigen der Natur verwandelte sich plötzlich in einen fürchterlichen Sturm, der den Staub der einsamen Landstraße, auf der ich reiste, als ein Spiel seiner Leidenschaft in finstern Wolken vor mir hertrieb. — Immer dunkler und dunkler wurde der Horizont, nur bisweilen schauerlich von schnellen Blitzen erleuchtet, die ein dumpfer Donnerschlag begleitete. Ich glaubte mich fern von jedem schützenden Obdach — um so freudiger begrüßte mein Blick ein kleines Dorf, das sich am Fuß einer waldigten Anhöhe in den kühlen Schatten einiger Linden romantisch versteckte. Ernster und lauter rollte der Donner über mir, und da, ehe wir das Dorf noch erreichten, ein ganz ansehnliches Landhaus aus einem Kranz schwankender Pappeln hervortrat, so entschloß ich mich, hier abzusteigen, und einen heiterern Himmel zu erwarten, den mir vielleicht die nächste Stunde schon geben konnte.
Ein Paar gesunder, blühender Kinder spielte an der offenen Thür, lächelnd und sorglos, wie man die Unschuld mahlt. Mein Wagen hielt in einiger Entfernung — ich näherte mich ihnen, und frug nach ihren Eltern. Die Kleinen blickten mich freundlich an, und zeigten auf die Hausthür. Da sich kein Erwachsener sehen ließ, so ging ich hinein. —
Es war nur eine einfache, ländliche Wohnung, über deren Schwelle ich schritt, aber sie machte einen angenehmern Eindruck auf mich, als mancher stolze Pallast, den ich schon in meinem Leben betreten hatte. Ordnung, wenn sie nicht pedantisch und übertrieben ist, wirkt wohlthätig auf jedes unverwahrlosete Gemüth, und hier verbreitete sie, mit der größten Reinlichkeit verbunden, ihren mildesten Zauber über die einfache Einrichtung des kleinen Hauswesens, das ich übersah. Die simple, aber rührende Melodie eines geistlichen Liedes, von einer reinen weiblichen Stimme gesungen, tönte leise und gedämpft aus dem stillen Wohnzimmer mir entgegen.
Ich klopfte an, und ein schönes Mädchen von höchstens vier und zwanzig Jahren kam heraus, und erwiederte meinen Gruß mit unwiderstehlicher Anmuth. Es giebt Physiognomien, die beim ersten Anblick einnehmen, weil sie den Stempel der Güte und Unschuld tragen; — mit einer solchen hatte die Natur in einer ihrer liebevollsten Launen die Bewohnerin dieses Hauses beschenkt, und ich betrachtete sie einige Momente mit Wohlgefallen und Antheil, ehe ich sie anredete. Sie schien mir eine holde Blume, an deren Innern aber ein Wurm nagt, der ihre Schönheit früher zu entblättern droht, als die Hand der Zeit, die sie kaum vollendete. Die Ruhe ihres Blicks war so innig mit jener rührenden Schwermuth verschmolzen, die ein langer, tiefer Gram erzeugt, und über alle ihre regelmäßigen Züge hatte ein so entschiedener Kummer seinen Schleier ausgebreitet, daß ich keinen Augenblick anstehen konnte, in ihrem Herzen eine noch ernstere Trauer zu vermuthen, als ihr Gesicht verrieth. Ihr häuslicher Anzug bezeichnete jene goldne Mittelmäßigkeit des Standes, die in ihren engen Gränzen oft das reinste Glück des Lebens umschließt. Er war eben so weit von unsauberer Nachlässigkeit als von allzuzierlicher Eitelkeit entfernt, und stellte leicht und ungezwungen ihre schlanke reizende Gestalt in all' der Anmuth dar, die sie schmückte.
Das herannahende Gewitter nöthigt mich, sagt' ich zu ihr, Zuflucht in Ihrem Hause zu suchen. Darf ich wohl einige Stunden hier verweilen, bis es vorüber gezogen ist? — —
Recht gern, versetzte sie. Zwar ist meine Familie so groß, daß wir kaum für uns selbst Raum haben — aber es wäre unfreundlich, eine Reisende, und überdieß eine Dame, bei diesem stürmischen Wetter abzuweisen. Sie nöthigte mich nun, ins Zimmer zu treten, und ging hinaus, um für meine Leute und Pferde ebenfalls Anstalten zum Unterkommen zu treffen. Die Wohnstube, in der ich mich jetzt umsah, war nur klein, aber durch die gleichsam mechanische Ordnung, nach welcher jede Sache ihren angemessenen Platz hatte, schien sie mir geräumig genug, und rechtfertigte die vortheilhafte Idee, die ich mir schon beim Eintritt in das Haus von der Reinlichkeit der Besitzer desselben gemacht hatte. Ich setzte mich in einen hölzernen Stuhl — nach einer kleinen Weile kam meine artige Wirthin wieder herein, und führte mit mütterlicher Sorgfalt und Zärtlichkeit die beiden Kinder, die ich vorhin hatte spielen sehn.
Die arglosen, lieben Geschöpfe! sagte sie, indem ihr Blick voll Innigkeit auf ihnen ruhte — sie lächeln dem Blitz eben so fröhlich entgegen, wie der Sonne, unbekümmert, ob die nächste Minute sie tödtet, weil ihre beneidenswerthe Unwissenheit selbst den Gefahren, die ihnen drohen, eine lachende Farbe giebt. Ach das sind doch die glücklichsten Jahre des menschlichen Lebens! —
Der Seufzer, der diese letzten Worte begleitete, fand sein Echo in meinem Busen. — Sind das Ihre Kinder? frug ich, da ich den schwermüthigen Gedanken nicht nachhängen wollte, die ihre Anmerkung in mir erweckt hatte. — Nein, antwortete sie, und eine feine Röthe überzog ihr blasses Gesicht. Sie gehören meiner Schwester, die mit ihrem Mann und ihren übrigen Kleinen heut in die benachbarte Stadt zum Jahrmarkt gefahren ist. Ich bin unverheirathet. —
Dieß nahm mich Wunder. Wirklich, mein Kind, sagt' ich zu ihr, die jungen Mannspersonen müssen hier einen sehr sonderbaren Geschmack haben, wenn sie sich nicht bestreben, Sie zu besitzen. — Als ich sie bei diesen Worten ansah, bemerkt' ich einen Ausdruck in ihrer Miene, der mich bereuen ließ, was ich gesprochen hatte. Ich fühlte mit Beschämung, daß ihre Empfindung feiner war, als meine Bemerkung. Unglückliche Umstände, versetzte sie ernst, haben mich bewogen, ledig zu bleiben. Und meine Stimmung ist jetzt so, daß ich wenig dadurch zu entbehren glaube. Ich theile die Mutterfreuden meiner Schwester, und vielleicht ist mein Genuß reiner und ungetrübter als der ihrige, da ihre Sorgen mir weniger nah am Herzen liegen. Oft, wenn ich von der innigsten Theilnahme durchdrungen, sie am Krankenbett ihrer Lieblinge zittern und weinen sah, dacht' ich: was würd' ich nicht erst leiden, wenn es meine eignen Kinder wären — Kinder eines Mannes, den ich liebte! — Sie schwieg — ihr Auge feuchtete sich — zuletzt floß es über, und um mir die Thräne zu verbergen, die es trübte, senkte sie es still zur Erde.
Es war nicht Neugierde allein, es war auch Antheil, der den Wunsch in mir erregte, mit ihren Schicksalen näher bekannt zu werden. Nicht durch gewöhnliche Ereignisse des Lebens war ihre Wange so bleich, ihr Ton so traurig geworden — nur ein gewaltsamer Sturm konnte die jugendliche Heiterkeit eines Herzens vernichtet haben, das so voll hoher Unschuld ihr aus den Augen blickte. Aber sie schien nicht zu einer vertraulichen Mittheilung geneigt zu seyn — bloß durch einen Zufall erfuhr ich, daß man sie Justine nannte.
Das Gewitter lösete sich in einen fürchterlichen Regen auf, und da mein leichter Reisewagen mich nicht ganz zu schützen im Stande gewesen wäre, so gab ich willig Justinens Zureden nach, und entschloß mich, noch länger zu verweilen, da es ohne dieß noch hoch am Tage war. Ermüdet von der vorigen schlaflosen Nacht, die ich im Wagen zugebracht hatte, that ich ihr den Vorschlag, eine halbe Stunde zu ruhen, und voll reizender Gefälligkeit führte sie mich in ihre Kammer. Höchst angenehm waren die Empfindungen, mit denen ich sie betrat. Die edle Einfalt, die simple Eleganz, die hier alles athmete, that meinem Auge wohl, und die Reinlichkeit und Ordnung, die überall herrschte, verrieth mir, daß sie Justine mit unter die Bedürfnisse des Lebens zählte, da sie diese liebenswürdigen Tugenden so schön und leicht zu üben verstand. Zwischen den beiden Fenstern, von dunkeln Gardinen umschattet, hing über einem zierlichen Arbeitstisch der Schattenriß eines Mannes, und in die grüne Schleife, die ihn an die schlichte weiße Wand befestigte, war eine verwelkte Rose gewunden. Seitwärts stand das Bett, mit dem reinsten Leinenzeuge versehen. Nur ein einziger Stuhl befand sich im Zimmer (es dünkte mich eine klösterliche Zelle zu seyn) — dem stillen, ungestörten Asyl, das hoffnungslose Trauer nur für sich allein sich wählte.
Justine schien mein fragendes Auge zu übersehen. — Sie verließ mich mit dem Wunsche wohl zu ruhen, und ich blieb allein. Wirklich fand ich in der halben Stunde, die ich, wiewohl ohne zu schlafen, auf dem Bette lag, die nöthige Erholung. Als ich wieder aufstand, war der Himmel heiterer — mild und leise säuselte der Regen noch aus einer einzigen grauen Wolke herab, die mitten in dem klaren Blau des Himmels schwebte, und bald vorüberzog. Ich öffnete das Fenster — die Luft war abgekühlt und rein. In dem kleinen Garten, den ich vor mir hatte, erhoben die Blumen neu belebt ihre schmachtenden Kelche wieder, und die Sonne, noch halb versteckt, gab dem Ganzen eine reizende Beleuchtung. Lange stand ich so da, verlohren in dem lieblichen Anblick, und in einem Meer von Gedanken, als der Schattenriß zwischen den Fenstern mir von neuem und bedeutender als das erstemahl in die Augen fiel. Ich trat näher hinzu, ihn anzusehn, und fand ein so interessantes, ausdrucksvolles Profil, daß ich es lange mit stillem Antheil betrachtete. Auch die verblichene Rose erregte meine Aufmerksamkeit — irgend ein geheimer Sinn, dacht' ich, muß mit ihr verbunden seyn, weil sie Justine so sorgsam aufbewahrt, wie ein Heiligthum der Liebe! — Die Thür öffnete sich, und Justine, die ein Geräusch vernommen hatte, kam herein, um nach mir zu sehn. Einige Verlegenheit war sichtbar in ihren Zügen, als sie mich so tief beschäftigt mit ihrem Schattenriß antraf. Doch verlohr sie sich, als ich ihre Hand ergriff, und sie theilnehmend drückte. Diese Blume, sagt' ich zu ihr, ist Ihnen gewiß sehr theuer, da sie noch jetzt Ansprüche auf Ihre Sorgfalt hat, wo der Reichthum ihres Gartens Ihnen Gelegenheit giebt, ihre Stelle schöner zu ersetzen. Schöner wohl, erwiederte sie mit einem angenehmen Lächeln, nur sanft und zart mit stiller Wehmuth vermischt — schöner wohl, aber der ganze blühende Frühling ist meinem Herzen nicht so viel werth, als diese einzige, längst verwelkte Rose, die mich an die glücklichsten Tage meines Lebens erinnert. Kein Thau, kein Regen giebt ihr ihre frische Schönheit wieder — und keine Zukunft mir meine ehemalige Heiterkeit — — so kommen mir unsre Schicksale verschwistert vor, und ich liebe sie auch deshalb; — doch ist das meinige bittrer, denn der kurze Lenz ihres Daseyns ging ihr bewußtlos vorüber — aber in meiner Brust kann nur der Tod das Andenken meiner Leiden verlöschen. —
Wenn das innigste Mitgefühl sie lindern kann, Justine! sagt' ich, und wenn Sie die Erinnerung an Ihren Kummer nicht zu traurig macht, o so entdecken Sie mir, welches Mißgeschick Sie so grausam um die Freuden Ihrer Jugend betrog. Sie wissen zwar noch nicht, ob ich Ihr Vertrauen verdiene, aber ich schwöre Ihnen, daß es mir heilig ist.
Meine Geschichte ist kein Geheimniß, antwortete Justine. Die ganze Gegend kennt sie, und — das Publikum, dem ich Jahrelang zum Inhalt seiner Gespräche diente, ist eben so wohl von den kleinsten Umständen unterrichtet, als ich. Als ich jede Möglichkeit verlohr, glücklich zu seyn, da war es mir völlig gleichgültig, was die Welt von mir dachte. Ich beschloß, die Ursach meines Elends tief in meine Brust zu verschließen, damit zu dem Gram über den ich brütete, sich noch der Haß und die Verachtung der Menschen gesellten, und so in nagender Verbindung mit einander mich früher in das Grab führten, wohin ich mich sehnte. Nur als ich einsah, daß meine Rechtfertigung ein kleiner Trost für meine gekränkte, sterbende Mutter war — nur da willigte ich in ihre letzten Bitten, und stellte mein Schicksal meinen Freunden einfach und ungeschmückt im Gewande der Wahrheit dar. Wenn die Erzählung desselben Sie nicht ermüdet, so bin ich herzlich bereit, sie Ihnen zu geben. Zwar ruft sie manche harte Stunde aus dem Dunkel der Vergangenheit, aber sie führt mich auch in die schönsten Zeiten meinen Lebens zurück, und das eine entschädigt mich für das andre.
Einige Meilen von hier liegt Mühlberg — so heißt das kleine Dorf, wo ich gebohren ward. — Ihr Weg hat Sie hindurch geführt — dicht am Kirchhofe geht die Landstraße vorbey. Ein weißer Leichenstein blinkt durch die dunkeln Fliederbäume, die ihn umgeben — er bedeckt das Grab meines Vaters. Neben ihm schlummert auch meine Mutter — sie überlebte ihn nur ein Jahr.
Mein Vater war Schulmeister in Mühlberg. Sein Dienst, verbunden mit einer, für uns nicht unbeträchtlichen Einnahme, die ihm sein eignes Vermögen gewährte, reichte vollkommen hin, uns bei wenig Bedürfnissen und einer eingeschränkten ländlichen Haushaltung frohe Tage zu verschaffen. Auch trug die Güte mit der wir von der Gutsherrschaft, einer biedern adelichen Wittwe, behandelt wurden, viel dazu bei, unser einsames Leben angenehm zu machen. Sie war meine Pathe — täglich mußte ich schon als Kind bei ihr seyn, und sie suchte mit mütterlicher Treue mein Gefühl zu bilden, meinen Verstand aufzuklären, und vor allen Dingen meinem Charakter und meinen Grundsätzen jene Festigkeit zu geben, die uns allein, selbst im bittersten Schmerze, auf der Bahn der Tugend erhält.
Meine Schwester, welche sechs Jahr älter ist als ich, diente ihr als Kammerjungfer. Färber, ein junger Mensch, der die Ökonomie des Guts besorgte, verliebte sich in sie. Ihr Herz war längst sein — sie entdeckten sich der gnädigen Frau, und diese, die so gern gute Menschen glücklich sah, gab ihre Einwilligung zur Heirath und eine ansehnliche Summe, mit welcher mein Schwager ohne Schwierigkeit diese vortheilhafte Pachtung übernahm, und nun ganz in der Lage war, die er sich wünschte, um meine Schwester heirathen zu können.
Ich war damahls sechszehn Jahr. Noch — wie des gestrigen erinnere ich mich des Tags, wo ich mit Thränen von meiner Schwester schied, die ihrer Bestimmung folgte, und fröhlich mit dem Manne ihres Herzens in die Ferne zog. Zwar nur ein Raum von wenig Meilen lag zwischen uns, aber doch war er noch immer zu groß für die Liebe, mit der ich an ihr hing. Du weinst um Philippinen, sagte die gnädige Frau, als sie meinen Schmerz bemerkte. Auch ich empfinde ihren Verlust, doch der Gedanke, daß sie glücklich ist, macht mich wieder heiter, und auch Dich, mein Kind, wird er nach den ersten Tagen ihrer Abwesenheit freundlich über ihre Entfernung trösten. — Trennung ist nun einmahl das Loos des menschlichen Lebens, und wenn uns nur kein Unglück von unsern Lieben scheidet, so läßt sie sich mit leichtem Muthe ertragen. Ich sehe dem Augenblick entgegen, wo auch Du von mir ziehen wirst, und doch — so ungern ich Dich auch entbehren würde, so würde ich doch — und müßte es schon morgen seyn — Dir eben so wenig Hindernisse in den Weg legen, wie Deiner Schwester, denn der Beruf eines Mädchens ist, eine glückliche Gattin, eine gute Mutter zu seyn.
Tief prägten sich diese Worte in meine Seele, und wenn die Zukunft in der schönsten Gestalt vor mir stand, die ihr meine Fantasie zu geben vermochte, so waren immer die Vorstellungen: glückliche Gattin und Mutter, mit in die süßen Bilder verschmolzen, die ich mir von meinen kommenden Tagen entwarf.
Ich zog nun an Philippinens Stelle zu meiner Wohlthäterin, aber leider nur, um ihr durch die zärtlichste Pflege drei traurige Wochen hindurch so viel Dankbarkeit zu bezeugen, als in meinen Kräften stand. Eine schmerzliche Krankheit überfiel die edle Frau, und ihr Leben verlohr sich in eine dumpfe Bewußtlosigkeit, viel zu früh für alle die, die sie umgaben.
Mein Kummer war so groß, wie mein Verlust. Ich kehrte in das Haus meiner Eltern zurück, und obgleich der beständige Umgang mit der gnädigen Frau, und die Sorgfalt, die sie auf meine Erziehung verwandt, mir vielleicht einen höhern Grad von Bildung verliehen hatte, als ich in dem Kreise der Meinigen fand, so wurde es mir doch leicht, die Pflichten meines damaligen Standes zu erfüllen. Die herzliche Güte meiner Eltern, die ich zärtlich liebte, diente mir immer mehr und mehr zur Aufmunterung, ihnen ihr Alter leicht und bequem zu machen. So gingen zwei Jahre ruhig hin — ich lebte still und einsam, und war zufrieden. — —
Einst im Sommer, an einem heißen Nachmittage, saß ich unter dem Nußbaum, der meines Vaters Wohnung beschattete, und — sah bei meiner Arbeit allmählig der Zurückkunft meiner Eltern entgegen, die zu einem Hochzeitsschmause gegangen waren. Auf einmahl hörte ich ein Geräusch von Pferden, das mir immer näher kam. Endlich bogen zwei Reiter um den Gartenzaun, um den der Weg sich krümmte, und im mäßigen Trab, doch scharf ihre Blicke auf mich geheftet, ritten sie vor mir vorüber. Der erste trug eine glänzende Uniform von Scharlach, goldene Tressen schmückten seinen Hut, und sein Pferdegeschirr, das prächtig im Sonnenschein funkelte, verrieth — wenn auch nicht einen geschmackvollen, doch einen reichen Mann. Der andre, (hier wurde die Erzählerin roth) der andre schien sein Jäger zu seyn. Einfach war sein grüner Frack, aber er bedeckte die schönste Gestalt, die ich je erblickte. Keine Tressen glänzten auf seinem Hute — nur ein hoher grüner Federbusch warf seinen schwankenden Schatten über das ausdrucksvolle, herrliche Gesicht, und milderte den Glanz der schönen schwarzen Augen, mit denen er fest auf den meinigen ruhte. Ich sah ihnen lange nach — plötzlich wandte der Erste sein Pferd, und spornte es zurück nach mir. Dürft' ich Dich wohl um ein Glas Milch bitten, mein schönes Kind! sagte er mit abgezogenem Hute. Der Tag ist schwül, und Dein freundliches Gesicht läßt mich hoffen, daß Du gastfrey seyst. Der Jäger hielt in einiger Entfernung. Er zog den Hut nicht ab, doch lag in allen seinen Mienen ein gewisses Etwas, das mich grüßte, ein Etwas, das mein Herz mit süßen Ahndungen bewegte, ob ich es gleich nicht zu nennen wußte.
Ich stand bereitwillig auf, die Bitte des Fremden zu erfüllen. In eben dem Moment war er vom Pferde, das er dem Jäger zu halten gab, und nun folgte er mir in's Haus, wo ich ihm nicht ohne einige Verlegenheit die Thür unseres Wohnzimmers öffnete. Rasch flog ich nun die Treppe in den Keller hinunter, und als ich mit der Milch wieder herauf stieg, begegnete mir fest und liebend Lorenzens Blick, (so hieß der Jäger,) der sich, den Zügel des Pferdes in der Hand, an der offenen Hausthüre lehnte.
Ach, fuhr Justine mit gerührter Stimme fort, lange Jahre, Jahre voll herzzerreissenden Kummers liegen zwischen diesem Blick und der Gegenwart, aber noch immer macht seine Erinnerung alle meine Nerven erbeben, — noch immer strahlt er mir entgegen mit dem vollen Ausdruck des Antheils und der Liebe, die er mich leise errathen ließ, und nur, wenn dies Herz einst in Staub zerfällt, wird es das Andenken jener kostbaren Minute verlieren, das in allen guten und bösen Stunden meines Schicksals beglückend mich umschwebte, — — oder wenigstens doch mildernd.
Ich fing an zu zittern, — in meiner Brust, die noch keinem Manne entgegen geschlagen hatte, regten sich mit süßem Schauder die Erstlingsgefühle der Liebe. Ich bot ihm das Glas, — lächelnd schlug er es aus, und sagte: es ist ja für meinen Herrn bestimmt. — Nehm Er es nur, — ich hole Seinem Herren ein anderes, versetzt' ich, und erröthend reicht' ich es ihm wieder. Ich wollte gehn, aber er ergriff meine Hand, und mit einer Rührung, die ihm ach so gut stand, sagte er: Liebes, liebes Mädchen, Du scheinst so brav zu seyn, — bleib es immer, und der Himmel wird Dir's lohnen. Ein Geräusch an der Thür unterbrach ihn, und erinnerte mich an seinen Herrn. Eilig flog ich fort, um seine Ungeduld nicht zu erregen, aber mein ganzes, besseres Ich blieb bei Lorenz zurück.
Als ich mit der Milch ins Zimmer trat, kam mir der Herr im Scharlachrock mit einer widrigen Freundlichkeit entgegen. Du hast mich lange warten lassen, mein Kind, sagte er mit glänzenden Augen, die einen unangenehmen Eindruck auf mich machten, weil sie mich an die schöneren Augen erinnerten, die ich eben jetzt, wider meinen Willen, verlassen hatte. Dafür sollst Du mir auch Gesellschaft leisten, und mir erzählen, wer Du bist, was Deine Eltern treiben, und ob man nicht mit Geld und gutem Willen Deine Lage verbessern kann. Mich dünkt, Du bist viel zu hübsch und artig für die Dürftigkeit, in der ich Dich finde, und wenn Du den Antheil eines zwar neu erworbenen, aber gewiß herzlichen Freundes benutzen willst, so kannst Du über mich gebieten.
Ich war zwar nicht im Überfluß, aber doch in einem unserm Stande angemessenen Wohlstand aufgewachsen, und dünkte mir nichts weniger, als arm zu seyn. Lachend versicherte ich dieß dem Fremden, und setzte ihm die Vermögensumstände meiner Eltern in dem hellen Licht auseinander, in dem sie mir selbst erschienen. Er hörte mich verwunderungsvoll an. Es ist wahr, sagte er ernst, Du bist reicher, als ich dachte, denn die Zufriedenheit mit Deinem Schicksal ist ein Schatz, den kein Königreich erkaufen oder bezahlen kann.
Nachdenkend ging er auf und nieder, nur dann und wann traf mich sein forschender Seitenblick, und jagte eine schüchterne Röthe auf meine Wange, denn das unlautere Feuer, die tückische Arglist, die in ihm brannte, war nicht geschaffen, mir Vertrauen einzuflößen, ob ich gleich in der glücklichen Unerfahrenheit meines Herzens sie noch nicht für sichere Kennzeichen einer verworfenen Seele hielt. Es konnte ihm unmöglich entgehen, daß mir seine Gegenwart peinlich war, aber demungeachtet gab er mir beim Abschied die Versicherung, nächstens wieder zu kommen, um die Bekanntschaft meiner Eltern zu machen. Ich bin der Kammerherr Mehrfeld von Spillingen, sagte er zu mir, als er schon zu Pferde saß, denke zuweilen an mich, mein Kind! Er begleitete diese Worte mit einem glühenden Blick, und ritt dann vorüber. Lorenz zögerte noch. Wenn ein günstiger Zufall meinen Namen in Dein Gedächtniß zurückruft, fragte er, wirst Du Dich dann gern und freundlich meiner erinnern? — Der Ton seiner Stimme, der tiefes Gefühl verrieth, weckte das meinige zu stiller Wehmuth, die ich mir selbst nicht enträthseln konnte. Ich reichte ihm meine Hand und schwieg; — mir war das Weinen so nahe! — Er drückte sie sanft, und schwang sich mit einem Seufzer aufs Pferd. Dann gab er ihm die Spornen, und sprengte dahin. — Mir war, als müßt' ich ihn halten. — Ich trat mitten auf die Landstraße, und blickte ihm nach, so lange ich konnte. Durch eine neidische Krümmung des Weges verlohr ich ihm bald aus den Augen, aber darum nicht aus dem Sinn. Schwermüthig ging ich zurück, — sein Bild schwebte immer um mich mit dem ganzen, einfachen Zauber der Wahrheit und der Liebe.
Sehn Sie, sprach Justine, indem sie das Fenster öffnete, und mir durch eine Lücke ihres Gartenzaun's einen waldigten Berg zeigte, der in dem blauen Nebel der Entfernung gehüllt, in tiefer Perspective der Aussicht Gränzen zog, sehn Sie den weißen Punkt da oben am Gipfel jener Anhöhe? Das ist Schloß Spillingen, wo ich so glücklich, und ach! so unglücklich war! Dort lebte der Kammerherr des Sommers, — den Winter über fesselte ihn sein Dienst und seine Neigung an die Residenz.
Selbst wenn die schwarzen Augen des schönen Jägers nicht so allgewaltig in mein Herz gedrungen wären — selbst dann hätte ich wohl oft an diese kleine Begebenheit gedacht, die den stillen Gang meines gewöhnlichen Lebens auffallend unterbrach. So bald meine Eltern nach Hause kamen, erzählt' ich ihnen den Besuch des Kammerherrn; aber ich weiß selbst nicht, warum es mir unmöglich war, auch Lorenzo's zu erwähnen. Ich konnte mich nicht überwinden, von ihm zu sprechen, und doch war er der Inbegriff aller meiner Gedanken, und die Hauptfigur auf der Tafel meiner zärtlichsten Erinnerungen. Mangel an Vertrauen zu meinen Eltern war es nicht, was mich zurückhielt, denn ich hing mit kindlicher Offenheit und Liebe an ihnen — aber dennoch, so sehr auch mein beklommenes Herz Erleichterung bedurfte, dennoch versagt' ich sie mir durch das tiefste, festeste Schweigen, das mir auf der einen Seite süß, auf der andern aber drückend war.
Meines Vaters Lieblingsbeschäftigung war Blumengärtnerei. Ihr widmete er alle seine Nebenstunden, und wenn sein beschwerliches Amt ihn bisweilen ermüdet, oder verstimmt hatte, so fand er am sichersten bei seinen Blumen gute Laune und Erholung wieder. Vorzüglich sorgfältig wartete er eine Nelkenflor ab, die sein höchster Stolz und seine höchste Freude war, und die für den Liebhaber, selbst für den Kenner viel Werth hatte. Wenn dann und wann jemand bei uns einsprach, und es war Sommer, so pflegte er seine Gäste gern sogleich in den Garten zu führen, und mit frohen Blicken belauschte er die Bewunderung, die sie seinen Zöglingen zollten. Unermüdbar war er dann, den Namen einer jeden Nelke zu nennen, und die Erfahrungen mitzutheilen, die er sich durch seinen genauen Umgang mit der Natur und durch seine aufmerksamen Beobachtungen erworben hatte. Auch mocht' er gern von den Sorten sprechen, die ihm noch fehlten, und dankbar nahm er jede Belehrung und jede Bemerkung auf, die in sein Lieblingsfach paßte. Er war zwar immer gegen mich voll Güte und väterlicher Liebe, aber nie nannte er mich in einem zärtlichern Tone seine liebe Justine, als wenn ich mich beschäftigte seine Blumen zu pflegen, wenn ich Wasser zum Begießen herbei trug, oder sonst Antheil und Freude an ihnen bezeigte.
Wenig Tage nach jener, mir unvergeßlichen Bekanntschaft saß ich still bei meiner Mutter und arbeitete. In die rosenfarbnen Träume, mit denen die Liebe so gern spielt, mischten sich dunkle, melancholische Farben, denn ich fing an zu zweifeln, daß Lorenz sich eben so warm für mich interessirte, wie ich mich für ihn; — was würde ihn sonst abhalten, dacht' ich mißmüthig, auf den Flügeln der Sehnsucht zu mir zu eilen, wenn sein Herz dem Wiedersehn eben so innig entgegen klopfte, wie das meine. — Daß diese Besorgniß, durch manche liebliche widersprechende Ahndung versüßt, nicht geschaffen war, mich in eine gesprächige Stimmung zu versetzen, ist wohl natürlich, und eben war meine Mutter im Begriff, mich um die Ursach meines ungewöhnlichen Stummseyns zu fragen, als mein Vater mit dem freundlichsten Gesicht von der Welt zu uns in's Zimmer trat.
Denkt Euch nur, rief er frohlockend, ich werde noch die Freude haben, daß meine Nelkenflor weit und breit berühmt wird. Der Kammerherr Mehrfeld, der doch selbst, wie man sagt, auf seinem Gute Spillingen die schönsten Garten-Anlagen, und eine vollkommene Blumensammlung hat, ist neugierig geworden, die meinige zu sehn, da er sie allenthalben loben hört. Binnen einer Stunde wird er nebst seiner Gemahlin hier seyn — dies meldete mir eben sein Jäger, ein feiner Mensch, den er vorausgeschickt hat, zu fragen, ob ich zu Hause wäre.
Meine Mutter schob ernst das Spinnrad weg, und schüttelte den Kopf. Der Kammerherr war ihr durch den Ruf längst als ein Mann von schlechten Sitten bekannt. Daß er im Vorüberreiten sich von mir ein Glas Milch geben ließ, da ich ihm gleichsam begegnete, hatte sie nicht auffallend gefunden; aber daß er so lange bei mir verweilte — daß er so gar sein Geld und seinen guten Willen mir antrug, und schon damahls, wo er noch kein Wort von unsern Nelken wußte, einen baldigen Besuch gegen mich erwähnte, den er uns zu machen wünschte — das hatte sie, als ich es ihr gleich nachher erzählte, mit einem bedeutenden Kopfschütteln beantwortet, das jetzt, als sie es wiederholte, noch stärkere Schattirungen von Mißtrauen an sich trug, wie das erstemahl. Der Zusatz: mit seiner Gemahlin, verscheuchte indessen wieder die Falten aus ihrem Gesicht, und sie eilte so sehr als ich, um Anstalten zum Empfang unsrer vornehmen Gäste zu machen.
Die frohste Empfindung meines Lebens durchdrang mein Innres mit all' den Entzückungen, die Hoffnung und Gewißheit im freundlichen Wechsel dem liebenden Herzen gewähren können, das alle seine Wünsche in einen einzigen zusammendrängt, der seiner schönen Erfüllung sich nähert. Ich werde ihn wiedersehn! — dieser Gedanke verschlang jede andre Vorstellung, und wiegte mich in himmlisch süße Fantasieen. Die schwarzen herrlichen Augen, mit denen er so tief in meine Seele blickte — ich sah sie vor mir, wie er sie sanft und zärtlich unter den dunklen Wimpern empor schlug — ich übersetzte ihren rührenden Ausdruck in Worte, und es war ein Bekenntniß der Liebe, dem mein ganzes Wesen mit leiser Sehnsucht, mit glühender Leidenschaft entgegen wallte. Ich werde ihn wiedersehn! — diese liebliche Aussicht trieb mich in meine Kammer, und mit eben so viel Eil als Sorgfalt legte ich mein bestes Sonntagskleid an — und als ich den Wagen heranrollen hörte, und durch die zugezogne Gardine meines Fensters den geliebten Lorenz erblickte, der ihn zu Pferde begleitete — da warf ich noch einmahl einen Blick der Unzufriedenheit, daß ich nicht hübscher war, in meinen kleinen Spiegel, und dann trat ich hervor, und hieß den Kammerherrn und seine Gemahlin willkommen.
Diese letztere war eine schöne Frau, die durch ihre Gestalt und ihre Manieren beim ersten Anblick eine günstigere Meinung erregte, als ihre Denkungsart bei näherer Bekanntschaft verdiente. Ihr Umgang mit der großen Welt hatte der Herablassung, mit der sie geringere Leute zu behandeln pflegte, etwas unendlich feines und anmuthiges gegeben. Jede Verlegenheit, die aus ungleichen Verhältnissen entsteht, wußte sie mit ihrer einnehmenden Freundlichkeit aus dem Kreise zu entfernen, der sie umgab, und ob gleich ihr Verstand weder sehr gebildet noch lebhaft war, so machte doch ihre geistreiche Miene, daß man selbst die alltäglichsten Einfälle, die sie hatte, immer für witziger und feiner hielt, als sie wirklich waren.
Kaum hatte mich der Kammerherr bemerkt, als er seiner Frau einen leichten Wink nach mir hin gab, wobei er ihr einige Worte auf französisch sagte. Sie sah mich lange mit ihren hellen, forschenden Augen an, und theilte dann das schlaue Lächeln, das auf ihren Lippen schwebte, unter ihn und mich. Beide führten noch einige Minuten ein sehr lebhaftes Gespräch, und ob ich es gleich nicht verstand, so sagten mir doch ihre Blicke und mein Gefühl, daß ich der Inhalt desselben war. Es endigte sich mit einem Kuß, den der Kammerherr zärtlich auf ihre Hand drückte — hierauf folgten sie meinem Vater, der vor gutmüthiger Ungeduld brannte, ihnen seine Schätze zu zeigen, und meine Mutter und ich begleiteten sie in den Garten.
Der Kammerherr gab sich die Mine eines Kenners — um so mehr schmeichelte der laute entschiedene Beifall, mit dem er alles überhäufte, was er sah, und die bewunderungsvollen frohen Ausrufungen der gnädigen Frau vollendeten den Triumph meines Vaters, den die Lobsprüche, die man ihm ertheilte, in die heiterste Stimmung versetzten. So ungern er sonst seine Blumen einem andern Schicksal als ihrem langsamen Verblühen, Preis gab, so machte er diesmahl doch eine Ausnahme, und hieß mir, die schönsten derselben in einen Straus winden, um ihn der Kammerherrin zu überreichen. Ich flog an's Nelkenbeet und erfüllte sein Verlangen, nur eine Nelke — mein Liebling unter allen — einfach an Farbe, aber von herrlichem Geruch — — diese brach ich für mich, und behielt sie zurück, weil ich eine schönere Bestimmung für sie ahndete. Mir war, als stände Lorenz vor mir, und verlangte sie mit flehendem Blicke, als ein Unterpfand meiner Gunst. Ich barg sie tief in meinen Busen, den seelige Hoffnungen schwellten, — Hoffnungen, die in das Morgenroth der Liebe getaucht, kaum in der Erfüllung so süß, wie in ihrem Entstehen sind, — — und mit eilenden, und dennoch zögernden Schritten ging ich ins Haus, wo mich sein Anblick erwartete.
Den Ausdruck eines herzlichen, arglosen Vertrauens in seinen Zügen kam er mir freundlich entgegen. Theure, liebe Justine! sagte er, denn er hatte meinen Namen nennen hören, — ich freue mich sehr, Dich wieder zu sehn! — Der Ton seiner Stimme bekräftigte dieß, und drang wie eine schöne Melodie tief und lieblich in meine Seele. Ich mich auch, versetzt' ich leise, und stand vor ihm mit gesenktem Auge, — Wir wechselten noch einige Worte, — ich weiß nicht mehr, welche. Mein Herz klopfte voll süßer Betäubung, — auch Er schien innig bewegt. Ohne zu wissen, wie? hielt ich die Nelke in der Hand, und als ich aufsah, bemerkt' ich, daß er eine Rosenknospe von seinem Hute nahm. Wir blickten uns lange schweigend an, — sein Auge bat, — ich reichte ihm die Blume hin, die in meinen Händen zitterte, — er gab mir dafür die Rose, und ich preßte sie mit Innigkeit an meine Brust; — es war, als hätte sich der Tausch der Blumen auch über unsre Herzen erstreckt! —
Dieß ist jene Rose, fuhr Justine mit dem stillen Ernst der Wehmuth fort, und wieß auf den Schattenriß, mit dem sie verbunden war. Heilig hob ich sie auf, als ob mir damahls ahndete, daß mir nicht viel von den schönen Tagen übrig bleiben würde, die sich an diese köstliche Stunde knüpften, und die eben so schnell als unaufhaltsam vorüber flohn. Lange Zeit, — als ich noch nicht so ruhig war, als jetzt, — konnte ich sie nicht ohne Thränen sehen; endlich aber besänftigte sich mein Schmerz, und seitdem hab' ich manchen angenehmen Augenblick in ihrem Anschauen zugebracht. Wenn dann die Reihe meiner süßesten Erinnerungen sich glänzend aus der trüben Vergangenheit erhob, o dann schlug ich mein Auge, zwar feucht, doch ruhig gen Himmel, und dachte: Du hast mir viel Freuden gegeben, — darf ich murren, daß Du mir sie wieder genommen hast, da es das Loos eines jeden Sterblichen ist, Glück und Unglück zu tragen, wie Deine Vaterhand es austheilt. — Dieser Gedanke goß Frieden in meine Seele, wenn sie auch zuweilen noch stürmte, und immer rufe ich ihn mir zurück, wenn eine Klage wider die Härte meines Schicksals in mir laut werden will.
Die Minuten, von denen ich jetzt spreche, gehören mit unter die glücklichsten meines Lebens. Lorenz war mir näher getreten, — seine Wangen glühten, — seine Augen strahlten ein Feuer, das rein wie sein Herz, glühend wie seine Liebe mein Inneres sympathetisch durchströmte. Er faßte meine Hand, — willig ließ ich sie ihm, und erwiederte leise den Druck der seinigen. In einem süßem Vergessen meiner selbst verlohr ich die ganze Welt, — verlohr ich Vergangenheit und Zukunft aus den Augen, — nur die Gegenwart fühlte ich, die wie ein Engel der Freude mir lächelte. Lorenz drückte mich an seine schlagende Brust, und der erste Kuß, den ich noch je von einem Manne, außer meinem Vater empfing, verschloß meine brennenden, schweigenden Lippen, die sich vergeblich zu reden bemühten.
Mir war höchst sonderbar. Wir hatten so wenig zusammen gesprochen, und dennoch war ohne Worte eine Vertraulichkeit unter uns entstanden, in der ich zwar nichts strafbares fand, die mich aber doch erröthen machte, da ich mir nicht erklären konnte, wie es zugegangen war. — Ich werde Dich nun öfter sehn, Justine! sagte Lorenz, aber so sehr ich auch dieß wünsche, so gefällt mir doch die Art und Weise nicht, wie es geschehen soll. Weißt Du, daß Dich die gnädige Frau als Kammerjungfer zu sich nehmen will?
Mich? rief ich voll Erstaunen. Sie hat mich ja heute zum erstenmahl gesehen. —
Das thut nichts, antwortete Lorenz mit einem bittern Lächeln, dafür hat Dich der Kammerherr zweimahl gesehen, und mich dünkt, schon einmahl ist genug, um sich in Dich zu verlieben.
Und wenn dieß auch wäre, versetzt' ich verlegen, so würde dieß doch gewiß kein Bewegungsgrund für die gnädige Frau seyn, mich in ihre Dienste zu nehmen.
Du kennst die Welt noch nicht, gutes, unschuldiges Geschöpf! sagte Lorenz, aber in unserem Hause wirst Du sie kennen lernen, und wenn auch gleich von einer schlechten Seite, doch gewiß nicht zu Deinem Nachtheil. Denn das unverdorbene Herz, das Dir aus den Augen blickt, wird Dich die Künste der Verführung verachten lehren, und je mehr Du dort Gelegenheit hast, das Laster zu beobachten, je fester wirst Du Dich an die Tugend ketten. Selbst die schönen, entschuldigenden Namen, die man sogar den abscheulichsten Verbrechen giebt, werden Dich nicht blenden, und Beispiele, die andre unwiderstehlich mit sich dahin reißen, werden für Dein edles Gemüth nur Bilder der Warnung seyn. Es ist Sitte unter vielen vornehmen Leuten, die sich nicht aus Liebe, sondern aus Ehrgeiz, oder um des Geldes willen, geheirathet haben, sich gar nicht um einander bekümmern, und sich keineswegs zu stören, oder Zwang anzuthun, sie mögen nun etwas gutes oder etwas böses im Sinn haben. Auf einen solchen Fuß lebt der Kammerherr mit seiner Gemahlin. Sie hat immer ihren erklärten Liebhaber. Kömmt dieser, so ist der Herr so galant, ihm Platz zu machen; er verreiset — oder kommt ihm wenigstens nicht zur ungelegenen Zeit in den Weg. Dazu gehört nun freilich viel Gefälligkeit, denn die gnädige Frau ist sehr veränderlich, und wechselt fast mit jedem Mondenlicht ihre Anbeter. Aber dafür ist sie auch dankbar, und thut wieder alles mögliche, was sein Vergnügen vermehren kann. Mit ihrer Bewilligung hält er sich immer eine, oder auch mehrere Maitressen, und nicht selten führt sie selbst die armen Schlachtopfer seiner Wollust entgegen, die sein gieriges Auge sich ersehen hat. Sie lobt oder tadelt seinen Geschmack ganz unpartheiisch, und findet es höchst spaßhaft, daß sie meistens alle drei Vierteljahr genöthigt ist, eine andre Kammerjungfer zu nehmen. — Warum ist sie denn dazu genöthigt? fragt' ich mit aller der Unschuld meines damaligen Alters, die noch kein Blick in die verdorbenen Sitten der großen Welt entweiht hatte. Lorenz wurde roth — er schlug die Augen nieder, und besann sich. O wie verschönert Bescheidenheit den Mann wie das Weib! Diese Bemerkung macht' ich bald darauf, als der Sinn seiner vorigen Rede sich klärer mir entwickelte. Justine! sprach er verlegen — ich kann Dir nicht deutlich sagen, warum? Die Ausschweifungen des Kammerherrn — — denk Dir das übrige, und wenn Deine reine Seele keine so schmutzigen Vorstellungen zu fassen vermag, so begnüge Dich damit, mir zu glauben, daß der Kammerherr ein sehr schlechter, und für die meisten Deines Geschlechts gefährlicher Mann ist.
Meine Wangen waren mit den seinigen erröthet; — ich suchte dem Gespräch eine andre Wendung zu geben. Ist's aber auch Recht, sagt' ich zu ihm, daß Er so freimüthig die Fehler Seines Herrn entschleiert? —
Wenn ich es thue, versetzte er sanft und ernst, so geschieht es, weil die Wahrheit mir heilig ist, sie mag Tugenden oder Laster beleuchten, und weil ich es nicht einer bittern Erfahrung überlassen will, Dir den Abgrund zu zeigen, den Du kennen mußt, um ihn zu vermeiden. O Justine, fuhr er mit einem Seufzer fort, es ist hart — sehr hart für mich, einem Menschen dienen zu müssen, den ich verachte. Härter noch ist's von dem Verhängniß, daß es alle Macht, mich zu beglücken eben in die Hände legte, aus denen ich so ungern Wohlthaten empfange. Doch nein — ich übereilte mich. Ich that dem Schicksal Unrecht. — Mehr Macht, als ihm, gab es Dir im ersten Augenblick unserer Bekanntschaft, über das Wohl oder Wehe meiner Zukunft zu entscheiden. O laß mich hören, wie Du sie anwenden willst? —
Er stand vor mir mit liebetrunknen, gerührten, strahlenden Blicken, und hielt meine bebenden Hände zwischen den seinen. Ich verstand seine Frage, denn das liebende Herz, das in seinen Augen sich mahlte, war für das meine kein Räthsel mehr — aber Schaam und Schüchternheit verschlossen meine Lippen, und so gingen einige Momente schweigend, aber unvergeßlich glücklich vorüber. Nun, Justine! sagt' er leiser, da ich nicht antwortete, willst Du mir kein Wort der Hoffnung sagen? — Du hast mich verstanden — ich seh es an Deinem Erröthen. Darf ich hoffen, wenn einst eine günstige Wendung meiner Lage mir ein ruhiges Plätzchen giebt, was uns beide ernähren kann — darf ich hoffen, daß Du es dann mit mir theilen wirst? —
Die Offenheit seines Wesens, und die Zärtlichkeit, die in dem Tone seiner schönen, kraftvollen Stimme lag, lockte süße Thränen in mein Auge. Verstellung war mir fremd — und hätte ich sie auch gekannt — diese Minute war zu heilig, um hinter ihrem neblichten Schleier die mächtigen, großen Gefühle zu verbergen, die meine Seele auf den Schwingen der Liebe zu ihm erhob. Unwillkührlich breiteten sich statt einer Antwort meine Arme aus — ich fühlte sie innig von den seinigen umschlungen, und an seine Brust geschmiegt, meine heiße Wange bedeckt von seinen Küssen, wand die Umarmung mit der ich ihn an mich schloß, zum heiligen Schwure, der ihm Liebe und Treue gelobte.
Wir kehrten endlich aus den höhern Regionen, in denen wir schwärmten, zur wirklichen Welt zurück — aber wie verändert schien mir diese seit dem seligen Augenblick, der unsre Herzen vereinigt hatte. In ungetrübter Klarheit, wie in einem Lichtmeer schwammen alle Gegenstände, die mich umgaben; Liebe und Hoffnung strahlten ihren goldenen Schimmer auf die Zukunft, die mir sonst nur in nächtliches Dunkel gehüllt, erschienen war.
Aber Lorenz, sagt' ich endlich, und ohne zu wissen wie es zuging, verlohr sich das schüchterne Er, mit dem ich ihn zuerst angeredet hatte, in das vertrauliche, süße Du der hingebenden Liebe, — kannst Du mir wohl dazu rathen, daß ich einwilligen soll, wenn die gnädige Frau mir anträgt, ihr zu dienen? Nach der Schilderung, die Du mir von ihrem häuslichen Leben entworfen hast, schaudert mir vor dem Gedanken, mit hinein verwickelt zu werden. Ich bin zu einfach — krumme Wege kann ich nicht gehen, und wenn sie selbst zu Glanz und Reichthum führten. Auch ist mir es unmöglich, von außen kalt zu seyn, wenn in meinem Innern warme Empfindungen sich regen. Ich werde es verrathen, daß ich Dich liebe — ich werde den Kammerherrn mit Abscheu zurückweisen, wenn er es wagt, mir unanständige Anträge zu thun — — ich werde seiner Gemahlin nicht verhehlen können, daß ich ihre Gesinnungen und ihre Lebensart verachte — — mit einem Wort, ich tauge nicht unter Menschen, die ich nicht schätzen kann.
Entzückt drückte Lorenz seine warmen Lippen auf meine Hand. O Justine! rief er aus, wenn Du wüßtest, wie sehr ich Dich liebte, Du müßtest mir für das hohe Vertrauen danken, daß ich in Deine Tugend setze, und mit dem ich Dich bitte, allen den Stürmen, die dir entgegen brausen werden, zum Trotz, dennoch nach Spillingen zu ziehn. Es ist das einzige Mittel, uns künftig sehen zu können, denn meine jetzige Lage erlaubt mir noch nicht, öffentlich um Dich zu werben. Mein Dienst ist streng, und verstattet mir nur höchst selten eine freie Stunde, und auch diese nicht, ohne daß meine übrigen Verhältnisse meinen Willen nicht auf's äußerste beschränkten. Wollte ich auch des Nachts zu Dir eilen, so könnte dieß nur mit der größten Behutsamkeit von Deiner und meiner Seite geschehen, und wenn irgend ein Lauscher es ahndete, so wär' es mit dem Verlust Deines guten, unbescholtenen Rufs verbunden, der mir noch theurer ist, als der meine. Der Kammerherr hat bisher meistens nur mit gemeindenkenden leichtsinnigen Dirnen zu thun gehabt, die seinen Wünschen auf halbem Wege entgegen kamen. Der Widerstand, den ein edles Mädchen dem Laster thut, ist ihm fremd, und wird ihn wenigstens beschämen, wenn auch nicht bessern. Überdieß haben wir dort Gelegenheit, uns täglich zu sehn, ohne den mindesten Verdacht zu erregen, und bei der kleinsten Gefahr, die ich für Dich ahnde, werd' ich Maßregeln treffen, Dich zu retten, kost' es mir auch was es wolle. Selbst die vortheilhaften Aussichten und Hoffnungen, auf die ich jetzt in Gedanken unser künftiges Glück baue — selbst die werd' ich mit frohem Muthe Dir opfern, wenn es Deine Sicherheit verlangt. — Seine Augen fingen an zu blitzen — Kraft und Entschlossenheit erhoben seine Stimme. — Ja, fuhr er dann fort, indem er mich heftig mit beiden Armen umschloß — selbst wenn ich genöthigt wäre, jedes Verhältniß zu zerreißen, das mir ehedem heilig war — hier an diesem Herzen würde ich dennoch, auch in der bittersten Armuth Ersatz finden, wenn es nehmlich nie aufhört, mich zu lieben!
Der männliche, ernste Muth seines Ton's knüpfte mich mit den Banden des innigsten Vertrauens an sein Wesen. Und wäre die Welt in diesem Augenblick zu Grunde gegangen, — heiter hätte ich neben ihm auf ihren Trümmern gestanden, und mit stolzer Zuversicht auf seine Kraft, Werke der Allmacht von seinen Händen gefordert. — —
Die Stimme meiner Mutter, die mich rief, endigte unsre Unterredung. Ich hüpfte froh und sorgenlos in den Garten, denn mit der Gewißheit, geliebt zu seyn, flammte alles um mich her im Sonnenglanz jener trügerischen Hoffnung, welche in dem Frühling der Liebe und des Lebens uns schmeichelt, daß seine Blüthen unverwelklich duften, und daß kein Sturm sie zu entblättern vermag. Muthig glaubt' ich allen Widerwärtigkeiten, — selbst der dunkelsten Zukunft, — trotzen zu können, und dieß hohe überspannte Zutrauen in die Kräfte meines Herzens und meiner Seele gab mir eine Heiterkeit, die mich zum beneiden glücklich machte.
In einer Hollunderlaube des Gartens hatten sich die Herrschaften niedergelassen. — Der Kammerherr suchte die Freude über seinen schon halb gelungenen Plan hinter einer gleichgültigen Miene zu verbergen, die ihm aber nicht recht glücken wollte. Die Frau spielte mit ihrem Arbeitsbeutel, und lächelte mir freundlich entgegen. Auch mein Vater blickte mich mit Wohlgefallen und Zufriedenheit an, — nur das ernste Gesicht meiner ehrwürdigen Mutter verrieth mir Spuren der Bekümmerniß, die ihr Herz meinetwegen empfand. Komm näher, liebes Mädchen, sagte die Kammerherrin, komm näher und entscheide. Ich habe den bösen Vorsatz, Dich zu entführen, weil ich glaube, daß Anlagen in Dir stecken, die eine Entwickelung verdienen, und die Dich weiter bringen können, als Dein verborgenes Leben hier unter den Deinigen. Ich will Dich mit mir nehmen, und wenn Du Dich gut aufführst, werd' ich treulich für Dich sorgen. Dein Vater ist mit meinem Plan zufrieden, — nur Deine Mutter hat noch Bedenklichkeiten, die Du aber leicht widerlegen kannst, wenn Du nur Lust hast, zu mir zu ziehen.
Ich war verlegen. Der Gedanke an Lorenz mußte in diesem Augenblicke der Thräne weichen, die über die Wange meiner guten Mutter floß, und alle meine Gefühle in Bewegung brachte. Aber bald behauptete sein Bild in mir die Herrschaft der wahren Liebe, die alles opfern kann, nur sich selbst nicht, — und selbst von der mütterlichen Wehmuth, neben die ich es stellte, borgte es einen helleren, rührendern Glanz. Bittend sah ich ihn vor mir stehn, und auf seinen Lippen schwebten noch die Versicherungen, die er mir von seinem Schutz und seiner Zärtlichkeit gab. Doch das Bewußtseyn meiner Pflichten umschleierte wenigstens den Wunsch, den ich hatte, ohngeachtet aller Unannehmlichkeiten, die mir drohten, nach Spillingen zu ziehn. Die Entscheidung, antwortete ich, kommt nicht mir, sondern einzig und allein meinen Eltern zu. Ihre Güte, ihre bessere Einsicht wird für mich wählen, was zu meinem Frieden dient.
Auf diese Art kommen wir aber niemahls aus einander, versetzte die gnädige Frau, denn Deine Eltern sind unter sich nicht einig darüber.
Es ist das erstemahl, daß ich mit meinem Manne verschiedener Meinung bin, sagte meine Mutter. Wir haben nur dieß einzige Kind noch um uns, — sie ist unsre Stütze und unsre Freude. Wenn ich Justinen auch in der Wirthschaft entbehren könnte, wo sie mir manche Sorge abnimmt, — manche wenigstens mit mir theilt, — so würde sie darum doch nicht zu Ihnen passen, denn sie ist in allen den Geschicklichkeiten ununterrichtet, die die Kammerjungfer einer vornehmen Dame wissen muß.
O das thut nichts, unterbrach sie die Kammerherrin lächelnd. Die Physiognomie müßte sehr trügen, wenn die Kleine nicht Lernbegierde und Fähigkeiten hätte. Die Mühe, sie in diesen Kenntnissen zu unterrichten, nehm' ich gern auf mich, und ich hoffe sie soll nicht vergebens angewendet seyn.
Ich werde Justinen eben so sehr vermissen, wie Du, sagte mein Vater zur Mutter, indessen glaube ich, ist es unsere Pflicht, sie nicht von der guten Versorgung abzuhalten, die sich ihr darbietet, und die vielleicht die Grundlage ihres künftigen Glücks werden kann. Ich bin überzeugt, wir können sie ohne Bedenklichkeit der gnädigen Frau anvertrauen. Sie wird Nachsicht mit ihr haben, wenn sie fehlt, und im Anfang nicht zu streng in ihren Forderungen seyn. Für Folgsamkeit und guten Willen stehe ich.
Mancherlei Gefühle bestürmten meine Brust. — Der Gedanke, die stille Hütte zu verlassen, die die Wiege meiner Kindheit, der Schauplatz meiner Jugendfreuden gewesen war, — die Aussicht von meinen Eltern zu scheiden, und sie künftig in einer Einsamkeit zu wissen, die sie um so trauriger dünken mußte, je mehr meine kindliche Pflege sie ihnen sonst erheitert hatte; — alles dies mischte etwas schmerzliches in die Vorstellung, daß mich die Liebe mit ihrer Zauberstimme nach Spillingen rief. Unentschlossen stand ich da, aber ich blieb es nicht lange. O wie wahr ist's, daß das Weib Vater und Mutter verlassen wird, um dem Manne zu folgen, den es sich erkohren hat! Dankbarkeit und die zärtlichste Ehrfurcht fesselte mich an meine Eltern. Ich hätte für sie mein Leben lassen können, — nur das, was diesem Leben erst Werth gab, die Würze seiner Zukunft, das Bündniß, das mein Herz mit Lorenz geschlossen hatte, — nur das hätte ich ihnen nicht opfern können, ohne, wie ich glaubte, vor Gram zu sterben.
Meine Mutter seufzte, und betrachtete mich mit unruhigen, ungewissen Blicken. Nun dann, sagte sie, und wandte sich zu meinem Vater, wenn Du wirklich glaubst, daß es für Justinen ein Glück ist, so will ich mich nicht länger weigern. Gott weiß, daß nur die Besorgniß für ihr wahres Wohl mich so bedenklich machte, denn ich bin der Meinung, daß ein junges, unerfahrenes Mädchen nirgends mehr am Platze, und sicherer ist, als in dem Hause und unter den Augen seiner liebenden Eltern. Aufgeben kann ich diese Meinung so leicht nicht, aber ich will thun, was ich kann, — ich will sie der Deinigen unterordnen. So zieh denn in Gottes Namen hin, Justine! fuhr sie mit Rührung fort. Es wird Dir auch in der Fremde wohlgehn, denn Du warst immer ein gutes, dankbares Kind! —
Sie umarmte mich herzlich; — ich fühlte ihre warmen Thränen auf meiner Wange, und vermischte sie mit den meinigen.
Es war also nun entschieden, daß ich nach Spillingen zog. Die Kammerherrin überhäufte mich mit Liebkosungen, und wollte mich gleich mit sich nehmen, aber meine Eltern sowohl als ich, bestanden auf eine Frist von vierzehn Tagen. Dieser kurze Aufschub, der uns nur ungern bewilligt wurde, sollte das Bittre der Trennung mildern, indem er uns nach und nach an die Nothwendigkeit des Scheidens gewöhnte, aber statt dessen knüpfte jeder Augenblick uns durch den Gedanken fester zusammen, daß er langsam, aber gewiß die Stunde des Abschieds heran führte. Ich fühlte damahls durch meine eigene Erfahrung, daß es besser und schonender für uns selbst, und für unsre Lieben ist, den Kelch des Schmerzes, den uns die Trennung reicht, in einem Zuge zu leeren, als ihn wie ein Ziel, dem wir doch nicht entgehen können, und dem uns jede Minute näher bringt, vor den Augen zu haben. Ein kurzes Lebewohl läßt uns die Kraft, es mit Fassung zu sagen, — dumpf, wie der Ton einer Todtenglocke, wie das Grablied unserer Freuden tönt es aus der Ferne herüber, und die Vorstellung, es dennoch aussprechen zu müssen, gießt Wermuth in die Freuden des letzten Beysammenseyns, und lohnt unser Zögern nicht mit Linderung, sondern mit Verdoppelung des Schmerzes, den wir am sichersten überwinden, wenn wir ihm stark und muthig die Stirn bieten.
Ehe unsre Gäste uns verlassen hatten, war mir noch eine ungestörte halbe Stunde zu Theil geworden, die ich mit Lorenz verplauderte. Er entdeckte mir nun seine nächsten und wichtigsten Verhältnisse. Sein Vater war Verwalter in Spillingen, ein guter, biederer Mann, der bloß die schwache Seite hatte, sich von seiner sehr ehrgeizigen, herrschsüchtigen Frau regieren zu lassen. Um den lieben Hausfrieden ununterbrochen zu erhalten, mischte er sich von jeher weder in das Innere seiner eigenen Wirthschaft, noch in die Erziehung seines Sohnes, den er jedoch zärtlich liebte. Lorenzens reines, stilles Gemüth war nicht empfänglich für die Eindrücke des Stolzes, die seine Mutter ihm geben wollte. Schweigend hörte er ihren Lehren und Ermahnungen zu, in denen gewöhnlich jener falsche Ehrgeiz sich mahlte, der statt innern Werth nur äusserlichen Glanz zum Ziel seines Strebens macht. Er bedurfte ihn nicht, und verachtete sein Flittergold, denn seine Seele war mit jenem edlen Stolz bewaffnet, der den Menschen wie ein guter Genius vor allem bewahrt, was seine wahre Würde entweihen kann. Die Bildung seines Herzens war sein eignes Werk, — das Werk seines Schicksals, das ihm einsam unter Menschen stellte, denen er sich nicht mittheilen mochte, da sie nicht fein genug fühlten, um ihn zu verstehen. Still und verschlossen wuchs er empor, — abgeschieden von allen lebenden Geschöpfen, an denen seine Empfindung sich in voller Kraft hätte erwärmen und erhöhen können. —
Der Kammerherr entdeckte in dem zum Jüngling heranreifenden Knaben seltne Anlagen, die ihn aufmerksam auf ihn machten. Die strenge Wahrheitsliebe, die, wo sie nicht reden durfte, doch wenigstens schwieg, und nie wider ihre Überzeugung sprach, die feste, unbestechliche Redlichkeit, die schon in seiner Kindheit ein Hauptzug seines Charakters war, und mit zunehmenden Jahren sich immer mehr auf unerschütterliche Grundsätze stützte, — alles dieß gefiel dem Mann, der ohne eigene Tugenden zu haben, doch fremde schätzte, und sie gern zu seinem Vortheil benutzte. — Er fragte die Eltern um ihre Plane in Rücksicht ihres Sohnes. Der Vater hatte keine, — allenfalls nährte er den stillen Wunsch, daß sein Sohn ein Landmann werden möchte, aber er wagte es nicht, ihn zu äussern, da seine Frau, wie er wohl wußte, fast niemahls übereinstimmend mit ihm dachte, und ihn doch nicht gebilligt haben würde. Längst war es ihr Lieblingstraum gewesen, ihren Sohn in fürstlichen Diensten zu sehn. — Sie entdeckte dieses dem Kammerherrn, und er versprach, ihr dazu behülflich zu seyn. Auch macht' er, ganz wider seine sonstige Gewohnheit, Miene, Wort zu halten, ließ ihn auf seine Kosten die Forstwissenschaft lehren, und behielt ihn dann als Jäger und zugleich als Kammerdiener bei sich, bis, wie er sagte, sich eine günstige Gelegenheit zeigen würde, wo er ihn dem Fürsten empfehlen könne. Diese war noch immer ausgeblieben. — Lorenz seufzte nach einer unabhängigen Lage, denn ausserdem, daß sein freier Sinn sich nicht zum Dienen geschaffen fühlte, hatte er mit hellem Blick längst die Flecken entdeckt, die den Charakter seines Herrn entstellten, und es war ihm drückend, einem Menschen Verbindlichkeit und Dank schuldig zu seyn, den er weder lieben noch achten konnte. Indessen, da seine Mutter es ihm zum Gesetz machte zu bleiben, und da es seine eigne Klugheit, wenn auch nicht sein Gefühl, ihm rieth, so trug er seine Verachtung schweigend mit sich herum, und bemühte sich, durch Thätigkeit, Ordnung und eine immer wache Aufmerksamkeit auf seinen Dienst den Kammerherrn die Wohlthaten abzuzahlen, die er mit einem Widerstreben empfangen hatte. Daß er sich dadurch ihm unentbehrlich machte, und seine Verwendung zu einer Versorgung immer mehr verzögerte, bedachte er nicht; aber wäre es ihm auch eingefallen, er würde doch nicht anders gehandelt haben, theils weil ihm jede Pflicht, die ihm das Schicksal auflegte, heilig schien, theils weil er durchaus die Summe der Verbindlichkeiten vermindern wollte, die seines Herrn Wohlwollen ihm auflegte. Und da ihn überdieß der Kammerherr selbst zu sehr ehrte, um ihn bei seinen Liebschaften als Geschäftsträger, oder Kuppler gebrauchen zu wollen, so fand der Abscheu, den Lorenz vor jenen Lastern hatte, keine Gelegenheit laut zu werden, und sowohl Herr als Diener beobachteten über Punkte, die nicht gern über sich sprechen lassen, ein Schweigen, das am geschicktesten war, ihr Verhältniß leidlich zu erhalten.
Zuweilen erinnerte wohl die Verwalterin, der der Titel: Kammerdiener nicht vornehm genug war, den gnädigen Herrn an sein Versprechen, aber dieser wiegte dann mit glänzenden Aussichten in die Zukunft, die er ihr öffnete, ihren Ehrgeiz und ihre Ungeduld zur Ruhe, und da Lorenz überhaupt von den andern Bedienten vortheilhaft ausgezeichnet wurde, so ließ sie sich jedesmahl durch die Versicherung zufrieden stellen, daß ihr Sohn einst ganz gewiß durch eine ehrenvolle Laufbahn ihr Alter erfreuen werde. Ich hätte ihm schon längst einen kleinen Dienst verschaffen können, pflegte er zu sagen, aber sein nothdürftiges Auskommen hat er ja auch bei mir, und wenn ich einmahl mein Ansehn bei Hofe anwende, so will ich auch Ehre davon haben, das heißt: es muß eine Stelle seyn, die Ihrem Sohn keinen Wunsch zur Verbesserung seines Schicksals mehr übrig läßt, als allenfalls den Wunsch nach einem hübschen Weibchen, und das wird sich dann schon finden.
Es hat sich schon gefunden, dachte die Alte dann gewöhnlich mit froher Selbstzufriedenheit über ihre mütterliche Vorsorge, die Lorenzen aber noch ein Geheimniß war, und für's erste auch noch eins bleiben sollte, weil er viel zu sehr Sonderling war, um so, wie sie es wünschte, in ihre Pläne einzustimmen. Ein reicher Pachter jenseits der Residenz hatte die auf fremden Feldern geerndteten Früchte seines Fleißes angewendet, sich ein artiges Landgut in der Nachbarschaft von Spillingen, wo es eingepfarrt war, zu kaufen. Die Verwalterin, die Wernern, — so hieß der neue Gutsbesitzer, — vor Zeiten noch in dürftigen Umständen gekannt hatte, ergoß bei dieser Nachricht alle ihre Galle in den bittersten Spott über seine so schnell verbesserte Lage, und nahm sich vor, seine Frau in der Kirche nicht zu grüßen, wenn sie ihr das erstemahl daselbst begegnen würde. Ihr Neid und ihre Erbitterung stieg noch, als sie durch einige alte Weiber, die sie durch kleine Wohlthaten verpflichtete, ihr alle Neuigkeiten der Gegend zuzutragen, von dem Überfluß näher unterrichtet wurde, der dort in allen möglichen Bedürfnissen des Lebens herrschte, und einen sichern, festgegründeten Wohlstand verrieth. Sie hatten der Frau Werner bei ihrer Ankunft in ihrer häuslichen Einrichtung geholfen, und ob gleich ihre Erzählungen von den reichlich angefüllten Schränken und Kisten, die sie da sahen und bewunderten, ein fressendes Gift für die Verwalterin mit sich führten, die es ihres Gleichen am wenigsten gönnte, reich zu seyn, da sie es selbst nicht war, so hörte sie doch alles mit jener brennenden Begierde an, mit der die Mißgunst jede Gelegenheit ergreift, sich zu quälen. Daß ihre Nachbarin ein Landgut besaß, während ihr Mann nur ein fremdes verwaltete, das — so empfindlich es auch war — hätte sie ihr dennoch verziehen; aber daß sie ihren Kaffee aus einer silbernen Kanne trank, — selten in die Küche ging, und auch dann nur, um zu befehlen — daß sie sich zum täglichen Gebrauch eines eben so feinen Leinenzeugs bediente, als sie nur für die Frau Kammerherrin weben ließ — daß sie Nachmittags auf einem bequemen und zierlichen Sopha in aller Ruhe ein paar Stunden schlummerte — — mit einem Worte, daß sie nicht allein Vermögen hatte, sondern es auch nach ihrem Gefallen genoß, — das war ein Wurm, der zerstörend an ihrer Ruhe nagte. Da sie Menschen, die sie noch nicht kannte, nach ihrer eignen Denkungsart zu beurtheilen pflegte, so traute sie der Frau Werner keineswegs den bescheidenen, gefälligen Charakter zu, den sie wirklich hatte, vielmehr, da sie fühlte, wie sehr jene Vorzüge des Glücks ihren Hochmuth aufblähen würden, wenn sie sich ihrer rühmen dürfte, so stellte sie sich die Unbekannte, die unschuldiger weise ihrem Neide so viel Nahrung gab, in dem gehässigen Lichte eines bäurischen Eigendünkels vor, der ihr um so drückender schien, da er den ihrigen niederbeugte. — Die Närrin, sagte sie zu ihrem Manne — sie denkt vielleicht weil sie die große Dame spielt, auf dem Kanapee Mittagsruhe hält, und ihren Kaffee aus Silber trinkt, sie ist mehr als ich. Aber ich will ihr schon zeigen, daß ich mir eben so viel einbilde. Nicht ansehn will ich sie! —
So ganz gewissenhaft war es ihr aber doch nicht möglich, den nächsten Sonntag Wort zu halten, als Frau Werner in die Kirche kam. Die Neugierde, die sich bei ihr regte, beredte sie zu einem Blick, und unwillkührlich verlängerte er sich, als ihm weder auffallender Glanz noch beleidigender Stolz begegnete. Auf beides hatte sie gerechnet, als aber eine wohlbeleibte weibliche Gestalt in einem sehr anspruchslosen Anzug, begleitet von einem hübschen rosenwangigen Mädchen, freundlich bei ihr vorüberging, und ihr durch einen höflichen Gruß, mit dem sie ihr zuvorkam, gleichsam den Rang über sich einräumte, — da verschwand auf einmahl ein Theil der Falten von ihrer Stirn, und der Groll, den sie in ihrem Herzen nährte, verlohr sich in eine lange Gedankenreihe, die ihr während der Predigt, (auf die sie ohnedem nie zu achten pflegte,) Stoff genug zur Unterhaltung gab. Die Frau ist doch so übel nicht, dachte sie bei sich selbst. Wenigstens hat sie doch Lebensart, und weiß sich zu betragen. Daß sie zu Hause die Bequemlichkeit liebt lieber Gott! das thät ich auch, wenn ich's könnte. Die Leute haben ja Geld genug, — sie wären Narren, wenn sie es nicht benutzten. Und die Tochter sieht gut aus — das einzige Kind ist sie auch — — in der That, das wäre eine Frau für meinen Lorenz, die mir anstände! —
Sie verfolgte diese Idee, und fand kein Hinderniß von Bedeutung, das sie zu stören drohte. Obgleich Lorenz kein Vermögen, und nur sehr ungewisse Aussichten in die Zukunft hatte, so zweifelte sie doch keinen Augenblick, daß ihm der Plan gelingen könne, den sie so befriedigend für ihren Eigennutz entwarf, und dem eine vortheilhafte Heirath mit Mamsell Werner den Kranz der Vollendung aufsetzen sollte. Und wirklich, wenn auch sonst alle ihre Gedanken und Empfindungen Kinder eines ewigen Irrthums waren, der nur sein eignes, fehlerhaftes Ich zum Maßstabe seiner Beurtheilungen nahm — hier irrte sie nicht. — Die hohe Meinung, die sie von ihrem Sohn hatte, rechtfertigte jeder, der ihn kannte, denn noch jetzt in einer Lage, die auch den kleinsten Schatten von Partheilichkeit vertilgt, sag' ich mit fester Überzeugung: Lorenz wäre mit Recht der Stolz der besten Mutter gewesen. Die Liebe, mit der die Verwalterin an ihm hing, war das einzige, was ich jemahls an ihr schätzen konnte.
Als die Kirche geendigt war, wartete Frau Werner mit Lorchen, so hieß ihre Tochter, an der Thür, um die Bekanntschaft der Frau Verwalterin zu machen, die sie um gute Nachbarschaft und um die Erlaubniß bat, durch einen baldigen Besuch ihr zeigen zu dürfen, wie geneigt sie sei, einen freundschaftlichen Umgang zu halten. Die Verwalterin erwiederte ihre Komplimente in bester Form, und man trennte sich beiderseits mit einander zufrieden.
Es dauerte nur wenig Tage, so erschien das Kleeblatt der Wernerschen Familie ganz unvermuthet bei Lorenzens Eltern, um ihren ersten Besuch abzustatten, und um durch die ungezwungene Art, mit der sie es thaten, jenes zwanglose, heitere Verhältniß einzuleiten, das durchaus mit ländlicher Nachbarschaft verbunden seyn muß, um sie angenehm zu machen. Die Verwalterin wäre zwar dießmahl der Überraschung gern überhoben gewesen, denn es lag ihr viel daran, mit sammt ihrem Hauswesen sich vor Werners von der besten Seite zu zeigen, und dazu war eine kleine Vorbereitung unentbehrlich, — indessen das treuherzige gutmüthige Benehmen ihrer Gäste zerstreute bald den Verdruß, den sie fühlte, sich nicht so vortheilhaft und glänzend darstellen zu können, als sie wohl wünschte, und am Ende schieden sie vertraulicher und vergnügter auseinander, als es nach einer steifen Staatsvisite möglich gewesen wäre.
Der in der Kirche gefaßte Vorsatz, aus Lorenz und Lorchen ein Paar zu machen, erreichte schon an diesem Tage seine völlige Reife, und die Höflichkeit, mit der Lorenz die Fremden behandelte, und das aufmerksame Wohlwollen, mit dem sie ihm begegneten, rückte sie in Gedanken auf dem Weg zum Traualtar der beiden jungen Leute um einige Schritte näher.
Wirklich war die ganze Wernersche Familie so beschaffen, daß, ohne Rücksicht auf ihr beträchtliches Vermögen zu nehmen, eine zärtliche Mutter dem Liebling ihres Herzens wohl wünschen konnte, mit ihr verbunden zu seyn. Indessen bei der Verwalterin war das Geld die Hauptsache. Jede liebenswürdige Eigenschaft, die Lorchen berechtigte auf einen glücklichen Ehestand zu hoffen, jede häusliche Tugend, die das Glück eines braven Mannes zu machen versprach, hätte die Alte gegen klingende Münze willig vertauscht, um dadurch ihre Mitgift zu vergrößern. Sie glich so vielen thörichten Müttern, die zufrieden sind, wenn ihre Kinder nur glücklich scheinen. Daß die unverfälschte Natur des Menschen mehr für eine ruhige Mittelmäßigkeit, als für Überfluß geschaffen ist, dünkte sie nur ein süßer Traum zu seyn, mit dem die Armuth sich über die Bitterkeit des Mangels und des Entbehrens täuscht. Ach der Reichthum ist ein goldener Schild, der die Pfeile des Kummers nicht von unserer Brust zurück zu halten vermag; — der höchstens nur durch seinen Glanz verhindert zu sehen, wie tief sie gedrungen sind! — Das glaubte aber die Verwalterin nicht.
Der alte Werner vereinte mit strenger Redlichkeit eine frohe, heitre Laune, der das Bewußtseyn immer Nahrung gab, kein Stiefsohn des Glücks gewesen zu seyn, und dennoch die günstigen Blicke desselben, nicht, wie so viele thun, auf Kosten seines guten Namens und seines Gewissens erschlichen zu haben. Seine Frau, ein Weib voll Herzensgüte, ohne alle Anmaßungen, hatte aus ihrer ehemaligen Armuth in ihren jetzigen Wohlstand jene seltne Stimmung des Charakters übergetragen, die mit Phlegma verschwistert ist, und mit der gewisse Menschen gute und böse Tage gleich freundlich anzulächeln im Stande sind. Sie war vergnügt und gutes Muthes gewesen, als ihre Umstände sie noch zwangen, durch harte Arbeit ihr Brod zu erwerben — vergnügt und gutes Muthes — doch nicht mehr als vorher — war sie auch jetzt, da Fleiß und Glück ihre Lage verbessert, und ihre alle die Bequemlichkeiten selbst verschafft hatten, die sie sonst nur bei Andern gekannt, — aber darum nicht beneidet hatte. Der einzige Gegenstand, wobei es sich verrieth, daß ihr stiller Gleichmuth auch in Leidenschaft übergehn konnte, war ihre Tochter, der Augapfel beider Eltern, aber doch vorzüglich von der Mutter geliebt, die mit Freuden ihr Leben, und alles was es angenehm machte, hätte opfern können, wenn es nothwendig zur Zufriedenheit ihres Lorchens gewesen wäre.
Lorchen war ein gutes, einfach erzogenes, einfach gesinntes Mädchen. Still und unbemerkt war sie im Schooße der Häuslichkeit und der Familienliebe herangewachsen, und ihre bescheidenen Wünsche reichten nicht über den Kreis hinaus, den ihr das Schicksal angewiesen hatte, um ihre Kräfte nützlich zu üben. Fleiß, Sanftmuth, Gehorsam und Ordnung — — alle diese Tugenden waren ihr angebohren — sie hatte keinen Kampf mit ihrer Neigung nöthig, um sie erst zu erringen — sie durfte nur mechanisch ihrem Gefühle folgen, so war sie sicher, niemahls irre auf dem Wege zu gehen, den ihre Pflicht ihr vorzeichnete. Weder Empfindung noch Verstand waren bei ihr lebhaft, aber ihre reine, bescheidene Gutmüthigkeit hätte darum doch den strengsten Forderungen genügt, weil sie alles freundlich ersetzte, was ihr von andern Seiten noch zu fehlen schien.
Der Umgang zwischen beiden Familien wurde nun fleißig fortgesetzt, und die Verwalterin, die bald bemerkte, daß Lorenz Eindruck auf Lorchen gemacht hatte, glaubte, daß es nun Zeit sey, mit ihrem Plan gegen die beiden Alten herauszurücken. Sie fing mit leisen Anspielungen an, die gehörigen Orts wohl aufgenommen, und günstig erwiedert wurden. Auch Lorenz machte seiner Mutter durch sein Betragen die schönste Hoffnung, er werde in ihre Wünsche einwilligen, und jeder Lobspruch, den er mit freundschaftlicher Wärme Lorchens Tugenden zollte, galt bei ihr für eine Äußerung der Liebe. So standen die Sachen — es schien, da alle Theile gleichsam schweigend in eine Verbindung der beiden jungen Leute eingewilligt hatten, als fehle nur noch die letzte deutliche Erklärung, um sie völlig zu schließen, und gerade zu dieser Zeit war's, als mein Unstern den Kammerherrn zum erstenmahl nach Mühlberg führte.
Was darauf folgte, wissen Sie. — Die Anstalten zu meiner Abreise waren bald getroffen, und endlich erschien auch der Tag, der mich meiner neuen Bestimmung entgegen führte. Eine dunkle Ahndung des Kummers, der auf mich wartete, kämpfte mit den Freuden des Wiedersehns, die ich schon in Gedanken genoß, und mischte doppelte Bitterkeit in den Becher des Scheidens. Fest an die Brust meiner weinenden Mutter gedrückt, versprach ich, ihren Lehren zu folgen, und den Grundsätzen treu zu bleiben, die meine verewigte Wohlthäterin mir eingeprägt hatte, und die bisher der Stolz und das Glück meines einfachen Lebens gewesen waren. Der Ernst und die kindliche Zärtlichkeit mit der ich ihr gelobte, nie ihre Warnungen zu vergessen, besänftigte den mütterlichen Schmerz, und lieh der Trennung eine mildere Gestalt als vorher. Voll Vertrauen auf den Schutz der Vorsicht, der sie mich übergab, und auf meine eigne Festigkeit ließ sie mich aus ihren Armen — ach! um mich unglücklich wieder zu sehn. —
Wie in Gewittertagen die Sonne oft durch finstere Wolken strahlt — oft sich wieder hinter sie verbirgt, so wechselten süße und traurige Empfindungen in mir auf der kurzen Reise, die mich dem Nachdenken einsam überließ. Der Abschied war überwunden — in der Ferne winkte mir tröstend das Bild meines Geliebten — und dennoch flossen meine Thränen. Ach die Ungewißheit, in deren Dunkel meine Zukunft schwamm, war nicht gemacht, sie zu trocknen oder zu stillen. — Bange Sorgen, denen ich keinen Namen zu geben wußte, drückten mit Centnerlast mein Herz, das sich bald den schwermüthigsten Zweifeln, bald den fröhlichsten Hoffnungen hingab. Und in dieser Stimmung, die die Vorbedeutung meines Schicksals war, langte ich in Spillingen an.
Lorenz half mir aus dem Wagen. Seine Freude, seine Liebkosungen verbannten bald die zagende Unruh meiner Brust, und der erste Augenblick, den ich ungestört in seinen Armen verlebte, söhnte mich aus mit dem Schritt, den ich gethan hatte, um seinetwillen meine stille sichere Heimath zu verlassen.
Ich trat meinen Dienst nun an. Die ersten Wochen ließen mir nichts zu wünschen übrig, und spotteten der Furcht, mit der ich hergekommen war. Der Kammerherr behandelte mich mit Güte und Herablassung, aber bei aller seiner Freundlichkeit doch so offen, daß auch das besorgteste Mißtrauen keine Ursach zum Argwohn gefunden hätte. Seine Gemahlin betrug sich gegen mich nicht wie eine Gebieterin, sondern wie eine gütige Freundin. Ihr ganzes Wesen war eine Mischung von Unbesonnenheit und Leichtsinn, aber ihre angebohrne Liebenswürdigkeit lieh ihren Fehlern eine so gefällige, einschmeichelnde Aussenseite, daß man sie nur nach einer langen, genauern Bekanntschaft verachten konnte. Sie hatte kein Herz, sie liebte nichts — nur das Vergnügen war ihr Abgott. Sie konnte weinen und in Ohnmacht fallen, wenn ein Falke vor ihren Augen eine Taube zerriß, aber kalt und fühllos wandte sie sich von den Leiden ihrer Nebengeschöpfe ab, und wenn sie half, so geschah es mit Geld, nicht aus Mitgefühl, sondern weil der Anblick des Elends ihr zuwider war. Jene feinern Wohlthaten, die Theilnahme, Trost und guter Rath dem Unglücklichen sind, waren ihr fremd. Sie wußte nicht, daß sie den Werth der kleinsten Gabe damit unendlich erhöhen könnte, oder, wenn sie es auch wußte, so war ihr Charakter zu diesen Tugenden nicht fähig. Und dennoch vermochte diese Frau Anfangs, ehe ich sie näher kennen lernte, durch ihre reizende Freundlichkeit, die ich für Güte hielt, mein argloses Herz an sich zu ziehen, denn es hing zu fest an den süßen Glauben an allgemeinen Edelmuth, als daß ich ihn so leicht auf eine bloße Warnung hätte aufgeben können — und käme sie selbst aus dem Munde meines Lorenz.
Lorenz that diesen Menschen Unrecht, sagt' ich oft zu mir selbst. Auch die heftigste Tadelsucht kann an der Art, wie sie mit mir umgehn, nichts strafbares entdecken. Seine Liebe machte ihn besorgt, und gab seinen Schilderungen die schwarze Farbe der Gefahr, indeß die Wirklichkeit mir nur den Glanz der Freude zeigt. — Ich hatte Gelegenheit, ihn täglich einigemahl zu sprechen. Süße, unvergeßliche Stunden der vertraulichsten Liebe schwanden mir an seiner Seite dahin. — Einst sagt' ich ihm meine Meinung über seine ungegründete Furcht. Gott gebe, daß es so bleibt, antwortete er mit frohem Blick. Wir werden dann beide vielen Kummers überhoben seyn.
Drei Wochen war ich ohngefähr in Spillingen gewesen, als Lorenz eines Tages zu mir kam. Ich habe eine Bitte an Dich, sprach er. Wirst Du sie mir auch gewähren? — Fordere, was Du willst, versetzt' ich, ich thue Dir alles zu Gefallen. — Nun denn, so mache meiner Mutter einen Besuch. Ich wünschte, daß sie Dich kennen lernte, sie wird Dich denn gewiß auch lieben, und wir kommen unserer Vereinigung dadurch um manchen beschwerlichen Schritt näher. Freilich fühl' ich wohl mit innerm Schmerz, daß sie Dir nicht behagen kann und wird, — aber schone ihre Schwächen, Justine! sieh sanft über ihre Fehler hin, und denke: Sie trug Deinen Lorenz unter ihrem Herzen. Diese Vorstellung wird Deinem Betragen doch wenigstens einen Schein von der Achtung geben, die sie übrigens durch ihre Denkungsart Dir nicht einflößen kann.
Ich umarmte ihn. Ein süßer Aufruhr, vermengt mit zagender Angst, mit bangen Erwartungen, entstand in meinem Innern bei dem Gedanken, die Frau zu sehen, die meinem Geliebten das Leben gegeben. Ich hatte schon längst ihren Anblick gewünscht und gefürchtet. — O Lorenz, rief ich aus, sie ist Deine Mutter, und die heiligen Rechte, die ihr die Natur über Dich verlieh, sind Ursach genug für mich, sie zu lieben und zu ehren. Sieh, ich habe noch um keines Menschen Neigung geworben, — aber alles was in meinen Kräften steht, will ich anwenden, um die ihrige zu erlangen, und es wird mir gelingen. Das Bestreben, Liebe zu gewinnen, kann nicht mißfallen, wenn es aus einem reinen, redlichen Herzen kömmt.
Gerührt sah Lorenz mich an, — in sein ernstes, großes Auge traten Thränen. Gutes Mädchen! sagte er mit inniger Empfindung, Deine Unschuld und Deine anspruchslose, stille Güte muß jeden, der Dich sieht, unwiderstehlich für Dich einnehmen. Laß mich die süße Hoffnung nähren, daß auch meine Mutter gerecht gegen Dich seyn werde. Wäre sie es nicht, — er drückte heftig meine Hand an seine schlagende Brust; seine Thränen verlohren sich, — sein sonst so ruhiger Blick fing an zu flammen; — wäre sie es nicht, — o Justine! ich würde die Seligkeit, Dich zu besitzen, dann freilich nicht so ungetrübt und lauter genießen, als wenn der Segen meiner Eltern auf unserm Bündniß ruhte, aber ich würde sie dennoch mit allem erkaufen, was mir ehedem theuer war, denn ich fühl' es, ich kann ohne Dich nicht glücklich seyn, und nicht wahr, auch Du kannst es nicht ohne mich? — Ich fühle mein Wesen so fest, so unauflöslich an das Deinige gekettet, daß mich nichts mehr von Dir scheiden kann. Nur, wenn ich mich in Deinem Herzen betrogen hätte, — wenn die Erfahrung mir lehrte, daß Du meiner Achtung nicht werth wärst, nur dann könnte ich von Dir lassen, — nur dann würde ich meine Liebe den Pflichten des Gehorsams aufopfern, die ich meinen Eltern schuldig bin, aber um den Frieden meines Gemüths, um das Glück meines Lebens wäre es auf immer geschehn. Doch das wird nie geschehen! — Du siehst, und ich schwör' es Dir von neuem, daß mich nichts von Dir zu trennen vermag, als eine Unmöglichkeit, die ich nicht einmahl fürchte, und die ich nur als Schatten neben dem Bilde voll Licht und Freude aufstelle, das mir entgegen lacht, um durch den Contrast mein Glück desto lebhafter zu empfinden.
Ich bin vielleicht zu weitläuftig, unterbrach Justine ihre Erzählung, aber Sie müssen mir vergeben. Es ist so süß schöner Stunden zu gedenken, auch wenn sie auf ewig verlohren sind, und mein nur allzu treues Gedächtniß ruft sie mir mit den kleinsten Umständen zurück, daß ich mich gern der Erinnerung überlasse, die mich in die Vergangenheit zurückführt. Auch werde ich nun kürzer seyn. — Den angenehmsten Theil meines Lebens habe ich Ihnen bereits geschildert, — — nur mit Thränen und Entsetzen kann ich bei den Auftritten verweilen, die ihm folgten, darum werde ich so schnell als möglich über sie hineilen.
Mein Besuch bei der Verwalterin war der Anfang meiner Leiden. Ich ging mit einem Herzen zu ihr, das so bereitwillig war, sie kindlich zu verehren, daß es ihres ganzen Hochmuths, den sie mich fühlen ließ, ihrer ganzen niedrigen Denkungsart, die sie mir verrieth, bedurfte, um sich mit Widerwillen von ihr zu entfernen. Es hatte ihren Stolz beleidigt, daß ich als ein neuer Ankömmling in Spillingen, erst in der dritten Woche einen Besuch abstattete, der, wie sie dünkte, einer Frau von ihrem Ansehn schon in den ersten Tagen gehörte. Alle die Kammerjungfern, die vor mir hier gewesen waren, hatten ihr kein solches Beispiel von Geringschätzung und Unhöflichkeit gegeben. Überdieß war ihr auch die Herzlichkeit aufgefallen, mit der Lorenz meiner gedacht hatte, und die sich sehr von den Lobsprüchen unterschied, die er Lorchen gab. Der Argwohn schärfte ihren Blick, und um das Einverständniß unserer Liebe zu errathen, brauchte ihr Auge nicht einmahl so hell zu seyn, wie es wirklich war. Lorenz und ich haßten die Verstellung, und sie mißlang uns selbst da, wo sie nöthig war. Unserer unbefangenen Offenheit entschlüpfte mancher Ausdruck, der unser Geheimniß enthüllte, statt es zu verbergen, und mich dünkt, eine Liebe, die sich so zu verstecken weiß, daß man ihr Daseyn nicht einmahl ahndet, kann unmöglich so wahr und so innig seyn, wie die unsrige war.
Lorenz bemerkte die verächtliche Kälte wohl, mit der seine Mutter mich aufnahm. Ich sah ihn leiden, ich fühlte die Feinheit, mit der er ihren gemeinen, beleidigenden Äusserungen eine andere Wendung zu geben suchte, und das Herz blutete mir. Die Wehmuth, die ich empfand, mich so abstoßend behandelt zu sehen, ließ mich meine gereizte Empfindlichkeit beherrschen, und nach einer höchst abschreckenden, unfreundlichen Begegnung von Seiten der Verwalterin trennte ich mich dennoch von ihr mit Höflichkeit.
Lorenz wollte mit mir nach dem Schlosse zurückgehn, aber ich nahm seine Begleitung nicht an, um die üble Laune seiner Mutter nicht noch mehr zu erregen, da sie, wie ich mir nicht verhehlen konnte, auf unsere Liebe mit einem sehr ungünstigen Auge sah. Als ich in meine Kammer trat, warf ich mich aufs Bett, um recht herzlich zu weinen. Ach noch vor zwei Stunden war ich um eine schöne Hoffnung reicher gewesen — bitter hatte sie mich getäuscht. — Jetzt lag nur eine kummervolle Aussicht vor mir, die Aussicht mit der Abneigung seiner Mutter kämpfen zu müssen, um glücklich zu seyn, und wie mißlich war dieser Kampf, da mein eigenes Selbstgefühl mich abhielt, ihn zu wagen.
Es klopfte leise an meiner Thür. Ich glaubte, es sei Lorenz, und trocknete schnell meine Thränen. Als ich die Thür öffnete, stand der Kammerherr vor mir.
So allein, mein Kind? sagte er, indem er hereintrat, und wenn ich nicht irre, so hast Du geweint? — Was ist Dir, Justine? ich will doch nicht hoffen, daß Dir jemand im Hause Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben hat?
Ich war verlegen, daß mein Kummer einen andern Zeugen hatte, als den, um den ich ihn litt, und wußte seiner Frage weder auszuweichen, noch sie zu beantworten.
Rede freimüthig, fuhr er fort, Du sprichst mit einem Freunde, der warmen Antheil an Dir nimmt, und dem Du ganz offen den Gram und die Sorgen Deines Herzens entdecken kannst. Hat Dich jemand beleidigt? ist Dir sonst etwas unangenehmes widerfahren? — O reiß mich aus der Unruh, in der ich Deinetwegen bin, und sei versichert, daß ich Dein Zutrauen verdiene.
Dies alles sagte er mit einer sanften Stimme, wie ungeheuchelte Theilnahme zu sprechen pflegt; — selbst den widerlichen Ausdruck, den seine Augen gewöhnlich hatten, wußte er zu beherrschen, ob er sie gleich fest und forschend auf mich heftete. Durch sein untadelhaftes Betragen gegen mich während meines Aufenthalts in Spillingen war der Argwohn so ziemlich in mir verlöscht, den sein erster Anblick unwillkührlich in mir erregte. Die Gewohnheit, ihn täglich zu sehn, hatte seinen Zügen das Auffallende benommen, das mich bei unserer ersten Bekanntschaft mit einem heimlichen Schauder von ihm zurückstieß, und weit entfernt, mir die feindseelige Bedeutung, die in ihnen lag, auf Kosten seines Charakters zu erklären, hielt ich sie bloß für ein Spiel der Natur zum Nachtheil seiner Gestalt.
Indessen, so sehr auch meine Brust das dringende Bedürfniß fühlte, ihren Kummer mitzutheilen, um sich zu erleichtern, so wagt' ich doch nicht, mein schüchternes Schweigen zu brechen, weil ich nicht wußte, ob Lorenz meine Offenherzigkeit billigen würde. Der Kammerherr blickte mich unverwandt an, — seine ernste Miene verlohr sich endlich in ein gütiges Lächeln. So willst Du mir denn nichts gestehen, sagte er, indem er meine Wange streichelte, über welche noch immer Thränen herabflossen. Ich muß mich also wohl aufs Rathen legen. Glaube mir, Justine, ich kenne das menschliche Herz und seine Regungen, — und wenn dieß auch nicht wäre, — diese lieben Augen, die der Spiegel Deiner Seele sind, verrathen Dein Geheimniß nur allzu deutlich, selbst wenn Deine Lippen schweigen. Du liebst, ist es nicht wahr, Justine? — Du liebst meinen Jäger?
Ich antwortete nicht, aber ich weinte heftiger. Ach die Liebe möchte ihren Kummer gern der ganzen Welt verbergen, und doch ist sie nur allzubereit, ihn zu enthüllen, wenn ein ahndender Blick in ihr Inneres dringt, und eine theilnehmende Frage, nach ihrem Zustande forscht. Der Kammerherr führte mich freundlich zu einem Stuhl, und ließ mich setzen, da ich von Betrübniß ganz erschöpft war.
Gutes Mädchen! fuhr er fort. Die Empfindungen Deines Herzens waren mir längst klar, und jetzt muthmaße ich auch die Ursach Deiner Thränen. Du kommst von der Verwalterin — mütterlich, glaubtest Du, würde sie Dich empfangen, und die stolze, thörichte Frau, die sich nur von einem vollen Kasten das Glück ihres Sohns verspricht, ließ Dir ihre ganze Albernheit fühlen. Ist es nicht so, meine Liebe? — Ich bejahte es durch Zeichen, denn ich war unvermögend, zu sprechen.
Beruhige Dich, nahm er das Wort auf's neue. Noch sind Deine Aussichten so trübe nicht, wie Du vielleicht denkst, und meine Verwendung bringt Dich am schnellsten und sichersten zum Ziel Deiner Wünsche, wenn Du sie annehmen willst.
Die Allgewalt der Freude ergriff mich. Mit der Hoffnung fand ich die Sprache wieder. — Ob ich will? rief ich aus, o gnädiger Herr, wie kann ich jemahls Ihre Güte vergelten? Ich läugne es nicht, mein ganzes Herz hängt an Lorenz, und die Unfreundlichkeit seiner Mutter hat es zerrissen, weil sie die Wahrscheinlichkeit vernichtete, mit ihrer Einwilligung dereinst die Seinige zu werden. Wenn Sie Sich unserer annehmen — ach Gott! lohnen können wir es Ihnen nicht, aber als unsern Schutzgeist werden wir Sie ewig verehren, und lebenslang will ich für Ihr Glück und Ihre Wohlfahrt mit dem dankbarsten Herzen zum Himmel beten! — Ich fiel vor ihm nieder und umfaßte seine Kniee. Die Erkenntlichkeit, die ich für ihn fühlte, umgab ihn mit der Glorie eines Engels für mich. —
Hier hast Du meine Hand, versetzte der Kammerherr lächelnd, ehe ein halbes Jahr vergeht, bist Du Lorenzens Frau; freilich nur unter einer Bedingung — aber diese ist zu billig, und Du bist viel zu klug, als daß Du sie nicht gern erfüllen solltest.
Bestürzt sah ich ihn an. In seinen Ton mischte sich auf einmahl so etwas schneidendes — und in seinen Blicken brannte plötzlich ein so düstres arglistiges Feuer, daß sich mein alter längst entschlummerter Argwohn leise aber schrecklich wie ein Gespenst der Mitternacht wieder hervor stahl. Und was ist das für eine Bedingung? fragt' ich bebend. Ich denke, sie soll Dir nicht schwer fallen, sagt' er grinzend. Sie besteht darin: daß Du mich liebst.
Diese Worte, der Ausdruck mit dem er sie sprach, und die Miene mit der er sie begleitete, jagten einen Fieberfrost durch meine Glieder.
Mir ahndete nichts Gutes, doch sah ich wohl ein, daß meine Lage eher schlimmer als besser werden könnte, wenn ich die Angst verriethe, die mein Innres beklemmte, darum sucht' ich sie zu verbergen, und that, als hätte ich ihn nicht verstanden, wiewohl sein verhaßtes, brennendes Auge selbst meiner Unerfahrenheit keinen Zweifel mehr übrig ließ.
Ja, ich werde Sie lieben, antwortete ich zitternd, als meinen Wohlthäter, als den Schöpfer meines Glücks. — Mehr verlangen Sie gewiß nicht von einem armen Mädchen, deren Wesen Sie genau genug erforscht haben, um zu wissen, daß Lorenz ihr Eins und ihr Alles ist.
Kleine Närrin! erwiederte er, ich will auch Lorenzen keineswegs Deinen Besitz streitig machen. Warum siehst Du mich so zaghaft an? — Verliehre nicht das Vertrauen zu mir. Ich verspreche Dir feierlich, Du sollst Deinen Geliebten haben; aber da unsere beiderseitige Glückseligkeit recht wohl neben einander bestehen kann — warum wolltest Du mir da wohl Grillen in den Weg legen, die unter vernünftigen Leuten längst aus der Mode gekommen sind, und die nur Dir selbst schaden, indem sie die Erfüllung Deines Lieblingswunsches weiter hinausschieben, als nöthig ist? — Ich schaffe Lorenzen einen Dienst, der Euch beide anständig ernährt — ich bewege die Mutter zur Einwilligung — Dir gebe ich eine artige Aussteuer — — kann ich mehr thun, Dir meine Neigung zu beweisen, und wolltest Du wirklich so grausam seyn, sie mit nichts als Deinem Gebet zu belohnen? —
Länger konnte ich meinen Unwillen nicht verhehlen. Ich habe geglaubt, sagt' ich bitter, daß Wohlthaten, die aus einem edlen Herzen kommen, auf weiter nichts Ansprüche machen dürften, als auf Dank. Sonst verliehren sie ja ihren höchsten Werth, den Werth der Uneigennützigkeit.
Du kennst den Lauf der Welt noch nicht, mein Kind, versetzte er höhnisch lächelnd. Niemand thut etwas umsonst, wie kannst Du von mir verlangen, daß ich für meine Mühe leer ausgehen soll, da mir Deine Liebenswürdigkeit eine so reiche Vergeltung anbietet? — Du besinnst Dich noch eines Bessern, ich gebe Dir Bedenkzeit. Ich habe mir wohl eingebildet, daß ich Hindernisse bei Dir antreffen würde; indessen denke ich sie zu bekämpfen. Schwierigkeiten erhöhen den Reiz der Liebe, und die Früchte, die langsam reifen, sind am süßesten. Du wirst schon einen Entschluß fassen, der Deiner Vernunft Ehre macht, wenn Du überlegst, welch' einen Ausgang Deine Liebschaft nehmen könnte, wenn Du mich zum Feinde bekämest — und das wäre ja unvermeidlich, wenn Du meiner heißen innigen Zärtlichkeit das Afterbild jener lächerlichen Tugend vorziehen wolltest, die man Dir einprägte, wie man Kinder mit dem Knecht Ruprecht zu fürchten macht, und die jetzt der gebildetere Theil der Menschen nur für das, was sie ist, für einen abergläubigen Wahn erklärt, den frömmelnde Matronen ergreifen, wenn die Jugendfreuden an ihnen vorübergeeilt sind.
Mein Abscheu brach gewaltsam hervor — kaum konnt' ich seine erste Heftigkeit mäßigen. Ist Ihnen, sagt' ich verächtlich, der Gedanke nicht Belohnung genug, zwei gute Menschen glücklich gemacht zu haben, so kann ich Ihre Verwendung nicht annehmen. Lieber will ich unglücklich seyn, als die Grundsätze verläugnen, die mir unverbrüchliche Treue zum heiligsten Gesetz der Liebe machen.
Lorenz hat Dich wohl schon mit seinen Schwärmereien angesteckt, unterbrach mich der Kammerherr. Bedenke alles recht genau — nur in Deiner eignen Hand steht das Glück oder Unglück Deines Lebens. In einigen Tagen sprechen wir uns wieder. Eher will ich keine Maßregeln treffen, und ich schmeichle mir, Dein Betragen wird mich niemahls nöthigen, welche zu ergreifen, die Deinen Wünschen entgegen sind. Ich befehle Dir Verschwiegenheit gegen Jedermann, selbst gegen Lorenz — überhaupt, setzte er lachend hinzu, soll und muß für ihn alles ein Geheimniß bleiben, was zwischen uns vorfällt.
Mit diesen Worten ging er fort, und ließ mich in einer größern Hoffnungslosigkeit zurück, als er mich angetroffen hatte. Ich überlegte mein Schicksal — ich betrachtete es von allen Seiten, aber ich konnte keine finden, die nur einigermaßen freundlich war. Das stille Wohnhaus meiner Eltern allein trat wie der einzige Ruhepunkt, der mir übrig blieb, vor die Blicke meines Geistes, die sich übrigens in die Zukunft wie in eine dunkle Nacht verlohren. Dort, rief ich mit stürmischer Wehmuth, und richtete mein nasses Auge nach der Gegend, wo Mühlberg lag, dort in meiner friedlichen Einsamkeit war ich glücklich! O warum mußte ich sie verlassen! — Doch nach und nach verlohr mein Schmerz seine erste Heftigkeit, und mein Unmuth wurde milder. Leiden, sagt' ich zu mir selbst, sind der Probierstein des menschlichen Herzens. O Lorenz — das Schicksal kann alle Freuden, alle Hoffnungen meines Lebens vernichten, nur meine Liebe und meine Tugend nicht. Weg mit aller Bangigkeit! — Menschen können unsern Bund zwar erschweren, aber doch nicht trennen; denn unsre Seelen haben ihn geschlossen, und wahre Liebe trotzt der Ewigkeit. Ach ich wäre Deines Herzens nicht werth, Geliebter! wenn die kummervollen Stunden, denen ich entgegen sehe, meinen Muth und meine Festigkeit erschüttern könnten.
Wäre Lorenz in diesem Augenblick zu mir gekommen, hätte der Druck seiner Hand mir gleiche Ausdauer, der Blick seines Auges gleiche Liebe gelobt, so wären die Funken meiner stolzen Zuversicht, die in mir glimmten, hell und kräftig zur Flamme emporgelodert. Aber sein Wegbleiben in einer Stunde, wo seine Gegenwart und sein Trost mir so nothwendig war, ließ sie nach und nach wieder verlöschen, und ich sank in meinen vorigen Kleinmuth zurück. Es wurde Abend, und er kam noch nicht; — nun wagt' ich es, mit leisen Fragen nach ihm zu spähen, und erfuhr, daß ihn der Kammerherr in dringenden Geschäften nach der Residenz geschickt hatte.
Die Absicht des Bösewichts war mir klar. Er wollte Lorenzen entfernen, um eine vertrauliche Unterredung zwischen uns zu verhüten, denn er traute meiner Verschwiegenheit nicht, und wenn er auch kühn genug war, der wehrlosen Unschuld gegenüber sich in seiner ganzen Nichtswürdigkeit zu zeigen, so fürchtete er doch den festen, verachtenden, strafenden Blick des ehrliebenden Mannes, der, wenn Lorenz ihn auf ihn heftete, ihn immer mit einer Art Scheu antrieb, die Plane der Verführung zu verbergen, mit denen sich sein Geist beschäftigte.
Als ich die gnädige Frau des Abends ausgekleidet hatte, hielt sie mich mit einem spöttischen Lächeln vom Weggehn ab. Nun, Du kleiner Tugendspiegel, sagte sie, Du bist wohl recht stolz auf den Sieg, den Du Dir einbildest, erfochten zu haben? Wenn ich Dir aber freundschaftlich rathen soll, so spanne die Saiten nicht höher. Mein Mann ist des Widerstands ungewohnt, und kann ihn nicht vertragen. Du könntest Dich leicht durch Deine Sprödigkeit zeitlebens unglücklich machen. Gieb ihm nach, das ist das beste Mittel, ihn bald los zu werden. Ich stehe Dir dafür, in einigen Wochen ist er Deiner so müde, daß er Dich keines Blicks mehr würdigt, und dann kannst Du ja ganz ungestört für Deinen Lorenz leben. Er giebt Dir eine anständige Aussteuer, und auch ich will gern etwas dazu beitragen, nur mache, daß er beßrer Laune wird; denn wer kann die verdrießlichen Gesichter aushalten, mit denen er seit einen Paar Stunden im Hause herum tobt, und die die einzige Antwort sind, die ich auf meine lustigsten Vorschläge erhalte.
Wie, gnädige Frau, versetzt' ich, Sie können im Ernst verlangen, daß ich meine Ehre aufopfern soll, um den Verdruß zu verscheuchen, den Ihr Gemahl darüber empfindet, daß ich besser denke, als Er? — O Ihr Vornehmen, rief ich dann halb außer mir mit immer steigender Hitze, ist Euch denn die Armuth so wenig heilig, daß Ihr mit kalter Gleichgültigkeit das Einzige zu zertrümmern strebt, was sie so oft vor Euch voraus hat, das stille Glück, das in dem Bewußtseyn reiner Tugend liegt? — —
Nun, nun, nur gemach, meine schöne Romanenheldin! unterbrach sie mich mit zornigen Blicken. Wer nicht hören will, muß fühlen. — Ich denke, mein Mann hat noch ganz andre Mittel in den Händen, Dich zahm zu machen, als meine Vorstellungen, die ich nicht bei Dir verschwenden will.
Damit drehte sie sich von mir weg, und hieß mich gehen. — Die Einsamkeit meiner stillen Kammer umfing mich mit allen Schauern der Dunkelheit, und begünstigte die Schwermuth meines Herzens. Ach, Lorenz, Du hast doch Recht gehabt, seufzte ich, als Du mir diese Menschen schildertest, und mein argloser Sinn Dich der Übertreibung beschuldigte. — Ich fühlte deutlich, daß mir nichts mehr übrig war, als nach meiner Heimath zurück zu gehn, und ich beschloß, es so bald zu thun, als möglich. Nur wollt' ich erst Lorenzens Wiederkunft abwarten, um seine Meinung und seinen Rath zu hören. Bis dahin betete ich zu Gott um Geduld und Muth, und endlich kehrte Ruhe, — wenigstens ein Schimmer, der ihr glich, in meine Seele zurück.
Die nächsten beiden Tage vergingen, ohne daß sich etwas zutrug, was mich von neuem hätte ängstigen können. Wenn mir der Kammerherr zufälligerweise begegnete, so waren seine Blicke so kalt und gleichgültig, daß ich höchstens nur seinen Unwillen, nicht eine Spur von Liebe in ihnen finden konnte, und ich freute mich darüber, ob ich gleich dem Entschluß treu blieb, zu meinen Eltern zurück zu gehn, und mir in dieser Rücksicht sein Zorn eben so ohnmächtig wie seine Zärtlichkeit schien. Wie groß war daher mein Schrecken, als ich den nächsten Abend, da ich schon im ruhigen Schlummer in meinem verschlossenen Stübchen lag, durch das Geräusch eines Kommenden geweckt wurde. Ich fuhr bestürzt auf, und suchte mich anzukleiden, als ich eine Bewegung an der Thür vernahm, und einen Lichtstrahl, der durch das Schlüsselloch fiel, über den finstern Boden zittern sah. Endlich ging die Thür auf, — eine männliche Gestalt in einen Mantel gehüllt, trat mit einer Blendlaterne herein, und zog den Hauptschlüssel aus dem Schloße. Ich erstarrte, denn es war der Kammerherr. —
Nun, Justine! ich komm Deinen Entschluß zu vernehmen, redete er mich an.
In dieser Stunde? — rief ich entrüstet. Sie ist der Liebe am günstigsten, versetzte er. Keine Zierereien mehr! Du mußt mein seyn, ich habe mir es zu geschworen. Er näherte sich mir, und wollte mich in seine Arme schließen. — Ein leichtes Zittern durchflog mich doch nur für einige Momente, — mit allen Kräften, die mir der Abscheu gab, stieß ich ihn zurück. Elender, verworfener Mensch! rief ich, glaubst Du, daß Deine Drohungen, die Schauder der Nacht und das Alleinseyn mit Dir mich schrecken? — Nein, Bösewicht, ich trotze Deiner Gewalt. Er umfaßte mich aufs Neue, aber ich riß mich los, und stürzte zum Fenster, um Hülfe zu rufen. Er hielt mir den Mund, — ich fühlte seine Hand beben, und der Gedanke, daß das Laster fast immer feigherzig ist, erhöhte meinen Muth.
Er schleppte mich in die Mitte des Zimmers. Mädchen, sagte er, sei keine Närrin, ich bitte Dich darum. Bei dem kleinsten Lärm, den Du machst, bist Du verlohren. Giebst Du mir aber nach, so schwör ich Dir bei allen Heiligen, ich will nicht eher ruhen, bis ich Dein Glück vollendet, und Dich mit Lorenz verbunden habe. Beharrst Du aber bei Deiner Thorheit, so betheure ich Dir, daß ich nicht mehr die Stimme der Menschlichkeit, nur die der Rache hören werde. Dein ganzes übriges Leben soll dann der Reue und der Thränen über das Schicksal geweiht seyn, das ich Dir bereiten will. —
Seine Worte machten keinen Eindruck auf mich. Ich konnte nicht mehr zittern vor dem Mann, den ich so tief verachtete, — nur die leichten Bebungen des Zorns, nicht der Angst, durchschauerten meinen Busen. Mein Herz und meine Tugend erhoben mich so weit über ihn, daß ich seine Drohungen verlachen konnte. Ungeheuer! antwortete ich, denkst Du, daß ich selbst meine liebsten Wünsche um einen so niedrigen Preis erkaufen möchte? Nein und wenn Lorenz nie der Meinige würde, — — ich lieb' ihn über alles, — ich würde höchst elend ohne ihn seyn, — dennoch würd' ich seinem Besitz freiwillig entsagen, wenn ihn mir nur das Laster verschaffen könnte. — Er biß die Zähne zusammen, und lachte gräßlich. Nun denn, Unglückliche, sagte er, ich habe Dich gewarnt. So werde denn das Opfer Deiner Dummheit und Deines Starrsinns. Es wird noch manche Stunde in Deinem künftigen Leben kommen, wo Du bedauern wirst, diesen Augenblick verlohren zu haben. Deine Verzweiflung soll mein Triumph seyn! — Er verließ mich mit dem fürchterlichen Schwur, mich zu verderben.
Daß ich den Rest jener Nacht schlaflos und unruhig hinbrachte, ist wohl natürlich. Zwar traute ich mir Entschlossenheit genug zu, im entscheidendsten Falle lieber den Tod, als den Verlust meiner Tugend zu wählen, — zwar gaukelte die süße Hoffnung mir vor, daß dieß vielleicht die letzte Prüfung des Schicksals gewesen sei, mit deren Ende die Rosenzeit meiner Liebe ungetrübt und lachend von neuem beginnen werde, — zwar sicherte mich der Vorsatz, der durch diesen nächtlichen Überfall in mir entstanden war, selbst ohne Lorenzens Zurückkunft abzuwarten, in die Arme meiner Eltern zu fliehen, vor den fernern Verfolgungen des Kammerherrn, aber dessen ungeachtet verdrängten finstre Ahndungen schnell jeden Strahl des Trostes, der in meine Seele fiel, und mit heißen Thränen begrüßte ich das anbrechende Morgenroth. Sein milder Schimmer schien mir zur Flucht zu winken. — Ich packte einen Theil meiner Wäsche und meiner Kleider in ein Tuch, um es mit mir zu nehmen, weil ich befürchtete, der Kammerherr werde sehr saumselig seyn, mir meine Sachen nachzuschicken, — dann ging ich in die Garderobe der gnädigen Frau, die ich unter meiner Aufsicht hatte, und brachte alles sorgfältig in Ordnung. Es war noch sehr früh, — ich glaubte Jedermann in tiefem Schlaf begraben, und wollte die herrschende Stille benutzen, um unbemerkt zu entkommen. Als ich die Thür der Garderobe leise und vorsichtig verschloß, hört' ich jemand gehen; — es war Wolf, ein Bedienter, der aus den Zimmern des Kammerherrn kam. Ich konnte es nicht vermeiden, ihm zu begegnen. Bestürzt, daß schon ausser mir jemand wach war, ging ich ihm vorüber. In seinem Gesicht mahlte sich Verwunderung, mich zu einer so ungewöhnlichen Stunde zu treffen. Neugierig und kopfschüttelnd sah er mir nach bis Ende der Gallerie; — ich glaubte, daß ich keine Zeit mehr zu verliehren hätte, flog in meine Kammer, und eilte dann wie ein gejagtes Reh mit meinem Päckchen davon.
Als ich durch die Hinterthür des Hauses in den Garten, und von da in einen Seitenweg trat, der mich in sanften Krümmungen die waldigte Anhöhe hinab führte, da wurde meine Brust leichter, und mir war, als sei ich nun allen Gefahren entschlüpft, die mir drohten. Mit weiten frohen Athemzügen trank ich die kühle Morgenluft in mich, und mein glühendes inniges Gebet stieg mit dem Gesang der Lerche, die sich von einem Waizenfelde trillernd erhob, zum Geber alles Guten empor.
Schon hatte ich den Spillinger Wald so weit hinter mir, daß ich nur leise und unterbrochen den Schlag einer späten Nachtigall noch vernahm, die ihn bewohnte, — meine Einbildungskraft trug mich weiter, wie meine Augen, und zeigte mir Mühlberg, als das Ziel meiner Wanderschaft lachend von Ferne mit all' dem stillen Frieden, den ich mir von seinem Wiedersehn versprach. Ich wurde heiter, — im Grase blitzte noch der Thau, und die warmen belebenden Strahlen der Sonne weckten all' die schlummernden Insekten und Würmchen zum Genuß des neuen schönen Tags, der so freundlich über uns aufgegangen war. Ich dachte an Lorenz. Liebend hätt' ich bei seinem Andenken die ganze kleine summende und schwirrende Welt umfassen mögen, die zu meinen Füßen im Sonnenschein sich freute, — ich fühlte mich vertraut mit dem regen Leben der Natur, daß so tausendfache kleine Gestalten in froher Thätigkeit bewegte. Ach kalt und gefühllos geht das leere Herz an allen Gegenständen vorüber, die es nicht mittelbar betreffen. Nur die Liebe haucht mit süßem Zauber jenes reiche Wohlwollen in die Brust, mit dem wir auch das gleichgültigste Geschöpf als ein fühlendes Wesen betrachten: nur die Liebe knüpft uns mit den zarten Banden eines allgemeinen Antheils an alles, was uns umgiebt, weil sie den Kreis unserer Empfindungen erweitert und verfeinert.