Front matter (continued 2)
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Ich mochte ohngefähr eine Meile gegangen seyn, als mein Weg sich theilte. Ich war der Straße nicht kundig, die nach meiner Heimath führte, denn ich hatte Mühlberg zum erstenmahl in meinem Leben verlassen, als ich nach Spillingen zog, und damahls beschäftigten mich so viele ernste Gedanken an die Zukunft, daß ich achtlos mich der Leitung des Kutschers überließ, der mich abholte. Ich konnte zwar nicht irren, denn ich hatte den Himmelsstrich immer vor Augen, unter dem das geliebte Ziel meiner Reise lag, aber dennoch wünschte ich irgend einem Landmann zu begegnen, um zu erfahren, welcher von den beiden Wegen am nähesten und sichersten sei. Indem ich so einen Augenblick stehen blieb, und mich umsah, wurde ich in weiter Entfernung eine große Staubwolke gewahr, die sich sehr lebhaft bewegte. Der Gedanke, daß sie von Spillingen kam, machte mir einige Unruh, doch glaubte ich nicht eher, daß man es der Mühe werth finden würde, mir nachzusetzen, bis ich die Scharlachuniform des Kammerherrn deutlich von seinen übrigen Begleitern unterscheiden konnte. Eine namenlose dunkle Angst bemächtigte sich nun auf einmahl meiner. Das Zittern, das mich überfiel, war beinahe convulsivisch. Ich wollte mich verbergen, — umsonst! Da war kein schützendes Gesträuch, keine gefällige Anhöhe, die mich den Blicken meiner Verfolger hätte entziehen können. Endlich wurde ich einen kleinen trockenen Graben gewahr, der seitwärts die halb aufgeschossenen Kornfelder theilte. Brombeerenranken und Nesseln warfen ihren kurzen Schatten darüber, — ich besann mich nicht lange, und warf mein Bündel hinein. Eben wollte ich ihm folgen, als mich die donnernde Stimme des Kammerherrn ereilte, der im Gallop herangesprengt kam.
Justine hielt hier einige Augenblicke inne. Ihre Nerven waren in sichtlicher Spannung, ihre Lippen erblaßten und fingen an, zu zittern. Endlich fuhr sie fort:
Seine erste Anrede, die sehr heftig war, ging für mich verlohren, denn ich befand mich in einer Betäubung, die mir weder zu hören noch zu sprechen vergönnte. Als ich ein wenig zu mir selbst kam, erfuhr ich, daß man mich während meiner heimlichen Entweichung im Verdacht eines Diebstahls habe. Wolf hatte mich in einer so frühen Stunde aus der Garderobe der gnädigen Frau kommen sehn; — meine Bestürzung war ihm aufgefallen, er hatte mich belauscht. Kurz nachher sah er mich mit einem Päckchen unter dem Arm leise und vorsichtig durch die Gartenthür schlüpfen, — nun war in seinen Augen nichts gewisser, als daß ein Verbrechen mich jagte. Er ging wieder in die Zimmer des Kammerherrn, in die ihn, als er mir begegnete, die Unruh über einen begangenen Fehler in der Bedienung getrieben hatte, den er verbessern wollte, ehe der Herr erwachte, weil er ihn streng zu ahnden pflegte. Noch schlief er, und so scharf es auch verboten war, ihn im Schlaf zu stören, so glaubte er doch, daß ein so verdächtiger Fall seine Kühnheit entschuldigen werde. Er weckte ihn also, und theilte ihm seine Muthmaßungen mit. Ich bin überzeugt, daß der Kammerherr in seinem Herzen gleich im ersten Augenblick mich von dem Verdacht eines Diebstahls frei sprach, indessen kam ihm Wolfs Vermuthung doch erwünscht, da die Rache, die er mir gelobt hatte, vielleicht noch planlos war, und hier am ersten Gelegenheit fand. Eilig ließ er satteln, eilig traf er die Maaßregeln, die zu meinem Verderben nöthig waren, und mit all' der Schadenfreude, die ihm sein Bubenstück schon machte, ehe es gelungen war, sprengte er dahin. Er rechnete auf eine Menge ihm günstiger Umstände, die seiner Beschuldigung wenigstens einen Anstrich von Wahrscheinlichkeit gaben. Wolfs Aussage, mein Schrecken, als ich mich eingeholt sah, die Angst, mit der ich mein Päckchen in den Graben geworfen hatte, gleichsam als ob das böse Gewissen mir rieth, es zu verstecken, — alles dieß und das starre Schweigen, mit dem ich mich des Diebstahls anklagen hörte, hätte vielleicht auch einen unbefangenen Menschen wider mich eingenommen. Ach niemand konnte ja in mein geängstetes Herz sehen, als Gott! und Gott thut keine Wunder. Niemand hatte Mitleid mit der Dumpfheit meiner Sinne, in der ich fühllos wie eine Bildsäule da stand, ohne mich zu vertheidigen. Man zog meinen Reisebündel hervor, und brachte es dem Kammerherrn zur Untersuchung. Ich sah es ruhig an, — das Bewußtseyn meiner Unschuld goß wieder einen Strahl von Lebenswärme in mich, und die Überzeugung mich gerechtfertigt zu sehn, verscheuchte meine Betroffenheit. Als aber der Kammerherr mit dem Ausruf: O die Betrügerin! sich zu den Umstehenden wandte, die mich, indeß er suchte, sorgfältig gehütet hatten, — als er mit den flammenden Blicken der höchsten Wuth auf mich zukam, und mir ein Armband von Juweelen unter die Augen hielt, das seiner Gemahlin gehörte, und das er vorgab, unter meinen Sachen gefunden zu haben, — da ward es Nacht in meiner Seele, — alle Gegenstände schwankten um mich her, und eine tiefe Ohnmacht, in die ich fiel, breitete wenigstens für eine halbe Stunde einen mildernden Schleier über den endlosen Jammer, der mein Inneres zerriß.
O warum mußte ich wieder zu mir selbst kommen! — Schrecklich, wie mein Dahinsinken war auch mein Erwachen. Nicht einmahl der tröstende Wahn, daß ein schwerer Traum mich nur geängstigt habe, verminderte die Bitterkeit seines ersten Augenblicks, und mein Elend starrte mich in all' seiner gräßlichen Wahrheit an. Ach weg! weg! rief sie weinend, von dem Andenken jener fürchterlichen Stunde. Die Erinnerung an sie verwundet mich aufs neue, ob sie gleich noch nicht die schwerste meines Lebens ist.
Der Gerichtsdiener, der den Kammerherrn begleitete, erhielt den Befehl, für mich zu haften. Man brachte einen Bauerwagen herbei, da ich mich vor Mattigkeit nicht auf den Füßen erhalten konnte. — Der Kammerherr ritt mit seinem Gefolge voraus, und langsam folgte ihm mein Fuhrwerk, das der Gerichtsdiener mit grimmigen Blicken bewachte.
So kamen wir wieder in Spillingen an. Mit dem Gefühl eines Vogels, der dem Käficht entschlüpft ist, hatte ich es am Morgen verlassen, — von der Ungerechtigkeit meines Schicksals und von unverdienter Schande beinahe vernichtet, sahe ich es wieder. Das Verbrechen, dessen man mich beschuldigte, war schon vor meiner Ankunft von dem Kammerherrn und von seinen Leuten auf dem Hofe verbreitet worden. Alles lief zusammen, um die ertappte Diebin zu sehn. Ein ganzer Zug von Kindern und gemeinem Volk aus dem Dorfe folgte mir, theils mit lauten Schmähreden, theils mit kranken Spott bis vor das Schloß, und die Verwalterin lehnte sich triumphirend weit zum Fenster ihrer Wohnung heraus, und schlug ein schallendes Gelächter auf, als sie mich erblickte. Nur ein mitleidiges Auge verbarg sich hinter die Gardinen ihres Zimmers, und weinte mir die sanften Thränen des Mitleids, — — es war Lorchen.
Man warf mich in einen feuchten Thurm der zum Gefängniß diente, und der selten von Missethätern und niemahls von Ungeziefer leer war. Als die eiserne Thür hinter mir zuschlug, war mir, als hätte sie mich auf ewig von jeder Lebensfreude geschieden. Ich fiel auf das nasse Stroh, das den Boden bedeckte, rang die Hände und schrie voll Verzweifelung: Ach! hätte man so mein Grab verschlossen! — Ich verlohr mein Bewußtseyn von neuem. Als ich mich erhohlte, sah ich den Gerichtsdiener neben mir stehn. Eine düster brennende Lampe, die an einer Kette hing, brach die schwarze Finsterniß meines Aufenthalts in eine schauerliche Dämmerung, die nicht weniger furchtbar war. Neben mir stand Wasser und Brod zu meiner Nahrung.
Ein Strom von Thränen stürzte aus meinen Augen. Ich streckte meine Arme bittend nach dem Gerichtsdiener aus, denn es war ja ein Mensch, und zwar ein Mensch, den ich nie beleidigt hatte. Aber durch sein Amt war er schon längst an Auftritte dieser Art gewöhnt — der immerwährende Anblick verworfener oder leidender Geschöpfe hatte sein Herz nach und nach mit einer eisernen Rinde überzogen. Mit kalter Unempfindlichkeit lachte er mir in's Gesicht und sagte: Nicht wahr, das ist ein kühles Nachtlager? Ja, wie man's treibt, so geht's! — Hierauf nöthigte er mich zu essen, und als mir dieß unmöglich war, löschte er brummend die Lampe wieder aus, und ging.
O wie lebhaft empfand ich in jenen einsamen nächtlichen Stunden trotz den mannichfaltigen Leiden meines Zustandes den Werth eines vorwurfsfreien Gewissens, und einer unbefleckten Tugend. Zwar that ich Verzicht auf jedes irdische Glück, das ich mir sonst von der Zukunft versprochen und erbeten hatte, aber in meiner Seele erklang wie eine reine Harmonie jene tröstende Stimme, die auch das Weh der bittersten Gefühle zu lindern vermag, die Stimme des Glaubens, daß wenigstens über den Sternen Vergeltung und Gerechtigkeit wohnt, die die verkannte Unschuld entschädigt. O wohl dem Unglücklichen, dem ein reines Gewissen bleibt! wohl ihm, wenn auch das Schicksal seinen herbsten Kelch ihm reicht. Der Kummer kann ihn niederbeugen, aber sein Bewußtseyn hebt ihn wieder empor; und wenn sein Blick auch von Thränen getrübt wird, so bleibt ihm doch die Aussicht in die Ewigkeit klar und hell, die den Schuldigen mit Grausen erfüllt.
Die vorige schlaflose Nacht, die ich gehabt hatte, und die Ermüdung des Körpers und des Geistes, die immer auf heftige Gemüthsbewegungen folgt, wiegte mich bald in einen Schlaf, der sanfter war, als man ihn wohl gewöhnlich in Gefängnissen zu schlummern pflegt.
Als ich erwachte, war der Morgen bereits angebrochen. Sein jugendlicher Schimmer stahl sich durch eine Ritze meines Kerkers, und weckte mich aus den Träumen einer bessern Welt zu dem schmerzlichen Gefühl der Gegenwart. Ach, Lorenz! was wirst du sagen, wenn du wiederkehrst? seufzte ich mit gerungenen Händen. — Kann ich, darf ich noch daran denken, dich jemahls zu besitzen? — Ach nein! — Die Unbescholtenheit meines Nahmens war ja nächst einem Herzen voll treuer Liebe das Wichtigste und Heiligste, was ich dir zubringen konnte. Ich bin beschimpft, wenn auch nicht vor Gott, doch in den Augen der Menschen, deren Meinung du ehren mußt. Nur dereinst in jenem Leben, wo das Verbrechen entlarvt und deine Justine gerechtfertigt seyn wird, nur da winkt mir Vereinigung mit dir! —
So sagt' ich, aber ich läugne nicht, daß sich allmählig und leise der Gedanke unter mein Selbstgespräch mischte: Warum soll ich unglücklich seyn, da ich tugendhaft war? — Kann ich mich denn nicht vertheidigen? — Warum soll ich meine Rechtfertigung erst von der Zukunft jenseits des Grabes hoffen, da sie auf Erden noch möglich ist, und da meine tadellosen Handlungen mir die kräftigsten Ansprüche auf sie geben? —
Süßer Wahn! Du kamest freundlich wie die lächelnde Gestalt der Hoffnung in die melancholische Abgeschiedenheit meines traurigen Behältnisses, und ich hielt dich fest, weil dein holdes Lächeln Balsam in meine blutenden Wunden goß. Ach ich wußte nicht, daß die Rache eines Wollüstigen unversöhnlich ist, bis sie ihren Gegenstand geopfert und zertreten hat — ich wußte nicht, daß in diesem Falle die Armuth — sei auch die reinste Tugend ihr Schild — in der Gewalt eines mächtigen Bösewichts sich nur sträubt, wie ein wehrloses Lamm in den Klauen des Wolfs, um zerrissen zu werden. Ich wußte es nicht, aber bald erfuhr ich's.
Man foderte mich vor den Kammerherrn. Ich trat mit all' dem Muth und Stolz, den mir mein Selbstgefühl gab, unter seine triumphirenden arglistigen Augen. Neben ihm saß seine Gemahlin und tändelte mit ihrem Schooßhunde. Das sämmtliche Hofgesinde schloß einen Kreis um ihn und mich.
Es herrschte eine feierliche Stille. Ich vernahm die Schläge meines pochenden Herzens — — der Gedanke, weswegen ich hier gleichsam vor Gericht stand, färbte meine Wangen mit dem brennenden Roth der unwilligen Beschämung, der gemißhandelten Ehrliebe.
Ei, ei! Du hast Deine Sachen dumm gemacht, redete mich die Kammerherrin an. Wenn Du denn doch einmahl stehlen wolltest, warum gerade ein Kleinod von so entschiedenem Werth, von einem Werth, den Du gar nicht einmahl zu schätzen verstehst? Tausend andre Dinge, die man weniger vermißt hätte, wären Dir nützlicher gewesen, und ihre Verantwortung würde Dir jetzt leichter seyn.
Ich habe nicht gestohlen! rief ich mit überwallendem Zorn. Nur die abscheulichste Bosheit, die schwärzeste Verläumdung kann mich eines Verbrechens beschuldigen, an das ich nie gedacht habe.
Das geht zu weit, unterbrach mich der Kammerherr. Vor allen diesen Zeugen — er wies auf Wolf und mehrere — hab' ich das Armband aus Deinen Kleidern gezogen, in die Du es listig verborgen hattest, und dessen ungeachtet bist Du so unverschämt, noch zu läugnen? Willst Du uns alle blind machen? — Schon Dein heimliches Entlaufen, Dein Schrecken, als man Dich ergriff, und die Ängstlichkeit mit der Du Dein Bündel über die Seite schafftest — schon dieß allein würde Dich verdammen, auch wenn ich den Beweis nicht in Händen hätte, der Dich vor aller Welt zur Diebin brandmarkt. Elendes Geschöpf! in Hinsicht Deiner Eltern will ich milder gegen Dich seyn, als die Gesetze des Landes, die Dir wenigstens das Spinnhaus auf Lebenslang zuerkennen würden. Jedermann zum Beispiel und zur Warnung sollst Du heute den ganzen Tag am Schandpfahl stehn; den Abend soll Dich der Gerichtsdiener mit Ruthen streichen, und über die Gränze von Spillingen bringen, die ich Dir bei ähnlicher Strafe verbiete, jemahls wieder zu betreten.
Pfui, lassen Sie das Ruthenstreichen nur weg, sagte die gnädige Frau mit einem Gesicht voll Abscheu, das aber nicht der kleinste Zug von Mitleiden verschönerte. Es ist genug, wenn sie am Schandpfahl der versammelten Menge beweißt, wieviel an der hochgepriesenen Tugend war, mit der sie so prahlte.
Auf ihr Zureden milderte der Kammerherr sein Urtheil. Überhaupt will ich zu ihrer Ehre glauben, daß sie nicht daran zweifelte, daß ich schuldig war. Der Kammerherr hatte das Armband zu sich gesteckt, um es unter meinen Sachen zu mischen, da meine unbesonnene Flucht den Verdacht eines Diebstahls einmahl erregt hatte, und dieser noch immer nicht hinlänglich war, mich ganz zu verderben, wenn der Beweis fehlte. Es gelang ihm. — Mit hämischem Triumph befriedigte er seine Rache, aber die Art und Weise, deren er sich bedient hatte, um dahin zu kommen, war doch zu schändlich, als daß er sie irgend einem Menschen hätte anvertrauen können, wär es auch seine eigene Gemahlin gewesen, vor der er übrigens eben nicht nöthig hatte, sich seiner Gesinnungen zu schämen, da sie so ziemlich übereinstimmend mit ihm dachte.
Vergeblich betheuerte ich unter Schwüren und Thränen die Falschheit seiner Anklage. Man überschrie, man mißhandelte mich, man schleppte mich fort. In der Mitte des Hofraums stand der sogenannte Schandpfahl, an dem Hausdiebe und ähnliche Verbrecher geschlossen wurden, um durch die damit verbundene Beschimpfung dem Pöbel, dessen Muthwillen sie Preis gegeben waren, ein warnendes Exempel zu seyn. In dumpfer Betäubung ließ ich alles mit mir machen, — es braußte vor meinen Ohren, ein schwarzer Flor, in dem alle Farben des Regenbogens spielten, schien vor meinen starren Augen zu schweben, — meine Gedanken mischten sich verworren unter einander, — ich wußte nicht, was um mich vorging.
Ach! diese Fühllosigkeit, — daß sie nimmer gewichen wäre! — Aber leider zerrann sie wie ein vergänglicher Nebel, gerade in dem Augenblick, wo ich ihrer am meisten bedurfte, um meine Sinne wider die härteste Minute meines Schicksals zu waffnen. Der donnernde Huf eines Rosses drang dumpf durch das lärmende Geschrei der Menge zu mir her. Eine schmerzliche Ahndung durchzuckte schneidend mein Inneres, — unwillkührlich schlug ich mein gesenktes Auge empor, — ach da erblickt' es Lorenzen, der so eben von seiner Reise zurückgekommen war. Blaß wie der Tod, mit hingeworfenem Zügel hing er auf dem Pferde, wie ein schauerliches Bild der Vernichtung. Erstarren, Wuth und Verzweiflung, seine Geliebte am Pranger zu sehn, mahlte sich auf seinem entstellten Gesicht. Krampfhaft zog sich meine Brust zusammen bei diesem Anblick, und ein Schrei des Jammers erstarb auf meiner Lippe, — — weiter kann ich nichts mehr von jener zermalmenden Stunde sagen, — immer dunkler wurde es vor meinen Blicken, — ich fühlte nur noch, daß ich niedersank. —
Das Rütteln eines Wagens, auf den man mich geworfen hatte, brachte mich nach einer langen Bewußtlosigkeit wieder zu mir selbst. Es fing schon an, Abend zu werden. — Die Sonne neigte sich zum Untergange, und ihr purpurrother Schimmer vergoldete Mühlbergs Thurm, der nur in einer geringen Entfernung von mir in dem Kranz der freundlichen Gebüsche lag, den ich nimmer hätte verlassen sollen. Mein zerrissenes Herz regte sich in der Fülle seiner Schmerzen bei dem Andenken meiner vorigen einfachen Glückseligkeit, und bei der Annäherung des erschütternden Wiedersehens, das mir bevorstand.
Ich konnte dem Ausbruch der Thränen nicht wehren, die mir die Verzweiflung erpreßte, und mein lautes Weinen, zog endlich die Aufmerksamkeit meines unempfindlichen Führers auf sich. Es war ein Bauer aus Spillingen. Der Gerichtsdiener hatte mich ihm ohnmächtig überliefert, mit dem Befehl, mich meinen Eltern zu bringen. Höchst unbekümmert um meinen Zustand war er ruhig mit mir fortgefahren, ohne sich damit zu befassen, ihn zu erleichtern. Gleichgültig langte er bey der Wohnung meiner Eltern an, und als ich kraftlos aus dem Wagen stürzte, und weinend weder ihre Fragen zu beantworten, noch ihre Angst zu stillen vermochte, warf er murrend, daß ihm niemand beistand, meine Sachen herunter, die man mit aufgeladen hatte, und sagte: Ja, ja, wie die Arbeit, so der Lohn. Da habt Ihr Euer sauberes Früchtchen. Dankt Gott, daß sie noch so davon gekommen ist, und haltet sie künftig lieber zum Gebet und Fleiß, als zum Stehlen an. — Damit schwang er seine Peitsche und fuhr fort. Ich sah nur noch meinen Vater schwanken, sein graues Haupt entblößen, und seine gerungenen Hände mit dem gebrochenen Blick des tiefsten Jammers zum Himmel erheben, — ich hörte nur noch die Frage meiner Mutter: Ach Gott! was hast Du angefangen? — dann entzog mir ein heftiges Fieber, das mich überfiel, meine Besinnung, und diesen herzzerschneidenden Anblick.
Fünf Wochen lag ich ohne Hoffnung, ohne jemand zu kennen, — ohne meiner Vernunft mächtig zu seyn. Die wilden Fantasien, in denen ich schwärmte, meine Ausrufungen und meine Klagen, in denen trotz der Verwirrung meiner Sinne doch ein gewisser Zusammenhang war, der den Stempel der Wahrheit trug, alles dieß verrieth den Meinigen mein Schicksal und mein Elend. — Ach ich war glücklicher als sie, so lang die Raserei der Krankheit dauerte. — Der erste Tropfen, der mir im Becher der Genesung blinkte, war mit neuer Bitterkeit vermischt, die mein ganzes Leben mit stillem, zehrendem Gram vergiftete.
Als ich wieder zum erstenmahl die Gegenstände und die Personen unterscheiden konnte, die mich umgaben, erkannt' ich meine gute Schwester, die an meinem Bette saß. Ich streckte meine Arme nach ihr aus, und sie drückte mich zwar mit einem Freudengeschrei, aber zugleich mit einer Fluth von Thränen an ihr Herz, die mich erschreckte, als ich ihr bleiches, kummervolles Gesicht, die tiefe Trauer in ihrem Anzug und in ihrem ganzen Wesen bemerkte. Ich konnte die ängstliche Furcht nicht verscheuchen, die mir zuflüsterte, daß mir noch ein neues schweres Leiden bevorstand. Eilig und sehnsuchtsvoll frug ich nach meinen Eltern. Die Mutter ist krank, antwortete Philippine. Ihre Sorgfalt für Deine Pflege, ihr Gram über Dein Unglück und über mancherlei andere Dinge hat sie aufs Krankenbett gelegt. Doch verspricht der Doktor sie bald wieder herzustellen, und die Freude, daß es sich mit Deiner Gesundheit bessert, wird vortheilhafter auf sie wirken, als die kräftigsten Arzeneien. —
Und mein Vater? — Philippine schwieg einige Momente, dann sprach sie mit zurückgehaltenen Thränen: Der Vater schläft — ihm ist wohl!
O wenn das ist, so wecke ihn. Laß mich ihn sehn, daß ich ihm mein Schicksal klage, und meine Unschuld betheuere. —
Philippine fing heftig an zu weinen. Ich soll ihn wecken? sagte sie. Ach, wenn ich das könnte! — Das vermag nur Gott, der ihn zu sich nahm.
Justinens Auge floß hier über — sie nahm den Faden ihrer Erzählung nur nach einer langen Pause wieder auf, in der sie mit ihrem Schmerze zu kämpfen schien. O lassen Sie mich von den Gefühlen schweigen, sagte sie dann, die bei dieser schrecklichen Nachricht meine Seele erschütterten. Ich erfuhr, als ich erst wieder Kräfte hatte, mich näher zu erkundigen, daß der Schrecken meinem Vater eine Art von Schlagfluß zugezogen, und daß der Kummer und die Vorwürfe, die er meinetwegen sich selbst gemacht hatte, ihn nach einem kurzen Krankenlager ins Grab gestürzt hatten. Die festere Natur meiner Mutter erhielt sie mir noch ein Jahr — dann folgte sie ihm vor Gottes Richterstuhl, wo sie als Anklägerin den Urheber meines Elends erwartet.
Und Lorenz? fragte ich mit inniger Bewegung. Konnte Lorenz ein Herz verkennen, das so edel, und so ganz sein eigen war? —
Lorenz, versetzte Justine mit einem traurigen Lächeln, Lorenz war ein Mensch. Ob er mich wirklich einer niedrigen Handlung fähig hielt, ob die Umstände, die wider mich sprachen, auch ihn zu meinem Nachtheil stimmten — ob die Schande, die ich öffentlich erduldete, oder der Wille seiner Mutter eine unübersehbare Kluft zwischen ihm und mich warf — das weiß ich nicht. Nur das weiß ich, daß ein halbes Jahr verging, ehe mein Schmerz über den Verlust meines Vaters, und meine Sorge für die wankende Gesundheit meiner Mutter mir erlaubte, nach ihm zu forschen. Die erste Nachricht, die ich von ihm einzog, war die Nachricht seiner Verbindung mit Lorchen.
Es überraschte mich — ich läugne es nicht — es fiel mir hart. Aber ich war nun schon so in der Übung zu leiden, wenn ich mich so ausdrücken darf, ich hatte der Hoffnung glücklich zu seyn nun schon so ernst und freiwillig entsagt, daß ich bald im Stande war, mich zu fassen. Kurz darauf hatte ich Gelegenheit, mich von den nähern Umständen und dem Charakter des alten Werners und seiner Familie genau zu unterrichten. Ich hörte so manchen Zug ihrer Rechtschaffenheit, so manches ungekünstelte herzliche Lob, das vorzüglich Lorchen betraf, daß ich nicht daran zweifeln konnte, Lorenz sei glücklich. Auch erfuhr ich, daß seine Heirath der lange ernste Plan seiner Mutter gewesen war, und ich tröstete mich durch die Überzeugung, daß sie nie in eine Verbindung mit mir gewilligt, oder doch wenigstens durch ihre Abneigung und ihre Denkungsart unser häusliches Glück getrübt haben würde.
Als ich die letzte, traurigste aller kindlichen Pflichten befolgt, und meine Mutter zu ihrer Ruhestätte begleitet hatte, verließ ich Mühlberg, und zog hieher zu meiner Schwester. Die freundliche Liebe, die mich empfing, und die mich bald an ihr Haus, an ihren Mann und ihre Kleinen fesselte, die Einigkeit in unserm engen, trauten Familienkreise, — o das erweckte die erste blühende Empfindung wieder, die mich aus dem langen Winterschlaf meiner Seele riß. In Thätigkeit und Fleiß, und — warum sollte ich die reinste Quelle meiner Beruhigung verhehlen? — in stiller Andacht und Gebet errang ich mir jene sanfte Ergebung, die sich ruhig auch in harte Schicksale fügt. Ich dachte noch oft an Lorenz, und trauerte um meine vergeblichen Träume. Wenn ich mir ihn als Lorchens Gatten vorstellte, war es mir eine Art von Trost zu glauben, daß ihn nur die Meinung meines Unwerths, und kein Wankelmuth von mir geschieden hatte, denn, — es dünkt Sie vielleicht bloß eine Schwärmerei, — aber fest und innig ist der Glaube in meine geprüftesten Grundsätze verwebt, daß eine Liebe, die von selbst aufhören kann, keine Liebe war, und diesen heiligen Namen nimmer verdiente. Und die Gewißheit, daß mich Lorenz nicht so mit ganzer Seele geliebt hätte, als ich es meinte, — — ach die könnt' ich schwerer ertragen, als all' mein gehabtes Unglück, stürmte es auch noch einmahl über mich zusammen, denn sie ist der einzige Strahl, der meine stille Abgeschiedenheit erheitert, wenn ich an die vorigen Zeiten denke.
Und suchten Sie nicht den Bösewicht zur Strafe zu ziehen, der Ihnen diese trüben Tage bereitete, fragte ich. Drangen Sie nicht auf eine öffentliche Genugthuung?
Nein, antwortete Justine. Bei dem Cirkel, in welchem ich lebe und bei meinen Bekannten in Mühlberg bin ich längst gerechtfertigt. Sie kannten mich zu gut, um nur Einen Augenblick an meiner Unschuld und an der Wahrheit meiner Aussage zu zweifeln. Daß man auch in Spillingen weiß, daß ich unverdient gelitten habe, kann mir nichts helfen, denn ich habe keinen Sinn für Rache, und wenn es Lorenz erführe, so könnt' es den Frieden seiner Ehe stören. Denn ach! — müßten nicht Reue und Schaam sein Inneres zerreißen, wenn er hörte, daß ich niemahls seiner Achtung unwerth gewesen wäre, — — daß nur meine Treue und meine Tugend mich in Schande und Elend gestoßen, und Er mich ungehört verdammt, und den Bund der Liebe zerrissen hätte, den ich durch keinen Fehltritt entweiht? — Nein, oft wünscht ich zwar in seinen Augen gerechtfertigt zu seyn, aber nicht auf Kosten seiner Ruhe. Er lebt vielleicht zufrieden und glücklich, — könnte er es auch noch dann, wenn er wüßte, wie ungerecht er dadurch gegen mich gewesen, daß der Schein einer strafbaren Handlung ihm soviel als Gewißheit gegolten habe? Ich glaube es nicht, und darum trage ich ohne Murren das kränkende Gefühl seiner Verachtung.
Sie sagte diese Worte feierlich und langsam mit dem Ton der stillsten Trauer. Ich umarmte sie dankbar für ihre Erzählung, und konnte ihr den Zoll des Mitleids und der Bewunderung nicht versagen. Zu gleicher Zeit aber erregte Lorenzens Betragen den ganzen Unwillen meines Herzens, ob ich ihn gleich nicht zu äussern wagte, da Justinens reine Güte ihn zu entschuldigen schien. Ach verdiente das treuste Herz keine Nachforschung, ob es auch schuldig war? dacht' ich schmerzlich bei mir selbst, als ich Justinens blasse Gestalt, so rührend mit dem Stempel jener stillen Ergebung bezeichnet sah, die nur ein langwieriger Gram hervorbringen konnte, — jener Ergebung, die zwar geduldig die Bürde des Schicksals trägt, aber todt für alle Freuden ist, die ihr die Zukunft als Entschädigung bietet. In ihrem nassen Auge strahlte noch der Liebe reinste Flamme in unvergänglicher Jugend bei der Erinnerung des Geliebten, — ach, und er konnte sie einem Verdachte opfern, den nur leise zu fassen, schon Beleidigung für ihre fromme Seele war? Nicht allein die Innigkeit seines Verhältnisses mit ihr; auch die Pflicht des redlichen Mannes, dünkte mich, hätte ihn auffordern sollen, die Entdeckung der Wahrheit zum Ziel seiner regesten Thätigkeit zu machen, ihre Unschuld zu prüfen, sie der Welt zu beweisen, und das Unrecht zu rächen, das sie drückte. —
Die kindischen Ausrufungen der Freude, die wir vernahmen, kündigten Justinen die Zurückkunft ihrer Verwandten an. Wir traten heraus, als eben das ländliche Fuhrwerk vor der Hausthür hielt. Die Kleinen begrüßten mit frohem Geschrei ihre Geschwister und ihre Mutter, die, als mich Justine ihr vorstellte, mich zwar freundlich, aber nur flüchtig willkommen hieß, und mit ihrem wohlwollenden Auge, in das sich Unruh mischte, aufmerksam und forschend auf dem stillen, ruhigen Gesicht ihrer Schwester verweilte, die mit den Kindern, welche indessen froh die bunten Geschenke des Jahrmarkts betrachtet hatten, sogleich den Schwager vermißte.
Aber wo ist denn Dein Mann? frug sie Philippinen, und die Kleinen hingen sich mit zärtlichem Ungestüm an ihre Mutter und riefen: Warum hast Du uns denn den Vater nicht wieder mitgebracht? —
Er kommt zu Fuße nach, antwortete Philippine, und bringt einen Fremden mit. Sie stiegen unten am Walde ab, um Dich nicht zu heftig zu überraschen.
Verwundernd blickte sie Justine mit großen Augen an. Wer ist denn dieser Fremde? sagte sie furchtsam, als ergriffen ahndende Vorstellungen ihr Inneres. Philippine fiel ihr mit Thränen um den Hals. Ein Unglücklicher, sagte sie, der an Deinem treuen Herzen Ersatz für das verlohrene Glück der Vergangenheit sucht, um welches das Schicksal ihn betrogen. Ach Justine, bist Du wohl stark genug, um ohne gewaltsame Erschütterung einen alten Bekannten wieder zu sehn, der Dir so theuer war, und der es noch ist, ob Du gleich seinen Verlust als unwiederbringlich betrauertest?
Justine zitterte — ihre Brust arbeitete unter heftigen Bewegungen, ihre Lippen bebten, ohne zu sprechen. Eben kam Färber mit dem Fremden aus dem waldigten Hintergrund. Ich sah eine hohe, schöne männliche Gestalt mit edlen ausdrucksvollen Zügen, denen aber stiller Kummer seine Furchen eingegraben hatte. Dunkles Haar umflog die bleichen Wangen, von denen der Gram die Blüthe der ersten Jugend und der vollen lachenden Gesundheit hinweg gebrochen hatte, ohne darum seinem Gesicht die Anmuth zu rauben, die es mit unaussprechlichem Interesse beseelte. Wäre auch die Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Schattenriß in Justinens Zimmer nicht so auffallend gewesen, wie sie wirklich war, so würde schon sein großes schwarzes unbeschreiblich rührendes Auge, das ich aus ihrer Erzählung kannte, mir ihn als Lorenz genannt haben.
Obgleich Justine durch ihre Schwester und durch ihre eignen Ahndungen auf seinen Anblick vorbereitet war, da niemand als Er eine so tiefe innige Beziehung auf ihr Herz und ihr Geschick hatte, als daß sie zweifeln konnte, ihn zu sehn, so wirkte seine Annäherung doch gewaltsam, beinah vernichtend auf ihr ganzes Wesen. Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, und warf sich mit einem Laut des durchdringendsten Schmerzes in meine Arme. Lorenz eilte, beinahe eben so sehr von seinen Gefühlen ergriffen, wie sie, auf sie zu, und zog eine ihrer Hände von ihren strömenden Augen zu seinem Munde. O Justine, sagte er leise, denn seine Stimme wurde durch die Wehmuth halb erstickt, die ihn beherrschte: könnten wir beide alle die Leiden vergessen, die zwischen diesem Augenblick und der Stunde liegen, in der wir uns zum letztenmahl sahen! — Ich beweinte Dich als eine Todte, ach! und als ich erfuhr, daß Du lebtest, hielten mich ernste Pflichten von Dir entfernt, und ich durfte nichts, als um Dich trauern.
Du hieltest mich für todt? schluchzte Justine: ach, das war ich auch für Dich — ich mußte es ja seyn, um meiner Ruhe willen und wegen Deines eignen Friedens, da Du mich so schnell, so grausam, so ungeprüft vergessen konntest. — Sie zog ihre Arme zurück, die sich gleichsam mechanisch gehoben hatten, ihn zu umfassen. Der Gedanke: Er ist nicht mehr mein! schien vor ihrer Fantasie zu schweben, und mahlte sich in ihren starren, verzweiflungsvollen Augen.
Ich hätte Dich vergessen können? rief Lorenz. O Justine, Du thust mir Unrecht. Dein Andenken war unzertrennlich von mir — es begleitete mich wie mein Schutzgeist. Ach, wenn es von mir gewichen wäre, wär' ich vielleicht weniger unglücklich gewesen. Jetzt sind die Bande zerrissen, die mich fesselten. Der heilige Wille meines sterbenden Weibes giebt Dir diese Zeilen zum Vermächtniß — und mich!
Seine Thränen flossen — Justinens heftiger Schmerz ging in die sanfteste Rührung über. Im heißen Mitgefühl dieser Scene hatte ich bisher den schwarzen Flor übersehen, der um seinen Arm geknüpft war — jetzt, als ich ihn bemerkte, als er den Sinn seiner Worte bedeutend unterstützte, schöpfte mein Herz, zwar von Wehmuth bewegt, aber doch heiter, eine frohe Hoffnung für Justinens künftige Tage.
Ihre bebende Hand ergriff den Brief, den er ihr reichte, aber sie vermochte es nicht, sein Siegel zu öffnen, und ihn zu lesen. Bittend gab sie ihn mir, und neigte ihr Gesicht an den Busen ihrer Schwester. Ich verstand ihr flehendes Auge und ihren Wink — es herrschte eine allgemeine Stille, — ich benutzte sie, erbrach ihn, und las:
»Wenn am Rande meines Grabes mir noch ein Gedanke Freude machen kann, so ist es der, daß mein Daseyn nun nicht mehr zwei gleichgeschaffne Herzen scheidet — Herzen, die sich liebten, ehe noch das Schicksal und meine Neigung zwischen sie trat. Justine! ich habe Ihnen wehe gethan, können Sie mir vergeben? Ich habe Sie des Verbrechens fähig gehalten, dessen man sie beschuldigte, weil ich unvermögend war zu glauben, daß die menschliche Natur bis zu der Abscheulichkeit einer solchen Verläumdung sinken könne. Ich habe einer unglücklichen Schwachheit gefolgt, und in dem kühnen Wahn, als werde es mir gelingen, Ihr Bild in Lorenzens Brust zu verlöschen, bin ich seine Frau geworden. Ach, es war ein Wahn, auf den sich süße Träume gründeten, den aber die Wahrheit nur allzu schnell vernichtete, daß treue Liebe ewig ist. — Möchte mein Tod Ihnen recht bald den Geliebten wiedergeben, den, wie ich fühle, man niemahls vergessen kann. Möchte ein langes und glückliches Leben an Ihrer Seite den besten Mann für den Edelmuth belohnen, mit dem er Jahre lang seinen verschwiegenen Kummer trug, um meiner kranken Empfindung zu schonen, die sich es nicht verhehlen konnte, daß er meine Zärtlichkeit nur duldete, nicht erwiederte. Ich nehme die Hoffnung mit mir aus der Welt, daß Sie die erste und letzte Bitte, mit der ich mich Ihnen nahe, nicht unerfüllt lassen werden. Sie besteht darin, daß Sie den Triumph Ihrer Unschuld, die Ihr Verfolger auf seinem Sterbebett bekannt hat, in den Armen meines Lorenz genießen — meines Lorenz, den ich nur als den Ihrigen gern zurücklasse, und den ich Ihren ältern, von seiner wärmsten Gegenliebe geheiligten, Ansprüchen wiedergebe. Suchen Sie ihn die trüben Stunden vergessen zu machen, die er in einer Verbindung vertrauerte, die nicht die Wahl seines Herzens schloß, und über die er mich so großmüthig, wenn gleich vergeblich, zu täuschen suchte. Und wenn die Zukunft, die ich für Sie im heitersten Lichte erblicke, Sie mit der Vergangenheit wieder aussöhnt, o so verweilen Sie bei meinem Andenken bisweilen einen Augenblick in freundlicher Erinnerung, und wünschen Sie meiner Asche die Ruhe, nach der ich mich sehne.
»Und wenn Lorenz zuweilen mein stilles Grab besucht, und mit einer Thräne auf den Hügel blickt, der meine schlummernden Gebeine bedeckt — o so halten Sie diese Thräne, die nur das Opfer seiner Freundschaft ist, nicht für einen Hochverrath der Liebe, und zürnen Sie der Rührung nicht, mit der er sich meiner treuen Anhänglichkeit erinnern wird. Ach diese Anhänglichkeit war es ja, die mein Herz im frühen Todeskampfe brach — mein Herz das nur darum dem Sterben muthig entgegen schlug, weil es fühlte, daß es selbst mit dem redlichsten Bemühen nicht die Foderungen seiner Sehnsucht zu stillen vermochte. — O Justine, reizend lachte mich einst das Leben an, aber was ist das Leben ohne Liebe — was ist Liebe ohne Erwiederung? — Seyn Sie glücklich — machen Sie Lorenz glücklich! Das ganze Übermaß des Segens, womit der Himmel seine Lieblinge überschüttet, wird mein Gebet dann auf Sie hernieder flehen, und mein Geist, auch noch jenseits mit Bildern der Vergangenheit beschäftigt, wird, wenn es ihm vergönnt ist, Sie unsichtbar umschweben und mit wehmuthsvoller Freude Antheil an dem Glück Ihres Bundes nehmen.«
Wir weinten alle, und eine feierliche Stille umfing unsern Kreis, als ich aufhörte zu lesen, gleichsam als fühlten wir Lorchens geheime Gegenwart in einem linden Wehen, wie man das Nahen der Geister sich denkt, und als suchten wir ihr Andenken durch Schweigen und Thränen zu ehren.
Endlich ermannte sich Lorenz. Bescheiden hoffend trat er vor Justinen, und hob seine schönen, nassen Augen bittend und mit der ganzen Innigkeit der Liebe zu ihr empor. O Justine, rief er, und seinen männlichen Ton brach sanft die Rührung, die noch aus seinen Blicken leuchtete, stimmt Dein Herz nicht mehr in die Wünsche des meinigen ein? Darf ich, wenn ich mein Betragen gegen Dich gerechtfertigt habe, wenn ich Dir geklagt habe, wie tief und endlos mein Kummer um Dich war, darf ich dann nicht hoffen, daß Dein Besitz mich für meine Leiden entschädigen werde, und daß Du nicht bloß um das Verlangen der guten hingeschiedenen Seele zu erfüllen, die sterbend unser Glück von Gott erbat — nein, daß Du aus eigner Neigung mir diese liebe Hand reichen werdest, die so lange schon das Ziel meines heißesten Strebens war?
Justine trocknete ihr Auge, und lehnte matt ihr Gesicht an Philippinen, die sie freundlich und liebevoll unterstützte. Ach Lorenz, sagte sie sanft, schone meiner Schwäche. Schmerz und Freude Dich wieder zu sehn, Überraschung und Wehmuth machen mich unfähig, Dir jetzt zu antworten. Begnüge Dich mit dem Geständniß, daß Dein Bild noch eben so fest in meiner Brust steht, als in jenem Augenblick, der es zuerst mit den Flammenzügen der Liebe ihr eingrub. Erkläre mir erst, wie es möglich war, daß Du mich meinem harten Schicksal so ganz überlassen konntest, ohne es durch Deinen Beistand lindern zu wollen — helle mir das Dunkel auf, das feindseelig über dem Theil der Vergangenheit liegt, den ich nie begreifen konnte, und dann — sie verstummte. Lorenz deutete ihr Schweigen, und drückte sie mit Wärme an sein Herz.
Daß auf meiner ganzen Reise, (hub er seine Erzählung an) die mir der Kammerherr mit der dringendsten Eil anempfahl, Du mein Hauptgedanke bliebst — daß Du mitten in den Geschäften, die mich verwickelten, der Gegenstand meiner innigsten Sehnsucht warst, das glaubst Du gewiß meinen Betheuerungen, in die sich noch nie die kleinste Unwahrheit mischte. Es war mir unmöglich gewesen, Dir Lebewohl zu sagen, denn ich sah jeden meiner Schritte bewacht, und die Ängstlichkeit des Kammerherrn, mit der er mich zur Abreise trieb, hätte sicher meinen Argwohn erregt, wenn nicht der Unmuth über die unartige Behandlung meiner Mutter stärker in mir gewesen wäre, als die Verwunderung über seine sonderbare Eil. Gespornt — nicht bloß von seinen Befehlen, sondern von dem Verlangen bald wieder zu kommen, verfolgte ich meinen Weg und suchte meine Aufträge mit der möglichsten Schnelligkeit zu besorgen. Ach mit einem Herzen, das Dir so heftig entgegen schlug, das so gern durch die ganze Fülle seiner Zärtlichkeit Dich für die trüben Stunden entschädigt hätte, die die Unfreundlichkeit meiner Mutter und meine schnelle Entfernung Dir schufen, kehrte ich nach Spillingen zurück, und hoffte, Deiner verwundeten Seele Trost durch meinen Anblick zu bringen. Der Auflauf von Menschen auf dem Hofraum erregte nur flüchtig meine Neugierde. Unbekümmert, was es bedeuten mochte, spähte mein Auge nach allen Fenstern des Schlosses, in der Erwartung, Dich an einem derselben anzutreffen, aber vergebens. Alle bekannten Gestalten, nur die geliebtere nicht, begegneten meinem Blicke, und so richtete ich ihn dann mißmuthig auf den Punkt, um den sich lärmend das Gedränge des Volks herzog. Großer Gott, wie wurde mir zu Muthe, als ich Dich am Schandpfahl erblickte! — Ich fühlte eine Lähmung in allen meinen Gliedern, mein Blut erstarrte, meine Pulse stockten. Ich weiß nicht, wie ich vom Pferde kam. Meine starke Natur trotzte zwar einer gänzlichen Ohnmacht, aber eine dumpfe Betäubung, die ihr glich, hielt meine Sinne wie mit dunkler Nacht umfangen, und ich war unfähig, für mich selbst zu denken und zu handeln. Man hatte mich zu Bette gebracht, da ich mehr einem Todten, als einem Lebenden glich. Nach einigen Stunden, die ich wohl so zugebracht haben mochte, kehrte meine Besinnung wieder. Es kam mir vor, als hätt' ich geträumt, und eben wollt' ich mich aufrichten, um zu fragen, was mit mir vorgegangen war, als eine heiße Thräne auf mein Gesicht fiel, und eine warme weibliche Hand die meinige ergriff und leise drückte. Ich wendete mich um, und sah Lorchen, die neben meinem Bette stand, und sich mit jenem sanften Ausdruck des Mitleids über mich bog, der auch unbedeutende Züge mit dem stillen, aber tief eindringenden Reiz der herzlichsten Güte schmückt. Sie reichte mir einige stärkende Tropfen und ein Glas Wasser, aber nur mit den Schreckensbildern beschäftigt, die vor meiner Fantasie schwebten, wies ich jede Hülfsleistung zurück, und forschte nur nach Dir!
Soll ich Ihnen eine so unangenehme Erzählung nicht auf eine ruhigere Stunde aufsparen? sagte Lorchen mit bittenden Mienen, und suchte meine Aufmerksamkeit von einem Gegenstand wegzulenken, der mir so traurig und doch so wichtig war. In diesem Augenblick trat meine Mutter herein. Ich las, — ach Justine, warum muß ich es sagen, ich las in ihrem höhnischem Lächeln, was mir Lorchens zarte Schonung verschweigen wollte, — ich las die Bestätigung der Scene, die wie ein dunkler Traum vor meinem Geiste schwankte, und bald vernahm ich von ihren Lippen wessen man Dich beschuldigte.
Wäre ich Deiner Liebe wohl jemahls werth gewesen, wenn ich nur einen Moment die Reinheit Deiner Seele durch den Verdacht hätte entweihen können, daß diese schändliche Behauptung gegründet war? Und doch — ist der Stolz nicht verzeihlich, der sich bitter in mir regte, der Stolz, dem es wohl thut, den Gegenstand seiner Leidenschaft vor der ganzen Welt geachtet zu sehn, und der selbst in der festen Überzeugung, daß Du unschuldig littest, mit grellen Farben und wüthendem Schmerz nicht bloß den Anblick Deiner Leiden, sondern auch ihre Folgen mir mahlte. Ich hätte weinen mögen, wie ein Kind, denn nicht allein die Unbescholtenheit Deines Gemüths, auch Deines Namens, galt mir mehr, wie der halbe Erdball, und ich hätte ihn willig hingegeben, wenn er mein gewesen wäre, um den Flecken auszulöschen, den diese unglückliche Beschuldigung Deiner Ehre anhing.
Alle Rücksichten, die ich sonst für nöthig hielt, fielen jetzt vor mir weg, — ich verhehlte weder meinen Kummer noch meine Liebe, und beschwor Deine Unschuld mit aller Wärme meines gereizten Gefühls. — Die Unschuld weiß sich zu vertheidigen, sagte meine Mutter. Sie läuft nicht bei Nacht und Nebel davon, und führt auch keine brilliantene Armbänder bei sich, die ihr nicht gehören. Frage nur alle die, die den gnädigen Herren begleiteten, als er ihr nachsetzte, ob er sie nicht in ihrem Beiseyn über den Beweis ihres Verbrechens ertappt hat. Was die Liebschaft betrifft, die Du mit ihr hattest, so bist Du viel zu vernünftig und ehrliebend, als daß Du nicht einsehen solltest, daß daran nicht mehr zu denken ist. Welcher Mensch mit fünf gesunden Sinnen und rechtlicher Denkungsart wird wohl ein Mädchen nehmen, das wegen überwiesener Spitzbüberei öffentlich am Schandpfahl gestanden hat? —
Justine konnte ein leises Schluchzen nicht unterdrücken. Ich thue Dir weh, sagte Lorenz, laß mich abbrechen. — Nein, versetzte Justine, fahre nur fort, und kehre Dich nicht daran, wenn Deine Erzählung Gedanken und Erinnerungen in mir weckt, die mir Thränen kosten. Ach sie kann ja doch nicht herber seyn, wie alles das, was ich litt.
Lorchens Auge, fing Lorenz wieder an, benetzte sich sanft. O wer hätte hinter diesen holden, lieblichen Zügen eine so erniedrigende Handlung vermuthen können, sagte sie. Es that mir unbeschreiblich weh, als man sie zurückbrachte, und um ihr den Schimpf ihrer Strafe zu ersparen, hätte ich gern alles, was in meinem Vermögen ist, hingeben mögen. Aber gleichwohl kann ich sie unmöglich für unschuldig halten, so sehr ich auch wünschte, daß sie es wäre, denn ihre Flucht, ihr Bemühen, das Bündel zu verstecken, worin sich das Armband befand, und die Betroffenheit, die sie zeigte, als sie sich entdeckt sah, alles dieß spricht leider nur all zu sehr zu ihrem Nachtheil, und ich kann sie wohl bedauern, aber nicht entschuldigen.
Jedes ihrer Worte war ein Dolchstich, der in mein Inneres drang. Ob ich gleich nie bis zu einem Zweifel an Deiner Redlichkeit sank, so konnte ich mir doch das Räthsel Deines Benehmens nicht lösen, und die Ungewißheit in dem, was Dich dazu bewogen haben konnte, war mir höchst schmerzlich, ob mich gleich alles zu überreden suchte, daß eine Erklärung nicht anders, als noch schmerzlicher seyn könne.
Da ich dem Kammerherrn keine Nachricht von dem Erfolg meiner Aufträge gab, kam er selbst, um sich darnach zu erkundigen. Er bedauerte theilnehmend meine Unpäßlichkeit, die er dem bloßen Zufall zuschrieb, und spielte, was mein Verhältniß zu Dir betraf, meisterhaft den Unwissenden. Da er indessen den Vorgang nicht wohl mit Stillschweigen übergehen konnte, so sprach er so unbefangen davon, wie nur ein gutes Gewissen, oder die höchste Frechheit es im Stande ist. Wer hätte diesem hübschen Mädchen ein solches Laster zutrauen sollen, sagte er. Gott weiß, daß es mir recht nahe ging, hart, oder vielmehr gerecht gegen sie zu seyn, aber vielleicht bessern sie die Folgen dieser verunglückten Probe für ihr ganzes künftiges Leben, und das soll mir herzlich lieb seyn.
Die Gewißheit, mit der er von Deinem vermeintlichen Vergehen sprach, empörte mich zu sehr, als daß ich sogleich hätte antworten können. Er schien zu bemerken, was in mir vorging, und entfernte sich schnell, um den gewaltsamen Ausbruch meiner Gefühle zu vermeiden. Unter dem Vorwand der Sorgfalt um meine Gesundheit gab er den Befehl, mich genau zu bewachen, den meine Mutter nur gar zu gern befolgte. Man behandelte mich völlig wie einen Kranken. Meine Klagen und Verwünschungen, die immer Bezug auf Dich hatten, hielt man für Fieberfantasien, und suchte durch starke Aderlässe und andere medicinische Ermattungsmittel meinem kochenden Blut einen ruhigern Gang zu lehren. Aber mit dem letzten Tropfen desselben wäre doch die geheimnißvolle Allmacht nicht geschwächt worden, die mich mit tausend zarten unsichtbaren Banden an Dein Wesen kettete. Acht Tage lang hielt ich den Zwang aus, der mich fesselte, weil mir der Verlust meiner Kräfte zu fühlbar war, als daß ich die Hindernisse hätte hinweg räumen können, die jeden Versuch nach Dir zu forschen, vereitelten. Endlich aber raffte ich mich auf, und erklärte fest und entschlossen meinen Vorsatz, Dich zu sehn, und Dich aufzusuchen. Meine Mutter hörte meinen Entschluß unruhig an. Ihr Blick, ihre Miene, ihr Ton war sanfter, wie gewöhnlich. O mein Sohn, sagte sie, vergiß doch das Vergangene. Selbst wenn Justine unschuldig wäre, selbst wenn ihre Schande sie nicht auf immer von Dir geschieden hätte, würde sie jetzt für Dich verlohren seyn. — Sie ist todt! — Todt? rief ich fürchterlich erschüttert, ach unmöglich, unmöglich!
Leider ist es wahr, sagte Lorchen, die seit dieser unglücklichen Geschichte wie ein Glied unserer Familie bei uns geblieben war, und mit aller Wärme der zärtlichsten Freundschaft meine Pflege mit meinen Eltern getheilt hatte. Sichere Nachrichten haben uns verkündigt, daß sie schon vor einigen Tagen gestorben ist. Ach was muß sie nicht gelitten haben, da sie so plötzlich in der vollen Blüthe der Jugend und Gesundheit ein Opfer des Todes wurde! Gewiß hat sie Schmerz, Schaam und Reue zum frühen Grabe geführt. —
Tod! ich vermochte den Gedanken nicht zu fassen. — Nein, sie lebt, sie lebt! rief ich, aber die Vorstellung, wenn es nun doch so wäre? schnitt mit Höllenquaalen in mein blutendes Herz. Ich sattelte mein Pferd. Was willst Du machen? fragte meine Mutter.
Ich will hin nach Mühlberg, ich will mich selbst überzeugen, — aber wehe dem, der durch eine Lüge dieß gräßliche, vernichtende Bild vor mir aufstellte. Ich würde die Pein, dir ich jetzt leide, fürchterlich an ihm rächen. Doch nein, nein, setzte ich weicher hinzu; ich würde ihm vergeben, — ich würde ihm danken, daß es nur Lüge war.
Ich schwang mich aufs Pferd, und hatte eben den Hof verlassen, als ich des Kammerherrn Stimme fast athemlos hinter mir hörte. Nur eine Minute hielt ich den Zügel an, um zu vernehmen, was er wollte. Unbesonnener, zurück! rief er, ich muß für Dein Bestes sorgen. Der Anblick, dem Du entgegen eilst, taugt nicht für einen Halbgenesenen.
Nein, gnädiger Herr, ich gehe nicht zurück. Meine Liebe und meine Pflicht ruft mich vorwärts, und wenn Sie die Rechte der Menschheit ehren, so halten Sie mich nicht auf.
Zurück, ich befehl es Dir, sagte er drohend und gebieterisch.
In diesem Augenblick folg' ich nur dem heiligern Befehl meines Herzens.
Wie, Du willst Dich widersetzen, Unverschämter, rief er mit loderndem Zorn, wende gleich um, oder geh aus meinen Diensten.
Das fällt mir nicht so schwer, als Ihnen zu gehorchen, war meine Antwort, und ich sprengte dahin.
Eine tiefe, traurige Stille herrschte im Dorfe, als ich durch Mühlberg ritt. Ach beinahe war es mir willkommen, daß mir niemand begegnete, den ich hätte fragen können, denn selbst in meiner peinlichen Ungewißheit lag noch eine Art von Trost, die wenigstens einen Schimmer von Hoffnung zuließ.
Mit klopfendem Herzen, auf dem die ängstlichste Erwartung mit bleiernem Gewicht lag, nahte ich mich Deinem Hause, aber ach, wie kann ich Dir beschreiben, was ich empfand, als ich es von schwarz gekleideten Leuten umringt sah, und in ihrer Mitte einen Sarg erblickte, den man eben im Begriff war, fortzutragen. Niedergedonnert von allen Schrecknissen der Fantasie und der Wahrheit gerieth ich ausser mir. Mein Pferd wurde bei dem ungewohnten Anblick scheu, und sprang auf die Seite, — indem stimmte man einen geistlichen Gesang an, der meiner Meinung nach Dich zur Ruhe begleiten sollte, und zu gleicher Zeit begann der Leichenzug. Ich drückte den Hut tief in die Augen, gab dem bäumenden Roß die Sporen, und jagte mit verhängtem Zügel, — gleichviel wohin.
Der Zufall, der so oft über die Wege entscheidet, die wir auf der Bahn des Lebens wählen, veranstaltete dießmahl, daß ich ohne es zu wissen, den nach meiner Heimath einschlug. Gedankenlos ritt ich die bekannte Straße, die mir vorkam, als führe sie durch lauter fremde, dämmernde Gefilde, — gedankenlos langte ich in Spillingen bei dem Hause meiner Eltern an, und als ich mich von ihnen theilnehmend umringt sah, glaubte ich in der Zerrüttung meines innern Sinnes unter feindseelig gesinnten, unbekannten Menschen zu seyn.
Mein Zustand war ihnen fürchterlich. Er schien die Dumpfheit der tiefsten Verzweiflung zu seyn, die nur eines geringen Anlasses bedurfte, um in tobenden Wahnsinn überzugehn. Endlich als ich weinen konnte, wurde es leichter in meiner Seele, aber es war nur Ermattung, nicht Ruhe, die mit dem Sturm abwechselte, der in mir braußte. Ich wurde gefährlich krank, doch behielt ich stets meine völlige Besonnenheit, vielleicht um desto empfindlicher zu leiden. Lorchen und ihre Eltern nahmen den innigsten Antheil an der Traurigkeit, die an meinen besten Kräften zehrte, und da theils die Behandlung meiner Mutter nicht delicat genug war, um nicht stündlich meinen Schmerz zu erneuern, theils sich auch in Spillingen mir eine Menge Erinnerungen aufdrangen, die ihn nährten, so schlug mir Werner vor, meine Wiederherstellung in seinem Hause zu erwarten. Veränderung der Gegenstände und der Luft war mir von dem Arzt empfohlen, und so gleichgültig, so verdrießlich mir beinahe meine Genesung war, so konnte ich doch der freundlichen Einladung nicht widerstehen, ohne die reinste Gutmüthigkeit zu beleidigen. Ich zog also nach Langenfeld, und hier fingen meine Wunden zwar nicht an zu heilen, aber man suchte ihr Bluten durch den mildernden Balsam jener feinen Aufmerksamkeit zu stillen, die sorgsam alles entfernt, was schwermüthige Ideen hervorrufen könnte.
So waren drei Monate verstrichen, und je mehr ich wieder zu mir selbst kam, je inniger fühlte ich mich durch Dankbarkeit und Freundschaft an Werners liebevollen Familienkreis gefesselt. Man erwähnte Deinen Namen nicht, und ich empfand wohl, daß es nicht aus Gleichgültigkeit geschah, sondern um mein Herz zu schonen. —
Meine Eltern besuchten mich zuweilen, und klagten jedesmahl über die Härte, mit der sich der Kammerherr jetzt gegen sie benahm. Auch mir hatte er den Abschied in den ungerechtesten zornigsten Ausdrücken geschickt, und vielleicht da er so sehr über mich erbittert war, bewog ihn nur die allgemein anerkannte Redlichkeit meines Vaters und seine eigene Unkenntnis der Wirthschaft ihm nicht ebenfalls den Dienst aufzusagen. Ich sahe wohl ein, daß es nicht der rühmlichste Weg meines Fortkommens war, bei Leuten, die ohngeachtet ihrer Güte mir doch nur immer Fremde waren, im sorgenlosen Müßiggang meine Tage zuzubringen, und beschloß, ihnen bei der ersten schicklichen Gelegenheit den Vorsatz, mich in der Ferne um irgend einen Dienst zu bemühen, zu entdecken. Sie fand sich bald, und ich erklärte ihnen meinen Entschluß im Beysein meiner Eltern mit den lebhaftesten Gefühlen von Dank für die unvergeßliche Nachsicht, mit der sie die Launen und Phantasien eines an Leib und Seele Kranken bisher geduldet hatten.
Lorchen wurde blaß, als sie meinen Willen vernahm. Ihr Auge füllte sich mit Thränen, und schweigend verbarg sie es an der Brust ihrer Mutter. Der alte Werner schüttelte den Kopf, und ging nachdenkend im Zimmer auf und ab. Mein Vater schwieg, — meine Mutter sah bedeutend bald auf mich bald auf Lorchen.
Hören Sie, lieber Lorenz! fing Werner auf einmahl an, ich kann nicht läugnen, daß ich seit Ihrem Aufenthalt bei mir den Gedanken genährt habe, er werde immer dauern.
Immer, Herr Werner? — Schon zu lange, fürcht' ich, hab ich Ihre Gastfreiheit gemißbraucht.
Lassen Sie die Komplimente weg, junger Mann, und reden Sie deutsch und offen mit mir, wie ich mit Ihnen. Meine Tochter liebt Sie, — warum soll ich es verhehlen? Sie liebt Sie mehr als alles in der Welt. — Ihr Verhältniß zu Justinen ist zerrissen, aber die Art, wie es geschah, macht es nothwendig, daß Sie ein neues Band knüpfen, das Ihnen Ihren Verlust ersetzt. Zwar werden Sie mir den Einwurf machen, daß man nicht so leicht sein Herz dem einen entziehen und dem andern zu wenden könne, aber darauf bin ich gefaßt. Ich war auch kein leidenschaftlicher Liebhaber, und wurde doch ein guter Ehemann. Nicht wahr, setzte er mit einem frohen Blick auf seine Frau hinzu, die ihm mit Herzlichkeit die Hand zur Bekräftigung seiner Behauptung reichte. — Also prüfen Sie Sich wohl, fuhr er fort. Ich will Ihnen meine Tochter keineswegs aufdringen, nur weil Sie so innig geliebt werden, weil ich glaube, daß Sie durch ihre häuslichen Tugenden glücklich seyn können, und weil ich selbst Ihnen von Herzen gut bin, — nur deswegen wünsche ich Ihre Verbindung, und wenn Sie keine Abneigung dagegen haben, so umarme ich Sie mit der Einwilligung Ihrer Eltern hiermit als den künftigen Gatten meines Lorchens und als meinen Sohn.
Ich war betroffen, und zu gleicher Zeit gerührt. Lorchen schluchzte laut, und vermochte es nicht, ihr thränenschweres Auge zu mir zu erheben. Meine Mutter weinte auch, und rief: Stoß Dein Glück nicht muthwillig von Dir. — Den tiefsten Eindruck machte aber mein Vater auf mich. Er nahte sich mir, und faßte bewegt meine Hand. Gönne meinem Alter die Freude, Dich glücklich verheirathet zu sehn, sagte er, wo möglich in einem noch sanftern väterlichem Tone als er gewöhnlich zu mir sprach. Und wenn der Kammerherr mich aus dem Dienst stößt, in dem ich grau geworden bin, o so laß mich dann bei Dir ein ruhiges Plätzchen finden, wo ich sterben kann.
Die Möglichkeit eines solchen Falles trat lebhaft vor meine Seele, und bestimmte mich zu dem Entschluß, mich der Zufriedenheit anderer aufzuopfern, da mir eigenes Glück versagt war. So empfing ich Lorchens Hand, und daß sie mir auch ihr ganzes Herz gab, lehrten mir tausend Proben ihrer treuen, zärtlichen Liebe. Zwar vermochte ich es nimmer über mich, sie zu erwiedern, aber ich that, was ich konnte, und begegnete ihr stets mit allen Aufmerksamkeiten der Freundschaft, die ich für sie empfand, und mit all der Achtung, die sie verdiente. Für ihr sanftes Gemüth war die Liebe, was der Sonnenschein der unentfalteten Blume ist. Jede holde Fähigkeit, jede anmuthige Eigenschaft ihrer Seele entwickelte sich in ihrem wärmenden Strahle, und jede hatte den Zweck mich zu beglücken. Ach es wäre möglich gewesen, hätte ich nie Justinen gekannt! —
So schlichen mehrere Jahre vorüber, — Jahre, die noch jetzt in der Erinnerung mit Centnerschwere auf mir lasten, da ich mir vorwerfen muß, im vergeblichen, unverhehlbaren Kampf mit meiner so tief eingewurzelten Liebe zu Dir, Lorchens Herz oft, zwar wider meinen Willen, aber doch bitter, gekränkt zu haben. Dein Aufenthalt war so tief verborgen, und wir selbst sahen unsere Tage so einsam, so unbekümmert um alles, was in der Gegend vorging, verstreichen, daß die Nachricht Deines Lebens erst spät in unsere Abgeschiedenheit zu dringen vermochte.
Sie ergriff mich mit allen Schaudern der Wehmuth und der Freude. Kaum konnt' ich ihr glauben, und doch war sie mir zu süß, als daß ich an ihr hätte zweifeln mögen. Im ersten Rausch der Überraschung entwarf ich eine Menge lachender Plane, Dich wieder zu sehn, und Dich an dieß liebende Herz zu drücken, das noch immer so ganz Dein eigen war, — aber schnell zertrümmerte ein Blick auf meine Lage die goldenen Luftschlösser, die sich die Hoffnung erbaute, und ich fühlte mich wieder elend wie zuvor.
Lorchen hörte mit mir zu gleicher Zeit, daß das Gerücht Deines Todes ungegründet war. Ein Bauer, der damahls gerade von Mühlberg kam, hatte in dem Hause Deiner Eltern, wo Du so gefährlich krank lagst, erfahren, daß man fürchtete, Du werdest den Abend nicht erleben, und die Wahrscheinlichkeit galt ihm so viel, wie Gewißheit. Der Tod Deines Vaters, den man eben begrub, als ich mich selbst überzeugen wollte, wie es mit Dir stand, bestätigte mir fürchterlich die vernommene Trauerpost, denn unfähig zu fragen oder zu untersuchen, wem das schauerliche Leichenbegängniß eigentlich galt, hielt ich es in der schrecklichen Idee, mit der ich hergekommen war, für das Deinige, und nahm so den Wahn mit mir hinweg, der uns auf so lange trennte, und der giftig an dem Frieden meiner Seele nagte.
Die Bewegungen meines Innern entgingen Lorchen nicht, die bescheiden, aber aufmerksam jede meiner Regungen mit dem scharfem Blick der Liebe bewachte. Zwar sah sie, daß ich Meister meiner glühenden Wünsche war, und daß ich keinen Versuch machte, irgend eine meiner Pflichten durch Deinen theuern Anblick zu verletzen, aber sie bemerkte auch die Anstrengung, die es mir kostete, und überließ sich dem geheimen Gram gekränkter Zärtlichkeit, ohne daß eine Klage, oder nur ein Wort, das einem Vorwurf glich, die Sanftmuth ihrer Lippen entweiht hätte.
So näherten wir uns allmählig dem Zeitpunkt, der für uns entscheidend war. Der Kammerherr, dessen Unwillen gegen mich die Entfernung nicht besänftiget hatte, ließ mich auf einmahl nebst Lorchen zu sich fodern. Da wir saumseelig waren, seinen Befehl zu erfüllen, sandte er uns seinen eigenen Wagen mit der Bitte, an sein Sterbebette zu kommen. Ein fürchterlicher Traum hatte sein böses Gewissen geängstigt. Um den düstern Eindruck zu schwächen, den die Rückerinnerung auf seine Stimmung machte, beschloß er, sich durch einen Spazierritt zu zerstreuen, und dieser wurde durch einen unvorsichtigen, unglücklichen Sturz vom Pferde die Ursach seines Todes.
Als er die Annäherung desselben fühlte, regte sich das Andenken seiner lasterhaften Handlungen schmerzlich in seiner Seele mit allen den ängstlichen Vorstellungen der Zukunft jenseits des Grabes, die, — wenn auch die Welt ein langes Menschenleben hindurch partheiisch richtete, mit einer strengen unbestechbaren Gerechtigkeit, vor der der Bösewicht erschrickt, Gutes und Böses aus einander wiegt. Ach er hatte es sich nie einfallen lassen, daß in der Sterbestunde die lachenden Farben verbleichen, unter denen das Laster oft seine eigenthümliche Häßlichkeit verbirgt, und was ihm sonst im Genuß der Gesundheit und der rauschenden Freude als leichte, verzeihliche Galanterie erschienen war, grinzte ihn jetzt fürchterlich in der Gestalt des Verbrechens an.
Nicht ohne die lebhaftesten Erinnerungen an Dich betrat ich das Haus wieder, in dem Du so viel gelitten hattest, und an das Bild Deiner Thränen, das sich mir vorstellte, knüpfte sich das holde Andenken der Tage unsrer Liebe, und beides machte mein Herz weich, und mein Auge naß, das sich vergeblich sehnte, eine Spur zu erblicken, die mir Dein ehemahliges Daseyn verrieth. Man brachte mich mit Lorchen in das Schlafzimmer des Kammerherrn. Er hatte dem Geistlichen erklärt, daß er in meinem Beisein und vor mehreren Zeugen ein Dich betreffendes Bekenntniß ablegen wolle. Meine Eltern waren ebenfalls herbei gerufen worden, um gleichsam seine letzte Beichte mit anzuhören. Schweigend bildeten wir einen Kreis um das Bette, wo er entstellt, und in fürchterlichen Krämpfen lag. Die gnädige Frau spielte einstweilen in ihrem Zimmer Piket mit einem jungen Offizier ihrer Bekanntschaft. —
Mühsam rang der Sterbende nach so viel Kräften, als eine kurze Erzählung fordert, und in abgebrochenen Sätzen, doch klar und bestimmt, und unter allen Zeichen der Angst und der Reue erklärte er Deine engelreine Unschuld, und klagte sich selbst als den Urheber Deines Unglücks an. Ob ich gleich nie daran gezweifelt hatte, daß der Verdacht, der auf Dir ruhte, ungegründet wäre, so machte doch dieß entsetzliche Geständniß einen Eindruck auf mich, den meine Brust beinahe nicht weit genug war zu fassen. Selbst bei einer genauen Kenntniß des Kammerherrn hatte ich ihn doch einer solchen überlegten Abscheulichkeit nicht fähig gehalten, und sie stand mit allen ihren traurigen Folgen, wie eine geöffnete Halle, vor meinem starrenden Blick.
Alle Anwesenden, und auch meine Mutter waren aufs heftigste erschüttert, besonders Lorchen, die, als sie die entsetzliche Nachricht vernahm, mit einem lauten und dennoch leisen Schrei, wie er nur aus einem gebrochenen Herzen kommen kann, ohnmächtig zur Erde fiel. Die Sorge um sie entfernte mich aus dem Krankenzimmer. Ich brachte sie an die freie Luft, wo sich ihre Lebensgeister wieder sammelten. Nach einer halben Stunde kam der Pfarrer heraus, und verkündigte mir, daß der Kammerherr so eben unter convulsivischen Zuckungen verschieden sei. Bitten um unsre Vergebung waren seine letzten Worte gewesen.
Ich machte Anstalten, Lorchen nach Hause zu bringen. Sie selbst bat mit einer Hast darum, die mir verrieth, daß sie die Schwäche ihres Zustandes fühlte. Stumm saß sie neben mir im Wagen, nur zuweilen hob ein leises Schluchzen ihre beklommene Brust, die den verzehrenden Krampf des tiefsten Schmerzes verbarg. Bald nahm sie die Liebkosungen an, mit denen ich den Aufruhr ihres Innern zu stillen versuchte, bald wieß sie sie zurück und verbarg ihre Thränen. Als wir in Langenfeld ankamen, hatte schon ein Fieber mit zerstöhrender Gewalt ihren Körper ergriffen, der viel zu zart war, um nicht dem schleichenden Gifte eines langwierigen Grams und dem Sturm einer solchen Erschütterung zu unterliegen. Wir schickten sogleich nach dem Arzt, aber Lorchen mißbilligte es, als sie es erfuhr. Meine Stunde hat geschlagen, sagte sie, und Gottlob! daß es so ist. Ich sehe freudig meiner Auflösung entgegen.
Sie bat uns, sie allein zu lassen, und verlangte Schreibzeug. Ich bewachte im Nebenzimmer ihre kleinsten Bewegungen, um ihr sogleich beizustehn, wenn sie Hülfe bedurfte, aber sie war ganz ruhig, und schrieb mit vieler Fassung den Brief an Dich, den sie bis zu ihrem letzten Augenblick in ihrem Busen aufbewahrte. Als sie geendigt hatte, verlangte sie nach mir. Mit einer rührenden Innigkeit schloß sie mich in ihre Arme, und bat mich um Vergebung, daß sie, nächst dem Kammerherrn, das Werkzeug meiner Trennung von Dir gewesen sei. Sie entdeckte mir, daß sie längst eingesehen habe, daß sie nicht im Stande sei, mich für Deinen Verlust zu entschädigen, und ersuchte mich mit Wehmuth, wenigstens ihres guten Willens freundlich zu gedenken. Die unschuldige Ursache Deines Kummers wird bald nicht mehr seyn, sagte sie zu mir, — o benutze dann Deine Freiheit, um so glücklich zu werden, als ich Dich gern gemacht hätte! —
Endlich erschien der Arzt. In seinen bedenklichen Mienen lasen wir die Gefahr der lieben Kranken, ob er uns gleich aufmunterte, noch nicht alle Hoffnung sinken zu lassen. Verhehlen Sie mir es nicht, Herr Doktor, sagte Lorchen, der er Muth einsprach, daß mein Ende nicht mehr fern ist. Sie würden mich dadurch um unersetzlich kostbare Stunden betrügen. Hat man doch bei jeder kleinen Reise den theuern Zurückbleibenden so viel zu sagen, — wie viel mehr bei einer so ernsten Reise, als mir bevorsteht, — bei einer Reise, von der man niemahls wiederkehrt. —
O Justine! laß mich die bangen Stunden mit Stillschweigen übergehn, in denen ich an ihrem Bette saß, und Zeuge der frömmsten, sanftesten Ergebung war, mit der sie den Kelch des Todes hinnahm. So endigt sich nur ein Leben, das so schuldlos war, wie das ihre, — so stirbt nur die Tugend, der eine fleckenlose Vergangenheit Ansprüche auf die reinste Seeligkeit des Himmels giebt! — — —
Ehe sich ihr Auge auf ewig schloß, wandte sie es noch einmahl auf mich und ihre trostlosen Eltern, die mit mir ihr Lager umringten. Sie streckte uns zärtlich ihre Hände entgegen und sagte sanft: Weinet nicht, meine Lieben! mir öffnet sich eine bessere Welt, — mir winken die Gefilde eines ewigen Friedens! Ich sterbe gern, mein Lorenz, denn das Ende meines Lebens wird der Anfang Deines Glücks seyn. O genieße es so rein und unverfälscht, als mein Herz mit seinen letzten Schlägen Dir es wünscht, und gieb, wenn ich todt bin, der edlen, unschuldigen Justine mit Deiner Hand und Deiner ihr längst gewidmeten Liebe die Zeilen, die ich mit inniger Empfindung für sie geschrieben habe, und die man bei mir finden wird.
Sie mußte abbrechen, um sich zu erholen, denn das Reden wurde ihr schon schwer. Dann kehrte sie sich zu ihren Eltern, und sagte ihnen mit der ganzen Wärme ihres dankbaren Gefühls das letzte, bittre Lebewohl. Ich hoffe, fügte sie mit schon brechender Stimme hinzu, Sie werden nie vergessen, daß Lorenz das Liebste ihres Lorchens war. Lassen Sie ihn immer die Rechte eines Sohns genießen; — er wird suchen, Sie durch Sorgfalt und Pflege über den Verlust einer Tochter zu trösten, die Sie doppelt gut und liebenswürdig in Justinen wieder erhalten werden.
Hierauf verstummten ihre sanften Lippen. — Ihre Brust hob sich noch einige mahl unter stärkern Athemzügen, wie gewöhnlich, — und ihre schöne Seele war entflohn.
Die Betrübniß, die ich empfand, erreichte beinahe den Schmerz der biedern gebeugten Alten, und wurde ein Band, das uns noch fester an einander knüpfte, als das Verhältniß der Verwandtschaft und der Liebe. Wie die erste Heftigkeit unseres Kummers nachließ, drangen sie in mich, den Forderungen meines Herzens zu folgen, die jetzt nur geschwiegen hatten, da die Trauer der Freundschaft ihre heiligen Rechte behauptete. Sie betrachten Dich als ein theures Vermächtniß ihres Lorchens, von ihr selbst erkohren, die schmerzliche Lücke auszufüllen, die ihr Tod in unserm Cirkel riß, und mit offenen Armen versprachen sie mir freiwillig, Dich zu empfangen, und durch alle die Zärtlichkeit, die sonst der lieben Verstorbenen gehörte, Dir Deine ehemahligen Leiden vergessen, und unser vereintes Leben angenehm zu machen. Ich reißte also ab, und ein Zufall verschaffte mir in dem benachbarten Städtchen, durch welches ich kam, die Bekanntschaft Deines Schwagers, die ich seegne, da sie mich um so eher zu dem Ziel meiner Reise führte.
Ach! und Deine Mutter? — unterbrach ihn Justine, kämpfend mit Furcht und Hoffnung, und gespannt auf seine Antwort.
Nur zu sehr, versetzte Lorenz, hat die Erfahrung ihr gelehrt, wie unauslöschlich meine Liebe war, und wie elend es mich machte, sie verbergen zu müssen. Sie selbst bittet Dich, in meine Wünsche einzuwilligen, und läßt mich hoffen, daß wir, — wenn auch in keinem herzlichen, doch in einem anständigen Vernehmen mit ihr leben können.
Justinens Wangen überflog das reizendste Roth. Und die Kammerherrin? fragte sie schnell, gleichsam in Verwirrung, die sie verbergen wollte.
Da sie, erwiederte Lorenz, wegen ihrer bisher geführten Lebensart nicht mehr so recht in der Residenz in guten Gesellschaften geduldet wird, so hat sie beschlossen, Spillingen zu verkaufen, und im Auslande Gelegenheit zu neuen Abentheuern zu suchen, in denen sie wahrscheinlich nicht ehrenvoller bestehen wird, als in ihrem Vaterlande. Der Tod ihres Gemahls soll ihr nicht unangenehm gewesen seyn, weil sie erstlich dadurch unumschränkter über ihr Vermögen gebieten kann, und zweitens, weil sie für ihre Schönheit die Trauer vortheilhaft hält. Sie hat ihre Reise bereits angetreten, und also auch von dieser Seite ist die Luft jener Gegend rein, — wiewohl uns eigentlich ihr Daseyn eben so gleichgültig als ihre Abwesenheit seyn könnte, da eine sorgenfreie, wohlhabende Lage unsere Zukunft von jedermann unabhängig macht, ausgenommen von denen, denen ich sie danke. Werners, die mich, seit Lorchen starb, wo möglich noch mehr wie vorher als ihren Sohn ansehn, bestehen nämlich darauf, daß ich schon jetzt Langenfeld als mein Eigenthum betrachten soll, aber mir ist die kindliche Einschränkung zu lieb, in der ich bisher unter ihnen lebte, als daß ich nicht streben sollte, sie beizubehalten, da ihre Güte meine lebhaftesten Wünsche übertrifft.
Justinens Auge hing am Boden, und glänzte von Thränen, aber nicht von Thränen, wie sie der Kummer erpreßt. Lorenz beugte sich zu ihr, und umschlang sie innig. Laß mich nun das süße Wort vernehmen, sagte er, das vor dem Altar unsre Hände vereinigt, wie unsere Herzen es schon lange waren. Justine erröthete tiefer, — sie erhob ihren gesenkten Blick mit dem lieblichsten Ausdruck, der ihm ein sanft verschmolzenes Gemisch von Freude, Rührung und Zutrauen gab, und lächelnd neigte sie sich seiner Umarmung entgegen. Ja, Lorenz! sagte sie, ich war Dein, und ich bin es noch. Ach meine unendliche Liebe zu Dir ist es einzig, die mich werth macht, die Nachfolgerin eines so edeln Weibes zu seyn, wie das, welches Du verlohren hast. —
Zu den Glückwünschen und Freudenbezeugungen ihrer Verwandten gesellten sich auch die meinigen, die Justine nicht weniger herzlich aufnahm. Gern hätte ich der allgemeinen Einladung nachgegeben, die mich nöthigte, trotz dem sparsamen Raume des Hauses, die Nacht zu verweilen, aber mein Schicksal rief mich vorwärts, und ich mußte mich beugen unter dem eisernen Zepter der Nothwendigkeit. Unendlich interessant und theuer war mir trotz unserer kurzen Bekanntschaft jedes einzelne Glied dieser kleinen, lieben Familie geworden. An Färbers fand ich ein Paar treuherzige, ebenfalls wie Justine über ihren Stand gebildete Menschen, die aber den höhern Grad ihrer Kultur nur dazu anwendeten, wozu ihn eigentlich der reine Zweck einer guten Erziehung bestimmt, nämlich: zum feinern Genuß des Lebens, und zur wärmern Ausübung häuslicher und geselliger Tugenden, die, wenn sie auch ihren Wohnplatz zuweilen in einer rohen, ungebildeten Brust aufschlagen, doch nur unvollkommen dort, wie die Früchte eines milden Klimas unter einen nördlichen Himmelsstrich gedeihen.
Mit warmen Dank für ihre gastfreien Anerbietungen verließ ich das glückliche Ehepaar, deren stiller, einfacher Wandel gewiß den beiden Verlobten das schönste Beispiel eines unerschütterlichen, häuslichen Friedens gab. Justinen versprach ich in der Umarmung des Abschieds mit eben dem Antheil, den ich an ihrer traurigen Vergangenheit genommen hatte, sie einst in Langenfeld zu überraschen, und mich mit ihr ihrer schönern Zukunft zu freuen. Mir war, als fesselten mich tausend Banden an diese kleine, trauliche Hütte, in der ich so viel Edelmuth und Güte angetroffen hatte, — endlich mußte ich doch von ihr scheiden, aber das Bild ihrer liebenswürdigen Bewohner nahm ich in meinem Herzen mit hinweg.