Die alte Krone (continued 4)
Reading edition
»Das sag ich auch,« warf der junge Heinrich dazwischen, »und deshalb möchte ich jetzt einen sehr vernünftigen Vorschlag machen.«
»Deine vernünftigen Vorschläge sind unvernünftig«, lehnte sein Vater ab. »Leute, die Zigaretten rauchen, haben überhaupt keine Vernunft. Meine Ansicht ist die, Juro, Sie geben die Geschichte da drüben in Ihrer Heimat auf, setzen sich, wenn Sie Ihr Staatsexamen und Ihren Doktor gemacht haben, in irgend 'ne große deutsche Stadt als Arzt, gründen da Ihren Hausstand und pfeifen auf die ganze wendische Geschichte.«
»Das kann ich nicht und das werd' ich auch nicht, Herr von Withold. Ich werde meine wendische Heimat nicht im Stich lassen. Es ist mein Ideal, den Wenden zu helfen, ihnen zu dienen, und das werde ich durchführen. Ich werde mich als Arzt in irgendeinem wendischen Ort niederlassen und von da aus wirken.«
Herr von Withold schnitt ein saures Gesicht.
»Arzt im wendischen Ort? – So 'ne Sache! Wo? In Hoyerswerda oder in Burg? Kottbus wär' etwas oder Bautzen. Aber da haben sie deutsche Ärzte, und die Städte sind deutsch, sind da bloß an der Peripherie der Wendei. Und mitten im Land wird Ihr Bruder Samo als Arzt sitzen wie die Spinne im Netz und wird Ihnen Ihre Mücken abfangen.«
»Darf ich jetzt endlich meinen vernünftigen Vorschlag machen?« warf Heinrich wieder ein.
»Donnerwetter, der Junge läßt keine Ruhe. Wenn wenigstens seine Zigaretten nicht so stinken möchten. Also schieße los!«
Heinrich, der mit seinem Vater sehr kordial stand, blies ihm eine Rauchwolke ins Gesicht und sagte:
»Stück zwei Dreier!« Dann wurde sein hübsches, weiches Gesicht, das von einer Fülle wirrer »Künstlerlocken« umrahmt war, sehr ernst, und er sagte:
»Was ich vorzuschlagen habe, ist mir nicht erst jetzt eingefallen, sondern meine Lieblingsidee seit langem. Ich will es kurz heraussagen, einen Sturm gibt's sowieso. Also, mit dem Landwirt ist's für mich ein für allemal nichts. Ich würde unglücklich werden und es mein Lebtag zu nichts bringen. Ich habe die ganzen Jahre nebenher Kunstgeschichte und Musik studiert. Das Vernünftigste ist, ich widme mich ganz und gar der Musik und erobere mir eine Stellung in der Welt, die mir zusagt. Juro wird Arzt, heiratet die Liese, wohnt mit ihr hier in diesem weitläufigen Gespensterbau, doktert ein bißchen (denn viel zu tun wird er nicht haben), reformiert seine Wenden, richtet sich in die Gutsverwaltung ein und übernimmt als Eigentümer das Gut, wenn sich der Vater zur Ruhe setzt. Dann ist uns allen geholfen.«
Da schlug der alte Withold auf den Tisch, daß die Gläser klirrten.
»Habt Ihr's gehört? – Er ist verrückt! Jagt mir nichts dir nichts das väterliche Gut in die Binsen, präsentiert es einem andern wie eine Zigarette für zwei Dreier. Oho, Bürschchen, oho! Ich werd' schon dafür sorgen, daß es dir in dem weitläufigen Gespensterbau nicht zu eng wird. Ja, glaubst du denn, dafür hat man einen Sohn, einen Stammhalter?«
»Lieber Vater, den Stamm kann ich dir ja woanders erhalten; das muß doch nicht gerade hier sein. Und von Wegschenken ist keine Rede; ich laß mich natürlich auszahlen.«
»Auszahlen – wie ein Weib! Pfui Teufel! Das macht der verfluchte Wagner! Die Liese wird ausgezahlt als Tochter – verstanden? Du gehörst hierher! So ist es Brauch und Recht.«
»Es ist natürlich gänzlich ausgeschlossen,« sagte Juro, »daß durch meine Lebensschicksale die Familiengeschichte Withold in dieser Weise beeinflußt werden soll.«
»Natürlich, Juro, du bist ja vernünftig. Wir werden uns schon vertragen. Na, man könnte z. B. das Jagdschlößchen für euch beide recht hübsch herrichten lassen, und da könntest du von hier aus deinen ärztlichen Bezirk haben. Das läßt sich ja alles einrichten. Aber wenn einem sein einziger Sohn so kommt, das ist stark! Das übersteigt alle Begriffe!«
Er ging aufs höchste verärgert aus der Stube, und bald darauf hörte man ihn unten im Hofe herumschimpfen.
Heinrich schritt gelassen ins Nebenzimmer, wo ein großer Flügel stand, und vertiefte sich in die Schönheit der Wagnerschen »Gralserzählung«.
Juro und Elisabeth waren allein. Das Mädchen küßte dem Geliebten Mund, Stirn und Augen. Dann lehnte sie an seiner Schulter und sprach tröstende und zärtliche Worte zu ihm. Er lächelte glücklich; nur ein paarmal irrte sein Blick zum Fenster hinaus. Dort in der Richtung, wo der bleiche Mond stand, lag das Vaterhaus, das er verlassen hatte.
»So hört, wie ich verrat'ner Liebe lohne: Vom Gral ward ich zu euch dahergesandt!«
sang Heinrich im Nebenzimmer mit Begeisterung.
Es war am Nachmittag, zwei Tage vor Weihnachten. Frostwetter mit leichtem Schneefall. Elisabeth von Withold war allein auf der öden Landstraße. Der Vater war mit Juro und Heinrich auf der Jagd. So hatte sie unbemerkt von Hause fortgekonnt.
Nach einstündigem scharfen Zuschreiten stand Elisabeth vor dem Heimatsdorfe Juros. Das Herz schlug ihr heftig, eine brennende Röte stieg in ihre Wangen, aber ihre Füße wanderten darum nicht weniger schnell.
Es mußte noch vor dem Heiligen Abend geschehen. Irgend jemand mußte zu dem alten wendischen Vater gehen und ihm ein gutes Wort geben, damit sein Herz nicht so vergrämt sei am Fest der Liebe.
Und es mußte Juros wegen geschehen. Sein Stolz fand den Heimweg nicht, aber seine bange Sehnsucht nach dem alten Manne, der sein Vater war, irrte oft hin zu der Heimat. Er sollte am Heiligen Abend Frieden haben.
Nun war das erste Gehöft erreicht. Kinder, Burschen, Mägde stürzten in Fenster und Tür und starrten das fremde Fräulein an, das hier ins Dorf kam. Ein paar Leute kannten sie, und es entstand ein Tuscheln.
Das Mädchen faßte Angst und Scham. Sie war mit Juro noch nicht einmal öffentlich verlobt und wagte diesen Schritt. Aber ihr tapferes Herz trieb sie vorwärts.
Nur als Juros Vaterhaus auftauchte, ging sie langsam. Vor dem kleinen Hoftürchen blieb sie ein paar Minuten lang stehen und zupfte aufgeregt an ihren Kleidern und an ihrem Schleier.
»Helfe mir Gott!«
Und sie trat in den Hof. Vor der Haustür stand Hanka und schaute verwundert auf.
Die Mädchen kannten sich von dem Begräbnis her. Und sie kannten sich aus ihrem stummen Herzenskampf. Jetzt, da sie sich sahen, erschraken sie beide tödlich, und das deutsche wie das wendische Mädchen preßte die Hand aufs Herz und jede stieß einen Schrei aus, und kein Gott hätte einen nationalen Unterschied in ihrem Empfinden und Gebaren herausgefunden.
Elisabeth blieb bestürzt stehen, und Hanka rannte wie gehetzt zur Haustür hinein.
Eine Minute lang war es Elisabeth, als müsse nun auch sie fliehen, fliehen aus diesem Hof, wo sie nicht nur eine Fremde, wo sie eine Gehaßte war. Aber die Kraft ihrer starken Frauenseele kam wieder, und sie trat entschlossen in das Haus.
Ein großer Hund kläffte sie wütend an. Sie blieb ratlos stehen. Kein anderer Gruß wurde ihr als das Gekläff des Hundes. Da kam jemand schlürfenden Schrittes die Kellertreppe herauf.
»Napolium, halte die Schnauze! Je, je, ein Fräulein …«
Der Hund bekam einen Fußtritt.
»Das Fräulein von Withold!«
»Ja. Und Ihr – Ihr seid wohl Kito?«
»Kito! Kito! Kito!« sagte der Alte in höchster Verlegenheit und machte eine Menge Verneigungen.
»Ich möchte ein paar Augenblicke mit dem Herrn sprechen.«
»Mit dem Scholta! Der ist zu Haus. Herr Samo ist in der Stadt. Wenn das gnädige Fräulein so gnädig wäre, ins gute Stübel zu kommen, wir müssen freilich über die Treppe …«
»Es ist nicht nötig, Kito! Ich warte hier.«
»Hier im Hausflur? O nein, nein! Auch nicht in der Wohnstube! Ein gnädiges Fräulein …«
Hinter der Küchentür hatte Hanka alles mit angehört. Zu dem Schreck, den sie erlitten, kam jetzt die weibliche Angst, der alte Pulverkopf Kito möchte wirklich die – die Fremde ins »gute Stübel« führen. Das war ungeheizt, und der ganze Fußboden des fast nie benutzten Raumes lag voll Winteräpfel und Walnüsse. Diese Schande ertrug Hanka nicht. Kurz entschlossen trat sie in den Hausflur.
»Pomogaj Bog wam!« grüßte sie wendisch. »Gott helfe Euch!«
»Bog žekujscho!« dankte Elisabeth. »Gott vergelte es!«
»Es – es – in der Oberstube ist es kalt«, stammelte Hanka und öffnete die Wohnstubentür. Elisabeth trat in den großen Raum, in dem das Kaminfeuer brannte.
»Ich möchte nur einige Augenblicke den Herrn sprechen.«
»Ja. Er wird kommen.«
Die Mädchen standen noch ein paar Augenblicke voreinander. Jede wollte etwas sagen; keine brachte ein Wort heraus. Endlich sagte Hanka in deutscher Sprache, aber mit schwerem Akzent:
»Bitte sich zu setzen. Ich werde den Herrn rufen!«
Elisabeth war allein und blieb lange allein. Sie fröstelte am Kaminfeuer. Als sie endlich einen Männertritt hörte, überfiel sie große Furcht.
Der alte Hanzo trat ein. Er hatte sich offenbar erst frisch gewaschen und gekämmt und trug seinen langen blauen Staatsrock. Auch er war schwer befangen. Als er aber das zitternde Mädchen sah, das sich an die Stuhllehne klammerte, sagte er in deutscher Sprache:
»In Gottes Namen willkommen! Es ist mir eine große Ehre, daß mich das gnädige Fräulein besucht.«
Elisabeth ging zwei Schritte auf ihn zu.
»Verzeihen Sie – verzeihen Sie –«
Dann brach sie in Tränen aus.
Hanzo kam an sie heran, faßte sie an der Hand und führte sie auf einen Stuhl. Da brachte sie mühsam hervor:
»Ich habe es – es gewagt, weil – weil – es nicht sein kann, daß Heiliger Abend ist und daß Sie und Ihr Sohn –«
Weiter kam sie nicht.
Der alte Hanzo suchte nach Worten. Endlich sagte er:
»Mein Sohn Juro ist als Gast bei Ihrem Herrn Vater. Er hat es mir geschrieben.«
Und nach einer kleinen Weile fragte er:
»Weiß es – weiß es Juro, daß Sie –?«
»Nein, niemand weiß es. Nur Gott weiß es, daß ich nicht anders konnte als herkommen. Ich – ich wollte Sie bitten, daß Sie keinen – keinen Groll auf mich haben. Sonst könnte ich nicht mehr glücklich sein.«
Da wurden die Augen des alten Hanzo mild und warm.
»Sie sind gut!« sagte er schlicht.
»Aber hauptsächlich komme ich wegen Juro«, fuhr Elisabeth etwas gefaßter fort. »Er ist unglücklich, denn er hat Sie sehr lieb.«
Hanzo schlug finster den Blick nieder. Eine lange Pause kam.
»Das ist eine andere Sache«, sagte Hanzo endlich.
Hier klopfte es leise an die Tür, und dann trat Hanka ein.
»Ich möchte das gnädige Fräulein fragen, ob ich ein Glas Wein oder ein Glas Milch bringen darf«, sagte sie schnell heraus.
Elisabeth wehrte freundlich dankend ab. Aber der Hausherr meinte:
»Eines wird uns Wenden immer gelassen, unsere Gastfreundschaft. Es geht kein Gast von uns, dem wir nicht etwas Bescheidenes anbieten.«
Da sagte Elisabeth:
»Ich werde gern trinken, wenn Fräulein Hanka mit uns trinken will.«
Hanka sah auf, als sie sich beim Namen genannt hörte, und verschwand eiligst.
Hanzo trommelte leise auf den Tisch, dann sagte er:
»Gnädiges Fräulein, ich habe Sie bis jetzt nicht gekannt. Nur so vom Sehen habe ich Sie gekannt. Ich hätte auch nicht zugegeben, daß mein Sohn Juro die Augen zu Ihnen erhebt, aber jetzt sehe ich ein: Gott hat ihn gesegnet!«
Elisabeth schlug die Augen nieder. Hanzo fuhr fort:
»Juro wird Ihnen alles gesagt haben. Er muß das auch, da er Ihr Bräutigam ist. Und Sie werden ihm recht geben, nicht wahr?«
Elisabeth blickte angstvoll auf.
»Ich – ich kann es ja nicht leugnen: – ja, ich gebe ihm recht.«
»Das ist ganz richtig!« entgegnete Hanzo milde. »Sie als deutsches Fräulein können gar nicht anders. Sie halten zu Ihrem Volk; das wird Ihnen niemand verdenken. Aber anders ist es mit Juro. Der ist ein Wende, oder vielmehr, er war ein Wende; denn er ist abtrünnig!«
Da sagte sie mit ruhiger Bestimmtheit:
»Er hat seine Überzeugung und handelt nach seiner Überzeugung; wenn er das nicht täte, wäre er kein Mann.«
Nun schlug Hanzo die Augen nieder. Elisabeth fuhr fort:
»Ich bitte Sie, daß Sie sich mit ihm versöhnen, daß Sie zugeben, er muß nach seiner Überzeugung handeln.«
»Nein, das kann ich nicht«, sagte Hanzo fest und bestimmt.
»Geben Sie nicht zu, daß er bloß der inneren Macht folgt, die ihn leitet? Glauben Sie, er sei schlecht?«
Hanzo sah vor sich hin.
»Das ist eine schwere Frage«, sagte er beklommen.
Elisabeth stand auf. Ihre Stimme floß jetzt ruhiger, aber es war ein bitterer Ton darin, als sie sagte:
»Das hätte ich nicht gedacht. Ich bin noch ein unerfahrenes Mädchen, aber ich habe immer gehört, man dürfe zwar eine fremde Meinung bekämpfen, aber man dürfe den, der sie hat, nicht für schlecht halten, nur weil er anders denkt als man selbst denkt.«
»Wollen Sie sich nicht wieder setzen, gnädiges Fräulein?«
»Ich kann nicht. Wenn Sie glauben, daß ich der Schlechtigkeit das Wort rede, kann ich ja nicht hier bleiben.«
»Gnädiges Fräulein, ich denke von Ihnen das Allerbeste. Und ich will auch nicht sagen, daß Juro schlecht ist. Aber er ist so betört, er hat sich selbst so von uns getrennt, daß er für uns alle verloren ist, auch für mich.«
»So bin ich umsonst gekommen«, sagte Elisabeth in tiefer Niedergeschlagenheit und setzte sich langsam wieder auf ihren Stuhl.
»Vielleicht hat es Gott so gefügt, gnädiges Fräulein,« entgegnete Hanzo bewegt, »daß Sie doch gekommen sind, daß Sie diese gute Tat vollbracht haben, damit mir altem Mann ein Trost wird, denn ich habe den Trost sehr nötig.«
Das Mädchen saß regungslos da.
»Das eine können Sie Juro sagen, daß ich über die Verbindung mit Ihnen glücklich bin und daß ich euch Gottes Segen wünsche.«
»Vater Hanzo!«
Das deutsche Mädchen sprang auf. Zitternd stand sie vor dem wendischen Bauern, und plötzlich umschlang sie seinen Hals.
»Gott segne Sie, Elisabeth!« sagte Hanzo und küßte das Mädchen ehrfürchtig, aber auch zärtlich auf die Stirn. Ein schönes, stilles Weilchen blieben die beiden so, dann sagte Elisabeth:
»Und darf ich ihm auch sagen, daß Sie keinen Groll auf ihn haben?«
Hanzo antwortete ausweichend:
»Sagen Sie ihm, ich wünsche ihm Gottes Segen zu allem, was er tut, ausgenommen das, was er gegen die Wenden tun will.«
»Er will nach seiner Überzeugung gar nichts gegen die Wenden, alles für die Wenden tun.«
»Diese Überzeugung verwerfe ich. Gott wird sie zunichte machen.«
Dabei blieb es. Hanka kam. Sie brachte eine Flasche Wein und drei Gläser. Auf Geheiß des Hausherrn setzte sie sich, aber sie setzte sich ganz abseits. Der alte Hanzo füllte die Gläser und trank Elisabeth zu:
»Herzlich willkommen!« sagte er warm.
Auch Hanka stieß mit Elisabeth an. Das Glas zitterte leise in ihrer sonst so kräftigen Hand, und ihr »Willkommen« war kaum vernehmbar. Auch Elisabeth war wieder verwirrt. Sie suchte nach irgendwelchen Worten.
»Nicht wahr – Sie – Sie haben sich dieser Tage verlobt? Darf ich Ihnen Glück wünschen? Es kommt von Herzen!«
Hanka sah zum Fenster hinaus.
»Ich danke!« sagte sie.
»Es war in derselben Stube,« erzählte Hanzo, nur um die peinliche Spannung zu unterbrechen, »das ist nämlich unsere Spinnstube!«
Dann fragte er nach der letzten Ernte des Vaters. Elisabeth gab freundliche Auskunft, und die Spannung ließ etwas nach. Sie sagte auch, daß der Vater Herrn Hanzo gut kenne; sie seien schon einigemal Wahlmänner zusammen gewesen, auch einmal Geschworene.
»Ja, das stimmt«, sagte Hanzo. »Ich hätte nicht geglaubt, daß sich der gnädige Herr darauf erinnert.«
So ging es noch eine kleine Weile. Da stand Elisabeth auf.
»Ich muß jetzt gehen. Es wird so zeitig finster.«
Da ging Hanka rasch hinaus. Nicht lange darauf fuhr ein Wagen vor. Es war Hanzos guter Glaswagen mit den beiden Kutschpferden, das Staunen aller wendischen Kleinbauern. Der deutsche Knecht Wilhelm saß auf dem Bock.
»Elisabeth, erlauben Sie mir, daß ich Sie so weit fahren lasse, bis Sie in Sicherheit sind, und daß ich Sie begleite. Der Weg ist lang und einsam.«
»Ich bin Ihnen dankbar,« sagte Elisabeth erfreut, »wenn ich mich auch nicht fürchte. Es geschieht selten eine Schlechtigkeit in der Wendei.«
Hanzo lächelte, sagte aber nichts. Mit tadelloser Höflichkeit, die er sich in den langen Jahren eines an öffentlichen Ehren nicht armen Lebens angeeignet hatte und die auch der Güte seines Charakters entsprach, geleitete er Elisabeth zum Wagen, nachdem er ihr nochmals für ihren Besuch gedankt und ihr gesagt hatte, er werde ihr ihn nie vergessen.
An der Haustür trafen Hanka und Elisabeth noch einmal zusammen.
»Leben Sie wohl, Fräulein Hanka, und haben Sie vielen Dank.«
»Ich wünsche glückliche Heimfahrt, und wir danken für den Besuch«, sagte Hanka, die die Stelle der Hausfrau vertrat.
Einen Augenblick ruhten die Hände der Mädchen ineinander. Bald darauf fuhr der Wagen zum Hofe hinaus. Unterwegs plauderte Hanzo mit Elisabeth über alltägliche Dinge. Erst, als sich der Weg zu Ende neigte, wurden beide wieder sehr ernst.
»Kommen Sie doch einmal mit zu uns«, bat das Mädchen. »Und wenn es auch nur auf eine Viertelstunde wäre.«
»Nein, Elisabeth, das kann ich nicht. Das brächte ich jetzt nicht fertig. Wenn Juro fort sein wird, werde ich Ihnen und Ihrem Herrn Vater einen Besuch machen.«
»Darf ich – darf ich – gar keine Hoffnung mitnehmen?«
Hanzo antwortete nicht gleich.
»Wenn Juro von seiner Idee lassen würde, dann wär' alles gut.«
»Das tut er nicht.«
»Nun, da bleibt uns nichts übrig, als auf die Zeit zu hoffen.«
Sie erreichten einen Seitenweg, der nach dem Witholdschen Schlosse führte, das jetzt ganz nahe war; da stieg Elisabeth aus, und der Wagen kehrte um.
Hanzo sah noch einmal aus dem Fenster auf das Mädchen, das ihm in tiefer Traurigkeit nachschaute.
Samo war aus der Stadt zurückgekehrt und hatte gehört, wer dagewesen sei und daß der Vater im guten Wagen den Gast nach Hause geleitet. Samo war mit rotem Kopf nach Hause heimgekommen. Er hatte in einem Gasthaus für das Slawentum der Wenden große Reden gehalten und dabei viel getrunken. Nun rief er nach Hanka. Barsch stellte er eine Frage wegen des Besuches. Das Mädchen gab ihm ruhige Auskunft. Da blitzte es zornig auf in den Augen Samos. Grimmig fuhr er das Mädchen an:
»Du führst die Deutsche selbst ins Haus, du rufst ihr den Alten herbei, du trägst ihr Wein zu, du bestellst ihr die Fuhre – was hat sie dir denn für Trinkgeld gegeben?«
»Samo!«
Das Mädchen richtete sich beleidigt auf.
»Das lasse ich mir nicht gefallen. Ich habe nur das getan, was die Gastfreundschaft gebietet.«
»Gastfreundschaft gegen Deutsche gibt's nicht«, rief Samo. »Gastfreundschaft gibt es gegen Hottentotten, Indianer, Kannibalen und sonst noch einigermaßen achtbare Völker, aber nicht gegen Deutsche! Wendische Gastfreundschaft gegen Deutsche ist die Gastfreundschaft der Schafe für den Wolf!«
Hanka wandte ihm ohne Antwort den Rücken und ging fort.
Als der Vater nach Hause kam, erneuerte sich der Streit. Der alte Hanzo wurde blaß.
»Mir scheint,« sagte er, »noch bin ich der Herr in meinem Hause, und wenn es so anfängt, dann will ich mir doch noch alles anders überlegen.«
Samo zuckte die Schultern.
»Es muß doch anders kommen. Schon fängst du an nachzugeben. Schon versuchen sie mit List und Schmeichelei das zu erreichen, was sie mit Gewalt nicht bekommen können. Die Wenden sind dann verloren.«
»Sie sind nicht verloren! Ich habe um keinen Fuß breit nachgegeben. Was das Mädchen getan hat, war gut und brav, und deine Anschuldigung fällt auf dich zurück. Mir scheint, Gott hat mir zwei wackere Schwiegertöchter zugedacht; was ich aber von meinen beiden Söhnen denken soll, weiß ich nicht mehr.«
Auch der Vater ließ ihn stehen.
Da lief Samo aufs Feld hinaus, wo es bereits dunkelte. Er traf die alte Wičaz, die mit Paketen aus der Stadt kam.
»Nun, Alte, was sagen die Leute zu meiner Verlobung?«
»Die meisten freuen sich.«
»Die meisten? Nicht alle?«
»Hm – es gibt doch viele, die schon halb deutsch sind, die beim Militär gewesen sind oder in deutschen Dienststellungen. Denen gefällt der Herr Juro gar nicht schlecht.«
»So, er hat also wendischen Anhang? Großen Anhang?«
Die Alte zuckte die Achseln.
»Tu nicht so einfältig, alte Wičaz. Was habe ich dir angetan?«
»Nichts habt Ihr mir angetan. Dem Kito, dem alten Scheusal, habt Ihr einen Pelz angetan, einen richtigen Kuppelpelz –«
»Ach ja – ich verstehe – für dich kommt's auch noch –«
Die Alte sah ihn von der Seite her listig an.
»Was ihm – dem Juro – die Leute am meisten übelnehmen, ist, daß er sich am Kronenhügel vergreifen will.«
Samos Augen glimmten auf. Ein Schein wilder Freude flog über sein Gesicht.
»Wissen denn die Leute von dieser Absicht?« fragte er möglichst ruhig.
»Es spricht sich so langsam herum.«
»Es könnte nichts schaden, wenn es sich etwas schneller herumspräche«, sagte Samo und schenkte der Alten einen Taler.
Sie nickte.
»Früher wolltet Ihr das nicht! Aber man kann das schon machen.«
»Also mache es! Daß ich nicht geizig bin, weißt du!«
Er nickte ihr zu und ging allein weiter.
»Oho,« sagte er bei sich, »ich wäre ein Esel, wenn ich es mir so dumm verderben würde wie Juro. Ich muß sehen, daß ich die Geschichte mit Hanka und dem Alten wieder ins Geleise bringe.«
Wie mag nur ein Winter im Föhrenwald vergehen, wenn alles so tot und still ist draußen und dieselben Menschen immer zusammenhocken in derselben niederen Stube? Zuletzt lachen sie wohl nicht mehr, reden wohl nicht mehr, wissen sich nichts mehr zu sagen!
Sind sie nicht wie Gefangene? Weg und Steg verschneit, das liebe Brot schmal, der Beutel leer, das Herz leer.
Dann sind wohl manche wie stumpfe Tiere, die mit der Kette an magerer Krippe hängen, dumpf hinstarren vor sich in die grausige Langeweile. Und die anderen, die die Sehnsucht kennen, wandern aus. Im fahlen Schneelicht reist ihre Seele nach großen Städten, wo die prangenden Theater sind, wo die schönsten Frauen der Erde in lichtstrahlenden Sälen tanzen, oder nach den Ländern des Südens, wo jetzt die blauen Schwalben fliegen über roten Blüten.
Wie mag nur ein Winter im Föhrenwald vergehen? Im Unterland, wo die Sprewja breit und vielfach verzweigt ist, ist jetzt lustige Zeit. Da laufen selbst die alten Weiber auf Schlittschuhen, und jeder Bursch fährt seine Liebste auf dem Schlitten. Die Unterländer sind lustig, aber leichtsinnig; die ernsteren Oberländer haben das immer behauptet und immer etwas auf die Spreewaldleute herabgesehen.
Doch auch sie wollen ihr Vergnügen, und auch in ihren stillen Stuben stirbt das Lachen nicht in der langen einsamen Zeit. – –
Der alte Kito steht im Hof und unterhält sich mit einem Sperling.
»Was, wrobel[52], was sagst du? ›Lieber Kito, 'ne Ähre‹? Das sagst du? Und was sangst du im Sommer? ›Dem Kito 'n Strick, dem Kito 'n Strick!‹ Und was sangst du noch im Herbst: ›Korn ist Dreck, Korn ist Dreck!‹ Wart, wrobel, ich schmeiß dich tot!« Und er warf nach ihm mit fünf Haferkörnchen.
Es ist doch gut, daß die Lieder sind und die alten Sagen und die alten Bräuche. So schläft die Seele nicht ein. Und auch der Magen fühlt sich wohl dabei. Am Sebastianstag muß auch der Ärmste sein Pfund Fleisch essen, sonst wird das Vieh krank, muß geschlachtet werden, und es gibt bald Fleisch in Fülle.
Dann kommt die lustige Faschingszeit. Welcher Spaß ist größer, wo in der Welt wird herzlicher gelacht, als wenn in den Spinnstuben am cazowečor[53] sich die Burschen und Mädel gegenseitig die Gesichter mit Ruß schwärzen? Am Faschingsdienstag gar schallt der stille Föhrenwald wider von jubelndem Lachen, wenn die Burschen »zampern« gehen, alle als Weiber verkleidet, jeder mit einem großen Korb, in dem er Speck und Eier einsammelt. Wer ein einziges Mal den alten Kito in der Tracht eines jungen Mädchens gesehen hat mit dem gestickten Busentüchlein und der großen Bänderhaube und dem bunt gestreiften Rock, der vergißt es sein Lebtag nicht. Dieses Jahr ist er aber nicht als junges Mädel, sondern als alte Wičaz gegangen, hat mit verklebten Federspulen, in die er gelbe Sandstückchen getan hatte, die wie Wanzen aussahen, überall Schrecken und Angst erregt, zumal er die Spulen den Weibern in den Nacken steckte. Auch hat er Karten gelegt und unerhörte Dinge geweissagt, so, daß auf den Sonntag der Montag treffen wird und daß ein Dreierlicht auch dann noch einen Dreier kosten wird, wenn das Wachs aufschlagen sollte. Die wirkliche Wičaz ist ihm nachgegangen, und die beiden Wičaze, die echte und die unechte, sind sich in die Haare geraten, und so ein schöner Spaß ist noch nie und nirgends dagewesen. Oh, es lebt sich lustig und herrlich zur Winterzeit im Föhrenwald! Und »am Ostermorgen tanzt die Sonne«.
Hanka hat mit ihren Spinnmädchen am Karfreitag draußen gestanden auf dem freien Feld, sie sind feierlich im Kreise zusammengetreten und haben gesungen: »Nět daj moj Jezus dobru noc«, »Nun gib, mein Jesus, gute Nacht«, und als am Karsamstag Mitternacht vorbei war, haben die Burschen in allen Dörfern geschossen; Hanka aber ist, noch ehe die Sonne aufging, schweigend mit einem Krüglein zur stillen Spree gegangen und hat Osterwasser geholt; das wird sie nun gesund erhalten das ganze Jahr. Viele Mädchen und Frauen sind ihr begegnet, keine hat ein Wort gesprochen.
Ja, am Ostermorgen tanzte die Sonne! Winter war aus, neues Leben kam in die Heide.
Und auch der Sommer verging.
Hanka war zu ihren Eltern zurückgekehrt, als ihr Bräutigam Samo als »Pán doctor« nach Hause gekommen war.
Mit gewaltigem Respekt betrachteten die Dorfleute den jungen Arzt. Ja, es kam so weit, daß die Bäuerin Pösch, die die Rose bekam, allen Ernstes daran dachte, sich den neuen Doktor rufen zu lassen, wenn sie es zuletzt doch nicht vorgezogen hätte, sich lieber von der Wičaz »besprechen« zu lassen.
Samo war nicht lange zu Hause geblieben, sondern wieder nach Prag gefahren. Von dort war er erst nach Monatsfrist zurückgekehrt.
So ging der Sommer vorbei. Wieder spielte der junge Herbst mit den gelben Blättern, die auf der Spree schwammen, wie mit kleinen Schifflein. Ein Jahr und einen Tag war es nun her, seit Mariana, die Frau des Scholta, gestorben war.
Da war die Trauerzeit zu Ende.
Und zwei Tage später war die Hochzeit Samos mit Hanka. Sie fand in Hankas Heimatsort statt. Kito als Brautführer war schon einige Wochen vorher daselbst eingetroffen, um alles vorzubereiten. Denn der Bräutigam hatte ausdrücklich gewünscht, daß bei seiner Hochzeit alles genau nach der Väter Sitte hergehe. Und alle Leute lobten den Bräutigam, der, obwohl er ein Pán doctor war, sich nicht stolz von ihnen und ihrer Art absonderte.
So erschien Samo in wendischer Bauerntracht, den kleinen Rautenkranz auf dem Kopf, am Hochzeitsmorgen vor der Tür der Braut. Alle Männer, die ihn begleiteten, trugen lange, buntbebänderte Stöcke. Eine Musikbande war auch dabei. Ein Fiedler strich die husla, die dreisaitige wendische Geige; ein anderer Musikant entlockte seiner tarakawa schreiende Oboetöne, die Hauptsache aber war der Dudelsackpfeifer, dessen kozol mit einem mächtigen gehörnten Ziegenbockkopf gekrönt war.
Kito, der družba, klopfte an die verschlossene Tür des Hochzeitshauses, begehrte Einlaß und verlangte die Braut heraus. Ein altes Weib mit einem mächtigen Höcker wurde durch die Tür geschoben.
»Was, das soll die Braut sein?« schrie der družba. »Ich schlag' ihr den Buckel entzwei.«
Und er schlug mit seinem Stock auf den Buckel, der auch wirklich zersprang, weil er aus einem untergebundenen Topf hergestellt war.
Nun wurde ein junges Mädchen durch die Tür geschoben. Aber auch jetzt schrie Kito:
Endlich kam Hanka im Brautstaat. Sie war blasser als sonst, aber sie lächelte. Mit großem Lärm wurde sie empfangen. Nun ging es ins Haus hinein zum Frühstück. Der Bräutigam mußte sich von der Braut fernhalten; nur der družba hatte das Recht, ihr Kavalier zu sein. Kito strahlte vor Stolz und Freude. Und er sorgte für alles. Er fragte die Mutter, ob sie der Tochter auch einen Taler in den Strumpf gesteckt, ob sie ihr auch Salz in den Schuh geschüttet habe, damit der Reichtum nicht ausbleibe, und ob sie auch nicht vergessen habe, ihr ein Äpflein mitzugeben, damit der Kindersegen nicht fehle. Er wolle gewiß drei Bissen Brotes unterwegs essen, damit die Ehe eine glückliche werde.
Alles war erfüllt. Alle Vorzeichen waren gut. Zunehmender Mond war, und es war Dienstag, der beste Tag für eine Hochzeit.
Zur Trauung ging es zu Wagen, und wieder war Kito der Begleiter der Braut. Kinder und große Leute standen am Wege, Zuckerwerk und kleine Münzen wurden ausgestreut, und es war Jubel aller Enden.
Unterwegs geschah aber etwas, worüber sie alle erschraken. Eine Kuhherde kreuzte den Weg. Der Brautwagen mußte anhalten. Das war kein gutes Zeichen. Kito aß nun neunmal drei Bissen trockenes Brot, um den Zauber abzulenken, und sagte nach dem siebenundzwanzigsten Bissen: »Jetzt bin ich zwar satt, und das ist schade an einem solchen Tage, zumal, wenn man sein Lebtag nicht immer an der Bratenpfanne gesessen hat; aber nun wird doch alles gut gehen in der Ehe.«
Hanka nickte freundlich. Sie war sehr still in allen diesen Tagen und ließ alles schweigend über sich ergehen.
Bei der Rückkehr aus der Kirche hielt der Wagen vor dem Tor. Die Mutter kam aus dem Hof. Sie hielt einen neuen Topf mit Milch in der Hand. Daraus tranken Bräutigam und Braut, und der družba zerschellte darauf den Topf an einem Stein. Nun ging die ganze Hochzeitsgesellschaft in den Hof; der družba hielt eine Rede, in der er wieder Abbitte leistete für alles etwa geschehene Unrecht, dann setzte die Musik ein, und es wurde im Hofe getanzt.
Und dann wurde geschmaust und gegessen den ganzen Tag lang und in der Schenke die ganze Nacht getanzt.
Es waren aber zu dieser Hochzeit Gäste von nah und fern gekommen, Gäste, die nicht zur Verwandtschaft und nächsten Freundschaft gehörten, sondern Ehren halber als Vertreter großer Gemeinden oder Bezirke vom Kral eingeladen worden waren.
Einer von diesen Leuten traf bald nach dem Essen mit Hanzo im Großgarten zusammen und sagte:
»Höre Kral, ich muß dir etwas sagen. Da wir nun zu diesem frohen und schönen Feste so viele Dorfväter beisammen sind, so wollen wir etwas besprechen und abmachen, was allen von uns sehr am Herzen liegt. Dein Sohn Juro ist nicht hier, obwohl sein einziger Bruder Hochzeit hält.«
Hanzo errötete leicht.
»Juro ist auf einer Reise,« sagte er; »er ist jetzt in Italien.«
»Ja, und er ist vier Wochen vor der Hochzeit dorthin gereist. Aber das geht uns nichts an. Etwas anderes müssen wir mit dir abmachen. Sieh, Hanzo, du bist noch nicht alt, und Gott soll dir noch viele Jahre schenken. Aber deine Frau war auch nicht alt und starb doch. ›Ihr wisset weder den Ort noch die Stunde‹, sagt die Bibel. Wenn du nun einmal den Tod finden wirst, müssen unsere Leute wissen, wer ihr Kral ist. Und ihr Kral kann dann nur Pán Samo sein.«
Hanzo schwieg.
»Er hat heute«, fuhr der andere fort, »die Hanka geheiratet, das einzige Mädchen, das noch aus der Familie des alten Kral ist. Er hält zu uns, er beachtet unser Volk; er soll unser Kral sein.«
Hanzo entgegnete darauf:
»Der Erbsohn ist Juro, und er hat sein Recht nicht abgetreten und will es auch nicht abtreten.«
»So müssen wir ihn absetzen, und zwar werden wir ihn heute absetzen.«
»Nicht heute«, wehrte Hanzo ab.
»Warum nicht heute? Heute ist der richtige Tag. Wann werden wir wieder so viele beisammen sein, die da mitzureden haben?«
»Wir können uns am Martinimarkt in der Stadt treffen.«
»Wozu willst du den Aufschub?«
»Ich möchte es nicht hinterrücks tun. Ich will meinem Sohn Juro schreiben, was ihr vorhabt; dann kann er sich verteidigen.«
Der andere sagte mit finsterer Miene:
»Er kann sich nicht verteidigen. Er hat offen und vielmal gesagt, daß er kein Wende, daß er ein Deutscher ist; er hat sogar gesagt, er werde den Kronenhügel aufgraben, um den Wenden zu zeigen, daß ihr Glaube Dummheit ist, daß in dem Hügel keine Krone ist, sondern nur Erde und Steine. Und das kann ihm nicht verziehen werden.«
»Er hat es doch nicht getan! Er scheut sich doch und weiß, es wäre ein Verbrechen.«
»Aber er wird es tun«, sagte der andere. »Er hat es bestimmt gesagt.«
»Wissen viele Leute davon?« fragte Hanzo trostlos.
»Alle!« entgegnete der andere.
»Woher wissen sie es? Er schreit es doch nicht auf die Straße.«
»Das kann ich nicht sagen. Es ist in aller Mund. Und alle wissen, was Juro gegen die Wenden gesagt und getan hat – alle! Es ist alles gegen ihn. Und es wird täglich schlimmer.«
Sie schwiegen beide. Dann fuhr der andere fort:
»Bezwinge dich, alter Hanzo! Es mag schwer sein, aber es muß sein! Treten wir zusammen, die wir hier sind, und machen wir es aus. Einmal muß es doch sein.«
»Heute nicht! – Njok!«
Mit diesem »Njok!«, diesem messerscharfen, endgültigen: »Ich will nicht!« schnitt der Kral die Unterhaltung ab. Kein Widerspruch erfolgte mehr.
War auch die Zeit längst vorbei, wo der Kral eine heimliche Kopfsteuer erhielt, so war doch sein Einfluß so stark, sein Wille so mächtig, daß alle anwesenden »Volksvertreter« sich dem »Njok!« Hanzos fügten und die »Absetzung« Juros, sein Ausschluß von der Kralswürde, auf eine große Gromada am Martinimarkt vertagt wurde.
Im Kretscham saß Samo auf der Bank und sah dem Tanz zu. Mit seiner jungen Frau durfte er nicht tanzen. Auch mit den Brautjungfern durfte er sich nur dann im Kreise drehen, wenn es der allmächtige Družba erlaubte. Der Bräutigam ist im Wendenland an seinem Hochzeitstag rechtlos.
Es war Samo ganz lieb so. Am liebsten wäre er fortgegangen, hinaus in die Nacht. Es war ihm eigen zumute. Wenn er Hanka ansah, die nun seine Frau war, dann sagte er sich wohl, daß sie ihm gefalle. Von Liebe wußte er nichts, hatte er nie etwas gewußt. Das war töricht Zeug für Schwärmer und unreife Menschen, nichts für ihn.
In seiner Brust herrschte nur das eine: maßloser Ehrgeiz. König sein, wenn auch ein heimlicher König, wenn auch nur ein König über ein kleines, unterjochtes Volk! Aber im Glauben eines Volkes an erster Stelle stehen! Der Mann sein, auf den auch die Slawen anderer Länder mit ehrfürchtiger Scheu sahen, dem alte Leute die Hand küßten und für den der gelehrte Krok die Krone Przemisls aus dem Tabernakel nahm!
Oh, das war etwas Großes, das zu erstreben sich lohnte! Und dann den heimlichen, zähen Kampf führen mit dem Soldatenkönig in Berlin! Sich äußerlich bescheiden und doch wissen: ich stehe auf Vorposten gegen dich und bahne den slawischen Brüdern einen Weg vor die Mauern deiner Stadt! Um das zu erreichen, nahm man alles, was Geschmack und Bildung schwer genießbar machten, willig hin, ließ man sich von einem Družba tyrannisieren, trank man mit den Burschen ein Glas Branntwein ums andere. – –
Am selben Tage, da Samo und Hanka im Wendenlande Hochzeit hielten, saß Juro mit seinem Freunde Heinrich von Withold auf dem Posilip bei Neapel. Und er träumte hinüber zu den silbernen Städten Castellamare und Sorrent und nach Capri und Ischia. Die schönste Inselflur der Welt lag vor ihm. Weit hinaus dehnte sich das blaue Meer. Da war es ihm, es geschähen Wunder vor seinen Augen, als seien Märchen zur Wahrheit geworden, Träume in Erfüllung gegangen; Märchen und Träume, denen seine junge Seele nachging, als er noch einsam im Wendenwald war.
Ja, hier war die Welt schön und darum groß und reich. Und war auch das Volk ärmlich gekleidet, es war dennoch reich, denn es hatte immer Herrlichkeiten leibhaftig vor Augen, von denen selbst Königspaläste nur mit matten Bildern ihre Wände schmücken konnten.
Aber es geschah, daß die Seele des Wendensohnes beim Rauschen des blauen Südmeeres und beim Duft der roten Mandelblüten das Heimweh überkam nach den Sandwegen der Wendei, nach den Föhren an der stillen Spree. Und das geschah, weil er nicht nur von der Heimat weg eine Reise getan, sondern weil man ihn aus der Heimat verbannen wollte.
Das Menschenherz lenkt auch im glänzendsten Exil seine Sehnsucht nach Hause. –
Seit Weihnachten hatte Juro mit seinem Vater mancherlei Briefe gewechselt. Er war ihm aber dadurch nicht näher gekommen, nein, die Kluft hatte sich noch vertieft. Schließlich hatte ihm der Vater sogar gegen seinen Willen sein mütterliches Erbteil auszahlen lassen.
Das war der Bruch; damit sollte Juro völlig ausgeschlossen werden von dem heimischen Hof.
Eine tiefe Bitternis war über Juro gekommen. Seine frohe, selbstbewußte Art drohte in finsteren Trotz umzuschlagen. Er war oft schweigsam und müde wie ein Kranker. Da kam Samos Hochzeit immer näher heran. Samo lud den Bruder erst auf ausdrücklichen Befehl des Vaters zu dem Fest; er tat es in der denkbar kältesten Form. Juro schlug die Einladung aus, und um allen Peinlichkeiten zu entgehen, um sich andererseits zu zerstreuen und wieder einmal Sonne in die Seele zu bekommen, begab er sich mit seinem Freunde auf die Reise.
Oh, wohl war es schön in Florenz und Rom, wohl war es ein Genuß, mit Heinrich, der seit Jahren Kunstgeschichte studiert hatte, durch die Museen zu wandern, wohl war es herrlich hier am alten Posilip! Aber die Bitterkeit wich nicht ganz aus Juros Herzen, und als einmal Musikanten ein italienisches Volkslied sangen, sagte er:
»Wir haben ein ähnliches Lied; ich finde es sogar schöner.«
Und er sang dem Freunde leise das Lied vor – in wendischer Sprache. – – –
Nach zwei Monaten kehrten sie heim. Da fand Juro in seiner Breslauer Wohnung einen Brief des Vaters vor. Der Vater machte ihm die Mitteilung, daß die Vertreter der wendischen Gemeinden beschlossen hätten, ihm die künftige Kralswürde abzusprechen auf Grund seines feindlichen Verhaltens gegen das Wendentum und vor allen Dingen auf Grund seines geäußerten Vorsatzes, den Kronenhügel aufzugraben und das Nichtvorhandensein der alten Krone der Wenden nachzuweisen. Am Martinitage mittags solle in dem und dem Lokal die Ausschließung Juros von der Kralswürde erfolgen. Es sei Juro anheimgestellt, bei dieser großen Gromada zu erscheinen und daselbst seine Sache zu führen, wolle er aber klug handeln und seinem Vater einen Schmerz ersparen, so solle er vorher durch freiwilligen schriftlichen Verzicht das traurige Schauspiel unnötig machen.
»So wirf ihnen doch die ganze Geschichte hin«, sagte Heinrich, der mitanwesend war und den Brief ebenfalls las. »Das ist doch alles Humbug! Darum wirst du dir doch nicht das Leben verbittern!«
»Nein!« rief Juro, »nein! Ich gebe nicht nach!«
»Aber, Mensch, du siehst doch, daß du sowieso keinen Einfluß auf die Wenden hast. Wozu also dieses trotzige Festhalten an dieser phantastischen Würde? Bei denen wirst du nichts ausrichten, auch wenn du der eingebildete zukünftige Kral bleibst.«
»Ich werde etwas ausrichten, denn ich bin nicht ohne Anhang. Die Jungen, die einmal ins Land hinausgerochen haben, die sind denn doch anders als die alten Nesthocker. An die Jungen muß ich mich wenden. Ich werde jetzt wirklich den Kronenhügel aufgraben!«
»Das laß nur hübsch bleiben! Das könnte dir schlecht bekommen!«
»Mir kann nichts mehr schlechter bekommen als dieser Brief meines Vaters. Vor allem aber weiche ich meinem Bruder Samo nicht, dessen Hand ich hinter all diesen Machenschaften deutlich sehe. Die Wenden allein wären viel zu schläfrig, viel zu indolent, um so vorzugehen. Es ist einer, der hetzt und das alles leitet, und das ist Samo.«
»Das ist allerdings auch meine Ansicht. Tue also, was du nicht lassen kannst!«
Ein niederes, aber sonst geräumiges Hinterzimmer in einem wendischen Gasthof. Um einen ungedeckten Tisch sitzen zwölf Männer, darunter Hanzo und Samo. Jeder hat ein Glas Wein vor sich stehen, das Hanzo bestellt hat. Es herrscht bedrücktes Schweigen. Die Rathausuhr draußen schlägt zwölf. Da tritt Juro ein.
»Pomogaj Bóg wam!« grüßt er. Er hat sich nach langem Überlegen zu dem wendischen Gruß entschlossen.
»Bóg žekuscho!« kommt es bedrückt zurück.
Juro geht auf seinen Vater zu und streckt ihm die Hand hin, die dieser langsam ergreift. Nun reichen auch die anderen Männer zögernd die Hand. Seinen Bruder Samo übersieht Juro völlig.
»So wollen wir in Gottes Namen beginnen«, sagt der alte Hanzo mit etwas zitternder Stimme. »Ihr habt mich zum Leiter dieser Versammlung gewählt. Es ist Klage gegen Juro, meinen ältesten Sohn. Die Klage will ich nicht selbst vorbringen, sondern das wird der Bur Klin tun.«
Der Bauer Klin war sonst ein Wichtigtuer und Maulheld. Heute aber stotterte er und versprach sich oft, als er Juro, der für ihn der gelehrte und gebildete Mann war, die Anklage ins Gesicht sagen mußte. Aber er stammelte doch die Anklage heraus: Juro sei gegen das Wendentum, er habe in diesen und diesen Fällen Wenden schwer beleidigt, er habe die wendischen Gebräuche nicht nur selbst gemieden, sondern auch gesagt, er wolle sie ausrotten, er habe die wendische Sprache geschmäht, er habe öffentlich erklärt, er wolle alle Wenden zu Deutschen machen; endlich, er wolle sich am heiligen Kronenhügel vergreifen und nachweisen, daß es überhaupt keine wendische Krone gebe. Darum sei das Volk eines Sinnes, daß ein solcher Mann nicht der zukünftige Kral sein könne.
»Hat noch jemand der Anklage was hinzuzufügen?« fragte Hanzo.
»Ja«, rief Samo. »Die Hauptsache ist, daß er sich im Wendenland festsetzen und den Einfluß, den er als erstgeborener Sohn des Kral hat, dazu mißbrauchen will, unser Kraltum zu vernichten und die Wenden den Deutschen auszuliefern.«
Nun bekam Juro das Wort.
»Ich möchte zuerst fragen: Ist mein Bruder Samo ansässiger Bürger oder Bauer der Wendei, hat er in einer Gemeinde bereits Sitz und Stimme?«
»Nein!«
»Also gehört er nicht hierher, und ich bitte, ihn von dieser Versammlung, in der er nichts zu suchen hat, auszuschließen.«
Es ging ein Tumult los. Es wurde durcheinandergeredet. Der Erfolg war, daß Samo bleiben durfte.
»Gut,« sagte Juro, »so bleibt er gegen alles Recht. Ich werde annehmen, daß auf seinem Platze eine Säule nicht ganz reiner Luft sei!«
Samo sprang auf, es gab neuen Tumult; Hanzo verwies Juro die getane Beleidigung aufs strengste und forderte ihn auf, sich zu der Klage, die der Bauer Klin im Namen aller hier vorgebracht habe, zu äußern.
Da überkam Juro seine Spottlust.
»Pán Klin,« begann er, »Ihr habt eine gewaltige Rede gegen mich geführt, und deshalb sage ich: Ihr müßt in den Landtag gewählt werden.«
Hanzo stand auf. Seine Augen funkelten zornig.
»Juro, es ist höchst unangebracht, hier zu spotten; es ist uns heiliger Ernst!«
»Es ist mir auch Ernst«, erwiderte Juro. »Um aber noch einmal auf den Landtag zu kommen; warum habt ihr Wenden keinen Vertreter dort, warum seid ihr politisch so rechtlos? Warum habt ihr nicht einmal versucht, eure Stimme zu erheben? Weil ihr rückständig seid, weil ihr eure Zeit verträumt und selbst nicht so viele Rechte in Anspruch zu nehmen wagt wie alle anderen Kinder des Staates.«
Unwilliges Murren.
»Wenn ihr auch murrt, die Wahrheit muß ich euch sagen. Und wie ihr keinen wendischen Abgeordneten habt, so habt ihr auch keinen wendischen Arzt …«
»Samo!« schrien sie. »Samo!« Juro zuckte die Achseln.
»Habt ihr keinen wendischen Arzt,« wiederholte er, »keinen Advokaten, keine Gelehrten, kein großes Kaufhaus, kein Theater oder sonstiges Kunstinstitut. Warum seid ihr so arm? Oh, nicht ihr, die ihr hier seid! Ich weiß, jeder von euch ist ein Bur und hat soundsoviel Hufen Landes. Aber die Mehrzahl, warum ist sie so bettelarm? Warum wohnen so viele in windschiefen Hütten, essen so schmales Brot, haben so wenig Freude? Weil ihr Wenden seid! Wäret ihr Deutsche, es ginge euch allen zehnmal besser!«
»So haben uns die Deutschen unterdrückt!« sagte einer.
»Das ist nicht wahr! Die Deutschen haben stets in Frieden mit euch gelebt und ihr mit ihnen, bis eine gewissenlose Hetze eingesetzt hat. Ich frage euch, was wollt ihr eigentlich? Ewig sitzen bleiben auf euren paar Dörfern, da man eure Sprache schon in Bautzen oder in Kottbus nicht mehr richtig versteht? Da in den Hauptstädten der Länder, zu denen ihr gehört, in Berlin und Dresden, die meisten Leute nicht einmal recht wissen, was ein Wende ist, geschweige, daß sie je ein wendisches Wort gehört hätten?! Könnt ihr paar Leute heutzutage noch daran denken, einen eigenen Staat zu bilden? Seht ihr nicht ein, daß das lächerlich ist? Ein Staat, wo ihr nicht einmal einen Abgeordneten zustande bringt? Aber freilich, ich kenne Leute, die hinüberschielen zu den Tschechen. Nicht ihr! Ihr habt euch euer Leben lang nicht um die Tschechen gekümmert, trotz aller Versuche, die von dort gemacht worden sind. Die Tschechen waren euch hundsegal; es gibt sogar viele, die dem wendischen Schmied Stosch recht geben, der den Buchdrucker Schmaler für einen Todsünder erklärt, weil er in eure Gesangbücher die tschechische Schreibweise eingeführt hat. Ihr seid von Kindheit an brave, zuverlässige Preußen oder Sachsen gewesen, und so wie ihr waren es eure Väter und Urväter. Ist das so?«
»Ja, das ist so!«
»Nun denn, wenn ihr gute Preußen oder gute Sachsen seid, warum wollt ihr es nicht auch äußerlich sein in Kleidung und Sitte, hauptsächlich aber in der Sprache, damit auch ihr mit euren Kindern besser fortkommt in der Welt? Und wenn euch jemand zur Vernunft, zum eigenen Nutzen rät, sagt an, ist er nicht in Wahrheit euer Freund?«
Ein alter Bauer stand auf.
»Ich bin ein guter Preuße, und mein Vater und Großvater waren gute Preußen. Aber wir waren auch gute Wenden. Und dabei soll es bleiben.«
Juro wurde wieder erregt.
»Das ist die alte – die alte – ich will es nicht aussprechen. Niemand kann zweien Herren dienen! Das wißt ihr schon aus der Bibel! Man soll nur eines sein und das eine ganz! Alles andere ist Zwiespältigkeit oder schlimmer: Hinterhältigkeit. Ja, ich glaube, daß der Staat nichts verliert, wenn er euch euer Wendentum läßt. Er nicht! Er, der Staat, hat eine fleißige, genügsame, ruhige Bevölkerung in einer Gegend, wo sonst nicht viel zu holen ist. Oh, der Staat ist zufrieden! Darum auch nicht die Spur von Unterdrückung, darum das Eingehen auf eure, ach so bescheidenen Wünsche. Ihr seid ja schon selig, wenn euch das Dresdener Kabinett einmal eine Verfügung in wendischer Sprache schickt. Der Staat fährt gut dabei; aber ihr fahrt schlecht, weil ihr nicht die gleichen Aussichten, nicht die gleichen Möglichkeiten habt wie die anderen. Nehmt mich zum Beispiel! Ich bin wendischer Geburt. Als ich auf die Schule kam, ist es mir viel schwerer geworden fortzukommen als den deutschen Mitschülern, weil ich das mühsam erst lernen mußte, was diese schon mitbrachten. Solcher Beispiele gibt es Tausende. Denkt an jeden Kaufmann, jeden Gewerbetreibenden, ja sogar jeden Rekruten. Die Sprache, die sonst allen eine Helferin ist, ist uns ein Hemmnis!«
»Und das ist,« rief Samo erregt dazwischen, »weil wir in einem fremden Lande wohnen. Gehörten wir zu den Tschechen, so verstände eure Sprache jedermann. Deutschland ist nicht unser Land; wir sind Slawen und gehören zu den Slawen!«
»Ich will nicht von Hochverrat reden,« sagte Juro, »der euch vereidigten Ortsvorstehern ja ganz fern liegt; ich bin auch weder Aufpasser noch Denunziant; ich will nur die ungeheure Dummheit der Tschechenillusion beleuchten. Hier hängt zu meiner Freude eine Karte von Europa an der Wand. Nun seht einmal her! Dieses kleine Fleckchen ist also Böhmen. Darin wohnen Tschechen, d. h. nur zur reichlichen Hälfte Tschechen. Die anderen sind deutsch. Nähmen wir nun wirklich zu dem kleinen Fleckchen auch Mähren hinzu, das noch weniger Tschechen hat als Böhmen, und ein bißchen slowakisches Hinterland – was käm' heraus? Ein Weltstaat, nicht wahr?! Eine kolossale Macht?! Nein, ich sage euch, es wäre ein Kleinstaat mehr, noch dazu sprachlich und national zersetzt, ein Staat, der für sich gar nichts bedeutete, der im Norden, Westen und Süden von Deutschen umklammert wäre, im Osten die Polen hätte, mit denen sich die Tschechen mäßig, und die Ungarn, mit denen sie sich gar nicht vertragen. So könnte aus dem Ganzen nichts anderes werden als ein russischer Vasallenstaat, eine russische Provinz, und da wir wieder nur ein Provinzchen dieser Provinz sein könnten, so wären wir die Aftermieter der Aftermieter, und der Hausherr säße in Petersburg. Wir danken für eine solche Ehre! Wir wollen lieber deutsche Einwohner des großen deutschen Landes sein!«
Nun stand Samo auf.
»Des großen deutschen Landes,« lachte er höhnisch; »wo gibt es ein großes deutsches Land? Wo gibt es etwas Zersplitterteres, etwas Uneinigeres als dieses deutsche Land, wo gibt es etwas Lächerlicheres als diese »Frankfurter«? Wohin deine Sprache weist, da steht dein Vaterhaus, da ist deine Heimat, da ist dein Vaterland!«
Der Streit hatte sich zu einem Wortgefecht zwischen Juro und Samo ausgewachsen, das über die Köpfe der Bauern wegbrauste. Die meisten saßen mit verdrossenen Gesichtern gelangweilt da. Das bemerkte Samo eher als Juro; darum spielte er einen guten Trumpf aus:
»Wollt ihr jetzt zum deutschen Händler gehen, eure schöne Volkstracht einhandeln gegen einen schäbigen deutschen Anzug, sollen eure Frauen und Töchter nicht mehr ihre herrlichen Wendenkleider tragen dürfen, sollen die Spinnstube, die Kirmes, das Osterreiten aufhören, soll euer alter wendischer Gruß verboten sein, sollen eure wendischen Gesangbücher verbrannt, soll …«
Er wurde unterbrochen.
»Nein, nein, nein! Wir sind Wenden! Wir bleiben Wenden!« schrie es durcheinander. Alle Schläfrigkeit war vorüber.
»Wir bleiben Wenden!« rief ein alter Bauer zitternd.
»Und – und wer sich der wendischen Tracht und der wendischen Sprache schämt, der soll – der soll gehen …«
Alle stimmten ihm zu. Juro sah, wie alle seine Behauptungen und deren Beweise vor alter Gewöhnung in nichts zerflossen.
»Nun, so ist euch nicht zu helfen«, sagte er. »Die Kultur wird weitergehen auch gegen diese Gromada, und die Betrogenen seid allein ihr!«
»Und – unsere alte Krone?« fragte ein Bauer.
Alle sahen gespannt auf Juro.
»Das Kraltum ist eine Sage,« sagte er ausweichend, »eine Sage, die sich jahrhundertelang erhalten hat, von der sogar hohenzollersche Fürsten gewußt haben, die aber durch nichts und in nichts anderem begründet ist als in der Einbildung unseres Volkes.«
Der alte Hanzo sprang auf.
»Du – du – du …«
Die Stimme brach ihm.
»So stellst du mich – mich – als einen Lügner, als einen Theaterspieler hin – vor diesen – diesen Leuten …«
»Gott behüte mich – nein! Wahr spricht, der das spricht, was er glaubt!«
»Und du glaubst nicht, daß ich der Kral bin?«
»Ich weiß es nicht!«
Alle standen auf, ein großer Lärm entstand, Gläser wurden umgeworfen, einzelne Männer liefen gestikulierend in der Stube herum, alle sahen voll Abscheu auf Juro.
»Und – unsere alte Krone?« fragte nun Hanzo. »Jetzt weichst du nicht aus – jetzt frage ich dich: Unsere alte Krone?«
»Existiert nicht!«
»Der Kronenhügel …«
»Ist leer!«
»Hast du – hast du nachgegraben …«
»Nein! Aber wenn ich es täte, würde ich nichts finden als Steine und Erde!«
»Gottloser Mensch du!«
Hanzo sank auf seinen Stuhl zurück, unfähig, weiterzusprechen.
Da sprang der älteste der anwesenden Männer auf wie ein Jüngling und rief:
»Er wird es nie wagen, an den Kronenhügel zu rühren.«
Juro warf trotzig den Kopf zurück.
»Ich werde es wagen! Ich werde es nun bestimmt tun. Ich werde beweisen, daß ich recht habe!«
»Hinaus mit ihm! Das ist eine Gemeinheit! Hinaus!«
Sie drangen auf Juro ein.
Der wehrte sie ab.
»Ihr habt hier kein Gastrecht«, schrie er sie an. »Wehe dem, der mich anrührt!«
Da wichen sie zurück. Der alte Wende aber sprach:
»Wie es in der Bibel steht, so frage ich jetzt: Was haben wir noch Zeugen nötig?«
»Jawohl,« rief Juro, »so könnt ihr fragen. Die in der Bibel so fragten, waren die Pharisäer, und die Frage geschah vor dem elendesten Gerichtshof der Welt. Die paßt hierher!«
Der Alte beachtete das nicht. Er sprach mit erhobener Stimme, indem er auf Juro mit dem Finger zeigte:
»Wer mit mir der Meinung ist, daß dieser da mit den Wenden nichts mehr zu tun hat und nicht unser künftiger Kral sein kann, der stehe auf!«
Alle erhoben sich.
»So ist er für immer und ewig von uns abgesetzt!«
Juro lachte laut auf.
»Setzt mich doch ab, soviel ihr wollt! Ihr habt gar kein Recht dazu. Wer gibt euch dieses Recht? Von wem habt ihr's? Von euch selbst oder von jenem Schleicher da, der euch aufgehetzt hat?«
Es entstand ein solcher Skandal, daß Juros Worte untergingen. Schließlich hatte er zu tun, einige tätlich auf ihn Eindringende abzuwehren. Er nahm seinen Hut. An der Tür rief er noch:
»Wenn zwölf über einen herfallen, wird wohl der eine gehen müssen. Aber das sage ich euch: ich bin und bleibe der zukünftige Kral, der euch beweisen wird, daß es keinen Kral gibt!«
Es war tiefe Nacht. Nur selten brach ein Mondstrahl durch das dichte schwarze Gewölk. Es war so still im Föhrenwald, daß man das leise Murmeln der Spree hören konnte.
In der Nähe des »Kronenhügels« hockten zwei Männer.
»Bis es Morgen ist,« sagte der eine, »bin ich tot vor Angst.«
»Du hast doch eine Axt.«
»Was nutzt mir die Axt, Kito, wenn der Nachtjäger kommt? Ich sage dir, Morkusky nimmt mir die Axt und spaltet mir den Kopf. Und ich hab' einen sehr schwachen Kopf!«
»Man soll einen Schneider nicht zum Wächter machen«, sagte Kito.
»Du hast leicht reden, Kito; du bist ein Junggeselle, und ich habe sieben Kinder.«
»Warum zogst du mit auf die Wache?« fragte der alte Knecht.
»Was soll ich machen – wenn sie's doch verlangten? Sie sind doch alle meine Kunden, von denen ich leben muß. Und eine Nacht kommt jeder daran.«
»Ja, solange noch der Juro drüben sitzt beim Withold, muß hier gewacht werden.«
»Er ist ein gottloser, schrecklicher Mensch! Wenn er es nun wirklich tut? Der alte Kral wird aus seinem Grabe aufstehen und ihn mit seinem Schlangenschwert erstechen. Der alte Kral hat hier die silberne Krone selbst vergraben vor der Wendenschlacht.«
»Ja,« sagte Kito traurig, »und nur eine Jungfrau mit silberner Schaufel soll sie heben, und dann wird das Wendenvolk stark sein.«
Er schüttelte schmerzlich den weißen Kopf.
»Er war so ein guter Junge, immer aufrichtig, nie hat er gelogen, auch immer freundlich, gut zu Mensch und Tier. Und nun – und nun …«
Er preßte eine Hand über die Augen. Kito hatte viel Kummer auf seine alten Tage. Die gute Frau tot, der Herr blaß und schweigsam, Hanka gar nicht die fröhliche, glückliche Frau, wie er es gedacht und gewünscht hatte, selbst Samo ein wunderlicher Mann. Er lief so viel in den Städten und auf den Dörfern herum, saß so viel bei den Männern in der Schenke, war schon vierzehn Tage nach seiner Hochzeit wieder nach Prag gefahren. Was wollte er immer in Prag?
»Bis morgen früh bin ich tot vor Angst«, begann der Schneider wieder. »Horch – horch – hörst du's rascheln?«
»Ich höre nichts.«
»O Kito, wenn du allein wachtest! Wenn du mich nach Hause gehen ließest! Ich würde dir auch gern meine Axt hier lassen.«
»Ich brauche keine Axt. Aber wenn du willst, geh nach Haus. Hier nützest du doch nichts.«
»Wirst du es auch niemand verraten?«
»Nein!«
»O Kito, ich mache dir deine neue Weste ganz umsonst.« Und fort war er.
Nun Kito ganz allein war, überkam auch ihn Furcht und Grauen. Die Nacht war so unheimlich still, so unheimlich dunkel. Und alle alten Sagen und bösen Geschichten wurden lebendig im Herzen des Alten.
Da hörte er ein Geräusch. Hatte er sich getäuscht? Da war wieder das Geräusch. Jetzt hörte er Tritte, deutliche Tritte. Kito lehnte sich an einen Baum. Eiskalter Schweiß rann ihm von der Stirn. Mühsam hielt er sich aufrecht.
Da – eine dunkle Gestalt, noch eine, noch eine. Drei oder vier.
Kito fing laut an zu ächzen.
»Ist hier jemand?« fragte eine Stimme. Es war die Stimme Juros.
»Da ist ein Mann. Kito – Kito – bist du es?«
»Pán Juro!«
Der Alte wimmerte.
»Was wimmerst du? Fürchte dich nicht! Hier ist nichts zu fürchten. Wir tun dir nichts. Was machst du hier?«
»Ich – ich soll – soll bei dem Kronenhügel wachen.«
»Wer hat es dir befohlen?«
»Die Gromada.«
»Aah!«
Juro lachte leise.
»Höre, Kito, ich bin mit diesen drei Männern gekommen, den Kronenhügel aufzugraben.«
»Tut es nicht, Pán Juro, tut es nicht!«
Der Alte lag vor ihm auf den Knien.
»Steh auf, Kito, ich kann das nicht sehen! Deine Bitten nützen nichts. Sieh, das sind drei wendische Männer, Ehrenmänner, die haben sich in der Welt umgesehen, und die werden nun Zeugen sein, daß in dem Kronenhügel nichts ist als Erde, Sand und Stein. Und so werden die Wenden von einem alten Aberglauben erlöst werden.«
»Tut es nicht, Pán Juro, tut es nicht!«
»Hör auf zu bitten; ich sagte dir schon, es nützt nichts. Oder willst du ins Dorf gehen und Skandal schlagen?«
»Ich müßte es eigentlich tun; es wäre meine Pflicht. Aber, ich kann ja nicht, ich kann ja nicht; die Bauern kämen und schlügen Pán Juro tot.«
»So stelle dich beiseite und warte! In weniger als einer Stunde wirst du sehen, daß ich recht habe, und dann werden alle Wenden es sehen. Du bist mir der willkommenste Zeuge.«
»Tut es nicht, Pán Juro; es geschieht ein Unglück!«
Juro schob den Alten beiseite. Er winkte den drei Männern. Jeder hatte Spaten und Hacke. Auch Juro trug diese Werkzeuge.
»Ans Werk!«
Die drei Wenden zögerten. Da sah Juro sie lächelnd an. Dann sagte er:
»Nun wohl, ich werde die ersten dreißig Spatenstiche selbst tun, und wenn ihr seht, daß kein Morkusky und kein Kral sich einmischt, wird euch der Mut schon kommen.«
»Tut es nicht, Pán Juro!«
Kito warf sich auf den kleinen Hügel.
»Nehmt den Alten weg!« befahl Juro. Die drei Männer zogen Kito empor und führten ihn abseits.
Einen Augenblick später tat Juro den ersten Spatenstich in den heiligen Kronenhügel.
Weinend kniete Kito beiseite mit gefalteten Händen, die er zum Himmel hob. Die drei Männer schauten mit ernsten Gesichtern zu. Juro grub und grub. Da kam erst einer der Männer und half ihm graben, und dann halfen alle drei. Der Mond brach durch die Wolken, es wurde ganz hell, und man hörte nichts als das schwere Atmen der Arbeitenden, das leise Wimmern Kitos.
Eine gute Weile verging – – –
Da … »Da liegt was!« schreit ein Mann und springt aus der Grube.
»Da – da ist ein Topf!«
»Eine Urne!«
»Um Jesu willen, Pán Juro, den Hügel zu – den Hügel zu!«
»Weg mit euch! Es gibt viel Urnen in der Welt!«
Juro hebt ein altersgraues Gefäß aus der Erde, er setzt es neben die Grube, löst den Deckel, schaut hinein …
»Was – was – was …«
Er stammelt – er röchelt – er stöhnt …
»Um Jesu willen, Pán Juro …«
Der greift in die Urne, nimmt etwas heraus, richtet sich auf, wendet sich gegen das Mondenlicht, steht so drei Herzschläge lang und bricht, wie vom Blitz erschlagen, mit einem markerschütternden Schrei zusammen.
In der rechten Hand hält er eine alte Krone. –
Die vier Männer knien zitternd, stammelnd, ächzend am Boden. Kito nimmt zitternd die alte Krone auf, küßt sie scheu am Rande und ruft weinend:
»Du Heilige – du Heilige – du Heilige – um Gottes willen, verzeih uns!«
Und bettet die Krone wieder in die Urne, schließt mit zitternden Händen die Urne und senkt sie in die Erde.
»Zuschütten! Den Hügel zuschütten! Schnell zuschütten! Sonst richtet uns Gott!«
Wie die Rasenden arbeiten die Männer. In ganz kurzer Zeit ist der Hügel geschlossen.
Dann läuft einer fluchtartig waldein. Die zwei andern helfen dem alten Kito, Juro aufzuraffen.
»Lebt er?«
»Sein Herz schlägt!«
»Er ist so weiß wie eine Leiche. Er kann jeden Augenblick sterben.«
»Helft ihn tragen!«
Sie tragen ihn mühsam ins Dorf. – – –
Vor dem Tor seines Vaterhauses wird Juro auf die Erde niedergelegt. Er schlägt die Augen auf.
»Was – was ist? Wo? – Wer?«
Plötzlich verzerrt er sein Gesicht.
»Die alte Krone!«
Und er sinkt in die Ohnmacht zurück.
Der alte Kito wird über den Gartenzaun gehoben und dringt ins Haus. Er klopft an die Tür des Scholta.
»Kommt herunter, Herr – vors Tor – es ist ein Unglück geschehen …«
Mehr bringt er nicht heraus.
Vor dem Tor findet der alte Hanzo seinen Sohn. Er starrt ihn an und fragt dann mit eisiger Stimme:
»Hat er nach der Krone gegraben?«
»Ja.«
Der Alte lehnt sich an das Tor.
»Und …?«
»Und er hat sie gefunden!«
Die drei Männer beugen vor dem Kral das Haupt.
»Er hat sie gefunden!« wiederholt der Kral langsam. Trotz seiner schweren Herzensnot tritt ein sieghaftes Leuchten in seine Augen, die sich zu stummem Dank gen Himmel richten.
»Er hat sie gefunden! Die alte Krone ist da! Gott sei gelobt in Ewigkeit! Amen!«
Eine lange feierliche Stille. Dann sagt Kito:
»Herr, Euer Sohn …«
Hanzo streckt die Hand aus gegen Juro.
»Dieser ist nicht mein Sohn. Er ist ein Verbrecher. Ob er tot ist oder noch lebt, schafft ihn aus dem Dorf!«
»Wohin sollen wir mit ihm?«
»Wohin ihr wollt! Zu den Deutschen, die ihn verführt haben, oder irgendwohin; mir ist es gleich!«
»Er ist schwerkrank. Wir müssen einen Wagen haben für den weiten Weg.«
Hanzo besann sich eine kleine Weile; dann sagte er:
»Den Wagen könnt ihr haben. Er steht schon hier am Tor.«
Da faßte ihn Kito am Arm.
»Herr, nicht auf den alten Bretterwagen, nicht den Sünderwagen, auf dem die Gehängten auf den Kirchhof gefahren werden!«
»Es ist der rechte Wagen für diesen da! Einen anderen gebe ich für ihn nicht. Spannt ein Pferd an, legt eine Schütte Stroh auf den Wagen und schafft ihn fort!«
Weinend schob Kito mit den anderen den alten Bretterwagen auf den Weg hinaus; behutsam und sacht holte er das Stroh und ein Pferd. Mit finsterem, starrem Angesicht sah Hanzo noch zu, wie Juro auf das Stroh gebettet wurde; dann schloß er das Tor, indes der alte Kito draußen von dannen fuhr.
Oh, das war eine traurige Fahrt! Die Nacht so öde, der Weg so lang. Und so dahinfahren in Schande und Herzeleid mit einem, den man lieb hat! In seinem langen Leben hatte der alte Kito keine Stunde gehabt, die so bitter gewesen wäre wie diese. Und er zergrübelte seinen alten Kopf, wie er's nun anstellen sollte. Es war noch finster. Was würden die Leute auf der deutschen Herrschaft sagen, wenn er mit einem solchen Fuhrwerk daherkäme? Wie sollte er, der Knecht, sich vor die Augen eines gnädigen Herrn trauen und ihm sagen: »Auf dem Stroh meines Bretterwagens liegt Ihr Herr Schwiegersohn!«
Wie hatte es nur der alte Hanzo tun können! Was für einen wilden Zorn mußte er in seinem Herzen haben, daß er dem Sohn diese Schande antat!
O Gott, was sollte er nur tun, der alte Kito? Vielleicht war der, den er so langsam dahinfuhr, schon gestorben.
Da hielt Kito an, da wandte er sich um nach dem Wagen, kniete bei Juro nieder und tastete mit seinen stumpfen Fingerspitzen nach Juros Herzen. Es dauerte lange, ehe er einen schwachen Herzschlag fühlte.
Dann fuhr er weiter in müdem, schleppendem Tempo. Und als er an den Seitenweg kam, der nach dem Witholdschen Schlosse führte, fuhr er daran vorbei. Er hatte zu viel Angst, mit einem solchen Auftrage dem deutschen Herrn vor die Augen zu treten.
Weiter ging es den Sandweg entlang. Was war das für eine Nacht! So gab es wirklich die alte Krone der Wenden! So war Hanzo wirklich ein König! Und seinen ältesten Sohn hatte der Schlag getroffen, als er sich an der Krone vergriff. Heilig war sie! Mochte Gott allen vergeben und alle schützen vor der Gewalt des Nachtjägers! Der Morgen kam. Ein kalter Morgen. Vielleicht begegneten Kito Leute vom Schloß, denen er Juro übergeben könnte. Da – da sprang auch wirklich jemand über den Graben …
»Heda – heda!« schrie der alte Kito.
Ein Mann kam näher. Es war Heinrich von Withold. Er trug eine Büchse über der Schulter.
»Was ist los? – Was schreien Sie?«
»O Gott – gerade der gnädige junge Herr!«
»Nun, was ist da weiter? Wohin wollt Ihr?«
»Ich soll – ich will – Gott schütze mich!«
»Aber Mann, was macht Ihr für Gerede?«
»Sehen Sie, sehen Sie einmal in meinen Wagen!«
»Juro!«
Die Büchse fiel auf den Weg.
»Ja – was – was ist denn? Ist er verunglückt? Wo bringt Ihr ihn denn her? Was ist geschehen? Juro! Juro!«
Heinrich kletterte auf den Wagen, griff nach der Stirn Juros, fühlte nach seinem Puls.
»Der Schlag hat ihn getroffen«, sagte Kito.
»Nein, er scheint nur ohnmächtig zu sein – Gott sei Dank, nur ohnmächtig …! Spannen Sie das Pferd aus, damit es nicht anrückt! Dann helfen Sie mir! So! – Den Kopf tief betten – er ist ja leichenblaß – und nun die Arme und die Beine reiben – tüchtig!«
Heinrich flößte dem Kranken Kognak aus seiner Feldflasche ein und rieb ihm die Herzgrube.
Dabei fragte er Kito:
»Wo habt Ihr ihn gefunden?«
Stammelnd, unter vielen Tränen, sagte der Alte:
»Er hat – hat – die alte Krone ausgegraben, und da hat ihn der Schlag getroffen.«
»Die alte Krone? Seid Ihr irre?«
»Ich war selbst dabei. Ich hatte am Kronenhügel Wache.«
»Und er hat wirklich eine alte Krone gefunden?«
»Ja, in einem alten grauen Topf.«
»Das ist nicht möglich!«
»Ich habe es gesehen, Herr! Ich hab' die Krone ja selbst wieder in den Topf getan und sie wieder eingegraben.«
»Kräftiger reiben! Kräftiger! – Und er fiel also ohnmächtig um? – Die Nerven! Er war schon so aufgeregt vorher. Er hat nächtelang nicht geschlafen! – Ja, Mann, wie kommt Ihr denn zu dem Wagen?«
Kito gab jammernd Auskunft.
»Was – auf einen Mist- – auf einen Schand- und Schinderwagen – der eigene Vater?! – – – Bande! Bande! Bande!«
Juro schlug die Augen auf. Da lachte Heinrich gezwungen.
»Na also, alter Junge! Du machst schöne Geschichten! Aber es ist nichts dabei, wird bald vorüber sein! Da trink mal!«
»Wo bin ich? Was ist?«
»Davon reden wir später. Jetzt trink mal!«
Juros Auge wanderte umher; seine Stirn runzelte sich zu angestrengtem Nachdenken, und dann sagte er erschauernd:
»Die Krone! Die Krone!«
»Laß das jetzt, Juro! Ich weiß alles. Laß das jetzt! Spannen Sie ein, Mann! Dann den Weg rechts hinab!«
»Es ist schrecklich, Heinrich! Sie ist da! Es ist alles – alles wahr! Sie ist da!«
»Sei jetzt ruhig! Wir wollen nach Hause.«
»Ich schäme mich – ich hab' ein Heiligtum geschändet – ich bin schlecht!«
Sie fuhren einen Weg hinab. Kurz vor dem Schloß half Heinrich dem Kranken vom Wagen. Juro stützte sich auf die beiden Männer und trat durch eine Hintertür ins Schloß.
Es waren etwa zwei Wochen vergangen. Da ließ sich Heinrich von Withold beim alten Scholta Hanzo anmelden. Er wartete im Kretscham auf Antwort. Es dauerte zwei Stunden ehe die Nachricht eintraf, daß der Scholta Heinrich erwartete. Die beiden Männer begrüßten sich stumm. Der Scholta wies auf einen Stuhl.
»Ich danke,« lehnte Heinrich ab; »ich habe nicht viel zu sagen. Allerdings, was ich zu sagen habe, ist wichtig. Mein Freund und Schwager Juro hat, gehetzt durch die aufgestachelte öffentliche Meinung und in der Überzeugung, daß eine alte Krone der Wenden nicht existiere, nach ihr gegraben und zu seiner schweren Überraschung eine Krone gefunden. Da ist er dem Schreck, einem plötzlichen Nervenanfall, erlegen – er ist ohnmächtig geworden.«
»Gott hat ihn geschlagen!« sagte Hanzo ernst.
Heinrich beachtete den Zwischenruf nicht, sondern fuhr fort:
»Als ich Juro auf Ihrem Düngerwagen liegend fand, hatte ich zuerst vor, die ganze Sache der Behörde anzuzeigen.«
»Das konnten Sie! Von uns aus ist nichts Unrechtes geschehen.«
»Ich weiß nicht,« entgegnete Heinrich kalt, »wieweit sich die beiden Würden eines preußischen Schulzen und heimlichen Wendenkönigs miteinander vertragen, jedenfalls habe ich die Anzeige unterlassen, weil ich mich zu solchen Dingen nicht eigne. Aber ich habe etwas anderes getan: ich habe mir die Krone auch einmal angesehen! Hier ist sie!«
Er zog unter dem weiten Kragen seines Mantels ein Paket hervor und legte es auf den Tisch.
»Was – was – was sagen Sie? – Was ist das?«
Heinrich löste die Umhüllung, eine alte Krone, ein schmaler silberner Stirnreif wurde sichtbar.
»Da! – Das hat Juro gefunden!«
Der alte Hanzo streckte entsetzt die Hände aus gegen den Tisch.
»Das – das – die Krone! – Sie haben es gewagt – Sie …«
»Regen Sie sich nicht auf,« sagte Heinrich ruhig; »die Krone ist gefälscht!«
Der alte Wende sank auf einen Stuhl; die Zähne schlugen ihm aufeinander.
»Ist das – ist das – die Krone aus dem Hügel?«
»Ja, und sie ist nicht die alte Kralskrone, sie ist gefälscht!«
»Sie haben sie ausgegraben?«
»Ja – unter der Zeugenschaft von zwei gebildeten Männern.«
Da stürzte der alte Hanzo mit geballten Fäusten auf Heinrich los, schlug auf ihn ein, rang mit ihm und mußte doch von dem Angegriffenen halb gehalten werden, damit er nicht niederfiel. Schließlich sank er völlig gebrochen, kraftlos und erschöpft auf seinen Stuhl.
Da öffnete sich die Tür, und Samo trat ein.
»Was geht hier vor?«
»Ich habe dem Scholta die Krone gebracht, die mein Freund Juro neulich gefunden hat.«
Samo wurde bleich.
»Wie kommen Sie zu der Krone?«
»Ich habe sie ausgegraben mit noch zwei gebildeten Männern; ich habe sofort erkannt, daß es sich um eine wertlose Imitation handelt, und habe mir meine Ansicht durch ein Sachverständigenurteil in Berlin bestätigen lassen. Hier ist eine beglaubigte Abschrift!«
»Sie sind ein Lump!« schrie Samo heiser.
»Es ist mir eine Ehre, von Ihnen beschimpft zu werden,« erwiderte Heinrich mit eisiger Kälte; »denn ich bringe Sie mit dem schmählichen Betrug, der hier vollführt wurde, in Verbindung.«
»Herr! Sie werden mir mit der Waffe Genugtuung geben. Diese Schmach kann nur Ihr Tod sühnen!«
»Ich schlage mich nicht mit Verbrechern!« sagte Heinrich verächtlich.
Da fiel Samo über ihn her, Heinrich aber schleuderte ihn beiseite und verließ rasch das Haus.
»Vater!«
Samo beugte sich über den Alten, dessen Kopf auf der Tischplatte ruhte. Hanzo hob das Haupt. Er sah seinem Sohne starr ins Gesicht und sprach:
»Samo, hast du's gehört? Hast du es auch gehört, was der Mensch Schreckliches sagte, oder ist alles ein Spuk, oder bin ich irrsinnig geworden durch all die schwere Zeit?«
»Ich habe es gehört, und da ist die Krone!«
»Die Krone!«
Furchtsam starrte der Alte wieder auf den silbernen Reif.
»Er sagt – er sagt – sie ist falsch!«
»Er ist ein deutscher Hund!« schrie Samo zornig; »einer, dem nichts heilig ist, einer, der auf unseren Grund und Boden eindrang und die Krone stahl.«
»Ist das – ist das wirklich die Krone aus dem Hügel?«
»Frage Kito – er hat sie gesehen.«
Kito wurde gerufen. Als er auf dem Tisch die Krone sah, wollte er an der Tür umkehren. Gespenster, nichts als Gespenster in seinen alten Tagen! Aber er mußte in die Stube, mußte an die Krone herantreten.
»Es ist die Krone aus dem Hügel«, sagte er bebend. »Ich kenne sie genau wieder.«
Da traten alle drei Männer von dem Tische zurück.
»Da liegt ein Papier,« sagte Hanzo endlich scheu, »auf dem soll stehen, die Krone ist gefälscht.«
»Willst du es lesen, Vater?« fragte Samo und hielt ihm das Blatt Papier hin, das Heinrich dagelassen hatte. »Lies es!«
»Nicht hier, nicht bei der Krone!« wehrte der Vater ab.
»Weißt du, was auf solchen Papieren von Deutschen schon alles gestanden hat?« fragte Samo. »Daß es keinen Gott gibt, daß es kein Vaterland gibt, daß es kein Eigentum gibt, daß es kein Recht der Slawen gibt, ja daß es überhaupt keine Welt gibt, daß alles Einbildung, Täuschung ist. Alle solche Dinge haben auf deutschen Urkunden von sogenannten deutschen Sachverständigen schon gestanden. Auf diesem Papier da wird zur Abwechslung stehen, es gibt keinen Kral der Wenden, und der tausendjährige Beweis, die Krone, ist falsch. Es gibt nur eine deutsche Herrschaft, eine deutsche Krone! Können wir von unseren Feinden ein anderes Urteil erwarten? Kann ein Urteil, das unsere Widersacher bei ihresgleichen bestellt und bezahlt haben, anders ausfallen?«
»Nein!« sagte Hanzo, »du hast recht!«
Er zerriß das Papier in viele kleine Teile.
»Die Krone ist genug beleidigt«, sagte er. »Gehet jetzt hinaus. Laßt mich allein!«
Und der Kral blieb bei der Krone mit einer großen königlichen Andacht im Herzen.
Am Nachmittag desselben Tages wurde der Kronenhügel noch einmal aufgegraben, und zwar in Gegenwart Hanzos, Samos und dreier Zeugen aus dem Dorfe. Die Männer überzeugten sich, daß der Hügel nunmehr leer sei, und Hanzo gab den Befehl, daß er der Erde gleich gemacht werde.
»Tausend Jahre lang hat er unsere heilige Krone beherbergt,« sagte er ergriffen; »nun ist seine Ruhe gestört und entheiligt worden, nun soll er nicht mehr sein!«
Dann ging er mit den Zeugen nach seinem Hause, zeigte ihnen die Krone und sagte:
»Das ist die Krone der Wenden! Ihr Silber ist vom Himmel gefallen, ein gottgesandter Mann hat sie geformt. Der Urkral hat sie getragen. Aus ihrem tausendjährigen Hause ist sie vertrieben worden. Sie soll zurück in die mütterliche Erde. Denn nicht ist die Jungfrau mit der silbernen Schaufel gekommen und hat sie ans Licht geholt, Frevlerhände haben es getan. Ich werde die Krone wieder begraben an einem anderen Ort. Den soll aber niemand wissen als mein Sohn Samo und ich, als immer der Kral und sein ältester Sohn. Was ihr gehört und gesehen habt, dürft ihr den Wenden erzählen, aber keinem Deutschen.«
Die Männer gelobten das und gingen in größter Erregung von dannen. – – –
Als Hanzo mit Samo allein war, sprach er:
»Unter der Kirchhoflinde, dort, wo die Mutter liegt, werden wir eine Grube graben, dahin werden wir die Krone legen. Sie wird dann über Mutters Kopf sein und bald auch über meinem.«
Samo wandte sich ab.
Er stand am Fenster und schaute hinaus auf die Straße. Sein Atem ging rasch. Endlich wandte er sich um.
»Wähle einen anderen Ort, Vater! Der Kirchhof ist die Stätte der Toten. Unsere Krone aber ist lebendig, und unsere Hoffnung knüpft sich daran, die Hoffnung, daß wir Slawen noch einmal loskommen von diesem elenden Lande der Deutschen. Deshalb muß die Krone lebendig bleiben, Vater. Ganz lebendig vor aller Augen und in aller Herzen! Daran, an diesem Glauben, hängt unsere Zukunft. Wähle einen anderen Ort!«
Der Vater blieb bei seinem Vorsatz.
»Die in der Kirchhofserde liegen,« sagte er, »sind nur tot für eine Zeit, dann wird sie unser Herr Christus auferwecken. Und auch unsere Krone wird eines Tages auferstehen. Du wirst sie mit mir dort begraben, wo ich dir gesagt habe. Sie ist dort sicher; denn sie hat dort Wächter, an die sich nicht leicht jemand wagt.«
»Ich werde dir gehorchen!« sagte Samo.
Auf dem Bahnhof zu Prag stand Hanka. Sie sah sich verängstigt um. Ihre Stirn war weiß, aber auf ihren Wangen brannten große rote Flecken. Da stellte sie plötzlich das Paket hin, das sie getragen, und begann heftig zu zittern.
»Da – da – ist er – Samo!«
Samo kam auf sie zu und küßte sie scheu auf den Mund.
»Samo! Samo!«
»Pst – still! Nur keinen Namen nennen! Hier lauern überall Polizeihunde. Komm weiter!«
Er zog Hanka aus dem Bahnhof hinaus und nahm einen geschlossenen Wagen. Im Wagen fiel sie ihm um den Hals und weinte leidenschaftlich.
»O Samo – Samo! Endlich seh' ich dich wieder!«
Er sagte etwas, was sie nicht verstand.
»Ist es dir nicht lieb, Samo, daß ich dir nachgekommen bin?«
»Warum soll es mir nicht lieb sein? Aber ich fürchte, dir wird es nicht lieb sein, daß du es getan hast, wenn du erst siehst, wie ich lebe!«
Er sprach mit abgewandtem Gesicht.
»Ich gehöre zu dir; ich bin dein Weib. Oh, warum hast du uns so lange nicht geschrieben? Fast zwei Jahre! Was haben wir ausgestanden um dich!«
»Ich konnte nicht! Ich mußte glauben, daß ihr mich verfluchtet!«
»Das haben wir nie getan. Von Anfang an nicht! Du warst nie schlecht!«
Samo sah finster zur Seite. Eine Weile schwiegen sie. Nur Hanka weinte leise vor sich hin.
»Also, er ist nicht tot?« begann Samo wieder. Seine Stimme war düster.
»Nein, er war kaum zwei Monate lang krank.«
Samo schüttelte den Kopf.
»Merkwürdig! Ich weiß doch als Arzt, wo das Herz sitzt. Und ich hab' aufs Herz gezielt. Das Messer muß abgeglitten sein.«
»Sprich nicht davon, Samo, sprich nicht davon!« rief Hanka erschauernd.
»Ja, ich spreche nur davon! Ich hab' in den ganzen zwei Jahren eigentlich nichts anderes mit mir selbst verhandelt als immer das eine. Ich glaubte, er sei längst vermodert.«
»Samo, sprich nicht so Schreckliches!«
»Hätte er sich mit mir duelliert,« fuhr Samo fort, »wäre es anders gekommen. Vielleicht hätte er dann eine Kugel in diesen heißen, unglücklichen Schädel geschossen, und es wär' gut gewesen.«
»Samo!«
»Aber er verachtete mich! Er behandelte mich wie einen Hund. Er schickte meinen Zeugen heim. Er beleidigte mich aufs neue, als ich ihn persönlich stellte. Da bekam er das Messer in die Brust. Ich konnte nicht anders. Meine Hand tat es von selbst.«
»Er hat dich schwer beleidigt, Samo, wir wissen es; er hat sich auch frech an unserer alten Krone vergriffen; er hat die meiste Schuld gehabt!«
»Sie haben einen Steckbrief hinter mir erlassen?«
»Ja, der alte Withold hat's nicht gewollt – um Juros willen – wegen des Namens –, aber der Staatsanwalt ist gekommen, und es hat sich nichts ändern lassen. – Juro hat damals seine Verlobung aufgelöst –«
»So?«
Samo schwieg eine Weile.
»Weil sein Name geschändet war – weil ich den Bruder seiner Braut – nun ja, ich kann mir's denken!«
»Das Mädchen, die Elisabeth, ist aber dem Juro nachgegangen nach Breslau. Sie hat ihn nicht losgelassen. Jetzt sind sie schon verheiratet.«
»Na also! Ist Hochzeit zu Haus gewesen, und man hat nichts davon gewußt!« lachte Samo gezwungen. »Wo wohnt denn das junge Paar? Beim Vater zu Haus auf der Scholtisei?«
»Nein, unser Vater und Juro sind noch in Feindschaft. Der Vater verzeiht es Juro nicht, daß er sich an der Krone vergriffen hat, wie er dir alles verzeiht, weil du doch die Krone verteidigt hast.«
Samo sah zum Wagenfenster hinaus.
»Die verfluchte Krone!« sagte er leise und ingrimmig.
»Was – was sagst du, Samo?« fragte Hanka erschrocken.
»Ja, Weib, ahnst du denn, was ich ausgestanden habe? Kannst du nur ein wenig einsehen, was das heißt, zwei ganze Jahre mit einem Ermordeten zu ringen, was das heißt, verbannt, geächtet, verfolgt zu sein, ein Mordbube zu sein, dem jeder Straßenpassant gefährlich und verdächtig erscheint, was das heißt, wenn einem so das ganze Leben und alle Hoffnung zusammenbricht?«
»Der junge Withold ist nicht tot«, sagte Hanka.
»Aber ich habe es geglaubt; ich habe darum nicht an euch geschrieben, hab' mich verkrochen in die elendesten Spelunken Prags unter falschem Namen, als Vagabund zu den Vagabunden, bis ich es nicht mehr aushielt, bis ich euch doch eine Nachricht gab.«
»Jetzt wird es besser werden, Samo, lieber Samo!«
»Besser – vielleicht! Es kann aber nicht mehr gut werden. Der Schatten freilich wird mich jetzt in Ruhe lassen; aber die Heimat ist verloren, die Ehre ist verloren, das Leben ist zerbrochen.«
Er preßte die Fäuste vor die Augen. Sie schlang den Arm um seinen Hals.
»Samo, ich hab' dich lieb!«
Er nickte versonnen und sah mit verlorenem Blick vor sich hin.
»Das ist das Sonderbare! Als es mir gut ging, hattest du mich nicht lieb, da liebtest du den Juro.«
Sie wurde rot.
»Und jetzt bist du mir nachgekommen ins Elend. In ein viel schlimmeres Elend, Hanka, als du meinst. Du wirst es nicht aushalten.«
»Ich werde alles aushalten, Samo! Ich hab' dich lieb!«
Er schob sie sacht beiseite.
Es war ein elendes Quartier, das Samo in einer Vorstadt Prags bewohnte, die Parterrestube eines schmutzigen Hauses. Ein Bett stand in dem sonnenlosen Raum, ein wackeliges Sofa, ein Tisch und ein paar Stühle. An der Wand waren einige Kleiderhaken, auf einem Stuhl stand ein halbzerbrochenes Waschbecken.
»Also, da wohne ich!« sagte Samo. »Das ist die Residenz des zukünftigen Krals der Wenden.«
Er lachte höhnisch und bitter. Hanka flog ein Schauer durch Leib und Seele. Sie, deren ganzes Sinnen von Jugend an auf Ordnung, Reinlichkeit und behaglichen Wohlstand gerichtet war, erschrak vor dieser liederlichen Höhle.
»Hier wohnst du?« fragte sie tonlos. »Die ganzen Jahre?«
»Seit einem halben Jahr. Meine frühere Wohnung war noch schlimmer; zeitweise hatte ich überhaupt keine Wohnung.«
Da brach sie in Tränen aus.
»Es wird jetzt besser, Samo; ich bringe dir Geld mit von deinem Vater – sechstausend Taler!«
Samos Augen blitzten auf.
»Geld? – Sechstausend Taler? – Ah, mein Mutterteil! Das ist nicht schlecht!«
Er lächelte vergnügt.
»Geld habe ich schon lange nicht mehr gehabt. Aber sag' das niemandem, Hanka, das darf niemand wissen! Das würde gleich Verdacht erregen. Ich bin hier der verbummelte und verarmte Journalist Wenzel Halek. Das darfst du nie vergessen. Ich heiße Wenzel Halek.«
Sie setzte sich müde und traurig auf einen Stuhl.
»Ja, ja, Hanka, so weit kann es kommen. Selbst den Namen muß man sich schließlich erschachern oder stehlen. Ich habe einem verbummelten Kerl seine Papiere abgekauft. Um fünfzig Kreuzer! Die fünfzig Kreuzer hat er noch vertrunken, und am anderen Tage ist er am Delirium in einem Spital gestorben, ohne noch einmal zur Besinnung zu kommen.«
»O Gott, o barmherziger Gott!«
»Ja, Hanka, ich will dir von vornherein sagen, in was für eine Welt du kommst. Ich sagte dir schon, du wirst es nicht ertragen. Ich – ich habe mich schon daran gewöhnt. Ich passe schon hierher!«
»Samo!«
»Ich heiße Wenzel! Vergiß das nicht! Samo ist tot – der neue Wenzel Halek ist ein Lump – er sauft ebenso wie der alte Wenzel Halek.«
»Samo, Samo, was – was redest du –«
»Ich will dich nicht belügen. Ich bin ein Süffling geworden. Es gab Zeiten, wo ich durchschnittlich in der Woche siebenmal betrunken war. Das wird so, wenn man mit – mit Schatten kämpft und wenn man alles, was einem lieb war, verloren hat.«
Er stieß es rauh, brutal, unbarmherzig heraus. Hanka sank mit dem Kopf auf den Tisch.
Da öffnete sich die Tür, ohne daß angeklopft worden war. Eine dicke, alte Tschechin trat ein. Sie besah sich mit frecher Neugier Hanka.
»Also – das ist die Frau Halek? Das ist das neue Frauchen? Ein schmuckes Frauchen! – Nu, Herzchen, wie gefällt es Ihnen hier? Ja, mein Fräulein, das Zimmer ist nicht groß, aber es ist gemütlich!«
»Mach, daß du hinauskommst, alte Schwarte«, tobte Samo.
»Oho, das ist meine Stube! Und Sie sind noch zehn Gulden schuldig.«
»Kriegst du morgen! Und nun hinaus, murguta Myrlawa!«[56]
Er schob die Alte zur Tür hinaus.
»Wer – wer ist diese Frau?« fragte Hanka betroffen.
»Meine Wirtin.«
»Was will sie? Sie nannte mich Fräulein. Hast du ihr nicht gesagt, daß ich deine Frau bin?«
»Ich hab' es ihr gesagt. Aber solches Volk glaubt das nicht. Hier läuft alles durcheinander.«
Sie nahm ihn ängstlich an der Hand.
»Nicht wahr, Samo, wir werden eine ordentliche Stube nehmen und ein ordentliches Leben führen?«
Er machte sich achselzuckend los von ihr.
»Das geht nicht so auf einmal. Das fällt doch auf.«
»Du kannst doch sagen, ich – ich habe dir das Erbteil mitgebracht –«
»Vorsichtig müssen wir sein. Ich werde sehen, was sich wird machen lassen.«
Ein und ein halbes Jahr waren seitdem wieder vergangen. In eine »ordentliche Stube« waren Samo und Hanka gezogen, hoch in den oberen Stock eines sauberen Hauses. Aber ein »ordentliches Leben« führten sie nicht.
Samo war liederlich geworden.
Er hielt es nicht aus in der engen Klause, wo das stille Weib saß und mit heimwehkranken Augen zum Fenster hinausstarrte, hinauf zu den Wolken, die am Himmel wanderten. Er wußte, daß ihre Sehnsucht immer mit auf die Reise ging, hinstrebte nach der wendischen Heimat, die für ihn und sie auf immer verloren war.
Und er hatte keine geordnete Beschäftigung. Am Anfang hatte er manchmal Bücher aus einer Bibliothek besorgt und etwas studiert. Aber was nutzte ihm das Studieren? Er interessierte sich in der Hauptsache für medizinische Schriften, und was in aller Welt sollte ihm noch die medizinische Wissenschaft nutzen? Wenzel Halek war nicht approbiert, Wenzel Halek hatte nur das Äußere mit Samo ziemlich ähnlich gehabt; geistig war er ein verlumpter Kerl gewesen, der sich keinerlei Qualifikationen erworben hatte. Das elende Leben Haleks, das im Delirium geendet war, mußte Samo nun fortsetzen.
»Hat der erste Wenzel Halek gesoffen, kann auch der zweite Wenzel Halek saufen«, sagte er oft zynisch und brutal.
Hanka vermochte nichts über ihn. Sie war ihm geistig nicht gewachsen; er unterhielt sich auf die Dauer nicht gern mit ihr, zumal sie nicht viel anderes zu reden wußte als von ihrer wendischen Heimat. Einmal hatten ihre Eltern auf Besuch kommen wollen; sie hatte es auf Samos Wunsch verhindern müssen.
So war Hanka in schwerster Verlassenheit.
Samo lief viel in die Wirtshäuser. Und er verkehrte in untergeordneten, schlechten Vorstadtlokalen. »Damit es nicht auffalle, daß er plötzlich mehr Geld habe«, gab er als Grund an. In Wirklichkeit hatte er – seit er aus der besseren Gesellschaft ausgestoßen war – einen Haß auf alles, was sicher, ordentlich, anständig erschien; er degradierte sich in tollem Grimm über sein Schicksal, ja in Haß gegen sich selbst mehr und mehr. Schließlich gewöhnte er sich an die wilde Gesellschaft.
Pöbel saß in den niederen Gaststuben. »Flamender« werden diese Vagabunden des Lebens in Prag genannt: Diebe, Zuhälter, entlassene Sträflinge, Bettler, Trunkenbolde, Dirnen und dazwischen die große Schar der Entgleisten aus guten Familien: verbummelte Literaten und Studenten, Musiker, fortgelaufene Schüler, herabgekommene Komödianten, bankerotte Kaufleute. Der Massenhaftigkeit dieser Existenzen war es zuzuschreiben, daß in demselben Jahre in Prag, das damals zweihunderttausend Einwohner zählte, über zwanzigtausend Leute verhaftet wurden, also immer der zehnte Mensch. Und da wurde noch geklagt, die Polizei sei zu nachlässig! –
Der Tabaksqualm war heut ärger denn je. Die schmierige Wirtin, der fettquabbelnde Wirt liefen her und hin, Fusel tragend und schlechten Wein. Zweimal war schon eine Prügelei gewesen, einmal war die Polizei einem Taschendieb nachgegangen, der sich hierher flüchtete, hatte ihn weggeholt und bei dieser Gelegenheit noch einen andern Kerl und ein Frauenzimmer mitgenommen.
Jetzt war verhältnismäßig Ruhe. Ein paar Individuen unterhielten sich in der »Hantyrka«, der Gaunersprache, und manch ein Ohr lauschte hin, um etwas von dieser Kunst zu profitieren.
Am Tisch bei Samo saßen noch zwei Männer, beide in schäbigen, abgetragenen Kleidern. Ihre Gesichter waren zerdunsen, von vielen schlimmen Leidenschaften entstellt. Aber jene Linien im Menschenantlitz, die aus den besten Jahren des Lebens stammen und deren tiefe Schönheit durch nichts von der Stirn wegzuwischen ist, waren auch noch in den Gesichtern jener Männer.
Draußen läutete eine tiefe Glocke. Da sagte der eine:
»Das ist die Veitsglocke! Ich erkenne sie am Klang. Sie hat mich oft genug zur Kirche gerufen.«
»Du bist Katholik?«
»Ich meine schon. Ich habe in jener Kirche ungezählte Male das Hochamt gesungen.«
»Ach, du warst Priester?«
Der andere zuckte die Schultern.
»Prosit!« sagte er und trank seine ganze Flasche leer.
»Siehst du, Pfäfflein,« sagte der zweite, »ich hab' mich mein ganzes Leben lang mit den Schwarzen nicht vertragen. Als ich noch Bezirksrichter war, habe ich ihnen zu schaffen gemacht. Jetzt ist's anders. Da sitze ich gemütlich hier mit dir. Laß mich einmal aus deiner Flasche trinken, Brüderlein! Pfui, leer – na also, die Kirche hat immer noch einen guten Magen.«
Er lachte unflätig.
»Ja,« fuhr er fort, »da sitzt man hier mit sechs Kreuzern in der Tasche. Wo sind nun die Mündelgelder, die ich geschluckt haben soll? Der Teufel hol' die ganze Gesellschaft!«
»Ein Cikán! Ein Cikán!«
Ein Zigeuner trat in die Stube und verlangte Schnaps. Er hatte ein schwarzes Weibsbild mit, das alsbald die Karten aufschlug oder aus der Hand weissagte. Sie erhielt nur einige Kreuzer für ihre Kunst; aber alles lauschte gespannt und gläubig ihren Worten. Sie mischte ihre Vorhersagungen aus buntem Glück und schwarzem Unheil, prophezeite goldene Reichtümer oder auch den Tod am Galgen. Da gab es Gelächter und Zähneknirschen. Auch der frühere Geistliche hielt ihr seine Hand hin. Sie sah ihn einige Augenblicke forschend an. Dann sprach sie:
»Du bist der Luzifer, der vom Himmel in die Hölle gefallen ist. Und du wirst dort liegen bleiben!«
»Hallo, sie weiß alles! Der Luzifer! Das ist nicht schlecht! Er ist ein Pater gewesen! Aber das ist doch lange keine Hölle hier, Zigeunerweib?! Oder doch eine lustige Hölle! Laßt uns trinken!«
Auch an Samo trat die Zigeunerin heran. Er dachte an die alte Wičaz zu Haus, die ihm einmal geweissagt hatte, und hielt seine Hand hin. Die Zigeunerin betrachtete erst sein Gesicht, dann seine Hand und sagte:
»Es sind zwei Blutflecken in deinem Leben. Einer ist von einem Fremden, der andere ist von deinem eigenen Blut. Es ist ein anderer schuld, daß du hier bist. Du wirst dich an ihm rächen.«
Samo nickte düster.
»Du scheinst deine Sache besser zu verstehen als die alte Wičaz. Was faselte sie von den zwei Adlern? Nun wird wohl nicht der eine im Lóbjofluß ertrinken, sondern der andere in der Moldau.«
Er warf der Zigeunerin einen Gulden hin.
Da setzte sie sich auf sein Knie, küßte ihn auf die Wange und flüsterte ihm dann ins Ohr:
»Mach dir nichts aus dem, was ich dir gesagt habe. Aber wenn du einen Feind hast, räche dich!«
In der Nähe der Tür saß ein Slowak. Er war aus dem fernen ungarischen Karpathenwald vor Jahr und Tag ausgewandert und hatte Weib und Kind daheim gelassen. Mit Mausefallen hatte er gehandelt, sich durch Drahtbinden seine Kreuzer sauer verdient. Er hatte fast allen Verdienst erspart, nur von übriggebliebenem Essen anderer gelebt und war nun, da er sechzig Gulden im Beutel hatte, ein wohlhabender Mann, der in seine arme Heimat zurückkehren und sich dort ein Häuschen kaufen wollte.
Nun war er müde an der Tür eingeschlafen. Er saß auf bloßer Erde; die anderen ließen ihn nicht bei sich sitzen, denn er trug sein fettgetränktes Hemd schon ein ganzes Jahr. Aber als die Zigeunerin herumging, stand einer der Gäste auf, trat an den Slowaken heran und rüttelte ihn.
»He, Slowak, wach auf, laß dir eine Grafschaft prophezeien.«
Einige lachten. Der müde Slowak brummte etwas und schlief weiter.
Da kam ein »Kastelmann« in die Stube, ein Händler mit Kämmen, Knöpfen, Spiegeln, Tabakspfeifen und anderem Kleinkram. Er machte geringe Geschäfte. Während er noch schacherte, erwachte der Slowak und fing plötzlich laut an zu schreien.
Sein Geldbeutel mit den sechzig Gulden, an denen er fast zwei Jahre fern der Heimat gespart hatte, war verschwunden. Der arme Mann schrie, jammerte, warf sich auf die Erde, schlug verzweiflungsvoll mit Armen und Beinen.
»Der Cikán! Der Cikán!« schrie einer.
Der Zigeuner und die Zigeunerin waren verschwunden.
»Nein, nicht der Cikán!« rief Samo, »sondern dieser da, der vorhin den Slowaken gerüttelt hat. Heraus mit dem Geld!«
Der Angegriffene tobte und fluchte und ging auf Samo los. Samo aber rief in das Lokal hinein:
»Wir sind alle arme Leute! Wir müssen auf uns halten. Hier darf keinem was passieren. Da könnte sich keiner mehr hertrauen.«
Nun hatte er die meisten für sich. Dem Dieb wurde der Beutel, den er in der Tat hatte, entrissen, und der Slowak kam zu seinem Gelde.
Er fiel vor Samo auf die Knie und küßte ihm die Hand.
»O danke, Pán, o danke, Pán!« – – –
Von der Tür aus sah ein hochgewachsener junger Mann der Szene zu. Als Samo aufschaute, erkannte er seinen früheren Freund Bohuslaw, den Neffen des alten Krok.
Er machte sich rasch von dem Slowaken, der immer noch seine Hand hielt, los, bezahlte seine Zeche und trat mit Bohuslaw auf die Straße.
»Das war wieder einmal echt königlich«, sagte Bohuslaw draußen.
»Was willst du hier?« fragte Samo unwirsch.
»Ich habe dich überall gesucht! Seit langer, langer Zeit haben wir nichts mehr von dir gehört; wir glaubten schon, du seist gar nicht mehr in Prag.«
»Ich habe bei euch nichts zu suchen! Ihr seid ja anständige Leute!«
Er lachte höhnisch. Sie gingen ein Stückchen die Straße entlang. Da setzte sich Samo auf eine niedere Gartenmauer.
»Weiter gehe ich nicht mit dir!« sagte er.
Bohuslaw setzte sich neben ihn.
»Sollten wir nicht lieber in ein besseres Lokal –«
»Ich gehöre in kein besseres Lokal. Dort in die Spelunke gehöre ich! Da brauche ich mich wenigstens vor den andern nicht zu schämen.«
»Du brauchst dich überhaupt nicht zu schämen, Samo!« sagte Bohuslaw traurig.
»Nicht?! Verzeih, daß ich lache. Aber du bist zu gütig! Ich brauche mich nicht zu schämen? Das ist gut! Nein, nein, Pán Bohuslaw, das steht doch anders! Aber es wird noch mancherlei dazukommen! Vorhin hat mir eine Zigeunerin geweissagt. Unsinn. Oder vielleicht nicht Unsinn – ich weiß es nicht! Das eine, was sie sagte, stimmte: Ein Fremder ist schuld an meinem Unglück, und an dem soll ich mich rächen! Und dieser Fremde ist dein elender, verfluchter Onkel Krok.«
»Samo!«
»Ist dies nicht die Wahrheit?! Ich war ein ehrlicher Kerl; ich wollte meine slawische Überzeugung mit ehrlichen Waffen durchkämpfen; da ist dieser verrückte Altertumskrämer in mein Leben getreten und hat mich auch verrückt gemacht! Mit seinem Kerzengeflimmer und Altarklimbim hat er mich so sentimental, so duselig, so toll gemacht, daß ich schließlich auf seine hirnverbrannten Ideen eingegangen bin.«
»Samo, darf ich etwas zur Verteidigung des alten Krok sagen?«
Samo antwortete nicht. Da fuhr Bohuslaw fort:
»Erinnere dich, Samo, wie die Sache eurer Lausitzer Sorben stand, als du meinen Onkel kennen lerntest. Du selbst gabst ihre Sache fast verloren. Und den Hauptschlag gegen das Slawentum an der Sprewja fürchtetest du von deinem Bruder Juro, der gedroht hatte, den Kronenhügel aufzugraben und so den einfachen Leuten da oben den Beweis zu erbringen, daß es eine wendische Krone nicht gäbe. Da hat dir der alte Krok gesagt: Symbole sind für das Volk alles. Sieht das Volk, daß das Symbol fehlt, dann vergeht ihm der Glaube, dann ist die slawische Sache der Lausitz verloren, dann wird die Lausitz deutsch!«
»Was wärmst du den alten Kohl auf?«
»Um Krok zu verteidigen. Er hat es ehrlich gemeint.«
»Ehrlich! Indem er mich zu dem ungeheuren Betrug verleitete.«
»Er hielt es nicht für Betrug. Die wendische Krone ist in Wahrheit da, die ideelle Krone, das war und ist seine Überzeugung. Die Kralswürde ist echt. Und der Glaube daran darf nicht an der äußerlichen Tatsache scheitern, daß die substanzielle Krone fehlt oder wenigstens dort fehlt, wo man sie vermutete.«
»Ja, und also haben wir uns eine Krone machen lassen und sie im Kronenhügel eingegraben. Eine kluge und herrliche Tat fürwahr! Oder vielleicht auch eine romantische Schufterei.«
»Krok hat doch alles anders geraten, als du es ausgeführt hast. Er hat dir doch geraten, nachdem die Krone eingegraben war, dafür zu sorgen, daß du selbst sie vor vielen Zeugen ausgraben und nach einem würdigeren Platz bringen solltest, etwa nach eurer Heimatkirche. Dann war der Glaube befestigt, dann konnte auch nichts passieren, dann konnte ja nichts entdeckt werden.«
Samo sprang von der Mauer herab.
»Siehst du, Bohuslaw, und das brachte ich nicht fertig. So einen Quark, so einen betrügerischen Schmarren, den hier in Prag ein Pfuscher gemacht, nach dem Altar unserer Heimatkirche bringen, das vermochte ich nicht. Ich ließ es darauf ankommen. Grub Juro den Hügel nicht auf – nun gut – dann war alles nicht nötig. Grub er ihn auf, dann war ihm die Überraschung zu gönnen, und der Beweis für unsere Leute war gebracht. Aber das Ding, das mir dein Onkel gegeben hat, war ein elendes Pfuschwerk, dessen Unechtheit ein simpler deutscher Student erkannte.«
»Die Kopie der Krone wurde getreu nach der alten Krone Przemisls gemacht; mein Onkel hat die Arbeit selbst Tag und Nacht überwacht.«
»Ja, weil er um seinen Schatz fürchtete. Warum gab er nicht seine echte, alte Krone, wenn ihm so viel daran lag, den slawischen Gedanken an der Sprewja zu befestigen? Weil er ein selbstsüchtiger Geizhals ist! So wurde ein Stümperwerk geschaffen, das mich ins Verderben brachte.«
»Krok hat gewollt – ich sage es noch einmal –, du selbst solltest den Wenden die Notwendigkeit klarmachen, die Krone auszugraben und nach einem sicheren Ort zu bringen, da sie durch Juro bedroht sei. Hättest du das getan, wär alles gut.«
»Und – ich sag' es auch noch einmal – ich konnte es nicht! Ich brachte es nicht fertig, den Quark ans Licht zu ziehen und in unsere Kirche zu bringen. Oh, und dann hat mich doch – doch der Vater gezwungen, das falsche Ding auf dem Kirchhof zu begraben über dem Kopf meiner Mutter. Und das, Mensch, das ist es, was mich wie ein Fluch verfolgt, das war es, was mir schon am nächsten Tag den Sinn so verwirrte, daß ich den Feind niederstach, der die Fälschung entdeckt hatte. Das ist es, was mir noch jetzt keine Ruhe läßt. Ich sehe in den Nächten nichts anderes als den Totenkopf meiner Mutter mit der falschen Krone. Ich sage dir, ein schlechter Spaß ist das, ein sehr schlechter Spaß ist das! Und wenn ich noch verrückt werde, werde ich darüber verrückt!«
Bohuslaw seufzte schwer auf.
»Und deswegen,« fuhr Samo ingrimmig fort, »deswegen bin ich hier, bin ich ein Säufer, ein Verfolgter. Aber ich werde das tun, wozu mir die Zigeunerin riet, ich werde mich an dem alten Krok rächen, der mich vom geraden Pfade ehrlichen Kampfes abbrachte und mit allerlei blödem romantischem Geschwätz auf diesen elenden Irrweg lockte. Leb wohl, ich gehe nach dem Wirtshaus zurück.«
»Samo!«
Er ließ sich nicht halten; er ging wieder nach der Kaschemme.
Drei Tage später war Hanka wieder allein. Samo war schon am frühen Morgen fortgegangen. Es war wieder eine schreckliche Nacht gewesen. Erst spät war er nach Hause gekommen, mehr betrunken als sonst. Und er hatte wieder soviel laut geredet im Schlaf. Das Schrecklichste war, wenn er schrie:
»Mutter, nimm die Krone vom Kopf, nimm die Krone vom Kopf! Mutter, sie drückt dich! Mutter, ich kann es nicht leiden, daß du die Krone auf dem Kopf hast!«
Dann sprang er oft aus dem Bett, dann zitterte er und streckte die Hände entsetzt von sich, dann schluchzte und weinte er, bis er erwachte und erschöpft ins Bett zurücksank. Was er nur mit der Krone hatte! Er sprach niemals ein gutes Wort von ihr; sein Gesicht wurde finster, wenn die Krone nur erwähnt wurde.