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Die alte Krone

Die alte Krone (continued 3)

Reading edition

Er betrog uns um die Herrschaft, um unser leibliches Gut. Wie haben aber die Deutschen erst geistig gestohlen und gefälscht! Wer ist der Feldherr Wallenstein, der ihr Land vor den Ausländern rettete? Ist er nicht der Tscheche Valdstyn? Wer ist ihr gefeierter Feldmarschall Radetzky, dem sie so ungeheuer viel verdanken? Ist er nicht unser slawischer Bruder Hradecky? Hat nicht ein Tscheche die Buchdruckerkunst erfunden? War nicht der große Jan, der diese unsterblichste aller Künste erfand, ein Ausgewanderter aus unserer böhmischen Stadt Kuttenberg? War es nicht eine Frechheit sondergleichen von den Deutschen, anno vierzig die Buchdruckerkunst als ihre Erfindung zu bezeichnen, aus einem Jan Kuttenberg einen Johann Gutenberg zu machen? Aber laßt sie nur ihr ›Gott erhalte Franz den Kaiser‹ brüllen; Joseph Haydn hat die Melodie den Tschechen gestohlen, und das wird noch an den Tag kommen! Was haben die Deutschen nicht alles von uns! Stammt nicht ihr Dichter Lessing aus dem wendischen Dorfe Kamenz; ist er also nicht ein Slaw? Hat nicht Karl Maria von Weber seinen »Jungfernkranz« den Tschechen gestohlen? Und da wollen die Deutschen sagen, wir hätten keinen großen Dichter, keinen großen Musiker?« Es gab wieder starken Beifall. Nur Samo und sein Freund Bohuslaw saßen mit niedergeschlagenen Augen da. Bohuslaw wußte, daß die kuriose Beweisführung des Redners seinem klugen Freunde peinlich war.

Der Redner fuhr fort: »Wofür sollen wir uns bei den Deutschen bedanken? Dafür, daß sie uns zu knebeln versuchten, daß sie unsere Sprache, unsere Sitte, unsere Freiheit verfolgten, unsere Söhne auf ihre Schlachtfelder schleppten, dafür, daß der preußische Barbar Friedrich II. unseren heiligen Hradschin beschoß, allein an einem Tage eintausendfünfhundert Kugeln gegen unseren Dom richten ließ, dafür, daß wir selbst die Gebeine des heiligen Jan von Nepomuk vor ihm in Sicherheit bringen mußten?«

Tosende Zwischenrufe. Der Redner erhob die Stimme zu größter Kraftentfaltung. Er brüllte:

»Sollen wir uns bei den Deutschen dafür bedanken, daß sie uns unseren großen Magister Jan Hus heimtückisch ermordeten?«

Brausende Bewegung.

»Warum haben sie ihn ermordet? Wegen seiner kirchlichen Lehre etwa? Manch einer hat freiere Dinge gelehrt und blieb am Leben und blieb in Ehren. Warum haben sie Luther geschont und Jan Hus verbrannt? Weil Luther ein Deutscher war und Jan Hus ein Böhme!«

Jetzt sprangen viele auf. Auch Samo und Bohuslaw. Und sie standen da mit wogender Brust und leuchtenden Augen. Spazierstöcke mit dem Ziška-Knopf wurden hochgehoben, und das Symbol der Hussitenkeule schwebte in der Luft.

»Darum haben sie ihn ermordet«, rief der Redner, »weil er die Deutschen haßte, wie sie es verdienten, weil er eines Sinnes, einer Seele war mit dem slawischen Volk, weil seine Donnerstimme die deutschen Studenten aus dem Lande scheuchte, weil er den deutschen Ratsherren in Prag das Handwerk legte, weil er für unsere Muttersprache eintrat, weil er gesagt hat: ›So wie Nehemias, als er hörte, jüdische Kinder sprächen halb Azotisch und könnten nicht mehr rein Jüdisch sprechen, diese geißelte, so verdienen die Prager gegeißelt zu werden, die halb Deutsch reden!‹ Hatte er nicht recht, meine Brüder?«

Stürmische Zustimmung.

»Slawische Brüder! Jan Hus ist verbrannt worden, weil er der Feind der Feinde seines Vaterlandes war!«

Der Redner griff blitzschnell in die Rocktasche und zog eine kleine schwarze Fahne heraus, die Hussitenfahne mit dem roten Kelch.

Ein Teil der Versammelten heulte laut auf vor Jubel, ein anderer schwieg. Ein katholischer Priester sprang auf das Podium, verschaffte sich durch eine Handbewegung Schweigen und rief:

»Im Namen der heiligen Kirche muß ich protestieren gegen die Entfaltung dieser Fahne!«

Der Redner sah ihn an.

»Nun gut«, sagte er, »ich will nicht Zwietracht säen unter die Brüder. Ich stecke die Fahne ein. Aber ich sage, es ist notwendig, an ein Konzil zu appellieren, daß die Akten des Jan Hus noch einmal revidiert werden. Wir können uns in nationaler Beziehung von diesem großen Mann nicht trennen.«

Niemand widersprach.

Noch einmal kam der Redner zu sprechen auf die großen welt- und kulturgeschichtlichen Leistungen der Slawen. Belisar, der dem Kaiser Justinian die Schlachten gewann, war ein Slawe, eine Unmenge deutscher Städte sind slawische Gründungen, ja die erste Kultur Oberitaliens war slawisch. Venedig ist weiter nichts als eine ursprünglich slawische Stadt.

Samo rückte wieder ungeduldig auf dem Stuhle hin und her. Weiter prahlte der Redner. Es sei heute eine Binsenweisheit, daß vor Christoph Kolumbus längst ein polnischer Seefahrer von Island aus Amerika entdeckt habe; in der Geschichte Christians II. von Dänemark sei das nachzulesen. Neuerdings würde auch geprüft, ob das berühmte Buch »Von der Nachfolge Christi« nicht einem Slawen statt Thomas a Kempis zuzuschreiben sei. Schließlich kam der Redner auf Rußland zu sprechen, von dessen Stärke allein die Auferstehung slawischer Macht zu hoffen sei. Hoffen wir auf den Zaren!

»At' žije!«[31] rief die Menge begeistert dazwischen.

»Ja,« schrie der Redner, »ich halte es mit unserem großen Havlitschek-Borowsky: ›Lieber die russische Knute als die deutsche Freiheit!‹«

Es gab Beifall, in den allerdings die anwesenden Russisch-Polen nicht einstimmten.

Eine Schlußapotheose des Slawentums, die dem sprachgewandten Redner gut gelang, und in der sich die Schönheit und der Reichtum der tschechischen Sprache offenbarte.

Und der Redner schloß, indem er zu singen anhub:

»Kde domov muj?«

»Wo steht mein Vaterhaus?«

Die Versammlung sang das sehr schöne tschechische Heimatlied mit. – –

Ein älterer Mann stieg auf die Rednertribüne. Er sprach gemäßigter, sprach von den strengen tschechenfeindlichen Erlassen Josephs II., erörterte allerhand schikanöse Anordnungen der Wiener Regierung, unter anderem, daß die Tschechen in ihrem eigenen Lande nicht in tschechischer Sprache telegraphieren dürften, während dies in allen möglichen fremden Sprachen erlaubt sei. –

Da erscheinen zwei männliche Gestalten auf dem Podium, die das Erstaunen aller aufs höchste erregen. Der eine ist bunter als ein Pfau. Er trägt einen stechend grünen Rock, knallrote Weste, hellgelbe Hose, braune Stiefel, eine riesig lange weißrote Krawatte und einen scheckigen, rot-weiß-blauen Hut. Sein Begleiter hat einen Zottelpelz an, Holzschuhe und trägt auf dem Kopf eine riesige Pudelmütze. »Slawische Brüder,« schreit der Bunte mit krähender Stimme, »nehmt es nicht übel, wenn wir hier reden und wenn uns eure schöne Sprache nicht so gut vom Munde fließt, wie es bei euch Göttlichen der Fall ist! Wundert euch nicht über uns! Ich bin ein Masur, und dieser mein Bruder in der Pudelmütze ist ein Lette. Und das, was wir hier anhaben, sind unsere neuen Nationaltrachten, die erst in diesem Jahre ein berühmter und sinnreicher Schneider in Warschau für uns erfunden hat. Ich hoffe, wir Slawen aus dem gottvergessenen Ostpreußen dürfen uns in eurem edlen Kreise einfinden.«

Der Bunte und die Pudelmütze wurden akklamiert.

»Slawische Brüder, mit Staunen haben wir in diesem gelehrten Kreise von unseren berühmten slawischen Männern gehört, von dem slawischen Dichter Lessing und von dem herrlichen Nasensammler Sobeslaw. Unser Herz hat höher geschlagen. Heil den Polen, die Amerika entdeckt haben! Heil den Tschechen, die die Buchdruckerkunst erfanden! Ich komme aber, um euch Kunde zu sagen von ganz neuen Entdeckungen, die ein berühmter und eifriger Forscher und Gelehrter unseres masurischen Volkes, das gleich eurem stets der Wissenschaft diente, gefunden hat …

… Nero, das römische Kaiserscheusal, war ein Deutscher!«

Bewegung.

»Wohl war Agrippina seine Mutter, aber das verbuhlte Weib hat ihn gezeugt mit einem deutschen Söldling aus der Umgegend von Köln. Weiter: Pontius Pilatus, der den größten und schändlichsten Mord der Welt auf dem Gewissen hat, war ein Deutscher!«

Einige Stirnen im Saal runzeln sich, einige Augen werden scharf.

Der Bunte fährt unbeirrt fort:

»Das heißt eigentlich auch nur ein Halbdeutscher. Aber was für einer! Er war der heimliche Sohn des Kaisers Augustus und Thusneldas, der gefangenen Gattin Hermanns des Cheruskers!«

Einige tschechische Studenten treten dicht vor das Podium und sehen den Redner scharf an. Harmlos spricht der weiter:

»Ich berichte hier nur das, was unser Forscher entdeckt hat. Die Beweisführung muß ich seiner Weisheit und Gewissenhaftigkeit überlassen. Aber wenn auch seine Resultate verblüffend sind, wenn sie auch unsere Feinde, die bluthündischen Deutschen, schwer ärgern müssen – sollen sie deshalb unausgesprochen bleiben? Nein, nein, nein!«

Zustimmung. Die Studenten treten vom Podium zurück.

»Und so sage ich euch: auch Judas Ischariot war ein Deutscher! Es ist klar erwiesen, daß sein Großvater als Kriegsgefangener von Julius Cäsar nach Rom gebracht wurde und durch Abschiebung nach Kairot ins Morgenland kam; denn Judas Ischariot ist eben Judas aus Kairot. Ich will die Ehrenliste deutscher Helden hier nicht verlängern; die Forschungen unseres Meisters, ob nicht auch der bethlehemitische Herodes deutsches Blut in den Adern hatte, sind noch nicht abgeschlossen!«

Wieder treten einige Studenten erregt vor.

»Laßt mich ein Wort sagen, slawische Brüder, über die Knechtung unseres Volkstums in Ostpreußen. Über neunzig Prozent unserer Kinder unterliegen dem Schulzwang; im slawischen Dalmatien brauchen bloß zwei Prozent der eingestellten Rekruten lesen zu können!«

»Was soll das heißen?« rief ein Student dazwischen.

»Das soll heißen, daß wir Slawen uns nicht in die deutsche Bildungszwangsjacke pressen lassen wollen. Haben wir das nötig? Neuerdings hat ja sogar ein Wiener Gelehrter zugegeben, daß das tschechische Gehirn das relativ schwerste ist, fünfzig Gramm schwerer als das deutsche!«

»Stimmt! Dr. Weisbach in Wien!« schrie einer.

Einige Studenten fixieren den Redner scharf.

»Ich bin fertig!« sagte dieser; »ich danke, daß Sie mich meine bescheidenen Ausführungen haben machen lassen. Vergönnen Sie nun auch meinem lettischen Bruder und Nachbar einige wenige Minuten!«

Der Lette wiegt die riesige Pudelmütze hin und her und sagt stockend: Als Lette sei er, wie man wohl wisse, ein Germanoslawe. Aber jetzt habe er den Germanen abgestreift und stehe als Slawe hier. (Lebhafter Beifall.) Leider beherrsche er sehr wenig die tschechische Sprache, wolle aber nicht zurückhalten mit einer Entdeckung, die ein berühmter und eifriger Forscher seines Stammes gemacht habe. Das Grundgesetz, auf dem alle moderne Kultur beruhe, in dem das Judentum, das Christentum und der Islam eine gemeinsame Grundsäule hätten, seien offenbar die zehn Gebote Mosis. »Sie alle wissen, daß der Finger Gottes die Gebote auf zwei steinerne Tafeln geschrieben hatte, daß aber Moses die Tafeln zerschlug, als er die Israeliten beim goldenen Kalbe erwischte. Nun, unser Forscher hat jahrelang am Sinai nachgegraben, hat die Scherben der Tafeln gefunden, hat sie zusammengesetzt und entdeckt: Die zehn Gebote waren von Gott in urslawischer Sprache geschrieben!«

»Was soll das heißen? Was sagt er?«

Stühle rücken. Eine große Bewegung greift Platz. Samo spricht erregt auf seinen Freund ein.

»Ja, wenn ich nicht sagen darf, was mein Volk glaubt!« fährt der Lette fort, »so will ich schweigen. Sie wissen, daß viele Polen glauben, der Papst spreche Polnisch. Und haben Sie die Argumente unseres Forschers schon nachgeprüft? Haben wir Ihnen nicht auch die Erfindung der Buchdruckerkunst geglaubt? Man hatte uns gesagt, auf der tschechischen Beseda könne man reden, was man wolle. Ich danke Ihnen, daß Sie mich bis hierher angehört haben!«

Er verließ verärgert mit seinem masurischen Freunde das Podium, und beide gingen der Tür zu. Alle sahen den beiden nach. An der Tür stieg der Lette auf einen Stuhl und rief:

»Eines bitte ich noch sagen zu dürfen: Die zehn Gebote, wie Sie sie kennen, haben eine Lücke: Es muß heißen: Siebentes Gebot: du sollst nicht stehlen; achtes Gebot: du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten, das heißt also: du sollst kein Tscheche sein!«

Ein Schrei! Der Masur reißt die Pudelmütze ab. Eine deutsche Studentenkappe kommt zum Vorschein.

»Leben Sie wohl!« schreien die beiden in deutscher Sprache und sind zur Tür hinaus. Ein wahnwitziges Geschrei geht los. Hunderte von Menschen drängen zur Tür. Sie verlegen einander den Weg. Unten auf der Straße fährt ein Wagen rasch davon. Im Saale herrscht die grimmigste Empörung. Mehr als eine halbe Stunde vergeht in ohnmächtigem Toben und Fluchen. Viele Frauen weinen. Da steigt einer aufs Podium.

»Slawische Brüder! Laßt eure Feier nicht stören durch diese deutschen Lausbuben!«

Großer Beifall!

»Sind sie nicht ausgerissen wie Feiglinge?«

Stürmischer Beifall.

»Wir werden sie und ihresgleichen zu treffen wissen!«

Geschrei.

»Wieder einmal ist es erwiesen, daß die Deutschen die Friedensstörer, die Provokateure sind, die sich selbst zu so friedlichen Slawenfesten wie dieses heimtückisch einschmuggeln. Lasten wir uns nicht stören; der Tag der Vergeltung kommt.«

»Šusnelka nám piše.«

Er stimmte den beliebten Gassenhauer an, der davon redet, die Deutschen hätten alle gefährliche Bauchschmerzen, und die Versammlung sang mit.

Die Erregung legte sich allgemach etwas; nur einzelne Studentengruppen führten unter sich aufgeregte Debatten. Man beschloß eine große Demonstration vor der Karlsuniversität.

Und nun trat »Plzenske piwo« in seine gewaltigen Rechte. Pilsener Bier. Je erregter der Mann, desto tiefer der Trunk. Nur, daß der köstliche Trank das innere Feuer nicht löschte, sondern immer mehr anfachte.

»Diese elenden Frankfurter!«[32]

»Jauche haben sie gegossen in unseren slawischen Verbrüderungswein!«

»Der eine sah aus wie ein bunter Hanswurst, der andere wie ein Urmensch aus der Eiszeit. Und das nannten sie slawische Nationaltracht! Und der Kerl, der Lette, sagte ausdrücklich, eigentlich bin ich ein Germanoslawe, aber ich habe den Germanen abgestreift und stehe jetzt als Slawe hier. Und wir klatschen Beifall dazu. Eine Schmach! Eine Schmach!«

Der junge Student, der das sagte, vergoß Tränen.

Da stimmte jemand das Lied von der Aussiger Schlacht an: »Bitwa před Ustim.«

»Gedankt sei Gott! O preiset ihn, Er hat uns hilfereich verlieh'n, Die Deutschen ruhmvoll zu schlagen Und aus dem Lande zu jagen!«

Die Studenten hörten mit finsteren Gesichtern zu. Heut war der Ruhm, wie sie die Deutschen aus dem Felde geschlagen hatten, klein.

Selbst als ein paar hübsche Mädchen etliche der wunderherrlichen Volkslieder der Tschechen vortrugen, die für Trauer und Sehnsucht des Menschenherzens in stillen Worten und tiefen reichen Melodien so ergreifenden Ausdruck finden, kam keine rechte Stimmung mehr zustande.

Die Beseda war verunglückt.

Es war kaum zehn Uhr, als Samo aufbrach. Sein Freund Bohuslaw folgte ihm. »Ich ersticke in diesem Saal!« sagte Samo draußen. »So ist es selten einmal durchtriebenen Hallunken geglückt, die Gegner zu äffen.«

»Mein Herz leidet, daß es geschah, Samo«, antwortete der sanfte Bohuslaw. »Wenn es nun einmal geschehen sollte, dann doch nie in deiner Gegenwart. In dir ist der slawische Königsgedanke beleidigt worden.«

Der junge Mann hing an Samo mit einer Art ehrfürchtiger Liebe. Er ehrte in ihm mit tiefer Überzeugung den heimlichen Königssohn.

Schweigend gingen die beiden jungen Männer weiter. Als sie in eine schmale, winklige Straße kamen, zeigte Bohuslaw auf das Erkerfenster eines Eckhauses. Mattes Licht schimmerte durch die kleinen bleigefaßten Scheiben des Fensters.

»Dort wohnt mein Onkel Krok, von dem ich dir erzählte. Wenn es dir gefällt, so gehen wir zu ihm hinauf. Wohin sollen wir jetzt in dieser Stimmung?«

»Es ist zu spät für einen Besuch.«

»Mein Onkel Krok würde um Mitternacht aufstehen und dir sieben Meilen entgegengehen, wenn er wüßte, du wolltest ihn besuchen. Erlaubst du, daß ich klopfe?«

Samo zuckte die Achseln.

»Tu, was du willst.«

Bohuslaw klopfte mit dem eisernen Schläger an die Tür, und bald erschien an dem Erkerfenster der Kopf eines alten Mannes.

»Wer klopft? Bist du es, Bohuslaw? Und wer ist der andere?«

»Das ist Samo. Unser Samo!«

»Unser – unser …«

Dem Alten stockte die Stimme. Er warf den Fensterflügel zu und erschien bald in der Tür mit einem Licht. Eine in einen weiten Schlafrock gehüllte schmächtige Gestalt eilte auf Samo zu und beugte sich tief vor ihm.

»Fjersta! Fjersta!«[33] rief der Alte zitternd, und ehe es sich Samo versah, küßte er ihm ehrfurchtsvoll die Hände. »In Gottes Namen, willkommen! Gesegnet der Tag, da meinem Hause diese goldene Ehre widerfährt!«

Samo war bestürzt, daß er kaum etwas zu antworten wußte. Wie im Traum trat er durch die schmale Tür, stieg er eine schmale Stiege hinauf. Der Alte, der ihm leuchtete, stammelte unausgesetzt Worte freudigen, ehrfurchtsvollen Willkommens.

Sie traten in das sehr geräumige Erkerzimmer. Es war erhellt durch eine große Hängelampe von auffällig schöner Schmiedearbeit. Der große Tisch unter der Lampe war mit Büchern und Manuskripten bedeckt. Sonst machte das Zimmer den Eindruck des Lagerraums eines Altwarenhändlers oder des ungeordneten Saales eines Museums. Alte Möbel, Waffen, Bilder standen und lagen umher, von der Decke hingen seidene Tücher mit bunten Malereien, an den Wänden waren kostbare Stickereien, in Glaskästen allerhand kleine historische Pretiosen, geschichtliche Reliquien und Sonderbarkeiten.

»Heilige Madonna, ich danke dir, daß ich diesen Tag erlebte! O Fjersta! Fjersta!«

Und wieder wollte der Alte Samo die Hand küssen.

Dieser wehrte ihn freundlich ab.

»Ich freue mich, daß ich bei Euch bin; aber ich bin nichts als ein wendischer Student.«

»Ich weiß, wer Ihr seid! Der sorbski kral, der kommen wird. O seht, wenn ich auf unserer heiligen slawischen Erde reise und sehe, wie schön und reich sie ist, ich finde alles: ich finde große Berge und weite Ebenen, Städte mit alten Domen und heiligen Gräbern, Wiesenflächen mit singenden Dörfern, ich finde alte Nationalschätze und habe davon manches gesammelt, ich finde eine stolze Jugend, die an ihr Slawentum glaubt, ich finde Dichterwerke und Weisheitswerke und Silber und Gold und Edelstein – aber ich finde das nicht, wonach ich mit meinen alten Augen immer noch suche: ich finde keinen slawischen König. Und nun ist er hier! Und nun ist er hier!«

Der Alte fing so heftig an zu zittern, daß ihn sein Neffe nach einem der großen Lehnstühle führen mußte. Auch Samo faßte es an wie ein Taumel, und er setzte sich langsam und schwer auf einen Stuhl an dem großen Tisch.

Eine tiefe, tiefe Stille kam. Der Alte blickte auf den jungen Königssohn wie ein Vater, dem in frühen Jahren ein Sohn, das Kleinod seiner Ehre und seiner Hoffnung, geraubt worden ist, dem die goldene Wahrheit und Gewißheit seines Lebens in graue, neblige Ferne entwich, der mit heißen Augen und nimmermüdem Fleiß suchte durch die besten Jahre seines Lebens und endlich müde heimkehren mußte mit winzigen Andenken und ungewissen Anhalten, ein Träumer sitzt am einsamen Tisch – und dem mitten in der Nacht im Sternenschein der Sohn als ein kommender Sieger wiederkehrt.

»Fjersta!«

Samo eilte auf den Alten zu – sie liegen sich in den Armen. – – –

Endlich sagte Samo:

»Ihr überschätzt mich! Ich bin nur der zweitgeborene Sohn des sorbski kral.«

Der Alte schüttelte den Kopf.

»Die, die sich um die Slawen kümmern, wissen, wer Ihr seid. Euer Bruder, der den slawisierten Germanennamen Juro trägt, ist nicht der Kral. Ihr heißet Samo, Ihr tragt den Namen, der als einziger aus dem ersten Schöpfungstag tschechischer Geschichte zu uns herüberleuchtet. Samo, der Slaw, der die Avaren schlug, an die sich Kaiser Karl vergeblich gewagt hatte, Samo, der die Tschechen heimisch machte in diesem Lande Gottes – Ihr könntet keinen schöneren Namen haben als diesen!«

»Der Name macht es nicht; obwohl ich zugebe, daß Ihr, der Ihr Krok heißt, gewiß mit dem alten Tschechenherzog Krok, dem Klugen und Gerechten, vieles gemeinsam habt.«

»Ich bin ein alter Mann, der nicht viel mehr für seine slawischen Brüder tun konnte, als daß er sein Leben lang um sie litt. Und der ein wenig sammelte. Freilich, es sind nicht die Schätze vom Karlstein.«

Der Alte wies auf seine Raritäten.

»Waret Ihr im Karlstein, Pán Samo?«

»Nein, ich komme erst zum zweitenmal in meinem Leben nach Böhmen.«

»Zürnet nicht, Herr, wenn ich sage, daß das nicht gut ist.«

»Ich weiß es. Ich hätte in Prag studieren sollen, nicht in dem deutschen Nest Breslau. Hier in Prag ist der Nährboden für starkes, echtes Volkstum. Aber ich war nicht unabhängig. So habe ich auch den Karlstein noch nicht gesehen.«

Das Auge des Alten strahlte.

»Der Karlstein! Vieles ist zerfallen, viele Edelsteine, die die Mauern bedeckten, sind ausgebrochen, die Fenster sind jetzt aus Glas, aber doch ist der Karlstein noch immer unsere Gralsburg, wie sie Meister Mathias von Arras schuf. Ich denke jetzt nicht an die Rittersäle, die großen Höfe; an eine der Kapellen denke ich, an die Kreuzkapelle. Und ich sehe, wie Karl IV. barfüßig in das Heiligtum tritt, nachdem vier eiserne Türen, neunzehn Schlösser geöffnet worden sind. Und die Kapelle erstrahlt im Glanz von eintausenddreihundertunddreißig Lichtern, indes der Probst die Messe zelebriert. Die vergoldeten Wände funkeln, die Jaspise und Karneole blitzen, durch die Halbedelsteinfenster fällt das Licht hinaus ins Land, bis an den Fluß hinunter. Rund herum, als wenn sie lebten, die großen Bildnisse von einhundertfünfundzwanzig Heiligen, die aus ihren reinen Augen nach dem Altar schauen; und im Hochaltar, hinter goldenen Gittern, die alte, heilige Wenzelskrone, die Insignien des Reichs. Karl, der Böhmenkönig, der als Kaiser das ganze deutsche Reich beherrscht, liegt hier auf den Knien, betet zu Gott um Schutz für die Krone, und draußen ruft der Wächter am Tor alle Stunden ins Tal: ›Bleibet der heiligen Burg fern, ihr Wanderer, sonst ereilt euch Unheil und Tod!‹«

Über der Kapelle prangt die Schrift:

»Herr Christus, mächtiger Herr, behüte du selbst diese Kleinodien bis zum letzten Tage[34]!«

»War das nicht eine große, schöne Zeit?«

Samo blickte den Alten, der so begeistert redete, versonnen an. Sein Gesicht war finster. Der alte Krok erzählte nun von vielen anderen Schätzen der Burg Karlstein, von kirchlichen und weltlichen Reliquien kostbarer Art.

»Haltet Ihr diese Dinge für echt?« fragte Samo.

»Ja! Und wenn mir ein Zweifel kommt, jage ich ihn eilends davon. Zweifel macht arm und verödet das Herz; er ist der Bilderstürmer im Dom unserer Seele, dessen Altäre er entkleidet und von dessen Wänden er Glanz und Schönheit nimmt. Was dann übrigbleibt, ist kahle Armut, sind harte, nüchterne Trümmer. Und der rauhe Wind, den sie Wahrheit nennen, der dann schneidend durch die zerschlagenen Fenster fährt, kann uns nicht trösten, wenn der Tabernakel des Heiligsten beraubt ist und die ewigen Lampen verlöscht sind. Oh, Pán Samo, an alten Symbolen hängt der Gedanke, und der Gedanke stirbt mit dem Symbol; denn wir Menschen schauen aus leiblichen Augen.« Samo stand auf und ging ein paar Schritte hin und her. »Es mag schön sein, so zu glauben und zu träumen wie Ihr, Pán Krok. Ich kann es nicht. Ich habe ohne Neid von dem Glanz der Wenzelskrone gehört, ich habe mit Freude davon gehört; aber es ist doch bitter, wenn ich daran denke, wie bettelarm dagegen mein eigenes Volk war. Kennt Ihr die Sage vom Wendenkönig?«

»Ich kenne sie.«

»Seht, Pán Krok, der Wendenkönig konnte sich keine bleibende Burg bauen, keine goldene Kapelle errichten, wo er seine Schätze verwahrte, für ihn gab es noch keinen Pán Krystus, dessen Schützernamen er über seine Tür schreiben konnte. Als er in die entscheidende Schlacht zog, hatte er niemand, der seine Krone verwahrte; in den armen Sand der Heide mußte er sie vergraben, unter die Bäume des Waldes. Eine Grube zwischen Erde und Steinen war unsere Kronenstätte.«

Der Alte stand auf, und seine milden Augen ruhten liebevoll auf Samo.

»Gott selbst hat einen blauen Dom über Eure Krone gewölbt, Pán Samo, und seine Sterne werden nicht weniger hell gefunkelt haben als unsere Karneole. Und hat Euch nicht Gott wunderbar erhalten? Unser Königtum ging verloren, das Eure blieb!«

»Es wird verloren sein für immer und ewig«, sagte Samo düster.

»Das darf nicht sein, Pán Samo, das darf nimmer geschehen! Ihr werdet es aufrechterhalten; denn Ihr müßt der Kral werden, geschehe auch, was wolle!«

Die milde Hoheit war von dem Alten gewichen, ein fanatischer Eifer sprühte aus seinen grauen Augen. –

»Die Deutschen verseuchen unser Volkstum«, fuhr Samo fort; »sorbisch geht der Bursch zum Militär, verdorben, deutsch kommt er zurück; der deutsche Gutsherr, der deutsche Krämer, der deutsche Gastwirt bohren sich wie die Maden in die slawische Frucht; unsere Gebildeten liegen in einem Halbschlummer; sie träumen noch ein wenig vom Slawentum, aber vor der Welt sind sie gehorsame Diener des deutschen Herrn. Die wendischen Geistlichen und Lehrer sterben aus; sie waren die besten und letzten Hüter unseres Volkstums, ihre Nachfolger sind Pioniere des Deutschtums. Das Volk kehrt sich vom heimischen Ackerbau ab, strebt in den Frondienst deutscher Fabriken. Es ist – es ist aus mit uns droben in der Lausitz!«

»Das ist ein düsteres Bild, das ist ein zu düsteres Bild!«

»Schreien möchte ich, Pán Krok, daß es so ist! Tausend Jahre lang hat unser sorbisches Volk der Lausitz seine slawische Art bewahrt mitten in Kampf und Not. Die Herren haben gewechselt, die Bedrücker sind geblieben, aber auch das Slawentum ist geblieben. Keine Gewalt, keine List, keine leibliche und geistige Aushungerung hat es vernichtet. Der arme, starke Sandwald hat es geschützt. Und welche Hoffnung blieb uns? Unsere Zahl schmolz zusammen. Wir konnten nicht mehr hoffen, ein eigenes Reich zu errichten, wie es die alte Sage verheißt.«

»Ihr müßt das hoffen, Pán Samo,« rief der Alte; »Ihr dürft diese Hoffnung im Herzen des Volkes nicht untergehen lassen. Man darf einen Stern nicht ableugnen, weil man nicht nach ihm greifen kann. Genug, wenn er leuchtet. Der felsenfeste Glaube an die große Zukunft muß dem Volk erhalten bleiben. Ohne großes Ziel keine Religion, kein aufstrebendes Volkstum, nicht einmal irgendein gutes Einzelwerk!«

Samo zuckte die Achseln.

»Wir müssen uns an die realen Verhältnisse halten. Was zu tun ist und immer zu tun war, ist das eine: das Slawentum in der Lausitz zu erhalten, bis die deutsche Kluft, die zwischen uns und den Tschechen liegt, überbrückt ist, mit einem Wort, das Wendentum zu konservieren, bis das deutsche Nordböhmen slawisiert ist und wir Lausitzer Sorben unmittelbaren territorialen Anschluß an die böhmischen Tschechen haben.«

»Und das kommt doch! Das kommt doch!« rief der alte Krok begeistert. »Tausend Jahre habt ihr ausgehalten, wollt ihr in letzter Stunde unterliegen, da der Sieg so nahe ist? Ja, ihr seid auf einem gefährlichen, auf dem bedrohtesten Vorposten; aber, ihr Brüder, ihr seht doch, daß euch die siegreiche Hauptarmee Stunde um Stunde näherkommt!«

Samo entgegnete finster:

»Die Pflicht erkenne ich so wie Ihr, Pán Krok. Aber die Verhältnisse liegen so, wie ich Euch sagte. Und es fehlen uns die stolzen Erinnerungen, die großen Symbole. Was wir davon haben, wird angezweifelt, soll vernichtet werden.«

»Laßt nur das nicht geschehen, nur das nicht, Pán Samo! Nur nicht an die Tradition tasten! Ich muß noch einmal von ihrem unermeßlichen Wert reden. Gestattet, daß ich in einem Gleichnis spreche. Seht, da war eine Edelfamilie, die hegte als großen Schatz einen alten, goldenen Ring. Den Ring, so erzählte die Familiengeschichte, habe ein Ahn von einem edlen Moslem erhalten, in dessen Gefangenschaft er zur Zeit der Kreuzzüge geraten war. Der Ahn war von so herrlicher, edler Art, er war in allen Dingen von so bezwingender Menschlichkeit, daß er das Herz seines Kerkermeisters gewann und dieser ihm eines Tages die Freiheit schenkte und ihm den Ring mitgab mit den Worten: »Denke meiner in deiner Heimat, du bewunderungswürdiger Mann, gönne mir ferner deine Freundschaft, die ich ehren werde bis zu meinem letzten Tage.« Und in der Familie wurde der Ring geachtet und geliebt. Der Vater hielt ihn dem Kinde aufs Haupt, wenn es getauft wurde; der Jüngling gelobte bei dem Ringe, brav und edel zu sein, ehe er in die Welt ging; die Jungfrau bekam ihn bei der Trauung an den Finger gesteckt; der Sterbende trug ihn an der Hand, wenn er sie zum letztenmal um Erbarmen zu Gott aufhob. – – Da erschien eines Tages ein Mann, der sagte, er sei ein Gelehrter, prüfte das Kleinod und wies nach, der Ring stamme gar nicht aus der Zeit der Kreuzzüge, er sei aus einem späteren Jahrhundert und offenbar fränkische Arbeit. Und er ging davon mit stolzgeblähter Brust und dem eitlen Gedanken, er habe diesen Leuten die historische Wahrheit gebracht. – Wißt Ihr, Pán Samo, daß dieser Mann ein Verbrecher war? Was war der Unbekannte, der das Symbol erfand und ihm durch einen tiefen Gedanken eine Wundermacht verlieh, die durch viele Generationen wirkte, doch für ein besserer Mensch als dieser Aufklärer!«

Samo sagte dazu nicht »Ja« und nicht »Nein«. Er schwieg eine Weile, dann aber sagte er mit gepreßter Stimme:

»Und mein Bruder Juro wird den Sorben ihren goldenen Ring entwerten.«

»Das darf er nicht!« rief der Alte vor Zorn bebend. »Eher sei er geächtet! Eher werde er getötet! Ihr müßt ihm, Pán Samo, mit allen Mitteln entgegenstehen!«

»Das werde ich!« sagte Samo und reichte dem alten Krok die Hand.

Die ganze Nacht saß Samo mit seinem Freunde Bohuslaw beim alten Krok. Die betagte Wirtschafterin hatte so köstlichen Wein gebracht, wie Samo noch nie zuvor getrunken hatte. So war auch er mitteilsamer geworden und hatte von seinen letzten Erlebnissen im wendischen Vaterhause erzählt. Der kluge Alte hörte ihm mit glühendem Interesse zu, und so wie seine Zuneigung für den alten Hanzo, für Hanka, vor allem aber für Samo selbst wuchs, so loderte sein Haß auf gegen Juro, den »Renegaten«. Bis in die Einzelheiten mußte Samo erzählen, selbst seine Unterredungen mit der alten Wičaz verschwieg er nicht.

Später zeigte und erläuterte Krok einen großen Teil seiner Sammlungen. Er tat es mit dem Feuereifer des überzeugten Slawen, aber auch mit der strahlenden Freude des erfolgreichen Sammlers, dem die Eitelkeit nicht fremd ist.

Oh, es war ein hoher Genuß für die beiden jungen Männer, den Worten des begeisterten Alten zu lauschen, der an oft unscheinbaren Dingen in leuchtenden Einzelbildern böhmische Geschichte entwickelte. Andenken aus der Zeit der Kämpfe des Christentums und Heidentums; ein Pilgerstecken, den der heilige Cyrillus trug, der große Heilige, große Held, große Gelehrte, der Moses der Slawen; das Hufeisen, das das Roß Swatopluks von Mähren verlor, als er vor den Böhmen flüchten mußte; ein Gürtel der gottlosen Königin Drahomira, die von der Erde verschlungen wurde; Kriegstrophäen aus den Kämpfen mit den Polen und Ungarn; eine Pergamentschrift des ersten böhmischen Chronisten Cosmas; ein Stein aus dem Schwertgriff des unglücklichen Ottokar, der im Kampfe gegen den ersten Habsburger Krone und Leben verlor; ein Schild aus der ruhmreichen Zeit, da Heinrich von Kärnten verjagt wurde; ein Evangelienbuch der ketzerischen Beguinen; viel Andenken an den Vater Böhmens, Karl IV., darunter ein Teil der Biographie, die dieser Herrscher über sich selbst schrieb. Endlich vielerlei historische Andenken aus der Zeit der Hussitenkriege und des Dreißigjährigen Krieges: Waffen, Trommeln, Panzerhemden, Keulen, Pistolen, ein silberner Hussitenkelch, eine eigenhändige Handschrift Wallensteins; dazu viele Dinge von kulturhistorischem Wert: alte Stickereien, alte Gewebe, Glasmalereien, Goldschmiedearbeiten, bunt gemalte Abschriften aus Benediktinerklöstern, Möbel-, Haus- und Feldgeräte, Wappen, Münzen, Petschafte.

Alle diese Dinge waren in dem geräumigen Erkerzimmer und einem anstoßenden großen Raum untergebracht.

Samo staunte über den Reichtum.

»Mein Familiengut«, lächelte Krok. »Das andere ist in alle Winde; aber dieses, das Wertvollste, hat sich erhalten!«

Er brachte eine große Familienchronik heran. Die Eintragungen reichten in sehr alte Zeit zurück. Insonderheit war über Erwerb und Herkunft der historischen Reliquien genau und treulich berichtet.

»Meine Ahnen«, sagte Krok, »hatten Sinn für das Alte, Kostbare, Wesentliche. Mein Vater war ein lustiger Herr; er lebte mehr in Wien und Paris, als unserem Familiengut günstig war. So ging es verloren. Burg, Dorf, Wald, Feld mußten verkauft werden; mir, dem Sohn, blieb gerade genug, nach dem Tode meines Vaters das Leben zu fristen. Aber mir blieb auch diese Sammlung. Alles hat mein Vater preisgegeben, nur dieses da nicht. Er hat nicht so gehandelt wie der leichtsinnige Sigismund, der den Karlstein entweihte, dessen kostbare Steine er ausbrach und an Händler verkaufte, um Geld für sein Schlemmerleben zu haben, oder gar wie jener deutsche Braunschweiger, der die silbernen Apostelfiguren zu Talern einschmelzen ließ und dabei die lästerlichen Worte sprach: ›Gehet hin in alle Welt und predigt den Heiden!‹ Mein Vater hat mir keine andere Herrschaft hinterlassen als diese; aber ich bin ein glücklicher, zufriedener Mensch.«

Als die Zeiger der alten Uhr schon in die Morgenstunden hineinrückten, wurde Krok plötzlich schweigsam. Die Jünglinge wollten fortgehen, aber der Alte hinderte sie und wurde heftig, als sie abermals davon sprachen.

Lange und unverwandt blickte er oft von seinem Lehnstuhl aus auf Samo. Als draußen der Tag schon graute, sprach er:

»Jeder Mensch hütet ein Geheimnis in seinem Herzen. Ist es nur für ihn, so mag es sterben, wenn er stirbt; ist es aber für andere, dann muß der Mensch Erben seines Geheimnisses suchen. Ich bin alt, und eines Morgens, wenn der Tag graut, wird er mich tot finden bei diesen Reliquien, ich selbst eine Reliquie, das geringwertige Überbleibsel einer alten Zeit. Was Wissenswertes ist von diesen Dingen, die hier verwahrt sind, ist aufgeschrieben. Eines aber möchte ich in eure Herzen schreiben, ihr edlen Jünglinge, und da soll es verwahrt sein für den Fall meines Todes.«

Der Alte stand auf und stellte sich ans Fenster. Das Licht des aufdämmernden Tages spielte blaß um seinen grauen Kopf. Und Krok sprach langsam und feierlich:

»Ehe ich euch mein Geheimnis überliefere, müssen eure Seelen mit meiner Seele rückwärts wandern den ganzen heißen, arbeitsreichen Tag der böhmischen Geschichte entlang bis zu der Stunde, da das herandämmernde Licht der beginnenden Tschechenherrschaft seine ersten Strahlen über das Land schickte, wie jetzt da draußen die Sonne über unser heiliges Prag. Samo, der Gewaltige, schlug die Avaren, Krok, der Gerechte, gab das erste Gesetz. Krok hatte drei weisheitsvolle Töchter. Als er zum Sterben kam, wußte er nicht, welcher der drei Töchter er das Reich vererben sollte. Und er warf das Los, und das Los fiel auf Libussa, die weiseste und machtvollste der Königstöchter. Libussa gründete die Stadt Prag und regierte klug und streng. Die Böhmen waren glücklich unter ihr, aber eines Tages verlangten sie, die Königin solle einen Gatten nehmen, der mit ihr regiere. Da sandte Libussa eine Reiterschar ab und befahl dieser: ›Wo ihr einen Mann findet, der von einem eisernen Tische ißt, so bringet ihn; er soll mein Gatte und soll König sein!‹ Der Reiterschar gab sie ihr eigenes Roß mit, und dieses Roß setzte sich an die Spitze der Schar und schlug den Weg ein gen Staditz.

Es war aber an die fünfzigtausend Schritt von Prag, da saß ein Bauer auf dem Felde. Es war just ein schöner Frühlingsmorgen; die Lerchen sangen, das Gras und die junge Erde dufteten. Der Bauer saß lachend auf dem Felde und aß sein Frühstück von der blanken Pflugschar. Da wieherte das Königsroß und fiel auf die Knie, und alle Rosse knieten nieder, und die Reiter stiegen ab und knieten nieder und riefen dem Bauern zu: ›Du bist unser König!‹ Der Bauer, welcher Przemisl hieß, stand auf, ließ Acker und Pflug im Stich, zog nach Prag und wurde der Gatte der Königin. Libussa ließ ihm eine silberne Krone machen; sie selbst aber trug eine goldene Krone, denn sie war an Macht über ihm. Jahrhundertelang haben die Nachkommen von Przemisl und Libussa die Schicksale Böhmens gelenkt.

Libussa aber hatte eine Schar von Dienerinnen sorgsam erzogen, und die Schönste und Klügste von ihnen, Wlasta, empörte sich gegen die Herrin, gewann ein Heer von Frauen und führte den Mägdekrieg. Libussa flüchtete bis ins Riesengebirge, und weil sie verfolgt wurde, warf sie ihre goldene Krone in den Zackenfluß, der in donnerndem Fall von den Bergen springt, und unter diesem Wasserfall liegt die Krone noch jetzt. –

Przemisl kehrte in seine Heimat zurück. Die Mägde suchten nach seiner silbernen Krone, aber sie fanden sie nimmer.« –

Krok schwieg. Er senkte das Haupt und stand in tiefem Nachdenken da. Dann sagte er:

»Wartet ein Weilchen, bis ich wiederkomme!«

Er verschwand durch die Tür und kam nach nicht langer Zeit zurück.

»Kommt.«

Sie gingen durch den Nebenraum, der auch mit Altertümern angefüllt war, und kamen an eine eiserne Tür, die jetzt sichtbar war, weil Krok eine große, alte Stickerei an dieser Stelle fortgenommen hatte. Krok öffnete die Tür, und die Jünglinge blickten in eine Kapelle.

Eine große Anzahl von Kerzen brannte, in drei silbernen Lampen glimmte rotes Licht, ein Altar stand in einer Nische, darauf war ein Tabernakel. Rundum die Wände waren mit Stickereien und seidenen Tüchern behangen, ein großer Teppich bedeckte den Fußboden. Viele Bilder schmückten die Wände. Gestalten aus der Heiligen- und der profanen Geschichte Böhmens: Wenzeslaus mit der Fahne, Cyrillus und Methodius, die heilige Ludmilla, Johann von Nepomuk, dann das große Bild Karls IV., ein Bild von Libussa und von Przemisl am Pflug. Diese Gemälde hingen über dem Altar; in der Mitte war ein altes, eisernes Kreuz. An den Seitenwänden die Taufe Borzivois, die Gründung des Bistums Prag durch Boleslaw den Frommen, Herzog Udalrich bei der Kaiserwahl Konrads II.; die deutschen Kaiser Heinrich IV. und Barbarossa, die Böhmen die Königswürde verliehen; einzelne hervorragende Äbte berühmter Orden, die sich um das Land verdient machten; mehrere Bilder des großen Ottokar: als Herr in Kärnten, als Gründer der Stadt Königsberg, sein Tod auf dem Marchfeld; dann die Ermordung Wenzels III., des letzten Przemisliden. Aus der späteren Geschichte hauptsächlich wieder Erinnerungen an Karl IV.: die Moldaubrücke, der Karlstein, die Unterwerfung von Brandenburg und Schlesien, die slawische Universität. Wallensteins Bildnis fehlt nicht, auch einige Dichter und Redner sind vertreten: der Psalmensänger Streyc, Kotwa, der »böhmische Cicero«, der Hofpoet Simon Lomnicky.

Ganz nahe der Tür, halb im Dunkel hängen einige Bilder aus der Hussitenzeit: Jan Hus, Ziska, Prokop, Wecleff, Amos Comenius, der Brüderbischof. –

Manche der Bilder haben einen beträchtlichen Wert, manche sind billige Reproduktionen, nur ihres Inhalts, nicht ihres Kunstwertes wegen da. –

Hoch an der Altarwand, dicht unter der Decke, sind die Worte geschrieben: »Pán Krystus, neymnocnegssj pán, racz techto klenotuw, ostrzjhati sam, až do neypos ednegssho dne!«

Der alte Krok blieb mit seinen Begleitern dicht an der Tür stehen. Die jungen Männer waren so überrascht, daß sie kein Wort zu sprechen vermochten. Auch Krok stand stumm neben ihnen. Erst nach langer Zeit sagte er in tiefer Ergriffenheit, leise flüsternd:

»Mein Karlstein! Meine Kreuzkapelle!«

Und er wies auf die Schrift über dem Altar: »Pán Krystus!«

»Herr Krystus, mächtigster Herr, behüte du selbst diese Kleinodien bis zum letzten Tage!«

»Das ist das Wort vom Karlstein,« sagte Krok, »das Wort, das über meiner Wohnung und über meinem ganzen Leben schwebt.«

Und Tränen rannen in seinen grauen Bart.

Scheu gingen die Jünglinge die Wände entlang, betrachteten die Bilder. Der Alte schritt zum Altar, kniete nieder und preßte die Hände vors Gesicht, wie zu inbrünstigem Gebet. Auch Bohuslaw kniete nieder. Samo stand mit gefalteten Händen und gesenktem Kopf.

Da stieg der alte Krok die Stufen des Altars hinauf und öffnete den Tabernakel. – –

In dem Tabernakel lag auf einem seidenen Kissen eine alte silberne Krone …

Und Krok wandte sich mit der Krone um. Mit bewegter, tränenerstickter Stimme sagte er:

»Seht da, das Kleinod! Das ist die silberne Krone Przemisls I., des Königs vom Pflug. Das ist die Urväterkrone unseres böhmischen Volkes!«

Die Hände des Alten zitterten so, daß er die Krone auf den Altar niederlegen mußte. Langsam beruhigte er sich:

»Zweifelt nicht an der Krone! Sie ist die echte, heilige Krone Przemisls! Ehrwürdige Urkunden ehrwürdiger Männer bestätigen sie bis in die älteste Zeit.«

Bohuslaw trat einige Schritte näher. Samo stand regungslos wie eine Statue.

Da rief ihm der alte Krok zu:

»Pán Samo, kommt an den Altar.«

Mit schweren Schritten gehorchte ihm Samo.

»Pán Samo, zukünftiger Kral der Lausitzer Sorben, ich begrüße Euch an dieser heiligen Stätte. Bin ich auch kein geweihter Diener Gottes, so habe ich doch die Weihe einer Familie, die von der Vorsehung ausersehen war, durch Jahrhunderte dieses Heiligtum zu hüten und zu hegen. Samo, ich setze Euch diese Krone aufs Haupt, nicht daß ich Euch zum König von Böhmen kröne, sondern als ein Unterpfand Eurer eigenen zukünftigen Würde.«

Und Krok setzte Samo die Krone aufs Haupt. Das alte Silber berührte kühl die heiße Stirn des Mannes. Ein paar Herzschläge lang stand Samo so im königlichen Schmuck; dann ergriff er die Krone, küßte sie, legte sie auf den Altar und ging eilends aus der Kapelle.

Krok und Bohuslaw fanden ihn bald darauf im vordersten Zimmer fassungslos in einem Lehnstuhl sitzen.

»Pán Samo,« sagte Krok, »nicht umsonst weihte ich Euch in das größte Geheimnis meines Lebens ein. Alles hat einen Sinn, und alles geht darauf hin, unserem Slawentum zu dienen. Pán Samo, vergeßt dieses nicht: Symbole sind nötig; Gedanken, vom Symbol losgelöst, verfliegen im Wind. Kommt noch einmal allein zu mir, ehe Ihr abreiset; ich habe Euch etwas zu sagen, das mir in dieser Nacht eingefallen ist.«

Spätherbst droben im Wendenlande.

Die letzten Sommerfäden nahm der Wind; der letzte Singvogel zog fort.

Irgendwo in der Welt gibt es sonnige, glänzende Fluren, irgendwo gibt es laute, große Städte.

Das muß weit von hier sein. Denn hier wohnt die graue Einsamkeit. Spät dämmert der müde Tag, früh geht er zur Rüste. Oft liegt der Waldweg die ganze Woche einsam. Kein Wanderer kommt daher.

Und doch wäre es ein Weg, wo einer den Frieden suchen könnte, wo müde Augen ruhen und wilde Herzen stille werden könnten.

Hier wandeln in den tiefen Wäldern, wie im Traum hinhören auf die knisternden Sagen der Föhren, am alten Heidenhügel früherer Zeit nachdenken, an die Lutchen denken, die Zwergmännlein, die jetzt selbst zur Mittagszeit die Zipfelkappe fest über die dicken Köpfe ziehen und bei sinkender Sonne fröstelnd in ihr warmes Haus flüchten tief unter der Erde! O ja, das täte den klugen, unglücklichen Menschen draußen gut!

Nur wer eine wehe Reue im Herzen trägt, dürfte hierher nicht kommen; die Smjertniza könnte ihm begegnen. –

Drunten im Spreewald führte ein junger Bursch zur Abendzeit seinen Kahn heim. Ihm gegenüber saß seine einzige Schwester. Sie war von großer Schönheit; aber nun war sie traurig und blaß und sah immer ins Wasser hinein, in dem die letzten bunten Blätter des Waldes schwammen.

Da fing der Bursche an zu singen:

»Sla je holčka po wodu …«

Das Mädchen sah den Bruder bittend an, er möge schweigen; aber er sang das Lied:

»Gingen nach Wasser drei Mägdelein In den weißen See hinein … Die erste schöpfte die Kanne ein Und verlor ihr Ringelein. Mädchen an zu weinen fing – Ihr Liebster kauft einen neuen Ring. Die zweite schöpfte die Kanne ein, Verlor ihr seiden Tüchelein. Das Mädchen weinte und klagte genug – Doch ihr Liebster kauft ein neues Tuch. Die dritte schöpfte die Kanne ein, Verlor ihr Rautenkränzelein; Das Mädchen wollte vor Jammer vergehn – Ihr Liebster ließ sie am Wasser stehn.«

Der Bursche schaute finster auf den Boden des Kahnes, das Mädchen saß gebrochen vor ihm und hatte die Hände vor dem Gesicht.

Die Abendglocke läutet. Oh, der Küster weiß nicht, daß der Bursch auf den Kirchturm geschlichen ist und in die Glocke den Namen des Mannes, der seiner Schwester Glück und Ehre nahm, geschrieben hat, dort, wo der Klöpfel anschlägt. Nun geht mit jedem Glockenschlag der Name des Schelmen über alles Land und hinauf zum Himmel, und wenn Liza stirbt und die Glocke läutet, dann wird durch ihr Wimmern der Name des Verführers an Gottes Ohr klingen.

Nicht überall ist es zur Herbstzeit so trüb im Wendenlande.

Droben im Oberland der alte Weber Domasch ist ein friedlicher Mann. Vor seinem Häuschen steht ein wilder Apfelbaum, der einzige Baum, den er besitzt. Domasch läßt die Holzäpfel immer bis tief in den November hängen. Dann verlieren sie zwar etwas an Saft, sagt er, aber sie werden mürber und lassen sich besser beißen. Nun ist er mit seinem Weibe auf den Apfelbaum gekrochen. Die beiden Alten hocken sich auf zwei Ästen gegenüber.

»Eine schöne Ernte!« lächelt der Weber.

»Eine Gottesernte!« sagt das Weiblein.

»Wenn's nur der Küster nicht zu kurz macht, daß wir sie gut herunterkriegen. Siehst du, Mutter, weil wir unsere Äpfel nur immer beim Abendläuten geschüttelt haben, deshalb hat uns auch Gott alle Jahre so reichlich beschert.«

»Ja, so ist es!« sagt die Frau.

Nun beginnt die Glocke zu läuten, und nun fangen die beiden an zu schütteln. Die verrunzelten kleinen Äpflein prasseln zur Erde; die beiden verrunzelten Alten schütteln, so viel sie können. Denn der Küster läutet gewöhnlich nicht lange, und wenn der letzte Ton verhallt, muß die Arbeit beendet sein. Deshalb herrscht eine ganz bestimmte Strategie, eine genaue Einteilung; jedes von den zweien weiß, welche Äste es zu schütteln hat.

Oh, wie das prasselt! Hastig steigen Mann und Frau von einem Ast zum andern und schütteln mit ihren dünnen Armen. Endlich sagt der Alte:

»Hör auf, Mutter, für die Eichhörnchen muß auch noch was drauf bleiben; der Mensch soll nicht genußsüchtig sein und nicht alles für sich haben wollen.«

Und sie klettern die Äste und die kurze Leiter hinab. Noch immer tönt die Glocke.

»Der Küster macht's aber heute lang«, sagt die Frau.

»Ja,« lächelt der Mann schlau, »das weißt du gar nicht: Ich hab' ihm heut früh gesagt, daß ich Äpfel schütteln will, und hab' ihn einmal schnupfen lassen.«

Darauf lesen die beiden glücklich ihren sauren, armen Herbstsegen zusammen, aber in ihrer goldenen Zufriedenheit finden sie ihn süß und reich.

»Es hat schon zu Abend geläutet«, sagte der alte Knecht Kito, als er zu Hanka in die Stube trat.

Das Mädchen, das ganz allein war, saß am Tisch bei der Lampe und war mit einer Näharbeit beschäftigt.

»Ja, Kito, ich habe es gehört, wenn wir auch schon die Doppelfenster haben.«

»Es ist erst fünf, es wird jetzt zeitig Abend.«

»Ja, bis zur pšaza[35] sind noch zwei Stunden Zeit. Füttern die Mägde schon?«

»Sie haben angefangen. Deine Spinnstube ist gut, Hanka. Du bist die einzige Kantorka hier, die keine schlechten Lieder duldet.«

Das Mädchen errötete.

»Ich mag solche Lieder nicht leiden; ich habe sie auch zu Hause nicht zugegeben.«

Der Alte nickte.

»Ja, es geschieht an den Spinnabenden mancherlei. Voriges Jahr sind drei Mädchen aus unserem Dorf unglücklich geworden. Eine hat noch geheiratet, die anderen …«

Er machte eine bedauernde Handbewegung.

»Wie ich noch jung war,« fuhr er fort, »da hab' ich auch solche Schelmenlieder gesungen. O ja – was für welche! Wenn man dann alt ist, gefällt einem das nicht mehr. Aber du bist noch jung, Hanka, jung und hübsch!«

»Was soll das bedeuten?« sagte Hanka und sah verwundert auf. Der Alte stand auf, redete hin und her, dies und das, von der Wirtschaft allerlei.

»Du hast etwas auf dem Herzen, du willst etwas«, sagte Hanka.

Kito wandte sich ab und stopfte seine Tabakspfeife. Endlich setzte er sich wieder. Aber er richtete die Augen starr auf die Tischplatte.

»Hanka, du kennst die Bibel. Du weißt, daß Abraham seinen Knecht Elieser ausgesandt hat, um für seinen Sohn Isaak eine Frau zu suchen. Elieser war nur ein Knecht, aber er bekam doch dieses wichtige Amt.«

»Wo soll das hinaus?«

Kito zündete sich aufs neue seine Pfeife an, stand wieder auf und spuckte dreimal hinter den Ofen, ehe er weitere Worte fand.

»Ich sagte dir, Hanka, daß ich auch einmal jung war. Ich habe bei der kremuša[36] drei Tage lang gegessen und getrunken und drei Nächte lang mit den Mädeln getanzt. Ja, das habe ich! Ich hab' bei der ›verheirateten Männerkirmes‹ als lediger Bursch auf einem fremden Dorf getanzt, und es ist nicht herausgekommen. Jawohl, das war ich! Ich war der Anführer der ›Wurstbrüder‹, und wehe dem Bauern oder der Schenke, wo wir nicht unseren Speck bekommen hätten, wenn wir ankamen! Jawohl, das war ich! Und weißt du, wer ich noch war? Der Jan beim Johannisfest war ich! Der tollste Reiter! Bei den Husaren habe ich gedient, und wenn ich der Jan war, da hatte ich aus Birkenrinde eine Larve[37] vorm Gesicht und den ganzen Buckel voll Blumengirlanden – ei ja, schön war ich! Über und über Blumen, bis zum Hute! Und dann aufs beste Pferd! Ohne Sattel und ohne Zaum! Wie der wilde Reiter durchs Dorf! Beim letzten Hause hat sich das ganze Dorf aufgestellt. Sie machen eine Kette. Sie woll'n mich aufhalten. Ich aber wie der Blitz durch die Kette! Sie schreien, sie laufen. Ich kehre blitzschnell um. Vom Pferd runter. Alle Weiber fall'n über mich her. Jede will 'ne Blume. Die verheirateten, daß sie starke Kinder kriegen, die ledigen, daß sie 'n Mann kriegen. Und ich immer rechts und links mit beiden Armen und Händen das ganze Weibsvolk abgestreift. Und hinauf auf die Linde geklettert bis zum obersten Aste. Und von oben eine Predigt gehalten. Dunderwetter, eine Predigt gehalten! Ich bin ein Prediger, hab' ich gesagt! Denkt ihr, ein Prediger wie der invalide Unteroffizier, den der alte Fritz den Wenden schickte? Drei Jahre lang predigte dieser Mann alle Sonntage dieselbe Predigt, die er sich auswendig gelernt hatte. Und als drei Jahre um waren, gingen die Wenden zum alten Fritz und sagten, sie wollten einen anderen Prediger, weil der Alte bloß immerfort dasselbe predigte. Nun, was predigt er denn? fragte der alte Fritz. Ja, da kratzten sie sich auf dem Kopfe und wußten nichts. Nun, sagte da der alte Fritz, so soll nur der Mann noch ruhig seine zehn Jahre weiterpredigen! Dunderlitzen, so ein Prediger war ich nicht! Ich hab' von meiner Linde gepredigt, daß sie unten rot und blau wurden, daß sie manchmal schrien: ›Pfui Deibel!‹ Die Frauvölker, die Kerle, der Schulze, die Schöffen, ja sogar die Frau Pastorin, alle kriegten was ans Bein. Rot und blau wurden sie. ›Hurra!‹ schrien die einen, ›Haut ihn!‹ die andern. Ja, so ein Prediger war ich! Bis ich mich selbst von der Linde herunterpredigte. Dunderlitzen, wie ich gerade eine Kraftstelle sage, daß die eine Hälfte lacht und die andere Hälfte flucht, fall' ich runter von meinem blätterigen Predigtstuhl und breche mir die Hüfte. Und wenn man die Hüfte gebrochen hat, sage ich dir, ist es mit dem Reiten und kräftigen Predigen vorbei.«

Kito seufzte schwer und trommelte mit seinen stumpfen, dicken Fingern auf dem Tisch. Hanka sah ihn lächelnd an. »Hanka, denke nicht an den palenc[38]. Drei Gläschen habe ich getrunken; aber drei Gläschen sind nötig zu dem, was ich vorhab'.«

»Ja, was hast du denn eigentlich vor, alter Kito?«

Kito stand auf, stieß mit dem Mittelfinger dreimal in die abermals erloschene Pfeife, ging zum Feuer, um einen neuen Span zu entzünden, spuckte dreimal hinter den Ofen und sagte dann passend:

»He, was ich vorhab'? Wenn das so glatt rauszukriegen wäre, da säß ich doch nicht so lange hier und versäumte bei einem Mädel dummerweise meine Zeit!«

Er setzte sich wieder an den Tisch.

»Ja, Hanka, das Lied ist auf mich gemacht:

»Moja mač jo wúdowa, Ja som liderlich škrodawa.«[39]

Herr, meine Zeit, was habe ich als Junge alles angerichtet! Es ist schwer zu glauben. Da muß ich dir einen Witz erzählen, Hanka! Es waren einmal drei Jungen, die hatten einen Käse gefunden. Und weil sie nicht einig wurden, wem der Käse gehören sollte, so wollten sie wetten. Und sie machten es also aus: Wer von uns dreien die größte Lüge sagt, der kriegt den Käse! Sie logen nun die Sterne vom Himmel herunter, aber sie konnten nicht einig werden, wer den Käse bekommen sollte. Da kam der Herr Pastor gerade vorbei und fragte die Jungen aus, um was sie sich so händelten. Und da er alles angehört hatte, machte er die Stirn runzelig und sagte: ›Pfui, ihr Lügner! Als ich ein Junge war, wie ihr, hab' ich nie gelogen!‹ Und richtig – so ein frecher Schlingel gibt ihm den Käse und sagt: ›Sie haben gewonnen, Herr Pastor.‹ Ja, und diese Range war ich!«

Hanka sah überrascht auf.

»Ih, du bist ja ein kurioser Kauz gewesen, Kito!«

Kito schüttelte melancholisch den Kopf.

»Kauz hin – Kauz her – es ist doch aus! Jetzt – jetzt lauert bloß die alte Wičaz, daß sie mir ihre Wanzen in den Sarg stecken kann. Aber ich werd' ihr was … Hanka, ich schlag' mit allen vieren aus, daß der ganze Sarg umkippt, wenn die alte Schraube mit ihrer wanzigen Federspule angerückt kommt.«

Hanka suchte ihn zu beruhigen.

»Ach, Kito, du bist noch rüstig. Du machst es noch länger als die Wičaz.«

Kito wehrte ab.

»Nein, nein! Was nutzt alles! Die Frau habe ich mit heiligem Gras angeräuchert, weil ich das so gehört habe, aber genutzt hat es nichts. Siebzig Jahre laufe ich hier im Wendenland herum. Eigentliche Wunder habe ich wenig bemerkt. Den Vampyr habe ich manchmal gesehen – jawohl, aber nur, wenn ich lange in der Schenke gesessen hatte. Da hatte ich am nächsten Morgen blasse Lippen. Da hatte er mir das Blut ausgesaugt. Und oft bin ich geprellt worden. Wenn man nachts um zwölf Uhr auf der Wiese kleine Flämmchen brennen sieht, da brennt Geld. So hat es mir meine Großmutter erzählt. Da braucht man dann bloß sein Erspartes zwischen die Flämmchen zu werfen und fortzugehen. Am anderen Morgen hebt man einen Schatz. Ja, ich hab' mein Vierteljahreslohn unter die Flämmchen geworfen, und am anderen Morgen war alles futsch – der Schatz und der Lohn.«

»So hast du den Ort vergessen«, warf Hanka ein.

»Ort hin – Ort her! Ich bin auf meine alten Tage ungläubig geworden. Seit das Gras bei unserer guten Frau nichts geholfen hat, denk ich mir das meine. Und siehst du, der domjacy[40], der Juro, der glaubt auch nicht an solche Dinge und ist doch bald ein Pán doctor.«

»Schlimm genug, daß er nichts glaubt«, sagte Hanka.

»Mädchen, der Juro ist der allergrößte Prachtkerl. Das war er schon als Kind. Da war ich doch sozusagen sein Erzieher. Offen und ehrlich ist er, ein bißchen Hitzkopf und Eigensinn, aber auch gutherzig. Und ein richtiger Kerl. Der könnte den Jan beim Johannisfest machen!«

Hanka seufzte tief und schwer. Kito lachte plötzlich über sich selbst.

»Das heißt, ich bin schon wirklich der allerdümmste Kerl auf Gottes weiter Welt. Red' ich nicht dahier gegen mein eigenes Maul?«

Er schwieg. Dann brachte er stoßweise heraus:

»Hanka, schenke mir einen Branntwein ein!«

Das Mädchen war ganz verwundert über den Alten.

»War es das, was du auf dem Herzen hattest?«

»Nein, Hanka, nein! Der Branntwein ist bloß dazu, daß ich es leichter herauskriege, was ich zu sagen habe. Ich versitz' dahier sonst bloß unnütz meine Zeit.«

Hanka schloß einen Wandschrank auf, goß ein Glas Branntwein ein, nippte der Sitte gemäß erst selbst davon und stellte es dann vor den Alten.

»Ich sehe dich, Hanka«, sagte der und trank ihr zu.

»Nun komm aber auf das, was du vorhast«, sagte das Mädchen.

»Jawohl, jawohl! Es ist gar nicht so einfach, wie du wohl bemerkt hast.«

Er zündete sich erst seine Pfeife wieder an und spuckte hinter den Ofen.

»Also, Hanka, du kennst die Geschichte vom Elieser. Er war nur ein Knecht und hatte doch ein wichtiges Amt: er sollte für den Sohn seines Herrn die Braut werben. Als ich noch jung war, bin ich auch oft Brautwerber gewesen. Du kennst das ja. Im Oberlande heißt man's družba, im Niederlande pobratz (Brautwerber). Na, du kannst glauben, Hanka, es ist nicht so einfach, wenn man für einen anderen auf die Brautschau geht. Man kann nicht mit der Tür ins Haus fallen. Man muß erst über alles mögliche andere schwatzen, und dann muß man politisch und fein und sachte hintenrum mit seiner Absicht rausrücken. Und man geht immer so um die Abenddämmerung. Da fällt's nicht so auf, wenn man rausgeschmissen wird.«

Hanka stand auf. Ganz erregt sagte sie:

»Ich frag' dich jetzt, Kito, was soll das ganze Gerede bedeuten?«

»Immer sachte, Jungfer, immer sachte, man kann doch nichts überstürzen. Neunmal bin ich Freiwerber und Zurater gewesen in meinem Leben; siebenmal haben sie mich rausgeschmissen, aber zweimal ist was aus der Sache geworden. Nun, man hat seine Erfahrungen!«

»Kito, jetzt sprichst du endlich oder ich gehe hinaus!«

Da stand Kito erschrocken auf, und sein Gesicht wurde plötzlich sehr ernst, und er faltete die Hände auf dem Tische. Er stockte noch eine Minute lang, dann sagte er mit bewegter Stimme:

»Wie der Elieser um die Rebekka geworben hat, so werbe ich in Gottes Namen um dich, Jungfrau Hanka, für unseren Gutssohn Samo.«

Hanka saß regungslos hinter dem Tisch. Sie schluckte ein paarmal, und ihr Gesicht war bleich.

»Bist du – bist du toll?« fragte sie stockend.

»Es ist heiliger Gottesernst, Hanka«, entgegnete der Knecht.

Er setzte sich die Brille auf, zog einen Brief aus der Tasche und las mit feierlicher Stimme:

Breslau, am 20. November 1860.

Mein lieber alter Freund Kito!

Nach dem alten, schönen Brauche unseres lieben sorbischen Volkes bitte ich dich, daß du der Freiwerber für mich bist bei unserer ehrbaren Jungfrau Hanka. Wir sind von derselben Abstammung und gehören zueinander, nachdem mein Bruder Juro ein Deutscher geworden ist und auch ein deutsches Mädchen heiraten wird. Aber ich wähle auch die Hanka, weil ich sie von Herzen lieb habe, weil sie ein braves sorbisches Mädchen ist. Du sollst erst mit meinem Vater sprechen und dann für mich werben. Ich werde dir stets dankbar sein. Gott möge dir helfen!

Samo.

Dem Alten rannen die Tränen übers Gesicht, wie er so las. Ohne auf das fassungslose Mädchen zu achten, sprach er dann:

»Ein braver Bursch! Ich bin bloß ein Knecht, aber er nennt mich ›mein alter Freund‹. Er hält sich an die alte Sitte. Das werden ihm alle Leute hoch anrechnen, wenn sie es hören werden.«

Hanka stand auf.

»Wo willst du hin, Hanka?«

»Hinaus!«

»Und gibst du mir keine Antwort?«

Sie war schon draußen. Der alte Kito steckte seinen Brief ein. Betrübt senkte er den weißen Kopf.

»Und ich glaubte, ich hätte es so lustig, so ausführlich und so gut gemacht!«

Die Spinngesellschaft war abgesagt worden. Die Gutstochter Hanka war krank.

Fünf Tage schon war das Mädchen allein in ihrer Stube. Eine Magd brachte ihr Essen, das fast immer unberührt zurückkam. Tee wollte die Kranke nicht trinken; alle Hilfsmittel verschmähte sie.

Am sechsten Tage schlich sich die alte Wičaz bei Hanka ein. Das Mädchen wollte anfangs nichts von ihr wissen; aber schon nach einer Viertelstunde lagen die Wahrsagekarten ausgebreitet auf dem Tisch. Hanka sah mit großen Augen vom Bett her auf die Alte. Ihr Gesicht war in der kurzen Zeit blaß und schmal geworden.

»Wuše stupaš, dale widžiš«, begann die Alte; »je höher du steigst, je weiter du siehst.«

Dann machte sie eine lange Pause, bohrte die grauen Augen in die Kartenbilder, fuhr mit den gelben, knochigen Fingern darüber, zuckte mit den Lippen.

Dann sprach sie:

»Ich sehe zwei junge Adler und ein junges Adlerweibchen. Der eine Adler kommt an das Nest des Weibchens, kreischt es an und hackt es mit seinem scharfen Schnabel, daß es blutet. Dann fliegt er fort und paart sich mit einer Krähe. Und sie fliegen bis an den Lóbjofluß. Da werden sie erschossen und sinken ins Wasser. Der andere Adler gewinnt das Adlerweibchen, und sie bauen sich ein gutes Nest auf dem höchsten Baume und verjagen alle Krähen. Wuše stupaš, dale widžiš. Je höher du steigst, je weiter du siehst.«

Hanka hörte der Alten staunend zu.

»Woher weißt du das?«

»Ich lese es in den Karten, und mehr kann ich nicht sagen.«

Die Wičaz stand auf und ließ Hanka allein. – –

Am Nachmittag desselben Tages kam der alte Scholta zu Hanka.

»Kannst du es nicht über dich bringen?« fragte er.

Hanka schlug die Hände vors Gesicht.

»Juro ist für uns verloren,« sagte der Alte traurig; »nicht bloß für dich, auch für mich, auch für uns alle. Was er will, kann ich nie zugeben.«

Der Scholta stand am Fenster und schaute in den herbstlichen Großgarten.

»Ich brauch' dich so notwendig hier wie das tägliche Brot«, sagte er nach einer Weile. »Das weißt du wohl, Hanka. Wo keine Frau im Hof, da ist der Böse im Hof. Ich müßte aber doch jetzt sagen: ›Fahr wieder heim, Hanka!‹ Doch ich schäme mich, ich schäme mich!«

Er legte den Kopf an die Fensterscheiben. Das Mädchen begann bitterlich zu schluchzen. Der alte Hanzo fuhr fort:

»Meine selige Frau hat es mit deinen Eltern ausgemacht, die Leute hier auf dem Hofe wissen es; ich mag dich nun so nicht heimgehen lassen.«

Da richtete sich das Mädchen halb auf.

»Ja, es wär' – es wäre eine Schande für mich! Sagt mir, sagt mir das eine in Gottes Wahrheit: will mich Samo bloß aus Barmherzigkeit nehmen, weil mich Juro nicht mag?«

Da leuchteten die Augen des Alten auf.

»Nein, weil er dich gern hat, weil er dich lieb hat! Wer sollte dich auch nicht gern haben? Er hat es mir geschrieben, und er hat es mir schon gesagt, als er noch hier war.«

Drei Minuten wohl lag das Mädchen mit geschlossenen Augen, dann sagte es leise:

»Ich werde dankbar sein und den Samo nehmen.«

Hanzo ergriff freudig ihre beiden Hände und küßte Hanka dreimal auf die Stirn.

Dann stand er aufrecht und feierlich da, und er, der sonst scheu und schweigsam war, sprach:

»Hanka, wenn du einen Sohn bekommst, wird er der Herr auf diesem Hofe und der Kral der Wenden sein! Wenn auch Juro darauf vergißt, wir anderen wollen es nicht vergessen, daß du in Wahrheit eine Königstochter bist, aus älterem Geschlecht als manche Prinzessin. Darum sollst du den Kopf hochtragen und nicht mehr weinen.«

»Nan!«[41]

Das eine Wort sagte das Mädchen und schlang die Arme um den Hals des Alten …

Hanzo stieg glücklich in den Hof hinab. Unten traf er seinen Altknecht Kito.

Er drückte ihm die Hand und sagte:

»Kito, sag den Leuten, nächsten Sonntag ist noch eine kleine Kirmes. Tanzen dürfen sie hier im Hof nicht, weil Trauerjahr ist, aber im Kretscham werde ich alles bezahlen.«

Kito erschrak aufs heftigste und versuchte dann einen kleinen Freudensprung, der infolge seiner lahmen Hüfte mißriet.

»Hat sie – hat sie?«

»Ja, sie wird ihn nehmen! Du kannst es Samo schreiben, denn er hat dich zum Brautwerber gemacht.«

Kito ging freudetrunken über den Hof, wackelnd wie ein lahmer Enterich. Am Ziehbrunnen blieb er stehen.

»Zehnmal bin ich jetzt družba gewesen; siebenmal haben sie mich rausgeschmissen, dreimal ist es geglückt. Schade, daß ich schon so alt bin; ich könnte noch viel Gutes stiften.«

Zum Unglück kam die alte Wičaz daher. Kito, der sonst ihr erklärter Widersacher war, ging auf sie zu, erfaßte unversehens ihre rechte Hand, hob die Hand über ihren Kopf und drehte die Frau etliche Male blitzschnell um ihre Achse.

»Was fällt dir denn ein, du verrückter Kerl?« fragte die Alte schnaufend.

»Ach, ich wollte wieder mal mit einem jungen Mädchen serska reja[42] tanzen und sehe eben, daß ich mich vergriffen habe.«

Die Alte sah ihn neugierig forschend an und ging dann schimpfend davon. Kito aber begab sich nach dem Kretscham, der gleichzeitig das Kaufhaus des Dorfes war, trank erst drei Gläser Schnaps, kaufte dann Tinte, Feder und Papier und schrieb am selben Abend noch an Samo folgenden Bericht:

Lieber Freund Samo!

Ich habe es mir ehrenvoll entledigt. Drei Gläser palenc hatte ich getrunken, und eines hat die Hanka gegeben und selbst zugetrunken. Sie ist nicht übel. Über den alten Fritz und den Pastor mit dem Käse hat sie sehr gelacht. Die alte Wičaz hat mit mir serska reja tanzen müssen. Oh, die hat geflucht! Aber sie soll nur mit ihren Wanzen kommen! Ich fühle mich wieder ganz jung. Ich sterbe noch sehr lange nicht. Und sie wird schon wieder gesund werden. Denn solche Mädel haben solche Mucken, das war immer so. Die Spinnstube ist abbestellt. Aber auf den Sonntag ist eine kleine Kirmes. Wenn ich noch auf die Linde könnte, würde ich schon eine starke Predigt halten. Womit ich schließe als dein treuer Freund und Brautwerber

Kito.

Die Spinnstube Hankas war wieder eröffnet. Zwei Mädchen, denen die ehrbare pšaza Hankas zu »langweilig« war, hatten die Unterbrechung benutzt, sich einer lustigeren Spinngesellschaft anzuschließen. Für die eine kam die Reue gar bald und gar schmerzlich. Hanka war verändert. Ihre große Kindlichkeit war ausgelöscht, der wissende Ernst lag auf ihrer Stirn, eine leise Trauer, aber auch eine feste Entschlossenheit leuchtete aus ihren Augen. Sie war stiller geworden. Eine Herbheit war in ihrem Wesen, die oft in Stolz überging. Sie weinte nie mehr, auch nicht, wenn sie allein war. Mit Samo wechselte sie alle Wochen einen Brief. Er schrieb zärtlich, sie antwortete freundlich-kühl.

Um sieben Uhr des Abends kamen die zehn Mädchen, die noch zu ihrer pšaza gehörten, mit ihren Spinnrädern und Flachsrocken. Bald saßen alle Mädchen in einer Reihe im Halbkreis, und die Rädlein schnurrten und die Mäulchen schnurrten noch mehr. Erzählen, lachen, singen und dabei spinnen, spinnen!

Ein schönes Bild. Rote, jugendfrische Gesichter, gesunde, kernige Gestalten, schmucke Gewandung. Bunt gestreifte, weite Röcke haben sie alle, pralle Sammetmieder, zierliche Brusttüchlein, manche hat einen besonders feinen Brustlatz aus Brokat. Große Tücher sind um die Köpfe gewunden mit weitausgreifenden Flügeln nach beiden Seiten. Wenn eine schöne Strümpfe ihr eigen nennt, so steckt sie bald den linken, bald den rechten Fuß unauffällig unter dem Kleid hervor.

Ein lustiges Kienspanfeuer im Kamin liefert die Beleuchtung; außerdem brennen noch zwei Öllämpchen. Heimlich und traulich ist es in der Spinnstube, indes draußen der Sturm über die Heide pfeift oder der Regen an die kleinen Fenster klopft, leise wie mit Geisterfingerlein.

Die Mädchen schwatzen von der Dorfchronik. Die Gromada[43] des Thomastages steht bevor. Da läuft das Amtsjahr des Gemeindedieners, des Dorfschmiedes und des Nachtwächters ab. Entblößten Hauptes müssen sie am 21. Dezember im Kretscham vor der Gromada erscheinen und um ihre Wiederanstellung bitten, sich auch fein höflich bedanken, wenn sie solche erhalten haben.

Nun hat sich der Nachtwächter als ein Rebell erwiesen. Er hat zwar im Vorjahre bei der Gromada die Mütze abgenommen und etwas gebrummt, was man bei viel gutem Willen für eine Bitte um Wiederanstellung hätte halten können, aber er ist, nachdem ihn das Wohlwollen der Dorfväter auf ein neues Jahr bestätigt hatte, ohne Dank und Gruß davongestampft, ja er soll eine Äußerung getan haben, die mit Respekterzeigung in einem greulichen Gegensatz steht. Er ist ein roher Kerl, dieser Nachtwächter!

»Diesmal wird er abgesetzt«, sagt ein Mädchen, die Tochter eines der starsi[44].

»Hurra!« schreit da der alte Kito, der in der ›Ofenhölle‹ sitzt, »da werd' ich ein Spitzbube. Denn einen neuen Nachtwächter kriegen sie nicht, wo er bloß sechs Dreier auf die lange Nacht bekommt. Dafür möchte ja nicht mal mein Napolium wachen.«

Er wies auf einen großen Hund, der neben ihm lag. »Napolium« gähnte und schüttelte sich, so daß alle Mädchen laut auflachten.

»Sechs Dreier sind auch Geld«, sagte die Schöffentochter verärgert. »Überhaupt, mein Vater sagt, es ist eine ganz schlechte aufsässige Zeit. Unser Knecht hat sich Strümpfe gekauft! Strümpfe! Ein Knecht! Wo mein Vater in Fußlappen geht oder auf Stroh in den Stiefeln, kauft sich der Knecht auf dem Jahrmarkt ein Paar Strümpfe!«

Kito nickte nach dem Feuer hin.

»Ja, ja,« seufzte er, »der Untergang der Welt kann nicht mehr weit sein. Napolium, scharr dich nicht!«

Die Mädchen waren des politischen Gesprächs schon wieder müde. Eine Liebesgeschichte machte tuschelnd die Runde, und es wurde viel heimlich gelacht und viel Spott getrieben. Ein Mädchen wurde durchgehechelt.

»So eine Schlafliese hat Glück. Die stieß die Dřemotka[45] schon immer um halb neun in den Nacken. Und kriegt einen solchen Burschen!«

»Sie hat sich sogar abkonterfeien lassen.«

Kaum war das Wort gefallen, so stimmte Kito ein Lied an. Mit meckriger Stimme sang er:

»Wer hoch und angesehn will sein[46], Der muß sich lassen konterfein, Schön weiß und rot fürs liebe Geld, Wie's Mode ist, Wie's Mode, Mode ist, Wie's Mod' ist in der Welt! Kaum hatt' sie mir ihr Bild geschickt, Da wurd' ich ganz und gar verrückt, Um mein Genie ist's schlecht bestellt, Wie's Mode, Mode ist, Mode ist auf der Welt!«

»O du Hund! Kaum fang' ich an zu singen, so beißt mich dieser Lump von Napolium in die Waden.«

»Ach, Kito, du hast doch gar keine Waden mehr«, lachte ein Mädchen.

»Soll ich sie zeigen?«

Kito machte Miene, einen Stiefel auszuziehen.

»Pst, keinen Unfug!« wehrte Hanka ab. Kito seufzte.

»Napolium, Napolium, heutzutage sind die Jungen frumber als die Alten. O jerum!«

Auch die Mädchen seufzten verstohlen. Eine wendische Spinnstube nach ihrem Geschmack war das nicht. Da mußte es schon anders hergehen. Nun ja, zweimal waren die Burschen zu Besuch dagewesen und hatten auch Branntwein mitgebracht, aber tanzen durfte man hier nicht, und sonst war auch nicht viel Spaß erlaubt. Am ersten Spinnabend hatte es einen feinen Gänsebraten gegeben, das ist wahr! Und alle Abend um dreiviertel neun Uhr gab es Kaffee. Das konnten sich nur so reiche Leute leisten. Und die schönsten Lieder gab es hier. Ganz neue Lieder hatte das fremde Mädchen mitgebracht. Auch heute versprach Hanka, zwei neue Lieder zu singen. Es waren aber diese:

Die entlaufene Mutter.[47]

Kathinka aus Gurich lief davon Dem Ehemann, dem Saufpatron. Sie lief bis Malschwitz in toller Hast, Dort macht sie müde am Hügel Rast. Mit trübe geweinten Äugelein Sah sie in Gottes Sonne hinein. »O Hanzo, Hanzo, mein lieber Sohn, Hast du wohl jetzt dein Frühstück schon?« »O Maja, Maja, du Blümlein rot, Wer kocht dir heute dein Mittagbrot?« »Und du, mein Merten, du Kleinster, mein, Wer singt dich heut in den Schlummer ein?« Da weinte sie laut, da stand sie auf Und nahm gen Gurich den raschen Lauf: »Und schlüg er mir auch das Leben heraus, Ich kehre um und gehe nach Haus!«

Und das andere Lied war dieses:

Die Leichtsinnige.[48]

Und als der junge Bursche erfuhr, Daß andere liebet sein Schätzelein, Zog aus der Scheide er sein Schwert Und bohrt sich's tief ins Herz hinein. Zur Kirche ging das Mägdelein Und sprang dann in das Feld hinaus, Da lag ihr Liebster hinterm Busch Und ruht' von Leid und Untreu aus. Das Mädchen weinte, und ihm war bang – Fast eine ganze Woche lang.

Die Lieder wurden gelobt, der Text wurde gelernt, die Weise eingeübt; noch am selben Abend wurden die beiden Lieder gemeinsam gesungen.

Dann wurde Kito aufgefordert, Scherze zu erzählen.

Er wollte vom Alten Fritz und dem Prediger anfangen, aber alle wehrten ab. Das sei eine ganz alte Geschichte. Auch der Pastor mit dem Käse wurde abgelehnt sowie die Erzählung, wie Kito von der Linde predigte.

Schließlich sagte er: »Ein Deutscher sagte einmal zu einem Wenden im Kretscham: ›Aus vier Wenden[49] baut man einen Schweinestall‹.«

»Ja, und er sperrt ein deutsches Schwein hinein!« riefen die Mädchen alle zusammen.

»Oh, Kito, bei deinen Geschichten hat Adam zu Paten gestanden!«

Kito schüttelte den grauen Kopf.

»Die Welt ist neuerungssüchtig und verderbt. Der Knecht kauft sich Strümpfe, und wendische Mädel woll'n neue Geschichten!«

Er fing nun an zu singen:

»Nach Jenkwiz gehn wir nicht zum Biere, Dort kriegten die Burschen von den Mädeln Schmiere«;

aber auch dieses schöne Lied fand keinen Beifall, weil es alt und abgeleiert sei.

Selbst einer seiner schönsten Späße wurde mäßig gelobt, daß er nämlich einer Herde von Weibern, die neugierig durch ein Gasthausfenster dem Tanze zusahen und dichtgedrängt standen, heimlich die bauschigen Röcke aneinandergenäht hatte und daß sie am Ende nicht auseinander konnten, was viel Geschrei und Spektakel ergab.

»Wer weiß eine Gespenstergeschichte?«

Das war etwas. Die Mädchen rückten näher zusammen. Und eine sprach halb im Flüsterton:

»Bei Leipa drunten in der Mühle hat es gespukt. Alle Nächte sind eine greuliche Menge Katzen gekommen und haben um Mitternacht einen großen Spektakel gemacht. Alle Leute aus der Mühle sind ausgezogen. Da ist einmal ein Scharfrichter durch Leipa gekommen, der hat von der Mühle gehört. Und er ist hineingegangen, hat sich in der großen Stube an den Tisch gesetzt, zwei Lichter vor sich gestellt und sein Richtbeil vor sich gelegt und um den ganzen Tisch mit Kreide einen Kreis gezogen. Und so hat er gewartet. Dann haben draußen alle Wächter zwölf gepfiffen, und da ist es losgegangen. Das hat gerasselt und gepoltert und gefaucht, und an die hundert böse Katzen sind hereingekommen und haben sich alle auf den Scharfrichter stürzen wollen. Aber keine einzige hat sich über den Kreis getraut. Geh du rüber! Geh du rüber! haben sie zueinander gesagt. Aber keine hat sich's getraut. Bloß eine große, gelbe Katze hat die Pfote in den Kreis hineingestreckt. Da hat schnell der Scharfrichter sein Beil genommen und sie blutig gehackt. Da sind alle Katzen winselnd fortgelaufen. Und am andern Tag hat die Frau des Amtmanns von Leipa eine verbundene Hand gehabt und hat gesagt, sie hätte sich aus Versehen mit einem Messer einen Finger abgeschnitten. Aber die Leute haben jetzt gewußt, daß sie eine Hexe war!«

»Da werd' ich auch etwas von einer Hexe erzählen«, sagte eine andere. »Die hat in einem Dorfe gewohnt, und abends hat sich immer ihr Geist auf den Feldern und in den Gassen herumgetrieben, während ihr Leib im Bette lag, und der Geist hat die Leute geängstigt. Da ist einmal der Schulmeister von Saßleben dem Gespenst begegnet und hat es mit einem Stock jämmerlich durchgeprügelt. Am andern Morgen hat eine Bauersfrau nicht aufstehen können, weil sie ganz grün und blau geprügelt war. Und das war die Hexe.«

Kito seufzte in seiner Ofenhölle.

»Ja, ich bin auch einmal so eine Hexe gewesen.«

»Du, eine Hexe? Das ist nicht möglich!«

»Doch! Und es war auch so ein Abenteuer mit einem Schulmeister. Ich ging damals noch in die Schule und saß auf der Schulbank. Das heißt, es sah nur so aus, als ob ich dort säße. In Wirklichkeit spukte ich. Denn der Mensch besteht aus Leib und Geist. Und mein Geist, der war nicht mit in der Schule, der war im Walde und fing mit Sprenkeln Rotkehlchen. Da fing plötzlich der Schulmeister an zuzuhauen. Aber er hieb nicht auf den Geist ein, sondern der Leib bekam die Hiebe persönlich. Grün und blau war er aber auch.«

Kito wird ein alter Narr genannt und ausgescholten. Teufelsgeschichten kommen an die Reihe: wie der Teufel Asche in Gold verwandelte, wie er als dreibeiniger Hase herumhüpfte, wie er mit zwei schwarzen Ochsen die Spree pflügte und die Ochsen immer so ungebärdig hin und her sprangen, daß die Spree ganz krumm geworden ist.

Und mit scheuen Augen erzählt eine von dem Mädchen, das im Rautenkranz zur Kirche ging und mit Rosen geschmückt auf einem Stuhl vor dem Altar saß. Da kam plötzlich ein Kind vom Altar her, setzte sich dem Mädchen auf den Schoß und sagte: »Ich will bei meiner Mutter sein!« Da gestand die erbleichende Braut, daß sie heimlich ein Kind geboren und getötet habe. Und das Kind nahm die Seele ihrer Mutter mit. Die Braut fiel tot vom Stuhl, der Rosenkranz aber flog auf den Kirchhof hinaus. Dort wuchs ein großer Rosenbusch, der noch heute zu sehen ist. Und das ist in Gahlen geschehen vor zweihundert Jahren.

Lauter schaurige Geschichten erzählen die Mädchen, indes der Wind an die Scheiben poltert und das Feuer im Herde knistert.

Wißt ihr die Geschichte von dem Schatz im Totenkopf? Wißt ihr, wie der Tod in Luckau den Dreißigjährigen Krieg vorhergesagt hat?

Wer weiß die Geschichte von dem Riesen, der ein dreieckiges Gesicht hatte? Er hat viel Übles getan. Die kleinen Ludki haben ihn im Schlaf erschlagen. Und er wurde begraben, aber er spukte in jeder Nacht, und alle Leute fürchteten sich sehr. Da haben die Leute die Leiche des Riesen ausgegraben, ihr einen Nagel in den Kopf und einen Pfahl durchs Herz getrieben, und dann hatten sie Ruhe.

Von brennendem Feld wird erzählt, von weißen Männchen, von dem unglücklichen Mädchen, das der Nix in sein Wasserschloß holte, von der Mittagsgöttin, die allen denen mit der Sichel den Kopf abschneidet, die sie zur Mittagszeit im Felde trifft und die ihre vielen Fragen nicht beantworten können, von unverwundbaren Wölfen, gespenstigen Kälbern.

»Heda! Kito, der Swinigel, sucht dem Hunde Flöhe ab!« Die Mädchen kreischten, sprangen auf, traten zurück.

»Was schreit ihr?« sagte Kito gemütlich. »Eure Geschichten sind so blutig, daß ich mir dazu eine blutige Arbeit gesucht habe.«

Die Mädchen schimpften alle auf ihn ein. Er sei ein unerhörter Swinigel. »Pfui, pfui!«

»Tut nur nicht so,« verteidigte sich der Alte; »ich werfe sie alle ins Feuer, und wenn ja einer der Schwarzen zu einer von euch springt, die kann ihn morgen wiederbringen, wenn sie ihn unter den eigenen herauskennt.«

Ei, wie gingen die Mäulchen! Hanka tat einen Schiedsspruch; Kito mußte das Liebeswerk an seinem »Napolium« einstellen, und bald schnurrten die Rädchen wieder und ging das Erzählen.

Da knurrte der Hund, und von draußen kam ein feines Läuten.

»Hört, hört, was ist das? Hört ihr es läuten?«

»Bože džječo! Bože džječo!«[50] rief da ein Mädchen, und alle Rädlein standen still, und über alle jungen Gesichter ging der helle Schein der Freude.

»Bože džječo! Still, still! Fleißig, fleißig, daß wir es nicht verscheuchen!«

Und die Rädlein schnurrten wie nie zuvor, und die Mäulchen standen ganz still.

Da wurde die Tür geöffnet, liebliches Schellengeläut ertönte im Hausflur, und eine feine Stimme fragte:

»Sind fleißige, gute Mädchen in der Spinnstube?«

»Nein!« schrie Kito von der Ofenhölle aus, und sein »Napolium« bellte.

»Ja, ja, ja!« riefen die Mädchen, »gute, fleißige Mädchen!«

Da kam das Gotteskind in die Stube. Es war ganz weiß gekleidet, das Gesicht verschleiert, auf dem Kopf trug es eine Krone aus Goldpapier. In der einen Hand hatte es die Schelle, in der anderen eine Rute. Es war von einem Weihnachtsmann begleitet, der einen großen Korb in der Hand und einen Sack auf dem Rücken trug und sich ganz greulich vermummt hatte. Das Hofgesinde drängte in die Stube, auch der Hausherr Hanzo erschien. Hanka machte erstaunte Augen; sie hatte von der Veranstaltung nichts gewußt.

»Hausvater,« fragte das Gotteskind, »sind das fleißige, brave Spinnmädchen?«

Der Hausvater bejahte es.

Da ging das Gotteskind von einem Spinnrad zum andern, prüfte das Garn, lobte die, die wenig, und tadelte die, die noch zuviel Flachs am Rocken hatten.

Dann sprach es: »Singt die Kantorka mit euch gute Lieder?«

Die Mädchen standen auf, Hanka stimmte an, und alle sangen:

Heil'ge Maria am Rocken spann[51] Den Flachs gar wunderfein, Heil'ge Maria saß und sann Und nähte ein Hemdelein. Da kamen herein zur Kammertür Zwei liebliche Engelein: »Maria, wir wollen spielen mit dir, Wir sind so jung und klein!« »Ich kann nicht singen und spielen mit euch, Die Stund' nicht ferne ist, Braucht Hemdchen und Windeln und Linnenzeug Mein Söhnlein Jesus Christ!«

Die Mädchen standen mit gefalteten Händen hinter ihren Spinnrädern und sangen das Lied andächtig und schön. Das Kaminfeuer warf einen roten Schein über sie und über das »Gotteskind« in seinem feierlichen, weißen Kleid.

Nun packte der Weihnachtsmann mit großem Gepolter seine Gaben aus und fuhr mit einem alten Besen derb unter dem Mannsvolk herum, wodurch er den Zorn des Hundes »Napolium« erweckte, der beständig nach seinen Waden schnappte, was viel Hallo gab. Es gab für eine »Vorbescherung« ganz unerhört kostbare Dinge; denn die eigentliche Bescherung kam erst am Heiligabend. Die Spinnmädchen bekamen alle kleine silberne Anhängsel: ein Herzchen, ein Kreuzchen, einen Stern, die Knechte und Mägde wurden reichlich mit Kleidungsstücken bedacht, Kito erhielt eine silberbeschlagene Tabakspfeife, der Hausvater bekam die schön ausgeführten Wappen der Ober- und Niederlausitz, beide unter einem geschnitzten Lindenkranz vereinigt. Von wem ging diese Bescherung aus? Die Antwort ergab sich bald.

Zur Tür herein kam Samo. Er war am späten Nachmittag heimlich angekommen.

»Darf ich auch bei der Bescherung sein?« fragte er, nachdem er gegrüßt hatte. Hanka wurde blaß und hielt sich an dem Spinnrocken fest. Errötend gab sie Samo die Hand.

Plötzlich aber stieß sie einen lauten Freudenschrei aus. Ihre Eltern waren in die Stube getreten. Das Mädchen hing an ihrem Halse und lachte und weinte vor Freude.

Da stand Kito auf und gebot mit lauter Stimme Ruhe. Er nahm Hanka an der Hand und sagte:

»Setz dich auf deinen Platz! Es muß Ordnung sein!«

Und dann stellte er sich mitten in die Stube und sprach:

»Ihr kennt alle die Bibel. Als Abraham für seinen Sohn Isaak ein Weib haben wollte, schickte er seinen Knecht Elieser aus, ein solches zu suchen; denn er dachte wahrscheinlich, daß Elieser das besser verstände als er und Isaak. Elieser war nur ein Knecht, aber er hatte doch dieses wichtige Amt bekommen. Er war ein družba. Hier seht ihr auch einen družba stehen. Zehnmal bin ich schon Zurater und Brautwerber gewesen; siebenmal haben sie mich – aber davon will ich nicht reden. Kurz und gut, dreimal ist es geglückt. Und dazu gehört dieses Mal. Ihr dürft nicht glauben, daß es nur der palenc war, der meine Zunge so geschmeidig und siegreich gemacht hat; denn ich habe schon von der Linde gepredigt. Kurz und bündig: durch Gottes Gnade und meine Hilfe ist es geglückt, von unserer ehrbaren Jungfrau Hanka für unseren ehrbaren Junggesellen und Gutssohn Samo das ›Jawort‹ zu bekommen.«

Ein Ruf allgemeiner Überraschung ging durch die Stube. Die Spinnmädchen umdrängten Hanka, und es wurde ein solcher Lärm, daß Kito sich nur durch die Anwendung von Grobheit wieder Ruhe schaffen konnte.

»Und so will ich nun die achtbaren Eltern unserer Jungfrau Hanka bitten und fragen, ob sie in Gottes Namen ihre Einwilligung zu der Verbindung geben wollen.«

Die Frage wurde bejaht.

»Und so frage ich unseren achtbaren Hausvater, ob auch er in Gottes Namen seine Einwilligung geben will.«

»Ja!« sagte Hanzo.

»So frage ich nun, ob diese Zeugen hier genügen, oder ob ich noch andere Zeugen holen soll.«

»Sie genügen.«

»Nun, so bitte ich für meinen Freund Samo alle, die er beleidigt hat, um Verzeihung. Jetzt aber tretet ihr zwei hierher!«

Samo und Hanka traten in die Mitte der Stube, der Brautwerber legte ihre Hände ineinander und sprach die vorgeschriebenen Worte:

»Ich verlobe euch öffentlich vor diesen Zeugen in Gottes Namen. Es sei mit euch beiden der Gott unserer Väter und segne euch mit den Gütern, mit denen er unsere Väter gesegnet hat. Amen!«

Darauf sangen alle Anwesenden das Lied:

»Lob, Ehr' und Preis sei Gott, dem Vater und dem Sohne Und auch dem heil'gen Geist im hohen Himmelsdome.«

Als das Lied zu Ende war, trat das weiße »Gotteskind« vor Hanka, gab ihr einen goldenen Ring und sprach dazu:

»Aus der Erd' stammt das Gold, Vom Himmel die Treu, Dein goldenes Ringlein Breche nimmer entzwei!«

Samo küßte Hanka auf die leise bebenden Lippen. Die zwei waren nach wendischem Brauch verlobt. –

Nun brach die Tollheit des lebenslustigen Wendenvolkes sich Bahn. Boten eilten in die anderen Spinnstuben des Dorfes, und nicht lange, so wimmelte es von Burschen und Mädchen. Die fremden Burschen drangen in die Stube; einer hatte ein langes Messer in der Hand, damit »erstach« er den Rocken Hankas. Und nun nahmen die anderen Burschen den Mädchen die Rocken weg, und aller Flachs, der noch dran war, wanderte ins Feuer.

Ein Ungetüm sauste in die Stube. Es sollte einen Schimmel darstellen und hatte einen Kopf aus Stroh. Es wurde weidlich durchgeprügelt und machte wilde Sprünge und Purzelbäume.

Ein paar wollten anfangen zu tanzen. Da aber trat Kito, der Brautwerber, wieder auf, und nachdem er sich mühsam Ruhe verschafft hatte, rief er:

»Hochgeachtete Gäste!«

Er wurde unterbrochen; denn sein Hund »Napolium« hatte sich mit dem Schimmel verbissen, und es gab ein tolles Gelächter.

»Laßt sie, laßt sie! Es ist wie im Zirkus!«

Nachdem der Kampf der Bestien vorüber war, rief Kito abermals:

»Hochgeachtete Gäste! Dieweilen dies hier ein Trauerhaus ist, seid ihr gebeten, in den Kretscham zu gehen und euch dort zu Ehren des Brautpaares etwas zu erfreuen.«

Da zog das Völklein jauchzend ab, und das helle Lachen und Singen klang vom Kretscham her die ganze Nacht, bis der Tag graute.

Hanka saß indes aufrecht in ihrem Bett. Sie allein lachte nicht.

Auch Juro kam zu den Weihnachtsferien nach Hause. Er traf zwei Tage später ein als Samo. Als er bald nach seiner Ankunft dem Bruder begegnete, sagte er:

»Warum hast du mir von deiner Abreise aus Breslau nichts gesagt? Konnten wir nicht zusammen reisen?«

»Von uns zweien findet jeder den Weg für sich«, antwortete Samo unliebenswürdig.

»Jawohl, das weiß ich!« sagte Juro und wollte sich abwenden. Aber Samo sprach ihn noch einmal an.

»Ich will dir etwas sagen, ehe du es von anderen Leuten hörst: ich habe mich vorgestern mit Hanka verlobt.«

»Was?«

Juro starrte ihn an.

»Ich habe das Mädchen lieb,« fuhr Samo fort, »und es muß die Tradition in unserer Familie gewahrt werden. Im übrigen bin ich dir ja wohl weitere Rechenschaft nicht schuldig.«

»Du – du bist wohl verrückt?«

»Nein, im Gegenteil, recht vernünftig! Ich weiß, was ich will!«

Da faßte Juro sein Zorn.

»Samo – Mensch – ist das wirklich wahr? Hast du dich wirklich mit dem unerfahrenen Mädchen verlobt?«

»Wie ich dir sagte …«

»Und – und du schämst dich nicht – eine so gemeine Komödie …«

»Hüte dich, du deutscher Lümmel!«

Juro ballte die Faust.

»Noch so ein Wort, und ich schlag' dich nieder, du – du Erbschleicher!«

Samo lachte ihm höhnisch ins Gesicht.

»Schlag' nur zu! Es ist die deutsche Art, etwas zu beweisen, was nicht zu beweisen ist. Aber es nützt dir gar nichts! Deine Rolle ist hier verspielt!«

Er ging aus dem Zimmer und warf die Tür zu.

Juro suchte in höchster Erregung seinen Vater auf.

»Vater, ist das wahr, das von Samo und Hanka …?«

»Sie sind seit vorgestern verlobt!«

Juro wurde bleich.

»Und du hast das zugegeben?« fragte er fassungslos.

»Ja, ich habe es sogar gewünscht. Ich will nicht, daß ein so braves Mädchen wie Hanka verachtet wird, ich will mich vor ihren Eltern und allen Leuten nicht lächerlich machen.«

»Und das Mädchen?«

»Es hat eingewilligt.«

»Aber siehst du denn nicht ein, Vater, was Hanka für großes Unrecht geschieht, daß Samo sie nur nimmt, weil es in seine Berechnungen paßt, daß es eine Schmach für das Mädchen ist, so – so – als Spekulationsobjekt behandelt zu werden?«

»Wieso Spekulation?«

»Es liegt doch auf der Hand, daß Samo, der im Grunde genommen immer alles Bäuerische mißachtet hat, weil seine Gedankenflüge zu hoch gingen, jetzt durch seine wendische Heirat nichts anderes will, als sich hier auf dem Gut als künftigen Herrn festsetzen.«

Das Gesicht des Vaters wurde noch ernster, als es schon war.

»Das Gut bekommt er sowieso – mein Testament ist gemacht.«

»Dein – Testament – – für Samo? Und – und mit – mit welchem Recht schließest du mich aus?«

»Ich schließe dich nicht aus. Was dir zukommt, wirst du bekommen in barem Geld.«

Juro schlug ein bitteres Gelächter an.

»Bares Geld? Und das Heimatsrecht?«

»Du hast dich selbst von deiner Heimat losgesagt.«

»Das ist nicht wahr!«

»Sprichst du so mit deinem Vater?«

»Ja, auch mit dir! Es ist nicht wahr, es ist beim allwissenden Gott nicht wahr, daß ich mich von meiner Heimat losgesagt habe.«

»Du willst von den Wenden nichts wissen, Juro; ich habe es selbst gehört!«

»Ja, ja, ich will von ihnen wissen; ich will ihnen ja mein ganzes Leben, meine ganze Arbeit, meine ganze Fürsorge weihen, ich will ja nichts anderes erstreben, als ihnen zu helfen, sie geistig zu heben, ihre Lage zu verbessern, sie vorwärtszubringen in der Welt.«

»Dadurch, daß du sie deutsch machst«, sagte der Vater finster.

»Jawohl, dadurch! Vater, ich beschwöre dich, ich bitte dich, sieh es doch ein, gib es doch zu, daß das das Beste, das Richtige ist! Unsere geringe Anzahl, kaum hundertfünfzigtausend Seelen, sie kann sich doch nicht halten, sie kann doch ihr Volkstum nicht behaupten in unserer jetzigen Zeit; wir können doch mit dem Festhalten an alten, längst überlebten Bräuchen, mit dem Verharren in albernem Aberglauben …«

»Schweig!« schrie ihn der Vater an; »hier steht der Kral der Wenden, die du beschimpfst.«

Juro fuhr sich ein paarmal über die Stirn. Dann sagte er erschöpft:

»Der Kral der Wenden bist du; es kann niemand beweisen, daß du es nicht bist! Aber das Königtum ist uns genommen; der wendische König, der heute regiert, heißt Wilhelm von Hohenzollern und wohnt in Berlin.«

»Das weiß ich«, sagte der Alte ernst. »Und ich bin sein treuer Untertan. Ich tue meine Pflicht. Ich bin kein Hochverräter. Aber Gott führt die Schicksale der Menschen, und ich brauche die Würde, die er mir gab, im Herzen nicht aufzugeben und die Leute, die zu mir halten, mir nicht abtrünnig machen zu lassen von meinem eigenen Sohne, solange unsere alte Krone noch ruht im heiligen Hügel.«

»Ich glaube nicht daran, daß in dem Hügel eine Krone liegt; es ist eine Sage wie alle. Ich kann nicht an sowas glauben.«

»Und du wagst es, zu sagen, daß du dich nicht von deiner Heimat losgesagt hast?«

»Nicht von der Heimat, nicht von dir, nicht von allen Wenden. Nur von dem, was ihnen schadet, was sie tiefhält, was nicht wahr ist! Und das sage ich dir, Vater, Samo glaubt an alle diese Dinge so wenig wie ich. Aber er heuchelt und hat den Vorteil, und ich sage die Wahrheit und verliere dich und verliere alles.«

»Samo lügt nicht. Samo beachtet unsere Gebräuche bis ins kleinste. Für dich aber ist alles, was uns heilig ist, Aberglaube und Dummheit. Und deshalb ist Samo an deine Stelle getreten. Mit Fug und Recht, Juro; ich habe es in vielen schlaflosen Nächten mit mir abgemacht.«

»Und meine Erbfolgeschaft als künftiger Kral?«

»Die vor allen Dingen wirst du an Samo abtreten.«

Da kam der Zorn wieder über Juro, und er richtete sich auf und sagte:

»Das werde ich nicht! Dein Gut kannst du vermachen, wem du willst, es ist dein Eigentum, und die preußischen Gesetze werden dafür sorgen, daß dein wendisches Testament bis ins kleinste erfüllt wird. Aber das Recht der Erstgeburt, das kannst du mir nicht nehmen und kein Gericht, das behalte ich! Das behalte ich!«

»Du, der nicht an das Königtum glaubt?«

»Ja, ich! Ich bleibe doch der künftige Kral. Ich werde den Einfluß, den ich dadurch habe, nicht aufgeben. Denn ich will der Kral sein, der sein Volk aus der Gefangenschaft finsterer Vorurteile herausführt, und dazu brauche ich Ansehen, sei es auch eingebildetes Ansehen. Niemand anders als der Kral selbst kann den Leuten zeigen, daß es keinen Kral gibt!«

»Du Verräter!«

»Vater, ich bin noch weniger ein Verräter an den Wenden als du ein Hochverräter am König von Preußen bist, dem du Treue geschworen hast.«

Einige Augenblicke standen sich Vater und Sohn noch gegenüber, Kälte im Blick, Kälte im Herzen; dann sagte Hanzo:

»Wir sind fertig miteinander!«

Und er ging hinaus.

Juro war allein. Ein paarmal ging er ratlos hin und her mit unsicheren Schritten, dann sank er auf einen Stuhl und weinte vor Zorn und vor Schmerz.

Aber es gibt keinen stärkeren Trost in den Bitternissen des Lebens als die Erkenntnis, daß einem Unrecht geschehen ist. So erhob sich Juro nach kurzer Zeit, und seine Gestalt straffte sich wieder zu ihrer schlanken Schönheit.

Er stieg hinauf in seine Kammer und holte Mantel, Stab und Hut.

Und er zog fort aus seinem Vaterhause.

Es war ein trüber Abend angebrochen. Juro ging langsam das Dorf hinab. Die spitzen Giebel der Häuser schauten ernst auf seinen Weg. Hin und wieder begegnete ihm ein Bursch, der seine Mütze zog. Starke, gutmütige Menschen. Aber die Sonne einer höheren Erkenntnis scheint nicht in ihre Heimat, ihre Gedanken irren nur immer um ihre schmalen Felder, und ihre Wünsche gehen nicht weiter als bis in eine Mädchenkammer oder an einen Wirtshaustisch. Und die Hütten der Kleinen! Wie armselig liegen sie unter ihren Strohdächern. Der kümmerliche Rauch, der aus dem windschiefen Schornstein steigt, stammt vielleicht von einem Bündel Holz, das der Mann aus dem Walde des Reichen zur Nachtzeit mit pochendem Herzen holte, damit die Kinder nicht zu frieren brauchten in dieser strengen Zeit, damit die Hände nicht steif würden, die spinnen und weben mußten. Und viele der Kinder, die jetzt auf der Gasse noch vom Christkind plauderten, hatten am Weihnachtsabend auch nicht die kleinste Gabe und starrten ins Dunkle und fragten sich, warum der holde Himmelsgast denn nicht zu ihnen komme, ihnen auch nicht ein einziges buntes Lichtlein schicke. O ihr Träumer, wacht auf! Draußen ist eine reichere Tafel für euch und eure Kinder gedeckt, draußen ist eine weitere, lichtere Heimat! Und hat sie auch noch tausend Mängel, dort steht doch die Freiheit vor der Tür, dort gibt es hundert Ansätze zum Sprung auf die Staffel der Menschenwürdigkeit. Wacht auf, ihr Träumer, seid wie die anderen, fordert wie die anderen euer Menschenrecht, werdet im Anschluß an die anderen glücklich! Dann aber müßt ihr heraus aus der Enge; denn eure wendischen Stammelrufe hört niemand, versteht und beachtet niemand in der Welt. Von Branntwein und Hexengeschichten könnt ihr nicht leben, und der Sand der Heide macht euch nicht satt! – –

Das letzte Haus war vorbei, der holperige Feldweg führte hinaus ins Dunkle. Da kam wieder ein Schwanken in Juros Gang, da klangen ein paar Stimmen in seinem Ohr, die ihm einmal lieb waren, da gingen ein paar Heimatsmelodien traurig durch sein Herz.

Aber er zog den Hut fester auf den Kopf, stampfte mit dem Stock stark auf die gefrorene Erde und schritt rasch vorwärts.

Zuerst hatte Juro mit Elisabeth gesprochen. Sie hatte ihm in ihren letzten Briefen immer wieder die eine Frage vorgelegt: ob er nicht zu stürmisch, zu ungeduldig zu Werke gehe, ob es notwendig sei, immer seine herausfordernde Meinung so laut zu sagen, oder ob nicht klugem Abwarten eine bessere Aussicht auf Erfolg beschieden sei.

Nun, da der Bruch geschehen war, sagte sie von allen diesen Dingen kein Wort. Sie sagte nur, daß sie treu zu ihm halte und hoffe, daß sich Juro mit seinem Vater werde aussöhnen können, damit er unter diesem Zwiespalt nicht leide. Und sie sagte das, was der Mann in schweren Kämpfen vom Weibe hören muß: »Ich glaube an dich; deine Sache ist gerecht!«

Der alte joviale Herr von Withold nahm die Sache nicht sehr ernst. Mit Juro und seinen beiden Kindern Heinrich und Elisabeth saß er an dem runden Tisch der mit alter solider Biederkeit traulich ausgestatteten Wohnstube seines Herrenhauses, tat einen tiefen Trunk und sagte:

»Also, da wollen wir einen feierlichen Familienrat halten. – Es sind Dickköppe!«

Damit meinte er die Wenden.

»Aber sehen Sie, Juro, die Leute imponieren mir auch. Lassen sich nischt vormachen. Halten am Alten. Sind stockkonservativ bis auf die Knochen. Eigentlich mein Fall!«

Juro wollte etwas erwidern, aber Herr von Withold winkte ab.

»Nee, jetzt rede ich erst! Also, Juro, das mit dem Deutschreden ist richtig. Das Wendische hat der Teufel erfunden. Ich krieg' das Niesen, das Schlucken und den Keuchhusten, wenn ich es sprechen soll. Es ist ganz verrückt schwer, in jedem Dorfe ist es anders, und für den Verkehr taugt so was gar nischt. Also Deutsch! Selbstverständlich! Mit dem Humbug, den sie sonst machen, Volkssitten, Märchen und so – na, da soll man nich so strenge sein. Das schadet nischt. Aber das mit dem sogenannten Vorwärtskommen, das ist gefährlich! Nur keene Parvenüs züchten! Ich kann meinem Großknecht nich Polstermöbel in die Stube stellen und meine Kühe nich mit Mandelseife waschen lassen. Das ist moderner Unfug! Das sind so Schnurrpfeifereien von Leuten, die nischt verstehen von der Sache. Volkshygiene! In meinem Leben hab' ich von so was nischt gehört, bis Sie kamen, Juro. Na, Sie wissen, ich bin kein Unmensch; ich gönne meinen Leuten alles Gute. Bauen wir also jetzt das neue Arbeiterhaus, gut, soll's größer werden; gut, soll jede Familie zwei Stuben und 'ne Kammer haben; gut, soll'n sogar große Fenster rein, obwohl ich das für 'n kolossalen Luxus halte. Aber seh'n Sie, Juro, da Sie nu eben mal mein zukünftiger Schwiegersohn sind, da möcht' ich nich gern, daß Sie bei sich denken: der Alte is 'n altmodischer Furchenklecker. Also, es wird werden!«

Er tat wieder einen Trunk und fuhr fort:

»Und jetzt von dem Königtum. Da haben Sie mich also eingeweiht! Ehrenwort, ich sag' nischt weiter! Aber, Juro, mit dem Kral, das is – das is – ja, wenn ich sagen würde, es is Blech, wär' es zu grob – also sag' ich, es is nich Blech – bloß, es hat keenen Zweck! Jawohl, jawohl, ich weiß, unser Großer Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der hat nach dem Kral suchen lassen. Seine Häscher hatten auch den richtigen Kral rausgespürt, einen jungen, hübschen Mann. Also so einen Ahnen von Ihnen, Juro. Sie wollten ihn nach Berlin unter die Soldaten für immer verschwinden lassen. Da kam gerade im kritischen Moment 'n alter, wendischer Bauer vorbei. Der hieb plötzlich dem jungen, hübschen Mann 'ne Ohrfeige runter, weil er behauptete, der hätte ihn nicht pflichtschuldig gegrüßt, und die Häscher sagten sich: ›Aha, das ist nicht der Kral; denn sonst hätte ihn kein Wende geohrfeigt.‹ Und der Kral war gerettet, und der Kurfürst in Berlin saß da mit seiner langen Nase, die ohnehin lang genug war. Jawohl, das ist Tatsache! Das ist Geschichte! Das hat sich keiner aus den Fingern gesogen. Und auch der Alte Fritz hat vom Wendenkönig gewußt und aufgepaßt, daß die Wenden ihm nicht etwa mit den verfluchten Tschechen ›Kaprusche‹ machen. Also das steht alles fest. Und sind Ihre Ahnen, Juro! Alle Achtung! Wissen Sie, 'n preußischer Edelmann hat für so was Verständnis. Aber jetzt, Juro, jetzt ist mit dem Kraltum nischt mehr zu machen. Aus und vorbei ist es!«

»Es ist noch nicht aus und vorbei«, entgegnete Juro. »Fast das ganze Wendenvolk glaubt noch an den Kral und hängt noch am Kral. Und deshalb darf nicht mein Bruder Samo der Kral der Wenden werden, weil er ihren alten Aberglauben aus Selbstsucht erhalten würde, sondern ich muß der Kral sein, der die Leute aufklärt und sie zu einem menschenwürdigeren Dasein führt. Ich suche es im Deutschtum, weil es mir am nächsten ist. Freilich müßte sich die Hinüberführung lohnen.«

»Sie brauchen nicht zu sticheln, Juro; die Fenster im Arbeiterhause werden groß genug sein. Ich geb' ja zu, früher, wie wir noch die alte Fronordnung hatten, da ist es ja den Bauern nicht gerade berühmt gegangen. Aber die Güter waren gut! Gut waren sie! Oh, es war doch eine schöne Zeit!«

Er versank ins Nachdenken, tat wieder einen tiefen Trunk und schüttelte ein paarmal wehmütig den Kopf, wie er so an die »gute, alte, liebe Fronzeit« dachte. Dann raffte er sich auf.

»Na, die alte Zeit ist nu leider mal vorbei. Halten wir uns an die Gegenwart. Sie sind nu von Hause fortgegangen, Juro. Ich kann's Ihnen nicht verdenken, wenn es auch nicht gerade erfreulich ist, daß es so kommen mußte. Aber, Juro, 'n vernünftiger Plan war da überhaupt nich. Ihre Väterei in Ehren, Juro, sie is 'ne Staatsbesitzung; kein anderer Wende hat 'ne solche. Aber, Juro, Sie und meine Liese paßten dorthin wie die Faust aufs Auge. Darein müssen Bauersleute.«

Notes in this chapter

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