Die alte Krone (continued 2)
Reading edition
Und Juro erzählte Elisabeth die Sage vom Wendenkönig. Er entrollte ihr das alte, ehrwürdige Gemälde, das, im Allerheiligsten des Tempels wendischen Volkstums gehütet und gehegt, sonst kein »Njemz« zu ersehen bekam. Das Mädchen hörte zu mit verwunderter Seele, und allmählich kam eine Angst und plötzlich kam ein Schreck über sie …
Und sie erkannte, daß Juro der zukünftige Kral der Wenden war. –
Da tat sie das, was die Frauen großen Erkenntnissen gegenüber tun – sie weinte.
Er sah es nicht, er beachtete das Leid der Geliebten nicht. Die große Idee des Königtums war über ihn gekommen, ein Sonnenmeer von Erleuchtung war plötzlich über ihn geflutet.
Als er der Erwählten die heimische Sage erschloß, hatte er sie selbst das erstemal ganz erfaßt, wie wir Menschen ja alle erst dann recht und wahr und tief lernen, wenn wir uns ehrlich bemühen, zu lehren, wie wir immer dann den rechten Weg am ehesten finden, wenn wir ihn getreu einem andern zeigen wollen.
Die Schönheit des Königsgedankens brannte nun im Herzen Juros, und er sprang auf und ging weit den Waldweg entlang, kam ganz langsam zurück. Die tote Mutter, die Braut, sein ganzes bisheriges Leben mit allem Großen und Kleinlichen waren in diesen Augenblicken vergessen, da Juro den Waldweg auf und ab wandelte.
Endlich blieb er vor Elisabeth stehen.
»Ich will dir einiges sagen,« sprach er mit einer Stimme, die hart klang; »ich war nahe daran, ein Schwächling und Feigling zu sein. Drüben bei uns im Wendenland, da ist vieles nicht so, wie es ein feiner, zarter Träumer sich wünscht. Da ist leibliche und körperliche Not. Da ist Dummheit und Aberglaube und neben der Knechtseligkeit die heimliche Großmannssucht. Da sind alte Weiber die Ärzte, unter deren Plunderformeln die Kranken elend verscheiden. Betrunkene Bauern machen die Politik. Der alte Webstuhl ist unsere glänzendste Maschine, und die Leute, die mit langen Ruderstangen im Schlamm der seichten Gewässer wühlen, daß die Blasen aufsteigen, die halten sich für Schiffer. Mit ihrer Sprache finden sich die Leute knapp zum nächsten Wochenmarkt, wo sie der dämlichste deutsche Händler übers Ohr haut. Bücher haben sie nicht, es seien denn jämmerliche Übersetzungen. Und die sind noch in fünffacher Orthographie. Da gibt es eine oberwendische, eine niederwendische, eine tschechische, eine evangelische, eine katholische Rechtschreibung. Falsch sind sie alle. Es gab eine Zeit, wo es als ein ehrendes Zeugnis galt, wenn einem jungen Handwerker bescheinigt werden konnte: er ist kein Wende. Es gab eine Zeit, wo jeder Wende geschlagen werden durfte. Es ist heute noch nicht viel besser. Immer in die Heide gedrückt bleibt der Wende, immer auf der mageren Scholle sitzt er. Und wenn er einen Schweinestall bewohnt, nennt er ihn schon stolz sein Haus. Die Armut ist der scheußlichste Bundesgenosse dieses Volkes. Unsere jungen Mütter nähren die Kinder der Reichen in Berlin oder Breslau, und derweil stirbt das eigene Kind zu Haus aus Hunger oder unter dem Beistand abergläubischer Quacksalberinnen. Wäre ein guter Arzt sofort zur Stelle gewesen, meine Mutter lebte noch! So ist sie gemordet worden durch die gutmütige Unvernunft, die bei uns Volksreligion ist. Nicht wahr, und einem solchen Volk den Rücken zu kehren, das ist leicht? Da putzt man sich die Kleider ab, räuspert sich, bürstet sich den Bart und geht achselzuckend davon. Und ist ein feiner Mann!«
Juro lachte höhnisch über sich selbst.
»Oh, siehst du, so ein Held war ich! Ich ließ den Widerwillen über mich kommen. Und weißt du, was Widerwille ist? Widerwille ist Feigheit der Schwäche gegenüber. Also die elendeste Feigheit. Das weiß ich jetzt. Aber ich war ein Feigling. Ich wollte Reißaus nehmen; ich wollte mir ein nettes deutsches Mädel nehmen und in ein recht elegantes Quartier in der Hauptstadt ziehen und als Arzt unter tausend anderen Ärzten von reichen Leuten Geld verdienen. Mich mein Leben lang nicht mehr um die Wenden kümmern! Das wollte ich! Das war eine Schurkerei! Und die ist mir erst aufgedämmert, als meine Mutter starb, und ist mir jetzt völlig klar geworden, da ich dir diese Kralssage erzählte.«
Er hielt inne und setzte sich auf die Bank. Aber er sprang bald wieder auf.
»An meinen Bruder wollte ich das väterliche Gut preisgeben. An Samo! An ihn, der wie ein polnischer Schlachziz auf dem Gute hausen würde, ein gnädiger Herr, der sich von ungewaschenen Mäulern die Hand lecken ließe, der das Volk sorgsam in seinem Aberglauben lassen und sich das obendrein als eine nationale Tat anrechnen würde. Oh, das ist der verfluchte Standpunkt, der die slawischen Völker so tief gehalten hat, daß alle die, die ihm die Fenster der niederen Hütten vernagelten – die Intelligenten im Lande: Adel, Geistliche, Advokaten, Juden –, daß die sich als die Führer des Volkes mästeten und sich – das will ich ja zugeben – auch dazu berufen fühlten. Keiner kam, der das Volk ans Licht führte, keiner, der den Leuten die frohe Kunde brachte: Ihr, ihr das Volk, seid die Hauptsache, ihr sollt reich, stark, gesund, klug sein, ihr sollt euch wohlfühlen, und die Regierenden sollen sich abrackern, wie sie das zustande bringen! Es ziemt sich nicht, daß der eine Mensch wohne wie ein Gott und der andere wie ein Tier, und überall, wo das der Fall ist, herrscht ein verbrecherischer Götzendienst, auch wenn er tausendmal sanktioniert ist. Und wehe am Ende, wehe vor Gott und allen guten Menschen den gemästeten Götzen! Arme Slawen!«
Elisabeth weinte nicht mehr, sie hörte Juro zu, wie er so erregt sprach, sah mit Bewunderung, wie plötzlich eine Mission über ihn gekommen schien, wie wieder einmal aus dem Brunnen der Tradition ein Wundertrank geschöpft worden war, der den Blinden sehend, den Träumer zum Helden machte.
Aber eine tiefe Trauer war in dem Mädchen.
»Alle deine Vorwürfe richten sich gegen die Deutschen?« fragte sie langsam.
Da besann er sich auf sie, wachte auf wie aus einem Traum.
»Mein deutsches Mädel!« sagte er, »wie kannst du so sprechen? Weißt du nicht, daß ich die Deutschen lieb habe? Nicht deinethalben! Ich hatte sie von Jugend auf gern. Ich liebte ihre Stärke, ihre Gründlichkeit und verlässige Pflichttreue, ihren starken, wunderbaren Fleiß. Ich vergöttere ihre Kunst und finde auch einiges Hübsche in ihrer Geschichte. Ich wohne in Preußen, ich habe alles, was ich körperlich und geistig besitze, von Preußen. Also bin ich ein Preuße! Nicht, daß ich die Fehler dieses Volkes nicht sähe, daß mich sein plumpes Spartanertum nicht oft ärgerte; aber es ist besser, menschlich besser bei ihnen als bei den Slawen, aus deren Blut ich bin. Besser als bei den Russen, die in jahrtausendelanger Totenstarre liegen, besser als bei den Polen, die mit all ihren herrlichen Gaben zu lange vor den selbstgeschaffenen Götzenbildern lagen; besser als bei den Slowaken, Slowenen, Kroaten und Serben, die trüb und müd in ihrer Armut dahinleben und nur manchmal kraftlos mit der Bettlerhand drohen; besser endlich als bei den Tschechen, die es trotz ihres reichen Landes, trotz der günstigsten Entwicklungsmöglichkeiten auf keinem Gebiet über die Mittelmäßigkeit hinausgebracht haben. An alle diese soll mein Wendenvolk keinen Anschluß suchen und sucht auch keinen trotz der Anstrengungen, die von Moskau, Warschau und Prag her gemacht werden, trotz der Bemühungen einiger faselnder Panslawisten unter uns.«
Juro hatte hastig, erregt, die Worte oft überstürzend, gesprochen. Er war einer, der viel dachte, aber auch viel redete, der gern Ideen, Absichten, Probleme entwickelte: er war bereits ein Deutscher. Das Mädchen war klug und ernst. Es war wohl fähig, solchen Worten zu folgen, aber ihr Herz war jetzt weit von den Schicksalen slawischer Stämme, es war nur bei dem einen, der sprach, und bei ihrem eigenen Schicksal.
»Juro, du wirst der Kral der Wenden werden«, sprach sie.
Es klang wie ein Schluchzen, das aus gequälter Seele kam.
Juro war zu versonnen, als daß er den Jammer der Geliebten bemerkt hätte.
»Ja, der Kral!« rief er. »Es ist nur eine imaginäre Würde; ich glaube nicht an sie; aber die Wenden sprechen sie mir in aller Heimlichkeit zu. Tausende hängen mit stumpfem Gewohnheitssinn daran, einige mit kühnen Hoffnungen; alle wünschen die Erhaltung dieser uralten Tradition. Alle, bis auf mich! Ich halte solche Traditionen viel eher für ein Hemmnis als für eine gesunde Wurzel. Und deshalb wollte ich meiner Wege gehen. Wollte Samo neidlos und kampflos den Platz überlassen. Bis die Mutter starb, bis ich dir, Elisabeth, die alte Volkssage erzählte und es mich plötzlich überkam, ich müsse wirklich der Kral werden, der Einfluß hat auf das Volk und der seine Aufgabe darin erblickt, dem Volk aus Armut und Aberglauben aufzuhelfen, das Wendenvolk vollends zu Deutschen zu machen.«
Das Mädchen faßte ihn am Arm.
»Erschrick nicht, Elisabeth! Es ist kein Verrat! Es ist die einzig vernünftige Tat, die geschehen kann. Was ist klüger: eine alte Kaluppe, die jeden Augenblick vom Wind über den Haufen geworfen werden kann, immer neu zu stützen, die klaffenden Löcher mit Lehm zu verschmieren, die zerschlagenen Fensterscheiben mit Papierfetzen zu verkleben – oder die ganze Bude kurzweg niederzureißen und ein festes, gesundes Haus an seine Stelle zu setzen? Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein, nicht wahr? Die Wenden üben alle Staatsbürgerpflichten auf das gewissenhafteste, haben aber nicht vollen Genuß staatsbürgerlicher Vorteile. Das ist, weil ihnen ihre Tradition anhängt. Ihre schmucke Volkstracht ist in den Augen der Welt doch weiter nichts als das Proletenkleid zurückgebliebener Leute; ihre isolierte Sprache macht sie unfähig zu vielem, macht sie befangen, furchtsam; der alte Aberglaube hält ihre Stirnen umwölkt. Fort mit all diesem Plunder! Heraus aus dem Sandwald ins grüne Land! Heran an den großen deutschen Tisch! Gleiche Rechte! Gleiches Gepräge!«
Mit den flammenden Prophetenaugen begeisterter Jugend stand er vor ihr. Und sie war auch jung, und ihr Herz erglühte im Glauben an ihn und an seine Sache.
»Du bist edel, Juro! Du bist klug! Du hast recht!«
Da faßte er sie fest an den Händen.
»Elisabeth, wirst du es mit mir wagen, was ich vorhabe? Wirst du die Frau des letzten Wendenkrals sein, der sein Volk zur wahren Freiheit führen will?«
»Ja, Juro! Als ich erkannte, wer du eigentlich bist, erschrak ich und glaubte, ich könne nicht deine Frau werden. Ich glaubte, wenn du der König der Wenden bist, müßtest du auch eine Wendin heiraten. Aber so, wie du es vorhast, ist es doch anders. Wenn du die Wenden zu Deutschen machen willst, sollst du selbst eine deutsche Frau haben! Und die will ich von Herzen gern sein!«
Sie küßten sich auch jetzt nicht.
Aber sie ging weit mit ihm über die Felder, als er heimkehrte, und hielt ihn fest an der Hand.
Als Juro allein war, brannten ihm die Wangen. Und in seiner Lebhaftigkeit sprach er mit sich selbst von seinen Aufgaben, seinen Zielen, die ihm klar vor der Seele standen. Er blieb oft stehen, und seine Arme fuhren durch die Luft, als er so mit sich selbst sprach.
»Pomogaj Bog wam!«
Er erschrak und sah eine alte Frau vor sich stehen.
»Bog žekujscho«, antwortete er.
»Gott helfe Euch!« hatte sie gegrüßt. »Gott vergelte es!« hatte er wendisch geantwortet. Er besann sich kurz und redete die Alte in deutscher Sprache an.
»Nun, Mütterchen, habt Ihr Pilze gesucht? Es gibt heuer recht viele, weil das Wetter naß ist.«
Sie machte eine Gebärde mit der Hand, die bedeuten sollte, daß sie nicht Deutsch verstehe. Dann kicherte sie und sagte wendisch:
»Der Sohn des Kral spricht deutsch mit mir!«
Es erschien ihr wie ein Scherz, den Juro mit ihr trieb. Er sah, daß sie eine alte Frau sei und also wohl wirklich kein deutsches Wort verstehe. Sie verfiel augenblicklich in einen weinerlichen Ton, klagte, daß nun die gute Frau gestorben sei, bei der sie hätte sich alle Tage ein Töpflein Milch holen können. Juro sagte ihr, er wolle anordnen, daß sie die Milch auch fernerhin bekäme.
Da haschte sie nach seiner Hand, um sie zu küssen. Er aber entzog ihr die Hand heftig und sagte in wendischer Sprache:
»Mütterchen, habt Ihr ein Kreuz zu Haus, woran dem Herrn Jesus die Hände genagelt sind?«
Sie nickte.
»Die Hände dürft Ihr küssen, wenn Ihr an die wirklichen Hände des Herrn Jesus denkt. Aber nicht meine. Ich bin kein Gott!«
»Auch nicht dem Herrn Pastor? Oder dem gnädigen Herrn?«
»Auch diesen nicht! Ihr sollt es durchaus nicht tun!«
»Aber Eurem Herrn Bruder Samo habe ich vor einer Stunde beide Hände geküßt, weil er mir zwei Dreier geschenkt hat.«
»Ihr sollt es nie wieder tun, weder ihm noch einem andern Menschen.«
Er schenkte ihr eine Silbermünze. Da schnappte sie doch wieder nach seiner Hand.
»Ihr sollt es nicht!« rief er erzürnt. »Hunde lecken die Hände, nicht Menschen!«
Da erschrak sie, steckte die Silbermünze ein und sagte wieder: »Pomogaj Bog wam!« Dann huschte sie über eine schmale Wasserrinne in den Wald. Aber Juro hörte noch, daß sie bei sich brummte:
»Er tut, als ob ich ein giftiges Maul hätte!« – –
Nach drei Tagen ging in den Dörfern das Gerücht, Juro habe die alte Domasch einen Hund genannt und halte sich arme Leute stolz vom Leibe.
Langsam ging Juro nach seiner Begegnung mit der alten Frau seines Weges. Es war, als ob er sich fürchte, heimzukommen zur Mutter. Was war sie für eine eifrige, gläubige Wendin gewesen! – Aber seine Seele straffte sich wieder und schüttelte den Kleinmut von sich.
Da sah er auf einem schmalen Raine, der zwischen den Feldern seines Vaters hinlief, Hanka, das fremde Mädchen. Die schritt rüstig aus, hatte die Schürze hochgebunden, hielt in der linken Hand einen Topf und machte mit der rechten die Bewegung des Säens. Juro wußte, was sie tat. In dem Topf war das Wasser gewesen, mit dem sie die tote Mutter gewaschen hatten. Nun hatten sie dem Topf den Boden ausgeschlagen, und das Mädchen säte durch den Topf Hirsesamen auf die Felder. Da würde im nächsten Jahr kein Vogel ein Körnlein von diesen Feldern picken. Ein Widerwille erfaßte den jungen Mann. Er wartete, bis Hanka näherkam, und rief sie an. Sie erschrak, als sie Juro sah, kam aber zu ihm.
»Was tust du da?« fragte er in deutscher Sprache.
»Ich säe den Totensamen! Es ist besser, wenn es ein Mädchen tut, als wenn es ein Mann tut!«
Sie hatte wendisch geantwortet.
»Sprichst du nicht Deutsch, Hanka?«
Sie sah ihn verwundert an.
»Warum sollte ich das wohl tun? Ich bin doch eine Wendin!«
»Ja, Hanka! Wir werden noch später darüber sprechen. Ich hoffe, wir werden uns verständigen, denn du bist ja ein kluges Mädchen. Sag mir, warum säst du den Totensamen? Glaubst du daran?«
»Glaubst du denn nicht daran?« gab sie verwundert zurück.
»Ich bitte dich, gib mir den Topf!«
Sie reichte ihm den Topf, und Juro warf ihn auf einen nahen Steinhaufen, daß er zerbrach.
»Was tust du? Ich bin noch lange nicht fertig mit allen Feldern!« rief sie erschrocken.
»Laß die Felder und laß die Vögel! Siehst du den Schwarm Sperlinge? Sie werden die Hirse fressen, die du gesät hast.«
»Ja, sie kosten davon und kommen dann nie wieder!«
»Sie kommen wieder, Hanka, davon wirst du dich selbst bald überzeugen können. Und warum sollten wir sie vertreiben? Der Mensch soll nicht geizig sein gegen die kleinen Kostgänger des Herrgotts!«
»Ich bin nicht geizig!« sagte sie trotzig, »es sind nicht meine Felder!«
»Ich will dich auch nicht kränken, Hanka!« sagte er milder. »Aber – nicht wahr, der Nutzen könnte doch nur klein sein, und wir wollen keinen Nutzen ziehen aus dem Tode eines Menschen!«
»Der Nutzen ist nicht für mich; er ist für euch!«
Sie bückte sich über den Steinhaufen und nahm einen größeren Scherben auf.
»Was willst du damit, Hanka?«
»Aus dem Scherben weitersäen!«
»Das wirst du nicht tun! Ich will es nicht! Es ist schmählich! Ich verbiete es dir!«
Er stampfte mit dem Fuß auf. Sie sah ihn mit ihren stahlblauen Augen hart an.
»Du bist grob!« sagte sie und wandte sich ab.
»Hanka!« rief er zornig, »du wirst das Säen sein lassen! Begreifst du denn nicht, was du damit ausdrückst? Daß das Wasser, mit dem meine Mutter gewaschen wurde, kleinen unschuldigen Tieren – einen – einen Ekel einflößen soll? Ich verbiete es dir!«
»Du hast mir nichts zu verbieten! Jemand anders hat mir befohlen, den Samen zu säen!«
»Wer? – Wer ist so töricht? – Ich will ihn zur Rechenschaft ziehen …«
Bei dieser Frage erbleichte sie und rannte, so schnell sie konnte, den Feldrain entlang.
Zornig schritt Juro weiter, dem väterlichen Gehöft zu. Er begegnete seinem Bruder Samo. Der wartete ab, bis ihn der Bruder grüßte, und gab eine mürrische Antwort.
»Samo, siehst du das Mädchen dort drüben – die Hanka? Sie sät aus dem Topf, aus dem die Mutter gewaschen worden ist, ›Totensamen‹ auf die Felder! Wer hat ihr diesen greulichen Unsinn befohlen? Ich will ihn zur Rechenschaft ziehen! Wer hat es angeordnet?«
»Die Mutter selbst!« antwortete Samo kurz und hart.
Juro wich einen Schritt zurück. Samo betrachtete ihn mit einem schadenfrohen Zucken im Blick.
»Juro, du würdest besser tun, dich nicht in diese Dinge zu mischen, die Leute bei ihren alten Gebräuchen zu lassen. Sie ehren unsere Toten weit besser als zum Beispiel dein deutscher Freund heute mit seinem albernen studentischen Geschwätz!«
Er ließ den Bruder stehen. Wie ein Geschlagener ging Juro den Weg entlang. Ein Schwarm Schwalben flog hoch in der Luft immer im Kreis herum. Die Vögel dachten ans Abschiednehmen.
Im Großgarten lehnte der Vater regungslos an einem Apfelbaum und starrte in die sinkende Abendsonne.
Das Glöcklein vom Kirchturm begann zu läuten.
Dort in der Stube mit dem verhangenen Fenster schlief die Mutter den letzten Abend auf dieser Erde.
»Pusty wjecor«, sagen die Wenden.
»Der öde Abend!«
Der letzte Trauergast war an den schwarzen, weißgeränderten Sarg getreten, in dem die tote Frau in ihrer Brauttracht lag, hatte sein stilles Vaterunser gebetet, den Anverwandten sein Beileid ausgesprochen und war dann nach der großen Gesindestube gegangen, wo Kaffee und Kuchen, Käse und Branntwein zu haben waren.
Endlich war es Zeit zum Aufbruch. Vater und Söhne nahmen bewegten Abschied, und die Tote wurde im offenen Sarg aus der Stube getragen, mit den Füßen voran, damit sie nicht »zurückschauen könne«. Der Spiegel wurde enthüllt, das Fenster geöffnet, die Stühle, auf denen der Sarg gestanden hatte, wurden umgestürzt.
An der Haustür wurde der offene Sarg hingestellt. Die tote Bäuerin, deren Augen halboffen waren, blinzelte noch einmal in ihren Hof hinein. Es war alles sauber und ordentlich. Die zwei Mägde, die das Vieh im Augenblick des Abschieds füttern mußten, rannten so eilig mit ihrem Heu, als fürchteten sie immer noch einen Tadel der Frau. Ein paar junge Mädchen rückten an ihrer Plachta[6], ob sie auch ordentlich säße; einige alte Leute nickten der Toten zu: »Du kannst stolz sein, daß du ein so großes Grabgeleite hast!«
Unter der weißgekleideten Trauergesellschaft standen zwei in schwarzen Gewändern: Elisabeth und ihr Bruder Heinrich. Samo, der einmal die Augen aufhob und die beiden Deutschen sah, dachte bei sich: Sie sind wie schwarze Flecken auf weißen Kleidern.
Die Herbstsonne schien auf den bevölkerten und doch so stillen Hof. Da trat der alte Scholta an den Sarg heran, nahm den Hut ab und sprach laut:
»Vater, in deine Hände befehle ich meine Frau!«
Dann wurde der Sarg geschlossen und nach dem hochgelegenen Friedhof getragen, wo ein Glöcklein mit blechernem Klang läutete. – – –
Alle einfachen Menschen haben das Bedürfnis, zu lärmen, wenn sie einmal eine Zeitlang haben still sein müssen. Nach dem Begräbnis wurde die Dorfstraße überaus lebhaft.
Die Mägde sprachen von dem »prachtvollen Leichenputz«, den die Tote getragen, von den blütenweißen Brusttüchern und der breiten gestickten Seidenschärpe, vor allem aber davon, daß sie in der linken Hand statt des üblichen Sträußchens eine Zitrone gehabt habe.
»Nun, sie war eine Reiche!«
»Und was für eine! Sie ist sogar im Bette gestorben!«
»Arme Leute könnten das nicht!«
»Dürften es auch nicht. Es wäre gegen die Schicklichkeit.« –
Die Burschen waren noch lebhafter. Sie behandelten insbesondere eine Standesfrage.
Zu den Leichenträgern gehörten auch ein Halbbauer und ein Häusler; sogar der Schäfer. Der Großbauer Klin hat nicht mit »Träger« sein mögen deshalb. Sie haben müssen herumschicken. Da ist der Gregorek für den Klin eingesprungen.
»Der Klin hat ganz recht. Bauersleute sollen nur von Bauern getragen werden. Anderen Leuten kommt das nicht zu«, sagte ein junger Bauernsohn stolz.
»Du schmutziger Bengel, du bist der richtige!« fuhr ein anderer dazwischen. »Der Tod macht alles gleich. Und dem Toten ist es ganz gleich, wer ihn trägt.«
Der Bauernsohn geriet in Hitze.
»Wenn ich nicht meinen guten Anzug anhätte,« sagte er, »würde ich dir eine ›Pflaume‹[7] geben, an der du zu kauen hättest – du – du Demokrat du!«
»Warte nur den Abend ab«, entgegnete der andere. »Die Pflaume kommt zurecht. Sie wird desto blauer und saftiger werden – für dich.«
»Pst!« machte ein dritter. »Sie war die Frau des Kral. Da ist es etwas anderes. Da haben alle Anteil am Begräbnis. Der Branntwein war gut. Es wird ein Leichenschmaus, wie ihr noch keinen erlebt habt.«
Darauf sprachen sie von Mädeln und von Manövern. –
Zwei alte Weiber humpelten zusammen.
»Mein Gott«, sagte die alte Wičaz, die Mutter des Knechtes Lobo, »man kommt im Leben zu nichts. Ich hab' doch so viel Wanzen in meinem Bett, und da hab' ich ein paar gefangen und in eine Federspule gesperrt und die Spule an beiden Enden mit Wachs verklebt. Ich wollte sie in den Sarg stecken, daß ich alle Plagegeister los würde. Aber ich habe ja nicht allein an den Sarg kommen können. Es waren ja immer Leute da. Nun ist gar das Wachs von der Spule in meiner Tasche abgegangen, und die Viecher sitzen mir im Kirchenkleide. Ein armer Mensch hat kein Glück.«
»Wart, bis der alte Kito stirbt«, tröstete die andere. »Der macht's nicht mehr lange. Und bei dem sind nicht viel Leute. Der nimmt die Wanzen mit.«
»Hast du nicht deine Wanzen dem Merten mitgegeben?«
»Ja, aber sie haben nicht mit ihm gehen mögen, weil der sich doch gehangen hat und in die Hölle gekommen ist. Sie sind wiedergekommen.«
»Also warten wir, bis der alte Kito stirbt. Auf den hat man sich immer verlassen können!« – – –
Juro ging mit den beiden Deutschen vom Kirchhof zurück. Sie redeten nicht viel. Es war nur, daß die Gäste nicht allein blieben. Am Kretscham stand Heinrichs Fuhre. Dort nahmen sie bald Abschied. Elisabeth sagte leise zu Juro:
»Es tat mir weh, daß ich am Grabe deiner Mutter allein so fremd war. Die Leute sahen mich an, als ob ich nicht dahin gehöre, und ich gehörte doch gewiß dahin.«
»Ich danke dir, daß du gekommen bist, Elisabeth. Es wird eine schwere Sache, die wir übernehmen wollen, weil wir nicht zu den Leuten hingehen, weil wir sie zu uns herüberziehen müssen. Aber wir wollen mutige Kameraden sein.«
Sie reichten sich die Hände und schieden. – –
Samo ging mit Hanka. Sie sprachen eine Weile nicht, dann hob Samo den Kopf, wies nach vorn und sagte:
»Da gehen die Deutschen. Sie sind aufdringlich. Wie alle Deutschen! Gestern das studentische Gefasele dem Vater gegenüber war direkt ekelhaft. Sie sind hinter Juro her.«
»Wie meinst du das?« fragte das Mädchen arglos wie ein Kind.
»Es ist nicht schwer zu raten. Sie wollen ihn für das deutsche Mädchen.«
»Für diese da? – Als Mann? Als Ehemann?«
»Ja natürlich!«
Hanka schüttelte den Kopf und sagte ruhig:
»Das darf er nicht. Eure Mutter hat es mit meinen Eltern ausgemacht, daß Juro mich heiratet. Das muß er nun doch tun!«
»Nimmst du ihn gern?«
»Ich weiß es nicht. Er spricht nicht mit mir. Gestern hat er mich ausgeschimpft und mir den Leichentopf zerschlagen. Eigentlich fürchte ich mich vor ihm. Aber er ist ein hübscher Mann.«
»Ja! Und er ist ein Glückspilz!« knirschte Samo zwischen den Zähnen.
Hanka senkte traurig den Kopf.
»Ich möchte am liebsten wieder heim. Es ist so schön zu Hause. In der Spinnstube war ich schon die Kantorka[8], und ich bin doch erst achtzehn Jahr.«
Samo blieb vor ihr stehen und sah sie an. Und die Trauer wich auf ein paar Sekunden aus seiner Seele, und er sah, daß Hanka schön und lieblich sei.
»Man sollte dich auf Händen tragen, Hanka!«
»Sie sind alle gut zu mir. Nur Juro ist streng. Er schalt mich gestern, daß ich wendisch sprach.«
Da kollerte ein leises, grimmes Lachen über Samos Lippen.
»Der zukünftige Kral!« sagte er verächtlich. »Nun, ich bin da und will aufpassen. Gehen wir durch die Seitengasse, Hanka. Ich will nicht am Kretscham vorbei. Ich mag diese Deutschen nicht grüßen.«
»Aber ich will das Mädchen sehen«, sagte Hanka. »Sie ist ein Fräulein, man sieht es gleich.«
Samo ging allein durch die Seitengasse. – – –
Der Kral schritt hochaufgerichtet seines Weges. Sein Gesicht war ebenmäßig feierlich. An diesem schweren Tage seines Lebens brach eine rote Sonne durch graue Nebel des Schmerzes, zeigte sich seine Königswürde.
Bis von Muskau her im Nordosten waren Trauergäste gekommen, viele aus dem Spreewald von Burg, Leipe und Lehde, auch von den Städten Lübbenau und Kottbus. Dann welche aus Wittichenau und den Dörfern um Hoyerswerda, endlich viele aus dem Sächsischen, und sogar der berühmte und gelehrte Herr Buchdrucker Schmaler aus Bautzen hatte den weiten Weg nicht gescheut. Er ging jetzt neben dem Kral, und seine Brille funkelte, und sein Slawenherz freute sich dieser einmütigen Kundgebung des Wendenvolkes. Er sprach vom reinen Slawentum, und daß es wohl vereinbar sei mit der preußischen Königstreue.
Alle aber, die von weither gekommen waren, drängten sich an den Kral heran, wollten genau sehen, wie er ausschaue, und daheim Kunde geben vom König, dessen Bild auf keiner Münze und in keinem Buche stand. Eine Röte stieg dem Kral in die Wangen und verdrängte die bleiche Trauer. Und Dankbarkeit war in seinem Herzen für die Frau, die jetzt eingescharrt wurde. Zweimal in seinem Leben hatte er durch sie sein Königtum deutlich gefühlt, am Hochzeitstag, da er sie bekam, und heute am Begräbnistag, da er sie verlor. Beide Male hatte das Wendenvolk seine Vertreter zum Kral geschickt aus allen Dörfern und Städten.
»Gebt uns die Ehre!« hatte der Kral zu allen gesagt, die ihn begrüßten. Der König lud sein Volk zum Mahle. Im Großgarten waren lange Tafeln aufgeschlagen; in allen Stuben, selbst in der Scheune waren Tische und Stühle. Das war kein gewöhnlicher zakopowane[9] mit gelber Suppe und etwas Branntwein und Butterbrot, das war ein großes Mahl mit gekochtem und gebratenem Fleisch. Es gab Bier, Branntwein und Tabak für die Männer und Kaffee mit Kuchen und Schokolade für die Frauen. Selbst Zuckererbsen für die Kinder gab es wie bei einer Hochzeit. Der Kral ging ein paarmal durch die Reihen der Schmausenden, hörte viel Gerede an und sprach selbst selten ein Wort.
Samo setzte sich der Reihe nach zu allen Leuten aus fremden Ortschaften, war freundlich und vertraulich mit ihnen.
Hanka herrschte über die Küche und die Speisenträger. Die Burschen sahen sie mit Entzücken, die Mädchen mit Neid. »Ob sie heut abend im Kretscham mittanzen wird? Denn getanzt muß werden bei einem so großen Begräbnis.«
»Jawohl! Aber das Mädchen ist zu nahe verwandt, sie wird nicht tanzen. Sie wird Juros Frau werden. Deswegen ist sie hier.«
»Wo ist Juro?«
»Der ist nicht zu sehen. Sein Bruder macht sich viel gemeiner«[10]. – – –
Juro ging einsam durch die Felder. Der Totenschmaus war ihm zuwider. Kaum, daß das Totengeläut verhallt ist, geht das Klingen der Gläser an. Barbarisch ist das, abscheulich! Es ekelte ihn.
Er ging weiter den Feldrain entlang und hing in Gedanken der Mutter nach, dachte an lichte Kindertage, da ihre Liebe sein junges Leben vergoldet hatte.
Schließlich mußte er doch umkehren.
Da sah er ein bewegliches Männlein den Weg entlangkommen. Juro kannte den Mann sehr gut. Schmaler, der Buchdrucker aus Bautzen, war er. Juro wußte seine ganze Geschichte. Wie er mit einem Stipendium des preußischen Königs studiert, wie er dann seine ganze Lebensarbeit der Erhaltung des wendischen Slawentums gewidmet hatte. Ein Mann, der seine kleine Buchhandlung hatte, der ein wendisches Blättchen herausgab, selbst redigierte, die meisten Artikel selbst schrieb, das Blatt selbst druckte und versandte. Ein seltsamer Mann. Wenige seiner großen buchhändlerischen Kollegen waren so weit bekannt wie dieser Zeitungs- und Bücherkrämer. In Moskau kannte man ihn, aus Prag wallfahrteten tschechische Politiker, Schriftsteller, Studenten zu ihm. Er trug auch heut am Begräbnistag an seinem schwarzen Rock den russischen St. Annenorden zweiter Klasse. Er war der Mann, auf den die Panslawisten aller Völker für das »Slawentum an der Sprewja«[11] ihre Hoffnungen setzten.
Inzwischen trafen sich die beiden Männer, Schmaler, der wirkliche, geistige Kral der Wenden, und Juro, der nominelle Erbe des wendischen Königtums.
»Sie werden sehr vermißt!« sagte Schmaler in wendischer Sprache.
»Ich kann diese Totenschmausereien nicht ertragen«, antwortete Juro deutsch.
Schmaler sah überrascht auf ihn.
»Sie sprechen deutsch mit mir?«
»Ja, Sie sind aus Bautzen, und Bautzen ist, denke ich, eine deutsche Stadt.«
»Sie wissen sehr wohl, wer ich bin, werter Herr, und Sie wissen auch, daß Budissin[12] eine uralte wendische Stadt ist. Was verdrießt Sie an den Wenden? Man hat mir schon gesagt, daß Sie kein Freund der Wenden sind.«
Schmaler hatte ruhig und mild gesprochen; Juro entgegnete heftig:
»Ich bin kein Freund der Wenden? Wer Ihnen das gesagt hat, Herr Schmaler, ist ein Lügner! Wer Ihnen das gesagt hat, ist ein Schuft!«
»Nun, nun, es kommt viel auf die Auffassung an. Wir können ja ganz ruhig miteinander sprechen. Und wenn Ihnen heute eine Aussprache nicht paßt, so verstehe ich das wohl und will Sie gewiß nicht quälen.«
»Wir können miteinander sprechen, Herr Schmaler, aber ich fürchte, wir werden uns nicht verstehen. Ich kenne Sie und Ihr Werk, und ich habe Hochachtung vor Ihren Talenten, Ihrer Ausdauer, Ihrem Opfermut. Sie sind ein Freund der Wenden in Ihrem Sinne, ich bin ein Freund der Wenden im gerade entgegengesetzten Sinne. Ich glaube nicht, daß so scharfe Gegensätze, wie sie zwischen uns sind, sich oft wiederholen.«
»Das soll heißen,« sagte Schmaler düster, »daß Sie alle meine Bestrebungen um die Erhaltung sorbischen Slawentums in der Lausitz verwerfen, wenn nicht gar bekämpfen wollen.«
»So ist es!« sagte Juro aufrichtig.
Schmaler schwieg eine Weile, dann sagte er:
»Ich könnte Sie um die Begründung Ihres Urteils fragen, aber ich kenne alle Einwände, die gegen mein Werk erhoben werden. Sie halten es für vergeblich.«
»Ja! Für so vergeblich, wie wenn Sie in heißen Frühjahrstagen mit einem eisernen Haken eine Eisscholle in der Spree festhalten wollten. Die Wenden schwimmen im deutschen Fluß, und unter der deutschen Kultursonne wird Ihnen die Scholle, die Sie festzuhalten sich bemühen, trotz aller Haken und Anstrengungen zerrinnen.«
Wieder entgegnete Schmaler nicht gleich. Dann sagte er:
»Sie wissen, daß alle Gleichnisse hinken. Ich könnte Ihnen hundert andere entgegenstellen, z. B. daß es mir lieber ist, als armer Häusler in eigener Hütte zu wohnen, als daß ich als Dominialknecht zu einem großen Herrn zöge.«
»Knechte sind die Wenden nur so lange, als sie Wenden bleiben. Werden sie Deutsche, so sind sie freie Kinder des freien Hauses.«
»Mein Gott, so spricht der zukünftige Kral!«
»Herr Schmaler, Sie wissen, daß unser Königtum eine Illusion ist.«
»Nehmen Sie die Illusion aus der Welt, und die Staaten und die Gemeinschaften und die Familien und alles individuelle Leben geht in Trümmer. Fällt Ihnen nie ein, was für Kulturwerte versinken, wenn dieses Volk untergeht? Glauben Sie nicht, daß nur im Individualismus die Welt schön und liebenswürdig sein kann? Glauben Sie nicht, daß es zum Sterben langweilig wäre, wenn auf der Welt überall dieselbe Art Menschen wohnte?«
»In der Welt ja; aber ein Reich ist nur in einer Einheit bewundernswert. Das weiß sonst niemand besser als die Panslawisten.«
Juro sagte es mit einem Seitenblick auf Schmaler. Der entgegnete ruhig:
»Ich bin ein Panslawist. Es sind mir oft in slawischen Ländern gute, wohlbesoldete Stellen angeboten worden; ich bin im sächsischen Budissin geblieben, habe dort meine Kraft, meine Gesundheit, mein Vermögen zugesetzt im Dienst der wendischen Sache. Aus Eitelkeit, werden meine Feinde sagen, aus der Sucht heraus, ein Eigenbrötler zu sein, der Beachtung findet. Das mögen sie sagen; ich verachte es.«
»Ich meine, daß Ihre ehrlichen Gegner an Ihren Idealismus glauben, Herr Schmaler; ich jedenfalls gehöre zu diesen.«
»Danke! Das eine kann man mir auch jedenfalls nicht bestreiten, daß ich ein loyaler sächsischer Untertan bin.«
»Sehen Sie, Herr Schmaler, das würde ich bestreiten. Ich glaube, daß Sie Ihre staatsbürgerlichen Pflichten erfüllen, aber Ihre Seele gehört hinüber zu den Tschechen, mit denen Sie eine Spracheinheit anstreben, mit denen Sie ständig sympathisieren.«
»Was soll ich tun? Sie selbst sagen, daß meine Scholle zerbröckelt. Festigkeit, geistigen Inhalt für meine Sache kann ich nur bei unseren slawischen Brüdern suchen. Ich suche Stärkung bei den Slawen für unser wendisches Volkstum, aber ich suche keinen politischen Anschluß an sie. Ich will die Erhaltung des sorbischen Slawentums innerhalb der bestehenden Staatsverbände. Ist das Landesverrat?«
»Landesverrat nicht! Nein! Sicherlich aber auch nicht Patriotismus, der die Wurzeln seiner Kraft nicht im Auslande hat.«
»Vaterland? – Welches Blut haben uns unsere Väter vererbt? Wo zieht es uns hin?« –
Sie waren inzwischen nahe an das Gehöft gekommen, wo festliches Treiben war. Mitten aus dem Lärm hob sich das widerliche Geschrei eines Betrunkenen ab:
»Njet hordujo ta kóža přepita!«[13]
»Hören Sie! Hören Sie!« keuchte Juro. »Ist das nicht eine Roheit sondergleichen? Ist das nicht gemeiner Kannibalismus! Wenn ich den Kerl erwische, schlage ich ihn nieder!«
Er wollte voran. Schmaler faßte ihn am Arm und hielt ihn fest.
»Es ist roh! Ja, es ist widerlich roh! Aber der Mann ist betrunken!«
»Oh, es wird nicht lange dauern, da brüllen sie alle dieselbe Gemeinheit!«
»Nicht doch! Denken Sie daran, daß solch arme Leute jeden öffentlichen Anlaß zu einer Festlichkeit benutzen, weil ihr Leben so wenig Feste hat.«
»Da sind sie voll von diesem eklen Kannibalenfraß, da dürfen sie von einer edlen Toten sprechen wie von einem geschlachteten Tier! Ich halte es nicht aus! Ich werfe sie hinaus; ich werfe sie alle hinaus!«
»Es sind die Gäste Ihres Vaters! Roheiten kommen überall vor. Beruhigen Sie sich! Es ist ein ungebildetes Volk! Sie denken sich nichts so Schlimmes dabei!«
»Prosit! Prosit!« scholl es vom Großgarten her, und wieder kam der rohe Satz:
»Njet hordujo ta kóža přepita!«
Da überfiel Juro ein starker physischer Ekel; ein Brechreiz würgte ihn, dann riß er sich los und eilte nach dem Großgarten. Er sah eine Gruppe zechender Männer.
»Prosit, Juro, prosit!« schrien sie. »Njet hordujo …«
»Wollt ihr schweigen, ihr – ihr – Schweine!«
Juro brüllte es.
»Ist das ein Sauffest? Dürft ihr so von meiner Mutter sprechen? Hinaus, sage ich, hinaus mit euch besoffenem Pack!«
Die Gesellschaft erschrak. Blöde, ernüchtert sahen sie den tobenden jungen Mann an.
»Was – Was sagt er?« grunzte einer.
»Was ich sage? Daß ihr eine besoffene Horde seid, die sich benimmt wie die Wilden!«
Nun ging ein Skandal los.
»Wir haben doch den Branntwein nicht gestohlen!«
»Wir sind doch nicht zum Spaß so weit hergelaufen!«
»Er ist ein aufgeblasener Bengel!« – »Er hat uns beim Totenschmaus der eigenen Mutter verjagt!« – »Pfui, er ist geizig!«
»Da – da hast du dein Fett!«
Und es warf einer das Schnapsglas nach Juro, das haarscharf an seinem Kopf vorbeisauste. Mit einer unflätigen Beleidigung stampfte der Kerl davon. Eine Anzahl anderer warf die Gläser ebenfalls ins Gras und ging davon.
Der Kral kam schnell heran und sagte laut:
»Ich bin hier der Herr! Wer mein Gast ist und wem es hier gefällt, der bleibt!«
Aber wenige blieben. Juro ging zitternd vor Aufregung ins Haus.
Schmaler trat an den Scholta heran und sprach einige aufklärende Worte.
»Es hat mir auch wehgetan, wenn sie so brüllten«, sagte der alte Hanzo; »aber es ist eine Redensart seit alters her. Und Gäste soll man nicht vertreiben.«
»Juro ist kein Wende mehr«, sagte Samo, der auch herangetreten war. »Er hat sich so mit Haut und Haaren den Deutschen verschrieben, hat sich so an geschniegelte Kreise angeschlossen, daß ihm alles in der Heimat zu roh ist, daß er sich zimperlich benimmt wie ein Frauenzimmer. Mit den Deutschen ist er gegangen; mit einem Wenden hat der feine Herr nicht gesprochen.«
»Nur mit mir!« sagte Schmaler. »Freilich haben wir gestritten. Ich kehre bedrückten Herzens heim, weil ich gesehen habe, wie der zukünftige Kral über das Wendentum denkt.«
Ein Seufzer kam aus der Brust des alten Hanzo, und er wandte sich, ohne weiter ein Wort zu sagen, wieder zu seinen Gästen. Eine Anzahl kam zurück. Es wurde weiter geschmaust und getrunken, aber es ging stiller her. – Schmaler und Samo gingen nun ein Stück den Feldweg entlang. Sie verstanden sich besser.
Schmaler erzählte mit Begeisterung von Prag.
»Ich kann es nicht begreifen«, sagte Samo, »daß mein Vater darauf bestand, ich müsse in Breslau studieren. Mir ist das deutschgewordene Nest, das Slawen gegründet haben, zuwider. Wir wendischen Studenten gehören nach Prag. Denn die Lausitz gehört ebenso wie Schlesien geschichtlich und rechtlich zur ›Koruna ceska‹«[14].
Schmaler schüttelte den Kopf.
»Ich gehe nicht so weit, ich fasse unsere Stellung zu den verwandten Tschechen anders auf!«
»Was man will, muß man ganz wollen, Meister Schmaler. Los von den Deutschen! Die deutsche Länderkrume, die uns von den tschechischen Brüdern trennt, ist dünn genug, daß man sie durchbrechen kann. Wir müssen nur ausharren, festhalten, hier treu bleiben auf dem slawischen Vorposten. Jahrhundertelang hat unser armes Volk den deutschen Druck ertragen und ist slawisch geblieben im fremden Joch, im fremden Land. Sehen Sie dagegen auf die Deutschen! Alle fremden Sprachfetzen lesen sie auf, die vom Schneidertisch anderer Nationen fallen, behängen sich damit und glauben sich geschmückt. Ihre Nationalität hält im fremden Land nicht vom Vater auf den Sohn. Weil sie nichts taugt! Und deshalb werden unsere tschechischen Brüder Tag um Tag weiter vordringen gen Norden, und eines Tages werden wir mit ihnen vereinigt sein. Dann wird man sowohl vor den Mauern Berlins wie vor den Mauern Wiens die slawische Sprache hören.«
»Sie gehen zu weit, Sie gehen viel zu weit in Ihren Plänen und Hoffnungen«, sagte der vorsichtige Schmaler besorgt.
»Ich setze mir ein Ziel: Erhaltung des Sorbentums als Vorposten der siegreich vordringenden Slawen.«
Schmaler schwieg. Er mochte sich zu solch kühnen Worten nicht äußern.
»Liegt es nicht an der Feigheit unserer Intelligenz, wenn das Sorbentum leider Gottes zurückgeht?« fuhr Samo fort. »Wenn wir solche Führer haben wie meinen Bruder Juro, dann Gnade uns Gott!«
»Auch ich fürchte von ihm viel«, sagte Schmaler.
»Er darf kein Führer werden; er darf es nicht! Ich werde es verhindern. Gott sei Dank, ich glaube, er will es auch nicht. Er ist zu feig und oberflächlich dazu. Ich sah mit scheelen Augen darauf, daß er hinter einer Deutschen herlief. Ich war ein Esel. Ein Glück ist diese Liebschaft! Er soll sich nur sein bleichsüchtiges Ding nehmen, nach Berlin ziehen und alle zehn Jahre einmal nach Hause zur Kirmeß kommen. Öfter gehört er auf unsern Hof nicht! Da ist er unmöglich! Vollends mit seiner deutschen Zierpuppe. Auf unsern Hof gehöre ich!«
»Er ist der Erbsohn«, warf Schmaler ein. »Er ist auch nach der Tradition der zukünftige Kral.«
»Haben nicht andere abgedankt als er, wenn sie unfähig waren für ihre Sache? Er wird abdanken!«
»Ich will mich in einen Familienstreit nicht mischen«, sagte Schmaler wieder vorsichtig.
»Das ist kein Familienstreit, das ist eine Sache, die alle angeht und die Sie unterstützen sollten, wenn eine Unterstützung nötig wird.«
»Ihr Vater ist noch jung. Wir müssen die Entwicklung der Dinge abwarten.«
»Die Dinge werden sich rasch entwickeln. Denken Sie an Hanka! Sie ist das letzte Mädchen aus dem Geschlechte, das uns als das königliche gilt. Meine Eltern und ihre Eltern haben sie für Juro bestimmt. Und wenn er sich um seiner deutschen Liebsten willen weigert, das Mädchen zu nehmen? Wenn er mit seiner deutschen Frau als Arzt nach irgendeiner Stadt zieht? Nach allen seinen Äußerungen glaube ich bestimmt, daß er das tun wird. Nun, irgend jemand wird wohl die Sache hier übernehmen müssen.«
Schmaler drückte Samo die Hand.
»Sie wissen, daß ich Sie hundertmal lieber als Herr auf dem Hofe sehen würde als Ihren Bruder.«
»Das genügt mir!« sagte Samo, und seine dunklen Augen funkelten.
Dann sprach er von der Zeitung, die Schmaler herausgab, von der »Sorbske Nowiny«. Er lobte Schmalers Bestreben, die deutschen Fremdwörter und Lehnformen aus der wendischen Sprache auszurotten und überall da, wo ein rein wendisches Wort nicht vorhanden war, tschechische Formen einzuführen. Er versprach auch, selbst an der »Sorbske Nowiny« mitzuarbeiten, zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche und wies auf einen Artikel.
»Den müssen Sie abdrucken. Der trifft das Richtige!«
»Sie lesen Russisch?« fragte Schmaler.
»Ja, ich habe mich von Kindheit an mit dieser Sprache befaßt.«
Schmaler, der ebenfalls des Russischen mächtig war, las:[15] »Wir Slawen bewundern den Genius der Semiten auf dem Gebiete religiöser Schöpfungen, den der Griechen auf dem Gebiete der Wissenschaften und Künste, den Genius der Römer auf dem Gebiete des Rechts und der Politik; wir bewundern den begeisterten Schwung des Spaniers und Italieners, das gesellschaftliche Talent und den Geschmack des Franzosen, die schöpferische Kraft und die Erfindungsgabe des Engländers. Was kann dagegen der Deutsche für sich beanspruchen? Was ist an ihm genial, was ideal, was vollendet? Ist sein Glaube nicht abstrakt und sein Unglaube kühl, seine Philosophie phantastisch und seine Poesie philosophisch? Seine soziale Existenz, sein Feudalismus, sein Junkertum, sind sie nicht die Negation der Menschenrechte, die organisierte Gewalttat? Können seine gute militärische Disziplin, seine Mäßigkeit und Akkuratesse, sein kaltes, herzloses, maschinenartiges Ausführen dessen, was ihm befohlen wird, selbst auf Kosten der geheiligten Gefühle der Großmut und des Mitleids – können sie dieses Volk erheben und Liebe erregen? Können seine Arbeitsamkeit und Pünktlichkeit den Mangel an Humanität und schöpferischer Kraft ersetzen? Möge die geschichtliche Vorsehung die Slawen vor dem Wege der Entwicklung bewahren, auf dem sie den Deutschen ähnlich werden könnten!«
»Haben Sie das selbst geschrieben?« fragte Schmaler.
Samo zuckte die Achseln.
»Geschrieben oder nicht, es ist meine Meinung. Und Sie sollen den Artikel abdrucken.«
»Nein«, sagte Schmaler, »er ist zwar geistreich, aber er schießt über das Ziel hinaus. Die Russen können unmöglich den Deutschen den Vorwurf kalter Herzlosigkeit, Unfreiheit und schöpferischer Unproduktivität machen. Solche Angriffe verfehlen ihren Zweck.«
Samo zuckte die Achseln.
»Wer dieses Volk angreift, hat immer recht. Die ›Nàrodni listi‹ in Prag sollten Sie sich zum Muster nehmen. Das Blatt nennt das Ziel, stellt die Aufgabe klar, wenn es schreibt: ›Wir werden immer auf seiten jenes Volkes stehen, das gegen die Deutschen den Krieg unternimmt, weil der Feind unseres Feindes stets unser Freund ist.‹ Sehen Sie, Pàn Schmaler, das ist stark und zielbewußt! Für Ihre ›Sorbske Nowiny‹ aber werde ich nichts schreiben können, weil ich fürchte, dies Blatt ist zu deutschfreundlich.«
Das mußte sich der alte Wendenführer von dem jungen Manne sagen lassen. Als er gen Bautzen nach Hause fuhr, mußte er sich eingestehen, daß er sich mit keinem der beiden Söhne des Kral verstanden hatte, mußte er sich sagen, es sei doch eine mißliche Sache, in Prag und Moskau als Vertrauensmann zu gelten und daheim dem König von Preußen ein Wendenbuch zu widmen.
An dem Begräbnis hatten auch Hankas Eltern, wohlhabende Bauersleute aus dem Sächsischen, teilgenommen. Am Abend noch sprach der Scholta zu ihnen: »Herr Vetter und Frau Muhme, ich hätte euch eine herzliche Bitte auszusprechen. Meine Frau hat sich eure Tochter Hanka auf ein paar Wochen zum Besuch ausgebeten. Es war unser beiderseitiger Wille, daß die Jungfer und mein Sohn Juro sich wiedersehen sollten, damit, wenn Gott es will, ein Paar aus ihnen werde. Nun ist mir die Frau gestorben …!«
Er hielt nach dieser langen Rede müde inne und machte eine Handbewegung, die bedeuten sollte: alles andere könnt ihr euch wohl selbst denken. Die Mutter Hankas verstand ihn auch.
»Der Herr Vetter meint, weil das Hauswesen jetzt ohne Frau ist, so sollten wir in Gottes Namen die Hanka auf längere Zeit hierlassen, daß er nicht ganz allein ist, wenn die Herren Söhne wieder fortziehen, und daß eine weibliche Aufsicht wäre.«
Hanzo nickte der Frau dankbar zu. Er freute sich, daß sie ihm das weitere Sprechen und Bitten ersparte.
Die Frau aber schwieg jetzt, und auch ihr Mann schwieg. Sie brauchten sich ihre Gedanken nicht mitzuteilen. Sie dachten alle drei dasselbe: daß Hanka an einem Unglückstage in dies Dorf eingezogen, daß ihr unterwegs die Smjertniza begegnet war. Der alte Scholta suchte endlich die Bedenken zu zerstreuen, indem er sprach:
»Bog te swoje žiwńe gromadu zwežo!«[16]
Diesem Spruche dachte die Frau nach, und ihr Mann wartete, wie sie sich entscheiden werde.
Endlich sprach die Mutter Hankas:
»So wollen wir das Mädchen in Gottes Namen hierlassen, bis der Herr Vetter seine Wirtschaft gerichtet hat.«
Der Mann sah seine Frau an, als wollte er sagen: Ich hätte erwartet, daß wir uns anders entscheiden würden. Aber die Frau sagte: »Gott hat das Kind behütet und auch mit tollen Pferden gesund hierher geführt, es mag hierbleiben.«
Hanka wurde nun herbeigerufen, und der Familienbeschluß wurde ihr mitgeteilt. Da rannen ein paar helle Tränlein über die roten Wangen des Mädchens.
»Es war so schön zu Haus. In der Spinnstube war ich schon die Kantorka!«
»Du wirst hier auch die Kantorka werden!« tröstete die Mutter. Das Mädchen aber hielt die Hände vors Gesicht. Da stand die Mutter auf und sagte recht barsch:
»Höre, Hanka, ich will nicht hoffen, daß dir ein Kerl von zu Haus im Kopfe steckt.«
Das Mädchen sah sie groß an.
»Nein! Wie wäre das möglich? Ich denke, ich soll den Juro heiraten!«
Da nickten sich die drei Alten befriedigt zu: »Sie ist ein folgsames Kind!«
Ein Weilchen war's still, dann seufzte die Frau und sagte:
»Der Herr Juro hat ein gar hitziges Blut!«
Ihr Mann wollte nun auch was sagen und sprach:
»Das muß so sein bei den Herren Studenten.«
Die Frau sah ihn an und sagte nichts. Aber der Mann wußte, daß sie bei sich dachte: Was faselst du? Du hast in deinem Leben keine fünf Studenten gesehen. Das war wahr, und der Mann nahm sich vor, ein andermal mit Reden nicht so voreilig zu sein.
»Er wird ein schweres Leben haben, wenn er erst auf dem Gut ist und so hitziges Blut hat«, nahm die Frau das Thema wieder auf.
»Er wird älter werden!« sagte der Kral.
»Und er hatte ganz recht«, rief Hanka, halb noch in Tränen. »Ich habe auch einem von den Kerlen, die so lärmten, eine Flinka[17] gegeben.«
»Du?!«
»Ja, es kam einer an die Küchentür und sagte den gemeinen Spruch: ›Jana stawa baba‹.«[18]
»Der Kerl! Da hattest du recht, daß du ihm eine Flinka gabst. Was sagte er?« fragte die Mutter.
»Ach, er lachte und meinte: Ei sieh, das Kätzchen gibt die Pfote!«
»Und du?«
»Ich gab ihm noch einmal die Pfote!« sagte Hanka und lachte auch.
Die Eltern sahen stolz auf den Scholta: »Sieh, was für eine Schwiegertochter du bekommst!«
»Juro ist streng!« sagte Hanka nachdenklich, »er hat auch auf mich schon sehr geschimpft. Aber er ist schöner als alle!«
Da sahen die Eltern wieder auf den Scholta: »Nehmt euch diese Perle wahr!« Hanzo nickte.
Als die Eltern Hankas an die Heimreise gingen, schieden sie in Zufriedenheit, obwohl sie sich von ihrem zukünftigen Schwiegersohn Juro nicht einmal verabschieden konnten, weil er nirgends zu finden war. So hatte Juro mit ihnen außer einer kurzen Begrüßung bei der Ankunft überhaupt kein Wort gesprochen.
Der Scholta brauchte drei Tage und drei Nächte, ehe er sich zu dem Entschluß aufraffte, mit seinen Söhnen Rücksprache über die Zukunft zu nehmen. Endlich saß er mit ihnen in dem kleinen Stübchen, in dem sein uralter Schreibtisch stand, der so hoch war wie ein Schrank.
Der alte Hanzo schloß das Fenster und verriegelte die Tür. »Meine Söhne,« sagte er dann mit der ihm eigenen Feierlichkeit, »es hat sich in unserer Familie ein so großes Unglück ereignet, daß wir jetzt daran denken müssen, wie in Zukunft alles werden soll. Ich habe hier auf dem Papier alles aufgeschrieben, was die Mutter eingebracht hat, und es kommen jetzt nach ihrem Tode auf jeden von euch sechstausend Taler Mutterteil.«
Die Söhne sagten übereinstimmend, daß sie das Geld vorläufig aus dem Gute nicht herausziehen wollten.
»So werde ich euch jedem eine Hypothek auf das Geld eintragen lassen; denn es muß Ordnung sein«, sagte der Vater.
Damit – meinte er – sei alles erledigt, und er wollte die Tür wieder aufriegeln. Aber beide Söhne sagten, sie hätten noch mit dem Vater zu reden und wollten bald alles abmachen.
»Nun, so kommt zuerst Juro an die Reihe«, sagte der Scholta. Er sah gespannt auf den Sohn. Der redegewandte Juro stockte erst und brachte auch dann seine Sätze nicht ganz glatt heraus.
»Vater, du weißt, daß ich in meinem Berufsstudium hinter Samo zurück bin, obgleich ich ein Jahr eher auf die Universität kam als er. Er hat gleich von Anfang an Medizin studiert, und ich habe erst zwei Jahre mit der Jurisprudenz verloren, ehe ich auch zur Medizin umsattelte. Ich konnte aber nicht Advokat oder Richter werden; ich hatte mich in mir getäuscht. Nun wird Samo schon vor nächsten Ostern fertig, und ich werde noch ein und ein halbes Jahr brauchen, ehe ich approbiert bin. Es kommt dazu, daß ich auf deinen und der Mutter Wunsch nebenbei auch landwirtschaftliche Vorlesungen höre.«
»Wozu erzählst du das?« sprach Samo dazwischen, »das wissen wir doch.«
»Es gehört zum Ganzen«, sagte Juro. »Du weißt, Vater, daß ich mich für die Landwirtschaft bisher wenig interessiert habe; ich habe euch zuliebe diese Vorlesungen gehört, obwohl ich es für ganz unnütz hielt, und ich will dir gestehen, daß ich im Ernst gar nicht daran dachte, einmal Landwirt zu werden.«
Der Vater entgegnete nichts; er kannte die Interesselosigkeit des Sohnes an der Landwirtschaft.
»Aber, Juro, weshalb erzählst du das?« fragte Samo wieder. »Wir alle wissen, daß du kein Landwirt bist und also auch später einmal das Gut nicht übernehmen kannst.«
Juro wandte sich seinem Bruder zu, und der Haß blitzte auf in seinen Augen, und ein Lächeln der Schadenfreude spielte um seine Lippen.
»Und wer wird es übernehmen?« fragte er kalt. »Fremde Leute?«
»Ich bin auch noch da – ich –«
Juro brach in ein Gelächter aus.
»Du?! – Ja, du! – Ich verstehe! – Ich konnte es mir denken!«
Dann stand er auf und schrie den Bruder an:
»Nein, du wirst es nicht übernehmen! Ich bin der Erbsohn! Ich!! Ich bin der zukünftige Kral der Wenden!«
»Das bist du!« sagte der Vater und stand auf und sah mit leuchtenden Augen auf seinen Sohn, der ihm wie ein Wunder erschien in seiner plötzlichen Verwandlung.
Samo aber sah seinen Bruder ganz erschrocken an.
»Du – du – was fällt dir auf einmal ein?«
»Jetzt rede ich erst!« sprach der Vater mild, aber fest, und wandte sich an seinen ältesten Sohn.
»Dir hat Gott geholfen, Juro, er hat dir gezeigt, was du tun sollst, weil du der Kral der Wenden sein wirst. Die Mutter hat sich großen Kummer gemacht. Sie wollte noch mit dir reden, aber sie starb zu rasch. So werde ich dir sagen, was nötig ist. Wir wollen, daß du ein guter Hausvater und ein treuer Kral wirst, und wir haben bestimmt, daß du unsere Jungfer Hanka zur Frau nimmst.«
»Ich – was? – Ich – Hanka? – –«
Der Jüngling brachte keinen Satz zustande. Er stand blaß vor dem Vater, und es war, als ob sein Hirn lahm und seine Glieder starr geworden wären.
Samo schlug ein lautes Gelächter an.
Der Vater verwies Samo dieses Lachen mit strenger Gebärde.
Juro gewann endlich die Herrschaft über sich zurück. Er sprach nicht gleich, aber man sah an seinem Gesicht, wie rasch die Gedanken arbeiteten.
Schließlich sagte er mit ruhiger Stimme, durch die kaum ein merkliches Beben lief:
»Vater, der Eltern Wille ist in Ehren! Und das Mädchen, die Hanka, ist in Ehren! Aber ich werde Hanka nicht heiraten, denn ich habe bereits eine Braut.«
Der Vater sah ihm steif ins Gesicht und sprach:
»Du kannst keine Braut haben, Juro, denn ich weiß nichts davon. Es ist Sitte von alters her in unserer Familie, daß der Sohn mit seinem Vater spricht, ehe er mit einem Mädchen von der Ehe redet, und es ist Sitte, daß kein braves Mädchen mit sich von der Ehe sprechen läßt, ehe sie weiß, daß der Bursch mit seinem Vater einig ist.«
Juros Gesicht wurde dunkelrot. Aber er sprach mit ruhiger Stimme:
»Die Zeiten ändern sich, Vater! Unsere Zeit macht die Menschen schnell selbständig. Unselbständige Leute vernichtet sie. Ich bin schon lange mündig, ich habe so viel gelernt, um zu wissen, was ich tue, und ich werde nur das Mädchen heiraten, das ich mir selbst gewählt habe. Es ist Elisabeth von Withold.«
»Wer?«
»Elisabeth, die Tochter unseres Nachbarn!«
»Des Rittermäßigen?«
»Ja!«
Da ging der Vater auf den Sohn zu, tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die Brust und sagte:
»Weißt du, daß du ein Bauernjunge bist?«
»Ich weiß, daß ich ein gebildeter Mensch bin!«
»Das vergiß nicht, Vater!« rief Samo höhnisch dazwischen.
Der Bauer setzte sich an den Tisch. Er sah starr auf Juro und fragte dann:
»Und du hast es wirklich gewagt, das dem deutschen Edelmann zu sagen?«
»Ich habe es ihm noch nicht gesagt, weil es noch nicht möglich war, aber ich werde es alsbald tun!«
Da sprang der alte Wende auf, und eine Energie kam über ihn, die seltsam von seiner Art abstach. Seine sonst so ruhige Stimme wurde scharf:
»Du wirst es nicht tun! Du wirst uns die Schande nicht machen, daß der deutsche Edelmann den wendischen Bauernjungen mit den Hunden hinaushetzt!«
»Das wird er nicht! Das kann er nicht!« lächelte Juro.
»Er wird es tun! Er gehört zu den Deutschen, die die Wenden verachten! Er ist ein Ritter, und wir sind Bauern!«
»Laß das meine Sorge sein, Vater!«
»Nein, es ist meine Sorge. Ich bin der Vater! Die Schande kommt über uns alle!«
Da hielt Juro eine lange Rede. Er sprach von der Emanzipation des Wendenvolks, von seiner Gleichberechtigung mit den Deutschen, von dem Ausgleich zwischen den Ständen. Er sprach mit herzlicher Liebe und mit großer Begeisterung von Elisabeth und von ihrer Liebe zu ihm. Und er schloß:
»Wendin oder Deutsche – es ist gleich; adelig oder nicht adelig, es ist kein Hindernis für die Liebe! Wir lieben uns, weil wir uns lieben müssen, unsere Herzen haben zusammengeschlagen, ohne daß alte Vorurteile es hindern konnten. Die Zeiten, wo Menschen ihr Glück mit selbstgeschaffenen Ketten erwürgten, sind gottlob vorbei!«
Der alte Wende hörte ihm starr zu. Zuletzt schlug er die Hände vor's Gesicht und sagte:
»Ich wollte, ich wäre bei der Mutter!«
Juro sah ihn erschüttert an.
»Willst du mich nicht verstehen, Vater?«
»Nein, ich verstehe eure Welt nicht, in der alles ohne Sitte und Ordnung ist, alles von unten nach oben gedreht wird!«
»Vater, du warst immer gerecht. Du kannst kein hartes Urteil fällen über ein Mädchen, das du nicht kennst. Oder hast du je etwas Schlimmes von ihr oder ihrer Familie gehört?«
»Nein! Aber es sind Edelleute. Und ein Fräulein paßt nicht zu einem Bauernsohn!«
»Warum hast du uns studieren lassen, Vater? Doch darum, daß wir vorwärts kommen sollen in der Welt!«
»Ja, aber nicht so! Die Wenden haben keinen Arzt, keinen Advokaten, der ihre Sprache spricht, nicht einmal genug Geistliche und Lehrer, die Wendisch können. Da war es doch meine Pflicht als Kral, daß ich euch auf die Schule gab. Einer sollte Advokat werden, einer Arzt!«
»Nun werde ich auch Arzt. Aus innerer Neigung. Und ich werde mich ganz den Wenden widmen, die der ärztlichen Hilfe so nötig bedürfen!«
Samo, der mit feuerrotem Gesicht der Unterredung zuhörte, sagte nun dazwischen:
»Er wird die Kranken kurieren oder auch nicht kurieren – je nachdem –, und das gnädige Fräulein von Withold, die dann eine Bauernfrau geworden ist, wird indes zu Hause die Schweine füttern!«
Juro sah den Bruder kalt an.
»Wir haben uns nicht vertragen, als du noch glaubtest, ich würde dir Platz machen; wir werden uns natürlich erst recht nicht vertragen, nachdem du weißt, daß ich nicht dir zu Lieb' auf mein Erbe verzichte!«
Samo sprang auf.
»Bin ich ein Erbschleicher?«
Juro sah ihn mit strengen Augen an und zuckte die Achseln. Da holte Samo zum Schlage gegen ihn aus. Der alte Scholta aber hieb mit der Faust auf den Tisch.
»Wie benehmt ihr euch? Was erdreistet ihr euch in meiner Gegenwart? Geht hinaus! Beide!«
Die Söhne mußten das Zimmer verlassen, und der Vater blieb allein und sprach drei Tage lang mit keinem Menschen ein Wort.
Dann aber ließ er die Söhne wieder zu sich rufen.
»Ich will dich fragen, Juro, ob du es dir überlegt hast, daß ein adliges Fräulein nicht in unseren Hof als Bäuerin ziehen kann!«
»Elisabeth wohnt jetzt auch auf dem Hofe ihres Vaters. Sie interessiert sich für die Landwirtschaft und verträgt sich aufs beste mit allen Leuten!« entgegnete Juro kleinlaut.
»Sie haben ein herrschaftliches Schloß, einen Park!«
»Das brauchen wir nicht! Aber ich wollte dich allerdings bitten, Vater, daß ich mir hinter unserem Großgarten ein neues Wohnhaus bauen darf: nicht groß und prunkvoll, aber gesund und bequem!«
»Das soll heißen, Vater,« fiel Samo ein, »er baut nebenan ein deutsches Herrenhaus, und du darfst hier in der wendischen Kaluppe weiterwohnen und seinen Großknecht spielen!«
Es drohte wieder ein Streit auszubrechen, aber die Gegenwart des strengen Vaters hielt die Brüder im Zaum.
»Ich beabsichtige,« sagte Juro, »von hier aus meine ärztliche Praxis auszuüben und mich – soweit mir Zeit bleibt – unter deiner Leitung in die Verwaltung des Gutes einzurichten.«
»Und das Fräulein?«
»Sie wird zufrieden sein und dir eine gute Tochter sein.«
Der Alte schüttelte den Kopf.
»Sie ist eine Deutsche!«
»Gott sei Dank!« sagte Samo.
»Was meinst du damit?« fragte ihn der Vater.
»Ich meine, es ist gut, daß sie eine Deutsche ist. Sie paßt zu Juro, denn er ist auch ein Deutscher, ein Stockdeutscher.«
Der Vater sah mit forschenden Augen dem Sohne ins Gesicht.
»Er hat die Wenden oft unfreundlicher behandelt, als ich wünschte, aber deshalb kann noch kein Mensch behaupten, daß er ein Deutscher geworden ist«, sagte der Alte.
Juro, der erkannte, auf welches Geleise ihn der Bruder geführt, verschmähte es, sich zu verstecken.
»Ja, ich bin ein Deutscher«, rief er. »Ich will es, ich mag es, ich kann es nicht verheimlichen.«
»Und – und dein Wendentum?«
»Ich liebe die Wenden; aber ich sehe kein anderes Heil für sie, als daß sie Deutsche werden.«
»Ihre Sitte, ihre Sprache, ihre Gebräuche, ihr Volksglaube?«
Juro wartete einige Sekunden. Dann sagte er fest:
»Sie sind dem wahren Fortschritt der Wenden hinderlich. Darum müssen sie ausgetilgt werden.«
»Juro – Juro, bist du das – ist das mein Sohn, der so redet?«
»Ich kann nicht anders. Bei Gott, Vater, es ist meine Überzeugung!«
Er wollte auf ihn zugehen; aber der Vater wehrte mit beiden Händen ab.
Bleich und gesenkten Hauptes ging der alte Mann zur Tür. Dort blieb er stehen und sagte noch:
»Das ist das Schwerste, was ich im Leben hören mußte! Da gehört viel Zeit dazu, ehe ich das fassen kann.«
Juro streckte die Hände nach ihm aus, aber der Vater schloß die Tür von draußen. – –
Birnbaum steht im weiten Felde[19]. Weiße Steine liegen drunter, Unter all den weißen Steinen Liegt ein rotes, gold'nes Ringlein. Durch das Ringlein wachsen Halme, Und die Halme tragen Blüten. Kommt ein Pfau dahergeschritten, Läßt die schönsten Federn fliegen, Kommt ein Mädchen hergegangen, Nimmt die Federn, flicht ein Kränzlein … — — — — — — Birnbaum steht im weiten Felde, Gold'nes Ringlein schläft darunter, Von dem Turme schallt die Glocke, Mädchen macht ein Rautenkränzlein.
»Das ist ein schönes Lied, Töchterchen«, sagte die alte Wičaz zu Hanka. Sie saß mit ihr im Hofe.
»Ein schönes Lied, und du hast eine schöne Stimme.«
»Zu Hause war ich schon die Kantorka«, erwiderte Hanka und seufzte. »Hier singt man wenig.«
»Wer soll singen?« sagte die Wičaz. »Ich weiß einen, der singt schöner als alle Burschen; das ist mein Sohn Lobo.«
»Dein Lobo trinkt zu viel Branntwein. Wäre er nicht betrunken gewesen, hätte vielleicht der Wagen mit der Tante nicht umgeworfen. Palenc je walenc!«[20]
Die alte Wičaz schüttelte den grausträhnigen Kopf. Sie war als die Sprichwörter-Wičaz bekannt, da sie beständig Sprichwörter in lehrhaftem Ton gebrauchte, ärgerte sich aber, daß ihr jetzt das Mädchen mit dem verdrießlichen Vers: »Palenc je walenc« kam, denn sie hielt auf ihren Sohn Lobo.
»Töchterchen, das redest du so«, meinte sie ärgerlich. »Du kennst gewiß nicht den richtigen Spruch:
»Woda wšitko zhloda!«[21]
»Hättet ihr mit einem verhungerten Kutscher fahren wollen? Mein Lobo ist gut und stark und hat eine schöne Stimme. Gegen die Smjertniza konnte er euch freilich nicht helfen, obwohl er stark war. Sonst – ist er so fromm wie der Kater beim Quarge.«
»Sie hacken, sie pflügen – Da bleib ich hübsch liegen; Sie fressen und saufen – Da komm ich gelaufen.«
»Da – da habt Ihr Euren Sohn! Er singt schöne Lieder!«
»Töchterchen, der Gesang muß lustig sein; sonst ist er kein guter Gesang. Es muß Schmalz darin sein! Siehst du, dort kommt er, mein Lobo. Er ist doch ein schöner, starker Bursch!«
»Betrunken ist er schon wieder am Vormittag. Pfui! Ich gehe ins Haus!«
Sie verschwand.
»Ich sehe dich, Mutter!«[22] rief Lobo von weitem, trank aus einer Flasche und kam dann heran. Er blieb vor der alten Frau stehen, sah sie beinahe schadenfroh an und sagte unvermittelt:
»Mutter, wir müssen fort!«
»Wir? Fort? Was? Was faselst du? Wohin?«
»Das weiß ich nicht. Der Neue, der Juro, will uns rausschmeißen.«
»Rausschmeißen? Uns? Mich?«
Das alte Weib grunzte vor Überraschung.
»Ich bin mein Lebtag auf diesem Hofe gewesen. Ich gehöre hierher! Bist du verrückt, du Süffling?«
Lobo zuckte die Achseln. »Wenn Ihr schimpft, erzähl' ich nichts mehr.«
»Erzähl es, sag es, Lobo!« besänftigte sie ihn.
»Nein!«
»Erzähl es, Lobo, mein Söhnchen! Ich habe noch sechs Dreier in der Ulmer, die geb' ich dir«, bat sie.
»Sechs Dreier? Und Ihr sagtet, Ihr hättet kein Geld? Sechs Dreier sind zu wenig.«
»Ich habe noch zwei Silbergroschen, die geb' ich dir.«
Der Trunkenbold blinzelte die Mutter an.
»Es ist wegen der Frau. Weil die Smjertniza den Wagen umgeworfen hat. Der Juro hat keine Religion, er sagt, die Smjertniza ist dummes Zeug.«
Das Weib schlug die Hände zusammen.
»Daß ihn der Teufel hol!«
»Er wird ihn schon holen!« sagte Lobo grimmig, »ihn und den alten Kito, diesen abgefaulten, alten Lumpen. Kito weiß, daß Ihr ihm unsere Wanzen mit in den Sarg geben wollt, wenn er stirbt. Die Wanzen will der Kito nicht annehmen. Er vermacht dem abgefaulten Baier, dem Wilhelm, zehn Taler, und der wird Wache beim Sarge halten, wenn Kito stirbt.«
»Ah, der schlechte Kerl! Der Wanzenwächter! Aber, mein Söhnchen, deshalb ziehen wir nicht aus. Da werde ich eben die Wanzen behalten.«
»Behalten oder nicht, fort müssen wir doch! Denn sie haben dem Juro die Wanzengeschichte erzählt und auch erzählt, daß Ihr immer mit einer Federspule um den Sarg der toten Frau geschlichen seid, und da heißt es jetzt: fort!«
»Wer sagt das?«
»Juro sagte es zu mir. Wir müßten raus. Er wird nicht ruhen, bis wir raus sind. Er hat uns Schweine genannt.«
Das Weib schlug die Hände zusammen.
»Der Grobian! Ach, er ist dazu imstande; er tut's! Hat er doch sogar die reichen Leichengäste hinausgeworfen.«
»Ich sehe dich, Mutter«, lallte Lobo und trank ihr zu. »Ich werde den Juro totschlagen.«
Da faßte ihn seine Mutter an der Hand.
»Rede nicht so laut, mein Söhnchen; ich werde dir auch drei Silbergroschen schenken.«
»Der Wilhelm, der abgefaulte Baier, wird auch rausgeschmissen«, grinste Lobo. »Den schmeißt der andere raus – der Samo.«
»Was sagst du, Samo hat den Wilhelm fortgejagt, den Deutschen?«
»Ja, Juro hat gesagt, ich und du werden rausgeschmissen, und Samo hat gesagt, Wilhelm wird rausgeschmissen.«
Die Alte grinste.
»Die zwei werden den ganzen Hof ausräumen.«
»Ja, es fehlte nicht viel, daß sie sich prügelten, die feinen Herren. Es wär' mir recht gewesen. Den Juro wollt' ich schon besorgen. So habe ich bloß meine Hacke weggeschmissen und bin abgezogen. Alle fünf streck ich gerade und mach' keinen mehr krumm. Ich sehe dich, Mutter!«
»Lobo, mein Söhnchen, geh' arbeiten, daß dich der Scholta nicht sieht. Auf ihn kommt es an. Laß mich nur machen.«
Der Bursche torkelte erst nach vielen Bitten und Versprechungen nach dem Felde zurück. Die Alte blieb allein auf der Bank sitzen. Sie hatte heut keine »Tour«. Sonst ging sie als Botenfrau nach der Stadt, kehrte in vielen Häusern unterwegs ein, besorgte für die Leute allerhand Aufträge. Hier im Schulzenhofe hatte sie ein kleines Stübchen, in dem sie mit ihrem Sohn Lobo schlief.
Die Alte war klug und schlau auf ihre Weise. Sie kam viel bei Leuten herum, hörte mancherlei und wußte es für sich zu benutzen. Sie stand im Rufe der Wahrsagekunst und bekam viel Geld für das Besprechen von Krankheiten an Menschen und Tieren.
Jetzt blinzelte sie ins Sonnenlicht und dachte nach. – –
»Birnbaum steht im weiten Felde, Weiße Steine liegen drunter …«
Hanka sang im Hause. Die Alte hörte aufmerksam zu und sprach bei sich:
»Mit dem Mädel wird vielleicht etwas zu machen sein.«
Nun hörte sie drinnen ein Gespräch. Samo unterhielt sich mit Hanka.
»Das ist ein hübsches Lied. Wir singen es etwas anders. Du hast es von den Böhmischen«, sagte Samo.
»Ich weiß es nicht, ich habe es so gelernt«, erwiderte Hanka.
»Weißt du, was es bedeutet?«
Sie lachte.
»Meinst du, ich bin so dumm, daß ich nicht weiß, was ich singe?«
»Oh, das Lied ist gar nicht so leicht zu verstehen. Oder was denkst du dir unter dem Pfau, der seine Federn verliert, und unter dem Mädchen, das den Rautenkranz flicht?«
»Nichts! Es ist eben ein Pfau. Ich weiß, daß es eigentlich etwas Trauriges ist, weil der Rautenkranz sowohl der Brautkranz wie der Totenkranz ist; aber ich will nicht daran denken.«
»So – ja so! Ich finde, Hanka, du bist blässer, als du sonst warst. Schläfst du nicht gut oder fehlt dir sonst etwas?«
Sie seufzte.
»Ich weiß nicht, was mir fehlt. Ich kann nicht mehr so lustig sein. Vielleicht habe ich die Heimkrankheit.«
»Hanka, ich möchte so gern, daß es dir bei uns gefällt. Ich möchte dir alles verschaffen, was du willst, dir alles von den Augen absehen.«
»Ja, Samo, du bist ein guter Mensch!«
Er lachte bitter.
»Guter Mensch! Ich habe kein Glück. Ich bin nicht so schön und fein und geschniegelt wie – wie zum Beispiel mein Bruder Juro. Nicht wahr, der gefällt dir gut?«
»Er muß mir wohl gefallen. Es ist ja meine Pflicht, da ich ihn doch heiraten soll!«
Das Mädchen sagte es mit stockender, beklommener Stimme.
»Kein Mensch kann dich dazu zwingen, kein Mensch«, sagte Samo erregt. »Es ist dein freier Wille. Du kannst ebensogut einen – einen andern nehmen.«
Das Mädchen stieß einen langen Seufzer aus. Da trat jemand in die Stube, und das Gespräch brach ab.
Am Nachmittag desselben Tages traf die alte Wičaz wie von ungefähr Samo auf einem Feldweg.
»Laß die Geschichte mit den Wanzen,« sagte er zu ihr; »mein Bruder Juro will euch rauswerfen; aber ich werde schon sehen, daß ihr eure Kamorka[23] behaltet.«
»Druga ruka Druga gluka!«[24]
sagte die Sprichwörter-Wičaz. »Der Herr Samo ist ein freundlicher Herr. Vielleicht kann ich ihm dankbar sein. Ich habe die Karten aufgeschlagen und weiß wohl manches, was für den Herrn Samo gut wäre, auch zu wissen.«
Er machte eine abwehrende Handbewegung.
»Laß nur das mit den Karten! Ich will das nicht!«
Das Weib ging ein Weilchen schweigend neben Samo her. Plötzlich sagte sie halblaut:
»Zwei Adler fliegen aus dem Wendenland. Einer kommt zurück und baut sein Nest. Einer stürzt in den Lóbjofluß«[25].
»Was meinst du damit?« fragte Samo überrascht.
Die Alte antwortete mit einem Spruch:
»Wem Gott wohl will, Dem kommt's im Schlafe; Wem Gott nicht wohl will, Dem fällt's vom Löffel.«
Samo blieb stehen und sah der Alten scharf ins Gesicht.
»Ich glaube, daß ich dich verstehe. Aber ich weiß nicht, ob ich dir trauen darf.«
»So erlaube mir der junge Herr, daß ich ihm die Karten lege. Ich werde dann in seine Seele sehen und er in meine.«
Samo sah sich um. Es war niemand in der Nähe. Er setzte sich also auf einen Rand des tiefen Feldweges und wies mit stummer Gebärde der Alten ihren Platz gegenüber an. Sie zog ein Päckchen schmutziger Karten, auf die allerhand mystische und allegorische Bilder gezeichnet waren, aus der Tasche, mischte sie und ließ Samo abheben. Er tat es und wischte sich gleich darauf die Hand am Grase ab.
Die Alte breitete die Karten vor sich auf den Wegrand, kniete davor, fuhr mit dem Finger über die Karten, brummte allerlei vor sich hin und sagte dann:
»Der junge Herr wird bald sein Examen sehr gut bestehen.«
Samo lachte.
»Das denkst du dir. Da hast du was davon läuten hören.«
»Es steht in den Karten«, sagte die Wičaz ernst.
Dann suchte sie wieder lange mit ihrem dürren gelben Finger und fuhr fort:
»Der junge Herr liebt ein wendisches Mädchen!«
Sie sah dabei Samo an, der sehr rot wurde. Da war die Alte schon wieder bei den Karten.
»Das Mädchen ist für einen andern bestimmt; der junge Herr wird viel Kämpfe bestehen müssen, aber er wird das Mädchen erringen, weil es das Volk will.«
»Was heißt das: weil es das Volk will?«
Samo fragte es schnell und erregt.
»Der junge Herr wird der Kral werden!« sagte die Alte sehr ernst.
Da sprang Samo auf, und seine flackernden Blicke suchten die Umgebung ab.
»Bist du toll, Wičaz,« sagte er im Zischton, »du weißt, daß ich einen älteren Bruder habe.«
»Mit dem Kopfe werfen wie ein Herrenpferd, das frommt nicht zum Glück. Das Volk wird ihn nicht mögen, es wird den Herrn Samo wollen. Zwei Adler fliegen aus vom Wendenland. Einer kommt zurück und baut sein Nest, der andere ertrinkt im deutschen Fluß.«
»Du redest ja wie eine Weise, Weib!« rief Samo in höchster Überraschung. »Woher hast du diese Gedanken?«
Die Alte lächelte.
»Ich lese in den Karten und ich lese auch in den Herzen. Ich komme weit herum. Ich kenne viele Leute und sage ihnen ihre Zukunft. Soll ich Euch noch mehr prophezeien?«
Er wehrte ab. In angestrengtem Nachdenken saß er da. Ein tiefes, grünes Feuer glimmte in seinen Augen, die einen neuen Weg sahen.
Eine ganze Weile sagte er nichts.
»Ihr legt vielen Leuten die Karten?« fragte er dann.
»Es sind wenig Bauern auf dem Wege von hier nach der Stadt, und es ist keine Bäuerin, der ich nicht die Karten gelegt hätte. Alle jungen Männer kommen zu mir, auch viele Burschen, und in der Stadt habe ich eine Stube, wo ich alle Freitage und an jedem 7., 13. und 17. des Monats die Karten aufschlage; da sind oft an die dreißig, ja fünfzig Leute bei mir.«
»Wenden?«
»Ich spreche nicht Deutsch.«
Samo nickte.
»Ihr verdient viel Geld?« fragte er leichthin.
Sie lächelte.
»Vom Botengehen wollte ich nicht leben. Die Bäuerin gibt mir für einen schweren Korb, den ich ihr aus der Stadt mitbringe, einen Silbergroschen, und wenn ich ihr auf ein paar Minuten die Karten aufschlage, gibt sie fünf Silbergroschen. Nur mein Lobo darf nicht wissen, was ich verdiene. Ich will ihm einmal eine kleine Wirtschaft kaufen, wenn er erst ein ordentliches Weib hat.«
»Wenn Ihr Geld habt, warum wohnt Ihr in der kleinen Kamorka bei uns?«
Die Wičaz lächelte überlegen.
»Die Kartenlegerin muß arm sein,« sagte sie, »muß in einer Kamorka wohnen. Und sie muß Wanzen haben. Das gehört dazu. Und in Eurer Kamorka wohne ich, weil ich eben beim Kral wohne.«
»Ah – ich verstehe Euch!«
Samo betrachtete das Weib mit steigender Verwunderung und mit großem Interesse. Aber er beherrschte sich und sagte wieder leichthin, ja spöttisch:
»Nun, ich kann mir wohl denken, was die Leute auf dem Herzen haben und was Ihr ihnen weissagen müßt: ob man das čelatko[26] großziehen oder besser dem Fleischer verkaufen soll, wieviel Junge die ranca[27] bekommen wird, und vor allem, ob der Jakub der Maruška treu ist und ob der Pilip die Marja kriegen wird.«
Die Alte war nicht gekränkt.
»Ja, das fragen sie wohl. Die Burschen fragen mich, ob sie beim Militär Gefreiter werden können, und die Mädel, ob sie im grünen Rautenkranz zum Traualtar gehen werden; die Männer, ob ihre Wirtschaft in die Höhe gehen wird, und die Weiber, was sie tun sollen, daß sie der Mann nicht prügelt. Und ich sag' ihnen immer das Richtige. Sie fragen mich auch, wo der billigste und beste Kaffee zu haben ist und von welchem Kaufmann die Schürzenbänder am besten halten. Sie zahlen immer fünf Silbergroschen dafür. Und die Kaufleute wissen mich zu schätzen. Ich habe stets besseren Kaffee getrunken als die Frau Mutter.«
Samo staunte über die menschenkundige Alte.
»Ihr seid ein siebenmal schlaues Beest«, sagte er. »Aber warum wollt Ihr nur durchaus beim Kral wohnen?«
»Alles, was vom König kommt, hat Ansehen.«
»Habt Ihr auch manchmal Botschaften zu bringen – ich meine wendische Nachrichten?«
»O ja – der Herr Vater hat mir immer vertraut. Ich habe manches auszurichten gehabt, und einmal hat ein Deutscher in der Stadt auf mich gesagt: Sieh da – das ist der wendische Staatskurier, das ist die Geheimrätin Wičaz! Ich habe ihn ausgelacht und gesagt, der Scholta vertraue mir nicht einmal an, ein paar Hühner zu verkaufen.«
»So seid Ihr verschwiegen. Nun sagt mir, von wem habt Ihr das Gleichnis von den zwei Adlern?«
»Ich habe es aus den Karten gelesen.«
Samo machte eine wegwerfende Handbewegung.
»Nun, so nehmen wir an, es ist mir eingefallen, wenn ich auf den weiten Wegen allein war, und es fiel mir immer ein, wenn ich in den Hof des Kral kam. Da sah ich es mit offenen Augen.«
»Erzählt Ihr dieses Gleichnis auch anderen Leuten?«
»Ich habe es noch nicht erzählt. Ich wollte es nicht sagen, daß der eine in dem Lóbjofluß ertrinken wird; sie würden sich sonst zu sehr freuen.«
»Freuen? Über diesen Untergang?«
»Ja; denn der eine Adler hat scharfe Krallen und läßt sie die Wenden fühlen, wo er nur kann. Er kratzt, bis es blutet.«
Samo nickte und sah die Alte versonnen an.
»Und der andere?« fragte er leise.
»Der andere wird im Wendenland wohnen und herrschen.«
Sie schwieg. Und er schwieg.
»Ihr könnt Euch auf mich verlassen, alte Wičaz«, sagte er endlich und gab ihr einen Taler.
Da sah sie ihn durchdringend an und sprach:
»Ich werde die Geschichte von den zwei Adlern jetzt überall erzählen, in allen Bauernstuben, allen Kleinbauern und Häuslern – auch den Wenden in der Stadt.«
Er gab ihr noch einen Taler.
Eine Woche später trat Juro durch das Feldtürchen in den Großgarten. Es war Abendzeit. Die stille Melancholie des Herbstes war über allen Feldern und Wegen und war auch in dem Herzen des jungen Mannes, der drüben bei der Geliebten gewesen war und von ihr Abschied genommen hatte.
Morgen reiste er nach Breslau zurück. Die Ferien neigten sich dem Ende zu.
Er hatte wieder mit Elisabeth gesprochen: von seinen Plänen, von der Zukunft. Er hatte ihr nicht gesagt, wie sehr der Vater gegen die Heirat sei; denn er hoffte, den stillen Mann schon noch für sich zu gewinnen, aber er hatte ihr doch wieder schwere Kämpfe in Aussicht gestellt.
Und da hatte sie ihn das erstemal gefragt: ob er denn sein Werk nicht zu heftig angreife, ob er nicht mit mehr Geduld und Nachsicht die Herzen der Wenden eher gewinnen und besser an sein Ziel kommen werde.
Herzlich hatte er gelacht, als sie sagte, sie ängstige sich oft um ihn; denn es gebe doch rohes, rachsüchtiges Volk. Nein, hatte er gesagt, er wolle nicht mit Geduld ans Ziel kommen. Geduld sei etwas für müde, rückständige Leute. Die Geduld, mit der die Regierung diesen Verhältnissen seit Jahrhunderten zuschaue, die Geduld, mit der der Wende seit tausend Jahren schläfrig und denkfaul in seinem Waldwinkel hocke, sie sei schuld an diesen Zuständen. Er kämpfe wie ein Deutscher, er erkläre laut und rücksichtslos den Krieg und greife dann den Gegner von vorn an ohne Maske und Schliche, nachdrücklich und kaltblütig.
So hatte er wieder einmal in Worten und Ideen geschwelgt.
Dann aber war die fernere Zukunft ganz in die Ferne entwichen und in ihrem jungen Herzen nur das lebendig gewesen, was ihnen unmittelbar bevorstand.
Seufzer und Küsse, Zärtlichkeiten und Treueschwüre, die Vereinbarung einer Stunde, in der sie täglich aneinander denken würden, wo und in welcher Lage sie sich auch befänden, eine Blume, ein blaues Band, eine Locke – alle diese Dinge, die in den Abschiedsstunden junger deutscher Liebesleute ihre süßschmerzliche Rolle spielten, sie hatten auch hier nicht gefehlt.
Und nun, als Juro in den heimischen Garten trat, war er wie in der Fremde, das Herz war ihm so voll von Liebe und Leid und Zukunftsträumen, und die Gedanken gingen die abendlichen Wege zurück zu der Geliebten, die ihm nun mit ihrer süßen Mädchenliebe gewiß traurig nachschaute. – – –
»Birnbaum steht im weiten Felde, Gold'nes Ringlein schläft darunter, Von dem Turme schallt die Glocke, Mädchen macht ein Federkränzlein.«
Der leise Gesang schreckte Juro auf. Er sah Hanka drüben in der Nähe der Haustür unter einem Baume sitzen. Sie bürstete Schuhe ab. Und als er näher kam, sah er, daß es seine eigenen Schuhe waren, die er tags zuvor getragen hatte, als er bei Elisabeth war, und die auf regendurchweichtem Wege recht schmutzig geworden waren.
Es war ihm arg unangenehm, das zu sehen, und ob er sonst wenig, fast nie mit dem Mädchen sprach, blieb er jetzt bei ihr stehen und sagte halb freundlich und halb ärgerlich:
»Das sind ja meine Schuhe! Warum bürstest du sie ab? Das kann doch ein anderer machen. Wozu sind denn die Dienstleute da?«
Sie war bei seiner Ankunft erschrocken. Nun wurde sie so knallrot, daß er bei sich dachte, sie habe doch eigentlich ein recht gewöhnliches Gesicht. Sie gab keine Antwort.
»Warum machst du das?« fragte er wieder und nahm ihr den Schuh aus der Hand. Er wußte gar nicht, daß er wendisch mit ihr sprach.
»Mache ich es nicht gut?« fragte sie.
»Darauf kommt's nicht an! Es ist keine Arbeit für dich. Du bist meine Verwandte!«
Da sah sie ihn groß an, und ihr Gesicht wurde blässer und schöner, und sie sagte:
»Laß mich's nur tun! Ich tue es gern.«
Und dann schluckte sie ein paarmal und brachte heraus:
»Denn ich bin doch deine Braut!«
Da trat er langsam einen Schritt zurück und lehnte sich an den Baum.
»Was sagst du? Wer – wer hat dir das gesagt? Hat dir das wirklich jemand gesagt?« fragte er mit erstaunter, schmerzlicher Stimme.
Nun kam die Scham über sie, und sie wollte ins Haus laufen. Er hielt sie aber zurück.
»Bleib, Hanka, es ist gut, wenn wir miteinander reden. Morgen muß ich fort.«
Sie nickte traurig.
»Du hast fast nie mit mir gesprochen. Du bist so fein und so stolz!«
»Ich bin nicht fein und stolz. Ich will mit dir alles ordentlich und vernünftig besprechen. Komm mit, dort unter den Nußbaum!«
Sie gingen tiefer miteinander in den Großgarten hinein. Unter dem Nußbaum war eine Bank. Er setzte sich und lud sie ein, neben ihm Platz zu nehmen. Aber sie weigerte sich und blieb mit gesenktem Haupte vor ihm stehen. Durch das Gezweig des Baumes fielen rote Lichtfunken auf ihren schlichten, blonden Scheitel, und Juro sah, daß Hanka ein kraftvolles, gesundes, hübsches Mädchen war. Da faßte ihn ein Unbehagen und eine Trauer, und er sagte:
»Ich finde es unerhört, dir solche Dinge vorzureden. Nicht wahr, Hanka, du selbst hast nie daran gedacht?«
»Wie sollte ich wohl? Ich habe dich gar nicht gekannt!«
»Und wer hat dir das vorgeredet?«
»Deine Mutter hat es mit meinen Eltern besprochen, als sie mich abholte, und dein Vater hat es auch gesagt.«
Er nahm den Hut ab und fuhr sich nervös durch die Haare.
»Wie alt bist du, Hanka?«
»Achtzehn Jahre.«
»Das ist sehr jung! Aber das weißt du doch, daß zwei Menschen nicht von Vater und Mutter miteinander verheiratet werden können, daß es auf sie selber ankommt?«
»Ich habe meinen Eltern immer gehorcht.«
Er haschte nach ihrer Hand. Hart und schwer lag sie in seiner feinen Rechten.
»Du bist ein gutes Kind, Hanka! Aber sieh mal, wenn man sich heiraten soll, muß man sich doch liebhaben, nicht wahr? Du hast gewiß einen schönen Burschen in deiner Heimat lieb.«
Sie erglühte.
»Siehst du, Hanka, und du brauchst mir das gar nicht zu sagen. Aber ich verspreche dir, daß ich dafür sorgen werde, daß dich niemand mehr mit solchen Dingen belästigt; ich verspreche dir, dafür einzutreten, daß du deinen Liebsten heiraten kannst.«
Da sagte sie:
»Ich habe keinen Liebsten!«
»Du hast keinen?«
»Nein, ich habe immer gehört, daß ich – daß ich …«
»Daß du mich heiraten mußt!« vollendete er. »Aber, Hanka, das ist nicht so, dazu kann dich kein Mensch zwingen, auch dein Vater und deine Mutter nicht. Dazu bist du nicht verpflichtet, weder vor Gott noch vor den Menschen! Am wenigsten bist du es mir schuldig! Damit du aus allen Zweifeln herauskommst, will ich dir sagen, Hanka: ich habe schon eine Braut!«
Da hob sie jäh den Kopf und starrte ihn erschrocken an.
Sie brachte kein Wort heraus.
»Ja, Hanka, ich muß es dir sagen, daß du im klaren bist. Freust du dich denn nicht, daß du jetzt frei bist, daß du mich los bist?«
Er versuchte in scherzhaftem Tone zu fragen.
»Ja, liebes Mädel, jetzt bist du frei, jetzt kannst du alles auf mich schieben. Auf meinem Rücken hat viel Platz!«
Sie zupfte an ihrem Brusttuch und sagte kein Wort. Er fragte betroffen:
»Ja, bist du denn nicht einverstanden? Freust du dich nicht?«
Da stammelte sie:
»Ja, – ja – ich freue mich – ich wäre ja auch viel – viel zu gewöhnlich …«
»Hanka, davon ist nicht die Rede! Ich hatte doch meine Braut schon, ehe ich dich sah!«
Ihre Augen flogen noch mit ein paar flackernden Blicken zu ihm hin, dann sagte sie:
»Ich muß hinein!«
Und sie ging trotz seines Zurufes.
Am späten Abend lehnte Juro am offenen Fenster seiner Giebelstube. Die Herbstnacht war dunkel, ein müder Wind ging durch welkes Laub und dürres Gras.
Dort vom Berge her grüßte der Hochwald.
Dahinter lag das Haus der Geliebten.
Morgen war er weit.
Wie still es war! Einmal nur klagte ein Vogel, dann war tiefe Ruhe.
Da drang leises Weinen an Juros Ohr.
Unten aus dem Garten.
Lehnte nicht dort ein Mädchen?
War das nicht Hanka?
»Hanka!« rief Juro leise hinab. »Hanka!«
Eine Gestalt huschte in tiefes Dunkel, und nichts regte sich mehr. Juro lehnte noch eine Weile am Fenster, ehe er es fröstelnd schloß.
»Budže bohu skoržene! Zrudna wutoba!« sagte er in seiner wendischen Muttersprache zu sich.
»Gott sei es geklagt: Ein trauriges Herz!«
Ehe der Kral in die große Wendenschlacht zog, vergrub er die Krone, die er zu Burg vor allem Volk getragen hatte, an einem sicheren Orte. Im tiefsten Wald hat der Kral die Krone vergraben, an einer Stelle, wohin kein Weg noch Fußpfad führt. Einen kleinen Hügel hat er über dem Grabe des Königsschmuckes errichtet. Den haben die Kiefern mit langen, braunen Nadeln zugedeckt.
Der Kronenhügel ist ein heiliger Ort.
Der Holzschläger achtet seinen geweihten Bannkreis auf hundert Schritt. Was am Kronenhügel wächst und steht, welkt oder fällt, entsteht und vergeht nach den Gesetzen des Urwalds.
Kein Jäger schießt am Kronenhügel ein Wild. Dort ist Gottesfriede für Mensch und Tier.
Die alten Weiblein, die Pilze suchen, die Kinder, die im Walde spielen, fürchten sich, allein zum Kronenhügel hinzugehen.
Selten steht ein ernster Wende sinnend an dem Hügel; die meisten wissen gar nicht den Weg zu ihm. Sie wissen nur, in welchem Walde er liegt, und mancher, dem sonst die Kappe fest auf den Ohren sitzt, lüftet sie in heimlicher Stunde, wenn er einsam an dem Walde vorbeikommt. Auf dem Hügel ist ein einzelner Stein. Er sieht aus wie ein altersgrauer Grenzstein. Ein Hufeisen ist darauf eingedrückt.
Der Nachtjäger hat einmal Sturm geritten gegen den Hügel; aber als das Roß den Huf auf den Stein setzte, ist ihm das Eisen glühend geworden, und es ist mit dem Nachtjäger davongerast, und der wilde Jäger hat sich nimmer getraut an selbigen Ort.
Seit tausend Jahren liegt die Krone des Kral in jenem kleinen Hügel.
Wann wird die Jungfrau mit der silbernen Schaufel kommen, nach ihr zu graben?
Gott weiß es! Aber dann wird Wendenland groß und mächtig werden.
Indessen schlafe in Gottes Hut, alte Krone! Das Volk denkt an dich! Der Schiffer tief drunten an der Spree träumt manchmal von dir, wenn er in langsamer Fahrt durch das stille Wasser zieht; der Pflugtreiber, der sich auf sandigem Hügelfeld im Oberland um geringen Lohn quält und müht, ermißt in seinen einsamen Gedanken deinen Wert; im heimlichen Kreis der winterlichen Spinnstuben wird von dir geraunt und geflüstert, und keines dieser treuen armen Menschenkinder wird dich je verraten.
Schlaf in Gottes Hut, alte Krone, bis der junge Morgen tagt, da du auferstehst aus deinem ehrwürdigen tausendjährigen Grabe!
Inzwischen wird die weiße Wolke, die über Wendenland segelt, oft über dir halten und im Abendrot auf dich herniederglühen, wird der weiße Fisch in der Sprewja im stillen Wasser stehen und nach dem grünen Walde hinüberlugen, wo du schläfst.
Samo und die alte Wičaz, die sich wieder einmal von ungefähr auf dem Felde getroffen hatten, sahen von ferne den grünen Kronenwald.
Da wies die Alte nach dem Walde hin und sagte:
»Daran will er sich auch vergreifen!«
»Woran? Doch nicht an dem Kronenhügel?«
»Ja, an dem Kronenhügel.«
»Wer? Juro?«
»Ja!«
»Pah! Das ist Unsinn! Daran wagt sich keiner!«
Die Wičaz zuckte die Achseln.
»Ich weiß es!«
»Das ist nicht möglich. Aber erzähle, was du weißt!«
Er gab ihr wieder ein Geldstück.
Die Alte duckte sich ein bißchen zusammen, wandte den grauen Kopf zu Samo hin und sagte:
»Drin in der Stadt hat ein Kaufmann hinter seinem Laden eine Weinstube. Da hat der Herr Juro mit seinem Freunde Heinrich von Withold gesessen. Und sie haben fünf Flaschen Wein zusammen getrunken. Ihi! Die Wenden saufen. Palenc je walenc! Die Deutschen saufen nicht. Wein ist wohl kein Umwerfer – wie? Wein ist teuer, die Deutschen sind reich; Branntwein ist billig, der Wende ist arm.«
»Alle Völker saufen!« sagte Samo verächtlich. »Halte mich nicht auf, erzähl, was ich hören will!«
»Wie sie schon etwas betrunken waren, hat der Herr Juro wieder davon gesprochen, daß er die Wenden deutsch machen will, hat über das Wendische geschimpft und hat auch vom Kronenhügel angefangen. Das sei ein blöder Ameisenhaufen, hat er gesagt.«
»Das hat er nicht gesagt«, fiel Samo ein, »dafür ist er zu klug.«
»Er hat es gesagt. Und dann hat er von einem deutschen Bischof angefangen, einem ganz alten, der hat einmal eine Eiche umgehackt.«
»Bonifacius?«
»Jawohl – so hieß er. Ich konnte den deutschen Namen nicht behalten. Die Eiche ist den Leuten dort heilig gewesen. Und der Bischof hat sie umgehauen, daß die Leute sehen sollten, die Geschichte mit der Eiche sei Lüge und Plunder.«
Samo tat drei rasche Atemzüge.
»Und so – so will sich Juro an dem Kronenhügel vergreifen? Etwa nachgraben? Den Leuten beweisen, daß keine Krone in dem Hügel liegt, dadurch ihren Volksglauben, ihre ganze Hoffnung, ihre Nationalität zerstören?« Er sprach mehr zu sich selbst. Aber die alte Wičaz antwortete:
»Ja, er wird den Hügel aufreißen. Er hat es gesagt.«
»Wer hat es gehört?«
»Der Kaufmann. Sonst niemand! Denn der Lehrling, den er hat, versteht nicht Deutsch.«
»Und der Kaufmann – wird er es nicht weitererzählen?«
»Nein. Er hat gewartet, bis ich in seinen Laden kam, und es erst mir erzählt; denn ich verschaffe ihm viel Kundschaft. Und er weiß, daß Juro der Sohn vom Kral ist, bei dem ich wohne. Ich habe ihm gesagt, er dürfe es niemand weitererzählen, was er gehört hat.«
»Warum?«
Die alte Wičaz zuckte die Achseln.
»Ich wollte Euch erst fragen, Pan Samo!«
Er antwortete nicht. Er blieb stehen, und seine Augen hafteten am Boden.
»Wenn Ihr wollt, Pan Samo, so wissen es in acht Tagen alle Wenden«, sagte sie in lauerndem und vertraulich klingendem Tone.
Er wehrte heftig ab.
»Nein! Es darf niemand wissen, – niemand – hörst du? – Oder du fliegst aus dem Hof, – hörst du? – Ich will es nicht! – Er ist mein Bruder! – Und ich – ich glaube überhaupt nicht, daß er das gesagt hat. Geh jetzt!«
Er machte wieder seine wegwerfende Handbewegung. Die alte Wičaz starrte ihn an und wußte nicht, was sie zu dieser Veränderung sagen sollte.
»Tý plundrawa![28] Scher' dich zum Teufel!«
Sie wandte sich erschreckt ab.
Da rief er sie noch einmal an.
»Ich will keine Vertraulichkeiten mit dir, verstehst du? Das ist selbstverständlich! Das gibt es nicht! Ich habe mit dir nichts zu schaffen. Gar nichts! Natürlich nicht! Und was du mir gesagt hast, ist alles Unsinn! Altweiberquatsch! Wičaz, ich sage dir, halte dich fern von Juro und mir! Sage nicht so – sage nicht anders. Sage gar nichts! Dann kannst du auf dem Hof wohnen bleiben, und es bleibt alles, wie es war. Sonst – du weißt, ich bin der einzige, der dich halten kann.«
Er wandte sich ab und schlug rasch einen Seitenpfad ein. »Herrendienst ist rund«, sagte bestürzt die »Sprichwörter-Wičaz«. Aber nach einer Weile, als sie nachgedacht hatte, sprach sie schlau blinzelnd bei sich selbst: »Stóž je z kóčdu wločil, najljepe wje kak čelńe.«[29]
Über die ehrwürdige Karlsbrücke im »goldenen Prag« gingen zwei junge Männer. Es war bereits Nacht. Die »argandischen Lampen« der damaligen Straßenbeleuchtung erhellten den Weg nur schwach und unvollkommen; hin und wieder nur blitzte die Laterne eines Kahns vom dunklen Moldauwasser herauf; der Hradschin aber, die heilige Akropolis von Prag, lag in Sternenlicht und hob sich zauberisch schön von dem dunkelblauen Nachthimmel ab.
»Wie fühlst du dich in der Tschamarka?« fragte der eine der jungen Männer.
»Ich bin glücklich!« sagte darauf der andere.
Es war Samo. Er war, ehe er nach Breslau zurückkehrte, nach Prag gefahren, um einige Tage bei guten Freunden zu sein, die er früher in Breslau kennengelernt und mit denen er einer slawischen Geheimverbindung angehörte.
Der andere betrachtete ihn von der Seite.
»Sie kleidet dich trefflich. Ha, sie haben uns auch diese Nationaltracht nehmen wollen; jahrelang durften wir uns in der Tschamarka nicht sehen lassen, – jetzt wird es wieder anders!«
Samo betrachtete sich. An dem bunten, mit vielen Schnüren, Bändern und Litzen verzierten Rock schaute er hinab bis auf die Stiefel, die ihm bis an die halbe Wade reichten. Und er rückte an dem runden slawischen Hut, den er trug.
»Ich fühle mich wohl in diesem slawischen Ehrenkleide, und ich wünschte, daß alle Böhmen es trügen«, sagte er.
»Hab nur Geduld; bald wird es so sein.«
Bei der Nepomuk-Statue blieben sie stehen.
»Es ist eigentlich schade, daß ihr Protestanten seid«, sagte der Prager.
Samo zuckte die Achseln.
»Religion läßt sich ändern, Nationalität nicht«, sagte er gleichgültig.
»Das heißt, – verstehe mich nicht falsch«, rief der zweite darauf, »ich meine nur, es ist schade für die Einheitsbestrebungen! Sonst weißt du wohl, daß ich kein Freund der Pfaffen bin. Ach du, – wenn wir noch Hussiten wären! Da wäre alles anders!«
Sie lehnten sich an die Brückenbrüstung und schauten hinunter zur dunklen Moldau.
»Ich sage dir, Samo, ich kann keine Hussitenfahne sehen, ohne daß ich toll werde. Und wenn die pamatka mistra Jana Husi[30] kommt, da weiß ich, da wissen Tausende und aber Tausende hier im Lande, zu welcher Religion wir eigentlich gehören sollten. Dann wallt sie wieder auf, die schwarze Fahne mit dem roten Kelch, und ich sag' dir, Tausende von treuen Papisten kommen in inneren Zwiespalt, weil sie den als religiösen Ketzer verdammen sollen, den sie als nationalen Helden vergöttern müssen. Denn so wie Jan Hus hat selten einer die Deutschen gehaßt.«
»Keiner, es sei denn Ziška«, sagte Samo. »Wie Hus mit Hilfe Wenzels alle deutschen Studenten aus Böhmen verjagte, wie er am Tage ihrer Vertreibung einen Jubelhymnus von der Kanzel sprach, das war herrlich!« Der andere seufzte.
»Die Jesuiten haben die vertriebenen deutschen Hunde wieder zurückgebracht, und heute bellen sie frecher als je.« Eine Weile schwiegen die Jünglinge. Da schlang der Prager den Arm um Samos Nacken und sprach: »Oh, Samo, wenn ich den Brüdern sagen könnte, wer du bist! Wenn ich jetzt auf unserer großen Beseda den Brüdern zurufen könnte: Sehet da einen slawischen Königssohn, sehet da den zukünftigen Kral der Lausitzer Sorben, sehet da den König unserer unerlösten Brüder an der Sprewja!«
»Ich bin es nicht«, entgegnete Samo finster; »mein Bruder ist es, der Renegat.«
»Du bist es, und dein Bruder wird es nie sein!« sagte der andere feierlich.
Darauf gingen sie weiter und traten zuletzt in den hell erleuchteten Hausflur eines Gasthauses der Altstadt. An der Treppe bereits kamen ihnen einige Leute entgegen, die auch die tschechische Tschamarka trugen, und begrüßten sie mit Herzlichkeit. Die Tür eines großen Saales war mit Lindenzweigen und vielen kleinen rot-weiß-blauen Fähnchen geziert. Die Wände des Saales waren festlich geschmückt. Überall rot und weiß, die tschechischen Nationalfarben, überall Zweige von der Linde, dem heiligen Baum der Slawen. Das rote und gelbe Herbstlaub nahm sich bunt und schön aus auf dem grünen Untergrund von Tannenzweigen. An einer Wand war ein Podium mit einer Rednertribüne aufgeschlagen. Über der Podiumswand prangte die goldene Wenzelskrone; darunter waren die Wappen der »slawischen« Länder: der böhmische weiße Löwe, der Adler Mährens, der schwarze schlesische Aar, der gekrönte weiße Adler Polens, auch das Schachbrettwappen der Kroaten und der doppelköpfige Aar der südslawischen Serben. Was aber Samo mit tiefer Rührung erfüllte, war, daß auch die Wappen seiner wendischen Heimat nicht vergessen waren, die Oberlausitzer goldene Mauer im blauen Feld und der Niederlausitzer rote Stier auf weißem Grund. Auf einer Seite des Podiums die rot-weiße böhmische Flagge, auf der anderen die rot-weiß-blaue »slawische Trikolore«.
Ein buntes Menschengewühl im Saal. Viele Männer in der böhmischen Tschamarka, viele in der komödiantenhaft bunten Tracht der nationalen Sokolvereine, hier ein Pole in der Konfederatka, dort ein Hanak in grellrotem Gewand mit blauem Mantel, da ein Bulgare mit der Tschubaramütze aus Pelzwerk; sogar ein Montenegriner ist da, dem Dolch und Pistole im Gürtel stecken. Die Mädchen tragen slawische Mieder, mit rot-weiß-blauen Bändern und Schleifen geschmückt, viele haben Kränze von Lindenlaub im Haar.
Man spricht nur das Tschechische, das auch die anderen slawischen Stämme notdürftig verstehen. Samo, der die tschechische Sprache völlig beherrscht, wird von seinem Freunde Bohuslaw vielen Leuten vorgestellt, von allen mit großer Freundlichkeit und vielem Interesse behandelt.
Wie es mit der deutschen Bedrückung bei den sorbischen Brüdern an der Spree stehe, ob es wahr sei, daß Budissin in Sachsen noch eine ganz slawische Stadt sei, und ob die Lausitzer auch nie vergessen würden, daß sie zu Böhmen gehören, slawisches Blut zu slawischem Blut, slawisches Land zu slawischem Land? Hier im »goldenen Prag« seien die nördlichen Brüder unvergessen, wie ja auch ihre Wappen an der Wand andeuteten. Samo redete wenig, aber er drückte allen mit leuchtenden Augen die Hand.
Dann begann die Feier. Sie wurde mit dem alten Wenzelsliede eingeleitet, das alle Anwesenden stehend sangen: »Svaty Václave«.
»Heiliger Wenzeslaus, Herzog des Böhmerlands, Du unser Fürst, Bitt für uns bei Gott!«
Stolz stehen sie da und singen das alte Kirchenlied. Aber sie denken wohl nicht an den frommen, milden Heiligen, der so demütig war, daß er den Weizen selbst säte, erntete, mahlte, aus dem er die Hostien buk, daß er den Wein selbst kelterte, den er zum heiligen Opfer brauchte. Vergessen das Bild frommen Friedens; Wenzeslaus ist diesen Leuten der geistige, politische Führer geworden, weil er der Träger der Wenzelskrone war.
Und die glühenden Augen hängen an dem Abbild der alten Krone, die dort zwischen Heimatsfahnen und Lindenlaub zu sehen ist; der milde Heilige ist zum Bannerträger geworden, zum Schutzpatron im Kampfe gegen die Deutschen; und in dem Liede, das vom Heiligen Geist spricht und von der Schönheit des Himmels, bitten diese Leute um irdisches Heil, um politischen und sozialen Sieg.
Das Lied verhallt. Die Menge setzt sich nieder. Ein ziemlich junger Mann besteigt die Rednertribüne.
»Heil dem slawischen Volke!« beginnt er und begrüßt »die slawischen Brüder«, die zum Teil weither gekommen seien vom fernen Südland, wo der rohe Türke die Brüder knechte seit Jahrhunderten, und vom Norden, wo es am Fluß der Sprewja den Slawen nicht viel besser ergehe.
Die Menge klatscht Beifall; viele Leute sehen auf Samo. Der sitzt regungslos da. Er möchte mit dem Kopf nicken; aber er bringt es nicht fertig, weil ihm im gleichen Augenblick sein Vater einfällt, der ein zufriedener Preuße ist.
Bedrückung überall, fährt der Redner fort, Ungerechtigkeit, Vergewaltigung durch die rohe Übermacht! Nicht die geistige Übermacht! Denn geistig waren die Slawen den Germanen immer überlegen!
Ein starker Beifallssturm der anwesenden Slawen bestätigt diese bescheidene Behauptung.
Als die Deutschen noch lebten wie die Tiere, als sie Eicheln fraßen, sich in Felle hüllten und Ochsenhörner auf dem Kopfe trugen, waren die Slawen längst in viel höherer Kultur. Und wir Slawen sollen unseren geistigen Besitz den Deutschen verdanken?
Stürmischer Widerspruch.
Eingenistet haben sie sich in dieses Land, das Gastrecht haben sie gemißbraucht! Denn den Slawen ist der Gast heilig. »Hast du einen Gast im Haus, so hast du Gott im Haus«, das ist immer und ewig der slawische Grundsatz gewesen. Aber der Gast betrog uns, er machte sich zum Herrn!