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Deutsche Humoristen, 4. und 5. Band (von 8)

Schlendrian

Reading edition

(Verfasser unbekannt).

Ich gehe meinen Schlendrian und trinke meinen Wein, und wenn ich nicht bezahlen kann, so ist die Sorge mein. Ja, schlüg’ ich auch dies Glas in hunderttausend Trümmern, so hat sich doch kein Mensch, kein Mensch darum zu kümmern! — Ich gehe meinen Schlendrian, zieh’ an, was mir gefällt; und wenn ich’s nicht mehr tragen kann, so mach’ ich es zu Geld, und sollte auch mein Hemd durch tausend Löcher schimmern, so hat sich doch kein Mensch, kein Mensch darum zu kümmern. Ich gehe meinen Schlendrian bis an mein kühles Grab, und schlägt mir auch der Sensenmann den letzten Segen ab. Ja, sollt’ ich auch dereinst noch in der Hölle wimmern, so hat sich doch kein Mensch, kein Mensch darum zu kümmern.

Vom schlafenden Apfel

von

Robert Reinick.

Im Baum, im grünen Bettchen, hoch oben sich ein Apfel wiegt, der hat so rote Bäckchen, man sieht’s, daß er im Schlafe liegt. Ein Kind steht unterm Baume, das schaut und schaut und ruft hinauf: „Ach, Apfel, komm herunter! Hör endlich doch mit Schlafen auf.“ Es hat ihn so gebeten, glaubt ihr, der wäre aufgewacht? Er rührt sich nicht im Bette, sieht aus, als ob im Schlaf er lacht. Da kommt die liebe Sonne am Himmel hoch daherspaziert. — „Ach, Sonne, liebe Sonne! Mach du, daß sich der Apfel rührt!“ Die Sonne spricht: „Warum nicht?“ Und wirft ihm Strahlen ins Gesicht. Küßt ihn dazu so freundlich, der Apfel aber rührt sich nicht. Nu schau! da kommt ein Vogel und setzt sich auf den Baum hinauf. „Ei, Vogel, du mußt singen, gewiß, gewiß, das weckt ihn auf!“ Der Vogel wetzt den Schnabel und singt ein Lied, so wundernett, und singt aus voller Kehle — der Apfel rührt sich nicht im Bett! — — Und wer kam nun gegangen? Es war der Wind, den kenn’ ich schon, der küßt nicht und der singt nicht, der pfeift aus einem andern Ton. Er stemmt in beide Seiten die Arme, bläst die Backen auf und bläst und bläst und richtig — der Apfel wacht erschrocken auf und springt vom Baum herunter grad in die Schürze von dem Kind, das hebt ihn auf und freut sich und ruft: „Ich danke schön, Herr Wind!“

Das Männlein in der Gans

von

Friedrich Rückert.

Das Männlein ging spazieren einmal auf dem Dach, ei seht doch! Das Männlein ist hurtig, das Dach ist schmal, gib acht, es fällt noch. Eh sich’s versieht, fällt’s vom Dach herunter, und bricht den Hals nicht, das ist ein Wunder. Unter dem Dach steht ein Wasserzuber, hinein fällt’s nicht schlecht; da wird es naß über und über, ei, das geschieht ihm recht. Da kommt die Gans gelaufen, die wird’s Männlein saufen. Die Gans hat’s Männlein ’nuntergeschluckt, sie hat einen guten Magen; aber das Männlein hat sie doch gedruckt, das wollt’ ich sagen. Da schreit die Gans ganz jämmerlich; das ist der Köchin ärgerlich. Die Köchin wetzt das Messer, sonst schneidt’s ja nicht: Die Gans schreit so, es ist nicht besser, als daß man sie sticht; wir wollen sie nehmen und schlachten zum Braten auf Weihnachten. Sie rupft die Gans und nimmt sie aus, und brät sie, aber das Männlein darf nicht ’raus, versteht sich. Die Gans wird eben gebraten; wie kann’s dem Männlein schaden? Weihnachten kommt die Gans auf den Tisch im Pfännlein; der Vater tut sie ’raus und zerschneid’t sie frisch. Und das Männlein? Wie die Gans ist zerschnitten, kriecht’s Männlein aus der Mitten. Da springt der Vater vom Tisch auf, da wird der Stuhl leer; da setzt das Männlein sich drauf, und macht sich über die Gans her. Es sagt: Du hast mich gefressen, jetzt will ich dich dafür essen. Da ißt das Männlein gewaltig drauf los, als wären seiner sieben; da essen wir alle dem Männlein zum Trotz, da ist nichts übergeblieben von der ganzen Gans als ein Tätzlein, das kriegen dort hinten die Kätzlein. Nichts kriegt die Maus, das Märlein ist aus. Was ist denn das? Ein Weihnachts-Spaß; aufs Neujahr lernst du, was? den Ernst.

Dichters Naturgefühl

von

Annette von Droste-Hülshoff.

Es war an einem jener Tage, wo Lenz und Winter sind im Streit, wo naß das Veilchen klebt am Hage, kurz, um die erste Maienzeit; ich suchte keuchend mir den Weg durch sumpf’ge Wiesen, dürre Raine, wo matt die Kröte hockt’ am Steine, die Eidechs schlüpfte übern Steg. Durch hundert kleine Wassertruhen, die wie verkühlter Spülicht stehn, zu stelzen mit den Gummischuhen, bei Gott, heißt das Spazierengehn? Natur, wer auf dem Haberrohr in Jamben, Stanzen, süßen Phrasen so manches Loblied dir geblasen, dem stell’ dich auch manierlich vor! Da ließ zurück den Schleier wehen die eitle viel besungne Frau, als fürchte sie des Dichters Schmähen; im Sonnenlichte stand die Au, und bei dem ersten linden Strahl stieg eine Lerche aus den Schollen und ließ ihr Tirilirum rollen recht wacker durch den Äthersaal. Die Quellchen, glitzernd wie kristallen — die Zweige glänzend emailliert — das kann dem Kenner schon gefallen, ich nickte lächelnd: „Es passiert!“ Und stapfte fort in eine Schluft, es war ein still und sonnig Fleckchen, wo tausend Anemonenglöckchen umgaukelten des Veilchens Duft. Das üpp’ge Moos — der Lerchen Lieder — der Blumen Flor — des Krautes Keim — auf meinen Mantel saß ich nieder und sann auf einen Frühlingsreim. Da — alle Musen, welch ein Ton! — Da kam den Rain entlang gesungen so eine Art von dummen Jungen, der Friedrich, meines Schreibers Sohn. Den Efeukranz im flächsnen Haare, in seiner Hand den Veilchenstrauß, so trug er seine achtzehn Jahre romantisch in den Lenz hinaus. Nun schlüpft’ er durch des Hagens Loch, nun hing er an den Dornenzwecken wie Abrams Widder in den Hecken, und in den Dornen pfiff er noch. Bald hatt’ er beugend, gleitend, springend, den Blumenanger abgegrast und rief nun, seine Mähnen schwingend: „Viktoria, Trompeten, blast!“ Dann flüstert’ er mit süßem Hall: „O, wären es die schwed’schen Hörner!“ Und dann begann ein Lied von Körner; fürwahr, du bist ’ne Nachtigall! Ich sah ihn, wie er an dem Walle im feuchten Moose niedersaß und nun die Veilchen, Glöckchen alle mit sel’gem Blick zu Sträußen las, auf seiner Stirn den Sonnenstrahl; mich faßt’ ein heimlich Unbehagen, warum? Ich weiß es nicht zu sagen, der fade Bursch’ war mir fatal. Noch war ich von dem blinden Hessen auf meinem Mantel nicht gesehn, und so begann ich zu ermessen, wie übel ihm von Gott geschehn: o Himmel, welch ein traurig Los, das Schicksal eines dummen Jungen, der zum Kopisten sich geschwungen und auf den Schreiber steuert los! Der in den kargen Feierstunden Romane von der Zofe borgt, beklagt des Löwenritters Wunden und seufzend um den Posa sorgt, der seine Zelle, kalt und klein, schmückt mit Aladdins Zaubergabe und an dem Quell, wie Schillers Knabe, Violen schwingt in Kränzelein! In dessen wirbelndem Gehirne das Leben spukt, gleich einer Fei, der — hastig fuhr ich an die Stirne: „Wie, eine Mücke schon im Mai?“ und trabte zu der Schlucht hinaus, hohl hustend, mit beklemmter Lunge, und drinnen blieb der dumme Junge und pfiff zu seinem Veilchenstrauß!

Die Stubenburschen

von

Annette von Droste-Hülshoff.

Sie waren beide froh und gut und mochten ungern scheiden; die Jahre fliehn, es lischt der Mut, der Tag bringt Freud’ und Leiden, Geschäft will Zeit, und Zeit ist schnell, so unterblieb das Schreiben, doch öfters sprach Emanuel: „Was mag der Franzel treiben?“ Da trat einst Wintermorgens früh ein Mann in seine Stube, seltsam verschabt wie ein Genie und hager wie Coeur-Bube, sah ihn so glau und pfiffig an und blinzelt vor Behagen: „Emanuel, du Hampelmann! Willst du mir denn nichts sagen?“ „Er ist es!“ rief der Doktor aus und reicht ihm beide Hände. „Willkomm, willkomm! wie siehst du aus? Ei, munter und behende.“ — „Ha,“ rief der andre, „Sapperment, man sieht, du darfst nicht sorgen! Wie rot du bist, wie korpulent! Du hast dich wohl geborgen.“ Drauf saß man zu Kamin und Wein, ließ von der Glut sich rösten und ätzte sich mit Schmeichelein, den Alternden zu trösten. Ein jeder warf den Hamen hin als wohlgeübter Fischer, und jeder dachte still: „Ich bin gewiß um zehn Jahr frischer.“ Man schüttelte die Hände derb, dann ging es an ein Fragen. Reich war des Medikus Erwerb, und dennoch mocht’ er klagen. Er sah den Franz bedenklich an und dacht’, er steck’ in Schulden, doch dieser prahlt’: er sei ein Mann von „täglich seinem Gulden“. Zwei Jahre hat er nur gespart und dann, ein kecker Kämpfer, gerasselt mit der Eisenfahrt, gestrudelt mit dem Dämpfer! O wie er die „Stadt Leyden“ pries und der Kajüte Gleißen! Nach seiner Meinung dürfte sie „Viktoria“ nur heißen. Das hat den Medikus gerührt, ihm den bescheidnen Schlucker lebendig vor das Aug’ geführt, der Klöße aß wie Zucker. Und gar als jener sprach: „Denkst du noch an die halbe Flasche?“ Der Doktor kniff die Augen zu und klimpert’ in der Tasche. Dann ging es weiter: „Denkst du dort? und denkst du dies? und jenes?“ Die Bilder wogten lustig fort, viel Herzliches und Schönes. Wie Abendrot zog ins Gemach ein frischer Jugendodem und überhauchte nach und nach der Pillenschachteln Brodem. Am nächsten Morgen hat man kaum den Doktor mögen kennen, man sah ihn lächeln wie im Traum und seine Wangen brennen; im heiligen Studierklosett hört’ man die Gläser klingen und ein mißtöniges Duett aus Uhukehlen dringen. Nicht litt am Blute mehr der Mann, am Podagra und Griese; sah er den dürren Franzel an, so schien er sich ein Riese; hat er den Franzel angesehn mit seinem Gulden täglich, so mußt’ er selber sich gestehn, es geh’ ihm ganz erträglich. Doch als der dritte Tag entschwand, da sah man auch die beiden betrübten Auges stehn am Strand, und wieder hieß es: Scheiden! „Leb’ wohl, Emanuel, leb’ wohl!“ — „Leb’ wohl, du alte Seele!“ Und die „Stadt Leyden“ rauschte hohl durch Dunst und Wogenschwele. Drei Monde hat das Jahr gebracht, seit Franzel ist geschieden, mit ihm des Hypochonders Macht; der Doktor lebt in Frieden. Und will der Dämon hier und dort sich schleichend offenbaren, so geht er an des Rheines Bord und sieht „Stadt Leyden“ fahren.

Führ’ uns nicht in Versuchung!

von

Franz von Gaudy.

Da ständ’ ich wieder an der Ecke! Höchst wunderbar! Wie kam es nur? Die Beine wollen nicht vom Flecke, recht nach Philisterpferds-Natur. Der Weinkranz, der im Winde schwanket, er winkt und winkt: So tritt doch ein! Ja, locke nur! Gott sei’s gedanket, auf ewig schwur ich ab dem Wein. ’s ist doch recht heiß! Mir klebt die Zunge am Gaumen. Wie die Sonne sticht! Der Kellner grüßt. Schön Dank, mein Junge! Was sagst du? Laut! — Ich höre nicht. — Leicht möglich, daß ich was vergessen — wohl gar vom letzten Male her die Zeche. Zahlen gern — indessen Wein trinken — nun und nimmermehr! Was gibt es? Nichts? — Der Schlingel freute sich nur, mich so gesund zu sehn. Das ist wohl hübsch, mein Kind, doch heute — ich bin — ich habe — ich muß gehn. Nein, nein — ich sagt’ es klar und deutlich: ich trinke nicht. Wem soll dies Glas? — Ei, nun, die Blume ist ganz leidlich — und, was du sagst, vom neuen Faß? Nun ja, für Wein vom vor’gen Jahre passiert er, läßt sich wacker an. Doch weißt du, daß mit junger Ware ich nie mich recht befreunden kann. Ja, meine alte Sorte kennst du — bring mir ein Achtel doch von der — ein Schöppchen höchstens — und — was rennst du — bring lieber gleich ’ne Ganze her. Wie kommt’s, daß, geht erst auf die Neige die Flasche, stets das letzte Glas am liebenswürdigsten sich zeige? Ein Phänomen — wie deut’ ich das? Heißt es: noch eine? — Ob ich’s wage? Sie sprechen: So jung käme man nicht mehr zusammen. — Nun, ich frage beim Schicksal, Knöpfe zählend, an. Ja — nein — ja — nein — — Wie? schon der letzte? O weh, der letzte Knopf brummt: nein. Das harte Schicksal widersetzte sich meinem Durst — es soll nicht sein. — Und weil der Spruch mit nein beschlossen, wär’ ich gebunden? Kinderei! Nein, just dem dummen Knopf zum Possen trink’ ich noch eine — ja, noch zwei.

Im Hafen

von

Heinrich Heine.

Glücklich der Mann, der den Hafen erreicht hat, und hinter sich ließ das Meer und die Stürme, und jetzo warm und ruhig sitzt im guten Ratskeller zu Bremen. Wie doch die Welt so traulich und lieblich im Römerglas sich wiederspiegelt, und wie der wogende Mikrokosmus sonnig hinabfließt ins durstige Herz! Alles erblick’ ich im Glas, alte und neue Völkergeschichte, Türken und Griechen, Hegel und Gans, Zitronenwälder und Wachtparaden, Berlin und Schilda und Tunis und Hamburg, vor allem aber das Bild der Geliebten, das Engelköpfchen auf Rheinweingoldgrund. O, wie schön! wie schön bist du, Geliebte! Du bist wie eine Rose! Nicht wie die Rose von Schiras, die Hafis-besungene Nachtigallbraut; nicht wie die Rose von Saron, die heiligrote, prophetengefeierte; — du bist wie die Ros’ im Ratskeller zu Bremen! Das ist die Rose der Rosen, je älter sie wird, je lieblicher blüht sie, und ihr himmlischer Duft, er hat mich beseligt, er hat mich begeistert, er hat mich berauscht, und hielt mich nicht fest, am Schopfe fest, der Ratskellermeister von Bremen, ich wäre gepurzelt! Der brave Mann! wir saßen beisammen und tranken wie Brüder, wir sprachen von hohen, heimlichen Dingen, wir seufzten und sanken uns in die Arme, und er hat mich bekehrt zum Glauben der Liebe — ich trank auf das Wohl meiner bittersten Feinde, und allen schlechten Poeten vergab ich, wie einst mir selber vergeben soll werden; ich weinte vor Andacht, und endlich erschlossen sich mir die Pforten des Heils, wo die zwölf Apostel, die heil’gen Stückfässer, schweigend pred’gen, und doch so verständlich für alle Völker. Das sind Männer! unscheinbar von außen, in hölzernen Röcklein, sind sie von innen schöner und leuchtender denn all die stolzen Leviten des Tempels und des Herodes Trabanten und Höflinge, die goldgeschmückten, die purpurgekleideten — hab’ ich doch immer gesagt, nicht unter ganz gemeinen Leuten, nein, in der allerbesten Gesellschaft lebte beständig der König des Himmels! Hallelujah! Wie lieblich umwehn mich die Palmen von Beth-El! Wie duften die Myrrhen von Hebron! Wie rauscht der Jordan und taumelt vor Freude! — Auch meine unsterbliche Seele taumelt, und ich taumle mit ihr, und taumelnd bringt mich die Treppe hinauf, ans Tageslicht, der brave Ratskellermeister von Bremen. Du braver Ratskellermeister von Bremen! Siehst du, auf den Dächern der Häuser sitzen die Engel und sind betrunken und singen; die glühende Sonne dort oben ist nur eine rote, betrunkene Nase, die Nase des Weltgeists; und um die rote Weltgeistnase dreht sich die ganze, betrunkene Welt.

Mir träumt: ich bin der liebe Gott

von

Heinrich Heine.

Mir träumt: ich bin der liebe Gott und sitz im Himmel droben, und Englein sitzen um mich her, die meine Verse loben. Und Kuchen ess’ ich und Konfekt für manchen lieben Gulden, und Kardinal trink’ ich dabei, und habe keine Schulden. Doch Langeweile plagt mich sehr, ich wollt’, ich wär’ auf Erden, und wär’ ich nicht der liebe Gott, ich könnt’ des Teufels werden. „Du langer Engel Gabriel, geh, mach dich auf die Sohlen, und meinen teuern Freund Eugen sollst du herauf mir holen. „Such ihn nicht im Kollegium, such ihn beim Glas Tokaier; such ihn nicht in der Hedwigskirch’, such ihn bei Mamsell Meyer.“ Da breitet aus sein Flügelpaar und fliegt herab der Engel, und packt ihn auf, und bringt herauf den Freund, den lieben Bengel. „Ja, Jung’, ich bin der liebe Gott, und ich regier’ die Erde! Ich hab’s ja immer dir gesagt, daß ich was Rechts noch werde. „Und Wunder tu’ ich alle Tag’, die sollen dich entzücken! Und dir zum Spaße will ich heut’ die Stadt Berlin beglücken. „Die Pflastersteine auf der Straß’, die sollen jetzt sich spalten, und eine Auster, frisch und klar, soll jeder Stein enthalten. „Ein Regen von Zitronensaft soll tauig sie begießen, und in den Straßengössen soll der beste Rheinwein fließen.“ Wie freuen die Berliner sich, sie gehen schon ans Fressen; die Herren von dem Landgericht, die saufen aus den Gössen. Wie freuen die Poeten sich bei solchem Götterfraße! Die Leutnants und die Fähnerichs, die lecken ab die Straße. Die Leutnants und die Fähnerichs, das sind die klügsten Leute, sie denken: alle Tag’ geschieht kein Wunder so wie heute.

Rhampsenit

von

Heinrich Heine.

Als der König Rhampsenit eintrat in die goldne Halle seiner Tochter, lachte diese, lachten ihre Zofen alle. Auch die Schwarzen, die Eunuchen, stimmten lachend ein, es lachten selbst die Mumien, selbst die Sphinxe, daß sie schier zu bersten dachten. Die Prinzessin sprach: „Ich glaubte schon den Schatzdieb zu erfassen, der hat aber einen toten Arm in meiner Hand gelassen. „Jetzt begreif’ ich, wie der Schatzdieb dringt in deine Schatzhauskammern, und die Schätze dir entwendet, trotz den Schlössern, Riegeln, Klammern. „Einen Zauberschlüssel hat er, der erschließet allerorten jede Türe, widerstehen können nicht die stärksten Pforten. „Ich bin keine starke Pforte, und ich hab’ nicht widerstanden; Schätze hütend diese Nacht kam ein Schätzlein mir abhanden.“ So sprach lachend die Prinzessin und sie tänzelt im Gemache, und die Zofen und Eunuchen hoben wieder ihre Lache. An demselben Tag ganz Memphis lachte, selbst die Krokodile reckten lachend ihre Häupter aus dem schlammig gelben Nile, Als sie Trommelschlag vernahmen und sie hörten an dem Ufer folgendes Reskript verlesen von dem Kanzelei-Ausrufer: „Rhampsenit, von Gottes Gnaden König zu und in Ägypten, wir entbieten Gruß und Freundschaft unsern Vielgetreun und Liebden. „In der Nacht vom dritten zu dem vierten Junius des Jahres dreizehnhundert vierundzwanzig vor Christi Geburt, da war es, „Daß ein Dieb aus unserm Schatzhaus eine Menge von Juwelen uns entwendet; es gelang ihm uns auch später zu bestehlen. „Zur Ermittelung des Täters ließen schlafen wir die Tochter bei den Schätzen — doch auch jene zu bestehlen schlau vermocht’ er. „Um zu steuern solchem Diebstahl und zu gleicher Zeit dem Diebe Unsre Sympathie zu zeigen, Unsre Ehrfurcht, Unsre Liebe, „Wollen wir ihm zur Gemahlin Unsre einz’ge Tochter geben, und ihn auch als Thronnachfolger in den Fürstenstand erheben. „Sintemal uns die Adresse Unsres Eidams noch zur Stunde unbekannt, soll dies Reskript ihm bringen Unsrer Gnade Kunde. „So geschehn den dritten Jänner dreizehnhundert zwanzig sechs vor Christi Geburt. — Signieret von Uns: Rhampsenitus Rex.“ Rhampsenit hat Wort gehalten, nahm den Dieb zum Schwiegersohne, und nach seinem Tode erbte auch der Dieb Ägyptens Krone. Er regierte wie die andern, schützte Handel und Talente; wenig, heißt es, ward gestohlen unter seinem Regimente.

Zwei Ritter

von

Heinrich Heine.

Krapülinski und Waschlapski, Polen aus der Polackei, fochten für die Freiheit, gegen Moskowiter-Tyrannei. Fochten tapfer und entkamen endlich glücklich nach Paris — leben bleiben, wie das Sterben für das Vaterland ist süß. Wie Achilles und Patroklus, David und sein Jonathan liebten sich die beiden Polen, küßten sich: „Kochan! Kochan!“ Keiner je verriet den andern, blieben Freunde, ehrlich, treu, ob sie gleich zwei edle Polen, Polen aus der Polackei. Wohnten in derselben Stube, schliefen in demselben Bette! Eine Laus und eine Seele, kratzten sie sich um die Wette. Speisten in derselben Kneipe, und da keiner wollte leiden, daß der andre für ihn zahle, zahlte keiner von den beiden. Auch dieselbe Henriette wäscht für beide edle Polen; trällernd kommt sie jeden Monat — um die Wäsche abzuholen. Ja, sie haben wirklich Wäsche, jeder hat der Hemden zwei, ob sie gleich zwei edle Polen, Polen aus der Polackei. Sitzen heute am Kamine, wo die Flammen traulich flackern; draußen Nacht und Schneegestöber und das Rollen von Fiakern. Eine große Bowle Punsch (es versteht sich: unverzückert, unversäuert, unverwässert) haben sie bereits geschlückert. Und von Wehmut wird beschlichen ihr Gemüte; ihr Gesicht wird befeuchtet schon von Zähren, und der Krapülinski spricht: „Hätt’ ich doch hier in Paris meinen Bärenpelz, den lieben Schlafrock und die Katzfell-Nachtmütz, die im Vaterland geblieben!“ Ihm erwiderte Waschlapski: „O du bist ein treuer Schlachzitz, denkest immer an der Heimat Bärenpelz und Katzfell-Nachtmütz. „Polen ist noch nicht verloren, unsre Weiber, sie gebären, unsre Jungfraun tun dasselbe, werden Helden uns bescheren, „Helden, wie der Held Sobieski, wie Schelmufski und Uminski, Eskrokewitsch, Schubiakski, und der große Eselinski.“

Ziethen

von

Friedrich von Sallet.

Der große König wollte gern sehn, was seine Gen’rale wüßten; da ließ er an alle Briefe ergehn, daß sie gleich ihm schreiben müßten, was jeder von ihnen zu tun gedenkt, wenn der Feind ihn so oder so bedrängt. Der Vater Ziethen, der alte Husar, besah verwundert den Zettel. „Der König hält mich zum Narren wohl gar,“ so flucht er, „was soll mir der Bettel? Husar, das bin ich, potzelement! Kein Schreiber oder verpfuschter Student.“ Da macht’ er auf einen Bogen Papier einen großen Klex in der Mitten. Rechts, oben, links, unten, dann Linien vier, die all’ in dem Klexe sich schnitten, und jede endete in ’nem Klex. So schickt er den Boten dem alten Rex. Der schüttelt den Kopf gedankenvoll, fragt bei der Revue dann den Alten: „Zum Schockschwerenot, Ziethen, ist er denn toll? Was soll ich vom Wische da halten?“ Den Bart streicht Ziethen: „Das ist bald erklärt, wenn Euer Majestät mir Gehör gewährt. „Der große Klex in der Mitte bin ich. Der Feind einer dort von den vieren, der kann nun von vorn oder hinten auf mich, von rechts oder links auch marschieren, dann rück’ ich auf einem der Striche vor und hau’ ihn, wo ich ihn treffe, aufs Ohr.“ Da hat der König laut gelacht und bei sich selber gemeinet: „Der Ziethen ist klüger, wie ich es gedacht, sein Geschmier sagt mehr, als es scheinet. Das ist mir der beste Reitersmann, der den Feind schlägt, wo er auch rückt heran.“

Elfenlied

von

Eduard Mörike.

Bei Nacht im Dorf der Wächter rief: Elfe! Ein ganz kleines Elfchen im Walde schlief — wohl um die Elfe! — und meint, es rief’ ihm aus dem Tal bei seinem Namen die Nachtigall oder Silpelit hätt’ ihm gerufen. Reibt sich der Elf die Augen aus, begibt sich vor sein Schneckenhaus, und ist als wie ein trunken Mann, sein Schläflein war nicht voll getan, und humpelt also tippe tapp durchs Haselholz ins Tal hinab, schlupft an der Mauer hin so dicht, da sitzt der Glühwurm, Licht an Licht. „Was sind das helle Fensterlein? Da drin wird eine Hochzeit sein: die Kleinen sitzen beim Mahle, und treiben’s in dem Saale. Da guck’ ich wohl ein wenig ’nein!“ — Pfui, stößt den Kopf an harten Stein! Elfe, gelt, du hast genug? Guckuck! Guckuck!

Lose Ware

von

Eduard Mörike.

„Tinte! Tinte, wer braucht! Schön schwarze Tinte verkauf ich,“ rief ein Bübchen gar hell Straßen hinauf und hinab. Lachend traf sein feuriger Blick mich oben im Fenster, eh’ ich mich’s irgend versah, huscht er ins Zimmer herein. „Knabe, dich rief niemand!“ — „Herr, meine Ware versucht nur!“ Und sein Fäßchen behend schwang er vom Rücken herum. Da verschob sich das halb zerrissene Jäckchen ein wenig an der Schulter, und hell schimmert ein Flügel hervor. „Ei, laß sehen, mein Sohn! Du führst auch Federn im Handel? Amor, verkleideter Schelm! soll ich dich rupfen sogleich?“ Und er lächelt, entlarvt, und legt auf die Lippen den Finger: „Stille! sie sind nicht verzollt — stört die Geschäfte mir nicht! Gebt das Gefäß! ich füll’ es umsonst, und bleiben wir Freunde!“ Dies gesagt und getan, schlüpft er zur Türe hinaus. — Angeführt hat er mich doch: denn will ich was Nützliches schreiben, gleich wird ein Liebesbrief, gleich ein Erotikon draus.

Mausfallen-Sprüchlein

von

Eduard Mörike.

Das Kind geht dreimal um die Falle und spricht:

Kleine Gäste, kleines Haus. Liebe Mäusin oder Maus, stell’ dich nur kecklich ein heut’ nacht bei Mondenschein! Mach’ aber die Tür fein hinter dir zu! Hörst du? Dabei hüte dein Schwänzchen! Nach Tische singen wir, nach Tische springen wir und machen ein Tänzchen: witt witt! Meine alte Katze tanzt wahrscheinlich mit.

Pastoralerfahrung

von

Eduard Mörike.

Meine guten Bauern freuen mich sehr; eine „scharfe Predigt“ ist ihr Begehr. Und wenn man mir es nicht verdenkt, sag’ ich, wie das zusammenhängt. Sonnabend, wohl nach elfe spat, im Garten stehlen sie mir den Salat; in der Morgenkirch’ mit guter Ruh’ erwarten sie den Essig dazu; der Predigt Schluß fein linde sei: sie wollen gern auch Öl dabei.

Scherz

von

Eduard Mörike.

Einen Morgengruß ihr früh zu bringen und mein Morgenbrot bei ihr zu holen, geh’ ich sachte an des Mädchens Türe, öffne rasch, da steht mein schlankes Bäumchen vor dem Spiegel schon und wäscht sich emsig. O wie lieblich träuft die weiße Stirne, träuft die Rosenwange Silbernässe, hangen aufgelöst die süßen Haare! Locker spielen Tücher und Gewänder. Aber wie sie zagt und scheucht und abwehrt! Gleich, sogleich soll ich den Rückzug nehmen! „Närrchen,“ rief ich, „sei mir so kein Närrchen! Das ist Brautrecht, ist Verlobtensitte. Laß mich nur! ich will ja blind und lahm sein, will den Kopf und alle beide Augen in die Fülle deiner Locken stecken, will die Hände mit den Flechten binden.“ — „Nein, du gehst!“ — „Im Winkel laß mich stehen, dir bescheidentlich den Rücken kehren!“ — „Ei, so mag’s, damit ich Ruhe habe!“ Und ich stand gehorsam in der Ecke, lächerlich, wie ein gestrafter Junge, der die Lektion nicht wohl bestanden, muckste nicht und kühlte mir die Lippen an der weißen Wand mit leisem Kusse eine volle lange Stunde, ja, so wahr ich lebe. Doch wer etwa einen kleinen Zweifel möchte haben (was ich ihm just nicht verargen dürfte), nun, der frage nur das Mädchen selber: die wird ihn — noch zierlicher belügen.

An meinen Vetter

von

Eduard Mörike.

Juni 1837.

Lieber Vetter! Er ist eine von den freundlichen Naturen, die ich Sommerwesten nenne; denn sie haben wirklich etwas Sonniges in ihrem Wesen. Es sind weltliche Beamte, Rechnungsräte, Revisoren oder Kameralverwalter, auch wohl manchmal Herrn vom Handel, aber meist vom ältern Schlage, keinesweges Petitmaitres, haben manchmal hübsche Bäuche, und ihr Vaterland ist Schwaben. Neulich auf der Reise traf ich auch mit einer Sommerweste in der Post zu Besigheim eben zu Mittag zusammen. Und wir speisten eine Suppe, darin rote Krebse schwammen, Rindfleisch mit französ’schem Senfe, dazu liebliche Radieschen, dann Gemüse und so weiter, schwatzten von der neusten Zeitung, und daß es an manchen Orten gestern stark gewittert habe. Drüber zieht der wackre Herr ein silbern Büchslein aus der Tasche, sich die Zähne auszustochern; endlich stopft er sich zum schwarzen Kaffee seine Meerschaumpfeife, dampft und diskuriert und schaut in- mittelst einmal nach den Pferden. Und ich sah ihm so von hinten nach und dachte: Ach, daß diese lieben, hellen Sommerwesten, die bequemen, angenehmen, endlich doch auch sterben müssen!

Der Tambour

von

Eduard Mörike.

Wenn meine Mutter hexen könnt’, da müßt’ sie mit dem Regiment nach Frankreich, überall mit hin, und wär’ die Marketenderin. Im Lager, wohl um Mitternacht, wenn niemand auf ist als die Wacht, und alles schnarchet, Roß und Mann, vor meiner Trommel säß’ ich dann: die Trommel müßt’ eine Schüssel sein, ein warmes Sauerkraut darein, die Schlegel Messer und Gabel, eine lange Wurst mein Sabel, mein Tschako wär’ ein Humpen gut, den füll’ ich mit Burgunderblut. Und weil es mir an Lichte fehlt, da scheint der Mond in mein Gezelt; scheint er auch auf französ’sch herein, mir fällt doch meine Liebste ein: Ach weh! Jetzt hat der Spaß ein End’! — Wenn nur meine Mutter hexen könnt’!

Ein Hauptkerl

von

Alexander von Schlippenbach.

Ein Heller und ein Batzen, die waren beide mein, der Heller ward zu Wasser, der Batzen ward zu Wein! Die Mädel und die Wirtsleut’, die rufen beid’: O weh! Die Wirtsleut’, wenn ich komme, die Mädel, wenn ich geh’. Mein’ Stiefel sind zerrissen, mein’ Schuh’, die sind entzwei, und draußen auf der Heide, da singt der Vogel frei. Und gäb’s kein’ Landstraß’ nirgend, so blieb’ ich still zu Haus, und gäb’s kein Loch im Fasse, so tränk’ ich gar nicht draus. Das war ’ne rechte Freude, als mich der Herrgott schuf, ’n Kerl wie Samt und Seide, nur schade, daß er suff! —

Fridericus Rex

von

Wilibald Alexis.

Fridericus Rex, unser König und Herr, der rief seine Soldaten allesamt ins Gewehr, zweihundert Bataillons und an die tausend Schwadronen, und jeder Grenadier kriegt sechzig Patronen. „Ihr verfluchten Kerls,“ sprach seine Majestät, „daß jeder in der Bataille seinen Mann mir steht! Sie gönnen mir nicht Schlesien und die Grafschaft Glatz und die hundert Millionen in meinem Schatz. „Die Kais’rin hat sich mit den Franzosen alliiert und das römische Reich gegen mich revoltiert, die Russen sind gefallen in Preußen ein, auf, laßt uns zeigen, daß wir brave Landskinder sein! „Meine Generale Schwerin und Feldmarschall von Keith und der Generalmajor von Ziethen sind allemal bereit. Kotz Mohren, Blitz und Kreuzelement, wer den Fritz und seine Soldaten nicht kennt!“ — „Nun adjö, Lowise, wisch ab das Gesicht, eine jede Kugel die trifft ja nicht; denn träf’ jede Kugel apart ihren Mann, wo kriegten die Könige ihre Soldaten dann! „Die Musketenkugel macht ein kleines Loch, die Kanonenkugel ein weit größeres noch; die Kugeln sind alle von Eisen und Blei, und manche Kugel geht manchem vorbei. „Unsere Artillerie hat ein vortrefflich Kaliber, und von den Preußen geht keiner zum Feinde nicht über, die Schweden, die haben verflucht schlechtes Geld, wer weiß, ob der Östreicher besseres hält. „Mit Pomade bezahlt den Franzosen sein König, wir kriegen’s alle Woche bei Heller und Pfennig. Kotz Mohren, Blitz und Kreuzsakerment, wer kriegt so prompt wie der Preuße sein Traktement? „Fridericus, mein König, den der Lorbeerkranz ziert, ach hättst du nur öfters zu plündern permittiert, Fridericus Rex, mein König und Held, wir schlügen den Teufel für dich aus der Welt.“

Rolf Düring

von

Moritz Graf von Strachwitz.

Volksmärchen.

König Erich sprach mit schwerem Sinn: „Meine Tochter ist weg, ich weiß nicht wohin? Ich möchte sie suchen und weiß nicht wie?“ Rolf Düring sprach: „Ich suche sie!“ Gar mannhaft sprach Rolf Düring. Rolf Düring sprang ins Boot zur Stund’ und ruderte über den Öresund. Es pfiff der Fant manch lustigen Reim, so fuhr Rolf Düring gen Riesenheim, gar freudig fuhr Rolf Düring. Und als er kam vor des Riesen Tor, Rolf Düring ritt die Stufen empor; wohl lag auf den Stufen manch bleichend Gebein, Rolf Düring pfiff und sprengte hinein, nicht bange war Rolf Düring. Und als er kam vor des Riesen Schwell’, da stand im Saale ein langer Gesell’, er stand und ragte als wie ein Haus, Rolf Düring sah wie ein Zaunkönig aus, was kümmerte das Rolf Düring? Rolf Düring setzte die Sporen ein: „Herr Riese, du mußt verloren sein!“ Der Riese lachte bei jedem Stich, das war Rolf Düring sehr ärgerlich, gar zornig ward Rolf Düring. „Und wärest du länger als ein Mast, zu Boden mußt du, grober Gast!“ Anprallte der Ritter im vollen Galopp, da fiel der Riese, das war ihm zu grob! Und auf ihn sprang Rolf Düring: „Heraus die Prinzessin im Augenblick! Sonst schneid’ ich dir ab dein zottig Genick!“ Er stach drei Zoll tief oder mehr, da schrie der Riese: „Ich strecke die Wehr!“ Zu heftig stach Rolf Düring. Rolf Düring zog; stolz war sein Zug, er hielt die Prinzessin im Sattelbug, vorn stapfte der Riese und zagte sehr, ihm saß im Nacken Rolf Dürings Speer; zu Meere zog Rolf Düring. Rolf Düring schrie mit Ungestüm: „Nun trag’ uns hinüber, du Ungetüm, auf den rechten Arm mich und mein Fräulein wert und auf den linken nimm mein Pferd!“ Gar dräuend schrie Rolf Düring. Der Riese hob das rechte Bein und stiefelte in den Sund hinein, er hätte sich gerne geschüttelt, der Wicht, allein er tat es lieber nicht, er forchte sich vor Rolf Düring. In Beires Burg tanzt Herr und Gesind, da freit Rolf Düring des Königs Kind, und wenn es wahr ist, was sie sagen, so mußte der Riese ins Bett sie tragen, ins Brautbett zu Rolf Düring.

Hans Sachsens Schusterlied

von

Richard Wagner.

Jerum! Jerum! Halla halla he! Oho! Trallalei! ohe! Als Eva aus dem Paradies von Gott dem Herrn verstoßen, gar schuf ihr Schmerz der harte Kies an ihrem Fuß, dem bloßen. Das jammerte den Herrn, ihr Füßchen hat er gern; und seinem Engel rief er zu: „Da mach’ der armen Sünd’rin Schuh’! Und da der Adam, wie ich seh’, an Steinen dort sich stößt die Zeh’, daß recht fortan er wandeln kann, so miß’ dem auch Stiefeln an!“ Jerum! Jerum! Halla halla he! Oho! Trallalei! ohe! O Eva! Eva! Schlimmes Weib! Das hast du am Gewissen, daß ob der Füß’ am Menschenleib jetzt Engel schustern müssen. Bliebst du im Paradies, da gab es keinen Kies. Ob deiner jungen Missetat hantier’ ich jetzt mit Ahl’ und Draht, und ob Herrn Adams übler Schwäch’ versohl’ ich Schuh’ und streiche Pech. Wär’ ich nicht fein ein Engel rein, Teufel möchte Schuster sein! Jerum! Jerum! Halla halla he! Oho! Trallalei! ohe! O Eva! Hör’ mein Klageruf, mein Not und schwer Verdrüssen! Die Kunstwerk’, die ein Schuster schuf, sie tritt die Welt mit Füßen! Gäb’ nicht ein Engel Trost, der gleiches Werk erlos’t, und rief mich oft ins Paradies, wie dann ich Schuh’ und Stiefel ließ’! Doch wenn der mich im Himmel hält, dann liegt zu Füßen mir die Welt, und bin in Ruh’ Hans Sachs, ein Schuh- macher und Poet dazu.

Berliner Pfingsten

von

Gottfried Keller.

Heute sah ich ein Gesicht, freudevoll zu deuten: in dem frühen Pfingstenlicht und beim Glockenläuten schritten Weiber drei einher, feierlich im Gange, Wäscherinnen fest und schwer, jede trug ’ne Stange. Mädchensommerkleider drei flaggten von den Stangen, schönre Fahnen, stolz und frei, als je Krieger schwangen; frisch gewaschen und gesteift, tadellos gebügelt, blau und weiß und rot gestreift, wunderbar geflügelt! Lustig blies der Wind, der Schuft, Falbeln auf und Büste, und mit frischer Morgenluft füllten sich die Brüste; und ich sang, als ich gesehn ferne sie entschweben; auf und laßt die Fahnen wehn, lustig ist das Leben!

Der Narr des Grafen von Zimmern

von

Gottfried Keller.

Was rollt so zierlich, klingt so lieb treppauf und ab im Schloß? Das ist des Grafen Zeitvertrieb und stündlicher Genoss’: Sein Narr, annoch ein halbes Kind und rosiges Gesellchen, so leicht und lustig wie der Wind, und trägt den Kopf voll Schellchen. Noch ohne Arg, wie ohne Bart, an Possen reich genug, ist doch der Fant von guter Art und in der Torheit klug; und was vergecken und verdrehn die zappeligen Hände, gerät ihm oft wie aus Versehn zuletzt zum guten Ende. Der Graf mit seinem Hofgesind’ weilt in der Burgkapell’, da ist, wie schon das Amt beginnt, kein Ministrant zur Stell’. Rasch nimmt der Pfaff den Narrn beim Ohr und zieht ihn zum Altare; der Knabe sieht sich fleißig vor, daß er nach Bräuchen fahre. Und gut, als wär’ er’s längst gewohnt, bedient er den Kaplan; doch wann’s die Müh’ am besten lohnt, bricht oft der Unstern an; denn als die heil’ge Hostia vom Priester wird erhoben, o Schreck! so ist kein Glöcklein da, den süßen Gott zu loben! Ein Weilchen bleibt es totenstill, erbleichend lauscht der Graf, der gleich ein Unheil ahnen will, das ihn vom Himmel traf. Doch schon hat sich der Narr bedacht, den Handel zu versöhnen; die Kappe schüttelt er mit Macht, daß alle Glöcklein tönen! Da strahlt von dem Ciborium ein goldnes Leuchten aus; es glänzt und duftet um und um im kleinen Gotteshaus, wie wenn des Himmels Majestät in frischen Veilchen läge: der Herr, der durch die Wandlung geht — er lächelt auf dem Wege!

Schütz im Stichfieber

von

Gottfried Keller.

„Geh’, gewinn’ mir Geld ins Haus!“ sprach das böse Weib zum Schütz; er gewann, in Saus und Braus bracht er’s durch, der gute Schütz; denn er dacht’, noch mancher Schuß bleibt mir für das böse Weib, bleibt mir für den Hausverdruß — jetzo gilt’s dem Zeitvertreib! Becher, Uhr und blankes Geld, alles schlug er durch, der Schütz, manchen Beutel leert der Held, stets gewann er neu, der Schütz, schenkt die Uhr der schönen Dirn’, recht zum Hohn dem bösen Weib; in den Bechern klar und firn perlt der Wein zum Zeitvertreib. Also trieb er’s Tag und Nacht, bis zu End’ das große Fest und die bittre Reu’ erwacht, weil er denkt ans Drachennest, wo der böse Drach’ ihm haust, der nur Gold und Silber frißt; und dem guten Schützen graust, da er die Gefahr ermißt. Blieb ihm noch ein Schuß zur Hand und noch zehn Minuten Zeit für den Stich ins „Vaterland“ — ach, wie scheint die Scheibe weit! Hell vom Tempel blinkt der Gruß goldgefüllter Silberschal’: „Sie gewinn’ ich, weil ich muß, denn es bleibt mir keine Wahl! „Vater Tell im Himmelszelt! Bied’rer Schütz in Gottes Schoß! Lenk’ dein Falkenaug’ zur Welt, hilf mir, denn die Not ist groß! Mach’ den Willen fest und frei, reglos sicher meine Hand! Sind die Zeiten denn vorbei, da man Meisterschüsse fand?“ Und er schlägt bedächtlich an, zielet lang, der gute Schütz; was verwirrt ihm Sinn und Plan? Setzt er ab, der gute Schütz? Und er starret bleich und fremd, starret sprachlos nach der Scheib’ — denn im roten Zeigerhemd sah er gaukeln dort sein Weib. Niemand sah’s, als er allein, und er sieht’s, so oft er zielt! Macht’s die Angst, ist es der Wein, der ihm das Gehirn bespült? Zweimal, dreimal schlägt er an, zitternd stark am ganzen Leib — immer tanzt auf grüner Bahn grad’ im Schuß das rote Weib. Und die Sippe kommt zur Stell’, Freunde, Vettern rings herum, Büchsenmeister und Gesell, Lader, Warner grad’ und krumm! Ei, welch ein berühmter Schütz, der so viel Klienten hat, die ihm dienlich sind und nütz, jeder gibt ihm guten Rat! Dieser untersucht das Schloß, jener dreht ein Schräubchen an, der gebietet Ruh’ dem Troß, und ein andrer spannt den Hahn, und der fünfte flößt ihm Mut, doch der sechste stellt sich bang, und der sieb’te hält den Hut vor den Sonnenuntergang! Endlich doch ermannt er sich, zielt in Wut, der gute Schütz, und die Freunde, feierlich, sie umstehn den kühnen Schütz, und er sieht das böse Weib, schließt die Augen — sei’s, weil’s muß! und er drückt — fort ist das Weib und zum Teufel ist der Schuß! Eben dröhnt Kanonenknall, Feierabend Schütz und Rohr! Tausendfacher Gläserschall! Klangvoll schließt des Tages Tor! Klanglos mit gebeugtem Mut heimwärts wallt der arme Wicht — sich zur Freude schoß er gut: für den Geiz gelang’s ihm nicht.

Waldfrevel

von

Gottfried Keller.

Seht den Schuft am Waldessaum mit gewandten Sprüngen fliegend, einen jungen Eschenbaum auf den breiten Schultern wiegend! Hat die Axt, die er gestohlen, vornen in den Stamm geschwungen, weit noch hinter seinen Sohlen kommt der Wipfel nachgesprungen. Wie er heimlich lacht und singt, daß das Herz im Leibe springt! Und die Dirne kommt daher mit geschnittnen Weidenruten; von der Last, die drückend schwer, stehn die Wangen ihr in Gluten. Und der Bursche wirft die schwere Bürde beider in den Graben, beide springen nach, als wäre dort ein Nest voll Glück zu haben. Wo ein kleiner Freudenquell tief im Erlengrunde fließet und die Silberadern hell durch das samtne Moos ergießet, wirft der schlanke Dieb sich nieder mit der Dirn’ im braunen Arm, löst ihr hastig Tuch und Mieder, und er flüstert liebewarm, daß sein brennend Herz erklingt, wie die Nuß im Feuer singt: „Schätzchen, o du kommst mir just, daß ich meine Schätze grabe, wieder einmal meine Lust am verborgnen Reichtum habe! Zeig’ mir der Korallen Schein an dem frischen roten Munde, gib mir schnell mein Elfenbein, all das fein gedrehte, runde!“ Wie der Has’ im Kohle springt ihm das Herz und singt und klingt! „Laß mich wägen all mein Gold, deines Haares schwere Güsse! Laß mich zählen meinen Sold, zähle mir ein hundert Küsse blank und bar auf meine Lippen, weil uns kein Verräter lauschet! Laß mich von dem Weine nippen, der mich armen Schelm berauschet! „Nun verhüll’ die Herrlichkeit mit den Lumpen, mit den Fetzen, daß kein Auge ungeweiht spähen kann nach meinen Schätzen! Dieses Tuch um deine Haare dreimal, viermal sorglich winde, daß die goldne Schimmerware ja kein Strahl der Sonne finde!“ Gleich ist drauf die Dirn’ davon durch den dunkeln Wald gesprungen, wieder hat der Bursche schon seinen Eschenbaum geschwungen; wie die Beine rasch ihn tragen mit dem langen schwanken Raube! Einen grünen Siegeswagen, schleift die Kron’ er nach im Staube. Wie die Grill’ im Grase springt ihm das Herz und singt und klingt!

Wochenpredigt

von

Gottfried Keller.

In heißem Glanz liegt die Natur, die Ernte lagert auf der Flur; in langen Reihn die Sichel blinkt, mit leisem Geräusch die Ähre sinkt. Doch hinter jenen grünen Matten, in seines Kirchleins kühlem Schatten geborgen vor dem Stich der Sonne, da steht das Pfäfflein der Gemeine, auf diesem, dann auf jenem Beine, in seiner alten Predigertonne hoch an dem Pfeiler grau und fest, dem Kranich gleich in seinem Nest. Schwarz glänzt das kurzgeschorne Haar, wie Röslein blüht das Wangenpaar; nur etwas schläfrig blinzen nieder die Äuglein durch die fetten Lider, weil er sich seiner Wochenpredigt mit ziemlich saurer Müh’ entledigt. So spricht er von dem ewigen Leben, das nach dem Tod es werde geben: wie man auch da noch müsse ringen und immer weiter vorwärts dringen, und nie von Handel und Wandel frei, bis man zuletzt vollkommen sei; von einem Stern zum andern hüpfen und endlich in den Urquell schlüpfen. Doch unten in des Kirchleins Tiefen die Hörer auf den Bänken schliefen. Sie waren alle hoch an Jahren, mit weißen oder gar keinen Haaren, ganz klingeldürre Frau’n und Greise, gebeugt von ihrer langen Reise; so lehnten sie an ihren Krücken mit lebensmüdem, sanftem Nicken. Sie hatten gelebt und hatten gestritten, Erde gegraben und Garben geschnitten, Bürden getragen und Freuden gehabt und, wenn sie gedürstet, sich gelabt. Sie hatten nicht ihr Leben verfehlt, kein Genie und keine Tugend verhehlt, auch keine Schwänke unterlassen — wen’s konnten bei der Nase fassen, den haben sie gar fest ergriffen und ihn mit Freuden ausgepfiffen, nicht immer bezahlt, was sie geborgt, und fleißig doch für Erben gesorgt. Die Predigt schweigt, sie sind erwacht, die Kirchentür wird aufgemacht, und leuchtend bricht der grüne Schein der Bäume in die Dämmrung ein. Die Alten stehen mühsam auf und setzen sich gemach in Lauf und schleichen seltsam kreuz und quer über die grünen Gräber her. Sie setzen sich auf die Leichensteine und reiben ihre kranken Beine, sie hüsteln, spucken aus und lachen und sprechen bewußtlos kindische Sachen. Sie schauen in die goldnen Auen, wo ihre Enkel und Sohnesfrauen im fernen Sonnenglanze gehen, die reifen Früchte rüstig mähen; sie sehen in all den hellen Schein mit blöden Augen stumm hinein. Schon ist verklungen leis und weit das Lied von der Unsterblichkeit. Und wie vor langen achtzig Jahren die Flämmlein im Entstehen waren und mählig aus der tiefen Nacht sich in ein helles Licht entfacht, das freilich auch sich ewig schien, so glimmen sie jetzt wieder hin und denken bessres nicht zu tun, als ewig, ewig auszuruhn. Von Durst nach neuem Kommerzieren, wenn recht ihr schaut, ist nichts zu spüren. Das Pfäfflein ist nach Haus gekommen, hat einen Schluck zu sich genommen und wandelt jetzt im schmucken Garten, den kühlen Abend zu erwarten, wo er sich freut auf ein Gelage, zu dem er freundlich ist gebeten; doch steht die Sonn’ noch hoch am Tage. Des ist er nun in großen Nöten; er weiß, die besten Bachforellen werden auf blumiger Schüssel schwellen, ausländische Wurst und köstlicher Schinken reizen ihn zu frohem Trinken; er kennt die staubigen Flaschen zu gut in Herrn Confratris frommer Hut, die schön geschliffnen Gläser dringen schon in sein Ohr mit feinem Klingen; er kennt das Tischlein hinter der Türen, von wo die Flaschen hermarschieren, bis er eine mit silbernem Hals entdeckt, die vor dem Abschied doppelt schmeckt. Und noch drei lange, lange Stunden! — Hier hat er Ranken angebunden, ein nagendes Räupchen abgelesen, dort aufgehoben einen Besen und an das Gartenhaus gelehnt, dann einen Augenblick gewähnt, er wolle auf den Sonntag Morgen noch schnell für eine Predigt sorgen; doch ist er hievon abgegangen, hat einen Schmetterling gefangen, wirft einen Socken über den Hag, der mitten in einem Beete lag. Die Sonne steht noch hoch am Tag. Er wird der langen Weil zum Raube und sinkt in eine kühle Laube, macht dort ein Ende seiner Pein, schläft zwischen Rosen und Nelken ein. O Pfäfflein, liebes Pfäfflein, sag, ist dir zu lang der eine Tag, was willst du mit all den Siebensachen, den Millionen Sternen und Jahren machen?

Alte Schweizer

von

Conrad Ferdinand Meyer.

Sie kommen mit dröhnenden Schritten entlang den von Raffaels Fresken verherrlichten Gang in der puffigen alten geschichtlichen Tracht, als riefe das Horn sie zur Murtener Schlacht. „Herr Heiliger Vater, der Gläubigen Hort, so kann es nicht gehn und so geht es nicht fort. Du sparst an den Kohlen, du knickerst am Licht — an deinen Helvetiern knaus’re du nicht! „Wann den Himmel ein Heiliger Vater gewann, ergibt es elf Taler für jeglichen Mann! So galt’s und so gilt’s von Geschlecht zu Geschlecht, wir pochen auf unser historisches Recht! „Herr Heiliger Vater, du weißt, wer wir sind, bescheidene Leute von Ahne zu Kind! Doch werden wir an den Moneten gekürzt, wir kommen wie brüllende Löwen gestürzt! „Herr Heiliger Vater, die Taler heraus! Sonst räumen wir Kisten und Kasten im Haus ... Potz Donner und Hagel und höllischer Pfuhl! Wir versteigern dir den apostolischen Stuhl!“ Der Heilige Vater bekreuzt sich entsetzt und zaudert und langt in die Tasche zuletzt — — da werden die Löwen zu Lämmern im Nu: „Herr Heiliger Vater, jetzt segne uns du!“

Don Fadrique

von

Conrad Ferdinand Meyer.

Don Fadrique bringt ein Ständchen der possierlichen Pepita: „Liebchen, strecke durch die Türe deines Füßchens Spitze nur!“ Und die drollige Pepita streckt durch eine schmale Spalte eines allerliebsten Fußes weißes Spitzchen in die Luft. Don Fadrique krümmt den Rücken, will das weiße Spitzchen küssen, Knabe Amor steht beiseite, der den Bogen lachend spannt. Nach dem ewigjungen Herzen zielt er, doch wer lacht, der zielt schlecht: In des Ritters alten Rücken schießt er einen Hexenschuß. Don Fadriques Knochen rasseln, Don Fadrique stürzt zusammen, Figaro holt eine Sänfte, Figaro bringt ihn zu Bett. „Frommer Bruder Agostino, exorziere mir das frevle allerliebste weiße Füßchen, das durch meine Beichte tanzt!“ Don Fadrique sucht den Hades, zierlich schreitend wie ein Stutzer, tänzelnd leuchtet ihm ein weißes Füßchen durch die Unterwelt.

Von Katzen

von

Theodor Storm.

Vergangenen Maitag brachte meine Katze zur Welt sechs allerliebste kleine Kätzchen, Maikätzchen, alle weiß, mit schwarzen Schwänzchen. Fürwahr, es war ein zierlich Wochenbettchen! Die Köchin aber — Köchinnen sind grausam, und Menschlichkeit wächst nicht in einer Küche — die wollte von den Sechsen fünf ertränken, fünf weiße, schwarzgeschwänzte Maienkätzchen ermorden wollte dies verruchte Weib. Ich half ihr heim! — Der Himmel segne mir meine Menschlichkeit! Die lieben Kätzchen, sie wuchsen auf, und schritten binnen kurzem erhobnen Schwanzes über Hof und Herd; ja, wie die Köchin auch ingrimmig dreinsah, sie wuchsen auf und nachts vor ihrem Fenster probierten sie die allerliebsten Stimmchen. Ich aber, wie ich sie so wachsen sahe, ich pries mich selbst und meine Menschlichkeit. — Ein Jahr ist um, und Katzen sind die Kätzchen, und Maitag ist’s! — Wie soll ich es beschreiben, das Schauspiel, das sich jetzt vor mir entfaltet! Mein ganzes Haus, vom Keller bis zum Giebel, ein jeder Winkel ist ein Wochenbettchen! Hier liegt das eine, dort das andre Kätzchen, in Schränken Körben, unter Tisch und Treppen, die Alte gar, nein, es ist unaussprechlich, liegt in der Köchin jungfräulichem Bette! Und jede, jede von den sieben Katzen hat sieben, denkt euch! sieben junge Kätzchen, Maikätzchen, alle weiß, mit schwarzen Schwänzchen! Die Köchin rast, ich kann der blinden Wut nicht Schranken setzen dieses Frauenzimmers; ersäufen will sie alle neun und vierzig! Mir selber, ach, mir läuft der Kopf davon — o Menschlichkeit, wie soll ich dich bewahren! Was fang’ ich an mit sechsundfünfzig Katzen!

Das Mädchen mit den hellen Augen

von

Theodor Storm.

Das Mädchen mit den hellen Augen, die wollte keines Liebste sein; sie sprang und ließ die Zöpfe fliegen, die Freier schauten hinterdrein. Die Freier standen ganz von ferne in blanken Röcklein lobesam. „Frau Mutter, ach, so sprecht ein Wörtchen, und macht das liebe Kindlein zahm!“ Die Mutter schlug die Händ’ zusammen, die Mutter rief: „Du töricht’ Kind, greif zu, greif zu! Die Jahre kommen, die Freier gehen gar geschwind!“ Sie aber ließ die Zöpfe fliegen und lachte alle Weisheit aus; da sprang durch die erschrocknen Freier ein toller Knabe in das Haus. Und wie sie bog das wilde Köpfchen, und wie ihr Füßchen schlug den Grund, er schloß sie fest in seine Arme und küßte ihren roten Mund. Die Freier standen ganz von ferne, die Mutter rief vor Staunen schier: „Gott schütz’ dich vor dem ungeschlachten, ohn’ Maßen groben Kavalier!“

Aanten int Water[26]

von

Klaus Groth.

Aanten int Water, wat vaern Gesnater! Aanten in Dik[27], wat vaern Musik! De Wart is wat heesch[28]: Wat wat wat schüll wie eten? Murt[29], inne Murt, inne Grund is dat fett! Höja! de graue fangt lud[30] an to reden: Quark un warm Water! Un alle ropt mit. Aanten int Water, wat vaern Gesnater! Aanten in Dik, wat vaern Musik! De Rünnsteen hentlank all int Trünneln un Snappeln[31]! Barbeent un plattföt[32] un jümmer vergnögt! Hier is de Kaekenguß[33]! Beersupp mit Appeln! Wackeli, gackeli — süh, wa se sökt[34]! Aanten int Water, wat vaern Gesnater! Aanten in Dik, wat vaern Musik! Nu oppen Wall! un nu ropt wi de Günner[35]! Nu kamt se an, un nu gift dat en Snack[36]. Nu fleegt wi dal[37], un nu dukt wi uns ünner! All dat warm Water löppt blank vunne Nack! Aanten int Water, wat vaern Gesnater! Aanten in Dik, wat vaern Musik! Wat wat wat wüllt wi? Nu wüllt wi na ’n Misten. Hör! se döscht Weten[38]! Wi krupt daer de Rill[39]! Kamt man! man sachden! op Töntjen[40] mit Listen! Nückt mit den Kopp, un et gau[41], un swigt still! Aanten int Water, wat vaern Gesnater! Aanten int Stroh — wat vaern Halloh! Dar kumt de Kaeksch[42]! Neiht man ut, brukt de Flünken[43]! Hoch aewern Tun[44] un koppheister na ’n Dik! Swimm’ as de Pocken[45], un flegen as Lünken[46], klok as en Minsch — un so dick! un so dick! Aanten int Water, wat vaern Gesnater! Aanten in Dik, wat vaern Musik.

Matten[47] Has’

von

Klaus Groth.

Lütt Matten de Has’, de mak sik en Spaß, he weer bi ’t Studeern, dat Danzen to lehrn, un danz ganz aleen op de achtersten[48] Been. Keem Reinke de Voß[49] un dach: das en Kost! Un seggt: „Lüttje Matten, so flink oppe Padden[50]? Un danzst hier aleen oppe achtersten Been? „Kumm, lat uns tosam! Ik kann as de Dam! De Krei[51], de spelt Fidel, denn geit[52] dat canditel[53], denn geit dat mal schön op de achtersten Been!“ Lütt Matten gev Pot. De Voß beet[54] em dot; un sett sik in Schatten, verspis’ de lütt Matten: de Krei de kreeg[55] een vun de achtersten Been.

Spatz

von

Klaus Groth.

„Lütt Ebbe[56], kumm ropper, hier babn na de Föst[57], krup ünner[58], ja kik mal, hier bu’t wi en Nest. Du sittst as Gardrutjen[59] er Hahn ünnert Bett, as en Mus in en Heeddis[60], wa nett, o wa nett!“ — „Du Spitzbov, du Gaudeef[61], man weg, ga man weg! Weest noch vergangn Jahr? O wa slech, o wa slech! Wa seet ik un brö[62], harr ni Korn oder Kröm[63], un Spatz flog to Dörp, räsonneer in de Böm. „Du Spitzbov! du Gaudeef!“ — „Lütt Ebbe, swig still, vuntjahr[64] ward’t ganz anners: will mi betern — ik will! Mi steken de Fettdun[65] — kumm, kik mal, wa schön! Vuntjahr ward dat anners, schast[66] sehn, schast mal sehn! „He Hadbar[67] kumt bald, wahnt uns dicht aewern Kopp, bu’t en Hus as en Korf[68], stellt sik baben derop[69], op een Been, opt anner, de Näs inne Flünk[70]! Wa klappert he fründli: „Gudn Morn, Nawer Lünk[71]!“ „Un denn schint de Sünn hier lankt Dack[72] rein so blank, un denn trekt de Rok hier vunn Schösteen hentlank[73], un denn kumt Annstina mit Weten und Kaff[74]: Tuck, tuck! — Kikriki! un wi beidn krigt wat af. „Ok heff ik man sehn, hier de Koppel int Gras: Nawer Anton will Rogg sei’n[75], dat kumt uns to paß; un denn hier de Bom vaer uns Kinner to fleegn, un wi merrn dermank[76], watn Vergnögn, watn Vergnögn!“ „Du Spitzbov, lat sehn: dats dat Nest, dats dat Nest? Mak to, un hal Feddern un Dun[77], dats dat best! Ol Anton sin Pudelmütz liggt günd achtern Tun[78]: Plück as, mak man to, lats man bu’n, lats man bu’n!“

Dat is ’e[79]

von

Fritz Reuter.

Dat giwwt so’n Lüd’[80], dei hewwen Strid[81] mit jeden, dei mit ehr in Gesellschaft sitt[82], un ihre[83] sünd sei nich taufreden[84], bet Ein sei köpplings ’ruter smitt[85]. Korl Stänker was so’n slimmen Gast, un einen rechten Ekel[86] was’t, un wo wat los was, dor was hei, un ümmer gawwt ’ne Demolei[87]. Na, mal was denn tau Stargard[88] Ball; un wat dat heit[89], dat weit[90] wi all: tau Stargard Ball in ollen Tiden[91], dat wull wat Richtiges bedüden[92], dor danzten ’s bet an hellig Sünn[93], un wer denn nich mihr stahen künn[94], dei danzte up den Kopp herüm. Na, as dat kamm so gegen Morgen, lett Korl den Kutscher ’ran besorgen. De Kutscher höllt twei lang, twei breid[95], de Kutscher höllt, hei weit Bescheid. — Nu kümmt Ein stramm de Trepp hendal[96], de Husknecht seggt: „Dat is din Herr.“ „Ne,“ seggt Jehann, „dat ’s anners wer[97], min Herr, dei sitt un drinkt noch mal.“ — En anner kümmt in lichten Draf[98], so recht behen’n de Trepp heraf, de Husknecht seggt: „Paß up, Jehann, dat is din Herr!“ — „Ne,“ seggt de Kutscher, „dat is hei nich, dat is so ’n Flutscher[99]; min Herr, dei kümmt ganz anners ’ran.“ Mit einmal ward dat dor en Larm un en Spektakel — Gott erbarm! Ein ward de Trepp herunner smeten[100], dunn seggt de Kutscher: „Holt en beten[101]!“ Un horkt un fött[102] sin Mähren wisser[103]: „Na smit em mi man ’rin, dat is ’e[104].“

De blinne[105] Schausterjung’

von

Fritz Reuter.

„Ach, Meister! Meister! ach, ick unglückselig Kind! Wo geiht[106] mi dit? Herr Je, du mein! Ach, Meister! Ick bün stockenblind, ick kann ok nich en Spirken seihn[107]!“ De Meister smitt[108] den Leisten weg, hei smitt den Spannreim[109] in de Eck un löppt[110] nah sinen Jungen hen: „Herr Gott doch, Jung’! Wo is di denn?“ „Ach, Meister! Meister! Kiken S’ hir[111]! Ick seih de Botter[112] up’t Brot nich mihr!“ De Meister nimmt dat Botterbrot, bekikt dat nipp von vörn un hinn’n[113]: „So slag’ doch Gott den Düwel dod! Ich sülwst kann ok kein Botter finn’n. Nu, täuw[114]!“ Hei geiht tau de Fru Meistern hen un seggt tau ehr: „Wat makst du denn? Wo is hir Botter up dat Brot? Dor slag’ doch Gott den Düwel dod!“ — „Is dat nich gaud för so en Jungen? Ji sünd man all so’n Leckertungen[115]; ji müggten[116] Hus un Hof vertehren[117], un ick sall fingerdick upsmeeren[118]. So geiht dat noch nich los! Prahl sacht[119]! De Botter gelt en Grösch’ner acht[120].“ „Ih, Mudder, ward’ man nich glik bös, hest du denn nich en beten Kes’[121]?“ Un richtig! Sei lett sick bedüden[122] un deiht den Jungen Kes’ upsniden. De Meister bringt dat Botterbrot herin, giwwt dat den Jungen hen un fröggt[123], ob sick sin Blindheit nu hadd leggt[124], un ob hei wedder seihen künn. „Ja, Meister,“ seggt de Jung’ ganz swipp[125], „ja, Meister, ja! Ick seih so nipp, as hadd ’ck ’ne Brill up mine Näs’, ick seih dat Brot all[126] dörch den Kes’.“

Snider-Begnäugen[127]

von

Fritz Reuter.

Dor was mal eins en lütten Mann, hadd Hosen an, hadd kunterbunte[128] Hosen an, en fipprig[129] Röckschen un so wider, un was von Profeßschon en Snider[130], un sporsam was hei hellschen[131]. Dei seggt tau sinen Jungen: „Hal[132] uns doch enmal den Hiringsschwanz von’n Baen hendal[133], för mi en Finzel[134], di en Finzel un mine Fru hal ok en Finzel, un’n Finzel, den’n lat liggen.“ De drei, de sitten üm den Disch. De Jung’ will frisch inhauen up sin Finzel Fisch, dunn ritt de Meister mit de Gabel de Hälft em weg vör sinen Snabel: „’t künn up de Nacht di schaden! „Du frettst di ganz ut Rick un Schick[135], du ward’st tau dick.“ — Fru Meistern nimmt dat anner Stück: „Du frettst di noch ut Rand und Band, bringst Hungersnot noch in dat Land, wi will’n kin Fettswin[136] mästen.“ De Jung’ steiht trurig up un schüwwt[137] mit eine Tüft[138] nah’n Baen herup un sitt un riwwt[139] an’t Schapp[140], wo noch de Finzel steiht, mit sine Tüft: „Wer weit[141]? Wer weit? Sei künn doch dornah smecken.“

Scholmeiste Boars

von

John Brinckman.

Scholmeiste Boars — je de was echt un de vestünn to backsen[142], un ümme hett sien Sprüch he seggt, wull he üns aw eng jacksen[143]. Ens set bi’t saewt[144] Gebot ick wiß un künn nich rut mi trecken[145]: — „Je,“ röp he dunn, „all wat nich is, doa kan’n ook nicks vun seggen! „Na, kumm ens rut doa ut dien Bänk, wat helpt all dat Bisinnen! denn wat en nich velüst[146], dat, denk ich, kann en ook nich finnen!“ Sien Fust[147] was knakendrög[148] un swer; irst hett se aw mie knuffelt, backst linksch un rechtsch mie nahst[149] un sär: — „Süh, äwe Krüz höllt duwwelt!“ Ick schnöw un speeg[150]: man he höll fast, grar as mit iesen Klannen[151] un röp doato: — „Sonn Amt, sonn Last — en Düwel’s äwe’n annen[152]! „Wen alltoneeg[153] an’n Graben führt, is oft all’ rinne schaten[154], — un wen de Koh to eegen hührt, möt ’s ook an’n Swanz anfaten! „Man nich so ängstlich, dreig die ründ, dat geit di nich an’t Leben; süh, Murjahn was’n steenolt Hund un müß sick doch noch geben. „Sonn Pott, sonn Stülp[155], — sonn Boom, sonn Block, sonn Woar, mien Sähn, sonn Drüttel[156]! Dat Hemd is nege[157] as de Rock, — nu treck[158] ens aw dien Kittel!“ Un as ick dunn vespreken deer, wat ick nu betern wull mie, — doa langt he flink den Tagel[159] her un slög för blind un dull mie. „Süh, Wühr[160], mien Sähn, de sünd nich dühr, dat künn mie doch bilur’n[161]; vespreken dohn de Eddellühr, man hollen dohn de Bur’n!“ — Ick blölkt lurrhals[162]. Dunn schreeg he: „Jung, schrie driest to! Du schast blarren! Unglück harr stets ’ne scharpe Tung, un de perrt Pogg de quarren[163]. „So heet, as ick die dat upfüll, brukst du’t jo nich to eeten; wenn sick dien Tung vebrennen schüll, möst du die’t sülst biemeeten[164]!“ — — „Mien Puckel,“ schreg’k, „möt gäl un grön[165], mien lew Herr Boars, all wesen!“ — Dunn särr he: „Unwennt Arbeit, Sähn, dat’s ümme so, bringt Kwesen[166]. „Süh, Moltspriet hührt to Suerkohl[167] — sonn Säg, mien Sähn, sonn Farken[168], — fuhl Lühr kam’ uppen güllen Stohl[169], — dat wast nu sacht die marken!“ — —

Günd, achter de Blompütt[170]

von

Johann Meyer.

Günd, achter de Blompütt, schreeg öwer de Strat, Persepter[171] sin Döchder — dat is di en Staat! Persepter sin Lischen, sin Witjen un Trin, dree Deerns, als dree Rosen, künnt all dree all fri’n[172]. Wa hebbt se för Haar, — rein so blank un so glatt! un Ogen[173], — de Swarte, als Aalbein so swatt[174], de Gehle[175], — so blau als Vergißmeinnichtblom, de Brune, — so brun als Kastanjen vun’n Bom. Se danzt un se springt un se hüppt als en Reh, sünd rot, als en Ros’, un so witt, als de Snee, se singt, als en Drossel, un lacht, als en Duv[176], un scheert sick den Deuwel um Hochtid un Huv[177]. Günd, achter de Blompütt, schreeg öwer de Strat, Persepter sin Döchder — dat is di en Staat! Un schull ick een rutnehm’n[178], un günn[179] he mi een, ick sä: „Herr Persepter, all dree — oder keen!“ —

Ein Augenblick

von

Friedrich Theodor Vischer.

Um die alte Stadt auf der Promenade, dem bequemen, beliebten Pfade, den die Platanen beschatten und zieren, ging ich am Sommerabend spazieren. Ein Sonntag war’s und ein Sonnentag, es wandelten Leute von allerhand Schlag, festlich geputzt, und alle dem Volke stand auf dem Gesicht keine einzige Wolke. Da kam mir im goldenen Abendschein entgegen ein Kinderwägelein, ein nett geflochtnes, auf leichten Rädchen, es zog ein sauberes Ulmermädchen. Mein Blick fiel just ins Gefährt hinein, da lag ein Knabe, gebettet fein, kaum jährig etwa, sein Angesicht umwob ein Schimmer von Rosenlicht, als ruht’ er in einem Rosenhag, denn in dem Schatten, worin er lag, fiel erhellend ein Widerschein vom farbigen Obdach im Wägelein, auch kam von außen der Glanz ergossen, denn ganz mit Licht war die Luft durchschossen; ja vom Kind auch schien es mir auszugehen, denn ein schöneres hab’ ich noch nie gesehen; man glaubte Herz und Auge zu laben an einem von Raphaels Engelknaben, es schwamm wie ein Bild im erleuchteten Raum, wie ein Feenkind, wie ein seltener Traum. Stillbeglückt sah es vor sich hinaus in seinem fahrenden kleinen Haus, in seiner Welt ein kleiner König, lächelte auch dazu ein wenig, als schwebten ihm an der Zukunft Tor schon die allerhand lustigen Streiche vor, die man verübt in den Tagen der Jugend, welche — man weiß ja — nicht hat viel Tugend; er schaute so hell aus den dunkeln Augen, als möcht’ er nicht immer gar zu viel taugen. Ich sah ihn an, blinzte und nickte schmunzelnd. Der reizende Knabe blickte mich an und blinzte, schmunzelte, nickte. Gelt du, es ist eben gar etwas Gutes ums Existieren, schmecken tut es? Und ein bißl Spitzbüberei ist eben immer auch dabei? Er hat es mir richtig im Auge gelesen, der Schelm, das kleine, kaum ahnende Wesen, er hat es verstanden und hat es bejaht, der liebliche Lebenskandidat. Ich hätt’ ihn mögen vor lauter Entzücken aus den Polstern heben, verküssen, verdrücken, doch ich sagte mir: „Laß es lieber gehen, es soll so bleiben, wie es geschehen, es soll bleiben ein Augenblick.“ Fürbaß ging ich, sah nicht zurück. Ein alter Bekannter begegnete mir, er stellte mich, fragte: „Was ist’s mit dir? Es strahlt ja ordentlich dein Gesicht, so heiter sah ich dich lange nicht; wart’, ich merk’s schon, du kommst vom Wein! ein guter muß es gewesen sein!“ „Ja,“ sagt’ ich, „er war nicht eben schlecht, noch Most, aber Ausstich, feurig und echt.“

Balder Frühling

von

Johann Georg Fischer.

Springt der Bube das Dorf hinaus: „Vater, es ist schon Frühling drauß, zum Schmetterlingsfang die beste Zeit.“ Ist zwar kein Frühling noch weit und breit, fing kaum der Staub des Märzen an; doch die Jugend will ihren Willen han. — Wie, wenn ich nach dem Jungen ging’, zu schauen, was er im Garne fing? Freute mich ja so ein Falter selber, so ein roter oder zitronengelber! Richtig! da flattert’s schon; — doch wie! — sah ich doch all mein Leben nie einen so artlichen Schmetterling: ein milchjung, geschlacht und huschig Ding, so scheu halb und so flüchtig noch, so dreist halb und fürwitzig doch, minder im Fluge, mehr im Lauf, ein herziger Kindskopf obenauf, Schwarzaugen, so funkelnd und feuernd schon, Zöpfe, so lang als die ganze Person, eine rote Masche als Halsgeschmeid, statt der Flügel ein fliegend Kleid, und ein lustiges Kreuzband zum Beschluß kurzweilig zeichnet den muntern Fuß. Ein Extra-Märzenvogel der! Mein lustiger Ärgster hinterher, das Schmetterlingsgarn verächtlich weggeschmissen. Ja nun, nun freilich muß Frühling sein, er blüht mir ja selber zum Haus herein; — was doch die Jungen alles besser wissen!

Elysium

von

Johann Georg Fischer.

Und ist’s mit dieser Welt herum, und komm’ ich ins Elysium, meiner Ahne Haus muß mit hinein, sonst mag ich nicht darinnen sein. Hinter dem Hause muß am Hag die Sonne lagern den ganzen Tag, daß golden durch der Blätter Luken wie Engelsbacken die Kürbiss’ gucken, daß die Nachbarn wieder herüberschaun, die Arme aufgestemmt am Zaun, wie sie am Sonntag aus den Pfeifen lassen die blauen Wolken schweifen; lustige Mägde ziehen am Haus in weißer Schürze den Weg hinaus; und draußen schütteln am Gartensaum wir Buben den früh’sten Birnenbaum. So sei es im Elysium, sonst scher’ ich mich den Teufel drum.

Mein und dein

von

Johann Georg Fischer.

Das Mägdlein sprach: „Lieb Knabe mein, nun sag mir, was ist mein und dein?“ Der Knabe sprach: „Lieb Mädchen mein, dein schönes Auge, das ist dein, und drein zu schauen, das ist mein; dein roter süßer Mund ist dein, dich drauf zu küssen, das ist mein; nun tu’ mir auf die Arme dein, drin liegen, das ist dein und mein.“

Nachschiller

von

Ludwig Eichrodt.

Rauschend in den Katarakt der Wonne wogt die unbekannte Sonne des Verlustes seelenvoll dahin: ew’ge Harmonien wallen über, in den bodenlosen Freudenzüber schöpft der Menschen Danaidensinn. Keine Hoffnung adelt ihren Schaden, auch der Glücklichste fühlt sich beladen und, den Stachel in der eignen Brust, sinkt er abwärts, krank und schuldbewußt. Durch ’s Getümmel ausgebrannter Krater schleicht der Würde schwergeprüfter Vater zu dem Traum des wandelnden Geschlechts; der Vergeltung Antwort grüßt die Klage und es schwankt die umgekehrte Wage in den Ausdruck eines toten Rechts. Ungeläutert aus den Wirklichkeiten siehst du das Verhängnis rückwärts schreiten, in der stillverbiss’nen Schranke starrt schon die Zukunft durch die Gegenwart. Einstens aber labt den Adamiden der Erkenntnis trauter Seelenfrieden, und das Urteil bricht sich ab den Zahn; jenseits flüstert heimliche Gebärde, auf der kummerlosen Vatererde schweigt der ungerührte Wahn. Welten lodern und Begierden schlummern, Hermes selber nimmt sich einen krummern, einen minder starren Todesstab in die schatt’ge Unterwelt hinab.

Krokodilromanze

von

Emanuel Geibel.

Ich bin ein altes Krokodil und sah schon die Osirisfeier. Bei Tage sonn’ ich mich im Nil, bei Nacht am Strande leg’ ich Eier. Ich weiß mit list’gem Wehgekreisch mir stets die Mahlzeit zu erwürken, gewöhnlich freß’ ich Mohrenfleisch und Sonntags manchmal einen Türken. Und wenn im gelben Mondlicht rings der Strand liegt und die Felsenbrüche, tanz’ ich vor einer alten Sphinx und lausch’ auf ihrer Weisheit Sprüche. Die Klauen in den Sand gepflanzt, tiefsinnig spricht sie: „Tochter Thebens, friß nur, was du verdauen kannst! Das ist das Rätsel deines Lebens.“

Lob der edeln Musika

von

Emanuel Geibel.

Ein lust’ger Musikante marschierte am Nil, o tempora, o mores! da kroch aus dem Wasser ein großer Krokodil, o tempora, o mores! der wollt’ ihn gar verschlucken, wer weiß, wie das geschah? Juchheirassassa, o tempo-tempora! Gelobet seist du jederzeit, Frau Musika! Da nahm der Musikante seine alte Geigen, o tempora, o mores! und tut mit seinem Bogen fein darüber streichen, o tempora, o mores! Allegro, dolce, presto, wer weiß wie das geschah? Juchheirassassa, o tempo-tempora! Gelobest seist du jederzeit, Frau Musika! Und wie der Musikante den ersten Strich getan, o tempora, o mores! da fing der Krokodile zu tanzen an, o tempora, o mores! Menuett, Galopp und Walzer, wer weiß, wie das geschah? Juchheirassassa, o tempo-tempora! Gelobest seist du jederzeit, Frau Musika! Er tanzte wohl im Sande im Kreise herum, o tempora, o mores! und tanzte sieben alte Pyramiden um, o tempora, o mores! denn die sind alle wacklich, wer weiß, wie das geschah? Juchheirassassa, o tempo-tempora! Gelobest seist du jederzeit, Frau Musika! Und als die Pyramiden das Teufelsvieh erschlagen, o tempora, o mores! da ging er in ein Wirtshaus und sorgt für seinen Magen, o tempora, o mores! Tokaierwein, Burgunderwein, wer weiß, wie das geschah? Juchheirassassa, o tempo-tempora! Gelobest seist du jederzeit, Frau Musika! ’ne Musikantenkehle, die ist als wie ein Loch, o tempora, o mores! und hat er noch nicht aufgehört, so trinkt er immer noch, o tempora, o mores! und wir, wir trinken mit ihm, wer weiß, wie das geschah? Juchheirassassa, o tempo-tempora! Gelobest seist du jederzeit, Frau Musika!

Aus „Lieder des Katers Hiddigeigei“

von

Joseph Viktor von Scheffel.

Von des Turmes höchster Spitze schau’ ich in die Welt herein, schaue auf erhab’nem Sitze in das Treiben der Partein. Und die Katzenaugen sehen, und die Katzenseele lacht, wie das Völklein der Pygmäen unten dumme Sachen macht. Doch was nützt’s? Ich kann den Haufen nicht auf meinen Standpunkt ziehn, und so laß ich ihn denn laufen, ’s ist wahrhaft nicht schad’ um ihn. Menschentun ist ein Verkehrtes, Menschentun ist Ach und Krach; im Bewußtsein seines Wertes sitzt der Kater auf dem Dach! —

Aus „Lieder des Katers Hiddigeigei“

von

Joseph Viktor von Scheffel.

O die Menschen tun uns Unrecht und den Dank such’ ich vergebens, sie vergessen ganz die feinern Saiten uns’res Katzenlebens. Und wenn einer schwer betrunken niederfällt in seiner Kammer, und ihn morgens Kopfweh quälet, nennt er’s einen Katzenjammer. Katzenjammer, o Injurie! Wir miauen zart im stillen, nur die Menschen hör’ ich oftmals graunhaft durch die Straßen brüllen. Ja, sie tun uns bitter Unrecht, und was weiß ihr rohes Herze von dem wahren, tiefen, schweren, ungeheuren Katzenschmerze?

Die letzte Hose

von

Joseph Viktor von Scheffel.

Letzte Hose, die mich schmückte, fahre wohl! dein Amt ist aus, ach auch dich, die mich entzückte, schleppt ein andrer nun nach Haus. Selten hat an solchen Paares Anblick sich ein Aug’ erquickt. Feinster Winterbuckskin war es, groß karriert — und nie geflickt! Mit Gesang und vollen Flaschen grüßt’ ich einst in dir die Welt; zum Hausschlüssel in der Taschen klang noch froh das bare Geld. Aber längst kam das Verhängnis, die Sechsbätzner zogen fort, und das Brückentorgefängnis ist ein dunkler stiller Ort ... Längst entschwand, was sonst versetzlich, Frack — und Rock — und Mantels Pracht. Nun auch du!... es ist entsetzlich!... Letzte Hose, gute Nacht! Tag der Prüfung, o wie bänglich schlägt mein Herz und fühlt es hell: alles Ird’sche ist vergänglich und das Pfandrecht schreitet schnell! Nirgend winkt uns ein Erlöser, letzte Hose!... es muß sein!... Elkan Levi, dunkler, böser Trödler, nimm sie!... sie sei dein! Stiefelfuchs, du alter treuer, komm’ und stütz’ mein Dulderhaupt! Noch ein einziger Schoppen Neuer sei dem Trauernden erlaubt. Dann will ich zu Bett mich legen und nicht aufstehn, wenn’s auch klopft, bis ein schwerer, goldner Regen unverhofft durchs Dach mir tropft. Zeuch denn hin, die ich beweine, grüß’ den Rock und ’s Camisol! Weh! schon friert’s mich an die Beine!... Letzte Hose! fahre Wohl!!

Das Megatherium

von

Joseph Viktor von Scheffel.

Was hangt denn dort bewegungslos zum Knaul zusamm’geballt, so riesenfaul und riesengroß im Ururururwald? Dreifach so wuchtig als ein Stier, dreifach so schwer und dumm — ein Klettertier, ein Krallentier: das Megatherium! Träg glotzt es in die Welt hinein und gähnt als wie im Traum, und krallt die scharfen Krallen ein am Embahubabaum. Die Früchte und das saftige Blatt verzehrt es und sagt: „Ai!“ Und wenn’s ihn leergefressen hat, sagt’s auch zuweilen: „Wai!“ Dann aber steigt es nicht herab, es kennt den kürzern Weg: gleich einem Kürbis fällt es ab und rührt sich nicht vom Fleck. Mit rundem Eulenangesicht nickt’s sanft und lächelt brav: denn nach gelungener Fütterung kommt als Hauptarbeit der Schlaf. ... O Mensch, dem solch ein Riesentier nicht glaublich scheinen will, geh nach Madrid! dort zeigt man dir sein ganz’ Skelett fossil. Doch bist du staunend ihm genaht, verliere nicht den Mut: so ungeheure Faulheit tat nur vor der Sintflut gut. Du bist kein Megatherium, dein Geist kennt höhere Pflicht, drum schwänze kein Kollegium und überfriß dich nicht. Nütz’ deine Zeit, sie gilt statt Gelds, sei fleißig bis zum Grab, und steckst du doch im faulen Pelz, so fall mit Vorsicht ab!

Guano

von

Joseph Viktor von Scheffel.

Ich weiß eine friedliche Stelle im schweigenden Ozean, kristallhell schäumet die Welle zum Felsengestade hinan. Im Hafen erblickst du kein Segel, keines Menschen Fußtritt am Strand; viel tausend reinliche Vögel hüten das einsame Land. Sie sitzen in frommer Beschauung, kein einz’ger versäumt seine Pflicht, gesegnet ist ihre Verdauung und flüssig als wie ein Gedicht. Die Vögel sind all’ Philosophen, ihr oberster Grundsatz gebeut: den Leib halt’ allezeit offen und alles andre gedeiht. Was die Väter geräuschlos begonnen, die Enkel vollenden das Werk; geläutert von tropischen Sonnen schon türmt es empor sich zum Berg. Sie sehen im rosigsten Lichte die Zukunft und sprechen in Ruh’: „Wir bauen im Lauf der Geschichte noch den ganzen Ozean zu.“ Und die Anerkennung der Besten fehlt ihren Bestrebungen nicht, denn fern im schwäbischen Westen der Böblinger Rapsbauer spricht: „Gott segn’ euch, ihr trefflichen Vögel, an der fernen Guanoküst, — trotz meinem Landsmann, dem Segel, schafft ihr den gediegensten Mist!“

Pumpus von Perusia

von

Joseph Viktor von Scheffel.

Feucht hing die Sonne. Des Novembers Schauer ging mit leisem Frösteln durch das Land Hetruria. Ein mildes Kopfweh, erst der jüngsten Nacht entflammt, durchsäuselt die Luft mit mattem Flügelschlag, und ein Gefühl von Armut lag auf Berg und Tal. Der heilige Ölbaum, dem das letzte gelbe Blatt der Wind verweht, reckt traurig seine Äste aus, so kahl und öd’, als fehl’ ihm das Notwendigste. Verdächtig selbst das Straßenpflaster. Blödem Aug’ schien des Basaltes urgebirgig fester Stoff verwandelt heut’ in sehr poröses Tropfgestein, und alles — alles — alles sah durchlöchert aus. So war der Tag, da in der ersten Frühestund’ ein müder Held aus Populonias Toren zog. Vergeblich warf von dem kyklopischen Mauerwall der Wächter einen trinkgeldhoffnungsvollen Blick, er hielt ihn aus — und schaute starr — und gab ihm nichts. Dort, wo der Weg sich einbiegt gegen Suessulae und eines Priesters kegelturmgeziertes Grab trübtraurig seinen Schatten wirft in’s Blachgefild, dort hielt er still — und stieß den Speer ins Riedgras ein und suchte lang in seiner Chlamys Faltenwurf, und suchte wieder — suchte auch zum drittenmal und fand nicht, was er suchte ... O wer kennt den Schmerz, der auf sich bäumt im biederen Etruskerherz, wenn alles — alles — alles auf die Neige ging, und nur der Graus des Leeren in den Taschen wohnt, wo der Sesterz sonst fröhlich beim Denar erklang!... Den Helm abnehmend von dem schwerbedrückten Haupt, fuhr mit der Rechten langsam er zur Stirn empor, gen Populonia rückwärts flog sein feuchter Blick und blaue Blitze leuchteten im Heldenaug’. „O Wirtshaus zur Chimäre!“ sprach er wehmutvoll, „ist das das Ende? Winkte das der Vögelflug, der vor drei Tagen krächzend mir zur Linken strich? Sprach das des Stieres rätselvolles Eingeweid’? O Wirtshaus zur Chimäre! Was ist lieblicher, als einzuziehn, ein Gastfreund, in dein Gastgemach? Verständig waltet dort ein vielgeübter Wirt, und edle Herren sitzen um den kühlen Trank, den von dem Berg herabsendet Dimeros. Weisheit entströmt bedachtsam zechender Männer Mund, zumal an jenem obern, linnenweißen Tisch, wo Tegulinums Augur, später Mitternacht Trotz bietend, ausharrt, einer ehernen Säule gleich, und sternenkundig vorsingt in dem Rundgesang. O Wirtshaus zur Chimäre! doch sag’ an, wohin, wohin verschwindet ... ha! was spricht mein Mund es aus, das dreimal gottverfluchte Wort, von dem allein des Tuskers Schicksal abhängt, ha, das bare Geld? O Flufluns, Flufluns! unheilvoller Bacchus du! ’s ist alles fort und hin und hin und fort .... hahumm! „... Doch eine Tat, ich schwör’s, sei itzt von mir getan, wie sie die blöde Welt sich nicht im Traume träumt, gräßlich und kalt ... mein Name soll der Nachwelt noch durch diese Tat sich überpflanzen, schreckenvoll; so wahr ich hier an diesem Priestergrabe steh’, ich — Pumpus von Perusia, der Etruskerfürst ...“ Er sprach’s und ging. Unheimlich fiel ein Sonnenstrahl auf Speer und Helm. Fahl leuchtet’s im Zypressenwald, dumpf braust ein Windstoß, grabtief, fernem Seufzen gleich. Die Welt war damals harmlos noch, man kannte nicht des bürgerlichen Rechtes vielverschlung’nen Pfad, und selbst der Greis im Silberbart, er wußte nicht die Antwort auf die Frage, was ein Darlehn sei. Doch jenen Tages ward im Wald bei Suessulae zum erstenmal, seit daß die Welt geschaffen stand, ein Held von einem andern Helden — angepumpt! Das ist der Sang vom Pumpus von Perusia.

Das wilde Heer

von

Joseph Viktor von Scheffel.

Das war der Herr von Rodenstein, der sprach: „Daß Gott mir helf’, gibt’s nirgends mehr ’nen Tropfen Wein des Nachts um halber Zwölf? ’raus da! ’raus aus dem Haus da! Herr Wirt, daß Gott mir helf’, gibt’s nirgends mehr ’nen Tropfen Wein des Nachts um halber Zwölf?“ Er ritt landauf, landab im Trapp, kein Wirt ließ ihn ins Haus; totkrank noch seufzt vom Gaul herab er in die Nacht hinaus: „’raus da! ’raus aus dem Haus da! Herr Wirt, daß Gott mir helf’, gibt’s nirgends mehr ’nen Tropfen Wein des Nachts um halber Zwölf?“ Und als mit Spieß und Jägersrock sie ihn zu Grab getan, hub selbst die alte Lumpenglock’ betrübt zu läuten an: „’raus da! ’raus aus dem Haus da! Herr Wirt, daß Gott mir helf’, gibt’s nirgends mehr ’nen Tropfen Wein des Nachts um halber Zwölf?“ Doch wem der letzte Schoppen fehlt, den duld’t kein Erdreich nicht; drum tobt er jetzt, vom Durst gequält, als Geist umher und spricht: „’raus da! ’raus aus dem Haus da! Herr Wirt, daß Gott mir helf’, gibt’s nirgends mehr ’nen Tropfen Wein des Nachts um halber Zwölf?“ Und alles, was im Odenwald sein’ Durst noch nicht gestillt, das folgt ihm bald, das schallt und knallt, das klafft und stampft und brüllt! „’raus da! ’raus aus dem Haus da! Herr Wirt, daß Gott mir helf’, gibt’s nirgends mehr ’nen Tropfen Wein des Nachts um halber Zwölf?“ ... Dies Lied singt man, wenn’s auch verdrießt, gestrengem Wirt zur Lehr’; wer zu genau die Herberg’ schließt, den straft das wilde Heer; „’raus da! ’raus aus dem Haus da! Rumdiridi, Freijagd! Hoidirido, Freinacht! Hausknecht hervor! Öffne das Tor! ’raus! ’raus! ’raus!“

Der Überfall

von

Joseph Viktor von Scheffel.

Und wieder sprach der Rodenstein: „Halloh, mein wildes Heer! In Tiefschluckhausen fall’ ich ein und trink’ den Pfarrer leer. ’raus da! ’raus aus dem Haus da! Herr Pfarr’, daß Gott Euch helf’! Gibt’s nirgends mehr ’nen Tropfen Wein des Nachts um halber Zwölf?“ Der Pfarr’, ein tapfrer Gottesmann, trat streitbar vor sein Tor, mit Weihbrunn, Skapulier und Bann die Geister er beschwor: „’raus da! ’raus aus dem Haus da! Daß euch der Satan helf’, kriegt ihr ein’ einzigen Tropfen Wein des Nachts um halber Zwölf!“ Doch fröhlich brummt der Rodenstein: „O Pfarr’, ich fang’ dich doch! Ein Geist, der nicht zum Tor kommt ’rein, probiert’s am Kellerloch! ’nein da! .. ’nein zu dem Wein da! Hurra, schon sind wir drin! Sein Keller ist nicht schlecht besetzt, hurra, wir trinken ihn!“ O armes, frommes Pfarrerherz, heut’ hat der Böse Macht! Vergeblich rief er kellerwärts, daß das Gewölbe kracht: „Schwein da .. Schwein bei dem Wein da! Heißt das sich aufgeführt? So laß mir doch die Kompetenz, die einem Pfarr’ gebührt!“ Und als die Glocke ein Uhr schlug, das Heer sang dumpf und hohl: „Herr Pfarr’, Herr Pfarr’, jetzt ha’n wir g’nug, Herr Pfarr’, jetzt lebet wohl! ’raus jetzt! ’raus aus dem Haus jetzt! Herr Pfarr’, und bleibt gesund! ’s fließt nirgends mehr ein Tropfen Wein aus Krug und Hahn und Spund.“ Da flucht der Pfarr’: „Ich dank’ recht sehr, Schwernot! Ist alles hin, so will ich selbst im wilden Heer als Feldkaplan mitzieh’n! ’naus jetzt! ’naus aus dem Haus jetzt! Herr Ritter, ich schlag’ ein: ist all mein Wein zum Teufel, soll ein andrer Pfarrherr sein! Hussa, hallo! Jo, hihaho! Rumdiridi, langt’s nit, Hoidirido, selbst mit! Höllischer Chor, heut’ reit’ ich vor: ’naus! ’naus! ’naus!“

Die Fahndung

von

Joseph Viktor von Scheffel.

Und wieder sprach der Rodenstein: „Pelzkappenschwerenot! Hans Breuning, Stabstrompeter mein, bist untreu oder tot? Lebst noch? .. Lebst noch und hebst noch? Man g’spürt dich nirgend mehr ... Schon naht die durst’ge Maiweinzeit, du mußt mir wieder her!“ Er ritt, bis er gen Darmstadt kam, kein Fahnden war geglückt; da lacht er, als am schwarzen Lamm durchs Fenster er geblickt: „Er lebt noch! .. Lebt noch und hebt noch, doch frag’ mich keiner: wie? Wie kommt mein alter Flügelmann in solche Kompagnie?“ In Züchten saß der Stammgast Schar nach Rang und Würden dort, Dünnbier ihr Vespertrünklein war, es klang kein lautes Wort. „Sacht stets! .. sacht und bedacht stets ist Lebens Hochgenuß,“ so flüstert ein Kanzleimann just zum Kreisamtssyndikus. In dieser Schöppleinschlürfer Reih’ saß auch ein stilles Gast, und als es acht Uhr war vorbei, nahm’s Stock und Hut mit Hast. „Ach jetzt! .. ach jetzt .. gut Nacht jetzt! Einst war ich nicht so brav, doch ehrbar wandeln ist das best’, ich geh’ ins Bett und schlaf’.“ Der Rodenstein in grimmem Zorn hub grau’nhaft sich empor; dreimal stieß er ins Jägerhorn und blies mit Macht den Chor: „’raus da! ’raus aus dem Haus da! ’raus mit dem Deserteur! Das lahme, zahme Gast da drin gehört zum wilden Heer!“ Da faßt das Gast ein Schreck und Graus, erst sank es in die Knie, dann stürzt’ es einen Maßkrug aus, schlug’s Fenster ein und schrie: „’naus da! ’naus aus dem Haus da! O Horn und Sporn und Zorn! O Rodenstein! O Maienwein! Noch bin ich nicht verlor’n. Rumdiridi, Freijagd! Hoidirido, Freinacht! Alter Patron, empfah’ deinen Sohn! Hussa, hallo! Jo, hihaho! ’naus, ’naus, ’naus!“

Bittgang

von

Paul Heyse.

Im Sonnenfeuer lechzt die Flur, versengt stehn Wälder und Almen, verschmachten muß die Kreatur, die Frucht verbrennt an den Halmen. Das Bächlein, das ihr Kühle gesandt, verlernte sein muntres Rieseln; es glüht und glastet Julibrand über den staubigen Kieseln. Ein Bauer stapft entlang dem Rain, ist einer von den Frommen, und flucht doch still in den Bart hinein; da sieht er den Pfarrer kommen. Er zieht die Kappe und weist umher: „Zugrund geht all der Segen. Hochwürden, das Gescheitste wär’, einen Bittgang tun um Regen.“ Der Pfarrer nickt: „Ein fromm Gebet tät not. Doch warten wir, Peter, zwei Täglein noch. Einstweilen steht zu hoch der Barometer.“

Unfreiheit

von

Arthur Fitger.

„Ach lieber Herr Amtmann, habet Geduld! Ich gesteh’s, ich habe gestohlen; doch das hat der Kosmos selber Schuld, das sag’ ich Euch unverhohlen. „Die Neigung zum Stehlen war in mir schon von Anbeginn entzündet; sie lag schon in der Konstitution meiner Urgroßmutter begründet. „Rings drängten auf mich der ganzen Natur vieltausendfältige Triebe; ich ward nach höh’ren Gesetzen nur unwiderstehlich zum Diebe. „Wie könnt Ihr mich strafen, der ich doch nicht aus freiem Willen gesündigt?“ — „Jetzt schweige, du naseweiser Wicht, und höre, was man verkündigt: „Die hochwohllöbliche Polizei steht auch unter kosmischem Zwange, sie fängt die Diebe und hängt sie dabei aus unwiderstehlichem Drange.“

Brigitte

von

Felix Dahn.

Im alten braunen Giebelhaus, da sind viel stille Gänge; da weicht man schwer einander aus, denn sie sind allzuenge: An einen Gang, den Speichergang, gedenk’ ich all mein Leben lang. Da riecht es süß von Obst und fein, ’s ist ein verschwiegen Plätzlein, am Simse liegt im Sonnenschein und schnurrt das weiße Kätzlein, und an der Wand ist blank und braun viel Holzgetäfelwerk zu schau’n. Ich kam hinauf von ungefähr: da hört’ ich leichte Tritte, vom Speicher kommt es klirrend her: „Seid Ihr’s, Jungfrau Brigitte? Wie tragt Ihr schwer in jeder Hand? Dazu solch großes Schlüsselband?“ „Ei, laßt mich nur geschwind vorbei, der Vater hat’s befohlen, Obst soll ich aus der Kämmerei und Wein vom Keller holen. Ein Herr vom Rat hält unten Rast und der ist unser Vespergast.“ „Ach, viel zu voll ist Euer Krug, laßt trinken mich ein Schlücklein, des Obstes habt Ihr schwer genug, o, schenkt mir auch ein Stücklein, und bis das nicht nach Wunsch geschehn, laß’ ich Euch nicht vorübergehn.“ Da hielt die kleine Blonde still und seufzte loser Weise: „So nehm’ Er sich denn, was Er will, doch nehm’ Er’s rasch und leise! — Das hat der Maurer schlecht bedacht, der diesen Gang so eng gemacht.“ Der Vater rief — die Kleine lief, die blonden Zöpfe wehen, das weiße Kätzlein aber schlief und hatte nichts gesehen. Ich ging auf meine Kammer sacht und habe dieses Lied gemacht.

Die Geschichte von der grauen Stute

von

Felix Dahn.

(Nach einem englischen Motiv.)

In der Zeit, da noch Altengland war das lustige Altengland, da an William Shakespeares Scherzen Kön’gin Beß sich weidlich freute, führte Sir John Rash, ein junger Ritter, Sir John Wises, des klugen Alten, Tochter heim als Eh’frau. Quer von Barmouth bis nach Yarmouth, durch ganz England ging die Reise: denn am Dee, dem schilfumbüschten, lag das Schloß des Schwiegervaters, doch des Eidams Halle ragte ob dem weidengrünen Bure. Übern Tanat und den Weaver übern Terent und die Dove, über Trent und über Welland, über Ouse dahin und Yare und noch andre Flüss’ und Bäche zog die Fahrt durch’s ganze Eiland. — Aber ach, noch kaum sechs Monde waren in das Land gegangen, als vor seinem Schwiegervater wieder in dem Schloß bei Barmouth stand der Schwiegersohn — allein. „Gott zum Gruße, lieber Johnnie,“ sprach der Alte, „wo ist Ellen? bist du ihr voraufgeritten? folgt sie abends oder morgen?“ — „Nein! nicht abends und nicht morgen folgt sie, deine liebe Tochter! denn sie — dieses eben ist es! — denn sie folgt mir überhaupt nicht! — Kurz und gut: ich bin gekommen, dich zu bitten, deine Tochter wiederum mir abzunehmen, denn ich kann nicht mit ihr leben!“ — „Setz’ dich, braver Johnnie, setz dich. — Buttler, bring vom besten Welschwein! Lieber Jung’, das ist ja schrecklich! und gewiß ist sie im Unrecht: — denn ich kenne meine Tochter, und ich kenn’ auch meinen Johnnie, der gewiß um kleiner Ursach’ willen nicht sein Weib verstieße. Also frisch! Sprich von der Leber: ist sie dir nicht schön genug, he?“ — „Ach, sie ist ja schön wie keine!“ — „Hat sie etwa schiefe Glieder, oder schwarze Muttermale?“ — „Tannenschlank ist sie gewachsen, hat kein Tädelchen am Leibe!“ — „Spürst zu ihr du keine Neigung?“ — „Nur zu große, lieber Vater!“ — „Weigert sie dir ihre Liebe?“ — „Zärtlich kann sie sein, berückend!“ „Nun, dann weiß ich nicht — was willst du?“ — „Ach, sie ist so eigensinnig! Was sie will, das soll geschehen: ja, was ärger: das geschieht auch, ich bin nicht der Herr im Hause!“ — Vor sich hin pfiff leis’ der Alte: „Das ist alles, lieber Eidam? Darum bist du hergeritten über Yare und Ouse und Welland, Trent und Dove, Terent, Weaver, Tanat, Bure und andre Wasser? Solches ist kein Grund zur Trennung! Reite wieder heim, mein Johnnie, über all’ die vielen Wasser, glaube mir, du wirst’s gewöhnen!“ — „Nein, ich kann es nicht ertragen. Gehn zum Beispiel wir zu angeln, ich verstehe mich aufs Fischzeug — deine Tochter Ellen gar nicht ... —“ — „Weiß es!“ sprach der Schwiegervater. — „An dem Bure, dem weidengrünen, schnell’ den Fisch ich aus dem Strudel, sag’ ich: ‚Welche Prachtforelle!‘ Spricht schön Ellen: ‚Ja, mein Lieber, schöner Fisch! Doch ist’s ein Karpfe!‘ Nun beschwör’ ich, Schwiegervater, in dem ganzen Flusse schwimmt auch nicht ein Karpfe, weil die Strömung ... —“ — „Allzustark ist — weiß es, Johnnie!“ — „Doch ein Karpfe muß es bleiben, soll ich sie vergnügt erhalten. Gehn wir in dem Wald spazieren, in dem grünen Park am Abend, flötet von dem Ulmenwipfel wunderschön herab die Amsel, ich verstehe Vogelkunde ... —“ — „Meine Tochter Ellen gar nicht!“ — „Horch’, sag’ ich, wie schön! Die Amsel! — ‚Herrlich!‘ flüstert deine Tochter, ‚aber ’s ist ein Hänfling, Männchen!‘ Nun beschwör’ ich dich, o Vater ...“ — „Amsel sind und Hänfling wahrlich gar nicht zu verwechseln, Johnnie!“ „Doch ein Hänfling muß es bleiben, soll sie bleiben guter Laune! — Reiten wir zur Jagd zusammen ... —“ — „Du verstehst dich auf das Weidwerk, meine Tochter Ellen gar nicht — und erlegtest du ein Birkhuhn und schön Ellen nennt es Wachtel — eine Wachtel muß es bleiben, sollst du Ruh’ im Hause haben!“ „Wie? Warst neulich du zugegen heimlich?“ — „Nein, das ist nicht nötig. War ich selbst doch auch vereh’licht!“ — „Doch es steht schon in der Bibel: Und es soll der Mann dein Herr sein!“ — „Neu’re Schriftgelehrte lesen an der Stelle: und es sollte eigentlich der Mann dein Herr sein. Andre lesen: soll dein Narr sein!“ — „Aber meine sel’ge Mutter sagte oft, sie habe immer meinem Vater nachgegeben!“ — „Sagte solches auch dein Vater?“ — „Niemals sprach er mir darüber.“ — „Siehst du! Leere nun den Humpen! Spät ward’s. Laß uns beide schlafen. Morgen will ich dir verkünden, Sohn, wie dir zu helfen ist!“ — — — — — — — — — — Und am andern Morgen rief den Gast Sir Wise in seinen Schloßhof, wo gezäumt fünf Pferde standen und ein großer Sack voll Eier. „Reite nun, mein Sohn, nach Hause, — Ralf, mein Knapp’, soll dich begleiten — reite heimwärts quer durch England, über all’ die vielen Wasser, forsche nach in jedem Schlosse, jedem Haus und jeder Hütte, findst du, unter einem Dache sei der Mann der Herr, so schenk’ ihm eins der Pferde dort. Die graue Stute ist das schlechtste!“ — „Freilich! Und der Fuchshengst ist der beste; das erkennt, wer je ein Pferd sah.“ — „Findst du aber, daß die Gattin führt das Regiment im Hause, nimm ein Ei aus jenem Sacke — just fünfhundert sind darin, John! — und der Hausfrau schenk’ es schweigend. Wenn du früher die fünf Pferde los wirst, John, als die fünfhundert Eier, nehm’ ich dir die Tochter wieder ab, mein armer Johnnie. Wirst du aber früher fertig mit dem halben tausend Eier, als mit jenen fünf Stück Pferden — dann behalte meine Tochter: denn dann siehst du, lieber Eidam, daß dein Los nicht ungewöhnlich!“ — — — — — — — — — — Wohl zufrieden war’s der Eidam, stieg zu Roß und ritt von dannen mit den Pferden und den Eiern und mit Ralf, dem alten Knappen. Und an jedem Schlosse hielt er, hielt an jedem Haus und Hüttlein, überall mit Fleiß erforschend bei dem Ritter, Bürger, Bauer, wer im Haus die Herrschaft führe. Übern Tanat und den Weaver, übern Terent und die Dove, über Trent und über Welland, über Ouse dahin und Yare kam er und die andern Wasser: — vieler Eier ward er ledig, daß der Sack schon beinah’ leer war. Und inzwischen wuchs gewaltig ihm die Sehnsucht nach der Süßen, nach der Holden, nach der Blonden, mit den blauen Heil’gen-Augen; wie sie schwebet, wie sie ruhet, wie sie lächelt, wie sie schmollet, ach, im Schmollen noch so lieblich, ach, und vollends, wie sie küsset — Tag und Nacht mußt’ er’s gedenken. Und so kam er, nah’ der Heimat, mit fünf Pferden und fünf Eiern in das Schloß des Grafen Warwick, welchen Schotten und Franzosen nur den „Lord von Eisen“ nannten, dessen Wille nie gehemmt ward, dessen grimmer Zorn gescheut ward in Paris und Edinburgh. „Hier werd’ ich das Pferdlein los doch!“ denkt der Gast und sieht mit Freude, wie die kleine, zarte Lady — Maud war eigentlich ihr Name, Lady Demut nannt’ ihr Mann sie — ganz zerschmilzt in eitel Sanftmut. Niemals wagt sie andre Meinung: Tritt der Lord nur in die Halle — auch im Haus in Eisen geht er — zittert alles: und am meisten zittert vor ihm Lady Demut. — Nach drei Tagen sagt der Gast den Wirten offen seiner Einkehr Ursach’ und ersucht den Hausherrn, mit ihm in den Stall zu schreiten und das Pferd sich von den fünfen, das ihm ansteht, auszusuchen. „Und Mylord, Ihr seid der erste Eh’mann zwischen Bar- und Yarmouth, dem ein Rößlein ich darf schenken. Denn — bestätigt, Lord und Lady! — wie ich’s fand in den drei Tagen, so steht’s immer hier im Hause: Widerspruch und Eigenwille Lady Mauds wird nie geduldet?“ — „Ei behüte, welche Sünde!“ ruft die Lady und verkriecht sich stirnesenkend, augensenkend, an der breiten Brust des Gatten. Dieser aber, waffenklirrend, ruft: „Bei Gott! ich heiße Warwick! Fragt in Schottland, fragt in Frankreich, was das heißt. — Und dieses Weiblein — mit zwei Fingern bräch ich’s mitten ... — sollte mir? —“ der Zorn erstickt ihm beim Gedanken schon die Stimme. In dem Stall stehn Gast und Wirte. „Dort den Fuchshengst,“ sprach Lord Warwick, „werd’ ich wählen; ’s ist das beste von den fünfen unverkennbar.“ — „Nein, du nimmst die graue Stute!“ — „Aber Weibchen, nimm Vernunft an!“ — „Brauch’ ich die erst anzunehmen? Bin ich also regelmäßig unvernünftig? Warwick, Warwick! dort die graue Stute nimmst du, ’s ist das beste Tier von allen. Nimm’s! Sonst — sonst wirst du’s lang bereu’n! Nun, wie oft noch soll ich bitten?“ Und das kleine Füßlein stampfte, daß die Streu im Stall umherflog. „Ja, — ’s ist wahr,“ sprach zögernd Warwick, „ja — wenn ich es recht erwäge, — ’s ist die beste von den fünfen. Ja, die graue Stute wähl ich!“ — Doch John Rash rief: „Ralf, den Sack her!“ Aus dem Sack zog er ein Eilein, bot es zierlich dar der Lady: „Dies gebührt Euch, Lady Demut, und dazu mein Dank auf ewig! Spornstracks reit’ ich jetzt nach Hause. O wie freu’ ich mich auf Ellen! Ralf, vier Eier und fünf Pferde bring zurück dem Schwiegervater und dazu des Eidams Segen!“ —

Nachschrift.

Diese Dichtung wollt’ ich widmen meinem lieben Weib Therese, hatte schon das Wort geschrieben. Da jedoch sie — selbstverständlich nur erraten konnt’ ich’s ahnend — nicht so sehr dadurch erfreut schien, als ich eigentlich erwartet, hab’ ich’s wieder ausgestrichen: ungewidmet bleibt das Werk! —

Rothaarig ist mein Schätzelein

von

Julius Wolff.

Rothaarig ist mein Schätzelein, rothaarig wie ein Fuchs, und Zähne hat’s wie Elfenbein und Augen wie ein Luchs. Und Wangen wie ein Rosenblatt und Lippen wie ein’ Kirsch’, und wenn es ausgeschlafen hat, so schreitet’s wie ein Hirsch. Im Köpfchen sitzt ihm ein Kobold, ein Grübchen in dem Kinn; ein Herzchen hat es klar wie Gold und kreuzfidelen Sinn. Wie Silberglöcklein spricht’s und lacht’s, wie eine Lerche singt’s, und tanzen kann’s und Knickse macht’s, und wie ein Heuschreck springt’s. Und lieben tut’s mich, Zapperlot! das weiß, was lieben heißt, und küßt es mich, — Schockschwerenot! ich denk manchmal, es beißt. Doch weiter kriegt ihr nichts heraus, und fragt ihr früh und spat, es kratzt mir sonst die Augen aus, wenn ich noch mehr verrat.

Lacrimae Christi

von

Rudolf Baumbach.

Es war in alten Zeiten ein schwäbischer Fiedelmann, der kräftig strich die Saiten und lustige Mären spann. Mit Friederich, dem andern, ins Welschland zog er ein, und kostete im Wandern von einem jeden Wein. Und als auf seinem Zuge er nach Neapel kam, quoll ihm aus ird’nem Kruge ein Tropfen wundersam. Er trank mit durst’gem Munde und rief den Wirt herbei: „Viellieber, gebt mir Kunde, was für ein Wein das sei. „Er rinnt mir altem Knaben wie Feuer durchs Gebein; von allen Gottesgaben muß das die beste sein.“ Der dicke Kellermeister gab ihm die Auskunft gern: „Lacrimae Christi heißt er, denn Tränen sind’s des Herrn.“ Da überkam ein Trauern den fremden Fiedelmann; er dachte an den Bauern, der in der Heimat rann. Und betend sank er nieder, den Blick empor gewandt: „Herr, weinst du einmal wieder, so wein’ im Schwabenland!“

Der Pfropfenzieher

von

Rudolf Baumbach.

Nun laßt uns tapfer brechen den Rheinweinflaschen den Hals, und füllt mit goldnen Bächen die Höhlung des Kristalls. Erhebt euch von dem Tische und steht in Reih’ und Glied, und singt das ewig frische, uralte Zecherlied: Zum Zippel, zum Zappel, zum Kellerloch ’nein, alles muß vertrunken sein! Der diesen Spruch ersonnen, ein frommer Ritter was, der lieber denn am Bronnen bei vollen Fässern saß, und als der letzte Gulden aus seinem Beutel schied, da machte er fröhlich Schulden und sang sein altes Lied: Zum Zippel, zum Zappel, zum Kellerloch ’nein, alles muß vertrunken sein! Die Lehen und Allode ertranken im Malvasier; als letztes der Kleinode blieb ihm ein Pfropfenzieh’r. Das Alter tät ihm färben die Haare silberlicht. Er gönnte seinen Erben den Pfropfenzieher nicht. Zum Zippel, zum Zappel, zum Kellerloch ’nein, alles muß vertrunken sein! Er zog aus seiner Tasche das Kleinod glatt und blank und gab’s für eine Flasche, gefüllt mit Lautertrank. Ein Schlag, da sank in Scherben der Flaschenhals zu Tal. Er trank und sang im Sterben zum allerletztenmal: Zum Zippel, zum Zappel, zum Kellerloch ’nein, alles muß vertrunken sein! Nun trinken wir die Minne des alten, durst’gen Herrn, und blieb ein Tropfen drinne, er säh’s gewiß nicht gern. Erhebt euch von dem Tische und steht in Reih’ und Glied, und singt das ewig frische, uralte Zecherlied: Zum Zippel, zum Zappel, zum Kellerloch ’nein, alles muß vertrunken sein!

’s Gebet

von

Franz von Kobell.

A gar kleans Dirndl mit der Muatta hat in der Kirch’ in Sunnta[180] bet’t, und’s Maderl war so voller Andacht, als wenn se’s halt recht nöti hätt; dees hat der Muatta gar gut g’fall’n, und nach der Kircha sagt dazua: „Du bist amal a rechti Frummi[181], du hast schon bet’t in aller Fruah’. Was hast jetzt bet’t, dees muaßt ma sag’n, du Schatzerl, du, so brav und nett.“ Und’s Madel sagt auf ihra Frag’n: „Daß d’ Kirch bald aus werd’, hab’ i bet’t!“

Canzone

von

Friedrich Stoltze.

Merr hawwe uns zwar gestern was gekippelt un ohne Abschid is se fortgehippt[182]. — Ich haw’ err heut en lange Brief geschriwwe; doch hat se, scheint’s, des beste iwerhippelt[183] un brotzt[184] noch fort un is noch stark verschnippt, sonst wär se heint net schned eweckgebliwwe[185]. Ich schriew err: Komm um sechs. Jetz is es siwwe. Was mir draa leiht[186]! — Ich wart noch bis e Vertel, dann geh ich. Ja, verlaß sich ääns uff Mensche! Sie utzt sich selbst um e Paar neue Hännsche[187] un um e Stahlschnall un en Moiree-Gertel. Se kimmt net! — No, heut krieht se’s noch ze wisse, mein Ring eraus! mei Brosch un ’s Nadelkisse! Mei Sache! — ’s läg merr uff! des wär net bitter, so Hahlgäns, so bredale[188], wetterwenn’sche! Un nemm dei lumpig Sigar-Etwie[189] widder!

Notes in this chapter

Note 1 · Enten im Wasser.Note 2 · Teich.Note 3 · Der Enterich ist etwas heiser.Note 4 · Morast.Note 5 · laut.Note 6 · Den Rinnstein entlang alle in Tümpel und Pfützen.Note 7 · barbeinig und plattfüßig.Note 8 · Küchenausguß.Note 9 · sieh, wie sie suchen.Note 10 · jetzt rufen wir die Hinteren (Letzten).Note 11 · jetzt gibt das ein Geschwatz.Note 12 · fliegen wir herunter.Note 13 · sie dreschen Weizen.Note 14 · wir kriechen durch die Ritze.Note 15 · auf Zehen.Note 16 · geht.Note 17 · Köchin.Note 18 · kneift nur aus, braucht die Flügel.Note 19 · Zaun.Note 20 · Frösche.Note 21 · Spatzen.Note 22 · Martin.Note 23 · hintersten.Note 24 · Reinecke Fuchs.Note 25 · auf den Pfoten.Note 26 · Krähe.Note 27 · geht.Note 28 · lustig.Note 29 · biß.Note 30 · kriegte, bekam.Note 31 · kleine Elsbeth.Note 32 · oben nach dem First.Note 33 · krieche unter.Note 34 · wie Gertrudchen.Note 35 · Maus in einer Hede (Werg, Nest).Note 36 · Tagedieb.Note 37 · brütete.Note 38 · Krume.Note 39 · von diesem Jahr an.Note 40 · mich stechen die Fettdaunen (mich plagt der Übermut).Note 41 · sollst.Note 42 · Storch, Adebar.Note 43 · Korb.Note 44 · oben darauf.Note 45 · Flügel.Note 46 · Nachbar Spatz.Note 47 · das Dach entlang.Note 48 · zieht der Rauch den Schornstein entlang.Note 49 · Weizen und Spreu.Note 50 · Roggen säen.Note 51 · mitten drin.Note 52 · hole Federn und Daunen.Note 53 · dort hinterm Zaun.Note 54 · Das ist er!Note 55 · gibt solche Leute.Note 56 · Streit.Note 57 · sitzt.Note 58 · eher.Note 59 · zufrieden.Note 60 · bis man sie kopfüber hinauswirft.Note 61 · ekliger Mensch.Note 62 · Schlägerei.Note 63 · mecklenb. Stadt.Note 64 · heißt.Note 65 · wissen.Note 66 · in alten Zeiten.Note 67 · bedeuten.Note 68 · helle Sonne, Morgen.Note 69 · stehen kann.Note 70 · zwei lang, zwei breit, d. h. unaufhörlich, lange.Note 71 · hinunter.Note 72 · ein anderer.Note 73 · im leichten Trab.Note 74 · Leichtfuß.Note 75 · geschmissen.Note 76 · halt ein bißchen.Note 77 · horcht und faßt.Note 78 · Pferde fester.Note 79 · schmeiß, wirf ihn mir nur herein, das ist er.Note 80 · blinde.Note 81 · geht.Note 82 · nicht ein Spierchen (bißchen) sehen.Note 83 · schmeißt.Note 84 · Spannriemen.Note 85 · läuft.Note 86 · sehen Sie hier.Note 87 · Butter.Note 88 · beguckte es ganz genau von vorne und hinten.Note 89 · warte!Note 90 · Ihr seid nur alle solche Leckerzungen.Note 91 · möchte.Note 92 · verzehren.Note 93 · aufschmieren.Note 94 · prahle leise, etwa: nicht so hoch hinaus.Note 95 · ungefähr acht Groschen.Note 96 · Käse.Note 97 · läßt sich bedeuten.Note 98 · fragt.Note 99 · gelegt.Note 100 · rasch, vorlaut.Note 101 · schon.Note 102 · Schneider-Genügsamkeit.Note 103 · sehr bunte.Note 104 · tändelnd, hüpfend.Note 105 · Schneider.Note 106 · höllisch, sehr.Note 107 · hole.Note 108 · vom Boden herunter.Note 109 · Schnitzel.Note 110 · Du frißt dich ganz aus Rand und Band.Note 111 · Fettschwein.Note 112 · schiebt.Note 113 · Kartoffel.Note 114 · sitzt und reibt.Note 115 · Schrank.Note 116 · Wer weiß?Note 117 · schlagen.Note 118 · uns die Jacke vollhauen.Note 119 · siebenten.Note 120 · konnte mich nicht herausziehen.Note 121 · verliert.Note 122 · Faust.Note 123 · knochentrocken.Note 124 · nahe.Note 125 · schnaubte und spuckte.Note 126 · wie mit Eisenklammern.Note 127 · ein Teufel ist wie der andere.Note 128 · allzunah.Note 129 · reingefallen.Note 130 · wie der Topf, so der Deckel.Note 131 · wie die Ware, mein Sohn, so der Verdienst.Note 132 · näher.Note 133 · ziehe ab.Note 134 · Prügel, Stock.Note 135 · Worte.Note 136 · betrügen.Note 137 · ich schrie aus vollem Hals.Note 138 · die getretenen Frösche, die wimmern.Note 139 · beimessen.Note 140 · gelb und grün.Note 141 · Schwielen.Note 142 · Essig gehört zu Sauerkohl.Note 143 · wie die Sau, so das Ferkel.Note 144 · faule Leute kommen auf den goldenen Stuhl.Note 145 · Dort, hinter den Blumentöpfen.Note 146 · Präzeptor.Note 147 · könnte alle drei zusammen freien.Note 148 · Augen.Note 149 · wie schwarze Johannisbeeren so schwarz.Note 150 · die Gelbe.Note 151 · wie eine Taube.Note 152 · Haube.Note 153 · sollte ich eine herausnehmen (heiraten).Note 154 · gönnte.Note 155 · am Sonntag.Note 156 · eine recht Fromme.Note 157 · fortgelaufen.Note 158 · übersehen.Note 159 · zürnt.Note 160 · heut nicht schnöde weggeblieben.Note 161 · liegt.Note 162 · Handschuhe.Note 163 · Hohlgänse, so brutale.Note 164 · Zigarren-Etui.
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