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Deutsche Humoristen, 4. und 5. Band (von 8)

Der Tod von Basel.

Reading edition

Volkslied.

Als ich ein Junggeselle war, nahm ich ein steinalt Weib; ich hatt’ sie kaum drei Tage, Ti Ta Tage, da hat’s mich schon gereut. Da ging ich auf den Kirchhof hin und bat den lieben Tod: „Ach lieber Tod von Basel, Bi Ba Basel, hol’ mir mein’ Alte fort!“ Und als ich wieder nach Hause kam, mein’ Alte war schon tot; ich spannt’ die Roß’ an’n Wagen, Wi Wa Wagen, und fuhr mein’ Alte fort. Und als ich auf den Kirchhof kam, das Grab war schon gemacht: „Ihr Träger tragt fein sachte, si sa sachte, daß d’ Alte nit erwacht! „Scharrt zu, scharrt zu, scharrt immerzu das alte böse Weib! sie hat ihr Lebetage, Ti Ta Tage, geplagt mein’n jungen Leib.“ Und als ich wieder nach Hause kam, all’ Winkel war’n mir zu weit; ich wart’te kaum drei Tage, Ti Ta Tage, und nahm ein junges Weib. Das junge Weibel, das ich nahm, das schlug mich alle Tag’; „Ach! lieber Tod von Basel, Bi Ba Basel, hätt’ ich mein’ Alte noch!“

Der waltbruder mit dem esel, der argen welt tut niemant recht

von

Hans Sachs.

Vor jaren wont in einem walt ein waltbruder, an jaren alt, der sich der wurzeln neren tet; derselb ein jungen sune het, in dem alter bei zweinzig jarn, der war einfeltig, unerfarn, der fragt den alten: sag doch mir, sint in dem walt gewachsen wir? wan er nie menschen het gesehen. der alt tet zu dem jungen gehen: mein sun, da du noch warest klein, hab ich dich geflehet[2] herein aus der arglisting, bösen welt, das sie uns nit schmech, spott und schelt, weil ir gar niemant recht kan tan, sie schlag im doch ein blechlein an[3]. still schwig der sun, doch tag und nacht des vatters red stets nachgedacht, was doch die welt nur möcht gesein[4]. zu letzt da wolt er ie darein, legt an den vatter große bit, der es doch lang zeit widerriet; zu letzt er überredet wart und macht sich mit im auf die fart, und fürten iren esel mit ledig, ir keiner darauf rit. im walt bekam[5] in ein kriegsman, der sprach: wie laßt ir ledig gan den faulen esel hie allein? Ir dunkt mich nit fast witzig sein, das euer keiner darauf reit. als sie nun von im kamen weit, der vatter sprach: mein sun, sich zu, wie uns die welt empfangen tu. der sun sprach: laß mich darauf reiten. das gschach, da kam zu in von weiten ein altes weib neben die ecker, die sprach: secht zu dem jungen lecker, der reit, und der alt schwache man muß hindennach zu füßen gan! sun, sprach der alt, glaubst du nun mir, was von der welt ich saget dir? er sprach: laß uns versuchen baß. der jung balt von dem esel saß, und saß der alt balt auf für[6] in, reit also fuß für fuß dahin. in dem begegnet in ein bauer, der redt sie an mit worten sauer: secht an den alten groben lappen, leßt den jungen im kot her sappen[7], dem nöter wer zu reiten dan im. der alte sprach: mein sun, vernim, das man der welt nit recht mag tun. der sun sprach: vatter, laß mich nun aufsitzen, das wir reiten bed, schau, ob die welt dahzu auch red. aufsaß er und ritten dahin; da kam ein bettelman zu in, tet an einr wegscheid auf sie harrn und sprach: secht an die großen narrn, wöllen den esel gar erdrücken! der vatter sprach: in allen stücken tut uns die welt mit hönwort schmitzen[8]. der sun sprach: laß uns beid absitzen, so wöllen wir den esel tragen, was nun die welt darzu wil sagen. absaßen sie, den esel trugen und mit im übers felt hinzugen, das von in beiden ran der schweis. ein edelman kam zu der reis, tet sie all beid mit worten straffen: wann her[9], wannen her, ir schlauraffen, das ir das hinder kert herfür[10]? der vatter sprach: mein sun, hie spür, das an der welt ist gar verlorn[11]. da sprach der sun in großem zorn: den esel wöllen wir erschlagen, denn hat die welt nit mehr zu klagen. den esel schlugen sie zu haufen; da kam ein jäger zugelaufen, der schrei: o ihr großen fantasten, des esels gneußet ir am basten lebend, tot ist er euch kein nütz. zuhant der junge wart urdrütz[12] der welt, die in mit spot und straf so gar an allen orten traf, sprach: hat die welt auf einen tag über uns balt so vil der klag, solt wir denn all tag darin bleiben, was wunders würt sie mit uns treiben! und keret mit dem alten dar in walt, daraus er kommen war.

Kußlied

von

Paul Fleming.

Erneuert.

Nirgends hin als auf den Mund: da sinkt’s in des Herzens Grund; nicht zu frei, nicht zu gezwungen, nicht mit allzu trägen Zungen. Nicht zu wenig, nicht zu viel: beides wird sonst Kinderspiel. Nicht zu laut und nicht zu leise: nur im Maß ist rechte Weise. Nicht zu hart und nicht zu weich, bald zugleich, bald nicht zugleich. Nicht zu langsam, nicht zu schnelle, nicht stets auf die gleiche Stelle. Halb gebissen, halb gehaucht, halb die Lippen eingetaucht, nicht ohn’ Unterschied der Zeiten, mehr allein denn vor den Leuten. Küsse nun ein jedermann, wie er weiß, will, soll und kann! Ich nur und die Liebste wissen, wie wir uns recht sollen küssen.

Das Gespenst

von

Christian Fürchtegott Gellert.

Ein Hauswirt, wie man mir erzählt, ward lange Zeit durch ein Gespenst gequält. Er ließ, des Geist’s sich zu erwehren, sich heimlich das Verbannen lehren; doch kraftlos blieb der Zauberspruch. Der Geist entsetzte sich vor keinen Charakteren und gab, in einem weißen Tuch, ihm alle Nächte den Besuch. Ein Dichter zog in dieses Haus. Der Wirt, der bei der Nacht nicht gern allein gewesen, bat sich des Dichters Zuspruch aus, und ließ sich seine Verse lesen. Der Dichter las ein frostig Trauerspiel, das, wo nicht seinem Wirt, doch ihm sehr wohl gefiel. Der Geist, den nur der Wirt, doch nicht der Dichter sah, erschien und hörte zu; es fing ihn an zu schauern; er konnt es länger nicht, als einen Auftritt, dauern; denn eh der andre kam, so war er nicht mehr da. Der Wirt, von Hoffnung eingenommen, ließ gleich die andre Nacht den Dichter wiederkommen. Der Dichter las; der Geist erschien; doch ohne lange zu verziehn. „Gut!“ sprach der Wirt bei sich, „dich will ich bald verjagen; kannst du die Verse nicht vertragen?“ Die dritte Nacht blieb unser Wirt allein, sobald es zwölfe schlug, ließ das Gespenst sich blicken; „Johann!“ fing drauf der Wirt gewaltig an zu schrein, „der Dichter (lauft geschwind!) soll von der Güte sein, und mir sein Trauerspiel auf eine Stunde schicken.“ Der Geist erschrak, und winkte mit der Hand, der Diener sollte ja nicht gehen. Und kurz, der weiße Geist verschwand, und ließ sich niemals wieder sehen. Ein jeder, der dies Wunder liest, zieht sich daraus die gute Lehre, daß kein Gedicht so elend ist, das nicht zu etwas nützlich wäre. Und wenn sich ein Gespenst vor schlechten Versen scheut, so kann uns dies zum großen Troste dienen. Gesetzt, daß sie zu unsrer Zeit auch legionenweis erschienen: so wird, um sich von allen zu befrein, an Versen doch kein Mangel sein.

Der gute Rat

von

Christian Fürchtegott Gellert.

Ein junger Mensch, der sich vermählen wollte und dem man manchen Vorschlag tat, bat einen Greis um einen guten Rat, was für ein Weib er nehmen sollte? „Freund,“ sprach der Greis, „das weiß ich nicht. So gut man wählt, kann man sich doch betrügen. Sucht ihr ein Weib bloß zum Vergnügen, so wählet euch ein schön Gesicht; doch liegt euch mehr an Renten und am Staate als am verliebten Zeitvertreib: so dien ich euch mit einem andern Rate, bemüht euch um ein reiches Weib; doch strebt ihr durch die Frau nach einem hohen Range, nun, so vergeßt, daß bessre Mädchen sind, wählt eines großen Mannes Kind, und untersucht die Wahl nicht lange; doch wollt ihr mehr für eure Seele wählen als für die Sinne und den Leib: so wagt’s, um euch nach Wunsche zu vermählen, und wählt euch ein gelehrtes Weib.“ Hier schwieg der Alte lachend still. „Ach,“ sprach der junge Mensch, „das will ich ja nicht wissen, ich frage, welches Weib ich werde wählen müssen, wenn ich zufrieden leben will? Und wenn ich, ohne mich zu grämen — — —“ „O,“ fiel der Greis ihm ein, „da müßt ihr keine nehmen.“

Der sterbende Vater

von

Christian Fürchtegott Gellert.

Ein Vater hinterließ zween Erben, Christophen, der war klug, und Görgen, der war dumm. Sein Ende kam, und kurz vor seinem Sterben sah er sich ganz betrübt nach seinem Christoph um. „Sohn,“ fing er an, „mich quält ein trauriger Gedanke, du hast Verstand, wie wird dir’s künftig gehn? Hör’ an, ich hab’ in meinem Schranke ein Kästchen mit Juwelen stehn, die sollen dein. Nimm sie, mein Sohn, und gib dem Bruder nichts davon.“ Der Sohn erschrak und stutzte lange. „Ach Vater,“ hub er an, „wenn ich so viel empfange, wie kommt alsdann mein Bruder fort?“ „Er?“ fiel der Vater ihm ins Wort, „für Görgen ist mir gar nicht bange, der kommt gewiß durch seine Dummheit fort.“

Die Widersprecherin

von

Christian Fürchtegott Gellert.

Ismene hatte noch, bei vielen andern Gaben, auch diese, daß sie widersprach. Man sagt es überhaupt den guten Weibern nach, daß alle diese Tugend haben; doch, wenn’s auch tausendmal der ganze Weltkreis spricht: so halt ich’s doch für ein Gedicht, und sag es öffentlich: Ich glaub es ewig nicht. Ich bin ja auch mit mancher Frau bekannt, ich hab es oft versucht, und manche schön genannt, so häßlich sie auch war, bloß, weil ich haben wollte, daß sie mir widersprechen sollte; allein sie widersprach mir nicht. Und also ist es falsch, daß jede widerspricht. So kränkt man euch, ihr guten Schönen! — Jetzt komm ich wieder zu Ismenen. Ismenen sagte man’s nicht aus Verleumdung nach, es war gewiß, sie widersprach. Einst saß sie mit dem Mann bei Tische; sie aßen unter anderm Fische, mich deucht, es war ein grüner Hecht. „Mein Engel,“ sprach der Mann, „mein Engel, ist mir recht, so ist der Fisch nicht gar zu blau gesotten.“ „Das,“ rief sie, „hab ich wohl gedacht, so gut man auch die Anstalt macht: so finden Sie doch Grund, der armen Frau zu spotten. Ich sag es Ihnen kurz, der Hecht ist gar zu blau.“ „Gut,“ sprach er, „meine liebe Frau, wir wollen nicht darüber streiten, was hat die Sache zu bedeuten?“ So wie dem welschen Hahn, dem man was Rotes zeigt, der Zorn den Augenblick in Nas’ und Lefzen steigt, sie rot und blau durchströmt, lang auseinander treibet, in beiden Augen blitzt, sich in den Flügeln sträubet, in alle Federn dringt, und sie gen Himmel kehrt, und zitternd, mit Geschrei und Poltern, aus ihm fährt: so schießt Ismenen auch, da dies ihr Liebster spricht, das Blut den Augenblick in ihr sonst blaß Gesicht; die Adern liefen auf, die Augen wurden enger, die Lippen dick und blau, und Kinn und Nase länger; ihr Haar bewegte sich, stieg voller Zorn empor, und stieß, indem es stieg, das Nachtzeug von dem Ohr. Drauf fing sie zitternd an: „Ich, Mann! ich, deine Frau, ich sag es noch einmal, der Hecht war gar zu blau.“ Sie nimmt das Glas und trinkt. O! laßt sie doch nicht trinken! Ihr Liebster geht und sagt kein Wort; kaum aber ist ihr Liebster fort, so sieht man sie in Ohnmacht sinken. Wie konnt es anders sein? Gleich auf den Zorn zu trinken! Ein plötzliches Geschrei bewegt das ganze Haus; man bricht der Frau die Daumen aus; man streicht sie kräftig an, kein Balsam will sie stärken. Man reibt ihr Schläf’ und Puls; kein Leben ist zu merken. Man nimmt versengtes Haar und hält’s ihr vors Gesicht. Umsonst! Umsonst! Sie riecht es nicht! Nichts kann den Geist ihr wiedergeben. Man ruft den Mann, er kommt und schreit: „Du stirbst, mein Leben! Du stirbst? Ich armer Mann! Ach, meine liebe Frau, wer hieß mich dir doch widerstreben! Ach der verdammte Fisch! Gott weiß, er war nicht blau.“ Den Augenblick bekam sie wieder Leben. „Blau war er,“ rief sie aus, „willst du dich noch nicht geben?“ So tat der Geist des Widerspruchs mehr Wirkung, als die Kraft des heftigsten Geruchs.

Das Muster der Ehen

von

Gotthold Ephraim Lessing.

Ein rares Beispiel will ich singen, wobei die Welt erstaunen wird. Daß alle Ehen Zwietracht bringen, glaubt jeder, aber jeder irrt. Ich sah das Muster aller Ehen, still, wie die stillste Sommernacht O! daß sie keiner möge sehen, der mich zum frechen Lügner macht! Und gleichwohl war die Frau kein Engel, und der Gemahl kein Heiliger; es hatte jedes seine Mängel. Denn niemand ist von allen leer. Doch sollte mich ein Spötter fragen, wie diese Wunder möglich sind? Der lasse sich zur Antwort sagen: Der Mann war taub, die Frau war blind.

Die drei Reiche der Natur

von

Gotthold Ephraim Lessing.

Ich trink’, und trinkend fällt mir bei, warum Naturreich dreifach sei. Die Tier’ und Menschen trinken, lieben, ein jegliches nach seinen Trieben: Delphin und Adler, Floh und Hund empfindet Lieb’ und netzt den Mund. Was also trinkt und lieben kann, wird in das erste Reich getan. Die Pflanze macht das zweite Reich, dem ersten nicht an Güte gleich: sie liebet nicht, doch kann sie trinken, wenn Wolken träufelnd niedersinken; so trinkt die Zeder und der Klee, der Weinstock und die Aloe. Drum, was nicht liebt, doch trinken kann, wird in das zweite Reich getan. Das Steinreich macht das dritte Reich; und hier sind Sand und Demant gleich: kein Stein fühlt Durst und zarte Triebe, er wachset ohne Trunk und Liebe. Drum, was nicht liebt noch trinken kann, wird in das letzte Reich getan. Denn ohne Lieb’ und ohne Wein, sprich, Mensch, was bleibst du noch? — Ein Stein.

Lob der Faulheit

von

Gotthold Ephraim Lessing.

Faulheit, jetzo will ich dir auch ein kleines Loblied bringen. — O .. wie .. sau .. er .. wird es mir, dich .. nach Würden .. zu besingen! Doch, ich will mein bestes tun, nach der Arbeit ist gut ruhn. Höchstes Gut! wer dich nur hat, dessen ungestörtes Leben — — Ach! .. ich .. gähn’ .. ich .. werde matt .. nun .. so .. magst du .. mir’s vergeben, daß ich dich nicht singen kann; du verhinderst mich ja dran.

Niklas

von

Gotthold Ephraim Lessing.

Mein Esel sicherlich muß klüger sein, als ich. Ja, klüger muß er sein! Er fand sich selbst in’ Stall hinein und kam doch von der Tränke. Man denke!

Die Geschichte von Goliath und David, in Reime bracht

von

Matthias Claudius.

War einst ein Riese Goliath, gar ein gefährlich Mann! Er hatte Tressen auf dem Hut mit einem Klunker dran und einen Rock von drap d’argent und alles so nach advenant. An seinen Schnurrbart sah man nur mit Gräsen und mit Graus, und dabei sah er von Natur pur wie der — aus. Sein Sarras war, man glaubt es kaum, so groß schier als ein Weberbaum. Er hatte Knochen wie ein Gaul und eine freche Stirn und ein entsetzlich großes Maul und nur ein kleines Hirn; gab jedem einen Rippenstoß und flunkerte und prahlte groß. So kam er alle Tage her und sprach Israel Hohn. „Wer ist der Mann? Wer wagt’s mit mir? Sei Vater oder Sohn, er komme her, der Lumpenhund, ich bax’n nieder auf den Grund.“ Da kam in seinem Schäferrock ein Jüngling zart und fein; er hatte nichts als seinen Stock als Schleuder und den Stein und sprach: „Du hast viel Stolz und Wehr, ich komm im Namen Gottes her.“ Und damit schleudert’ er auf ihn und traf die Stirne gar; da fiel der große Esel hin, so lang und dick er war. Und David haut in guter Ruh ihm nun den Kopf noch ab dazu. — Trau nicht auf deinen Tressenhut noch auf den Klunker dran! Ein großes Maul es auch nicht tut: das lern vom langen Mann; und von dem kleinen lerne wohl, wie man mit Ehren fechten soll.

Rheinweinlied

von

Matthias Claudius.

Bekränzt mit Laub den lieben vollen Becher, und trinkt ihn fröhlich leer, in ganz Europia, ihr Herren Zecher, ist solch ein Wein nicht mehr! Er kommt nicht her aus Hungarn noch aus Polen, noch wo man franzmännsch spricht: da mag Sankt Veit, der Ritter, Wein sich holen, wir holen ihn da nicht. Ihn bringt das Vaterland aus seiner Fülle: wie wär’ er sonst so gut? Wie wär’ er sonst so edel, wäre stille und doch voll Kraft und Mut? Er wächst nicht überall im deutschen Reiche; und viele Berge, hört, sind wie die weiland Kreter faule Bäuche und nicht der Stelle wert. Thüringens Berge zum Exempel bringen Gewächs, sieht aus wie Wein, ist’s aber nicht: man kann dabei nicht singen, dabei nicht fröhlich sein. Im Erzgebirge dürft ihr auch nicht suchen, wenn ihr Wein finden wollt: das bringt nur Silbererz und Kobaltkuchen und etwas Lausegold. Der Blocksberg ist der lange Herr Philister; er macht nur Wind wie der: drum tanzen auch der Kuckuck und sein Küster auf ihm die Kreuz und Quer. Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben: gesegnet sei der Rhein! Da wachsen sie am Ufer hin und geben uns ihren Labewein. So trinkt ihn denn, und laßt uns allewege uns freun und fröhlich sein! Und wüßten wir, wo jemand traurig läge, wir gäben ihm den Wein.

Der Kaiser und der Abt

von

Gottfried August Bürger.

Ich will euch erzählen ein Märchen, gar schnurrig: es war mal ein Kaiser, der Kaiser war knurrig; auch war mal ein Abt, ein gar stattlicher Herr; nur schade! sein Schäfer war klüger als er. Dem Kaiser ward’s sauer in Hitz’ und in Kälte; oft schlief er bepanzert im Kriegesgezelte, oft hatt’ er kaum Wasser zu Schwarzbrot und Wurst, und öfter noch litt er gar Hunger und Durst. Das Pfäfflein, das wußte sich besser zu hegen und weidlich am Tisch und im Bette zu pflegen. Wie Vollmond glänzte sein feistes Gesicht Drei Männer umspannten den Schmerbauch ihm nicht. Drob suchte der Kaiser am Pfäfflein oft Hader. Einst ritt er mit reisigem Kriegesgeschwader in brennender Hitze des Sommers vorbei. Das Pfäfflein spazierte vor seiner Abtei. „Ha,“ dachte der Kaiser, „zur glücklichen Stunde!“ und grüßte das Pfäfflein mit höhnischem Munde. „Knecht Gottes, wie geht’s dir? Mir däucht wohl ganz recht, das Beten und Fasten bekomme nicht schlecht. „Doch däucht mir daneben, Euch plage viel Weile. Ihr dankt mir’s wohl, wenn ich Euch Arbeit erteile; man rühmet, Ihr wäret der pfiffigste Mann, Ihr höret das Gräschen fast wachsen, sagt man. „So geb’ ich denn Euern zwei tüchtigen Backen zur Kurzweil drei artige Nüsse zu knacken. Drei Monden von nun an bestimm’ ich zur Zeit. Dann will ich auf diese drei Fragen Bescheid: „Zum ersten: Wann hoch ich im fürstlichen Rate zu Throne mich zeige im Kaiserornate, dann sollt Ihr mir sagen, ein treuer Wardein, wieviel ich wohl wert bis zum Heller mag sein. „Zum zweiten sollt Ihr mir berechnen und sagen, wie bald ich zu Rosse die Welt mag umjagen, um keine Minute zu wenig und viel! Ich weiß, der Bescheid darauf ist Euch nur Spiel. „Zum dritten noch sollst du, o Preis der Prälaten, aufs Härchen mir meine Gedanken erraten. Die will ich dann treulich bekennen; allein es soll auch kein Titelchen Wahres dran sein. „Und könnt Ihr mir diese drei Fragen nicht lösen, so seid Ihr die längste Zeit Abt hier gewesen; so laß ich Euch führen zu Esel durchs Land, verkehrt, statt des Zaumes den Schwanz in der Hand.“ — Drauf trabte der Kaiser mit Lachen von hinnen. Das Pfäfflein zerriß und zerspliß sich mit Sinnen. Kein armer Verbrecher fühlt mehr Schwulität, der vor hochnotpeinlichem Halsgericht steht. Er schickte nach ein, zwei, drei, vier Un’vers’täten; er fragte bei ein, zwei, drei, vier Fakultäten; er zahlte Gebühren und Sportuln vollauf; doch löste kein Doktor die Fragen ihm auf. Schnell wuchsen bei herzlichem Zagen und Pochen die Stunden zu Tagen, die Tage zu Wochen, die Wochen zu Monden; schon kam der Termin! Ihm ward’s vor den Augen bald gelb und bald grün. Nun sucht’ er, ein bleicher, hohlwangiger Werther, in Wäldern und Feldern die einsamsten Örter. Da traf ihn auf selten betretener Bahn Hans Bendix, sein Schäfer, am Felsenhang an. „Herr Abt,“ sprach Hans Bendix, „was mögt Ihr Euch grämen? Ihr schwindet ja wahrlich dahin wie ein Schemen. Maria und Joseph! Wie hotzelt Ihr ein! Mein Sixchen! Es muß Euch was angetan sein.“ — „Ach, guter Hans Bendix, so muß sich’s wohl schicken. Der Kaiser will gern mir am Zeuge was flicken und hat mir drei Nüss’ auf die Zähne gepackt, die schwerlich Beelzebub selber wohl knackt. „Zum ersten: Wann hoch er im fürstlichen Rate zu Throne sich zeiget im Kaiserornate, dann soll ich ihm sagen, ein treuer Wardein, wieviel er wohl wert bis zum Heller mag sein. „Zum zweiten soll ich ihm berechnen und sagen, wie bald er zu Rosse die Welt mag umjagen, um keine Minute zu wenig und viel! Er meint, der Bescheid darauf wäre nur Spiel. „Zum dritten, ich ärmster von allen Prälaten, soll ich ihm gar seine Gedanken erraten; die will er mir treulich bekennen; allein es soll auch kein Titelchen Wahres dran sein. „Und kann ich ihm diese drei Fragen nicht lösen, so bin ich die längste Zeit Abt hier gewesen; so läßt er mich führen zu Esel durchs Land, verkehrt, statt des Zaumes den Schwanz in der Hand.“ — „Nichts weiter?“ erwidert Hans Bendix mit Lachen. „Herr, gebt Euch zufrieden, das will ich schon machen. Nur borgt mir Eur Käppchen; Eur Kreuzchen und Kleid; so will ich schon geben den rechten Bescheid. „Versteh’ ich gleich nichts von lateinischen Brocken, so weiß ich den Hund doch vom Ofen zu locken. Was ihr euch, Gelehrte, für Geld nicht erwerbt, das hab’ ich von meiner Frau Mutter geerbt.“ Da sprang wie ein Böcklein der Abt vor Behagen. Mit Käppchen und Kreuzchen, mit Mantel und Kragen ward stattlich Hans Bendix zum Abte geschmückt und hurtig zum Kaiser nach Hofe geschickt. Hier thronte der Kaiser im fürstlichen Rate, hoch prangt’ er mit Zepter und Kron’ im Ornate: „Nun sagt mir, Herr Abt, als treuer Wardein, wieviel ich itzt wert bis zum Heller mag sein.“ — „Für dreißig Reichsgulden ward Christus verschachert; drum geb’ ich, so sehr ihr auch pochet und prachert, für Euch keinen Deut mehr als zwanzig und neun, denn einen müßt Ihr doch wohl minder wert sein.“ — „Hum,“ sagte der Kaiser, „der Grund läßt sich hören und mag den durchlauchtigen Stolz wohl bekehren. Nie hätt’ ich, bei meiner hochfürstlichen Ehr’! geglaubet, daß so spottwohlfeil ich wär’. „Nun aber sollst du mir berechnen und sagen, wie bald ich zu Rosse die Welt mag umjagen, um keine Minute zu wenig und viel! Ist dir der Bescheid darauf auch nur ein Spiel?“ — „Herr, wenn mit der Sonn’ Ihr früh sattelt und reitet und stets sie in einerlei Tempo begleitet, so setz’ ich mein Kreuz und mein Käppchen daran, in zweimal zwölf Stunden ist alles getan.“ — „Ha,“ lachte der Kaiser, „vortrefflicher Haber! Ihr füttert die Pferde mit Wenn und mit Aber. Der Mann, der das Wenn und das Aber erdacht, hat sicher aus Häckerling Gold schon gemacht. „Nun aber zum dritten, nun nimm dich zusammen! sonst muß ich dich dennoch zum Esel verdammen: was denk’ ich, das falsch ist? Das bringe heraus! Nur bleib’ mir mit Wenn und mit Aber zu Haus!“ — „Ihr denket, ich sei der Herr Abt von Sankt Gallen.“ — „Ganz recht! und das kann von der Wahrheit nicht fallen.“ — „Sein Diener, Herr Kaiser! Euch trüget Eu’r Sinn; denn wißt, daß ich Bendix, sein Schäfer, nur bin!“ — „Was Henker! Du bist nicht der Abt von Sankt Gallen?“ Rief hurtig, als wär’ er vom Himmel gefallen, der Kaiser mit frohem Erstaunen darein; „Wohlan denn, so sollst du von nun an es sein! „Ich will dich belehnen mit Ring und mit Stabe. Dein Vorfahr besteige den Esel und trabe! Und lerne fortan erst quid juris verstehn! Denn wenn man will ernten, so muß man auch sä’n.“ — „Mit Gunsten, Herr Kaiser! Das laßt nur hübsch bleiben! Ich kann ja nicht lesen, noch rechnen und schreiben; auch weiß ich kein sterbendes Wörtchen Latein. Was Hänschen versäumt, holt Hans nicht mehr ein.“ — „Ach, guter Hans Bendix, das ist ja recht schade! Erbitte demnach dir ein’ andere Gnade! Sehr hat mich ergötzet dein lustiger Schwank; drum soll dich auch wieder ergötzen mein Dank.“ — „Herr Kaiser, groß hab’ ich soeben nichts nötig; doch seid Ihr im Ernst mir zu Gnaden erbötig, so will ich mir bitten zum ehrlichen Lohn für meinen hochwürdigen Herren Pardon.“ „Ha bravo! Du trägst, wie ich merke, Geselle, das Herz wie den Kopf auf der richtigsten Stelle; drum sei der Pardon ihm in Gnaden gewährt und obenein dir ein Panisbrief beschert: „Wir lassen dem Abt von Sankt Gallen entbieten: Hans Bendix soll ihm nicht die Schafe mehr hüten. Der Abt soll sein pflegen, nach unserm Gebot, umsonst bis an seinen sanftseligen Tod.“

Reigen

von

Johann Heinrich Voß.

Sagt mir an, was schmunzelt ihr? Schiebt ihr’s auf das Kirmesbier, daß ich so vor Freude krähe und auf einem Bein mich drehe? Schurken um und um! Kommt die schmucke Binderin euch denn gar nicht in den Sinn, die mich wirft mit Haselnüssen und dann schreit: „Ich will nicht küssen!“ Nun so schert euch zum ...! Diesen Strauß und diesen Ring schenkte mir das kleine Ding! Seht, sie horcht! Komm her, mein Engel! Tanz einmal mit deinem Bengel! Dudeldidel dum! Fiedler, fiedelt nicht so lahm; wir sind Braut und Bräutigam! Fiedelt frisch; ich mach’ es richtig! Und bestreicht den Bogen tüchtig mit Kalfonium! Polisch muß hübsch lustig gehn, daß die Röcke hinten wehn! Wart’, ich werd’ euch ’mal kuranzen! Meint ihr, Trödler: Bären tanzen hier am Seil herum? Heißa lustig! Nun kommt her! Unten, oben, kreuz und quer, laß uns Arm in Arm verschränken und an unsern Brauttanz denken! Heißa! Rund herum! Ha! wie schön das Hackbrett summt, und der alte Brummbaß brummt! Ha! wie drehn sich rings ohn’ Ende Hüt’ und Hauben, Tür und Wände! Dudeldidel, dudeldidel dum! Dudeldidel dum dum dum!

Amor als Landschaftsmaler

von

Johann Wolfgang von Goethe.

Saß ich früh auf einer Felsenspitze, sah mit starren Augen in den Nebel; wie ein grau grundiertes Tuch gespannet, deckt er alles in die Breit und Höhe. Stellt’ ein Knabe sich mir an die Seite, sagte: „Lieber Freund, wie magst du starrend auf das leere Tuch gelassen schauen? Hast du denn zum Malen und zum Bilden alle Luft auf ewig wohl verloren?“ Sah ich an das Kind und dachte heimlich: Will das Bübchen doch den Meister machen! „Willst du immer trüb’ und müßig bleiben,“ sprach der Knabe, „kann nichts Kluges werden: sieh, ich will dir gleich ein Bildchen malen, dich ein hübsches Bildchen malen lehren.“ Und er richtete den Zeigefinger, der so rötlich war wie eine Rose, nach dem weiten ausgespannten Teppich, fing mit seinem Finger an zu zeichnen: oben malt’ er eine schöne Sonne, die mir in die Augen mächtig glänzte, und den Saum der Wolken macht’ er golden, ließ die Strahlen durch die Wolken dringen; malte dann die zarten leichten Wipfel frisch erquickter Bäume, zog die Hügel, einen nach dem andern, frei dahinter; unten ließ er’s nicht an Wasser fehlen, zeichnete den Fluß so ganz natürlich, daß er schien im Sonnenstrahl zu glitzern, daß er schien am hohen Rand zu rauschen. Ach, da standen Blumen an dem Flusse, und da waren Farben auf der Wiese, Gold und Schmelz und Purpur und ein Grünes, alles wie Smaragd und wie Karfunkel! Hell und rein lasiert’ er drauf den Himmel und die blauen Berge fern und ferner, daß ich ganz entzückt und neu geboren bald den Maler, bald das Bild beschaute. „Hab’ ich doch,“ so sagt’ er, „dir bewiesen, daß ich dieses Handwerk gut verstehe; doch es ist das Schwerste noch zurücke.“ Zeichnete darnach mit spitzem Finger und mit großer Sorgfalt an dem Wäldchen, grad’ ans Ende, wo die Sonne kräftig von dem hellen Boden wiederglänzte, zeichnete das allerliebste Mädchen, wohlgebildet, zierlich angekleidet, frische Wangen unter braunen Haaren, und die Wangen waren von der Farbe, wie das Fingerchen, das sie gebildet. „O du Knabe!“ rief ich, „welch ein Meister hat in seine Schule dich genommen, daß du so geschwind und so natürlich alles klug beginnst und gut vollendest?“ Da ich noch so rede, sieh, da rühret sich ein Windchen, und bewegt den Gipfel, kräuselt alle Wellen auf dem Flusse, füllt den Schleier des vollkommnen Mädchens, und was mich Erstaunten mehr erstaunte, fängt das Mädchen an den Fuß zu rühren, geht zu kommen, nähert sich dem Orte, wo ich mit dem losen Lehrer sitze. Da nun alles, alles sich bewegte, Bäume, Fluß und Blumen und der Schleier, und der zarte Fuß der Allerschönsten; glaubt ihr wohl, ich sei auf meinem Felsen, wie ein Felsen, still und fest geblieben?

Gewohnt, getan

von

Johann Wolfgang von Goethe.

Ich habe geliebet; nun lieb’ ich erst recht! Erst war ich der Diener, nun bin ich der Knecht. Erst war ich der Diener von allen; nun fesselt mich diese charmante Person, sie tut mir auch alles zur Liebe, zum Lohn, sie kann nur allein mir gefallen. Ich habe geglaubet; nun glaub’ ich erst recht! Und geht es auch wunderlich, geht es auch schlecht, ich bleibe beim gläubigen Orden: so düster es oft und so dunkel es war in drängenden Nöten, in naher Gefahr, auf einmal ist’s lichter geworden. Ich habe gespeiset; nun speis’ ich erst gut! Bei heiterem Sinne, mit fröhlichem Blut ist alles an Tafel vergessen. Die Jugend verschlingt nur, dann sauset sie fort; ich liebe zu tafeln am lustigen Ort, ich kost’ und ich schmecke beim Essen. Ich habe getrunken; nun trink’ ich erst gern! Der Wein, er erhöht uns, er macht uns zum Herrn und löset die sklavischen Zungen. Ja, schonet nur nicht das erquickende Naß! Denn schwindet der älteste Wein aus dem Faß, so altern dagegen die jungen. Ich habe getanzt und dem Tanze gelobt! Und wird auch kein Schleifer, kein Walzer getobt, so drehn wir ein sittiges Tänzchen. Und wer sich der Blumen recht viele verflicht, und hält auch die ein’ und die andere nicht, ihm bleibet ein munteres Kränzchen. Drum frisch nur aufs neue! Bedenke dich nicht! Denn wer sich die Rosen, die blühenden, bricht, den kitzeln fürwahr nur die Dornen. So heute wie gestern, es flimmert der Stern; nur halte von hängenden Köpfen dich fern und lebe dir immer von vornen.

Gutmann und Gutweib

von

Johann Wolfgang von Goethe.

Und morgen fällt St. Martins Fest, Gutweib liebt ihren Mann; da knetet sie ihm Puddings ein und bäckt sie in der Pfann’. Im Bette liegen beide nun, da saust ein wilder West; und Gutmann spricht zur guten Frau: „Du riegle die Türe fest.“ — „Bin kaum erholt und halb erwarmt, wie käm’ ich da zur Ruh; und klapperte sie einhundert Jahr, ich riegelte sie nicht zu.“ Drauf eine Wette schlossen sie ganz leise sich ins Ohr: so wer das erste Wörtlein spräch’, der schöbe den Riegel vor. Zwei Wandrer kommen um Mitternacht und wissen nicht, wo sie stehn; die Lampe losch, der Herd verglomm, zu hören ist nichts, zu sehn. „Was ist das für ein Hexenort? Da bricht uns die Geduld!“ Doch hörten sie kein Sterbenswort, des war die Türe schuld. Den weißen Pudding speisten sie, den schwarzen ganz vertraut. Und Gutweib sagte sich selber viel, doch keine Silbe laut. Zu diesem sprach der jene dann: „Wie trocken ist mir der Hals! Der Schrank, der klafft, und geistig riecht’s, da findet sich’s allenfalls. „Ein Fläschchen Schnaps ergreif’ ich da, das trifft sich doch geschickt! Ich bring’ es dir, du bringst es mir, und bald sind wir erquickt.“ Doch Gutmann sprang so heftig auf und fuhr sie drohend an: „Bezahlen soll mit teurem Geld, wer mir den Schnaps vertan!“ Und Gutweib sprang auch froh heran, drei Sprünge, als wär’ sie reich: „Du, Gutmann, sprachst das erste Wort, nun riegle die Türe gleich!“

Hochzeitlied

von

Johann Wolfgang von Goethe.

Wir singen und sagen vom Grafen so gern, der hier in dem Schlosse gehauset, da, wo ihr den Enkel des seligen Herrn, den heute vermählten, beschmauset. Nun hatte sich jener im heiligen Krieg zu Ehren gestritten durch mannigen Sieg, und als er zu Hause vom Rösselein stieg, da fand er sein Schlösselein oben, doch Diener und Habe zerstoben. „Da bist du nun, Gräflein, da bist du zu Haus, das Heimische findest du schlimmer! Zum Fenster, da ziehen die Winde hinaus, sie kommen durch alle die Zimmer. Was wäre zu tun in der herbstlichen Nacht?“ „So hab’ ich doch manche noch schlimmer vollbracht, der Morgen hat alles wohl besser gemacht. Drum rasch bei der mondlichen Helle ins Bett, in das Stroh, ins Gestelle!“ Und als er im willigen Schlummer so lag, bewegt es sich unter dem Bette. Die Ratte, die raschle, so lange sie mag! Ja, wenn sie ein Bröselein hätte! Doch siehe! da stehet ein winziger Wicht, ein Zwerglein, so zierlich, mit Ampelenlicht, mit Rednergebärden und Sprechergewicht, zum Fuß des ermüdeten Grafen, der, schläft er nicht, möcht’ er doch schlafen. „Wir haben uns Feste hier oben erlaubt, seitdem du die Zimmer verlassen, und weil wir dich weit in der Ferne geglaubt, so dachten wir eben zu prassen. Und wenn du vergönnest und wenn dir nicht graut, so schmausen die Zwerge, behaglich und laut, zu Ehren der reichen, der niedlichen Braut.“ Der Graf im Behagen des Traumes: „Bedienet euch immer des Raumes!“ Da kommen drei Reiter, sie reiten hervor, die unter dem Bette gehalten; dann folget ein singendes, klingendes Chor possierlicher kleiner Gestalten, und Wagen auf Wagen mit allem Gerät, daß einem so Hören als Sehen vergeht, wie’s nur in den Schlössern der Könige steht; zuletzt auf vergoldetem Wagen die Braut und die Gäste getragen. So rennet nun alles in vollem Galopp und kürt sich im Saale sein Plätzchen; zum Drehen und Walzen und lustigen Hopp erkieset sich jeder ein Schätzchen. Da pfeift es und geigt es und klinget und klirrt, da ringelt’s und schleift es und rauschet und wirrt, da pispert’s und knistert’s und flüstert’s und schwirrt; das Gräflein, es blicket hinüber, es dünkt ihn, als läg’ er im Fieber. Nun dappelt’s und rappelt’s und klappert’s im Saal, von Bänken und Stühlen und Tischen, da will nun ein jeder am festlichen Mahl sich neben dem Liebchen erfrischen; sie tragen die Würste, die Schinken so klein und Braten und Fisch und Geflügel herein; es kreiset beständig der köstliche Wein; das toset und koset so lange, verschwindet zuletzt mit Gesange. — Und sollen wir singen, was weiter geschehn, so schweige das Toben und Tosen. Denn was er, so artig, im kleinen gesehn, erfuhr er, genoß er im großen. Trompeten und klingender, singender Schall, und Wagen und Reiter und bräutlicher Schwall, sie kommen und zeigen und neigen sich all, unzählige, selige Leute. So ging es und geht es noch heute.

Offne Tafel

von

Johann Wolfgang von Goethe.

Viele Gäste wünsch’ ich heut mir zu meinem Tische! Speisen sind genug bereit, Vögel, Wild und Fische. Eingeladen sind sie ja, haben’s angenommen. Hänschen, geh und sieh dich um! Sieh mir, ob sie kommen! Schöne Kinder hoff’ ich nun, die von gar nichts wissen, nicht, daß es was Hübsches sei, einen Freund zu küssen. Eingeladen sind sie all’, haben’s angenommen. Hänschen, geh und sieh dich um! Sieh mir, ob sie kommen! Frauen denk’ ich auch zu sehn, die den Ehegatten, ward er immer brummiger, immer lieber hatten. Eingeladen wurden sie, haben’s angenommen. Hänschen, geh und sieh dich um! Sieh mir, ob sie kommen! Junge Herrn berief ich auch, nicht im mind’sten eitel, die sogar bescheiden sind mit gefülltem Beutel; diese bat ich sonderlich, haben’s angenommen. Hänschen, geh und sieh dich um! Sieh mir, ob sie kommen! Männer lud ich mit Respekt, die auf ihre Frauen ganz allein, nicht nebenaus auf die schönste schauen. Sie erwiderten den Gruß, haben’s angenommen. Hänschen, geh und sieh dich um! Sieh mir, ob sie kommen! Dichter lud ich auch herbei, unsre Lust zu mehren, die weit lieber ein fremdes Lied als ihr eignes hören. Alle diese stimmten ein, haben’s angenommen. Hänschen, geh und sieh dich um! Sieh mir, ob sie kommen! Doch ich sehe niemand gehn, sehe niemand rennen. Suppe kocht und siedet ein, Braten will verbrennen. Ach, wir haben’s, fürcht’ ich nun, zu genau genommen! Hänschen, sag’, was meinst du wohl? Es wird niemand kommen! Hänschen, lauf und säume nicht, ruf’ mir neue Gäste! Jeder komme, wie er ist, das ist wohl das beste! — Schon ist’s in der Stadt bekannt, wohl ist’s aufgenommen. Hänschen, mach die Türen auf: sieh nur, wie sie kommen!

Ritter Kurts Brautfahrt

von

Johann Wolfgang von Goethe.

Mit des Bräutigams Behagen schwingt sich Ritter Kurt aufs Roß; zu der Trauung soll’s ihn tragen, auf der edlen Liebsten Schloß; als am öden Felsenorte drohend sich ein Gegner naht; ohne Zögern, ohne Worte schreiten sie zu rascher Tat. Lange schwankt des Kampfes Welle, bis sich Kurt im Siege freut; er entfernt sich von der Stelle, Überwinder und gebläut. Aber was er bald gewahret in des Busches Zitterschein, mit dem Säugling still gepaaret schleicht ein Liebchen durch den Hain. Und sie winkt ihn auf das Plätzchen: „Lieber Herr, nicht so geschwind! Habt Ihr nichts an Euer Schätzchen, habt Ihr nichts für Euer Kind?“ Ihn durchglühet süße Flamme, daß er nicht vorbei begehrt, und er findet nun die Amme, wie die Jungfrau, liebenswert. Doch er hört die Diener blasen, denket nun der hohen Braut, und nun wird auf seinen Straßen Jahresfest und Markt so laut, und er wählet in den Buden manches Pfand zu Lieb’ und Huld; aber ach! da kommen Juden mit dem Schein vertagter Schuld. Und nun halten die Gerichte den behenden Ritter auf. O verteufelte Geschichte! Heldenhafter Lebenslauf! Soll ich heute mich gedulden? Die Verlegenheit ist groß. Widersacher, Weiber, Schulden, ach! kein Ritter wird sie los.

Sendschreiben

von

Johann Wolfgang von Goethe.

Mein altes Evangelium bring’ ich dir hier schon wieder; doch ist mir’s wohl um mich herum, darum schreib’ ich dir’s nieder. Ich holte Gold, ich holte Wein, stellt’ alles da zusammen; da, dacht’ ich, da wird Wärme sein, geht mein Gemäld’ in Flammen! Auch tät’ ich bei der Schätze Flor viel Glut und Reichtum schwärmen; doch Menschenfleisch geht allem vor, um sich daran zu wärmen. Und wer nicht richtet, sondern fleißig ist, wie ich bin und wie du bist, den belohnt auch die Arbeit mit Genuß; nichts wird auf der Welt ihm Überdruß. Denn er blecket nicht mit stumpfem Zahn lang’ Gesottnes und Gebratnes an, das er, wenn er noch so sittlich kaut, endlich doch nicht sonderlich verdaut; sondern faßt ein tüchtig Schinkenbein, haut da gut taglöhnermäßig drein, füllt bis oben gierig den Pokal, trinkt, und wischt das Maul wohl nicht einmal. Sieh, so ist Natur ein Buch lebendig, unverstanden, doch nicht unverständlich; denn dein Herz hat viel und groß Begehr: was wohl in der Welt für Freude wär’, allen Sonnenschein und alle Bäume, alles Meergestad’ und alle Träume in dein Herz zu sammeln miteinander, wie die Welt durchwühlend Banks, Solander. Und wie muß dir’s werden, wenn du fühlest, daß du alles in dir selbst erzielest, Freude hast an deiner Frau und Hunden, als noch keiner in Elysium gefunden. Als er da mit Schatten lieblich schweifte und an goldne Gottgestalten streifte. Nicht in Rom, in Magna Gräcia; dir im Herzen ist die Wonne da! Wer mit seiner Mutter, der Natur, sich hält, find’t im Stengelglas wohl eine Welt.

Wirkung in die Ferne

von

Johann Wolfgang von Goethe.

Die Königin steht im hohen Saal, da brennen der Kerzen so viele; sie spricht zum Pagen: „Du läufst einmal und holst mir den Beutel zum Spiele. Er liegt zur Hand auf meines Tisches Rand.“ Der Knabe, der eilt so behende, war bald an Schlosses Ende. Und neben der Königin schlürft’ zur Stund’ Sorbet die schönste der Frauen. Da brach ihr die Tasse so hart an dem Mund, es war ein Greuel zu schauen. Verlegenheit! Scham! Ums Prachtkleid ist’s getan! Sie eilt und fliegt so behende entgegen des Schlosses Ende. Der Knabe zurück zu laufen kam entgegen der Schönen in Schmerzen; es wußt es niemand, doch beide zusamm’, sie hegten einander im Herzen; und o des Glücks, des günst’gen Geschicks! Sie warfen mit Brust sich zu Brüsten und herzten und küßten nach Lüsten. Doch endlich beide sich reißen los; sie eilt in ihre Gemächer; der Page drängt sich zur Königin groß durch alle die Degen und Fächer. Die Fürstin entdeckt das Westchen befleckt: für sie war nichts unerreichbar, der Kön’gin von Saba vergleichbar. Und sie die Hofmeisterin rufen läßt: „Wir kamen doch neulich zu Streite, und Ihr behauptetet steif und fest, nicht reiche der Geist in die Weite; die Gegenwart nur, die lasse wohl Spur; doch niemand wirk’ in die Ferne, sogar nicht die himmlischen Sterne. „Nun seht! Soeben ward mir zur Seit’ der geistige Süßtrank verschüttet, und gleich darauf hat er dort hinten so weit dem Knaben die Weste zerrüttet. — Besorg’ dir sie neu! Und weil ich mich freu’, daß sie mir zum Beweise gegolten, ich zahl’ sie! sonst wirst du gescholten.“

Schneider-Kourage

von

Johann Wolfgang von Goethe.

„Es ist ein Schuß gefallen! Mein; sagt, wer schoß da drauß’?“ Es ist der junge Jäger, der schießt im Hinterhaus. Die Spatzen in dem Garten, die machen viel Verdruß. Zwei Spatzen und ein Schneider, die fielen von dem Schuß; Die Spatzen von den Schroten, der Schneider von dem Schreck; die Spatzen in die Schoten, der Schneider in den —.

Pegasus im Joche

von

Friedrich von Schiller.

Auf einem Pferdemarkt — vielleicht zu Haymarket, wo andre Dinge noch in Ware sich verwandeln, bracht’ einst ein hungriger Poet der Musen Roß, es zu verhandeln. Hell wieherte der Hippogryph, und bäumte sich in prächtiger Parade! Erstaunt blieb jeder stehn und rief: Das edle, königliche Tier! Nur schade, daß seinen schlanken Wuchs ein häßlich Flügelpaar entstellt! Den schönsten Postzug würd’ es zieren. Die Rasse, sagen sie, sei rar, doch wer wird durch die Luft kutschieren? Und keiner will sein Geld verlieren. Ein Pachter endlich faßte Mut. „Die Flügel zwar,“ spricht er, „die schaffen keinen Nutzen; doch die kann man ja binden oder stutzen, dann ist das Pferd zum Ziehen immer gut. Ein zwanzig Pfund, die will ich wohl dran wagen.“ Der Täuscher, hoch vergnügt, die Ware loszuschlagen, schlägt hurtig ein. „Ein Mann, ein Wort!“ Und Hans trabt frisch mit seiner Beute fort. Das edle Tier wird eingespannt; doch fühlt es kaum die ungewohnte Bürde, so rennt es fort mit wilder Flugbegierde und wirft, von edelm Grimm entbrannt, den Karren um an eines Abgrunds Rand. „Schon gut,“ denkt Hans. „Allein darf ich dem tollen Tiere kein Fuhrwerk mehr vertraun. Erfahrung macht schon klug, doch morgen fahr’ ich Passagiere, da stell’ ich es als Vorspann in den Zug. Die muntre Krabbe soll zwei Pferde mir ersparen; der Koller gibt sich mit den Jahren.“ Der Anfang ging ganz gut. Das leichtbeschwingte Pferd belebt der Klepper Schritt, und pfeilschnell fliegt der Wagen. Doch was geschieht? Den Blick den Wolken zugekehrt und ungewohnt, den Grund mit festem Huf zu schlagen, verläßt es bald der Räder sichre Spur, und, treu der stärkeren Natur, durchrennt es Sumpf und Moor, geackert Feld und Hecken, der gleiche Taumel faßt das ganze Postgespann, kein Rufen hilft, kein Zügel hält es an, bis endlich, zu der Wandrer Schrecken, der Wagen, wohlgerüttelt und zerschellt, auf eines Berges steilem Gipfel hält. „Das geht nicht zu mit rechten Dingen,“ spricht Hans mit sehr bedenklichem Gesicht. „So wird es nimmermehr gelingen; laß sehn, ob wir den Tollwurm nicht durch magre Kost und Arbeit zwingen.“ Die Probe wird gemacht. Bald ist das schöne Tier, eh noch drei Tage hingeschwunden, zum Schatten abgezehrt. „Ich hab’s, ich hab’s gefunden!“ ruft Hans. „Jetzt frisch, und spannt es mir gleich vor den Pflug mit meinem stärksten Stier.“ Gesagt, getan. In lächerlichem Zuge erblickt man Ochs und Flügelpferd am Pfluge. Unwillig steigt der Greif und strengt die letzte Macht der Sehnen an, den alten Flug zu nehmen. Umsonst, der Nachbar schreitet mit Bedacht, und Phöbus’ stolzes Roß muß sich dem Stier bequemen, bis nun, vom langen Widerstand verzehrt, die Kraft aus allen Gliedern schwindet, von Gram gebeugt das edle Götterpferd zu Boden stürzt, und sich im Staube windet. „Verwünschtes Tier!“ bricht endlich Hansens Grimm laut scheltend aus, indem die Hiebe flogen. „So bist du denn zum Ackern selbst zu schlimm, mich hat ein Schelm mit dir betrogen.“ Indem er noch in seines Zornes Wut die Peitsche schwingt, kommt flink und wohlgemut ein lustiger Gesell’ die Straße hergezogen. Die Zither klingt in seiner leichten Hand, und durch den blonden Schmuck der Haare schlingt zierlich sich ein goldnes Band. „Wohin, Freund, mit dem wunderlichen Paare?“ ruft er den Baur von weitem an. „Der Vogel und der Ochs an einem Seile, ich bitte dich, welch ein Gespann! Willst du auf eine kleine Weile dein Pferd zur Probe mir vertraun? Gib acht, du sollst dein Wunder schaun.“ Der Hippogryph wird ausgespannt, und lächelnd schwingt sich ihm der Jüngling auf den Rücken. Kaum fühlt das Tier des Meisters sichre Hand, so knirscht es in des Zügels Band, und steigt, und Blitze sprühn aus den beseelten Blicken. Nicht mehr das vor’ge Wesen — königlich, ein Geist, ein Gott, erhebt es sich, entrollt mit einem Mal in Sturmes Wehen der Schwingen Pracht, schießt brausend himmelan, und eh der Blick ihm folgen kann, entschwebt es zu den blauen Höhen.

Der geplagte Bräutigam

von

Theodor Körner.

Im ganzen Dorfe geht’s Gerücht, daß ich um Greten freie; sie aber läßt das Tändeln nicht, die Falsche, Ungetreue! — Denn Nachbar Kunzens langer Hans führt alle Sonntag’ sie zum Tanz und kommt mir ins Gehege — — Man überlege! — Auf künft’ge Ostern wird’s ein Jahr, da faßt’ ich mich in Kürze — und kaufte ihr (das Ding war rar) ein Band zur neuen Schürze; und an dem zweiten Feiertag, just mit dem neunten Glockenschlag, bracht’ ich ihr mein Geschenke — — Man denke! — Ich hatte nämlich räsonniert den Tag vorher beim Biere: wenn ich sie mit dem Band geziert zum Abendtanze führe, so sag’ ich alles lang und breit, und breche die Gelegenheit im Fall der Not vom Zaune — — Man staune! — Drauf hatt’ ich mich schön angetan, als ging’s zum Hochzeitsfeste! Ich zog die neuen Stiefeln an, und meines Vaters Weste; doch als ich kam vor Gretens Haus, war auch der Vogel schon hinaus mit Hansen in die Schenke — — Man denke! — Das faßte mich wie Feuerbrand, der Zunder mußte fangen; da kam, um seinen Hut mein Band, der Musjö Hans gegangen; nun sprüht’ ich erst in voller Wut, er wurde grob — und kurz und gut ich kriegte derbe Schläge — — Man überlege! — Den Tag darauf an Gretens Tür lauscht’ ich als Ehrenwächter. Da schallte aus dem Garten mir ein gellendes Gelächter. Und als ich habe hingeschaut, da saß denn meine schöne Braut mit Hansen hinter’m Zaune — — Man staune! — Das fuhr mir arg durch meinen Sinn, das Wort blieb in der Kehle; des andern Morgens ging ich hin, und hielt ihr’s vor die Seele; und sagt’ ihr’s endlich grad heraus: „Hör’, Grete, mach’ mir’s nicht zu kraus, sonst geh’ ich meiner Wege.“ — — Man überlege! — Da lachte sie mir in’s Gesicht und kehrte mir den Rücken. Ja, wenn der Hans den Hals nicht bricht, so reiß’ ich ihn in Stücken! Sonst bringt sie es gewiß so weit, daß ich mich noch bei guter Zeit im nächsten Teich ertränke! — — Man denke! —

Des Feldpredigers Kriegstaten

von

Theodor Körner.

Ich bin bei englischem Rindfleisch erzogen und habe bei englischem Biere studiert; der Herr General war mir gewogen, drum ward ich zum Feldprediger avanciert; denn der Mensch muß etwas versuchen und wagen, drum sitz’ ich hier auf dem Bagagewagen. Bin in Portugal nun Soldaten-Pastor und predige über Ach und Weh, und warne vor Trunkenheit und Laster die reuige, aber besoffne Armee! Pfleg’ aufs Beste die Kehl’ und den Magen, und sitze hier auf dem Bagagewagen. Gestern war eine große Bataille, es kam zu einer blutigen Schlacht! Wir fochten alle en canaille, ich hätt’ es kaum als möglich gedacht. Der Franzose ward aufs Haupt geschlagen, und ich saß auf dem Bagagewagen. Es ward erschrecklich viel Blut vergossen, ich kam in den größten Embarras; die Feinde hatten einen Bock geschossen, und wir, wir schossen Viktoria. Der gehört zu meinen glorreichsten Tagen, denn ich saß auf dem Bagagewagen. Ich sehe schon die Haufen Gedichte, die man uns Helden wird billig weihn! Wir glänzen ewig in der Geschichte und ziehn in die Unsterblichkeit ein. Und von mir auch wird man singen und sagen: Ja! der saß auf dem Bagagewagen!

Wandrer und Mädchen

von

Ludwig Achim von Arnim.

Wie glänzt mir jede Stadt so hell, wo mir kein Haus gebauet, wo ich als wandernder Gesell mich lustig umgeschauet; wenn in der leichten Abendtracht die Mädchen in den Türen, weil sie vom hellen Mond bewacht, so manchen Mutwill spüren. Sie: „Hilf Gott,“ so spricht mich eine an, „das nenne ich noch gähnen, bist du nicht auch ein Leiermann, sing mir von Lust und Tränen! — Sing langsam, daß ich’s von dir lern, ich will’s dem Liebsten singen, das Wetter leuchtet still von fern, die Grillen Ständchen bringen.“ Ich sing von einem Ort im Rhein, da liegen große Glocken, und wird im Jahr ein edler Wein, da stehen sie ganz trocken, und schlagen drauf die Schiffer an, da rufen sie nach Weine; ich bin ein durst’ger Leiermann und habe müde Beine. Sie: „Hier hast du eine Flasche Wein, und hier die Bank von Steinen, und denke, du säßest hier am Rhein und tränkst von edlen Weinen; und greif mir nicht nach meinem Arm, ich wärm ihn in der Schürze, und singe mir, es ist nicht warm, und mir die Zeit verkürze.“ — Am Rheine war ein geiz’ger Abt, der gönnt es nicht den Leuten, daß sie an Trauben sich erlabt, wenn sie zur Lese schreiten; darum erfand der list’ge Mann, sie mußten immer singen: dieweil dann keiner essen kann, und in die Butten springen. So soll ich singen vor der Tür, und möcht’ dich lieber küssen, o Mädchen, nimm mich doch zu dir, und morgen will ich grüßen, mit allem süßen Zaubersang, geschöpft aus deinem Munde, jetzt schweigt mein Mund in Liebesdrang, der Wächter ruft die Stunde. Sie: „Der Wächter singt sein Verslein gut, so gut magst du nicht singen, er hat so einen tapfern Mut und kann Gespenster zwingen. Er hat gar ein gewaltig Horn und bläst recht mit zum Spaße, sein’ Lieb’ zu mir hat grimmen Zorn, darum zieh deine Straße.“ Als ich die Warnung kaum vernehm, hör ich die Hunde heulen, da ist’s auch mir so unbequem, daß ich davon muß eilen: ich seh’ den Wächter an der Tür, er tut mein Mädchen küssen, doch hat sie drauf, das glaubet mir, die Tür ihm zugeschmissen. Und wie er nun in seinem Grimm, und ich in meinem Lachen, da ruft er mir mit starker Stimm’: „Was hast du nachts zu machen?“ — „Die Lieb’ ist leer, die Flasch’ ist aus, auf dir sei sie zerschmissen!“ Das tat ich und sie lacht’ im Haus; dann bin ich ausgerissen.

In die Höh’!

von

Joseph Freiherrn von Eichendorff.

Viel Essen macht viel breiter und hilft zum Himmel nicht, es kracht die Himmelsleiter, kommt so ein schwerer Wicht. Das Trinken ist gescheiter, das schmeckt schon nach Idee, da braucht man keine Leiter, das geht gleich in die Höh’! Chor. Da braucht man keine Leiter, das geht gleich in die Höh’! Viel Reden ist manierlich! „Wohlauf?“ — „Ein wenig flau.“ — „Das Wetter ist spazierlich.“ — „Was macht die liebe Frau?“ — „Ich danke“ — und so weiter und breiter als ein See — das Singen ist gescheiter, das geht gleich in die Höh’! Chor. Das Singen ist gescheiter, das geht gleich in die Höh’! Die Fisch’ und Musikanten die trinken beide frisch, die Wein, die andern Wasser. Drum hat der dumme Fisch statt Flügel Flederwische und liegt elend im See; doch wir sind keine Fische, das geht gleich in die Höh’! Chor. Doch wir sind keine Fische, das geht gleich in die Höh’! Ja, Trinken frisch und Singen, das bricht durch alles Weh, das sind zwei gute Schwingen, gemeine Welt, ade! Du Erd’ mit deinem Plunder, ihr Fische samt der See, ’s geht alles, alles unter, wir aber in die Höh’! Chor. ’s geht alles, alles unter, wir aber in die Höh’!

Lustige Musikanten

von

Joseph Freiherrn von Eichendorff.

Der Wald, der Wald! Daß Gott ihn grün erhalt’, gibt gut Quartier und nimmt doch nichts dafür. Zum grünen Wald wir Herberg’ halten, denn Hoffart ist nicht unser Ziel, im Wirtshaus, wo wir nicht bezahlten, es war der Ehre gar zu viel. Der Wirt, er wollt’ uns gar nicht lassen, sie ließen Kann’ und Kartenspiel, die ganze Stadt war in den Gassen, und von den Bänken mit Gebraus stürzt’ die ganze Schule heraus, wuchs der Haufe von Haus zu Haus, schwenkt’ die Mützen und jubelt’ und wogt’, der Hatschier, die Stadtwacht, der Bettelvogt, wie wenn ein Prinz zieht auf die Freit’, gab alles, alles uns fürstlich Geleit. Wir aber schlugen den Markt hinab uns durch die Leut’ mit dem Wanderstab und hoch mit dem Tamburin, daß es schallt’ — zum Wald, zum Wald, zum schönen grünen Wald! Und da nun alle schlafen gingen, der Wald steckt’ seine Irrlicht’ an, die Frösche tapfer Ständchen bringen, die Fledermaus schwirrt leis voran, und in dem Fluß auf feuchtem Steine gähnt laut der alte Wassermann, strählt sich den Bart im Mondenscheine und fragt ein Irrlicht, wer wir sind? Das aber duckt sich geschwind; denn über ihn weg im Wind durch die Wipfel der wilde Jäger geht, und auf dem alten Turm sich dreht und kräht der alte Wetterhahn uns nach: ob wir nicht einkehrn unter sein Dach? O Gockel, verfallen ist ja dein Haus, es sieht die Eule zum Fenster heraus, und aus allen Toren rauschet der Wald, der Wald, der Wald, der schöne grüne Wald! Und wenn wir müd’ einst, sehn wir blinken ein’ goldne Stadt still überm Land, am Tor Sankt Peter schon tut winken: „Nur hier herein, Herr Musikant!“ Die Engel von den Zinnen fragen, und wie sie uns erst recht erkannt, sie gleich die silbernen Pauken schlagen, Sankt Peter selbst die Becken schwenkt, und voll Geigen hängt der Himmel, Cäcilia an zu streichen fängt, dazwischen hoch Vivat! daß es prasselt und pufft, werfen die andern vom Wall in die Luft Sternschnuppen, Kometen, gar prächt’ge Raketen, versengen Sankt Peter den Bart, daß er lacht, und wir ziehen heim, schöner Wald, gute Nacht!

Ratskollegium

von

Joseph Freiherrn von Eichendorff.

Hochweiser Rat, geehrte Kollegen! Bevor wir uns heute aufs Raten legen, bitt’ ich, erst reiflich zu erwägen, ob wir vielleicht, um Zeit zu gewinnen, heut’ sogleich mit dem Raten beginnen, oder ob wir erst proponieren müssen, was uns versammelt und was wir alle wissen? Ich muß pflichtgemäß voranschicken hierbei, daß die Art der Geschäfte zweierlei sei: die einen sind die eiligen, die andern die langweiligen. Auf jene pfleg’ ich cito zu schreiben, die andern können liegen bleiben. Die liegenden aber, geehrte Brüder, zerfallen in wicht’ge und höchstwicht’ge wieder. Bei jenen — nun, man wird verwegen, man schreibt nach amtlichem Überlegen more solito hier und dort: ad acta. Diener rennen, man flucht, verpackt da, der Staat floriert und bleibt im Takt da. Doch werden die Zeiten so ungeschliffen, wild umzuspringen mit den Begriffen, kommt gar, wie heute, ein Fall, der eilig und doch höchstwichtig zugleich, dann freilich muß man von neuem unterscheiden: ob er mehr eilig oder mehr wichtig. Ich bitte, meine Herrn, verstehn Sie mich richtig! Der Punkt ist von Einfluß. Denn wir vermeiden die species facti, wie billig, sofort, find’t sich der Fall mehr eilig als liegend. Ist aber das Wichtige überwiegend, wäre die Eile am unrechten Ort. Meine Herren, Sie haben nun die Prämissen, Sie werden den Beschluß zu finden wissen.

Der Schreinergesell

von

Johann Peter Hebel.

Mi Hamberch[13] hätti g’lert, so so, la la; doch stoht mer ’s Trinke gar viel besser a, as ’s Schaffe, sell bikenni[14] frei und frank; der Rucke[15] bricht mer schier am Hobelbank. Drum het mer d’ Muetter mengmol[16] profezeit: „Du chunnsch ke Meister über[17] wit und breit!“ Z’letzt hani’s selber glaubt, und denkt: isch’s so, wie wird’s mer echterst[18] in der Fremdi go? Wie isch’s mer gange? Numme[19] z’guet! I ha in wenig Wuche siebe Meister g’ha. O Müetterli, wie falsch hesch profezeit! Ich chömm kei Meister über, hesch mer g’seit.

Der Schwarzwälder im Breisgau

von

Johann Peter Hebel.

Z’ Müllen an der Post, tausigsappermost! Trinkt me nit e guete Wi[20]! Goht er nit wie Baumöl i, z’ Müllen an der Post! Z’ Bürglen uf der Höh’, nei, was cha me seh! O, wie wechsle Berg und Tal, Land und Wasser überal, z’ Bürglen uf der Höh’! Z’ Staufen uffem Märt[21] hen sie, was me gehrt[22], Tanz und Wi und Lustberkeit, was eim numme ’s Herz erfreut, z’ Staufen uffem Märt! Z’ Friburg in der Stadt sufer[23] isch’s und glatt, riichi Here, Geld und Guet, Jumpfere wie Milch und Bluet, z’ Friburg in der Stadt. Woni gang und stand, wär’s e lustig Land. Aber zeig mer, was de witt, numme näumis[24] findi nit in dem schöne Land. Minen Auge g’fallt Herischried im Wald. Woni gang, se denki dra, ’s chunnt mer nüt uf d’ Gegnig[25] a z’ Herischried im Wald. Imme chleine Hus wandlet i und us — gelt, de meinsch, i sag der, wer? ’s isch e Sie, es isch kei Er, imme chleine Hus.

Metzelsuppenlied

von

Ludwig Uhland.

Wir haben heut’ nach altem Brauch ein Schweinchen abgeschlachtet; der ist ein jüdisch ekler Gauch, wer solch ein Fleisch verachtet. Es lebe zahm’ und wildes Schwein! Sie leben alle, groß und klein, die blonden und die braunen! So säumet denn, ihr Freunde, nicht, die Würste zu verspeisen, und laßt zum würzigen Gericht die Becher fleißig kreisen! Es reimt sich trefflich Wein und Schwein, und paßt sich köstlich Wurst und Durst; bei Würsten gilt’s zu bürsten. Auch unser edles Sauerkraut, wir sollen’s nicht vergessen; ein Deutscher hat’s zuerst gebaut, drum ist’s ein deutsches Essen. Wenn solch ein Fleischchen weiß und mild im Kraute liegt, das ist ein Bild wie Venus in den Rosen. Und wird von schönen Händen dann das schöne Fleisch zerleget, das ist, was einem deutschen Mann gar süß das Herz beweget. Gott Amor naht und lächelt still und denkt: „Nur daß, wer küssen will, zuvor den Mund sich wische!“ Ihr Freunde, tadle keiner mich, daß ich von Schweinen singe! Es knüpfen Kraftgedanken sich oft an geringe Dinge. Ihr kennet jenes alte Wort, ihr wißt: es findet hier und dort ein Schwein auch eine Perle.

Unstern

von

Ludwig Uhland.

Unstern, diesem guten Jungen, hat es seltsam sich geschickt; manches wär’ ihm fast gelungen, manches wär’ ihm schier geglückt; alle Glückesstern’ im Bunde hätten weihend ihm gelacht, wenn die Mutter eine Stunde früher ihn zur Welt gebracht. Waffenruhm und Heldenehre hätten zeitig ihm geblüht; war doch in dem ganzen Heere keiner so von Mut erglüht! Nur als schon in wilden Wogen seine Schar zum Sturme drang, kam ein Bote hergeflogen, der die Friedensfahne schwang. Nah ist Unsterns Hochzeitsfeier, hold und sittig glüht die Braut; sieh! da kommt ein reichrer Freier, der die Eltern baß erbaut. Dennoch hätte die Geraubte ihn als Witwe noch beglückt, wäre nicht der Totgeglaubte plötzlich wieder angerückt. Reich wär’ Unstern noch geworden mit dem Gut der neuen Welt, hätte nicht ein Sturm aus Norden noch im Port das Schiff zerschellt. Glücklich war er selbst entschwommen (einer Planke hatt’ er’s dank), hatte schon den Strand erklommen, glitt zurück noch und versank. In den Himmel sonder Zweifel würd’ er gleich gekommen sein, liefe nicht ein dummer Teufel just ihm in den Weg hinein. Teufel meint, es sei die Seele, die er eben holen soll, packt den Unstern an der Kehle, rennt mit ihm davon wie toll. Da erscheint ein lichter Engel rettend aus dem Nebelduft, donnert flugs den schwarzen Bengel in die tiefste Höllenkluft, schwebt der goldnen Himmelsferne mit dem armen Unstern zu, über gut’ und böse Sterne führt er den zur ew’gen Ruh’.

Von den sieben Zechbrüdern

von

Ludwig Uhland.

Ich kenne sieben lust’ge Brüder, sie sind die durstigsten im Ort; die schwuren höchlich, niemals wieder zu nennen ein gewisses Wort, in keinerlei Weise, nicht laut und nicht leise. Es ist das gute Wörtlein Wasser, darin doch sonst kein Arges steckt. Wie kommt’s nun, daß die wilden Prasser dies schlichte Wort so mächtig schreckt? Merkt auf! ich berichte die Wundergeschichte. Einst hörten jene durst’gen sieben von einem fremden Zechkumpan, es sei am Waldgebirge drüben ein neues Wirtshaus aufgetan, da fließen so reine, so würzige Weine. Um einer guten Predigt willen hätt’ keiner sich vom Platz bewegt; doch, gilt es, Gläser gut zu füllen, dann sind die Bursche gleich erregt. „Auf! lasset uns wandern!“ Ruft einer dem andern. Sie wandern rüstig mit dem frühen. Bald steigt die Sonne drückend heiß, die Zunge lechzt, die Lippen glühen, und von der Stirne rinnt der Schweiß; da rieselt so helle vom Felsen die Quelle. Wie trinken sie in vollen Zügen! Doch als sie kaum den Durst gestillt, bezeigen sie ihr Mißvergnügen, daß hier nicht Wein, nur Wasser quillt: „O fades Getränke! O ärmliche Schwenke!“ In seine vielverwobnen Gänge nimmt jetzt der Wald die Pilger auf; da stehn sie plötzlich im Gedränge, verworrnes Dickicht hemmt den Lauf. Sie irren, sie suchen, sie zanken und fluchen. Derweil hat sich in finstre Wetter die schwüle Sonne tief verhüllt; schon rauscht der Regen durch die Blätter, es zuckt der Blitz, der Donner brüllt; dann kommt es geflossen, unendlich ergossen. Bald wird der Forst zu tausend Inseln, zahllose Ströme brechen vor; hier hilft kein Toben, hilft kein Winseln, er muß hindurch, der edle Chor. O gründliche Taufe! O köstliche Traufe! Vor alters wurden Menschenkinder verwandelt oft in Quell und Fluß; auch unsre sieben arme Sünder bedroht ein gleicher Götterschluß. Sie triefen, sie schwellen, als würden sie Quellen. So, mehr geschwommen als gegangen, gelangen sie zum Wald hinaus; doch keine Schenke sehn sie prangen, sie sind auf gradem Weg nach Haus; schon rieselt so helle vom Felsen die Quelle. Da ist’s, als ob sie rauschend spreche: „Willkommen, saubre Brüderschar! Ihr habt geschmähet, töricht Freche, mein Wasser, das euch labend war. Nun seid ihr getränket, daß ihr daran denket.“ So kam es, daß die sieben Brüder das Wasser fürchteten hinfort, und daß sie schwuren, niemals wieder zu nennen das verwünschte Wort, in keinerlei Weise, nicht laut und nicht leise.

Graf Eberstein

von

Ludwig Uhland.

Zu Speier im Saale, da hebt sich ein Klingen, mit Fackeln und Kerzen ein Tanzen und Springen. Graf Eberstein führet den Reihn mit des Kaisers holdseligem Töchterlein. Und als er sie schwingt nun im luftigen Reigen, da flüstert sie leise (sie kann’s nicht verschweigen): „Graf Eberstein, hüte dich fein! Heut’ nacht wird dein Schlößlein gefährdet sein.“ „Ei,“ denket der Graf, „Euer kaiserlich Gnaden, so habt Ihr mich darum zum Tanze geladen!“ Er sucht sein Roß, läßt seinen Troß und jagt nach seinem gefährdeten Schloß. Um Ebersteins Feste, da wimmelt’s von Streitern, sie schleichen im Nebel mit Haken und Leitern. Graf Eberstein grüßet sie fein, er wirft sie vom Wall in die Gräben hinein. Als nun der Herr Kaiser am Morgen gekommen, da meint er, es seie die Burg schon genommen. Doch auf dem Wall tanzen mit Schall der Graf und seine Gewappneten all’: „Herr Kaiser, beschleicht Ihr ein andermal Schlösser, tut’s not, Ihr verstehet aufs Tanzen Euch besser. Euer Töchterlein tanzet so fein, dem soll meine Feste geöffnet sein.“ Im Schlosse des Grafen, da hebt sich ein Klingen, mit Fackeln und Kerzen ein Tanzen und Springen. Graf Eberstein führet den Reihn mit des Kaisers holdseligem Töchterlein. Und als er sie schwingt nun im bräutlichen Reigen, da flüstert er leise, nicht kann er’s verschweigen: „Schön Jungfräulein, hüte dich fein! Heut nacht wird ein Schlößlein gefährdet sein.“

Spatz und Spätzin

von

Karl August Mayer.

Auf dem Dache sitzt der Spatz, und die Spätzin sitzt daneben; und er spricht zu seinem Schatz: „Küsse mich, mein holdes Leben! „Bald nun wird der Kirschbaum blühn; Frühlingszeit ist so vergnüglich! Ach, wie lieb’ ich junges Grün, und die Erbsen ganz vorzüglich!“ Spricht die Spätzin: „Teurer Mann, denke doch der neuen Pflichten! Fangen wir noch heute an, uns ein Nestchen einzurichten!“ Spricht der Spatz: „Das Nesterbau’n, Eier brüten, Junge füttern und dem Mann den Kopf zu krau’n, liegt den Weibern ob und Müttern.“ Spricht die Spätzin: „Du Barbar, soll ich bei der Arbeit schwitzen, und du willst nur immerdar zwitschern und herumstibitzen?“ Spricht der Spaß: „Ich will dich hier mit zwei Worten kurz berichten: Für den Spatz ist das Pläsier, für die Spätzin sind die Pflichten!“

Böser Markt

von

Adelbert von Chamisso.

Einer kam vom Königsmahle, in dem Park sich zu bewegen, aus dem Busch mit einem Male trat ein andrer ihm entgegen. Zwischen Rock und Kamisole griff der schnell, und die Pistole setzt er jenem auf die Brust. „Leise, leise! muß ich bitten; was wir hier für Handel treiben mag vom unberufnen Dritten füglich unbelauschet bleiben. Wollt Ihr Uhren nebst Gehänken wohl verkaufen, nicht verschenken? Nehmt drei Batzen Ihr dafür?“ — „Mit Vergnügen!“ — „Nimmer richtig ist die Dorfuhr noch gegangen; tut der Küster auch so wichtig, weiß er’s doch nicht anzufangen; jeder weiß in unsern Tagen, was die Glocke hat geschlagen; gottlob! nun erfahr’ ich’s auch. „Sagt mir ferner: Könnt Ihr missen, was da blinkt an Euern Fingern? Meine Hausfrau, sollt Ihr wissen, ist gar arg nach solchen Dingern; solche Ringe, solche Sterne, wie Ihr da habt, kauf’ ich gerne; nehmt drei Batzen Ihr dafür?“ — „Mit Vergnügen!“ — „Habt Ihr künftig mehr zu handeln, laßt mich holen; edel seid Ihr und vernünftig, und ich lob’ Euch unverhohlen. Gleich mich dankbar Euch zu zeigen, laß’ ich jede Rücksicht schweigen und verkauf’ Euch, was Ihr wollt. „Seht den Ring da, den ich habe! Nur von Messing, schlecht, unscheinsam, aber, meiner Liebsten Gabe. Ach, sie starb, und ließ mich einsam! Nicht um einen Goldeshaufen ...! Aber Ihr, wollt Ihr ihn kaufen, Gebt mir zehn Dukaten nur!“ — „Mit Vergnügen!“ — „Ei! was seh’ ich? Schöner Beutel, goldgeschwollen, du gefällst mir, das gesteh’ ich; die Pistole für den vollen! Sie ist von dem besten Meister, Kuchenreuter, glaub’ ich, heißt er, nehmt sie für den Beutel hin!“ — „Mit Vergnügen! Nun Geselle, ist die Reih’ an mich gekommen! Her den Beutel auf der Stelle! Her, was du mir abgenommen! Gib mir das Geraubte wieder, gleich! ich schieße sonst dich nieder, wie man einen Hund erschießt!“ — „Schießt nur, schießt nur! wahrlich Schaden wär’t ihr fähig anzurichten, wäre nur das Ding geladen. Ihr gefallt mir so mit nichten. Unfein dürft’ ich wohl Euch schelten; abgeschloss’ne Händel gelten, merkt es Euch, und gute Nacht!“ Ihn verlachend unumwunden, Langgebeint, mit leichten Sätzen, war er in dem Busch verschwunden mit den eingetauschten Schätzen. Jener, mit dem Kuchenreuter in der Hand, sah nicht gescheuter aus, als Augenblicks zuvor.

Der rechte Barbier

von

Adelbert von Chamisso.

„Und soll ich nach Philisterart mir Kinn und Wange putzen, so will ich meinen langen Bart den letzten Tag noch nutzen. Ja, ärgerlich, wie ich nun bin, vor meinem Groll, vor meinem Kinn soll mancher noch erzittern! „Holla! Herr Wirt, mein Pferd! macht fort! Ihm wird der Hafer frommen. Habt Ihr Barbierer hier im Ort? Laßt gleich den rechten kommen. Waldaus, waldein, verfluchtes Land! Ich ritt die Kreuz und Quer und fand doch nirgends noch den rechten. „Tritt her, Bartputzer, aufgeschaut! Du sollst den Bart mir kratzen; doch kitzlich sehr ist meine Haut, ich biete hundert Batzen; nur, machst du nicht die Sache gut, und fließt ein einz’ges Tröpflein Blut — fährt dir mein Dolch ins Herze.“ Das spitze, kalte Eisen sah man auf dem Tische blitzen, und dem verwünschten Ding gar nah auf seinem Schemel sitzen den grimm’gen, schwarzbehaarten Mann, im schwarzen, kurzen Wams, woran noch schwärz’re Troddeln hingen. Dem Meister wird’s zu grausig fast; er will die Messer wetzen; er sieht den Dolch; er sieht den Gast; es packt ihn das Entsetzen; er zittert wie das Espenlaub, er macht sich plötzlich aus dem Staub und sendet den Gesellen. „Einhundert Batzen mein Gebot, falls du die Kunst besitzest; doch, merk es dir, dich stech ich tot, so du die Haut mir ritzest.“ Und der Gesell: „Den Teufel auch! Das ist des Landes nicht der Brauch.“ Er läuft und schickt den Jungen. „Bist du der Rechte, kleiner Molch? Frisch auf! fang an zu schaben. Hier ist das Geld, hier ist der Dolch, das beides ist zu haben! Und schneidest, ritzest du mich bloß, so geb’ ich dir den Gnadenstoß; du wärest nicht der erste.“ Der Junge denkt der Batzen, druckst nicht lang’ und ruft verwegen: „Nur still gesessen, nicht gemuckst! Gott geb Euch seinen Segen!“ Er seift ihn ein ganz unverdutzt, er wetzt, er stutzt, er kratzt, er putzt: „Gottlob! nun seid Ihr fertig.“ „Nimm, kleiner Knirps, dein Geld nur hin; du bist ein wahrer Teufel! Kein andrer mochte den Gewinn, du hegtest keinen Zweifel; es kam das Zittern dich nicht an, und wenn ein Tröpflein Blutes rann, so stach ich dich doch nieder.“ „Ei! guter Herr, so stand es nicht, ich hielt Euch an der Kehle; verzucktet Ihr nur das Gesicht und ging der Schnitt mir fehle, so ließ ich Euch dazu nicht Zeit; entschlossen war ich und bereit, die Kehl’ Euch abzuschneiden.“ „So, so! ein ganz verwünschter Spaß!“ Dem Herrn ward’s unbehäglich; er wurd’ auf einmal leichenblaß und zitterte nachträglich: „So, so! das hatt’ ich nicht bedacht, doch hat es Gott noch gut gemacht; ich will’s mir aber merken.“

Blücher am Rhein

von

August Kopisch.

(Ende des Jahres 1813.)

Die Heere blieben am Rheine stehn: Soll man hinein nach Frankreich gehn? Man dachte hin und wider nach, allein der alte Blücher sprach: „Generalkarte her! Nach Frankreich gehn ist nicht so schwer. Wo steht der Feind?“ „Der Feind? — Dahier!“ „Den Finger drauf! Den schlagen wir! Wo liegt Paris?“ „Paris? — Dahier!“ „Den Finger drauf, das nehmen wir! Nun schlagt die Brücken übern Rhein! Ich denke, der Champagnerwein wird, wo er wächst, am besten sein.“

Der große Krebs im Mohriner See

von

August Kopisch.

(Volkssage.)

Die Stadt Mohrin hat immer acht, guckt in den See bei Tag und Nacht, kein gutes Christenkind erleb’s, daß los sich reiß’ der große Krebs! Er ist im See mit Ketten geschlossen unten an, weil er dem ganzen Lande Verderben bringen kann. Man sagt: er ist viel Meilen groß und wend’t sich oft und, kommt er los, so währt’s nicht lang, er kommt ans Land: ihm leistet keiner Widerstand. Und weil das Rückwärtsgehen bei Krebsen alter Brauch, so muß denn alles mit ihm zurücke gehen auch. Das wird ein Rückwärtsgehen sein! Steckt einer was ins Maul hinein, so kehrt der Bissen, vor dem Kopf, zurück zum Teller und zum Topf. Das Brot wird wieder zu Mehle, das Mehl wird wieder Korn — und alles hat beim Gehen den Rücken dann nach vorn. Der Balken löst sich aus dem Haus und rauscht als Baum zum Wald hinaus, der Baum kriecht wieder in den Keim, der Ziegelstein wird wieder Leim. Der Ochse wird zum Kalbe, das Kalb geht nach der Kuh, die Kuh wird auch zum Kalbe, so geht es immerzu! Zur Blume kehrt zurück das Wachs, das Hemd am Leibe wird zu Flachs, der Flachs wird wieder blauer Lein und kriecht dann in den Acker ein. Man sagt, beim Bürgermeister zuerst die Not beginnt, der wird vor allen Leuten zuerst ein Päppelkind. Dann muß der edle Rat daran, der wohlgewitzte Schreiber dann; die erbgeseßne Bürgerschaft verliert gemach die Bürgerkraft. Der Rektor in der Schule wird wie ein Schülerlein, kurz, eines nach dem andern wird Kind und dumm und klein. Und alles kehrt im Erdenschoß zurück zu Adams Erdenkloß. Am längsten hält, was Flügel hat, doch wird zuletzt auch dieses matt, die Henne wird zum Küchlein, das Küchlein kriecht ins Ei, das schlägt der große Krebs dann mit seinem Schwanz entzwei. Zum Glücke kommt’s wohl nie soweit! Noch blüht die Welt in Fröhlichkeit! Die Obrigkeit hat wacker acht, daß sich der Krebs nicht locker macht. Auch für dies arme Liedchen wär’ das ein schlechtes Glück: Es lief vom Mund der Leute ins Tintenfaß zurück!

Maley und Malone

von

August Kopisch.

Auf einer Insel im Meere, da lebten der Hirten zwei, der eine hieß Malone, der andre hieß Maley. Sie hatten eine Herde von Schafen beid’ ererbt: die Erbschaft hat Malonen sowie Maleyn verderbt. Einst trieben sie zusammen; doch wie im Kriege ging’s; der wollte rechtshin treiben, der trieb dann wieder links. Und endlich kam’s zum Teilen, da blieb zuletzt ein Schaf: der Zank um dieses brachte sie erst um Ruh’ und Schlaf! Malone wollt’ es schlachten: „Wir haun es dann entzwei!“ — „Erst soll es Wolle geben!“ behauptete Maley. — Maley bedurfte Strümpfe: „Komm’ scheren wir es heut!“ Malone meint: es wäre zum Scheren nicht die Zeit. „So scher’ ich meine Seite, scher’ du die andre dann!“ Malone wollt’s nicht leiden; doch hat’s Maley getan! — Nun fiel das Schaf vom Winde in einen Felsenspalt, man zog es vor am Morgen, da war es tot und kalt. „Maley, das Schaf erfror da, weil du’s geschoren hast!“ „Nein,“ sprach Maley, „es stürzte, weil es der Sturm erfaßt. „Hättst du es auch geschoren, so faßte Sturm es nicht; und, faßt’ er’s auch, es hielt sich doch mehr im Gleichgewicht!“ Sie gehen vor die Richter und klagen mit großem Schall — „Ei,“ sagten da die Herren, „welch intressanter Fall!“ Sie schlugen nach die Bücher, man zankte manch ein Jahr: bis Maley und Malone ohne Schaf’ und Wolle war.

Grad’ aus dem Wirtshaus

von

Heinrich von Mühler.

Grad’ aus dem Wirtshaus nun komm’ ich heraus! Straße, wie wunderlich siehst du mir aus; rechter Hand, linker Hand, beides vertauscht, Straße, ich merk’ es wohl, du bist berauscht! Was für ein schief’ Gesicht, Mond, machst denn du! Ein Auge hat er auf, eins hat er zu! Du wirst betrunken sein, das seh’ ich hell; schäme dich, schäme dich, alter Gesell! Und die Laternen erst — was muß ich sehn, die können alle nicht grade mehr stehn, wackeln und fackeln, die Kreuz und die Quer, scheinen betrunken mir allesamt schwer. Alles im Sturme rings, Großes und Klein; wag’ ich darunter mich, nüchtern allein? Das scheint bedenklich mir, ein Wagestück! Da geh’ ich lieber ins Wirtshaus zurück!

Notes in this chapter

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