Humor.
Reading edition
Von Friedrich Theodor Vischer.
Man spricht von Humor jetzt oft und viel Und denkt dabei nur an ein leeres Spiel. Mancher kursiert als Humorist, Der nichts weiter als Spaßmacher ist, Nichts ahnt von dem innern Widerspruch, Von dem Zickzack, dem tiefen Bruch, Der durch das ganze Weltall dringt, Daß man immer fürchtet: es zerspringt, Während die also geborstne Welt Doch immer noch steht und zusammenhält, — Mancher, der diesen Riß zwar merkt, Doch zu freiem Lachen den Geist nicht stärkt, Sondern mit Weltschmerz kokettiert Und den Blasierten affektiert, — Ja mancher eisige, spitzige Spötter, Der Witze nur macht auf Menschen und Götter, Mancher verdorbne, mit Seelengicht Behaftete, zotensinnende Wicht, Mancher schäkernde, eitle Mann, Der über sich selbst nicht lachen kann. — Hat aber einer die Geistesmacht, Die scharf durchschaut und doch heiter lacht, Bleibt er fest und verzweifelt nie, Hat er mehr als Witz, hat er Phantasie, Versteht er über sich selbst zu schweben, Sich selber dem Lachen preiszugeben: Dem sei es gegönnt von ganzem Herzen, Auch einmal einfach närrisch zu scherzen, Ohne versteckte Gedankentiefen Seine Freude zu haben am Naiven.
Mit freundlicher Erlaubnis des Verlegers und des Sohnes des Verfassers abgedruckt aus Friedrich Theodor Vischer’s Gedichtsammlung „Allotria“ (Stuttgart: Verlag von Adolf Bonz & Co.).





