Erster Teil.
Reading edition
Deutsche Flagge.
Deutsche Flagge, Sei jubelnd gegrüßt! Flatternd von tausend friedlichen Masten, Trägst du, ob Sturm oder Sonne dich küßt, Über die Meere die köstlichen Lasten. Und von dem eisengepanzerten Bord Sprichst du des Reiches donnerndes Wort, Deutsche Flagge! Deutsche Flagge — Unsägliche Schmach Haben wir, da du uns fehltest, erlitten! Deutsche Hoffnung und Ehre zerbrach, Da wir ohn’ Banner in Zwietracht gestritten. Neben den Fähnlein allen kein Raum, Wehtest den Deinen nur trauernd im Traum, Deutsche Flagge! Deutsche Flagge, Da kam der Tag, Flammenden Morgenröten entsprungen, Daß wir siegend im Wetterschlag Dich als herrlichen Preis uns errungen! Scheuchend der Nebel nächtlichen Flor, Stiegst du zum Lichte leuchtend empor, Deutsche Flagge! Deutsche Flagge Schwarz, weiß und rot, Öffne zu fernsten Welten die Tore, Schütze die Deinen in Glück und in Not, Birg in den Falten uns Sieg, Trikolore! Doch wenn im Kampf wir darniedergestreckt, Sei du’s, die einst noch im Tode uns deckt, Deutsche Flagge!
Ernst Scherenberg.
Einleitung.

Wenn zur heißen Sommerzeit die Steinmauern und die Straßenpflaster der Großstädte glühen, dann ziehen viele der Stadtbewohner hinaus ans Meer. Dampfroß oder Dampfschiff bringen die wanderfrohen Städter in schneller Fahrt an das Ziel ihrer Wünsche, und gleich unseren germanischen Vorfahren, die vor einem Jahrtausend und noch früher Besitz nahmen von den Küsten der Ost- und Nordsee, bauen die Städteflüchtigen am Strande des Meeres Burgen mit starken Wällen und wehenden Fahnen, welche die Künder sind der Freude und des Frohsinns der Burgbesitzer. Nur kurze Zeit währt der Jubel, nur zu schnell sind die Ferientage vorübergerauscht, und die Herbststürme peitschen wieder die Meereswogen, die hochaufrauschend alle Herrlichkeiten der Sandburgen zerstören; in ihnen fällt alles der zertrümmernden Gier des Meeres zum Opfer.
An solchen Sturmtagen werden die Geister unserer Vorfahren wieder lebendig.
Heute braust und brandet das Meer wie ehedem, seine schaumgekrönten Wogen rinnen über blanken Seesand, über glatte und rauhe Kiesel; hier und da häuft sich am Strand der Seetang, den das Spiel der Wellen aus seinem Lager riß, an anderen Plätzen liegen Reste von Schiffsplanken und Balken, deren dunkle Massen zu erzählen wissen von schrecklichem Sturm, namenlosem Unglück, von Not und Tod.
Wir aber stehen am Strande und freuen uns über das sonnenbeglänzte Meer, dessen leuchtende Wogen in rastloser Folge heranrauschen, jubelnd ringt sich auch von unseren Lippen der alte Gruß: „Thalatta, sei uns gegrüßt, du ewiges Meer!“

Lübeck um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts.
❏ GRÖSSERE BILDANSICHT
Unsere Augen folgen den Schiffen, die schwerbeladen ihren Weg über das Meer suchen und nach den Hafenstädten eilen, deren rote Ziegeldächer und schlanke Türme sich widerspiegeln im Wasser der Küstenflüsse. Im Geiste sehen wir die Orte vor uns und hören auf das, was sie zu erzählen wissen von der Tatkraft ihrer Bewohner und vom Unternehmungsgeist der Vorfahren, die schon auf unbedeutenden Fahrzeugen den Weg nach fremden Ländern fanden und die Produkte der Heimat austauschten gegen die der Fremde. Die jahrhundertealten Türme, die trutzigen Stadttore, die in ihrer Ruhe nicht mehr hineinpassen in das Hasten unserer Tage, sind Zeugen der Tatkraft und des Mutes ihrer Gründer, die sich und die Ihrigen zu schützen wußten gegen räuberische und arglistige Feinde. Das reichgeschmückte Innere der Bauten umfaßt herrliche Kunstschätze, Erinnerungszeichen des Reichtums und der Freigebigkeit der Stifter. In Domen mit mächtigen Kirchenschiffen, hohen Pfeilern, prächtigen Altären und reichgeschnitzten Kirchenstühlen dankten die Zeitgenossen der Hanse Gott, wenn er sie glücklich heimbrachte nach sturmreicher Fahrt. Jene Tage der Hanse sahen ein stolzes Geschlecht. Fest verbündet hielt es sich lange Zeit in Genossenschaften zusammen, immer bestrebt, die Vorteile des Handels, die Quelle seines Reichtums, auszunützen. Die Zeit der Hanse sah ein freiheitliebendes, mutiges Geschlecht. Zahlreiche stattliche Schiffe sandten die Mitglieder des Bundes hinaus, um fremde Staaten und fremde Fürsten zu bezwingen und botmäßig zu machen, meerbeherrschend gebot lange Zeit die freie Reichsstadt Lübeck als das Haupt der Hanse. An jene Glanzzeit erinnern Geibels Worte:
„Wie steigst, o Lübeck, du herauf In alter Pracht vor meinen Sinnen An des beflaggten Stromes Lauf, Mit stolzen Türmen, schart’gen Zinnen. Dort war’s, wo deiner Erker Zahl Der Hanse Boten wartend zählten; Dort, wo die Väter hoch im Saal Ein Haupt für leere Kronen wählten. Denn eine Fürstin standest du, Der Markt war dein und dein die Wege; Du führtest reich dem Süden zu, Was nur gedieh in Nordens Pflege. Es bot dir Norweg seinen Zoll, Der Schwede bog sein Haupt, der Däne, Wenn deine Schiffe segelvoll Vorüberflohn, des Meeres Schwäne.“
Nur ein freies Geschlecht, geführt und geleitet von den tüchtigsten unter seinen Einwohnern, konnte die herrlichen Bauwerke, die die Jahrhunderte überdauerten, schaffen, nur jenes freie und stolze Geschlecht fand nach Mißerfolgen, die auch ihm beschieden waren, den Mut, neue Flotten hinauszuschicken zu neuen Ruhmestaten im Frieden und im Kriege.
Von dieser Zeit der Pracht und der Macht des freien deutschen Bürgertums, deren Zeugen die hochragenden Türme und die prächtigen Rathäuser sind, sollen die folgenden Abschnitte erzählen.

Geschichtlicher Rückblick auf die Zeit der Hanse.
Auf den Weltmeeren zeigt die deutsche Flagge ihre leuchtenden Farben, freudig und stolz begrüßt von den Angehörigen der deutschen Nation, respektvoll beachtet von den Konkurrenten Deutschlands im Welthandel.
Unsere an Ereignissen so reiche Gegenwart läßt die Tage der Vergangenheit besonders lebendig werden, und die heutige Jugend hat die Pflicht, sich mit der Geschichte der Hanse zu befassen, um an der Hand der Erfahrungen einer ruhmreichen Vergangenheit zu erkennen, was die Zeit von unserer Generation fordert.
Unsere Beziehungen zur See bedingen es, daß wir uns mehr mit der glanzvollen Zeit der Hanse beschäftigen, damit unser Volksbewußtsein sich stärkt und zu einer Quelle der Kraft wird für die Ereignisse der Zukunft.
Wohl hat die Geschichte der Hanse etwas Eintöniges an sich, und doch fehlt es jener Epoche der deutschen Geschichte nicht an Ereignissen und Männern, die die tatenfrohe Jugend reizen, von ihnen zu hören und zu lesen.
Die Germanen waren Anwohner der Meeresküste zu der Zeit, aus der die älteste Kunde uns von ihnen berichtet. Die Gestade der Nordsee hatten sie ganz besetzt, an der Ostsee reichte ihr Einfluß bis etwa ans Kurische Haff. Geschichtliche Zeugnisse beweisen, daß sie seekundig waren, und die Besitzergreifung der englischen Inseln spricht für ihren unternehmungsfrohen Seefahrergeist. Jedoch in den Tagen der Völkerwanderung verschwanden die Germanen von den baltischen Küsten, und die Slawen traten an ihre Stelle.
Als dann im 9. und 10. Jahrhundert sich ein gesondertes deutsches Reich nach dem Vertrage zu Verdun im Jahre 843 zu entwickeln begann, stießen an der Kieler Bucht Dänen und Wenden als Grenznachbarn aufeinander.
Karl der Große (768 bis 814) und Heinrich I. (919 bis 936), zwei bedeutende Männer unter den deutschen Herrschern, die den Grund zu unserem deutschen Städtewesen legten, indem sie Niederlassungen an wichtigen Punkten gründeten und diesen dann Vorrechte und Selbständigkeit verliehen, versuchten auch die deutsche Oberherrschaft in den Küstengebieten auszudehnen, weil ihnen die Bedeutung der Seefahrt und des Handels bekannt war. Heinrich I. besonders schützte durch einen siegreichen Kriegszug gegen die Dänen den deutschen Handel vor deren Räubereien, ihren König Gorm machte er sich tributpflichtig.
Otto der Große setzte die Bemühungen seines Vaters fort und wirkte noch mittelbar für das Seewesen durch seinen Heereszug in die Nordmark im Jahre 965, durch den er König Harald zwang, sein Lehnsmann zu werden. Von nun an blieben Könige und Kaiser dem Meere fern, die deutschen Seefahrer waren auf sich allein angewiesen, und bis zum Ende des 11. Jahrhunderts beherrschten die kühnen Normannen die Küsten Deutschlands.
Der deutsche Seehandel erreichte trotz der Seeräubereien der Normannen im 9. Jahrhundert eine große Ausdehnung. Seine Wege führten nach England, nach den nordischen Königreichen und nach Rußland. Deutschen Kaufleuten sollen schon um das Jahr 1000 in London besondere Vorrechte bewilligt worden sein, die später Wilhelm der Eroberer ergänzte. Von Köln kamen reiche Mengen Rheinwein nach England. Etwa um 1070 wurde der Stahlhof am Strande in London gegründet und damit der Mittelpunkt geschaffen, der jahrhundertelang die deutschen Kaufleute in England vereinigte und so einen wichtigen Stützpunkt des deutschen Handels in England bildete.
Im 12. und 13. Jahrhundert begann die große Kolonisation im Ostseegebiet, die eine Ausdehnung des Seeverkehrs mit sich brachte und dadurch zu einem der wichtigsten Ereignisse in der Entwicklung Deutschlands wurde. Bei Beginn der Regierung Kaiser Lothars im Jahre 1125 kannte die Ostseeküste keine deutschen Bewohner, und als im Jahre 1254 der letzte Hohenstaufenkönig starb, hatten Deutsche das ganze Gebiet bis zum Finnischen Meerbusen inne. Blühende deutsche Gemeinwesen reichten von Kiel bis nach Riga; sie bildeten den Boden, auf dem die deutsche Hanse entstand.
Im Jahre 1158 begann das Werk. Das raschgewachsene, an Bedeutung zunehmende Lübeck gründete in Wisby auf Gotland eine deutsche Handelsgesellschaft. Die zentrale Lage von Wisby, das sich ungefähr auf halbem Wege zwischen Newa und Trave, zwischen dem Sund und dem Meerbusen von Riga, zwischen Weichsel und Mälarsee befand, wurde zu einer bedeutsamen Station für die damalige Schiffahrt, die große Reisen noch ängstlich vermied. Zu jener Zeit begann auch die Kolonisation der Ostseeprovinzen, indem bremische Kaufleute am Meerbusen von Riga Niederlassungen schufen, die erst mit dem Verfall der deutschen Seemacht verloren gingen. Einige Jahrzehnte später kamen Mönche in diese Gegenden, um das Christentum zu predigen, und ihnen folgten niederdeutsche Kreuzfahrer, die diese Landstriche eroberten und die Stadt Riga anlegten.
Die Städte, die auf dem Kolonialboden, der an Größe Deutschland glich, entstanden, wurden Träger eines regen Warenaustausches, einerlei, ob sie im Binnenlande oder an der See lagen; namentlich die letzteren gaben die Mittelpunkte ab für die Verkehrswege nach den nordeuropäischen Meeren. Die vielseitige und umfangreiche Tätigkeit der Städte ließ die deutsche Hanse entstehen. Die Bildung der deutschen Handelsgesellschaft in Wisby, von der oben die Rede war, weist auf die Begründung der Hansen hin. Das Wort Hansen ist eine vlämisch-gotische Zusammensetzung für den Ausdruck Genossenschaft und schließt die Bedeutung „Verbindung zu gemeinsamem Zweck mit Zahlung von Beiträgen“ in sich. Um das Jahr 1200 bildete sich die erste Hanse in Brügge, die sogenannte flandrische Hanse, die eine Genossenschaft von siebzehn Städten umfaßte und regelmäßigen Großhandel mit England betrieb. Ihr Vorort war Brügge, damals die erste Handelsstadt Nordeuropas.

Wisby zur Zeit der Hanse. Nach einem Stich von Merian.
Im Jahre 1229 schlossen die deutschen Kaufleute von Wisby ein Abkommen mit dem Fürsten von Smolensk, das für Lübeck, Bremen, Riga, Groningen, Münster, Soest und Dortmund Gültigkeit hatte. Zum ersten Male traten deutsche Kaufleute in der Ferne einig auf, um sich durchzusetzen, und für ihre Verbindung prägten sie das Wort: ‚Der gemeine deutsche Kaufmann‘. Die Bezeichnung ‚Hanse‘ brachte eine spätere Zeit auf. Die Vorrechtstellung von Wisby, an dessen Größe und Herrlichkeit noch heute die Ruinen der mächtigen Stadtmauer, die hohen Gewölbe der ehemals prächtigen Kirchen und die alten Treppengiebelhäuser erinnern, gründete sich insbesondere auch auf die Privilegien, die sich die ‚Kaufleute von Gotland‘ im Jahre 1257 von Heinrich III. in England erwarben. Handels- und Zollfreiheit wurden ihnen zugesichert; dies war nicht ein Vorrecht der Gotländer oder der Bürger von Wisby, sondern der gotländischen deutschen Genossenschaft, deren Mitglieder aus den verschiedensten Städten vom Rhein bis zum Finnischen Meerbusen stammten und im Osten wie im Westen Handel trieben. Den Angehörigen der Genossenschaften sollte der Weg nach beiden Richtungen offen stehen.

Die Schlacht bei Bornhöved am 22. Juli 1227. Nach einer alten Lithographie.
Der Einfluß und die Bedeutung der Genossenschaft wuchs, als eine der in der Vereinigung vertretenen Städte — Lübeck — die Führung an sich brachte. Die günstige Lage am inneren Winkel der Ostsee, die Nähe der Salzwerke Lüneburgs, der schiffbare Strom, dazu die gesicherte Lage auf einem Hügel zwischen Trave und Wakenitz machten es zu einer Niederlassung, in der die Fäden der Handelswege zwischen Westdeutschland und den baltischen Plätzen zusammenliefen. Mächtig förderte Herzog Heinrich der Löwe Lübeck, und die ihr verliehenen Vorrechte blieben der Stadt erhalten zum Vorteil der deutschen Sache, als Friedrich Barbarossa Lübeck im Jahre 1188 zur Reichsstadt erhob.
Die Jahre des Zerwürfnisses zwischen Hohenstaufen und Welfen brachten den Aufstieg Dänemarks und eine Ausbreitung seines Gebietes. Im Jahre 1214 überließ Friedrich II. die Siedelungen bis nach Vorpommern dem Dänenkönig Waldemar. Erst die glücklich verlaufene Schlacht bei Bornhöved in Holstein im Jahre 1227 brachte den deutschen Ländern und den Städten, darunter auch Lübeck, die ersehnte Befreiung. Jetzt begann die Stadt sich emporzuarbeiten; die Anerkennung des Kaisers als freie Reichsstadt erhielt Lübeck. Dänemark ließ nicht leichten Kaufes die aufblühende Stadt fahren und schloß im Jahre 1234 Lübeck zur See und zu Lande ein. Lübecks Kriegskoggen, schnell ausgerüstet, durchbrachen die dänische Sperrflotte und vernichteten sie gänzlich, und damit hefteten sie den ersten deutschen Seesieg über eine bedeutende feindliche Übermacht an ihre Fahnen. Dieser erfolgreiche Kriegszug begründete, gestützt auf die Tüchtigkeit der lübeckischen Flotte, die Vormachtstellung dieser Stadt. Zum ersten Male waren die Deutschen Herren der Ostsee. Im Jahre 1241 ging Lübeck ein Bündnis mit Hamburg ein, um eine Flotte zu schaffen, deren Unterhaltung auf gemeinsame Kosten geschah und deren Aufgabe Offenhaltung des Seeverkehrs war.
Lübecks Flotte verheerte wenige Jahre darauf in einem Kriege mit Dänemark die dänische Küste. Sie zerstörte das Schloß von Kopenhagen und zertrümmerte auch das den Dänen unterworfene Stralsund. Trotz einiger Fehlschläge erbrachte der Friede vom Jahre 1254 nur Günstiges für die Stadt.
In der deutschen Geschichte begann die Periode der kaiserlosen, der schrecklichen Zeit, in der Zuchtlosigkeit und Raub herrschten. Die deutschen Städte an den Seeküsten, die sich bis dahin immer noch auf deutsche Fürsten stützen konnten, blieben mehr auf sich allein angewiesen und mußten ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen. ‚Der gemeine deutsche Kaufmann‘ hatte sich dank seiner Tüchtigkeit und Rührigkeit im Auslande günstige Stellungen erworben. Weitgehende Vorrechte kamen ihm sehr zustatten und brachten ihm Erfolge. In Brügge, London, Bergen, Nowgorod, überall hatten die deutschen Kaufleute ihre besonderen Kontore, denen die Landesherren jener Gebiete Vorrechte überließen, und die damit zu wertvollen Stützpunkten des Handels wurden. Von ihnen soll weiter unten noch die Rede sein.
In jener Zeit schloß Lübeck ohne besonderen Auftrag im Namen ‚des gemeinen Kaufmannes römischen Reiches‘ Verträge, in denen es die gleichen Vorteile für alle deutschen Städte forderte. Eine edle Gesinnung, ein weitblickender staats- und kaufmännischer Geist sprachen aus solchem Vorgehen, das außerdem das Gefühl nationaler Zusammengehörigkeit offenbarte. Gerade die Berührung mit dem Auslande brachte die Anschauung hervor, daß der Deutsche ohne Unterschied des Standes oder Wohnortes als Angehöriger und Gleichberechtigter angesehen wurde.
Wie im Binnenlande gegen das Raubrittertum ein rheinischer Städtebund aus siebzig Städten, die von den Niederlanden bis hinauf nach Basel lagen, sich bildete, um durch die Selbsthilfe der Bürger sich in der Zeit der Gesetzlosigkeit zu schützen, so vereinigten sich auch die Seestädte. Über etwaige Verhandlungen, die über den engeren Zusammenschluß der späteren Hansestädte gepflogen worden sind, wird nichts in den Chroniken berichtet. Um das Jahr 1260 trat der erste Hansetag in Lübeck zusammen. Das Jahr kann nicht genau angegeben werden; nur spärliche Nachrichten berichten über diesen wichtigen geschichtlichen Vorgang. Schon die Zahl der Städte, die sich dem Hansebund anschlossen, schwankt. Man darf als sicher betrachten, daß manche der binnenländischen Städte die Verbindung mit der Hanse nur wegen der damit verknüpften Handelsvorteile suchten; dem Geschick des Bundes brachten sie nur geringe Anteilnahme entgegen.
Doch wenden wir uns nun den besonderen Merkmalen der Hanse zu. Die Eigenart der Vereinigung wurde gekennzeichnet durch das Fehlen einer festen Organisation. Eine zentrale Gewalt gab es nicht. Gemeinsame Streitkräfte zu Wasser und zu Lande waren nicht vorhanden, und darum erübrigte sich auch eine gemeinsame Finanzverwaltung. Die Gleichberechtigung aller Mitglieder gestand dem Vororte Lübeck nur die freiwillige Leitung zu, weil seine Bürgermeister und Ratsherren sich durch politischen Blick und staatsmännisches Geschick auszeichneten. Lübeck war weitsichtig und auch opferfreudig genug, die Lasten der Unterhaltung einer Kriegsschiffsflotte zu übernehmen.
Die deutschen Fürsten wehrten sich oft gegen das Reich- und Mächtigwerden der Städte. Wenn sie nicht zu bestimmten Zeiten des Beistandes der freien Reichsstädte dringend bedurften, standen sie ihnen feindlich gegenüber. Und doch umschlossen die Städte in jenen Tagen die Mittelpunkte des religiösen, wissenschaftlichen und künstlerischen Lebens.

Hamburg in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.
❏ GRÖSSERE BILDANSICHT
Nicht nur gegen ausländische Feinde mußten sich die Hansestädte wehren, — denn alle fremden seefahrenden Nationen waren ihre Konkurrenten, die ihren Einfluß geltend machten, um die Handelswege der Hansen zu stören, — sondern oft hatten die Städte eine Frontstellung gegen einheimische Fürsten inne. Aus dieser Schilderung erkennt man die Schwierigkeiten des Bundes, die nur eine ebenso vorsichtige wie kluge Leitung überwinden konnte. Auch an inneren Reibereien und Feindseligkeiten fehlte es dem Bunde nicht. Die Wünsche der Seestädte und der Binnenstädte gingen oft weit auseinander, und das einzige Zwangsmittel, das den Bund in sich festigte, war das ‚Verhansen‘, das heißt: Ausscheiden und in Verruf erklären. Mit dem in Verruf erklärten Orte durfte kein Verkehr gepflogen werden. Eine Polizei, die die Durchführung der Maßnahmen des Bundes überwachte, gab es nicht. Beschwerden konnten nur auf den regelmäßig stattfindenden Hansetagen, die von den Abgesandten der Bundesstädte besucht waren, vorgebracht werden. Wie wirksam die Verhansung sein konnte, erfuhr Bremen, das im Jahre 1355 in die Acht kam und nach drei Jahren, nachdem es schwere Verluste erlitten hatte, um seine Wiederaufnahme ersuchte.
Die Städte, die das Gebiet der Hanse umfaßten, gliederten sich in drei Gruppen. Zur wendischen Gruppe gehörten: Lübeck, Hamburg, Wismar, Rostock, die pommerschen Städte Stralsund, Greifswald, Anklam, Stettin, Kolberg usw. Sie hießen die Osterlinge. Zur friesisch-holländischen Gruppe gehörten Köln, die westfälischen Städte Soest und Dortmund, ferner Groningen usw. Sie wurden die Westerlinge genannt. Die letzte Gruppe bestand aus Wisby und den Städten in den Ostseeprovinzen: Riga usw.
Die Hanse wuchs aus den Verhältnissen ihrer Zeit heraus und war die Form, welche der deutsche Kaufmann zu seiner Machtstellung im Auslande sich schuf. Der hansische Kaufmann, namentlich der Lübecker, erkannte den Wert der Seemacht und stellte deshalb die Mittel bereit, die zur Unterhaltung see- und kampftüchtiger Schiffe dienten. Die Machthaber der Hanse errangen mit Geschick günstige Stellungen im Handel der Nord- und Ostseegebiete. Nicht unangebracht wäre es, das Wort Monopol dafür zu setzen. Ihr Streben richtete sich darauf, in den fremden Staaten große Vorrechte zu erhalten, wie freie Niederlassung, freien Betrieb des Handels, geringen oder gar keinen Zoll für Waren, Freiheit von Abgaben, Gründung von eigenen Häusern und Höfen und schließlich eine eigene Gerichtsbarkeit. Die hansischen Handelsherren, namentlich die von Lübeck, nutzten vortrefflich die Schwächen der Nachbarstaaten für sich aus. In den umliegenden Ländern wußten sich die Hansen nach den verschiedensten Seiten hin unentbehrlich zu machen, so daß dort die Erkenntnis aufkam, der Verkehr mit den deutschen Seestädten schließe einen Vorteil in sich. Um diese Vormachtstellung für die Hansen zu erringen, war man in der Wahl der Mittel nicht immer ängstlich. Verhalfen Geschenke und Bestechungen nicht zum gewünschten Erfolg, so schufen der Angriff zur See und zu Lande, Gewalttaten allerlei Art meistens eine zufriedenstellende Lösung. —
Im nun folgenden geschichtlichen Überblick können nur einige der wichtigsten Abschnitte der Hanse gekennzeichnet werden, weil die deutsche Geschichte des Mittelalters, wie auch die der nordischen Reiche eine Mannigfaltigkeit von rasch wechselnden Ereignissen in sich birgt, die nicht alle berücksichtigt werden können.
Es war im Jahre 1280. — Lübeck und Wisby schützten gemeinsam den Handel im Gebiete der Ostsee. Schon drei Jahre später nach diesem Seepolizeidienst verband sich die Hanse mit den Herzögen von Mecklenburg und Pommern gegen die Markgrafen von Brandenburg, um den Frieden zu erhalten, und König Erich Glipping von Dänemark trat dem Bündnis bei, da er in Verwicklungen mit Norwegen stand. Der erste, der die Stärke des neuen Bundes fühlte, war König Erich von Norwegen, genannt ‚der Priesterfeind‘. Die enge Verbindung der Hansen mit Dänemark beantwortete der norwegische König mit allerlei Gewaltmaßregeln, durch die er die Hansen ernstlich treffen wollte. Der Norweger beschlagnahmte nicht nur in Bergen deutsche Handelsschiffe, sondern eignete sich auch das dort lagernde deutsche Handelsgut an, um den Handel der Hansen zu stören.
Unter der Oberleitung Lübecks rüsteten die wendischen Städte Wismar, Rostock, Stralsund, Greifswald, Stettin, ferner Riga und Wisby eine Flotte aus, auch verboten sie die Getreide- und Bierausfuhr an die arme Küste. Norwegische Häfen wurden eingeschlossen oder verwüstet, die Schiffe fortgenommen, so daß dem bedrängten Fürsten nichts weiter übrigblieb, als mit den Hansen den Frieden zu Kalmar im Jahre 1285 zu schließen. 6000 Mark Silber zahlte König Erich, dazu lieferte er die beschlagnahmten Schiffe aus, ferner bestätigte und erweiterte er die alten Vorrechte der Deutschen, dazu versprach er, in allen künftigen Streitigkeiten mit Dänemark sich dem Schiedsspruche von drei Hansestädten zu unterwerfen. Unerwartet hatte damit die Hanse eine bedeutende Hebung errungen, sie wurde Schiedsrichterin in Streitfällen zwischen den nordischen Reichen.
Die innere Ordnung der Verhältnisse in Dänemark unter Erich Menved (1286 bis 1319) raubte der Hanse wieder die Vorrechtsstellung, merkwürdigerweise wurde Lübeck diesem Dänenfürsten untertan. Im Jahre 1307 stellte es gegen Zahlung eines jährlichen Tributs sich wegen der schweren Angriffe der holsteinischen Grafen auf zehn Jahre unter seinen Schutz. König Erich umschloß Rostock mit Hilfe ‚aller deutschen und slawischen Fürsten jener Gegend‘ zu Wasser und zu Land, und er bezwang die Stadt trotz des Beistandes von Stralsund. Aus diesen Kriegen ging die Hanse geschwächt hervor, ihr Waffenruhm war für eine Zeit dahin.
Die Gründe für das überraschende Ergebnis, dreißig Jahre nach großen Kriegserfolgen, hat man in den Mängeln der politischen und militärischen Ordnung des Bundes zu suchen. Außerdem haben die Fehden mit ihren deutschen Nachbarn schwer auf die Städte gedrückt. Zwei Jahre nach diesen Schlägen bot das Glück den Hansen wieder die Hand. König Erich Menved starb, und damit hörte die Ruhe und Ordnung in seinen Staaten auf. Die Dänen, die mit sich selbst genug zu tun hatten, gaben ihre auswärtigen Errungenschaften auf, im Jahre 1320 kauften die Lübecker die dänische Feste von Travemünde zurück, die Rostocker wurden die Danskeburg vor dem Hafen los.
Als Christoph II., der Bruder und Nachfolger von König Erich, von den Großen seines Reiches verjagt wurde, hielten sich die Lübecker zu ihm und führten ihn in sein Land zurück. Aus Dankbarkeit gewährte er dem deutschen Kaufmann wiederum große Handelsvorteile. Dies gleiche führte auch Magnus von Norwegen im Jahre 1343 wieder durch, trotzdem er der Hanse keineswegs günstig gesinnt war. In jenen Jahren verschwand der Handel der nordischen Reiche und der russischen Gebietsteile aus der Ostsee. Englands Handel spielte eine minder bedeutende Rolle, die Hanse aber herrschte von der Newa bis an die Küste Hollands, ihr Einfluß über die See und über den Handel war so groß wie nie zuvor. Auch in England faßte die Hanse wieder festeren Fuß, weil der bedrängte König Eduard IV. mit hansischer Unterstützung aus seiner Lage befreit wurde. Für die ihm gewährten Geldunterstützungen verpfändete er die Zolleinnahme auf Wolle, die Zinngruben in Cornwall und anderes mehr an die Hansen. Die große Zeit der Hanse begann, ihre machtgebietende Stellung in Nord- und Ostsee gab ihr eine Ruhezeit, in der sie sich kräftigte für die kriegerischen Auseinandersetzungen mit König Waldemar IV. von Dänemark. Von 1340 bis 1375 führte Waldemar das Regiment in Dänemark, und ihm glückte es, nachdem er zwei Jahrzehnte an der Festigung und an der Mehrung seiner Macht gearbeitet hatte, ohne mit den Hansen in Streit zu geraten, Kräfte seines Landes für auswärtige Unternehmungen freizubekommen.
Wohl erkannte der Hansebund, daß die Erstarkung Dänemarks eine Gefahr für ihn bedeute, jedoch raffte sich die Hanse zu keinem Entschluß auf, die Entwicklung Dänemarks mit Gewalt zu hindern, auch ließen innere Streitigkeiten die Lösung dieser Aufgabe zurücktreten.
Die Hansen glaubten genug getan zu haben, wenn sie durch Anstiftung von Unruhen in Dänemark die Kräftigung des dänischen Staates hinderten. Ihre Bemühungen blieben ohne Erfolg. Im Jahre 1360 traf Waldemar durch die Eroberung von Schonen zum ersten Male den Hansebund; noch zauderten die Städte mit dem Losschlagen, da traf sie auch schon der zweite Schlag. Waldemar landete im Jahre 1361 auf Gotland, nahm das reiche Wisby und plünderte es gegen ein gegebenes Versprechen. Die Sage berichtet:
„Nach Zentnern wogen die Goten das Gold, Zum Spiel dienten die edelsten Steine; Die Frauen spannen mit Spindeln von Gold, Aus silbernen Trögen fraßen die Schweine —“
Eine Menge Kostbarkeiten, viele Wertsachen und Vorräte wurden eine Beute König Waldemars. Wie die Sage weiter berichtet, gelang es ihm nicht, die geraubten Schätze nach Dänemark zu bringen. Bei einem mächtigen Sturm in der Nähe der Karlsinseln versanken sie in die Fluten, und der König rettete mit genauer Not sein Leben.
Jetzt waren den Hansen die Augen geöffnet, und die Ratssendboten der preußischen und wendischen Städte, die in Greifswald versammelt waren, beschlossen am 1. August, vier Tage nach dem Einzuge Waldemars in Wisby, ein Handelsverbot gegen Dänemark. Noch in demselben Monat verbanden sich die wendischen Städte mit den Königen von Schweden und Norwegen.

Brandschatzung der schwedischen Hansestadt Wisby durch den dänischen König Waldemar IV. Nach einem Gemälde von C. G. Hellquist.
In großzügiger Weise trafen die Verbündeten die Vorbereitungen, um gegen den dänischen Fürsten ihre Rechte zu verteidigen. Im Frühjahr 1362 begann der Feldzug. Die Eroberung der Insel Gotland samt Wisby, die Plünderung des ‚deutschen Hofes‘ durch die Dänen erforderte Sühne. Die hansische Flotte unter Admiral und Bürgermeister Wittenborg erschien in rascher Fahrt im April vor Kopenhagen und im Sunde, die Belagerung der Hauptstadt gab sie jedoch auf Wunsch der nordischen Verbündeten auf und wandte ihre ganze Kraft gegen Helsingborg, das damals noch allein den Eingang zum Sund beherrschte. Schweden und Norwegen hielten ihr Versprechen nicht, die von ihnen zugesagten zweitausend Mann trafen nicht ein. Zwölf Wochen belagerten die Hansen die starke Feste; um auch am Lande stark zu sein, entblößten sie die Schiffe zu sehr von Mannschaften. Dem König Waldemar entging diese günstige Gelegenheit des Angriffes nicht. Es gelang der dänischen Flotte, die sorglosen Hansen unter Admiral Wittenborg zu überraschen und zu schlagen. Zwölf Koggen wurden in diesem Kampfe erobert oder vernichtet, zahlreiche Gefangene und eine Anzahl Handelsschiffe fielen in die Hände der Dänen. Unter großen Verlusten schifften sich die hansischen Söldner ein und fuhren nach Lübeck zurück. Die Heimkehr brachte dem besiegten Feldherrn kein Glück. Die Lübecker hielten scharfen Gerichtstag, und mit dem Tode, den er auf dem Marktplatze zu Lübeck durch Henkershand im Jahre 1363 erlitt, sühnte Admiral Wittenborg seine Sorglosigkeit. Die gegenseitigen Anstrengungen erforderten nach diesem harten Schlage eine mehrjährige Waffenruhe.

Hinrichtung des Bürgermeisters Joh. Wittenborg auf dem Markt zu Lübeck. Nach einer Federzeichnung in Rehbeins Chronik, etwa 1620.
In dem Vertrage wurden den Hansen ihre Handelsvorteile gelassen, jedoch Waldemar kümmerte sich wenig um die Vereinbarungen, und bald kamen aus den Städten die heftigsten Klagen über allerlei Vergewaltigungen.
Im November des Jahres 1367 beschlossen auf dem Hansetag in Köln siebenundsiebzig Städte einen neuen Krieg gegen Dänemark und Norwegen. Eine machtvolle Flotte wurde ausgerüstet. Den ersten Angriff der vereinigten Flotte hatte Norwegen auszuhalten. Im Frühjahr 1368 verheerten die Hansen die Küste Norwegens so nachdrücklich, daß König Hakon um einen Waffenstillstand nachsuchte. Dann fuhren die verbündeten Hansen nach dem Sunde, eroberten in kurzer Zeit Kopenhagen, das feste Schloß Helsingör und verwüsteten Seeland. Gleichzeitig eroberte Albrecht von Schweden, der mit den Hansen gemeinsame Sache machte, Schonen und belagerte Helsingborg. König Waldemar weilte als Flüchtling im Ausland. Am 24. Mai 1370 schloß der Hansebund den ruhmreichen Frieden zu Stralsund, in dem ihm neben einer Kriegsentschädigung das bedeutungsvolle Recht zugesprochen wurde, die Könige der nordischen Reiche zu bestätigen. Damit stand die Hanse auf ihrem Gipfelpunkt, ein Städtebund triumphierte über Könige und Fürsten.
Nach diesem großen Erfolge ließ die Hanse es an der nötigen Aufsicht und an der notwendigen Einheit fehlen. Die Seekaperei und der Seeraub begannen überhandzunehmen. Wismar und Rostock hielten es im Jahre 1390 für angezeigt, Kaperbriefe gegen Schiffe der drei nordischen Reiche auszugeben. Statt daß die Verhältnisse sich besserten, verursachte dieses Vorgehen nur eine Verschlimmerung. Eine feste Seeräubergesellschaft mit dem Hauptstützpunkt in Wisby bildete sich; ihre Anhänger nannten sich ‚Likendeeler‘, auch unter dem Namen ‚Vitalienbrüder‘ sind sie bekannt geworden. Alles, was nicht zu diesen beiden Städten gehörte, sahen die Raubgeschwader als willkommene Beute an. Nicht nur, daß sie die See unsicher machten; ihre Wege führten sie auch nach Bergen, das sie plünderten und damit der Hanse großen Schaden zufügten. Im Jahre 1394 schickte Lübeck eine Flotte von vierunddreißig Koggen gegen sie aus, ohne jedoch einen bemerkenswerten Erfolg zu erringen.
Erst als die Likendeeler im Jahre 1398 Wisby und Gotland durch das Vordringen des deutschen Ordens verloren, suchten sie ihren Hauptstützpunkt in der Nordsee, wo sie noch lange ihren Räubereien oblagen.
Von einem ihrer verwegensten Anführer, Klaus Störtebeker und seinen Genossen, soll in einem anderen Kapitel die Rede sein. Im Jahre 1401 wurde er durch die Hamburger gefangengenommen und hingerichtet.
Unter den Seehelden der Hanse, die in den nachfolgenden Jahren eine Rolle spielten, müssen Kurt Bokelmann und Paul Beneke, die beiden Danziger Anführer, genannt werden, da sie in der Mitte und gegen Ausgang des 15. Jahrhunderts die Tüchtigkeit der hansischen Seehelden durch bemerkenswerte Taten bewiesen; von ihnen wird noch die Rede sein.
Am Anfang des 15. Jahrhunderts begann der Hansebund sich zu lockern; die mancherlei Eigenwege, die die im Hansebund zusammengeschlossenen Städte einschlugen, zersetzten den Bund immer mehr und mehr.
So führten die holländischen Städte Handel auf eigene Faust, der sie durch ihre günstige nähere Lage zum Ozean besonders fördern konnte. In den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der Hanse und König Erich von Dänemark, die wegen der Erhebung eines Sundzolles in den Jahren 1427 bis 1435 entbrannten, hielten die Holländer strenge Neutralität und schufen sich dadurch Vorteile, der Hanse aber Nachteile, die schließlich im großen und ganzen das festhielt, was sie besaß.
Hin und her schwankte in jenen Jahren das Kriegsglück; unter sich uneins, griffen die Hansestädte wieder zum Kaperkriege, bei dem ihnen die Vitalienbrüder willkommene Bundesgenossen waren. Rostock und Stralsund bröckelten im Jahre 1430 vom Bunde ab, indem die beiden Städte durch einen Sonderfrieden, den sie mit Dänemark eingingen, die Gesamtinteressen verletzten. Die übrigen Hansestädte schlossen im Jahre 1435 mit dem Dänenfürsten den Frieden zu Vardingholm. Der König bestand nicht mehr auf dem Sundzoll und zahlte sogar eine geringe Entschädigung, nicht in Rücksicht auf die Kraft der Hansen, sondern weil die Verhältnisse in seinen Reichen ihn zum Nachgeben zwangen.
Die größte Bedeutung in der Lockerung des Hansebundes hat die Tatsache, daß vom Jahre 1425 an der große Zug der Heringe zur Ostsee ausblieb. Die an der Südwestspitze Schonens bei Skanoer und Falsterbo im Sommer und im Herbst errichteten umfangreichen Heringslager, unter dem Namen ‚Fitten‘ in der Geschichte bekannt, büßten an Bedeutung ein. Tausende von Fischern, Schiffern und Kaufleuten aller Nationen hatten sich viele Jahre hindurch hier zusammengefunden, und nun, da der Hering auf seinem Zuge jetzt die südliche Nordsee aufsuchte, büßten die alten Niederlassungen ihre Bedeutung ein. Die Niederlande aber nahmen an Bedeutung zu, da sie jetzt der Welt die bedeutsamste Fastenspeise — den Hering — lieferten.
Ein Kaperkrieg, der zwischen der Hanse und Holland ausgefochten wurde, brachte den Hansen Verluste und hatte als Endergebnis im Jahre 1441 die endgültige Trennung der holländischen Seestädte von der Hanse; das kleine Holland begann zuversichtlich seinen Welthandel zu entwickeln. Die Politik der Hansen war nicht mehr so sicher, so tatkräftig und so umsichtig wie früher. Ein vorsichtiger Krämergeist verursachte, daß nicht mehr wie sonst eine hinreichend starke Flotte unterhalten wurde, und als dann die drei nordischen Reiche in einer Hand vereinigt waren, bildeten sie eine Macht wie nie vorher. Die Hanse ließ es zu, mußte es zulassen, weil sie untätig war und sich mit der papierenen Zusicherung ihrer alten Vorrechte begnügte.
Inzwischen begannen die Verwicklungen mit England, die zu Kriegen führten, da die Engländer in den hartnäckigen französisch-englischen Auseinandersetzungen sich zeitweise mit Gewalt an den hansischen Schiffen bereicherten; die Engländer taten dies, weil sie wußten, daß hinter den einzelnen deutschen Städten keine Macht stand, und an eine Einigkeit der Hansestädte glaubten sie nicht. König Eduard IV. von England nahm im Jahre 1468 den Hansen ihre Vorrechte, setzte den deutschen Kaufmann gefangen, schloß den Stahlhof zu London und beschlagnahmte die deutschen Güter; nur die Kölner blieben verschont. Jetzt einigten sich die Städte. Auf dem Hansetag im Mai 1469 wurde auf Antrag von Lübeck beschlossen: 1. der Krieg gegen England, 2. das Verbot des Verkaufs englischer Waren im Gebiete der Hanse, 3. die Unterbindung des Verkehrs mit England.
Große Unternehmungen leiteten die Hansen nicht ein, sie versuchten es vorwiegend mit einem Kaperkriege, in dem sich besonders der Danziger Schiffsführer Paul Beneke hervortat.
Als eine starke Hanseflotte englische Küstengebiete viele Meilen weit verheerte und eine Reihe Schiffe fortgenommen hatte, bequemte sich Eduard IV. im Jahre 1474, Frieden zu schließen, der Hanse ihre Vorrechte wieder zu bestätigen und eine Kriegsentschädigung zu zahlen. Er tat dies, weil England die Absatzgebiete der Hanse noch brauchte.
Gegen Rußland konnte die Hanse bedeutsame Schritte nicht unternehmen, da diesem Staate ein Küstengebiet fehlte. Als Iwan I. im Jahre 1494 den deutschen Hof in Nowgorod ausplünderte, legte er die dort wohnenden neunundvierzig Deutschen in Ketten und fügte dadurch der Hanse schweren Schaden zu. Wohl rief sie den Kaiser um Hilfe an, der aber half nicht.
Wenige Jahre später erwirkte sich König Johann von Dänemark einen Achtbrief gegen Schweden. Die Hanse wurde hierdurch in ihrem Handelsverkehr gehindert. In diesen Zeiten erfuhr das feste Gefüge des Bundes eine große Lockerung. Als Lübeck am Ende des Jahres 1509 Dänemark den Krieg erklärte, schlossen sich ihm nur noch Rostock, Wismar und Stralsund an. Aber die Tatkraft der Hansestädte erfocht noch einmal den Sieg. Am 9. August 1510 wurde bei Bornholm den Dänen in einer Seeschlacht ein großer Verlust zugefügt; sie blieb aber nur unentschieden, weil die Stralsunder Schiffe zu spät kamen. Die dänischen Inseln waren schon vorher von den Hanseschiffen heimgesucht worden. Wenige Tage nach dem 9. August griffen die Hansen vor Danzig eine holländische Handelsflotte an und erbeuteten zahlreiche Schiffe. Am 18. August des gleichen Jahres kam es erneut zu einem Treffen bei Hela, in dem die dänische Flotte geschlagen wurde, dazu betrieben Lübeck und Kolberg den Kaperkrieg mit Erfolg, so daß die Überlegenheit der Hanse zur See bestehen blieb und der Friede zu Malmö im Jahre 1512 ihre Vorrechte bestätigte.
Wohl hatten die Hansen ihre Macht noch einmal gezeigt, aber die politischen Verhältnisse hatten während der zweieinhalb Jahrhunderte eine große Veränderung erfahren. Die Staaten, in denen die Hanse so große Vorrechte besaß, waren zu einem Lehns- und Beamtenstaat geworden; die Macht der Königswürde wuchs und damit auch das Bestreben jener Größen, nicht mehr den Seehandel des eigenen Landes in fremden Händen zu sehen. Dazu wollten die Fürsten sich des Rechtes, an ihrer Landesgrenze Zölle zu erheben, nicht länger begeben, noch sich Einschränkungen auferlegen lassen. Auch die günstigen Vorrechte, die der Hanse zustanden, wurden als lästig und drückend empfunden. Kurzum, die Zeit, in der sich Monopole des Seehandels aufrechterhalten ließen, war mit dem Mittelalter vorbei.
Leider erkannten die sonst so weitsichtigen Staatsmänner der Hanse diese Veränderungen der Zeitverhältnisse nicht. Sie hielten zu stark und zu fest an alten überkommenen Zielen. Die Seegrenzen, die die Haupthansestädte umfaßten, waren viel zu groß, dazu das Einflußgebiet der einzelnen Hansestädte zu verschiedenartig. Als notwendige Folge konnte die Abbröckelung des Bundes nicht ausbleiben. Die großen Entdeckungen des Mittelalters, die Reformation mit ihren durchgreifenden Erregungen der Gemüter führten auch zu einer Änderung auf sozialem Gebiete, durch das Schwankungen in die Verhältnisse hineinkamen.
In den Hansestädten wollten auch die minderbemittelten Kreise, die Handwerker, Einfluß auf die Regierung der Stadt haben und nicht allein alle Macht in den Händen der Kaufleute sehen. Die Gärung der Geister ging nicht spurlos im Treiben der Zeit vorüber, allein zum Ausbruch kam sie erst später.

Bürgermeister Jürgen Wullenweber (1492–1537). Gemälde im Museum zu Lübeck.
Noch einmal griff die Hanse in die Geschicke der nordischen Reiche ein. Es war im Jahre 1520, als Karl V. Kaiser von Deutschland wurde und bei den Auseinandersetzungen mit seinem Bruder Ferdinand die Niederlande, Westfriesland und Utrecht für sich behielt. Damit ging das Gebiet des Reiches von der Ems bis nach Dünkirchen für Deutschland verloren und kam in enge Beziehungen zu Spanien. Diese Trennung von Deutschland kam dem niederländischen Handel zugute und erfuhr noch eine bedeutende Steigerung, als Christian II. von Dänemark, ein Schwager Karls V., die niederländischen Handelsbeziehungen besonders begünstigte. Sein Plan ging dahin, ganz Schweden zu erobern; Schonen, den südlichen Teil Schwedens, besaß er schon. Dazu erstrebte er, Kopenhagen zum Mittelpunkte der Ostsee zu machen, um die alte Vormachtsstellung des hansischen Handels vollständig zu untergraben. Im Jahre 1519 floh Gustav Wasa, König von Schweden, vor Christian II. nach Lübeck und erbat hier Hilfe und Beistand. In den kriegerischen Auseinandersetzungen der nachfolgenden Jahre machte sich Christian II. durch das Stockholmer Blutbad furchtbar verhaßt. Einen Aufstand, den Gustav Wasa erregte, begünstigte die Hanse offen; sie unterstützte Schweden durch die Entsendung einer Flotte, die Bornholm verwüstete, Kopenhagen und Stockholm belagerte. Der dänische Kommandant von Stockholm übergab im Jahre 1523 dem hansischen Admiral die Schlüssel Stockholms, und Gustav Wasa zog als Gustav I. in seine Hauptstadt ein. Eine Reihe von Vorrechten bildeten den Lohn für die Mühe der Hanse. Christian II. mußte sein Land verlassen, da mit Hilfe der Hanse in Jütland Friedrich I. von Holstein zum König ausgerufen wurde. Für den neuen König eroberten die Hansen Seeland und belagerten Kopenhagen, das am 24. April 1524 sich ergab. So kam der neue dänische König durch die Hansen in den Besitz seines Reiches und seiner Hauptstadt. König Christian II. entfloh vorher und versuchte nach einigen Jahren mit Hollands Hilfe Norwegen für sich zurückzuerobern. Es gelang ihm, für eine kurze Zeit an der Küste festen Fuß zu fassen, jedoch eine Flotte der Hansen schlug ihn aufs Haupt. Christian begab sich in die Gefangenschaft seines Oheims Friedrichs I., der ihn siebenundzwanzig Jahre lang in harter Haft bis zu seinem Tode im Jahre 1559 im Schlosse zu Sonderburg hielt.
Diese Leistungen: die Einführung Gustav Wasas in sein Reich, die Erhebung Friedrichs I. zum König von Dänemark nach dem Sturze Christians II., bedeuteten die letzten Äußerungen der Kraft der Hanse. Das Ende nahte. —
Schon vor dem letzten Seezuge gegen Christian II. von Dänemark brachen in Lübeck um das Jahr 1500 herum Unruhen aus, deren Endziel darin bestand, die alte Verwaltung zu stürzen und an ihre Stelle eine neue zu setzen. Jürgen Wullenweber, der gefeierte, in Romanen und Dichtungen verherrlichte Bürgermeister der Zeit der Aufstandsbewegung, trat an die Spitze Lübecks und damit auch in den Vordergrund des Hansebundes. Sein Ziel war, die alte Stellung der Hanse unter der Vorherrschaft Lübecks im Handelsverkehr des Ostseegebietes wiederherzustellen. Insbesondere richtete sich seine Tätigkeit gegen Holland. Im Krieg gegen diesen Staat schickte er Marx Meier mit einem Geschwader nach der Nordsee. Er selbst fuhr mit einer Flotte nach dem Sunde und versuchte hier, Dänemark und Schweden zum Kampfe gegen Holland zu gewinnen. Gustav I. schlug diese Forderung nicht nur ab, sondern widerrief auch die früher bewilligten Vorrechte.
In Dänemark starb gerade Friedrich I., und Wullenweber versuchte, die dänische Krone Herzog Christian von Holstein zu geben. Dieser verband sich mit Schweden, Dänemark und Holland gegen die Hansen, da er die Krone aus den Händen der Hansen nicht annehmen wollte. Im Jahre 1534 begann Wullenweber den Feldzug mit Erfolg. Ein Teil der Truppen fiel in Holstein verheerend ein. Wullenweber selbst fuhr mit einer starken Flotte nach Kopenhagen, das er belagerte. Eine Reihe dänischer und schwedischer Schiffe fielen ihm zur Beute. Die holländischen Schiffe wurden ausgeplündert und im Sunde ein Sundzoll erhoben. Durch eine angestiftete Verschwörung erreichte er, daß Malmö und die Häfen auf Seeland sich ergaben, ebenso Kopenhagen; die dänische Flotte vereinigte sich mit der seinigen; die kleineren dänischen Inseln und Schonen schlossen sich ihm an. Allüberall begannen die Bauern in Aufständen gegen die Vorherrschaft des Adels zu wüten. Christian von Holstein ward in Jütland als König Christian III. ausgerufen. Graf von Rantzau, der holsteinische Adelsmarschall, zog während dieser Zeit vor Lübeck und belagerte es. Um der Bedrängnis der Stadt abzuhelfen, kehrte Wullenweber zurück. Eine Aufhebung der Belagerung erreichte er nicht. Vielmehr erkaufte er sich nur einen Waffenstillstand mit Holstein. Anfangs des Jahres 1535 wurde Marx Meier von Christian III. und Gustav I. nicht nur geschlagen, sondern auch bei Helsingborg gefangengenommen. Die vereinigten Flotten dieser beiden Fürsten im Bunde mit der preußischen schlugen sich mit den Hansen am 9. Juni in einem unentschiedenen Gefecht bei Bornholm; am 11. Juni trafen sich die Gegner bei Assens am Kleinen Belt, und die Verbündeten wurden Sieger. Einige Tage später fielen durch den Überfall der Reede von Svendborg neun hansische Schiffe ohne Gefecht in die Hände der Feinde. Wullenweber sah binnen kurzer Zeit seine hochfahrenden Absichten zertrümmert.

Der Sieg der Lübecker in der Seeschlacht bei Gotland. Nach einem Gemälde von Professor Hans Bohrdt.
Ein Hansetag, der jetzt einberufen wurde, sollte Hilfe bringen. Dieser Tagung wurde die entscheidende Frage vorgelegt: „Soll ein König von Dänemark ohne Zustimmung der Hanse herrschen?“ Inzwischen hatten die durch Wullenweber vertriebenen lübeckischen Bürgermeister ein Urteil des Kammergerichts herbeigeführt, in dem zum Ausdruck kam, daß die demokratische Verfassung durch Wullenweber widerrechtlich in Lübeck eingeführt sei und er mit der Reichsacht bedroht würde. Dies reichte hin, um die Lübecker zur Absetzung Wullenwebers zu bewegen.
Wullenweber ging an die Weser, um dort Landsknechte zu sammeln, er wurde jedoch vom Bischof von Bremen gefangengenommen und zu Wolfenbüttel hingerichtet. Die Pläne Wullenwebers paßten sich nicht den Zeitverhältnissen an, noch fügten sie sich in die Machtfaktoren ein. Und da weder Bündnisse, noch Heer und Flotte vorbereitet waren, mußte sein Unternehmen zugrunde gehen, und das zum Schaden des Vorortes der Hanse, Lübeck. Die Hanse galt nichts mehr. Gustav I. von Schweden hob kurzerhand die Vorrechte auf, Christian III. von Dänemark kümmerte sich auch nicht mehr darum. Der Verfall schritt rasch weiter. Im Jahre 1560 gingen die Ostseeprovinzen für Deutschland verloren, indem im Jahre 1558 Iwan II. von Rußland Narwa und Dorpat eroberte und der Hanse die Schiffahrt nach Livland verbot; Esthland unterwarf sich Erich XIV. von Schweden, und Kurland wurde im Jahre 1561 polnisches Lehen. —

Der ‚Adler‘. Nach einem Gemälde im Haus der Schiffergesellschaft zu Lübeck.
Gegen Schweden führte Lübeck im Bunde mit Dänemark von 1563 bis 1570 den letzten Seekrieg, Lübeck stand allein. Als die hansischen Abgeordneten den Fehdebrief an König Erich XIV. überbrachten, verwies er sie an den Rat der Stadt Stockholm. „Könige müßten Königen, Bürger und Bauern aber ihresgleichen den Absagebrief senden.“
Lübecks Macht war noch nicht ganz zu verachten. Die Stadt gesellte der einundvierzig Schiffe starken dänischen Flotte unter Peder Skramm noch dreizehn lübische zu.
Der Krieg begann auch nicht ungünstig. Das Jahr 1564 brachte ein unentschiedenes Gefecht bei Öland. Am 30. Mai 1565 errangen die Verbündeten zwischen Öland und Gotland einen Sieg über die Schweden. Drei Tage lang wurde gefochten und das schwedische Admiralschiff, der Makeloes, das 173 Geschütze trug, erobert. Jakob Bagge, den schwedischen Admiral, brachten die Lübecker als Gefangenen heim.
Von nun an neigte sich das Glück den Schweden zu. Im Jahre 1565 flog das größte lübische Schiff, der ‚Engel‘, infolge einer Unvorsichtigkeit der eigenen Besatzung in die Luft. Dann führten die Schweden einen Handstreich gegen Travemünde aus, dem das neue hansische Admiralsschiff, der ‚Morian‘, nur mit knapper Not entging. Im Juli siegten die Schweden in einer Zweitageschlacht zwischen Rügen und Bornholm. Die Verbündeten verloren diesmal den dänischen und deutschen Admiral und fünfhundert Mann.
Nach einem unentschiedenen Treffen bei Gotland im Jahre 1566 wurde die dänische und deutsche Flotte bei Wisby vom Sturm überrascht. Drei lübische und zehn dänische Schiffe gingen zugrunde, darunter der ‚Morian‘ mit dem Admiral und dem Bürgermeister von Lübeck an Bord.
In den letzten Kriegsjahren gab’s keine Seeschlachten mehr; die Schweden gingen nicht mehr in See. Die Stadt Lübeck ließ ein für die damalige Zeit sehr großes Schiff, den ‚Adler‘, in diesen Jahren gegen die Schweden kreuzen.
Lübeck bemühte sich, die übrigen Hauptstädte der Hanse zum Beitritt zu bewegen, doch vergebens. Der alte Unternehmungsgeist war dahin, von der Hanse war nichts mehr zu erwarten. Äußerlich hatten die alten Städte noch den Anschein von Kraft und Wohlstand, aber der Geist der alten Seefahrer war nicht mehr lebendig, die Hanse war fortan bis zur Auflösung im Jahre 1630 nur noch ein Name, den die Ausländer nicht achteten.
Es fehlte keineswegs an Bemühungen, die Hanse wieder zur Bedeutung emporzuheben. So hieß es in der Botschaft Ferdinands II. an die hansische Versammlung zu Lübeck im Jahre 1627:
„Der Kaiser Ferdinand II. wollte die Gelegenheit nicht versäumen, die Hansestädte wieder zu altem Flor, Ansehen und Hoheit herzustellen, da sie durch die Ausländer seit geraumer Zeit nicht allein merklich unterdrückt, sondern ihnen auch von fremden Potentaten die freie Schifffahrt gesperrt, ihre Schiffe überfallen, geplündert oder in Grund geschossen und ihnen zum Hohn und Spott deutscher Nation von ausländischen, monopolischen Gesellschaften das Brot gleichsam vor der Faust abgeschnitten sei.“ —
Bei der Botschaft blieb es; die Ereignisse bewiesen, daß der kriegerische Geist dahin war. Erst unsere Zeit konnte dem Deutschen Reiche wieder zu einer Seegeltung verhelfen.

Eine Septembernacht.
(1845.)
— Unde was der tidt tho Lübeck börgermester Jürgen Wullenweber; de hedde by sik geswaren, schot unde regiment van den Oeresundt an the hänsischen tho bringen, unde scholden de uth den steden myt eren schepen vortan nycht enes penniges wert an den Dänen betalen —
Lübische Chronik.
Zu Lübeck im Ratskeller saßen spät Wir Freunde noch beim Wein und tranken, Wo tief gebräunt die Eichentafel steht Aus unsres letzten Kriegsschiffs Planken. Doch galt es heute keinen Zecherspaß, Kein lustig Liedel, keine Becherfehde; Es schaute jeder ernst ins grüne Glas, Und ernst und sinnig floß die Rede. Wir sprachen von des alten Glanzes Zeit, Von jenen, die der Hansa Schlachten schlugen, Wir sprachen von der jüngsten Tage Leid Und von der Hoffnung, die wir trugen. Wohl spürten’s alle feierlich und leis, Wie sich aus Trümmern junges Leben zeuge, Und stille ward’s, als ob in unsern Kreis Der Schutzgeist unsrer Stadt sich beuge. Da schlug es Mitternacht. Sie brachen auf, Wir drückten herzlich uns die Hände; Mich aber trieb es noch den Gang hinauf, Die Fässer durch, entlang die schatt’gen Wände. Ich konnt’ an Schlaf nicht denken. Sonst und heut Zerfloß in meinen Sinnen lose; So trat ich ein, gedankenvoll zerstreut, Ins hallende Gewölb der ‚Rose‘. Wie kühl, wie stille! Nur mein Fußtritt scholl Verdreifacht von den Gurten wider; Ein Schauer wie vor Geisternähe quoll Geheimnisvoll durch meine Glieder, Und sieh, ein Lichtschein drang mir wunderbar Linksher entgegen aus der hohen Nische. Ich naht, und stand. Denn traun, ein seltnes Paar Erblickt’ ich zechend dort am Tische. Der eine saß geschmückt nach alter Art Mit Sammetschaube, Kraus’ und Kette, Umflossen Wang’ und Kinn vom blonden Bart, Die mächt’ge Stirn beschattet vom Barette. Das blaue Auge zuckt in scharfem Glühn, Als hing ein Weltgeschick an seinem Winken: So saß er da, gebeugt und dennoch kühn, Und starrt in seines Römers Blinken. Der andre stand, die Hand am Schwertesknauf, Riesig, vom Haupt zum Fuß in blankem Erze; Wie Blut an seinem Panzer spielt’ herauf Der rote Flackerschein der Kerze; Ein wild und rauh Gesicht. Ich spürt’ es bald, Hier war die Faust, dort das Ersinnen; Da, murmelnd, wie der Wind durch Herbstlaub wallt, Hört ich des ersten Worte rinnen: „O Meeresauge, dunkelblauer Sund, Du felsumstarrte Ostseepforte, Wie schaut’ ich oft hinab in deinen Grund Und zwang ins Herz zurück der Sehnsucht Worte! Dort unten, wo die Welle leiser schoß, Sah ich den goldnen Zauberschlüssel liegen, Der uns ein neues Reich erschloß Von Meeresherrschaft, Glanz und Siegen.

Eroberung Kopenhagens durch die Hansa. Von Professor Hans Petersen.
❏ GRÖSSERE BILDANSICHT
„Ich warb um ihn, wie um den Ring der Braut, Ich warb auf Leben und auf Sterben. O hätte mir das blöde Volk getraut! Den Sieg erzwingen mußte solch ein Werben, Den Sieg der Kampf, der sieben Jahre durch Im Rat, zur See, im Schlachtfeld grollte, Der Riesenkampf, der unsrer Hansa Burg Bis zu den Sternen türmen sollte. „Sie faßten’s nicht, es war für sie zu groß; Sie zitterten, die Käufer und Verkäufer; Da führten meine Feinde schlau den Stoß, Verräter hieß ich, Wiedertäufer. Sie rissen von den Stufen mich herab, Sie saßen trotzig zu Gerichte, Sie brachen über mich den weißen Stab, Und mehr! — Sie schrieben die Geschichte. „Dreihundert Jahre sind’s, da sprang vom Schlag Des Beils mein Blut in Strömen vom Schafotte. Doch war ein Geist des Unheils seit dem Tag Mit meiner Heimat Heer und Flotte — Was Menschen bauten, wird des Windes Spiel, Nur Gottes Ratschluß bleibt beständig; Die Hansa sank, das alte Reich zerfiel, Doch Deutschland steigt empor lebendig. „Es geht ein heil’ger Sturm von Stadt zu Stadt, Sie spüren’s all, erwacht aus schwerem Traume: Deutschland ist eins, und jeder ist ein Blatt Am riesengroßen Wunderbaume. Schon grollt man jedem fremden Übermut, Schon zürnt der Süden, ist der Norden frönig; Hinweg denn mit dem knechtischen Tribut, Dem Schoß an jenen Inselkönig! „Frischauf, mein Volk, du großes Vaterland, Treueinig, wie ich’s nimmer durfte schauen! Vollführe du, was mir im Herzen stand, Zu Masten laß des Forstes Tannen hauen! Dein sei der Sund, der dich nach Westen weist, Der Weg des Meeres dein, ein glorreich Lehen, Mit Kugeln gib den Zoll! Es soll mein Geist Am Steuer deines Heerschiffs stehen!“ Er fuhr empor: die beiden stießen an, Die Schwerter klirrten und die grünen Becher, Und hastig bis zur Neige stürzten dann Den Wein hinab die seltnen Zecher. Da dröhnt’ es eins von Sankt Marien Turm, Die Kerze flackert und erlosch im Schalle, Durch Pfort und Gitter braust’ es wie ein Sturm, Und einsam stand ich in der Halle. Mir graute nicht. Wohl hatt’ ich sie erkannt, Die Heimgekehrten aus dem Reich der Gräber, Die mächtigen Gestalten Hand in Hand, Marx Meier, Jürgen Wullenweber. Mein Herz schlug kühn, zur Hoffnung hoch erwacht, Und durch des Herbstes Wind und Blättertreiben Heimschritt ich froh, um noch in tiefer Nacht, Was ich vernommen, aufzuschreiben.
Emanuel Geibel.
(Aus: „Geibel, Gesammelte Werke“. I. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart.)

Schiffbau und Schiffahrt zur Hansezeit.
Die erste deutsche Seemacht, die Hanse, besaß eine Flotte, die für jene Zeiten bedeutend war; im Frieden wie im Kriege hat sie eine Rolle gespielt, an die wir mit Wehmut und Neid zurückdenken. Über den Umfang und den Gesamtwert jener Flotte haben wir keine Nachrichten, keine, auch nur für einen Zeitpunkt. Wohl werden uns bei Gelegenheit von Rüstungen gegen gemeinsame Feinde einzelne Zahlen mitgeteilt, die für die Größe der Bewertung nicht ganz wertlos sind. Über die Entstehung der Kauffahrteiflotte, über den hansischen Schiffbau läßt uns das reichliche Material der hansischen Geschichte im Stich, statistische Angaben fehlen vollständig. Angaben über Verluste von Schiffen, über Schiffsnamen, über Schiffsberaubungen, Strandungen und Ausrüstungen kommen schon bedeutend häufiger vor.

Schiffbauwerkstätte im 17. Jahrhundert.
Der Schiffbau war frühzeitig ein Gegenstand der polizeilich und wirtschaftlich beschränkenden Fürsorge der Hansen. Jede an der Schiffahrt beteiligte Stadt baute ihre Fahrzeuge selbst, und man hielt strenge darauf, daß für Außenhansen keine Schiffe gebaut oder neue Schiffe an sie verkauft wurden. Nicht immer beachtete man das Verbot des Schiffbaues für Fremde; namentlich Danzig, das einen besonders blühenden Schiffbau aufwies, kümmerte sich oftmals wenig darum. Neben Danzig muß Lübeck genannt werden, in dessen Lastadienbüchern — Lastadien nannte man zur Hansezeit die Schiffbauwerkstätten — seit 1560 eine genaue Aufstellung vorhanden ist. Andere bestimmte Nachrichten über den Umfang der Reederei und des Schiffbaues in den Hansestädten liegen nur in geringem Maße vor.

Schiffbauwerkstätte im 17. Jahrhundert.
Die Schiffahrt hat in den Zeiten der Hanse mancherlei Gefahren und Schwierigkeiten zu bestehen gehabt. Die Gestalt der Schiffe, die man teils lang und schmal, teils kurz und tiefbauchig baute, war bis zum 12. Jahrhundert sogar so einfach, daß die Fahrzeuge ohne Deck mit nur einem Mast fuhren, dessen einzige rechtwinklig sitzende Rahe ein Segel trug, das erst nach der Abfahrt aufgerichtet wurde; als Steuer diente ein bereits bewegliches Ruder, es konnte, je nachdem es erforderlich war, links oder rechts eingesetzt werden. War der Wind ungünstig und das Segeln unmöglich, so geschah die Fortbewegung des Schiffes durch Ruder und lange Stangen. Ein Teil der Schiffsmannschaft mußte das einströmende Wasser ausschöpfen. Nach dem 12. Jahrhundert erhielten die Schiffe ein Verdeck, jedoch wurde es im Winter abgenommen. Auch stellte man den Mast fester, verband das Steuerruder mit der Verlängerung des Kielbalkens und legte beim Vorder- und Hintersteven Kastelle an, das sind Aufbauten, die zur Verteidigung und beim Angriff als Schutzwehr dienten. Das Verdeck zwischen den Steven wurde mit Planken umsäumt, die in der Mitte einen Durchlaß hatten, der beim Ausladen und Einladen gebraucht wurde. Der kurze Mastbaum trug einen Mastkorb aus Weidenzweigen, die sogenannte Reibe, die erst in späterer Zeit aus festem Holz hergestellt wurde. Über die Betakelung und die Segelführung der Schiffe jener Zeit kann man sich schwer eine Vorstellung machen, desgleichen über die Handhabung und die Fahrt. Da der Kompaß in den nordischen Gewässern schwerlich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts angewendet wurde, hielt sich der Schiffer immer in der Nähe der Küste auf. Chronometer und Log besaß er nicht, daher konnte er nur abschätzen und nur bei gutem Wetter eine längere Fahrt übers Meer unternehmen. Nicht zu unterschätzen ist die Geschwindigkeit, denn bei günstigem Winde fuhr ein Segler damaliger Zeit mindestens so schnell wie ein mittlerer Dampfer unserer Tage.
Am Abend, wenn die Dämmerung hereinbrach, wurde Anker geworfen, und Teile der Mannschaft stiegen ans Land, um die Mahlzeit zu kochen. Die erste Rolle spielte dabei die Grütze. An den Tagen, an denen nicht gelandet wurde oder an denen man nicht landen konnte, gab es kaltes Fleisch, Schinken, Brot, Butter, Räucherhering und dergleichen. Einen besonderen Koch gab es nicht. Das Kochen ging die Reihe herum. Unter dem Maste stand zugedeckt ein Gefäß Trinkwasser, aus dem man gemeinsam trank, und Bier, das in einer Tonne aufbewahrt wurde. Wenn das Schiff während der Nachtzeit am Ufer lag, verband eine Landungsbrücke Land und Schiff. Wachtposten sorgten für die Sicherheit. Kam ein Sturm, so suchte man, solange es möglich war, Schutz am Lande. Bei Fahrten über das offene Meer, wenn die Sonne unter den Horizont gesunken war und kein Küstenstrich sich mehr zeigte, richtete sich der Schiffsmann nach dem Polarstern. Dieser war der Leitstern des Schiffers. Tage-, ja wochenlang wartete man auf günstiges Wetter, auf einen klaren Himmel, um sich nicht der Gefahr auszusetzen, ins Ungewisse hinauszusegeln. Trat während der Fahrt schlechtes Wetter ein, so ließ der Schiffer wohl Vögel auffliegen, die er mit an Bord genommen hatte und nach deren Flug er sich richtete, da die fortfliegenden Vögel die Richtung nach dem Lande angaben. Der Schiffbau der Hansen hat sich im Laufe der Zeit je nach den Schwierigkeiten, die zu erfüllen waren, entwickelt. Die Größe der Schiffe, ihre Seetüchtigkeit, ihre Stärke und Manövrierfähigkeit, ihre Kriegsbrauchbarkeit, kurzum, Bau und Ausrüstung haben in den Jahrhunderten ständig Veränderungen erfahren.

Lübeckische Kriegskogge aus dem fünfzehnten Jahrhundert.
Aus der ältesten Zeit bis etwa in das 15. Jahrhundert hinein sind keine Bilder erhalten, die über das Äußere Aufschluß geben. Wie auch heute noch, so unterschied man damals nach Größe und Zweck vielfältige Formen, für die mannigfache Namen erdacht wurden. Am verbreitetsten war die Bezeichnung ‚Koggen‘. Aus festem Eichenholz erbaut, mit hohem Borde, konnten sie dem wilden Sturme trotzen, und der bauchige Leib bot großen Raum für Waren und Mannschaften. Hinter- und Vorderteil waren abgerundet; die Segel befanden sich an zwei Masten. Die Durchschnittsgröße der hansischen Schiffe betrug im 14. Jahrhundert etwa hundert Tonnen und darunter, im 15. Jahrhundert mehr. An der Grenze des Mittelalters nahm die Größe der Schiffe zu. Im nordischen siebenjährigen Kriege (1563 bis 1570) bauten die Lübecker das Kriegsschiff ‚Adler‘, das 1400 Tonnen faßte. Lübeck und Danzig besaßen besonders große Schiffe.
Die Bezeichnung Tonne als Schiffsmaß stammt auch von den hansischen Schiffen, die als Hauptartikel Bier und Wein beförderten. Es kam darauf an, zu wissen, wieviel Tonnen, mit diesen Getränken gefüllt, ein Schiff laden konnte.

Hamburgisches Kriegsschiff aus der Zeit der Hanse.
Die Koggen dienten gleichmäßig für den Krieg und für den Frieden, je nachdem es die Zeit erforderte. Jedoch waren die für den Krieg bestimmten Schiffe noch besser ausgerüstet. Sie trugen am Vorder- und Hinterdeck kastellartige Erhöhungen, von denen aus die Mannschaften kämpften. In der Mitte des Schiffes befanden sich Wurfmaschinen; auch aus den Mastkörben schleuderten die Schützen ihre Geschosse.
Im Kampfe drangen die Schiffe nahe aufeinander ein, die Enterbrücken fielen; man zog unter Umständen das feindliche Schiff mit dem Enterhaken heran, um so an Bord den Kampf zu Ende zu führen.
Die kleineren Schiffe jener Zeit, die sogenannten ‚Sniggen‘, waren schmal, lang und offen gebaut, vergleichbar mit den heutzutage gebräuchlichen Schuten; ein Mast trug die Segel zur Fortbewegung.
Nachdem das Pulver erfunden war und die Feuerwaffen sich ausbreiteten, machten die Hansestädte in ihren Kriegen und bei der Ausrüstung ihrer Schiffe sehr schnell Gebrauch davon. Als Kopenhagen im Jahre 1428 belagert wurde, feuerten zweihundert Büchsen gleichzeitig gegen die Stadt.
Die Schiffahrt machte ständig Fortschritte, auch wurde man nach und nach mit dem Meer vertrauter. Man hielt sich nicht mehr ängstlich an den Küsten auf, sondern fuhr in freier Fahrt über das Meer; die Schiffe wurden für diese langen Fahrten größer und reicher ausgestattet. Auch die Kriegsschiffe, nach der damaligen holländischen Bezeichnung ‚Orlogschiffe‘ genannt, unterschieden sich jetzt viel mehr von den Kauffahrteifahrzeugen. Bei den Kriegsschiffen baute man ein doppeltes Deck ein, gab ihnen drei Masten und machte ihren Rumpf recht groß. So faßte zum Beispiel das schwedische Admiralschiff in der Seeschlacht bei Bornholm im Jahre 1564 siebenhundert Mann Besatzung.
Die Schiffe der Hanse besaßen kein gemeinsames Abzeichen, führten auch keine einheitliche Flagge. Je nach den Städten war die Farbe der Wimpel verschieden; bei den Hamburgern rot, bei den Lübeckern weiß-rot, bei den Rigaern schwarz mit weißem Kreuz. In der Schlacht, wo Erkennungszeichen notwendig waren, pflanzte man das Wappenschild des Fürsten oder der Stadt auf den Schiffskastellen oder dem Mastkorbe auf. An Bord der Schiffe herrschte strenge Ordnung. Auf der See war alles dem Gebote des Kapitäns und der selbstgewählten Vertrauensmänner untertan. Vor dem Auslauf in die See sprach man ein gemeinsames Gebet, auch wurden die betreffenden Vorschriften eingeschärft. Vor dem Einlaufen in den Hafen ermahnte man die Mannschaft, allen Groll über erlittene Strafen und andere Vorfälle nicht mit ans Land zu nehmen. In jener Zeit unterlag das Schiffswesen festen, geregelten Bestimmungen, die fast bis ins kleinste eingriffen. Es stand nicht einmal frei, zu jeder beliebigen Zeit in die See zu stoßen. Von Martini bis zum 22. Februar sollte die Schiffahrt ruhen, so forderte ein im Jahre 1401 gefaßter und später mehrmals wiederholter Beschluß. Zu Kriegszeiten durfte kein Schiff einzeln fahren und ferne Häfen aufsuchen. Aus allen diesen Gebräuchen und Beschlüssen entstand allmählich das Seerecht. Die am Mittelmeer liegenden Städte sind mit solchen Aufzeichnungen vorangegangen. Auf diese Vorlage bauten sich das Wisbysche Seerecht und das Hamburger Schiffsrecht auf, von denen gelehrte Bearbeitungen aus den Jahren 1591 und 1641 bis in die neuere Zeit Geltung behalten haben. Zur Orientierung auf dem Meere dienten auch damals dem Schiffer Seebücher. Eines dieser Bücher, dessen Ursprung bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht, belehrte den hansischen Schiffsführer über Küsten und Meere von der Gibraltarstraße bis an den Finnischen Meerbusen, unterwies ihn über Gezeiten und Stromläufe, Häfen und Reeden, Klippen und Bänke, und unterrichtete ihn über die Merkmale, die für eine glückliche Landung zu beachten waren. Auch Angaben über Tiefe und Beschaffenheit des Meeresgrundes waren nicht vergessen.
Seekarten, die der Mittelmeerfahrer seit dem 14. Jahrhundert besaß, kamen für die nordischen Gewässer erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auf, und ihre Verwendung erleichterte dem Schiffsführer sein schwieriges Amt.

Der hansische Kaufmann.
Vor dem 12. und 13. Jahrhundert kann von einem hansischen Kaufmann noch nicht gesprochen werden, denn erst in dieser Zeit trat er in die Erscheinung. Es ist ein eigenartiges Merkmal des Mittelalters, daß der einzelne Mensch unfreier, gebundener und der Gesamtheit weit mehr untergeordnet war als heute. Ordnung und Zucht hielten das Ganze — sei es Stadt oder Land — viel schärfer zusammen. Der einzelne konnte seiner Eigenart viel weniger nachgehen. Solchem Zwange unterlag auch das Kaufmannsleben der Hansezeit. In Heimat und Fremde mußte er die örtlichen Vorschriften beim Kauf und Verkauf der Waren beachten. In den ausländischen Kontoren in Nowgorod, Bergen, London lebte er in strenger, enger Tischgesellschaft mit seinen Genossen. Bei der Meerfahrt unterstand der Kaufmann der Gerichtsbarkeit des Admirals, und trotzdem war er in Heimat und Fremde ein freigeborener Mann. Gerade die persönliche Freiheit bildete die eigentliche Vorbedingung für das unbehelligte Wandern der Kaufleute. Mancher Kaufherr hatte im Mittelalter aus kleinen Anfängen sein Handlungshaus zur Höhe gebracht. Sein Wohlstand begründete den seines Geschlechtes, und in großartiger Wohltätigkeit schuf der Kaufmann Stiftungen für die Heimat, die seinen Namen bis in unsere Zeit rühmend nennen.
Wie war der Lebenslauf eines Kaufmanns in der hansischen Zeit? Sein Eintritt in das Leben, die Taufe und die ersten Kinderjahre verliefen kaum anders als bei sonstigen Sterblichen. Und wenn der neue Erdenbürger seinen ersten Schrei tat, nahmen daran nicht nur die Hausgenossen teil, sondern auch Verwandtschaft und Bekanntschaft. Die freudige Nachricht brachte die mit einem Blumenstrauß geschmückte Magd den Verwandten und befreundeten Nachbarn, und gern stellten sich die Freundinnen ein, um Mutter und Kind zu sehen und sich selbst bei gutem Mahle und gutem Trunk zum Wohle von Mutter und Kind zu stärken.
In jener Zeit hat vielfach die Obrigkeit durch Verordnungen eingegriffen, um die Gelage zu bekämpfen, aber mit wenig Erfolg. Die Taufe geschah nach den Vorschriften der Kirche bald nach der Geburt; meistens erfolgte sie schon am zweiten oder dritten Tag. Vielfach war auch die Taufe mit Festlichkeiten verbunden, die allerlei Aufwand aufwiesen, daher hatten manche Stadtobrigkeiten durch Verordnungen die Schmausereien und das Übermaß der Patengeschenke einschränken wollen. Es half aber wenig. Lieber zahlte man die Buße, die auf der Übertretung der Verordnung stand, und ließ alles beim alten. Nicht allemal verliefen die Tauffestlichkeiten friedlich; oft genug trennten sich die erhitzten Gemüter in Hader und Zwist.

Handelsbetrieb im fünfzehnten Jahrhundert. Nach einer alten Miniatur.
Über den Verlauf der ersten Kinderjahre berichten die hansischen Geschichtsquellen wenig. Sie wissen wohl davon zu erzählen, daß die Kindersterblichkeit eine hohe Ziffer aufwies, ebenso war aber auch der Kinderreichtum der Familien groß. Die Sterblichkeit lag der Hauptsache nach in dem damaligen Stande der ärztlichen Kunst begründet. Allerlei Medizinen, viele Haus- und Geheimmittel begleiteten das neugeborene Kind von der Wiege an durch alle Lebensabschnitte der Kindheit. Sie sollten das Zahnen, das Gehen und Sprechenlernen unterstützen, und der Aber- und Wunderglaube jener Tage, der den Wolfs- und Pferdezähnen und ähnlichen Amuletten wunderbare Wirkungen zuschrieb, ist ja in unserer Zeit noch nicht ausgestorben. Auch in jenen Tagen hat es nicht an Beispielen gefehlt, daß der Kampf ums Dasein hart war, daß Vater und Mutter sich nicht, wie es sein mußte, um ihr Kind kümmern konnten.
Mit dem Eintritt in die Schule begann ein neuer Zeitabschnitt in dem Leben des jungen Menschenkindes; daß der Kaufmann jener Tage eine Schule besuchte, war selbstverständlich. In den Archiven der hansischen Städte finden wir neben den Aufzeichnungen, die in den Kanzleien geschahen und von Ratmannen oder Beamten stammten, auch Rechnungen einfacher Handwerker und Kaufleute. Und die Starrheit und Ungelenkigkeit der Schriftzüge beweisen, daß die Feder nur widerwillig der Führung der Hand gehorchte. Das Schulwesen jener Tage zeigte keine einheitliche Gliederung, sondern die örtlichen Verhältnisse und die recht verschiedenen Bedürfnisse und Rücksichten entschieden alles. Die Schule bildete keine Angelegenheit des Staates oder der Stadt, sondern der Kirche, und daher kam es oft zwischen beiden zu Auseinandersetzungen. Die Zucht in den Schulen war strenge; Stock und Rute spielten eine große Rolle, sie blieben die unentbehrlichsten Hilfsmittel im Unterricht. Auf bildlichen Vorstellungen des Mittelalters ist die Rute das Standessymbol des Lehrers. Als Unarten der Schüler jener Zeit werden nur solche Vergehen berichtet, die auch die heutige Jugend noch nicht abgelegt hat. Nach der Schulzeit kam die Lehre und damit der Ernst des Lebens.
Über die Lehrzeit sagen die niederdeutschen Quellen wenig. Sie war verschieden bemessen und schwankte zwischen zwei und zehn Jahren. Alter, Bildungsstand, Lebensstellung des Lehrlings spielten eine bestimmte Rolle. Lehrlingsordnungen überlieferte erst eine spätere Zeit. Es darf jedoch als sicher gelten, daß manche von diesen schon früher bestanden. In einigen dieser Bestimmungen fesselt besonders die Verfügung, die dem jungen Kaufmannsgesellen einen zweijährigen Aufenthalt in der Fremde vorschrieb. Hierin haben wir den Schlüssel zu der Stellung des hansischen Kaufmanns. Jeder mußte hinaus, um sich an anderen Orten, an fremden Plätzen, an fremden Märkten Erfahrungen zu sammeln, die ihn später in den Stand setzten, nicht nur für sich, sondern auch für das Wohl seiner Vaterstadt zu wirken. Die Lehrzeit war gewiß recht hart, denn der junge Kaufmannslehrling mußte auch im Haushalte tüchtig zugreifen; Einheizen, Feuerstechen, Hauskehren, Wein-, Bier- und Wasserholen gehörten vielfach zu seinen Dienstobliegenheiten. In den Bestimmungen wurde der Lehrherr darauf hingewiesen, den Lehrling in Gottesfurcht zu erziehen und allseitig auszubilden. Es darf nicht vergessen werden, daß der Lehrling oft sehr jung in die Lehre kam und häufig genug erst jetzt seine Schulbildung vervollständigte. Wenig hören wir von der Erlernung fremder Sprachen, abgesehen von dem Latein. Man darf als sicher annehmen, daß der Kaufmann der hansischen Zeit auch versucht hat, die Sprachen der Völker, mit denen er Handel trieb, zu beherrschen. Lehrjungen und Gesellen waren bei den Kaufleuten besonderen Aufnahmegebräuchen unterworfen, die nach Ort und Zeit durchaus verschiedenartige waren. Am bekanntesten sind die Spiele am Kontor zu Bergen geworden. Von ihnen soll noch in einem anderen Kapitel die Rede sein.
Nach überstandener Lehrzeit wurde aus dem Lehrling ein Handlungsdiener, er wurde Knecht oder Geselle. Die Bezeichnungen haben eben verschieden gelautet. Jetzt begann für ihn die Zeit der Reise; entweder begleitete er dabei seinen Herrn, oder dieser beauftragte den jungen Menschen, in die Fremde zu gehen. Gleich dem Wandern der Handwerkergesellen waren diese Handelsfahrten für den jungen Kaufmann von Wichtigkeit, sie gaben ihm Weitblick und Unternehmungsgeist und verliehen seinem Dasein Reiz. „Koplude, loplude“ sagt ein altes Wort, das die Seite des kaufmännischen Lebens jener Tage dadurch scharf beleuchtet. Heutzutage, der Zeit der Durchgangszüge mit Speisewagen, reist es sich bequemer und schneller als in jener Vergangenheit, in der die Land- und Heerstraßen nur schlecht im Stand gehalten wurden. Nur die ärgsten Stellen und Löcher auf den großen Landesheerstraßen besserte man notdürftig mit Reisig und Knüppeln aus. Langsam und mühsam bewegten sich die hochbeladenen, mit einer großen Plane überspannten Frachtwagen vorwärts. Staub und grundloser Schmutz belästigten die Begleiter. Manches Rad und manche Achse gingen an Steinen und in Tiefen zuschanden.
Der wandernde Geselle schritt mit seinem Ränzel nebenher, der reiche Kaufherr ritt nebenan. Es war notwendig, sich mit Lebensmitteln wohl zu versorgen, denn die Wirtschaften an Straßen und in den Dörfern hatten nur selten etwas Genießbares. Auf Heuböden, bei der Ofenbank, auf den Tischen der Wirtsstuben wurde genächtigt. Oft blieb der Reisende lieber unter freiem Himmel. Geiler von Kaisersberg ruft mitleidig aus: „Was muß der Kaufmann alles leiden! Er muß elende Herbergen aufsuchen, manch böses Mahl mit guten Zähnen essen und teuer bezahlen.“

Schiffbruch eines Bergenfahrers. Nach einem Altargemälde in der Marienkirche zu Lübeck.
Die Schiffahrt, das wichtigste Hilfsmittel des hansischen Handels, erfreute sich allseitiger Anteilnahme. Der norddeutsche Kaufmann begleitete in der Regel seine Ware und wachte persönlich über sie. Wie im Laufe der Zeit sich ständige und enge Beziehungen zwischen den verschiedenen Häfen und Gebieten entwickelt hatten, dazu die Handelsgesellschaften und Lieger sich mehrten, veranlaßten säumige Schuldner oder andere Gründe einen großen Teil der Handelsherren, sich oft den Gefahren einer Meeresfahrt auszusetzen. Die Seekrankheit mit ihren unangenehmen Begleiterscheinungen focht nicht weiter an. Dafür drohten Seeraub, Kaperei und Strandrecht, ferner konnten die Naturgewalten durch Sturm und Unwetter Schiffbruch und Strandung herbeiführen. An der Westwand der Briefkapelle in der Marienkirche zu Lübeck hängt ein Gemälde, das den Untergang eines lübischen Dreimasters an der norwegischen Küste im Jahre 1489 darstellt. Der Sturm hat die Masten zersplittert, die Segel zerrissen; an Kisten und Planken geklammert, sucht sich die Schiffsbesatzung zu retten, einige haben glücklich die Felsenküste erreicht. Spruchbänder an der Tafel erzählen, daß der Schiffer und dreiunddreißig Mann ertrunken seien.
Der unbekannte Stifter des Bildes, wahrscheinlich ein aus dem Schiffbruch glücklich geretteter Bergenfahrer, schließt daran die Ermahnung:
Och, guden gesellen, holdet nicht to licht, Er gi to scepe gat, gat jo to der bicht. Et was so kort ene tyt, Dat wy unses levendes worden quid. En pater noster vor alle cristen seelen![2]
Aus diesen einfachen Versen spricht das religiöse Empfinden, das jeden vor Beginn einer größeren, mit Gefahren verknüpften Reise veranlaßt, für sein künftiges Seelenheil zu sorgen. Man darf jedoch die Unsicherheit der Land- und Wasserstraßen nicht übertreiben. Es lauerten weder an jeder Straßenecke oder in jedem Walde Räuber auf, noch verbargen sich hinter jeder Klippe oder in jeder Bucht Vitalienbrüder. Die Regel bildete das sichere Vollbringen der Fahrten. Von ihnen wird nicht viel gesprochen. Ohne das glückliche Vollenden vieler Fahrten wäre ein so reger und ständig wachsender Handelsverkehr nicht möglich gewesen. Mehr sprach man von den Reisen, die durch Raub und Plackerei betroffen wurden, und umfangreiche Schriftstücke in den Archiven der Städte beweisen, daß man mit vieler Umständlichkeit Beschwerden zu Papier gebracht hat. Der hansische Kaufmann reiste gern. In das Einerlei des Tages brachte die Fahrt willkommene Abwechslung. Nach der Heimkehr erwartete den jungen Kaufmann die Pflicht des Tages. Er mußte mitwirken in der Schreibstube, in den Räumen des Hauses oder auf den Kaufhöfen. Einerlei, ob er in das väterliche Geschäft eintrat oder sich selbständig machte. Spärlich ist die Auskunft über diese Tätigkeit; und in den Handelsbriefen und Handelsbüchern jener Epoche des deutschen Handels wird wenig darüber berichtet. Bildliche Darstellungen von den Meistern jener Zeit wissen uns mehr zu erzählen. Sorgen aller Art haben auch damals den Kaufmann bedrückt. Der Durchschnittskaufmann jedoch überarbeitete sich nicht. Das Hasten unserer Zeit, Telephon und Telegraph kannte er nicht, und reiflich und langsam überlegte er seine Geschäftsabschlüsse. Man erhob sich zwar früh aus den Federn, um der Frühmesse beizuwohnen. Dann kam das gemächliche Verzehren der Morgensuppe, dann die Arbeit oder die Ratssitzung, und wenn sich zur Mittagszeit der Hunger wieder einstellte, so gab’s nach dem Essen eine längere Ruhepause. Des Nachmittags ging man wieder den Berufsgeschäften nach, um zwischen vier und fünf Uhr zu vespern; damit war dem Arbeitstage sein Ziel gesetzt, und nur in eiligen Zeiten, wenn die Arbeitsmenge sich häufte, so zum Beispiel bei der Ankunft oder vor der Abfahrt von Flotten, wird sich mancher Kaufherr noch einmal des Abends in seine Schreibstube verfügt haben, um die Geschäftspapiere zu erledigen.

Der Artushof in Danzig. Nach einer Aufnahme der Kgl. Meßbildanstalt in Berlin.

Das Haus der Schiffergesellschaft zu Lübeck.
Das Leben war im Mittelalter bis in das 15. Jahrhundert hinein arm und hart, und erst in einer Zeit, da von Italien der Prunk und Anspruch nach Deutschland vordrangen, wurde die Lebensart eine andere. Das Haus und seine Einrichtung dienten bis dahin in erster Linie den geschäftlichen Zwecken; für das Familienleben blieben nur enge und unbehagliche Räume. Erst mit dem 15. Jahrhundert begann hier ein Wechsel einzutreten, da zu dieser Zeit in norddeutschen Städten die Verwendung der Glasscheiben ihren Eingang fand. Aus dem Grunde ist es erklärlich, daß die Bewohner jener Zeit den Trieb nach Geselligkeit außerhalb des Hauses befriedigten und in Klubhäusern und Ratskellern ihre Zusammenkünfte pflegten. Die Artus- und Junkerhöfe, Seglerhäuser und Schüttinge, Bursen und Säle, unter welchen Namen diese Versammlungs- und Trinkhäuser ihren Zwecken dienstbar waren, sahen namentlich in den Wintertagen und nach des Tages Last und Hitze trinkfrohe Kreise in ihren Räumen versammelt.
Ein bemerkenswertes, eigenartiges und noch in unserer Zeit viel aufgesuchtes Versammlungshaus aus den Tagen der Hanse bildet das Haus der Schiffergesellschaft zu Lübeck.
Doch treten wir ein! Eine große Diele umfängt uns. Immer von neuem übt dieser Raum auf den Besucher seine Wirkung. Wie wunderlich ist er, und doch wie charaktervoll! Hier weht Seeluft. Wie der Seemann selbst in alter Zeit war, so ist auch sein Vereinslokal, behäbig, derb und voller Erinnerungen; und wie den Seemann erst ein längeres Verweilen und das Eingehen auf seine Worte veranlaßt, sich dem Gaste zu erschließen und sein ‚Garn zu spinnen‘, so lösen sich auch hier erst allmählich und nach einigem Verweilen aus der Dämmerung des Raumes die ‚Erinnerungen‘, jene sonderbaren Dekorationsstücke, die, in Jahrhunderten aus aller Welt zusammengebracht, den Raum bis in die fernsten Winkel füllen. Von der verräucherten Decke hängen die alten Schiffsmodelle herab, dazwischen prangt der mächtige Messingkronleuchter. Alte Heiligenstatuen bemerken wir an den Schränken, Bilder an den Wänden, Kränze und Teller auf den Borden. Jedes Stück hat seine Geschichte. Zwei große Bilder an einem Pfosten stellen den ‚Adler‘ dar, jenes gigantische Lübecker Admiralsschiff vom Jahre 1567. Das Gestühl an der südlichen Wand trägt als Wappen zwei gekrönte, gekreuzte Bootshaken. Dies ist das eigentliche Wappen der Schiffergesellschaft. Auf den Lehnen der übrigen ‚Gelage‘ in der Mitte des Raumes erblicken wir die Wappen der Bergenfahrer: ‚Gekrönter Stockfisch‘ und ‚Halber Adler‘, der Rigafahrer: ‚Burg mit gekreuzten Schlüsseln‘, und der Revalfahrer: ‚Drei Leoparden‘.
Hier fanden sich die Schiffer nach den Gesellschaften zusammen, denen sie dienten, und hier trafen sie am ehesten gute Bekannte. Aus dicken Eichenplatten ist das Gestühl gezimmert, derb wie der Seemann, der einst darauf saß. Am Tische der Älterleute, dem sogenannten Beichtstuhl, finden wir wieder das Wappen der Gesellschaft, die gekreuzten Bootshaken. Die Hausordnung stammt aus dem Jahre 1580. Ohne Umschweife ward hier verfügt:
„Dit Nafolgende hebben de Hanße Bröderschop bewilliget: de disses Huses Gerechtigkeit nicht wil dohn ahne Kiwen den schall men up disse Taffel schriewen unde schall dar so lang up stahn dat he disses Huses Gerechtigkeit hefft gedahn. Beer tappen schall men ehm hir nicht, so lange dat he sine sake Hefft maket schlicht.[3]
Anno 1580.“
Ein strammes Regiment scheint hier geherrscht zu haben. Es mußte wohl so sein, besonders bei den ‚großen Schaffen‘, den jährlichen gemeinsamen Festmählern, die nach Schluß der Schiffahrt gefeiert wurden. Dann erhellte der herrliche vielarmige Kronleuchter den Raum, Wachslichter brannten überall, und über dem Ölleinenbezug der vier großen Laternen huschten die Silhouetten von Schiffern, Reitern und Fußsoldaten.
Versetzen wir uns im Geiste einmal in die vergangenen Tage zurück. Es geht hoch her. Die ganze Diele sitzt gedrängt voll. Mancher, der am Feste teilnehmen möchte, kehrt mißmutig wieder um. Die Musikanten sitzen auf den Schränken und blasen mit anerkennenswerter Stärke gegen die Unterhaltung an. Immerhin ist noch der Lärm erträglich. Eben ist das Essen abgetragen, und die ersten Krüge schäumenden Bieres sind aufmarschiert. Zufrieden sehen wir einen der Schiffer zwischen den Bänken umherwandeln. Er und sein Genosse haben es nicht leicht. Auf ihr eigenes Risiko geht die ganze Veranstaltung. An nichts haben die beiden es fehlen lassen. Man sieht es aber auch den Gesichtern der Brüder an: es hat geschmeckt. Vier Musikanten sind diesmal auch mehr als beim Schaffen des vorigen Jahres. Auf ihre Kosten kommen die beiden Schaffer diesmal wohl nicht. Aber man sieht’s dem gutmütigen Gesicht der Veranstalter an, daß sie es nicht verdrießt, wenn nur alles ‚in goden freden‘ verläuft und die Brüder sich amüsieren. Das Gelage nimmt seinen feuchtfröhlichen Verlauf ohne Störung. Im Durcheinander von Singen, Erzählen und Musizieren muß man selbst schon ziemlich laut werden, um sich verständlich zu machen. Das ist etwas für Leute mit Nerven! So fühlen sich unsere Seebären gerade wohl und sind angeregt wie selten. Rauchwolken wie aus einem kleinen Schornstein steigen in die Luft und lagern über der munteren Gesellschaft, die grause Gefahren und Abenteuer des vergangenen Jahres mit Phantasie verbrämt zum besten gibt. Und seßhaft sind sie! Der grauende Morgen findet noch alles fidel beisammen. „Und sind lustig gewesen bis des Morgens halb sieben,“ bemerkt schmunzelnd der Schaffer in seinem Buche und fügt erleichterten Herzens hinzu: „und is wol thogan“.[4] Nicht immer kann er das berichten. Im hohen Seegang der Bierbegeisterung wird wohl mancher Zusammenstoß erfolgt sein. Schwerwiegende Vergehen gegen die Ordnung des Hauses finden wir jedoch nur selten vermerkt. Die warnende Tafel hat doch wohl ihre Bestimmung nicht verfehlt. Heutzutage schreckt sie niemanden mehr. Wann hat wohl der letzte Name darangestanden? Lang, lang ist’s her! Anders sind die Gäste, die im Schifferhause heute verkehren, ruhiger vor allem und weniger ausdauernd. Und wenn’s auch jetzt noch manche späten Zecher gibt, bis ‚des Morgens halb sieben‘ hat das Haus der Schiffergesellschaft wohl lange keine Gäste mehr bei sich gesehen.
„Es ändert sich die Zeit und wir mit ihr!“
Auch das Kirchenjahr mit seinen vielen Feiertagen bot alt und jung, hoch und niedrig Gelegenheit, sich an besonderen Festlichkeiten zu vergnügen, dem Frohsinn und der Erheiterung gaben die Tage vor den Fasten viele Gelegenheit. An sie reihten sich wiederum Mai-, Pfingst- und Schützenfeste und die Jahrmärkte mit Gaukelspielern, Akrobaten, Possenreißern und sonstigen Künstlern.
Mit der Zunahme des Wohlstandes wuchs das Bestreben, sich gegenseitig zu überbieten, und nicht immer vergrößerte sich damit der innere Gehalt der Vergnügungen. „Speise und Trank, Kleidung und Schmuck, Tanz und Spiel blieben für lange Zeit die vornehmsten Vergnügungen“.

Der hansische Kaufmann im Auslande.
1. Nowgorod.
Die Bedeutung der Hanse beruht darauf, daß sie die Handelsbeziehungen des Ostens mit denen des Westens verband. Sie umfaßte damit ein Handelsgebiet von großem Umfange, in dem die verschiedenartigsten Verhältnisse herrschten, die aber trotzdem den Hansen dienstbar gemacht wurden. An allen wichtigen Stapelplätzen der damaligen Handelsgebiete hatten die Hansen Niederlassungen inne, die man mit dem Namen ‚Kontor‘, dem die Bedeutung Schreibstube zugrunde liegt, bezeichnete. Am meisten genannt wurden Nowgorod, Bergen, Brügge und London; sie bildeten die vornehmsten Sammelplätze der hansischen Deutschen im Auslande. Diese Sammelpunkte waren keine Kolonien, sondern glichen mehr Faktoreien, die jedoch nicht einem einzelnen Handelshaus gehörten und nur bestimmte Handelsgeschäfte betrieben, sondern Eigentum der Gesamtheit waren. Die Kontore dienten den Kaufleuten während des Aufenthalts im Auslande als Stützpunkt und Wohnung. Jeder, der in ihnen Wohnung nahm, ging seinen eigenen Handelsbeziehungen nach; er war nur für die Dauer des Aufenthaltes bestimmten Vorschriften unterworfen. Alle Kontore samt den Niederlassungen standen trotz der Verschiedenartigkeit der Verhältnisse unter hansischer Aufsicht; sie konnten nur ihre inneren Angelegenheiten selbständig regeln; alle wichtigen Maßnahmen und Handlungen hingen seit der Mitte des 14. Jahrhunderts von der Genehmigung des Gesamtverbandes ab. Häufig kamen Vertreter der Höfe auf die Hansetage zur Berichterstattung, stimmberechtigt waren diese Abgesandten nicht.
Das Leben in den ausländischen Kontoren regelte eine bestimmte Hausordnung, auch hatten die Besucher durch festgesetzte Abgaben zum Unterhalt beizutragen. Der Trieb der Selbsterhaltung zwang die Hansen, sich im Auslande mit solchen festen Formen zu umgeben.

Das Haus der Hanse in Antwerpen. Nach einem Kupferstich von F. de Wit.
Aus dem Jahre 1225 stammte die ‚Skra‘ des Hofes zu Nowgorod, die später durch allerlei Zusätze noch ergänzt wurde. Sie zeigt uns ein vollständig aufgebautes Kontor. An der Spitze der Niederlassung stand der Ältermann als Richter. Er war zugleich der Vertreter nach außen, und bei ihm lag die innere Verwaltung. Seine Tätigkeit wurde unterstützt durch einen zweiten Ältermann, der mehr die Verwaltung im einzelnen zu führen und die Abgaben und Strafgefälle einzuziehen hatte. Unter den Kaufleuten bedeuteten die Landfahrer am wenigsten. Sie kamen mit Karren und Lastwagen und führten auf diesen ihre Waren durch Preußen und Livland ein. Ihre Warenmenge war gering, ihr Aufenthalt auf dem Hofe kurz. Größere Bedeutung besaßen schon die Sommerfahrer, die nach der Eröffnung der Schiffahrt mit zahlreichen Fahrzeugen die Newa herauf kamen, auch brachten sie mehr Waren mit und belebten durch die Warenfülle den Markt, der das Volk an sich zog. Aber ehe die Schiffahrt zu Ende ging, segelten sie schon wieder heim. Die Herren des Hauses waren die Winterfahrer, die am Schlusse des Herbstes flottenweise herankamen; sie blieben während der Winterzeit im Kontor und richteten sich dort, so gut sie es vermochten, heimisch ein. Trotz aller Gefahren besorgten sie ihre eigenen und die von den Sommerfahrern hinterlassenen Geschäfte, um dann mit der Eröffnung der Schiffahrt heimzukehren.
Eine jede Gruppe ernannte bei ihrer Ankunft den Ältermann. Der Ältermann der Winterfahrer konnte sogleich nach seiner Ankunft auf dem Hofe nach Belieben ein Haus wählen und in dieses aufnehmen, wen er wollte. Ähnliche Rechte erlaubten ihm die Verfügung über die Nischen in der gemeinsamen Winterstube; sie war der Gesellschafts- und Speiseraum, der allen Kaufleuten offenstand. Eine besondere Ordnung regelte den Aufenthalt und die Gebräuche in dieser Räumlichkeit. In dem Zimmer durfte niemand sich zum Trinken setzen, wenn die Gesellschaft sich vom Eßtisch erhoben hatte. Eine Mark in Silber oder eine Mark Strafgeld sühnte dieses Vergehen. Gleicherweise war es niemand gestattet, das Zimmer als Wohn- und Schlafstube zu benutzen.
In einem besonderen Raume lebten die Knappen, Gesellen und Lehrlinge unter ihrem besonderen Ältermann. Sie konnten von ihrem Mietsherrn nicht entlassen werden, solange die Fahrt dauerte. Zehn Mark Strafe hatte dieser zu zahlen, falls er’s dennoch ausführte.
Zu dem Hofe gehörte ein umfangreicher Grundbesitz, der noch eine Anzahl Wohngebäude und Lagerräume umfaßte, die sich um die St. Peterkirche gruppierten. Da die Russen zu Überfällen geneigt waren, wurde alles, sowohl bei Tage wie bei der Nacht, verschlossen gehalten und bewacht. Den Hofwarten lag die strenge Pflicht ob, zu jeder Zeit auf die äußere Ordnung im Hofe zu achten. Sie konnten nicht eher ihre Schlafstelle aufsuchen, bevor nicht drei von den Kaufherren, den Meistern, die auf eigene Kosten im Hofe wohnten, schliefen. Große Hunde liefen während der Nachtzeit frei umher. Auch über diese hatte der Hofwart die Aufsicht. Für jeden Schaden, den die Hunde anrichteten, wurde er verantwortlich gemacht. Im 14. Jahrhundert kam eine neue Skra mit mannigfachen Erläuterungen heraus, in denen deutlich die Vorherrschaft Lübecks erkennbar war. Die neue Verordnung verbot dem Kaufmann, von einem Russen Waren auf Kredit zu nehmen. Gleichzeitig untersagte sie ihm, mit einem Fläminger oder Engländer oder Russen eine Handelsgesellschaft einzugehen. Das Handelsgut, das auf den Hof kam, mußte von den Älterleuten und den Beigeordneten beschaut werden; schlechte und verfälschte Waren wurden mit einer Geldstrafe belegt.

Ansicht der alten Stadt Nowgorod im 15. Jahrhundert. (Aus Schiemann, Rußland, Polen und Livland bis ins 17. Jahrhundert.)
Als Meister auf dem Hofe galt damals der, welcher auf eigene Rechnung wohnte. Hatte er Knappen mitgebracht, so mußte er diese bei einer Strafe von fünf Mark wieder mit nach Hause nehmen. Es bestand für ihn die Verpflichtung, sobald er seine Ware verkauft und seine Angelegenheiten geordnet hatte, daß er abfuhr.
Der Petershof in Nowgorod bildete einen mit Planken umzäunten Raum, in dem die Häuser standen, die man als Verkaufshallen, Wohnbuden, Lagerhäuser usw. benutzte. Ein Hauptgebäude bildete die Kirche, die hier den Hansen unter Andersgläubigen besonders lieb war. Die Geistlichen warteten nicht nur ihres Amtes, sie halfen auch dem Kaufmann bei seinem Schreibwerk. In der Kirche bewahrte man auch die Kleinodien, die Schriften, die Kasse des Hofes, sowie das für alle Streitfälle nötige Normalmaß und Gewicht.
Nach der Mitte des 14. Jahrhunderts erfuhr die Kontorordnung eine Erweiterung. Von nun an konnte der einzelne bei seiner Ankunft wählen, ob er seine Waren außerhalb oder innerhalb des Hofes niederlegen wollte, denn die Warenhäuser auf den Höfen hatten nur beschränkten Raum. Die drei größeren von ihnen, ‚Kleten‘ genannt, boten für je vierundzwanzig Meistermänner Platz. Jede Haushaltung des Hofes hatte wieder eine besondere Ordnung, einen selbstgewählten Vogt mit einem Meister und einem Knappen als Gehilfen und Aufseher über jeden Zweig der Haushaltung. Der Vogt war für die Ordnung des Hofes verantwortlich, hatte jeden Sonnabend Gericht zu halten und durfte für alle Vergehen gegen die Ordnung Geldstrafen erkennen. Jedes Spiel, wobei über einen Vierding[5] verloren werden konnte, war bei zehn Mark Strafe verboten; spielte aber jemand in einem russischen Hofe, so zahlte er fünfzehn Mark und verlor das Hofrecht; wer den andern erstach, hatte sein Leben verwirkt, wer ihn vorsätzlich verwundete, verlor die Hand, wer ihn schlug und ohne Grund schimpfte, zahlte eine Geldstrafe. Diebe wurden in gemeinen Versammlungen gerichtet und kamen an den Galgen.

2. Bergen.
Unter günstigeren Verhältnissen als in Rußland lebte der hansische Kaufmann in Norwegen, nachdem er dort Herr des Handels geworden war. Kleinere Kaufhöfe bestanden in Tönsberg und Oslo, die Rostock benutzte. Eine größere Bedeutung erhielt das Kontor zu Bergen, das an einer geschützten Meeresbucht liegt.

Die deutsche Brücke in Bergen.
Schon seit dem 13. Jahrhundert zog es die deutschen Kaufleute und Handwerker an; diese führten die Bezeichnung ‚Schuster‘, so genannt, weil jene ihre stärkste Gilde bildeten. Sie hielten sich allezeit im Glück und im Unglück zu den Hansen. Dadurch, daß eine Anzahl von Kaufleuten während der langen Winterzeit in Bergen blieb und daselbst für den Aufenthalt Häuser erwarb, wurde der Grund gelegt zu dem hansischen Kontor, von dem um die Mitte des 14. Jahrhunderts zuerst in der Geschichte berichtet wird; nach 1429 kam diese Niederlassung erst zur vollen Blüte. Der Teil des Gestades, an dem die alten Baulichkeiten standen, führte die Bezeichnung: ‚Die deutsche Brücke‘. Sie lag am Ende der Meeresbucht Vaagen so günstig, daß die Schiffe dicht an den Landungsbrücken anlegen konnten und hier mit Hilfe von hohen beweglichen Kranen sehr leicht ihre Warenballen löschten. In einer Reihe lagen dreißig Häuser; sie führten die Bezeichnung Garde oder Garten; aus rohen Balken hergestellt, waren sie meist dreistöckig, hatten zwar eine schmale Vorderseite, aber eine große Tiefe, außerdem standen sie dicht nebeneinander. In ihnen lebten Kaufleute und Kaufmannsgesellen, Bootsjungen und Dienstleute zu besonderen Familien abgeteilt unter Aufsicht der ‚Hausbonden‘ in engen, niedrigen Stuben. Im Hintergrunde der Gebäude lag der ‚Schütting‘, ein langer, viereckiger Raum, ohne jeden Schmuck, mit nur wenigen kleinen Fensteröffnungen. In ihm versammelten sich während der Winterzeit um die lodernden Holzfeuer die Hausgenossenschaften. Eine Luke im Dach ließ den Rauch von dem Feuer abziehen. An den Wänden herum standen Bänke. Jeder Bewohner hatte seinen bestimmten Platz und über diesem in einem Schränkchen sein Eß- und Tischgerät. Die Zubereitung der Speisen geschah in einem besonderen Küchenraume, der ‚Elthaus‘ hieß, dort befand sich auch der Brunnen. Die Speisen wurden durch ein Schiebefenster von der Küche in den Schütting hineingereicht. Hinter den Gebäuden lag ein kleiner Garten, der die nötigen Küchengewächse lieferte. In jedem dieser Häuser wohnten etwa hundert Mann, insgesamt also dreitausend; während der Zeit des Sommerverkehrs vergrößerte sich die Zahl natürlich erheblich. In den Räumlichkeiten herrschte keine gute Luft, weil die Bewohner dicht zusammengepfercht hier hausten und die umliegenden Gebäude nur wenig Licht und Luft hereinließen. Der Geruch der getrockneten Fische, der Qualm und der Dunst von den Feuerstätten machten den Aufenthalt nicht angenehmer.

Bergen zur Zeit der Hanse (16. Jahrhundert).
Im Kontor zu Bergen herrschte gleichfalls eine strenge Zucht; niemand durfte verheiratet sein, dazu war den Frauen der Aufenthalt in der ‚deutschen Brücke‘ verboten. Man pflegte auch keinen freundschaftlichen Verkehr mit den Norwegern; wer eine Norwegerin heiratete, verlor sein deutsches Recht. Den Tag verbrachten alle in angestrengter Arbeit, und der Abend bot bei einem fröhlichen Umtrunk die Entschädigung, bis die festgesetzte frühe Stunde alle in die dumpfe Stube zwang. Für Beratungen, als Sammelplatz für die Börse und auch als Amtshaus benutzten die Hansen das nahegelegene Kaufmannshaus.
Auch in der Ferne wurde der Gottesdienst nicht vergessen, zwei Pfarrkirchen boten die Gelegenheit dazu. In einer walteten deutsche Priester ihres heiligen Amtes.

3. Spiele der Hansen zu Bergen.
Bei den Kaufleuten im Kontor zu Bergen gab es allerlei berühmte, oder besser gesagt, berüchtigte Spiele, durch die insbesondere die neuen Lehrburschen geplagt wurden. Sie sollten die Kurzweil bieten für die Unbehaglichkeit des Kontors. Der Zweck der Veranstaltungen war, wie die Geschichte berichtete, junge reiche Leute abzuschrecken, sich nach Bergen aufs Kontor zu begeben, damit später aus ihnen keine gefährlichen Konkurrenten erwüchsen. Besonders spielten die Prügel eine große Rolle. Durch die eigentümliche Art der Erprobung verfolgte man auch den Zweck, Muttersöhnchen den Aufenthalt zu erschweren, oder man wollte sie im Ertragen von körperlichen Anstrengungen und Beschwerden, deren ihrer genug im Kontor warteten, prüfen. Ähnliche Gebräuche, wie wir sie im hansischen Kontor zu Bergen finden, hat man auch in anderen Berufsständen während des Mittelalters geübt.
Der Neuling im Kontor mußte drei Proben bestehen, ehe er völlig in dem Kreis der Hansen Aufnahme fand. Der Schmerz, den die jungen Burschen bei diesen Proben empfanden, belustigte die älteren Hansen, die Prinzipale und Gesellen, und gerade diese nannten die Spiele ergötzlich.
Die erste Probe wurde das Rauchspiel, auch ‚Rookspill‘, genannt; es stellte eine Art Feuerprobe dar. Im feierlichen Zuge holte an einem Feierabend um zehn Uhr unter Trommelschlag eine Prozession von Gesellen den Neuling ab. Ein gar buntes Bild bot der Zug. Einige der Burschen als Bauern, andere als alte Weiber und Narren verkleidet, trugen allerlei Holzspäne, altes Gerümpel, Lederstücke und dergleichen Sachen mehr. Im feierlichen Zuge ging’s in ihren Schütting. Der Lehrling, dem die Veranstaltung galt, wurde in einen Sack gesteckt und durch die Dachluken des Schüttings hinaufgewunden, unter ihm wurden das Holzgerümpel, die Haare und das Leder verbrannt, den beißenden Qualm und den erstickenden Rauch mußte der Neuling aushalten. Damit er auch nicht zu wenig in seinen Hals bekam, hatte er auf alle ihm vorgelegten Fragen laut und vernehmlich zu antworten, ja sogar Lieder zu singen. Endlich war’s denn genug, der arme Bursche wurde heruntergehoben und zur Abkühlung und Neuerweckung seiner Lebensgeister mit sechs Tonnen Wasser übergossen.

Das Rauchspiel.
Die zweite Probe bildete das ‚Waterspill‘; alljährlich am zweiten Mittwoch nach dem Pfingstsonntag fand es statt. Die Neulinge wurden zuvor gut bewirtet und am Nachmittage um drei Uhr in Kähnen aufs Meer gefahren. Hier entkleideten sie sich, wurden ins Wasser geworfen und dreimal untergetaucht, jedoch hielt man sie an den Armen fest. Während sie noch im Wasser lagen, peitschten die Gesellen den bloßen Rücken mit Ruten. Allzuhart ging es hierbei nicht her, denn jeder Prüfling hatte einen Gesellen, der ihm Beistand leistete, indem dieser mit Hilfe eines dichtbelaubten Maienbusches die Rutenstreiche auffing und den Körper deckte. War diese Schaustellung vorüber, so kleidete man die Burschen wieder an und führte sie zurück. Am Abend ging es in dem Schütting hoch her, die Lehrburschen mußten beim Gelage ihre Prinzipale und Gesellen bedienen.
Am Sonntage nach dem ‚Waterspill‘ kam die dritte Probe, das ‚Stupenspill‘ oder die ‚Stupe‘, zur Ausführung. Am Abend vor dieser Schaustellung erwuchs den neuen Lehrburschen die Pflicht, nach der nächsten Holzung zu rudern, um dort die neuen Maien- und Birkenzweige zu holen, aus denen die Ruten gemacht wurden. Am nächsten Morgen führte man die Lehrburschen unter Trommelschlag nach einem Garten vor dem Tore; zwei Prinzipale, herrenmäßig gekleidet, waren die Anführer. Andere der Kaufherren gingen als Rechenmeister mit, sie besorgten auch die Bewirtung. Selbstverständlich fehlte auch nicht der Hanswurst oder Narr; seine Kumpane waren ein als Bauertölpel gekleideter Gesell und ein als Bauernweib maskierter Lehrling. Dieses Kleeblatt foppte und neckte alle Welt, sprach in Reimen und trieb allerlei Possen mit der Einwohnerschaft von Bergen, die diesem Aufzuge gern zusah. Im Vorstadtgarten trieb die Schar sich eine Zeitlang herum und kehrte alsdann mit Maienzweigen in den Händen auf den Hof zurück, wo in der größten Schüttingstube um zwölf Uhr ein Mahl stattfand. Dann begann der wichtige Augenblick für die armen Neulinge. Der Narr und einige als Herren verkleidete Gesellen fingen zum Schein einen Streit an; hierauf erhielten die neuen Lehrlinge den Befehl, ihn ins Paradies zu bringen. Es war dies ein Alkoven oder ein Winkel im Schüttingsaale, der zuvor heimlich in eine Marterkammer umgewandelt wurde. Gewöhnlich hatte man die Lehrburschen bei dem Festmahl trunken gemacht, so daß sie beim Eintritt in das sogenannte Paradies ihre vierundzwanzig als Bauern vermummten Peiniger nicht erkannten. Einer der Gesellen redete die Opferlämmer mit dem alten Spruch an:
„Ehr sey gott, ehr sey gott, Daß reedt ich wahrlich sonder spott. Ey krupp ni dat hillige paradis, Dar skult du smecken barikenris, barikenris mit hupen, als 24 buren op din stert konnen stupen.“[6]
Ein ohrenbetäubender Lärm hub an; Pauken, Trommeln und Becken wirbelten durcheinander, während die vierundzwanzig Gesellen über die Lehrlinge herfielen, sie packten, über die Bank warfen und mit Birkenruten aus Leibeskräften so lange bearbeiteten, bis das Jammergeschrei der Armen die laute Musik übertönte. War auch diese letzte Probe überstanden, dann galt der Lehrbursche als vollgültiges Mitglied der hansischen Vereinigung in Bergen.
Ohne Frage waren es grobe, allzu derbe Spiele. Im Jahre 1671 bereitete ihnen König Christian V. von Dänemark und Norwegen durch ein besonderes Gesetz ein Ende; er verbot den Hansen bei schwerer Geldstrafe die Veranstaltung dieser Spiele.

4. Der Stahlhof in London.
Oberhalb von der Londoner Brücke lag, von engen Straßen begrenzt, festungsartig mit hohen Mauern umgeben, der Stahlhof, das Kontor der Hansen in London. Die starken Mauern, die ihn umgaben, waren nicht umsonst so dick, denn mehrmals boten gerade sie den Insassen vor den Angriffen des Pöbels Schutz. Diese Niederlassung erhielt in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts ihre Bezeichnung von der größten Halle der Anlage, in der die Tücher, die von Köln kamen, ‚gestalt‘, das heißt geprüft wurden. Im 16. Jahrhundert führten von dem mehrstöckigen Gebäude drei Steintüren nach der Straße; zwei von diesen waren vermauert, die mittelste aber stets streng bewacht. Lateinische Inschriften zierten den Eingang. Sie hießen: „Fröhlich ist dieses Haus und stets mit Gutem gefüllet, hier sind Friede, hier Ruhe und immer ehrbare Freude“. Eine andere lautete: „Gold ist der Vater anmutigen Glücks und der Sprößling des Schmerzes; es zu entbehren ist hart, es zu besitzen bringt Furcht.“ Eine dritte besagte: „Wer sich weigert, dem Guten zu gehorchen, vermeidet den Rauch, aber fällt in die Flammen!“ Die Versammlungen und die festlichen Veranstaltungen der Hansen fanden in der Halle statt. Ein reiches Geschirr zierte die Tafeln, an den Wänden prangten zwei Gemälde von Hans Holbein: ‚Triumph des Reichtums‘ und ‚Triumph der Armut‘. Von den übrigen zahlreichen Baulichkeiten, den Wohnungen, Kaufräumen und den Warenhäusern wurde das rheinische Weinhaus von der vornehmen Einwohnerschaft Londons gern und viel besucht. Allerlei Leckerbissen, unter anderem Kaviar und geräucherte Zunge, bildeten hier eine willkommene Zugabe zum Wein. Ein benachbarter Garten, in dem Obstbäume und Weinreben sich fanden, gewährte im Sommer angenehmen Aufenthalt und bot Platz für allerlei Spiele. Auch auf dem Stahlhofe zu London herrschte strenge Zucht und Ordnung; dort verboten die Statuten, die aus dem Jahre 1320 stammten, den Frauen den Zutritt. Nach strenger Sitte hatte auch hier jeder seinen festen Platz inne. Meister und Gesellen saßen stets gesondert voneinander bei Tisch. Die Trunkenheit, das Würfelspiel und die Unsittlichkeit wurden nicht geduldet; wer sich gegen die festgesetzten Sittenregeln verging, mußte schwere Bußen erlegen. Pünktlich um neun Uhr schloß man das Tor. Alle Bewohner des Stahlhofes mußten Wehr und Waffen tragen, nicht nur zum eigenen Schutz, sondern auch zur Verteidigung der Stadtmauern, denn im Falle eines Krieges lag den Insassen des Stahlhofes die Pflicht ob, ein besonderes Tor zu verteidigen.

Der Stahlhof in London. Nach einer alten Zeichnung.

London im siebzehnten Jahrhundert.
❏ GRÖSSERE BILDANSICHT
Alle Geschäfte erledigte jeder Insasse nach eigenem Ermessen. Nur hieß es darauf zu achten, beim Handel die allgemeinen Bestimmungen zu befolgen. Fröhliche Feste erfreuten und erfrischten auch hier den hansischen Kaufmann.
Eine besondere festliche Feier hielt alljährlich am 4. Dezember die Hansen und ihre englischen Gäste zusammen. Ein auserlesenes Festmahl eröffnete den Reigen, an den dargereichten Leckerbissen erfreuten sich auch die Gäste aus der Stadt. Bei den Festfeiern der Londoner fehlten die Hansen ebenfalls nicht, sie erschienen im geschlossenen Zuge und nahmen als Gesamtheit, als Körperschaft hinter den städtischen Beamten ihren Platz ein. An solchen Festtagen erstrahlte in den Abendstunden der Stahlhof im schönsten Glanze. Tausende von Kerzen und viele brennende Pechtonnen tauchten ihn in ein Lichtmeer, das dem Kleinbürgertum Londons ein willkommenes Schauspiel bot, und gern labten sich die Bewohner an freigebig gespendetem Wein und Bier. Selbst die vornehmeren Bürger nahmen die Ehrengaben, die in Kaviar oder Hering, Lachs oder gar in barem Gelde bestanden, gern an. Ein begehrtes Geschenk bildeten ein Paar gute Handschuhe. An der Spitze der Niederlassung stand wie in den übrigen Kontoren ein Ältermann. In seinem Regimente unterstützten ihn zwei Besitzer und neun Ratsleute. Alle Streitigkeiten zwischen den Deutschen schlichtete der Ältermann, hingegen die zwischen Deutschen und Engländern ein aus Vertretern beider Nationen zusammengesetztes Gericht; Verbrechen, auf die Todesstrafe stand, unterstanden dem Urteile königlicher Richter. Der Stahlhof hatte ein besonderes Wappen seit 1434. Es war ein wagerecht geteilter Schild, oben weiß, unten rot, der den schwarzen Doppeladler mit goldenem Schwanz zeigte, um den Hals eine Krone, zwischen den beiden Köpfen einen Reichsapfel.

Die Handelswaren der Hansezeit.
In den Jahrhunderten, in denen die Hanse herrschte, haben sowohl die Waren als auch die Art, in der der Kaufmann seine Waren vertrieb, eine mannigfache Änderung erfahren. Der Aufstieg des hansischen Handels kam langsam, der Abstieg schneller; auch der Anteil, den die einzelnen Hansestädte am Umsatz hatten, war verschiedenartig. Der Handel der Hansestädte beschäftigte sich sehr stark mit Rohstoffen und ihrer Herbeischaffung durch die Seefahrt. Ein großer Teil der eingeführten Rohstoffe wurde entweder im Süden Deutschlands verarbeitet, oder er ging auf dem Seewege nach Brügge, nach England, ja sogar bis nach Spanien. Die Tätigkeit des hansischen Kaufmanns bildete nicht etwa der Frachtverkehr, sondern der Zwischenhandel, in dem er zwischen dem Verkäufer und dem Abnehmer als selbständiger Kaufmann auftrat. So wie der Hanse die Rohstoffe verhandelte, schaffte er den flandrischen und englischen Industrieerzeugnissen und denen des Gewerbes und der Kunst ein Absatzgebiet. Einen reichen Gewinn zogen die Seestädte aus dem Frachtverkehr, indem sie ihre Schiffe an den binnenländischen Kaufmann vermieteten, da dieser der Fahrzeuge zum Fortschaffen seiner Waren benötigte.
Die Art des Handels war zunächst sehr einfach; im sogenannten ‚Proper-Handel‘, das heißt Eigenhandel, erstand der Kaufmann persönlich seine Waren, führte sie fort und schloß am anderen Ort den Kaufvertrag mit dem Käufer ab. Oft kam eine Art Tauschhandel zustande, Ware wurde gegen Ware vertauscht, und ein hinzugerechneter Aufschlag schuf den Gewinn. Allmählich kam dann die Entwicklung; sie brachte den Kommissionshandel auf, die reinen Geldgeschäfte nahmen zu, und die Zahlungsanweisung, der Wechsel, fand von Italien aus den Weg nach Deutschland.
Mit dem Wachsen des Handels entstand auch der Großkaufmann. Er zog Untergebene zur Abwicklung seiner Geschäfte heran. Sie hießen die ‚Lieger‘ und waren berechtigt, eigene Geschäfte abzuschließen, auch Schulden konnten sie einziehen. Entweder wohnten die Lieger an einem fremden Platz, oder sie begleiteten die Waren nach ihrem neuen Bestimmungsort; dort verkauften sie die Sendung und erwarben andere Handelsartikel. In den hansischen Kontoren des Auslandes galt auch für sie das Kaufmannsrecht.