Erster Teil. (continued 3)
Reading edition
Der Herbsttag ging zur Rüste. Von sieben bis vier Uhr währte der Kampf; die Opfer des erbitterten Streites wurden ins Meer gesenkt, sie trieben dahin — Seemannslos. Die Reinigung der Schiffe ging schnell vonstatten, dergleichen die Bestattung der Toten.
Am nächsten Morgen trat Admiral Parseval mit seinen Schiffen die Heimfahrt an. Es war ein stattlicher Zug, als der siegreiche Anführer mit vier erbeuteten Schiffen in die Elbe einfuhr. Der Dank der freien Stadt Hamburg blieb nicht aus.
Im Auftrag des Rats begrüßten zwei Ratsmänner, Dietrich Lange und Otto Bremer, samt dem Stadtpfeifer die heimkehrenden Sieger. Ein Faß feinen Weines brachten sie als Willkommengruß der Heimatstadt den Heimkehrenden entgegen. Bei Blankenese fand die Begrüßung statt. Auf dem Schiff des Admirals Parseval trafen sich die Schiffsführer und die Hauptleute, und in ihrem Kreise begann ein festliches Gelage; der Becher kreiste, auch Kniphoff, Hans von Putlitz und Sydow nahmen daran teil und schmausten mit. Als die Flotte in Hamburg einlief, hatte Hamburgs Bürgerschaft es sich nicht nehmen lassen, in den Waffen ihrer Zeit zu erscheinen; geschmückt mit Harnisch und Eisenhaube, bewaffnet mit Spießen und Schwertern und Hellebarden, so wurden die Tapferen begrüßt. Als der Gefangene Kniphoff und seine Gesellen ausgeschifft wurden, läuteten von den Kirchtürmen die Glocken, die Geschütze auf den Wällen ertönten, und unter dem Jubel der ganzen Stadt setzte sich der Zug in Bewegung. Die Stadtmusik, Trommler, Pfeifer und Pauker, marschierte voran, ihr folgten die Ratsmänner; dazwischen sah man den siegreichen Admiral und seinen Schiffshauptmann Ditmar Koel; dann folgten die andern Sieger nebst den Landsknechten; dann das Seeräuberkleeblatt Klaus Kniphoff, Hans Putlitz und Jürgen von Sydow. Ihre Freiheit war dahin, in Ketten aneinandergeschlossen marschierten sie vorbei. Den Beschluß bildeten die übrigen Gefangenen und eine Abteilung Hamburger Landsknechte. Am Rathause wurden die Sieger durch den Bürgermeister und die Ratsleute begrüßt. Noch einmal sagte man ihnen namens der Stadt Dank. Die Gefangenen brachte man nach dem Wilseder Turm am Tor; auf den höchsten Boden kam Klaus Kniphoff, denn er war das Haupt der Freibeuter; ein Stockwerk tiefer nahmen die beiden Edelleute und unten die gewöhnlichen Gefangenen Aufenthalt. Dem Gebrauche der Zeit gemäß wurden die erbeuteten Fahnen im Dome an einem Pfeiler in der Nähe der Kanzel als Andenken an den Sieg aufgehängt, im Zeughaus erhielten die eroberten Geschütze ihren Platz. Die Beute ward unter die Kriegs- und Bootsleute zu gleichen Teilen verteilt.
Schon bald, am 25. Oktober 1525, trat das Gericht zusammen unter dem Vorsitze der Richterherren Jörgen Plate und Albert Westede. Kniphoffs Schuldkonto war recht groß; die Wegnahme von 172 hansischen Schiffen, Piraterei und Blutvergießen warf ihm die gegen ihn gerichtete Anklage vor. Seine Verteidigung führte er selbst in geschickter Art, jedoch seine Klugheit half ihm nichts. Was er für sich und seine Leute verlangte, anständige Kriegsgefangenschaft bis zur Auslösung, wurde ihm versagt. Er wurde des Seeraubes für schuldig erklärt und erhielt damit die Strafe der Seeräuber, die Enthauptung, mit ihm noch sechzehn seiner Genossen. Der Rat der Stadt Hamburg bestätigte das Urteil, und trotzdem der Stiefvater Kniphoffs, der Bürgermeister von Malmö, ein namhaftes Lösegeld bot, mußte Kniphoff mit sechzehn seiner Genossen den Todesweg antreten.
„Am Montag den 30. Oktober wurde Kniphoff,“ so erzählt’s Otto Beneke in seinen Hamburger Sagen, „hinausgeführt, er ganz allein, denn dies hatte er sich als eine Gnade erbeten, damit es ihm nicht das Herz breche, wenn er die Verwünschungen seiner Genossen vernehmen müsse. Es war frühmorgens, da der Fron ihn abholte. Kniphoff war bereit, er streckte ihm die Hände entgegen. Unverzagt und frisch schritt er zwischen den Bütteln und Kriegsknechten durch die Straßen, und in seinem Angesicht sah man kein Zeichen von Todesfurcht und Bangen. Und wer ihn dahingehen sah, den jammerte es, und manch mitleidig Herz, absonderlich bei den Frauen, konnte sich der Tränen nicht erwehren über das schreckliche Ende des jungen, schönen Hauptmanns. Auf St. Katharinenkirchhof stand schon Pater Stephan, der erteilte ihm hier vor allem Volk, das betend niederfiel, die Absolution und reichte ihm das Sakrament der Versöhnung. Und als Kniphoff sich vom Knien erhub und weiterschritt, sprach er allen vernehmbar: ‚Herr Jesu Christe, der du dein Blut auch für mich vergossen, erbarme dich meiner und sei mir gnädig!‘
„Dann ging’s zum Brooktor hinaus, und am Strande der Elbe, auf der Stelle, wo hundertunddreiundzwanzig Jahre früher Klaus Störtebeker und seine Gesellen denselben Tod erlitten, kniete Kniphoff nieder und empfing mit gefalteten Händen den Schwertstreich, der sein Haupt vom Rumpfe und seine Seele von der Erde schied.
„Eine Stunde später wurden sechzehn seiner Gefährten in derselben Weise hingerichtet. Und am 10. November empfingen noch sechsundvierzig ihr Urteil, das lautete auch auf den Hals; da wurden sie wild und zornig und schalten überlaut auf den Rat und die Bürgerschaft; es half ihnen aber nichts, denn am Montag nach Martini wurden sie enthauptet. Am 24. November wurden sechsundzwanzig, und am 4. Dezember noch zwanzig Gefangene vom Gericht freigesprochen, die hatten bewiesen, daß Kniphoff sie zum Dienste gezwungen. Am 13. Dezember aber wurden wieder acht Freibeuter, darunter der Edelmann Simon Gans, und im Januar 1526 noch ihrer vier zum Tode verurteilt und bald darauf hingerichtet.
„Endlich wurden noch zur ebengenannten Zeit die letzten drei von Kniphoffs Gesellen freigesprochen, also daß, ihn selbst eingeschlossen, im ganzen fünfundsiebzig enthauptet, die übrigen aber frei erkannt und losgelassen worden sind. Mit selbigem Richtschwerte aber, welches Kniphoff und seine Gesellen vom Leben zum Tode gebracht hat, ist kein Mensch mehr hingerichtet worden. Es ist ins Zeughaus gebracht und wurde dort bei den erbeuteten Seeräuberwaffen und Kanonen aufbewahrt.“

Die Seeschlacht bei Gotland — eine letzte Ruhmestat.
Auch der Hansebund, der durch Jahrhunderte meergebietend dastand, hatte seine Schicksalsstunde. Als sich nach und nach die einzelnen Städte loslösten und eigene Wege verfolgten, konnte es nicht fehlen, daß die Feinde des Hansebundes die günstige Gelegenheit benutzten, um die einst so mächtigen Interessen des Bundes mehr und mehr zu zerstückeln. Mit dem Ansehen der Hanse ging es schnell abwärts. Der Boden, auf dem der Bund groß geworden war, geriet ins Wanken, weil es den Mitgliedern an Einigkeit wie Selbstvertrauen und an der notwendigen politischen Einsicht mangelte.
Trotzdem hat es auch in den Zeiten des Niederganges nicht an Ruhmestaten gefehlt. Eine solche Begebenheit aus den Kriegsjahren 1563 bis 1570 soll hier erzählt werden. Im Jahre 1563 kündete Lübeck dem König Erich von Schweden den Krieg an, doch der wies die Abgesandten höhnend an den Rat von Stockholm mit den Worten: „Könige müssen Königen, Bürger und Bauern ihresgleichen den Absagebrief senden!“ Mit Lübeck verband sich in diesem Kampfe König Friedrich II. von Dänemark, der durch das Anwachsen der schwedischen Macht sich bedroht sah und sich deshalb mit seinem alten Widersacher Lübeck zur Verfechtung gemeinsamer Interessen verband. Die Fehde begann. Beide Partien kämpften mit wechselndem Erfolge. Bald triumphierten die Verbündeten, bald sahen sich die Schweden wieder obenauf. Am meisten lag jedoch der größere Vorteil bei den verbündeten Dänen und Lübeckern, da deren Schiffe beweglicher waren und seegewohnte und schlagfertige Mannschaften besaßen. Wie schon früher ausgeführt wurde, boten die Kriegsschiffe der damaligen Zeit einen eigentümlichen Anblick durch die kastellartigen, hohen Aufbauten auf dem Vorder- und Hinterteil des Schiffes, die mit Kanonen besetzt waren. Um solche großen Lasten tragen zu können, mußte der Schiffsrumpf überaus breit und massig sein, damit das Gleichgewicht auf der Fahrt nicht verloren ging. Selbstverständlich segelten solche Kriegsschiffe schwerfälliger und gehorchten dem Ruder nicht so leicht, sie waren mehr auf den Nahkampf eingerichtet und mit zahlreichen Seeleuten, den ‚Schiffskindern‘ besetzt, die in den engen Räumen unter Deck kein rosiges Dasein fristeten. Die scharfen Nocken[19] an den Rahen dienten dazu, bei der Vorüberfahrt am Gegner dessen Tauwerk zu zerschleißen und die Segel zu zerreißen, auch hielten sie beim Entern das feindliche Schiff mit fest.
Im Rathause zu Lübeck hängt in einem der schmucken Nebensäle ein Kolossalgemälde von Professor Hans Bohrdt, das eine der wichtigsten Episoden dieses Feldzuges verherrlicht. Es ist die Seeschlacht bei Gotland, die im zweiten Jahre des nordischen siebenjährigen Seekrieges, nachdem die Verbündeten sich bis dahin noch keines Vorteils rühmen konnten, den ersten größeren Erfolg brachte.
Am 31. Mai 1564 trafen sich die gegnerischen Kriegsfahrzeuge bei der Insel Gotland. Es war ein leuchtender Frühjahrstag; vom Winde bewegt, kräuselten sich leicht die Wellen. Langsam segelten die feindlichen Geschwader aufeinander los, und lange Zeit währte es, ehe sie zum Angriffe übergingen, denn beide Flotten kreuzten unter seegewohnten Führern. Jeder von ihnen suchte dem Gegner den Wind abzugewinnen, um sich mit dessen Hilfe rascher auf die feindlichen Schiffe stürzen zu können. Für die damalige Zeit galt dies Beginnen als ein besonderes Stück der Kriegsführung. Hatte eine der Parteien ihr Ziel erreicht, so durchfuhr sie die feindliche Linie und jagte dem Gegner durch ihre Breitseiten möglichst viel Kugeln in den Bug oder ins Heck hinein; so konnten die Geschosse auf ihrem verderbenbringenden Wege das Schiff der Länge nach durchschlagen und viele Gegner kampfunfähig machen. Waren die feindlichen Schiffe genügend zerschossen und durch die Schäden in den Bewegungen gehemmt, so segelte die angreifende Flotte noch dichter heran und enterte die Schiffe, um im Nahkampfe sich völlig in den Besitz der feindlichen Fahrzeuge zu setzen. Auch bei Gotland lauerten die Gegner lange Zeit einander auf, und es wäre nicht zum Gefecht gekommen, wenn nicht der Wind urplötzlich sich gedreht hätte und abgeflaut wäre. Den Verbündeten war der Augenblick günstig, und zuversichtlich nahmen sie unter den schwedischen Schiffen das riesige Fahrzeug, ‚Makeloes‘[20] genannt, das unter der Führung des Admirals Bagge stand, aufs Korn. Es verteidigten siebenhundert Soldaten mit hundertvierzig Kanonen — für die damalige Zeit eine riesige Zahl — das Schiff. An diesen Riesen fuhren die beiden größten Lübecker Koggen unter Admiral Knevel und Schiffsmeister Henning Krage heran. Der Lübecker ‚Engel‘ hielt sich anfangs zurück, um nicht von den Breitseiten des Schweden getroffen zu werden. Krage jedoch fuhr mit seinem Schiff unter den Bug des schwedischen Riesenfahrzeuges, das seinen Gegner samt den Kastellen bedeutend überragte. Mutig schleuderten die Lübecker Geschützführer Geschoß auf Geschoß in den Rumpf des Schweden. Anfangs wehrten sich diese mit ihren Bugkanonen; sie verstummten jedoch bald, ebenso ließen auch die Breitseiten im Feuern ständig nach. Im Innern des Schwedenschiffes sah es greulich aus, die meisten Kanonen waren zerstört, die Hälfte der Besatzung lag verwundet unter Deck, und dabei krachte es noch fortwährend, und noch immer sausten die Geschosse der Lübecker Schiffe durch das Deck.
Jetzt kam für Admiral Knevel die Zeit des Angriffs, seine Geschütze feuerten mehrere Breitseiten dem Schweden in die Rippen. Antwort vom Gegner erhielten sie nicht mehr; entweder lag die Besatzung vollständig verwundet am Boden, oder an Bord des feindlichen Admiralschiffes herrschte große Verwirrung. Der Augenblick zum Entern war günstig. Die Lübecker Schiffsführer lenkten ihre Schiffe dicht an den ‚Makeloes‘ heran, packten ihn von beiden Seiten mit Enterhaken, und mit dem Rufe „Hie gut Lübeck und die Hanse allewege!“ stürzten sich von beiden Schiffen die Mannschaften an Bord des Schweden. Wie ein entfesselter Strom brauste es über den ‚Makeloes‘ dahin. Durch die Batteriepforten an Stricken und Leitern, durch die Luken und über die hohen Bordwände kamen die Lübecker. Der letzte, entscheidende und blutigste Teil des Kampfes begann; wer sich wehrte, wurde niedergemacht, Schonung gab’s nicht. Einer aus der Schar der Enterer kletterte in die Masten und holte die schwedische Flagge herunter, an ihrer Stelle ging die lübeckische Flagge hoch, und hierüber herrschte ein Jubel ohnegleichen. Nun mußte sich der Rest der schwedischen Mannschaft ergeben.
Schnell begannen die Sieger die Spuren des Kampfes zu verwischen. Mitten in diesem Beginnen ertönte der Schreckensruf „Feuer im Schiff!“ Die Lübecker Geschosse hatten gezündet, und in der Hitze des Nahkampfes nahm dieses an Umfang zu; niemand achtete darauf, und jetzt, da der Ruf erscholl, war es zur Rettung schon zu spät.
Zu mächtig loderten die Flammen aus dem Schiff, und ebenso schnell, wie sie aufenterten, mußten die stolzen Sieger sich in Sicherheit bringen. Kaum noch gelang es den Lübeckern, die Beute und die Gefangenen vom feindlichen Schiff abzubringen, als ein gewaltiger Donnerschlag die Luft erschütterte: das stolze schwedische Admiralschiff war nicht mehr. Wrackstücke schwammen auf den Wellen und gaben Kunde, daß das Fahrzeug in die Luft geflogen war. Der Rest der schwedischen Schiffe entfloh mit dem auffrischenden Winde, um nicht das Schicksal des Untergangs zu teilen. Den Admiral Bagge und andere vornehme schwedische Herren, sowie die eroberten Flaggen brachten die Sieger nach Lübeck als Erinnerungszeichen an die Seeschlacht bei Gotland.

Admiral Karpfanger, seine Taten und sein Tod.
Wer schon einmal in Hamburg gewesen ist, dem wird in der Nähe der Hamburger Seewarte eine Brücke aufgefallen sein, die die hochgelegenen Teile der Hamburger Neustadt mit St. Pauli verbindet. Die Pfeilervorlagen dieses Bauwerkes tragen je das Bildnis der bedeutenden Männer, die in der hansischen Zeit während der Seekriege eine Rolle spielten: Admiral Karpfanger † 1683, Ditmar Koel † 1563, Simon von Utrecht † 1437 und Kersten Miles † 1420.
Berend Karpfanger war ein Zeitgenosse des Großen Kurfürsten. Er wurde in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts als Sohn eines Hamburger Reeders und Kaufmanns geboren. Seine Jugendtage sahen die Wirren des Dreißigjährigen Krieges, Handel und Schiffahrt lagen darnieder, und trotz alledem trieb es den jungen Karpfanger hinaus zur See. Der Vater willfahrte seinem Wunsche und schickte ihn nach Holland zu dem berühmten Admiral de Ruyter. Unter der Leitung dieses weitsichtigen und tüchtigen Mannes wurde Berend Karpfanger ein geschickter Orlogsmann, der, wo er auch stand, vollauf seinen Posten ausfüllte.
Als er ausgelernt hatte, kam Berend Karpfanger als erprobter Seemann in seine Heimat zurück und errang hier wegen seiner guten Zeugnisse die Stellung als Admiral des hamburgischen Staates. Seine Tüchtigkeit und Umsicht sollten der alten Hansestadt noch oft von Nutzen sein. Von seinen Taten soll nun erzählt werden.
In der Mitte des 17. Jahrhunderts brachte die sogenannte Türkengefahr den Kaufleuten und Seeleuten allerlei Verdruß. Mit unglaublicher Frechheit fielen die beutegierigen Korsaren, die in den Küstengebieten Nordafrikas ihre Schlupfwinkel hatten, die Handelsschiffe an; sogar eine aus mehreren Schiffen bestehende Handelsflotte der Hamburger raubten diese Piraten aus und führten die Besatzung nach mannhafter Gegenwehr in die Sklaverei. Um diesen Seeräubereien ein Ende zu bereiten, faßten Rat und Bürgerschaft Hamburgs den Beschluß, zwei mächtige Kriegsschiffe zu erbauen und auszurüsten, die den nach Spanien fahrenden Kauffahrteischiffen durch die Mitfahrt Schutz gewähren sollten.
Im Jahre 1668 lief das erste Schiff, ein riesiger Dreimaster, ‚Kaiser Leopold‘, im nächsten Jahre das zweite Schiff, ‚das Wappen von Hamburg‘, vom Stapel. Beide Kriegsschiffe führten je vierundfünfzig Kanonen, meist Achtzehnpfünder, an Bord, dazu standen einige Geschütze auf der Schanze. Das Galion und auch der hintere Teil des Schiffes waren mit Schnitzwerk und Figuren reich verziert. Auf dem Hinterteil befanden sich drei Signalscheiben und zwei große, kunstvoll eingefaßte Laternen. Von den drei Masten trugen die beiden vorderen je drei Rahsegel, der Besanmast führte ein Rutensegel und ein Rahsegel. Die Besatzung der Schiffe, außer dem Kapitän und einer Anzahl Offiziere, bestand aus hundertfünfzig Matrosen und achtzig Soldaten; ferner gehörten zur Mannschaft ein Prediger, ein Profos und seine Leute, Wundärzte, Köche und Bedienungspersonal.
An Bord herrschte strenge Mannszucht, ein unbedingter Gehorsam galt als das oberste Gesetz. Unter Deck durfte ‚Tobak nicht getrunken‘ werden, dazu war Karten- und Würfelspiel verpönt. Wer durch Zänkerei, Trunk oder Fluchen auffiel, bekam Arrest, wer beim Wachtdienst einschlief, wurde ‚gekielholt‘ oder durch Spießrutenlaufen bestraft. Wer gar gewalttätig sein Messer gegen seinen Nächsten zückte, dem wurde die linke Hand mit diesem Messer an einen Mast geheftet.
Diese Kriegsschiffe schlossen sich der Hamburger Handelsflotte an bei ihren Fahrten nach den Häfen- und Handelsplätzen der nördlichen Meere, der Westsee und denen des Mittelmeeres. Im Jahre 1674 ernannte der Rat der Stadt Berend Jakobus Karpfanger zum Befehlshaber des ‚Kaiser Leopold‘, in ehrender Weise umgürtete ihn der erste Bürgermeister mit einem silbernen Degen, und bei der feierlichen Überreichung des Admiralstabes leistete Karpfanger den nachstehenden Eid, den er getreulich bis in den Tod gehalten hat: „Ich will bei der meiner Admiralschaft anvertrauten Flotte mannhaft stehen und eher Gut und Blut, Leib und Leben opfern, als sie oder mein Schiff verlassen.“ Ehrenvoll hat Karpfanger zehn Jahre seine Pflicht getan, und stolz konnte er darauf verweisen, daß während seiner Admiralschaft kein Schiff der Hamburger in die Hände der beutegierigen Korsaren fiel.
Besonderen Ruhm gewann der Admiral im Kampfe mit französischen Kaperschiffen vor der Elbmündung. Fünfzig Walfischfänger, die aus dem Nördlichen Eismeere kamen, hatte Karpfanger mit seiner Flotte sicher in die Elbe zu geleiten. Plötzlich wurden sie von fünf starken französischen Kaperschiffen angegriffen, die die Absicht hatten, einige der schwerbeladenen Handelsschiffe zu erbeuten. Diese Seeräuber trieben ihr Handwerk äußerst frech; weder Freund noch Feind blieb von ihnen ungeschoren, denn sie standen unter dem Schutze des ‚allerchristlichsten Königs‘, dem sie ein Zehntel aller Beute abliefern mußten. Jedoch diesmal sollte ihnen der Raub nicht glücken, Karpfanger hatte nicht vergebens in de Ruyters Schule die Regeln des Kämpfens erlernt. Die Walfischfänger erhielten den Befehl, sich zu sammeln und sich gut auf einem Haufen zu halten, das Schiff des Admirals machte schnellstens klar zu Gefecht; alle Segel waren gesetzt, und stolz wehte die Hamburger Flagge mit den drei weißen Türmen auf rotem Grunde am Maste, drohend blickten die geöffneten Geschützpforten die Seeräuberschiffe an. Karpfanger wagte mutig den ungleichen Kampf gegen die fünf Kaperschiffe; er verließ sich auf seine Leute und auf seine Kriegskunst. Jetzt standen die Hamburger dem ersten Kaperschiff gegenüber, dies begann zu feuern, und die Kugeln sausten durch das Tauwerk des Hamburger Orlogschiffes. Nur wenige Taue fielen ihnen zum Opfer, und dieser Schaden war sehr schnell geheilt.
Doch nun galt’s den rechten Augenblick des Angriffs auszunutzen. Fest und bestimmt lautete die Mahnung Karpfangers „Gut zielen!“ Ein mächtiges Erschüttern ging durch den Schiffsrumpf, sechsundzwanzig Geschütze feuerten ihren Eisenhagel auf den unvorsichtigen Franzosen. Eine Zeitlang lag der weiße Pulverdampf über den kämpfenden Schiffen; als er sich verzogen hatte, lagen die furchtbaren Wirkungen, die der erste Kugelregen anrichtete, offenbar. Zersplitterte Masten hingen über Bord, die Schanzkleidung war durchlöchert und die Boote durchschossen. In Strömen drang das Wasser durch die an der Wasserlinie gefährlichen Löcher in den Schiffsrumpf ein.
Dieser Gegner bedeutete für das Hamburger Kampfschiff nichts mehr. Nun fuhr der Admiral auf das zweite französische Schiff zu; es sollte seinen Untergang finden, ehe die Verstärkung herankam. Die Zeit war kostbar, denn schon eilten die anderen drei ihm zu Hilfe. ‚Kaiser Leopold‘ sandte eine Breitseite hinüber, doch dieser Eisenhagel riß wohl Lücken und Löcher, aber das Kaperschiff blieb lenkfähig und konnte noch rechtzeitig das Weite suchen.
Inzwischen steuerten die andern drei Kaper heran, und besonders der größte unter diesen eröffnete ein verheerendes Feuer auf Karpfangers ‚Leopold‘. Die Schiffsleute mußten sich rühren, um die verhängnisvollen Löcher in der Wasserlinie zu stopfen; Verwundete lagen in den Deckskajüten, zerschossene Taue mußten zusammengespleißt werden. Karpfangers Langmut war zu Ende. „Jetzt zeigt, daß ihr Hanseaten seid!“ lautete die begeisterte Aufforderung an das Schiffsvolk, und mit voller Wucht schoß das Hamburger Orlogschiff auf den größten der Kaper zu. Ein geschicktes Segelmanöver zeigte dem Franzmann die Breitseite des Hamburges, und wieder ertönte der Knall der Geschütze. Nur zu gut trafen die Kugeln der Hanseaten, der Rumpf des Kaperschiffes wurde durchlöchert, und langsam begann das getroffene Schiff zu sinken. Damit war die Macht der französischen Seeräuber gebrochen, sie suchten ihr Heil in der Flucht und ließen die beiden sinkenden Schiffe mitsamt ihren daraufbefindlichen Kameraden im Stich.

Kapitän Karpfangers Sieg über fünf französische Schiffe. Von Professor Hans Petersen.
❏ GRÖSSERE BILDANSICHT
Auch Karpfanger hatte verschiedene Schäden auszubessern, und dadurch ging einige Zeit verloren, dann aber eilte er den eiligen Flüchtlingen nach. Ihr Vorsprung war jedoch zu groß, und so mußte er sie, nachdem noch die Buggeschütze ihnen einen Abschiedsgruß nachgefeuert hatten, flüchten lassen.
An der Spitze der Walfischfängerflotte fuhr Karpfanger in den Hamburger Hafen ein. Der Jubel und die Freude seiner Mitbürger begrüßten ihn, der Rat der Stadt verehrte ihm zum Zeichen der Dankbarkeit für diese Siegestat 300 Taler.
Noch eine andere Heldentat dieses wackeren Seemannes will ich erzählen. Man schrieb das Jahr 1681. Karpfanger segelte an der Spitze der Hamburger Baienflotte nach der spanischen Küste. Als die Schiffe in die Nähe der spanischen Küste kamen, hörten sie in der Ferne Kanonendonner. Afrikanische Seeräuber hatten die von Südamerika heimkehrende spanische Silberflotte angefallen und eines ihrer Schiffe als eine willkommene Prise genommen. Der heransegelnde Karpfanger erkannte schon aus der Ferne die Sachlage und gab Befehl, schnell alle Segel zu setzen, um den raschsegelnden Kaperschiffen ein Schnippchen zu schlagen.
In eilender Fahrt kam das Hamburger Schiff herangebraust; ein tüchtiger Eisenhagel überschüttete die Piraten. In der Bestürzung ließen sie die bereits gekaperte ‚Galion‘ fahren und fuhren mit ihren Schiffen etwas abseits. Nachdem sie sich geordnet hatten, versuchten sie von neuem mit vereinten Kräften auf den ‚Leopold‘ einzudringen, um die verlorene Beute wiederzugewinnen; ja, sie glaubten auch den Hamburger als sichere Beute zu erhaschen. Von zwei Seiten begannen sie den Kampf. Aber sie kannten nicht die Seefahrtskunst des umsichtigen Karpfanger; noch ehe die Piraten recht zum Feuern kamen, segelte Karpfanger an den einen heran und sandte ihm eine volle Breitseite als Willkommengruß in den Schiffsrumpf; die Wirkung war gut. Das Kriegsschiff legte sich auf die Seite und begann zu sinken. Jetzt hielten die beiden anderen Schiffe nicht mehr stand, sie erblickten vielmehr in einer schnellen Flucht ihr größtes Heil. Karpfanger befreite dann die gefangene Mannschaft der spanischen ‚Galion‘, und dabei fielen ihm sechzig Piraten in die Hände. Das eroberte Schiff lieferte er samt seinen Silberschätzen an den König von Spanien ab; die gefangenen Seeräuber tauschte er gegen gefangene Hamburger Seeleute aus. Karl II. von Spanien ehrte den tapferen Schiffshauptmann für diese ruhmvolle Tat durch die Verleihung einer goldnen Ehrenkette.
Im Sommer des Jahres 1683 stand Karpfanger als Admiral an der Spitze des zweiten Hamburger Kriegsschiffes ‚das Wappen von Hamburg‘, dessen Kapitän wegen Streitigkeiten mit der Admiralität vom Dienste entfernt worden war. Nach allerlei Widrigkeiten erreichte Karpfanger mit seinem Schiff und den mitsegelnden Handelsschiffen glücklich den spanischen Hafen Cadix. Hier ging er vor Anker, und hier sollte er auch sein Ende finden. Es war am 10. Oktober des Jahres 1683.
Karpfanger saß gegen Abend mit seinem Sohne, einem Neffen, mit Schiffsoffizieren und einigen befreundeten Männern aus Cadix in seiner Kajüte frohgemut an der Tafel, als sich plötzlich im Schiff ein großer Lärm erhob. Eiligen Laufes kam ein Schiffsjunge in die Kajüte gestürmt und berichtete, daß im Vorderteil des Schiffes ein mächtiges Feuer ausgebrochen sei. Alle waren bestürzt, und die Tafel wurde sogleich aufgehoben. Karpfanger eilte so schnell er konnte an Deck, um sich von der Größe des Schadens und der Gefahr zu überzeugen. Unter seiner Leitung ging die Besatzung dem Feuer tüchtig zu Leibe. Aber trotz der unendlichen Wassermengen, die durch Spritzen und Eimer in das Schiff hineingeschleudert wurden, konnte man an den Herd des Feuers nicht herankommen. Gerade in diesem tiefergelegenen Raum fand die zehrende Glut in dem großen Haufen der geteerten Taue immer neue und reichlichere Nahrung. Die Löschung des Brandes gelang nicht, soviel die Schiffsleute sich auch bemühten. Von seinem Herde aus verbreitete es sich mit rasender Schnelligkeit im Rumpfe des Schiffes.
Dichte Rauchwolken qualmten aus dem Schiff hervor, und binnen jeder Minute erwartete man das Hindurchschlagen der leckenden Flammen. Notschüsse riefen Hilfe von der Stadt Cadix und von den in der Nähe ankernden Schiffen herbei, allein kein Schiff eilte zur Hilfe herbei, denn alle Seefahrer fürchteten die Nähe des dem Untergang geweihten Schiffes. Die Gefahr wuchs, Schrecken und Angst ergriffen die Schiffsmannschaft, und in Scharen stürzten die sonst so mutigen Matrosen in die Schaluppen, um abzurudern. Karpfanger gewahrte rechtzeitig diesen Vorgang. In ernsten Worten erinnerte er die Flüchtenden an ihren Eid, befahl ihnen, sofort zurückzukehren, da die Rettung des Schiffes doch noch möglich sei. Des Admirals Worte verfehlten den Eindruck nicht, noch einmal kehrte die Schiffsmannschaft an Bord zurück und begann von neuem die Löschungsarbeiten. Mutig gingen sie gegen die entfesselten Elemente vor. Immer von neuem drangen sie in den Qualm und in die Glut und achteten nicht die furchtbare Gefahr, in der sie sich befanden. Stundenlang hielten die wackeren Schiffsleute dem entfesselten Element stand. Jedoch menschlicher Heldenmut war vergebens. Die Kraft der Seeleute konnte gegen die Feuersgewalt nichts ausrichten, die schließlich durch den ganzen Schiffsraum ihre lodernde Glut wälzte. Nicht lange währte es mehr, dann fand das Feuer den Weg zur Pulverkammer, und damit schlug die Schicksalsstunde des ‚Wappen von Hamburg‘.
Karpfangers Sohn fiel dem Vater zu Füßen und bat ihn, mit fortzufahren, da das Schiff nicht mehr zu retten sei; der aber blieb fest. „Hebe dich weg von mir, mein Sohn, ich weiß besser, was mir anvertraut ist. Der Pflicht und Ehre bleibe ich getreu!“ Hierauf befahl er einigen Quartiermeistern, seinen Sohn und seinen Neffen in die große Schaluppe zu bringen.
Zu rechter Zeit kamen diese von Bord. Bald brannte das Feuer bei den Masten durch und leckte sich züngelnd an den Tauen in die Höhe. Im Augenblick glichen Masten und Rahen und Segel lodernden Flammenzeichen, die weithin leuchteten. Ein furchtbar prächtiges Schauspiel bot das Schiff, dessen Mannschaft nun nicht mehr an Bord blieb. Mit großem Geschrei und mit entsetzten Gesichtern eilten Matrosen und Soldaten über Bord in die Schaluppen und Boote hinein. Immer mehr drängten nach, stießen andere um, um für sich den Rettungsweg zu erkämpfen. Verzweiflung und Ungestüm ließen viele ins Meer fallen, und dort hielten sie sich, mit den Wellen ringend und nach Hilfe suchend, an den Rand der Boote und der Schaluppen. Wohl entgingen zahlreiche Seeleute dem Feuertode, aber die Wellen gruben ihnen ein sicheres Grab. Im Widerschein des feurig leuchtenden Schiffsrumpfes fuhren die Boote eiligst von dannen. Gegen Mitternacht lösten sich die Kanonen an Bord des Schiffes; es waren die Abschiedsgrüße, die über das Meer dahindonnerten. Eine Stunde nach Mitternacht hatte das Feuer die wohlverwahrte Pulver- und Kugelkammer erreicht. Ein furchtbarer Knall, und mit einer hochauflodernden Feuerflamme barst der Schiffsrumpf auseinander.
Man glaubte allgemein, Karpfanger habe als der Letzte das Schiff verlassen und sich gerettet. Es war nicht so. Am nächsten Morgen trieb die Leiche des verdienstvollen Mannes auf dem Wasser. Berend Karpfanger ging, getreu seinem Eide „Ich will bei der mir anvertrauten Flotte mannhaft stehen und eher Gut und Blut, Leib und Leben opfern, als sie oder mein Schiff verlassen!“ mit seinem Schiffe in die Tiefe, — ein Opfer seiner mannhaften Pflichttreue.
Unter besonderen Feierlichkeiten wurde der Leichnam in Cadix bestattet, und König Karl II. errichtete dem ruhmreichen Seehelden auf dem Grabe ein prächtiges Denkmal.

Unter dem Adler des Großen Kurfürsten.
Unter den Herrschergestalten der Hohenzollern war der Große Kurfürst dank seiner Umsicht und Tüchtigkeit, die gepaart waren mit Weitblick und Energie, der Anerkennung aller Zeiten sicher. Trotz der Ungunst der Verhältnisse in seinem Lande, trotz der Armut und Entvölkerung des von Freund und Feind verwüsteten Landes brachte er es in die Höhe, weil er Ackerbau und Handel stützte, weil er die Erfahrungen seiner Jugend zum Wohle seines Kurfürstentums und dessen Bewohnern anwandte.

Friedrich Wilhelm der Große Kurfürst.
Der Aufenthalt in den Niederlanden zeigte ihm, wie ein kleiner Staat durch Handel und Schiffahrt, die Quellen allgemeinen Wohlstandes, sich zu Macht und Reichtum emporringen kann. Dem klaren Verstande des Großen Kurfürsten mußte auch die Nutzanwendung dieser Erfahrung gelingen, trotz des Neides und trotz der ungetreuen Bundesgenossen, die jene verheißungsvolle und machtvolle Entwicklung des Kurfürstentums Brandenburg mit scheelen Augen sahen.
„Der gewisseste Reichthumb und das Aufnehmen eines Landes kommen von dem Commercium her; Seefahrt und Handlung sind die fürnehmsten Säulen eines Estats, wodurch die Unterthanen, beides zu Wasser, als auch durch die Manufakturen zu Lande ihre Nahrung und Unterhalt erlangen“
schrieb der Große Kurfürst in einem Erlaß. Diese Worte waren seine Richtschnur bei der Verwaltung des Staates.
Schon während der letzten Kriegsjahre des Dreißigjährigen Krieges trug sich der Kurfürst mit dem Gedanken, eine brandenburgisch-ostindische Kompagnie zu gründen. Seine vielfachen Bemühungen um dies weitsichtige Unternehmen scheiterten an der Verschlechterung der politischen Lage, die ihm nicht die erhoffte Gebietserweiterung an der Ostsee brachte, und an der Kurzsichtigkeit der damaligen Handelskreise in den alten Seestädten Hamburg, Bremen, Lübeck, Königsberg, die sich nicht bereit finden konnten, durch Geldbeiträge das notwendige Gründungskapital zusammenzubringen.
Erst nach 1675, nach der Schlacht von Fehrbellin, konnte der Große Kurfürst den Gedanken der Seegeltung Brandenburgs wieder aufnehmen. Der siegreiche Verlauf des Krieges gegen Schweden ermutigte ihn trotz des Mangels einer eigenen Marine, den er bitter empfand, das alte Ziel, die Eroberung und Einverleibung Rügens und Pommerns, zu verwirklichen.

Benjamin Raule. Nach seinem in Kiel befindlichen Standbild.
Benjamin Raule, ein kühner, unternehmungsfroher niederländischer Schiffsreeder, erbot sich damals, auf eigene Kosten eine Anzahl Kriegsschiffe gegen die schwedischen Handelsschiffe auszuschicken, wenn ihm der Kurfürst Schutz gewähre und ihm Kaperbriefe erteile. Dem Kurfürsten kam der Vorschlag Raules sehr gelegen, dieser hatte dann binnen kurzer Zeit die Ostsee vollständig von schwedischen Schiffen gesäubert, und keines wagte mehr die heimischen Häfen zu verlassen. Dadurch wurde den Schweden der empfindlichste Abbruch getan. Fast schien es, als ob sich alles gegen den Kurfürsten und seine Bestrebungen auf Seegeltung verschworen hätte. Raule ließ bei seinem Vorgehen nicht die nötige Vorsicht walten; so brachte er unter den zahlreichen Prisen auch holländische Güter auf, die unter schwedischer Flagge fuhren. Die Fortnahme dieser Schiffe verursachte in den Niederlanden nicht geringe Aufregung. Die Generalstaaten waren nur bereit, die Feindseligkeiten gegen Schweden mit fortzusetzen, wenn ihr eigener freier Handel zur See nicht gestört werde. Friedrich Wilhelm der Große Kurfürst mußte deshalb aus politischen Rücksichten, um nicht den Bundesgenossen zu verlieren, die eroberten Prisen herausgeben.
Nach der Schlacht bei Fehrbellin konnte Raule mit drei Fregatten, ‚Kurprinz‘, ‚Berlin‘ und ‚Potsdam‘, auslaufen. Zu diesen gehörten noch zwei kleinere Schiffe, ‚Bielefeld‘ und ‚Buller‘, und zu ihnen stießen noch drei Fregatten, die von der holländischen Admiralität gemietet waren. Kurbrandenburgs Flagge wehte am Mast dieser Schiffe, und wenn sie auch nur für drei Monate gemietet waren, entfaltete der rote Adler im weißen Feld nicht minder stolz seine Schwingen am Mast der Schiffe über den Wellen des Meeres, um zu zeigen, daß auch ihm ein Anteil am Meere gehöre.
Glückverheißend waren die Anfangserfolge jedoch noch nicht. Die schwedische Festung Karlsburg an der Weser eroberte die Flotte nicht. Vielmehr kehrten die Brandenburger unter Verlusten heim, und der hereinbrechende Winter machte den Feindseligkeiten ein vorläufiges Ende.

Seeschlacht bei Bornholm. Eroberung des ‚Leopard‘. Von Professor Hans Petersen.
Im Jahre 1676 erneuerte der Kurfürst seinen Vertrag mit Raule, dem er die Aufgabe stellte, die Küsten Mecklenburgs und Pommerns zu blockieren, auch sollte er mit Hilfe der verbündeten dänischen Flotte Schweden angreifen.
Kurbrandenburgs junge Kriegsflagge wehte in Ehren. Eine Reihe Schiffe, die Kriegskonterbande führten, brachte sie auf. Doch erhielt sie in der Seeschlacht bei Bornholm am 5. Juni 1676 die Feuertaufe, denn die Dänen unter Admiral Niels Juel schlugen die Schweden. Große Freude bereitete in Kurbrandenburg die Kunde, daß die Brandenburger Flotte unter Raule von den Schweden einen Brander von acht Geschützen und eine Fregatte von zweiundzwanzig Kanonen erobert hatte.
Neidvoll sahen die übrigen Seestaaten die Kriegserfolge der jungen Seemacht sich mehren. Dazu ergaben die erbeuteten Schiffe eine willkommene Verstärkung der heimischen Flotte, und die eroberten Prisen deckten die notwendigen Auslagen dieses Seezuges.

Kurfürstlich Brandenburgische Werft und Magazin in Emden.
Für das Jahr 1677 erneuerte der Kurfürst abermals seinen Vertrag mit Raule, der für die Summe von 27000 Talern und die Hälfte des Prisengewinnes auf vier Monate wiederum fünf Schiffe stellte, die sechsundsiebzig Geschütze und dreihundertfünfzig Mann Besatzung zählten. Ferner reihte Raule noch sechs Kaperschiffe mit sechsunddreißig Kanonen und einer Besatzung von hundertvierundachtzig Mann der Flotte ein, zu der außer den im Vorjahre eroberten beiden schwedischen Schiffen der Kurfürst noch vier eigene Schiffe mit siebenundfünfzig Kanonen und einer Schiffsbesatzung von über dreihundert Mann entsandte. Diese Flotte bildete eine nicht zu unterschätzende Macht.
Neben einer erfolgreichen Überwachung der pommerschen Küste führten die Schiffe größere Streifzüge durch das ganze Gebiet der Ostsee aus. Stettin wurde vom Meere abgeschnitten und die Schweden bei Rostock und bei Falsterboe von der Dänenflotte mächtig aufs Haupt geschlagen, so daß sie sich nicht länger auf der See hielt. Stettin fiel. Nun blieb als die letzte und schwerste Aufgabe, um einen vollen Erfolg zu erringen, die Vertreibung der Schweden von Rügen. Auch dies Werk gelang. Unter der tätigen Mitwirkung von Raule und der Dänen unter Führung des Admirals Niels Juel war im Herbst des Jahres 1678 die Aufgabe gelöst worden. Allein die Früchte des Feldzuges sollten dem energischen Kurfürsten nicht reifen. Trotz der Besitzergreifung der Odermündung mußte Friedrich Wilhelm im Frieden zu St. Germain an Schweden die eroberten Gebiete zurückgeben, weil deutsche Fürsten, neidisch auf die Entwicklung des Kurfürstentums, dies zugaben. „Aus meinen Gebeinen wird ein Rächer erstehen,“ rief prophetischen Auges der Kurfürst, und er sollte recht behalten.
Trotz des Unglücks in politischer Beziehung verlor Friedrich Wilhelm den Gedanken an die Entwicklung der Seegeltung seines Landes nicht aus dem Auge. Zur Hebung der Schiffahrt schuf er ein Marinekollegium. Mit den acht gemieteten und vier eigenen größeren Fahrzeugen zählte die brandenburgische Marine nun zwölf Kriegsschiffe, die beständig seebereit lagen. Sie standen unter Raule, der die brandenburgischen Seekriegsartikel auch für seine Schiffe anerkannte und einführte. —
Im Seezuge gegen Spanien bewährte sich die Flotte zum ersten Mal. Im Jahre 1674 verpflichtete sich Spanien, dem Kurfürsten Unterhaltungsgelder für eine Truppenmacht zu zahlen, die er gegen Frankreich im Felde hielt. Da Spanien sich später weigerte, dem Vertrage nachzukommen, und alle Verhandlungen ohne Erfolg blieben, sandte der Kurfürst am 14. August 1680 von Pillau seine Flotte gegen Spanien aus.
Unter dem roten Adler im weißen Felde fuhren sieben Schiffe mit hundertundfünfundsechzig Geschützen und fünfhundertzwanzig Seeleuten aus, um die Schuld einzutreiben.
Wirklich fiel den Brandenburgern ein reichbeladenes Fahrzeug, der ‚Carolus II.‘, in die Hände, doch damit war des Kurfürsten Forderung nicht gedeckt. Deswegen sandte er im nächsten Jahre abermals ein Geschwader aus. Der Befehlshaber hieß Kapitän Aldersen. Zunächst segelte dieses Geschwader nach Westindien, um die spanische Silberflotte zu erwischen; leider entkam diese den Brandenburgern, aber einige wertvolle Prisen fielen Aldersen doch in die Hände. Jetzt fuhr er schnell nach der spanischen Küste, um die Silberflotte noch einzuholen.
Spanien hatte bereits von seinem Plane Kenntnis und sandte ihm vierzehn Kriegsschiffe entgegen. Am 30. September 1681 trafen sich beide Geschwader bei Kap St. Vincent. Aldersen hielt die Spanier irrtümlich für die Silberflotte und griff sie kühn an. Natürlich erkannte er bald seinen Irrtum, floh aber nicht, sondern kämpfte mit größter Tapferkeit zwei Stunden lang mit dem mächtigen Feinde. Dann brach er das Gefecht ab und zog sich in voller Ordnung zurück. Die Spanier aber wagten nicht zu folgen, sie hatten Furcht bekommen. Aldersens fünf Fahrzeuge waren wohl mächtig zerschossen, aber sie blieben doch alle kampffähig, die Spanier hingegen büßten zwei Schiffe ein.
Der einfache erste Bericht des Flottenführers an den Kurfürsten sei hier wiedergegeben:
„Ich berichte hiermit in aller Hast, daß wir vor drei Tagen ein scharfes Rencontre gehabt haben, als wir die spanische Armada, die aus Galicien[21] kam, angetroffen, und da wir meinten, daß es die Galionen wären, haben wir sie mit unseren vier Schiffen angegriffen. Die spanische Armada bestand aus 12 großen Kriegsschiffen und 2 Brandern, doch als ich ihre Übermacht gewahr wurde, suchte ich mich mit meinen vier Fregatten wegzumanövrieren, so daß wir nach einem zweistündigen Gefechte auseinanderkamen. Ich bin dann glücklich mit meinen Fregatten wieder in Lagos eingelaufen, um in wenigen Tagen wieder in See zu gehen. Ich habe in allem zehn Mann an Toten und dreißig Verwundete. Geschrieben auf dem Schiff ‚Friedrich Wilhelm‘ den 2. Oktober 1681.
gez. Thomas Aldersen.“
Inzwischen langte die Silberflotte glücklich in Spanien an; wenn auch dadurch der Zweck der brandenburgischen Flottenfahrt nicht erreicht wurde, so mehrte doch das wiederholte Erscheinen gut ausgerüsteter brandenburgischer Kriegsschiffe im Atlantischen Ozean das Ansehen des Großen Kurfürsten. —
Nach dem Frieden von St. Germain trat Friedrich Wilhelm den von Raule unterbreiteten Vorschlägen der Gründung einer Afrikanischen Handelsgesellschaft näher.
Wiederum mußte der Fürst die Erfahrung machen, daß er bei den zaghaften Kaufleuten seines Landes keine Unterstützung seiner auf das Wohl des Handelsstandes und des Volkes bedachten Pläne fand. Einigen unternehmenden holländischen Kaufleuten, die seine Untertanen wurden und zwei Schiffe, den ‚Morian‘ und das ‚Wappen von Brandenburg‘, nach der Küste von Guinea entsandten, gestattete er die Führung der brandenburgischen Flagge, gab ihnen Geschütze mit kurfürstlichem Wappen und zwanzig brandenburgische Soldaten.
Diese beiden Fahrzeuge machten im Herbst des Jahres 1680 unter dem Befehle eines Kapitäns Blonck ihre Reise und gelangten am Ende des Jahres glücklich am Orte ihrer Bestimmung, bei Axim in der Nähe des Kaps der drei Spitzen, an der Guineaküste an.

Besitzergreifung der Guineaküste durch die Schiffe Morian und Kurprinz. Von Professor Hans Petersen.
Der Handel ging gut, die Neger stellten sich freundlich, und Blonck schloß mit drei Häuptlingen einen Vertrag, der bestimmte, für die Zukunft nur mit brandenburgischen Schiffen zu handeln.
Im März des Jahres 1682 ging die Gründung der Gesellschaft vor sich. Wiederum schickte der Kurfürst zwei Schiffe ‚Morian‘ und ‚Kurprinz‘ unter den Kapitänen Voß und Blonck hinaus; die Leitung des Unternehmens lag in den Händen des Kammerherrn Major von der Gröben.
Der Gewandtheit des vielgereisten Herrn von der Gröben gelang es, trotz des Widerstandes der Holländer, die die ganze Goldküste beanspruchten, zum gewünschten Erfolg zu kommen. An den Küsten von Guinea und Angola schloß er Verträge mit Negerfürsten ab und machte Erwerbungen. Im Jahre 1683 erstand an dem Vorgebirge der drei Spitzen die Feste ‚Groß-Friedrichsburg‘. Somit schien das Unternehmen zum Ärger der Holländer einen guten Fortgang zu nehmen, da stellten sich verschiedene Widerwärtigkeiten ein. Fast die ganze Besatzung des Forts erkrankte am Klimafieber, und zugleich kam die Nachricht, daß mehrere tausend Neger in feindseliger Absicht heranrückten. Aber Gröben verlor den Mut nicht. Es wurden schnell fünfzig Matrosen ausgeschifft, und mit dieser kleinen Streitmacht, sowie mit zweihundert getreuen Schwarzen erwartete er den übermächtigen Feind in der halboffenen Festung.
Als die Negerbande den Berg hinanstürmte, ließ Gröben sie dicht herankommen, dann schoß er mit Granaten dazwischen. Das half! Voller Entsetzen stürzte die Masse davon; der Krieg war aus.
Die Entwicklung der Afrikanischen Gesellschaft ging nicht so vor sich, wie der Kurfürst es erhoffte; die ausgesandten Schiffe brachten nur wenige Erträge, und die Kolonien verlangten fortwährend Zuschüsse. Dazu waren einzelne der Verwalter Betrüger, die nur ihren Vorteil wahrnahmen. Und doch verfolgte Friedrich Wilhelm seinen Lieblingsplan weiter, bis ihm der Tod ein Halt gebot. —
Unter seinem Nachfolger verlor Brandenburg seine Kolonien, deren Untergang bedingt war durch den engherzigen Geist jener Zeit, die für große nationale Aufgaben, wie sie dem Großen Kurfürsten bei seinen Gründungen vorgeschwebt hatten, kein Verständnis mehr besaß; auch fehlte der Wille, sie durch eine leistungsfähige Flotte zu unterstützen.
