Erster Teil. (continued 2)
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Die Verkaufsläden und die Speicher bedienten die Gesellen oder Knechte, die Verpackung, die Verladung und dergleichen Arbeiten gehörten ebenfalls zu ihren Aufgaben. Die Kaufmannssöhne aus den vornehmsten Familien begannen ihre Laufbahn auf der untersten Staffel. Glänzende und verlockende Kaufläden mit prächtig aufgebauten Waren, die heute die Städte zieren, kannte das Kaufmannshaus der hansischen Zeit nicht. Die Vorratsräume in den Speichern, die Bodenräume und die Diele des eigenen Hauses genügten zur Stapelung der Waren; in einer engen, einfachen Schreibstube wurden die Handelsgeschäfte abgeschlossen, die Buchführung und der Schriftwechsel erledigt. An manchen Orten besaßen die Gilden dafür besondere Häuser. Die Krämer, die Kleinkaufleute der damaligen Zeit, benutzten Keller, Vorbauten oder Stuben, um von ihnen aus ihre Handelsgeschäfte im Kleinverkauf zu betreiben.
Die Verpackung der Waren, wie Ballen, Säcke, Fässer usw., wurde durch besondere Handelsmarken gekennzeichnet, die sich aus geraden oder krummen Linien zusammensetzten und so zur Kennzeichnung des Besitzers dienten. Eine solche Marke hatte damals rechtlichen Schutz und bedeutete für jene Zeit das, was heute die Firma darstellt. Der hansische Kaufmann brachte seine Marke in den Handelsbriefen an, er trug sie in seinem Siegelring, den er stets bei sich führte in dem breiten Gürtel, in dem er auch seine Geldbörse bewahrte.
Höchst mannigfaltig waren die Gegenstände, die der hansische Kaufmann verhandelte. Alle Reiche der Natur spendeten ihre Gaben. Als wertvollsten Handelsartikel brachten der Norden und der Osten Pelzwerk, das in der damaligen Kulturwelt weithin, selbst bis in den Orient seine Verbreitung gefunden hat. Kostbares Pelzwerk galt als ein Zeichen der Vornehmheit und des Reichtums. Verordnungen verboten zeitweise den unteren Volksständen, Pelze und Pelzverbrämungen zu tragen. Als ein Zeichen der mittelalterlichen Hochschätzung des Pelzwerks sei daran erinnert, daß der Hermelinmantel noch heute als das Zeichen fürstlicher Würde gilt. In der Verarbeitung des Pelzwerkes, in der Zubereitung der Felle, in der Gerberei und der Kürschnerei hatten die Russen eine große Kunstfertigkeit erlangt. Der Kaufmann mußte streng darauf achten, daß er nicht übervorteilt wurde; er kaufte aus dem Grunde gern ungegerbte Ware. Der Hauptstapelplatz für diese wertvollen Handelsartikel war Nowgorod. Unter den Pelzarten fanden den meisten Absatz: Hermelin und Wiesel, Eichhorn, Bär, Biber, Bisam, Fuchs, Iltis, Luchs, Marder, Otter, Zobel, kurzum alle die Tiergattungen, die auch heute ihre Felle zu allerlei Kleidungsstücken und Gebrauchsgegenständen hergeben müssen. Mit dem größeren Anbau und der Zunahme der Bevölkerung traten andere Handelsartikel hinzu. Lebendes Vieh und frisches Fleisch, Handelsgegenstände, die heute große Bedeutung haben, konnten damals nur in benachbarten Landstrichen verhandelt werden, ein größeres Absatzgebiet fanden jedoch gedörrtes und gepökeltes Fleisch. Pferde brachte der Kaufmann von Preußen und Schweden bis nach England. Andere Erzeugnisse der Tierzucht erfuhren eine vielfache Verwendung. Rohe und gegerbte Häute, Leder aller Art, Talg, Speck, Butter, Käse kamen aus Norwegen und Schweden, Dänemark, Rußland und Deutschland. Ein größeres Absatzgebiet errang sich die Wolle, die vorwiegend in Flandern und England verarbeitet wurde. Die Hauptreichtumsquelle des hansischen Kaufmanns bildete aber der Hering. Seine Ausfuhr erstreckte sich über ganz Europa, und nur wenig geringer war der Handel mit getrocknetem Fleisch, dem Stockfisch. Hierfür bildete Bergen den Hauptstapelplatz.
Als große Bezugsquelle für Wachs galt Rußland, wo die ‚Wachsbäume‘, das sind die Stöcke der Waldbiene, unendliche Mengen erbrachten. Jene Zeit brauchte viel von diesem Stoff. Ein frommer Gebrauch des Mittelalters bestand in der Stiftung von Kerzen. Auch in den Kanzleien der Regierungen benutzte man das Wachs, da den Urkunden des Mittelalters wächserne Siegel angehängt wurden. In dem Hause der Reichen und Vermögenden brannte an hohen Festtagen die Wachskerze; für gewöhnlich begnügte sich jene Zeit mit den Unschlittkerzen und die ärmeren Volkskreise mit der Tranlampe, die qualmend an der Wand hing. Das Wachs kam geschmolzen, aber ungereinigt in großen Blöcken in den Handel. Auf den Kontoren prüften besondere Kenner die Qualität, um Fälschungsversuchen vorzubeugen. Den Gefährten des Wachses, den Honig, kaufte man sehr gern, denn er bedeutete für jene Zeit viel, weil der Zucker noch teuer und sehr selten war.
In den Tagen der Hanse bildete das Getreide gleichfalls einen willkommenen Handelsartikel. Norddeutschland gab Roggen und Weizen in größerer Menge ab, Rußland lieferte damals noch nichts zur Ausfuhr. Die nordischen Reiche und auch England waren im Mittelalter von der Zufuhr des deutschen Brotgetreides durchaus abhängig. Die Preise der Getreidearten schwankten viel mehr als heute, weil der verschiedene Ausfall der Ernte dies verursachte. Der Hanse handelte ferner mit Malz, Mehl, Zwiebeln, Thymian und Grütze, die letztere nahm den Weg bis nach Spanien. Einen sehr gewinnbringenden Erwerb bot die Brauerei, in der damals Deutschland nicht übertroffen wurde. Die Bedeutung des Biers war größer als heute, weil Bier in jenen Tagen als ein Nahrungsmittel galt und heute nur ein Genußmittel darstellt. Es gab unzählige Arten dieses Getränkes; fast jede Stadt hatte ihre besonderen Biersorten. Manche waren dünn und leicht, andere dickflüssig und schwerer. Erwähnt sei hier eine früher gebräuchliche eigentümliche Bierprobe; nachdem das Bier auf einen Schemel gegossen war, mußte sich ein Mann mit seiner Lederhose daraufsetzen. Wenn er sich nach einiger Zeit von seinem Sitze erhob, mußte der Schemel festkleben als Zeichen für die Güte des Bieres. Schon damals besaß das deutsche Bier Weltruf, selbst in den Zeiten von Handelssperren machte man mit diesem Stoff eine Ausnahme. Unter den Artikeln des Nordens müssen der Flachs, der aus Rußland und Skandinavien kam, ferner Hanf und Werg genannt werden, auch der Holzhandel war sehr lebhaft. Alle Länder um die Ostsee gaben Holz in reicher Menge ab, dazu lieferten sie den für den Holzschiffbau jener Zeit unentbehrlichen Teer. Einen bedeutenden Reichtum erwarb sich der deutsche Orden durch den Handel mit Bernstein, der sich einer besonderen Wertschätzung erfreute und seinen Weg bis in das Morgenland hinein nahm.
In der menschlichen Nahrung ist das Salz ein notwendiger und unentbehrlicher Bestandteil; blutige Kriege um die Salzquellen wurden in den ältesten germanischen Zeiten geführt. Gerade wegen ihres geringen Salzgehaltes eignete die Ostsee sich nicht zur Gewinnung des Salzes, und da der bergmännische Abbau von mineralischem Salz damals noch nicht üblich war, blieb man auf das durch Quellen aus der Erde kommende Salz angewiesen.
Unter den Salzstätten Deutschlands aus den Tagen der Hanse hatte Lüneburg die bedeutsamste Stellung inne. Gerade der Vorort der Hanse, Lübeck, stand mit Lüneburg seit der Mitte des 14. Jahrhunderts durch einen bequemen Wasserweg, den Elbe und Trave verbindenden alten Stecknitzkanal, in Verbindung. Dieses binnenländische Erzeugnis wurde von Lübeck über See ausgeführt und hieß ‚Travesalz‘, im Gegensatz zu dem ‚Baiensalz‘, das von einer kleinen Bucht südlich von der Loire in größerer Menge durch zahlreiche Flotten, den ‚Baienflotten‘, über die See geschafft wurde. Auch den Handel mit Erzen kannte man in der hansischen Zeit. Schweden lieferte eine ganze Menge; schon damals befanden sich viele Eisengruben in lübeckischem Besitz. Andere Metallarten und Mineralien, die Gegenstand des hansischen Handels waren, sind: Kupfer, Blei, Schwefel, Arsenik, Zinnober, Alaun, Borax; auch ungemünztes Gold und Silber in Barren wurde ausgeführt. Als Ballast führten die Schiffe gute, zum Bauen geeignete Steinarten mit, Schweden lieferte Granit, Bornholm den hochwillkommenen Kalkstein.
An die Produkte des Nordens reihten sich die aus dem Westen und Süden Europas als Gegenstände des umfangreichen Handels der Hanse. Den ersten Platz nahmen die verschiedensten Weinarten ein; unter ihnen stand als wertgeschätzteste Sorte der Rheinwein an der Spitze. Jene Zeit liebte es auch, die Speisen kräftig zu würzen, weniger um den Geschmack zu beeinflussen, als um damit zu prunken. Der Hauptmarktplatz für die Gewürze war Brügge. Aus Italien, Südfrankreich und Spanien kam das feine Olivenöl in länglich spitzen Fässern, den Pipen. Es würde ein umfangreiches Verzeichnis geben, sollte alles aufgezählt werden, was die Warenpäcke aus dem Süden und Westen enthielten: Kastanien, Feigen, Datteln, Rosinen, Mandeln, Reis, Orangen, Granatäpfel, alles Dinge, die noch heute unser Herz erfreuen; auch die damalige Zeit genoß sie gern. Aus der Reihe der Gewürze und Heilmittel seien erwähnt: Zucker, Senf, Pfeffer, Nelken, Muskat, Safran, Zimt, Anis, Kampfer, Rhabarber, Wurmkraut, Kardamom, Mandelmilch. Zum Gottesdienste benötigte man des Weihrauchs, zur Färberei des Indigos.
Kostbare Waren aus dem Orient und dem Süden überbrachte der Kaufmann nach dem Norden: seidene Gewänder und seidene Stoffe, Perlen und Edelsteine, mit Perlen und Edelsteinen verzierte Geschmeide, ferner fanden auch Rohbaumwolle aus Syrien und Kattungewebe ihren Absatz im Norden.
Nicht nur die Roherzeugnisse der Tier-, Pflanzen- und Mineralwelt des eigenen Landes wie der fremden Zonen, sondern auch das, was die Kunst und das Handwerk hervorbrachten, füllte den weiten Bauch der hansischen Schiffe.
Am meisten lieferte die Weberei. Von ihr muß wieder die Tuchweberei erwähnt werden, da gerade sie in verschiedenen Orten und Provinzen besonders gute Stoffe hervorbrachte. Bis in das 16. Jahrhundert hinein lieferten die Flamländer die besten Tuche, die sich durch ihre Farbenfreudigkeit wie auch durch die Feinheit ihrer Gespinste auszeichneten. Jede Stadt in Flandern und im nördlichen Frankreich stellte ihre besonderen Arten her, die im Handel sorgfältig durch mannigfache Bezeichnungen unterschieden wurden.
Am deutschen Niederrhein blühte die Tuchweberei in Köln und seiner Umgebung; dort arbeitete man besonders schwarze Tuche für Priestergewänder.
Als England begann, seine Wolle selbst zu verweben, kamen von dorther englische Laken. Tuch war der Handelsgegenstand, der in allen nordischen Ländern gleich unentbehrlich war und gleich willkommen geheißen wurde. In den Handel kam es je nach dem Ursprungslande in Stücken von verschiedener Länge. Die Tuchstücke trugen Bleisiegel, die ihnen nach der Schau angeheftet wurden und ihre Güte und Gleichmäßigkeit bewiesen. Aus Flandern kamen neben kostbaren Teppichen, die man in vornehmen Häusern zum Verzieren der Wände benutzte, Decken mit allerlei Schmuck.
Leinwand führten die hansischen Kaufleute wohl zeitweise ein, meistens jedoch kam das in Deutschland erzeugte Leinen zur Ausfuhr. Nachdem es Sitte geworden war, das weiße Linnen als Stolz der Hausfrau zu betrachten, entstand die Kunstweberei. Fleißige Frauenhände schmückten das Linnen mit allerlei bunten Stickereien, für die der Handel das Garn feilbot.
Da Handwerk und Industrie in den nordischen Ländern und anfänglich auch in England sehr wenig sich entwickelten, bildeten die Gegenstände des täglichen Lebens einen umfangreichen Teil des Warenverkehrs zur Zeit der Hanse. Daraus zogen die einheimische wie fremde Gewerbtätigkeit ihren Vorteil. Was auch nur gefordert wurde, immer wußte der Kaufmann Nutzen daraus zu ziehen und seinen Kunden darzubieten: Hosen, Hüte und Mützen, Schuhe aus Leder und Kork, Stiefel, Gürtel und Beutel, Säcke, Seife, allerlei Glassachen, Perlen, verschiedene Hausgeräte aus Eisen, Messing und Zinn, wie z. B. Äxte, Türschlösser, Messer, Schlüssel, Nägel, Draht, Nadeln, Spielwaren; nicht zu vergessen die Waffen und die Panzer, die Schätze des vornehmen Hauses, der Kirchen und Klöster, hergestellt aus kostbarem Edelmetall, Pergament und Papier, Rosenkränze und Bilder, ganze Altäre, Glocken und geschriebene Gebetbücher.
Beim hansischen Kaufmann standen die Bedarfsgegenstände des täglichen Lebens, die Genußmittel und der Schmuck für das Haus und für die Kleidung zum Verkauf. Er vermittelte den Austausch der Waren zwischen Nord und Süd, zwischen Ost und West, und sein geschäftskundiger Blick, vereint mit der notwendigen politischen Einsicht und dem Willen, die See zu beherrschen, schuf jenen vergangenen glänzenden Abschnitt in der Geschichte des deutschen Handels — die Zeit der Hanse.

Der Hauptmann von Wismar.
Im Jahre 1394 im Winter kam die Nachricht an die Fürsten von Mecklenburg, daß Stockholm hart von den Dänen belagert werde und die Bürger allda großen Hunger litten; wenn sie nicht bald entsetzt würden, müßten sie aus Not die Stadt übergeben. Um das zu verhindern, wurden in dem Wismarschen Tief acht große Schiffe zugerüstet; diese wurden mit Korn, Mehl und anderen Lebensmitteln beladen und mit kühnen Helden besetzt, den Holm zu befreien. Es war aber mitten im Winter, da diese Schiffe ausliefen; sie hatten einen Hauptmann mit Namen Meister Hugo. Die Dänen hatten auch einen Haufen Schiffe in der See, um der Seeräuber willen, die dem Reiche Schaden tun wollten.
Es begab sich nun, daß plötzlich ein gar starker Frost eintrat, daß die Schiffe in der See einfroren und nirgends hinkommen konnten. Als nun der Hauptmann der Wismarschen sah, daß der Frost so heftig überhandnahm, sprach er zu den andern Schiffern und Kriegsleuten also: „Liebe Gesellen, ihr seht, daß wir hier eingefroren liegen und nicht hoffen dürfen, daß das Wetter so bald umschlagen wird; auch wißt ihr, daß der Dänen Schiffe auch in der See sind. Darum weiß ich gewiß, wenn dieser Frost bleibt, so werden sie uns anfallen und sich mit uns versuchen; sie haben aber alsdann den großen Vorteil, daß sie sich aus ihrem Lande verstärken können, so viel sie wollen. Deshalb ist es besser, wir sehen uns vor. Wollt ihr nun meinen Rat hören, so wollen wir unsere Schiffe so verwahren, daß wir sie vor den Dänen wohl behalten, wiewohl es Arbeit kosten wird; dennoch, weil es so kalt ist, so ist es besser, daß wir etwas zu tun haben, als daß wir zu Tode frieren. Sehet da,“ sprach er, „am Lande steht viel Holz; da wollen wir Leute hinsenden, die sollen lange und große Bäume hauen und auf dem Eise mit geringer Arbeit an die Schiffe schaffen; die wollen wir auf beiden Seiten der Schiffe hinlegen und mit Wasser begießen, das bald zufrieren und unsern Schiffen einen Wall und ein Bollwerk geben wird. Laßt dann die Dänen kommen, so wollen wir ihrer warten!“
Dieser Rat gefiel den andern allen wohl. Sie holten die Bäume, schichteten sie bei den Schiffen auf und begossen sie mit Wasser, und es ward also ein gläserner Wall. Diese Arbeit war kaum vollbracht, da kamen die Dänen in Haufen übers Eis und vermeinten, die Schiffe zu erobern; aber wiewohl der Dänen wohl vier waren auf einen Wismarschen, mußten sie doch mit großem Schaden davonziehen und die Schiffe bleiben lassen. Dies verdroß die Dänen über die Maßen, und sie dachten darüber nach, wie man den Schiffen doch Schaden zufügen könnte. Weil sie gesehen hatten, daß sie vor dem Bollwerk die Schiffe nicht beschießen konnten, wollten sie ein Kriegsgerät herrichten, das man eine Katze nennt, und liefen ins Holz, wo die Wismarschen die Bäume gehauen hatten. Der Hauptmann von Wismar, Meister Hugo, erkannte bald ihre Anschläge und ließ in der Nacht um die Schiffe große Waken hauen, und die Eisschollen ließ er niederdrücken. Nicht lange danach kamen die Dänen mit ihrem Volke und merkten nicht, daß die Wismarschen geeist hatten, denn es war oben wieder zugefroren — und kamen mit großem Ungestüm und mit Hast und meinten nun, die Schiffe zu gewinnen, denn es verdroß sie, daß sie vormals mit Schande hatten zurückweichen müssen. Aber es ist ein altes Sprichwort: Große Hast gibt oft guten Spott. Also ging es den Dänen diesmal auch, denn sie fielen haufenweise ins Wasser, und der eine drängte dem andern nach, also daß viele Hunderte der Dänen den Tag ertranken. Zu diesem Schaden mußten die armen Dänen noch großen Spott dazu haben, denn als die Dänen so ertranken, riefen die auf den Schiffen: „Kaiz, Kaiz, Kaiz!“ So pflegt man zu rufen, wenn man die Katzen jagt.
So erhielten die Wismarschen ihre acht Schiffe, beides durch List und Gewalt, bis Gott ein anderes Wetter gab, daß das Eis verging; da liefen sie nach dem Holm und entsetzten die Stadt.
Reimar Kock, (altlübischer Lesemeister).

Klaus Störtebeker und seine Raubgesellen.
Nach dem Tode des Königs Hakon von Norwegen regierte über Dänemark und Norwegen die umsichtige Königin Margarete, die die Vormundschaft für ihren Sohn Elaf bis zum Jahre 1387 innehatte und dann selbst zur Regierung kam, da in diesem Jahre das Fürstenkind starb. Die Herrschaft über Norwegen machte ihr König Albrecht von Schweden streitig; in den sich zwischen den beiden entspinnenden kriegerischen Auseinandersetzungen wurden am 24. Februar 1389 die schwedischen Truppen besiegt, dazu fiel König Albrecht in die Hände seiner Gegnerin und Besiegerin, die ihn im Gefängnis grausam foltern ließ. Um Schwedens Hauptstadt lagerte sich das siegreiche Heer. Die Hanse beteiligte sich als Verband nicht an den Kämpfen, nur die unter mecklenburgischer Schutzherrschaft stehenden Ostseestädte Rostock und Wismar ergriffen für den gefangenen Schwedenkönig Partei: für sie handelte es sich darum, Stockholm mit Lebensmitteln zu versehen, zu befreien und der mächtigen Königin Schaden zuzufügen, um die Freigabe des Gefangenen zu erreichen.
Der Rat der beiden Städte gab zu dem Zwecke ‚Stehlbriefe‘[7] aus, durch die die Freibeuter im Ost- und Nordseegebiet berechtigt wurden, auf eigene Faust gegen die Schiffe der nordischen Reiche zu ‚abenteuern‘, das heißt, sie konnten rauben und plündern nach Herzenslust, wo sich ihnen Gelegenheit dazu bot. Rostock und Wismar öffneten ihnen jederzeit ihre Häfen und gaben ihnen somit die Möglichkeit, die erbeuteten Warenmengen zu lagern oder zu verkaufen. Die verwegenen Raubgesellen unter der Führung deutscher, dänischer und schwedischer Edelleute ließen sich diese günstige Gelegenheit nicht entgehen. In großen Scharen strömten sie in den beiden Städten zusammen, so daß selbst ein alter Chronist der damaligen Zeit schrieb: „Es steht nicht zu beschreiben, was des losen und bösen Volks zu Hauf lief aus allen Landen.“
Als Aufgabe der Plünderer und Seeräuber galt, das belagerte Stockholm von der Seeseite aus mit allerlei Lebensmitteln zu versorgen; ferner besaßen sie das Recht, die Länder der siegreichen Königin, Dänemark und Norwegen, mit Raub und Plünderung zu überziehen, damit Margarete durch die Bedrängnisse genötigt wurde, die eigenen Lande zu schützen und Stockholm freizugeben.
Die Raubgesellen, die auch die Bezeichnung ‚Likendeeler‘ führten, weil sie die Beute gleichmäßig unter sich verteilten, führten als Losungswort: „Gottes Freund und aller Welt Feind.“ Mit Raub, Mord und Brand erreichten sie dies Ziel. Die Kaperschiffe der Likendeeler brachten viele Dänenschiffe auf. Gelegentlich versuchten sie ihre Kraft an den neutralen Handelsschiffen der Hanse. Auch diese Beute gaben jene Störenfriede der Seefahrt nicht wieder heraus. Andere unter den Seeräubern richteten sich genau nach ihren Abmachungen. Die Geschichte erzählt uns, daß zwei der Hauptleute der Likendeeler zum Seelenheil des Königs Albrecht und auch des ihrigen der Kirche zu Stockholm eine Messe stifteten. Der weitaus größte Teil der Räuber achtete jedoch weder Recht noch Verträge. Bei ihnen galten Raub, Plünderung und der eigene Vorteil. Von ihren Verstecken aus überfielen sie die Kauffahrer; wer von den unglücklichen Besatzungen sich ihnen nicht anschloß, wurde zu Tode gemartert und ertränkt.
Einen festen Stützpunkt schufen sich die Seeräuber in Wisby auf Gotland, dort errichteten sie sich feste Türme und Schlösser, fanden Lagerplätze und leichte Abnahme ihrer Beute in Wisby, und einen ruhigen, unbehinderten Winteraufenthalt. Ihre Räubereien, die durch die ständig wachsenden Scharen neuen großen Umfang annahmen und sie fast zu unumschränkten Herren der Ostsee machten, hoben den Handelsverkehr fast auf.
Die so bedeutende Schiffahrt nach Schonen, wie auch der Heringsfang mußten drei Jahre lang unterbrochen werden, in den Städten herrschte Teuerung und eine aufgeregte Stimmung der Bevölkerung. Der Rat von Lübeck ordnete an, daß hinfort nur bewaffnete Kauffahrer in Gruppen von mindestens zehn Schiffen die See befahren durften.
Auf die Piraten übte die Verordnung jedoch eine andere Wirkung. Die wenigen Schiffe, die jetzt noch die Ostsee befuhren, versprachen nur geringe Beute, sie warfen sich deshalb auf die Küsten von Dänemark und Norwegen, eroberten, plünderten und verheerten die Insel Moen und die reiche Stadt Bergen. Ein Teil fuhr nach Livland und Esthland, wo sie, zweitausend Mann stark, die Bewohner schrecklich plagten.
Vergebens suchten die übrigen Hansen auf Rostock und Wismar einzuwirken, den Streit mit Margarete, der so schwere Folgen nach sich zog, zu beenden, und vergebens waren die Mahnungen des Hochmeisters des Deutschen Ordens im Namen seiner Städte. Jene weigerten sich, solange die Königin nicht Albrecht aus der Gefangenschaft entließ, und ebensowenig trug diese den Vorschlägen Lübecks Rechnung.
Es blieb nichts anderes übrig, als die Schiffahrt einzustellen, sodann mußte eine starke Flotte ausgerüstet werden, um die gefährlichen Piraten auszurotten. Nach einigen vergeblichen Tagefahrten kam endlich auch ein Beschluß der Hanse zustande.
Der mit Beginn der Schiffahrt ausgesandten Kriegsflotte der Hanse gelang es, die Ostsee soweit zu ‚befrieden‘, daß für dies Jahr die Seefahrt für den Hansen leidlich gesichert war.
Auf Margarete machten die wiederholten, drohenden Klagen der Hanse endlich Eindruck, und sie hielt es für geraten, die offene Gegnerschaft der Hanse nicht herauszufordern, um ihren Thron nicht aufs Spiel zu setzen.

Bildnis Klaus Störtebekers. Nach einem späteren Stich.
Im Jahre 1395 erhielt Albrecht von Schweden nach schmachvoller Gefangenschaft gegen ein Lösegeld von 6000 Mark lötigen Silbers[8] die Freiheit.
Damit war der Wunsch von Rostock und Wismar erfüllt und die Kaperbriefe hinfällig geworden. Die Likendeeler aber liebten die Räubereien und stellten das einträgliche Geschäft durchaus nicht ein, sondern setzten es auf eigene Faust fort.
Im Jahre 1396 statteten sie dem hansischen Kontor in Bergen einen ungebetenen Besuch ab. Trotz kräftiger Verteidigung konnten die Hansen ihre Niederlassung nicht halten. Das Kontor und seine Lagerhäuser wurden ausgeplündert, hansische Krieger und Kaufleute erschlagen und die erbeuteten Waren in Rostock und Wismar verkauft. Nach diesem großen Raubzuge teilten sich die Horden. Eine Abteilung segelte an die Küste Ostfrieslands, der zweite Teil fuhr an die Newa, und eine dritte Gruppe hielt sich an den spanischen Küsten auf, und außerdem zeigten sich auch in der Ostsee genug Kaperschiffe.
Die Hansestädte hatten endlich die Sorge satt und rüsteten zahlreiche Kriegsschiffe zum Kampf gegen die Räuber aus. Mehrmals eroberten die Schiffe der Hansen zahlreiche Piratenfahrzeuge und bereiteten ihren Besatzungen auf dem Schafott der Heimatstädte ein Ende.
Unter den Raubgesellen, von denen in Sage und Geschichte viel berichtet wird, war Klaus Störtebeker einer der bedeutendsten. Er gehörte zu den Lieblingen des Volkes, die in Liedern und Geschichten fortleben. Mit ihm werden in der Geschichte genannt: Gödeke Michaels, Wigbold und Wichmann, alle berühmt durch ihre Grausamkeit und ihren Wagemut. Im Volke erzählte man sich Wunderdinge von der großen Körperkraft Störtebekers, durch die er sich unter seiner wilden Raubgesellenschar den nötigen Respekt erhielt. Einzelne Chroniken berichten, daß Störtebeker ein Edelmann gewesen sein soll, der in der Gegend von Verden beheimatet war. Nach einem wilden, zügellosen Leben, in dem er Hab und Gut vergeudet hatte, selbst sein Rittergewand und sein Rüstzeug dahingab, trat er unter die Vitalienbrüder, die ihn gern bei sich aufnahmen. Wieder andere schreiben, daß er in Pommern geboren wurde, die Angaben neuerer Geschichtsforscher bringen ihn nach Wismar. Fest steht jedenfalls, daß es unter den Vitalienbrüdern mehrere dieses Namens gab, und es ist sicher, daß um 1400 herum in Wismar eine Familie namens Störtebeker beheimatet war. Der Name weist auf die Trinkfestigkeit seines Trägers hin. Er erhielt die Bezeichnung deswegen, so berichtet die Sage, weil er einen großen Becher Weins, der drei Flaschen faßte, in einem einzigen Zuge zu leeren verstand. ‚Becherstürzer‘, plattdeutsch ‚Störtebeker‘, nannte ihn sein Raubvolk, seinen wahren Namen hielt er verschwiegen.
Die Geschichtsforschung nimmt an, daß die Vorfahren Störtebekers Krugwirte waren, denn die Bezeichnung Sturzbecker war üblich für einen Becher mit einem Deckel oder Sturz, und nach ihm hat wohl die Familie ihren Namen erhalten.
Als das Raubgesindel die Ostsee räumte, hielt es sich in Ostfriesland auf. Im Gebiete des kleinen Ostfriesland regierte eine ganze Zahl kleiner Edelleute. Unter diesen riß Keno then Broke, ein gefürchteter, kriegerischer Häuptling, die Vorherrschaft im Lande an sich. Als die Vitalienbrüder, von den Hansen verfolgt, in Ostfriesland einen Stützpunkt suchten, räumte Keno ihnen Marienhave ein. Die Einfahrt des durch vier große Pforten und starke, dicke Mauern befestigten Ortes lief durch einen Stichkanal, der noch jetzt ‚Störtebekers Tiefe‘ benannt ist. Auf den Wohlstand der Räuber weist heute noch der Marienhavener Turm hin, den sie aus ihren Mitteln erbauten. Im Jahre 1398 schlossen Lübeck und Hamburg im Verein mit Margarete einen Bund, um die nördlichen Meere von dem Raubgesindel zu befreien. Um 1400 einigte sich die Hanse dahin, mit vereinter Kraft das geplante Vorgehen zu unterstützen. Zwei Hamburger Ratsherren wurden abgeordnet, um Keno then Broke zu verwarnen, den Raubgesellen fürderhin keinen Aufenthalt mehr zu geben. Störtebeker war inzwischen Kenos Schwiegersohn geworden, und in seiner Gegenwart verpflichtete sich Keno then Broke, den Vitalienbrüdern in Zukunft keinen Schutz angedeihen zu lassen; der damals aufgesetzte Vertrag „Keno then Broke und seine Genossen geloben den Bürgermeistern und Ratmannen der Stadt Hamburg und ihren Nachfolgern, als Mitgliedern der Hanse, alle Vitalienbrüder von sich zu lassen und sie durchaus nicht weiter schützen zu wollen“ wird noch heute im Archiv der Stadt Hamburg aufbewahrt, und neben der Unterschrift Keno then Brokes finden sich die einer ganzen Reihe friesischer Hauptleute. Als die Sendboten der Hanse aus der Halle traten, in der die Verhandlungen geführt waren, da eiferte Klaus Störtebeker gegen seinen Schwiegervater, weil er solche Bedingungen angenommen habe. Einer der Ratmannen, der seine Handschuhe vergessen hatte, kehrte zurück, um sie zu holen, und vernahm dabei die Antwort Keno then Brokes an Störtebeker, daß er durchaus nicht gewillt sei, den Vertrag zu halten. Die zurückkehrenden Ratmänner Albert Schreie und Johann Nanne berichteten getreulich und verschwiegen auch nicht das Eingeständnis des Friesenhäuptlings. Hamburg rüstete eine starke Flotte aus, die unter der Anführung der beiden oben genannten Ratsherren stand. Mit ihnen vereinigten sich die Lübecker an der Elbe bei Stade. Am 22. April segelte eine stattliche Flottenmacht nach dem Gebiet der Ems, um hier den Kampf gegen die Piraten zu führen.
Der Kampf entwickelte sich sehr bald. Bord an Bord lagen die Schiffe der Hansen mit denen der Räuber, und über die Enterbrücken hinweg tobten todesmutige Streiter, um im Nahkampf mit kurzen Beilen, Streitbolzen, Enterhaken, den Hauptwaffen der damaligen Zeit, den Sieg auf ihre Seite zu bringen. Voller Todesverachtung wehrten sich die Seeräuber, denn nur zu genau kannten sie ihr Schicksal, wenn sie in die Gefangenschaft gerieten. Lange wogte der Streit hin und her. Endlich konnten die Hansen den Sieg für sich in Anspruch nehmen. Achtzig Freibeuter fanden dabei den Tod. Ihre Leichen warf man ins Meer; sechsunddreißig fielen in die Gefangenschaft und der übrige Rest rettete sich durch Schwimmen ans Land. Von den Schiffen der Piraten fielen drei in die Hände der Sieger. Der heimgekehrten siegreichen Flotte wurde ein fröhlicher Empfang, eine dichtgedrängte Menschenmenge begrüßte die Heimkehrenden am Hafen. Im großen Zuge geleitete sie die beiden Ratsmänner, die die Flotte geführt hatten, zum Rathause. Den gefangenen Räubern bereitete der Büttel auf dem Grasbrook ein Ende. Wie eine alte Stadtrechnung berichtet, erhielt der Scharfrichter pro Kopf 8 Reichsmark, so daß sein Lohn 288 Reichsmark ausmachte. Zur Warnung wurden die Köpfe der Hingerichteten auf Pfähle gesteckt und am Ufer zur Schau gestellt. —
Um das Jahr 1401 herum, zu Beginn des Frühjahres, hielt sich Klaus Störtebeker mit seinem Hauptmann Wichmann wieder einmal mit zahlreichen Raubschiffen vor der Elbmündung auf, um die Hamburger Englandfahrer zu nehmen und sich bei ihnen reiche Beute zu holen. Sein Kampfgenosse Gödeke Michaels besetzte während jener Zeit den Sund, um die Schiffe der Hansen, die aus dem Gebiet der Ostsee kamen, mit Krieg zu überziehen. Sobald die ersten Nachrichten von dem Aufenthalte Störtebekers dem Hamburger Rate bekannt wurden, rüstete er zahlreiche Schiffe aus, um den Kampf mit dem verwegenen Seeräuber zu wagen. Alte Sagen und Berichte nennen den späteren Ratsherrn und Bürgermeister Simon von Utrecht den Haupthelden als Anführer im Kampfe der Hamburger Flotte gegen Störtebekers Schiffe. Nachdem die Hamburger ihre Schiffe bemannt und ausgerüstet hatten, segelten sie unter Anführung der Ratsherren hinaus. Sie trafen Klaus Störtebeker und seine Schar auf frischer Tat, denn kurz zuvor war ein Bierschiff den Seeräubern in die Hände gefallen, und an dem edlen Gerstensafte hatten sie sich gütlich getan. Als die kleine, aber starke Flotte der Hamburger in die Nähe kam, hielt Störtebeker sie für die erwarteten Englandfahrer, denn der Nebel hinderte einen scharfen Ausblick. Jedoch sehr bald wurde der Seeräuberhauptmann gewahr, daß es Hamburger Kriegsschiffe waren, die mit günstigem Winde auf ihn zusegelten. Das führende Schiff, ‚die bunte Kuh‘ rannte auf das von den Seeräubern erbeutete Bierschiff, so daß dieses manövrierunfähig wurde.
„De bunte Koh uut Flandern kam, Dat Roov-Schipp öp de Höörn nahm Un stött es wiß in Stücken.“[9]

Störtebekers Gefangennahme.
❏ GRÖSSERE BILDANSICHT
Die Jubelgelage und die Trinkfestlichkeiten der Seeräuber fanden nun ein schnelles Ende. Der Kampf begann, und ein starkes und großes Fechten hielt, wie die Sage kündet, drei Tage und Nächte an. Mit dumpfem Getöne segelten die Hamburger auf die Seeräuberfahrzeuge. Das Krachen und Knirschen der gewaltigen Enterhaken zeigte, daß die Schiffe Bord an Bord lagen und nun die Einzelmannschaften in einem blutigen Nahkampf aufeinander losschlugen. Auf seiten der Hamburger war zuversichtlicher Mut, der Sieg konnte nicht fehlen; auf seiten der Seeräuber war der Mut der Verzweiflung, der Kampf um den Kopf. Störtebeker, den schon seine Zeit mit dem Scheine des Heldentums umgeben hatte, ein Mann von großer Kraft, von kühnem und verwegenem Mute, der Ketten wie Zwirnfäden zerriß, kämpfte, wie nur ein Mensch kämpfen kann. Und ihm zur Seite standen seine todesmutigen, seine erprobten Seeräuber, alles wilde, trotzige Männer; sie alle verkauften ihr Leben so teuer wie möglich. Und Schwertgeklirr und Schlachtgeschrei durchhallte das Rauschen der Wogen, dazu die lauten Kommandorufe. Hier und da ächzten die Verwundeten oder stöhnten die tödlich Getroffenen, und auf den Wellen stießen die mit dem Tode Ringenden ihre letzten Hilferufe aus. An den Mast seines Schiffes gelehnt, stand der Hauptmann; so war sein Rücken gedeckt; unentwegt feuerte er die Seinen zum Widerstande an. Tapfer hielt er sich, immer und immer wieder wußte er den eindringenden Hamburgern Verluste beizufügen. Der Boden vor ihm war mit Verwundeten und Toten bedeckt, die unter seinen Streichen fielen. Endlich kam auch der Augenblick, der ihm die Streitaxt entriß. Ein wohlgezielter Bolzenschuß traf seinen rechten Arm. Er griff zum Schwerte, aber zu spät; schon hatte ein riesiger Schiffsmann der Hamburger ihn umklammert und zu Boden gerissen, laut dröhnend schlug sein Kopf auf das Verdeck, dann wurde er überwältigt und mit festen Seilen zusammengebunden. Jubelgeschrei der Hansen! Der gefürchtete Seeräuberhauptmann war endlich in ihrer Hand. Mit Störtebeker gerieten nach langen Kämpfen noch siebzig Seeräuber in die Hände der Hansen. Der Sieg der Hamburger war schwer erkauft, und manche hamburgische Familie hatte einen ihrer Angehörigen in diesem Kampfe verloren.

Heimkehr der Hamburger Englandfahrer nach Bekämpfung der Seeräuber. Nach einem Gemälde von Professor Hans Bohrdt.

Hinrichtung von Störtebeker und Michaels. Im Hintergrunde links sieht man die Köpfe der Spießgesellen auf Stangen gesteckt. Nach einem Bilderbogen im Besitze der Stadt Hamburg.
Und nun zum jubelnden Empfang der Sieger! Die Geschütze lösten Freudenschüsse, als die Hamburger mit ihren Schiffen in den Hafen einfuhren. Der Rat der Stadt, an der Spitze die Bürgermeister, und die vornehmen Bürgerkreise standen am Landungsstege bereit, um die heimkehrenden Sieger zu begrüßen. Fröhliche Weisen der Stadtpfeifer und Pauker ertönten, und die weithin schallenden Kirchenglocken boten freundlichen und dankerfüllten Willkommengruß. Unermeßlicher Jubel durcheilte die Scharen der Bürger, als Störtebeker und die Seinen, mit schweren eisernen Ketten belastet, den Gang ins Gefängnis antraten. Das Gefängnis im Keller unter dem Rathause nahm sie auf. Dort blieben sie drei Monate, bis ihre Wunden geheilt waren, und dann traten sie den letzten Gang, den Weg zum Henker, an.
Nun erlebte Hamburg noch einen Festtag. Es war am 10. Juni 1401, da führte ein Zug die gefangenen Seeräuber zum Grasbrook hinaus. Hier unten am Elbstrande harrte ihrer das Schafott. Bewaffnete Bürger zu Fuß und zu Pferde begleiteten die Gefangenen, in einem langen Zuge folgten Frauen und Jungfrauen. Am Grasbrooke wartete der Scharfrichter Rosenfeld, ein starker und gewaltiger Mann. Von ihm wird berichtet, daß er ein Schwert führte, das ein gewöhnlicher Sterblicher kaum zu heben vermochte. Störtebeker fiel als der erste durch den Henker, dann kam Wichmann an die Reihe; nach ihnen die siebzig anderen. Das Volkslied singt davon:
„Der Büttel, der hieß Rosenfeld, Der hieb so manchen stolzen Held Zu Tod mit frischem Mute. Er stund wohl in geschnürten Schuhn Bis an die Enkel[10] im Blute.“
Die Sage erzählt aber weiter, daß auch Rosenfeld selbst unmittelbar nach der Blutarbeit um einen Kopf kürzer gemacht worden sei. Denn als der der Hinrichtung beiwohnende ehrbare Rat von Hamburg nach der schweren Arbeit ihn teilnehmend fragte, ob er sehr ermüdet sei, lachte der blutberauschte Scharfrichter grimmig, und höhnisch antwortete er, es sei ihm nie wohler gewesen und er fühle noch genug Kraft, den ganzen Rat zu köpfen. „Ob dieser verbrecherischen Antwort ist ein ehrbarer Rat so empört und entsetzet gewesen, daß er den Kerl sofort abtun ließ.“
Die Heldentaten Störtebekers leben in Sage und Geschichte fort bis in unsere Zeit. Vieles ist darüber berichtet worden. So soll der Mast seines Schiffes hohl gewesen sein und eine Menge Gold und Edelsteine enthalten haben. Mancherlei Andenken an die Zeit Störtebekers werden in der Hansestadt Hamburg aufbewahrt. In der Sammlung hamburgischer Altertümer finden sich eine Rüstung und ein Eisenhut, die angeblich Störtebeker gehört haben sollen. Von einem eisernen runden Schild mit einer Leuchte in der Mitte, der gleichfalls dort aufbewahrt wird, behauptet man das gleiche. Im Schiffer-Armenhause findet sich im Versammlungsraum der Schiffsalten ein 4 Kilogramm schwerer silberner Becher, der aus dem Silber angefertigt sein soll, das man im Schiff Störtebekers fand, und manche Hamburger glauben daran, daß die goldene Krone des Katharinenkirchturms aus dem Golde Störtebekers angefertigt sei.
In Sage und Geschichte und in allerlei Volksliedern wurden Störtebekers Heldentaten besungen. Sie sind verloren gegangen, und nur weniges wurde in unsere Zeit hinübergerettet.

Der Tag von Stralsund.
Herzog Erich von Pommern kam auf den Thron der drei nordischen Königreiche, als die Königin Margarete im Jahre 1412 gestorben war. Der neue König, eine stattliche Erscheinung, anfangs bei seinen Untertanen beliebt, trat in eine offene Gegnerschaft zur Hanse. Seine Feindschaft brachte er durch die Einführung des Sundzolles zum Ausdruck, seinen Zweck, den deutschen Handel durch die Sperrung des Sundes zu schädigen erreichte er nicht; vielmehr wurde er gerade durch diese Maßnahme in einen erbitterten Krieg mit der Hanse verwickelt, den er schließlich sogar verlor.
Im Jahre 1426 rüsteten Lübeck, Hamburg, Rostock, Stralsund, Wismar und Lüneburg zum Kampfe gegen ihn, mit ihnen der Herzog von Schleswig-Holstein. In jenen bewegten Zeiten erregte die Einwohnerschaft Stralsunds am 4. Mai 1429 allerlei Kriegsgeschrei; der Schall der Kartaunen und Donnerbüchsen erweckte sie aus dem Morgenschlafe. König Erichs Gemahlin hatte unbemerkt eine Flotte von siebzig Fahrzeugen ausgerüstet und mit zwölfhundert Gewappneten bemannt, um die Stadt Stralsund einzunehmen. Die Mannschaften landeten unbemerkt und waren nun bereit, einen Überfall auf die Stadtmauern zur Ausführung zu bringen.
Wilhelm Jensen, der treffliche Romanschriftsteller, der besonders hansische Geschichte in seinen Werken behandelt, erzählt auch den Überfall von Stralsund; seinen Ausführungen folge ich bei der Wiedergabe der nachfolgenden Schilderung.
An den Hafenmauern staute sich die Menge, wildes Kampfgetöse erschallte dort, und hastig eilten in Wehr und Waffen immer neue Bürger dorthin. Sie trafen noch rechtzeitig ein, um der bedrängten kleinen Mauerwache Hilfe zu bringen. Immer dichter drang der Feindesschwarm heran; auf Sturmleitern suchten sie die Mauerhöhe zu erklimmen. Die Stralsunder hatten genug zu tun, um die Vorwitzigen, die die obersten Sprossen der Leitern erreicht hatten, in die Tiefe zu stürzen. An der Ladebrücke lagen die feindlichen Schiffe Mast an Mast. Drohend sahen die Geschütze von den Schiffskastellen nach der Stadt hinüber.
Unbemerkt, im Nebel der Nacht war die Flotte herangekommen, und siegesgewiß hoffte sie diesmal die Hansestadt zu erobern. Jedoch die Rechnung war ohne die Stralsunder gemacht. Bald standen genügend Bürger an der Stadtmauer bereit, die Angriffe der Feinde abzuwehren, die trotz ihrer Überzahl gegenüber der gewaltigen Mauerstärke nichts ausrichten konnten. Von den Schiffskastellen wurde der Angriff unterstützt. Die Bliden (Wurfmaschinen) der Schiffe schleuderten schwere Steine, Fässer mit Brennstoff und Tonnen mit Stinkpulver auf die Stadt; um diesen Einwirkungen zu entgehen, hielten die Verteidiger ihre Nasen mit Tüchern zu. Doch wie sehr auch die Dänen sich anstrengten: die Bürgerschaft unter der Anführung des Bürgermeisters Klaus von der Lippe, der die Seinen mit Umsicht führte, schlug die dänischen Gewappneten zurück. Als diese die Aussichtslosigkeit ihres Beginnens einsahen, stürmten sie fort, und in sinnloser Wut zerhieben ihre Fäuste alles, was in der Nähe der Ladebrücke erreichbar war. Das Kloster St. Jürgen und andere Bauwerke, die gleichfalls außerhalb der Stadtmauer lagen, wurden ausgeplündert und in Brand gesetzt. Den mutvollen Bürgern riefen sie ein uraltes Schimpfwort zu: „Tüdske Garper;“ es heißt so viel wie „Deutsche Läuse“. So tobten die Dänen vor den Stadtmauern mit Mordgeschrei bis gegen Mittag umher, und da durch dies Beginnen die Stadtmauern nicht fielen, blieb ihnen nichts andres übrig, als die Segel zu setzen und zu verschwinden, sie fuhren durch den Strelasund nach Südost davon.
Ingrimmig stand Klaus von der Lippe auf der Stadtmauer und schaute den enteilenden Schiffen nach, wutentbrannt über die Zerstörung, die sie am Hafen angerichtet hatten. „Wenn sie hier einer festhielte,“ so dachte er, „dann würde ich ihnen den ‚Lausekerl‘ heimzahlen!“ Ein schöner Maitag war’s, kühl und kräftig blies der Nordwind, der die Dänenflotte von Norden her hereingebracht hatte; aber den Schiffern schien es, als würde der Wind bald nach Osten umspringen.
Klaus von der Lippe, begleitet von den Ratsherren und einer vielköpfigen Menge von Bürgern, stieg zur Ladebrücke am Hafen herunter, um die Zerstörungen zu betrachten. Plötzlich rief irgend jemand aus der Menge: „Seht dort die Segel, die Dänen kommen um Rügen zurück!“ In der Tat machte es den Eindruck, als sei es die Dänenflotte, die dort mit einem Schwarm durch den Wind mächtig aufgebauschter Segel zurückkehrte. Aber schon riefen die andern Stimmen: „Das sind Hansen, sie führen die Danziger Flagge!“ Nach einiger Zeit des Wartens und des Zweifelns bewahrheitete es sich, daß es Hansen waren, die sich draußen auf der See getroffen hatten und, wie’s Schiffsgebrauch war, zusammenhielten, um gemeinsam nach Stralsund hineinzufahren. Und da ihnen bei der Einfahrt der Wind von Osten her entgegenstand, nahmen sie ihren Kurs um Rügen und liefen jetzt segelgeschwellt auf Stralsund zu, ohne zu ahnen, was hier sich am Morgen zugetragen hatte. Die erste unter den Koggen mit der Danziger Flagge war ein neuerbautes Fahrzeug des Altbürgermeisters. Auf dem Vorderkastell stand der Sohn des gestrengen Herrn, der junge Jörg von der Lippe. Sobald der Alte des Sohns ansichtig wurde, leuchtete sein faltenreiches Gesicht, und seine mächtige Gestalt durchzuckte es. Mit großer Stimme rief er über die Menge hin: „Wahrlich, euch schickt der Himmel, ihr Danziger; wollt ihr uns helfen, die Dänen zu züchtigen? Seht hier, was sie verübt haben. — Dort sind sie hinaus!“ Er streckte die Hand gen Süden. „Weit können sie noch nicht sein, denn der Wind greift um, und sie können nicht aus der Enge hinaus!“ Ein ungeheures Stimmgetöse warf den Ruf zurück und wälzte sich dann fort durch die Straßen der Stadt. Allüberall ertönten die Rufe: „Auf die Dänen, auf die Dänen, alle Mann auf Deck! Die Danziger stellen ihre Schiffe zur Verfügung, jetzt Kraut und Lot und Bombarden[11] geholt!“ Die Stadt schien einem Ameisenhaufen zu gleichen, alles rannte und schleppte irgend etwas herbei, und emsige Scharen eilten zu den Hafentoren.
In den Hansestädten kannte man in dringlichen Fällen die schnelle Ausrüstung der Frachtfahrzeuge zu Kriegsschiffen.
Kaum waren einige Stunden vergangen, da fuhren schon die sechs Koggen als Orlogschiffe gerüstet hinaus zum Kampf. Auf jedem Schiffe standen hundert bewaffnete Bürger, dazu schauten drohend die Geschütze aus den Kastellen hervor; in den Mastkörben standen Knallbüchsen mit Hakenschützen, und zu ihnen hatten sich noch die Armbruster gesellt. Niemand von ihnen dachte an die zehnfache Übermacht der Dänen. Sie alle waren geblendet von dem Gedanken: der Sieg muß uns werden.
Kaum hatten die hansischen Koggen die kleine Insel Hela passiert, die nur eine Viertelmeile vom Hafen entfernt liegt, da schwärmte die ganze dänische Flotte gegen sie heran. Der heftige, nach Osten umgeschlagene Wind und die hochgehende See versperrten den Dänen den Ausweg in den Greifswalder Bodden; sie wollten darum ihren Kurs an der Stadt vorüber durch den Gellen[12] nehmen, ahnten jedoch die Gefahr, die sich ihnen in den sechs deutschen Schiffen näherte, nicht.
Vom Gellen her kam noch der Wind. Er füllte die hansischen Segel, und die Dänen, vom Ostwind getrieben, rauschten heran. Ein eigenartiges Schauspiel! Im Augenblick hatten die Geschwader die zwischen ihnen liegende Lücke durchfahren. Ein halbes Dutzend Hansen gegen siebzig Schiffe der Dänen! Und die Berichte der Zeitgenossen sprechen davon, es hätte ausgesehen „wie Kirchen neben Kapellen“. Zuschauer waren eine Menge da. Auf der Stadtmauer drängte sich das Volk, Greise, Weiber und Kinder, um das Schauspiel zu genießen, das sich ihnen darbot, denn seit Jahrhunderten war so etwas nicht geschehen. Fast im Hafen entbrannte die mörderische Seeschlacht. Doch einen deutlichen Ausblick konnten sie nur für kurze Zeit genießen, bald war alles in dichten Pulverrauch gehüllt. Nur von Zeit zu Zeit, wenn der Wind hindurchstrich, war ein Durchblick möglich, dann zeigte sich die weiße Linie der Schiffe, um bald wieder zu verschwinden. Hier und da zuckten Flammen auf und erloschen wieder, dann wiederum rauschte das Meer, um ein sinkendes Schiff aufzunehmen.
Des Bürgermeisters Kogge segelte auf das vorderste Dänenschiff los und hatte dies bald mit seinem eisernen Sporn niedergerannt, ohne daß eine Gegenwehr möglich war. Von den Schiffskastellen krachten die Kartaunen, von den Mastkörben herunter schossen die Haken und Arkebusen in die nächsten Feindesfahrzeuge hinein. Die Enterhaken und fünfarmigen Anker an leichten Ketten flogen nach ihnen aus und hielten die nächstfahrenden Schiffe gepackt, und wie ein wütender Bergstrom stürzten die Stralsunder über die Schiffsbrüstungen, schlugen und stießen auf die überraschten Dänen ein. Ehe die nachfolgenden Dänenschiffe begriffen hatten, was vorn geschah, war nahezu ein Dutzend der Dänenfahrzeuge zum Sinken gebracht, überrannt oder durch Feuer zerstört. Dann erkannten sie vor sich eine neue gewaltige Kogge als Verderbenbringerin; diese bot nun das neue Ziel des Kampfes. Doch jetzt kamen die fünf anderen Hansen heran, fielen den Angreifern in die Flanke, und das Getöse der Waffen, das Donnern der Bombarden überhallten den Kriegsruf: „Dudesche Hanse!“[13] Immer dichter wurde das Gedränge, und im Handgemenge entstand unter den eng zusammengedrängten Schiffen der Dänen eine große Wirrnis. Sie konnten die Zahl der Gegner nicht bemessen, und während die Dänen noch abschätzten, wurden sie vom Enterhaken leicht gefaßt und von den hochbordigen Hansenschiffen, die sie weit überragten, festgehalten. Die Holzleiber der Schiffe krachten, und durch die zerstörten Planken stürzten wild jauchzend die Hansen hinein. Schonungslos schleuderten die mutigen Stralsunder brennende Pechkränze auf die ineinandergetürmte Masse, und hellauf leuchteten die lodernden Flammen, die den Dänenschiffen den sicheren Untergang brachten. „Das war eine Mandel,“ schrie irgend jemand, „lat uns dat Schock voll machen, dor krupen noch veel to veel Garper up’t Water rüm!“[14] Wilde Scherze wurden laut im Kampfe zwischen den hansischen Kaufleuten und den Dänen. Manch einer der bewaffneten Stadtbürger mußte sein Leben lassen. Unter den todesmutigen Scharen der Bürger räumten in der Schlacht Spieß und Kugeln auf, aber für jeden Stralsunder fielen mindestens zehn Dänen, versanken im nassen Wellengrabe oder deckten als Leichen die Trümmer ihrer Schiffe, die durch das Spiel der Wellen auf die Sandbänke der Insel Strela geworfen wurden. Schon nach der ersten verlustreichen Stunde des Kampfes erkannten die Dänen, daß nur die Flucht ihnen Rettung bringen konnte, denn auf zu engem Raum hatten die nordischen Schiffe den Kampf zu führen; die Fahrzeuge, die nicht enteilen konnten, blieben dem sicheren Untergange geweiht.

Klaus von der Lippe schlägt die dänische Flotte. Von Professor Hans Petersen.
In diesem Getümmel schuf sich Jörg von der Lippe mit seiner Kogge freie Bahn. In geringer Entfernung entdeckte er eine feindliche Kogge, die der seinen an Größe gleichkam. An ihrem Hauptmaste flatterte ein mächtiges Wappen der drei skandinavischen Reiche, und in der Mitte spreizte der pommersche Greif seine Fänge. Es war das Admiralsschiff der Dänen. Im Augenblicke der Annäherung erkannten die Stralsunder auch auf dem Vorderkastell den Befehlshaber; in blinkender Panzerrüstung stand er hochaufgerichtet da, und ein auf der Rückseite schwer befederter Helm deckte den Kopf. Tollkühn ließ er den Kampf mit dem Schiff der Hansen aufnehmen. Die Schiffswände knatterten und krachten aneinander, es rasselten die Ketten der bereitgehaltenen Enterhaken und Wurfanker, dazu erschollen als Musik die gegenseitigen Schlachtrufe „Dudesche Hanse!“ und von der Seite der Dänen „Tüdske Garper!“ Unentwegt tobte der Kampf; als Jörg von der Lippe sich zum Schwunge auf das feindliche Schiff bereit machte, traf ihn ein Bolzen am Schulterblatt. Von der Wucht des Anschlages taumelte er für einen Augenblick, wie gelähmt fiel sein Arm schlaff herunter. Bestürzt hielten seine Leute im Kampfe inne, auf dem Schiff des Feindes ertönte darob großes Freudengeschrei. Nur kurze Zeit währte die Ohnmacht des jungen Schiffsmeisters, und schon rief seine hellschmetternde Stimme: „Los auf den Feind!“ Zu rasch erkannte der feindliche Führer das Schwierige seiner Lage und die Gefahr, der er sich ausgesetzt hatte. Er benutzte den Augenblick der Verwirrung, ließ die feindlichen Enterhaken kappen und seine Kogge mit Klüverstangen abdrängen; die Flucht allein bot ihm Rettung. Mit ihm entkamen nur noch Reste der stolzen dänischen Flotte, die Stralsund den sicheren Untergang bereiten sollte. Dies war Stralsunds Ehrentag, einen schöneren und größeren hatte die Stadt nie gesehen. Die Insel Strela verlor ihren Namen und hieß von nun an Dänholm.

Hauptmann Paul Beneke, ein Danziger Seeheld aus der Zeit der Hanse.
1. Vorgeschichte.
Nachdem die gewaltigen Störenfriede Störtebeker und Gödeke Michaels von der See vertrieben waren und ihre Räubereien mit dem Leben gebüßt hatten, tauchten nach einem halben Jahrhundert abermals Piraten im Gebiete der Nordsee auf, die den Handelsschiffen der Osterlinge nachstellten, weil England es verlangte.

Ansicht aus dem Hafen von Danzig. Nach einem alten Kupferstich.
Danzig, das bei diesen Räubereien verschiedene Handelsschiffe einbüßte, war keineswegs gewillt, stillschweigend die Gewalttaten hinzunehmen, sondern rüstete eine gewaltige Fredekogge[15], ‚Mariendrache‘ genannt, aus. Kurt Bokelmann, Danzigs tüchtiger Schiffshauptmann, erhielt die Führung des Kriegsschiffes. Lange Zeit suchte er in den Nordseegewässern vergebens; endlich, am Ausgange des Jahres 1442, traf er die Seeräuber in den Gewässern Helgolands. Die Natur bewies ihm ihre Gunst. Bokelmann hatte den Wind für sich, so daß seine Gegner, die Seeräuber, nicht anders als in die offene See enteilen konnten; auch wußten sie, was ihnen bevorstand, fielen sie in die Hände des Danziger Schiffshauptmanns; deshalb rüsteten sie sich auf einen Nahkampf, weil sie den Danzigern für einen solchen Nahkampf zwei starke, wohlbestückte Schiffe entgegenstellen konnten. Doch Bokelmann vermied den Nahkampf und hielt sich in einer größeren Entfernung, da seine Kanonen trotzdem ihr Ziel sicher trafen. Bokelmanns Geschützmeister, Martin Stolle, hatte den klugen Einfall, die Geschosse glühend zu machen, um sie in diesem Zustande gegen den Feind zu schleudern. Der Plan gelang vorzüglich. Bokelmanns Mißtrauen, das er dieser neuen Art des Kampfes anfangs entgegensetzte, war bald überwunden.
In den Lauf der Kartaunen kam zunächst Pulver, dann eine tüchtige Schicht Leinwand und darauf die glühende Kugel. Großes Entsetzen erregten bei den Seeräubern die feurigen Eisenkugeln vom Danziger ‚Mariendrachen‘, die ihre Schiffe trafen. Noch verzagten sie nicht und antworteten tapfer, ohne das Ziel zu erreichen, und ihre Geschosse fielen ins Wasser. Nach und nach entstand große Verwirrung auf den beiden Räuberschiffen, und die aufsteigenden Rauchwolken verkündeten, daß der Plan des Danziger Geschützmeisters Stolle seine Wirkung tat. Immer höher stiegen die Rauchwolken, immer schwächer wurde das Feuer der Räuberschiffe, bis es endlich ganz aufhörte, da zur Rettung der Schiffe alle Mannschaften beim Löschen sich betätigten; nur noch die Flucht blieb als Ausweg der Rettung übrig. Darauf wartete Bokelmanns Schar. Der ‚Mariendrache‘ fuhr näher an die Kaperschiffe heran und feuerte unentwegt Ladung auf Ladung in die dem Untergang geweihten Seeräuberschiffe. Gierig züngelten die Flammen an den geteerten Tauen zu den Masten empor. Die Segel verbrannten, und der Wind trieb mit Hast die feurige Lohe über das Schiff. Rahen und Masten standen in hellen Flammen, gleich feurigen Fackeln leuchteten die Piratenschiffe. Bokelmanns tapfere Schar blieb noch immer am Werke und vermehrte durch fortdauerndes Geschützfeuer die Verwirrung auf den Piratenschiffen.
Zwei Wege gab’s nur noch: entweder sicheren Untergang mit den brennenden Schiffen oder die Flucht ans Land in den Booten. Die Kaperer wählten das letztere und versuchten, in kleinen Booten das nahe Helgoland zu erreichen. Aber auch dies Wagnis gelang ihnen nicht. Die Geschosse des hinterdreinfahrenden ‚Mariendrachen‘ erreichten die Fliehenden und bereiteten ihnen den Untergang, den Tod in den Wellen der Nordsee.
* * *
Nach dem Treffen bei Helgoland segelte der ‚Mariendrache‘ heim, um dem Rate der Stadt Danzig Kunde zu bringen von dem Erfolg der Ausfahrt. In einer dunklen, stürmischen Herbstnacht übersegelte das Danziger Kriegsschiff ein Fahrzeug. Nichts war zu sehen. Kein Licht leuchtete in der Dunkelheit auf, und nur die Todesschreie der verunglückten Schiffer kündeten den Danzigern, daß ein Unglück geschehen sei. Bokelmann ließ die Boote herab, um den Überlebenden Rettung zu bringen. Aber auf der weiten Wasserwüste war alles totenstill, Wellenberg und Wellental. Wrackstücke schwammen auf dem Wasser. In einem Körbchen zwischen zwei Segelstangen befestigt, so daß das Wasser nicht hineinschlug, lag ein Säugling. Seine Mutter war versunken im Wellengrab; dem Kinde wurde die Rettung. Bokelmann nahm den Säugling, dessen Herkunft und Name nie ermittelt wurde, mit nach Danzig. Dort ließ der Danziger Schiffsmann den Findling mit seinem Sohn Eler bei dem Ratsherrn Beneke erziehen. Hier fand das Kind eine zweite Heimat, und der Kaufmann adoptierte den Knaben, den man nach dem Auffindungstag auf den Namen Paul taufte.

2. Die Seeschlacht bei Bornholm 1455.
Ein Jahrzehnt war nach diesen Ereignissen im Strom der Zeiten verschwunden. Aus dem kleinen Paul Beneke war ein stattlicher Junge geworden, der mitsamt seinem Pflegebruder Eler Bokelmann auf dem ‚Mariendrachen‘ in Dienst stand. Die See, die Abenteuer zur See, Krieg und Kriegsgeschrei erfüllten die Seele dieser beiden jungen Menschen.
Die erste Gelegenheit, im tatenfrohen Jugendmute an einem Kampf teilzunehmen, sollte sehr bald kommen.
Im Jahre 1455 gingen die Dänen ein Bündnis mit den deutschen Ordensrittern ein und fügten der Seehandelsflotte der Stadt Danzig allerlei Schaden zu. Trotz der Schläge, die ihnen die Hansen in früheren Jahren erteilt hatten, fuhren die Dänen mit sechzehn Fahrzeugen unter ihrem Admiral Hans von Zinnenberg hinaus auf die Ostsee, um den preußischen Ordensrittern, ihren Bundesgenossen, Lebensmittel und Munition zuzuführen. Dem Rat der Stadt Danzig blieb dieses Vorgehen nicht verborgen. Er rüstete schnellstens die Fredekogge, den so oft bewährten ‚Mariendrachen‘, aus und gab Kurt Bokelmann den Oberbefehl über das Schiff und die beiden Auslieger, die unter Merten Bardewig und Simon Lüblaw standen. Die Fredekogge hatte eine Besatzung von etwa 250 Mann, die beiden kleineren Schiffe führten je 80 bis 100 Mann. Ein einkommender Bergenfahrer brachte Bokelmann die Nachricht, daß die Dänenflotte wegen widrigen Windes unter der Insel Bornholm vor Anker läge. „Jetzt ist jeder Augenblick teuer!“ sagte Bokelmann. „Der Wind kann täglich umspringen, und nur allzurasch können sie uns entkommen. Darum auf, die Segel gesetzt, was die Masten nur zu halten vermögen; heran an den Feind! Das soll unsere Parole sein.“
Auf den drei Schiffen trafen die Besatzungen die letzten Vorkehrungen, alles Segelzeug wurde gesetzt, und hinaus ging’s in die See; die Schiffe flogen nur so durch die Wellen, die Masten bogen sich unter der Wucht der Segel, die dem kleinen Geschwader eine große Geschwindigkeit gaben. Für alle Fälle lagen Reservesegel und Rahen bereit, damit kein Aufenthalt eintrat.
Am zweiten Tage kam Bornholm in Sicht und mit ihm das dänische Geschwader, das sich zur Abfahrt rüstete, da der Wind nach Süden umsprang. Bokelmanns Augen leuchteten, und froher Kampfesmut beseelte Danzigs Schiffsleute. Zur rechten Zeit trafen sie noch ein, um den Gegner an der Abfahrt zu hindern. War es nicht ein gar zu kühnes Unternehmen der Danziger mit ihren drei Schiffen, die sechzehn Fahrzeuge starke Flotte der Dänen anzugreifen? Nur zu! In langer Kiellinie fuhren die Dänen von dannen; die schnellen Schiffe voraus, in der zweiten Abteilung sechs schwerbeladene Schiffe, denen die Mitfahrt Mühe machte, da ihre Segelkraft nicht an die der größeren Schiffe heranreichte.
Bokelmann nutzte den günstigen Augenblick aus und fuhr mit seinen Schiffen in die Lücke der Dänen. Die vollen Breitseiten des ‚Mariendrachen‘ räumten auf den Decken, im Segel- und Mastenwerk der dänischen Fahrzeuge gewaltig auf. Große Verluste erlitten auch die Mannschaftsbestände der Dänen unter dem wohlgezielten und wenig behinderten Feuer der Danziger. Als ihre Kugelgrüße dem dänischen Nachtrupp durch die Segel fuhren, erkannte der Admiral seinen Fehler und schwenkte jetzt mit dem Hauptteil seiner Flotte ein, um die Danziger zu umklammern und von zwei Seiten anzugreifen und unter Feuer zu nehmen. Gefährliche Augenblicke kamen jetzt für die Danziger.
Bokelmann erkannte die Gefahr, die seinen Schiffen drohte, und wandte sie durch ein geschicktes Segelmanöver ab. Dadurch gewann er den Dänen die Luvseite ab, so daß er seinen Gegner besser mit seinen Geschützen unter Feuer nehmen konnte. Gründlich besorgten dies die Osterlinge. Zwei Dänenschiffe mußten aus dem Kampf ausscheiden, die Kettenkugeln von Bokelmanns Fahrzeugen hatten zu arg gewüstet, die Stümpfe der Masten, die Reste der Rahen und der Segel, die über die Bordwände hingen, bewiesen die Treffsicherheit der kühnen Hanseaten.

Sieg Bokelmanns über sechzehn dänische Schiffe bei Bornholm. Von Professor Hans Petersen.
Noch aber standen vierzehn Dänenschiffe gegen die drei Danziger, denen der Mut nicht entfiel. Abermals wendeten die Danziger und fuhren auf den Feind; diesmal bohrten ihre verderbenbringenden Geschosse eine Dänenkogge in den Grund, und eine andere geriet durch die geschleuderten glühenden Kugeln in Brand. Solche besorgniserregenden Verluste machten die Dänen kampfunlustig. Ihr Admiral Hans von Zinnenberg versuchte im Dunkel der hereinbrechenden Nacht mit dem Rest seiner Flotte zu entkommen. Kurt Bokelmann gab acht und ließ seinen Gegner nicht entweichen. Der ‚Mariendrache‘ folgte dem dänischen Admiralsschiff, auch die beiden Danziger Auslieger nahmen sich je ein Schiff aufs Korn, hinter denen sie herjagten.
Mit Tagesanbruch begann ein neuer Kampf. Ein Verzweiflungskampf der Dänen, die voller Todesmut sich den Danziger Donnerbüchsen, die eine gar gewichtige Sprache redeten, entgegenstellten. Simon Lüblaw und Merten Bardewig zwangen ihre feindlichen Gegner bald nieder und veranlaßten sie zum Streichen der Flagge. Ernster und schwerer war der Kampf der beiden Admiralschiffe. Hans von Zinnenberg kämpfte wie ein Löwe. Seine Geschütze richteten auf dem ‚Mariendrachen‘ allerlei Unheil an. Ein Teil des mittleren Mastes wurde zerschossen und kam von oben herunter, damit Unordnung in das Segelwerk des Hansen bringend. Bokelmanns Schiff wurde in seinen Bewegungen gehemmt und mußte, sollte es nicht in die Gewalt der Feinde fallen, einen Gewaltstreich wagen; mitten im Kampfe fuhr der ‚Mariendrache‘ urplötzlich auf das dänische Admiralschiff los, um dieses unter Anwendung seines eisenbeschlagenen Buges in Grund zu bohren. Nur durch den festen Bau des Schiffes konnte der ‚Mariendrache‘ den Anprall aushalten. Mit voller Kraft fuhr er dem dänischen Gegner in den Bug, und eine weite, große Öffnung klaffte in der Bordwand des Dänen, mächtig strömten die Wasserwogen in das so schwer beschädigte Schiff, doch der Dänenadmiral verlor den Kopf nicht.
Auf seinem Schiffe drohte ihm und seiner Mannschaft der sichere Untergang, weil unaufhaltsam das Wasser in den Schiffsraum hineinstürzte, darum konnte er nur gewinnen, wenn er hinüberstürzte auf die Danziger Kogge. „Folgt mir!“ lautete im Augenblick des Anpralles sein Befehl. Damit stürzte er mit einem Teil seiner Schar auf den ‚Mariendrachen‘ hinüber. Glücklicherweise brach jetzt der Bugspriet des Danziger Admiralschiffes ab, und damit kam es frei, und niemand von der Besatzung des Dänenschiffes konnte dem Admiral noch folgen.
Während sein Schiff versank, stand er allein mit dreißig Mann im Kampfe gegen Bokelmanns tapfere Schar. Die Enterung war nicht geglückt, aber Zinnenberg und seine Schar verkauften ihr Leben so teuer wie möglich.
Mutig stürmte er den Seinen voran. Im Handgemenge bedrohte sein kühnes Schwert Kurt Bokelmann, dem im Augenblick der höchsten Gefahr Paul Beneke beisprang, der durch einen glücklichen Schwertstreich Hans von Zinnenberg kampfunfähig machte. Nach diesem kühnen Anschlag, der den Admiral in die Hände der Osterlinge lieferte, ergab sich auch die übrige kleine Kämpferschar. Während des Nahkampfes auf dem Verdeck des ‚Mariendrachen‘ ging das dänische Admiralschiff im Meere völlig unter.

Paul Benekes Sieg über die englische Flotte. Von Professor Hans Petersen.
❏ GRÖSSERE BILDANSICHT

Danzig im siebzehnten Jahrhundert.
❏ GRÖSSERE BILDANSICHT
Die herumschwimmenden letzten Überlebenden, die auf den Wellen mit dem Tode rangen, wurden von den Danziger Booten aufgenommen und gerettet. Der Erfolg der Hansen war ein großer. Dreihundert Dänen büßten in der Schlacht und durch den Untergang des Schiffes ihr Leben ein, die Hansen hingegen verzeichneten nur zwölf Tote und vierzig Verwundete. Unter den Toten der Hanseaten war aber einer, der für hundert zählte, Simon Lüblaw, der tapfere Schiffsführer des Ausliegers. Sein Tod dämpfte die Siegesfreude der Hansen.
Nachdem auf den Schiffen notdürftig die äußere Ordnung wiederhergestellt war, eilten sie den übrigen entflohenen Dänenschiffen nach; auch hierbei blieb ihnen der Erfolg treu; noch vier Fahrzeuge konnten sie beim Entern nehmen. Die Beschädigungen der Danziger Schiffe wurden schnellstens ausgebessert, und schon am dritten Tage nach der Schlacht fuhr Bokelmann unter großem Jubel mit seinen sechs Prisen in den Danziger Hafen ein.
Glockengeläute begrüßte die heimkehrenden Sieger, die Kanonen auf den Wällen donnerten einen Willkommengruß, und in öffentlicher Sitzung erhielt Kurt Bokelmann eine goldene Ehrenkette, und Paul Beneke, der mutvoll seinem Admiral durch Tapferkeit das Leben gerettet, ehrte eine öffentliche Anerkennung durch den Mund des Bürgermeisters Niederhoff.

3. Der Tag von Anholt.
Man schrieb das Jahr 1466. Kurt Bokelmanns Sohn Eler und sein Pflegebruder Paul Beneke führten als Schiffshauptleute den neuen ‚Mariendrachen‘ der Danziger, denn der alte war bei einem Sturm schwer beschädigt worden und daher abgewrackt. Die Fredekogge hatte eine Reihe von Handelsschiffen nach Holland geleitet und lag nun mit den Schiffen im Hafen von Zween. Dort traf die Kunde ein, daß Dänemark den versprochenen Frieden nicht gehalten habe, eine heimkehrende Flotte der Danziger sei überfallen, dazu sei das Begleitschiff ‚Pomuchel‘ unter Merten Bardewig in Grund gebohrt worden. Ein neuer schwerer Schlag für die Osterlinge! Erfreulicherweise bewahrheitete sich das Gerücht nicht ganz, denn nach einiger Zeit lief ein schwerbeschädigtes Schiff in den Hafen ein, und zur Freude der beiden Brüder war es die Barse[16] ‚Pomuchel‘.
Am Bord des Schiffes erfuhren die beiden tapferen Seeleute von Merten Bardewig, daß die Dänen in der Tat mit drei Kriegsschiffen bei Anholt über die Flotte der Danziger hergefallen waren; der sich entspinnende Kampf war für Merten Bardewig nicht ruhmlos verlaufen, denn der eine Gegner wurde so arg zerschossen, daß er nur einem Wrack glich, und sicher wäre es den beiden anderen nicht besser ergangen, wenn nicht eine dänische Kettenkugel den großen Mast des ‚Pomuchel‘ zerstört hätte. Nun konnte die Lösung nur die sein: entweder die Flucht oder ein ruhmvoller Untergang.
Der tapfere Bardewig wählte die Flucht, um sein Schiff der Vaterstadt zu erhalten. Ruhig ließen die Dänen das Schiff entkommen und machten sich über die Kauffahrteiflotte her, denn um diese Beute war es ihnen zu tun. Vier Danziger Schiffe brachten die Dänen auf und schleppten sie als hochwillkommene Prise nach dem Hafen Anholt. Bardewig fuhr auf kürzestem Wege nach Holland, um den ‚Mariendrachen‘ zu suchen. Gemeinsam konnten die beiden Schiffe den Racheplan ausführen, der schon im Kopf des findigen Alten fertig war.
In emsiger Tätigkeit gaben die Schiffsleute beiden Kriegsschiffen ein anderes Aussehen. Sorgfältig wurden die Kanonenpforten versteckt, Segel und Bordwände verändert, daß die Schiffe in ihrem Äußern harmlosen Kauffahrern glichen. Nach drei Tagen schneller Fahrt erreichten sie die Enge Lässö und bemerkten dort eine feindliche dänische Barse. Die Hansen segelten ruhig weiter; als sie merkten, daß die Dänen sie erkannten, ergriffen sie scheinbar die Flucht, um so dem Feinde eine Falle zu legen. Der Plan gelang vortrefflich. Schnell kappte der Däne die Ankertaue und segelte hinter den vermeintlichen Danziger Kauffahrern einher. Der Plan der Danziger war, weit genug von der Küste entfernt den Kampf mit dem Dänen zu wagen. Damit die dänische Barse schneller herankam, mäßigten die Danziger ihre Fahrt durch Tonnen, die an langen Tauen ausgelegt wurden und als Schleppzug dem Schiff nachliefen. Hätten sie Segel beigesetzt, wäre ja der Plan zuschanden geworden.
Endlich kam der Däne in Schußweite. Ein Kanonenschuß brachte den beiden Schiffen die Aufforderung, beizudrehen; schnell kamen die Danziger diesem Befehle nach, nahmen die Segel fort und fuhren dabei auseinander, so daß zwischen ihnen eine Entfernung von mehreren hundert Schritt lag. In den Raum fuhr das Dänenschiff hinein. Der hochwillkommene Augenblick, den Überfall von Anholt zu rächen, war jetzt da. Auf den hansischen Schiffen öffneten sich die Kanonenpforten, das Kriegszeichen der Osterlinge, der Besen, ging hoch. Die Schiffsleute stürzten aus dem Innern der Schiffe hervor.
Und ehe der Feind Zeit zur Überlegung hatte, faßten ihn schon die Enterhaken der Danziger, und mit dem Schlachtruf „Hie gut Danzig allewege!“ stürmten die Hansen auf das Dänenschiff. Der Widerstand seiner Mannschaft wurde in kurzer Zeit niedergekämpft, die Gefangenen kamen auf die beiden deutschen Schiffe, wo man sie einsperrte. Vom feindlichen Kapitän ließ sich Merten Bardewig die verabredeten Erkennungszeichen und den Aufenthalt der beiden anderen Barsen bekannt geben. Durch ein geschicktes Verhör stellte der Danziger Schiffsführer fest, daß die Danziger Prisen bei Anholt lägen.
Hundertfünfzig deutsche Seeleute besetzten unter Führung von Paul Beneke das eroberte dänische Schiff. Ihm wurde die schwierige Aufgabe gestellt, die feindlichen Schiffe zu erobern und die Danziger Kauffahrer fortzuführen. Paul Beneke ging frisch ans Werk, das er ruhmvoll fertigbrachte. Sein Fahrzeug trennte sich von seinen Gefährten und traf am Abend vor Anholt ein. Die Dänen im Hafen ahnten nichts Böses: unangefochten konnte Benekes Schiff Anker werfen, da ja die Erkennungszeichen durchaus richtig gegeben wurden.
Mit Beginn der Nacht gab es bei den Hansen emsige Tätigkeit; die Boote ließ man geräuschlos zu Wasser, und ebenso leise bewegten sie sich auf das erste feindliche Schiff zu. Hier herrschte tiefe Ruhe. Die Wache schlief, und schnellfüßig kletterten die Hansen an den Strickleitern empor. Ehe noch die emporgeschreckte Wache einen Laut von sich gab, lag sie geknebelt und festgebunden da. In aller Eile fügten die Zimmerleute feste grobe Planken über die Luken und verrammelten die Kajütentüren. Mochten nun die Dänen auch toben, ihr Schreien blieb ungehört. Eine kleine Wache der Hansen führte die Aufsicht über die eroberte Barse. Die anderen eilten, um die zweite dänische Barse durch die gleiche List in Besitz zu bekommen. Ganz so leicht sollte es diesmal nicht gelingen. Der aufmerksame Schiffsposten gab Warnungszeichen, aber sie halfen nicht viel. Ehe noch die schlaftrunkenen Dänen tüchtigen Widerstand leisteten, waren die Danziger schon oben und räumten unter den Feinden mit der blanken Waffe auf. Jegliches Schießen hatte Beneke seinen Leuten verboten, um durch das Feuer die Uferbewohner nicht aufzuschrecken. Der Rest der Dänen, der im Kampf nicht fiel, verbarg sich im Innern des Schiffes und kam, wie seine Genossen, in eine unfreiwillige Haft. Auch das dritte Stück der Arbeit sollte den Danzigern gut gelingen. Die am Lande aufgestellte feindliche Geschützreihe kam sehr leicht in den Besitz der Hansen, da auch hier die Wächter sorglos schliefen und sich auf die Kriegsschiffe verlassen hatten, die die Einfahrt zum Hafen schützten. Einige Hammerschläge und einige kräftige Nägel genügten: das Werk war vollbracht. Jetzt eilten die Boote der Hansen in den Hafen hinein und schafften die Danziger Kauffahrer schnell heraus. Alles verlief so gut, daß noch sechs dänische Kauffahrer mit hinausgenommen wurden, ohne daß deren Besatzungen nur das geringste davon merkten.
Als der Morgen graute, erstaunten die Dänen nicht wenig, die Handelsschiffe draußen vor dem Hafen liegen zu sehen. Zornig ruderte der Hafenmeister hinaus, um nach den Ursachen zu forschen; nur zu bald gaben ihm die ihn umringenden Hansen die nötige Antwort, er war ihr Gefangener. Beneke entließ ihn mit dem Auftrage, dem Bürgermeister mitzuteilen, die gefangenen Hansen freizugeben, dazu binnen drei Stunden über 100000 Mark als Entschädigung zu zahlen. Unterblieb bis zum Ablauf dieser Frist die Zahlung, so würde die Stadt in Grund und Boden geschossen.
Bei dieser Kunde erhob sich in der Stadt ein wüstes Geschrei, man glaubte, den gestellten Ansprüchen nicht nachkommen zu müssen, aber die drohenden Kanonenpforten unterstützten nachdrücklichst die Forderung. Noch ehe die Frist verstrich, war Beneke im Besitze der verlangten Summe und segelte dann mit der Flotte hinaus, seinen Gefährten entgegen.
‚Mariendrache‘ und ‚Pomuchel‘ erschienen frühzeitig genug vor dem Hafen, um den Sieger mit seiner reichen Beute noch auslaufen zu sehen. Draußen auf der See setzten die Hansen die gefangenen Dänen auf die schlechteste Prise über, die sie dann ihrem Schicksal überließen.
Nach dreitägiger Fahrt erreichte die Flotte jubelnd die Heimatstadt, in der Trübsal und Trauer herrschten, da man einen dänischen Überfall befürchtete. Zu Ehren der Schiffshauptleute und der siegreichen Kriegsfahrzeuge gab der Rat ein großes Fest. Wieder läuteten die Glocken, und wieder ertönten Böllerschüsse, und wieder wurden schmückende Ehrenketten den Siegern überreicht, dazu ward Paul Beneke feierlichst zum Schiffshauptmann von Danzig ernannt. Unter den erbeuteten Dänenschiffen suchte er sich die ‚Anholt‘ aus, die dann lange Zeit unter seiner Führung im Dienste der Stadt Danzig stand.

4. Überlistet.
(Danzig im Kampf mit England.)
Unter den Hansen wußte man, daß König Eduard IV. von England auf einen günstigen Augenblick wartete, den Hansen eine vernichtende Niederlage zu bereiten, damit die Handelsvorteile, die ihnen gewährt waren, hinfällig wurden. Ein Hansetag, der ausgeschrieben war, ließ leider die gewohnte Einmütigkeit und Tatkraft der hansischen Glieder nicht mehr erkennen, zu sehr machten sich schon die Einzelwege der Städte breit.
So war Köln nicht bereit, wegen seiner Handelsbeziehungen mit England den Forderungen des Hansebundes zu folgen. Danzig rüstete daher auf eigene Faust, um dem Unheil, das sich drohend zusammenzog, rechtzeitig begegnen zu können. Bardewig erhielt den Auftrag, vier Auslieger fertigzustellen und mit ihnen die Fahrt an die flandrische Küste zu unternehmen.
Im Jahre 1468 zogen Kaufleute von Lynn nach Island, erschlugen dort den dänischen Vogt, verheerten die Insel und beraubten auch die Steuerkasse. König Christian I. von Dänemark, darüber erbost, setzte auf seine Kriegsfahrzeuge angeworbene hansische Kapitäne, denen er mehr zutraute als seinen eigenen Schiffshauptleuten, und die Erfolge, die sie erzielten, sollten ihm recht geben. Allerlei englische Fahrzeuge wurden aufgebracht, und damit war für England der lange gesuchte Grund für eine Auseinandersetzung mit der Hanse gegeben. Den hansischen Kaufleuten auf dem Stahlhof zu London maß man die Schuld bei, Anstifter dieses Unternehmens zu sein. Nicht nur wurde der Stahlhof geschlossen, die dort beschäftigten deutschen Kaufleute ins Gefängnis geworfen, ein Teil sogar ermordet, sondern auch noch die Forderung erhoben, 20000 Pfund Sterling Schadenersatz zu leisten für die von den Dänen erbeuteten Kauffahrteifahrzeuge.
Gleichzeitig rüstete der kampffrohe König Eduard IV. vierzehn Kriegskoggen aus, die dazu bestimmt waren, die hansischen Seestreitkräfte zu vernichten.
Paul Beneke und Eler Bokelmann erhielten vom Kontor zu Bergen sehr bald Nachricht von diesen Vorgängen, dazu die Warnung, den schützenden Hafen von Zween nicht zu verlassen, weil fünf Schiffe der Engländer ihnen auflauerten. Es befand sich unter den englischen Schiffen auch der gefürchtete ‚St. John‘. So wohlgemeint die Warnungen auch waren, Beneke beachtete sie nicht, sondern faßte den Entschluß, die Engländer anzugreifen. Unter französischer Flagge verließen sie den Hafen von Zween und ankerten am nächsten Morgen beim Städtchen Deal an der englischen Küste in der Nähe von Dover. Eine große Menschenmenge war am Ufer versammelt, um den Lord-Mayor von London, Thomas Cook, zu empfangen, der mit zwei französischen Schiffen zurückgeleitet werden sollte.
Der Bürgermeister begab sich an Bord zur Begrüßung des hohen Herrn. Wie erschrak er, als er sich in der Gewalt der Osterlinge sah! Man zwang ihn im Namen des Lord-Mayors, eine briefliche Nachricht an Männer in bevorzugter Stellung zu geben und sie zu bitten, ihm an Bord des Schiffes ihre Aufwartung zu machen, da er gleich die Themse hinaufsegeln wolle. Bald erschienen die Herren, und auch ihnen erblühte das Los der Gefangennahme. Beneke kam damit in den Besitz von dreißig Geiseln; damit nicht genug, faßte er auch den kühnen Entschluß, den Lord-Mayor selbst gefangenzunehmen. Bevor jedoch seine Schiffe zu dem Zweck die Anker lichteten, stieg die Danziger Flagge am Maste empor. Ein großer Schrecken bemächtigte sich der Anwohner. Beneke stand davon ab, die Stadt in Grund und Boden zu schießen, aber in anderer Art traf er die Engländer empfindlich: die Boote wurden zu Wasser gelassen und eine Reihe englischer Handelsschiffe, die im Hafen lagen, angezündet. Das war die hansische Antwort auf die Kriegserklärung Eduards. —
Nun fuhr Beneke hinaus, um den Lord-Mayor zu suchen; nach wenigen Stunden traf er die ‚Madeleine‘, ein Schiff unter französischer Flagge, das den Lord-Mayor hinüberfuhr. Dem hohen Herrn nützte das Schelten gar nichts, er mußte mit seinen Schätzen auf die ‚Anholt‘ hinüber, und dort traf er gute Gesellschaft.
Nachdem dieser Streich gelungen, fuhr Paul Beneke zurück nach Zween. Da er schon in der Ferne die die Hafeneinfahrt abschließenden englischen Schiffe erblickte, hielt er sich in genügender Entfernung und wartete bis zum Dunkelwerden. Dann fuhr er vorsichtig in den Hafen hinein, ohne daß seine Feinde es merkten. —
Gegen Mitternacht kam ein Fischerboot mit zwei halberfrorenen Männern bei dem ‚St. John‘ an. Die beiden Fischer gaben an, verirrt zu sein. Sie baten den wachthabenden Steuermann um Brot, Wasser und Holz. Bereitwillig gab der mitleidige Engländer ihnen alles. Dann sah er, wie die beiden sich auf einer Unterlage von Backsteinen Feuer anmachten und den Topf aufsetzten. Die vermeintlichen Fischer waren Paul Beneke und Eler Bokelmann, und was sie im Topfe kochten, war Blei. Sobald sie merkten, daß niemand auf sie achtgab, fuhren sie mit dem Boot nach dem Spiegel des englischen Schiffes und gossen das flüssige Metall in die Ösen (Fingerlinge), in denen sich das Ruder bewegt.
„So, die werden an unserer Suppe genug zu kauen haben,“ murmelte der eine und lachte halblaut. „Möge sie ihnen bekommen!“
Einige Zeit lauschten sie noch, ruderten dann wieder längsseit, riefen dem Schiffsoffizier herzlichen Dank zu für die gewährte Erlaubnis und verschwanden in der Dunkelheit. —
Beim Anbruch des Tages bedeckte ein dichter Nebel die Gewässer, ein guter Bundesgenosse der Hansen, die sich zum Schlagen rüsteten. Gedeckt durch die Nebel, fuhr Beneke dicht an den Feind hinan, und sowie sich der Dunst verzog, stürzte er auf die überraschten Engländer los. Gleich das erste feindliche Schiff wurde durch zwei erfolgreiche Breitseiten vollständig kampfunfähig. Noch ehe die Schiffsleute ihre Hände rührten, waren ihre Kanonen zerstört. Aber jetzt setzten die übrigen englischen Schiffe Segel und der ‚St. John‘ kappte seine Ankertaue, um sich auf den Hansen zu stürzen. Doch vergebens! Das Schiff gehorchte dem Steuer nicht mehr, es trieb wie ein Wrack mit dem Winde in die See. Da faßte die kleinen Schiffe die Besorgnis, sie ließen ihre Gefährten ohne Kampf im Stich und flüchteten. Paul Beneke hielt auf den ‚St. John‘ zu.
„Ergebt euch!“ rief er hinüber. „Euer Ruder sitzt fest von der Suppe, die ich euch über Nacht in die Fingerlinge goß!“ Die überlisteten Engländer mußten die Flagge streichen und den ‚St. John‘ überliefern. Was half aller Zorn. Sie waren von dem Danziger Schiffsführer überlistet worden. — Ohne Verlust kehrte der ‚Mariendrache‘ nach Zween zurück, und der Ruhm des Paul Beneke erfüllte das Land. Gern ließen sich die Schiffskinder[17] für seine Schiffe anwerben.

5. Die Gefangennahme von König Eduard IV.
In Danzig hatte der Erfolg Paul Benekes und Eler Bokelmanns große Freude ausgelöst, der Rat beschloß, ihnen noch acht Schiffe unter Merten Bardewig nachzusenden, denn es blieb nicht ausgeschlossen, daß die Engländer von neuem den Kampf gegen die Hansen, insbesondere gegen die Osterlinge, wieder aufnehmen würden. Die Londoner Kaufleute wollten den Handel der Fremden auf jeden Fall aus dem Lande verdrängen, und Eduard IV. mußte sich ihnen fügen, damit sein Thron nicht ins Wanken geriet.
In aller Heimlichkeit hatten die englischen Kaufleute eine Reihe Kaperschiffe ausgerüstet zu dem bestimmten Zwecke, den Feind zu Boden zu werfen. Aber ehe es so weit kam, begann ein Aufstand gegen Eduard, und die Kaufleute ließen ihn während seiner Kämpfe mit den Adeligen im Stiche. Der verlassene Monarch rettete sich mit sechshundert Freunden auf vier Schiffe, um in Flandern bei Karl dem Kühnen eine sichere Unterkunft zu finden.
Paul Beneke, der mit einem Teil seines Geschwaders an der englischen Küste kreuzte, erfuhr diese Nachricht durch einen englischen Kaperkapitän, dessen Schiff er bei Norfolk genommen hatte. Sein Plan, den König gefangenzunehmen und nur freizugeben, wenn er die Bedingungen anerkannte, sollte glänzend durchgeführt werden.
Beneke mußte sich beeilen, denn die englischen Schiffe hatten einen bedeutenden Vorsprung. Durch allerlei glückliche Umstände erreichten die Danziger Schiffe die Engländer. Als Eduard IV. sah, daß seine Schiffe verfolgt wurden, versuchte er zu entfliehen. Beneke eilte mit dem schnellsten der Danziger Schiffe, dem ‚St. John‘, nach, eine aufregende Jagd begann, Schüsse wurden nicht gewechselt. Im Angesichte der flandrischen Küste nahte dem englischen König das Verhängnis. Der Wind nahm sichtlich ab; während die Danziger weiter draußen noch hinreichenden Wind fanden, um heranzukommen, zwang die Windstille die Engländer, zu warten.
Als die Danziger herankamen, nahmen sie den König und seine Getreuen gefangen. Inzwischen fuhr vom Lande her unter burgundischer Flagge ein Boot heran, das den Grafen von Vere an Bord hatte, der auftragsgemäß als Küstenadmiral den entflohenen König begrüßen sollte. Sein Erstaunen wuchs, als er die Gefangennahme erfuhr. Durch Reden und Drohungen ließ sich Beneke nicht einschüchtern; er blieb dabei, der König sei auf der See gefangengenommen und die Hoheitsgrenze Flanderns nicht verletzt. Dann lud er den Grafen ein, mit Eduard IV. an Bord des ‚St. John‘ zu kommen und dort mit ihm als Vertreter der Hanse zu verhandeln, gemeinsam wollten sie nach einem Auswege suchen. Der Graf tat’s. Der flandrische Admiral kam mit dem bedrängten Könige auf Benekes Schiff; dieser empfing sie höflich und schloß mit ihnen nach langen Verhandlungen folgenden Vergleich: „Als Vertreter der Hanse führt der Schiffshauptmann Paul Beneke König Eduard IV. mit vierzehn Schiffen in sein Reich zurück, sobald die nötige Kriegsmacht beisammen ist. Zwei Wochen nach der Landung bleibt die Flotte im Dienste des Königs, Eduard IV., schützt hingegen die Vorrechte der Hansen und duldet keinen Übergriff der englischen Kaufleute und wehrt außerdem dem drohenden Kaperkrieg.“
Die Anwesenden unterschrieben diese gemeinsame Vereinbarung, dann erhielt der König seine Freiheit und wurde unter königlichen Ehren ans Land geleitet.

6. Der Kampf an der Maasmündung.
Während der Zeit, da Beneke Eduard IV. auf der Flucht nach der flandrischen Küste verfolgte, versuchte Merten Bardewig mit seiner Flotte von vier Fahrzeugen den Franzosen zu schaden, denn auch der französische König Ludwig XI. kämpfte gegen die Hansen, weil sie seinem Feind, Karl dem Kühnen von Burgund, halfen. Das Beginnen Bardewigs war nicht ohne Erfolg. Vier Schiffe nahm er den Franzosen. Da es ihm aber an Munition mangelte, ging er in Calais ans Land, ohne erst nach Holland zurückzukehren. Es war dies ein gewagtes Unternehmen. Aber dem alten kampferprobten Bardewig erschien nichts unmöglich. Er wurde jedoch von den Franzosen erkannt und in einem Auflauf auf offener Straße erschlagen.
Bei den Hansen entstand darob große Trauer, bei den Franzosen Zuversicht. In aller Eile rüsteten sie siebzehn Schiffe aus und schickten sie zum Kampf gegen die Hansen. Einer so großen Übermacht erlagen die Danziger, sie verloren drei Schiffe, und nur eins konnte sich retten und die Trauernachricht nach der flandrischen Küste bringen, wo Eler Bokelmann mit seinem Schiffe kreuzte. Keinen Augenblick zögerte er, den Tod von Merten Bardewig zu rächen.
Zwei Tage darnach traf Paul Beneke in Zween ein und erfuhr hier, daß sein Pflegebruder Eler Bokelmann mit fünf Schiffen die starke französische Flotte angreifen wollte. Sofort setzten Benekes Schiffe wieder Segel und eilten Eler Bokelmann nach, um ihn vom Kampf abzuhalten oder ihm doch eine wirksame Unterstützung zu bringen. Als der neue Morgen graute, kündete weithin hallender Kanonendonner, daß Eler Bokelmann doch das kühne Wagnis, die Franzosen vor der Maas anzugreifen, begonnen. Der hinzueilende Beneke erkannte nur zu bald, daß die Danziger sich in einer sehr schlimmen Lage befanden. Wohl hatten sie tapfer gefochten, fünf feindliche Schiffe kampfunfähig gemacht, aber auch von Bokelmanns Schiffen lagen zwei am Grunde des Meeres. Das gewaltige Übergewicht von zwölf Franzosen gegen drei Hanseaten ließ keinen Zweifel über den endgültigen Ausgang der Seeschlacht. Beneke konnte, da der Wind abflaute, nicht so schnell eingreifen. —
Sein Freund und Kampfgenosse schlug sich mit dem französischen Admiralschiffe ‚Columba‘ herum. Wüst sah es auf dem Danziger ‚Mariendrachen‘ aus; an der Art des Kampfes sah man deutlich, daß die Kampfkraft des Danziger Admiralschiffes zu Ende war. Doch auch die ‚Columba‘ wich zurück, und an die Stelle dieses furchtbar zugerichteten Schiffes traten drei andere französische Schiffe, um von neuem den Kampf mit dem ‚Mariendrachen‘ zu wagen. Jetzt nahm der Wind wieder zu, und nun eilte Beneke auf dem schnellsegelnden ‚St. John‘ an den Kampfplatz.

Sieg der Hanse über die französische Flotte vor der Maasmündung. Von Professor Hans Petersen.
Dicht rauschte das mächtige Schiff mit den geschwellten Segeln an die ‚Columba‘ heran, so daß sich die Rahenspitzen berührten. Eine mächtige Breitseite donnerte vom ‚St. John‘ hinüber und fegte vom Verdeck des feindlichen Admiralschiffes alles herunter. Für einen Augenblick stutzten auch die drei anderen Angreifer, sie ließen vom ‚Mariendrachen‘ ab, und schon glaubte Beneke seinen Pflegebruder gerächt, da erscholl der Schreckensruf: „Feuer!“ Auf dem ‚Mariendrachen‘ züngelten Flammen empor, die Rauchwolken wurden dichter und größer. Bald glichen Masten und Segel einem glühenden Feuermeer, dessen Flammen gierig gen Himmel leckten. Freund und Feind stellten über dem schaurigen Anblick das Feuern ein und folgten gespannt dem Schauspiel. Auf einmal ein gewaltiger, mächtiger Donnerschlag! Die Pulverkammer des ‚Mariendrachen‘ war vom Feuer verzehrt, und die herumfliegenden Trümmer kündeten, daß das stolze Schiff samt dem Rest seiner kampffähigen Mannschaft in die Luft geflogen sei.
Für eine Zeitlang herrschte Todesstille, die Kanonen schwiegen bei Freund und Feind; die Wellen schlossen sich über den zuckenden Leibern der Gefallenen. Als dann der Wind stärker rauschte und die Rauchwolken, die sich über den Kampfplatz gelagert hatten, allmählich verschwanden, da erhob sich lauter Jubel bei den Franzosen, und siegesfreudig begannen sie von neuem zu kämpfen. Ihr starker Gegner ruhte zertrümmert am Grunde des Meeres, siegeszuversichtlich stürzten sie sich in den Kampf, dessen endlicher Sieg ihnen ja werden mußte. Beneke packte sein alter furchtloser Kampfesmut. Hatte er den Bruder nicht retten können, so sollte doch dessen Tod gerächt werden, und mächtig erscholl wieder der Kampfesruf der Danziger „Hie Danzig!“ über den Kampfplatz. Das dem ‚St. John‘ am nächsten liegende feindliche Schiff erhielt eine so kräftige Breitseite, daß es sank. Diesen Augenblick benutzten die beiden letzten Schiffe Eler Bokelmanns, um an den ‚St. John‘ heranzukommen, und vereint fielen die drei Danziger über einige abseits fahrende französische Schiffe her, die sie nach kurzer Gegenwehr bezwangen und kampfunfähig machten. Nur noch sieben feindliche Schiffe standen den Resten der Danziger Flotte gegenüber, die durch die fünf Schiffe vom Geschwader Benekes eine tüchtige Verstärkung erhielten. Jetzt war die Siegeszuversicht der Franzosen dahin, sie suchten ihr Heil in der Flucht. Während die einzelnen Hansenschiffe die flüchtenden feindlichen Fahrzeuge verfolgten, eilte der ‚St. John‘ der ‚Columba‘ nach und erreichte das feindliche Schiff. Als die Schiffe aneinanderprallten, sausten die Enterhaken herunter, rasch stürzte Beneke mit seiner todesmutigen Schar auf das Verdeck der ‚Columba‘.
Ein wütender Nahkampf entstand hier. Der feindliche Anführer fiel unter Benekes Streichen, aber auch Beneke erhielt einen Stich mit einem Enterhaken und fiel nieder. Schon begannen die Danziger zu weichen, da ihr Hauptmann niedersank; aber erneut stürmten sie vor, und der flüchtende Rest der Franzosen floh unter das Verdeck und bat um Gnade.
Von den siebzehn stolzen Schiffen entkamen drei, die andern fielen in die Hände der Deutschen oder lagen zerschossen am Grunde des Meeres. Ein rechter Siegesjubel kam nicht auf, denn auch die Verluste der Hansen waren große. Der eine Führer war tot, der andere lag todeswund in seiner Kabine. Lange schwebte der tödlich getroffene Beneke in Gefahr, aber er genas; den Vertrag mit Eduard IV. hieß der Hansebund gut, und im März 1471 führte der wiedergenesene Beneke Eduard nach England und half dem König vierzehn Tage lang gegen seine unbotmäßigen Untertanen.

7. Das erfolgreiche Ende.
Lange Zeit konnte Paul Beneke sich der Ruhejahre nicht erfreuen. Schon im Jahre 1473 mußte er wieder hinaus, um den Verhandlungen mit England, die sich bedenklich in die Länge zogen, größeren Nachdruck zu geben.

Danziger Kriegsschiff ‚Peter von Danzig‘.
Eduard IV. konnte seinem Versprechen nicht nachkommen, da die englischen Kaufleute ihm nicht folgten; sie zum Gehorsam zu zwingen, besaß der König nicht die Macht. Dadurch erlitten die hansischen Handelsbeziehungen großen Schaden, die zahllosen Kapereien brachten ungeheure Verluste. Diesen unglückseligen Zuständen sollte jetzt endgültig ein Ende bereitet werden, und der für den Seekrieg ausersehene erprobte Führer Paul Beneke ging mit einem seetüchtigen Schiff, ‚Peter von Danzig‘, hinaus auf den Kaperfang. Das Glück war ihm auch diesmal hold. Durch Zufall erhielt er die Nachricht, daß englische Kaufleute zwei Schiffe in Holland befrachtet hätten. Um sie vor den hansischen Kriegsfahrzeugen zu schützen, wurden sie zum Scheine an einen der Räte Karls des Kühnen von Burgund verkauft, mit Italienern bemannt, und außerdem segelten sie unter burgundischer Flagge. So hatten sich die Engländer gesichert und glaubten ungehindert mit ihren Fahrzeugen das Ziel zu erreichen.
Beneke ließ die Frachtschiffe bis an die englische Hoheitsgrenze heranfahren; dort konnte er sie nach dem üblichen Kriegsrechte angreifen, weil sie dem Feinde Waren zubrachten.
Die Mannschaft des ‚Peter von Danzig‘ war unter dem Vorgänger Bernd Pawest sehr verwahrlost; es wurde Beneke schwer, strenge Ordnung und Zucht unter diesen ‚Schiffskindern‘ zu halten. In dem Augenblicke, da der entscheidende Angriff auf die feindlichen Schiffe bevorstand, ließen sie ihren Hauptmann fast im Stich. Darüber erzählt der alte Lübecker Lesemeister Reimar Kock in seiner Chronik:
„Paul Beneke näherte sich den beiden Galeeren, bot ihnen seinen Gruß und fragte, woher sie kämen und wohin sie willens wären. Aber der Hauptmann der großen Galeere gab ihm eine spöttische Antwort, was er darnach zu fragen hätte, ob ihm nicht das Wappen sowohl in der Flagge wie auf der Galeere bekannt sei. — Denn der hochfahrende Lombarde ließ sich bedünken, der Deutsche mit seinem kleinen Schiffe müsse dem Welschen wohl weichen. Aber er fand einen rechtschaffenen deutschen Mann vor sich. Deshalb sprach Paul zu dem Lombarden, er solle die Flagge streichen und die Güter herausgeben, die den Engelschen gehörten; wenn er es aber nicht mit Gutem wolle, solle er schon das Streichen lernen. Aber diese Worte achtete der Welsche für Torheit, er ließ vielmehr statt der Antwort eine Büchsenladung auf den Deutschen abknallen. Alsbald aber war Paul Beneke und sein Volk fertig, setzte bei und scharmutzierte eine Zeitlang mit dem Welschen. Weil aber das Schiffsvolk sah, daß die Welschen an Geschütz und Mannschaft überlegen waren, wurde es zaghaftig und fing an zu weichen. Da hub Paul Beneke zornig und traurig zugleich an: „Ach, Gesellen, was macht ihr da? Was soll daraus werden, und wie wollen wir das verantworten? Wollte ich doch, ich hätte diesen Tag nie erlebt, da ich mit eigenen Augen sehen muß, wie so mancher deutsche Kriegsmann und Seemann vor den Welschen verzagt und die Flucht nimmt! Wäre es nicht ehrenvoller, daß wir alle vor unseren Feinden um unseres Vaterlandes Freiheit stürben, als daß wir unser Leben lang die Schande tragen, daß die Kinder mit Fingern auf uns weisen und uns nachschreien: Das sind sie, die sich von den Welschen jagen lassen?! —
„Das wird den Engelschen Mut machen, und sie werden alle Zeit gewinnen und wir davon laufen. Wie manchen deutschen frommen und braven Seemann und Kaufmann werden wir um Leib und Gut bringen! Ach, wären wir nur nicht losgegangen, es wäre ja besser, daß uns die Welschen ihr Leben lang nicht mit Augen gesehen!
„Habe ich euch nicht vorher gesagt: ‚Gesellen, das wäre wohl eine gute Beute, aber sie wird Arbeit kosten! Wolltet ihr alle, wie ich, mit Ehren drauf und dran, so sollte sie uns nicht entgehen, aber unerschrockene Herzen und Fäuste gehören dazu. Die Galeere ist groß und wie ein scheußliches Biest anzusehen, dessen ihr nicht gewohnt seid, dazu viel größer als unser Schiff und mit vielem Volk und Geschütz ausgerüstet, jedoch es sind Welsche und keine Deutsche. Wollen wir nach unserer Väter Art mit Herzen und Fäusten Deutsche sein, so soll die Beute uns nicht entgehen und uns unser Leben lang gut tun.‘
„Da riefet ihr alle, ich solle euch nicht anders befinden, als wie es deutschen Männern wohl anstünde. O großer Gott, nun muß ich mit eigenen Ohren anhören, daß uns die Welschen nachrufen, so müsse man deutsche Hunde jagen. Sollte ein ehrlicher Deutscher nicht eher sterben, als das anhören?“ —
Mit solchen und ähnlichen Worten machte Paul Beneke seinem Volk das Blut wieder warm, daß es sprach: „Lieber Herr Hauptmann, hier ist noch nicht Großes versehen. Denn wenn wir eine Wendung machen, kann es uns viel, den Feinden keinen Nutzen bringen. Laßt uns jetzt nur alles auf das beste einrichten. Wir sind doch Deutsche und wollen uns auch als Deutsche finden lassen. Aber führe uns nochmals gegen den Feind. Die Welschen sollen Hunde finden, die nicht laufen, sondern weidlich beißen können.“
Als nun Paul Beneke merkte, daß der Kriegsleute Blut wieder warm und hitzig geworden, wollte er sie nicht höher erbittern, sondern gab dem Steuermann gute Worte, daß er das Schiff an die große Galeere steuere.
Da entfiel den Welschen der Mut, da begannen die Hansen sich als Deutsche zu erweisen. Wie Löwen saßen sie dem Feinde im Nacken und packten ihn, und ehe er sich’s versah, fielen die Enterhaken, und sie waren in der Galeere und begunnten zu würgen, was ihnen in den Weg kam.
Da hätte man Wunder sehen mögen, wie der Hauptmann von der Galeere, der vorher alle Deutschen allein fressen wollte, und die anderen Welschen auf die Knie fielen, sich vor die Brust schlugen und die Deutschen wie die Götter anflehten.
Und hier ließ Paul Beneke sich abermals wie ein Deutscher hören und sehen, denn, wiewohl die Welschen mit ihrem Hohn an den Deutschen kein Gutes verdient, konnte das edle deutsche Blut nicht anders, als Barmherzigkeit erweisen über die, welche, überwunden, sich demütigten und Gnade begehrten.
„Wollte Gott, daß solcher deutschen Hauptleuten viele wären!“ so schließt der ehrsame Lesemeister seinen schlichten Bericht.
Im Verlaufe des Kampfes floh das kleinere Schiff; die Danziger waren auch mit dem einen als Beute zufrieden, barg das Schiffsinnere doch Waren im Werte von über 1 Million Mark, und den Hauptvorteil dieses erfolgreichen Sieges bildete der Friede vom 28. Februar 1474. England fügte sich der Hanse und erkaufte den Friedensschluß gegen eine Zahlung von zehntausend Pfund Sterling.
* * *
Paul Beneke trat nach dieser Tat nicht mehr hervor, bis zu seinem Tode herrschte Friede. Leider starb der Danziger Seeheld schon im Jahre 1480 an einer Seuche, die damals Danzig heimsuchte.


Ditmar Koels Einzug in Hamburg.
❏ GRÖSSERE BILDANSICHT
Ditmar Koel nimmt den Seeräuber Kniphoff gefangen (1525).
Christian II., König von Dänemark, war ein Wüterich auf dem Throne. Das Verhängnis ereilte ihn durch seinen Oheim, Herzog Friedrich I. von Holstein, der ihn mit Hilfe der Hansen vom Throne verdrängte und zur Flucht in das Ausland zwang.
Der vertriebene König Christian II. eilte an den Hof der Königin Margarete von Holland, um von hier aus die Wiedereroberung seines Thrones zu betreiben. Weder Karl V., noch England, noch Brandenburg wollten ihm hierbei helfen. Und so blieb er auf sich allein angewiesen. Im Jahre 1525 ließ er in Flandern vier Fahrzeuge ausrüsten und setzte ihnen die Aufgabe, eine Stadt im Dänenlande zu erobern, damit diese dem vertriebenen Fürsten bei seinen weiteren Kriegsunternehmungen als Stützpunkt dienen könne, gleichzeitig sollten die Schiffe auch den verhaßten Hansen Schaden zufügen, so viel sie nur konnten. Für das Unternehmen fand der König in den Niederlanden tüchtige Mithilfe; öffentlich sprach man allerdings nur von einem ehrlichen Kriegszuge und nicht von der beabsichtigten Piraterei. Der Anführer der Schiffe war Klaus Kniphoff. Er stammte aus einem vornehmen Dänenhause; eine stattliche Gestalt und ein gewandter, starker Körper waren ihm zu eigen, seinen aufgeweckten hellen Geist trieb der große Ehrgeiz, den Hansestädten Schaden zuzufügen und Norwegen zu erobern.
Am 16. Februar 1525 erhielt Kniphoff einen förmlichen Kaperbrief, und außerdem ernannte ihn der König im September des Jahres zum Obersten zur See. Auf seinen Kriegszügen beachtete der Schiffsführer den Unterschied zwischen ehrlicher Fehde und der Seeräuberei nicht hinreichend, dazu vergaß er, den Hansestädten einen Fehdebrief zu schicken. Gerade das Fehlen des Briefes sollte ihm später noch zum großen Verhängnis werden.
Viel Volk strömte Kniphoff zu, als er die Werbetrommel rühren ließ. Allerlei seekundiges Schiffsvolk und viele Landsknechte, wohl über tausend Mann, kamen zu ihm, selbst Adelige fehlten in diesem bunten Kreise nicht. Simon Gans von Putlitz, Jürgen von Sydow, Benedikt von Ahlefeld, ein verkommener holsteinischer Ritter, der sein Vermögen verpraßt hatte, waren die Raubgenossen Kniphoffs. Sie alle erhofften eine reiche Kriegsbeute. Das größte unter den Schiffen Kniphoffs war ein stattlicher Viermaster, die ‚Galion‘, der sich drei kleinere Schiffe, der ‚Bartrum‘, der ‚fliegende Geist‘ und der ‚weiße Schwan‘, zugesellten.
In den Fastentagen des Jahres 1525 begann der Raubzug. Bei der Insel Vlieland gesellte sich ein übel berüchtigter Freibeuter Klaus Rode zu dem Geschwader. Nun konnte die Jagd auf die hansischen Schiffe beginnen. Besonders die Hamburger Kauffahrer hatten sie sich zum Ziel ihrer Räubereien gesetzt. Manches stattliche Schiff, reich beladen mit den Schätzen des Nordens oder des Südens, fiel in die Hände der Seeräuber, die in den niederländischen Seestädten ungehindert die geraubten Güter verkauften. Soviel die Hansestädte auch dagegen schrieben, sie erreichten anfangs nichts, später nur, daß den Piraten in Holland kein Schutzaufenthalt mehr gewährt wurde. Ein sicheres Feld seiner Tätigkeit fand der Seeräuberhauptmann Kniphoff mit seiner Schar in dem Fahrwasser zwischen Jütland und Norwegen und in der Nordsee. Der erzielte reiche Erfolg brachte Kniphoff auf den Gedanken, den Stützpunkt der Hansen im Norden, Bergen, die reichste Stadt Norwegens, anzugreifen.
Nachdem er an verschiedenen Stellen der norwegischen Küste gelandet war und dort Güter der hansischen Kaufleute geraubt, auch Hab und Gut den Bürgern und Bauern abgenommen hatte, sollte der kühne Plan, die Stadt Bergen zu erobern, durchgeführt werden. Die dort lagernden Schätze sollten mithelfen, seine Herrschaft über ganz Norwegen auszubreiten. Jedoch das Schicksal hatte es anders bestimmt; die Bürger Bergens, dazu die hansischen Kaufleute in ihren Niederlassungen, bereiteten den Seeräubern einen guten Empfang. Diese wirksame unvorhergesehene Begrüßung hatte den Erfolg, daß Kniphoff mit seinen Schiffen schleunigst dem Meere wieder zustrebte, da ihm hier eine sichere und reiche Beute wurde.
Inzwischen hatte der Hamburger Rat vier Schiffe ausgerüstet, denen er auftrug, einen Tanz mit den Seeräubern zu wagen. Es waren zweimastige Kauffahrteischiffe, die man durch Geschütze zu Kriegsschiffen ausstattete. Die Mastkörbe wurden so verstärkt, daß mehrere Schützen sich darin aufstellen konnten; am Hinterdeck standen Kanonen, die man durch kastellartige Aufbauten schützte. Als die Werbetrommel des Rates sich rührte, meldeten sich Söldner, Schiffsmannschaften und Geschützmeister in großer Zahl. Simon Parseval bekam die Führung der Flotte, ihm zur Seite standen als Schiffsführer Ditmar Koel, Klaus Hasse und Dirk von Minden, unter diesen standen die vier Hauptleute, die das Kriegsvolk anführten.
Ein trefflicher Wind kam den Schiffen bei der Ausfahrt in den Pfingsttagen des Jahres 1525 sehr zustatten. In rascher Fahrt erreichten sie Helgoland, wo sie vorläufig Aufenthalt nahmen, um sichere Kunde über den Aufenthalt der Seeräuber zu erhalten. Doch von diesen war nichts zu erspähen. Die Kreuzfahrt durch die Nordsee verlief ergebnislos, im Spätsommer des Jahres kehrten die Schiffe ohne irgend einen Erfolg heim. Bald nach der Rückkehr kam die Nachricht, daß Klaus Kniphoff in der Oster-Ems sich aufhielte, sofort beschloß der Rat eine neue Ausfahrt des Geschwaders.
Schwere Herbststürme drohten, doch mutig verfolgte die am 3. Oktober wieder ausfahrende Hamburger Flotte das Ziel, die Seeräuber zu fangen. Zwei kleinere Schiffe verstärkten die Zahl der Kriegsfahrzeuge. Die sichere Kunde, daß das Wattenmeer östlich vom Dollartbusen der Aufenthaltsort der Seeräuber sei, wurde bestätigt. Kniphoff hielt sich hier auf, um seine Mannschaft zu verstärken und seine Schiffsvorräte zu ergänzen. Seinem alten Plane, Bergen zu erobern, blieb er treu. Das Mißgeschick der Strandung der ‚Galion‘ war nicht von langer Dauer, da die Wogen der Nordsee das Schiff bald wieder flottmachten. Eilig und ungehindert konnten die Vorbereitungen zur großen Raubfahrt nach Norwegen fortgesetzt werden. In diese Eile griffen die Hamburger störend ein.
Großer Jubel herrschte auf den Schiffen des Admirals Parseval über die Auffindung der Seeräuberschiffe, dicht fuhren die Schiffe Hamburgs an die Piratenflotte heran, um ihr den Weg zu versperren. Unter freudigem Geschrei stieg die Hamburger Flagge am Maste empor, und der erste donnernde Gruß aus ehernem Munde bot den Seeräubern Willkommen.
Der Herbstabend kam und mit ihm die Nebel, die einer Fortsetzung des Kampfes hinderlich waren. Noch in den Abendstunden hielt Parseval mit seinen Schiffsführern und seinen Hauptleuten Kriegsrat, um mit ihnen den Verlauf des Angriffs zu besprechen.
Jeder der Schiffsführer begehrte die Ehre, die ‚Galion‘ anzugreifen und zu entern. Das Los entschied. Ditmar Koel war der Glückliche, dem diese Aufgabe zufiel. Dirk von Minden sollte den ‚Bartrum‘, Klaus Hasse den ‚fliegenden Geist‘ angreifen. Der Admiral und die beiden kleinen Bojer[18] wollten Ditmar Koel bei der Lösung seiner Aufgabe helfen. Auch in der Abendstunde waren die Freibeuter nicht müßig. Wohl führte Klaus Rode wilde Reden, in denen er die Hamburger Krämerseelen und Apfelschützen schalt. Großsprecherisch prahlte er, die Nußschalen der Hanseaten in den Grund zu bohren.
Ganz anders verhielt sich Kniphoff. Mit Vorsicht und Sachkenntnis waltete er seines Führeramtes. Seine hochbordigen Schiffe, die über die seiner Gegner hinwegragten, sollten die größeren Fahrzeuge der Hamburger unter Feuer nehmen und sich nicht um die kleinen Bojer bekümmern, und gerade diese Anordnung sollte sein Verderben werden.
Die letzte Nacht kam. Durch die Dunkelheit der Herbstnacht glänzten nur die Steuerlichter der feindlichen Schiffe, in fröhlicher Ausgelassenheit gedachten die Kriegs- und Söldnerscharen des kommenden Tages und des Sieges. Klaus Kniphoff wollte der Schlaf nicht kommen. Seiner inneren Unruhe glaubte er dadurch am besten zu begegnen, daß er noch in der Nacht durch einen zuverlässigen Schiffsschreiber seine Besatzung durch Werbung unter den Küstenbewohnern um sechzig Mann verstärkte. Die Geworbenen ahnten nicht, daß sie den glänzenden Versprechungen zuliebe ihr Leben verspielt und ihre Freiheit verwirkt hatten.
Ein schöner Herbstmorgen brach an. Als die Sonne aus dem Meeresnebel hervorstieg, trafen die Gegner die letzten Vorbereitungen. Ein guter Trunk sollte den Kampfesmut und die Stimmung unter den Mannschaften heben. Den Gebräuchen der Zeit folgend, ließen die Hauptleute der Hansen ihren Scharen Warmbier mit Schießpulver reichen, und wie ein alter Chronist meldet, seien die Hamburger Kriegsleute in Wut geraten. Noch einmal versammelten die Schiffshauptleute ihre Mannschaften um sich, um sie durch die Ansprachen anzufeuern, allezeit im Kampfe ihre Pflicht zu tun. Sie sagten: „Ihr Hamburger, gute Gesellen, heut nehmt euch zusammen und habt der Feinde acht. Wenn ihr euch von ihnen bezwingen lasset, so wisset ihr, daß es euch Leib und Leben kostet; das vergeßt nicht, und schaffet, daß ihr es euren starken Vorfahren gleichtut, die alle Freibeuter aus der See holten, gedenket des tapferen Simon von Utrecht und seiner Mannen, wie sie einst den Störtebeker bezwangen, und zeiget euch wert, ihre Nachkommen zu sein, auf daß die ehrenreiche Stadt Hamburg bei ihrem alten Ruhm und Preis bleibe! Daran gedenket ihr alle!“
Der Kampf begann. Die kleinen Bojer der Hamburger segelten dicht an die ‚Galion‘ Kniphoffs heran. Mächtig ragten die drohenden Geschütze über die kleinen Schiffe hinweg, und wacker hielten sich die beiden. Tüchtig spickten sie den feindlichen Schiffsleib mit verderbenbringenden Eisenkugeln. Bald blitzte es vom Bord des Hamburger Admiralschiffes auf, die Schlangen und Kartaunen begannen ein ernstes Wörtlein mitzusprechen. Um sich vor Verlusten tunlichst zu schützen, hatte Admiral Parseval die Mannschaft unter Deck gesandt. Diese Schutzmaßnahme sollte ihnen noch von Vorteil werden. Klaus Hasse eilte an den ‚fliegenden Geist‘, dem es zunächst im Nahkampf zu Leibe ging. Am Bord des Piratenschiffes, das von den Hamburgern geentert war, begann ein grausamer Nahkampf. Der Tod hielt reiche Beute, und die Hamburger bewiesen ihre Überlegenheit und ihren Mut. Die überbleibenden Schiffsleute trieben sie unter Deck, sperrten sie ein und gaben ihnen dort unten gern ein Freiquartier. Nicht ganz so glücklich war Dirk von Minden; sein Schiff geriet in eine Untiefe, so blieb dem Schiffsführer nichts weiter übrig, als seine Boote zu bemannen und seinen kämpfenden Kameraden zu Hilfe zu eilen.
Während der Zeit hatten die kleinen Bojer dem Kampf mit der ‚Galion‘ — dem Hauptschiff der Seeräuber — standgehalten und dem feindlichen Schiffskörper manche Wunde beigebracht. Endlich hielt Ditmar Koel den letzten Kampf für aussichtsreich. Sichern Auges erspähte er die Gunst des Angriffs, mit Umsicht und Ruhe erteilte er seine Befehle. Die Schützen mußten die Büchsen laden, die Kartaunen erhielten ihre verderbenbringenden Geschosse, und dann ging’s zum Angriff über.
In rascher Fahrt durchschnitt Ditmar Koels Schiff die Wogen, um das feindliche Schiff zu entern. Die aufschäumenden Bugwellen bereiteten den Freibeutern viele Freude, denn der Untergang des Hamburger schien ihnen sicher. Kaum war Ditmar Koel mit seinem Schiff heran, so ertönte eine Breitseite, deren Wirkung Entsetzen unter den Piraten verbreitete. Ein dichtes Knäuel Toter und Verwundeter lag auf dem Verdeck des Schiffes. Und noch ehe die Seeräuber Zeit fanden, die Eisengrüße der Hamburger zu erwidern, enterten diese unter Ditmar Koels Anführung auf die feindlichen Schiffe.
An Bord der ‚Galion‘ erhob sich ein furchtbares Getümmel. Der entscheidende Nahkampf begann, und auch dabei bewies Ditmar Koel seine Umsicht. Sowie seine Leute an Bord des Seeräuberschiffes standen, eilte ein Teil unters Verdeck, um die Mannschaften an den Geschützen unschädlich zu machen. Mit verhaltenem Grimme tobte der Kampf hin und her. Kampfgeschrei und Schlachtrufe ertönten. Blitzende Enterbeile verrichteten ihr schauriges Werk. Mutig kämpften die Seeräuber; todesmutig stellten sie sich den Hamburgern entgegen, angefeuert durch den Gedanken: lieber den Tod als eine schmachvolle Gefangenschaft. Aber trotz des Mutes der Verzweiflung blieb der Sieg den Hamburgern.
Ihre Schwerter, ihre sausenden Äxte, die schwirrenden Bolzen ihrer Armbrüste, die Feuergarben ihrer Büchsen und Kartaunen verrichteten ein blutig Werk. Über die Gefallenen hinweg wogte der Kampf. Die Schmerzensschreie der Verwundeten wurden übertönt durch das Kampfgetöse. Aber was half den Seeräubern alle Verzweiflung? Es war ein vergebliches Ringen. Zu fest hatte sich der Kreis der Enterer gefügt; sie konnten nicht bezwungen werden. Weiter raste der Kampf und forderte immer neue Opfer. Allüberall, in Ecken und Winkeln, in den Mastkörben und im Tauwerk suchten die Hamburger Bootsleute nach ihren Feinden; und mancher von diesen konnte an seinem Leibe die Kraft und die Schärfe ihres Kampfwerkzeuges spüren. Klaus Rode, der Schwätzer, fiel der Streitaxt der Hamburger zum Opfer. Klaus Kniphoff begab sich in ihre Gefangenschaft.
Endlich gebot die allgemeine Erschöpfung dem Kampfe Einhalt, die ‚Galion‘ verblieb den Hamburgern, und weithin schallte das jubelnde Viktoria der Sieger. Auch die andern waren nicht müßig geblieben. Das Piratenschiff ‚Bartrum‘ saß in einer Untiefe fest, und so viel sich die Besatzung abmühte, das Fahrzeug wurde trotz der Erleichterung nicht wieder flott. Der Hamburger Schiffsführer Dirk von Minden beobachtete seine sichere Beute, und als auch ihm der Augenblick günstig schien, eilten seine Leute in den Booten an das Piratenschiff heran. So viel auch dessen Besatzung Steine und Kugeln vom Bord des Schiffes herabschleuderte, es sollte ihnen nicht gelingen, sich der Angreifer zu erwehren. Hamburgs Bootsmannschaften eroberten die ‚Bartrum‘ und bald darauf auch das letzte Schiff, den ‚weißen Schwan‘, und damit war die Piratenflotte zerstört, die Feinde der Hanse waren in den Händen ihrer Gegner.