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Der Zauberberg. Zweiter Band

Siebentes Kapitel

Reading edition

Strandspaziergang

Kann man die Zeit erzählen, diese selbst, als solche, an und für sich? Wahrhaftig, nein, das wäre ein närrisches Unterfangen! Eine Erzählung, die ginge: „Die Zeit verfloß, sie verrann, es strömte die Zeit“ und so immer fort, – das könnte gesunden Sinnes wohl niemand eine Erzählung nennen. Es wäre, als wollte man hirnverbrannterweise eine Stunde lang ein und denselben Ton oder Akkord aushalten und das – für Musik ausgeben. Denn die Erzählung gleicht der Musik darin, daß sie die Zeit erfüllt, sie „anständig ausfüllt“, sie „einteilt“ und macht, daß „etwas daran“ und „etwas los damit“ ist – um mit der wehmütigen Pietät, die man Aussprüchen Verstorbener widmet, Gelegenheitsworte des seligen Joachim anzuführen: längst verklungene Worte, – wir wissen nicht, ob sich der Leser noch ganz im klaren darüber ist, wie lange verklungen. Die Zeit ist das Element der Erzählung, wie sie das Element des Lebens ist, – unlösbar damit verbunden, wie mit den Körpern im Raum. Sie ist auch das Element der Musik, als welche die Zeit mißt und gliedert, sie kurzweilig und kostbar auf einmal macht: verwandt hierin, wie gesagt, der Erzählung, die ebenfalls (und anders als das auf einmal leuchtend gegenwärtige und nur als Körper an die Zeit gebundene Werk der bildenden Kunst) nur als ein Nacheinander, nicht anders denn als ein Ablaufendes sich zu geben weiß, und selbst, wenn sie versuchen sollte, in jedem Augenblick ganz da zu sein, der Zeit zu ihrer Erscheinung bedarf.

Das liegt auf der flachen Hand. Daß aber hier ein Unterschied waltet, liegt ebenso offen. Das Zeitelement der Musik ist nur eines: ein Ausschnitt menschlicher Erdenzeit, in den sie sich ergießt, um ihn unsagbar zu adeln und zu erhöhen. Die Erzählung dagegen hat zweierlei Zeit: ihre eigene erstens, die musikalisch-reale, die ihren Ablauf, ihre Erscheinung bedingt; zweitens aber die ihres Inhalts, die perspektivisch ist, und zwar in so verschiedenem Maße, daß die imaginäre Zeit der Erzählung fast, ja völlig mit ihrer musikalischen zusammenfallen, sich aber auch sternenweit von ihr entfernen kann. Ein Musikstück des Namens „Fünf-Minuten-Walzer“ dauert fünf Minuten, – hierin und in nichts anderem besteht sein Verhältnis zur Zeit. Eine Erzählung aber, deren inhaltliche Zeitspanne fünf Minuten betrüge, könnte ihrerseits, vermöge außerordentlicher Gewissenhaftigkeit in der Erfüllung dieser fünf Minuten, das Tausendfache dauern – und dabei sehr kurzweilig sein, obgleich sie im Verhältnis zu ihrer imaginären Zeit sehr langweilig wäre. Andererseits ist möglich, daß die inhaltliche Zeit der Erzählung deren eigene Dauer verkürzungsweise ins Ungemessene übersteigt, – wir sagen „verkürzungsweise“, um auf ein illusionäres oder, ganz deutlich zu sprechen, ein krankhaftes Element hinzudeuten, das hier offenbar einschlägig ist: sofern nämlich dieses Falls die Erzählung sich eines hermetischen Zaubers und einer zeitlichen Überperspektive bedient, die an gewisse anormale und deutlich ins Übersinnliche weisende Fälle der wirklichen Erfahrung erinnern. Man besitzt Aufzeichnungen von Opiumrauchern, die bekunden, daß der Betäubte während der kurzen Zeit seiner Entrückung Träume durchlebte, deren zeitlicher Umfang sich auf zehn, auf dreißig und selbst auf sechzig Jahre belief oder sogar die Grenze aller menschlichen Zeiterfahrungsmöglichkeit zurückließ, – Träume also, deren imaginärer Zeitraum ihre eigene Dauer um ein Gewaltiges überstieg, und in denen eine unglaubliche Verkürzung des Zeiterlebnisses herrschte, die Vorstellungen sich mit solcher Geschwindigkeit drängten, als wäre, wie ein Haschischesser sich ausdrückt, aus dem Hirn des Berauschten „etwas hinweggenommen gewesen wie die Feder einer verdorbenen Uhr“.

Ähnlich also wie diese Lasterträume vermag die Erzählung mit der Zeit zu Werke zu gehen, ähnlich vermag sie sie zu behandeln. Da sie sie aber „behandeln“ kann, so ist klar, daß die Zeit, die das Element der Erzählung ist, auch zu ihrem Gegenstande werden kann; und wenn es zuviel gesagt wäre, man könne „die Zeit erzählen“, so ist doch, von der Zeit erzählen zu wollen, offenbar kein ganz so absurdes Beginnen, wie es uns anfangs scheinen wollte, – so daß denn also dem Namen des „Zeitromans“ ein eigentümlich träumerischer Doppelsinn zukommen könnte. Tatsächlich haben wir die Frage, ob man die Zeit erzählen könne, nur aufgeworfen, um zu gestehen, daß wir mit laufender Geschichte wirklich dergleichen vorhaben. Und wenn wir die weitere Frage streiften, ob die um uns Versammelten sich noch ganz im klaren darüber seien, wie lange es gegenwärtig her ist, daß der unterdessen verstorbene ehrliebende Joachim jene Bemerkung über Musik und Zeit ins Gespräch flocht (die übrigens von einer gewissen alchimistischen Steigerung seines Wesens zeugt, da solche Bemerkungen eigentlich nicht in seiner braven Natur lagen), – so wären wir wenig erzürnt gewesen, zu hören, daß man sich wirklich im Augenblick nicht mehr so recht im klaren darüber sei: wenig erzürnt, ja zufrieden aus dem einfachen Grunde, weil die allgemeine Teilnahme an dem Erleben unseres Helden natürlich in unserem Interesse liegt, und weil dieser, Hans Castorp, in beregtem Punkte durchaus nicht ganz fest war, und zwar schon längst nicht mehr. Das gehört zu seinem Roman, einem Zeitroman, – so – und auch wieder so genommen.

Wie lange Joachim eigentlich hier oben mit ihm gelebt, bis zu seiner wilden Abreise oder im ganzen genommen; wann, kalendermäßig, diese erste trotzige Abreise stattgefunden, wie lange er weggewesen, wann wieder eingetroffen und wie lange Hans Castorp selber schon hier gewesen, als er wieder eingetroffen und dann aus der Zeit gegangen war; wie lange, um Joachim beiseite zu lassen, Frau Chauchat ungegenwärtig gewesen, seit wann, etwa der Jahreszahl nach, sie wieder da war (denn sie war wieder da), und wieviel Erdenzeit Hans Castorp im „Berghof“ damals verbracht gehabt hatte, als sie zurückgekehrt war: bei all diesen Fragen, gesetzt, man hätte sie ihm vorgelegt, was aber niemand tat, auch er selber nicht, denn er scheute sich wohl, sie sich vorzulegen, hätte Hans Castorp mit den Fingerspitzen an seiner Stirn getrommelt und entschieden nicht recht Bescheid gewußt, – eine Erscheinung, nicht weniger beunruhigend als jene vorübergehende Unfähigkeit, die ihn am ersten Abend seines Hierseins befallen hatte, nämlich Herrn Settembrini sein eigenes Alter anzugeben, ja, eine Verschlimmerung dieses Unvermögens, denn er wußte nun allen Ernstes und dauernd nicht mehr, wie alt er sei!

Das mag abenteuerlich klingen, ist aber so weit entfernt, unerhört oder unwahrscheinlich zu sein, daß es vielmehr unter bestimmten Bedingungen jederzeit jedem von uns begegnen kann: nichts würde uns, solche Bedingungen vorausgesetzt, vor dem Versinken in tiefste Unwissenheit über den Zeitverlauf und also über unser Alter bewahren. Die Erscheinung ist möglich kraft des Fehlens jedes Zeitorgans in unserem Innern, kraft also unserer absoluten Unfähigkeit, den Ablauf der Zeit von uns aus und ohne äußeren Anhalt auch nur mit annähernder Zuverlässigkeit zu bestimmen. Bergleute, verschüttet, abgeschnitten von jeder Beobachtung des Wechsels von Tag und Nacht, veranschlagten bei ihrer glücklichen Errettung die Zeit, die sie im Dunklen, zwischen Hoffnung und Verzweiflung zugebracht hatten, auf drei Tage. Es waren deren zehn gewesen. Man sollte meinen, daß in ihrer höchst beklommenen Lage die Zeit ihnen hätte lang werden müssen. Sie war ihnen auf weniger als ein Drittel ihres objektiven Umfanges zusammengeschrumpft. Es scheint demnach, daß unter verwirrenden Bedingungen die menschliche Hilflosigkeit eher geneigt ist, die Zeit in starker Verkürzung zu erleben, als sie zu überschätzen.

Niemand bestreitet nun freilich, daß Hans Castorp, wenn er gewollt hätte, ohne wirkliche Schwierigkeit aus dem Ungewissen sich rechnerisch hätte ins Klare setzen können, – ebenso, wie das der Leser mit leichter Mühe zu tun vermöchte, falls das Verschwommene und Versponnene seinem gesunden Sinn widerstehen sollte. Was Hans Castorp betraf, so war ihm vielleicht nicht gerade besonders wohl darin, allein irgendwelche Anstrengung, sich der Verschwommenheit und Versponnenheit zu entringen und sich klarzumachen, wie alt er hier schon geworden sei, ließ er sich’s auch nicht kosten; und die Scheu, die ihn daran hinderte, war eine Scheu seines Gewissens, – obgleich es doch offenbar die schlimmste Gewissenlosigkeit ist, der Zeit nicht zu achten.

Wir wissen nicht, ob man es ihm zugute halten soll, daß die Umstände seinem Mangel an gutem Willen – wenn man nicht geradezu von seinem bösen Willen reden will – so sehr zustatten kamen. Als Frau Chauchat wiedergekehrt war (anders, als Hans Castorp es sich hatte träumen lassen – aber davon an seinem Orte), hatte wieder einmal Adventszeit geherrscht und der kürzeste Tag, Wintersanfang also, astronomisch gesprochen, in naher Aussicht gestanden. In Wirklichkeit aber, von theoretischer Anordnung abgesehen, in Hinsicht auf Schnee und Frost, hatte man damals Gott weiß wie lange schon wieder Winter gehabt, ja, dieser war allezeit nur ganz vorübergehend unterbrochen gewesen, von brennenden Sommertagen mit einer Himmelsbläue von so übertriebener Tiefe, daß sie ins Schwärzliche spielte, – von Sommertagen also, wie sie übrigens auch in den Winter fielen, wenn man den Schnee beiseite ließ, der übrigens auch in jedem Sommermonat fiel. Wie oft hatte Hans Castorp mit dem seligen Joachim über diese große Konfusion geschwatzt, welche die Jahreszeiten vermengte, sie durcheinander warf, das Jahr seiner Gliederung beraubte und es dadurch auf eine langweilige Weise kurzweilig oder auf eine kurzweilige Weise langweilig machte, so daß von Zeit, einer frühen und mit Ekel getanen Äußerung Joachims zufolge, überhaupt nicht die Rede sein konnte. Was eigentlich vermengt und vermischt wurde bei dieser großen Konfusion, das waren die Gefühlsbegriffe oder die Bewußtseinslagen des „Noch“ und des „Schon wieder“, – eins der verwirrendsten, vertracktesten und verhextesten Erlebnisse überhaupt, und ein Erlebnis dabei, das zu kosten Hans Castorp gleich an seinem ersten Tage hier oben eine unmoralische Neigung verspürt hatte: nämlich bei den fünf übergewaltigen Mahlzeiten im lustig schablonierten Speisesaal, wo denn ein erster Schwindel dieser Art, vergleichsweise unschuldig noch, ihn angewandelt hatte.

Seitdem hatte dieser Sinnen- und Geistestrug weit größeren Maßstab angenommen. Die Zeit, sei ihr subjektives Erlebnis auch abgeschwächt oder aufgehoben, hat sachliche Wirklichkeit, sofern sie tätig ist, sofern sie „zeitigt“. Es ist eine Frage für Berufsdenker – und nur aus jugendlicher Anmaßung hatte also Hans Castorp sich einmal damit eingelassen –, ob die hermetische Konserve auf ihrem Wandbort außer der Zeit ist. Aber wir wissen, daß auch am Siebenschläfer die Zeit ihr Werk tut. Ein Arzt beglaubigt den Fall eines zwölfjährigen Mädchens, das eines Tages in Schlaf verfiel und dreizehn Jahre darin verharrte, – wobei sie aber kein zwölfjähriges Mädchen blieb, sondern unterdessen zum reifen Weibe erblühte. Wie könnte es anders sein. Der Tote ist tot und hat das Zeitliche gesegnet; er hat viel Zeit, das heißt: er hat gar keine, – persönlich genommen. Das hindert nicht, daß ihm noch Nägel und Haare wachsen, und daß alles in allem – aber wir wollen die burschikose Redensart nicht wiederholen, die Joachim einmal in diesem Zusammenhange gebraucht, und an der Hans Castorp damals flachländischen Anstoß genommen hatte. Auch ihm wuchsen Haare und Nägel, sie wuchsen schnell, wie es schien, er saß so oft in den weißen Mantel gehüllt auf seinem Operationsstuhl beim Coiffeur in der Hauptstraße vom Dorf und ließ sich das Haar schneiden, weil an den Ohren sich wieder Fransen gebildet hatten, – er saß eigentlich immer dort, oder vielmehr, wenn er saß und mit dem schmeichelnd-gewandten Angestellten plauderte, der sein Werk an ihm tat, nachdem die Zeit das ihre getan; oder wenn er an seiner Balkontür stand und sich mit Scherchen und Feile, seinem schönen Samtnecessaire entnommen, die Nägel kürzte, – flog plötzlich mit einer Art von Schrecken, dem neugieriges Ergötzen beigemischt war, jener Schwindel ihn an: ein Schwindel in des Wortes schwankender Doppelbedeutung von Taumel und Betrug, das wirbelige Nicht-mehr-unterscheiden von „Noch“ und „Wieder“, deren Vermischung und Verwischung das zeitlose Immer und Ewig ergibt.

Wir haben oft versichert, daß wir ihn nicht besser, aber auch nicht schlechter zu machen wünschen, als er war, und so wollen wir nicht verschweigen, daß er sein tadelnswertes Gefallen an solchen mystischen Anfechtungen, die er wohl gar bewußt und geflissentlich hervorrief, oft doch auch durch gegenteilige Bemühungen zu sühnen suchte. Er konnte sitzen, seine Uhr in der Hand – seine flache, glattgoldene Taschenuhr, deren Deckel mit dem gravierten Monogramm er hatte springen lassen, – und niederblicken auf ihre mit schwarzen und roten arabischen Ziffern doppelt rundum besetzte Porzellankreisfläche, auf der die beiden zierlich-prachtvoll verschnörkelten Goldzeiger auseinander wiesen und der dünne Sekundenzeiger den geschäftig pickenden Gang um seine besondere kleine Sphäre tat. Hans Castorp hielt ihn im Auge, um einige Minuten zu hemmen und zu dehnen, die Zeit am Schwanze zu halten. Das Weiserchen trippelte seines Weges, ohne der Ziffern zu achten, die es erreichte, berührte, überschritt, zurückließ, weit zurückließ, wieder anging und wieder erreichte. Es war fühllos gegen Ziele, Abschnitte, Markierungen. Es hätte auf 60 einen Augenblick anhalten oder wenigstens sonst ein winziges Zeichen geben sollen, daß hier etwas vollendet sei. Doch an der Art, wie es sie rasch, nicht anders als jedes andere unbezifferte Strichelchen, überschritt, erkannte man, daß ihm die ganze Bezifferung und Gliederung seines Weges nur unterlegt war, und daß es eben nur ging, ging ... So barg denn Hans Castorp sein Glashüttenerzeugnis wieder in der Westentasche und überließ die Zeit sich selbst.

Wie sollen wir flachländischer Ehrbarkeit die Veränderungen faßlich machen, die in dem inneren Haushalt des jungen Abenteurers sich vollzogen? Es wuchs der Maßstab der schwindligen Identitäten. War es bei einiger Nachgiebigkeit nicht leicht, ein Jetzt gegen eines von gestern, von vor- und vorvorgestern abzusetzen, das ihm geglichen hatte wie ein Ei dem andern, so war ein Jetzt auch schon geneigt und fähig, seine Gegenwart mit einer solchen zu verwechseln, die vor einem Monat, einem Jahre obgewaltet hatte, und mit ihr zum Immer zu verschwimmen. Sofern jedoch die sittlichen Bewußtseinsfälle des Noch und Wieder und Künftig gesondert blieben, schlich eine Versuchung sich ein, Beziehungsnamen, mit denen das „Heute“ sich Vergangenheit und Zukunft bestimmend vom Leibe hält, das „Gestern“, das „Morgen“, nach ihrem Sinne zu erweitern und sie auf größere Verhältnisse anzuwenden. Unschwer wären Wesen denkbar, vielleicht auf kleineren Planeten, die eine Miniaturzeit bewirtschafteten und für deren „kurzes“ Leben das flinke Getrippel unseres Sekundenzeigers die zähe Wegsparsamkeit des Stundenmessers hätte. Aber auch solche sind vorzustellen, mit deren Raum sich eine Zeit von gewaltigem Gange verbände, so daß die Abstandsbegriffe des „Eben noch“ und „Über ein Kleines“, des „Gestern“ und „Morgen“ in ihrem Erlebnis ungeheuer erweiterte Bedeutung gewännen. Das wäre, sagen wir, nicht nur möglich, es wäre, im Geiste eines duldsamen Relativismus beurteilt und nach dem Satze „Ländlich, sittlich“, auch als legitim, gesund und achtbar anzusprechen. Was aber soll man von einem Erdensohne denken, des Alters obendrein, für den ein Tag, ein Wochenrund, ein Monat, ein Semester noch solche wichtige Rolle spielen sollten, im Leben so viele Veränderungen und Fortschritte mit sich bringen, – der eines Tages die lästerliche Gewohnheit annimmt oder doch zuweilen der Lust nachgibt, statt „Vor einem Jahre“: „Gestern“ und „Morgen“ für „Übers Jahr“ zu sagen? Hier ist unzweifelhaft das Urteil „Verirrung und Verwirrung“ und damit höchste Besorgnis am Platze.

Es gibt auf Erden eine Lebenslage, gibt landschaftliche Umstände (wenn man von „Landschaft“ sprechen darf in dem uns vorschwebenden Falle), unter denen eine solche Verwirrung und Verwischung der zeitlich-räumlichen Distanzen bis zur schwindligen Einerleiheit gewissermaßen von Natur und Rechtes wegen statthat, so daß denn ein Untertauchen in ihrem Zauber für Ferienstunden allenfalls als statthaft gelten möge. Wir meinen den Spaziergang am Meeresstrande, – ein Sichbefinden, dessen Hans Castorp nie ohne größte Zuneigung gedachte, – wie wir ja wissen, daß er sich durch das Leben im Schnee an heimatliche Dünengefilde gern und dankbar erinnern ließ. Wir vertrauen, daß auch Erfahrung und Erinnerung des Lesers uns nicht im Stiche lassen werde, wenn wir auf diese wundersame Verlorenheit Bezug nehmen. Du gehst und gehst ... du wirst von solchem Gange niemals zu rechter Zeit nach Hause zurückkehren, denn du bist der Zeit und sie ist dir abhanden gekommen. O Meer, wir sitzen erzählend fern von dir, wir wenden dir unsere Gedanken, unsre Liebe zu, ausdrücklich und laut anrufungsweise sollst du in unserer Erzählung gegenwärtig sein, wie du es im stillen immer warst und bist und sein wirst ... Sausende Öde, blaß hellgrau überspannt, voll herber Feuchte, von der ein Salzgeschmack auf unseren Lippen haftet. Wir gehen, gehen auf leicht federndem, mit Tang und kleinen Muscheln bestreutem Grunde, die Ohren eingehüllt vom Wind, von diesem großen, weiten und milden Winde, der frei und ungehemmt und ohne Tücke den Raum durchfährt und eine sanfte Betäubung in unserem Kopfe erzeugt, – wir wandern, wandern und sehen die Schaumzungen der vorgetriebenen und wieder rückwärts wallenden See nach unseren Füßen lecken. Die Brandung siedet, hell-dumpf aufprallend rauscht Welle auf Welle seidig auf den flachen Strand, – so dort wie hier und an den Bänken draußen, und dieses wirre und allgemeine, sanft brausende Getöse sperrt unser Ohr für jede Stimme der Welt. Tiefes Genügen, wissentlich Vergessen ... Schließen wir doch die Augen, geborgen von Ewigkeit! Nein, sieh, dort in der schaumig graugrünen Weite, die sich in ungeheueren Verkürzungen zum Horizont verliert, dort steht ein Segel. Dort? Was ist das für ein Dort? Wie weit? Wie nah? Das weißt du nicht. Auf schwindelige Weise entzieht es sich deinem Urteil. Um zu sagen, wie weit dies Schiff vom Ufer entfernt ist, müßtest du wissen, wie groß es an sich selber als Körper ist. Klein und nahe oder groß und fern? In Unwissenheit bricht sich dein Blick, denn aus dir selber sagt kein Organ und Sinn dir über den Raum Bescheid ... Wir gehen, gehen, – wie lange schon? Wie weit? Das steht dahin. Nichts ändert sich bei unserem Schritt, dort ist wie hier, vorhin wie jetzt und dann; in ungemessener Monotonie des Raumes ertrinkt die Zeit, Bewegung von Punkt zu Punkt ist keine Bewegung mehr, wenn Einerleiheit regiert, und wo Bewegung nicht mehr Bewegung ist, ist keine Zeit.

Die Lehrer des Mittelalters wollten wissen, die Zeit sei eine Illusion, ihr Ablauf in Ursächlichkeit und Folge nur das Ergebnis einer Vorrichtung unsrer Sinne und das wahre Sein der Dinge ein stehendes Jetzt. War er am Meere spaziert, der Doktor, der diesen Gedanken zuerst empfing, – die schwache Bitternis der Ewigkeit auf seinen Lippen? Wir wiederholen jedenfalls, daß es Ferienlizenzen sind, von denen wir da sprechen, Phantasien der Lebensmuße, von denen der sittliche Geist so rasch gesättigt ist, wie ein rüstiger Mann vom Ruhen im warmen Sand. An den menschlichen Erkenntnismitteln und -formen Kritik zu üben, ihre reine Gültigkeit fraglich zu machen, wäre absurd, ehrlos, widersacherisch, wenn je ein anderer Sinn damit verbunden wäre, als derjenige, der Vernunft Grenzen anzuweisen, die sie nicht überschreitet, ohne sich der Vernachlässigung ihrer eigentlichen Aufgaben schuldig zu machen. Wir können einem Manne wie Herrn Settembrini nur dankbar sein, wenn er dem jungen Menschen, dessen Schicksal uns beschäftigt, und den er bei Gelegenheit sehr fein als ein „Sorgenkind des Lebens“ angesprochen hatte, die Metaphysik mit pädagogischer Entschiedenheit als „Das Böse“ kennzeichnete. Und wir ehren das Andenken eines uns lieben Verstorbenen am besten, indem wir aussprechen, daß Sinn, Zweck und Ziel des kritischen Prinzips nur eines sein kann und darf: der Pflichtgedanke, der Lebensbefehl. Ja, indem gesetzgeberische Weisheit die Grenzen der Vernunft kritisch absteckte, hat sie an ebendiesen Grenzen die Fahne des Lebens aufgepflanzt und es als die soldatische Schuldigkeit des Menschen proklamiert, unter ihr Dienst zu tun. Soll man es dem jungen Hans Castorp aufs Entschuldigungskonto setzen und annehmen, es habe ihn in seiner lästerlichen Zeitwirtschaft, seinem schlimmen Getändel mit der Ewigkeit bestärkt, daß, was ein melancholischer Schwadroneur seines militärischen Vetters „Biereifer“ genannt, letalen Ausgang genommen hatte?

Mynheer Peeperkorn

Mynheer Peeperkorn, ein älterer Holländer, war eine Zeitlang Gast des Hauses „Berghof“, das mit so großem Recht das Beiwort „international“ in seinem Schilde führte. Peeperkorns leicht farbige Nationalität – denn er war ein Kolonial-Holländer, ein Mann von Java, ein Kaffeepflanzer – würde uns kaum vermögen, seine, Pieter Peeperkorns (so hieß er, so bezeichnete er sich selbst; „jetzt labt Pieter Peeperkorn sich mit einem Schnaps“, pflegte er zu sagen) – würde uns, sagen wir, noch nicht bestimmen, seine Person zu elfter Stunde in unsere Geschichte einzuführen; denn du großer Gott, in was für Tinten und Abschattungen spielte nicht die Gesellschaft des bewährten Instituts, das Hofrat Doktor Behrens in vielzüngiger Redensartlichkeit ärztlich leitete! Nicht genug, daß neuerdings hier sogar eine ägyptische Prinzessin anwesend war, dieselbe, die dem Hofrat einst das bemerkenswerte Kaffeegeschirr und die Sphinxzigaretten geschenkt hatte, eine sensationelle Person mit nikotingelben beringten Fingern und kurzgeschnittenem Haar, die, von den Hauptmahlzeiten abgesehen, bei denen sie Pariser Toiletten trug, in Herrensakko und gebügelten Hosen umherging, übrigens von der Männerwelt nichts wissen wollte, sondern ihre zugleich träge und heftige Huld ausschließlich einer rumänischen Jüdin zuwandte, die schlecht und recht Frau Landauer hieß, während doch Staatsanwalt Paravant um Ihrer Hoheit willen die Mathematik vernachlässigte und vor Verliebtheit geradezu den Narren spielte: nicht genug also mit ihr persönlich, so befand sich unter ihrem kleinen Gefolge auch noch ein verschnittener Mohr, ein kranker, schwacher Mensch, der aber trotz seiner von Karoline Stöhr gern gehechelten Grundverfassung am Leben mehr zu hängen schien als irgend jemand, und sich untröstlich zeigte über das Bild, das die Platte von seinem Inneren aufwies, nachdem man seine Schwärze durchleuchtet hatte ...

Verglichen mit solchen Erscheinungen also konnte Mynheer Peeperkorn fast farblos wirken. Und wenn dieser Abschnitt unserer Erzählung, wie ein früherer, die Überschrift „Noch jemand“ tragen könnte, so braucht deshalb niemand zu besorgen, daß hier abermals ein Veranstalter geistiger und pädagogischer Konfusion auf den Plan tritt. Nein, Mynheer Peeperkorn war keineswegs der Mann, logische Verwirrung in die Welt zu tragen. Er war ein völlig anderer Mann, wie wir sehen werden. Daß gleichwohl schwere Verwirrung von seiner Person auf unseren Helden ausging, begreift sich aus folgendem.

Mynheer Peeperkorn traf mit demselben Abendzuge in Station „Dorf“ ein, wie Madame Chauchat, und fuhr mit ihr in demselben Schlitten nach Haus Berghof, woselbst er mit ihr zusammen im Restaurant das Abendessen einnahm. Es war eine mehr als gleichzeitige, es war eine gemeinsame Ankunft, und diese Gemeinsamkeit, die ihre Fortsetzung zum Beispiel in der Anordnung fand, daß Mynheer seinen Tischplatz neben der Wiedergekehrten, am Guten Russentisch angewiesen erhielt, gegenüber dem Doktorplatz, dort, wo ehemals der Lehrer Popów seine wilden und zweideutigen Aufführungen veranstaltet hatte, – diese Zusammengehörigkeit war es, die den guten Hans Castorp verstörte, da dergleichen seiner Voraussicht entgangen war. Der Hofrat hatte ihm Tag und Stunde von Clawdias Rückkehr auf seine Art angezeigt. „Na, Castorp, alter Junge,“ hatte er gesagt, „treues Ausharren wird belohnt. Übermorgen abend schleicht das Kätzchen sich wieder herein, ich hab’s telegraphisch.“ Aber davon, daß Frau Chauchat nicht allein komme, hatte er nichts verlauten lassen, vielleicht weil auch er nichts davon gewußt hatte, daß sie und Peeperkorn zusammen kämen und zusammengehörten, – wenigstens gab er Überraschung vor, als Hans Castorp ihn am Tage nach der gemeinsamen Ankunft gewissermaßen zur Rede stellte.

„Kann ich Ihnen auch nicht sagen, wo sie den aufgegabelt hat“, erklärte er. „Eine Reisebekanntschaft offenbar, von den Pyrenäen her, nehme ich an. Tja, den müssen Sie nun erst mal in Kauf nehmen, Sie enttäuschter Seladon, hilft Ihnen alles nichts. Dicke Freundschaft, verstehen Sie. Wie es scheint, haben sie sogar gemeinsame Reisekasse. Der Mann ist schwer reich, nach allem, was ich höre. Kaffeekönig in Ruhestand, müssen Sie wissen, malaiischer Kammerdiener, opulente Umstände. Übrigens kommt er bestimmt nicht zum Spaß, denn außer einer gehörigen alkoholischen Verschleimung scheint malignes Tropenfieber vorzuliegen, Wechselfieber, verstehen Sie, verschleppt, hartnäckig. Sie werden Geduld mit ihm haben müssen.“

„Bitte sehr, bitte sehr“, sagte Hans Castorp von oben herab. „Und du?“ dachte er. „Wie ist dir zumute? Ganz unbeteiligt bist du doch auch nicht, von früher her, wenn mich nicht dieses und jenes täuscht, blaubackiger Witwer mit deiner anschaulichen Ölmalerei. Legst allerlei Schadenfreude in deine Worte, wie mir scheint, und dabei sind wir doch Leidensgenossen, gewissermaßen in Hinsicht auf Peeperkorn.“ – „Kurioser Mann, entschieden originelle Erscheinung“, sagte er mit entwerfender Gebärde. „Robust und spärlich, das ist der Eindruck, den man von ihm gewinnt, den ich wenigstens heute beim Frühstück von ihm gewonnen habe. Robust und auch wieder spärlich, mit diesen Eigenschaftswörtern muß man ihn meiner Meinung nach kennzeichnen, obgleich sie gewöhnlich nicht für vereinbar gelten. Er ist wohl groß und breit und steht gern spreizbeinig da, die Hände in seinen senkrechten Hosentaschen vergraben – sie sind senkrecht angebracht bei ihm, wie ich bemerken mußte, nicht seitlich, wie bei Ihnen und mir und sonst wohl in den höheren Gesellschaftsklassen –, und wenn er so dasteht und nach holländischer Weise am Gaumen redet, dann hat er unleugbar was recht Robustes. Aber sein Kinnbart ist schütter, – lang, aber schütter, daß man die Haare zählen zu können glaubt, und seine Augen sind auch nur klein und blaß, ohne Farbe geradezu, ich kann mir nicht helfen, und es nützt nichts, daß er sie immer aufzureißen sucht, wovon er die ausgeprägten Stirnfalten hat, die erst an den Schläfen aufwärts und dann horizontal über seine Stirn laufen, – seine hohe, rote Stirn, wissen Sie, um die das weiße Haar zwar lang, aber spärlich steht, – die Augen bleiben doch klein und blaß, trotz allem Aufreißen. Und seine Schlußweste verleiht ihm was Geistliches, trotzdem der Gehrock karriert ist. Das ist mein Eindruck von heute morgen.“

„Ich sehe, Sie haben ihn aufs Korn genommen“, antwortete Behrens, „und sich den Mann gut angesehen in seiner Eigenart, was ich vernünftig finde, denn Sie werden sich mit seinem Vorhandensein arrangieren müssen.“

„Ja, das werden wir wohl“, sagte Hans Castorp. – Es ist ihm überlassen geblieben, von der Figur des neuen, unerwarteten Gastes ein ungefähres Bild zu zeichnen, und er hat seine Sache nicht schlecht gemacht, – wir hätten sie auch nicht wesentlich besser machen können. Allerdings war sein Beobachtungsposten der günstigste gewesen: wir wissen ja, daß er während Clawdias Abwesenheit dem Guten Russentisch nachbarlich nahegerückt war, und da der seine mit jenem parallel stand – nur daß der andere etwas weiter gegen die Verandatür sich vorschob – und Hans Castorp sowohl wie Peeperkorn die nach dem Saalinnern gelegenen Schmalseiten einnahmen, so saßen sie sozusagen nebeneinander, Hans Castorp etwas hinter dem Holländer, was eine unauffällige Exploration erleichterte, – während er Frau Chauchat im Dreiviertelsprofil schräg vor sich hatte. Ergänzend wäre seiner begabten Skizze etwa hinzuzufügen, daß Peeperkorns Oberlippe rasiert, seine Nase groß und fleischig und sein Mund ebenfalls groß und von unregelmäßiger Lippenbildung, gleichsam zerrissen war. Ferner waren seine Hände zwar ziemlich breit, aber mit langen, spitz zulaufenden Nägeln versehen, und er bediente sich ihrer beim Sprechen – bei seinem fast unaufhörlichen, wenn auch für Hans Castorp dem Inhalte nach nicht recht greifbaren Sprechen – zu auserlesenen, die Aufmerksamkeit spannenden Gebärden, den delikat nuancierenden, gepflegten, genauen und reinlichen Kulturgebärden eines Dirigenten, den Zeigefinger mit dem Daumen zum Kreise gekrümmt oder die flache Hand – breit, aber nagelspitz – behütend, abdämpfend, Achtsamkeit fordernd ausgebreitet, – um dann die lächelnde Achtsamkeit, die er hervorgerufen, durch die Ungreifbarkeit seiner so stark vorbereiteten Äußerung zu enttäuschen, – oder vielmehr nicht eigentlich zu enttäuschen, sondern in ein erfreutes Staunen zu verwandeln; denn die Stärke, Zartheit und Bedeutsamkeit der Vorbereitung ersetzte in hohem Grade noch nachträglich, was ausblieb, und wirkte befriedigend, unterhaltend, ja bereichernd durch sich selbst. Zuweilen erfolgte die Äußerung überhaupt nicht. Er legte zart seine Hand auf den Unterarm seines Nachbarn zur Linken, eines jungen bulgarischen Gelehrten, oder auf den Madame Chauchats zu seiner Rechten, hob dann diese Hand schräg aufwärts, Schweigen und Spannung gebietend für das, was zu sagen er im Begriffe war, und blickte mit hochgezogenen Brauen, so daß die rechtwinklig von seiner Stirn zu den äußeren Augenwinkeln laufenden Falten sich maskenhaft vertieften, neben dem so Gefesselten auf das Tischtuch nieder, indes seine großen, zerrissenen Lippen, geöffnet, im Begriffe schienen, höchst Wichtiges zu entlassen. Nach einer Weile jedoch atmete er aus, verzichtete, winkte gleichsam „Rührt euch“ und wandte sich unverrichteterdinge seinem Kaffee wieder zu, den er sich extra stark, in einer eigenen Maschine, hatte servieren lassen.

Nachdem er ihn getrunken, verfuhr er, wie folgt. Er dämmte mit der Hand die Unterhaltung zurück, schuf Stille, wie der Dirigent, der das Durcheinander der stimmenden Instrumente zum Schweigen bringt und sein Orchester, kulturell gebietend, zum Beginn der Aufführung sammelt, – denn da sein großes, vom weißen Haar umflammtes Haupt mit den blassen Augen, den mächtigen Stirnfalten, dem langen Kinnbart und dem bloßliegenden wehen Munde darüber unstreitig bedeutend wirkte, so fügte alles sich seiner Gebärde. Alle verstummten, sahen ihn lächelnd an, warteten, und da und dort nickte einer ihm zur Ermunterung lächelnd zu. Er sagte mit ziemlich leiser Stimme:

„Meine Herrschaften. – Gut. Alles gut. Er–ledigt. Wollen Sie jedoch ins Auge fassen und nicht – keinen Augenblick – außer acht lassen, daß – Doch über diesen Punkt nichts weiter. Was auszusprechen mir obliegt, ist weniger jenes, als vor allem und einzig dies, daß wir verpflichtet sind, – daß der unverbrüchliche – ich wiederhole und lege alle Betonung auf diesen Ausdruck – der unverbrüchliche Anspruch an uns gestellt ist – – Nein! Nein, meine Herrschaften, nicht so! Nicht so, daß ich etwa – Wie weit gefehlt wäre es, zu denken, daß ich – – Er–ledigt, meine Herrschaften! Vollkommen erledigt. Ich weiß uns einig in alldem, und so denn: zur Sache!“

Er hatte nichts gesagt; aber sein Haupt erschien so unzweifelhaft bedeutend, sein Mienen- und Gestenspiel war dermaßen entschieden, eindringlich, ausdrucksvoll gewesen, daß alle und auch der lauschende Hans Castorp höchst Wichtiges vernommen zu haben meinten oder, sofern ihnen das Ausbleiben sachlicher und zu Ende geführter Mitteilung bewußt geworden war, dergleichen doch nicht vermißten. Wir fragen uns, wie einem Tauben zumute gewesen wäre. Vielleicht hätte er sich gegrämt, weil er den Fehlschluß vom Ausdruck aufs Ausgedrückte gemacht und sich eingebildet hätte, durch sein Gebrechen geistig zu kurz zu kommen. Solche Leute neigen zu Mißtrauen und Bitterkeit. Ein junger Chinese dagegen, am anderen Tischende, der des Deutschen noch wenig mächtig war und nicht verstanden, aber gehört und gesehen hatte, bekundete seine erfreute Befriedigung durch den Ruf: „Very well!“ – und applaudierte sogar.

Und Mynheer Peeperkorn kam „zur Sache“. Er richtete sich auf, dehnte die breite Brust, knöpfte den karrierten Gehrock über der geschlossenen Weste zu, und sein weißes Haupt war königlich. Er winkte eine Saaltochter heran – es war die Zwergin –, und obgleich sehr beschäftigt, folgte sie sofort seinem bedeutenden Zeichen und stellte sich, Milch- und Kaffeekanne in Händen, neben seinen Stuhl. Auch sie konnte nicht umhin, ihm mit ihrem großen, ältlichen Gesicht lächelnd und ermunternd zuzunicken, in Achtsamkeit gebannt von seinem blassen Blick unter den mächtigen Stirnfalten, von seiner erhobenen Hand, deren Zeigefinger sich mit dem Daumen zum Kreise vereinigte, während die drei übrigen Finger aufwärts standen, von den Lanzenspitzen der Nägel überragt.

„Mein Kind“, sagte er, „– gut. Alles ganz gut soweit. Sie sind klein, – was macht mir das? Im Gegenteil! Ich werte es positiv, ich danke Gott dafür, daß Sie sind, wie Sie sind, und durch Ihre charaktervolle Kleinheit – Nun gut denn! Auch was ich von Ihnen wünsche, ist klein, klein und charaktervoll. Vor allem, wie heißen Sie?“

Sie stotterte lächelnd und sagte dann, daß ihr Name Emerentia sei.

„Vortrefflich!“ rief Peeperkorn, indem er sich gegen die Stuhllehne zurückwarf und den Arm gegen die Zwergin ausstreckte. Er rief es mit einer Betonung, als wollte er sagen: Aber was wollen Sie denn? Alles steht wundervoll! – „Mein Kind,“ fuhr er aufs ernsteste und fast mit Strenge fort, „– das übertrifft alle meine Erwartungen. Emerentia – Sie sprechen es mit Bescheidenheit aus, aber der Name – und in Verbindung mit Ihrer Person – kurzum, das eröffnet die schönsten Möglichkeiten. Er ist wohl wert, daß man ihm nachhängt und alles Gefühl seiner Brust daransetzt, um – in der Koseform – Sie verstehen mich wohl, mein Kind: in der Koseform – möge es Rentia heißen, aber auch Emchen wäre erwärmend, – für den Augenblick halte ich es ohne Schwanken mit Emchen. Emchen also, mein Kind, merke auf: Ein wenig Brot, meine Liebe. Halt! Steh! Daß ja kein Mißverständnis sich einschleiche! Ich sehe es deinem verhältnismäßig großen Gesichte an, daß diese Gefahr – Brot, Renzchen, aber nicht gebackenes Brot, – wir haben hier davon die Fülle, in allerlei Gestalt. Sondern gebranntes, mein Engel. Gottesbrot, klares Brot, kleine Koseform, und zwar der Labung wegen. Ich bin ungewiß, ob Ihnen der Sinn dieses Wortes – ich würde vorschlagen, ‚Herzstärkung‘ dafür einzusetzen, liefe hier nicht die neue Gefahr mit unter, es im Sinne gebräuchlicher Leichtfertigkeit – Er–ledigt, Rentia. Erledigt und ausgeschlossen. Vielmehr im Sinn unserer Pflicht und heiligen Verbindlichkeit – Zum Beispiel also der mir obliegenden Ehrenschuld, mich deiner charakteristischen Kleinheit so recht starken Herzens – Einen Genever, Geliebte! – Zu erfreuen, wollte ich sagen. Schiedamer, Emerenzchen. Eile und bringe mir einen!“

„Einen Genever, echt“, wiederholte die Zwergin, drehte sich einmal um sich selbst, in dem Wunsch, ihrer Kannen ledig zu werden, und stellte sie dann auf Hans Castorps Tisch, neben sein Besteck, offenbar, weil sie Herrn Peeperkorn nicht damit behelligen mochte. Sie eilte, und ihr Auftraggeber erhielt sofort das Gewünschte. Das Gläschen war so voll geschenkt, daß das „Brot“ an allen Seiten daran herunterlief und den Teller benetzte. Er nahm es mit Daumen und Mittelfinger und hob es gegen das Licht. „Sohin“, erklärte er, „labt Pieter Peeperkorn sich mit einem Schnaps.“ Und er schluckte das Korndestillat, nachdem er es kurz gekaut. „Jetzt“, sagte er, „sehe ich Sie alle mit erquickten Augen an.“ Und er nahm Frau Chauchats Hand vom Tischtuch, führte sie an die Lippen und legte sie dann zurück, worauf er die seine noch einige Zeit darauf ruhen ließ.

Ein eigentümlicher, persönlich gewichtiger, wenn auch undeutlicher Mann. Die Berghof-Gesellschaft nahm regen Anteil an ihm. Er habe sich kürzlich von den Kolonialgeschäften zurückgezogen, hieß es, und das Seine ins Trockene gebracht. Man sprach von seinem prächtigen Hause im Haag und seiner Villa in Scheveningen. Frau Stöhr nannte ihn einen „Geld-Magneten“ (Magnat! Die Fürchterliche!) und konnte dabei auf eine Perlenreihe hinweisen, die Madame Chauchat seit ihrer Heimkehr zum Abendkleide trug, und die nach Karolinens Meinung wohl kaum als Zeugnis transkaukasischer Gattengalanterie verstanden werden durfte, sondern der „gemeinsamen Reisekasse“ entstammte. Sie zwinkerte dabei, wies seitlich mit dem Kopf auf Hans Castorp und zog in parodistischer Betrübnis den Mund herunter, indem sie, unverfeinert durch Krankheit und Leiden, seine Mißlage zu rücksichtsloser Verhöhnung ausnutzte. Er bewahrte Haltung. Er verbesserte ihren Bildungsschnitzer sogar nicht ohne Witz. Sie habe sich versprochen, sagte er. Geldmagnat. Aber Magnet sei auch nicht schlecht, denn offenbar habe Peeperkorn viel Anziehendes. Auch der Lehrerin Engelhart, als sie ihn matt errötend, scheel lächelnd und ohne ihn anzusehen befragte, wie der neue Gast ihm behage, antwortete er mit gut bewahrtem Gleichmut. Mynheer Peeperkorn sei eine „verwischte Persönlichkeit“, sagte er, – eine Persönlichkeit, aber verwischt. Die Genauigkeit dieser Kennzeichnung bewies Objektivität und damit Gemütsruhe; sie warf die Lehrerin aus ihrer Position. Und was nun gar Ferdinand Wehsal und seinen verzerrten Hinweis auf die unerwarteten Umstände betraf, unter denen Frau Chauchat zurückgekehrt war, so bewies hier Hans Castorp, daß es Blicke gibt, die an präziser Eindeutigkeit um kein Haar dem artikuliertesten Worte nachstehen. „Erbärmlicher!“ besagte der Blick, mit dem er den Mannheimer maß, besagte es unter Ausschluß jeder auch nur aufs leichteste fehlgehenden Auslegung, und Wehsal anerkannte denn auch diesen Blick und steckte ihn ein, ja er nickte sogar dazu, indem er seine zerstörten Zähne zeigte, nahm aber doch von nun an Abstand davon, auf Spaziergängen mit Naphta, Settembrini und Ferge Hans Castorps Paletot zu tragen.

In Gottes Namen, er konnte ihn selber tragen, er trug ihn sogar lieber selbst, und nur aus Freundlichkeit hatte er ihn dem Elenden dann und wann überlassen. Das aber verkennt wohl niemand in unserer Runde, daß Hans Castorp hart betroffen war durch jene völlig unvorhergesehenen Umstände, die alle Vorbereitungen zuschanden machten, die er für das Wiedersehen mit dem Gegenstand seiner Faschingsabenteuer innerlich getroffen hatte. Besser gesagt: sie machten sie überflüssig, und darin lag das Beschämende.

Seine Vorsätze waren die zartesten, besonnensten gewesen, weit entfernt von täppischem Ungestüm. Kein Gedanke daran, daß er Clawdia etwa vom Bahnhof hatte abholen wollen, – und ein Glück nur, daß er diesen Gedanken nicht hatte aufkommen lassen! Überhaupt aber war ganz ungewiß gewesen, ob eine Frau, der die Krankheit so große Freiheit verlieh, die phantastischen Ereignisse einer fernen maskierten und fremdsprachigen Traumnacht auch nur werde wahrhaben wollen, oder ob sie wünschen werde, unmittelbar daran erinnert zu sein. Nein, keine Zudringlichkeit, kein plumper Anspruch! Selbst zugegeben, daß sein Verhältnis zu der schrägäugigen Kranken die Grenzen abendländischer Vernunft und Gesittung dem Wesen nach hinter sich ließ, – in der Form war vollkommenste Zivilisation und für den Augenblick sogar der Schein der Gedächtnislosigkeit zu wahren. Ein Kavaliersgruß von Tisch zu Tisch – fürs erste nichts weiter! Ein höfisches Hinzutreten bei späterer Gelegenheit, unter leichter Erkundigung nach dem Ergehen der Reisenden seit neulich ... Das eigentliche Wiedersehen mochte sich zu seiner Stunde als Lohn beherrschter Ritterlichkeit daraus ergeben.

All dieser Zartsinn, wie gesagt, erschien nun hinfällig dadurch, daß ihm die Freiwilligkeit und damit alle Verdienstlichkeit genommen war. Die Gegenwart Mynheer Peeperkorns schaltete die Möglichkeit einer Taktik, die nicht in äußerster Zurückhaltung bestanden hätte, allzu gründlich aus. Hans Castorp hatte am Abend der Ankunft von seiner Loge aus den Schlitten, auf dessen Bock neben dem Kutscher der malaiische Kammerdiener saß, ein gelbes Männchen mit einem Pelzkragen auf dem Überzieher und in steifem Hut, im Schritt die Wegschleife heraufkommen sehen, und zuseiten Clawdias im Fond hatte, Hut in der Stirn, der Fremde gesessen. Diese Nacht hatte Hans Castorp wenig geschlafen. Am Morgen hatte es keine Schwierigkeiten bereitet, den Namen des verwirrenden Mitkömmlings zu erfahren, mit der Nachricht als Dreingabe, daß beide im ersten Stockwerk nachbarliche Vorzugsräumlichkeiten bezogen hätten. Dann war das erste Frühstück gekommen, bei dem er, zeitig an seinem Platze und blaß genug, auf das Zufallen der Glastür gewartet hatte. Es war ausgeblieben. Clawdias Eintritt hatte sich lautlos vollzogen, denn hinter ihr hatte Mynheer Peeperkorn die Glastür geschlossen, – groß, breit und hochgestirnt, weiß umlodert das mächtige Haupt, war er den Spuren der Reisegefährtin gefolgt, die sich mit vertrautem Katzentritt, vorgeschobenen Kopfes, ihrem Tisch genähert hatte. Ja, sie war es, unverändert. Programmwidrig und selbstvergessen umfaßte Hans Castorp sie mit seinem übernächtigen Blick. Es war ihr rötlichblondes, nicht weiter kunstreich frisiertes, sondern in einfacher Flechte um den Kopf gelegtes Haar, es waren ihre „Steppenwolfslichter“, ihre Nackenrundung, ihre Lippen, die voller erschienen, als sie waren, vermöge jener Betonung der Wangenknochen, die eine anmutige Höhlung der Wangen selbst bewirkte ... Clawdia! dachte er erschauernd, – und er faßte den Unerwarteten ins Auge, nicht ohne ein spöttisch-trotziges Kopfaufwerfen gegen die maskenhafte Großartigkeit seiner Erscheinung, nicht ohne die Aufforderung an sein Herz, sich lustig zu machen über die Großmächtigkeit eines gegenwärtigen Besitzrechtes, das durch gewisse Vergangenheiten in ein recht schiefes Licht gesetzt wurde: gewisse Vergangenheiten in der Tat, nicht dunkel unsichere, auf dem Gebiet der dilettantischen Ölmalerei gelegen, wie sie ihn selbst wohl zu beunruhigen vermocht hatten ... Auch ihre Art, vor dem Platznehmen gegen den Saal hin lächelnd Front zu machen, sich gleichsam der Gesellschaft zu präsentieren, hatte Frau Chauchat bewahrt, und Peeperkorn leistete ihr Gefolgschaft darin, indem er schräg hinter ihr stehend die kleine Zeremonie sich vollziehen ließ, um sich danach an seinem Tischende zu Clawdias Seite niederzulassen.

Es war nichts gewesen mit dem Kavaliersgruß von Tisch zu Tisch. Clawdias Augen waren bei der „Vorstellung“ über Hans Castorps Person wie über seinen ganzen Ort in fernere Gegenden des Saales hinweggeschweift; bei der folgenden Zusammenkunft im Speisesaal war es nicht anders gewesen; und je mehr Mahlzeiten vergingen, ohne daß die Blicke sich anders begegnet wären, als in einem blinden und gleichgültigen Hinstreifen von Frau Chauchats Seite, wenn sie sich während des Essens einmal umwandte, desto unpassender wurde es, den Kavaliersgruß noch anzubringen. Während der kurzen Abendgeselligkeit hielten die Reisegefährten sich in dem kleinen Salon: Auf dem Sofa saßen sie nebeneinander, im Kreise ihrer Tischgenossen, und Peeperkorn, dessen großartiges Angesicht hochgerötet gegen die Weiße seines flammenden Haars und seines Kinnbartes abstach, trank die Flasche Rotwein zu Ende, die er sich zum Diner hatte geben lassen. Zu jeder Hauptmahlzeit trank er eine, auch anderthalb oder zwei, zu schweigen von dem „Brote“, mit dem er schon beim ersten Frühstück begann. Offenbar war der königliche Mann der Labung in ungewöhnlichem Grade bedürftig. Auch in Gestalt von extrastarkem Kaffee führte er sie sich mehrmals am Tage zu: nicht nur in der Frühe, sondern auch mittags trank er ihn aus großer Tasse, – nicht nach der Mahlzeit, sondern während ihrer und neben dem Wein. Beides, hörte Hans Castorp ihn sagen, sei gut gegen das Fieber, – von aller labenden Wirkung ganz abgesehen, sehr gut gegen sein intermittierendes Tropenfieber, das ihn schon am zweiten Tage für mehrere Stunden an Zimmer und Bett fesselte. Quartanfieber nannte der Hofrat es, da es den Holländer ungefähr viertägig anwandelte: erst als ein Klappern, dann als ein Glühen und dann als ein Schwitzen. Auch eine geschwollene Milz sollte er davon haben.

Vingt et un

So verging eine Zeit, – es waren Wochen, wohl drei bis vier, von uns aus geschätzt, da wir uns auf Hans Castorps Urteil und messenden Sinn unmöglich verlassen können. Sie glitten dahin, ohne neue Veränderung zu zeitigen, sie zeitigten auf seiten unseres Helden gewohnheitsmäßigen Trotz gegen unvorgesehene Umstände, die ihm eine verdienstlose Zurückhaltung auferlegten; gegen jenen Umstand, der sich selbst Pieter Peeperkorn nannte, wenn er einen Schnaps zu sich nahm; an das störende Vorhandensein dieses königlichen, gewichtigen und undeutlichen Mannes, – störend in der Tat auf viel derbere Weise, als etwa Herr Settembrini „hier gestört“ hatte, in alten Tagen. Trotzig-mißlaunige Falten gruben sich senkrecht zwischen Hans Castorps Brauen ein, und unter diesen Falten betrachtete er fünfmal am Tage die Heimgekehrte, froh immerhin, sie betrachten zu können und voller Geringschätzung für eine großmächtige Gegenwart, die nicht ahnte, ein wie schiefes Licht die Vergangenheit auf sie warf.

Eines Abends nun aber, wie das wohl ohne besonderen Anlaß einmal geschehen mochte, hatte die Abendgeselligkeit in Halle und Zimmern sich reger als alltäglich gestaltet. Es hatte Musik gegeben, Zigeunerweisen, von einem ungarischen Studenten auf der Geige keck exekutiert, worauf Hofrat Behrens, der ebenfalls mit Doktor Krokowski auf eine Viertelstunde erschienen war, irgend jemanden genötigt hatte, in der tieferen Lage des Pianinos die Melodie des „Pilgerchors“ zu spielen, während er selbst, daneben stehend, den Diskant des Instrumentes auf hüpfende Art mit einer Bürste bearbeitete und so die begleitenden Violinfiguren parodierte. Das gab zu lachen. Unter großem Applaus, mit wohlwollendem Kopfschütteln, das dem eigenen Übermut galt, verließ der Hofrat danach die Konversationsräume. Die Geselligkeit aber spann sich hin, noch wurde fortmusiziert, ohne daß gesammelte Aufmerksamkeit dafür gefordert worden wäre, man saß bei Domino und Bridge mit Getränken, unterhielt sich mit den Scherzinstrumenten, und plauderte da und dort. Auch die Gesellschaft des Guten Russentisches hatte sich unter die Gruppen der Halle und des Klavierzimmers gemischt. Man sah Mynheer Peeperkorn an verschiedenen Stellen, – man konnte nicht umhin, ihn zu sehen, sein majestätisches Haupt überragte jede Umgebung, schlug sie durch königliche Wucht und Bedeutung, und wenn diejenigen, die ihn umstanden, ursprünglich nur durch das Gerücht seines Reichtums mochten angezogen worden sein, so war es doch sehr bald seine Persönlichkeit selbst und allein, an der sie hingen: lächelnd standen sie und nickten ihm zu, ermunternd und selbstvergessen; gebannt durch sein fahles Auge unter den mächtigen Stirnfalten, in Spannung gehalten durch die Eindringlichkeit seiner langnägeligen Kulturgebärden und ohne über die unverständliche Abgerissenheit, Undeutlichkeit und tatsächliche Unbrauchbarkeit dessen, was ihnen folgte, sich des leisesten Enttäuschungsgefühles bewußt zu werden.

Sehen wir uns unter diesen Verhältnissen nach Hans Castorp um, so finden wir ihn im Schreib- und Lesezimmer, jenem Gesellschaftsraum, wo ihm einst (dies Einst ist vage; Erzähler, Held und Leser sind nicht mehr ganz im klaren über seinen Vergangenheitsgrad) gewichtige Eröffnungen über die Organisation des Menschheitsfortschritts zuteil geworden. Es war stiller hier; nur ein paar Personen teilten mit ihm den Aufenthalt. Jemand schrieb unter einer elektrischen Hängelampe an einem der Doppelpulte. Eine Dame mit zwei Zwickern auf der Nase blätterte an der Bibliothek sitzend in einem illustrierten Bande. Hans Castorp saß in der Nähe des offenen Durchganges zum Klavierzimmer, den Rücken der Portiere zugewandt, mit einer Zeitung auf dem Stuhl, der dort eben gestanden hatte, einem plüschbezogenen Renaissancestuhl, wenn man ihn sehen will, mit hoher, gerader Rückenlehne und ohne Armlehnen. Der junge Mann hielt seine Zeitung zwar so, wie man sie hält, um zu lesen, las aber nicht, sondern lauschte mit schrägem Kopf auf das abgerissene und mit Gespräch durchsetzte Musizieren nebenan, während die Finsternis seiner Brauen darauf hindeutete, daß auch dies nur mit halbem Ohre geschah, und daß seine Gedanken unmusikalische Wege gingen, dornige Wege der Enttäuschung durch Umstände, die einen jungen Mann, der große Wartezeit auf sich genommen, am Ende dieser Wartezeit schmählich zum Narren hielten, – bittere Wege des Trotzes, auf denen es bestimmt nicht mehr weit war bis zu dem Entschluß und seiner Ausführung, die Zeitung auf diesen zufälligen und unbequemen Stuhl zu legen, durch jene Tür, durch die nach der Halle, hinauszugehen und die frostbeißende Einsamkeit der Balkonloge, zu zweien mit Maria Mancini, gegen diese verpfuschte Geselligkeit einzutauschen.

„Und Ihr Vetter, Monsieur?“ fragte hinter ihm, über seinem Kopf, eine Stimme. Es war eine bezaubernde Stimme für sein Ohr, das nun einmal geschaffen war, ihre herbsüße Verschleierung als extreme Annehmlichkeit zu empfinden – den Begriff des Angenehmen eben auf einen extremen Gipfel getrieben –, es war die Stimme, die vor Zeiten gesagt hatte: „Gern. Aber mach ihn nicht entzwei“, eine bezwingende, eine Schicksalsstimme, und wenn ihm recht war, so hatte sie nach Joachim gefragt.

Er ließ seine Zeitung langsam sinken und schob das Gesicht etwas höher, so daß sein Kopf weiter oben, nur mit dem Haarwirbel an der steilen Stuhllehne lag. Er schloß sogar die Augen ein wenig, tat sie aber gleich wieder auf, um sie schräg aufwärts, in der Richtung, die seinem Blick durch die Haltung seines Kopfes gewiesen war, irgendwohin ins Leere zu richten. Der Gute, man hätte sagen mögen, sein Ausdruck habe fast etwas Seherisches und Somnambules. Er wünschte, sie möchte noch einmal fragen, doch das geschah nicht. So war er nicht einmal sicher, ob sie noch hinter ihm stände, als er nach geraumer Zeit, mit sonderbarer Verspätung und halber Stimme zur Antwort gab:

„Er ist tot. Er hat Dienst gemacht in der Ebene und ist gestorben.“

Er selbst bemerkte, daß „tot“ das erste betonte Wort war, das wieder zwischen ihnen fiel. Er bemerkte zugleich, daß sie aus Mangel an Vertrautheit mit seiner Sprache zu leichte Ausdrücke des Mitgefühls wählte, als sie hinter und über ihm sagte:

„O weh. Das ist schade. Ganz tot und begraben? Seit wann?“

„Seit einiger Zeit. Seine Mutter nahm ihn mit sich hinunter. Es war ihm ein Kriegsbart gewachsen. Es sind drei Ehrensalven über seinem Grabe abgegeben worden.“

„Die hatte er verdient. Er war sehr brav. Viel braver als andere Leute, gewisse andere.“

„Ja, er war brav. Radamanth sprach immer von seinem Biereifer. Aber sein Körper wollte es anders. Rebellio carnis, heißt es bei den Jesuiten. Er war immer körperlich gesinnt, auf ehrenhafte Weise. Aber sein Körper hatte Unehrenhaftes eindringen lassen und schlug seinem Biereifer ein Schnippchen. Es ist übrigens moralischer, sich zu verlieren und selbst zu verderben, als sich zu bewahren.“

„Ich sehe wohl, man ist immer noch ein philosophischer Taugenichts. Radamanth? Wer ist das?“

„Behrens. Settembrini nennt ihn so.“

„Ah, Settembrini, ich weiß. Das war jener Italiener da ... Ich liebte ihn nicht. Er war nicht menschlich gesinnt.“ (Die Stimme sprach das Wort „mähnschlich“ aus, mit einer gewissen trägen und schwärmerischen Dehnung.) „Er war hochmütig.“ (Auf der zweiten Silbe betont.) „Er ist nicht mehr da? Ich bin dumm. Ich weiß nicht, was das ist: Radamanth.“

„Etwas Humanistisches. Settembrini ist verzogen. Wir haben weitläufig philosophiert in diesen Zeiten, er und Naphta und ich.“

„Wer ist Naphta?“

„Sein Widersacher.“

„Wenn er sein Widersacher ist, möchte ich seine Bekanntschaft machen. – Aber habe ich nicht gesagt, daß Ihr Vetter sterben würde, wenn er versuchte, in der Ebene Soldat zu sein?“

„Ja, du hast es gewußt.“

„Was fällt Ihnen ein!“

Längeres Stillschweigen. Er widerrief nichts. Er wartete, den Wirbel gegen die steile Lehne gedrückt, mit Seherblick auf das Wiederlautwerden der Stimme, ungewiß aufs neue, ob sie noch hinter ihm sei, befürchtend, das abgerissene Musizieren nebenan möchte das Geräusch sich entfernender Schritte verschlungen haben. Endlich jedoch kam es wieder:

„Und Monsieur ist nicht einmal zum Begräbnis des Vetters gefahren?“

Er antwortete:

„Nein, ich habe ihm hier Adieu gesagt, bevor man ihn einschloß, da er anfing, zu lächeln. Du glaubst nicht, wie kalt seine Stirne war.“

„Schon wieder! Was für eine Redeweise zu einer Dame, die man kaum kennt!“

„Soll ich humanistisch reden statt menschlich?“ (Unwillkürlich dehnte auch er das Wort auf schläfrige Weise, ungefähr wie jemand, der sich reckt und gähnt.)

„Quelle blague! – Sie waren immer hier?“

„Ja. Ich habe gewartet.“

„Worauf?“

„Auf dich.“

Ein Lachen zu seinen Häupten, hervorgestoßen zugleich mit dem Worte „Narr!“ „Auf mich! Man wird dich nicht fortgelassen haben.“

„Doch, Behrens hätte mich einmal fortgelassen, im Jähzorn. Aber es wäre nur wilde Abreise gewesen. Denn außer den alten Narben von früher her, aus meiner Schulzeit, du weißt, ist da die frische Stelle, die Behrens gefunden hat, und die mir das Fieber macht.“

„Immer noch Fieber?“

„Ja, immer etwas. Fast immer. Es wechselt. Aber es ist kein Wechselfieber.“

„Des allusions?“

Er schwieg. Er machte finstere Brauen über seinem Seherblick. Nach einer Weile fragte er:

„Und wo warst du?“

Eine Hand schlug auf die Stuhllehne.

„Mais c’est un sauvage! – Wo ich war? Überall. In Moskau“ (die Stimme sagte „Muoskau“, – es war eine ähnlich träge Dehnung wie die von „mähnschlich“), „in Baku, in deutschen Bädern, in Spanien.“

„O, in Spanien. Wie war es?“

„Soso. Man reist schlecht. Die Leute sind halbe Mohren. Kastilien ist sehr dürr und starr. Der Kreml ist schöner als das Schloß oder Kloster dort am Fuß des Gebirges ...“

„Der Eskorial.“

„Ja, Philipps Schloß. Ein unmähnschliches Schloß. Mir hat viel besser gefallen der Volkstanz in Katalunien, die Sardana, zum Dudelsack. Ich habe selbst mitgetanzt. Alle fassen sich an und tanzen Ringelreihn. Der ganze Platz ist voll. C’est charmant. Es ist mähnschlich. Ich habe mir eine kleine blaue Mütze gekauft, wie dort alle Männer und Knaben des Volks sie tragen, fast schon ein Fes, die Boina. Ich trage sie in der Liegekur und sonst. Monsieur wird urteilen, ob sie mir gut steht.“

„Welcher Monsieur?“

„Der hier im Stuhl.“

„Ich dachte: Mynheer Peeperkorn.“

„Der hat schon geurteilt. Er sagt, sie stände mir reizend.“

„Hat er das gesagt? Zu Ende gesagt? Den Satz zu Ende gesprochen, daß man ihn verstehen konnte?“

„Ah, es scheint, man ist mißgelaunt. Man möchte boshaft sein, beißend. Man versucht, sich lustig zu machen über Leute, die viel größer und besser und mähnschlicher sind als man selber mitsamt seinem ... avec son ami bavard de la Méditerranée, son maître grand parleur ... Aber ich werde nicht erlauben, daß man meine Freunde –“

„Hast du mein Innenporträt noch?“ unterbrach er die Stimme in schwermütigem Tonfall.

Sie lachte. „Ich müßte einmal danach suchen.“

„Ich trage das deine hier. Außerdem habe ich eine kleine Staffelei auf meiner Kommode, wo es bei Nacht und –“

Er kam nicht zu Ende. Vor ihm stand Peeperkorn. Er hatte sich nach seiner Reisebegleiterin umgesehen; durch die Portiere war er hereingekommen und stand vor dem Stuhle dessen, mit dem er sie hinterrücks plaudern sah, – stand da wie ein Turm, und zwar dicht vor Hans Castorps Füßen, so daß dieser, durch seinen Somnambulismus nicht an der Einsicht gehindert, daß es nun aufzustehen und höflich zu sein gelte, Mühe hatte, zwischen den beiden von seinem Stuhle emporzukommen, – er mußte sich seitlich davon herunterschieben, so daß denn also die handelnden Personen in einem Dreieck standen, den Stuhl in ihrer Mitte.

Frau Chauchat genügte einer Forderung des gesitteten Abendlandes, indem sie „die Herren“ einander vorstellte. Ein Bekannter von früher her, sagte sie in Bezug auf Hans Castorp, – aus Tagen ihres vorigen Aufenthalts. Herrn Peeperkorns Existenz bedurfte keiner Erläuterung. Sie nannte seinen Namen, und der Holländer, den blassen Blick unter dem idolhaften Arabeskenwerk seiner aufmerksam vertieften Stirn- und Schläfenfalten auf den jungen Mann gerichtet, reichte ihm die Hand, deren breiter Rücken sommersprossig war, – eine Kapitänshand, dachte Hans Castorp, wenn man die Nagellanzen beiseite ließ. Zum erstenmal stand er unter der unmittelbaren Einwirkung von Peeperkorns wuchtiger Persönlichkeit („Persönlichkeit“ – man hatte das Wort beständig im Sinne angesichts seiner; man wußte auf einmal, was das war, eine Persönlichkeit, wenn man ihn sah, ja mehr noch, man war überzeugt, daß eine Persönlichkeit überhaupt nicht anders aussehen könne als er), und seine schwanken Jünglingsjahre fühlten sich erdrückt von dem Gewicht dieser breitschultrigen, rotgesichtigen, weißumlohten Sechzig, mit dem weh zerrissenen Munde und Kinnbart, der lang und schmal auf die geistlich geschlossene Weste niederhing. Übrigens war Peeperkorn die Artigkeit selbst.

„Mein Herr,“ sagte er, „– durchaus. Nein, erlauben Sie mir, – durchaus! Ich mache heute abend Ihre Bekanntschaft, – die Bekanntschaft eines vertrauenerweckenden jungen Mannes, – ich tue es mit Bewußtsein, mein Herr, ich bin mit ganzer Kraft bei der Sache. Sie gefallen mir, mein Herr; ich – bitte sehr! Erledigt. Sie sagen mir zu.“

Da gab es keine Widerrede. Seine Kulturgebärden waren allzu peremtorisch, Hans Castorp gefiel ihm. Und Peeperkorn zog Folgerungen daraus, die er andeutungsweise verlautbarte, und die durch den Mund seiner Reisebegleiterin eine hilfreich-sinngemäße Ergänzung fanden.

„Mein Kind,“ sagte er, „– alles gut. Wie wäre es aber – ich bitte mich wohl zu verstehen. Das Leben ist kurz, unser Vermögen, seinen Anforderungen gerecht zu werden, es ist nun einmal – Das sind Tatsachen, mein Kind. Gesetze. Un–er–bittlichkeiten. Kurzum, mein Kind, kurzum und gut. –“ Er verharrte in ausdrucksvoll anheimstellender Geste, die Verantwortung ablehnend für den Fall, daß hier trotz seines Hinweises ein entscheidender Fehler begangen werden sollte.

Offenbar war Frau Chauchat geübt, die Richtung seiner Wünsche aufs halbe Wort zu unterscheiden. Sie sagte:

„Warum nicht. Man könnte noch etwas beieinander bleiben, vielleicht ein Spielchen machen und eine Flasche Wein trinken. Was stehen Sie?“ wandte sie sich an Hans Castorp. „Regen Sie sich! Wir werden nicht zu dreien bleiben, wir müssen Gesellschaft haben. Wer ist noch im Salon? Engagieren Sie, wen Sie finden! Holen Sie einige Freunde von den Balkons. Wir werden Doktor Ting-Fu von unserem Tische auffordern.“

Peeperkorn rieb sich die Hände.

„Absolut“, sagte er. „Perfekt. Vorzüglich. Eilen Sie, junger Freund! Gehorchen Sie! Wir werden einen Kreis bilden. Wir werden spielen und essen und trinken. Wir werden fühlen, daß wir – Absolut, junger Mann!“

Hans Castorp fuhr mit dem Lift in den zweiten Stock. Er klopfte bei A. K. Ferge an, der seinerseits Ferdinand Wehsal und Herrn Albin aus ihren Stühlen in der unteren Liegehalle holte. Man hatte Staatsanwalt Paravant und das Ehepaar Magnus noch in der Halle, Frau Stöhr und die Kleefeld noch im Salon gefunden. Hier wurde unter dem Mittellüster ein geräumiger Spieltisch aufgeschlagen, den man mit Stühlen und kleinen Anrichtetischen umgab. Mynheer begrüßte jeden Gast, der sich zugesellte, blassen und höflichen Blickes, unter aufmerksam emporgezogenen Stirnarabesken. Zu zwölf Personen ließ man sich nieder, Hans Castorp zwischen dem majestätischen Gastgeber und Clawdia Chauchat; Karten und Spielmarken wurden aufgelegt, denn man hatte sich auf einige Gänge Vingt et un geeinigt, und Peeperkorn bestellte in seiner bedeutsamen Art bei der herbeigerufenen Zwergin Wein, einen weißen Chablis vom Jahre 06, drei Flaschen fürs erste, und Süßigkeiten dazu, was eben an gedörrtem Südobst und Konfiserie würde aufzutreiben sein. Das Händereiben, mit dem er die guten Dinge begrüßte, die aufgetragen wurden, war voll von Behagen, und auch in Worten, die auf bedeutende Art abrissen, suchte er seine Empfindungen mitzuteilen, mit vollem Gelingen in der Tat, soweit eine allgemeine Persönlichkeitswirkung in Frage kam. Er legte beide Hände auf die Unterarme seiner Nachbarn, hob den lanzenspitzen Zeigefinger und forderte mit umfassendem Erfolge die höchste Aufmerksamkeit für die herrliche Goldfarbe des Weins in den Römern, für den Zucker, den die Malagatrauben schwitzten, für eine gewisse Art kleiner Salz- und Mohnbrezeln, die er göttlich nannte, indem er jeden Widerspruch, der sich gegen ein so starkes Wort etwa hätte regen wollen, durch eine peremtorische Kulturgebärde im Keime erstickte. Er war es, der als erster die Bank übernahm; doch trat er sie bald an Herrn Albin ab, da, wenn man ihn recht verstand, das Amt ihn am freien Genusse der Umstände hinderte.

Ersichtlich war das Hazard ihm Nebensache. Man spielte um nichts, seiner Meinung nach, hatte fünfzig Rappen als kleinsten Einsatz ausgerufen nach seinem Vorschlage, doch war das sehr viel für die Mehrzahl der Beteiligten; Staatsanwalt Paravant sowohl wie Frau Stöhr wurden abwechselnd rot und blaß, und namentlich diese wand sich in furchtbaren Kämpfen, wenn sie vor der Frage stand, ob sie bei achtzehn noch kaufen sollte. Sie kreischte laut, wenn Herr Albin ihr mit kalter Routine eine Karte zuwarf, deren Höhe ihr Wagnis über und über zuschanden machte, und Peeperkorn lachte herzlich darüber.

„Kreischen Sie, kreischen Sie, Madame!“ sagte er. „Es klingt schrill und lebensvoll und kommt aus tiefster – Trinken Sie, laben Sie Ihr Herz zu neuen –“ Und er schenkte ihr ein, schenkte auch seinen Nachbarn und sich selber ein, bestellte drei neue Flaschen und stieß mit Wehsal und der innerlich verödeten Frau Magnus an, da diese beiden ihm der Belebung am bedürftigsten schienen. Rasch färbten die Gesichter sich hoch und höher von dem in Wahrheit wundervollen Wein, mit Ausnahme desjenigen Doktor Ting-Fus, das unveränderlich gelb blieb, mit jettschwarzen Rattenschlitzen darin, und der mit verstecktem Kichern sehr hohe Einsätze machte, und zwar mit unverschämtem Glück. Andere wollten nicht zurückstehen. Staatsanwalt Paravant forderte schwimmenden Blickes das Schicksal heraus, indem er zehn Franken auf eine nur mäßig hoffnungsvolle Anfangskarte setzte, überkaufte sich erblassend und gewann das Geld, da Herr Albin in trügerischem Vertrauen auf ein As, das er erhalten, alle Einsätze hatte dublieren lassen, verdoppelt zurück. Das waren Erschütterungen, die sich nicht auf die Person dessen beschränkten, der sie sich bereitete. Der Kreis nahm teil daran, und selbst Herr Albin, der an kalter Umsicht mit den Croupiers des Kasinos von Monte Carlo wetteiferte, wo er Stammgast zu sein erklärte, war seiner Erregung nur unzulänglich Herr. Auch Hans Castorp spielte hoch; ebenso die Kleefeld und Frau Chauchat. Man ging zu den „Touren“ über, spielte „Eisenbahn“, „Meine Tante, deine Tante“ und das gefährliche „Différence“. Jubel und Verzweiflungsausbrüche, Entladungen der Wut und hysterische Lachanfälle, hervorgerufen durch den Reiz, den das bübische Glück auf die Nerven ausübte, ereigneten sich, und sie waren echt und ernst, – nicht anders hätten sie lauten können in den Wechselfällen des Lebens selbst.

Dennoch war es nicht nur und nicht einmal hauptsächlich das Spiel und der Wein, die die seelische Hochspannung des Kreises, diese Erhitzung der Mienen, diese Erweiterung der glänzenden Augen oder das zeitigten, was man die Angestrengtheit der kleinen Gesellschaft, ihr In-Atem-gehalten-sein, ihre fast schmerzhafte Konzentration auf den Augenblick hätte nennen können. Vielmehr war all dies auf die Einwirkung einer Herrschernatur unter den Anwesenden, auf die der „Persönlichkeit“ unter ihnen, auf diejenige Mynheer Peeperkorns zurückzuführen, der die Führung in seiner gebärdenreichen Hand hielt und alle durch das Schauspiel seiner großen Miene, seinen blassen Blick unter dem monumentalen Faltenwerk seiner Stirne, durch sein Wort und die Eindringlichkeit seiner Pantomimik in den Bann der Stunde zwang. Was sagte er? Höchst Undeutliches, und desto Undeutlicheres, je mehr er trank. Aber man hing an seinen Lippen, starrte lächelnd und mit emporgerissenen Brauen nickend auf das Rund, das sein Zeigefinger mit seinem Daumen bildete, und neben welchem die anderen Finger lanzenspitz aufragten, während es in seinem königlichen Antlitz sprechend arbeitete, und ließ sich ohne Widerstand zu einem Gefühlsdienst anhalten, der weit das Maß von hingebender Leidenschaft überstieg, das diese Leute sich sonst zuzumuten gewöhnt waren. Er ging über die Kräfte einzelner, dieser Dienst. Frau Magnus wenigstens ward unpäßlich. Sie drohte in Ohnmacht hinzuschwinden, weigerte sich aber zähe, ihr Zimmer aufzusuchen, sondern begnügte sich mit ihrer Lagerung auf der Chaiselongue, woselbst man ihre Stirn mit einer nassen Serviette versah, und von wo sie nach einiger Erholung in den Kreis zurückkehrte.

Peeperkorn wollte ihr Versagen auf mangelhafte Nahrungszufuhr zurückführen. In bedeutend abreißenden Worten, mit erhobenem Zeigefinger, ließ er sich in diesem Sinne aus. Man müsse essen, ordentlich essen, um den Anforderungen gerecht werden zu können, so gab er zu verstehen, und bestellte Stärkung für die Runde, eine Kollation, Fleisch, Aufschnitt, Zunge, Gänsebrust, Braten, Wurst und Schinken, – Platten voll fetter Leckerbissen, die, mit Butterkugeln, Radieschen und Petersilie garniert, prangenden Blumenbeeten glichen. Aber obgleich sie, eines vorangegangenen Abendessens ungeachtet, über dessen Gediegenheit kein Wort verloren zu werden braucht, frohen Zuspruch fanden, erklärte Mynheer Peeperkorn sie nach wenigen Bissen für „Firlefanz“ – und zwar mit einem Zorn, der die beängstigende Unberechenbarkeit seiner Herrschernatur bekundete. Ja, er wurde kollerig, als jemand den Imbiß in Schutz zu nehmen wagte; sein mächtiges Haupt schwoll an, und er schlug mit der Faust auf den Tisch, indem er das alles für verdammten Quark erklärte, – worauf man denn betreten verstummte, da er am Ende als Spender und Wirt das Recht hatte, seine Gaben zu beurteilen.

Übrigens stand der Zorn, so unbegreiflich er anmuten mochte, ihm vortrefflich zu Gesichte, wie namentlich Hans Castorp sich bekennen mußte. Er entstellte ihn keineswegs, verkleinerte ihn nicht, wirkte in seiner Unbegreiflichkeit, die mit den genossenen Weinmengen in Beziehung zu setzen niemand in seinem Herzen sich unterstand, so groß und königlich, daß alle sich duckten und jedermann sich hütete, von den Fleischwaren noch einen Bissen zu nehmen. Frau Chauchat war es, die ihren Reisegefährten beschwichtigte. Sie streichelte seine breite, nach dem Schlag auf dem Tisch ruhende Kapitänshand und meinte schmeichelnd, man könnte ja etwas anderes bestellen, ein warmes Gericht, wenn er wolle, und wenn der Küchenchef noch dafür zu gewinnen sein werde. „Mein Kind,“ sagte er, „– gut.“ Und mühelos, in voller Würde fand er den Übergang von schwerem Koller zu einem gemäßigten Zustande, indem er Clawdias Hand küßte. Er wollte Omeletten für sich und die Seinen, – für jedermann eine gute Kräuter-Omelette, damit man den Anforderungen gerecht werden könne. Und er schickte mit der Bestellung einen Hundertfrankenschein in die Küche, um das Personal zum Unterbrechen des Feierabends zu bestimmen.

Auch stellte sein Behagen sich völlig wieder her, als die dampfende Speise auf mehreren Platten erschien, kanariengelb und grün gesprenkelt, einen weichlich warmen Duft von Eiern und Butter im Zimmer verbreitend. Man griff zu, gemeinsam mit Peeperkorn und im Genuß überwacht von ihm, der mit abgerissenen Worten und zwingenden Kulturgebärden jedermann zu aufmerksamster, ja inbrünstiger Würdigung der Gottesgabe anhielt. Er ließ holländischen Genever dazu schenken, eine volle Runde, und zwang alle, das klare Naß, dem ein gesunder Duft nach Getreide mit einem zarten Einschlag von Wacholder entströmte, mit gespannter Andacht zu sich zu nehmen.

Hans Castorp rauchte. Auch Frau Chauchat sprach den Mundstückzigaretten zu, die sie in einer russischen, mit einer dahinsausenden Troika geschmückten Lackdose zu ihrer Bequemlichkeit vor sich auf den Tisch gelegt hatte, und Peeperkorn tadelte es nicht, daß seine Nachbarn sich diesem Vergnügen überließen, rauchte aber selbst nicht, tat es niemals. Verstand man ihn recht, so war seinem Urteile nach der Tabakkonsum bereits den überfeinerten Genüssen zuzuzählen, deren Pflege einen Raub an der Majestät der schlichten Lebensgaben bedeute, jener Gaben und Ansprüche, denen gerecht zu werden unserer Gefühlskraft doch kaum gelinge. „Junger Mann,“ sagte er zu Hans Castorp, indem er ihn mit seinem blassen Blick und seiner Kulturgebärde bannte, – „junger Mann, – das Einfache! Das Heilige! Gut, Sie verstehen mich. Eine Flasche Wein, ein dampfendes Eiergericht, ein lauterer Korn, – erfüllen und genießen wir das erst einmal, erschöpfen wir es, tun wir ihm wahrhaft Genüge, bevor wir – Absolut, mein Herr. Erledigt. Ich habe Personen gekannt, Männer und Frauen, Kokainesser, Haschischraucher, Morphinisten – Gut, lieber Freund! Perfekt! Mögen sie doch! Wir sollen nicht rechten und richten. Aber dem, was vorangehen sollte, dem Einfachen, dem Großen, dem Gottesursprünglichen waren diese Leute durchaus alles – Erledigt, mein Freund. Verurteilt. Verworfen. Sie waren ihm alles schuldig geblieben! Wie Sie auch heißen mögen, junger Mann, – Gut, ich habe es schon gewußt, ich habe es wieder vergessen, – nicht im Kokain, nicht im Opium, nicht im Laster als solchem beruht die Lasterhaftigkeit. Die Sünde, die nicht vergeben werden kann, sie beruht –“

Er hielt inne. Groß und breit, seinem Nachbar zugewandt, verharrte er in mächtig ausdrucksvollem Schweigen, das zu verstehen zwang, den Zeigefinger erhoben, mit unregelmäßig zerrissenem Munde unter der nackten und roten, von der Rasur etwas wunden Oberlippe, angestrengt emporgezogen das lineare Faltenwerk seiner kahlen, weiß umflammten Stirn, erweitert die kleinen, blassen Augen, in denen Hans Castorp etwas wie Entsetzen flackern sah vor dem Verbrechen, der großen Versündigung, dem unverzeihlichen Versagen, auf das er angespielt hatte, und das in seiner Schrecklichkeit zu ergründen er mit der ganzen bannenden Kraft einer undeutlichen Herrschernatur schweigend befahl ... Entsetzen, dachte Hans Castorp, von sachlicher Art, aber auch etwas wie persönliches Entsetzen, ihn selbst, den königlichen Mann, betreffend, – Angst also, aber nicht geringe und kleine Angst, sondern etwas wie panischer Schrecken flackerte dort, so schien es, einen Augenblick auf, und Hans Castorp war von zu ehrerbietiger Anlage, als daß nicht, aller Gründe ungeachtet, die zu feindseliger Einstellung seinerseits gegen Frau Chauchats majestätischen Reisebegleiter vorhanden waren, diese Beobachtung ihn hätte erschüttern müssen.

Er senkte die Augen und nickte, um seinem erhabenen Nachbarn die Genugtuung des Verständnisses zu bereiten.

„Das ist wohl wahr“, sagte er. „Es mag Sünde sein – und ein Zeichen von Unzulänglichkeit – den Raffinements zu frönen, ohne den einfachen und natürlichen Gaben des Lebens, die so groß und heilig sind, gerecht geworden zu sein. Dies ist Ihre Meinung, wenn ich Sie recht verstehe, Mynheer Peeperkorn, und obgleich es mir selbst noch nicht eingefallen ist, kann ich Ihnen aus eigener Überzeugung zustimmen, da Sie darauf hinweisen. Es mag übrigens selten genug vorkommen, daß diesen gesunden und einfachen Lebensgaben so recht volle Gerechtigkeit widerfährt. Bestimmt sind die meisten Leute zu schlaff und unaufmerksam und gewissenlos und innerlich ausgeleiert, um sie ihnen widerfahren zu lassen, so wird es wohl sein.“

Der Gewaltige war hoch befriedigt. „Junger Mann,“ sagte er, „– perfekt. Wollen Sie mir erlauben – kein Wort weiter. Ich bitte Sie, mit mir zu trinken, das Glas bis zum Grunde zu leeren, und zwar Arm um Arm. Dies soll noch nicht heißen, daß ich Ihnen das brüderliche Du anbiete, – ich war eben im Begriff, es zu tun, besinne mich aber, daß es ein klein wenig zu überstürzt wäre. Ich werde es Ihnen höchstwahrscheinlich in sehr absehbarer Zeit – Verlassen Sie sich darauf! Wenn Sie aber wünschen und darauf bestehen, daß wir sofort –“

Hans Castorp befürwortete andeutend den von Peeperkorn selbst angeregten Aufschub.

„Gut, mein Junge. Gut, Kamerad. Unzulänglichkeit – gut. Gut und schaudervoll. Gewissenlos, – sehr gut. Gaben – nicht gut. Anforderungen! Heilige, weibliche Anforderungen des Lebens an Ehre und Manneskraft –“

Hans Castorp mußte plötzlich erkennen, daß Peeperkorn schwer betrunken war. Doch wirkte auch seine Betrunkenheit nicht gering und beschämend, nicht als Entwürdigungszustand, sondern verband sich mit der Majestät seiner Natur zu einer großartigen und ehrfurchtgebietenden Erscheinung. Auch Bacchus selbst, dachte Hans Castorp, stützte sich betrunken auf seine enthusiastischen Begleiter, ohne darum an Gottheit einzubüßen, und im höchsten Grade kam es darauf an, wer betrunken war, eine Persönlichkeit oder ein Leineweber. Er hütete sich innerlichst, im Respekt vor dem erdrückenden Reisebegleiter im geringsten nachzulassen, dessen Kulturgebärden schlaff geworden waren und dessen Zunge lallte.

„Duzbruder –“ sagte Peeperkorn, den mächtigen Körper in freier und stolzer Trunkenheit zurückgeworfen, den Arm auf der Tischplatte ausgestreckt und mit der schlaff geballten Faust leicht aufschlagend, „– in Aussicht genommen, – in nahe Aussicht, wenn auch Besonnenheit zunächst noch – gut. Erledigt. Das Leben – junger Mann – es ist ein Weib, ein hingespreitet Weib, mit dicht beieinander quellenden Brüsten und großer, weicher Bauchfläche zwischen den ausladenden Hüften, mit schmalen Armen und schwellenden Schenkeln und halbgeschlossenen Augen, das in herrlicher, höhnischer Herausforderung unsere höchste Inständigkeit beansprucht, alle Spannkraft unserer Manneslust, die vor ihm besteht oder zuschanden wird, – zuschanden, junger Mann, begreifen Sie, was das hieße? Die Niederlage des Gefühls vor dem Leben, das ist die Unzulänglichkeit, für die es keine Gnade, kein Mitleid und keine Würde gibt, sondern die erbarmungslos und hohnlachend verworfen ist, – er–ledigt, junger Mann, und ausgespien ... Schmach und Entehrung sind gelinde Worte für diesen Ruin und Bankerott, für diese grauenhafte Blamage. Sie ist das Ende, die höllische Verzweiflung, der Weltuntergang ...“

Der Holländer hatte beim Sprechen den mächtigen Körper mehr und mehr zurückgeworfen, während zugleich sein königliches Haupt sich zur Brust neigte, als wollte er einschlafen. Bei dem letzten Worte aber ließ er die schlaffe Faust ausholend zu schwerem Schlage auf den Tisch fallen, so daß der schmächtige Hans Castorp, nervös von Spiel und Wein und von der Eigentümlichkeit aller Umstände, zusammenfuhr und ehrfürchtig erschrocken auf den Gewaltigen blickte. „Weltuntergang“ – wie das Wort ihm zu Gesichte stand! Hans Castorp erinnerte sich nicht, es jemals aussprechen gehört zu haben, außer etwa in der Religionsstunde, und das war kein Zufall, dachte er, denn wem unter allen Menschen, die er kannte, wäre ein solches Donnerwort wohl zugekommen, wer hatte das Format dafür – um die Frage richtig zu stellen? Der kleine Naphta hätte sich seiner wohl einmal bedienen können; doch wäre das Usurpation und scharfes Geschwätz gewesen, während in Peeperkorns Munde das Donnerwort seine ganze schmetternde und posaunenumdröhnte Wucht, kurz, biblische Größe gewann. „Mein Gott – eine Persönlichkeit!“ empfand er zum hundertstenmal. „Ich bin an eine Persönlichkeit geraten, und sie ist Clawdias Reisebegleiter!“ Ziemlich benebelt auch seinerseits, drehte er sein Weinglas auf dem Tisch um sich selbst, die andere Hand in der Hosentasche und ein Auge zugekniffen vor dem Rauch der Zigarette, die er im Mundwinkel hielt. Hätte er nicht schweigen sollen, nachdem von berufener Seite Donnerworte gesprochen worden? Was sollte da noch seine spröde Stimme? Aber an Diskussion gewöhnt durch seine demokratischen Erzieher – beide von Natur demokratisch, obgleich der eine sich sträubte, es zu sein –, ließ er sich zu einem seiner treuherzigen Kommentare verleiten. Er sagte:

„Ihre Bemerkungen, Mynheer Peeperkorn“ (was war das für ein Ausdruck: Bemerkungen! Macht man „Bemerkungen“ über den Weltuntergang?), „führen meine Gedanken noch einmal auf das zurück, was vorhin über das Laster ausgemacht wurde, nämlich daß es in einer Beleidigung der einfachen und, wie Sie sagen, heiligen, oder, wie ich sagen möchte, klassischen Lebensgaben besteht, der Lebensgaben von Format, sozusagen, zugunsten der späten und ausgepichten, der Raffinements, denen man ‚frönt‘, wie einer von uns beiden sich ausdrückte, während man sich den großen ‚weiht‘ und ihnen ‚huldigt‘. Aber hier scheint mir nun eben auch die Entschuldigung – verzeihen Sie, ich bin eine zur Entschuldigung geneigte Natur, – obgleich Entschuldigung wohl kein Format hat, wie ich deutlich fühle – die Entschuldigung also für das Laster zu liegen, und zwar gerade insofern es auf ‚Unzulänglichkeit‘, wie wir es nannten, beruht. Sie haben über die Schrecken der Unzulänglichkeit Dinge solchen Formates gesagt, daß Sie mich aufrichtig betroffen sehen davon. Aber ich meine, der Lasterhafte zeigt sich durchaus nicht unempfindlich für diese Schrecken, sondern im Gegenteil läßt er ihnen alle Gerechtigkeit widerfahren, indem das Versagen seines Gefühls vor den klassischen Lebensgaben ihn zum Laster treibt, worin also keine Beleidigung des Lebens liegt oder zu liegen braucht, da es ebensogut als Huldigung davor aufgefaßt werden kann, und zwar insofern die Raffinements ja Rausch- und Erhebungsmittel darstellen, stimulantia, wie man sagt, Stützen und Steigerungen der Gefühlskräfte, weshalb denn also doch das Leben ihr Zweck und Sinn ist, die Liebe zum Gefühl, das Trachten der Unzulänglichkeit nach Gefühl ... Ich meine ...“

Was redete er da? War es nicht der demokratischen Unverschämtheit genug, „einer von uns beiden“ zu sagen, wo es sich um eine Persönlichkeit und um ihn handelte? Zog er den Mut zu dieser Frechheit aus Vergangenheiten, die gewisse gegenwärtige Besitzrechte in ein schiefes Licht setzten? Stach ihn der Haber, daß er sich obendrein in eine ebenfalls durchaus unverschämte Analyse des „Lasters“ verstricken mußte? Nun mochte er sehen, wie er sich aus der Sache zog; denn es war klar, daß er Fürchterliches heraufbeschworen.

Mynheer Peeperkorn war während der Rede seines Gastes in seiner zurückgeworfenen Haltung mit auf die Brust gesenktem Kopfe verharrt, so daß man hätte zweifeln können, ob Hans Castorps Worte in sein Bewußtsein drangen. Jetzt aber, allmählich, während der junge Mann sich verwirrte, begann er, sich von der Lehne aufzurichten, höher und höher, zu voller Größe, während zugleich sein majestätisches Haupt rot anschwoll, seine Stirnarabesken sich hoben und spannten und seine kleinen Augen sich zu blasser Drohung erweiterten. Was bereitete sich vor? Ein Koller, gegen den der vorangegangene nur leichte Verstimmung bedeutet hatte, schien im Anzuge. Mynheers Unterlippe stemmte sich in mächtigem Grimm gegen die obere, so daß die Mundwinkel sich senkten und das Kinn vorgetrieben wurde, und langsam hob sich sein rechter Arm von der Tischplatte in Haupteshöhe und darüber hinaus, die Faust geballt, großartig ausholend zum Vernichtungsschlage gegen den demokratischen Schwätzer, der, in Schrecken gejagt und doch auch abenteuerlich erfreut durch das Bild ausdrucksvoll königlichen Zornmutes, das sich vor ihm entfaltete, Mühe hatte, Furcht und Fluchtneigung zu verbergen. Er sagte eilig zuvorkommend:

„Natürlich habe ich mich mangelhaft ausgedrückt. Das Ganze ist eine Frage des Formats, nichts weiter. Man kann nicht Laster nennen, was Format hat. Das Laster hat niemals Format. Die Raffinements haben keines. Aber dem menschlichen Trachten nach Gefühl ist ja von Urzeiten her ein Hilfsmittel, ein Rausch- und Begeisterungsmittel an die Hand gegeben, das selbst zu den klassischen Lebensgaben gehört und den Charakter des Einfachen und Heiligen, also nicht des Lasterhaften trägt, ein Hilfsmittel von Format, wenn ich so sagen darf, der Wein also, ein göttliches Geschenk an die Menschen, wie schon die alten humanistischen Völker behaupteten, die philanthropische Erfindung eines Gottes, mit der sogar die Zivilisation zusammenhängt, erlauben Sie mir den Hinweis. Denn wir hören ja, daß dank der Kunst, den Wein zu pflanzen und zu keltern, die Menschen aus dem Stande der Roheit traten und Gesittung erlangten, und noch heute gelten die Völker, bei denen Wein wächst, für gesitteter, oder halten sich dafür, als die weinlosen, die Kimerer, was sicher bemerkenswert ist. Denn es will sagen, daß Gesittung gar nicht Sache des Verstandes und wohlartikulierter Nüchternheit ist, sondern vielmehr mit der Begeisterung zu tun hat, dem Rausch und dem gelabten Gefühl, – ist das nicht, wenn ich so frei sein darf, Ihnen die Frage vorzulegen, auch Ihre Meinung in dieser Angelegenheit?“

Ein Schlingel, dieser Hans Castorp. Oder, wie Herr Settembrini es mit schriftstellerischer Feinheit ausgedrückt hatte, ein „Schalk“. Unvorsichtig und selbst frech im Verkehr mit Persönlichkeiten – und geschickt dann auch wieder, wenn es galt, sich aus der Patsche zu ziehen. Da hatte er erstens, in brenzligster Lage und aus dem Stegreif, eine Ehrenrettung des Trunkes mit vielem Anstand vollzogen, hatte ferner, ganz nebenbei, die Rede auf „Gesittung“ gebracht, von welcher in Mynheer Peeperkorns ur-fürchterlicher Haltung allerdings wenig zu spüren war, und endlich diese Haltung gelockert und unpassend gemacht, indem er dem großartig darin Befangenen eine Frage vorgelegt hatte, die man mit erhobener Faust unmöglich beantworten konnte. Der Holländer ließ denn auch nach in seiner vorsündflutlichen Grimmgebärde; langsam senkte sein Arm sich nieder zum Tisch, sein Haupt schwoll ab, „dein Glück!“ stand in seiner nur noch bedingungsweise und nachträglich drohenden Miene zu lesen, das Gewitter verzog sich, und überdies mischte nun Frau Chauchat sich ein, indem sie ihren Reisebegleiter auf den eingerissenen Verfall der Geselligkeit hinwies.

„Lieber Freund, Sie vernachlässigen Ihre Gäste“, sagte sie auf französisch. „Sie widmen sich allzu ausschließlich diesem Herrn, mit dem Sie zweifellos wichtige Dinge auszumachen haben. Aber unterdessen hat das Spiel fast aufgehört, und ich fürchte, man langweilt sich. Wollen wir den Abend beschließen?“

Peeperkorn wandte sich sogleich der Tafelrunde zu. Es war richtig: Demoralisation, Lethargie, Stumpfsinn hatten um sich gegriffen; die Gäste trieben Allotria wie eine unbeaufsichtigte Schulklasse. Mehrere waren am Einschlafen. Peeperkorn ergriff sofort die schleifenden Zügel. „Meine Herrschaften!“ rief er mit erhobenem Zeigefinger, – und dieser lanzenspitze Finger war wie ein winkender Degen oder wie eine Fahne, sein Ruf aber gleich dem „Mir nach, wer keine Memme ist!“ des Führers, der eine beginnende Deroute zum Stehen bringt. Auch war der Einsatz seiner Persönlichkeit sofort von weckender und sammelnder Wirkung. Man raffte sich auf, straffte die schlaff gewordenen Mienen und nickte lächelnd in des mächtigen Wirtes blasse Augen unter der idolhaften Lineatur seiner Stirn. Er bannte alle und hielt sie aufs neue zum Dienste an, indem er die Spitze des Zeigefingers zu der des Daumens senkte und die anderen langgenagelt daneben aufragen ließ. Er breitete die Kapitänshand behütend und zurückdämmend aus und von seinen weh zerrissenen Lippen kamen Worte, deren abspringende Undeutlichkeit dank ihrem Persönlichkeitsrückhalt zwingendste Macht über die Gemüter übte.

„Meine Herrschaften – gut. Das Fleisch, meine Herrschaften, es ist nun einmal – Erledigt. Nein – erlauben Sie mir – ‚schwach‘, so steht es in der Schrift. ‚Schwach‘, das heißt geneigt, sich den Anforderungen – Aber ich appelliere an Ihre – Kurzum und gut, meine Herrschaften, ich ap–pel–liere. Sie werden mir sagen: der Schlaf. Gut, meine Herrschaften, perfekt, vortrefflich. Ich liebe und ehre den Schlaf. Ich veneriere seine tiefe, süße, labende Wollust. Der Schlaf zählt zu den – wie sagten Sie, junger Mann? – zu den klassischen Lebensgaben vom ersten, vom allerersten – ich bitte sehr – vom obersten, meine Herrschaften. Wollen Sie jedoch bemerken und sich erinnern: Gethsemane! ‚Und nahm zu sich Petrum und die zween Söhne Zebedei. Und sprach zu ihnen: Bleibet hie und wachet mit mir‘. Sie erinnern sich? ‚Und kam zu ihnen und fand sie schlafend und sprach zu Petro: Könnet Ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?‘ Intensiv, meine Herrschaften. Durchdringend. Herzbewegend. ‚Und kam und fand sie aber schlafend, und ihre Augen waren voll Schlafs. Und sprach zu ihnen: Ach, wollt Ihr nun schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist hie –‘ Meine Herrschaften: Durchbohrend, herzversehrend.“

Tatsächlich waren alle in tiefster Seele ergriffen und beschämt. Er hatte die Hände vor der Brust über dem schmalen Kinnbart gefaltet und das Haupt schräg geneigt. Sein blasser Blick hatte sich gebrochen bei dem, was an einsamem Todesschmerz von seinen zerrissenen Lippen gekommen. Frau Stöhr schluchzte. Frau Magnus stieß einen hohen Seufzer aus. Staatsanwalt Paravant sah sich veranlaßt, vertretungsweise, gleichsam als Abgeordneter der Gesellschaft, einige Worte mit gesenkter Stimme an den verehrten Gastgeber zu richten, um ihn der allgemeinen Gefolgschaft zu versichern. Hier müsse ein Irrtum vorliegen. Man sei frisch und munter, flott, fidel und bei der Sache mit Herz und Sinn. Es sei ein so schöner, festlicher, schlechthin außerordentlicher Abend, – alle verständen und empfänden das, und niemand denke vorläufig daran, von dem Lebensgute des Schlafs Gebrauch zu machen. Mynheer Peeperkorn könne sich auf seine Gäste verlassen, auf jeden einzelnen von ihnen.

„Perfekt! Vorzüglich!“ rief Peeperkorn und richtete sich auf. Seine Hände lösten sich, gingen auseinander und aufwärts, ausgebreitet, aufrecht, die Innenflächen nach außen, wie zu heidnischem Gebet. Seine großartige Physiognomie, eben noch von gotischem Schmerz beseelt, erblühte üppig und heiter; sogar ein sybaritisches Grübchen zeigte sich auf einmal in seiner Wange. „Die Stunde ist hie –“ Und er ließ sich die Karte geben, setzte einen Hornklemmer auf, dessen Bügel ihm hoch an der Stirn emporragte, und bestellte Champagner, drei Flaschen Mumm & Co., Cordon rouge, très sec; dazu petits fours, köstliche, kegelförmige kleine Schlemmerbissen, mit farbigem Zuckerguß überkleidet, von zartestem Biskuitcharakter, im Innern benetzt von Schokolade- und Pistaziencreme, und auf Papierdeckchen mit reichem Spitzenrande angeboten. Frau Stöhr leckte sich alle Finger bei ihrem Genuß. Herr Albin löste mit lässiger Routine den ersten Pfropfen aus seiner Haft von Draht, ließ den pilzförmigen Kork mit dem Knall einer Kinderpistole dem geschmückten Hals entschlüpfen und zur Decke fahren, worauf er die Flasche nach elegantem Herkommen zum Einschenken in eine Serviette hüllte. Der edle Schaum befeuchtete das Linnen der Anrichtetischchen. Man ließ die Flachkelche klingen und leerte das erste Glas auf einen Zug, elektrisierte sich den Magen mit dem eiskalten, duftigen Geprickel. Die Augen glitzerten. Das Spiel hatte aufgehört, ohne daß man sich bemüßigt gesehen hätte, Karten und Geld vom Tische zu räumen. Die Gesellschaft überließ sich einem seligen Nichtstun, indem sie ein zusammenhangloses Geschwätz tauschte, dessen Elemente bei jedem einzelnen aus erhöhtem Gefühle stammten und in irgendeinem Urzustande das Schönste versprochen hatten, aus denen aber auf dem Wege zur Mitteilung ein fragmentarisch-lippenlahmer, teils indiskreter, teils unverständlicher Gallimathias wurde, geeignet, die zornige Scham jedes nüchtern Hinzukommenden zu erregen, doch von den Beteiligten ohne Beschwer ertragen, da alle sich in dem gleichen verantwortungslosen Zustand wiegten. Frau Magnus selbst hatte rote Ohren bekommen und gestand, sie fühle, wie Leben sie durchrinne, was aber Herrn Magnus nicht lieb zu sein schien. Hermine Kleefeld lehnte mit dem Rücken an der Schulter Herrn Albins, indem sie ihm ihren Kelch zum Einschenken vorhielt. Peeperkorn, das Bacchanal mit lanzenspitzen Kulturgebärden leitend, sorgte für Zufuhr und Nachschub. Er ließ Kaffee kommen nach dem Champagner, Mocca double, der wiederum von „Brot“ begleitet war und von süßen Scharfheiten, Apricots Brandy, Chartreuse, Creme de Vanille und Maraschino für die Damen. Später gab es noch saure Fischfilets und Bier dazu, endlich Tee, und zwar sowohl chinesischen wie Kamillentee für solche, die es nicht vorzogen, beim Sekt oder Likör zu bleiben oder zu einem ernsthaften Wein zurückzukehren, wie Mynheer selbst, der sich nach Mitternacht zusammen mit Frau Chauchat und Hans Castorp zu einem Schweizer Roten von naiv-spritziger Art durchgeläutert hatte, von dem er mit wirklichem Durst einen Glasbecher nach dem anderen hinunterschüttete.

Noch um ein Uhr dauerte die Festsitzung an, zusammengehalten teils durch bleierne Rauscheslähmung, teils durch das eigentümliche Vergnügen, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen, teils durch die Persönlichkeitswirkung Peeperkorns und durch das abschreckende Beispiel Petri und der Seinen, an deren Fleischesschwäche niemand teilhaben wollte. Allgemein gesprochen, schien der weibliche Teil weniger gefährdet in dieser Hinsicht. Denn während die Männer, rot oder fahl, die Beine von sich streckten und die Backen aufbliesen, indem sie nur noch mechanisch dann und wann dem Becher zusprachen, von rechter Dienstfreudigkeit nicht mehr beseelt, hielten die Frauen sich tätiger. Hermine Kleefeld, die nackten Ellbogen auf die Tischplatte gestemmt, die Wangen in den Händen, wies lachend dem kichernden Ting-Fu den Schmelz ihrer Vorderzähne, indes Frau Stöhr, mit angezogenem Kinn über die vorgebogene Schulter kokettierend, den Staatsanwalt ans Leben zu fesseln suchte. Mit Frau Magnus war es dahin gekommen, daß sie auf Herrn Albins Schoß Platz genommen hatte und ihn an beiden Ohrläppchen zog, was aber Herr Magnus eher als Erleichterung zu empfinden schien. Anton Karlowitsch Ferge ward aufgefordert, die Geschichte seines Pleura-Choks zum besten zu geben, kam aber wegen Zungenschlages nicht zustande damit und erklärte ehrlich seinen Bankerott, der als Anlaß zum Trinken einstimmig ausgerufen wurde. Wehsal weinte vorübergehend bitterlich, aus irgendwelchen Elendstiefen, in welche seinen Mitmenschen Einblick zu eröffnen auch seine Zunge nicht mehr imstande war, wurde aber mit Kaffee und Kognak seelisch wieder auf die Beine gebracht und erregte übrigens durch das Gewimmer seiner Brust, durch sein runzelig bebendes Kinn, das von Tränen troff, das bedeutendste Interesse Peeperkorns, der mit erhobenem Zeigefinger und hochgezogenen Arabesken die allgemeine Aufmerksamkeit für Wehsals Zustand in Anspruch nahm.

„Das ist –“, sagte er. „Das ist nun doch – Nein, erlauben Sie mir: Heilig! Trockne ihm das Kinn, mein Kind, nimm meine Serviette! Oder besser noch, nein, unterlaß es! Er selber verzichtet darauf. Meine Herrschaften, – heilig! Heilig in jederlei Sinn, im christlichen wie im heidnischen! Ein Urphänomen! Ein Phänomen vom ersten – vom obersten – Nein, nein, das ist – –“

Auf dieses „Das ist“, „Das ist nun doch“ waren überhaupt die leitend-erläuternden Äußerungen gestimmt, mit denen er unter genauen, wenn auch nachgerade etwas burlesk gewordenen Kulturgebärden seine Veranstaltung begleitete. Er hatte eine Art, den Ring, den sein gekrümmter Zeigefinger mit dem Daumen bildete, über das Ohr emporzuhalten und das Haupt schief-scherzhaft davon abzuwenden, die Gefühle erweckte, wie etwa der bejahrte Priester eines fremden Kults sie erregen würde, der mit gerafften Gewändern und wunderlicher Grazie vor dem Opferaltar tanzte. Dann wieder, breit hingelagert in seiner Großartigkeit, den Arm um die benachbarte Stuhllehne geschlungen, zwang er alle zu ihrer Bestürzung, sich mit ihm in die lebendige und durchdringende Vorstellung des Morgens zu vertiefen, eines frostigen, dunklen Wintermorgens, wenn der gelbliche Schein unserer Nachttischlampe sich durch die Fensterscheibe hinausspiegelt zwischen kahles Geäst, das draußen in eisige, krähenschreiharte Nebelfrühe starrt ... Andeutungsweise wußte er diese nüchterne Alltagsanschauung so stark zu machen, daß alle erschauerten, besonders da er auch noch des eiskalten Wassers gedachte, das man sich etwa in solcher Frühe aus einem großen Schwamme über den Nacken drücke, und das er heilig nannte. Das war nur eine Abschweifung, eine beispielhafte Unterweisung in Dingen der Lebensaufmerksamkeit, ein phantastisches Impromptu, das er fallen ließ, um seine dienstliche Eindringlichkeit und Gefühlsgegenwart alsbald der festlich gelösten Nachtstunde wieder zuzuwenden. Er zeigte sich verliebt in all und jede erreichbare Weiblichkeit, wahllos und ohne Ansehen der Person. Er machte der Zwergin Anträge solcher Art, daß das krüppelhafte Wesen sein übergroßes, ältliches Gesicht in grinsende Falten legte, sagte der Stöhr Artigkeiten eines Kalibers, daß die ordinäre Frau ihre Schulter noch ärger vorbog und die Ziererei bis zur völligen Verrücktheit trieb, erbat sich von der Kleefeld einen Kuß auf seinen großen, zerrissenen Mund und scharmierte selbst mit der trostlosen Frau Magnus – dies alles unbeschadet seiner zärtlichen Ergebenheit gegen seine Reisebegleiterin, deren Hand er oft mit galanter Andacht an die Lippen führte. „Der Wein –“ sagte er – „Die Frauen – – Das ist – Das ist nun doch – Erlauben Sie mir – Weltuntergang – – Gethsemane – –“

Gegen zwei Uhr flog die Nachricht auf, „der Alte“ – Hofrat Behrens also – nähere sich in Gewaltmärschen den Konversationsräumen. Panik wütete in demselben Augenblick unter der entnervten Gästeschaft. Stühle und Eiskübel stürzten. Man floh durch das Bibliothekszimmer. Peeperkorn, von königlichem Koller ergriffen bei der jähen Auflösung seines Lebensfestes, schlug wohl mit der Faust auf und sandte den Fortstiebenden etwas von „furchtsamen Sklaven“ nach, ließ sich aber dann durch Hans Castorp und Frau Chauchat bis zu einem gewissen Grade mit dem Gedanken versöhnen, daß dies Gastmahl, das an sechs Stunden gedauert hatte, ohnehin einmal sein Ende habe nehmen müssen, schenkte auch der Mahnung an das heilige Labsal des Schlafes sein Ohr und willigte ein, sich zu Bette geleiten zu lassen.

„Stütze mich, mein Kind! Stütze mich andererseits, junger Mann!“ sagte er zu Frau Chauchat und Hans Castorp. So waren sie seinem schweren Körper beim Aufkommen vom Stuhle behilflich, boten ihm ihre Arme dar, und eingehängt in beide trat er breitbeinig, das mächtige Haupt auf eine seiner hochgezogenen Schultern geneigt und bald den einen, bald den anderen seiner Führer durch die Schwankungen seines Schrittes zur Seite drängend, den Weg zur Ruhe an. Im Grunde war es wohl ein königlicher Luxus, den er sich leistete, indem er sich dieser Art lotsen und stützen ließ. Wahrscheinlich hätte er, wenn es ihm darauf angekommen wäre, auch allein gehen können, – er verschmähte jedoch diese Anstrengung, die ja nur den kleinen und untergeordneten Sinn hätte haben können, seinen Rausch schamhaft zu verbergen, während er sich desselben offenbar nicht nur durchaus nicht schämte, sondern sich im Gegenteil groß und üppig darin gefiel und sich einen königlichen Spaß daraus machte, seine dienenden Führer schwankend nach rechts und links zu stoßen. Er selbst äußerte unterwegs:

„Kinder, – Unsinn, – man ist natürlich gar nicht – Wenn diesen Augenblick – Ihr solltet sehen – Lächerlich –“

„Lächerlich!“ bestätigte Hans Castorp. „Aber ohne jeden Zweifel! Man gibt der klassischen Lebensgabe das ihre, indem man sich freimütig schwanken läßt zu ihren Ehren. Dagegen im Ernst ... Ich habe doch auch mein Teil, aber trotz aller sogenannten Betrunkenheit bin ich mir klar bewußt, daß ich die besondere Ehre habe, eine ausgesprochene Persönlichkeit zu Bett zu bringen, so wenig vermag der Rausch sogar über mich, der ich doch in Hinsicht auf Format überhaupt gar nicht erst in Vergleich komme –“

„Na, du, Schwätzerchen“, sagte Peeperkorn und stieß ihn wankend gegen das Treppengeländer, indem er Frau Chauchat mit sich zog.

Ersichtlich war das Gerücht vom Nahen des Hofrats ein leerer Schreckschuß gewesen. Vielleicht hatte die müde Zwergin ihn abgegeben, um die Geselligkeit zu sprengen. Unter diesen Umständen blieb Peeperkorn stehen und wollte umkehren, um weiter zu trinken; aber von beiden Seiten wurde ihm in besserem Sinne zugeredet, und so ließ er sich wieder in Bewegung setzen.

Der malaiische Kammerdiener, dies Männchen in weißer Krawatte und mit schwarzseidenen Schuhen an den Füßen, erwartete seinen Gebieter auf dem Korridor, vor der Tür des Appartements, und nahm ihn mit einer Verneigung in Empfang, zu der er eine Hand auf die Brust legte.

„Küßt euch!“ gebot Peeperkorn. „Küsse diese reizende Frau zum Schluß auf die Stirn, junger Mann!“ sagte er zu Hans Castorp. „Sie wird nichts dagegen haben und es erwidern. Tut es auf mein Wohl und mit meiner Erlaubnis!“ sagte er; aber Hans Castorp weigerte sich dessen.

„Nein, Eure Majestät!“ sagte er. „Entschuldigen Sie, das geht nicht.“

Peeperkorn, an den Kammerdiener gelehnt, zog seine Arabesken hoch und verlangte zu wissen, warum das nicht gehe.

„Weil ich mit Ihrer Reisebegleiterin keine Stirnküsse tauschen kann“, sagte Hans Castorp. „Ich wünsche recht wohl zu ruhen! Nein, das wäre, von allen Seiten gesehen, der reine Unsinn.“

Und da auch Frau Chauchat schon auf ihre Zimmertür zuging, so ließ Peeperkorn den Widerspenstigen ziehen, indem er ihm freilich noch eine Weile über die eigene Schulter und die des Malaien mit angezogenem Faltenwerk nachblickte, erstaunt über eine Unbotmäßigkeit, auf die seine Herrschernatur nicht zu stoßen gewohnt sein mochte.

Mynheer Peeperkorn (Des Weiteren)

Mynheer Peeperkorn blieb in Haus Berghof während dieses ganzen Winters – soviel davon noch übrig war – und bis ins Frühjahr hinein, so daß es zuletzt noch zu einem recht denkwürdigen gemeinsamen Ausflug (auch Settembrini und Naphta waren dabei) ins Flüelatal und zum dortigen Wasserfall kam ... Zuletzt noch? Und danach blieb er also nicht länger? – Nein, länger nicht. – Er reiste ab? – Ja und nein. – Ja und nein? Bitte, keine Geheimniskrämerei! Man wird sich zu fassen wissen. Auch Leutnant Ziemßen ist gestorben, von so vielen minder ehrenhaften Tänzern des Todes ganz abgesehen. Der undeutliche Peeperkorn wurde also vom malignen Tropenfieber dahingerafft? – Nein, das wurde er nicht, aber wozu die Ungeduld? Daß nicht alles auf einmal da ist, bleibt als Bedingung des Lebens und der Erzählung zu achten, und man wird sich doch wohl gegen die gottgegebenen Formen menschlicher Erkenntnis nicht auflehnen wollen! Geben wir der Zeit wenigstens soviel Ehre, wie das Wesen unserer Geschichte uns noch erlaubt! Viel ist es ohnehin nicht mehr damit, es geht nachgerade holterdiepolter! oder, wenn das zu lärmend gesagt ist, es geht husch, husch! Ein Weiserchen mißt unsere Zeit, das trippelt, als ob es Sekunden mäße, während es jedesmal, Gott weiß, was, zu bedeuten hat, wenn es kaltblütig und ohne Aufenthalt durch seinen Höhepunkt geht. Schon Jahre, soviel ist sicher, sind wir hier oben, uns schwindelt, das ist ein Lastertraum ohne Opium und Haschisch, der Sittenrichter wird uns verurteilen, – und doch stellen wir der schlimmen Umnebelung absichtlich viel Verstandeshelligkeit und logische Schärfe entgegen! Nicht zufällig, das möge anerkannt werden, haben wir uns Köpfe wie die Herren Naphta und Settembrini zum Umgang erwählt, statt uns etwa gar mit lauter undeutlichen Peeperkorns zu umgeben, – und das führt nun freilich zu einem Vergleich, der in mancher Hinsicht und namentlich im Punkte des Formats zugunsten dieser späten Erscheinung ausschlagen muß, wie er es denn auch in Hans Castorps Gedanken tat, wenn er in seiner Loge lag und sich gestand, daß die beiden überartikulierten Erzieher, die seine arme Seele in die Mitte genommen, neben Pieter Peeperkorn geradezu verzwergten, so daß er geneigt war, sie zu nennen, wie jener in königlich trunkener Neckerei ihn selbst genannt hatte, nämlich „Schwätzerchen“, und es sehr gut und glücklich hieß, daß die hermetische Pädagogik ihn auch mit einer ausgemachten Persönlichkeit noch in Berührung brachte.

Daß diese Persönlichkeit als Clawdia Chauchats Reisebegleiter und also als gewaltige Störung auf den Plan trat, war ein Punkt für sich, durch den sich Hans Castorp in seinen Wertungen nicht beirren ließ. Er ließ sich, wiederholen wir, nicht beirren in seiner aufrichtig achtungsvollen, wenn auch zuweilen etwas kecken Teilnahme für einen Mann von Format, – nur weil dieser gemeinsame Reisekasse führte mit der Frau, von der Hans Castorp sich in der Faschingsnacht einen Bleistift geliehen. Das lag nicht in seiner Art, – wobei wir durchaus damit rechnen, daß mancher oder manche in unserem Zirkel Anstoß nehmen wird an solcher „Temperamentlosigkeit“ und es lieber sehen würde, wenn er Peeperkorn gehaßt und gemieden und innerlich von ihm nur als von einem alten Esel und kaudernden Trunkenbold gesprochen hätte, statt ihn zu besuchen, wenn er vom Wechselfieber gepackt war, an seinem Bette zu sitzen, mit ihm zu plaudern – ein Wort, das natürlich nur auf seine Beiträge zu den Gesprächen paßt, nicht auf die des großartigen Peeperkorn – und mit der Neugier eines Bildungsreisenden das Wesen der Persönlichkeit auf sich wirken zu lassen. Das aber tat er, und wir erzählen es, gleichgültig gegen die Gefahr, daß jemand sich dadurch an Ferdinand Wehsal erinnert finden könnte, der Hans Castorps Paletot getragen hatte. Diese Erinnerung hat nichts zu sagen. Unser Held war kein Wehsal. Elendstiefen waren nicht seine Sache. Er war nur eben kein „Held“, das heißt: er ließ sein Verhältnis zum Männlichen nicht durch die Frau bestimmen. Unserem Grundsatz getreu, ihn weder besser noch schlechter zu machen, als er war, stellen wir fest, daß er es einfach ablehnte – nicht bewußt und ausdrücklich, sondern ganz naiverweise es ablehnte, sich durch romanhafte Einflüsse um die Gerechtigkeit gegen das eigene Geschlecht bringen zu lassen – und um den Sinn für förderliche Bildungserlebnisse in dieser Sphäre. Das mag den Frauen mißfallen – wir glauben zu wissen, daß Frau Chauchat unwillkürlich Ärgernis daran nahm; eine oder die andere spitze Bemerkung, die sie sich entschlüpfen ließ, und die wir noch einrücken werden, ließ darauf schließen –, aber vielleicht war es diese Eigenschaft, die ihn zu einem so tauglichen Streitobjekt der Pädagogik machte.

Pieter Peeperkorn lag viel krank, – daß er es gleich am Tage nach jenem ersten Karten- und Sektabend tat, konnte nicht wundernehmen. Fast alle Teilnehmer an der ausgedehnten und angespannten Geselligkeit waren übel daran, Hans Castorp nicht ausgenommen, der starke Kopfschmerzen hatte, sich aber durch diese Last nicht abhalten ließ, dem Gastgeber von gestern einen Krankenbesuch zu machen: Durch den Malaien, den er auf dem Korridor des ersten Stockwerks traf, ließ er das Anerbieten an Peeperkorn ergehen und wurde willkommen geheißen.

Er betrat das zweibettige Schlafzimmer des Holländers durch einen Salon, der es von demjenigen Frau Chauchats trennte, und fand es vor dem Durchschnittstypus der Berghofgastzimmer ausgezeichnet durch Geräumigkeit und Eleganz der Ausstattung. Es gab da seidene Fauteuils und Tische mit geschweiften Beinen; ein weicher Teppich bedeckte den Boden, und auch die Betten waren nicht vom Schlage gewöhnlicher hygienischer Totenbetten, sie waren sogar prachtvoll: aus poliertem Kirschholz mit Messingbeschlägen und hatten einen kleinen gemeinsamen Himmel – ohne Gardinengehänge –, es war eben nur ein kleiner, schirmend vereinigender Baldachin.

Peeperkorn lag in der einen der beiden Bettstätten, Bücher, Briefe und Zeitungen auf der rotseidenen Steppdecke, und las durch seinen hochragenden Hornzwicker den „Telegraaf“. Kaffeegeschirr stand auf einem Stuhle neben ihm und eine halbgeleerte Rotweinflasche – es war der naiv Spritzige von gestern Abend – neben Medizingläsern auf dem Nachttischchen. Der Holländer trug zu Hans Castorps bescheidenem Befremden kein weißes Hemd, sondern ein wollenes mit langen Ärmeln, das an den Handgelenken geknöpft und ohne Halskragen war, rund ausgeschnitten vielmehr, den breiten Schultern und der mächtigen Brust des alten Mannes glatt anliegend: Die menschliche Großartigkeit seines Hauptes auf dem Kissen ward noch gehoben, dem Bürgerlichen entrückt durch diese Tracht, die seiner Erscheinung ein teils volkstümlich-arbeitermäßiges, teils verewigt-büstenartiges Gepräge verlieh.

„Durchaus, junger Mann“, sagte er, indem er den Hornzwicker am hohen Bügel ergriff und ihn abhob. „Ich bitte sehr, – keineswegs. Im Gegenteil.“ Und Hans Castorp setzte sich zu ihm und verbarg seine teilnehmende Verwunderung – wenn nicht gar wirkliche Bewunderung das Gefühl war, zu dem seine Gerechtigkeit ihn nötigte – hinter freundlich aufgewecktem Geschwätz, dem Peeperkorn mit großartigen Abgerissenheiten und eindringlichstem Gestenspiel sekundierte. Er sah nicht gut aus, gelb, recht leidend und mitgenommen. Gegen Morgen hatte er einen starken Fieberanfall gehabt, dessen Mattigkeitsfolgen sich nun mit den Nachwehen des Rausches verbanden.

„Wir haben es gestern arg –“, sagte er. „Nein, erlauben Sie, – schlimm und arg! Sie sind noch – gut, da hat es nichts weiter – Allein in meinen Jahren und bei meiner gefährdeten – Mein Kind“, wandte er sich mit zarter, aber entschiedener Strenge an die eben vom Salon her eintretende Frau Chauchat, „– alles gut, aber ich wiederhole Ihnen, daß besser hätte achtgegeben, daß man mich hätte hindern müssen –.“ Fast etwas wie aufziehender Königskoller war in seinen Mienen und seiner Stimme bei diesen Worten. Aber man brauchte sich ja nur vorzustellen, was für ein Wetter erst ausgebrochen wäre, wenn man ihn ernstlich im Trinken hätte stören wollen, um die ganze Unbilligkeit und Unvernunft seines Vorwurfs zu ermessen. Dergleichen gehört wohl zur Größe. Seine Reisebegleiterin ging denn auch drüber hin, indem sie Hans Castorp, der sich erhoben hatte, begrüßte, – übrigens ohne ihm die Hand zu reichen, sondern nur mit Lächeln und Winken und der Aufforderung, „doch nur ja“ Platz zu behalten, sich „doch nur ja nicht“ in seinem tête à tête mit Mynheer Peeperkorn stören zu lassen ... Sie machte sich dies und jenes im Zimmer zu schaffen, wies den Kammerdiener an, das Kaffeegeschirr fortzuräumen, verschwand auf eine Weile und kehrte auf leisen Sohlen wieder, um im Stehen sich ein wenig an dem Gespräch zu beteiligen, oder – wenn wir Hans Castorps unbestimmten Eindruck wiedergeben sollen – um es ein wenig zu überwachen. Natürlich! Sie konnte in Verbindung mit einer Persönlichkeit großen Formats wieder nach Haus Berghof zurückkehren; aber wenn derjenige, der hier so lange auf sie gewartet hatte, dann der Persönlichkeit die schuldige Reverenz erwies, von Mann zu Mann, so legte sie Unruhe und selbst Spitzigkeit an den Tag, mit ihrem „doch nur ja“ und „nur ja nicht“. Hans Castorp lächelte darüber, indem er sich über seine Knie beugte, um das Lächeln zu verbergen, und erglühte gleichzeitig innerlich vor Freude.

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