Sechstes Kapitel (continued 3)
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Er riß das Thermometer aus dem Munde, so heftig, wie vorher nur einmal: nach erster Benutzung, nachdem die Oberin ihm eben das zierliche Werkzeug verkauft, und blickte mit ebensolcher Begierde wie damals darauf nieder. Merkurius war kräftig emporgewandert, er zeigte siebenunddreißig-acht, fast -neun.
Hans Castorp warf die Decken von sich, sprang auf und tat einen schnellen Gang ins Zimmer, zur Korridortür und zurück. Dann, wieder in horizontaler Lage, rief er leise Joachim an und fragte nach dessen Kurve.
„Ich messe nicht mehr“, antwortete Joachim.
„Na, ich habe Tempus“, sagte Hans Castorp, das Wort in Nachfolge Frau Stöhrs nach Analogie von „Schampus“ behandelnd; worauf Joachim hinter der Glaswand sich schweigend verhielt.
Auch später sagte er nichts, an diesem Tag und den folgenden, forschte mit Worten nicht nach des Vetters Plänen und Entschlüssen, die sich ganz von selbst, bei knapp gesetzter Frist, offenbaren mußten: durch Handlungen oder das Unterlassen von Handlungen, und das taten sie, nämlich durch letzteres. Er schien es mit dem Quietismus zu halten, der hatte wissen wollen, daß Handeln Gott beleidigen heiße, der es allein tun wolle. Jedenfalls hatte Hans Castorps Aktivität in diesen Tagen sich auf einen Besuch bei Behrens beschränkt, eine Rücksprache, von der Joachim wußte, und deren Verlauf und Ergebnis er sich an fünf Fingern ausrechnen konnte. Sein Vetter hatte erklärt, er erlaube sich, auf des Hofrats frühere vielfältige Ermahnungen, seinen Fall hier gründlich auszuheilen, damit er niemals wiederkommen müsse, mehr Gewicht zu legen, als auf das rasche Wort einer unwilligen Minute; er habe 37,8, er könne sich nicht als rite entlassen fühlen, und wenn des Hofrats Äußerung von neulich nicht etwa als Relegation zu verstehen gewesen sei, zu welcher Maßregel Anlaß gegeben zu haben er, Sprecher, sich nicht bewußt sei, so habe er, nach ruhiger Überlegung und in bewußtem Gegensatz zu Joachim Ziemßen, beschlossen, noch hier zu bleiben und seine völlige Entgiftung abzuwarten. Worauf der Hofrat ziemlich wörtlich erwidert hatte: „Bon und schön!“ und: „Nichts für ungut!“ und: das heiße er wie ein vernünftiger Kerl reden, und: er habe es doch gleich gesehen, daß Hans Castorp mehr Talent zum Patienten habe, als dieser Durchgänger und Haudegen da. Und so fort.
Dies also war, nach Joachims annähernd genauer Kalkulation, der Hergang des Gespräches gewesen, und so sagte er nichts und stellte eben nur schweigend fest, daß Hans Castorp sich seinen die Abreise vorbereitenden Schritten nicht anschloß. Wieviel hatte aber auch der gute Joachim mit sich selber zu tun! Er konnte sich wirklich um Schicksal und Verbleib des Vetters nicht weiter kümmern. Ein Sturm wogte in seiner Brust, – man kann es sich denken. Nur gut, vielleicht, daß er sich nicht mehr maß, sondern sein Instrument, angeblich, indem er es hatte fallen lassen, zerbrochen hatte: Messungen hätten beirrende Ergebnisse zeitigen mögen, – so furchtbar aufgeregt, bald dunkel glühend, bald bleich vor Freude und Spannung, wie Joachim war. Er konnte nicht mehr liegen; den ganzen Tag ging er in seinem Zimmer auf und ab, wie Hans Castorp hörte: zu all den Stunden, viermal am Tage, in welchen auf „Berghof“ die Horizontale herrschte. Anderthalb Jahre! Und nun hinunter ins Flachland, nach Hause, nun wirklich zum Regiment, wenn auch nur mit halber Erlaubnis! Das war keine Kleinigkeit, in keinem Sinne, Hans Castorp fühlte es dem ruhelos wandernden Vetter nach. Achtzehn Monate, den vollen Jahreszirkel und dann die Hälfte noch einmal durchlaufen hier oben, tief eingelebt, eingefahren in dieses Ordnungsgeleis, diesen unverbrüchlichen Lebensgang, den er in siebenmal siebenzig Tagen zu allen Gezeiten erprobt, – und nun nach Haus in die Fremde, zu den Unwissenden! Welche Akklimatisationsschwierigkeiten mochten da drohen? Und durfte man sich wundern, wenn Joachims große Aufregung nicht nur aus Freude bestand, sondern auch Bangigkeit, Weh des Abschieds vom durch und durch Gewohnten ihn durch sein Zimmer trieb? – Von Marusja hier ganz zu schweigen.
Aber die Freude überwog. Herz und Mund gingen dem guten Joachim über davon; er sprach von sich, er ließ des Vetters Zukunft auf sich beruhen. Er sprach davon, wie neu und erfrischt alles sein werde, das Leben, er selbst, die Zeit – jeder Tag, jede Stunde. Solide Zeit werde er wieder haben, langsam gewichtige Jugendjahre. Er sprach von seiner Mutter, Hans Castorps Stieftante Ziemßen, die ebenso sanfte, schwarze Augen hatte, wie Joachim, und die dieser all die Bergzeit her nicht gesehen, da sie, hingehalten von Monat zu Monat, von Halbjahr zu Halbjahr gleich ihm, zu einem Besuche des Sohnes sich nie entschlossen hatte. Er sprach mit begeistertem Lächeln vom Fahneneid, den er nun baldigst ablegen würde –: in Gegenwart der Fahne wurde er unter feierlichen Umständen geleistet, ihr selbst, der Standarte wurde er zugeschworen. „Nanu?“ fragte Hans Castorp. „Ernstlich? Der Stange? Dem Fetzen Tuch?“ – Ja, allerdings; und bei der Artillerie dem Geschütz, symbolischer Weise. – Das seien ja schwärmerische Sitten, meinte der Zivilist, empfindsam-fanatische, könne man sagen; wozu Joachim stolz und glücklich mit dem Kopfe nickte.
Er ging auf in Vorbereitungen, er beglich seine Schlußnota auf der Verwaltung, begann schon Tage vor dem selbstgesetzten Termin mit dem Kofferpacken. Sommer- und Winterzeug packte er ein und ließ den Pelzsack nebst den Kamelhaardecken vom Hausdiener in Sackleinen nähen: vielleicht, daß er sie im Manöver einmal gebrauchen konnte. Er fing an, Lebewohl zu sagen. Er machte Abschiedsvisite bei Naphta und Settembrini – allein, denn sein Vetter schloß sich nicht an bei diesem Gange und fragte auch nicht, was Settembrini zu Joachims bevorstehender Abreise und Hans Castorps bevorstehender Nicht-Abreise gemeint und geäußert: ob er nun „Szieh, szieh“ oder „Szo, szo“ gesagt hatte, oder beides, oder „Poveretto“, das mußte ihm gleichgültig bleiben.
Dann kam der Vorabend der Abreise, wo Joachim alles zum letztenmal absolvierte, jede Mahlzeit, jede Liegekur, jeden Lustwandel, und von den Ärzten, der Oberin Urlaub nahm. Und es tagte der Morgen selbst: heißäugig und mit kalten Händen kam Joachim zum Frühstück, denn er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, nahm auch kaum einen Bissen zu sich und schnellte, als die Zwergin meldete, das Gepäck sei aufgeschnallt, hastig vom Stuhl, um von den Tischgenossen zu scheiden. Frau Stöhr vergoß Tränen, die leicht fließenden, salzlosen Tränen der Ungebildeten, beim Lebewohl und zeigte gleich darauf hinter Joachims Rücken der Lehrerin mit Kopfschütteln und gespreizt hin und her gedrehter Hand eine faule Miene voll überaus ordinärer Zweifelsucht in Hinsicht auf Joachims Befugnis zur Abreise und auf sein Wohlergehen. Hans Castorp sah es, indem er im Stehen seine Tasse austrank, um dem Vetter auf dem Fuße zu folgen. Noch gab es Trinkgelder zu reichen, den amtlichen Abschiedsgruß eines Gesandten der Verwaltung im Vestibül zu erwidern. Wie immer standen Patienten bereit, der Abfahrt zuzusehen: Frau Iltis mit dem „Sterilett“, die elfenbeinfarbene Levi, der ausschweifende Popów mit seiner Braut. Sie winkten mit Tüchern, während der Wagen, am Hinterrad gebremst, die Anfahrt hinabschurrte. Joachim hatte Rosen erhalten. Er trug einen Hut auf dem Kopf. Hans Castorp nicht.
Der Morgen war prächtig, der erste sonnige nach langer Trübe. Das Schiahorn, die Grünen Türme, die Kuppe des Dorfberges standen unveränderlich wahrzeichenhaft vor der Bläue, und Joachims Augen ruhten darauf. Fast schade, meinte Hans Castorp, daß gerade zur Abreise so schönes Wetter geworden. Es läge Bosheit darin, und ein recht unwirtlicher Schlußeindruck erleichtere jede Trennung. Worauf Joachim: der Erleichterung bedürfe er nicht, und das sei vorzügliches Ausbildungswetter, er könne es drunten wohl brauchen. Sonst sprachen sie wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und zwischen ihnen, gab es freilich nichts Rechtes zu sagen. Auch hatten sie vor sich den Hinkenden auf dem Bock neben dem Kutscher.
Hochsitzend, gestoßen auf den harten Kissen des Kabrioletts, hatten sie den Wasserlauf, das schmale Geleise zurückgelassen, fuhren sie hin auf der unregelmäßig bebauten, der Eisenbahn gleichlaufenden Straße und hielten auf steinigem Platz vorm Bahnhofsgebäude von „Dorf“, das nicht viel mehr als ein Schuppen war. Hans Castorp erkannte alles mit Schrecken wieder. Seit seiner Ankunft vor dreizehn Monaten, bei einfallender Dämmerung, hatte er die Station nicht wieder gesehen. „Hier bin ich ja angekommen“, sagte er überflüssigerweise, und Joachim antwortete nur: „Tja, das bist du“, und entlohnte den Kutscher.
Der rührige Hinkende besorgte alles, den Fahrschein, das Gepäck. Sie standen beieinander auf dem Perron, am Miniaturzuge, neben dem kleinen, grau gepolsterten Wagenabteil, worin Joachim mit Mantel, Plaidrolle und Rosen einen Platz belegt hatte. „Na, dann schwöre du nur deinen schwärmerischen Eid!“ sagte Hans Castorp, und Joachim erwiderte: „Wird gemacht.“ Was noch? Letzte Grüße trugen sie einander auf, Grüße an die dort unten, an die hier oben. Dann zeichnete Hans Castorp nur noch mit seinem Stock auf dem Asphalt. Als zum Einsteigen gerufen wurde, fuhr er auf, sah Joachim an und dieser ihn. Sie gaben einander die Hand. Hans Castorp lächelte unbestimmt; des andren Augen waren ernst und traurig dringlich. „Hans!“ sagte er – allmächtiger Gott! hatte sich etwas so Peinliches schon je in der Welt ereignet? Er redete Hans Castorp mit Vornamen an! Nicht mit „Du“ oder „Mensch“, wie sie es ihrer Lebtag gehalten hatten, sondern aller Sittensprödigkeit zum Trotz und peinlichst überschwänglicher Weise mit Vornamen! „Hans“, sagte er und drückte mit dringlicher Angst dem Vetter die Hand, während dieser bemerken mußte, daß dem Übernächtigen, Reisefiebrigen, Erschütterten das Genick zitterte, wie ihm beim „Regieren“ – „Hans“, sagte er inständig, „komm bald nach!“ Dann schwang er sich aufs Trittbrett. Die Tür schlug zu, es pfiff, die Wagen stießen aneinander, die kleine Lokomotive zog an, der Zug entglitt. Der Reisende winkte durchs Fenster mit dem Hut, der Zurückbleibende mit der Hand. Zerwühlten Herzens stand er noch lange, allein. Dann ging er langsam den Weg zurück, den Joachim ihn vor Jahr und Tag geführt.
Abgewiesener Angriff
Das Rad schwang. Der Weiser rückte. Knabenkraut und Akelei waren verblüht, die wilde Nelke ebenfalls. Die tiefblauen Sterne des Enzian, die Herbstzeitlose, blaß und giftig, zeigten sich wieder im feuchten Grase, und über den Waldungen lag es rötlich. Herbstnachtgleiche war vorüber, Allerseelen in Sicht und für geübtere Zeitverbraucher wohl auch der erste Advent, der kürzeste Tag und das Weihnachtsfest. Noch aber reihten sich schöne Oktobertage – Tage von der Art dessen, an dem die Vettern des Hofrats Ölgemälde besichtigt hatten.
Seit Joachims Weggang saß Hans Castorp nicht mehr am Tische der Stöhr, nicht mehr an demjenigen, von dem Dr. Blumenkohl weggestorben war, und an dem Marusja ihre unbegründete Heiterkeit im Apfelsinentüchlein erstickt hatte. Neue Gäste saßen jetzt dort, völlig fremde. Unser Freund aber hatte, zweieinhalb Monate tief in sein zweites Jahr eingerückt, von der Verwaltung einen anderen Platz zugewiesen bekommen, an einem Nachbartische, der schräg vor dem alten stand, weiter gegen die linke Verandatür, zwischen seinem ehemaligen und dem Guten Russentisch, kurzum am Tisch Settembrinis. Ja, an des Humanisten verwaistem Platze saß Hans Castorp jetzt, am Tischende wiederum, gegenüber dem Doktor-Sitz, der an jeder der sieben Tafeln dem Hofrat und seinem Famulus zum Hospitieren aufgespart blieb.
Dort oben, links von dem medizinischen Präsidium, hockte auf mehreren Kissen der bucklige Amateur-Photograph aus Mexiko, dessen Gesichtsausdruck vermöge sprachlicher Einsamkeit der eines Tauben war, und ihm zur Seite hatte das ältliche Fräulein aus Siebenbürgen ihren Platz, das, wie schon Herr Settembrini geklagt hatte, das Interesse aller Welt für ihren Schwager in Anspruch nahm, obgleich niemand etwas von diesem Menschen wußte, noch wissen wollte. Ein Stöckchen mit Tulasilberkrücke, dessen sie sich auch bei ihren Dienstpromenaden bediente, quer im Nacken, sah man sie zu bestimmten Stunden des Tages an der Brüstung ihrer Balkonloge ihre tellerflache Brust in hygienischen Tiefatmungen dehnen. Ein tschechischer Mann saß ihr gegenüber, den man Herr Wenzel nannte, da niemand seinen Familiennamen auszusprechen verstand. Herr Settembrini hatte sich seinerzeit zuweilen darin versucht, die krause Konsonantenfolge hervorzustoßen, aus der dieser Name bestand, – gewiß nicht in ehrlichem Bemühen, sondern nur um die vornehme Hilflosigkeit seiner Latinität an dem wilden Lautgestrüpp heiter zu erproben. Obwohl feist wie ein Dachs und von einer selbst unter Denen hier oben erstaunlich sich hervortuenden Eßlust, versicherte der Böhme seit vier Jahren, daß er sterben müsse. Bei der Abendgeselligkeit klimperte er zuweilen auf einer bebänderten Mandoline die Lieder seiner Heimat und erzählte von seiner Zuckerrübenplantage, auf der lauter hübsche Mädchen arbeiteten. Schon in Hans Castorps Nähe folgten dann zu beiden Seiten des Tisches Herr und Frau Magnus, die Bierbrauersehegatten aus Halle. Melancholie umgab dieses Paar atmosphärisch, da beide lebenswichtige Stoffwechselprodukte, Herr Magnus Zucker, Frau Magnus dagegen Eiweiß, verloren. Die Gemütsverfassung, namentlich der bleichen Frau Magnus, schien jedes Einschlages von Hoffnung zu entbehren; Geistesöde ging wie ein kelleriger Hauch von ihr aus, und fast noch ausdrücklicher als die ungebildete Stöhr stellte sie jene Vereinigung von Krankheit und Dummheit dar, an der Hans Castorp, getadelt deswegen von Herrn Settembrini, geistigen Anstoß genommen hatte. Herr Magnus war regeren Sinnes und gesprächiger, wenn auch nur in der Art, die ehemals Settembrinis literarische Ungeduld erregt hatte. Auch neigte er zum Jähzorn und stieß öfters mit Herrn Wenzel aus politischen und sonstigen Anlässen feindlich zusammen. Denn ihn erbitterten die nationalen Aspirationen des Böhmen, der sich überdies zum Antialkoholismus bekannte und über den Erwerbszweig des Brauers moralisch Absprechendes äußerte, wogegen dieser mit rotem Kopf die sanitäre Unanfechtbarkeit des Getränkes vertrat, mit dem seine Interessen so innig verbunden waren. Bei solchen Gelegenheiten hatte früher Herr Settembrini humoristisch ausgleichend gewirkt; Hans Castorp aber, an seiner Statt, fand sich wenig geschickt und konnte nicht hinreichende Autorität in Anspruch nehmen, ihn darin zu ersetzen.
Nur mit zwei Tischgenossen verbanden ihn persönlichere Beziehungen: A. K. Ferge aus Petersburg, sein Nachbar zur Linken, war der eine, dieser gutmütige Dulder, der unter dem Gebüsch seines rotbraunen Schnurrbarts hervor von Gummischuhfabrikation und fernen Gegenden, dem Polarkreis, dem ewigen Winter am Nordkap erzählte, und mit dem Hans Castorp sogar zuweilen einen dienstlichen Lustwandel gemeinsam zurücklegte. Der andere aber, der sich ihnen dabei, so oft es sich treffen wollte, als Dritter anschloß, und der am oberen Tafelende, gegenüber dem mexikanischen Buckligen, seinen Platz hatte, war der dünnhaarige Mannheimer mit schlechten Zähnen, Wehsal mit Namen, Ferdinand Wehsal und Kaufmann seines Zeichens, er, dessen Augen stets mit so trüber Begierde an Frau Chauchats anmutiger Person gehangen hatten, und der seit Fastnacht Hans Castorps Freundschaft suchte.
Er tat es mit Zähigkeit und Demut, einer von unten blickenden Hingebung, die für den Betroffenen viel Widrig-Schauerliches hatte, da er ihren komplizierten Sinn begriff, der aber menschlich zu begegnen er sich anhielt. Ruhig blickend, da er wußte, daß ein leichtes Zusammenziehen der Brauen genügte, um den elend Empfindenden sich ducken und zurückschrecken zu lassen, duldete er das dienerische Wesen Wehsals, der jede Gelegenheit wahrnahm, sich vor ihm zu verneigen und ihm schön zu tun, duldete sogar, daß jener ihm zuweilen beim Lustwandel den Überzieher trug – mit einer gewissen Andacht trug er ihn über dem Arm –, duldete endlich des Mannheimers Gespräch, das trübe war. Wehsal war erpicht, Fragen aufzuwerfen, wie die, ob es Sinn und Verstand habe, einer Frau, die man liebe, die aber nichts von einem wissen wolle, seine Liebe zu erklären – die aussichtslose Liebeserklärung, was die Herren davon hielten. Er für sein Teil halte Höchstes davon, sei der Meinung, daß sich unendliches Glück damit verbinde. Wenn nämlich der Akt des Geständnisses zwar Ekel errege und viel Selbsterniedrigung berge, so stelle er doch für den Augenblick die volle Liebesnähe des begehrten Gegenstandes her, reiße diesen ins Vertrauen, in das Element der eigenen Leidenschaft, und wenn damit freilich alles zu Ende sei, so sei der ewige Verlust mit der Verzweiflungswonne eines Augenblicks nicht überzahlt; denn das Bekenntnis bedeute Gewalt, und je größer der widerstehende Abscheu dagegen sei, desto genußreicher –. Hier scheuchte eine Verfinsterung von Hans Castorps Miene Wehsal zurück, was aber mehr in Hinsicht auf die Gegenwart des gutmütigen Ferge geschah, dem, wie er oft betonte, alle höheren und schwierigeren Gegenstände völlig fern lagen, als aus sittenrichterlicher Steifigkeit auf Seiten unseres Helden. Denn, da wir immer gleich weit entfernt bleiben, diesen besser oder schlechter machen zu wollen, als er war, so sei mitgeteilt, daß, als der arme Wehsal eines abends unter vier Augen mit bleichen Worten in ihn drang, ihm von den Erlebnissen und Erfahrungen der nachgesellschaftlichen Fastnacht doch um Gottes willen Näheres zu vertrauen, Hans Castorp ihm mit ruhiger Güte willfahrte, ohne daß, wie der Leser glauben mag, dieser gedämpften Szene irgend etwas niedrig Leichtfertiges angehaftet hätte. Dennoch haben wir Gründe, ihn und uns davon auszuschließen und fügen nur noch an, daß Wehsal danach mit verdoppelter Hingabe den Paletot des freundlichen Hans Castorp trug.
Soviel von Hansens neuer Tischgenossenschaft. Der Platz zu seiner Rechten war frei, war nur vorübergehend besetzt, nur einige Tage lang: von einem Hospitanten, wie er es einst gewesen, einem Verwandtenbesuch, Gast aus dem Flachlande und Sendboten von dort, wie man sagen mochte, – mit einem Worte von Hansens Onkel James Tienappel.
Das war abenteuerlich, daß plötzlich ein Vertreter und Abgesandter der Heimat neben ihm saß, die Atmosphäre des Alten, Versunkenen, des früheren Lebens, einer tiefliegenden „Oberwelt“ noch frisch im Gewebe seines englischen Anzugs tragend. Aber es hatte kommen müssen. Längst hatte Hans Castorp im stillen mit einem solchen Vorstoß des Flachlandes gerechnet und sogar die Persönlichkeit, die sich nun wirklich mit der Erkundung betraut zeigte, ganz zutreffend dafür in Aussicht genommen, – was eben nicht schwer gewesen war; denn Peter, der seefahrende, kam wenig dafür in Frage, und vom Großonkel Tienappel selbst stand fest, daß keine zehn Pferde ihn je in diese Gegenden schleppen würden, von deren Luftdruckverhältnissen er alles zu fürchten hatte. Nein, James mußte es sein, der sich nach dem Abhandengekommenen im heimatlichen Auftrage umsehen würde; schon früher war er erwartet. Seit aber Joachim allein zurückgekehrt war und im Verwandtenkreis von der hiesigen Sachlage Nachricht gegeben hatte, war der Angriff fällig und überfällig, und so war denn Hans Castorp nicht im geringsten verblüfft, als, knappe vierzehn Tage nach Joachims Abreise, der Concierge ihm ein Telegramm überhändigte, das, ahnungsvoll geöffnet, sich als James Tienappels kurzfristige Anmeldung erwies. Er hatte auf Schweizer Boden zu tun und sich zu dem Gelegenheitsausflug in Hansens Höhe entschlossen. Übermorgen war er zu erwarten.
„Gut“, dachte Hans Castorp. „Schön“, dachte er. Und sogar etwas wie „Bitte sehr!“ fügte er innerlich hinzu. „Wenn du eine Ahnung hättest!“ sagte er in Gedanken zu dem sich Nähernden. Mit einem Worte, er nahm die Meldung mit großer Ruhe auf, gab sie übrigens an Hofrat Behrens und an die Verwaltung weiter, ließ ein Zimmer bereitstellen – das Zimmer Joachims war noch zur Verfügung – und fuhr am übernächsten Tage, um die Stunde seiner eigenen Ankunft, abends gegen acht also, es war schon dunkel, mit demselben harten Vehikel, in dem er Joachim fortgeleitet, zum Bahnhof „Dorf“, um den Sendboten des Flachlandes abzuholen, der nach dem Rechten sehen wollte.
Zinnoberrot, ohne Hut, im bloßen Anzug, stand er am Rande des Bahnsteiges, als das Züglein einrollte, stand unter dem Fenster seines Verwandten und forderte ihn auf, nur immer herauszukommen, denn er sei da. Konsul Tienappel – er war Vizekonsul, entlastete den Alten auch auf diesem ehrenamtlichen Gebiete sehr dankenswert –, verfroren in seinen Wintermantel gehüllt, denn wirklich war der Oktoberabend empfindlich kalt, nicht viel fehlte und es hätte von klarem Frost die Rede sein können, ja, gegen Morgen würde es sicher frieren, entstieg dem Abteil in überraschter Heiterkeit, die er in den etwas dünnen, sehr zivilisierten Formen des feinen nordwestdeutschen Herrn verlautbarte, begrüßte den vetterlichen Neffen unter betonten Ausdrücken der Genugtuung über sein vorzügliches Aussehen, sah sich vom Hinkenden aller Sorge um sein Gepäck überhoben und erkletterte draußen mit Hans Castorp den hohen und harten Sitz ihres Gefährtes. Unter reichem Sternenhimmel fuhren sie dahin, und Hans Castorp, den Kopf zurückgelegt und den Zeigefinger in der Luft, erläuterte dem Onkel-Cousin die oberen Gefilde, faßte mit Wort und Gebärde ein und das andere funkelnde Sternbild zusammen und nannte Planeten bei Namen, – während jener, aufmerksam mehr auf die Person seines Begleiters als auf den Kosmos, sich innerlich sagte, daß es zwar möglich sei und nicht geradezu verrückt anmute, jetzt, hier und sofort gerade von Sternen zu sprechen, daß aber doch manches andere näher gelegen hätte. Seit wann er denn da oben so sicher Bescheid wisse, fragte er Hans Castorp; worauf dieser erwiderte, das sei ein Erwerb der abendlichen Liegekur auf dem Balkon im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. – Wie? bei Nacht liege er auf dem Balkon? – O ja. Und der Konsul werde es auch tun. Es werde ihm nichts anderes übrigbleiben.
„Gewiß, selbstvers-tändlich“, sagte James Tienappel entgegenkommend und etwas eingeschüchtert. Sein Pflegebruder sprach ruhig und eintönig. Ohne Hut, ohne Paletot saß er neben ihm in der frostnahen Frische des Herbstabends. „Dich friert wohl gar nicht?“ fragte ihn James; denn er selbst zitterte unter dem zolldicken Tuch seines Mantels, und seine Sprechweise hatte etwas zugleich Hastiges und Lahmes, da seine Zähne eine Neigung bekundeten, aneinanderzuschlagen. „Uns friert nicht“, antwortete Hans Castorp ruhig und kurz.
Der Konsul konnte ihn nicht genug von der Seite betrachten. Hans Castorp erkundigte sich nicht nach den Verwandten und Bekannten zu Hause. Grüße von dort, die James übermittelte, auch diejenigen Joachims, der bereits beim Regiment sei und vor Glück und Stolz leuchte, empfing er ruhig dankend, ohne auf die Umstände der Heimat weiter einzugehen. Beunruhigt durch ein unbestimmtes Etwas, von dem er sich nicht zu sagen wußte, ob es von dem Neffen ausging oder etwa in ihm selbst, dem physischen Befinden des Reisenden, seinen Ursprung habe, blickte James umher, ohne von der Hochtallandschaft viel erkennen zu können, und zog tief die Luft ein, die er ausatmend für herrlich erklärte. Gewiß, antwortete der andere, nicht umsonst sei sie ja weit berühmt. Sie habe starke Eigenschaften. Obgleich sie die Allgemeinverbrennung beschleunige, setze der Körper in ihr doch Eiweiß an. Krankheiten, die jeder Mensch latent in sich trage, sei sie zu heilen imstande, doch befördere sie sie zunächst einmal kräftig, bringe sie vermöge eines allgemeinen organischen An- und Auftriebes sozusagen zu festlichem Ausbruch. – Er möge erlauben, – festlich? – Allerdings. Ob jener nie bemerkt habe, daß der Ausbruch einer Krankheit etwas Festliches habe, eine Art Körperlustbarkeit darstelle. – „Gewiß, selbstvers-tändlich“, hastete der Onkel mit unbeherrschtem Unterkiefer und teilte dann mit, daß er acht Tage bleiben könne, das heiße: eine Woche, sieben Tage also, vielleicht auch nur sechs. Da er, wie gesagt, Hans Castorps Aussehen, dank einem Kuraufenthalt, der sich ja über alles Erwarten in die Länge gezogen habe, hervorragend gut und gekräftigt finde, nehme er an, daß der Neffe gleich mit ihm hinunter nach Hause fahren werde.
„Na, na, nur nicht gleich mit dem Kopf durch die Wand“, sagte Hans Castorp. Onkel James rede recht wie einer von unten. Er solle sich hier bei uns nur erst mal ein bißchen umsehen und einleben, dann werde er seine Ideen schon ändern. Es komme auf restlose Heilung an, die Restlosigkeit sei das Entscheidende, und ein halbes Jahr habe Behrens ihm neulich noch aufgebrummt. Hier redete der Onkel ihn mit „Junge“ an und fragte, ob er verrückt sei. „Bist du denn ganz verrückt?“ fragte er. Ein Ferienaufenthalt von fünf Vierteljahren sei das nachgerade, und nun noch ein halbes! Man habe in des allmächtigen Gottes Namen doch nicht soviel Zeit! – Da lachte Hans Castorp ruhig und kurz zu den Sternen empor. Ja Zeit! Was nun gerade diese betreffe, die menschliche Zeit, so werde James seine mitgebrachten Begriffe zu allererst revidieren müssen, bevor er hier oben darüber mitrede. – Er werde in Hansens Interesse schon morgen ein ernstes Wörtchen mit dem Herrn Hofrat reden, versprach Tienappel. – „Das tu’!“ sagte Hans Castorp. „Er wird dir gefallen. Ein interessanter Charakter, forsch und melancholisch zugleich.“ Und dann wies er auf die Lichter von Sanatorium Schatzalp hin und erzählte beiläufig von den Leichen, die man die Bob-Bahn hinunterbefördere.
Die Herren speisten zusammen im Berghof-Restaurant, nachdem Hans Castorp den Gast in Joachims Zimmer eingeführt und ihm Gelegenheit gegeben hatte, sich etwas zu erfrischen. Mit H₂CO sei das Zimmer geräuchert worden, sagte Hans Castorp, – ebenso gründlich, wie wenn nicht wilde Abreise von dort gehalten worden wäre, sondern eine ganz andere, kein exodus, sondern ein exitus. Und da der Onkel sich nach dem Sinn erkundigte: „Jargon!“ sagte der Neffe. „Ausdrucksweise!“ sagte er. „Joachim ist desertiert, – zur Fahne desertiert, das gibt es auch. Aber mach’, damit du noch warmes Essen bekommst!“ Und so saßen sie denn im behaglich erwärmten Restaurant einander gegenüber, an erhöhtem Platz. Die Zwergin bediente sie hurtig, und James ließ eine Flasche Burgunder kommen, die, in einem Körbchen liegend, aufgestellt wurde. Sie stießen an und ließen sich von der milden Glut durchrinnen. Der Jüngere sprach von dem Leben hier oben im Wandel der Jahreszeiten, von einzelnen Erscheinungen des Speisesaals, vom Pneumothorax, dessen Wesen er erklärte, indem er den Fall des gutmütigen Ferge heranzog und sich über die grasse Natur des Pleura-Choks verbreitete, auch der drei farbigen Ohnmachten gedachte, in die Herr Ferge gefallen sein wollte, der Geruchshalluzination, die beim Chok eine Rolle gespielt und des Gelächters, das er im Abschnappen ausgestoßen. Er bestritt die Kosten der Unterhaltung. James aß und trank stark, wie er es gewohnt war und mit überdies noch durch Reise und Luftwechsel geschärftem Appetit. Dennoch unterbrach er sich zuweilen in der Nahrungsaufnahme, – saß, den Mund voller Speisen, die er zu kauen vergaß, Messer und Gabel im stumpfen Winkel über dem Teller stillgestellt, und betrachtete Hans Castorp unverwandt, scheinbar ohne es zu wissen, auch ohne daß jener sich weiter empfindlich dafür gezeigt hätte. Geschwollene Adern zeichneten sich an Konsul Tienappels mit dünnem blonden Haar bedeckten Schläfen ab.
Von heimatlichen Dingen war nicht die Rede, weder von persönlich-familiären, noch städtischen, noch geschäftlichen, noch von der Firma Tunder & Wilms, Schiffswerft, Maschinenfabrik und Kesselschmiede, die immer noch auf den Eintritt des jungen Praktikanten wartete, was aber natürlich so wenig ihre einzige Beschäftigung war, daß man sich fragen mochte, ob sie überhaupt noch wartete. James Tienappel hatte wohl alle diese Gegenstände während der Wagenfahrt und später berührt, aber sie waren zu Boden gefallen und tot liegen geblieben, – abgeprallt von Hans Castorps ruhiger, bestimmter und ungekünstelter Gleichgültigkeit, einer Art von Unberührbarkeit oder Gefeitheit, die an sein Unempfindlichsein gegen die herbstliche Abendkühle, an sein Wort „Uns friert nicht“, erinnerte und vielleicht Ursache war, weshalb sein Onkel ihn manchmal so unverwandt betrachtete. Auch von der Oberin, den Ärzten ging die Unterhaltung, von den Konferenzen Dr. Krokowskis – es traf sich, daß James einer davon beiwohnen würde, wenn er acht Tage blieb. Wer sagte dem Neffen, daß der Onkel gewillt sei, den Vortrag zu besuchen? Niemand. Er nahm es an, setzte es mit so ruhiger Bestimmtheit als ausgemacht voraus, daß jenem selbst der Gedanke, er könne etwa nicht daran teilnehmen, in unnatürlichem Lichte erscheinen mußte, und daß er mit eiligem „Gewiß, selbstvers-tändlich“ jedem Verdachte zuvorzukommen suchte, als habe er einen Augenblick Unmögliches geplant. Dies eben war die Macht, deren unbestimmte, aber zwingende Empfindung Herrn Tienappel unbewußt anhielt, den Vetter zu betrachten, – jetzt übrigens mit offenem Munde, denn der Atmungsweg der Nase hatte sich ihm verschlossen, obgleich seines Wissens der Konsul keinen Schnupfen hatte. Er hörte seinen Verwandten von der Krankheit sprechen, die hier das gemeinsame Berufsinteresse aller bildete, und von der Aufnahmelustigkeit für sie; von Hans Castorps eigenem bescheidenen, aber langwierigen Fall, dem Reiz, den die Bazillen auf die Gewebszellen der Luftröhrenverästelungen und der Lungenbläschen ausübten, der Tuberkelbildung und Erzeugung löslicher Beschwipsungsgifte, dem Zellenzerfall und Verkäsungsprozeß, von dem dann die Frage sei, ob er durch kalkige Petrifizierung und bindegewebige Vernarbung zu heilsamem Stillstand gelange oder zu größeren Erweichungsherden sich fortbilde, umsichgreifende Löcher fresse und das Organ zerstöre. Er hörte von der wild beschleunigten, galoppierenden Form dieses Vorganges, die in ein paar Monaten schon, ja in Wochen zum Exitus führe, hörte von Pneumotomie, des Hofrats meisterlich geübtem Handwerk, von Lungenresektion, wie sie morgen oder demnächst bei einer neueingetroffenen Schweren, einer ursprünglich reizenden Schottin, vorgenommen werden sollte, die von Gangraena pulmonum, vom Lungenbrande ergriffen worden sei, so daß eine schwärzlich-grüne Verpestung in ihr walte und sie den ganzen Tag zerstäubte Karbolsäurelösung einatme, um nicht aus Ekel vor sich selber den Verstand zu verlieren: – und plötzlich geschah es dem Konsul, völlig unerwartet für ihn selbst und zu seiner größten Beschämung, daß er herausplatzte. Prustend lachte er los, besann und beherrschte sich freilich sofort mit Schrecken, hustete und suchte das sinnlos Geschehene auf alle Weise zu vertuschen, – wobei er übrigens zu seiner Beruhigung, die aber neue Beunruhigung in sich trug, wahrnahm, daß Hans Castorp sich um den Unfall, der ihm unmöglich entgangen sein konnte, gar nicht kümmerte, vielmehr mit einer Achtlosigkeit darüber hinwegging, die sich nicht etwa als Takt, Rücksicht, Höflichkeit, sondern als reine Gleichgültigkeit und Unberührbarkeit, als eine Duldsamkeit unheimlichen Grades kennzeichnete, wie wenn er es längst verlernt hätte, sich durch solche Vorkommnisse befremdet zu fühlen. Sei es aber, daß der Konsul seinem Heiterkeitsausbruch nachträglich ein Mäntelchen von Vernunft und Sinn umzuhängen wünschte oder in welchem Zusammenhange sonst, – plötzlich brach er ein Männer- und Klubgespräch vom Zaun, fing mit hochgeschwollenen Kopfadern an, von einer sogenannten „Chansonette“, einer Bänkelsängerin zu reden, einem ganz tollen Weibsstück, das zurzeit in St. Pauli ihr Wesen treibe und mit ihren temperamentgeladenen Reizen, die er dem Vetter schilderte, die Herrenwelt der Heimatrepublik in Atem halte. Seine Zunge lallte etwas bei diesen Erzählungen, doch brauchte er sich davon nicht anfechten zu lassen, da sich die nicht zu befremdende Duldsamkeit seines Gegenübers offenbar auch auf diese Erscheinung erstreckte. Immerhin wurde ihm die übermächtige Reisemüdigkeit, deren Opfer er war, allmählich so deutlich, daß er schon gegen halb 11 Uhr die Beendigung des Beisammenseins befürwortete und es innerlich wenig begrüßte, daß es in der Halle noch zu einer Begegnung mit dem mehrfach erwähnten Dr. Krokowski kam, der zeitunglesend an der Tür eines Salons gesessen hatte, und mit dem sein Neffe ihn bekannt machte. Auf die stämmig-heitere Anrede des Doktors wußte er fast nichts anderes mehr als „Gewiß, selbstvers-tändlich“, zu erwidern und war froh, als sein Neffe sich mit der Ankündigung, er werde ihn morgen um 8 Uhr zum Frühstück abholen, auf dem Balkonwege aus Joachims desinfiziertem Zimmer in sein eigenes begeben hatte und er mit der gewohnten Gute-Nacht-Zigarette sich ins Bett des Fahnenflüchtlings fallen lassen konnte. Um ein Haar hätte er Feuersbrunst gestiftet, da er zweimal, das glimmende Räucherwerk zwischen den Lippen, in Schlaf verfiel.
James Tienappel, den Hans Castorp abwechselnd „Onkel James“ und einfach nur „James“ anredete, war ein langbeiniger Herr von gegen Vierzig, gekleidet in englische Stoffe und blütenhafte Wäsche, mit kanariengelbem, gelichtetem Haar, nahe beisammenliegenden blauen Augen, einem strohigen, gestutzten, halb wegrasierten Schnurrbärtchen und bestens gepflegten Händen. Gatte und Vater seit einigen Jahren, ohne darum genötigt gewesen zu sein, die geräumige Villa des alten Konsuls am Harvestehuder Weg zu verlassen, – vermählt mit einer Angehörigen seines Gesellschaftskreises, die ebenso zivilisiert und fein, von ebenso leiser, rascher und spitzig-höflicher Sprechweise war wie er selbst, gab er zu Hause einen sehr energischen, umsichtigen und bei aller Eleganz kalt sachlichen Geschäftsmann ab, nahm aber in fremdem Sittenbereich, auf Reisen, etwa im Süden des Landes, ein gewisses überstürztes Entgegenkommen in sein Wesen auf, eine höflich eilfertige Bereitwilligkeit zur Selbstverleugnung, in der sich nichts weniger als eine Unsicherheit der eigenen Kultur, sondern im Gegenteil das Bewußtsein ihrer starken Geschlossenheit bekundete, nebst dem Wunsche, seine aristokratische Bedingtheit zu korrigieren und selbst inmitten von Lebensformen, die er unglaublich fand, nichts von Befremdung merken zu lassen. „Natürlich, gewiß, selbstvers-tändlich!“ beeilte er sich zu sagen, damit niemand denke, er sei zwar fein, aber beschränkt. Hierher gekommen nun freilich in einer bestimmten sachlichen Sendung, nämlich mit dem Auftrage und der Absicht, energisch nach dem Rechten zu sehen, den säumigen jungen Verwandten, wie er sich innerlich ausdrückte, „loszueisen“ und daheim wieder einzuliefern, war er sich doch wohl bewußt, auf fremdem Boden zu operieren, – schon im ersten Augenblicke empfindlich von der Ahnung berührt, daß eine Welt und Sittensphäre ihn als Gast aufgenommen habe, die an geschlossener Selbstsicherheit seiner eigenen nicht nur nicht nachstand, sondern sie sogar noch darin übertraf, so daß seine Geschäftsenergie sofort in Zwiespalt mit seiner Wohlerzogenheit geriet und zwar in einen sehr schweren; denn die Selbstgewißheit der Wirtssphäre erwies sich als wahrhaft erdrückend.
Dies eben hatte Hans Castorp vorausgesehen, als er des Konsuls Telegramm innerlich mit gelassenem „Bitte sehr!“ beantwortet hatte; aber man muß nicht denken, daß er bewußt die Charakterstärke der Umwelt gegen seinen Onkel ausgenutzt hätte. Dazu war er längst zu sehr ein Teil von ihr, und nicht er bediente sich ihrer gegen den Angreifer, sondern umgekehrt, so daß alles sich in sachlicher Einfalt vollzog, von dem Augenblick an, wo eine erste Ahnung der Aussichtslosigkeit seines Unternehmens den Konsul von seines Neffen Person her unbestimmt angeweht hatte, bis zum Ende und Ausgang, das mit einem melancholischen Lächeln zu begleiten Hans Castorp denn freilich doch nicht umhin konnte.
Am ersten Morgen nach dem Frühstück, bei welchem der Eingesessene den Hospitanten mit der Korona der Tischgenossenschaft bekannt gemacht hatte, erfuhr Tienappel von Hofrat Behrens, der lang und bunt, gefolgt von dem schwarzbleichen Assistenten, in den Saal gerudert kam, um mit seiner rhetorischen Morgenfrage „Fein geschlafen?“ flüchtig darin herumzustreichen, – erfuhr er, sagen wir, vom Hofrate nicht nur, daß es eine glanzvolle Bieridee von ihm gewesen sei, dem vereinsamten Neveu hier oben ein bißchen Gesellschaft zu leisten, sondern daß er auch im ureigensten Interesse sehr recht daran tue, da er ja offenbar total anämisch sei. – Anämisch, er, Tienappel? – Na, und ob! sagte Behrens und zog ihm mit dem Zeigefinger ein unteres Augenlid herunter. Hochgradig! sagte er. Der Herr Onkel werde direkt schlau handeln, wenn er es sich für ein paar Wochen hier auf seinem Balkon der Länge nach bequem mache und überhaupt in allen Stücken dem Vorbilde seines Neffen nachstrebe. In seinem Zustande könne man gar nichts Aufgeweckteres tun, als mal eine Weile so zu leben, wie bei leichter tuberculosis pulmonum, die übrigens immer vorhanden sei. – „Gewiß, selbstvers-tändlich!“ sagte der Konsul rasch und blickte dem hochnackig Davonrudernden noch eine Weile eifrig-höflich geöffneten Mundes nach, während sein Neffe gelassen und abgebrüht neben ihm stand. Dann traten sie den Lustwandel zur Bank an der Wasserrinne an, der das Gegebene war, und danach hielt James Tienappel seine erste Liegestunde, angeleitet von Hans Castorp, der ihm zum mitgebrachten Plaid die eine seiner Kameldecken lieh – er selbst hatte in Anbetracht des schönen Herbstwetters an einer reichlich genug – und ihn in der überlieferten Kunst des Sicheinwickelns Griff für Griff getreulich unterwies, – ja, er löste, nachdem er den Konsul schon zur Mumie gerundet und geglättet, alles noch einmal auf, um ihn auf eigene Hand und nur unter verbessernd einspringender Beihilfe die feststehende Prozedur wiederholen zu lassen, und lehrte ihn, den Leinenschirm am Stuhl zu befestigen und gegen die Sonne zu richten.
Der Konsul witzelte. Noch war der Geist des Flachlandes stark in ihm, und er machte sich lustig über das, was er da erlernte, wie er sich schon über den abgemessenen Lustwandel nach dem Frühstück lustig gemacht hatte. Aber als er das ruhig verständnislose Lächeln sah, mit dem der Neffe seinen Scherzen begegnete und worin die ganze geschlossene Selbstgewißheit der Sittensphäre sich malte, da wurde ihm angst, er fürchtete für seine Geschäftsenergie und beschloß hastig, das entscheidende Gespräch mit dem Hofrat in Sachen seines Neffen sofort, baldmöglichst, schon diesen Nachmittag herbeizuführen, solange er noch Eigengeist, Kräfte von unten zuzusetzen hatte; denn er fühlte, daß diese schwanden, daß der Geist des Ortes mit seiner Wohlerzogenheit einen gefährlichen Feindesbund gegen sie bildete.
Ferner fühlte er, daß ganz unnötigerweise der Hofrat ihm empfohlen hatte, hier oben seiner Anämie wegen sich den Gebräuchen der Kranken anzuschließen: das ergab sich von selbst, es bestand, wie es schien, gar keine andere Denkbarkeit, und wie weit, vermöge Hans Castorps Ruhe und unberührbarer Selbstsicherheit, dies eben nur so schien, wie weit in der Tat und unbedingt genommen nichts anderes möglich und denkbar war, das war für einen wohlerzogenen Menschen von Anfang an nicht zu unterscheiden. Nichts konnte einleuchtender sein, als daß nach der ersten Liegekur das ausgiebige zweite Frühstück erfolgte, aus welchem der Lustwandel nach „Platz“ hinunter überzeugend sich ergab, – und danach wickelte Hans Castorp seinen Onkel wieder ein. Er wickelte ihn ein, das war das Wort. Und in der Herbstsonne, auf einem Stuhl, dessen Bequemlichkeit völlig unbestreitbar, ja höchst rühmenswert war, ließ er ihn liegen, wie er selber lag, bis der erschütternde Gong zu einem Mittagessen im Kreise der Patientenschaft rief, das sich als erstklassig, tip-top und dermaßen ausgiebig erwies, daß der sich anschließende General-Liegedienst mehr als äußerer Brauch, daß er innere Notwendigkeit war und aus persönlichster Überzeugung geübt wurde. So ging es fort bis zum gewaltigen Souper und zur Abendgeselligkeit im Salon mit den optischen Scherzinstrumenten, – es gab gegen eine Tagesordnung, die sich mit so milder Selbstverständlichkeit aufdrängte, ganz einfach nichts zu erinnern, und auch dann hätte sie keine Gelegenheit zu Einwänden geboten, wenn nicht des Konsuls kritische Fähigkeiten durch ein Befinden herabgesetzt gewesen wären, das er nicht geradezu Übelbefinden nennen wollte, das sich aber aus Müdigkeit und Aufregung bei gleichzeitigen Hitze- und Frostgefühlen lästig zusammensetzte.
Zur Herbeiführung der unruhig erwünschten Unterredung mit Hofrat Behrens war der Dienstweg beschritten worden: Hans Castorp hatte beim Bademeister den Antrag gestellt und dieser ihn der Oberin weitergegeben, deren eigentümliche Bekanntschaft Konsul Tienappel bei dieser Gelegenheit machte, dergestalt, daß sie auf seinem Balkon erschien, wo sie ihn liegend fand und durch fremdartige Sitten die Wohlerzogenheit des hilflos walzenförmig Gewickelten stark in Anspruch nahm. Das geehrte Menschenskind, erfuhr er, möge sich gefälligst ein paar Tage gedulden, der Hofrat sei besetzt, Operationen, Generaluntersuchungen, die leidende Menschheit gehe vor, nach christlichen Grundsätzen, und da er ja angeblich gesund sei, so müsse er sich schon daran gewöhnen, daß er hier nicht Nummer Eins sei, sondern zurückstehen und warten müsse. Etwas anderes, wenn er etwa eine Untersuchung beantragen wolle, – worüber sie, Adriatica, sich weiter nicht wundern würde, er solle sie doch mal ansehen, so, Auge in Auge, die seinen seien etwas trübe und flackernd, und wie er da so vor ihr liege, sehe es alles in allem nicht viel anders aus, als ob auch mit ihm nicht alles so ganz in Ordnung sei, nicht so ganz sauber, er solle sie recht verstehen, – und ob es sich nun bei seinem Antrage um eine Untersuchung oder um eine Privatunterhaltung handle. – Um letzteres, selbstvers-tändlich, um eine Privatunterhaltung! versicherte der Liegende. – Dann möge er warten, bis er Bescheid bekomme. Zu Privatunterhaltungen habe der Hofrat selten Zeit.
Kurz, alles ging anders, als James es sich gedacht hatte, und das Gespräch mit der Oberin hatte seinem Gleichgewicht einen nachhaltigen Stoß versetzt. Zu zivilisiert, um dem Neffen, dessen Einigkeit mit den Erscheinungen hier oben aus seiner unberührbaren Ruhe deutlich hervorging, unhöflicherweise zu sagen, wie abschreckend ihm das Frauenzimmer dünkte, klopfte er nur vorsichtig mit der Erkundigung bei ihm an, die Oberin sei wohl eine recht originelle Dame, – was Hans Castorp, nachdem er flüchtig prüfend in die Luft geblickt, ihm halbwegs zugab, indem er die Frage zurückgab, ob die Mylendonk ihm ein Thermometer verkauft habe. – „Nein, mir? Ist das ihre Branche?“ entgegnete der Onkel ... Aber das Schlimme war, wie deutlich aus seines Neffen Miene hervorging, daß er sich auch dann nicht gewundert haben würde, wenn geschehen wäre, wonach er fragte. „Uns friert nicht“, stand in dieser Miene geschrieben. Den Konsul aber fror, ihn fror andauernd bei heißem Kopfe, und er überlegte, daß, wenn die Oberin ihm tatsächlich ein Thermometer angeboten hätte, er es gewiß zurückgewiesen haben würde, daß dies aber am Ende nicht richtig gewesen wäre, da man ein fremdes, zum Beispiel das des Neffen, zivilisierterweise nicht benutzen konnte.
So vergingen einige Tage, vier oder fünf. Das Leben des Sendboten lief auf Schienen, – auf denen, die ihm gelegt waren, und daß es außerhalb ihrer laufen könne, schien keine Denkbarkeit. Der Konsul hatte seine Erlebnisse, gewann seine Eindrücke, – wir wollen ihn nicht weiter dabei belauschen. Er hob eines Tages in Hans Castorps Zimmer ein schwarzes Glasplättchen auf, das unter anderem kleinen Privatbesitz, womit der Inhaber sein reinliches Heim geschmückt, gestützt von einer geschnitzten Miniaturstaffelei, auf der Kommode stand und sich, gegen das Licht erhoben, als photographisches Negativ erwies. „Was ist denn das?“ fragte der Onkel betrachtend ... Er mochte wohl fragen! Das Porträt war ohne Kopf, es war das Skelett eines menschlichen Oberkörpers in nebelhafter Fleischeshülle, – ein weiblicher Torso übrigens, wie sich erkennen ließ. „Das? Ein Souvenir“, antwortete Hans Castorp. Worauf der Onkel „Pardon!“ sagte, das Bildnis auf die Staffelei zurückstellte und sich rasch davon entfernte. Dies nur als Beispiel für seine Erlebnisse und Eindrücke in diesen vier oder fünf Tagen. Auch an einer Conférence des Dr. Krokowski nahm er teil, da es undenkbar war, sich davon auszuschließen. Und was die erstrebte Privatunterhaltung mit Hofrat Behrens betraf, so bekam er am sechsten Tage seinen Willen. Er wurde bestellt und stieg nach dem Frühstück, entschlossen, ein ernstes Wort mit dem Manne wegen seines Neffen und dessen Zeitverbrauchs zu reden, ins Souterrain hinab.
Als er wieder heraufkam, fragte er mit verminderter Stimme:
„Hast du so etwas schon gehört?!“
Aber es war klar, daß Hans Castorp bestimmt auch so etwas schon gehört haben, daß ihn auch dabei nicht frieren werde, und so brach er ab und antwortete auf des Neffen wenig gespannte Gegenerkundigung nur: „Nichts, nichts“, zeigte aber von Stund an eine neue Gewohnheit: nämlich mit zusammengezogenen Brauen und gespitzten Lippen irgendwohin schräg aufwärts zu spähen, dann in heftiger Wendung den Kopf herumzuwerfen und den beschriebenen Blick in die entgegengesetzte Richtung zu lenken ... War auch die Unterredung mit Behrens anders verlaufen, als der Konsul gedacht hatte? War auf die Dauer nicht nur von Hans Castorp, sondern auch von ihm selbst, James Tienappel, die Rede gewesen, so, daß dem Gespräch der Charakter als Privatunterhaltung verloren gegangen war? Sein Benehmen ließ darauf schließen. Der Konsul zeigte sich stark aufgeräumt, plauderte viel, lachte grundlos und stieß den Neffen mit der Faust in die Weiche, indem er ausrief: „Hallo, alter Bursche!“ Zwischendurch hatte er jenen Blick, dahin und dann plötzlich dorthin. Aber seine Augen gingen auch bestimmtere Wege, bei Tische wie auf den Dienstwegen und bei der Abendgeselligkeit.
Der Konsul hatte einer gewissen Frau Redisch, Gattin eines polnischen Industriellen, die am Tische der zur Zeit abwesenden Frau Salomon und des gefräßigen Schülers mit der Rundbrille saß, anfangs keine besondere Beachtung geschenkt; und in der Tat war sie nur eine Liegehallendame wie eine andere, übrigens eine untersetzte und füllige Brünette, nicht mehr die Jüngste, schon etwas angegraut, aber mit zierlichem Doppelkinn und lebhaften braunen Augen. Kein Gedanke daran, daß sie sich im Punkte der Zivilisation mit Frau Konsul Tienappel drunten im Flachlande hätte messen können. Allein am Sonntag Abend, nach dem Souper, in der Halle, hatte der Konsul, dank einem dekolletierten schwarzen Paillettenkleid, das sie trug, die Entdeckung gemacht, daß Frau Redisch Brüste besaß, mattweiße, stark zusammengepreßte Weibesbrüste, deren Teilung ziemlich weit sichtbar gewesen war, und diese Entdeckung hatte den reifen und feinen Mann bis in den Grund seiner Seele erschüttert und begeistert, so, als habe es eine völlig neue, ungeahnte und unerhörte Bewandtnis damit. Er suchte und machte Frau Redischs Bekanntschaft, unterhielt sich lange mit ihr, zuerst im Stehen, dann im Sitzen, und ging singend schlafen. Am nächsten Tage trug Frau Redisch kein schwarzes Paillettenkleid mehr, sondern war verhüllt; aber der Konsul wußte, was er wußte und blieb seinen Eindrücken treu. Er suchte die Dame auf den Dienstwegen abzufangen, um sich plaudernd, auf eine besondere, angelegentliche und charmante Art ihr zugewandt und zugeneigt, neben ihr zu bewegen, trank ihr bei Tische zu, was sie erwiderte, indem sie lächelnd die Goldkapseln blitzen ließ, mit denen mehrere ihrer Zähne überkleidet waren, und erklärte sie im Gespräch mit seinem Neffen geradezu für ein „göttliches Weib“, – worauf er wieder zu singen begann. Dies alles ließ Hans Castorp sich in ruhiger Duldsamkeit gefallen, mit einer Miene, als müsse es so sein. Aber die Autorität des älteren Verwandten konnte es wenig stärken, und mit des Konsuls Sendung stimmte es schlecht überein.
Die Mahlzeit, bei der er Frau Redisch mit erhobenem Glase grüßte, und zwar zweimal: beim Fischragout und später beim Sorbett, war dieselbe, die Hofrat Behrens am Tische Hans Castorps und seines Gastes einnahm, – er hospitierte ja immer reihum an jedem der sieben, und überall war das Gedeck an der oberen Schmalseite ihm vorbehalten. Die riesigen Hände vor seinem Teller gefaltet, saß er mit seinem geschürzten Bärtchen zwischen Herrn Wehsal und dem mexikanischen Buckligen, mit dem er spanisch sprach – denn er beherrschte alle Sprachen, auch Türkisch und Ungarisch, – und sah mit blau quellenden, rot unterlaufenen Augen zu, wie Konsul Tienappel Frau Redisch drüben mit seinem Bordeauxglase salutierte. Später im Laufe des Essens hielt der Hofrat einen kleinen Vortrag, angefeuert dazu durch James, der ihm über die ganze Länge des Tisches hin aus dem Stegreif die Frage vorlegte, wie es sei, wenn der Mensch verwese. Der Hofrat habe doch das Körperliche studiert, der Körper sei ganz ausgesprochen seine Branche, er sei sozusagen eine Art Körperfürst, wenn man sich so ausdrücken dürfe, und nun solle er mal erzählen, wie es so zugehe, wenn der Körper sich auflöse!
„Vor allen Dingen platzt Ihnen der Bauch“, versetzte der Hofrat, bei aufgelegten Ellbogen über seine gefalteten Hände gebeugt. „Sie liegen da auf Ihren Hobelspänen und Ihrem Sägemehl, und die Gase, verstehen Sie, treiben Sie auf, sie blähen Sie mächtig, so wie böse Bengels es mit Fröschen machen, denen sie Luft einblasen – der reine Ballon sind Sie schließlich, und dann hält Ihre Bauchdecke die Hochspannung nicht mehr aus und platzt. Pardautz, Sie erleichtern sich merklich, Sie machen es wie Judas Ischarioth, als er vom Aste fiel, Sie schütten sich aus. Tja, und danach sind Sie eigentlich wieder gesellschaftsfähig. Wenn Sie Urlaub bekämen, so könnten Sie Ihre Hinterbliebenen besuchen, ohne weiter Anstoß zu erregen. Man nennt das ausgestunken haben. Begibt man sich danach an die Luft, so wird man noch wieder ein ganz feiner Kerl, wie die Bürger von Palermo, die in den Kellergängen der Kapuziner vor Porta Nuova hängen. Trocken und elegant hängen sie da und genießen die allgemeine Achtung. Es kommt nur darauf an, ausgestunken zu haben.“
„Selbstvers-tändlich!“ sagte der Konsul. „Ich danke verbindlichst!“ Und am nächsten Morgen war er verschwunden.
Er war weg, verreist, mit dem allerfrühesten Züglein in die Ebene hinunter – natürlich nicht ohne seine Angelegenheiten geordnet zu haben: wer käme auf andere Gedanken! Er hatte seine Rechnung bereinigt, für eine stattgehabte Untersuchung das Honorar erlegt, hatte in aller Stille, ohne seinem Verwandten ein Sterbenswörtchen zu sagen, seine beiden Handkoffer in Bereitschaft gesetzt – wahrscheinlich war das abends oder gegen Morgen zu noch nachtschlafener Zeit geschehen – und als Hans Castorp um die Stunde des ersten Frühstücks das Zimmer des Onkels betrat, fand er es geräumt.
Mit eingestemmten Armen stand er und sagte „So, so“. Hier war es, daß ein melancholisches Lächeln sich in seinen Zügen hervorbildete. „Ach so“, sagte er und nickte. Da hatte einer Fersengeld gegeben. Hals über Kopf, in stummer Eile, als müsse er die Entschlußkraft eines Augenblicks wahrnehmen und dürfe beileibe diesen Augenblick nicht verpassen, hatte er seine Sachen in die Koffer geworfen und war davon: allein, nicht zu zweien, nicht nach Erfüllung seiner ehrenhaften Sendung, aber heilfroh, auch nur allein davonzukommen, der Biedermann und Flüchtling zur Flachlandsfahne, Onkel James. Na, glückliche Reise!
Hans Castorp ließ niemanden merken, daß er von dem bevorstehenden Aufbruch des Verwandtenbesuches nichts gewußt hatte, besonders den Hinkenden nicht, der den Konsul zum Bahnhof begleitet. Er bekam eine Karte vom Bodensee, des Inhaltes, James habe ein Telegramm erhalten, das ihn per sofort geschäftlich in die Ebene berufen habe. Er habe den Neffen nicht stören wollen. – Eine Formlüge. – „Angenehmen Aufenthalt auch weiterhin!“ – War das Spott? Dann war es ein recht erkünstelter Spott, fand Hans Castorp, denn dem Onkel war bestimmt nicht nach Spott und Spaß zu Sinn gewesen, als er sich in die Abreise gestürzt hatte, sondern er hatte wahrgenommen, innerlich und vorstellungsweise mit blassem Entsetzen wahrgenommen, daß, wenn er jetzt, nach achttägigem Aufenthalte hier oben, ins Flachland zurückkehrte, es ihm eine gute Weile dort unten völlig falsch, unnatürlich und unerlaubt scheinen werde, nach dem Frühstück keinen dienstlichen Lustwandel anzutreten und sich dann nicht, auf rituelle Art in Decken gewickelt, wagerecht ins Freie zu legen, sondern statt dessen sein Kontor aufzusuchen. Und diese erschreckende Wahrnehmung war der unmittelbare Grund seiner Flucht gewesen.
So endete der Versuch des Flachlandes, den außengebliebenen Hans Castorp wieder einzuholen. Der junge Mann machte sich kein Hehl daraus, daß der vollkommene Fehlschlag, den er vorhergesehen, für sein Verhältnis zu denen dort unten von entscheidender Bedeutung war. Er bedeutete für das Flachland achselzuckend-endgültigen Verzicht, für ihn aber die vollendete Freiheit, vor welcher sein Herz nachgerade nicht mehr erbebte.
Operationes spirituales
Leo Naphta stammte aus einem kleinen Ort in der Nähe der galizisch-wolhynischen Grenze. Sein Vater, von dem er mit Achtung sprach, offenbar in dem Gefühl, seiner ursprünglichen Welt nachgerade weit genug entwachsen zu sein, um wohlwollend darüber urteilen zu können, war dort schochet, Schächter, gewesen – und wie sehr hatte dieser Beruf sich von dem des christlichen Fleischers unterschieden, der Handwerker und Geschäftsmann war. Nicht ebenso Leos Vater. Er war Amtsperson und zwar eine solche geistlicher Art. Vom Rabbiner geprüft in seiner frommen Fertigkeit, von ihm bevollmächtigt, schlachtbares Vieh nach dem Gesetze Mosis, gemäß den Vorschriften des Talmud zu töten, hatte Elia Naphta, dessen blaue Augen nach des Sohnes Schilderung einen Sternenschein ausgestrahlt hatten, von stiller Geistigkeit erfüllt gewesen waren, selbst etwas Priesterliches in sein Wesen aufgenommen, eine Feierlichkeit, die daran erinnert hatte, daß in Urzeiten das Töten von Schlachttieren in der Tat eine Sache der Priester gewesen war. Wenn Leo, oder Leib, wie er in seiner Kindheit genannt worden war, hatte zusehen dürfen, wie der Vater auf seinem Hof mit Hilfe eines gewaltigen Knechtes, eines jungen Mannes von athletischem jüdischen Schlage, neben dem der schmächtige Elia mit seinem blonden Rundbart noch zierlicher und zarter erschien, seines rituellen Amtes waltete, wie er gegen das gefesselte und geknebelte, aber nicht betäubte Tier das große Schachotmesser schwang und es zu tiefem Schnitt in die Gegend des Halswirbels traf, während der Knecht das hervorbrechende, dampfende Blut in rasch sich füllenden Schüsseln auffing, hatte er dies Schauspiel mit jenem Kinderblick aufgenommen, der durch das Sinnliche ins Wesentliche dringt und dem Sohn des sternäugigen Elia in besonderem Maße zu eigen gewesen sein mochte. Er wußte, daß die christlichen Fleischer gehalten waren, ihre Tiere mit dem Schlag einer Keule oder eines Beiles bewußtlos zu machen, bevor sie sie töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben war, damit Tierquälerei und Grausamkeit vermieden werde; während sein Vater, obgleich so viel zarter und weiser, als jene Lümmel, dazu sternenäugig, wie keiner von ihnen, nach dem Gesetz handelte, indem er der Kreatur bei unbetäubten Sinnen den Schlachtschnitt versetzte und sie so sich ausbluten ließ, bis sie hinsank. Der Knabe Leib empfand, daß die Methode jener plumpen Gojim von einer läßlichen und profanen Gutmütigkeit bestimmt war, mit der dem Heiligen nicht die gleiche Ehre erwiesen wurde wie mit der feierlichen Mitleidslosigkeit im Brauche des Vaters, und die Vorstellung der Frömmigkeit verband sich ihm so mit der der Grausamkeit, wie sich in seiner Phantasie der Anblick und Geruch sprudelnden Blutes mit der Idee des Heiligen und Geistigen verband. Denn er sah wohl, daß der Vater sein blutiges Handwerk nicht aus dem brutalen Geschmack, den leibesstarke Christenburschen oder auch sein eigener jüdischer Knecht daran finden mochten, erwählt hatte, sondern geistigerweise und, bei zarter Leibesbeschaffenheit, im Sinn seiner Sternenaugen.
Wirklich war Elia Naphta ein Grübler und Sinnierer gewesen, ein Erforscher der Thora nicht nur, sondern auch ein Kritiker der Schrift, der mit dem Rabbiner über ihre Sätze disputierte und nicht selten in Streit mit ihm geriet. In der Gegend, und zwar nicht nur bei seinen Glaubensgenossen, hatte er für etwas Besonderes gegolten, für einen, der mehr wußte, als andere – frommerweise zum Teil, zum anderen aber auch auf eine Art, die nicht ganz geheuer sein mochte und jedenfalls nicht in der gewöhnlichen Ordnung war. Etwas sektiererisch Unregelmäßiges haftete ihm an, etwas von einem Gottesvertrauten, Baal-Schem oder Zaddik, das ist Wundermann, zumal er in der Tat einmal ein Weib von bösem Ausschlage, ein andermal einen Knaben von Krämpfen geheilt hatte und zwar mit Blut und Sprüchen. Aber eben dieser Nimbus einer irgendwie gewagten Frömmigkeit, bei welchem der Blutgeruch seines Gewerbes eine Rolle spielte, war sein Verderben geworden. Denn bei Gelegenheit einer Volksbewegung und Wutpanik, hervorgerufen durch den unaufgeklärten Tod zweier Christenkinder, war Elia auf schreckliche Weise ums Leben gekommen: mit Nägeln gekreuzigt, hatte man ihn an der Tür seines brennenden Hauses hängend gefunden, worauf sein Weib, obgleich schwindsüchtig und bettlägerig, mit ihren Kindern, dem Knaben Leib und seinen vier Geschwistern, sämtlich mit erhobenen Armen schreiend und wehklagend, landflüchtig geworden war.
Nicht ganz und gar mittellos, dank Elias Vorsorge, war die geschlagene Familie in einem Städtchen des Vorarlbergs zur Ruhe gekommen, wo Frau Naphta in einer Baumwollspinnerei Arbeit gefunden hatte, der sie nachging, soweit und solange ihre Kräfte es ihr erlaubten, während die größeren Kinder die Volksschule besuchten. Wenn aber die geistigen Darreichungen dieser Anstalt der Verfassung und den Bedürfnissen von Leos Geschwistern hatten genügen mögen, so war, was ihn selbst, den Ältesten betraf, dies bei weitem nicht der Fall gewesen. Von der Mutter hatte er den Keim der Brustkrankheit, vom Vater aber, außer der Zierlichkeit der Gestalt, einen außerordentlichen Verstand geerbt, Geistesgaben, die sich früh mit hoffärtigen Instinkten, höherem Ehrgeiz, bohrender Sehnsucht nach vornehmeren Daseinsformen verbanden und ihn über die Sphäre seiner Herkunft leidenschaftlich hinausstreben ließen. Neben der Schule hatte der Vierzehn- und Fünfzehnjährige durch Bücher, die er sich zu verschaffen gewußt, seinen Geist auf regellose und ungeduldige Weise fortgebildet, seinem Verstand Nährstoff zugeführt. Er dachte und äußerte Dinge, die seine hinkränkelnde Mutter veranlaßten, den Kopf schief zwischen die Schultern zu ziehen und beide abgezehrten Hände emporzuspreizen. Durch sein Wesen, seine Antworten fesselte er im Religionsunterricht die Aufmerksamkeit des Kreisrabbiners, eines frommen und gelehrten Menschen, der ihn zu seinem Privatschüler machte und seinen formalen Trieb mit hebräischem und klassischem Sprachunterricht, seinen logischen mit mathematischer Anleitung sättigte. Dafür aber hatte der gute Mann recht schlimmen Dank geerntet; es stellte sich je länger je mehr heraus, daß er eine Schlange an seinem Busen genährt hatte. Wie einst zwischen Elia Naphta und seinem Rabbi, so ging es nun hier: man vertrug sich nicht, es kam zwischen Lehrer und Schüler zu religiösen und philosophischen Reibereien, die sich immer verschärften, und der redliche Schriftgelehrte hatte unter der geistigen Aufsässigkeit, der Krittel- und Zweifelsucht, dem Widerspruchsgeist, der schneidenden Dialektik des jungen Leo das Erdenklichste zu leiden. Hinzu kam, daß Leos Spitzfindigkeit und geistiges Wühlertum neuestens ein revolutionäres Gepräge angenommen hatten: die Bekanntschaft mit dem Sohn eines sozialdemokratischen Reichsratsmitgliedes und mit diesem Massenhelden selbst hatte seinen Geist auf politische Pfade gelenkt, seiner logischen Leidenschaft eine gesellschaftskritische Richtung gegeben; er führte Reden, die dem guten Talmudisten, dem die eigene Loyalität teuer war, die Haare zu Berge steigen ließen und dem Einvernehmen zwischen Lehrer und Schüler den Rest gaben. Kurz, es war dahin gekommen, daß Naphta von dem Meister verstoßen, auf immer seines Studierzimmers verwiesen worden war, und zwar gerade um die Zeit, als seine Mutter, Rahel Naphta, im Sterben lag.
Damals aber auch, unmittelbar nach dem Verscheiden der Mutter, hatte Leo die Bekanntschaft des Paters Unterpertinger gemacht. Der Sechzehnjährige saß einsam auf einer Bank in den Parkanlagen des sogenannten Margaretenkopfes, einer Anhöhe westlich des Städtchens, am Ufer der Ill, von wo man einen weiten und heiteren Ausblick über das Rheintal genoß, – saß dort, verloren in trübe und bittere Gedanken über sein Geschick, seine Zukunft, als ein spazierendes Mitglied des Lehrkörpers vom Pensionat der Gesellschaft Jesu, genannt „Morgenstern“, neben ihm Platz nahm, seinen Hut neben sich legte, ein Bein unter dem Weltpriesterkleid über das andere schlug und nach einiger Lektüre in seinem Brevier eine Unterhaltung begann, die sich sehr lebhaft entwickelte und für Leos Schicksal entscheidend werden sollte. Der Jesuit, ein umgetriebener Mann von gebildeten Formen, Pädagog aus Passion, ein Menschenkenner und Menschenfischer, horchte auf bei den ersten höhnisch klar artikulierten Sätzen, mit denen der armselige Judenjüngling seine Fragen beantwortete. Eine scharfe und gequälte Geistigkeit wehte ihn daraus an, und weiterdringend stieß er auf ein Wissen und eine boshafte Eleganz des Denkens, die durch das abgerissene Äußere des jungen Menschen nur noch überraschender wurde. Man sprach von Marx, dessen „Kapital“ Leo Naphta in einer Volksausgabe studiert hatte, und kam von ihm auf Hegel, von dem oder über den er ebenfalls genug gelesen, um einiges Markante über ihn äußern zu können. Sei es aus allgemeinem Hang zur Paradoxie oder aus höflicher Absicht, – er nannte Hegel einen „katholischen“ Denker; und auf die lächelnde Frage des Paters, wie das begründet werden könne, da doch Hegel als preußischer Staatsphilosoph wohl recht eigentlich und wesentlich als Protestant zu gelten habe, erwiderte er: gerade das Wort „Staatsphilosoph“ bekräftige, daß er im religiösen, wenn auch natürlich nicht im kirchlich-dogmatischen Sinn mit seiner Behauptung von Hegels Katholizität im Rechte sei. Denn (diese Konjunktion liebte Naphta ganz besonders; sie gewann etwas Triumphierend-Unerbittliches in seinem Munde, und seine Augen hinter den Brillengläsern blitzten auf, jedesmal, wenn er sie einfügen konnte), denn der Begriff des Politischen sei mit dem des Katholischen psychologisch verbunden, sie bildeten eine Kategorie, die alles Objektive, Werkhafte, Tätige, Verwirklichende, ins Äußere Wirkende umfasse. Ihr gegenüber stehe die pietistische, aus der Mystik hervorgegangene, protestantische Sphäre. Im Jesuitentum, fügte er hinzu, werde das politisch-pädagogische Wesen des Katholizismus evident; Staatskunst und Erziehung habe dieser Orden immer als seine Domänen betrachtet. Und er nannte noch Goethe, der, im Pietismus wurzelnd und gewiß Protestant, eine stark katholische Seite besessen habe, nämlich kraft seines Objektivismus und seiner Tätigkeitslehre. Er habe die Ohrenbeichte verteidigt und sei als Erzieher ja beinahe Jesuit gewesen.
Mochte Naphta diese Dinge vorgebracht haben, weil er daran glaubte, oder weil er sie witzig fand, oder um seinem Zuhörer nach dem Munde zu reden, als ein Armer, der schmeicheln muß und wohl berechnet, wie er sich nützen, wie schaden kann: der Pater hatte sich um ihren Wahrheitswert weniger gekümmert, als um die allgemeine Gescheitheit, von der sie zeugten; das Gespräch hatte sich fortgesponnen, Leos persönliche Umstände waren dem Jesuiten bald bekannt gewesen, und die Begegnung hatte mit der Aufforderung Unterpertingers an Leo geschlossen, ihn im Pädagogium zu besuchen.
So hatte Naphta den Boden der Stella matutina betreten dürfen, deren wissenschaftlich und gesellschaftlich anspruchsvolle Atmosphäre vorstellungsweise längst seine Sehnsucht gereizt hatte; und mehr: es war ihm durch diese Wendung der Dinge ein neuer Lehrer und Gönner beschert worden, weit besser aufgelegt, als der vormalige, sein Wesen zu schätzen und zu fördern, ein Meister, dessen Güte, kühl ihrer Natur nach, auf Weltläufigkeit beruhte, und in dessen Lebenskreis einzudringen er größte Begierde empfand. Gleich vielen geistreichen Juden war Naphta von Instinkt zugleich Revolutionär und Aristokrat; Sozialist – und zugleich besessen von dem Traum, an stolzen und vornehmen, ausschließlichen und gesetzvollen Daseinsformen teilzuhaben. Die erste Äußerung, welche die Gegenwart eines katholischen Theologen ihm entlockt hatte, war, obgleich sie sich rein analytisch-vergleichend gegeben hatte, eine Liebeserklärung an die römische Kirche gewesen, die er als eine zugleich vornehme und geistige, das heißt anti-materielle, gegenwirkliche und gegen-weltliche, also revolutionäre Macht empfand. Und diese Huldigung war echt und stammte aus seines Wesens Mitte; denn, wie er selbst auseinandersetzte, stand das Judentum kraft seiner Richtung aufs Irdisch-Sachliche, seines Sozialismus, seiner politischen Geistigkeit der katholischen Sphäre weit näher, war ihr ungleich verwandter, als der Protestantismus in seiner Versenkungssucht und mystischen Subjektivität, – wie denn also auch die Konversion eines Juden zur römischen Kirche entschieden einen geistlich zwangloseren Vorgang bedeutete, als die eines Protestanten.
Entzweit mit dem Hirten seiner ursprünglichen Religionsgemeinschaft, verwaist und verlassen, dazu voller Verlangen nach reinerer Lebensluft, nach Daseinsformen, auf die seine Gaben ihm Anrecht verliehen, war Naphta, der das gesetzliche Unterscheidungsalter ja längst erreicht hatte, zum konfessionellen Übertritt so ungeduldig bereit, daß sein „Entdecker“ sich jeder Mühe überhoben sah, diese Seele, oder vielmehr diesen ungewöhnlichen Kopf für die Welt seines Bekenntnisses zu gewinnen. Schon bevor er die Taufe empfing, hatte Leo auf Betreiben des Paters in der „Stella“ vorläufige Unterkunft, leibliche und geistige Versorgung, gefunden. Er war dorthin übergesiedelt, indem er seine jüngeren Geschwister mit größter Gemütsruhe, mit der Unempfindlichkeit des Geistesaristokraten der Armenpflege und einem Schicksal überließ, wie es ihrer minderen Begabung gebührte.
Grund und Boden der Erziehungsanstalt waren weitläufig, wie ihre Baulichkeiten, die Raum für gegen vierhundert Zöglinge boten. Der Komplex umfaßte Wälder und Weideland, ein halbes Dutzend Spielplätze, landwirtschaftliche Gebäude, Ställe für Hunderte von Kühen. Das Institut war zugleich Pensionat, Mustergut, Sportakademie, Gelehrtenschule und Musentempel; denn beständig gab es Theater und Musik. Das Leben hier war herrschaftlich-klösterlich. Mit seiner Zucht und Eleganz, seiner heiteren Gedämpftheit, seiner Geistigkeit und Wohlgepflegtheit, der Genauigkeit seiner abwechslungsreichen Tageseinteilung schmeichelte es Leos tiefsten Instinkten. Er war überglücklich. Er erhielt seine vortrefflichen Mahlzeiten in einem weiten Refektorium, wo Schweigepflicht herrschte, wie auf den Gängen der Anstalt, und in dessen Mitte ein junger Präfekt auf hohem Katheder sitzend die Essenden mit Vorlesen unterhielt. Sein Eifer beim Unterricht war brennend, und trotz einer Brustschwäche bot er alles auf, um nachmittags bei Spiel und Sport seinen Mann zu stehen. Die Devotion, mit der er alltäglich die Frühmesse hörte und Sonntags am feierlichen Amte teilnahm, mußte die Väter-Pädagogen erfreuen. Seine gesellschaftliche Haltung befriedigte sie nicht weniger. An Festtagen, nachmittags, nach dem Genuß von Kuchen und Wein, ging er in grau und grüner Uniform, mit Stehkragen, Hosenstreifen und Käppi, in Reihe und Glied spazieren.
Dankbares Entzücken erfüllte ihn angesichts der Schonung, die seiner Herkunft, seinem jungen Christentum, seinen persönlichen Verhältnissen überhaupt zuteil wurde. Daß es ein Freiplatz war, den er in der Anstalt einnahm, schien niemand zu wissen. Die Hausgesetze lenkten die Aufmerksamkeit seiner Kameraden von der Tatsache ab, daß er ohne Familienanhang, ohne Heimat war. Das Empfangen von Paketen mit Lebensmitteln und Leckereien war allgemein verboten. Was etwa dennoch kam, wurde verteilt, und auch Leo erhielt davon. Der Kosmopolitismus der Anstalt verhinderte jedes auffällige Hervortreten seines Rassengepräges. Es waren da junge Exoten, portugiesische Südamerikaner, die „jüdischer“ aussahen als er, und so kam dieser Begriff abhanden. Der äthiopische Prinz, der gleichzeitig mit Naphta Aufnahme gefunden hatte, war sogar ein wolliger Mohrentyp, dabei aber sehr vornehm.
In der Rhetorischen Klasse gab Leo den Wunsch zu erkennen, Theologie zu studieren, um, wenn er irgend würdig befunden werde, dereinst dem Orden anzugehören. Dies hatte zur Folge, daß man seinen Freiplatz aus dem „Zweiten Pensionat“, dessen Kosten und Lebenshaltung bescheidener waren, in das „Erste“ verlegte. Bei Tische wurde ihm nun von Dienern serviert, und sein Schlafabteil stieß einerseits an das eines schlesischen Grafen von Harbuval und Chamaré, andererseits an das eines Marquis di Rangoni-Santacroce aus Modena. Er absolvierte glänzend und vertauschte, getreu seinem Entschluß, das Zöglingsleben des Pädagogiums mit dem des Noviziathauses im benachbarten Tisis, einem Leben dienender Demut, schweigender Unterordnung und religiösen Trainings, dem er geistige Lüste im Sinne früher fanatischer Konzeptionen abgewann.
Unterdessen aber litt seine Gesundheit – und zwar weniger unmittelbar, durch die Strenge des Prüflingslebens, in dem es an körperlicher Erfrischung nicht fehlte, als von innen her. Die Erziehungspraktiken, deren Gegenstand er war, kamen in ihrer Klugheit und Spitzfindigkeit seinen persönlichen Anlagen entgegen und forderten sie zugleich heraus. Bei den geistigen Operationen, mit denen er seine Tage und noch einen Teil seiner Nächte verbrachte, bei all diesen Gewissenserforschungen, Betrachtungen, Erwägungen und Beschauungen verstrickte er sich mit boshaft querulierender Leidenschaft in tausend Schwierigkeiten, Widersprüche und Streitfälle. Er war die Verzweiflung – wenn auch zugleich die große Hoffnung – seines Exerzitienleiters, dem er mit seiner dialektischen Wut und seinem Mangel an Einfalt alltäglich die Hölle heiß machte. „Ad haec quid tu?“ fragte er mit funkelnden Brillengläsern ... Und dem in die Enge getriebenen Pater blieb nichts übrig, als ihn zum Gebet zu ermahnen, damit er zur Ruhe der Seele gelange – „ut in aliquem gradum quietis in anima perveniat“. Allein diese „Ruhe“ bestand, wenn sie erreicht wurde, in einer vollständigen Abstumpfung des Eigenlebens und Abtötung zum bloßen Werkzeuge, einem geistigen Kirchhofsfrieden, dessen unheimliche äußere Merkmale Bruder Naphta in mancher hohl blickenden Physiognomie seiner Umgebung studieren konnte, und die zu erreichen ihm nie gelingen würde, es sei denn auf dem Wege körperlichen Ruins.
Es sprach für den geistigen Rang seiner Vorgesetzten, daß diese Anstände und Beschwerden seinem Ansehen bei ihnen keinen Abbruch taten. Der Pater Provinzial selbst zitierte ihn am Ende des zweijährigen Noviziates zu sich, unterhielt sich mit ihm, genehmigte seine Aufnahme in den Orden; und der junge Scholastiker, der vier niedere Weihen, nämlich die eines Türhüters, Meßdieners, Vorlesers und Teufelsbeschwörers empfangen, auch die „einfachen“ Gelübde abgelegt hatte und der Sozietät nun endgültig angehörte, ging nach dem Kollegienhause des holländischen Falkenburg ab, um sein theologisches Studium aufzunehmen.
Damals war er zwanzigjährig, und drei Jahre später hatte unter dem Einfluß eines ihm gefährlichen Klimas und geistiger Anstrengungen sein ererbtes Leiden solche Fortschritte gemacht, daß sein Verbleib sich bei Lebensgefahr verbot. Ein Blutsturz, den er erlitt, alarmierte seine Oberen, und nachdem er wochenlang zwischen Leben und Tod geschwebt, schickten sie den notdürftig Genesenen an seinen Ausgangspunkt zurück. In derselben Erziehungsanstalt, deren Schüler er gewesen, fand er als Präfekt, als Aufseher der Alumnen und Lehrer der Humaniora und Philosophie Verwendung. Diese Einschaltung war ohnedies Vorschrift, nur, daß man von solcher Dienstleistung gemeinhin nach wenigen Jahren ins Kolleg zurückkehrte, um das siebenjährige Gottesstudium fortzuführen und abzuschließen. Dies war dem Bruder Naphta verwehrt. Er kränkelte fort; Arzt und Obere urteilten, der Dienst hier am Orte, in gesunder Luft mit den Zöglingen und bei landwirtschaftlicher Betätigung, sei der ihm vorläufig angemessene. Er empfing wohl die erste höhere Weihe, gewann das Recht, am Sonntag beim feierlichen Amt die Epistel zu singen, – ein Recht, das er übrigens nicht ausübte, erstens, weil er vollständig unmusikalisch war und dann auch, weil die krankhafte Brüchigkeit seiner Stimme ihn zum Singen wenig geschickt machte. Über das Subdiakonat aber brachte er es nicht hinaus, – weder zum Diakonat noch gar zur Priesterweihe; und da die Blutung sich wiederholte, auch das Fieber nicht schwinden wollte, so hatte er auf Ordenskosten zu längerer Kur hier oben Aufenthalt genommen, und sie zog sich hin in das sechste Jahr – kaum noch als Kur, sondern bereits und nachgerade im Sinne kategorischer Lebensbedingung, in dünner Höhe, beschönigt durch einige Tätigkeit als Lateinlehrer am Krankengymnasium ...
Diese Dinge nebst Weiterem und Genauerem erfuhr Hans Castorp gesprächsweise von Naphta selbst, wenn er ihn in der seidenen Zelle besuchte, allein und auch in Begleitung seiner Tischgenossen Ferge und Wehsal, die er dort eingeführt hatte; oder wenn er ihm auf einem Lustwandel begegnete und in seiner Gesellschaft gegen „Dorf“ zurückpilgerte, – erfuhr sie gelegentlich, in Bruchstücken und in Form zusammenhängender Erzählungen und fand sie nicht nur für seine Person hoch merkwürdig, sondern ermunterte auch Ferge und Wehsal, sie so zu finden, was sie auch taten: jener freilich, indem er einschränkend in Erinnerung brachte, daß alles Höhere ihm fern liege (denn das Erlebnis des Pleurachoks war es allein, was ihn je über das menschlich Anspruchsloseste hinaus gesteigert hatte), dieser dagegen mit sichtlichem Wohlgefallen an der Glückslaufbahn eines einst Gedrückten, die nun allerdings, damit die Bäume nicht in den Himmel wuchsen, zu stocken und in dem gemeinsamen Körperübel zu versanden schien.
Hans Castorp für sein Teil bedauerte diesen Stillstand und gedachte mit Stolz und Sorge des ehrliebenden Joachim, der mit heldenmütiger Kraftanstrengung des Rhadamanthys zähes Gewebe von Rederei zerrissen hatte und zu seiner Fahne geflohen war, an deren Schaft er, in Hans Castorps Vorstellung, sich nun klammerte, drei Finger seiner Rechten zum Treuschwur erhoben. Auch Naphta hatte zu einer Fahne geschworen, auch er war unter eine solche aufgenommen worden, wie er selbst sich ausdrückte, wenn er Hans Castorp über das Wesen seines Ordens unterrichtete; aber offenbar war er ihr weniger treu, mit seinen Abweichungen und Kombinationen, als Joachim der seinen, – während freilich Hans Castorp, wenn er dem ci devant- oder Zukunftsjesuiten zuhörte, als Zivilist und Kind des Friedens sich in seiner Meinung bestärkt fand, daß jeder von beiden an dem Beruf und Stande des anderen Gefallen finden und ihn als dem eigenen nahe verwandt hätte verstehen müssen. Denn das waren militärische Stände, der eine wie der andere, und zwar in allerlei Sinn: in dem der „Askese“ sowohl als dem der Rangordnung, des Gehorsams und der spanischen Ehre. Letztere namentlich waltete mächtig ob in Naphtas Orden, welcher ja auch aus Spanien stammte, und dessen geistliches Exerzierreglement, eine Art Gegenstück zu dem, welches später der preußische Friederich für seine Infanterie erlassen, ursprünglich in spanischer Sprache abgefaßt worden war, weshalb denn Naphta bei seinen Erzählungen und Belehrungen sich spanischer Ausdrücke öfters bediente. So sprach er von den „dos banderas“, von den „zwei Fahnen“, um welche die Heere sich zum großen Feldzuge scharten: das höllische und das geistliche; in der Gegend von Jerusalem dieses, wo Christus, der „capitan general“ aller Guten kommandierte, – in der Ebene von Babylon das andere, wo Luzifer den „caudillo“ oder Häuptling machte ...
War nicht die Anstalt „Morgenstern“ ein richtiges Kadettenhaus gewesen, dessen Zöglinge, abgeteilt in „Divisionen“, zu geistlich-militärischer bienséance ehrenhaft waren angehalten worden, – eine Verbindung von „Steifem Kragen“ und „Spanischer Krause“, wenn man so sagen durfte? Die Idee der Ehre und Auszeichnung, die in Joachims Stande eine so glänzende Rolle spielte, – wie deutlich, dachte Hans Castorp, tat sie sich hervor auch in dem, worin Naphta es leider krankheitshalber nicht weit gebracht hatte! Hörte man ihn, so setzte der Orden sich aus lauter höchst ehrgeizigen Offizieren zusammen, die nur von dem einen Gedanken beseelt waren, sich im Dienste auszuzeichnen. („Insignes esse“ hieß es lateinisch.) Nach der Lehre und dem Reglement des Stifters und ersten Generals, des spanischen Loyola, taten sie mehr, taten herrlicheren Dienst als all diejenigen, die nur nach ihrer gesunden Vernunft handelten. Vielmehr verrichteten sie ihr Werk „ex supererogatione“, über Gebühr, nämlich indem sie nicht nur schlechthin der Empörung des Fleisches („rebellio carnis“) Widerstand leisteten, was eben nicht mehr, als Sache jedes durchschnittlich gesunden Menschenverstandes war, sondern dadurch, daß sie kämpfend schon gegen die Neigungen der Sinnlichkeit, der Eigen- und Weltliebe handelten, auch in Dingen, die gemeinhin erlaubt sind. Denn kämpfend gegen den Feind handeln, „agere contra“, angreifen also, war mehr und ehrenhafter, als nur sich verteidigen („resistere“). Den Feind schwächen und brechen! hieß es in der Felddienstvorschrift, und ihr Verfasser, der spanische Loyola, war da wieder ganz eines Sinnes mit Joachims capitan general, dem preußischen Friederich und seiner Kriegsregel „Angriff! Angriff!“ „Dem Feind in den Hosen gesessen!“ „Attaquez donc toujours!“
Was aber der Welt Naphtas und derjenigen Joachims namentlich gemeinsam war, das war ihr Verhältnis zum Blute und ihr Axiom, daß man seine Hand nicht solle davon zurückhalten: darin besonders stimmten sie als Welten, Orden und Stände hart überein, und für ein Kind des Friedens war es sehr hörenswert, wie Naphta von kriegerischen Mönchstypen des Mittelalters erzählte, welche, asketisch bis zur Erschöpfung und dabei voll geistlicher Machtbegier, des Blutes nicht hatten schonen wollen, um den Gottesstaat, die Weltherrschaft des Übernatürlichen herbeizuführen; von streitbaren Tempelherren, die den Tod im Kampf gegen die Ungläubigen für verdienstvoller als den im Bette geachtet hatten und, um Christi willen getötet zu werden oder zu töten, für kein Verbrechen, sondern für höchsten Ruhm. Nur gut, wenn Settembrini bei diesen Reden nicht zugegen war! Er gab sonst nur wieder den störenden Drehorgelmann ab und schalmeite Frieden, – obgleich da doch der heilige National- und Zivilisationskrieg gegen Wien war, zu dem er durchaus nicht nein sagte, während freilich Naphta nun gerade diese Passion und Schwäche mit Hohn und Verachtung strafte. Wenigstens solange der Italiener von solchen Gefühlen warm war, führte er eine christliche Weltbürgerlichkeit dagegen ins Feld, wollte jedes Land, und auch wieder kein einziges, Vaterland nennen und wiederholte schneidend das Wort eines Ordensgenerals namens Nickel, dahin lautend, die Vaterlandsliebe sei „eine Pest und der sicherste Tod der christlichen Liebe“.
Versteht sich, es war die Askese, um derentwillen Naphta die Vaterlandsliebe eine Pest nannte, – denn was begriff er nicht alles unter diesem Wort, was alles lief nicht nach seinem Erachten der Askese und dem Gottesreiche zuwider! Nicht nur die Anhänglichkeit an Familie und Heimat tat das, sondern auch die an Gesundheit und Leben: sie eben machte er dem Humanisten zum Vorwurf, wenn dieser Frieden und Glück schalmeite; der Fleischesliebe, der amor carnalis, der Liebe zu den körperlichen Bequemlichkeiten, commodorum corporis, zieh er ihn zänkisch und nannte es ihm ins Gesicht hinein stockbürgerliche Irreligiosität, auf Leben und Gesundheit auch nur das geringste Gewicht zu legen.
Das war das große Kolloquium über Gesundheit und Krankheit, das sich eines Tages, schon stark gegen Weihnachten hin, während eines Schneespazierganges nach „Platz“ und wieder zurück aus solchen Differenzen entwickelte, und alle nahmen sie daran teil: Settembrini, Naphta, Hans Castorp, Ferge und Wehsal, – leicht fiebernd sämtlich, zugleich betäubt und erregt vom Gehen und Reden im Höhenfrost, zum Zittern geneigt ohne Ausnahme und, ob sie sich nun mehr tätig verhielten, wie Naphta und Settembrini, oder meist aufnehmend und nur mit kurzen Einwürfen das Gespräch begleitend, alle mit so angelegentlichem Eifer, daß sie oft selbstvergessen halt machten, eine tief beschäftigte, gestikulierende und durcheinander sprechende Gruppe bildeten und die Passage versperrten, unbekümmert um fremde Leute, die einen Bogen um sie beschreiben mußten und ebenfalls stehen blieben, das Ohr hinhielten und staunend ihren ausschweifenden Erörterungen lauschten.
Eigentlich war der Disput von Karen Karstedt ausgegangen, der armen Karen mit den offenen Fingerspitzen, die neulich gestorben war. Hans Castorp hatte nichts von ihrer plötzlichen Verschlechterung und ihrem Exitus gewußt; sonst hätte er gern an ihrem Begräbnis kameradschaftlich teilgenommen, – bei seiner eingestandenen Vorliebe für Begräbnisse überhaupt. Aber die ortsübliche Diskretion hatte gewollt, daß er zu spät von Karens Hintritt erfahren hatte, und daß sie schon in den Garten des Puttengottes mit der schiefen Schneemütze zu endgültig horizontaler Lage eingegangen war. Requiem aeternam ... Er widmete ihrem Andenken einige freundliche Worte, was Herrn Settembrini darauf brachte, sich spöttisch über Hansens charitative Betätigung, seine Besuche bei Leila Gerngroß, dem geschäftlichen Rotbein, der überfüllten Zimmermann, dem prahlerischen Sohne Tous-les-deux’ und der qualvollen Natalie von Mallinckrodt zu äußern und noch nachträglich über die teueren Blumen sich aufzuhalten, mit denen der Ingenieur diesem ganzen trostlosen und ridikülen Gelichter Devotion erwiesen habe. Hans Castorp hatte darauf hingewiesen, daß die Empfänger seiner Aufmerksamkeiten, mit vorläufiger Ausnahme der Frau von Mallinckrodt und des Knaben Teddy, ja auch ganz ernstlich gestorben seien, worauf Settembrini fragte, ob das sie etwa respektabler mache. Es gebe aber doch etwas, entgegnete Hans Castorp, was man die christliche Reverenz vor dem Elend nennen könne. Und ehe Settembrini ihn zurechtweisen konnte, begann Naphta von frommen Ausschreitungen der Liebestätigkeit zu reden, die das Mittelalter gesehen, erstaunlichen Fällen von Fanatismus und Verzückung in der Krankenpflege: Königstöchter hatten die stinkenden Wunden Aussätziger geküßt, hatten sich geradezu mit Absicht an Leprosen angesteckt und die Schwären, die sie sich zugezogen, dann ihre Rosen genannt, hatten das Wasser ausgetrunken, womit sie Eiternde gewaschen, und danach erklärt, nie habe ihnen etwas so gut geschmeckt.
Settembrini tat, als müsse er sich erbrechen. Weniger das physisch Ekelhafte an diesen Bildern und Vorstellungen, sagte er, kehre ihm den Magen um, als vielmehr der monströse Irrsinn, der sich in einer solchen Auffassung von tätiger Menschenliebe bekunde. Und er richtete sich auf, gewann wieder heitere Würde, indem er von neuzeitlich fortgeschrittenen Formen der humanitären Fürsorge, siegreicher Zurückdrängung der Seuchen sprach und Hygiene, Sozialreform nebst den Taten der medizinischen Wissenschaft jenen Schrecknissen entgegenstellte.
Mit diesen bürgerlich ehrbaren Dingen, antwortete Naphta, wäre den Jahrhunderten, die er soeben angezogen, aber wenig gedient gewesen und zwar beiden Teilen nicht: den Kranken und Elenden so wenig wie den Gesunden und Glücklichen, die nicht sowohl aus Mitleid, als um des eigenen Seelenheiles willen sich ihnen milde erwiesen hätten. Denn durch erfolgreiche Sozialreform wären diese des wichtigsten Rechtfertigungsmittels verlustig gegangen, jene aber ihres heiligen Standes beraubt worden. Darum habe dauernde Erhaltung von Armut und Krankheit im Interesse beider Parteien gelegen, und diese Auffassung bleibe solange möglich, als es möglich sei, den rein religiösen Gesichtspunkt festzuhalten.
Ein schmutziger Gesichtspunkt, erklärte Settembrini, und eine Auffassung, deren Albernheit zu bekämpfen er sich beinahe zu gut sei. Denn die Idee vom „heiligen Stande“ sowie das, was der Ingenieur unselbständigerweise über die „christliche Reverenz vor dem Elend“ geäußert habe, sei ja Schwindel, beruhe auf Täuschung, fehlerhafter Einfühlung, einem psychologischen Schnitzer. Das Mitleid, das der Gesunde dem Kranken entgegenbringe und das er bis zur Ehrfurcht steigere, weil er sich gar nicht denken könne, wie er solche Leiden gegebenenfalles solle ertragen können, – dieses Mitleid sei in hohem Grade übertrieben, es komme dem Kranken gar nicht zu und sei insofern das Ergebnis eines Denk- und Phantasiefehlers, als der Gesunde seine eigene Art, zu erleben, dem Kranken unterschiebe und sich vorstelle, der Kranke sei gleichsam ein Gesunder, der die Qualen eines Kranken zu tragen habe, – was völlig irrtümlich sei. Der Kranke sei eben ein Kranker, mit der Natur und der modifizierten Erlebnisart eines solchen; die Krankheit richte sich ihren Mann schon so zu, daß sie miteinander auskommen könnten, es gebe da sensorische Herabminderungen, Ausfälle, Gnadennarkosen, geistige und moralische Anpassungs- und Erleichterungsmaßnahmen der Natur, die der Gesunde naiver Weise in Rechnung zu stellen vergesse. Das beste Beispiel sei all dies Brustkrankengesindel hier oben mit seinem Leichtsinn, seiner Dummheit und Liederlichkeit, seinem Mangel an gutem Willen zur Gesundheit. Und kurz, wenn der mitleidig verehrende Gesunde nur selber krank sei und nicht mehr gesund, so werde er schon sehen, daß Kranksein allerdings ein Stand für sich sei, aber durchaus kein Ehrenstand, und daß er ihn viel zu ernst genommen habe.
Hier begehrte Anton Karlowitsch Ferge auf und verteidigte den Pleurachok gegen Verunglimpfungen und Despektierlichkeiten. Wie, was, zu ernst genommen sein Pleurachok? Da danke er, und da müsse er bitten! Sein großer Kehlkopf und sein gutmütiger Schnurrbart wanderten auf und nieder, und er verbat sich jede Mißachtung dessen, was er damals durchgemacht. Er sei nur ein einfacher Mann, ein Versicherungsreisender, und alles Höhere liege ihm fern, – schon dieses Gespräch gehe weit über seinen Horizont. Aber wenn Herr Settembrini etwa zum Beispiel auch den Pleurachok mit einbeziehen wolle in das, was er gesagt habe, – diese Kitzelhölle mit dem Schwefelgestank und den drei farbigen Ohnmachten, – dann müsse er schon bitten und danke ergebenst. Denn da sei von Herabminderungen und Gnadennarkosen und Phantasiefehlern auch nicht eine Spur die Rede gewesen, sondern das sei die größte und krasseste Hundsfötterei unter der Sonne, und wer es nicht erfahren habe, wie er, der könne sich von solcher Gemeinheit überhaupt keine –
Ei ja, ei ja! sagte Settembrini. Herrn Ferges Collaps werde ja immer großartiger, je länger es her sei, daß er ihn erlitten habe, und nachgerade trage er ihn wie einen Heiligenschein um den Kopf. Er, Settembrini, achte die Kranken wenig, die auf Bewunderung Anspruch erhöben. Er sei selber krank, und nicht leicht; aber ohne Affektation sei er eher geneigt, sich dessen zu schämen. Übrigens spreche er unpersönlich, philosophisch, und was er über die Unterschiede in der Natur und Erlebnisart des Kranken und des Gesunden bemerkt habe, das habe schon Hand und Fuß, die Herren möchten nur einmal an die Geisteskrankheiten denken, an Halluzinationen zum Beispiel. Wenn einer seiner gegenwärtigen Begleiter, der Ingenieur etwa, oder Herr Wehsal, heute abend in der Dämmerung seinen verstorbenen Herrn Vater in einer Zimmerecke erblicken würde, der ihn ansähe und zu ihm spräche, – so wäre das für den betreffenden Herrn etwas schlechthin Ungeheuerliches, ein im höchsten Grade erschütterndes und verstörendes Erlebnis, das ihn an seinen Sinnen, seiner Vernunft irre machen und ihn bestimmen würde, alsbald das Zimmer zu räumen und sich in eine Nervenbehandlung zu geben. Oder etwa nicht? Aber der Scherz sei eben der, daß den Herren das gar nicht begegnen könne, da sie ja geistig gesund seien. Falls es ihnen aber begegnete, so wären sie nicht gesund, sondern krank und würden nicht, wie ein Gesunder, das heißt: mit Entsetzen und Reißaus, darauf reagieren, sondern die Erscheinung hinnehmen, als ob sie ganz in der Ordnung sei, und sich in eine Konversation mit ihr einlassen, wie das eben die Art der Halluzinanten sei; und zu glauben, für diese bedeute die Halluzination ein gesundes Schrecknis, das eben sei der Phantasiefehler, der dem Nichtkranken unterlaufe.
Herr Settembrini sprach sehr drollig und plastisch von dem Vater in der Ecke. Alle mußten lachen, auch Ferge, obgleich er gekränkt war durch Geringschätzung seines infernalischen Abenteuers. Der Humanist seinerseits benutzte die erregte Laune, um die Nichtachtbarkeit der Halluzinanten und überhaupt aller pazzi des weiteren zu erörtern und zu vertreten: diese Leute, meinte er, ließen sich ganz unerlaubt viel durchgehen und hätten es öfters sehr wohl in der Hand, ihrer Tollheit zu steuern, wie er selbst bei gelegentlichen Besuchen in Narrenspitälern gesehen. Denn wenn der Arzt oder ein Fremder auf der Schwelle erscheine, so stelle der Halluzinierende meist seine Grimassen, sein Reden und Fuchteln ein und benehme sich anständig, solange er sich beobachtet wisse, um sich hernach wieder gehen zu lassen. Denn ein Sichgehenlassen bedeute die Narrheit zweifellos in vielen Fällen, dergestalt, daß sie als Zuflucht vor großem Kummer und als Schutzmaßnahme einer schwachen Natur gegen überschwere Schicksalsschläge diene, die klaren Sinnes zu bestehen ein solcher Mensch sich nicht zumute. Da aber könnte sozusagen jeder kommen, und er, Settembrini, habe schon manchen Narren einzig und allein durch seinen Blick, dadurch, daß er seinen Flausen eine Haltung unerbittlicher Vernunft entgegengesetzt habe, wenigstens vorübergehend zur Klarheit angehalten ...
Naphta lachte höhnisch, während Hans Castorp beteuerte, Herrn Settembrini das Gesagte aufs Wort glauben zu wollen. Wenn er sich so vorstelle, wie dieser unter dem Schnurrbart gelächelt und den Schwachkopf mit unnachgiebiger Vernunft ins Auge gefaßt habe, so verstehe er wohl, wie der arme Kerl sich habe zusammennehmen und der Klarheit die Ehre geben müssen, wenn er natürlich auch wohl Herrn Settembrinis Erscheinen als höchst unwillkommene Störung empfunden haben werde ... Aber auch Naphta hatte Irrenanstalten besucht, er entsann sich eines Aufenthaltes in dem „Unruhigen Hause“ einer solchen, und da hatten Szenen und Bilder sich ihm dargeboten, vor welchen, du lieber Gott, Herrn Settembrinis vernunftvoller Blick und züchtiger Einfluß wohl kaum verfangen haben würde: Dantische Szenen, groteske Bilder des Grauens und der Qual: die nackten Irren im Dauerbade hockend, in allen Posen der Seelenangst und des Entsetzensstupors, einige in lautem Jammer schreiend, andere mit erhobenen Armen und klaffenden Mündern ein Gelächter ausstoßend, worin alle Ingredienzien der Hölle sich gemischt hatten ...
„Aha“, sagte Herr Ferge und erlaubte sich, sein eigenes Gelächter in Erinnerung zu bringen, das ihm beim Abschnappen entflohen war.
Und kurz denn, Herrn Settembrinis unerbittliche Pädagogik hätte vollständig einpacken können vor den Gesichten des Unruhigen Hauses, auf welche der Schauder religiöser Ehrfurcht denn doch eine menschlichere Rückwirkung gewesen wäre, als jene hochnäsige Vernunftmoralisterei, die unser höchstleuchtender Sonnenritter und Vikarius Salomonis hier dem Wahnsinn entgegenzusetzen beliebte.
Hans Castorp hatte keine Zeit, sich mit den Titeln zu beschäftigen, die Naphta Herrn Settembrini da wieder verlieh. Flüchtig nahm er sich vor, der Sache bei erster Gelegenheit auf den Grund zu gehen. Im Augenblick aber verzehrte das laufende Gespräch seine Aufmerksamkeit ganz; denn Naphta erörterte eben mit Schärfe die allgemeinen Tendenzen, die den Humanisten bestimmten, der Gesundheit grundsätzlich alle Ehre zu geben und die Krankheit tunlichst zu entehren und zu verkleinern, – in welcher Stellungnahme allerdings eine bemerkenswerte und fast löbliche Selbstentäußerung sich kundtat, da Herr Settembrini selbst ja krank war. Seine Haltung aber, die durch ihre ungemeine Würde nichts an Fehlerhaftigkeit einbüßte, ergab sich aus einer Achtung und Andacht vor dem Leibe, die gerechtfertigt doch nur gewesen wäre, wenn der Leib sich noch in seinem gottesursprünglichen Zustande, statt in dem der Erniedrigung – in statu degradationis – befunden hätte. Denn unsterblich erschaffen, war er vermöge der Verschlimmerung der Natur durch die Erbsünde der Verderbtheit und Abscheulichkeit anheimgefallen, sterblich und verweslich, nicht anders, denn als Kerker und Strafzwinger der Seele zu betrachten und nur geeignet, das Gefühl der Scham und Verwirrung, pudoris et confusionis sensum, wie der heilige Ignatius sagte, zu erwecken.
Diesem Gefühle, rief Hans Castorp, habe bekanntlich auch der Humanist Plotinus Ausdruck verliehen. Aber Herr Settembrini, die Hand aus dem Schultergelenk über den Kopf geworfen, forderte ihn auf, die Gesichtspunkte nicht zu vermengen und sich lieber rezeptiv zu verhalten.
Unterdessen leitete Naphta die Ehrfurcht, die das christliche Mittelalter dem Elend des Leibes gewidmet hatte, aus der religiösen Zustimmung ab, die es dem Anblick fleischlichen Jammers gezollt hatte. Denn die Schwären des Körpers machten nicht nur dessen Gesunkenheit augenfällig, sondern entsprachen auch der venenosen Verderbtheit der Seele auf eine erbauliche und geistliche Genugtuung erweckende Weise, – während Leibesblüte eine irreführende und das Gewissen beleidigende Erscheinung war, welche durch tiefe Erniedrigung vor der Bresthaftigkeit zu verleugnen man äußerst guttat. Quis me liberabit de corpore mortis hujus? Wer wird mich befreien aus dem Körper dieses Todes? Das war die Stimme des Geistes, welche auf ewig die Stimme wahrer Menschheit war.
Nein, das war eine nächtige Stimme, nach Herrn Settembrinis bewegt vorgetragener Ansicht, – die Stimme einer Welt, der die Sonne der Vernunft und Menschlichkeit noch nicht erschienen war. Ja, obgleich venenos für seine leibliche Person, hatte er seinen Geist gesund und unverpestet genug erhalten, um dem pfäffischen Naphta in Sachen des Leibes auf schöne Art die Spitze zu bieten und sich über die Seele lustig zu machen. Er verstieg sich dazu, den Menschenleib als den wahren Tempel Gottes zu feiern, worauf Naphta dieses Gewebe für nichts weiter als für den Vorhang zwischen uns und der Ewigkeit erklärte, was wieder zur Folge hatte, daß Settembrini ihm den Gebrauch des Wortes „Menschheit“ endgültig verbot – und so fort.
Mit froststarren Mienen, barhaupt, in ihren Überschuhen aus Gummistoff bald die hart knirschende und mit Asche bestreute Schneedecke tretend, die den Bürgersteig aufhöhte, bald mit den Füßen durch die lockeren Schneemassen des Fahrdammes pflügend, Settembrini in einer Winterjacke, deren Biberkragen und Ärmelrevers vermöge enthaarter Stellen gleichsam räudig wirkten, die er jedoch elegant zu tragen wußte, Naphta in einem schwarzen, fußlangen und hochgeschlossenen Mantel, der mit Pelz nur gefüttert war und außen nichts davon sehen ließ, stritten sie um diese Prinzipien mit der persönlichsten Angelegentlichkeit, wobei es öfters geschah, daß sie sich nicht aneinander, sondern an Hans Castorp wandten, dem der eben Redende seine Sache vortrug und vorhielt, indem er auf den Gegner nur mit dem Haupte oder dem Daumen deutete. Sie hatten ihn zwischen sich, und er, den Kopf hin und her wendend, stimmte bald dem einen, bald dem anderen zu oder machte, stehen bleibend, den Oberkörper schräg zurückgebeugt und mit der Hand im gefütterten Ziegenlederhandschuh gestikulierend, etwas Eigenes, selbstverständlich höchst Unzulängliches geltend, indes Ferge und Wehsal die drei umkreisten, jetzt vor ihnen, dann hinter ihnen sich hielten oder auch eine Reihe mit ihnen bildeten, bis der Verkehr ihre Linie wieder auflöste.
Unter dem Einfluß ihrer Zwischenbemerkungen sprang die Debatte auf dinglichere Gegenstände ab, behandelte rasch nacheinander und unter wachsender Anteilnahme aller die Probleme der Feuerbestattung, der körperlichen Züchtigung, der Folter und der Todesstrafe. Es war Ferdinand Wehsal, der die Prügelpön aufs Tapet gebracht hatte, und die Anregung stand ihm zu Gesichte, wie Hans Castorp fand. Es überraschte nicht, daß Herr Settembrini sich in lauteren Worten und unter Anrufung der Menschenwürde gegen dies wüste Verfahren aussprach, in der Pädagogik sowohl wie nun gar in der Rechtspflege, – während es zwar ebenfalls nicht überraschend geschah, aber doch durch eine gewisse düstere Frechheit verblüffte, daß Naphta der Bastonade zugunsten redete. Ihm zufolge war es absurd, hier von Menschenwürde zu faseln, denn unsere wahre Würde beruhte im Geiste, nicht im Fleische, und da die Menschenseele nur zu sehr dazu neigte, ihre ganze Lebenslust aus dem Leibe zu saugen, so waren Schmerzen, die man diesem zufügte, ein durchaus empfehlenswertes Mittel, ihr die Lust am Sinnlichen zu versalzen und sie gleichsam aus dem Fleisch in den Geist zurückzutreiben, damit dieser wieder zur Herrschaft gelange. Das Züchtigungsmittel der Schläge als etwas besonders Schmähliches anzusehen, war ein recht alberner Vorwurf. Die heilige Elisabeth war von ihrem Beichtiger, Konrad von Marburg, aufs Blut gezüchtigt worden, wodurch „ihre Seel’“, wie es in der Legende hieß, „entzuckt“ worden war „bis in den dritten Chor“, und sie selbst hatte eine arme alte Frau, die zu schläfrig war, um zu beichten, mit Ruten geschlagen. Wollte man sich im Ernst unterfangen, die Selbstgeißelungen, denen die Angehörigen gewisser Orden und Sekten sowie überhaupt tiefer angelegte Personen sich unterzogen hatten, um das Prinzip des Geistigen stark in sich zu machen, barbarisch, unmenschlich zu nennen? Daß die gesetzliche Abschaffung der Schläge in den Ländern, die sich vornehm dünkten, ein wirklicher Fortschritt sei, war ein Glaube, der durch seine Unerschütterlichkeit nur an Komik gewann.
Nun, so viel, meinte Hans Castorp, war absolut zuzugeben, daß innerhalb des Gegensatzes von Körper und Geist der Körper zweifellos das böse, teuflische Prinzip ... verkörperte, haha, also verkörperte, insofern als der Körper natürlich Natur war – natürlich Natur, das war auch nicht schlecht! – und als die Natur in ihrem Gegensatz zum Geiste, zur Vernunft entschieden böse war, – mystisch böse, so konnte man sagen, wenn man auf Grund seiner Bildung und seiner Kenntnisse etwas riskierte. Diesen Gesichtspunkt festgehalten, war es dann aber nur folgerecht, den Körper dementsprechend zu behandeln, nämlich ihm Disziplinierungsmittel angedeihen zu lassen, die man ebenfalls, wenn man noch einmal etwas riskierte, als mystisch böse bezeichnen konnte. Vielleicht, daß Herr Settembrini, wenn er damals, als die Schwäche seines Körpers ihn gehindert hatte, zum Fortschrittskongreß nach Barcelona zu fahren, eine heilige Elisabeth zur Seite gehabt hätte ...
Man lachte, und da der Humanist auffahren wollte, erzählte Hans Castorp rasch von Schlägen, die er selbst einst empfangen: auf seinem Gymnasium war in den unteren Klassen diese Strafe teilweise noch getätigt worden, es waren Retstöcke vorhanden gewesen, und wenn auch die Lehrer an ihn nicht Hand hatten legen mögen, gesellschaftlicher Rücksicht halber, so war er doch von einem stärkeren Mitschüler einmal geprügelt worden, einem großen Flegel, mit dem biegsamen Stock auf die Oberschenkel und die nur mit Strümpfen bekleideten Waden, und das hatte ganz schmählich weh getan, infam, unvergeßlich, geradezu mystisch, unter schändlich innigem Stoßschluchzen waren ihm die Tränen nur so hervorgestürzt vor Wut und ehrlosem Wehsal – Herr Wehsal mochte freundlichst das Wort entschuldigen –, und Hans Castorp hatte denn auch gelesen, daß in Zuchthäusern bei Empfang der Prügelstrafe die stärksten Raubmörder wie kleine Kinder flennten.
Während Herr Settembrini sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte, die in sehr abgeschabtem Leder steckten, fragte Naphta mit staatsmännischer Kälte, wie man renitente Verbrecher denn anders bändigen wolle, als durch Bock und Stock, die übrigens in einem Zuchthause durchaus stilvoll am Platze seien; ein humanes Zuchthaus sei eine ästhetische Halbheit, ein Kompromiß, und Herr Settembrini, obgleich er ein Schönredner sei, verstehe im Grunde nichts von Schönheit. Was nun aber gar die Pädagogik betraf, so wurzelte, wenn man Naphta hörte, der Menschenwürde-Begriff derer, die das körperliche Zuchtmittel daraus verbannen wollten, in dem Liberal-Individualismus der bürgerlichen Humanitätsepoche, einem aufgeklärten Absolutismus des Ich, der im Begriffe war, abzusterben und neu heraufziehenden, weniger weichlichen Gesellschaftsideen Platz zu machen, Ideen der Bindung und Beugung, des Zwanges und des Gehorsams, bei denen es ohne heilige Grausamkeit nicht abgehe, und die auch die Züchtigung des Kadavers wieder mit anderen Augen werde betrachten lassen.
„Daher der Name Kadavergehorsam!“ höhnte Settembrini; und da Naphta hinwarf, daß, da Gott unsern Leib zur Strafe der Sünde der gräßlichen Schmach der Verwesung anheimgebe, es am Ende kein Majestätsverbrechen sei, wenn derselbe Leib auch einmal Prügel bekomme, – so fiel man im Nu auf die Leichenverbrennung.
Settembrini feierte sie. Jener Schmach könne abgeholfen werden, sagte er froh. Die Menschheit sei aus Gründen der Zweckmäßigkeit wie auch bewogen durch ideelle Motive im Begriffe, ihr abzuhelfen. Und er erklärte sich für mitbeteiligt an den Vorbereitungen zu einem internationalen Kongreß für Feuerbestattung, dessen Schauplatz wahrscheinlich Schweden sein würde. Die Ausstellung eines musterhaften, gemäß aller bisher gemachten Erfahrung eingerichteten Krematoriums nebst Urnenhalle war geplant, und man durfte sich weitgreifender Anregungen und Ermutigungen davon versehen. Was für ein zopfig-obsoletes Verfahren, die Erdbestattung, – angesichts aller neuzeitlichen Umstände! Die Ausdehnung der Städte! Die Verdrängung der raumverzehrenden sogenannten Friedhöfe an die Peripherie! Die Bodenpreise! Die Ernüchterung des Bestattungsvorganges durch notwendige Benutzung der modernen Verkehrsmittel! Herr Settembrini wußte über dies alles nüchtern Treffendes vorzubringen. Er scherzte über die Figur des tiefgebeugten Witwers, der alltäglich zum Grabe der teuren Abgeschiedenen pilgerte, um an Ort und Stelle mit ihr Zwiesprache zu halten. Ein solcher Idylliker mußte vor allem am kostbarsten Lebensgute, nämlich der Zeit, sich eines befremdlichen Überflusses erfreuen, und übrigens würde der Massenbetrieb des modernen Zentralfriedhofes ihm die atavistische Gefühlsseligkeit schon verleiden. Die Vernichtung des Leichnams durch Feuersglut, – welche reinliche, hygienische und würdige, ja heldische Vorstellung war das, im Vergleich mit derjenigen, ihn der elenden Selbstzersetzung und der Assimilation durch niedere Lebewesen zu überlassen! Ja, auch das Gemüt kam besser auf seine Rechnung bei dem neuen Verfahren, das menschliche Bedürfnis nach Dauer. Denn was im Feuer verging, das waren die überhaupt veränderlichen, die schon bei Lebzeiten dem Stoffwechsel unterworfenen Bestandteile des Körpers; diejenigen dagegen, die am wenigsten an diesem Strome teilnahmen, und die den Menschen fast ohne Veränderung durch sein erwachsenes Dasein begleiteten, sie waren zugleich die feuerbeständigen, sie bildeten die Asche, und mit ihr sammelten die Fortlebenden das, was an dem Geschiedenen unvergänglich gewesen war.
„Sehr hübsch“, sagte Naphta; oh, das sei sehr, sehr artig. Des Menschen unvergänglicher Teil, die Asche.
Ah, selbstverständlich, Naphta beabsichtigte, die Menschheit in ihrer irrationalen Stellung zu den biologischen Tatsachen festzuhalten, er behauptete die primitiv religiöse Stufe, auf welcher der Tod ein Schrecknis war und von Schauern so geheimnisvoller Art umweht, daß es sich verbot, den Blick klarer Vernunft auf dies Phänomen zu richten. Welche Barbarei! Das Todesgrauen stammte aus Epochen niederster Kultur, wo der gewaltsame Tod die Regel gewesen, und das Entsetzliche, das diesem in der Tat anhaftete, hatte sich für das Gefühl des Menschen auf lange mit dem Todesgedanken überhaupt vermählt. Immer mehr jedoch wurde dank der Entwicklung der allgemeinen Gesundheitslehre und der Festigung der persönlichen Sicherheit der natürliche Tod zur Norm, und dem modernen Arbeitsmenschen erschien der Gedanke ewiger Ruhe nach sachgemäßer Erschöpfung seiner Kräfte nicht im geringsten als grauenhaft, sondern vielmehr als normal und wünschenswert. Nein, der Tod war weder ein Schrecknis noch ein Mysterium, er war eine eindeutige, vernünftige, physiologisch notwendige und begrüßenswerte Erscheinung, und es wäre Raub am Leben gewesen, länger, als gebührlich, in seiner Betrachtung zu verharren. Darum war denn auch geplant, jenem Musterkrematorium und der zugehörigen Urnenhalle, der „Halle des Todes“ also, eine „Halle des Lebens“ anzubauen, worin Architektur, Malerei, Skulptur, Musik und Dichtkunst sich vereinigen sollten, um den Sinn des Fortlebenden von dem Erlebnis des Todes, von stumpfer Trauer und tatenloser Klage auf die Güter des Lebens zu lenken ...
„Eiligst!“ spottete Naphta. „Damit er den Todesdienst nur ja nicht bis zur Ungebühr treibt, ja nicht zu weit geht in der Andacht vor einer so simplen Tatsache, ohne die es freilich weder Architektur, noch Malerei, noch Skulptur, noch Musik, noch Dichtkunst überhaupt auch nur gäbe.“
„Er desertiert zur Fahne“, sagte Hans Castorp träumerisch.
„Die Unverständlichkeit Ihrer Äußerung, Ingenieur,“ antwortete ihm Settembrini, „läßt ihre Tadelhaftigkeit durchschimmern. Das Erlebnis des Todes muß zuletzt das Erlebnis des Lebens sein, oder es ist nur ein Spuk.“
„Wird man obszöne Symbole anbringen in der ‚Halle des Lebens‘, wie auf manchen antiken Särgen?“ fragte Hans Castorp ernsthaft.
Jedenfalls würde es fette Sinnenweide geben, stellte Naphta fest. In Marmor und Ölfarbe würde ein klassizistischer Geschmack den Leib prangen lassen, diesen Sündenleib, den man der Verwesung entzog, was nicht wundernehmen konnte, da man ihn vor lauter Zärtlichkeit nicht einmal mehr züchtigen lassen wollte ...
Hier fiel Wehsal mit dem Thema der Folter ein; es stand ihm zu Gesichte. Das peinliche Verhör, – wie die Herren darüber dächten. Er, Ferdinand, hatte auf Geschäftsreisen immer gern die Gelegenheit benutzt, an alten Kulturstätten jene verschwiegenen Orte zu besichtigen, an denen einst diese Art von Gewissenserforschung geübt worden war. So kannte er die Folterkammern von Nürnberg, von Regensburg, zu Bildungszwecken hatte er sich näher dort umgesehen. Allerdings, dort hatte man dem Leibe um der Seele willen recht unzärtlich zugesetzt, auf mancherlei sinnreiche Weise. Und nicht einmal Geschrei hatte es gegeben. Die Birne in den offenen Mund gerammt, die berühmte Birne, an sich schon kein Leckerbissen, – und dann hatte Stille geherrscht in aller Geschäftigkeit ...
„Porcheria“, murmelte Settembrini.
Ferge äußerte, die Birne in Ehren und ebenso die ganze stille Geschäftigkeit. Aber etwas Gemeineres, als das Abtasten der Pleura, habe auch damals niemand ersinnen können.
Das war zu seiner Heilung geschehen!
Die verstockte Seele, die verletzte Gerechtigkeit rechtfertigten nicht weniger eine vorübergehende Mitleidlosigkeit. Zweitens war die Folter ein Ergebnis rationalen Fortschritts gewesen.
Naphta war wohl nicht völlig bei Sinnen.
Doch, er war es so ziemlich. Herr Settembrini war Schöngeist, und die mittelalterliche Geschichte des Rechtsganges war ihm offenbar im Augenblick nicht übersichtlich. Sie war in der Tat ein Prozeß fortschreitender Rationalisierung und zwar so, daß allmählich, auf Grund von Vernunfterwägungen, Gott aus der Rechtspflege ausgeschaltet worden war. Das Gottesgericht war gefallen, weil man hatte bemerken müssen, daß der Stärkere siege, auch wenn er im Unrecht sei. Leute von der Art des Herrn Settembrini, Zweifler, Kritiker, hatten diese Wahrnehmung gemacht und es durchgesetzt, daß an die Stelle des alten naiven Rechtsganges der Inquisitionsprozeß trat, welcher sich auf Gottes Eingreifen zugunsten der Wahrheit nicht länger verließ, sondern darauf abzielte, vom Angeklagten das Geständnis der Wahrheit zu erlangen. Keine Verurteilung ohne Geständnis, – man mochte sich nur auch heute noch im Volke umhören: der Instinkt saß tief, die Beweiskette mochte noch so geschlossen sein, die Verurteilung wurde als illegitim empfunden, wenn das Geständnis fehlte. Wie es erwirken? Wie die Wahrheit über alle bloßen Anzeichen, allen bloßen Verdacht hinaus ermitteln? Wie einem Menschen, der sie verhehlte, verweigerte, ins Herz, ins Hirn blicken? War der Geist böswillig, so blieb nichts übrig, als sich an den Körper zu wenden, dem man beikommen konnte. Die Folter, als Mittel, das unentbehrliche Geständnis herbeizuführen, war vernunftgeboten. Wer aber den Geständnisprozeß verlangt und eingeführt hatte, das war Herr Settembrini gewesen, und also war er auch Urheber der Folter.