Sechstes Kapitel (continued 6)
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Luise Ziemßen war eine tapfere Frau. Sie löste sich nicht in Jammer auf bei ihres braven Sohnes Anblick. Gefaßt und zusammengenommen im Sinne ihres durch das kaum sichtbare Schleiernetz befestigten Haares, phlegmatisch und energisch, wie man bekanntlich bei ihr zulande war, nahm sie Joachims Wartung in die Hand, durch seinen Anblick gerade gespornt zu mütterlicher Kampflust und erfüllt von dem Glauben, daß, wenn es etwas zu retten gäbe, nur ihrer Kraft und Wachsamkeit die Rettung gelingen könne. Um ihrer Bequemlichkeit willen geschah es gewiß nicht, sondern nur aus Sinn für das Stattliche, wenn sie einige Tage später einwilligte, daß auch eine Pflegeschwester noch zu dem Schwerkranken berufen wurde. Es war Schwester Berta, in Wirklichkeit Alfreda Schildknecht, die mit ihrem schwarzen Handkoffer an Joachims Lager erschien; aber weder bei Tag noch bei Nacht ließ Frau Ziemßens eifersüchtige Energie ihr viel zu tun, und Schwester Berta hatte eine Menge Zeit, auf dem Korridor zu stehen und, ihr Kneiferband hinter dem Ohre, neugierig auszuspähen.
Die protestantische Diakonissin war eine nüchterne Seele. Allein im Zimmer mit Hans Castorp und mit dem Kranken, der keineswegs schlief, sondern offenen Auges auf dem Rücken lag, war sie imstande, zu sagen:
„Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, daß ich einen von den Herren noch einmal zu Tode pflegen würde.“
Der erschrockene Hans Castorp zeigte ihr mit wilder Miene die Faust, aber sie begriff kaum, was er wollte, – weit entfernt, und mit Recht, von dem Gedanken, daß es angebracht sein möchte, Joachim zu schonen und viel zu sachlich gesonnen, um in Erwägung zu ziehen, daß irgendjemand, und nun gar der Nächstbeteiligte, sich über Charakter und Ausgang dieses Falles Täuschungen hingeben könne. „Da“, sagte sie, indem sie Kölnisches Wasser auf ein Taschentuch goß und es Joachim unter die Nase hielt, „tun Sie sich noch ein bißchen gütlich, Herr Leutnant!“ Und wirklich hätte es zu jener Zeit wenig Vernunft gehabt, dem guten Joachim ein X für ein U zu machen, – es sei denn zum Zwecke tonischer Beeinflussung, wie Frau Ziemßen es meinte, wenn sie ihm mit starker, bewegter Stimme von seiner Genesung sprach. Denn zweierlei war deutlich und nicht zu verkennen: daß Joachim erstens mit klarem Bewußtsein dem Tode entgegenging, und daß er es zweitens in Harmonie und Zufriedenheit mit sich selber tat. Erst in der letzten Woche, Ende November, als Herzschwäche sich bemerkbar machte, vergaß er sich stundenweise, von hoffnungsseliger Unklarheit über seinen Zustand umfangen, und sprach von seiner baldigen Rückkehr zum Regiment und seiner Beteiligung an den großen Manövern, die er sich noch im Gange befindlich dachte. Zu demselben Zeitpunkt war es aber auch, daß Hofrat Behrens darauf verzichtete, den Angehörigen Hoffnung zu geben und das Ende nur noch für eine Frage von Stunden erklärte.
Eine Erscheinung, so melancholisch wie gesetzmäßig, diese vergeßlich-gläubige Selbstbetörung auch männlicher Gemüter zu einer Zeit, wo tatsächlich der Zerstörungsprozeß sich seinem letalen Ziele nähert, – gesetzmäßig-unpersönlich und überlegen aller individuellen Bewußtheit, wie die Schlafverführung, die den Erfrierenden umstrickt, und wie das Im-Kreise-Herumkommen des Verirrten. Hans Castorp, den Kummer und Herzensweh nicht hinderten, das Phänomen mit Sachlichkeit ins Auge zu fassen, knüpfte unbeholfene, wenn auch scharfköpfige Betrachtungen daran im Gespräche mit Naphta und Settembrini, als er ihnen über das Befinden seines Verwandten Bericht erstattete, und zog sich einen Verweis des letzteren zu, indem er meinte, die landläufige Auffassung, philosophische Gläubigkeit und auf das Gute vertrauende Zuversicht sei ein Ausdruck von Gesundheit, Schwarzseherei und Weltverurteilung, aber ein Krankheitsmerkmal, beruhe offenbar auf Irrtum; denn sonst könne nicht gerade der trostlos finale Zustand einen Optimismus zeitigen, mit dessen schlimmer Rosigkeit verglichen der vorangegangene Trübsinn als eine derb-gesunde Lebensäußerung erscheine. Gottlob konnte er den Teilnehmenden gleichzeitig melden, daß Rhadamanthys innerhalb der Hoffnungslosigkeit der Hoffnung Raum ließ und einen sanften, trotz Joachims Jugend quallosen Exitus prophezeite.
„Idyllische Herzaffäre, meine gnädigste Frau!“ sagte er, während er Luise Ziemßens Hand in seinen beiden schaufelgroßen hielt und sie mit quellenden, tränenden, blutunterlaufenen Blauaugen von unten anblickte. „Mir lieb, mir ungeheuer lieb, daß es kordialen Verlauf nimmt, und daß er das Glottisödem und sonstige Niedertracht nicht abzuwarten braucht; so bleiben ihm viele Schikanen erspart. Das Herz läßt rapide aus, wohl ihm, wohl uns, wir können pflichtschuldigst das Unsrige dagegen tun mit unserer Kampferspritze, ohne viel Aussicht, ihm damit Weitläufigkeiten zu verursachen. Er wird viel schlafen zuletzt und freundlich träumen, glaube ich versprechen zu können, und wenn er zuguterletzt nicht gerade schlafen sollte, so wird er doch einen knappen, unmerklichen Übertritt haben, es wird ihm ziemlich egal sein, verlassen Sie sich darauf. So ist das übrigens im Grunde immer. Ich kenne den Tod, ich bin ein alter Angestellter von ihm, man überschätzt ihn, glauben Sie mir! Ich kann Ihnen sagen, es ist fast gar nichts damit. Denn was unter Umständen an Schindereien vorhergeht, das kann man ja nicht gut zum Tode rechnen, es ist eine springlebendige Angelegenheit und kann zum Leben und zur Genesung führen. Aber vom Tode wüßte Ihnen keiner, der wiederkäme, was Rechtes zu erzählen, denn man erlebt ihn nicht. Wir kommen aus dem Dunkel und gehen ins Dunkel, dazwischen liegen Erlebnisse, aber Anfang und Ende, Geburt und Tod, werden von uns nicht erlebt, sie haben keinen subjektiven Charakter, sie fallen als Vorgänge ganz ins Gebiet des Objektiven, so ist es damit.“
Dies war des Hofrats Art und Weise, Trost zu spenden. Wir wollen hoffen, daß sie der verständigen Frau Ziemßen ein bißchen wohltat; und seine Zusicherungen trafen denn ja ziemlich weitgehend auch ein. Der schwache Joachim schlief viele Stunden lang in diesen letzten Tagen, träumte auch wohl, was zu träumen ihm angenehm war, Flachländisch-Militärisches also, nehmen wir an; und wenn er erwachte und man ihn nach seinem Befinden fragte, so antwortete er, wenn auch undeutlich, stets, daß er sich wohl und glücklich fühle, – obgleich er fast keinen Puls mehr hatte und schließlich den Einstich der Injektionsspritze überhaupt nicht mehr spürte, – sein Körper war unempfindlich, man hätte ihn brennen und zwacken können, es wäre den guten Joachim bereits nicht mehr angegangen.
Doch hatten sich seit seiner Mutter Eintreffen noch große Veränderungen mit ihm vollzogen. Da ihm das Rasieren beschwerlich geworden war und er es seit acht oder zehn Tagen schon unterlassen hatte, sein Bartwuchs aber sehr kräftig war, so zeigte sein wächsernes Gesicht mit den sanften Augen sich nun von einem schwarzen Vollbart umrahmt, – einem Kriegsbart, wie wohl der Soldat ihn im Felde sich stehen läßt, und der ihn übrigens schön und männlich kleidete, wie alle fanden. Ja, Joachim war plötzlich aus einem Jüngling zum reifen Manne geworden durch diesen Bart und wohl nicht nur durch ihn. Er lebte rasch, wie ein abschnurrendes Uhrwerk, legte im Hui und Galopp die Altersstufen zurück, die in der Zeit zu erreichen ihm nicht vergönnt war, und wurde während der letzten vierundzwanzig Stunden zum Greise. Die Herzschwäche brachte eine angestrengt wirkende Schwellung seines Gesichtes mit sich, derart, daß Hans Castorp den Eindruck gewann, das Sterben müsse zum wenigsten eine große Mühsal sein, wenn auch Joachim dank mancher Ausfälle und Herabminderungen ihrer nicht gewahr zu werden schien; diese Anschwellung aber betraf am stärksten die Lippenpartie, und eine Austrocknung oder Enervation des inneren Mundes wirkte ersichtlich damit zusammen, so daß Joachim beim Sprechen mummelte wie ein ganz Alter und übrigens an dieser Hemmung wirkliches Ärgernis nahm: wäre er ihrer erst ledig, meinte er lallend, so werde alles gut sein, doch sie sei eine verwünschte Belästigung.
Wie er das meinte: es werde „alles gut“ sein, wurde nicht so ganz klar; – die Neigung seines Zustandes zum Zweideutigen trat auffallend hervor, er äußerte mehr als einmal Doppelsinniges, schien zu wissen und nicht zu wissen und erklärte einmal, offenbar von Vernichtungsgefühl durchschauert, mit Kopfschütteln und einer gewissen Zerknirschung: so grundschlecht sei er noch niemals daran gewesen.
Dann wurde sein Wesen ablehnend, streng-unverbindlich, ja unhöflich; er ließ sich keine Fiktionen und Beschönigungen mehr nahe kommen, antwortete nicht darauf, blickte fremd vor sich hin. Namentlich nachdem der junge Pfarrer, den Luise Ziemßen berufen, und der zu Hans Castorps Bedauern keine gestärkte Krause, sondern nur Bäffchen getragen hatte, mit ihm gebetet, nahm seine Haltung amtlich-dienstliches Gepräge an, äußerte er Wünsche nur in Form kurzer Befehlsworte.
Um 6 Uhr nachmittags begann er ein eigentümliches Tun: er fuhr wiederholt mit der rechten Hand, um deren Gelenk sein goldnes Kettenarmband lag, in der Gegend der Hüfte über die Bettdecke hin, indem er sie auf dem Rückwege etwas erhob und dann auf der Decke in schabender, rechender Bewegung wieder zu sich führte, so, als zöge und sammle er etwas ein.
Um 7 Uhr starb er, – Alfreda Schildknecht befand sich auf dem Korridor, nur Mutter und Vetter waren zugegen. Er war im Bette herabgesunken und befahl kurz, man möge ihn höher stützen. Während Frau Ziemßen, den Arm um seine Schultern, der Anordnung nachkam, äußerte er mit einer gewissen Hast, er müsse sofort ein Gesuch um Verlängerung seines Urlaubes aufsetzen und einreichen, und indem er es sagte, vollzog sich der „knappe Übertritt“, – von Hans Castorp im Lichte des rotumhüllten Tischlämpchens mit Andacht verfolgt. Sein Auge brach, die unbewußte Anstrengung seiner Züge wich, die Mühsalsschwellung der Lippen schwand zusehends dahin, Verschönung zu frühmännlicher Jugendlichkeit breitete sich über unseres Joachims verstummtes Antlitz, und so war’s geschehen.
Da Luise Ziemßen sich schluchzend abgewandt hatte, war es Hans Castorp, der dem Regungs- und Hauchlosen mit der Spitze des Ringfingers die Lider schloß, ihm die Hände behutsam auf der Decke zusammenlegte. Dann stand auch er und weinte, ließ über seine Wangen die Tränen laufen, die den englischen Marineoffizier dort so gebrannt hatten, – dies klare Naß, so reichlich-bitterlich fließend überall in der Welt und zu jeder Stunde, daß man das Tal der Erden poetisch nach ihm benannt hat; dies alkalisch-salzige Drüsenprodukt, das die Nervenerschütterung durchdringenden Schmerzes, physischen wie seelischen Schmerzes, unserem Körper entpreßt. Er wußte, es sei auch etwas Muzin und Eiweiß darin.
Der Hofrat kam, von Schwester Berta benachrichtigt. Noch vor einer halben Stunde war er dagewesen und hatte Kampfer gespritzt; nur eben den Augenblick des knappen Übertrittes hatte er verpaßt. „Tja, der hat es hinter sich“, sagte er schlicht, indem er sich mit seinem Hörrohr von Joachims stiller Brust aufrichtete. Und er drückte den beiden Anverwandten die Hände, indem er ihnen zunickte. Danach stand er noch eine Weile mit ihnen zusammen am Bett, Joachims unbewegliches, kriegerbärtiges Antlitz betrachtend. „Toller Junge, toller Kerl“, sagte er über die Schulter, indem er mit dem Kopf auf den Ruhenden wies. „Hat es zwingen wollen, wissen Sie, – natürlich war alles Zwang und Gewaltsamkeit mit seinem Dienst da unten, – febril hat er Dienst gemacht auf Biegen und Brechen. Feld der Ehre, verstehen Sie, – ist uns aufs Feld der Ehre echappiert, der Durchgänger. Aber die Ehre, das war der Tod für ihn, und der Tod – Sie könnens nach Belieben auch umdrehen, – er hat nun jedenfalls ‚Habe die Ehre!‘ gesagt. Toller Bengel das, toller Kerl.“ Und er ging ab, lang und gebückt, mit heraustretendem Nacken.
Joachims Überführung in die Heimat war beschlossene Sache, und Haus Berghof sorgte für alles, was dazu erforderlich war und sonst schicklich und stattlich schien, – Mutter und Vetter brauchten sich kaum zu regen. Am nächsten Tage, in seinem seidenen Manschettenhemd, Blumen auf der Decke, ruhend in matter Schneehelligkeit, war Joachim noch schöner geworden als unmittelbar nach dem Übertritt. Jede Spur der Anstrengung war nun aus seinem Gesicht gewichen; erkaltet, hatte es sich zu reinster, schweigender Form befestigt. Kurzes Gekräusel seines dunklen Haares fiel in die unbewegliche, gelbliche Stirn, die aus einem edlen, aber heiklen Stoff zwischen Wachs und Marmor gebildet schien, und in dem ebenfalls etwas gekrausten Bart wölbten die Lippen sich voll und stolz. Ein antiker Helm hätte diesem Haupte wohl angestanden, wie mehrere der Besucher meinten, die sich zum Abschiede einfanden.
Frau Stöhr weinte begeistert im Anblick der Form des ehemaligen Joachim. „Ein Held! Ein Held!“ rief sie mehrfach und verlangte, daß an seinem Grabe die „Erotika“ von Beethoven gespielt werden müsse.
„Schweigen Sie doch!“ zischte Settembrini sie von der Seite an. Er war nebst Naphta gleichzeitig mit ihr im Zimmer und herzlich bewegt. Mit beiden Händen wies er die Anwesenden auf Joachim hin, indem er sie zur Klage aufforderte. „Un giovanotto tanto simpàtico, tanto stimàbile!“ rief er wiederholt.
Naphta enthielt sich nicht, aus seiner gebundenen Haltung heraus und ohne ihn anzublicken, leise und bissig gegen ihn hin zu äußern:
„Ich freue mich, zu sehen, daß Sie außer für Freiheit und Fortschritt auch noch für ernste Dinge Sinn haben.“
Settembrini steckte das ein. Vielleicht empfand er eine gewisse, durch die Umstände vorübergehend hervorgerufene Überlegenheit von Naphtas Position über die seine; vielleicht war es dies augenblickliche Übergewicht des Gegners, das er durch die Lebhaftigkeit seiner Trauer aufzuwiegen gesucht hatte, und das ihn jetzt schweigen ließ, – auch dann noch, als Leo Naphta, die unbeständigen Vorteile seiner Stellung ausnutzend, scharf sententiös bemerkte:
„Der Irrtum der Literaten besteht in dem Glauben, daß nur der Geist anständig mache. Es ist eher das Gegenteil wahr. Nur wo kein Geist ist, gibt es Anständigkeit.“
„Na“, dachte Hans Castorp, „das ist auch so ein pythischer Spruch! Kneift man die Lippen zusammen, nachdem man ihn hingesetzt, so herrscht Einschüchterung für den Augenblick ...“
Am Nachmittag kam der Metallsarg. Joachims Umlagerung in diesen stattlichen, mit Ringen und Löwenköpfen geschmückten Behälter wollte ein Mann allein als seine Sache betrachtet wissen, der mit ihm gekommen war: ein Verwandter des in Anspruch genommenen Bestattungsinstituts, schwarz gekleidet, in einer Art von kurzem Bratenrock und einen Ehering an seiner plebejischen Hand, in deren Fleisch der gelbe Reif sozusagen eingewachsen, ganz davon überwuchert war. Man war geneigt, zu spüren, daß Leichengeruch seinem Bratenrock entströme, was aber auf Vorurteil beruhte. Doch ließ der Mann die Spezialisten-Einbildung erkennen, daß all sein Tun gleichsam hinter die Kulissen zu fallen habe und nur pietätvoll-parademäßige Ergebnisse den Blicken der Hinterbliebenen auszusetzen seien, – was geradezu Hans Castorps Mißtrauen erweckte und keineswegs nach seinem Sinne war. Er befürwortete zwar, daß Frau Ziemßen sich zurückzöge, ließ sich selbst aber nicht hinauskomplimentieren, sondern blieb und legte mit Hand an: unter den Achseln faßte er die Figur und half sie hinübertragen vom Bett in den Sarg, auf dessen Leilach und Troddelkissen Joachims Hülle hoch und feierlich gebettet wurde, zwischen Standleuchtern, die Haus Berghof gestellt hatte.
Am wieder nächsten Tage jedoch trat eine Erscheinung auf, die Hans Castorp bestimmte, sich innerlich von der Form zu trennen und zu lösen und tatsächlich dem Professionisten, dem üblen Hüter der Pietät, das Feld zu überlassen. Joachim nämlich, dessen Ausdruck bisher so ernst und ehrbar gewesen, hatte in seinem Kriegerbarte zu lächeln begonnen, und Hans Castorp verhehlte sich nicht, daß dieses Lächeln die Neigung zur Ausartung in sich trug – es erfüllte sein Herz mit Empfindungen der Eile. So war es in Gottes Namen denn gut, daß die Abholung bevorstand, der Sarg geschlossen und verschraubt werden sollte. Hans Castorp berührte, eingeborene Sittensprödigkeit beiseite setzend, seines ehemaligen Joachim steinkalte Stirn zum Abschied zart mit den Lippen und ging trotz allem Mißtrauen gegen den Mann der Kehrseite mit Luise Ziemßen folgsam zum Zimmer hinaus.
Wir lassen den Vorhang fallen, zum vorletzten Mal. Doch während er niederrauscht, wollen wir im Geiste mit dem auf seiner Höhe zurückgebliebenen Hans Castorp fern-hinab in einen feuchten Kreuzesgarten des Flachlandes spähen und lauschen, woselbst ein Degen aufblitzt und sich senkt, Kommandoworte zucken und drei Gewehrsalven, drei schwärmerische Honneurs hinknallen über Joachim Ziemßens wurzeldurchwachsenes Soldatengrab.