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Der Weltkrieg, I. Band

Die Etappen zum Weltkrieg

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Die Etappen zum Weltkrieg

Im Sommer 1908 war der diplomatische Aufmarsch der gegnerischen Koalition im wesentlichen beendigt. Alle wichtigeren Streitfragen zwischen England, Frankreich und Rußland waren beglichen oder zum mindesten zurückgestellt. Japan war durch das Bündnis mit England an das System der Triple-Entente angeschlossen; Italien war, trotz des Fortbestehens seiner formalen Zugehörigkeit zum Dreibund, durch die mit ihm getroffenen Abmachungen materiell neutralisiert. Alle nicht bereinigten großen Konflikte und alle ernsthaft ins Auge zu fassenden Konfliktsmöglichkeiten betrafen das Verhältnis von Ländern der Triple-Entente zu Deutschland und Österreich-Ungarn. Das Schicksal der Welt hing davon ab, ob bei dieser stark angespannten Lage die Kräfte und Strömungen die Oberhand gewinnen würden, die auf ein vorsichtiges Ausgleichen der Reibungen und Abbiegen der Reibungsmöglichkeiten hinwirkten, oder diejenigen Strömungen und Kräfte, die den Zündstoff zur Explosion bringen mußten.

Die bosnische Krisis

Die Entwicklung der Dinge auf dem Untergrunde dieser Gesamtlage erfuhr noch im Sommer des Jahres 1908 einen folgenschweren Antrieb in der türkischen Revolution.

Der Sturz des absolutistischen Regimes Abdul Hamids und die Errichtung der Herrschaft des jungtürkischen Komitees rollte plötzlich die türkische Frage wieder auf, die für den Weltfrieden stets besonders gefährlich gewesen war. Bedeutete die Revolution den Beginn der endgültigen Zersetzung oder eine Konsolidierung des Türkischen Reiches?

Alte Wünsche und Befürchtungen wurden neu geweckt.

Zunächst konnte die Entente mit Befriedigung registrieren, daß der innere Umschwung die Stellung Deutschlands in der Türkei schwer bedrohte. Deutschland als bisheriger Freund der Türkei galt als mit dem bisherigen Regime auf Gedeih und Verderb verknüpft. Die zur Macht gekommenen jungtürkischen Führer hatten bisher zum großen Teil als Verbannte in Paris und London gelebt und dort in ihren politischen Bestrebungen Förderung erfahren. Die Straßen Konstantinopels hallten jetzt wider von lauten Ovationen für den britischen, den französischen, ja sogar den russischen Botschafter, während der bisher als allmächtig geltende Vertreter Deutschlands, Freiherr von Marschall, plötzlich zur Einflußlosigkeit verdammt schien.

Die Lage wurde für uns noch bedeutend erschwert durch einen Schritt, den Österreich-Ungarn im Oktober 1908 unternahm. Der Leiter der österreichisch-ungarischen Politik, Baron Aehrenthal, glaubte sich genötigt, angesichts der durch den inneren Umsturz in der Türkei ins Ungewisse gestellten Verhältnisse und angesichts des mächtigen Antriebes, den — unter Förderung durch Rußland und England — die slawische Bewegung auf dem Balkan erhalten hatte, die Stellung Österreich-Ungarns in Bosnien und der Herzegowina zu klären. Im Berliner Vertrag hatte Österreich-Ungarn auf Wunsch der Großmächte die Besetzung und Verwaltung dieser Länder für unbestimmte Zeit übernommen und in den seither verflossenen dreißig Jahren ein großes Stück Kulturarbeit geleistet, das es jetzt durch den jungtürkischen Umsturz und seine balkanischen Folgeerscheinungen nicht in Frage stellen lassen wollte. Am 5. Oktober 1908 proklamierte Österreich-Ungarn die Erstreckung seiner Souveränität auf die beiden Länder. Gleichzeitig erklärte Bulgarien, das bisher formell türkischer Vasallenstaat gewesen war, seine Unabhängigkeit, wie man in der Türkei annahm, auf Grund einer Verständigung mit Österreich-Ungarn.

Die Erregung in der Türkei war ungeheuer. Obwohl de facto Bosnien und die Herzegowina seit dreißig Jahren von der Türkei losgetrennt waren und die Türkei seither niemals irgendwelche Souveränitätsrechte in diesen Ländern ausgeübt hatte, empfanden die Jungtürken die österreichisch-ungarische Proklamation als einen Faustschlag ins Gesicht, und von seiten der den Mittelmächten nicht wohlgesinnten Mächte geschah natürlich alles, um Öl ins Feuer zu gießen.

Deutschland als der Verbündete Österreich-Ungarns wurde für den der jungen Türkei zugefügten Affront mitverantwortlich gemacht. Der deutsche Botschafter Freiherr von Marschall, der von dem Schritt Aehrenthals genau so überrascht wurde wie die Türken, sah die durch den inneren Umschwung ohnedies bedrohten Früchte seiner langjährigen und erfolgreichen Arbeit in der Türkei durch das Vorgehen des Bundesgenossen, dessen Notwendigkeit er nicht anerkannte, ernstlich in Frage gestellt. Ich war damals von der Deutschen Bank nach Konstantinopel, meinem im Juli, kurz vor Ausbruch der Revolution, verlassenen früheren Wirkungskreis, gesandt worden, um unter den schwierig gewordenen Verhältnissen die Interessen des in der Türkei investierten deutschen Kapitals und der dort arbeitenden deutschen Unternehmungen wahrzunehmen. Herr von Marschall machte mir aus seinem Unmut und seiner abfälligen Beurteilung der Aehrenthalschen Politik kein Hehl und beauftragte mich, nach meiner Rückkehr nach Berlin dem Fürsten Bülow seine Befürchtungen eindringlich auseinanderzusetzen. Ich entledigte mich dieses Auftrages. Der Fürst hörte meine Darlegungen aufmerksam an und antwortete mir dann: „Sagen Sie dem Baron Marschall, wenn Sie wieder nach Konstantinopel kommen, daß es in der deutschen Geschichte keinen zweiten Basler Frieden geben darf, und daß ich jedenfalls einen Basler Frieden nicht machen werde.“ Er setzte mir dann auseinander, daß Österreich-Ungarn die großserbische Bewegung als eine vitale Gefahr für die Monarchie ansehe und wohl auch ansehen müsse; daß wir keine Möglichkeit hätten, Österreich-Ungarn bei seinen Abwehrmaßnahmen gegen diese Gefahr in den Arm zu fallen, daß uns vielmehr die politische Gesamtkonstellation nötige, uns ohne Wanken und Schwanken hinter unseren Bundesgenossen bei der Wahrung seiner Lebensinteressen zu stellen. Der Türkei gegenüber müsse sich unsere Hilfe darauf beschränken, daß wir ihr zu einem für Österreich-Ungarn annehmbaren Ausgleich verhülfen und ihr im übrigen auf andern Gebieten ihre schwierige Lage soweit wie möglich erleichterten.

Nach diesem Programm wurde gehandelt. Unter Mitwirkung der deutschen Diplomatie kam im Februar 1909 eine Verständigung zwischen Österreich-Ungarn und der Türkei zustande.

Aber die Einverleibung Bosniens und der Herzegowina in die österreichisch-ungarische Souveränität war nicht nur gegenüber der Türkei durchzukämpfen, sondern in noch viel stärkerem Maße gegenüber andern nicht unmittelbar beteiligten Mächten. Vor allem kam es in Serbien geradezu zu einem Wutausbruch; man betrachtete dort Bosnien und die Herzegowina als großserbisches Gebiet und sah in der von Österreich-Ungarn ausgesprochenen Annexion eine gegen die großserbischen Aspirationen gerichtete Maßnahme. Die ganz offen zum Kriege treibende großserbische Partei fand Rückendeckung bei Rußland, obwohl Iswolski, damals Minister der Auswärtigen Angelegenheiten in Petersburg, wenige Wochen vor der Verkündigung der Annexion von Baron Aehrenthal, allerdings ohne Terminangabe, über die österreichische Absicht verständigt worden war und keinen Widerspruch erhoben hatte. Bezeichnend war aber vor allem, daß fast noch mehr als Rußland die britische Regierung sich entrüstete und Stellung gegen Österreich-Ungarn nahm. Die britische Regierung, die wenige Jahre zuvor mit Frankreich über die marokkanischen Angelegenheiten eine Abmachung getroffen hatte, die nicht nur eine formale sondern auch eine schwerwiegende materielle Verletzung der Madrider Konvention war, stellte sich jetzt gegenüber dem Vorgehen Österreich-Ungarns, das allerdings einen formalen Verstoß gegen den Berliner Vertrag bedeutete, materiell aber keine Änderung in dem bisherigen Zustande schuf, mit aller Strenge auf den an sich zweifellos berechtigten Standpunkt, daß internationale Verträge nur im Einverständnis der sämtlichen Unterzeichner abgeändert werden dürften. In Petersburg arbeitete die britische Diplomatie, vertreten durch den Botschafter Sir Arthur Nicolson, den Vater der britisch-russischen Entente, mit allen Mitteln auf eine Verschärfung des österreichisch-russischen Konflikts. Obwohl keinerlei britische Interessen im Spiel waren, sagte die britische Regierung der russischen die weitestgehende diplomatische Unterstützung zu. Es liegen Anzeichen dafür vor, daß auch über die diplomatische Unterstützung hinaus die britische Regierung der russischen jede Aufmunterung zuteil werden ließ, die für eine kriegerische Zuspitzung erforderlich war. Ebenso wie im Jahre 1905 der französischen Regierung für den Fall eines kriegerischen Austrages der Marokkofrage militärische Unterstützung angeboten worden war, wurde jetzt der russischen Regierung die Aussicht auf britische Waffenhilfe gezeigt. Späterhin ist eine Äußerung Sir Edward Greys bekanntgeworden, die dieser nach Rußlands Einlenken zu dem russischen Geschäftsträger getan hat: Die Entscheidung über Krieg und Frieden hänge in England nicht von der Regierung, sondern von der öffentlichen Meinung ab; er habe aber das Gefühl gehabt, daß die öffentliche Meinung in England genügend vorbereitet gewesen sei, um der Regierung ein Eingreifen Englands an der Seite Rußlands in den Krieg zu ermöglichen.

Die deutsche Politik der „Nibelungentreue“ erzielte damals einen vollen Erfolg. Trotz der englischen Aufstachelung zog es die russische Regierung vor, auf einen deutschen Vorschlag einzugehen, der ihr ermöglichte, bei der Aufgabe des Widerspruchs gegen den österreichisch-ungarischen Schritt einigermaßen das Gesicht zu wahren. Es ist kein Zweifel, daß die klare Bekundung der unbedingten Entschlossenheit des Deutschen Reichs, auf jede Gefahr hin zu dem österreichisch-ungarischen Verbündeten zu stehen, in erster Reihe dazu beigetragen hat, den Krieg zu vermeiden. Ein von Deutschland nicht unzweideutig gedecktes Österreich-Ungarn hätte entweder sich den lärmenden Forderungen der Serben und ihrer Hintermänner unterwerfen müssen, oder es wäre zum Krieg gekommen, den gegen Österreich-Ungarn und Deutschland zu führen man sich an der Newa nach der Schwächung durch den russisch-japanischen Krieg und die inneren Wirren nicht stark genug fühlte.

Verständigungsversuche mit Frankreich und Rußland

Frankreich zeigte, im Gegensatz zu England, in jener Krise eine bemerkenswerte Zurückhaltung. Diese mag verursacht gewesen sein einmal dadurch, daß man in Paris die mangelhafte Bereitschaft des russischen Bundesgenossen genau kannte; dann aber mag mitgewirkt haben, daß gerade in jener Zeit die deutsche Regierung Verhandlungen mit Frankreich über die Schaffung eines modus vivendi in Marokko einleitete, die am 9. Februar 1909 zu einem Abkommen führten, das man in Frankreich als weitherziges deutsches Entgegenkommen mit Fug und Recht betrachten konnte. Während die französische Regierung erneut die Unabhängigkeit und Integrität des Sultanats Marokko zu respektieren versprach, erkannte die deutsche Regierung die besonderen politischen Interessen Frankreichs an der Festigung des Friedens und der Ordnung im Innern Marokkos an und stellte ausdrücklich fest, daß sie selbst in Marokko lediglich wirtschaftliche Interessen verfolge. Dafür verpflichtete sich die französische Regierung, die kaufmännischen und industriellen Interessen Deutschlands in Marokko nicht zu beeinträchtigen. Schließlich kamen beide Regierungen dahin überein, keinerlei wirtschaftliches Vorzugsrecht in Marokko zu schaffen und dahin zu streben, ihre Staatsangehörigen in den Geschäften, deren Ausführung ihnen übertragen werden könnte, zu gemeinschaftlichem Vorgehen zu verbinden.

Das Abkommen mit Frankreich war, ebenso wie die glückliche Beilegung des österreichisch-russischen Konflikts, im wesentlichen das Werk des Gesandten von Kiderlen-Wächter, der damals in Vertretung des erkrankten Herrn von Schoen das Auswärtige Amt leitete.

Kiderlens Absicht war, die marokkanische Streitfrage in einer für Deutschland erträglichen Weise zu liquidieren, dadurch das deutsch-französische Verhältnis von einer schweren Belastung zu befreien und darüber hinaus ein wirtschaftliches Zusammenarbeiten der beiden Nationen herbeizuführen und so auf einem nicht unwichtigen Gebiet, das bisher Reibungsfläche war, eine Interessensolidarität zu begründen. Es ist dies, in der Anwendung auf den marokkanischen Einzelfall, der Grundgedanke der Politik, die Kiderlen in den folgenden Jahren als Staatssekretär des Auswärtigen Amtes in Übereinstimmung mit dem Reichskanzler von Bethmann Hollweg verfolgt hat, um die gespannte politische Atmosphäre zu entlasten und den Ring der Einkreisung zu lockern.

Ein nach dieser Richtung gehender Versuch wurde im Jahre 1910 mit Rußland eingeleitet. Die Verhältnisse lagen hier besonders schwierig. Die bosnische Angelegenheit hatte auch nach ihrer formalen Beilegung eine tiefgehende Verstimmung Rußlands gegen Österreich-Ungarn hinterlassen. Das kam symptomatisch zum Ausdruck, als der Zar im Herbst 1909 den König von Italien in Racconigi besuchte und sowohl auf der Hinreise wie auf der Rückreise einen großen Umweg machte, um jede Berührung österreichisch-ungarischen Gebietes zu vermeiden. Die Tatsache dieser Begegnung selbst, an der auch die beiderseitigen Minister teilnahmen und bei der die Fragen des Balkans zweifellos einen wichtigen Gegenstand der Unterhaltungen bildeten, war ein weiteres Anzeichen der Annäherung Italiens an den Dreiverband und der Ausbildung des italienisch-österreichischen Gegensatzes in den Balkanangelegenheiten.

Die Bemühungen der deutschen Regierung, in den Beziehungen zu Rußland eine Entspannung herbeizuführen, hatten schließlich den Erfolg, daß gegen Ende des Jahres 1910 eine Zusammenkunft des Zaren, der von seinem neuen Minister des Auswärtigen, Herrn Ssasonoff, begleitet war, mit Kaiser Wilhelm II. in Potsdam zustande kam. Das Ergebnis der Verhandlungen zwischen den beiderseitigen Staatsmännern war einmal ein solches allgemein-politischer Natur, dann ein Sonderabkommen, das sich auf Persien und die Bagdadbahn bezog.

Über das allgemeine politische Ergebnis teilte Herr von Bethmann Hollweg am 10. Dezember 1910 im Reichstag mit:

„Als Resultat der letzten Entrevue möchte ich bezeichnen, daß von neuem festgestellt wurde, daß sich beide Regierungen in keinerlei Kombination einlassen, die eine aggressive Spitze gegen den andern Teil haben könnte. In diesem Sinne haben wir insbesondere Gelegenheit gehabt zu konstatieren, daß Deutschland und Rußland ein gleichmäßiges Interesse an der Aufrechterhaltung des status quo am Balkan und überhaupt im nahen Orient haben und daher keinerlei Politik unterstützen werden — von welcher Seite sie auch kommen könnte —, welche auf Störung jenes status quo gerichtet wäre.“

Das in Potsdam vereinbarte Sonderabkommen enthielt von deutscher Seite die Anerkennung der politischen Sonderstellung Rußlands in Nordpersien unter Vorbehalt der Gleichberechtigung des Handels aller Nationen. Während Deutschland sich am Bau von Eisenbahnen und sonstigen Verkehrsanlagen in Persien nördlich einer gewissen Linie desinteressierte, übernahm es Rußland, das persische Eisenbahnnetz auszubauen. Rußland sagte ferner zu, dem Ausbau der Bagdadbahn, den es bisher nach Kräften zu hindern versucht hatte, nicht weiter entgegen sein zu wollen und den auf persischen Boden fallenden Teil einer Verbindungsbahn Bagdad-Teheran innerhalb einer bestimmten Zeit herzustellen; wenn diese Verpflichtung nach Ablauf der Frist nicht erfüllt sei, sollte russischerseits der Ausführung auch des persischen Teils der Verbindungsbahn durch Deutschland nicht widersprochen werden.

Wenn die allgemein-politische Vereinbarung von russischer Seite ehrlich gemeint und im weiteren Verlauf der Dinge ehrlich durchgeführt worden wäre, so wäre sie eine für die weitere Entwicklung der Völkergeschichte hochbedeutsame Entschärfung der gegen den Zweibund Deutschland-Österreich-Ungarn gerichteten Tendenzen des Dreiverbandes gewesen.

Das Sonderabkommen stellte für Rußland eine Ergänzung zu dem Abkommen mit England vom Jahre 1907 dar. Die deutsche Politik verfolgte mit dem Abkommen das Ziel, durch Zugeständnisse an Rußland in Persien die Streitfragen der Bagdadbahn zwischen Rußland und Deutschland zu begleichen und in der in Aussicht genommenen Verbindung zwischen dem russisch-persischen und dem deutsch-türkischen Eisenbahnnetz in ähnlicher Weise eine Grundlage für solidarische Interessen zu schaffen, wie es gegenüber Frankreich in dem Marokko-Abkommen vom Februar 1909 versucht worden war.

In England und namentlich in Frankreich war die Erregung über die deutsch-russische Aussprache groß. Es setzte sofort der stärkste diplomatische und publizistische Druck auf Rußland ein, um die Potsdamer Verständigung abzuschwächen oder unwirksam zu machen. Die Haltung der russischen Regierung zeigte bald, daß dieser Druck nicht ohne Einfluß blieb. Die Mitteilungen des deutschen Reichskanzlers über den allgemein-politischen Teil der Potsdamer Verständigung wurden von russischer Seite niemals klar und präzis bestätigt, freilich auch nicht abgestritten. Die von Deutschland gewünschte schriftliche Fixierung des allgemein-politischen Ergebnisses der Potsdamer Aussprache wurde von der russischen Regierung nicht beliebt. Auch die schriftliche Festlegung des Sonderabkommens verzögerte sich, nicht zum wenigsten unter der Einwirkung französischer Quertreibereien, um eine Anzahl von Monaten; es wurde erst am 19. August 1911 in Petersburg unterzeichnet.

Die Marokkokrisis von 1911

Die von Deutschland versuchte Entspannung der politischen Lage stellte sich nicht ein.

Die deutsch-französischen Beziehungen blieben auch nach dem Abkommen vom Februar 1909 unter dem Einfluß der Marokko-Angelegenheit. Es zeigte sich bald, daß das genannte Abkommen die Marokkofrage nicht zur Liquidation gebracht hatte. Die Franzosen zeigten sich schwierig in der Zulassung deutscher Unternehmungen zur Beteiligung an den großen wirtschaftlichen Aufgaben, die in Marokko zu lösen waren, insbesondere auf dem Gebiet des Bergbaus, der Eisenbahnen und des Hafenbaus. Auf der andern Seite beobachtete man in Deutschland mit steigendem Mißtrauen, wie Frankreich die Anerkennung seiner politischen Sonderstellung in Marokko dazu benutzte, um durch allerlei an sich kleine und unscheinbare Expeditionen die von ihm gleichfalls anerkannte Souveränität und Integrität des Sultanats Marokko mehr und mehr zu unterhöhlen. Jeder Teil warf dem andern vor, daß er mehr verlange, als ihm zustehe, während er ihm das vorenthalte, was ihm das Abkommen zugesprochen habe. Nur daß Deutschlands Ansprüche auf Beteiligung an den wirtschaftlichen Unternehmungen des Landes dauernd platonisch blieben, während Frankreichs fortschreitende militärische Durchdringung des Sultanats und die im Frühjahr 1910 mit der Gewährung einer großen Anleihe herbeigeführte französische Kontrolle über die sämtlichen marokkanischen Einnahmen durchaus reale Tatsachen darstellten.

Die Lage wurde unerträglich, als Frankreich im Frühjahr 1911, eine angebliche Bedrohung der Europäer zum Vorwand nehmend, den Vormarsch auf die Landeshauptstadt Fez aufnahm und diese am 21. Mai 1911 besetzte.

Die deutsche Regierung erhob zwar gegen diese Unternehmung, die den letzten Rest von Unabhängigkeit des Sultanats vor aller Welt klar zerstörte, keinen offiziellen Einspruch, ließ jedoch durch halbamtliche Kundgebungen und auch in Unterhaltungen mit dem französischen Botschafter in Berlin keinen Zweifel daran, daß durch das Vorgehen Frankreichs die Algeciras-Akte tatsächlich beseitigt und dadurch der deutschen Regierung freie Hand gegeben sei. Die deutsche Politik hatte nicht die Absicht, die von ihr als wiedergewonnen festgestellte Handlungsfreiheit zu benutzen, um nun ihrerseits in Marokko zu intervenieren; ihre Absicht war vielmehr, mit Frankreich über Marokko nunmehr zu einem direkten Abkommen zu gelangen, wie es Frankreich vor Algeciras mit England, Spanien und Italien abgeschlossen hatte. Allerdings war Kiderlen nicht gewillt, die Franzosen Marokko entgegen der Algeciras-Akte und entgegen dem deutsch-französischen Abkommen vom Februar 1909 einfach in die Tasche stecken zu lassen, ohne daß mit Deutschland darüber auch nur ein Wort gesprochen würde. Eine solche Verwirklichung der alten Delcasséschen Politik der Ignorierung Deutschlands, über die Algeciras-Akte und das Februar-Abkommen hinaus, war Kiderlen entschlossen, unter allen Umständen zu verhindern.

Das Gelbbuch, das die französische Regierung später veröffentlicht hat, gibt Zeugnis davon, mit welcher Eindringlichkeit Kiderlen dem französischen Botschafter in Berlin, Jules Cambon, schon vor der Besetzung von Fez Vorschläge wegen einer Verständigung nahelegte. Schon am 14. März 1911 sagte — nach Ausweis des Gelbbuchs — Sir Edward Grey zu dem französischen Botschafter in London, Paul Cambon: „Les conversations de M. de Kiderlen avec M. Jules Cambon semblaient indiquer chez le Gouvernement Allemand un désir d'entente“; und am 7. April, zehn Tage vor der Entscheidung über die Entsendung des Expeditionskorps nach Fez, teilte Kiderlen dem französischen Botschafter in Berlin schriftlich mit, daß er, falls die Verhältnisse in Marokko sich zuspitzen sollten, durchaus bereit sei, mit der französischen Regierung in einen Meinungsaustausch über die Maßnahmen einzutreten, die diese dann glaube ergreifen zu sollen.

Die französische Regierung zog es vor, den Marsch auf Fez zu befehlen, ohne in den von der deutschen Regierung für diesen Fall nahegelegten Meinungsaustausch einzutreten.

Nach der Besetzung von Fez wurden die Hinweise des Kanzlers und Kiderlens auf die Unhaltbarkeit der dadurch geschaffenen Lage häufiger und dringlicher. Am 21. und 22. Juni hatte Kiderlen in Kissingen eine Aussprache mit Jules Cambon, der daraufhin nach Paris reiste. „Rapportez-nous quelque chose de Paris“ — mit diesen Worten verabschiedete sich Kiderlen von seinem Gast. Aber auch dieser letzte Versuch, Frankreich zu einer gütlichen Auseinandersetzung mit Deutschland über Marokko zu bewegen, blieb in Paris ohne jeden Widerhall.

Wenn Deutschland sich nicht gänzlich auf die Seite drücken und sich die hartnäckige Mißachtung seiner durch die Algeciras-Akte verbrieften Stellung in Marokko ohne Gegenwehr gefallen lassen wollte, mußte jetzt mit einer nicht mehr zu verkennenden und nicht mehr zu ignorierenden Handlung eingegriffen werden. Die deutsche Regierung entschloß sich zur Entsendung des „Panther“ nach Agadir.

Der Zweck dieses Schrittes, der alsbald in Frankreich und England die größte Aufregung hervorrief, ist nach dem oben Ausgeführten klar: Frankreich sollte gezwungen werden, endlich mit Deutschland über Marokko ernsthaft zu sprechen und für das von ihm angestrebte Protektorat die deutsche Zustimmung ebenso durch das Angebot von Kompensationen zu sichern, wie es sich die Zustimmung Englands, Spaniens und Italiens früher erworben hatte. An territoriale Kompensationen in Marokko selbst dachte die deutsche Regierung nicht; sie wollte im Gegenteil die Marokkofrage endgültig ausräumen, Frankreich politisch ganz freie Hand lassen und sich nur einen ausreichenden vertragsmäßigen Schutz für die deutschen Unternehmungen und die Freiheit des deutschen Handels sichern. Die eigentliche Kompensation für Marokko suchte die deutsche Politik auf kolonialem Gebiet. Aber da es sich darum handelte, für die Aufgabe des deutschen Mitbestimmungsrechtes über Marokko andere Kompensationen einzuhandeln, konnte das deutsche Mitbestimmungsrecht, solange ausreichende Kompensationen nicht gesichert waren, nicht aufgegeben, es mußte vielmehr nach Möglichkeit unterstrichen werden.

Im Ausland wie in Deutschland selbst entstand zunächst der Eindruck, als ob mit dem Erscheinen des „Panther“ auf der Reede von Agadir eine deutsche Festsetzung in Marokko beabsichtigt sei. Als dann später die Grundzüge des mit Frankreich verhandelten Abkommens bekannt wurden, bildete sich die Meinung heraus, daß die deutsche Regierung, gezwungen durch das von ihr nicht vorausgesehene Eingreifen Englands, gegen ihre ursprüngliche Absicht auf einen Anteil an Marokko verzichtet habe.

Diese Auffassung ist falsch. Die deutsche Regierung hat von Anfang an bekanntgegeben, daß mit der Entsendung des „Panther“ eine Besitzergreifung nicht beabsichtigt sei. Sie hat mit dem französischen Botschafter über die Anerkennung des französischen Protektorats über Marokko gegen territoriale Kompensationen in Mittelafrika schon verhandelt, ehe Lloyd George am 21. Juli seine berühmt gewordene Rede im Mansion-House hielt. Wie wenig aber den sich für Marokko interessierenden deutschen Kreisen der Gedanke, aus Marokko ganz herauszugehen, in den Kopf wollte, zeigt folgender kleine Vorfall:

Nachdem Kiderlen, der am 1. Juli, dem Tag des Erscheinens des „Panther“ vor Agadir, von Berlin abwesend war, zurückgekehrt war, besuchte ich ihn im Auswärtigen Amt. Ich traf im Vorzimmer einen bekannten alldeutschen Schriftsteller, der mir erzählte, er habe sich bei Kiderlen anmelden lassen, um ihm zu der Sicherung des deutschen Anteils an Marokko zu gratulieren. Als mich Kiderlen nach dem kurzen Besuch dieses Herrn empfing, fragte ich ihn nach dem Verlauf der Unterhaltung. Kiderlen schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und sagte lachend: „Ich habe ihm ganz deutlich gesagt, daß wir in Marokko gar nichts wollen; aber ich hatte gut reden: der dumme Kerl (in Wirklichkeit war der Ausdruck noch etwas derber) hat es mir einfach nicht geglaubt.“

Der Verlauf der Angelegenheit ist bekannt. Nachdem die französische Regierung begriffen hatte, daß Deutschland nicht gewillt sei, sich ausschalten zu lassen, begann sie durch ihren Berliner Botschafter Verhandlungen auf der von der deutschen Regierung gewünschten Grundlage einer Kompensation in Mittelafrika. Die ohnedies nicht leichten Verhandlungen wurden durch die Einmischung Englands noch wesentlich erschwert. Obwohl England sich in dem Abkommen von 1904 Frankreich gegenüber in Marokko völlig desinteressiert hatte, erklärte Sir Edward Grey bereits drei Tage nach dem Erscheinen des „Panther“ vor Agadir, daß England keine neue Abmachung anerkennen werde, die ohne seine Mitwirkung zustandegekommen sei. Die englische Presse tat alles, um die durch den „coup d'Agadir“ gereizte französische Empfindlichkeit noch weiter aufzustacheln. Die Absicht, es nicht zu einem friedlichen Ausgleich zwischen Frankreich und Deutschland kommen zu lassen, war unverkennbar. Den Höhepunkt erreichte dieses Treiben mit der Rede, die Lloyd George, nach Feststellung ihres Wortlautes im Ministerrat, am 21. Juli 1911 im Mansion-Haus gehalten hat; deren Hauptstelle lautete:

„Wenn uns eine Situation aufgezwungen würde, in welcher der Friede nur durch das Aufgeben der großen und wohltätigen Stellung erhalten werden könnte, die England sich in Jahrhunderten des Heldentums und des Erfolges errungen hat, und nur dadurch, daß Großbritannien in Fragen, die seine Lebensinteressen berühren, in einer Weise behandelt würde, als ob es im Rat der Nationen gar nicht mehr mitzähle, dann würde ein Friede um jeden Preis eine Erniedrigung sein, die ein großes Land, wie das unsrige, nicht ertragen könnte.“

Während also Frankreich unter Führung des einer Verständigung geneigten Ministerpräsidenten Caillaux verhandelte, hielt es die britische Regierung für angemessen, eine weithinschallende Kriegsdrohung in die Welt zu schleudern. Warum? — Die von Lloyd George gegebenen Gründe waren Scheingründe. Niemand in Deutschland dachte daran, Englands Weltstellung in einer Frage zu beeinträchtigen, an der sich England sieben Jahre zuvor selbst desinteressiert hatte. Britische Lebensinteressen kamen um so weniger in Frage, als die britische Regierung darüber, daß Deutschland keine Festsetzung an der atlantischen Küste Marokkos beabsichtigte — wäre das überhaupt eine Bedrohung britischer „Lebensinteressen“ gewesen? —, vielmehr Kompensationen in andern Gebieten suchte, genau unterrichtet war und als noch am 21. Juli selbst, vor der Rede Lloyd Georges, der deutsche Botschafter in einer von Sir Edward Grey herbeigeführten Unterhaltung die Deutschland von diesem zugeschriebenen Absichten mit Entschiedenheit in Abrede gestellt hatte. Für das Verhalten der britischen Regierung blieb also nur das eine Motiv, das der deutsche Botschafter nach der Rede Lloyd Georges gegenüber Sir Edward Grey klipp und klar mit folgenden Worten bezeichnete:

„Sollte die englische Regierung die Absicht haben, die politische Lage zu verwickeln und zu verwirren und einer gewaltsamen Entladung zuzuführen, so hätte sie allerdings kein besseres Mittel wählen können als die Rede des Schatzkanzlers.“

Aber die britische Regierung begnügte sich damals nicht nur mit Worten. Ebenso wie sie im Jahre 1905 Herrn Delcassé die Unterstützung durch ein britisches Expeditionskorps angeboten hatte, setzte sie jetzt ihre Flotte in Bereitschaft und traf alle Vorkehrungen für die Überführung eines Landheeres nach — Flandern. Aus den Enthüllungen des britischen Hauptmanns Faber und aus den Brüsseler Akten wissen wir heute, daß die britische Regierung damals entschlossen war, „en tout état de cause“, und zwar auch ohne Zustimmung der belgischen Regierung, in Flandern zu landen oder einzumarschieren.

Die ebenso ruhige wie feste Haltung der deutschen Regierung hat damals die Kriegsgefahr abgewendet.

Nach langen und schwierigen Verhandlungen kam der deutsch-französische Vertrag vom 4. November 1911 zustande, der uns gegen die Anerkennung des französischen Protektorats über Marokko Teile des französischen Kongo brachte. Eine großzügigere Abrundung unsres afrikanischen Kolonialbesitzes, wie sie ursprünglich Kiderlen vorgeschwebt hatte, scheiterte teils an dem durch England aufgemunterten französischen Widerstand, teils aber auch an der vom Kolonialamt unterstützten Auflehnung der deutschen Kolonialkreise gegen einen Austausch bisher deutscher Kolonialgebiete.

Die Marokkofrage war nun zwar „liquidiert“; aber statt daß durch diese Beseitigung eines alten und gefährlichen Reibungspunktes zwischen den beiden Ländern eine Entspannung herbeigeführt worden wäre, trat — von England aus eifrig gefördert — das Gegenteil ein. In Deutschland wurde der diplomatische Erfolg, daß Frankreich gegen seinen Willen gezwungen worden war, sich mit uns über Marokko zu verständigen und uns aus seinem Eigenen Kompensationen zu gewähren, durch den Eindruck beeinträchtigt, ja aufgehoben, daß England durch eine brutale Kriegsdrohung uns zu einem Rückzug gezwungen habe. In Frankreich empfand man es als eine bittere Demütigung, daß man durch einen deutschen Gewaltstreich gezwungen worden sei, um des lieben Friedens willen französische Gebiete herauszugeben. Gedeckt und angestachelt durch britische Ermunterung und in der Hoffnung auf die fortschreitende Verstärkung und Reorganisation des russischen Heeres erhob der französische Chauvinismus in neuer Kraft und in neuen Hoffnungen sein Haupt.

Auch dieser Versuch der deutschen Politik, die europäische Lage durch Beseitigung von Reibungspunkten zu erleichtern, hat also sein Ziel nicht erreicht. Die Spannung zwischen Deutschland und Frankreich bestand vielmehr in unverminderter Schärfe fort.

Lord Haldanes Mission

Dagegen schien es, als ob die Krisis des Jahres 1911 und die endgültige Erledigung der Marokkofrage eine entspannende Wirkung auf das deutsch-englische Verhältnis ausüben sollte.

Die Verpflichtung Englands auf Grund des Vertrages von 1904, der französischen Regierung in der Marokkofrage Hilfe zu leisten, hatte die Möglichkeit eines deutsch-englischen Konflikts enthalten, der jederzeit akut werden konnte und in den Jahren 1905 und 1911 tatsächlich akut geworden war. Diese Verpflichtung und damit die in ihr enthaltene Kriegsmöglichkeit war durch die Liquidation der Marokkofrage gegenstandslos geworden, und damit war das deutsch-britische Verhältnis in der Tat erheblich entlastet. Dazu hatten die Vorgänge des Jahres 1911 in England selbst eine gewisse Reaktion gegen die Politik ausgelöst, die infolge von dem Parlament und einem großen Teil des Kabinetts selbst vorenthaltenen Verpflichtungen unmittelbar an den Rand des Krieges geführt hatte.

Wie weit diese Verhältnisse auf die Haltung der britischen Regierung einwirkten, wie weit andere Gesichtspunkte maßgebend waren — jedenfalls zeigte sich das britische Kabinett bereit, auf einen vom deutschen Reichskanzler angeregten Versuch zu einer Verständigung einzugehen. Lord Haldane, der britische Kriegsminister und Organisator des britischen Heeres, wurde in besonderer Mission nach Berlin entsandt (Februar 1912), um die Möglichkeiten einer Verständigung mit der deutschen Regierung durchzusprechen.

Lord Haldane stellte bei diesen Verhandlungen eine Verständigung über eine Einschränkung der weiteren Verstärkung der beiderseitigen Kriegsflotten in den Vordergrund. Das von deutscher Seite damals vorbereitete neue Flottengesetz, das eine Verstärkung unsrer Kriegsflotte und eine organisatorische Erhöhung ihrer Schlagfertigkeit bringen sollte, hatte in England die Besorgnisse vor einem allzu starken Anwachsen der deutschen Flotte aufs neue geweckt. Man griff auf den schon im Jahre 1904 eingeleiteten Versuch zurück, das unbedingte Übergewicht der britischen Flotte auf dem billigeren Wege einer Verständigung über das Ausmaß neuer Kriegsschiffbauten zu erhalten. Auf deutscher Seite lehnte man eine solche Verständigung nicht a limine ab, stellte jedoch eine allgemein-politische Verständigung in den Vordergrund. „Ich fragte den englischen Minister,“ so sagte Herr von Bethmann Hollweg später im Reichstag, „ob ihm nicht eine offene Verständigung mit uns, eine Verständigung, die nicht nur einen deutsch-englischen Krieg, sondern überhaupt jeden Weltkrieg ausschließen würde, mehr wert sei als ein paar deutsche Dreadnoughts mehr oder weniger.“ Es entspann sich dann der Meinungsaustausch über eine Formel, die das Verhältnis zwischen Deutschland und England für den Fall eines Krieges einer dieser Mächte mit einer dritten Macht regeln sollte. Es ist bekannt, daß dieser Meinungsaustausch, der nach der Rückreise Lord Haldanes in London fortgesetzt wurde, schließlich ergebnislos abgebrochen werden mußte. Der Vorschlag, den Lord Haldane nach London mitnahm und dem er persönlich zugestimmt hatte, enthielt eine bedingte Neutralitätsverpflichtung: falls eines der beiden Länder in einen Krieg verwickelt werde, in dem es nicht der Angreifer sei, so werde das andere Land wohlwollende Neutralität beobachten und das Äußerste tun, um den Kampf räumlich einzuschränken. Wie mir der Großadmiral von Tirpitz später mitgeteilt hat, sei er bereit gewesen, auf Grundlage einer solchen Abmachung genau das zu tun, was Haldane für eine Flottenverständigung vorgeschlagen habe. Trotzdem wurde Haldane von seiner Regierung desavouiert. Sir Edward Grey erklärte nach Berichten des deutschen Botschafters, ein unbedingtes Neutralitätsabkommen — was die deutsche Formel nicht war — würde die französische Empfindlichkeit reizen, und er wolle das freundschaftliche Verhältnis zu Frankreich und Rußland nicht in Frage stellen. Sein Gegenvorschlag war lediglich eine Erklärung, daß England keinen unprovozierten Angriff auf Deutschland machen und keiner Abmachung angehören oder beitreten werde, die einen solchen Angriff bezwecke. Den vom Reichskanzler gewünschten Zusatz, der aus dieser Erklärung die Folgerung zog, auf die es ankam: „England wird daher selbstverständlich wohlwollende Neutralität bewahren, sollte Deutschland ein Krieg aufgezwungen werden“, lehnte die britische Regierung ab, da jede über ihren Vorschlag hinausgehende Verständigungsformel die Beziehungen zu Rußland und Frankreich gefährden würde.

England wollte sich also für den Fall eines Krieges, in den Deutschland verwickelt werden würde, auch wenn dieser Krieg nicht von Deutschland herbeigeführt, sondern ihm aufgezwungen werden würde, freie Hand vorbehalten — genau die Haltung, die es Ende Juli 1914, als der Weltkrieg in Sicht kam, tatsächlich eingenommen hat.

Eine Formel, die England lediglich darauf festlegte, daß es keinen unprovozierten Angriff auf Deutschland machen werde, England aber freie Hand im Falle eines Deutschland aufgezwungenen Kriegs vorbehielt, erschien der deutschen Regierung nicht als genügend. Es hatte sich im Verlauf der Verhandlungen klar gezeigt, daß der von der deutschen Regierung erstrebte Zweck, durch ein Neutralitätsabkommen mit England eine ähnliche Versicherung gegen einen Weltkrieg zu erreichen, wie sie seinerzeit im Rückversicherungsvertrag mit Rußland bestanden hatte, bei der britischen Regierung nicht durchzusetzen war. Das lag offenkundig an dem bei den Verhandlungen deutlich gezeigten britischen Mißtrauen in die deutschen Absichten und an dem zielbewußten Willen der britischen Politik, gegen Deutschland als die stärkste Kontinentalmacht und den gefährlichsten Rivalen zur See und in der Weltwirtschaft unter allen Umständen eine starke Koalition zusammenzuhalten, um sich dieser Koalition bei günstiger Gelegenheit zur Niederkämpfung Deutschlands zu bedienen.

Die deutsche Politik suchte in der Folgezeit das englische Mißtrauen in ihre Absichten zu überwinden, einmal dadurch, daß sie den Ausbau der Flotte ohne formelle Abmachung dem von Lord Haldane vorgeschlagenen Verhältnis zwischen der britischen und deutschen Flottenstärke anpaßte, dann indem sie auf wichtigen Sondergebieten — Kolonialfragen, Bagdadbahn, Mesopotamien und Persischer Golf — mit England zu einer Verständigung zu gelangen suchte.

Der Tripoliskrieg

Inzwischen hatten die deutsch-französischen Verhandlungen über Marokko eine neue Komplikation ausgelöst:

Italien, das schon seit Jahren durch französische und englische Zusagen über Tripolis abgefunden worden war, glaubte jetzt, wo sich das französische Protektorat über Marokko verwirklichte, nicht länger zuwarten zu können. Noch ehe die deutsch-französischen Verhandlungen über Marokko formell zum Abschluß gekommen waren, Ende September 1911, kündigte der italienische Botschafter der Pforte an, Italien werde angesichts der fortdauernden Nichtachtung seiner Interessen in Tripolis und der Cyrenaika die Wahrung seiner Interessen in die eigne Hand nehmen und zu diesem Zweck diese beiden afrikanischen Provinzen der Türkei besetzen; die türkische Regierung möge Vorkehrung treffen, daß dieser Besetzung kein Widerstand geleistet werde. Auf die Ablehnung dieser Zumutung durch die Türkei folgte die italienische Kriegserklärung.

Noch mehr als Österreich-Ungarns Vorgehen bei der Annexion von Bosnien und der Herzegowina war dieser Gewaltstreich des italienischen Bundesgenossen eine Belastung des deutschen Verhältnisses zur Türkei und darüber hinaus eine Belastung des Dreibundes. Die deutsche Diplomatie hat diese Belastungsprobe bestanden. Das Verhältnis zur neuen Türkei war inzwischen — nicht zum wenigsten durch die finanzielle Hilfe, die Deutschland im Jahre zuvor in einer kritischen Lage der Türkei gewährt hatte — so weit gekräftigt, daß es sich der neuen Belastung gewachsen zeigte, zumal da Deutschland und Österreich-Ungarn bei Italien die Abstandnahme von Angriffen auf die Küsten der europäischen Türkei durchzusetzen vermochten. In Italien erkannte die Regierung die loyale Haltung, die ihre Verbündeten in einer heiklen Lage betätigten, dankbar an.

Dagegen rief der Tripoliskrieg vorübergehend eine scharfe Spannung zwischen Italien und Frankreich hervor, als Frankreich heftig und in verletzenden Formen gegen die Aufbringung französischer Schiffe, die Kriegsgerät für die in Tripolis kämpfenden türkischen Truppen an Bord hatten, protestierte. Auch gegen England kam es in Italien zu einer Verstimmung, als jenes bald nach Ausbruch des Tripoliskrieges den bisher zu Tripolitanien gehörigen Hafen von Solum, nahe der ägyptischen Grenze, kurzerhand besetzte. Dazu kam, daß auch zwischen Rußland und England aus Anlaß des Tripoliskrieges eine nicht unerhebliche Schwierigkeit entstand, über die bisher meines Wissens in der Öffentlichkeit nichts bekanntgeworden ist. Die türkische Regierung hatte aus Besorgnis vor italienischen Angriffen die Dardanellen gesperrt. Die sich daraus ergebende Behinderung der russischen Handelsschiffahrt wurde von der russischen Regierung benutzt, um die Dardanellenfrage aufzuwerfen. Der russische Botschafter Tscharikoff stellte bei der Pforte weitgehende Forderungen. Die englische Diplomatie hielt sich demgegenüber vorsichtig zurück, offenbar in der Hoffnung, daß Deutschland und Österreich-Ungarn gegen die russischen Forderungen, dem ihr bekannten Wunsch der Türkei entsprechend, Einspruch erheben würden. In der Tat wurde ein solcher die Türkei gegen Rußland deckender Einspruch von den Botschaftern Österreich-Ungarns und Deutschlands bei ihren Regierungen dringend befürwortet. Freiherr von Marschall ging sogar so weit, die Kabinettsfrage zu stellen. Kiderlen, der keine Neigung hatte, den Engländern das Odium des Einspruchs bei Rußland abzunehmen, setzte seinen Standpunkt durch, und Deutschland und Österreich-Ungarn blieben Gewehr bei Fuß. Die Wirkung war, wie Kiderlen mir erzählte, daß der russische Botschafter in London, Graf Benckendorff, den russischen Minister des Auswärtigen, Ssasonoff, kniefällig bat, im Interesse der Erhaltung der britisch-russischen Entente die in Konstantinopel gestellten Forderungen zurückzuziehen. Dies geschah, und Tscharikoff, der lediglich die ihm gegebenen Weisungen ausgeführt hatte, wurde geopfert.

So hat der Tripoliskrieg die Wirkung gehabt, einerseits in einem wichtigen Punkte ein gegensätzliches Interesse zwischen England und Rußland zutagetreten zu lassen, andrerseits die Freundschaft zwischen Italien und Frankreich-England wenigstens vorübergehend zu trüben und Italien seinen Verbündeten wieder näherzubringen. Die Erneuerung des Dreibundvertrags, die erst im Jahre 1914 erforderlich gewesen wäre, wurde unter diesen Verhältnissen schon im Frühjahr 1912 in Verhandlung genommen und im Dezember 1912 unterzeichnet. Es schien einen Augenblick, als ob die von König Eduard VII. eingeleitete Einkreisungspolitik nach dem Tode dieses Monarchen (Mai 1910) nun doch allmählich ihre Kraft verlieren sollte.

Aber das Unheil war im Rollen.

Noch ehe es, unter wirksamer Förderung seitens der deutschen Regierung, zwischen Italien und der Türkei zum Frieden kam, zog sich auf dem Balkan ein neues Gewitter zusammen.

Die beiden Balkankriege

Schon im Februar 1912 war zwischen Serbien und Bulgarien unter nachdrücklicher Förderung Rußlands ein geheimer Vertrag zustandegekommen, der im Laufe der nächsten Monate inhaltlich erweitert und durch einen bulgarisch-griechischen Vertrag, durch Militärkonventionen zwischen diesen Staaten, sowie durch Abmachungen mit Montenegro ergänzt wurde. Diese Verträge, die den sogenannten „Balkanbund“ schufen, richteten sich in erster Linie gegen die Türkei, deren albanische und mazedonische Provinzen das Kriegsziel waren. Daneben aber enthielten die bulgarisch-serbischen Abmachungen die Verpflichtung zum gegenseitigen Beistand im Falle eines Angriffs Österreich-Ungarns; darüber hinaus verpflichtete sich Bulgarien zur Waffenhilfe für Serbien, falls dieses durch Österreich-Ungarn an einer Erweiterung seines Gebiets bis zum Adriatischen Meer durch Besetzung albanischer und mazedonischer Landesteile verhindert werden sollte. Der russische Zar war in den serbisch-bulgarischen Verträgen für den Fall von Meinungsverschiedenheiten als Schiedsrichter ausersehen.

Im August 1912 begann Bulgarien, seine Forderungen nach Reformen in Mazedonien bei der türkischen Regierung zu stellen. Ende September folgte ein einheitliches Vorgehen der sämtlichen Balkanmächte, und am 8. Oktober eröffnete Montenegro mit dem Einmarsch in türkisches Gebiet die Feindseligkeiten.

Kiderlen hatte sich nach Kräften bemüht, eine Einigung zwischen Österreich-Ungarn und Rußland zum Zwecke der Verhinderung des Kriegs oder — wenn sich das als unmöglich erweisen sollte — zum Zwecke der Lokalisierung des Kriegs herbeizuführen. Das Petersburger Kabinett war scheinbar auf diese Bemühungen eingegangen, aber seine Vertreter in Belgrad, Herr Hartwig, und in Paris, Herr Iswolski, arbeiteten mit Erfolg im entgegengesetzten Sinn. Das Verhalten der französischen Regierung war undurchsichtig. Angesichts der großen französischen Interessen, die sowohl in der Türkei wie in den Balkanstaaten auf dem Spiel standen, schien sie Neigung zu haben, im Sinne der Erhaltung des Friedens zu wirken; andrerseits war der Einfluß Iswolskis unverkennbar. London hüllte sich in den kritischen Tagen in völlige Zurückhaltung; Sir Edward Grey blieb trotz der Zuspitzung der Lage in seinem Landaufenthalt, und Sir Arthur Nicolson, der ihn vertrat, gab auf die Sondierungen über das Verhalten der britischen Regierung keine Antwort. Am 8. Oktober meldete das Reutersche Telegraphenbureau die Kriegserklärung Montenegros an die Türkei. Das Wiener amtliche Telegraphenbureau brachte zunächst ein Dementi, meldete aber dann noch an demselben Tage die Abberufung des montenegrinischen Gesandten in Konstantinopel und die Zustellung der Pässe an den türkischen Gesandten in Cetinje.

Am gleichen Tage passierte der russische Minister des Äußern auf der Durchreise von Paris nach Petersburg Berlin. Ich sah Kiderlen am Abend, nachdem er vorher eine lange Unterredung mit Ssasonoff gehabt hatte. Kiderlen hat Ssasonoff auf den Kopf zugesagt, daß Rußland die Balkanstaaten zum Krieg gegen die Türkei zusammengebracht habe. Ssasonoff leugnete die russische Vaterschaft am Balkanbund nicht, behauptete aber, Rußland habe den Bund lediglich zu defensiven Zwecken ins Leben gerufen. Kiderlen antwortete: „Il y a quelqu'un à Paris qui pourrait vous renseigner là-dessus.“ Gemeint war der Botschafter Iswolski. Kiderlen brachte außerdem bei dieser Gelegenheit die Inspektion der französischen Grenzfestungen durch den Großfürsten Nicolai Nicolajewitsch zur Sprache, ferner die zwischen Rußland und Frankreich damals abgeschlossene Marinekonvention, den von der russischen Flotte gleichzeitig mit der britischen in Kopenhagen geplanten Besuch, die von Rußland damals vorbereitete Probemobilmachung. Das sei etwas viel auf einmal und könne von uns nicht unbeachtet bleiben.

Auch in den folgenden Tagen geschah weder von Rußland noch von England oder Frankreich ein wirksamer Schritt, der den Krieg hätte verhindern können.

In rascher Folge erlitt die türkische Armee in Mazedonien und Thrazien schwere Niederlagen. Das ganze Gebiet der europäischen Türkei bis auf das unmittelbare Vorgelände von Konstantinopel ging im Verlauf weniger Wochen verloren. Erst an der Konstantinopel schützenden Tschataldjalinie vermochte die Türkei einen wirksamen Widerstand zu organisieren.

Die Großmächte, deren Vertreter auf Anregung Kiderlens beim Ausbruch des Krieges in London zu einer ständigen Konferenz zusammengetreten waren, hatten zunächst die Aufrechterhaltung des status quo auf dem Balkan ohne Rücksicht auf den Gang, den die militärischen Operationen nehmen sollten, proklamiert. Dieser Standpunkt wurde angesichts der großen und raschen Erfolge der Balkanstaaten unhaltbar. Die Balkanfrage war jetzt in vollem Umfang und in ihrer ganzen Gefährlichkeit aufgerollt.

Das Bestreben der deutschen Politik war, einmal zu verhindern, daß Österreich-Ungarn in den Konflikt hineingezogen würde, ferner die österreichisch-ungarischen und die italienischen Interessen in Einklang zu bringen; schließlich England und womöglich auch Frankreich gegenüber dem russischen Ungestüm für eine Politik des kalten Blutes zu gewinnen.

Unmittelbar vor Ausbruch des Krieges hatte die türkische Regierung das sofortige Eingreifen Österreich-Ungarns durch das Angebot des Sandschaks Novibazar herbeizuführen versucht. Kiderlen setzte sich in Wien für die Ablehnung dieses verlockenden Angebotes ein, dessen Annahme wohl den sofortigen Krieg mit Rußland zur Folge gehabt hätte. Nachdem der status quo unwiederbringlich verloren schien, nahm Österreich-Ungarn das lebhafteste Interesse daran, daß Albanien nicht unter serbische Herrschaft komme und daß Serbien sich nicht bis zur Adria ausdehne. Gegenüber den teilweise römisch-katholischen Albanesen hatte Österreich sich schon seit längerer Zeit als Schutzmacht gefühlt und war in diesem Sinne für dieses Bergvolk bei der Pforte eingetreten. In einem Vordringen der Serben über albanesisches Gebiet bis zum Meer sah die österreichisch-ungarische Politik eine nicht erträgliche Steigerung der großserbischen Bedrohung vom Südosten her.

Über ihren Standpunkt in dieser Frage hatte die Wiener Regierung von Anfang an keinen Zweifel gelassen. Als Anfang November der französische Ministerpräsident Poincaré den Vorschlag machte, die sämtlichen Großmächte möchten ihr vollständiges Desinteressement an den balkanischen Dingen erklären, konnte man deshalb in diesem Vorschlag nur einen bewußten und gewollten Vorstoß gegen Österreich-Ungarn erblicken.

Der Vorstoß wurde abgeschlagen. Ebenso wie die österreichisch-ungarische Regierung war die italienische Regierung entschlossen, sich bei Veränderungen des territorialen Status auf der Balkanhalbinsel nicht beiseiteschieben zu lassen. In Unterhaltungen mit San Giuliano, dem italienischen Minister des Auswärtigen, der in jenen Novembertagen zur Besprechung über die Erneuerung des Dreibundes in Berlin weilte, gelang es, eine einheitliche Politik der Dreibundmächte in der Balkanfrage festzulegen. Vor allem einigte man sich über die Schaffung eines autonomen Albaniens, das unter österreichisch-ungarischem und italienischem Schutze stehen sollte.

Das geschlossene Auftreten der Dreibundmächte tat seine Wirkung. Vor allem rückte die britische Regierung von dem Vorstoß Poincarés ab. Kiderlen erzählte mir am 9. November, England zeige uns gegenüber eine auffallende Beflissenheit. Der britische Botschafter sei in seiner ganzen Amtszeit noch nie so häufig unaufgefordert zu ihm gekommen und habe sich noch nie so eingehend mit ihm ausgesprochen wie in den letzten acht Tagen; und ebenso lasse Sir Edward Grey fortgesetzt den deutschen Geschäftsträger zu sich bitten. Das Ergebnis dieser deutsch-englischen Konversationen kam zum Ausdruck in einer Rede des britischen Premierministers Asquith beim Lordmayorsbankett am 9. November, in der er sagte: England sei an den Veränderungen auf dem Balkan nicht unmittelbar interessiert; es seien aber andere Mächte vorhanden, von denen nicht erwartet werden könne, sie würden nicht verlangen, daß ihre Stimme gehört werden müsse, wenn die Zeit für die endgültige Regelung gekommen sei. Solange der Kriegszustand andauere, lehne es die britische Regierung ab, einzelne Fragen zu behandeln, die getrennt und sogleich aufgeworfen wahrscheinlich nicht wieder gutzumachende Differenzen hervorrufen würden, die aber wohl ein besseres Aussehen annehmen würden, wenn man sie zurückstellte, um sie dann unter dem weiteren Gesichtspunkt des allgemeinen Ausgleichs zu behandeln.

Also im Gegensatz zu dem Vorschlag Poincarés eine glatte Anerkennung der Berechtigung des österreichisch-ungarischen und italienischen Verlangens, bei der Neuregelung der territorialen Verhältnisse auf dem Balkan mitzureden; aber im Einverständnis mit der deutschen Politik Zurückstellung der Einzelfragen bis zu dem Zeitpunkt, der eine Gesamtregelung gestatten würde.

Auffallend, aber bezeichnend für die englische Politik, ist die Tatsache, daß jenes Abrücken der britischen Regierung von dem von der französischen Regierung unklugerweise eingenommenen Standpunkt und ihre Zusammenarbeit mit der deutschen Diplomatie zeitlich fast zusammenfiel mit einer starken formellen Bekräftigung der diplomatischen und militärischen Entente mit Frankreich. Am 22. und 23. November 1912, also vierzehn Tage nach der Guildhall-Rede des Herrn Asquith, wurde der Schriftwechsel zwischen Sir Edward Grey und M. Paul Cambon ausgetauscht, der zum erstenmal die seit 1906 getroffenen mündlichen Abreden über eine englisch-französische Kooperation im Falle eines „nicht herausgeforderten Angriffs“ schriftlich niederlegte. Die Vermutung eines ursächlichen Zusammenhangs liegt nahe. Die französische Regierung fühlte sich durch das englisch-deutsche Zusammengehen in den Balkanfragen zweifellos beunruhigt, und die leitenden britischen Staatsmänner hielten es für angezeigt, diese Beunruhigung dadurch zu beheben, daß sie dem französischen Ententegenossen ein stärkeres formelles Pfand, als es bisher gegeben worden war, in die Hand drückten und ihm dadurch die Gewißheit gaben, daß durch eine gelegentliche Meinungsverschiedenheit in Fragen der diplomatischen Taktik an dem britisch-französischen Bundesverhältnis nichts geändert werde.

Während England auf diese Weise Wasser auf beiden Schultern trug, kam die deutsche Regierung in die Lage, einen ernstlichen Druck auf die verbündete Donaumonarchie auszuüben.

Der Vormarsch der Serben durch albanisches Gebiet nach der Adria und die Nachrichten über entsetzliche Greuel, die von der serbischen Armee in Albanien begangen wurden, weckten in Wien starke Erregung und die Neigung zu einem sofortigen Eingreifen. Rußlands Haltung, das unter dem Titel der Probemobilmachung starke Streitkräfte an der galizischen Grenze zusammenzog, war nicht geeignet, diese Erregung zu mildern.

Für die Haltung des Deutschen Kaisers in dieser für die deutsche Politik schwierigen Lage, die eine große Ähnlichkeit mit der Lage vom Juli 1914 hat, ist ein Telegramm bezeichnend, das Wilhelm II. damals an den Reichskanzler richtete, des Inhalts: Der Bündnisvertrag mit Österreich-Ungarn zwinge uns, zu marschieren, wenn Österreich-Ungarn von Rußland angegriffen werde. Dann werde auch Frankreich hineingezogen werden, und England werde unter solchen Umständen wohl auch nicht ruhig bleiben. Die jetzt schwebenden Streitfragen ständen zu dieser Gefahr in keinem Verhältnis. Es könne nicht der Sinn des Bündnisvertrages sein, daß wir, ohne daß Lebensinteressen des Verbündeten bedroht seien, für eine Laune des Verbündeten in einen Kampf auf Leben und Tod gehen müßten. Wenn sich allerdings zeigen sollte, daß die andere Seite einen Angriff beabsichtige, dann werde man jede Gefahr auf sich nehmen müssen.

Dieser ruhige und feste Standpunkt, der allein den Frieden erhalten konnte, war für die deutsche Politik auch in der weiteren Entwicklung maßgebend. Er wurde durchgehalten sowohl gegenüber einem starken russischen Druck wie auch gegenüber anders gerichteten Tendenzen und vorübergehenden Verstimmungen in Wien.

Rußland suchte in Berlin mit Drohungen zu wirken. So sagte mir am 18. November der erste Sekretär der russischen Botschaft, Herr Botkin, den Serben könne der Zugang zur Adria unmöglich verweigert werden; wenn Österreich-Ungarn sich dagegenstelle, werde Rußland in Rücksicht auf seine öffentliche Meinung gezwungen sein, einzugreifen, und das bedeute den Weltkrieg. Zwei Tage später hatte ich den Besuch des Herrn Davydoff, früher Chef der russischen Reichsrentei und rechte Hand des Herrn Kokowzoff, jetzt Präsident der Russischen Bank für auswärtigen Handel. Er kam aus Paris, wo er eine Anleihe zugunsten von Bulgarien durchgesetzt hatte. Er erzählte mir viel von dem großen wirtschaftlichen und finanziellen Aufschwung Rußlands; allein in Deutschland habe Rußland jetzt Guthaben in Höhe von 700 Millionen Mark. Dann sprach er über die politische Lage und fragte mich, ob ich glaube, daß es wegen der serbischen Aspirationen zum europäischen Krieg kommen werde. Ich antwortete, das müsse er besser wissen als ich, denn die Entscheidung liege bei Rußland. Er entgegnete, Deutschland müsse Österreich zur Vernunft bringen; wenn die Lage sich weiter zuspitze, müsse er sich als Finanzmann mit seiner Verantwortlichkeit abfinden und sich fragen, ob es richtig sei, so viel Geld im Ausland stehenzulassen. — Also ein deutlicher Wink, daß uns im Falle einer weiteren Komplikation die russischen Millionen abgezogen werden würden, deren Höhe Davydoff übrigens beträchtlich übertrieben hat. Ich stellte damals fest, daß die Deutsche Bank an Rußland weit größere Forderungen hatte, als umgekehrt Rußland bei ihr an Guthaben verfügte. Die Summe der russischen Guthaben bei sämtlichen deutschen Banken war zweifellos erheblich geringer als die von Davydoff genannte Ziffer, und von dieser geringeren Summe waren die sehr erheblichen kurzfristigen deutschen Forderungen an Rußland abzusetzen. Die deutsche Politik ließ sich durch solche Bluffversuche nicht beirren.

In Wien war man mit der deutschen Unterstützung keineswegs ganz zufrieden. Gegenüber den beunruhigenden Gerüchten über ein österreichisch-ungarisches Ultimatum an Serbien, bevorstehende österreichisch-ungarische Mobilmachung usw., die von Wien aufflatterten, brachte die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ am 26. November ein energisches Dementi, dem ein Zusatz beigefügt war, die Mächte seien sich einig, die albanische und adriatische Frage erst im Verein mit den andern aus den Vorgängen am Balkan entstandenen Fragen zu diskutieren und zu regeln. Das war die gleiche Richtlinie, wie sie Asquith in seiner Guildhall-Rede verkündigt hatte. In Wien war man über die ausdrückliche Festlegung dieses Standpunktes in dem offiziösen Organ der deutschen Regierung nicht sehr erfreut. Das Echo in den Wiener offiziösen Blättern war, die k. u. k. Regierung behalte völlige Freiheit in der Wahl des Zeitpunktes, der ihr zur Regelung der albanischen und adriatischen Frage gut scheine. Kiderlen sagte mir am nächsten Abend: Graf Berchtold wisse nie, was er wolle. Die Wiener Regierung könne sich nicht entschließen, die Besetzung Albaniens und der adriatischen Häfen durch Serbien zu verhindern; sie könne sich aber auch nicht dazu entschließen, klar zu sagen, daß die Regelung dieser Fragen für später vorbehalten bleiben solle. Wir seien bereit, uns hinter Österreich-Ungarn zu stellen; aber gerade deshalb hätten wir ein Recht, zu hören, was die Wiener eigentlich wollten. Er fürchte sich nicht vor dem Krieg; aber gerade für diesen Fall sei es ein enormer Vorteil, England draußen zu halten. Diese Möglichkeit sei nicht ausgeschlossen; er wisse darüber mehr als die Wiener und mehr, als er diesen sagen könne. Ein Vergnügen sei es nicht, an seiner Stelle zu stehen. Gott sei Dank habe er die nötigen Nerven, um die Partie durchzuhalten.

Wenige Wochen später, am 30. Dezember 1912, erlag Kiderlen einem Schlaganfall. Die deutsche Diplomatie verlor mit ihm ihre stärkste Kraft.

Im Januar wurde zwischen den Balkanstaaten und der Türkei ein Waffenstillstand abgeschlossen. In London wurde unter Mitwirkung der Botschafter der Großmächte über den Frieden verhandelt, sehr zum Ärger Poincarés, der die Friedenskonferenz gern unter seinem Vorsitz in Paris gehabt hätte und nun darauf bestand, daß die mit dem Balkanfrieden zusammenhängenden finanziellen und wirtschaftlichen Fragen in einer Sonderkonferenz in Paris behandelt würden. Diese Sonderkonferenz, zu der ich wegen meiner Vertrautheit mit den türkischen Finanz- und Eisenbahnfragen von der deutschen Regierung neben dem Pariser Botschaftsrat Freiherrn von der Lancken und den Herren Dr. Schwabach und Generalkonsul a. D. Pritsch, dem deutschen Delegierten bei der türkischen Staatsschuldenverwaltung, als Vertreter entsandt wurde, ist im Frühjahr 1913 zusammengetreten.

Inzwischen spitzte sich der Gegensatz zwischen Österreich-Ungarn einerseits, Serbien und Rußland andrerseits in der albanesischen Frage weiter zu. Serbien verlangte große Teile rein albanesischen Gebiets; Österreich-Ungarn setzte diesen Forderungen den stärksten Widerstand entgegen. Ich war mit meinem Kollegen von Gwinner am 31. Januar und 1. Februar 1913 zu wichtigen Verhandlungen über die Orientbahnen, für die sich die österreichisch-ungarische Regierung interessierte, in Wien. Der Staatssekretär von Jagow, den wir vor der Abreise besuchten, hatte uns auf den Weg gegeben: „Sagen Sie den Herren am Ballplatz, daß uns hier die albanesische Sache einige Sorge macht.“ Ich hatte zunächst Gelegenheit, mit dem Sektionschef im Auswärtigen Ministerium, Grafen Wyckenburg, über diese Dinge zu sprechen. Er sagte mir, die große Gefahr halte er eigentlich für überwunden, aber Österreich-Ungarn müsse jetzt in den sehr wichtigen Einzelheiten durchhalten. Man brauche Albanien als Damm gegen die wachsende südslawische Hochflut. Der Damm müsse so ausgestattet werden, daß er stehen könne. Das gelte namentlich auch für die Abgrenzungsfrage; aber gerade hier mache Rußland die ärgerlichsten Schwierigkeiten und lasse sich jeden Fußbreit albanesischen Bodens abnötigen und abringen. Das müsse eben durchgefochten werden. Ich äußerte meine Zweifel an dem Wert des albanesischen Damms. Die Albanesen unterschieden sich nach meiner Kenntnis von den andern Völkern dadurch, daß das Wort des Aristoteles, der Mensch sei ein „zoon politikon“, auf sie nicht zutreffe; sie hätten niemals staatsbildende Kraft bewiesen, und ich könne die Besorgnis nicht loswerden, daß ein albanesischer Staat für seine Väter keine Sicherung, sondern eine Quelle von Unruhen und Sorgen sein werde.

Mit dem Grafen Berchtold hatte ich am 31. Januar nach einem Frühstück bei dem Gouverneur der k. u. k. Bodenkreditanstalt, Herrn Sieghard, eine Unterhaltung, die folgendermaßen verlief: Graf Berchtold fragte mich ziemlich unvermittelt, was man in Deutschland eigentlich über die Situation denke, und ob man, wie es den Anschein habe, wirklich unter allen Umständen den Frieden durchhalten wolle. Ich antwortete, nach meiner Überzeugung wollten in Deutschland alle verantwortlichen Leute ernsthaft den Frieden. Graf Berchtold entgegnete, mit einem sehr ernsten Hinweis auf die immer stärkere Zuspitzung der Gefahr, die der Monarchie und damit dem Deutschtum vom Südosten her drohe: er besorge, daß auf die Dauer die große Auseinandersetzung zwischen Germanen und Slawen sich nicht werde vermeiden lassen. Ich erinnerte an Bismarcks Wort, daß man der Vorsehung nicht in die Karten sehen könne; aber auch wenn eine solche Auseinandersetzung sich als unvermeidlich erweisen sollte, so sei nach meiner Ansicht jedes Jahr, in dem der Friede erhalten bleibe, für Deutschland gewonnen, das fortgesetzt an Bevölkerung, wie an wirtschaftlicher und finanzieller Kraft zunehme.

Es ist mir bei dieser Unterhaltung völlig klargeworden, wie sehr die großserbischen Bestrebungen in der Auffassung der Staatsmänner unseres österreichisch-ungarischen Verbündeten sich zu einer Lebensgefahr für die Monarchie zugespitzt hatten. Zwar ist bald darauf, im März 1913, der akute Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Rußland beigelegt worden. Aber ich konnte in dieser Beilegung nur eine Atempause sehen. Ich habe seit jener Zeit die Vorgänge auf dem Balkan mit verdoppelter Sorge beobachtet, in der Überzeugung, daß die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Serbien einer neuen starken Belastung nicht gewachsen seien und daß bei der Haltung Rußlands jeder österreichisch-serbische Konflikt die eminente Gefahr des Weltkriegs unmittelbar heraufbeschwören würde.

Meine Wahrnehmungen bei der Pariser Konferenz zur Regelung der aus dem Balkankrieg erwachsenen finanziellen Fragen bestärkten diese Überzeugung. Die Konferenz übertrug mir den Vorsitz der Kommission, die über die Übernahme eines Teiles der türkischen Staatsschuld durch die Balkanstaaten, denen im Londoner Präliminarfrieden der größte Teil der europäischen Türkei zugesprochen worden war, beraten sollte. Ich hatte Gelegenheit, zu beobachten, bis zu welchem Grade der Überhebung und Herausforderung die kriegerischen Erfolge gegen die Türkei die serbischen Gemüter erhitzt hatten, wie der russische Botschafter Iswolski nicht nur die Vertreter der Balkanstaaten dirigierte und aufreizte, sondern auch die französischen Vertreter an der Leine hielt. An einer gerechten Lösung gerade der in meiner Kommission zu entscheidenden Fragen war Frankreich, als weitaus größter Gläubiger der Türkei, weitaus am stärksten interessiert. Aber die französische Regierung und ihre Vertreter stellten selbst diese großen Interessen zurück, um nicht mit Rußland in Differenzen zu kommen. Der englische Vertreter, Sir Paul Harvey, der Berichterstatter in meiner Kommission war, verhielt sich sachlich und loyal. Dagegen erwies sich die italienische Vertretung, die hauptsächlich durch Herrn Volpi, den Unterhändler des Friedens von Lausanne, geleitet wurde, als unzuverlässig und hinterhältig und als stets geneigt, mit Serbien, Montenegro und Rußland gemeinschaftliche Sache zu machen. Alles in allem wuchs bei mir in jenen Monaten die Gewißheit, daß Rußland die Balkanstaaten in ihrer Begehrlichkeit nicht nur unterstützte, sondern anstachelte und damit den Herd der Weltkriegsgefahr fortgesetzt anheizte; daß Frankreich gelegentlich mit ins Feuer blies und jedenfalls sich von Rußland unter keinen Umständen trennen wollte, auch wenn große eigne Interessen auf dem Spiele standen; daß England in äußerlich korrekter, aber undurchsichtiger Haltung abwartete; daß auf Italien trotz der mit Österreich-Ungarn über Albanien erzielten Einigung, die übrigens sofort Sprünge und Risse zeigte, keinerlei Verlaß war.

Ein positives Ergebnis hatte die Pariser Konferenz nicht. Ehe sie ihre Beratungen dem Abschluß nahebringen konnte, führten die Streitigkeiten zwischen Bulgarien einerseits, Serbien und Griechenland andererseits über die Verteilung des von der Türkei nach dem Londoner Präliminarfrieden abzutretenden Gebiets zu dem zweiten Balkankrieg. Rumänien griff gegen Bulgarien ein. Die Türkei stieß unter Führung Envers nach Adrianopel vor. In kurzer Zeit sah sich Bulgarien genötigt, die Waffen zu strecken. Der Bukarester Friede ließ Bulgarien nur einen geringen Teil des ihm ursprünglich zugedachten Landgewinnes und nahm ihm zugunsten Rumäniens einen Teil der Süd-Dobrudscha, während Griechenland und vor allem Serbien eine gewaltige Vergrößerung erfuhren.

Die österreichisch-ungarische Diplomatie, die Serbien nicht zu groß werden lassen und sich in dem allerdings stark geschwächten Bulgarien ein Gegengewicht gegen Serbien sichern wollte, verlangte zugunsten Bulgariens eine Revision des Bukarester Friedens. Sie setzte sich dabei über die Tatsache hinaus, daß Bulgarien ein Jahr zuvor — trotz der Unterstützung, die es an Österreich-Ungarn bei seiner Unabhängigkeitserklärung erfahren hatte — jenen Vertrag mit Serbien abgeschlossen hatte, der letzterem auch gegenüber Österreich-Ungarn Waffenhilfe zusagte. Sie stellte ferner nicht genügend in Rechnung, daß angesichts der hervorragenden Beteiligung Rumäniens an dem Bukarester Frieden ein solcher Einspruch Rumänien vor den Kopf stoßen und die ohnedies starken entente-freundlichen Bestrebungen in Rumänien noch fördern und begünstigen mußte. Die deutsche Politik trat in sichtbarem Gegensatz zur österreichisch-ungarischen für die Aufrechterhaltung des Bukarester Friedens ein, in der Absicht, die beiden nichtslawischen Balkanstaaten, Rumänien und Griechenland, für die Mittelmächte günstig zu stimmen. Österreich-Ungarn zog angesichts der Haltung Deutschlands verstimmt und grollend sein Verlangen nach Revision des Bukarester Friedens zurück.

Die großserbische Gefahr blieb für Österreich-Ungarn nach dem zweiten Balkankrieg nicht nur in vollem Umfang bestehen, sie war vielmehr größer geworden als je zuvor. Das auf nahezu das Doppelte seines bisherigen Umfangs vergrößerte Serbien war weit entfernt, gesättigt zu sein; im Gegenteil, mit dem durch seine kriegerischen Leistungen und Erfolge gesteigerten Selbstbewußtsein wandte es seine Augen nun erst recht gegen Westen, und lauter denn je verkündigte die großserbische Propaganda als ihr der Verwirklichung nahes Ziel die Angliederung der südslawischen Gebiete Österreich-Ungarns.

Dazu kam, daß die vorübergehende Besserung des Verhältnisses zwischen Österreich-Ungarn und Italien nicht standhielt. Das autonome Albanien wurde ein neuer Zankapfel. Zwar einigte man sich auf die Person des Prinzen zu Wied als Fürsten des neugeschaffenen Staatswesens. Aber schon bei den Verhandlungen über die Beschaffung eines ersten Kredits für das neue Fürstentum, die ich auf Wunsch des Fürsten unmittelbar vor dessen Abreise nach Durazzo mit einer österreichisch-ungarischen und einer italienischen Bankengruppe führte, mußte ich mich von der Eifersucht und dem Mißtrauen überzeugen, das beide Teile gegeneinander hegten. Der weitere, sich immer unglücklicher gestaltende Verlauf der albanischen Angelegenheit machte die während des Tripoliskriegs und des ersten Balkankriegs so mühsam erreichte Wiederannäherung Italiens an die beiden Zentralmächte zunichte.

So hinterließen die Balkankriege eine beklemmende, gewitterschwangere Atmosphäre.

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