Der Triumph der Mutter
Reading edition
Bagdad, Mesnil Schah Bender, den 30. August 1916.
Am vergangenen Sonntag ging ich in die lateinische Kirche. Sie feierten das Fest der heiligen Jungfrau Maria. Chaldäische Christinnen in ihren weiten seidenen Gewändern füllten das Schiff, arabische Kaufleute, über denen der Priester, schwarzbärtig, die weihrauchgefüllte Kugel schwang. Ich setzte mich unter sie, ich blickte auf das mit Palmenzweigen geschmückte Bild der Gottesmutter, die auf ihren Armen den Sohn trug, und mir war, als schaute ich in Deine Züge, Mutter, die in unendlicher Liebe auf mich herabsahen. Waren nicht auch mir die Worte gesprochen worden: „Beatus venter, qui te portavit, et ubera quae suxisti?“ Ging nicht von diesem Lächeln aller Friede der Erde aus, stand es nicht wie die aufgehende Sonne über den Tagen der Kindheit, an deren Ende jene Wildnis der Seele beginnt, in die wir alle hinausgetrieben werden, verirrte Tiere? War nicht auch Dein Leid ein Meer? Hattest Du nicht die sieben Schmerzen Marias getragen, den Sohn in Kummer geboren, mit ihm die Kämpfe und Enttäuschungen einer langen Jugend erlitten, ihn dargebracht auf dem Opfersteine der Menschheit, daß verblute, was mit soviel Mühen Deinem Leibe, Deinem Herzen entwachsen war? Als Du ihn wiederfandest in seinem zerrissenen Fliegerrock, von dem Schmutz dieser Erde bespritzt, gekreuzigt an die zerbrochenen Flügel seiner Maschine, waren da nicht auch Dir aus den unbarmherzigen Tiefen der Finsternis die Worte gesprochen worden: „Siehe da, Deinen Sohn!“ Glitt nicht in jener Stunde vervielfacht und geläutert die namenlose Liebe auf uns Brüder herab, die von unendlicher Trauer verklärt vor uns die Flamme Deines Hauptes emporhob?
Inventa es Mater Salvatoris Virgo Dei Genetrix, quem totus non capit orbis in tua se clausit viscera, factus homo.
Ich neigte den Kopf, alle Bekenntnisse der Trennung und dieser schmerzlichen Zeit im aufgewühlten Herzen bewegend, und dachte: „Ich kann Dein Gesicht nicht zu mir hertragen, Mutter, so viele Jahre liegen zwischen gestern und heute; aber aus jeder Landschaft noch, die ich beschreite, blickt Deine Güte, aus jedem Sturme spricht Deine Stimme zu mir. Mein Geist ist dem Deinen nahe. Meine Seele bettet sich in das Tal Deiner Wangen, sie wandert in den Falten Deines Gesichtes einher wie der Wanderer, der in den Schluchten der Berge verirrt ist, und findet nie ein Ende. Ich bin ertrunken in Deinen Augen. Wie die Welle über den Schlummernden am Grunde der Wasser, so gleitet über mich Deiner Liebe Lächeln.“
Arabische Knaben erhoben die helle Stimme zum Gesang. Die Seele, des schwebenden Schrittes entwöhnt, stürzte in sich zusammen. Neben mir knieten zwei gefangene Engländer in ihrem lehmfarbenen, sauber gebürsteten Waffenrock; ich blickte auf die Leidenslinie ihrer jungen Gesichter, und wie ich sie so an meiner Seite sah, die Kette des Skapuliers über die Schultern gehängt, die sie beschützt hatte vor Krankheit und Tod, vor den Gefahren der Schlacht, in dunkler Gefangenschaft, wie sie fern von der Heimat, die liebliche Heiterkeit englischer Dörfer vor Augen, die Gesichter betend hinter der mageren Hand verbargen, wurde die Stimme des Brudertums so laut in mir, daß es mir Mühe machte, die Tränen zurückzuhalten.
Laudemus omnes in Domino diem festum celebrantes sub honore beatae Mariae Virginis.
Als ich wieder aufsah zu dem palmengeschmückten Bilde, fand ich ihr Gesicht zum zweitenmale verändert, als blickten alle, die in dieser Kirche versammelt waren, arabische, armenische und chaldäische Christen, griechische Kaufleute, deutsche Offiziere, verwundete, kranke und gefangene Soldaten, Frauen, Kinder und Greise mit mir empor zu der Mutter des Menschengeschlechts, die die gesegnete Frucht ihres Leibes umklammert hielt, sie liebevoll hinter dem schützenden Mantel zu bergen. Und ich sah Leid, Kummer, Zorn und Verzweiflung in den Lichtern ihrer Augen stehen, zwei spitze, schwertheiße Flammen. Da erkannte ich die Menschheit, die von Schmerzen zerrissen und fluchbeladen mit mir in diesem Raume kniete, eine stumme, untröstliche Gemeinde, die gekommen war, an ihrem Bilde um Vergebung zu bitten.
Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!
Dumpf tönte das Aufschlagen der Hände gegen die Brust.
Da aber klang in unendlicher Versöhnung ihre erlösende Stimme aus der Höhe herab: „Ich habe Frucht getragen wie ein Weinstock, ich gab von mir süßen Geruch. Ich bin die Mutter der schönen Liebe, der Furcht, der Erkenntnis und heiliger Hoffnung. In mir ist Gnade jeglichen Weges, jeglicher Wahrheit. Kommt zu mir alle, die ihr mein begehrt, an meinen Brüsten werdet ihr gesättigt werden. Mein Geist ist süßer denn Honig, meine Erbschaft köstlicher denn Honig und Honigseim. Mein Andenken bleibt in ewige Geschlechter. Die mich essen, werden noch hungern, und die mich trinken, werden nach mir durstig sein.“
Alleluia, alleluia. Per te, Dei Genetrix, nobis est vita perdita data: quae de coelo suscepisti prolem et mundo genuisti Salvatorem. Alleluia.
Die silbernen Schellen erklangen, der Priester küßte das goldgeschmückte Buch, Weihrauchwolken erhoben sich zum Gewölbe der Kirche. Eine süße Wehmut stieg auf in meiner Brust, und aus ewigen Gründen hörte ich eine Stimme sagen: „Lege von Dir den Rock, der mit Schmutz und Eiter bedeckt ist. Laß liegen den Kranken auf seinem Bett, auf seiner Bahre den Verwundeten, den Sterbenden in seinem Blut. Auch Du bist berufen, ein Jünger zu sein, auf Erden das Reich Deiner Mutter aufzurichten, ein Baumeister der Liebe unter den Völkern und eine leise Stimme der Zukunft. Hatte ich nicht in Dein Herz die Gabe der Liebe gelegt, die Gewalt der Rede, die ich Dir geschenkt hatte? Hättest Du nicht aufstehen sollen, Deine Hände gegen den Mund zu legen, sei es auch gegen eine Welt kalter Gerechtigkeit, um zu sterben unter dem Hasse der Menge, ein Narr des Edelmutes, eine Heldenstimme der Unvernunft? Du aber gingst hin, verschlossest den lebendigen Strom des Gewissens, weigertest Speise und Trank Deinen Worten, die hinter dem Gehege Deiner Zähne dahinstarben wie gefangene Tiere. Du Knecht der Stummheit! Du Verbrecher des Schweigens! Du Dieb der Wahrhaftigkeit!“
Regina mundi dignissima et mater perpetua intercede pro nostra pace et salute.
Aber zum dritten Male aufschauend erblickte ich hinter dem palmengeschmückten Bilde den Leib des Gekreuzigten, mit Blut bedeckt, die Hände von Nägeln zerschlagen, und erkannte in ihm das Bild dieser Erde, die, in Kriegen verstümmelt und von grenzenlosem Elend verzerrt, sich einen Leichnam zum Sinnbild ihrer höchsten Verehrung gemacht hat. Sie drängten hinzu mit gierig geöffneten Lippen, ich sah, daß ihre Seele ein reißendes Tier war, die verschlang das Kind Deiner Liebe, das Du geboren hast, die trank von dem heiligen Blute des Bruders und wurde trunken davon. Ihre Nahrung war der Leib eines Toten.
Accipite et manducate, hoc est enim corpus meum, quod pro vobis tradetur.
Und von grenzenlosem Schmerze erfaßt, drängte ich hinaus, ein Betäubter, den ein Stein vor den Kopf getroffen. Noch auf der Straße, inmitten der Menge, die um die Tische der Bazare war, unter Handwerkern, Kaufleuten, unter Juden und Mohammedanern, Christen, Bettlern und Soldaten, während durch die offene Tür die Orgel in den Lärm des Marktes klang, schrie es auf in mir: „O Du erhabene Mutter des Menschengeschlechts — sie beten Dich an, aber sie durchbohren Dir das Herz! Wer soll uns erlösen, wenn Du es nicht bist, Mutter? Aus Deinem Schoße wachsen die Kinder der Welt. Stehe auf aus den tausend Müttern der Erde, erhebe Dich aus den Millionen Herzen, die gelitten haben! Verschließe den Schoß, der so viele Leben geboren hat, laß versiegen den Quell Deiner Brüste! Stehe auf aus den volkreichen Städten Deutschlands; aus den Kathedralen von Frankreich, aus der Finsternis englischer Fabriken erhebe Deine Stimme! Aus den Wäldern Indiens, aus den Zelten arabischer Wüsten, den verschneiten Hütten russischer Dörfer beginne den Klagegesang. Aus der toten Verlassenheit anatolischer Felsenhöhlen, aus dem traurigen Wohnzimmer der Witwe, die in ihrem hölzernen Käfig dahinsiecht, aus der steinernen Klippe am Hang sizilianischer Felsen, wo die Stimme des Meeres in das Singen der Wiege klingt, laß Deinen Ruf laut werden, halte nicht länger zurück das Gewitter Deines Zorns und der Verzweiflung! Hebe Dich auf aus den Tiefen der Trauer und Einsamkeit, lege Deine Hände vor das Antlitz des Todes, und laß den Lärm der Schlachten verstummen, daß die Welt rein werde von den Greueln des Blutes. Denn Deine Kinder sind schwach und untreu ihres Gelübdes. Sie lernten es wohl, das eiserne Rohr zu führen, aus dem die teuflische Kugel fliegt, aber untüchtig sind sie und feige für die Arbeit des Brudertums. Sie achteten Deiner nicht, gingen hin und verrieten das Wort Deiner Liebe. O gib Brot und Speise denen, die hungern, gib einen Vater den Kindern wieder, nicht länger laß einsam sein den Schlaf des Weibes. Aus ihren weißen Betten steigen die Gebete der Kinder zu Dir auf, und aus den Gräbern noch blühen die Hände der Toten. Denn Dir gehört alle Herrlichkeit der Erde, Mutter, alle Kraft der Liebe, alle Barmherzigkeit!
Qui audit te non confitetur et qui operantur in te non peccabunt. Qui elucidant te, vitam aeternam habebunt. Ave Maria!“