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Der Weg ohne Heimkehr

An die Großmutter

Reading edition

Bagdad, den 20. Januar 16. Im Hause zu den elf Fenstern.

Nun will ich den Stuhl an Deine Seite rücken, Du liebes altes Gesicht. So dicht, daß die großmütterlichen Ohren, die so lange in die Welt gehorcht haben, sich gar nicht zu bemühen brauchen, mich zu verstehen. Nun fühle ich Deine Augen auf meinem Herzen. Sie leuchten mir und wärmen mich auch hier, in diesen Tagen, in denen so bittere Kälte heraufsteigt, daß ich verwundert in die heimatlich verwandelte Welt schaue, durch die der Schnee in schweren Flocken langsam zu Boden flattert, kleine weiße Vögel, die die Erde mit ihrem Gefieder decken.

Palmen in Schnee. Wie lange hat das die Stadt nicht mehr gesehen. Die hohen Rizinusstauden im Garten brechen mit ihren Wurzeln aus der Erde. Der Tigris wirft Wellen wie ein Meer. Die Stadt aber ist ausgestorben; hin und wieder schleicht in langen Röcken, mit den bloßen Füßen in der aufgeweichten Straße versinkend, ein Araber an der Mauer entlang, das Kopftuch um Hals und Wange geschlagen, als litte er an Zahnweh. Der Markt steht still. Wer braucht zu kaufen, zu handeln, Lebensmittel feil zu bieten, wenn es regnet? An solchen Tagen mußt du zufrieden sein, wenn du so viel hast, daß du nicht hungerst.

Die Welt ist hinter den Mauern. Hier sitze auch ich, in einem Hause, dessen Wände mich mit Kälte anhauchen (oh, wie will ich seine Kühle loben, wenn es erst Sommer ist!). In einem Zimmer, in dem elf hohe Fenster mir mit stets gleichem Erfolg die Täuschung vorspiegeln, ich säße im Freien. Neben mir steht ein kupfernes Kohlenbecken, in dem glimmende Holzasche dampft und mir Kopfschmerzen bereitet, und mein arabischer Reitsattel, auf dem ich durch die Wüste nach Mossul geritten bin. Ich habe meine kleine Lampe bei mir, die mir schon in Polen den Unterstand erhellte, und freue mich, daß sie nun zuweilen des Abends wieder meiner Arbeit leuchtet. So sitze ich in Decken und Mäntel gehüllt über dieses Papier gebeugt, während hinter den Scheiben mein arabischer Diener wartet, mir die Schuhe auszuziehen, mit wenig Hausgerät und vielen Teppichen und Schilfmatten unter den Füßen. Denn das Kaufen von Teppichen ist gewiß eine ansteckende Krankheit. Aber schließlich sind wir allein, und der Teppich ist unser einziger Freund: der Tisch, von dem wir speisen, unsere Morgen- und Abendandacht, und das Gedicht, das wir nicht müde werden immer von neuem zu lesen. Vor meinen Fenstern erheben Palmen ihre stachligen Schöpfe, aus denen sich gegen Abend eine Schar von Krähen erhebt, die müde und satt von den Schlachtfeldern von Kut el Amara heimkehrten, um jenseits des Tigris über den breiten Palmenwäldern, rasselnd, mit den Flügeln gegen die glasharten Blätter stoßend, Licht und Sonne verschüttend, eine schwarze Wolke, zusammenzuschlagen.

Es ist Abend, die Stunde, da ich von meinen Spaziergängen heimzukehren pflegte in Dein Haus. Leuchtet dort nicht die Lampe und ein Tisch mit Schinkenbrötchen und Eiern? Heute Mittag war ich traurig, daß keine Briefe da waren, aber bedarf es noch eines Wortes? Du bist in mir. Langsam fühle ich, wie Du in meinem Blute heraufsteigst, mir die Stirne zu streicheln, und neige meinen Kopf über Dich, wie in den Abgrund aller Zärtlichkeit.

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