An eine Freundin
Reading edition
Bagdad, Abdul Achad, den 25. Februar 1916.
Man merkt kaum, daß die Zeit weitergeht, meine Liebe, so lautlos streicht jedes Gesicht an uns vorüber. Gestern erhielt ich Deinen Brief vom zwanzigsten Dezember. Habe ich denn damals schon gelebt? Ich begann ihn zu lesen, als ich in das Boot stieg, um über den Tigris zu fahren, wenn ich im Kahn nicht damit fertig wurde, wollte ich ihn am Ufer zu Ende lesen. Aber wir hatten kaum die Mitte des Stromes erreicht, da war der Brief aus, und ich fragte mich: war Dein Schreiben so kurz (es hatte doch sechs Seiten), war der Tigris so breit, oder hatte ich zu schnell gelesen? ... So verhungert sind wir hier draußen.
Dabei lächelt der Himmel warm durch die Glaswände meines Hauses. Ich blicke über den Zaun in die Palmen und auf den Hof einer arabischen Wagenhalterei. Auf den Dächern der Pferdeställe wird jeden Tag der frische Dung ausgebreitet, um in der Sonne gedörrt als Brennstoff verkauft zu werden. Ein junger Araber hat den Tag über nichts zu tun, als mit den nackten Füßen langsam durch diese Materie zu laufen und sie umzuwenden. Wenn ich am Schreibtisch sitze, schaue ich ihm bei seiner Arbeit zu.
An den Ufern des Flusses liegen die Hospitäler, Konsulate, Hotels, in denen man die hölzernen Betten der Verwundeten aufgestellt hat. Luftige Terrassen, auf deren weißen Fähnchen der rote Halbmond, ein blutiger Fleck, leuchtet. Hier kommen die Dampfer von Kut el Amara herab, ihre traurige Last an das Ufer zu werfen. Glitzernd hebt sich der Strom, eine weiße Straße des Todes. Hier liegt Abdul Achad, das Lazarett, in dem wir arbeiten, ein arabisches Hotel mit zweihundert verwundeten Soldaten. Unsere Krankenpfleger sind Eseltreiber und Lastträger der Straße. In unserem Operationssaal fanden wir nicht mehr als eine rostige Schere, zwei Klemmen und eine Sonde. Die durchgeeiterten Binden müssen stets von neuem verwandt werden, und wir sind glücklich, genug ungereinigte Baumwolle zu haben, die im Lande wächst. Die Wunden sind fast alle verschmutzt oder vernachlässigt, und viele sterben an Blutvergiftung dahin. Der Dienst ist anstrengend; aber unser Stabsarzt ist der liebenswerteste Vorgesetzte und Kamerad. Ich habe darin ein so großes Glück gehabt.
Die Luft ist milde, und es wird täglich wärmer, doch jedermann spricht mit Schrecken vom Sommer, den wir hier an einem der heißesten Teile der Erde am Tag in den Kellern und des Nachts auf den Dächern verleben werden. Fast immer finde ich am Abend eine Stunde Zeit, in der Dämmerung in das bunte Gewühl arabischer Stadtviertel und Basare zu tauchen. Stets erfüllen heitere Pläne meine Seele, fremde Geheimnisse verführen und reizen mich. Dazu verdanke ich der Güte des Feldmarschalls ein höheres Abzeichen der Uniform; ich trage den Rang eines Sanitätsunterleutnants und bin dem Stabe der sechsten Armee zugeteilt. Du solltest mich nur sehen in meinem moosgrünen Waffenrock, mit violettem Sammetaufschlag und Silberborten, wenn ich mit einem „Grüß Gott, Soldat“ am Morgen in das Lazarett trete.
Leb wohl — müßte ich nicht täglich zehn Liter Eiter riechen und den Pestgeruch der bis zum Skelett abgemagerten ruhrkranken Soldaten, so wäre das Leben fast vollkommen zu nennen.
Frühling, ach wie du mich rührst ....