Zwölftes Kapitel.
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Werner beobachtete seit einigen Tagen die Fremde mit erneuerter und verdoppelter Wachsamkeit, ohne indessen etwas Verdächtiges auffinden zu können. Wilhelm schien mit jeder Minute den Geist aufgeben zu wollen, und es ward also angeordnet, daß seine Mutter, Werner oder Lisette abwechselnd des Nachts bei ihm wachen sollten. Dieser Zeitpunkt, welcher entscheidend zu sein schien, war derjenige, wo ein ziemlich merkbares Besserbefinden einige Hoffnung gab, daß das Kind dennoch wieder genesen könnte. Sein völlig abgemagerter Körper erhielt einige Kräfte wieder; schon verbreitete sich eine leichte Röthe über seine eingefallenen Wangen, und im ganzen Schlosse herrschte die lauteste Freude. Nur Lodoiska blieb völlig gefühllos. Der lauschende Blick Werners, der sie nicht aus den Augen verlor, glaubte bei ihr eine Veränderung zu bemerken, die der des Kindes gerade entgegengesetzt war; sie verlor einen guten Theil von ihrem körperlichen Umfange. Ueber ihr leichenblasses Gesicht war eine verdächtige Unruhe verbreitet, und ihr Gang wurde holperig und schleppend. Oft legte sie eine Hand auf die Wunde, welche Werner unter ihrer linken Brust gesehen hatte, und drückte sie mit Heftigkeit, als wenn sie das Leben, das hier zu entschlüpfen drohte, hätte zurückhalten wollen. Zweimal überraschte Werner sie, wie sie das kranke Kind mit der Aufmerksamkeit einer wilden Ungeduld betrachtete, und eine Bewegung, schrecklich für den, welcher sie verstanden hätte, drückte dabei ihre Gedanken aus. Allein Werner errieth sie nicht; er sah jedoch genug, um überzeugt zu sein, daß entweder die Fremde mit dem morgenden Tage das Schloß verlassen, oder daß das Kind sein Leben endigen müsse. Er nahm sich vor, mit der größten Klugheit zu Werke zu gehen, und der Oberstin so viel zu sagen, daß sie zuerst die Fremde auffordern würde, sich anderswo eine Wohnung zu suchen, weil es nicht anginge, daß sie noch länger in ihrer jetzigen bleiben könne.
Unterdessen war die Nacht schon angebrochen. Die Oberstin, von Mattigkeit fast erschöpft, weil sie seit mehreren Tagen selbst bei ihrem Sohne gewacht hatte, fühlte heute ein unwiderstehliches Bedürfniß, etwas Ruhe zu genießen, und sie wollte daher eins der Dienstmädchen zur Wache für diese Nacht bestimmen, als Lodoiska, von dieser Absicht unterrichtet, sich selbst erbot, ihrem jungen Freunde diesen Dienst zu leisten. Helene glaubte, es ihr nicht abschlagen zu dürfen, vorzüglich da sie bisher noch nicht bei dem kleinen Wilhelm gewacht hatte, was man nicht wagen wollte, ihr anzumuthen.
Die Sache wurde sogleich abgemacht, und Lisette brachte, wahrscheinlich aus Vergeßlichkeit, dem guten Werner davon keine Nachricht. Dieser legte sich also in der Ueberzeugung zu Bett, daß der Sohn seines Obersten die Nacht unter der Obhut der zärtlichsten Mutter zubringen würde; aber kaum hatte er sich niedergelegt, so durchkreuzte seinen Kopf eine Menge der peinlichsten Ideen. Einige Augenblicke lang bemächtigte sich dann der Schlaf seiner Sinne, ohne ihm jedoch Ruhe zu verschaffen; er ward von den seltsamsten Träumen bis auf’s Aeußerste geängstigt. Bald glaubte er mitten im Walde, welcher sich hinter dem Garten des Schlosses R.... befand, umherzuirren; plötzlich stürzte eine Räuberbande über ihn her, und er blieb nach einem heftigen Kampfe sterbend auf der Erde liegen; bald versetzte ihn eine Erinnerung aus früheren Zeiten in die Wohnung von Lodoiska’s Vater. Er sah auf dem Hausflur einen Sarg, mit einem schwarz und weißen Leichentuche behangen, und mit einer Krone von Lilien und weißen Nelken geschmückt; eine Menge junger Mädchen stand umher, bis ein Geistlicher erschien, und den Zug nach dem Kirchhofe führte. Hier wurde der Sarg in ein offenes Grab versenkt; die Zuschauer entfernten sich. Werner allein war noch stehen geblieben, und sahe, daß es plötzlich tiefe Nacht um ihn her geworden. Mit einem fürchterlichen Donnerschlage erschien der Mond; kaum hatte dieser die Gegend umher erleuchtet, so öffnete sich unter dumpfem Brausen eines heftigen Sturmwindes die Erde, und in ein Leichentuch gehüllt steigt langsam eine Gestalt aus dem frischen Grabe empor. Immer höher erhebt sie sich in die Lüfte, und durch eine unwiderstehliche Macht wird Werner ihr nach mit fortgerissen. Sie durchfliegt mit reißender Schnelligkeit ungeheure Räume, während der halb betäubte Soldat sie stets begleitet, bis endlich beide sich wieder zur Erde niederlassen. Werner erkennt das Schloß R.... und schaudert über das, was hier vorgehen soll. Sein geheimnißvoller Führer zieht unter seinem Leichentuche eine Hand hervor, welche aber nichts als ein Gerippe ist, und klopft damit an die Thür des Schlosses; sie wird ihm aufgethan, und in demselben Augenblicke dreht die Gestalt sich um; der erstaunte Werner erkennt in ihr das zornige Gesicht Lodoiska’s. —
Ein so fürchterlicher Traum konnte nicht länger dauern; Werner erwachte, ganz in seinem Schweiße gebadet, und kaum wagte er in der ihn umgebenden Finsterniß die Augen aufzuschlagen. Als er sich nach und nach besann, schien es ihm, als wenn der Himmel selbst ihm eine schreckliche Aufklärung gegeben hätte, von welcher er jetzt Gebrauch machen müsse. Alle Wunder, über die er bisher erstaunte, sind ihm jetzt erklärt, denn im Grabe hat Lodoiska die Macht geschöpft, womit sie ihn überraschte. Bisher hatte er geglaubt, bloß gegen ein von Leidenschaft verblendetes Weib zu kämpfen, und jetzt ist es ein höllischer Geist, mit dem er sich messen soll.
Während sich Werner so dem Fluge seiner Einbildungskraft überließ, erinnerte er sich, daß die Oberstin heute bei ihrem Sohne wachen würde: ein günstiger Zeitpunkt, um ihr die wichtigen Entdeckungen zu machen, wodurch Werner sie und ihre Familie zu retten hoffte; denn leicht war es möglich, daß Lodoiska jetzt in einen irdischen Schlaf versunken sein konnte, und daher nicht im Stande war, sich seinem Vorhaben zu widersetzen. Dieser Gedanke gab ihm einen raschen Entschluß; er sprang sogleich aus dem Bette, kleidete sich rasch an und eilte nach der Thür; aber hier fiel ihm ein, daß es gefährlich sein könne, ohne Waffen durch die weitläuftigen Gänge und Säle des Schlosses zu gehen, weil es möglich sei, daß vielleicht ein schrecklicher Vampyr darin umherirre. Beim Schein des Mondes, der seine Strahlen durch das Fenster warf, suchte er seine Pistolen, die stets geladen waren; dann verließ er endlich sein Zimmer, und nahm seinen Weg nach dem des kranken Kindes, wo er die Gemahlin seines Obersten anzutreffen hoffte.
In beständiger Furcht, daß das geringste Geräusch Lodoiska’s Aufmerksamkeit wecken könnte, ging er nur langsam und so leise als möglich vorwärts; er hielt seinen Athem an, und zitterte bei dem Gedanken, überrascht zu werden. Schon hat er die Haupttreppe erstiegen und befindet sich in dem großen Saale, ohne das Geringste wahrgenommen zu haben; er tritt jetzt in den Gesellschaftssaal, den er ebenfalls unangefochten durchschleicht, und ist schon im Begriff, die Thür des Zimmers zu öffnen, in welchem sich die Oberstin bei ihrem Kinde befindet, als es ihm einfällt, daß sie wohl eingeschlummert sein könnte, und daß er durch sein plötzliches Erscheinen ihr einen großen Schrecken verursachen würde. Um sich vorher zu überzeugen, ob sie schläft oder wacht, näherte er also sein Auge dem Schlüsselloche, und blickt in’s Zimmer hinein.
Welche Ueberraschung! Nicht Helene befindet sich hier, sondern die unerklärbare Lodoiska! Sie geht mit langsamen Schritten auf und nieder, aber scheint nichts desto weniger in der größten Ungeduld zu sein; bald blickt sie auf das Bett, in welchem das kranke Kind ruht, bald auf den Mond, der in einem völlig wolkenleeren Himmel immer höher steigt ..... Jetzt schlägt die Schloßuhr zwölfe! ..... In demselben Augenblicke werden Lodoiska’s Gesichtszüge völlig entstellt, und eine schreckliche Freude scheint ihre Muskeln zusammenzuziehen; mit der größten Heftigkeit reißt sie sich den Handschuh ab und stürzt sich wie wüthend über das Bett her. Hier legt sie ihren Mund auf den des Kindes und scheint mit langen Zügen das Blut zu trinken, das sie aus der Brust und von da aus allen Adern dieses unglücklichen Wesens hervorsaugt! —
Dieß ist zu viel für den guten Werner. Sollte er auch sein Leben verlieren, er kann dieses schreckliche Schauspiel nicht länger mit ansehen; er spannt eine seiner Pistolen, reißt die Thür mit Gewalt auf, und stürzt sich auf das Ungeheuer los, um ihm den Lohn für seine Verbrechen zu geben.
„Endlich habe ich dich ertappt! rief er aus. Kehre jetzt zur Hölle zurück, und besudele die Erde nicht mehr mit deiner Gegenwart!“ Er drückt seine Pistole auf sie ab, und Lodoiska wird von der Kugel getroffen; aber schneller als der Adler, der in seinem Neste von dem kühnen Jäger überrascht wird, springt sie von dem Lager auf, das sie so eben entweihete.
— Elender, sagte sie, deine Mühe ist vergebens! du selbst sollst jetzt mein Geheimniß mit in’s Grab nehmen! —
Ein scharf geschliffener Dolch blitzt in ihrer Hand; Werner giebt zum zweiten Male Feuer, aber die Kugel fährt unschädlich neben Lodoiska vorbei in die Mauer, und in demselben Augenblicke wühlt das mörderische Eisen in seinem Herzen. Ohne einen Laut von sich zu geben fällt Werner todt auf den Fußboden nieder.
Ende des ersten Theils.
Anmerkungen zur Transkription
Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Im Original g e s p e r r t hervorgehobener Text wurde in einem anderen Schriftstil markiert.
Die variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des Originales wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
... deine Ruhe wiederfinden, und alle unangenehme ... ... deine Ruhe wiederfinden, und alle unangenehmen ...
... unglückliche Geschöpfe antrifft, die, um einen ... ... unglücklichen Geschöpfe antrifft, die, um einen ...
... einer Frau, die seine Zärtlicheeit verdient. ... ... einer Frau, die seine Zärtlichkeit verdient. ...
... Er wußte nicht, ob er seinen Zorn den Lauf ... ... Er wußte nicht, ob er seinem Zorn den Lauf ...
... Dinstag erfuhr ich, daß sich hier in der ... ... Dienstag erfuhr ich, daß sich hier in der ...
... Eilen Sie Ihren Schicksale nicht im Voraus ... ... Eilen Sie Ihrem Schicksale nicht im Voraus ...
... sich selbst zn kommen, und sprach bald über ... ... sich selbst zu kommen, und sprach bald über ...
... zusamen? — Da die Sonne hinter den ... ... zusammen? — Da die Sonne hinter den ...
... Bedienter behandelte; meine Geschäfte mit ... ... Bediente behandelte; meine Geschäfte mit ...
... Zweifel, ob er seine Ausforderung erneuern ... ... Zweifel, ob er seine Aufforderung erneuern ...
... als Lisette das Bettuch, in welches Lodoiska ... ... als Lisette das Betttuch, in welches Lodoiska ...
... war; sie verlor einen guten Theil von ihren körperlichen ... ... war; sie verlor einen guten Theil von ihrem körperlichen ...