Eilftes Kapitel.
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Lodoiska’s jetziger Aufenthalt im Schlosse R.... konnte nur von übler Vorbedeutung für die Familie Lobenthal sein; Werner, der genau von den früheren Verhältnissen des Obersten unterrichtet war, fürchtete das Schrecklichste, und gerieth fast in Verzweiflung, seine Furcht weder Jemanden zu entdecken, noch den Obersten davon benachrichtigen zu können. Er entschloß sich endlich, sich Lodoiska so viel als möglich zu nähern, um ihre wahren Absichten kennen zu lernen.
Hierzu wählte er einen Nachmittag, als die Oberstin gerade einige Gesellschaft aus der Nachbarschaft bei sich hatte. Als er in Lodoiska’s Zimmer trat, saß dieselbe in der Nähe eines Fensters, während der junge Wilhelm vor ihr stand, und auf ihren Schooß ein Bilderbuch gelegt hatte, das er mit vielem Vergnügen durchblätterte. Die Fremde schien in das tiefste Nachdenken versunken zu sein, und sahe den Knaben mit Blicken an, die nichts weniger als Wohlwollen verriethen; Werners Schritte weckten sie aber aus ihren Träumereien, worauf sie augenblicklich ihre Miene änderte, und ihre gewöhnliche außerordentliche Gleichgültigkeit annahm. Der alte Unteroffizier trat näher und grüßte sie, was aber nicht erwidert wurde; doch ließ er sich durch diese Unhöflichkeit nicht irre machen, sondern fing sogleich seinen Angriff an, wie er sich vorgenommen hatte.
„Vortrefflich, Lodoiska, sagte er; da haben Sie sich nun in ein Haus eingeführt, wo Sie der Klugheit gemäß lieber hätten wegbleiben, und das Sie hätten scheuen sollen, zu Ihrer eigenen Ruhe und zur Ruhe einer achtungswürdigen Familie. Was haben Sie jetzt für Absichten? Wollen Sie hier, zum Lohne für die gute Aufnahme, die Sie genießen, Schmerz und Zank erregen? Halten Sie es nicht für angemessener, da Sie denn nun einmal den Obersten noch wiedersehen wollen, seine Rückkehr in Prag abzuwarten?“
— Ich halte dafür, Werner, daß man sich in wichtigen Angelegenheiten nicht bei seinen Feinden Raths erholen müsse, und überdieß bist du in deinen Rathschlägen eben nicht glücklich. Warst du es nicht, der mich einst aufforderte, mich von der Liebe des treulosesten aller Männer rühren zu lassen? Und dennoch kanntest du ihn genau, und wußtest, wie groß sein Leichtsinn sei. Aber dieß hinderte dich nicht, mich dem Rande des Abgrundes näher zu führen, und wer steht mir dafür, daß dein jetziger Rath nicht ebenfalls ähnliche Betrügereien im Hinterhalt hat? —
„Wenn ich Unrecht that, so ward dieß mehr in Folge meines damaligen Alters, als meines Herzens geübt. Jetzt leitet mich nur meine Theilnahme für ....“
— Ich glaube nicht mehr an die Worte der Menschen, und gehe auch nicht von dem mir einmal vorgeschriebenen Wege ab. Da ich mich jetzt in diesem Hause befinde, so werde ich darin so lange bleiben, bis Alles für mich aus ist, und ich den ewigen Qualen entgegengehe, die mich erwarten. —
„Was haben Sie aber zu fürchten, wenn Sie nichts Böses gethan haben?“
— Nicht mit dir, rief die Fremde im heftigsten Tone, werde ich über diesen Punkt sprechen. Ich bin es müde, dich anzuhören und dir zu antworten; ja deine Gegenwart ist mir so lästig, daß ich ungeduldig auf den Zeitpunkt warte, wo ich deiner Gesellschaft überhoben werde. —
„Es thut mir leid, Ihnen zu mißfallen; aber obgleich meine Anwesenheit Ihnen so lästig ist, so dürfen Sie sich doch nicht schmeicheln, mich aus den Augen zu verlieren, so lange Sie sich in diesem Schlosse befinden, und ich werde meine Wachsamkeit nur noch verdoppeln.“
— Wahrlich, Werner, deine Wachsamkeit wird auch höchst nöthig sein, und du wirst großen Vortheil davon haben. Fürchtest du nicht, mich endlich auf’s Aeußerste zu treiben? Kannst du die Frechheit haben, mich so zu beleidigen, indem du mir geradezu dein Mißtrauen gegen mich ausdrückst? Schwacher Sterblicher! Sobald ich deiner Obhut müde bin, wirst du aufhören, meinen Absichten Hindernisse in den Weg zu legen. Sei überzeugt, daß du, der du mit so vieler Kühnheit zu mir sprichst, das Schloß eher verlassen wirst, als ich! —
„Ich zweifle nicht, daß meine Gegenwart Ihnen lästig ist; allein wenn ich will, so soll keine Stunde vergehen, und Sie werden einen Laufpaß erhalten, sich Ihre Wohnung anderswo zu suchen, wo es Ihnen belieben wird. Ich darf nur ein Wort sagen ....“
— Du wirst es nicht sagen, dieses Wort, denn du kennst die Folgen davon! Glaube mir, Werner, wenn dir das Glück der Oberstin theuer ist, so laß sie den noch übrigen Theil ihres Lebens in Ruhe zubringen. Ich werde ihr nur im äußersten Falle die schreckliche Aufklärung geben, und wenn ihr Leben vergiftet wird, so bist du allein die Ursache davon. —
„Aber kurz, was wollen Sie hier? Worauf gründen Sie Ihre Hoffnung?“
— Hoffnungen habe ich nicht und kann ich nicht mehr haben, denn mein Schicksal ist unwiderruflich bestimmt. Aber ich habe noch Pflichten zu erfüllen, Befehle zu vollziehen. Früherhin hätten sie mein Herz zerrissen, das sich dagegen aufgelehnt haben würde; aber jetzt kommt es mir nicht mehr darauf an, da ich schon im Voraus in der Zukunft lesen kann; die Gefühle, denen ich früher hingegeben war, sind jetzt für mich verloren. —
„Wahrhaftig, Lodoiska, ich höre Sie sprechen, aber es ist mir unmöglich, Sie zu verstehen. Als Sie noch in Ihrem Vaterlande waren, brauchte ich nicht erst über jedes Ihrer Worte nachzudenken; aber jetzt sind sie mir so dunkel, daß ich mir vergebens den Kopf darüber zerbreche. Ich bitte Sie, drücken Sie sich deutlicher und ohne Umschweife gegen mich aus!“
Lodoiska antwortete nicht; ein triumphirendes Lächeln schwebte über ihren Lippen, während sie gleichgültig mit dem Buche spielte, welches Wilhelm, der sich beim Eintritte des Unteroffiziers entfernte, zurückgelassen hatte. Dadurch entstand ein ziemlich langes Stillschweigen, das Werner endlich zuerst brach.
„Ich sehe wohl, sagte er voller Aerger, daß es vergebens ist, Sie auf vernünftige Gedanken zu bringen. Aber, wenn Sie darauf bestehen, einen Plan auszuführen, den ich schlechterdings nicht errathen kann, so vergessen Sie wenigstens nicht, mit welcher Güte Sie im Schlosse R.... aufgenommen worden sind, und lassen Sie uns unsere Gastfreundschaft gegen Sie nicht bereuen!“
Diese Worte brachten ein flüchtiges Erröthen in den Gesichtszügen der Fremden hervor; aber sie nahmen bald ihre gewöhnliche Blässe wieder an, und Lodoiska antwortete mit großer Ruhe:
„Welchen Vorwurf über mein Betragen, sei es auch in der Folge wie es wolle, könnte mir derjenige machen, der voll Entzücken in dem Hause meines Vaters aufgenommen wurde, und zum Lohne dafür nur Verzweiflung und Tod darin zurückließ?“
Eine so kräftige Erwiderung setzte Wernern in Verlegenheit. Er fühlte die Richtigkeit dieses Vorwurfs, doch suchte er seine Verwirrung zu verbergen, indem er sagte:
„Geschehene Dinge sind nicht zu ändern; aber die Fehler der andern sind für uns keine Entschuldigung, und das Böse, was erst noch geschehen soll, kann das frühere Uebel nicht wieder gut machen.“
Lodoiska antwortete ihm nicht. Sie gab ihm nur ein Zeichen, daß sie wünsche, allein zu sein, und da Werner fürchtete, von der Oberstin hier überrascht zu werden, so entfernte er sich, aber mit dem festen Vorsatze, jeden Schritt der Feindin des Hauses, wie er sie nannte, zu belauschen.
Helene, deren Einsamkeit nur selten durch die Besuche der Nachbarn gestört wurde, hoffte durch die Gesellschaft der jungen Fremden für die Folge einigen Zeitvertreib zu haben; aber sie überzeugte sich bald, daß der Umgang mit ihr nichts weniger als angenehm sei. Ihre beständige Traurigkeit, ihr Schweigen, wenn man sie nicht fragte, ihre kurzen Antworten, und mehr als Alles, das Unbeschreibliche in ihren Gesichtszügen, waren höchst zurückstoßend für Helenen, die bald dem mehrmals ausgesprochenen Wunsche der Fremden nachgab, sie in ihrem Zimmer völlig allein zu lassen. Lodoiska verließ dasselbe nur zur Zeit der Mahlzeiten, und setzte sich schweigend an den Tisch, wo sie kaum so viel Nahrung zu sich nahm, als zur Erhaltung ihres Lebens höchst nothwendig war. Vergebens drang man in sie, mehr zu essen; sie schlug hartnäckig die besten Speisen aus, und begnügte sich mit etwas Fleisch, das sie bloß aussaugte; Nahrungsmittel aus dem Pflanzenreich waren ihr höchst zuwider. Die Ruhe, deren sie in ihrem Zimmer genoß, ward nur durch die täglichen Besuche der Kinder unterbrochen. Sie zeigte sich stets freundlich gegen dieselben, obgleich sie öfters ganz unbeschreibliche Blicke auf sie warf.
Vierzehn Tage wohnte sie bereits auf dem Schlosse, und ihr Betragen blieb immer dasselbe. Vergebens wurde sie stets von Werner belauscht; er konnte durchaus nichts Verdächtiges entdecken, obgleich er des Nachts zu allen Stunden aufstand, und im Schlosse umherschlich. Wider seinen Willen fing er daher am Ende zu glauben an, er habe sie falsch beurtheilt, und ließ auch allmählich in seiner Wachsamkeit nach.
Zu dieser Zeit fing Wilhelm zu kränkeln an, und setzte seine Mutter in die größte Unruhe. Das Kind beklagte sich eigentlich über nichts insbesondere, und dennoch sahe man die Röthe seiner Wangen schwinden, und seinen Körper immer mehr abmagern. Bald wurde er so schwach, daß er nicht mehr gehen konnte; auch das Tageslicht ward ihm zuwider; aber zu gleicher Zeit nahm seine Anhänglichkeit an die Fremde zu, die er kaum mehr verlassen wollte. Wenn man ihn mit Gewalt von seiner Freundin trennte, gerieth er in Zorn, und ganze Stunden lang brachte er in ihrem Arm liegend zu. Lodoiska sahe indessen diese Zuneigung mit Gleichgültigkeit an, obgleich sie das Kind nicht von sich entfernte, und darein willigte, daß es vorzugsweise ihrer Pflege überlassen wurde.
Helene schrieb Briefe über Briefe an ihren Mann, theilte ihm den bedenklichen Krankheitszustand ihres Sohnes mit, und bat ihn, doch endlich seiner Abwesenheit ein Ziel zu setzen. Von der Feuersbrunst und dem Aufenthalte der unglücklichen Fremden im Schlosse hatte sie ihn schon früher benachrichtigt. Lobenthal theilte in seinen Antworten Helenens Aengstlichkeit, und versprach ihr, sich sobald als möglich auf den Rückweg zu machen, da aller Anschein da sei, eine völlige Aussöhnung zwischen seiner Schwester und ihrem Gatten zu Stande zu bringen. Der Begebenheit mit der Feuersbrunst hatte er nur wenig seine Aufmerksamkeit geschenkt, und berührte sie nur im Vorübergehen, indem er das Betragen Helenens völlig billigte. Alle seine Briefe schloß er mit den heißesten Wünschen für die Genesung seines geliebten Wilhelm.
Der Himmel schien seine Wünsche nicht erhören zu wollen; die Kräfte des Kindes schwanden immer mehr, sein Athem wurde immer kürzer, und schon konnte er kaum seinen Kopf in gerader Richtung über den Schultern erhalten, auf welche er aller Anstrengungen ungeachtet immer wieder zurückfiel. Helene war außer sich. Zwar suchte ein geschickter Arzt, der täglich nach dem Schlosse kam, ihr Trost einzusprechen, allein auch dieser wußte selbst nicht, was er von der außerordentlichen Krankheit denken sollte. Das Kind behielt bei seiner großen Schwäche eine Eßlust, die mit der Krankheit immer zunahm; es beklagte sich stets über Hunger, der nur schwer zu stillen war, und dieß am meisten des Morgens, sobald er aus seinem todtenähnlichen Schlafe erwachte. Dann forderte er die kräftigsten und schwersten Nahrungsmittel, die er verschlang, als wenn er mehrere Tage lang gar nichts gegessen hätte. Um die Mutter nicht noch mehr in Angst zu setzen, that der Arzt, als wenn er gute Hoffnung habe, das Kind wieder herzustellen; aber insgeheim sahe er kein Mittel vor Augen, wie er sein Versprechen erfüllen sollte.
Lodoiska verließ ihren kleinen Freund nur selten; sie hörte die Fragen des Arztes, die Klagen der Mutter mit an, ohne sich je in das Gespräch zu mischen. Nur wenn das Kind die Arznei einnehmen sollte, wendete sie ihren Einfluß auf den kleinen Wilhelm an, der sie dann freundlich anlächelte, ihre Hand nahm, und artig zu sein versprach, wenn Lodoiska bei ihm bleiben wollte.
„Sei ruhig, mein Kind, sagte sie, und fürchte deßhalb nichts. Ich habe mich zu innig mit deinem Wesen vereinigt, als daß ich mich von dir trennen könnte, und ich werde dich nur in dem verhängnißvollen Augenblicke aufgeben, wo man Alles auf der Erde verlassen muß.“
Diese liebreichen Worte verloren für die Zuhörer allen Werth, weil sie mit der äußersten Gleichgültigkeit und Trockenheit ausgesprochen wurden. Die Fremde legte überhaupt nur selten einen Ausdruck in das, was sie sagte oder that, so daß man sie weniger für ein lebendiges Geschöpf, als für ein belebtes Automat zu halten geneigt war, das sich bloß nach dem Uhrwerk in seinem Innern auf eine stets gleichförmige Weise bewegte. So viel Kälte erregte öfters bei Helenen eine leichte Anwandlung von Zorn, die aber sogleich wieder unterdrückt wurde, wenn sie sich erinnerte, daß der Verstand dieser unglücklichen Fremden ohne Zweifel gelitten haben müsse. Auch war dieß die Ursache, warum sie nicht die Fragen an sie that, die man sonst wohl das Recht hat, an Jemanden zu richten, der in ein Haus eingeführt und aufgenommen ist. Sie wußte von Lodoiska selbst, daß deren Aufenthalt in Deutschland nicht mehr lange dauern würde, daher sie sich auch vorgenommen hatte, bis zum nächsten Frühling der Fremden die Gastfreundschaft zu gewähren.
Der gute Werner, der den kleinen Wilhelm über allen Ausdruck liebte, war über seine Krankheit ganz untröstlich. Er selbst lebte kaum nur noch zur Hälfte, da es augenscheinlich war, daß der Knabe seinem Grabe entgegenging; ja er gerieth endlich in eine Art von Verzweiflung, so daß er den Verdacht schöpfte: Wilhelm möchte wohl vergiftet sein, und Lodoiska sei die Urheberin dieses abscheulichen Verbrechens. Dieser Gedanke ließ ihm von nun an keine Ruhe mehr, und er sann auf nichts, als auf die Art, wie er seinen Verdacht entweder aufklären oder wieder vernichten könnte.