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Der Vampyr, oder

Viertes Kapitel.

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Indem Werner die Oberstin versicherte, daß die fremde Dame ihm unbekannt sei, sprach er wider seine Ueberzeugung. So auffallende Gesichtszüge konnten bei ihm unmöglich in Vergessenheit gekommen sein; er wußte, wie sehr die, welche damit geschmückt war, würdig gewesen, die zärtlichste Neigung einzuflößen, und er zitterte schon im Voraus vor einem Zusammentreffen, das für die Zukunft die schrecklichsten Stürme zu weissagen schien. Aber sollte er unter diesen Umständen die Ruhe seiner würdigen Gebieterin vergiften? War es nöthig, in ihrem Herzen die verzehrenden Flammen der Eifersucht anzuzünden? Unglücklicherweise giebt es Fälle im menschlichen Leben, wo es nothwendig ist, die Wahrheit zu verschweigen, und wo man mit der Lüge in’s Bündniß treten muß, um großen Uebeln vorzubeugen. Einer von diesen Fällen war hier eingetreten, und nur ungern opferte ihm Werner seine natürliche Wahrheitsliebe auf; er verschwieg also, was er wußte. Wie sehr wünschte er aber die Nacht herbei, wo er hoffen konnte, ruhig über diese schwierige Lage nachzudenken. Seine Klugheit sagte ihm, wie wichtig es sei, nichts von seiner innern Unruhe merken zu lassen; denn wenn sich einmal der Verdacht im Busen der Oberstin erhob, zu welchen Auftritten konnte dieß führen! Er nahm daher alle seine Kraft zusammen, und bewachte sich selbst so strenge, daß Helene in seinen Gesichtszügen nichts als die Gleichgültigkeit des gewöhnlichen Lebens wahrnehmen konnte.

Als Werner endlich nach eilf Uhr in seinem Zimmer allein war, eilte er zu seinem Schreibtische, und schrieb an seinen Herrn, was hier vorgegangen war.

„Wie groß wird Ihr Erstaunen sein, Herr Oberst, wenn Sie erfahren, daß Lodoiska jetzt hier in R.... wohnt, und die nächste Nachbarin des Schlosses ist. Was will sie hier, jetzt, nach Verlauf so vieler Jahre? was hegt sie für Absichten? Diese Fragen kann ich Ihnen nicht beantworten. Sie hat mich nicht erkannt, wenigstens ließ sie nicht das geringste Zeichen entschlüpfen, woraus ich es hätte schließen können. Lassen Sie mir jetzt Ihre Befehle zukommen, und ich werde sie ohne Verzug ausführen. Wollen Sie sie wiedersehen, und sich eine Zusammenkunft mit ihr verschaffen, um ihre Absichten kennen zu lernen? Oder ziehen Sie es vor, daß die Frau Oberstin und Ihre Kinder diese Gegend hier augenblicklich verlassen? Dieß würde vielleicht der beste Weg sein, den Sie einschlagen könnten. Sie werden nie glücklich, noch ruhig sein, so lange diese Lodoiska lebt, oder wenigstens, so lange dieselbe Sie mit ihrer Gegenwart und ihren Vorwürfen verfolgt.“ —

Indem Werner diese letzten Worte niedergeschrieben hatte, erbebte er unwillkührlich; denn es schien ihm, als wenn er hinter sich das Geräusch eines Gewandes hörte, und den Athem einer Person fühlte, die sich über ihn her beugte, um zu lesen, was er geschrieben. Die Täuschung war so vollkommen, daß er nicht daran zweifelte, die Oberstin sei dicht hinter ihm, und voller Schrecken hierüber, wagte er anfangs nicht, die Augen aufzuschlagen, noch den Kopf umzuwenden; da indessen nach Verlauf von einer Minute sich noch immer kein neues Geräusch hören ließ, so blickte er um sich, und überzeugte sich nun, daß er sich geirrt habe. Kein lebendiges Wesen war in seinem Zimmer zu sehen, die tiefste Stille herrschte überall, nur dann und wann von dem Geschrei einer einsamen Eule unterbrochen, die in dem alten Thurme des Schlosses nistete.

Diese Gewißheit, daß die Oberstin seinen Brief nicht gelesen habe, verursachte ihm die größte Freude, und nachdem er sein Zimmer fest verschlossen hatte, suchte er sich einem erquickenden Schlafe zu überlassen; es gelang ihm aber nicht. Die geheimnißvolle Lodoiska kam ihm nicht aus den Gedanken, und in seinem Zorne gegen sie fluchte er laut, als wenn er eine Abtheilung Rekruten zu exerziren hätte. Erst sehr spät schlossen sich endlich seine Augen, und der Mensch in ihm lebte nur noch durch seine nächtlichen Beziehungen mit den himmlischen Geistern fort. Gewöhnlich kam Werner sonst dem Erwachen der Morgenröthe zuvor; dießmal aber stand die Sonne schon über den umliegenden Hügeln, als der alte Unteroffizier plötzlich aus dem Schlafe aufschreckte, und über die Art von Bewußtlosigkeit, in der er gewesen zu sein sich erinnerte, erstaunte. Ohne Zweifel hatten die Arbeiter auf dem Felde schon angefangen, und er war dabei nicht zugegen gewesen. Voller Scham über diesen Fehler zog er sich schnell an und eilte hinunter in den Hof; hier erinnerte er sich aber, daß er den wichtigen Brief an seinen Herrn auf dem Schreibtische vergessen habe, und da die Klugheit ihm rieth, denselben nicht vor Jedermanns Augen umher liegen zu lassen, so kehrte er um, ihn zu sich zu stecken, und ihn nachher dem täglich nach der Stadt gehenden Boten zur Bestellung auf der Post zu übergeben.

Der Brief befand sich nicht mehr an dem Orte, wo Werner ihn hatte liegen lassen, sondern er sahe ihn, in tausend Stücke zerrissen, auf dem Fußboden umhergestreut. Dieser eben so sehr überraschende, als verdächtige Anblick entriß Wernern einen lauten Ausruf, und versetzte ihn dann in ein peinliches Nachdenken. Wer konnte das Schreiben zerrissen haben? Wer war während so weniger Augenblicke in seinem Zimmer gewesen, um dort so unverschämt zu handeln? Sollte es die Oberstin, oder Lisette, oder das Hausmädchen gewesen sein? Nur diese drei Personen konnten um diese Zeit schon aufgestanden sein. Er erinnerte sich, daß er das letztere auf dem Hofe gesehen habe; auch erblickte er Lisetten durch das Fenster in der Küche mit ihren Arbeiten beschäftigt, und die Oberstin schien noch nicht aufgestanden zu sein, wie die geschlossenen Fensterladen ihres Zimmers zeigten. Kurz, er wußte nicht, was er von diesem außerordentlichen Vorfalle denken sollte; und er gewann es nicht über sich, den Brief sogleich von Neuem zu schreiben, sondern sammelte nur sorgfältig die Stücke vom Fußboden auf, um sie in’s Feuer zu werfen.

Den ganzen Tag über befand sich Werner in einer äußerst peinlichen Stimmung. Obgleich er überzeugt war, daß die Oberstin sein Zimmer nicht so sehr verletzt habe, so fühlte er doch eine große Verlegenheit, als er heute zum ersten Male in ihre Nähe kam. Er suchte sich zu zwingen, und in den Gesichtszügen Helenens zu lesen; aber diese waren so ruhig, daß sie unmöglich eine so unerwartete Entdeckung, wie die Lesung des Briefes ihr gewähren mußte, gemacht haben konnte. Werners Erstaunen ward nun immer größer, und er verlor sich vergebens in allerhand Vermuthungen; höchst unangenehm aber war es ihm, als die Kinder ihn baten, sie wieder, wie gestern, nach dem Walde spazieren zu führen, weil sie hofften, ihre neue Freundin, wie sie sagten, wieder zu sehen.

Gern hätte Werner es ihnen abgeschlagen; aber die Oberstin war zugegen, und ehe er noch ein Wort sprechen konnte, hatte sie schon ihre Einwilligung gegeben. Die Klugheit gebot ihm, von seinen wahren Gedanken nichts merken zu lassen, um bei der Gemahlin seines Obersten weder Argwohn noch Furcht zu erregen, und mit zurückgehaltenem Unwillen stieg er langsam den Hügel hinab, nach dem Orte zu, wie seine jungen Begleiter wünschten.

Kaum befanden sie sich am Saume des Waldes, so trat Lodoiska plötzlich aus dem Gebüsch hervor, in ihren Händen ein paar Federbälle und eine schöne Puppe, die sie den Kindern bestimmt hatte. Sobald diese ihre neue Freundin erblickten, liefen sie auf sie zu, und Julie war so dreist, sich gerade zu in ihre Arme zu werfen. Diese unschuldige Handlung schien die Fremde tief zu bewegen; sie trat einen Schritt zurück, und warf einen so finstern, unheimlichen Blick auf das Kind, daß der muthige Werner darüber erstarrte. Allein diese anfängliche Bewegung dauerte nicht lange; ein leichtes Lächeln überflog die Gesichtszüge der Fremden, und mit der größten Liebenswürdigkeit vertheilte sie die mitgebrachten Geschenke.

Wilhelm, entzückt über die Federbälle, lief sogleich nach der nahen Wiese, um sie zu versuchen, und Julie, ganz glücklich bei dem Anblick ihrer Puppe, bat um Erlaubniß, Blumen pflücken zu dürfen, um ihre kleine Dame damit zu schmücken. Die Fremde hatte nichts dagegen, und als sie die Kinder mit ihren Spielen in voller Beschäftigung sahe, näherte sie sich dem alten Unteroffizier, der in tiefem Sinnen an einen Baum gelehnt stand, und über die Vergangenheit nachdachte. Er fürchtete, daß neue Unfälle die Ruhe seines Obersten stören möchten; er war höchst unzufrieden, aber er wußte nicht, wie er dem drohenden Ungewitter zuvorkommen sollte.

Werner war so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß er die Annäherung der Dame nicht gehört hatte, als er plötzlich aus seinem Nachdenken durch eine ihm wohlbekannte Stimme geweckt ward, die aber in diesem Augenblick etwas Dumpfes und Feierliches hatte, so daß er sich davon bis in’s Innerste ergriffen fühlte.

„Nun Werner, redete sie ihn an, was habe ich dir gethan, daß du mir stets entgegen bist? Wird deine ungerechte Abneigung gegen mich nicht endlich einmal aufhören?“

Auf’s Aeußerste überrascht durch diese Worte, schlug der Soldat die Augen auf, entfernte sich von dem Baume, an den er sich gelehnt hatte, und schien wenig geneigt zur Antwort zu sein. Doch überwand er sich, und sagte:

„Was wollen Sie von mir, Lodoiska? Warum haben Sie Ihr Vaterland verlassen? Was suchen Sie hier in Deutschland? Hat denn die Zeit keinen Einfluß auf Sie? Denken Sie noch eben so, wie in den Jahren Ihrer Jugend? Dann bedaure ich Sie, oder vielmehr ich beklage Ihren Wahnsinn.“

— Die Zeit, antwortete die Fremde in dem feierlichsten Tone, vermag jetzt nichts mehr über mich; es giebt ein Leben, wo ihre Macht völlig aufhört, und wo die Empfindungen unveränderlich werden, wie die Ewigkeit, von welcher sie ein Theil sind. Wundere dich nicht über meine Gegenwart, denn nicht mein Wille ist es, der mich leitet; ich gehöre mir selbst nicht mehr an, sondern einem grausamen, gebieterischen Herrn, der mir jeden meiner Schritte vorzeichnet. Meine alte Wunde blutet noch, und die Zeit, wie du sie nennst, hat das Recht verloren, sie zu vernarben. —

„Warum aber, erwiederte Werner, sich mit unnützen Hoffnungen quälen? Zwischen Ihnen und dem Obersten ist Alles vorbei. Er hat vielleicht Unrecht gegen Sie begangen, aber er darf daran nicht mehr denken. Schon seit mehrern Jahren ist er der Gatte einer Frau, die seine Zärtlichkeit verdient. Wollen Sie die Ruhe in seinem Hause stören? Treibt die Rache Sie so weit, daß Sie das Herz seiner Gemahlin zerreißen können?“

— Durfte er sich verheiraten, Werner? Gehörte dein Herr sich allein an, um sich frei hinzugeben? Hat er nicht mit seinem eigenen Blute das Versprechen unterschrieben, nur mit mir vor den Altar zu treten? Weißt du dieß Alles nicht, du, der du so dreist von der Vergangenheit sprichst, die den Treulosen vernichten wird? War ich weniger schön, als deine jetzige Gebieterin, oder weniger tugendhaft? Was hatte ich Unrechtes gethan? Etwa, weil ich Liebe für Liebe gab, und mich einem Gefühle gänzlich überließ, das ich für aufrichtig hielt? Habe ich mein Versprechen zurückgenommen, das ich ebenfalls mit meinem Blute unterschrieb? Ist es nicht noch in Alfred’s Händen, und kann er vor Gott der rechtmäßige Gatte einer Andern sein? Was habe ich Unrechtes gethan? Er kann mir keine Vorwürfe machen, während ich ihn durch die Menge der meinigen zu Boden zu schlagen im Stande bin! —

Während die schöne Fremde so sprach, schien sie der Erde gar nicht mehr anzugehören; ihre hohe und schlanke Gestalt, der unstät umherschweifende Blick, die in ihren Gesichtszügen bemerkbaren Zeichen des Unwillens, welche ihrem Munde einen furchtbaren Ausdruck gaben, alles Dieses zusammen gab ihr das Ansehen eines überirdischen Wesens. Werner war nicht im Stande, den Blick ihres forschenden Auges auszuhalten, das seine Gedanken bis in die innersten Falten seines Herzens zu verfolgen schien. Insgeheim mußte er zugeben, daß sein Herr Unrecht gethan; aber es war auf keine Weise wieder gut zu machen, und Lodoiska mußte, ungeachtet der Gerechtigkeit ihrer Ansprüche, darauf Verzicht leisten. Dieß suchte er ihr in seiner Antwort begreiflich zu machen.

Die Fremde hörte ihm mit einem verächtlichen Lächeln zu, ohne weder Erstaunen noch Unzufriedenheit blicken zu lassen. Schon schmeichelte er sich, sie überzeugt zu haben, und wollte nun seine Ueberredung vollenden, als sie ihn plötzlich dadurch unterbrach, daß sie ihm ihre rechte Hand auf seine Schulter legte. Diese mit einer Art von Nachlässigkeit gemachte Bewegung brachte nichts desto weniger in ihm eine außerordentliche Wirkung hervor. Er hatte an dem Orte der Schulter, welchen Lodoiska’s Hand berührte, ein ganz seltsames Gefühl, und es schien ihm, als wenn er mitten aus einem glühenden Ofen in ein Meer von Eis geschleudert würde; dieses Gefühl verlor sich aber sogleich wieder, sobald die Hand zurückgezogen wurde, die es hervorgebracht hatte.

„Habe ich ihn seines Versprechens entbunden? sagte Lodoiska ruhig, ohne auf die Gründe zu antworten, die ihr Werner so eben auseinandergesetzt. Hat er unsern schriftlichen Vertrag noch?“

— Gleichviel, ob er ihn noch hat oder nicht, es kann jetzt doch nichts mehr darauf ankommen; mag er in seinen Händen sein, oder in den Ihrigen, wozu könnte er noch dienen? Die Gerichte werden gar keine Rücksicht darauf nehmen. —

„Es ist möglich, leichtsinniger Soldat, daß die menschlichen Gesetze gegen diese Art von Meineid nichts vermögen; aber es giebt in jener Welt einen unbestechlichen Richter. Dieser war Zeuge jenes Versprechens, an ihn habe ich mich gewendet, um Gerechtigkeit zu erlangen, und ich bin gewiß, sie zu erhalten.“

— Wahrlich, Lodoiska, erwiederte Werner lächelnd, da könnten Sie lange warten, ehe das Urtheil, wovon Sie sprechen, in Vollziehung gesetzt wird. Glauben Sie mir, das Beste für Sie ist, wenn Sie in Ihr Vaterland zurückkehren, und dort ruhig bei Ihrer Familie bleiben. Sein Sie überzeugt, daß der Oberst nicht anstehen wird, Ihnen ruhige und sorgenlose Zukunft durch ein anständiges Jahrgehalt zu sichern. —

„Das steht nicht mehr in seiner Macht, antwortete die Fremde in einem noch feierlichern Tone als bisher; ich habe keine Familie mehr, die ganze Erde ist mein Vaterland, und was die Vortheile betrifft, die du mir in Alfred’s Namen versprichst, so bedarf ich ihrer nicht. Das Geld ist in meinen Augen verächtlich, und ich besitze es im Ueberfluß. Wenn du dich anheischig machen willst, deinem Herrn meine Gegenwart hierselbst nicht zu melden, so verspreche ich dir mehr Reichthümer, als du dir wünschen kannst. Hier, fuhr sie fort, eine sehr große gefüllte Geldbörse hervorziehend, nimm dieß auf Abschlag dessen, was du noch in Zukunft von mir erhalten sollst.“

Die seltsamen Worte Lodoiska’s machten das Erstaunen des alten Soldaten vollkommen. Er wußte, daß sie, die Tochter eines moldauischen Bauers, nicht reich war, und jetzt gab sie ihm den Beweis des Gegentheils. Dieß trug aber nicht zu seiner Beruhigung bei, doch durfte die Fremde sich nicht schmeicheln, ihn zu verführen.

„Auch ich, Lodoiska, sagte Werner, bin über meine Bedürfnisse erhaben, und ich danke Ihnen für Ihr großmüthiges Anerbieten; es könnte mich nicht reizen, wenn ich auch die Absicht hätte, dem Obersten zu schreiben, daß Sie hier sind.“

— Lügner! antwortete Lodoiska lebhaft, du hast sie, diese Absicht, und du hast schon versucht, sie auszuführen. —

Diese zuversichtliche Behauptung, die ihm zugefügte Beleidigung, die eine männliche Person mit ihrem Blute würde haben bezahlen müssen, versetzte den erstaunten Werner fast in einen Zustand des Erstarrens. Er wußte nicht, ob er seinem Zorn den Lauf lassen, oder ihn zu unterdrücken suchen sollte; doch riß ihn die Heftigkeit seines Charakters mit fort, und er rief voller Unwillen:

„Danken Sie es Ihrer weiblichen Kleidung, die Sie vor meiner augenblicklichen Rache schützt! Aber was für einen Titel verdienen Sie, unvorsichtiges Weib, da Sie nicht fürchten, sich heimlich in fremde Häuser einzuschleichen, und die Handlungen ihrer Bewohner zu belauschen? Sie stehen früh genug auf, wie es scheint; aber sein Sie überzeugt, Sie sollen so bald nicht wieder, ohne mein Wissen, ins Schloß eindringen.“

Ein Lächeln, dessen Bedeutung unbegreiflich schien, war Lodoiska’s ganze Antwort. Dann aber nahm sie eine Miene von Würde an, und sagte:

„Bedenke, Werner, daß du thätigen Antheil an meinem Unglück genommen hast; ich warne dich jetzt, nicht blind in den Abgrund des Verderbens zu rennen. Glaube mir, es wird am besten für dich sein, unparteiisch bei dem Kampfe zu bleiben, der sich bald erheben kann; dieß ist das einzige Mittel für dich, dem nahen Ungewitter zu entgehen.“

Bei diesen Worten sprühten ihre Augen gleichsam Feuer, und nach einer fürchterlich drohenden Geberde entfernte sie sich mit schnellen Schritten auf einen schmalen Fußsteig, der sie bald den Blicken entzog. Sie hörte nicht auf die Stimmen der beiden Kinder, die, ihrer Spiele müde, sich jetzt näherten, um mit ihr zu plaudern. Werner stand wie unbeweglich da, und war in tiefes Nachdenken über die Unglücksfälle versunken, die er schon mit Gewißheit vorhersah. Endlich weckte ihn Wilhelm aus seiner Träumerei.

„Hörst du den Donner nicht, Werner, der dort aus der schwarzen Wolke herüberrollt? Sieh doch, welche schöne Blitze! Es wird gewiß ein Gewitter geben.“

— Ein Gewitter! rief Werner aus. Sollte ihre Prophezeihung schon so schnell in Erfüllung gehen? — Er erblickte nun ebenfalls die heranziehenden schwarzen Wolken, aus denen häufige Blitze fuhren, und da die Vorsicht nicht erlaubte, den Spaziergang noch weiter fortzusetzen, so nahm er seine beiden jungen Freunde an die Hand, und kehrte auf dem kürzesten Wege nach dem Schlosse zurück.

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