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Der Tunnel

Vierter Teil

Reading edition

1.

Mac Allan stand wie ein geißelschwingendes Phantom über der Erde und peitschte zur Arbeit an.

Die ganze Welt verfolgte voller Spannung das atemlose Rasen unter dem Meeresboden. Die Zeitungen hatten eine stehende Rubrik eingeführt, auf die sich alle Augen zuerst richteten, wie auf die Nachrichten von einem Kriegschauplatz.

In den ersten Wochen des siebten Baujahres aber wurde Allan vom Geschick eingeholt. In den amerikanischen Stollen ereignete sich die große Oktoberkatastrophe, die sein Werk ernstlich gefährdete.

Kleinere Unglücksfälle und Störungen waren alltäglich. Es wurden Arbeiter von niederbrechendem Gestein verschüttet, beim Sprengen in Stücke gerissen, von Zügen zermalmt. Der Tod war im Tunnel zu Hause und holte sich die Tunnelmänner ohne viele Umstände heraus. In allen Stollen waren wiederholt große Mengen Wasser eingebrochen, die die Pumpen nur mit Mühe bewältigen konnten, und Tausende von Menschen liefen Gefahr zu ertrinken. Diese Tapferen standen zuweilen bis an die Brust im Wasser. Und oft waren diese einbrechenden Wasser kochend heiß und dampften wie Geiser. Allerdings ließen sich große Wassermengen in den meisten Fällen vorherbestimmen, so daß man seine Maßnahmen treffen konnte. Mit besonders konstruierten Apparaten, den Sendeapparaten der drahtlosen Telegraphie ähnlich, wurden nach einem von Doktor Lövy, Göttingen, zuerst angeregten Verfahren elektrische Wellen in den Berg gesandt, die, sobald Wassermengen (oder Erzlager) vorhanden waren, reflektiert wurden und mit den ausgesandten Wellen in Interferenz traten. Wiederholt waren die Bohrmaschinen verschüttet worden und bei diesen Unfällen ging es nicht ohne Tote ab. Denn wer in der letzten Sekunde nicht flüchten konnte, wurde zermalmt. Kohlenoxydvergiftung, Anämie waren alltägliche Erscheinungen. Der Tunnel hatte sogar eine neue Krankheit hervorgerufen, ähnlich jener, die man bei den Arbeitern in den Caissons beobachtet, der Caissonkrankheit; sie wurde im Volk „the bends“, die „Beuge“, genannt. Allan hatte am Meer ein eigenes Erholungsheim für diese merkwürdigen Kranken eingerichtet.

Alles in allem aber hatte der Tunnel in sechs Jahren nicht mehr Opfer gefordert als andere technische Großbetriebe. In Summa 1713 Menschenleben, eine verhältnismäßig niedrige Ziffer.

Der zehnte Oktober des siebten Baujahrs aber war Allans schwarzer Tag ...

Allan pflegte alljährlich im Oktober eine Generalinspektion der amerikanischen Baustelle vorzunehmen, die mehrere Tage in Anspruch nahm. Bei den Ingenieuren und Beamten hieß sie das „jüngste Gericht“. Am 4. Oktober inspizierte er die „City“. Er besuchte die Arbeiterhäuser, Schlachthäuser, Bäder und Hospitäler. Er kam auch in Mauds Rekonvaleszentenheim, und Maud war den ganzen Tag über in Aufregung und wurde purpurrot über das Kompliment, das er ihrer Leitung machte. Er besuchte in den nächsten Tagen die Bürogebäude, Materialbahnhöfe und Maschinenhallen, in denen in endloser Reise die Dynamos schwangen und knisterten, die Expreß- und Drillingspumpen, Grubenventilatoren und Kompressoren arbeiteten.

Am nächsten Tag fuhr er mit Hobby, Harriman und Ingenieur Bärmann in den Tunnel.

Die Tunnelinspektion dauerte mehrere Tage, denn Allan kontrollierte jede Station, jede Maschine, jede Weiche, jeden Querschlag, jedes Depot. Sobald sie an einer Stelle fertig waren, stoppten sie durch Signale einen Zug ab, schwangen sich auf einen Waggon und fuhren ein Stück weiter.

Die Stollen waren dunkel wie Keller. Zuweilen huschten Lichtschwärme vorbei: Eisengerüste, Menschenleiber, die in den Gerüsten hingen; eine rote Lampe blendete, die Glocke des Zuges gellte und Schatten flüchteten zur Seite.

Die dunkeln Stollen rauschten von den Zügen, die dahinflogen. Sie knackten und krachten, gellende Schreie flatterten in der fernen Finsternis. Es heulte irgendwo wie Wölfe, es blies und schnob wie ein Nilpferd, das auftaucht, dann hörte man mächtige, rauhe Stimmen von Zyklopen wütend streiten und man glaubte selbst einzelne Worte deutlich zu verstehen. Ein Gelächter kollerte durch die Stollen und schließlich vereinigten sich all diese sonderbaren und unheimlichen Laute, der Tunnel mahlte, rauschte, gröhlte und ganz plötzlich fuhr der Zug in ein Donnerwetter von Gellen und Getöse hinein, daß man sein eigenes Wort nicht mehr vernahm. Vierzig Kilometer hinter der Bohrmaschine dröhnte der Tunnel wie ein riesiges Widderhorn, in das die Hölle stieß. Hier gleißten die Arbeitsstätten von Licht und Scheinwerfern wie weißglühende Schmelzöfen.

Die Nachricht, daß Allan im Tunnel war, hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Wo er hinkam — unkenntlich von Staub und Schmutz und doch sofort erkannt — begannen die Rotten „das Lied vom Mac“ zu singen:

„Three cheers and a tiger for him! Nehmt die Kappe ab vor Mac, Mac ist unser Mann! Mac ist ein Bursche, der alles kann, God damn you, yes, solch ein Kerl ist Mac, Three cheers and a tiger for Mac!“

Auf den Gesteintransporten saßen die abgelösten Mannschaften und die Züge ließen in dem Rollen und Grollen des Stollens ein Echo von Gesang zurück.

Mac war populär und — soweit es der fanatische Haß zwischen Arbeiter und Kapital zuließ — bei seinen Leuten beliebt. Er war einer wie sie, aus ihrem Stoffe, wenn auch von hundertfältiger Kraft.

„Mac —!“ sagten sie, „ja, Mac ist ein Bursche —!“ Das war alles, aber es war das höchste Lob.

Besonders seine „Sonntagsaudienzen“ hatten viel zu seiner Popularität beigetragen. Auch über sie gab es ein Lied, das diesen Inhalt hatte: „Schreibe eine Zeile an Mac, wenn du Sorgen hast. Er ist gerecht und einer von uns. Besser noch, geh zur Sonntagsaudienz. Ich kenne ihn, er wird dich nicht fortschicken, ohne dich gehört zu haben. Er versteht das Herz des Arbeiters.“

Im „Fegfeuer“ prasselten und surrten die elektrischen Nietmaschinen, wie Propeller bei Vollgas, das Eisen dröhnte. Auch hier sangen die Leute. Das Weiße der Augen blinkte aus den schmutzigen Gesichtern, die Mäuler öffneten sich gleichmäßig, aber man hörte keinen Ton.

Die letzten dreißig Kilometer des vorgeschobenen Südstollens mußten sie fast ganz zu Fuß zurücklegen oder auf langsam rollenden Materialzügen. Hier war der Stollen ein Wald roher Pfosten, ein Gerüst von Balken, erschüttert von einem unfaßbaren Getöse, dessen Wucht man immer wieder vergaß und stets neu erlebte. Die Hitze (48° C.) zerriß Pfosten und Balken, trotzdem sie häufig mit Wasser bespritzt wurden und die Wetterführung unaufhörlich frischen, gekühlten Wind hereinschleuderte. Die Luft war schlecht, verbraucht, eine elende Grubenluft.

In einem kleinen Querschlag lag ein ölbeschmutzter halbnackter Leichnam. Ein Monteur, den der Herzschlag getroffen hatte. Umtobt von Arbeit lag er da und eilige Füße stiegen über ihn hinweg. Nicht einmal seine Augen hatte man geschlossen.

Dann kamen sie in die „Hölle“. Mitten in den heulenden Staubwirbeln stand ein kleiner, erdfahler Japaner, bewegungslos wie eine Statue, und gab die optischen Befehle. Bald rot, bald weiß, blendete der Lichtkegel seines Reflektors und zuweilen schoß er einen grasgrünen Lichtstrahl in eine Rotte wühlender Menschen hinein, so daß sie wie Leichen, die noch schufteten, aussahen.

Hier beachtete sie niemand. Kein Gruß, kein Gesang, völlig erschöpfte Menschen, die halb bewußtlos rasten. Vielmehr mußten sie hier auf die andern achten, um nicht von einem Pfosten, den keuchende Männer übers Geröll schleppten oder von einem Steinblock, den sechs Paar nervige, zerschundene Arme auf einen Karren schwangen, niedergeschlagen zu werden.

Der Stollen lag hier schon sehr tief, viertausendvierhundert Meter unter dem Meeresspiegel. Die glühende Atmosphäre, von Staubsplittern erfüllt, riß die Luftwege wund. Hobby gähnte unaufhörlich aus Lufthunger und Harrimans Augen traten aus seinem roten Gesicht hervor, als ersticke er. Allans Lungen aber waren an sauerstoffarme Luft gewöhnt. Die donnernde Arbeit, die hin- und herstürzenden Menschenhaufen machten ihn lebendig. Unwillkürlich bekamen seine Augen einen herrischen und triumphierenden Ausdruck. Er ging aus seiner Ruhe und Schweigsamkeit heraus, glitt hin und her, schrie, gestikulierte und sein muskulöser Rücken glänzte von Schweiß.

Harriman kroch mit einer Gesteinsprobe in der Hand zu Allan und hielt sie ihm vor die Augen. Dann legte er die Hände vor den Mund und heulte in Allans Ohr: „Das ist das unbekannte Erz!“

„Erz?“ tutete Allan auf dieselbe Art zurück. Es war ein rostbraunes, amorphes Gestein, das sich leicht brechen ließ. Geologisch die erste Entdeckung während des Tunnelbaus. Das unbekannte Erz, das den Namen Submarinium erhalten hatte, war stark radiumhaltig und die Smelting and Refining Co. erwartete jeden Tag, daß man auf große Lager stoßen würde. Harriman heulte das Allan ins Ohr.

Allan lachte: „Das könnte ihnen passen!“

Aus der Bohrmaschine schlüpfte ein rothaariger Mensch von ungeheurem Knochenbau, mit langen Gorillaarmen. Eine Säule von Dreck und Öl, grauen Staubbrei auf den schläfrigen Augendeckeln. Er sah wie ein Gesteinschlepper aus, war aber einer der ersten Ingenieure Allans, ein Irländer namens O’Niel. Sein rechter Arm blutete und das Blut vermischte sich mit dem Schmutz zu einer schwarzen Masse, wie Wagenschmiere. Er spie unausgesetzt Staub aus und nieste. Ein Arbeiter überspritzte ihn mit Wasser, wie man einen Elefanten duscht. O’Niel drehte und bückte sich im Wasserstrahl, vollkommen nackt, und kam triefend zu Allan heran.

Allan gab ihm die Hand und deutete auf seinen Arm.

Der Irländer schüttelte den Kopf und strich mit den großen Händen das Wasser aus den Haaren.

„Der Gneis wird grauer und grauer!“ tutete er Allan ins Ohr. „Grauer und härter. Der rote Gneis ist ein Kinderspiel dagegen. Wir müssen jede Stunde neue Kronen auf die Bohrer setzen. Und die Hitze, pfui Teufel!“

„Wir gehen bald wieder in die Höhe!“

O’Niel grinste. „In drei Jahren!“ heulte er.

„Habt ihr kein Wasser voraus?“

„Nein.“

Plötzlich wurden sie alle grün und gespenstisch fahl: der Japaner hatte seinen Lichtkegel auf sie gerichtet.

O’Niel schob Allan ohne weiteres zur Seite, die Bohrmaschine kam zurück.

Allan wartete drei Ablösungen ab, dann kletterte er auf einen Gesteinszug und fuhr mit Harriman und Hobby zurück. Sie schliefen augenblicklich erschöpft ein, aber Allan empfand, obschon er schlief, noch lange Zeit jede Störung, der der Zug auf seiner vierhundert Kilometer langen Reise nach oben begegnete. Die Bremsen schlugen an, die Waggons stießen zusammen, daß Steine auf die Geleise rollten. Gestalten kletterten herauf, Rufe, ein rotes Licht blendete. Der Zug schleppte sich über eine Weiche und hielt lange Zeit. Allan erwachte halb und sah dunkle Gestalten, die über ihn stiegen.

„Das ist Mac, tritt nicht auf ihn.“

Der Zug fuhr, hielt, fuhr wieder. Plötzlich aber begann er zu rasen und es schien Allan, als flögen sie dahin und er fiel in einen tiefen Schlaf.

Er erwachte, als das grelle, grausame Licht des Tages wie ein gleißendes Messer nach seinen Augen stieß.

Der Zug hielt vor dem Stationsgebäude und Mac City atmete auf: Das „jüngste Gericht“ war vorüber und es war glimpflich abgelaufen.

Die Ingenieure gingen in den Baderaum. Hobby lag wie schlafend in seinem Bassin und rauchte eine Zigarette. Harriman dagegen plusterte und zischte wie ein Nilpferd.

„Kommst du mit zum Frühstück, Hobby?“ fragte Allan. „Maud wird schon wach sein. Es ist sieben Uhr.“

„Ich muß schlafen,“ erwiderte Hobby mit der Zigarette im Mund. „Heute nacht muß ich wieder hinein. Aber ich komme bestimmt zum Abendessen.“

„Schade, dann bin ich nicht hier.“

„New York?“

„Nein, Buffalo. Wir probieren einen neuen Bohrertyp, den der fette Müller erfunden hat.“ Hobby interessierte sich nicht sehr für Bohrer und so sprang er auf den fetten Müller über. Er lachte leise. „Pendleton hat mir gestern aus Azora geschrieben, Mac,“ sagte er schläfrig, „dieser Müller soll ja schrecklich saufen!“

„Diese Deutschen saufen ja alle wie die Stiere,“ warf Allan ein und behandelte seine Füße mit der Bürste.

„Pendleton schreibt, er gibt Gartenfeste und säuft alle unter den Tisch.“

In diesem Augenblick ging der kleine Japaner an ihnen vorbei, geschniegelt und gebügelt; er hatte schon die zweite Schicht hinter sich. Er grüßte höflich.

Hobby öffnete ein Auge. „Good morning, Jap!“ rief er.

„Das ist ein tüchtiger Kerl!“ sagte Allan, als der Japaner die Türe hinter sich zuzog.

Vierundzwanzig Stunden später war der tüchtige Kerl schon längst tot.

2.

Am nächsten Morgen, einige Minuten vor vier Uhr, ereignete sich die Katastrophe.

Der Ort, an dem die Bohrmaschine des vorgetriebenen Südstollens an diesem unglückseligen 10. Oktober den Berg zermalmte, war genau vierhundertundzwanzig Kilometer von der Mündung des Tunnels entfernt. Dreißig Kilometer dahinter arbeitete die Maschine des Parallelstollens.

Der Berg war soeben geschossen worden. Der Scheinwerfer, mit dem der kleine Japaner von gestern die Befehle erteilte, blendete kreideweiß in das rollende Gestein und die Rotte halbnackter Menschen, die den rauchenden Schuttberg emporjagte. In diesem Augenblick streckte einer die Arme empor, ein zweiter stürzte hintenüber, ein dritter versank urplötzlich. Der rauchende Schuttberg rollte rasend schnell vorwärts, Leiber, Köpfe, Arme und Beine verschlingend wie eine wirbelnde Lawine. Der tobende Lärm der Arbeit wurde verschlungen von einem dumpfen Brummen, so ungeheuer, daß das menschliche Ohr es kaum noch aufnahm. Ein Druck umklammerte den Kopf, daß die Trommelfelle zerrissen. Der kleine Japaner versank plötzlich. Es wurde schwarze Nacht. Niemand von all den „Höllenmännern“ hatte mehr gesehen als einen taumelnden Menschen, einen verzerrten Mund, einen sinkenden Pfosten. Niemand hatte etwas gehört. Die Bohrmaschine, dieses Panzerschiff aus Stahl, das die Kraft von zwei Schnellzugslokomotiven vorwärts bewegte, wurde wie eine Wellblechbaracke aus den Schienen gehoben, gegen die Wand geschleudert und zerdrückt. Die Menschenleiber flogen in einem Hagel von Felsblöcken wie Projektile durch die Luft, die eisernen Gesteinskarren wurden weggefegt, zerfetzt, zu Klumpen geballt; der Wald aus Pfosten krachte zusammen und begrub mit dem niedergehenden Gestein alles unter sich, was lebte.

Das geschah in einer einzigen Sekunde. Einen Augenblick später war es totenstill und das Dröhnen der Explosion donnerte in der Ferne.

Die Explosion richtete auf eine Entfernung von fünfundzwanzig Kilometern Verwüstungen an und der Tunnel brüllte achtzig Kilometer weit auf — als donnere der Ozean in die Stollen. Hinter dem Gebrüll aber, das wie eine große eherne Kugel in die Ferne rollte, kam die Stille, eine fürchterliche Stille — dann Staubwolken — und hinter dem Staub Rauch: der Tunnel brannte!

Aus dem Rauch kamen Züge gerast, mit Trauben von entsetzten Menschen behangen, dann kamen unkenntliche Gespenster zu Fuß angestürzt, in der Finsternis, und dann kam nichts mehr.

Die Katastrophe trat unglücklicherweise gerade bei Schichtwechsel ein und in den letzten zwei Kilometern waren rund zweitausendfünfhundert Menschen zusammengedrängt. Mehr als die Hälfte war in einer Sekunde zerschmettert, zerfetzt, erschlagen, verschüttet und niemand hatte einen Schrei gehört.

Dann aber — als das Dröhnen der Explosion in der Ferne verhallte — wurde die Totenstille des nachtschwarzen Stollens von verzweifelten Schreien zerrissen, von lautem Jammern, von wahnsinnigem Gelächter, von hohen winselnden Tönen des letzten Schmerzes, von Hilferufen, Verwünschungen, Röcheln und tierischem Gebrüll. An allen Ecken begann es zu wühlen und sich zu regen. Geröll rieselte, Bretter splitterten, es rutschte, glitt, knirschte. Die Finsternis war entsetzlich. Der Staub sank wie dicker Aschenregen herab. Ein Balken schob sich zur Seite und ein Mensch kroch keuchend aus einem Loch heraus, nieste und kauerte betäubt auf dem Schutthaufen.

„Wo seid ihr?!“ schrie er, „In Gottes Namen!!“ Fortwährend schrie er dasselbe und nichts antwortete ihm als wilde Schreie und tierisches Stöhnen. Der Mensch aber brüllte lauter und lauter vor Entsetzen und Schmerzen und seine Stimme klang immer schriller und irrsinniger.

Plötzlich aber schwieg er still. In der Finsternis flackerte ein Feuerschein. Eine Flamme leckte aus der Spalte eines hausähnlichen Trümmerhaufens und plötzlich schoß eine schwelende Feuergarbe empor. Der Mensch, ein Neger, stieß einen Schrei aus, der in ein entsetztes Röcheln überging: denn — Gott sei mir gnädig! — mitten in der Flamme erschien ein Mensch! Dieser Mensch kletterte durch die Flamme empor, ein qualmendes Bündel mit gelbem Chinesengesicht, ein schreckenverbreitendes Gespenst. Das Gespenst kroch lautlos höher und höher, so daß es haushoch oben zu hängen schien, dann rutschte es herab. In diesem Augenblick stellte sich eine Erinnerung in dem verstörten Hirn des Negers ein. Er erkannte das Gespenst.

„Hobby!“ brüllte er. „Hobby!“

Aber Hobby hörte nicht, antwortete nicht. Er taumelte, stürzte in die Knie, klopfte sich die Funken von den Kleidern, röchelte und schnappte nach Luft. Eine Weile kauerte er betäubt am Boden, ein dunkler Klumpen im Feuerschein. Es sah aus, als wolle er fallen, aber er fiel nur auf beide Hände und begann nun langsam, mechanisch, vorwärts zu kriechen, instinktiv der Stimme entgegen, die unaufhörlich seinen Namen schrie. Unerwartet stieß er auf eine dunkle Gestalt und hielt inne. Der Neger hockte mit blutüberströmten Gesicht da und brüllte. Bald blinkten ihn zwei weiße Augen an, bald eines. Das kam daher, weil das Blut immer wieder ein Auge des Negers anfüllte und er es krampfhaft aufreißen mußte.

Sie hockten einander eine Weile gegenüber und sahen sich an.

„Fort!“ flüsterte dann Hobby, ohne Sinne, und richtete sich automatisch auf.

Der Neger griff nach ihm.

„Hobby!“ heulte er entsetzt. „Hobby, was ist geschehen?!“

Hobby leckte sich die Lippe ab und versuchte zu denken.

„Fort!“ flüsterte er dann wieder mit heiserer Stimme, immer noch betäubt.

Der Neger klammerte sich an ihn und wollte sich aufrichten, stürzte aber schreiend zu Boden. „Mein Fuß!“ heulte er. „Großer Gott im Himmel — was ist mit meinem Fuß —?!“

Hobby vermochte nicht zu denken. Ganz instinktiv tat er, was man tut, wenn ein Mensch niederfällt. Er versuchte den Neger aufzuheben. Aber sie stürzten beide zu Boden.

Hobby fiel mit dem Kinn gegen einen Balken, so heftig, daß sein Schädel krachte. Der Schmerz rüttelte ihn auf. In seiner Betäubung war es ihm, als habe er einen Schlag gegen den Kiefer erhalten, und er richtete sich, halb bewußtlos, zu einer verzweifelten Gegenwehr. Da aber — da aber ging etwas Merkwürdiges mit ihm vor. Er sah keinen Gegner, seine Hände hatten sich im Schutt geballt. Hobby wurde wach. Plötzlich wußte er, daß er im Stollen war und daß etwas Furchtbares geschehen sein mußte —! Er begann zu zittern, all seine Rückenmuskeln, die sich nie in seinem Leben so bewegt hatten, zuckten konvulsivisch wie die Muskeln eines erschrockenen Pferdes.

Hobby verstand.

„Katastrophe ...“ dachte er.

Er richtete sich halb auf und sah, daß die Bohrmaschine brannte. Zu seinem Erstaunen sah er Haufen nackter und halbnackter Menschen in den erschreckendsten Verrenkungen auf dem Schutt liegen und sie alle regten sich nicht. Er sah, daß sie überall lagen, neben ihm, rings umher. Sie lagen mit offenem Mund, lang hingestreckt mit zermalmten Köpfen, eingeklemmt zwischen Pfosten, aufgespießt, in Stücke zerfetzt. Überall lagen sie! Hobbys Haare flogen. Sie lagen verschüttet bis zum Kinn, zusammengerollt zu einem Knäuel, und soviele Steinblöcke, Balken, Pfosten und Karrentrümmer es hier gab, ebenso viele Köpfe, Rücken, Stiefel, Arme und Hände starrten aus dem Schutt. Mehr! Hobby schrumpfte ein vor Grauen, es schüttelte ihn, daß er sich festhalten mußte, um nicht hinzuschlagen. Jetzt verstand er auch die sonderbaren Laute, die nah und fern den halbdunklen Stollen füllten. Dieses Miauen, Greinen, Winseln, Schnauben und Brüllen wie von Tieren — diese unerhörten, nie gehörten Laute —: das waren Menschen! Seine Haut, sein Gesicht und seine Hände erstarrten wie vor Kälte, seine Füße waren gelähmt. In seiner nächsten Nähe saß ein Mensch, dem das Blut aus dem Mundwinkel lief wie aus einem Brunnen. Der Mensch atmete nicht mehr, aber er hielt die hohle Hand darunter und Hobby hörte das Blut plätschern und rieseln. Es war der kleine Japaner. Er erkannte ihn. Plötzlich sank seine Hand herab und sein Kopf neigte sich, bis er aufschlug.

„Fort, fort!“ flüsterte Hobby, vom Grauen geschüttelt. „Wir müssen fort von hier!“

Der Neger griff nach Hobbys Gürtel und half mit seinem unverletzten Fuß nach, so gut es ging. So krochen sie zusammen durch das Gewirr von Pfosten und Leichnamen und Gestein, den Schreien und tierischen Lauten entgegen.

„Hobby!“ stöhnte der Neger und schluchzte vor Angst und Entsetzen. „Mister Hobby, the Lord bless your soul — verlassen Sie mich nicht, lassen Sie mich nicht hier! O, Lord, mercy —! Ich habe eine Frau und zwei kleine Kinder draußen — verlassen Sie einen armen Nigger nicht. O Barmherzigkeit!“

Die brennende Bohrmaschine warf grelle, böse Lichtzacken und schwarze flatternde Schatten in das dunkle Chaos und Hobby mußte darauf achten, nicht auf Gliedmaßen und Köpfe zu treten, die aus dem Geröll hervorragten. Plötzlich tauchte zwischen zwei umgeworfenen Eisenkarren eine Gestalt auf, eine Hand tastete nach ihm und er fuhr zurück. Da sah er in ein Gesicht, das ihn mit idiotischem Ausdruck anstarrte.

„Was willst du?“ fragte Hobby, zu Tode erschrocken.

„Hinaus!“ keuchte das Gesicht.

„Geh weg!“ antwortete Hobby. „Das ist die falsche Richtung!“

Der Ausdruck des Gesichts änderte sich nicht. Aber es zog sich langsam zurück. Und ohne jeden Laut verschwand die Gestalt, wie verschluckt vom Schutt.

Hobbys Kopf war klarer geworden und er versuchte seine Gedanken zu sammeln. Die Brandwunden schmerzten ihn, sein linker Arm blutete, aber sonst war er heil. Er erinnerte sich, daß Allan ihn zu O’Niel mit einem Auftrag geschickt hatte. Zehn Minuten vor der Explosion hatte er noch bei den Gesteinskarren mit O’Niel, dem roten Irländer, gesprochen. Dann war er in die Bohrmaschine geklettert. Weshalb, wußte er nicht mehr. Er hatte die Maschine kaum betreten, als er fühlte, wie plötzlich der Boden unter ihm schwankte. Er sah in ein Paar erstaunter Augen — dann sah er nichts mehr. Soweit wußte er alles, aber es war ihm rätselhaft, wie er wieder aus der Bohrmaschine herausgekommen war. Hatte ihn die Explosion herausgeschleudert?

Während er den stöhnenden und jammernden Neger hinter sich herzerrte, überdachte er die Lage. Sie schien ihm nicht hoffnungslos zu sein. Wenn er den Querschlag erreichte, in dem gestern der tote Monteur lag, so war er gerettet. Dort gab es Verbandzeug, Sauerstoffapparate, Notlampen. Er erinnerte sich deutlich, daß Allan die Lampen probiert hatte. Der Querstollen lag rechts. Aber wie weit entfernt? Drei Meilen, fünf Meilen? Das wußte er nicht. Gelang es ihm nicht, so mußte er ersticken, denn der Rauch wurde mit jeder Minute stärker. Und Hobby kroch verzweifelt vorwärts.

Da hörte er dicht in der Nähe eine Stimme seinen Namen keuchen. Er hielt inne und lauschte mit fliegenden Lungen.

„Hierher!“ keuchte die Stimme. „Ich bin es. O’Niel!“

Ja, O’Niel, der große Irländer war es. Er, dessen Knochen sonst soviel Platz wegnahmen, saß eingerammt zwischen Pfosten, die rechte Gesichtshälfte von Blut überströmt; grau, wie mit Asche bedeckt sah er aus und seine Augen waren rote schmerzhafte Feuer.

„Ich bin fertig, Hobby!“ keuchte O’Niel. „Was ist geschehen? Ich bin fertig und leide schrecklich. Erschieße mich, Hobby!“

Hobby versuchte einen Balken zur Seite zu schieben. Er nahm alle Kraft zusammen, stürzte aber plötzlich auf unerklärliche Weise zu Boden.

„Es hat keinen Wert, Hobby,“ fuhr O’Niel fort. „Ich bin fertig und leide! Erschieße mich und rette dich!“

Ja, O’Niel war fertig, Hobby sah es. Er nahm den Revolver aus der Tasche. Die Waffe wog zentnerschwer in seiner Hand und er konnte den Arm kaum heben.

„Mach’ die Augen zu, O’Niel!“

„Warum sollte ich, Hobby —?“ O’Niel lächelte ein verzweifeltes Lächeln. „Sage Mac, ich habe keine Schuld — danke, Hobby!“

Der Rauch beizte, aber der Feuerschein wurde immer schwächer, so daß Hobby hoffte, er werde erlöschen. Dann gab es keine Gefahr mehr. Da aber ertönten zwei kurze, heftige Detonationen. „Das sind die Sprenghülsen,“ dachte er.

Gleich darauf wurde es heller. Ein hoher Pfosten brannte lichterloh und leuchtete weithin durch den Stollen. Da sah Hobby, wie einzelne sich auswühlten und andere langsam, Schritt für Schritt vorwärts kletterten, nackte, schmutzige Rücken und Arme, schwefelgelb im Feuerschein. Es winselte und schrie aus dem Gestein, Hände ragten heraus und winkten mit verkrampften Fingern, und dort hob sich der Boden ruckweise in die Höhe, aber die Schuttlage sank immer wieder herab.

Hobby kroch stumpf weiter. Er keuchte. Der Schweiß tropfte aus seinem Gesicht und er war halb bewußtlos vor Anstrengung. Er achtete nicht auf den Arm, der aus dem Schutt ragte und ihn am Fuß festhalten wollte, apathisch kletterte er durch eine Traufe von Blut hindurch, die von der Decke herabkam. Wieviel Blut ein Mensch hat! dachte er und nahm seinen Weg direkt über einen Toten hinweg, der auf dem Bauche lag.

Der Neger, den ihm das Schicksal in dieser schrecklichen Stunde zugeteilt hatte, klammerte die Arme um seinen Nacken und heulte und weinte vor Schmerzen und Angst und zuweilen küßte er seine Haare und flehte ihn an, ihn nicht zu verlassen.

„Mein Name ist Washington Jackson,“ keuchte der Neger, „ich stamme aus Athens in Georgia und heiratete Amanda Bell aus Danielsville. Vor drei Jahren nahm ich den Tunnel-Job, als Steinträger. Ich habe zwei Kinder, sechs und fünf Jahre alt.“

„Halt’s Maul, Boy!“ schrie Hobby. „Klammere dich nicht so fest.“

„O, Mister Hobby,“ schmeichelte Jackson, „Sie sind gut, man sagt es — o, Mister Hobby —“ und er küßte Hobbys Haar und Ohr. Plötzlich aber, da ihn Hobby auf die Hände schlug, überfiel ihn eine wahnsinnige Wut: er glaubte, Hobby wolle ihn abschütteln. Mit aller Kraft schraubte er die Hände um Hobbys Hals und keuchte: „Du meinst, du kannst mich hier verrecken lassen, Hobby! Du meinst — ach!“ Und er fiel mit einem lauten Schrei zu Boden, denn Hobby hatte ihm die Daumen in die Augen gedrückt.

„Hobby, Mister Hobby,“ flehte er winselnd und weinte und streckte die Hände aus, „verlassen Sie mich nicht, bei Ihrer Mutter, Ihrer guten, alten Mutter —“

Hobby rang nach Luft. Seine Brust schraubte sich zusammen, er wurde steif und lang und glaubte, es gehe nun dahin mit ihm.

„Komm!“ sagte er, als er wieder Atem bekam. „Du verfluchter Teufel! Wir müssen unter diesem Zug durch! Wenn du mich wieder drosselst, so schlag ich dich nieder!“

„Hobby, guter Mister Hobby!“ Und Jackson kroch wimmernd und stöhnend, mit einer Hand an Hobbys Riemen hängend, hinter Hobby her.

„Hurry up you idiot!“ Hobbys Schläfen waren nahe am Zerspringen.

Der Stollen war in einer Länge von drei Meilen nahezu vollkommen zerstört, von Pfosten und Gestein verschüttet. Überall kletterten Gestalten, blutig, zerfetzt, schreiend, wimmernd, wortlos, und keuchten so rasch wie möglich vorwärts. Sie kletterten über Gesteins- und Materialzüge, die aus den Schienen gehoben waren, sie krochen Schutthaufen hinauf und hinunter, zwängten sich zwischen Balken hindurch. Je weiter sie vordrangen, desto mehr Gefährten begegneten sie, die alle vorwärts hasteten. Hier war es ganz dunkel und nur ein fahler Lichtzacken leckte zuweilen herein. Der Rauch drang vorwärts, beizend, und sobald sie ihn in der Nase spürten, schlugen sie ein verzweifeltes Tempo an.

Sie stiegen brutal über die Leiber der langsam kriechenden Verletzten hinweg, sie schlugen einander mit den Fäusten zu Boden, um einen einzigen kleinen Schritt zu gewinnen, und ein Farbiger schwang sein Messer und stieß jeden blind nieder, der ihm in den Weg kam. Bei einer engen Passage zwischen einem umgestürzten Waggon und einem Gewirr von Pfosten gab es eine richtige Schlacht. Die Revolver knallten und die Schreie der Getroffenen vermischten sich mit dem Wutgeheul jener, die einander drosselten. Aber einer nach dem andern verschwand durch die Spalte und die Verwundeten krochen stöhnend nach.

Dann wurde die Strecke freier. Hier standen weniger Züge im Wege und die Explosion hatte nicht sämtliche Pfosten eingerissen. Aber hier war es vollkommen dunkel. Keuchend, zähneknirschend, schweiß- und blutüberströmt rutschten und kletterten die Fliehenden vorwärts. Sie rannten gegen Balken und schrien auf, sie stürzten von einem Waggon und suchten. Vorwärts! Vorwärts! Die Wut des Selbsterhaltungstriebes ließ langsam nach und allmählich erwachte wieder ein Gefühl der Kameradschaft.

„Hierher, hier ist der Weg frei!“

„Geht es hier durch?“

„Rechts an den Waggons!“

Drei Stunden nach der Katastrophe erreichten die ersten Leute aus dem zerstörten Holzstollen den Parallelstollen. Auch hier war die Lichtleitung zerstört. Es war finstere Nacht und alle stießen ein Geheul der Wut aus. Kein Zug! Keine Lampen! Die Mannschaften des Parallelstollens waren längst geflüchtet und alle Züge fort.

Der Rauch kam und das wahnwitzige Rennen begann von neuem.

Die Rotte glitt, lief, stürzte eine Stunde lang durch die Finsternis vorwärts, dann brachen die ersten erschöpft zusammen.

„Es hat keinen Sinn!“ schrien sie. „Wir können nicht vierhundert Kilometer laufen!“

„Was sollen wir tun?“

„Warten, bis sie uns holen!“

„Holen? Wer soll kommen?“

„Wir verhungern!“

„Wo sind die Depots?“

„Wo sind die Notlampen?“

„Ja, wo sind sie?“

„Mac —!“

„Ja, warte Mac —!“

Und plötzlich flammte ihre Rachegier auf. „Warte Mac! Wenn wir hinauskommen —!“

Aber der Rauch kam und sie stürzten wieder vorwärts, bis abermals ihre Knie wankten.

„Hier ist eine Station, hallo!“

Die Station war dunkel und verlassen. Die Maschinen standen, alles war von der Panik hinausgerissen worden.

Die Horde drang in die Station ein. Mit den Stationen waren sie vertraut. Sie wußten, daß hier plombierte Kisten mit Nahrungsmitteln standen, die man nur zu öffnen brauchte.

Es krachte und knackte in der Finsternis. Niemand war eigentlich hungrig, denn das Entsetzen hatte den Hunger verscheucht. Aber inmitten der Vorräte erwachte in ihnen ein wilder Instinkt, sich den Magen anzufüllen, und sie stürzten sich wie Wölfe auf die Kisten. Sie stopften die Taschen voll Nahrungsmittel. Noch mehr, sinnlos vor Entsetzen und Wut verstreuten sie Säcke von Zwieback und getrocknetem Fleisch, zerschlugen sie Flaschen zu Hunderten.

„Hier sind die Lampen!“ schrie eine Stimme.

Es waren Notlampen mit Trockenbatterien, die man nur einzuschalten hatte.

„Halt, nicht andrehen, ich schieße!“

„Warum nicht?“

„Es könnte eine Explosion geben!“

Dieser Gedanke allein genügte, um sie erstarren zu lassen. Vor Angst wurden sie ganz still.

Aber der Rauch kam und wieder begann die Jagd.

Plötzlich hörten sie Geschrei und Schüsse. Licht! Sie stürzten durch einen Querschlag in den Parallelstollen. Und da sahen sie gerade noch, wie in der Ferne Haufen von Menschen um einen Platz auf einem Waggon kämpften, mit Fäusten, Messern, Revolvern. Der Zug fuhr ab und sie warfen sich verzweifelt auf den Boden und schrien: „Mac! Mac! Warte, wenn wir kommen!“

3.

Die Panik fegte durch den Tunnel. Dreißigtausend Menschen fegte sie durch die Stollen hinaus. Die Mannschaften in den unbeschädigten Stollen hatten augenblicklich, als sie das Brüllen der Explosion vernahmen, die Arbeit eingestellt.

„Das Meer kommt!“ schrien sie und wandten sich zur Flucht. Doch die Ingenieure hielten sie mit Revolvern in der Faust zurück. Als aber eine Wolke von Staub hereinblies und verstörte Menschen angestürzt kamen, hielt sie keine Drohung mehr zurück.

Sie schwangen sich auf die Gesteinszüge und jagten davon.

Bei einer Weiche entgleiste ein Zug und die nachfolgenden zehn Züge waren plötzlich aufgehalten.

Die Horden drangen in den Parallelstollen ein und hielten hier die Züge auf, indem sie sich mitten auf die Schienen stellten und schrien. Die Züge waren aber schon gehäuft voller Menschen und es gab erbitterte Kämpfe um einen Platz.

Die Panik war um so größer, als niemand wußte, was sich ereignet hatte — man wußte nur, daß etwas ganz Schreckliches geschehen war! Die Ingenieure versuchten die Leute zur Vernunft zu bringen, als sich aber immer mehr Züge voll entsetzter Menschen heranwälzten, die schrien: „Der Tunnel brennt!“ — und als der Rauch aus den finstern Stollen hervorkroch, wurden auch sie von der Panik ergriffen. Alle Züge rollten auswärts. Die einfahrenden Züge mit Material und Ablösungsmannschaften wurden durch das wilde Geschrei der vorbeijagenden Menschenhaufen abgestoppt und begannen hierauf ebenfalls auswärts zu fahren.

So kam es, daß zwei Stunden nach der Katastrophe der Tunnel auf hundert Kilometer vollkommen verlassen war. Auch die Maschinisten in den innern Stationen waren entflohen und die Maschinen standen still. Nur da und dort waren ein paar mutige Ingenieure in den Stationen zurückgeblieben.

Ingenieur Bärmann verteidigte den letzten Zug.

Dieser Zug bestand aus zehn Waggons und stand im fertigen Teil des „Fegfeuers“, wo die eisernen Rippen genietet wurden, fünfundzwanzig Kilometer hinter dem Ort der Katastrophe. Die Lichtanlage war auch hier zerstört. Aber Bärmann hatte Akkumulatorenlampen aufgestellt, die in den Rauch hineinblendeten.

Dreitausend Mann hatten im „Fegfeuer“ gearbeitet, zweitausend etwa waren schon fort, die letzten tausend wollte Bärmann mit seinem Zug befördern.

Sie kamen in Truppen angekeucht und stürzten sich toll vor Schrecken auf die Waggons. Immer mehr kamen. Bärmann wartete geduldig und zäh, denn manche „Fegfeuerleute“ hatten drei Kilometer bis zum Zug zurückzulegen.

„Fahren! Abfahren!“

„Wir müssen auf sie warten!“ schrie Bärmann. „No dirty business now! Ich habe sechs Kugeln im Revolver!“

Bärmann war ein ergrauter, kleiner Mann, kurzbeinig, ein Deutscher, und verstand keinen Spaß.

Er ging hin und her, am Zug entlang, und wetterte und fluchte zu den Köpfen und Fäusten hinauf, die sich droben im Rauch aufgeregt bewegten.

„Keine Schweinereien, ihr kommt alle hinaus!“

Bärmann hatte den Revolver schußbereit in der Hand. (Bei der Katastrophe zeigte es sich, daß alle Ingenieure mit Revolvern ausgerüstet waren.)

Zuletzt, als die Drohungen lauter wurden, postierte er sich neben dem Maschinisten der Führungsmaschine auf und drohte ihm, ihn niederzuschießen, wenn er ohne Befehl abfahren sollte. Jeder Puffer, jede Kette des Zuges hing voller Menschen und alle schrien: „Fahren, fahren!“

Aber Bärmann wartete immer noch, obschon der Rauch unerträglich wurde.

Da krachte ein Schuß und Bärmann schlug zu Boden und nun fuhr der Zug.

Horden verzweifelter Menschen rannten ihm nach, rasend vor Wut, um endlich atemlos, keuchend, Schaum vor dem Mund, stehenzubleiben.

Und dann machten sich diese Horden der Zurückgebliebenen auf den vierhundert Kilometer langen Weg über Schwellen und Schutt. Und je weiter sie sich wälzten, desto drohender wurde der Ruf: „Mac, du bist ein toter Mann!“

Hinter ihnen aber, weit hinter ihnen, kamen noch mehr, immer noch mehr, immer andere.

Es begann das schreckliche Laufen im Tunnel, dieses Laufen um das Leben, von dem später die Zeitungen voll waren.

Die Horden wurden wilder und toller, je länger sie liefen, sie zerstörten die Depots, die Maschinen, und selbst dann, als sie die Strecke erreichten, wo noch das elektrische Licht brannte, nahm ihre Wut und Angst nicht ab. Und als der erste Rettungszug erschien, der alle, für die gar keine Gefahr mehr bestand, hinausbringen sollte, kämpften sie mit dem Messer und dem Revolver, um zuerst auf den Zug zu kommen.

Zur Zeit als sich tief drinnen im Tunnel die Katastrophe ereignete, war es noch Nacht in Mac City. Es war düster. Das schwere massige Gewölk des Himmels glomm düsterrot im hellen Nachtschweiß der schlaflosesten Stadt dieser schlaflosen Zeit.

Mac City fieberte und lärmte wie am Tage. Bis zum Horizont war die Erde bedeckt von ewig bewegten glühenden Lavaströmen, aus denen Funken, Feuerblitze und Dampf stiegen. Myriaden wimmelnder Lichter schossen hin und her, wie Infusorien im Mikroskop. Die Glasdächer der Maschinenhallen auf den Terrassen des Trasseneinschnittes funkelten wie grünes Eis in einer mondhellen Winternacht. Pfeifen und Glocken schrien gierig und ringsum hämmerte das Eisen und die Erde bebte.

Die Züge schossen hinab, herauf, wie sonst. Die ungeheuren Maschinen, Dynamos, Pumpen, Ventilatoren spielten und klangen in den blitzblanken Hallen.

Es war kühl und die Mannschaften, die aus dem backofenwarmen Tunnel kamen, rückten frierend zusammen und stürzten, sobald der Zug hielt, zähneklappernd in die Kantine, um heißen Kaffee oder Grog zu trinken. Dann sprangen sie laut und polternd in die elektrischen Cars, die sie nach ihren Kasernen und Häusern brachten.

Schon wenige Minuten nach vier Uhr ging das Gerücht um, daß im Tunnel ein Unglück passiert sei. Ein Viertel nach vier Uhr wurde Harriman aufgeweckt und erschien verschlafen und fast zusammenbrechend vor Müdigkeit im Zentralbüro.

Harriman war ein energischer und entschlossener Mann, hart geworden auf den Schlachtfeldern der Arbeit. Gerade heute aber befand er sich in einer elenden Verfassung. Er hatte die ganze Nacht über geweint. Denn ein Telegramm hatte ihn abends erreicht, daß sein Sohn, das Einzige, was ihm aus seinem Leben geblieben war, in China dem Fieber erlegen sei. Schwer und schrecklich hatte er gelitten und schließlich eine doppelte Dosis Schlafpulver genommen, um einschlafen zu können. Er schlief jetzt noch, während er in den Tunnel hineintelephonierte, um näheres über die Katastrophe zu erfahren. Niemand wußte etwas und Harriman saß apathisch und teilnahmlos im Sessel und schlief mit offenen Augen. Zur selben Zeit wurde es Licht in Hunderten von Arbeiterhäusern in den Kolonien. Stimmen sprachen und raunten in den Straßen, jenes erschreckte Raunen, das man sonderbarerweise im tiefsten Schlaf hört. Weiber liefen zusammen. Von der Süd- und Nordkolonie her bewegten sich dunkle Truppe von Weibern und Männern den funkelnden Glasdächern der Terrassen entgegen zum Zentralbureau.

Sie sammelten sich vor dem nüchternen, hohen Gebäude an und als sie ein großer Haufe geworden waren, begann dieser Haufe ganz von selbst zu rufen. „Harriman! Wir wollen wissen, was geschehen ist!“

Ein Clerk mit aufreizend gleichgültiger Miene erschien.

„Wir wissen selbst nichts Bestimmtes.“

„Fort mit dem Clerk! Wir wollen keinen Clerk! Wir wollen Harriman! — Harriman!!“

Immer mehr sammelten sich an. Von allen Seiten krochen die dunkeln Bündel heran und vereinigten sich mit der Menge vor dem Bürogebäude.

Harriman erschien endlich selbst, bleich, alt, müde und verschlafen und Hunderte von Stimmen schrien ihm die Frage entgegen, in allen Sprachen und Tonarten: „Was ist passiert?“

Harriman machte ein Zeichen, daß er sprechen wollte, und es wurde ganz still.

„Im Südstollen hat bei der Bohrmaschine eine Explosion stattgefunden. Mehr wissen wir nicht.“ Harriman vermochte kaum zu sprechen, die Zunge lag ihm wie ein metallner Klöpfel im Mund.

Ein wildes Geheul antwortete ihm. „Lügner! Schwindler! Du willst es uns nicht sagen!“

Harriman stieg das Blut ins Gesicht und seine Augen traten aus dem Kopf vor Zorn; er besann sich, wollte sprechen, aber sein Gehirn arbeitete nicht. Er ging und schlug die Tür hinter sich zu.

Da flog ein Stein durch die Luft und zertrümmerte eine Scheibe im Parterre. Man sah, wie ein Clerk sich erschrocken davonmachte.

„Harriman! Harriman!“

Harriman erschien wieder in der Türe. Er hatte sich kalt gewaschen und war etwas wacher geworden. Krebsrot sah sein Gesicht unter den grauweißen Haaren aus.

„Was für ein Unsinn ist das, die Fenster einzuschmeißen?!“ schrie er laut. „Wir wissen nicht mehr, als ich sagte! Seid vernünftig!“

Stimmen schrien durcheinander.

„Wir wollen wissen, wie viele tot sind. Wer ist tot? Namen!“

„Ihr seid ein Pack von Narren, ihr Weiber!“ schrie Harriman zornig. „Wie soll ich das jetzt schon wissen.“ Und Harriman drehte sich langsam um und ging wieder ins Haus zurück, einen Fluch zwischen den Zähnen.

„Harriman! Harriman!“

Die Weiber drängten nach.

Es hagelte plötzlich Steine. Denn das Volk, das sich sonst der Justiz ohne zu denken unterwirft, schafft sich in solchen Augenblicken aus eingeborenem Rechtsgefühl eigene Gesetze und bringt sie augenblicklich an Ort und Stelle in Anwendung.

Harriman kam wieder, voller Wut. Aber er sagte nichts.

„Zeig uns das Telegramm!“

Harriman blieb stehen. „Telegramm? Ich habe kein Telegramm. Eine telephonische Nachricht hatte ich.“

„Her damit!“

Harriman verzog keine Miene. „Gut, ihr sollt sie haben.“ In einer Minute kam er wieder zurück, mit einem Zettel von einem Telephonblock in der Hand und las laut vor. Weithin vernahm man die Worte, die er hervorhob: „Bohrmaschine — Südstollen — Explosion beim Schießen — 20 bis 30 Tote und Verletzte. — Hobby.“

Und Harriman übergab den Zettel den Zunächststehenden und ging ins Haus zurück.

Im Nu war der Zettel in hundert Stücke zerrissen, so viele wollten ihn gleichzeitig lesen. Die Menge beruhigte sich für einige Zeit. 20 bis 30 Tote — das war gewiß schrecklich, aber keine große Katastrophe. Man konnte wieder hoffen. Es war ja nicht gesagt, daß gerade er bei der Bohrmaschine gearbeitet hatte. Am meisten beruhigte der Umstand, daß Hobby die telephonische Nachricht gesandt hatte.

Und doch gingen die Weiber nicht nach Hause. Merkwürdig! Ihre alte Unruhe kam zurück, ihre Augen flackerten, ihre Herzen schlugen. Ein Druck lastete auf ihnen und sie wechselten scheue Blicke.

Wenn Harriman log —?

Sie fluteten hinüber zur Station, wo die Züge heraufkamen, und warteten zitternd, frierend, in Tücher und Decken eingehüllt. Von der Station aus konnte man die Trasse hinab bis zur Tunnelmündung sehen. Die nassen Geleise glänzten im Licht der Bogenlampen, bis sie zu dünnen Linien zusammenschmolzen. Ganz unten gähnten zwei graue Löcher. Ein Licht erschien in einem Loch, es blitzte unbestimmt auf, ein Feuerschein fuhr heraus und plötzlich sah man das blendende Zyklopenauge eines Zuges die Trasse herauffliegen.

Die Züge verkehrten noch ganz regelmäßig. In gleichen Abständen liefen die Materialzüge hinab, in unregelmäßigen Zwischenräumen, wie gewöhnlich, jagten die Gesteinszüge herauf, oft nur einer, oft drei, fünf, zehn hintereinander, wie sie es seit sechs Jahren Tag und Nacht taten. Es war das gleiche Bild, wie sie es alle tausendmal gesehen hatten. Und doch starrten sie mit wachsender Spannung auf die Züge, die heraufkamen.

Brachten sie Mannschaften mit, so wurden die Ankommenden umdrängt, mit Fragen bestürmt. Aber sie wußten nichts, sie waren ja schon auf der Ausfahrt gewesen.

Es ist unerklärlich, wie das Gerücht kaum zehn Minuten nach der Katastrophe schon über Tag umgehen konnte. Ein unvorsichtiges Wort eines Ingenieurs, ein unwillkürlicher Ausruf am Telephon — es war bekannt geworden. Nun aber hörte man gar nichts mehr, gar nichts, die Nachrichten wurden sorgfältig gehütet.

Bis sechs Uhr fuhren die Materialzüge und Mannschaften regelmäßig ein. (Sie wurden laut Order bis zum 50. Kilometer geführt!)

Um sechs Uhr wurde den bereitstehenden Mannschaften mitgeteilt, daß ein Materialzug entgleist sei und die Strecke erst geräumt werden müsse. Sie hätten sich aber bereitzuhalten. Da nickten die erfahrenen Burschen und warfen einander Blicke zu: Es mußte da drinnen bös aussehen! Lord!

Den Weibern wurde befohlen, die Station zu räumen. Aber sie kamen dem Befehl nicht nach. Sie standen unbeweglich, festgeschraubt von ihrem Instinkt zwischen dem Netz von Geleisen und starrten die Trasse hinab. Immer größere Truppe gesellten sich zur Menge. Kinder, halbwüchsige Burschen, Arbeiter, Neugierige.

Der Tunnel aber spie Gestein aus, immerzu, ohne Aufhören.

Plötzlich beobachtete die Menge, daß die Materialzüge seltener einfuhren und ein wirres Durcheinander von Stimmen schwirrte auf. Dann fuhren überhaupt keine Materialzüge mehr ein und die Menge wurde noch unruhiger. Niemand glaubte das Märchen, daß ein entgleister Zug die Strecke blockiert habe. Alle wußten, daß es täglich vorkam und die Züge sich trotzdem in der gleichen Anzahl in den Tunnel hinabstürzten.

Nun war es Tag.

Die Zeitungen New Yorks machten bereits mit der Katastrophe Geschäfte: „Der Ozean in den Tunnel eingebrochen! 10000 Tote!“

Kalt, blinkend, kam das Licht übers Meer her. Die elektrischen Lampen erloschen mit einem Schlage. Nur weit draußen auf dem Kai, wo plötzlich der Qualm der Dampferschornsteine sichtbar wurde, drehte sich noch das Blinkfeuer, als habe man vergessen, es abzustellen. Nach einer Weile erlosch es auch. Schrecklich nüchtern lag die blitzende Märchenstadt plötzlich da: mit ihrem kalten Schienennetz, ihrem Meer von Zügen, Kabelmasten und vereinzelten hohen Häusern, über die sich graue Wolken schleppten. Die Gesichter sahen alle gelb und übernächtig aus, erstarrt und blaugefroren, denn vom Meer kam mit dem kalten Licht ein eisiger Luftstrom und kalter Sprühregen. Die Weiber schickten ihre Kinder nach Hause, Röcke, Tücher, Decken zu holen. Sie selbst aber rührten sich nicht von der Stelle!

Die Gesteinszüge, die von jetzt an heraufflogen, waren alle mit Mannschaften besetzt. Ja sogar die erst vor kurzer Zeit eingefahrenen Material- und Arbeiterzüge kamen wieder zurück.

Die Erregung wuchs und wuchs.

Aber alle Mannschaften, die heraufkamen, waren völlig im unklaren über die Ausdehnung der Katastrophe. Sie waren nur ausgefahren, weil alle hinter ihnen ausfuhren.

Und wieder starrten die Weiber voller Unruhe und schrecklicher Angst auf die zwei kleinen schwarzen Löcher da unten, die in die Höhe blickten wie zwei heimtückische zerfressene Augen, aus denen das Unheil und das Grauen selbst starrte.

Gegen neun Uhr kamen die ersten Züge, auf denen Mann neben Mann saß, die alle erregt gestikulierten, bevor nur der Zug hielt. Sie kamen aus dem Innern des Tunnels, wohin die Panik gerade ihre ersten Schrecken geworfen hatte. Sie schrien und heulten: „Der Tunnel brennt!“

Ein ungeheures Geschrei und Geheul stieg empor. Die Menge wälzte sich vorwärts, hin und her.

Da erschien Harriman auf einem Waggon und schwenkte den Hut und schrie. Im Morgenlicht sah er wie ein Leichnam aus, fahl, ohne Blut, und jedermann führte sein Aussehen auf das Unglück zurück.

„Harriman! Ruhe, er will reden!“

„Ich schwöre, daß ich die Wahrheit spreche!“ schrie Harriman, als sich die Menge beruhigt hatte, und dicke Dunstwolken stießen bei jedem Wort aus seinem Mund hervor. „Es ist ein Unsinn, daß der Tunnel brennt! Beton und Eisen kann nicht brennen. Infolge der Explosion sind ein paar lausige Pfosten hinter der Bohrmaschine in Brand geraten und daraufhin ist eine Panik entstanden. Unsere Ingenieure sind schon bei der Arbeit zu löschen! Ihr braucht nicht —“

Aber man ließ Harriman nicht ausreden. Ein wildes Pfeifen und Schreien unterbrach ihn und die Weiber hoben Steine auf. Harriman sprang vom Waggon und kehrte in die Station zurück. Er sank kraftlos in einen Stuhl.

Er fühlte, daß alles verloren sei und nur Allan allein eine Katastrophe hier oben verhindern konnte.

Allan aber konnte nicht vor dem Abend hier sein!

Der nüchterne, kalte Stationssaal war voll von Ingenieuren, Ärzten und Beamten, die herbeigeeilt waren, um sich zur Hilfeleistung bereitzuhalten.

Harriman hatte einen Liter schwarzen Kaffees getrunken, um die Wirkung der Schlafpulver aufzuheben. Er hatte sich übergeben und war zweimal ohnmächtig geworden.

Ja, was sollte er tun? Das einzig Vernünftige, was er gehört hatte, war eine Botschaft Bärmanns, von einem Ingenieur in Bärmanns Namen von der sechzehnten Station aus telephoniert.

Nach Bärmanns Ansicht seien die Pfosten im verzimmerten Stollen infolge der Hitze von selbst in Brand geraten und das Feuer habe die Sprenghülsen zur Explosion gebracht. Das war vernünftig, aber dann konnte doch die Detonation nicht so heftig gewesen sein, daß man sie bis zur zwölften Station hörte?

Harriman hatte Rettungszüge hineingeschickt, aber sie waren zurückgekommen, da die Züge aller vier Gleise nach auswärts liefen und sie zurückpreßten.

Harriman hatte dreißig Minuten nach vier Uhr an Allan telegraphiert, den die Depesche im Schlafwagen New York-Buffalo erreichte. Allan hatte geantwortet, daß er mit einem Extrazug zurückeilen werde. Eine Explosion sei ausgeschlossen, da die Sprengstoffe im Feuer nur verbrannten. In der Maschine selbst sei die Menge der Sprengstoffe auch äußerst gering. Rettungszüge! Alle Stationen mit Ingenieuren besetzen! Den brennenden Stollen unter Wasser setzen!

Allan hatte gut reden. Es war ja gar nicht möglich, vorläufig einen einzigen Zug in den Tunnel zu bringen, obgleich Harriman augenblicklich die reguläre Ableitung der Züge auf die nach außen führenden Geleise angeordnet hatte.

Niemand telephonierte mehr, nur in der fünfzehnten, sechzehnten und achtzehnten Station waren noch Ingenieure, die angaben, daß alle Züge vorbei seien.

Die Geleise wurden aber nach einiger Zeit frei und Harrimann sandte vier Rettungszüge hintereinander in den Tunnel.

Die Menge ließ die Züge finster passieren.

Einzelne Weiber stießen gemeine Schimpfworte gegen die Ingenieure aus. Die Stimmung wurde von Minute zu Minute erregter. Dann aber, gegen zehn Uhr, kamen die ersten Züge mit Arbeitern aus dem „Fegfeuer“ an.

Nun bestand kein Zweifel mehr, daß die Katastrophe schrecklicher war, als jemand hätte ahnen können.

Immer mehr Züge kamen und nun kamen Mannschaften, die schrien: „Alles in den letzten dreißig Kilometern ist tot!!“

4.

Die Männer mit den beschmutzten gelben Gesichtern, die aus dem Tunnel kamen, wurden umringt und mit tausend Fragen bestürmt, die sie nicht beantworten konnten. Hundertmal mußten sie erzählen, was sie von dem Unglück wußten, und es war doch mit zehn Worten zu sagen. Frauen, die ihren Gatten fanden, warfen sich ihm an den Hals und zeigten ihre Freude ganz offen den andern, die noch in entsetzlicher Ungewißheit schwebten. Die Angst irrte in ihren Zügen, sie wiederholten hundertmal die Frage, ob man ihren Mann nicht gesehen habe, sie weinten still, sie liefen hin und her und schrien und stießen Verwünschungen aus, und wieder standen sie still und starrten die Trasse hinab, bis sie die Angst von neuem umhertrieb.

Man hoffte noch immer; denn daß „alle in den letzten dreißig Kilometern tot waren,“ hatte sich schon als Übertreibung herausgestellt.

Endlich kam auch jener Zug herauf, dessen Abfahrt Ingenieur Bärmann so lange verhindert hatte, bis man ihn niederschoß. Dieser Zug brachte den ersten Toten mit, einen Italiener. Aber dieser Italiener hatte nicht bei der Katastrophe sein Leben eingebüßt. Er hatte mit einem Landsmann, einem amico, ein verzweifeltes Messergefecht um einen Platz auf einem Waggon geführt und den Landsmann niedergestochen. Der stürzende amico hatte ihm den Leib aufgeschlitzt und auf der Ausfahrt war er gestorben. Immerhin war er der erste Tote. Der Photograph der Edison Bio kurbelte.

Als der Tote in das Stationsgebäude getragen wurde, ereignete sich eine seelische Explosion in der Menge! Die Wut flammte auf! Und plötzlich schrien alle (genau wie die Leute im Tunnel): „Wo ist Mac? Mac muß bezahlen!“ Da bahnte sich eine hysterisch schreiende Frau den Weg durch die Weiber und rannte dem Toten nach, während sie sich die Haare in Büscheln ausriß und den Bettkittel zerfetzte.

„Césare! Césare —!“ Ja, es war Césare.

Als die erregten Arbeiterhorden des Bärmannschen Zuges (zumeist Italiener und Neger) aber erklärten, daß kein Zug mehr käme — wurde es ganz still ...

„Kein Zug mehr?“

„Wir sind die letzten!“

„Was seid ihr?“

„Die letzten!! Wir sind die letzten!“

Es war, als sei ein Hagel von Kartätschen über die Menge niedergegangen. Alle stürzten hin und her, sinnlos, verstört, die Hände an den Schläfen, als seien sie in den Kopf getroffen.

„Die letzten!! Sie sind die letzten!!“

Weiber fielen zu Boden und jammerten, Kinder weinten; bei andern flammte aber sofort die Rachgier auf. Und plötzlich setzte sich die ganze ungeheure Menge in Bewegung und eine Wolke von Geschrei und Lärm zog über ihr her.

Ein dunkelhäutiger viereckiger Pole mit martialischem Schnurrbart stieg auf einen Steinblock und brüllte: „Mac hat sie in einer Mausefalle gefangen — in einer Mausefalle — Rache für die Kameraden!“

Der Haufe tobte. In jeder Hand befand sich plötzlich ein Stein, die Waffe des Volkes, und Steine gab es hier genug. (Einer der Gründe, weshalb man in Großstädten gerne asphaltierte Straßen anlegt!)

In den nächsten drei Sekunden war kein Fenster des Stationsgebäudes mehr ganz.

„Heraus mit Harriman!“

Aber Harriman ließ sich nicht mehr sehen.

Er hatte nach der Miliz telephoniert, denn die paar Polizisten der Tunnelstadt waren machtlos. Nun saß er bleich und keuchend in einer Ecke und vermochte nicht mehr zu denken.

Man stieß Schmähungen gegen ihn aus und machte Miene, das Haus zu stürmen. Da aber hatte der Pole einen anderen Vorschlag: Die Ingenieure alle zusammen waren ja schuld! Man sollte ihnen die Häuser über dem Kopfe anzünden und ihre Weiber und Kinder verbrennen!

„Tausende, Tausende sind tot!“

„Alle müssen sie hin werden!“ schrie die Italienerin, deren Mann erstochen worden war. „Alle! Rache für Césare!“ Und sie rannte voran, eine Furie aus Kleiderfetzen und zerzausten Haaren.

Die Menge wälzte sich über das Schuttfeld in den grauen Regen hinein, umheult von wirrem Lärm. Die Gatten, die Ernährer, die Väter tot — Not, Elend! Rache! Aus dem Lärm klangen Fetzen von Gesang, Rotten sangen an verschiedenen Stellen gleichzeitig die Marseillaise, die Internationale, die Union-Hymne. „Tot, tot, Tausende tot!“

Eine blinde Wut zu zerstören, niederzureißen und zu töten war in dem erregten Volkshaufen entflammt. Geleise wurden aufgerissen, Telegraphenstangen niedergemäht, die Wächterhäuser weggefegt. Sobald es krachte und splitterte, brandete ein wilder Jubel empor. Die Polizisten wurden mit Steinblöcken bombardiert und ausgepfiffen. Es schien, als hätten alle in der Wut plötzlich ihren Schmerz vergessen.

Voran aber stürmten die wildesten Rotten, wildgewordene fanatische Weiber, den Villen und Landhäusern der Ingenieure entgegen.

Zu dieser Zeit aber ging das verzweifelte Rennen unter dem Meer weiter. Alle, die das stürzende Gestein, Feuer und Rauch am Leben gelassen hatten, rannten unaufhörlich vorwärts, vor den Zehen des Todes her, der seinen beizenden Atem vorausschickte. Einzelne Wanderer gab es da drinnen, die zähneklappernd, mit gesträubten Haaren vorwärtsstolperten, Paare, die schrien und weinten, Horden, die mit pfeifenden Lungen hintereinander herkeuchten, Verwundete, Krüppel, die um Barmherzigkeit bittend am Boden lagen. Manche blieben stehen, gelähmt von der Angst, daß niemand diese ungeheure Strecke zu Fuß zurücklegen könne. Manche gaben es auf. Sie legten sich hin, um zu sterben. Es gab aber gute Läufer, die ihre Schenkel wie Pferde schwangen und die andern überholten, beneidet, verflucht von den Erschöpften, deren Knie wankten.

Die Rettungszüge ließen die Glocken gellen, um zu signalisieren, daß sie kämen. Aus der Dunkelheit stürzten Menschen auf sie zu, schluchzend vor Erregung, gerettet zu sein. Da der Zug aber in den Tunnel hineinfuhr, so wurden sie nach einer Weile von der Angst geschüttelt und sprangen ab, um den zweiten Zug zu Fuß zu erreichen, der, wie man ihnen sagte, fünf Meilen entfernt wartete.

Der Rettungszug kam nur langsam vorwärts. Denn die entsetzten Mannschaften der letzten ausfahrenden Züge hatten, um Platz in den Waggons zu gewinnen, viel Gestein hinausgeworfen, so daß die Strecke erst freigelegt werden mußte. Und dann kam der Rauch! Er ätzte, beizte, das Atmen wurde schwer. Aber der Zug fuhr vorwärts, bis die Scheinwerfer die Mauer von Qualm nicht mehr zu durchdringen vermochten. Auf diesem Rettungszug befanden sich kühne Ingenieure, die ihr Leben in die Schanze schlugen. Sie sprangen vom Zug, eilten mit Rauchmasken versehen weiter in den verqualmten Stollen hinein und schwangen Glocken. In der Tat gelang es ihnen, kleine erschöpfte Truppe, die schon jede Hoffnung aufgegeben hatten, zu der letzten Anstrengung, noch tausend Meter bis zum Zug zurückzulegen, anzupeitschen.

Dann mußte auch dieser Zug weichen. Eine ganze Anzahl dieser Ingenieure erkrankte an Rauchvergiftung und zwei starben über Tag im Hospital.

5.

Maud schlief an diesem Tag sehr lange. Sie hatte eine verreiste Pflegerin im Hospital vertreten und war erst um zwei Uhr zur Ruhe gegangen. Als sie erwachte, saß die kleine Edith schon aufrecht in ihrem Bettchen und flocht, um sich die Zeit zu vertreiben, ihr hübsches blondes Haar zu dünnen Zöpfchen.

Kaum hatten sie zu plaudern begonnen, als die Dienerin eintrat und Maud ein Telegramm überreichte. Im Tunnel habe sich ein großes Unglück ereignet, sagte sie mit unruhigen Augen.

„Warum bringen Sie mir das Telegramm erst jetzt?“ fragte Maud etwas unwillig.

„Der Herr hat mir telegraphiert, Sie ausschlafen zu lassen.“

Das Telegramm war von Allan unterwegs aufgegeben worden. Es lautete: „Katastrophe im Tunnel. Haus nicht verlassen. Ich komme gegen sechs Uhr abends.“

Maud erbleichte. Hobby! dachte sie. Ihr erster Gedanke galt ihm. Er war nach dem Abendessen in den Tunnel eingefahren; heiter und scherzend hatte er sich von ihr verabschiedet ...

„Was ist, Mami?“

„Es ist ein Unglück im Tunnel geschehen, Edith.“

„Sind viele Menschen tot?“ fragte die Kleine leichthin, mit singender Stimme, mit schönen kindlichen Gesten die Zöpfchen flechtend.

Maud antwortete nicht. Sie blickte vor sich hin. War er um diese Zeit tief drinnen in den Stollen gewesen?

Da schlang Edith die Arme um ihren Nacken und sagte tröstend:

„Du brauchst nicht traurig zu sein. Papa ist ja in Buffalo!“

Und Edith lachte, um Maud zu überzeugen, daß Papa in Sicherheit war.

Maud schlüpfte in den Bademantel und telephonierte in das Zentralbüro. Erst nach geraumer Zeit bekam sie Anschluß. Aber sie wußten nichts oder wollten nichts wissen. Hobby? Nein, von Mr. Hobby sei keine Nachricht da.

Tränen traten in Mauds Augen, rasche Tränen, die niemand sehen durfte. Beunruhigt und aufgeregt nahm sie mit Edith das Bad. Dieses Vergnügen genossen sie jeden Morgen. Es machte Maud ebenso kindliche Freude wie Edith, im Wasser zu plätschern, zu lachen und zu rufen im Badezimmer, wo die Stimmen so voll und merkwürdig widerhallten, die dampfende Brause sprühen zu lassen — und dann wurde sie kälter und kälter und die kleine Edith lachte, als ob man sie kitzle, weil es so eisig kalt wurde. Dann kam die Morgentoilette und dann das Frühstück. Das war Mauds schönste Stunde, die sie sich nicht nehmen ließ. Edith ging nach dem Frühstück in die „Schule“. Sie hatte ihr eigenes Schulzimmer mit einer schwarzen Tafel — so wünschte sie es — und einer richtigen kleinen Schulbank, denn sonst wäre es ja keine Schule gewesen.

Heute machte Maud das Bad kurz und mit dem Vergnügen war es nichts. Edith versuchte die Mutter auf alle erdenkliche Art aufzuheitern und ihre kindlichen Bemühungen rührten Maud fast zu Tränen. Nach dem Bad telephonierte sie wieder ins Zentralbüro. Endlich gelang es ihr, Harriman zu sprechen, und er deutete ihr an, daß das Unglück leider größer sei, als man bis jetzt angenommen habe.

Maud wurde immer unruhiger. Nun erst fiel ihr Macs merkwürdige Weisung auf. „Das Haus nicht verlassen!“ Weshalb? Sie verstand Mac nicht. Sie ging durch die Gärten ins Hospital hinüber und unterhielt sich flüsternd mit den diensttuenden Pflegerinnen. Auch hier Unruhe und Bestürzung. Sie plauderte ein wenig mit ihren kleinen Kranken, aber sie war so zerstreut, daß ihr nichts Rechtes einfiel. Schließlich kehrte sie nur unruhiger und erregter in ihr Zimmer zurück.

„Warum soll ich das Haus nicht verlassen?“ dachte sie. „Es ist nicht recht von Mac, mir das Ausgehen zu verbieten!“

Sie versuchte es wieder mit dem Telephonieren, aber ohne Erfolg.

Dann nahm sie ein Tuch. „Ich will nachsehen,“ sagte sie halblaut zu sich. „Mac kann sagen, was er will. Warum soll ich zu Hause bleiben? Gerade jetzt! Die Frauen werden in Angst sein und brauchen gerade jetzt jemand, der ihnen zuredet.“

Aber sie legte das Tuch wieder weg. Sie holte Macs Telegramm aus dem Schlafzimmer und las es zum hundertstenmal.

Ja, warum denn? Warum denn eigentlich?

War die Katastrophe so groß?

Ja, aber gerade dann durfte sie unmöglich zurückstehen! Es war ihre Pflicht, den Frauen und Kindern beizuspringen. Sie wurde geradezu zornig über Mac und entschloß sich zu gehen. Sie wollte wissen, was eigentlich geschehen war. Aber doch zögerte sie noch immer, Macs sonderbare Weisung zu verletzen. Und dann war eine geheime Angst in ihr, sie wußte nicht warum. Endlich schlüpfte sie entschlossen in den gelben Gummimantel und band das Tuch übers Haar.

Sie ging.

Aber an der Türe überkam sie plötzlich ein unerklärliches Angstgefühl, daß sie heute, gerade heute, die kleine Edith nicht allein lassen dürfe. Ach, dieser Mac, all das hatte er angestiftet mit seiner dummen Depesche!

Nun holte sie Edith aus der „Schule“, hüllte sie in ein Cape und stülpte der vergnügten Kleinen die Kapuze über das blonde Haar.

„Ich komme in einer Stunde wieder!“ sagte Maud und sie gingen.

Über den nassen Gartenweg hüpfte ein Frosch und Maud erschrak, da sie beinahe auf ihn getreten wäre.

Edith jauchzte. „Hui, der kleine Frosch, Mama! Wie naß er ist! Warum geht er aus, wenn es regnet?“

Der Tag war elend, mißmutig und häßlich.

Auf der Straße wurde der Wind heftiger, es blies und der Regen stob schräg und kalt herab. „Und gestern war es noch so heiß,“ dachte Maud. Edith amüsierte es, mit großen Schritten über die Pfützen wegzustapfen. Nach wenigen Minuten sahen sie die Tunnelstadt liegen; mit ihren Bürohäusern, Schlöten und dem Wald von Kabelmasten lag sie grau und öde im Regen und Schmutz. Es fiel Maud sofort auf, daß keine Gesteinszüge liefen! Seit Jahren war es das erstemal! Aber die Schlöte qualmten wie immer.

Es ist ja gar nicht wahrscheinlich, daß er gerade am Ort der Katastrophe war, dachte sie. Der Tunnel ist so groß! Trotzdem aber irrten wirre und drohende Gedanken in ihr.

Plötzlich blieb sie stehen.

„Horch!“ sagte sie. Edith lauschte und sah dabei zur Mutter empor.

Ein Gewirr von Stimmen drang hierher. Und nun sahen sie auch Leute, eine graue tausendköpfige Menge, die sich bewegte. Es war aber im Dunst gar nicht zu erkennen, welche Richtung sie nahmen.

„Warum schreien die Leute?“ fragte Edith.

„Sie sind wegen des Unglücks beunruhigt, Edith. Wenn die Väter all der kleinen Kinder in Gefahr sind, so sind die Frauen natürlich in großer Sorge.“

Edith nickte und nach einer Weile sagte sie: „Es ist wohl ein großes Unglück, Mama?“

Maud schauerte zusammen.

„Ich glaube, ja,“ antwortete sie, in Gedanken. „Es muß ein großes Unglück sein! Wir wollen rascher gehen, Edith.“ Maud schritt aus, sie wollte — ja, was wollte sie? Sie wollte handeln ...

Plötzlich sah sie einigermaßen erstaunt, daß die Leute näher kamen! Das Geschrei wurde lauter. Sie sah auch, daß eine Telegraphenstange, die im Augenblick noch aufrecht gestanden hatte, umsank und verschwand. Die Drähte über ihr zitterten.

Sie achtete nicht mehr auf Ediths lebhafte Fragen, sondern eilte rasch und erregt vorwärts. Was taten sie? Was war geschehen? Ihr wurde ganz heiß im Kopf und einen Augenblick dachte sie daran, umzukehren und sich ins Haus einzuschließen, wie Mac ihr befohlen hatte.

Aber es erschien ihr feige, unglückliche Menschen zu fliehen aus Angst vor dem Anblick fremden Unglücks. Wenn sie auch nicht viel nützen konnte, so konnte sie doch gewiß etwas tun. Und alle kannten sie ja, die Weiber und die Männer und grüßten sie und erwiesen ihr kleine Dienste, wo immer sie erschien! Und Mac? Was würde Mac getan haben, wenn er hier wäre? Mitten unter ihnen würde er stehen ...! dachte Maud.

Die Menge wälzte sich heran.

„Weshalb schreien sie denn nur so?“ fragte Edith, die ängstlich zu werden begann. „Und warum singen sie, Mama?“

Ja, in der Tat, sie sangen! Ein heulender, wirrer Gesang kam mit ihnen näher. Schreie und Rufe drangen daraus hervor. Es war ein ganzes Heer, verstreut über das graue Schuttfeld, Kopf an Kopf. Und Maud sah, daß eine Rotte eine kleine Feldlokomotive mit Steinwürfen demolierte.

„Mama —?“

„Was war das? Ich hätte nicht ausgehen sollen,“ dachte Maud und blieb erschrocken stehen. Nun aber war es zu spät umzukehren ...

Man hatte sie entdeckt. Sie sah, daß die vorderen die Arme gegen sie reckten und plötzlich ihren Weg verließen und auf sie zukamen. Zu ihrem Schrecken bemerkte sie, daß sie liefen und rannten. Aber sie faßte wieder Mut, als sie sah, daß es meistens Frauen waren. „Es sind ja nur Frauen ...“

Sie ging ihnen entgegen, plötzlich von grenzenlosem Mitleid für diese Armen erfüllt. Oh, Gott, es mußte etwas Grauenhaftes geschehen sein!

Der erste Trupp der Weiber keuchte heran.

„Was ist denn geschehen?“ rief Maud und ihre Anteilnahme war ungeheuchelt. Aber Maud erbleichte, als sie die Gesichter der Frauen sah. Sie sahen alle irrsinnig aus, verstört, triefend vom Regen, nur halb angekleidet, und ein wildes Feuer brannte in all den hundert Augen.

Man hörte sie nicht. Man antwortete ihr nicht. Die verzerrten Mäuler heulten triumphierend und schrill.

„Alle sind tot!“ gellten ihr Stimmen entgegen, in allen Tonarten, in allen Sprachen. Und plötzlich schrie eine Frauenstimme: „Das ist Macs Weib, schlagt sie tot!“

Und Maud sah — sie traute ihren Augen nicht — daß ein zerlumptes Weib mit zerfetztem Kittel und vor Wut schielenden Augen einen Stein aufhob. Der Stein schwirrte durch die Luft und streifte ihren Arm.

Sie zog instinktiv die kleine, blasse Edith an sich und richtete sich auf.

„Was hat euch denn Mac getan?“ rief sie und ihre Augen irrten voller Angst umher. Niemand hörte sie.

Die Rasenden hatten sie erkannt, das ganze wilde Heer von tobenden Menschen. Ein Geheul, das wie ein einziger Schrei klang, brandete empor. Steine schwirrten plötzlich von allen Seiten durch die Luft und Maud zuckte zusammen und zitterte am ganzen Körper. Nun sah sie, daß es Ernst war! Sie wandte sich um, aber überall waren sie, alle in zehn Schritt Abstand, sie war umzingelt. Und in all den Augen, in die ihr irrender entsetzter Blick hilfesuchend tauchte, brannte dieselbe Glut: Haß und Wahnsinn. Maud begann zu beten und der kalte Schweiß schlug aus ihrer Stirn: „Mein Gott — mein Gott — beschütze mein Kind!“

Unaufhörlich aber gellte eine Weiberstimme, wie ein schrilles Signal: „Schlagt sie tot! Mac soll bezahlen!“

Da traf ein Steinblock Ediths Brust, so heftig, daß sie wankte.

Die kleine Edith schrie nicht. Nur ihre kleine Hand zuckte in Mauds Hand und sie sah erschrocken zur Mutter empor, mit verwunderten Augen.

„O Gott, was tut ihr?“ schrie Maud und kauerte sich nieder und umschlang Edith. Und die Tränen stürzten ihr vor Angst und Verzweiflung aus den Augen.

„Mac soll bezahlen!“

„Mac soll wissen, wie es tut!“

Ho! Ho! O, all diese rasenden Körper und unbarmherzigen Augen. Und die Hände schwangen Steine ...

Wäre Maud feige gewesen, hätte sie sich in die Knie geworfen und die Hände ausgestreckt, vielleicht hätte sie im letzten Augenblick noch in diesen rasenden Menschen ein menschliches Gefühl entfachen können. Aber Maud, die kleine sentimentale Maud, wurde plötzlich mutig! Sie sah, daß Edith aus dem Mund blutete und totenbleich geworden war, die Steine hagelten, aber sie flehte nicht um Gnade.

Sie richtete sich plötzlich rasend auf, ihr Kind an sich gezogen, und schrie mit funkelnden Augen in all diese haßerfüllten Gesichter hinein: „Ihr seid Tiere! Gesindel seid ihr, schmutziges Gesindel! Wenn ich meinen Revolver hätte — niederschießen würde ich euch, wie Hunde! O, ihr Tiere! Ihr feigen, gemeinen Tiere!“

Da traf Maud ein mit großer Wucht geschleuderter Stein an die Schläfe und sie stürzte, mit den Händen ausgreifend, ohne Laut über Edith hinweg zu Boden. Maud war klein und leicht, aber es klang, als sei ein Pfahl niedergestürzt und das Wasser spritzte empor.

Ein wildes Triumphgeheul erscholl. Schreie, Gelächter, wirre Rufe: „Mac soll bezahlen! Ja bezahlen soll er, am eigenen Leibe soll er fühlen — in der Falle fing er sie — Tausende —“

Nun aber wurde kein Stein mehr geschleudert! Die rasende Menge zog plötzlich weiter. „Laßt sie liegen, sie werden schon von selbst aufstehen!“ Nur die fanatische Italienerin beugte sich noch mit ihren entblößten hängenden Brüsten über die am Boden Liegenden und spie nach ihnen. Und nun die Häuser der Ingenieure! Fort, vorwärts! Alle sollten sie daran glauben! Aber die Wut war nach dem Überfall auf Maud abgekühlt. Alle hatten das dumpfe Gefühl, daß hier etwas geschehen sei, das nicht in Ordnung war. Truppe lösten sich ab und verstreuten sich über das Schuttfeld. Hunderte blieben unauffällig zurück und stolperten quer über die Schienen. Als die wütende Kopfgruppe, von der Italienerin angeführt, die Villen der Ingenieure erreichte, war sie so zusammengeschmolzen, daß ein einziger Polizist sie in Schach halten konnte.

Sie zerstreute sich nach und nach.

Und nun brach wieder der Schmerz aus, das Elend, die Verzweiflung. Überall liefen Frauen, die in die Schürze weinten. Im Regen liefen sie, im Wind, sie stolperten und achteten nicht auf den Boden.

Alle hatten sich rasend, grausam und schadenfroh, fortgerissen von einem dunkeln Massenwahnsinn, von Maud und Edith entfernt und die beiden lagen eine lange Zeit im Regen, mitten im Schuttfeld, von niemand beachtet.

Dann kam ein kleines Mädchen von zwölf Jahren mit herabhängenden roten Strümpfen zu ihnen. Sie hatte mit angesehen, wie man „Macs wife“ mit Steinen beworfen hatte. Sie kannte Maud, denn sie war im vorigen Jahr lange Wochen im Hospital gelegen.

Dieses Mädchen wurde von einem schlichten menschlichen Impuls hierhergetrieben. Da stand sie nun mit ihren herabhängenden Strümpfen und wagte sich nicht heran. In einiger Entfernung standen ein paar Frauen und Männer, die sich ebenfalls nicht heranwagten. Endlich ging das Mädchen etwas näher, bleich vor Angst und da hörte sie ein leises Wimmern.

Sie wich erschrocken zurück und begann plötzlich rasch zu laufen.

Das Hospital lag wie ausgestorben im rieselnden Regen und das Mädchen wagte nicht zu klingeln. Erst als jemand aus der Türe kam, eine Aufwärterin, trat das Mädchen ans Gitter und sagte, in die Richtung der Station deutend: „Sie liegen da drüben!“

„Wer liegt da drüben?“

„Macs wife and his little girl!“

Drunten in den Stollen liefen sie aber zu dieser Zeit immer noch ...

6.

Allan erfuhr bei seiner Ankunft in New York durch eine Depesche Harrimans, daß Maud und Edith vom Pöbel attackiert worden seien. Nicht mehr. Harriman besaß weder den Mut noch die Grausamkeit, Allan die ganze schreckliche Wahrheit zu sagen: daß Maud tot war und sein Kind im Sterben lag.

Als der Abend dieses entsetzlichen Tages dämmerte, kam Allan im Automobil von New York an. Er steuerte selbst, wie immer, wenn er eine außerordentliche Geschwindigkeit fuhr.

Sein Wagen flog in einem Höllentempo mitten durch die unabsehbare Menge von Weibern, Tunnelmännern, Journalisten und Neugierigen, die ihre Regenschirme aufgespannt hatten, zum Stationsgebäude. Jedermann kannte seinen schweren, staubgrauen Car und das Knarren seiner Hupe.

Im Augenblick war der Car von einer erregten Menge umringt. „Da ist Mac!“ schrien sie. „Da ist er! Mac! Mac!“

Aber als Allan sich erhob, schwiegen sie plötzlich still. Der Nimbus, der seine Person umgab, dieser Nimbus aus Karriere, Genie, Kraft erblaßte auch jetzt nicht und flößte der Menge Scheu und Achtung ein. Ja, nie erschien ihnen Allan achtunggebietender als in dieser Stunde, da ihn das Schicksal zerschmetterte. Und doch hatten sie, als sie da drinnen im Rauch um ihr Leben liefen, geschworen, ihn niederzuschlagen, wo sie ihn auch träfen.

„Macht Platz!“ schrie Allan mit lauter Stimme. „Es ist ein Unglück geschehen, das bedauern wir alle! Wir werden retten, was zu retten ist!“

Nun aber schwirrten von allen Seiten Stimmen auf. Es waren die gleichen Ausrufe, die man schon seit heute morgen ausstieß. „Du bist schuld ... Tausende sind tot ... in einer Falle hast du sie gefangen ...“

Allan blieb ruhig, den Fuß auf dem Trittbrett. Mit einem ungehaltenen, kühlen Blick begegnete er den erregten Stimmen, während sich sein breites Gesicht verfinsterte. Plötzlich aber — als er die Lippen öffnete zu einer Erwiderung — zuckte er zusammen. Ein Ruf hatte sein Ohr getroffen, der höhnische Wutschrei einer Frau, und dieser Schrei schnitt durch seinen ganzen Körper und er hörte die anderen Stimmen gar nicht mehr. Nur diesen einen gleichen Schrei, der wieder und wieder unerbittlich und furchtbar an sein Ohr hämmerte:

„Sie haben deine Frau und dein Kind erschlagen ...“

Allan wuchs, streckte sich, als wolle er weiter sehen, sein Kopf machte eine hilflose Drehung auf den breiten Schultern, sein dunkles Gesicht wurde plötzlich fahl und sein gesammelter Blick zerrann in den Augen und flackerte entsetzt. In allen Augen ringsum las er, daß diese schreckliche Stimme die Wahrheit sagte. Alle Augen schrien ihm das Entsetzliche zu.

Da verlor Allan die Herrschaft über sich. Er war der Sohn eines Bergmanns, ein Arbeiter wie sie alle, und sein erstes Gefühl war nicht Schmerz, sondern Wut.

Er warf den Chauffeur zur Seite und ließ den Wagen anspringen, bevor er noch hinter dem Steuerrad saß. Der Car stürzte sich mitten in die Menge hinein, die sich schreiend und entsetzt zur Seite warf.

Dann sahen sie ihm nach, wie er in die regengraue Dämmerung hineinschoß.

„Da hat er es nun!“ schrien höhnende Stimmen durcheinander. „Nun weiß er, wie es tut!“

Einzelne dagegen schüttelten den Kopf und sagten: „Es war nicht recht — eine Frau, ein kleines Kind ...“

Die rasende Italienerin aber schrie höhnend und gellend: „Ich habe die ersten Steine geworfen. Ich! Ich habe sie an die Stirn getroffen! Ja, hin mußten sie werden.“

„Ihn hättet ihr erschlagen sollen! Mac! Mac ist schuld! Aber seine Frau? Sie war ja ein so gutes Mädchen!“

„Erschlagt Mac!“ schrie die Italienerin, nach Luft ringend, im höchsten Diskant ihres schlechten Englisch. „Kill him! Schlagt ihn tot wie einen Hund!“

Das Haus lag verlassen in der elenden Dämmerung. Allan sah es an und wußte genug. Während er über den knirschenden Kiesweg des Vorgartens schritt, drängte sich ihm ein Erlebnis in den Sinn, das er vor Jahren, beim Bau der Bolivia-Anden-Bahn, gehabt hatte. Damals bewohnte er mit einem Freund eine Baracke zusammen und diesen Freund hatten Streikende erschossen. Er, Allan, kam ahnungslos von der Arbeit zurück, aber ganz rätselhafterweise machte die Baracke, in der der ermordete Freund lag, einen fremden, unerklärlich veränderten Eindruck auf ihn. Die gleiche Atmosphäre umlagerte sein Haus.

Im Vestibül roch es nach Karbol und Äther. Als er Ediths weißen kleinen Pelzmantel hängen sah, wurde es plötzlich dunkel vor seinen Augen und er wäre fast zusammengebrochen. Da hörte er eine Dienerin schluchzend rufen: „Der Herr — der Herr —!“ und bei dem Klang des Schmerzes und hilflosen Jammers dieser fremden Stimme faßte er sich wieder. Er trat in das halbfinstere Wohnzimmer, wo ihm ein Arzt entgegenkam.

„Herr Allan —!“

„Ich bin vorbereitet, Doktor,“ sagte Allan halblaut, aber mit solch ruhiger, alltäglicher Stimme, daß ihm der Arzt mit einem raschen Blick verwundert in die Augen sah. „Auch das Kind, Doktor?“

„Ich befürchte, es ist nicht zu retten. Die Lunge ist verletzt.“

Allan nickte stumm und ging zur Treppe. Es war ihm, als wirbele das helle klingende Gelächter seines kleinen Mädchens durch das Stiegenhaus. Oben stand eine Schwester, an Mauds Schlafzimmer, und gab Allan ein Zeichen.

Er trat ein. Es brannte nur eine Kerze im Zimmer. Maud lag auf dem Bett, langgestreckt, sonderbar flach, wächsern, starr. Ihr Antlitz war schön und friedevoll, aber es schien, als ob eine kleine, demütige und bescheidene Frage in ihren blutleeren Zügen stehen geblieben sei, ein leises Erstaunen auf ihren halb geöffneten fahlen Lippen. Der Spalt ihrer geschlossenen Augen glänzte feucht, wie von einer letzten kleinen Träne, die zerflossen war. Nie in seinem Leben vergaß Allan dieses feuchte Glänzen unter Mauds fahlen Lidern. Er weinte nicht, er schluchzte nicht, er saß mit offenem Mund neben ihrem letzten Lager und sah Maud an. Das Unbegreifliche hatte seine Seele gelähmt. Er dachte nichts. Aber die Gedanken gingen blaß und wirr in seinem Kopfe hin und her, er achtete ihrer nicht. Das war sie, seine kleine Madonna. Er hatte sie geliebt, er hatte sie aus Liebe geheiratet. Er hatte ihr, die aus einfachen Verhältnissen herauskam, ein glänzendes Leben geschaffen. Er hatte sie behütet und ihr täglich gesagt, auf die Automobile acht zu geben. Er hatte immer Angst um sie gehabt, ohne es ihr je zu sagen. Er hatte sie in den letzten Jahren vernachlässigt, weil ihn die Arbeit verschlang. Aber er hatte sie deshalb nicht weniger geliebt. Sein kleiner Narr, seine gute, süße Maud, das war sie nun. Verflucht sei Gott, wenn es einen gab, verflucht sei das hirnlose Schicksal!

Er nahm Mauds kleine, runde Hand und betrachtete sie mit hohlen, verbrannten Augen. Die Hand war kalt, aber sie mußte es ja sein, denn sie war tot, und die Kälte schreckte ihn nicht. Jede Linie dieser Hand kannte er, jeden Nagel, jedes Gelenk. Über die linke Schläfe hatte man den braunen seidigen Scheitel tiefer gestrichen. Aber er sah durch das Gespinst des Haares hindurch ein bläuliches, unscheinbares Mal. Hier hatte der Stein sie getroffen, dieser Stein, den er Tausende von Metern tief unter dem Meere hatte aus dem Berge sprengen lassen. Verflucht seien die Menschen und er selbst! Verflucht sei der Tunnel!

Ahnungslos war sie dem bösartigen Schicksal begegnet, als es blind und weitausschreitend vor Wut des Weges kam. Warum hatte sie seine Weisung nicht befolgt? Er hatte sie ja nur vor Schmähungen beschützen wollen.

Daran hatte er nicht gedacht! Warum war er nicht hier, gerade heute?

Allan dachte daran, daß er selbst zwei Menschen niedergeschossen hatte, als sie damals die Mine Juan Alvarez stürmten. Er hätte, ohne sich zu besinnen, Hunderte niedergeschossen, um Maud zu verteidigen. Er wäre ihr ins tiefe Meer gefolgt, keine Phrase, er hätte sie gegen hunderttausend wilde Tiere verteidigt, solange er noch einen Finger bewegen konnte. Aber er war nicht hier ...

Die Gedanken irrten in seinem Kopf, Liebkosungen und Flüche, aber er dachte gar nichts.

Da pochte es zaghaft an der Tür. „Herr Allan?“

„Ja?“

„Herr Allan ... Edith ...“

Er stand auf und sah nach, ob die Kerze fest im Leuchter stecke, damit sie nicht etwa umfalle. Dann ging er zur Tür und von hier aus sah er Maud nochmals an. In seinem Geiste sah er, wie er sich selbst über die geliebte Frau warf, sie umschlang, schluchzte, schrie, betete, sie um Verzeihung bat für jeden Augenblick, da er sie nicht glücklich gemacht hatte — in Wirklichkeit aber stand er an der Tür und sah sie an.

Dann ging er.

Auf dem Wege zum Sterbezimmer seines kleinen Mädchens holte er seine letzten Kräfte aus der Tiefe seines Herzens herauf. Er wappnete sich, indem er sich alle schrecklichen Augenblicke seines Lebens ins Gedächtnis zurückrief, all jene Unglücklichen, die das Dynamit zerfetzt und Gesteinssplitter perforiert hatten; jenen einen, den das Schwungrad mitnahm und an der Wand zerquetschte ... Und als er über die Schwelle trat, dachte er: „Denke daran, wie du einst Pattersons abgeschabten Stiefelschaft im verschütteten Flöz gespürt hast ...“

Er kam gerade noch recht, um die letzten erlöschenden Atemzüge seines kleinen süßen Engels zu erleben. Ärzte, Pflegerinnen und Dienstboten standen im Zimmer umher, die Mädchen weinten und selbst die Ärzte hatten Tränen in den Augen.

Aber Allan stand stumm und trocknen Auges da. „Denke, im Namen der Hölle, an Pattersons abgeschabten Stiefel, denke und schlage nicht hin vor den Leuten.“

Nach einer Ewigkeit richtete sich der Arzt am Bett auf und man hörte ihn atmen. Allan dachte, die Leute würden das Zimmer verlassen, aber sie blieben alle.

Da trat er ans Bett und streichelte Ediths Haar. Wäre er allein gewesen, so hätte er gerne nochmals ihren kleinen Körper in den Händen gefühlt, so aber wagte er nicht mehr zu tun.

Er ging.

Als er die Treppe hinabstieg, brach plötzlich lautes, jammerndes Geschrei über seinem Kopf zusammen, aber es war in Wahrheit ganz still bis auf ein leises Schluchzen.

Unten stieß er auf eine Pflegerin. Sie blieb stehen, da sie sah, daß er ihr etwas zu sagen wünschte.

„Fräulein,“ sagte er endlich mit großer Mühe, „wer sind Sie?“

„Ich bin Fräulein Evelin.“

„Fräulein Evelin,“ fuhr Allan fort, fremd, flüsternd, weich klang seine Stimme, „ich möchte Sie um einen Dienst bitten. Ich selbst will es nicht, ich kann es nicht — ich möchte eine kleine Strähne Haar von meiner Frau und meinem Kind gern aufbewahren. Könnten Sie das besorgen für mich? Aber niemand darf es wissen. Wollen Sie mir das versprechen?“

„Ja, Herr Allan.“ Sie sah, daß seine Augen voll Wasser standen.

„Ich werde Ihnen mein ganzes Leben lang dankbar sein, Fräulein Evelin.“

Im dunklen Wohnzimmer saß in einem Sessel eine Gestalt, eine schlanke Frau, die leise weinte und das Gesicht ins Taschentuch preßte. Als er vorbeikam, stand die Frau auf und streckte ihm die blassen Hände entgegen und flüsterte: „Allan —!“

Aber er ging vorüber und erst viele Tage später fiel ihm ein, daß die Frau Ethel Lloyd gewesen war.

Allan ging in den Garten hinunter. Es schien ihm schrecklich kalt geworden zu sein, tiefer Winter, und er wickelte sich fest in den Mantel. Eine Weile ging er auf dem Tennisplatz hin und her, dann schritt er zwischen nassen Büschen hinab zum Meer. Das Meer leckte und rauschte und warf gleichmäßig atmend seine Gischtkrausen über den nassen, glatten Sand.

Allan blickte über die Büsche und sah auf den Giebel des Hauses. Dort lagen sie. Und er blickte nach Südosten über das Meer. Dort unten lagen die andern. Dort unten lag Hobby, mit verkrampften Fingern und dem zurückgebogenen Hals der Erstickten.

Es wurde immer kälter. Ja, ein schauerlicher Frost schien vom Meer herzukommen. Allan war ganz aus Eis. Er fror. Seine Hände erstarrten genau wie in größter Winterkälte und sein Gesicht wurde steif. Er sah aber ganz deutlich, daß nicht einmal der Sand gefroren war, obwohl es knisterte, als zertrete er feine Eiskristalle.

Allan ging eine Stunde im Sand auf und ab. Es wurde Nacht. Dann ging er durch den vereisten, gefrorenen Garten hindurch und trat auf die Straße.

Andy, der Chauffeur, hatte die Lampen eingeschaltet.

„Fahre mich zur Station, Andy, fahre langsam!“ sagte Allan, tonlos und heiser, und stieg in den Wagen.

Andy wischte sich die Nase am Ärmel ab und sein Gesicht war naß von Tränen.

Allan vergrub sich in den Mantel und zog die Mütze tief über den Kopf. „Es ist merkwürdig,“ dachte er, „als ich von der Katastrophe hörte, habe ich zuerst an den Tunnel gedacht und dann erst an die Menschen!“ Und er gähnte. Er war so müde, daß er keine Hand rühren konnte.

Die Menschenmauer stand wie vorher, denn sie wartete auf die Rückkehr der Rettungszüge.

Niemand schrie mehr. Niemand schwang die Faust. Er war ihnen ja jetzt ähnlich geworden, er trug am gleichen Schmerz. Die Leute machten von selbst Platz, als Allan hindurchfuhr und ausstieg. Nie hatten sie einen Menschen so bleich gesehen.

7.

Allan betrat das kalte Beratungszimmer der Station, für gewöhnlich ein Wartsaal.

Auf den Baustellen gab es weder Zeremoniell noch Formalitäten. Niemand fiel es ein, den Hut abzunehmen oder sich irgendwie stören zu lassen. Heute aber verstummten augenblicklich die erregten Gespräche, und jene, die die Müdigkeit in einen Stuhl geworfen hatte, erhoben sich.

Harriman ging Allan mit verstörtem, erschöpftem Gesicht entgegen.

„Allan —?“ sagte er, lallend wie ein Betrunkener.

Aber Allan unterbrach ihn mit einer Handbewegung. „Später, Harriman.“

Er ließ sich aus der Kantine eine Tasse Kaffee bringen, und während er den Kaffee schlürfte, hörte er den Rapport der einzelnen Ingenieure an.

Er saß mit geducktem Kopf, sprungbereit, sah niemand an und schien kaum zuzuhören. Sein Gesicht war wie erstarrt vor Kälte, farblos, die Lippen bläulich angelaufen und weiß an den Rändern. Die bleigrauen Lider waren über die Augen gesunken, das rechte, das zuweilen nervös vibrierte, tiefer als das linke. Seine Augen aber hatten keinen menschlichen Blick mehr. Sie sahen aus wie Glasscherben, die böse glitzerten. Manchmal zitterten auch seine unrasierten Wangen und seine Lippen bewegten sich, als zerbeiße er Körner zwischen den Zähnen. Bei jedem Atemzug zuckten seine Nasenflügel, obgleich er lautlos atmete.

„Es steht also fest, daß Bärmann erschossen wurde?“

„Ja.“

„Und von Hobby hat man nichts gehört?“

„Nein. Aber man sah, daß er zum Vortrieb fuhr.“

Allan nickte und öffnete den Mund, als müsse er gähnen. „Go on!“

Der Tunnel war bis zum 340. Kilometer vollkommen in Ordnung und die von Ingenieuren bedienten Maschinen im Gang. Robinson, der die Rettungszüge führte, hatte telephoniert, daß der Rauch ein Vordringen über den 370. Kilometer hinaus unmöglich machte. Er kehre mit 152 Geretteten zurück.

„Wieviele sind demnach tot?“

„Nach den Kontrollmarken müssen es ungefähr 2900 sein.“

Lange, tiefe Pause.

Allans blaue Lippen zuckten, als kämpfe er gegen ein krampfhaftes Weinen. Er senkte den Kopf tiefer und schlürfte gierig den Kaffee.

„Allan!“ schluchzte Harriman.

Aber Allan sah ihn erstaunt und kühl an. „Go on!“

Robinson habe ferner telephoniert, daß Smith, der in der Station am 352. Kilometer arbeite, behaupte, es müsse tiefer drinnen eine Luftpumpe arbeiten, die telephonische Verbindung sei aber gestört.

Allan sah auf. „Hobby?“ dachte er. Aber er wagte es nicht, diese Hoffnung auszusprechen.

Dann kam Allan auf die Ereignisse über Tag zu sprechen. Harriman spielte keine glänzende Rolle. Müde, den schmerzenden Kopf in die Hand gestützt, saß er da, ohne einen Blick in den verquollenen Augen.

Als aber die Ausschreitungen und Zerstörungen erörtert wurden, wandte sich Allan mit einem plötzlichen Ruck an Harriman.

„Und wo waren Sie denn, Harriman?“ fragte er schneidend und voller Verachtung.

Harriman zuckte zusammen und hob die schweren Lider.

„Glauben Sie mir, Allan,“ schrie er erregt, „ich tat, was ich tun konnte! Ich versuchte alles. Ich konnte doch nicht etwa schießen!“

„Das sagen Sie!“ rief Allan und seine Stimme wurde drohender. „Sie hätten sich den rabiaten Leuten entgegenwerfen müssen, wenn sie Ihnen auch ein paar Löcher in den Kopf geworfen hätten. Sie haben doch Fäuste — oder? Sie hätten auch schießen können — ja, zum Teufel, weshalb nicht? Ihre Ingenieure standen da, Sie hatten nur zu befehlen.“

Harriman wurde purpurrot. Sein dicker Nacken schwoll an. Der drohende Ton Allans ging ihm ins Blut. „Was reden Sie, Allan!“ erwiderte er aufgebracht. „Sie haben die Leute nicht gesehen, Sie waren nicht hier.“

„Ich war nicht hier, leider! Ich habe geglaubt, mich auf Sie verlassen zu können. Ich habe mich getäuscht! Sie werden alt, Harriman! Alt! Ich brauche Sie nicht mehr. Gehen Sie in die Hölle!“

Harriman fuhr auf und stellte die roten Fäuste auf den Tisch.

„Ja, gehen Sie in die Hölle!“ schrie Allan nochmals brutal.

Harriman wurde weiß bis in die Lippen und starrte konsterniert in Allans Augen. Diese Augen blendeten vor Verachtung, Unbarmherzigkeit und Brutalität. „Sir!“ keuchte er und richtete sich tief beleidigt auf.

Da sprang auch Allan auf und pochte mit den Knöcheln auf den Tisch, daß es prasselte. „Verlangen Sie jetzt keine Höflichkeiten von mir, Harriman!“ schrie er laut. „Gehen Sie!“ Und Allan deutete zur Türe.

Harriman schwankte und ging. Sein Gesicht war vor Schmach grau geworden. Es ging ihm durch den Sinn, Allan zu sagen, daß sein Sohn gestorben sei und er den ganzen Vormittag gegen eine doppelte Dosis Schlafmittel angekämpft habe. Aber er sagte nichts. Er ging.

Wie ein alter, gebrochener Mann ging er die Treppe hinunter, die Augen auf den Boden gerichtet. Ohne Hut.

„Harriman ist geflogen!“ höhnten die Leute. „Der Bull ist geflogen!“ Aber er hörte es nicht. Er weinte leise.

Nachdem Harriman das Zimmer verlassen hatte, ging Allan noch mit fünf Ingenieuren ins Gericht, die ihre Posten verlassen hatten und mit den fliehenden Mannschaften ausgefahren waren. Er entließ sie auf der Stelle.

Es blies ein verflucht scharfer Wind heute und die Ingenieure erwiderten kein Wort.

Hierauf verlangte Allan Robinson telephonisch zu sprechen. Ein Beamter rief die Stationen an und befahl ihnen, Robinsons Zug zu stoppen. Allan studierte unterdessen den Plan des zerstörten Stollens. Es war so still, daß man durch die zerschlagenen Scheiben den Regen hereintropfen hörte.

Zehn Minuten später stand Robinson am Apparat. Allan führte ein langes Gespräch mit ihm. Nichts von Hobby! Ob er, Robinson, es für möglich halte, daß noch Leute in den verqualmten Stollen lebten? Das sei nicht ausgeschlossen.

Allan gab seine Befehle. Nach ein paar Minuten flog ein Zug aus drei Waggons mit Ingenieuren und Ärzten die Trasse hinab und verschwand im Tunnel.

Allan führte selbst und der Zug raste in einem so tollen Tempo durch den dröhnenden leeren Tunnel, daß Allans Begleiter, die an große Geschwindigkeiten gewöhnt waren, unruhig wurden. Nach einer knappen Stunde begegneten sie Robinson. Sein Zug war voller Menschen. Die Leute auf den Waggons, die Allan Rache geschworen hatten, murrten laut, mit finstern Mienen, als sie ihn in der Finsternis beim Schein der Lampen erkannten.

Allan fuhr weiter. Er bog bei der nächsten Weiche auf Robinsons Geleise über, weil er sicher war, es frei zu finden, und verminderte sein rasendes Tempo erst, als sie mitten im Rauch waren.

Selbst hier in den verqualmten Stationen arbeiteten Ingenieure. Sie hatten die eisernen Schiebetüren zugezogen, an denen sich der Rauch wie ein Gebirge zusammengeballter Wolken vorüberwälzte. Aber die Stationen waren trotzdem so sehr mit Rauch angefüllt, daß ein längerer Aufenthalt nur möglich war, weil die Maschinen fortwährend neue Luft einpreßten und genügend Sauerstoffapparate vorhanden waren. Wie für Allan war der Tunnel für die Ingenieure ein Werk, für das sie Gesundheit und Leben einsetzten.

In der Station am 352. Kilometer trafen sie Smith, der hier mit zwei Maschinisten die Maschinen bediente. Er wiederholte, daß eine Luftpumpe tiefer im Tunnel in Gang sein müsse, und Allan dachte wieder an Hobby. Wenn ihm das Schicksal doch wenigstens den Freund erhalten hätte!

Er drang sofort tiefer in den Stollen ein. Aber der Zug kam nur langsam vorwärts, denn häufig versperrten Steinblöcke den Weg. Der Rauch war so dick, daß der Lichtkegel der Scheinwerfer wie von einer Mauer abprallte. Nach einer halben Stunde wurde der Train von einer großen Menge Leichen aufgehalten. Allan stieg ab und ging, die Rauchmaske vor dem Gesicht, in den Rauch hinein. Im Augenblick war seine Blendlampe verschwunden.

Es war vollkommen still um ihn. Kein Laut, nur das Ventil seines Sauerstoffapparates knackte leise. Allan stöhnte. Hier hörte ihn ja niemand. Seine Brust war eine einzige tobende Wunde. Stöhnend und knirschend wie ein verwundetes Tier wanderte er vorwärts und zuweilen wollte er zusammenbrechen unter der ungeheuren Last seines ungeheuren Schmerzes.

Alle paar Schritte stieß er auf Körper. Aber wenn er sie ableuchtete, so waren es stets unzweifelhaft tote Menschen, die ihn anstarrten aus gräßlich verzerrten Gesichtern. Hobby war nicht unter ihnen.

Plötzlich hörte er ein Keuchen und hob die Lampe. Gleichzeitig berührte eine Hand seinen Arm und eine keuchende Stimme flüsterte: „Sauvé!“ Ein Mensch brach vor ihm zusammen. Es war ein junger Bursche, der nur eine Hose trug. Allan nahm ihn auf die Arme und trug ihn zurück zum Zuge und er erinnerte sich, daß ihn einst ein Mann in ähnlicher Situation durch einen dunklen Stollen getragen hatte. Die Ärzte brachten den Ohnmächtigen rasch ins Bewußtsein zurück. Er hieß Charles Renard, Kanadier, und erzählte, daß die Wetterführung drinnen funktioniere und er diesem Umstand sein Leben verdanke. Ob er noch Zeichen von Leben in den Stollen beobachtet habe?

Der Gerettete nickte. „Ja,“ sagte er, „ich habe zuweilen Gelächter gehört.“

„Gelächter??“ Sie sahen einander entsetzt an.

„Ja, Gelächter. Ganz deutlich.“

Allan verlangte telephonisch Züge und Ablösungen.

Augenblicklich drang er wieder vor. Die Glocke gellte. Es war eine mörderische Arbeit und der Rauch trieb sie häufig zurück. Gegen Mittag gelang es ihnen, bis in die Nähe des 380. Kilometers vorzudringen und hier vernahmen sie plötzlich ein schrilles, fernes Lachen. Dieser Laut in dem schweigenden, rauchenden Stollen war das Entsetzlichste, was sie je gehört hatten. Sie erstarrten und niemand atmete. Dann eilten sie weiter. Das Lachen wurde immer deutlicher, es klang wild und irrsinnig, so wie es die Taucher zuweilen aus verunglückten Unterseebooten gehört haben, in denen die Besatzung erstickte.

Schließlich erreichten sie eine kleine Station und drangen ein. Da sahen sie im Dunst zwei, drei, vier Menschen, die sich am Boden wälzten, tanzten unter schauerlichen Verrenkungen und dabei fortwährend ein schrilles, delirierendes Gelächter ausstießen. Die Luft pfiff aus der Wetterführung in die Station, so daß die Unglücklichen am Leben geblieben waren. In ihrer nächsten Nähe befanden sich Sauerstoffapparate — unberührt.

Die Unglücklichen aber schrien vor Entsetzen auf und wichen zurück, als sie plötzlich Licht sahen und Menschen mit Masken vor dem Gesicht. Sie flohen alle in eine Ecke, wo ein toter Mann ausgestreckt und still lag, beteten und winselten vor Angst. Es waren Italiener.

„Ist hier jemand, der italienisch spricht?“ fragte Allan. „Nehmen Sie die Masken ab.“

Ein Arzt trat vor und begann, vom Husten erstickt, mit den Wahnsinnigen zu sprechen.

„Was sagen sie?“

Der Arzt konnte vor Entsetzen kaum reden.

„Wenn ich sie richtig verstehe, so glauben sie, sie seien in der Hölle!“ sagte er mit Anstrengung.

„So sagen Sie ihnen in Gottes Namen, wir seien gekommen, sie in den Himmel zu führen,“ rief Allan.

Der Arzt sprach und sprach und endlich verstanden sie ihn.

Sie weinten, sie knieten, sie beteten und streckten flehend die Hände aus. Als man sich ihnen aber näherte, begannen sie zu rasen. Sie mußten einzeln überwältigt und gebunden werden. Einer starb auf der Ausfahrt, zwei kamen in eine Anstalt, der vierte aber erholte sich rasch und war gesund.

Allan kehrte von dieser Expedition halb bewußtlos nach Smiths Station zurück. Wollte das Entsetzen kein Ende nehmen? Er saß da, rasch atmend, vollkommen erschöpft. Er war nun sechsunddreißig Stunden ohne Schlaf.

Aber die Ärzte drangen vergebens in ihn, auszufahren.

8.

Der Rauch kroch vorwärts. Langsam, schrittweise, wie ein bewußtes Wesen, das erst tastet, bevor es einen Schritt macht. Er leckte in die Querschläge hinein, in die Stationen, schlüpfte an der Decke entlang und füllte alle Räume aus. Die Grubenventilatoren saugten, die Pumpen preßten Millionen von Kubikmetern frische Luft hinein. Und endlich, ganz unmerklich, begann der Rauch dünner zu werden.

Allan erwachte und blickte mit schmerzenden, entzündeten Augen in den milchigen Dunst hinein. Er wußte nicht sofort, wo er war. Dicht vor ihm lag eine niedrige, langgestreckte Maschine aus blankem Stahl und Kupfer, deren Mechanismus lautlos spielte. Das halb in den Boden versenkte Schwungrad schien still zu stehen, aber als er es länger betrachtete, entdeckte er auf und ab gleitende Glanzstreifen: es machte neunhundert Umdrehungen in der Minute und war so genau gearbeitet, daß es den Eindruck des Stillstehens hervorrief. Da fiel ihm auch ein, wo er sich befand. Er war noch immer in Smiths Station. Eine Gestalt wogte im Nebel.

„Sind Sie es, Smith?“

Die Gestalt kam näher und er erkannte Robinson.

„Ich habe Smith abgelöst, Allan,“ sagte Robinson, ein langer, magerer Amerikaner.

„Habe ich lange geschlafen?“

„Nein, eine Stunde.“

„Wo sind die andern?“

Robinson berichtete, daß die andern die Strecke freizumachen versuchten. Der Rauch verteile sich und werde erträglicher. In der neunzehnten Station (380. Kilometer) befänden sich noch sieben Menschen am Leben.

Immer noch Lebende? Barg dieser schauerliche Stollen immer noch Menschen?

Und Robinson berichtete weiter, daß in der neunzehnten Station ein Ingenieur namens Strom die Maschinen bediene. Er habe sechs Menschen aufgenommen und alle befänden sich wohl. Die Ingenieure hätten sie noch nicht erreichen können, die telephonische Verbindung aber hergestellt und mit der Station gesprochen.

„Ist Hobby unter ihnen?“

„Nein.“

Allan blickte zu Boden. Und nach einer Pause sagte er: „Wer ist das — Strom?“

Robinson zuckte die Achseln.

„Das ist das Sonderbare. Niemand kennt ihn. Er ist kein Tunnelingenieur.“

Da erinnerte sich Allan, daß Strom ein Elektrotechniker war, der auf einem der Kraftwerke auf den Bermudas arbeitete. Später stellte sich folgendes heraus: Strom hatte lediglich den Tunnel besichtigt. Er war zur Zeit der Explosion in Bärmanns Bezirk gewesen und hatte die neunzehnte Station etwa drei Kilometer hinter sich. Diese Station hatte er vor einer Stunde besichtigt, und da er der Bedienungsmannschaft dieser Station kein großes Vertrauen schenkte, so war er sofort zurückgekehrt. Strom war der einzige, der in den Tunnel hinein wanderte, anstatt auswärts zu fliehen.

Ein paar Stunden später traf ihn Allan. Strom hatte achtundvierzig Stunden lang gearbeitet, aber niemand sah ihm eine Erschöpfung an. Es fiel Allan besonders auf, wie ordentlich sein Haar noch gescheitelt war. Strom war nicht groß, schmalbrüstig, kaum dreißig Jahre alt, ein Deutschrusse aus den baltischen Provinzen, mit magerem bewegungslosen Gesicht, dunkeln kleinen Augen und schwarzem Spitzbart.

„Ich wünsche, daß wir Freunde werden, Strom!“ sagte Allan zu dem jungen Mann, dessen Kühnheit er bewunderte, und drückte ihm die Hand.

Aber Strom veränderte keine Miene und machte nur eine kleine höfliche Verbeugung.

Strom hatte sechs verzweifelte Läufer in seiner Station aufgenommen. Die Türritzen gegen den Stollen hatte er mit ölgetränktem Werg verstopft, so daß die Luft verhältnismäßig erträglich war. Strom hatte ununterbrochen Luft und Wasser in den brennenden Stollen gepumpt. Er hätte seine Position aber höchstens noch drei Stunden halten können, dann wäre er elend erstickt — und er wußte es ganz genau!

Von dieser vorgeschobenen Station aus mußten sie zu Fuß vordringen. Über entgleiste, umgestürzte Waggons, Gesteinshaufen, Schwellen und geknickte Pfosten kletterten sie Schritt für Schritt vorwärts, in den Rauch hinein. Hier lagen die Leichname in Haufen! Dann kam eine freie Strecke und sie schritten rasch aus.

Plötzlich blieb Allan stehen.

„Horch!“ sagte er. „War das nicht eine Stimme?“

Sie standen und lauschten. Sie hörten nichts.

„Ich hörte deutlich eine Stimme!“ wiederholte Allan. „Lauschen Sie, ich werde rufen.“

Und in der Tat, auf Allans Ruf antwortete ein feiner, leiser Ton, so wie eine Stimme ganz fern in der Nacht klingt.

„Es ist jemand im Stollen!“ sagte Allan erregt.

Nun glaubten auch die andern einen feinen, fernen Ruf zu vernehmen.

Rufend und aufhorchend suchten sie den finstern Stollen ab. Zuletzt stießen sie in einem Querschlag, in den die Wetterführung wie ein Sturmwind hineinpfiff, auf einen Greis, der am Boden saß und den Kopf gegen die Wand lehnte. Neben ihm lag ein toter Neger mit einem runden offenen Mund voller Zähne. Der Greis lächelte schwach. Er machte den Eindruck eines Hundertjährigen, abgemagert, welk, mit schneeweißen dünnen Haaren, die im Luftzug flatterten. Seine Augen waren unnatürlich aufgerissen, so daß rings um die Pupillen die weiße Hornhaut sichtbar war. Er war zu erschöpft, um sich noch bewegen zu können, er vermochte nur noch zu lächeln.

„Ich wußte ja, Mac, daß du kommen würdest, um mich zu holen!“ flüsterte er kaum verständlich.

Da erkannte ihn Allan.

„Das ist ja Hobby!“ rief er erschrocken und erfreut aus und zog den Greis empor.

„Hobby?“ sagten die andern ungläubig, denn sie erkannten ihn nicht wieder.

„Hobby — —?“ fragte Allan, der seine Freude und Rührung kaum verbergen konnte.

Hobby machte eine matte Bewegung mit dem Kopfe. „I am all right,“ flüsterte er. Dann deutete er auf den toten Neger und sagte: „Der Nigger machte mir viele Arbeit, aber zuletzt ist er mir doch gestorben.“

Hobby schwebte wochenlang im Hospital zwischen Tod und Leben, bis ihn seine kräftige Natur durchriß. Aber er war nicht mehr der alte Hobby.

Hobbys Gedächtnis war gestört und er konnte nie sagen, wie er bis zu diesem vorgeschobenen Querschlag gekommen war. Tatsache war nur, daß er Sauerstoffapparate und Lampen bei sich hatte, die aus jenem kleinen Querschlag stammten, in dem am Tage vor der Katastrophe der tote Monteur gelegen war. Jackson, der Neger, war übrigens nicht erstickt, sondern vor Hunger und Entkräftung gestorben.

Vereinzelt kamen die Züge aus dem Tunnel, vereinzelt stürzten sie sich hinein. Die Bataillone der Ingenieure schlugen sich drinnen heldenhaft mit dem Rauch. Der Kampf war nicht ungefährlich. Dutzende erkrankten schwer an Rauchvergiftung und fünf starben, drei Amerikaner, ein Franzose und ein Japaner.

Die Arbeiterheere selbst blieben untätig. Sie hatten die Arbeit niedergelegt. Zu Tausenden standen sie in langen Reihen auf den Terrassen und sahen zu, was Allan und seine Ingenieure trieben. Sie standen und regten keine Hand. Die großen Lichtmaschinen, Ventilatoren und Pumpen wurden von Ingenieuren bedient, die vor Ermüdung kaum die Augen offen halten konnten. Und unter die frierenden Arbeiterhorden mischten sich die zahllosen Neugierigen, die die Atmosphäre des Schreckens angezogen hatte. Stündlich spien die Züge neue Scharen aus. Die Strecke Hoboken-Mac-City machte glänzende Geschäfte. Sie nahm in einer Woche zwei Millionen Dollar ein; das Syndikat hatte sofort die Fahrpreise erhöht. Das Tunnelhotel war angefüllt mit Reportern der Zeitungen. Tausende von Automobilen rollten durch die Schuttstadt, vollgepackt mit Damen und Herren, die einen Blick auf die Stätte des Unheils werfen wollten. Sie plauderten und schwätzten und brachten reichhaltige Frühstückskörbe mit. Alle aber starrten mit geheimem Grauen auf die vier Rauchsäulen, die unausgesetzt aus den Glasdächern dicht über der Tunnelmündung in den blauen Oktoberhimmel emporwirbelten. Das war der Rauch, den die Ventilatoren aus den Stollen saugten. Und doch waren da drinnen Menschen! Stundenlang konnten diese Neugierigen warten, obschon sie nichts sahen, denn die Leichname wurden nur in der Nacht herausgebracht. Ein süßlicher Geruch von Chlorkalk drang aus dem Stationsgebäude.

Die Aufräumungsarbeiten nahmen viele Wochen in Anspruch. In dem zum größten Teil ausgebrannten Holzstollen war die Arbeit am schwersten. Man konnte nur schrittweise vorwärtsdringen. Die Leichen lagen hier in Haufen. Sie waren meistens schrecklich verstümmelt und zuweilen war es schwer zu unterscheiden, ob man einen verkohlten Pfosten oder einen verkohlten Menschen vor sich hatte. Sie waren überall. Sie lagen unter dem Schutt, sie hockten hinter angekohlten Balken und grinsten den Vordringenden entgegen. Die Mutigsten selbst überkam Furcht und Grausen in dieser entsetzlichen Totenkammer.

Allan war immer an der Spitze, unermüdlich.

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