Dritter Teil
Reading edition
1.
Unterdessen hatten sich Mac Allans Bohrmaschinen an den fünf Arbeitszentralen schon meilenweit in die Finsternis hineingefressen. Wie zwei schauerliche Tore, die in die Unterwelt hinabführen, sahen diese Tunnelmündungen aus.
Tag und Nacht aber, ohne jede Pause, kamen endlose Gesteinszüge im Schnellzugstempo aus diesen Toren heraufgeflogen, Tag und Nacht, ohne Pause, stürzten sich Arbeiter- und Materialzüge in rasendem Tempo hinein. Wie Wunden waren diese Doppelstollen, brandige schwarze Wunden, die immerzu Eiter ausspien und frisches Blut verschlangen. Da drinnen aber, in der Tiefe, tobte der tausendarmige Mensch!
Mac Allans Arbeit war nicht jene Arbeit, die die Welt bisher kannte, sie war Raserei, ein höllischer Kampf um Sekunden. Er rannte sich den Weg durchs Gestein!
Die gleichen Maschinen, das gleiche Bohrermaterial vorausgesetzt, hätte Allan mit den Arbeitsmethoden früherer Zeiten zur Vollendung des Baus neunzig Jahre gebraucht. Er arbeitete aber nicht acht Stunden täglich, sondern vierundzwanzig. Er arbeitete Sonn- und Feiertage. Bei den „Vortrieben“ arbeitete er mit sechs Schichten; er zwang seine Leute, in vier Stunden das zu leisten, was sie bei langsamem Tempo in acht Stunden geleistet haben würden. Auf diese Weise erzielte er eine sechsfache Arbeitsleistung.
Der Ort, wo die Bohrmaschine arbeitete, der Vortrieb, hieß bei den tunnelmen die „Hölle“. Der Lärm war hier so ungeheuer, daß fast alle Arbeiter mehr oder weniger taub wurden, trotzdem sie die Ohren mit Watte verstopft hatten. Die Allanschen Bohrer, die den Berg perforierten, setzten mit einem klirrenden Schrillen ein, der Berg schrie wie tausend Kinder auf einmal in Todesangst, er lachte wie ein Heer Irrsinniger, er delirierte wie ein Lazarett von Fieberkranken und endlich donnerte er wie große Wasserfälle. Durch den kochend heißen Stollen heulten fünf Meilen weit schreckliche, unerhörte Töne und Interferenzen, so daß niemand es gehört haben würde, wenn der Berg in Wirklichkeit zusammengestürzt wäre. Da das Getöse Kommando und Hornsignale verschluckt hätte, so mußten alle Befehle auf optischem Wege gegeben werden. Riesige Scheinwerfer schleuderten ihre grellen Lichtkegel bald gleißend weiß, bald blutrot in das Chaos von schweißüberströmten Menschenknäueln, Leibern, stürzenden Steinen, die selbst wieder Menschenleibern ähnlich sahen, und der Staub wälzte sich wie dicke Dampfwolken im Lichtkegel der Reflektoren. Mitten in diesem Chaos von rollenden Leibern und Steinen aber bebte und kroch ein graues, staubbedecktes Ungetüm, wie ein Ungeheuer der Vorzeit, das sich im Schlamm gewälzt hatte: Allans Bohrmaschine.
Von Allan ersonnen bis auf die kleinste Einzelheit, glich sie einem ungeheuren, gepanzerten Tintenfisch, Kabel und Elektromotoren als Eingeweide, nackte Menschenleiber im Schädel, einen Schwanz von Drähten und Kabeln hinter sich nachschleifend. Von einer Energie, die der von zwei Schnellzugslokomotiven entsprach, angetrieben, kroch er vorwärts, betastete mit seinen Fühlern, Tastern, Lefzen des vielgespaltenen Maules den Berg, während er helles Licht aus den Kiefern spie. Bebend in urtierischem Zorn, hin- und herschwankend vor Wollust des Zerstörens fraß er sich heulend und donnernd bis an den Kopf hinein ins Gestein. Er zog die Fühler und Lefzen zurück und spritzte etwas in die Löcher, die er gefressen hatte. Seine Fühler und Lefzen waren Bohrer mit Kronen aus Allanit, hohl, mit Wasser gekühlt, und was er durch die hohlen Bohrer in die Löcher spie, war Sprengstoff. Wie der Tintenfisch des Meeres, so änderte er plötzlich seine Farbe. Aus seinen Kiefern dampfte Blut, seine Rückennarbe funkelte böse drohend, und unheimlich wie der Tintenfisch des Meeres zog er sich zurück, in roten Dunst eingehüllt — und wieder kroch er vorwärts. Vor und zurück, Tag und Nacht, jahrelang, ohne Pause.
Sobald er die Farbe wechselt und sich zurückzieht, stürzt sich eine Rotte Menschen die Gesteinswand hinauf und windet fieberhaft die Drähte zusammen, die aus den Bohrlöchern hängen. Und wie vom Grauen gepeitscht jagt die Rotte zurück. Es grollt, donnert, dröhnt. Der zerschmetterte Berg rollt den Fliehenden drohend nach, ein Steinhagel jagt vor ihm her und prasselt gegen die Panzerplatten der Bohrmaschine. Wolken von Staub wälzen sich dem roten Glutatem entgegen. Plötzlich blendet er wieder grellweiß und Horden halbnackter Menschen stürmen in die brodelnde Staubwolke hinein und stürzen den noch rauchenden Schutthaufen hinauf.
Das gierig vorwärtsrollende Ungetüm aber streckt Freßwerkzeuge schauerlicher Art aus, Zangen, Krane, es schiebt seinen stählernen Unterkiefer vor und in die Höhe und frißt Gestein, Felsen, Schutt, den hundert Menschen mit verzerrten Gesichtern, glänzend von Schweiß, ihm in den Rachen werfen. Seine Kiefer beginnen zu mahlen, zu schlingen, der bis zum Boden schleifende Bauch schluckt und zum After kommt ein endloser Strom von Felsen und Steinen heraus.
Die hundert schweißtriefenden Teufel da oben taumeln zwischen dem rollenden Gestein, zerren an Ketten, schreien, brüllen und der Schuttberg schmilzt und sinkt sichtbar unter ihren Füßen zusammen. Fort, das Gestein muß aus dem Wege, das ist die Losung!
Schon aber meißeln und bohren und wühlen schmutzgetigerte Menschenklumpen unter den Freßwerkzeugen des Ungeheuers, um ihm den Weg zu ebnen. Männer mit Schwellen und Schienen keuchen heran, die Schwellen werden gebettet, die Schienen festgeschraubt, und das Ungeheuer wälzt sich vorwärts.
An seinem schmutzbedeckten Leib, seinen Flanken, seinem Bauch, seinem gewölbten Rücken hängen winzige Menschen. Sie bohren Löcher in Decke und Wände, den Boden, in hervorstehende Blöcke, so daß sie jederzeit im Augenblick mit Patronen gefüllt und abgesprengt werden können.
So fieberhaft und höllisch die Arbeit vor der Bohrmaschine wütete, so fieberhaft und höllisch tobte sie hinter ihr, wo der endlose Strom von Gestein herausquoll. Eine knappe halbe Stunde später mußte die Maschine zweihundert Meter rückwärts freie Fahrt haben, um das Sprengen abwarten zu können.
Sobald das Gestein auf dem ewig wandernden Rost unter dem Bauch der Maschine hervorkam, sprangen herkulische Burschen darauf und versicherten sich der großen Blöcke, die Menschenkraft nicht heben konnte. Während sie auf dem Rost, der zehn Schritte hinter die Maschine reichte, mitwanderten, befestigten sie die Ketten, die um die großen Blöcke geschlungen waren, an den Kranen, die aus der Rückwand der Maschine starrten und die Blöcke hoben.
Der ewig wandernde Rost aber schüttete die Gesteinsmassen prasselnd und krachend in niedrige, eiserne, verbeulte Karren, den Hunden in den Kohlengruben ähnlich, die, ein endloser Zug, vom linken Schienenstrang auf den rechten mit Hilfe eines halbkreisförmigen Verbindungsgeleises geführt wurden und gerade so lange hinter dem Rost stockten, als nötig war, um Gestein und Blöcke aufzunehmen. Sie wurden von einer mit Akkumulatoren gespeisten Grubenlokomotive gezogen. Klumpen von Menschen mit bleichen Gesichtern, einen Brei von Schmutz auf den Lippen, taumelten um Rost und Hunde, wühlten, wälzten, schaufelten und schrien, und das grelle Licht der Scheinwerfer blendete unbarmherzig auf sie hernieder, während die Luft der Wetterführung wie ein Sturmwind in sie hineinpfiff.
Die Schlacht bei der Bohrmaschine war mörderisch und täglich gab es Verwundete und häufig Tote.
Nach einer vierstündigen Raserei wurden die Mannschaften abgelöst. Vollkommen erschöpft, gekocht in ihrem eigenen Schweiß, bleich und halb bewußtlos vor Herzschwäche, warfen sie sich auf das nasse Gestein eines Waggons und schliefen augenblicklich ein, um erst über Tag zu erwachen.
Die Arbeiter sangen ein Lied, das einer aus ihren Reihen gedichtet hatte. Dieses Lied begann:
Drinnen, wo der Tunnel donnert In der heißen Hölle, Brüder, Gee, wie ist die Hölle heiß! Einen Dollar extra für die Stunde, Für die Stunde einen Dollar extra Zahlt dir Mac für deinen Schweiß ...
Zu Hunderten flohen sie die „Hölle“ und viele brachen nach kurzer Zeit für immer zusammen. Aber es kamen immer neue!
2.
Die kleine Grubenlokomotive aber rasselte mit den beladenen Hunden kilometerweit durch den Tunnel, bis dahin, wo die Eisenbahnwaggons standen, die die Hunde an Kranen in die Höhe zogen und entleerten. Waren die Waggons gefüllt, so fuhren die Züge ab — in jeder Stunde ein Dutzend und mehr — und neue, mit Material und Menschen standen an ihrer Stelle.
Die amerikanischen Stollen waren gegen das Ende des zweiten Jahres fünfundneunzig Kilometer weit vorgetrieben worden und diese ganze mächtige Strecke entlang fieberte und tobte die Arbeit. Denn Allan peitschte unaufhörlich zur größten Kraftanspannung an, täglich, stündlich. Rücksichtslos verabschiedete er Ingenieure, die ihre geforderten Kubikmeter nicht bewältigen konnten, rücksichtslos entließ er Arbeiter, die den Atem verloren.
Wo noch die eisernen Hunde rasseln und der zerfetzte Stollen von Staub, Steinsplittern und einem donnernden Getöse erfüllt ist, sind Bataillone von Arbeitern beim Schein der Reflektoren beschäftigt, Balken und Pfosten und Bretter zu schleppen, um den Stollen gegen hereinbrechendes Gestein zu sichern. Eine Schar von Technikern legt die elektrischen Kabel und provisorischen Schläuche und Röhren für Wasser und zugepumpte Luft.
Bei den Zügen stürzen Horden von Menschen hin und her, um das Material abzuladen und über die Strecke zu verteilen, so daß man nur hinzugreifen hatte, wenn man es brauchte: Balken, Bretter, Klammern, Eisenträger, Schrauben, Röhren, Kabel, Bohrer, Sprenghülsen, Ketten, Schienen, Schwellen.
Von dreihundert zu dreihundert Metern aber wütet ein Trupp schmutziger Gestalten zwischen den Pfosten mit Bohrern gegen die Stollenwand. Sie sprengen und schlagen eine Nische so hoch wie ein Mann und sobald ein Zug gellend vorbeikommt, flüchten sie zwischen die Pfosten. Bald aber ist die Nische so tief, daß sie sich nicht mehr um die Züge zu kümmern brauchen, und nach einigen Tagen klingt die Wand hohl, sie stürzt ein und sie stehen im Parallelstollen, wo die Züge vorbeifliegen wie drüben. Dann marschieren sie ihre dreihundert Meter weiter, um den neuen Querschlag in Angriff zu nehmen.
Diese Querschläge dienen zur Ventilation, zu hundert anderen Zwecken.
Ihnen auf den Fersen aber folgt ein Trupp, dessen Aufgabe darin besteht, diese schmalen Verbindungsgänge kunstgerecht auszumauern. Jahraus, jahrein tun sie nichts anderes. Nur jeden zwanzigsten Querstollen lassen sie stehen wie er ist.
Weiter, vorwärts!
Ein Zug rauscht heran und hält bei dem zwanzigsten Querschlag. Eine Schar geschwärzter Burschen springt von den Waggons, und Bohrer, Spitzhacken, Eisenträger, Zementsäcke, Schienen, Schwellen wandern über ihre Schultern blitzschnell in den Querstollen hinein, während hinten schon die Glocken der aufgehaltenen Züge ungeduldig gellen. Weiter! Die Züge rollen. Der Querstollen hat die geschwärzten Burschen verschluckt, die Bohrer schrillen, es knallt, das Gestein birst, der Stollen wird breiter und breiter, er steht schräg zu den Tunneltrassen, Eisen und Beton sind seine Wände, seine Decke, sein Boden. Ein Geleise führt durch ihn hindurch: eine Weiche.
Diese Weichen haben den ganz unschätzbaren Wert, daß man von sechs zu sechs Kilometern nach Belieben die ewig rollenden Material- und Gesteinszüge des einen Stollens auf den anderen überführen kann.
Auf diese höchst simple Weise ist eine Strecke von sechs Kilometern isoliert für den Ausbau.
Der sechs Kilometer lange Wald von Kronbalken, Pfosten, Stempeln, Riegeln verwandelt sich in einen sechs Kilometer langen Wald aus Eisenrippen und Eisenfachwerk.
Wo es eine Hölle gibt, da gibt es auch ein Fegfeuer. Und wie es beim Tunnelbau „hellmen“ gab, so gab es „purgatorymen“, denn diese Baustelle hieß „purgatory“.
Hier ist freie Bahn und ein Meer von Waggons wälzt sich in diesen Stollenabschnitt und Trauben von Menschen hängen an den Waggons. An hundert Orten zugleich beginnt die Schlacht: Kanonenschüsse, Hornsignale, das Blitzen der Scheinwerfer. Der Stollen wird zur erforderlichen Breite und Höhe ausgesprengt. Es dröhnt, wie wenn Geschosse in ein Panzerschiff einschlagen. Eisenträger und Schienen, die auf den Boden donnern. Mennigrotes Eisen überschwemmt den Stollen, Rippen, Platten, gewalzt in den Werken von Pennsylvania, Ohio, Oklahoma und Kentucky. Die alten Schienen werden aufgerissen, das Dynamit und Melinit schlitzt die Sohle auf, Pickel und Schaufeln wirbeln. Achtung! Es heult und keucht, verzerrte Mäuler, geschwollene Muskeln, zuckende Schläfenadern, wie Nattern geringelt, Leib hinter Leib: sie schleppen die Sohlenstücke heran, mächtige Doppel-T-Träger, die bestimmt sind, die Schiene der Tunnelzüge (denn die Tunnelbahn wird als Einschienenbahn gebaut) zu tragen. Rudel von Ingenieuren mit Meßinstrumenten und Apparaten liegen am Boden und arbeiten mit Anspannung all ihrer Nerven, während der Schweiß ihre halbnackten Körper mit Schmutzstreifen tigert. Das Sohlenstück, vier Meter lang, achtzig Zentimeter tief, an den Enden leicht aufwärts gebogen, wird in Beton gebettet. Wie der Kiel eines Schiffes gelegt wird, so reiht sich Sohlenstück an Sohlenstück und ein Betonstrom flutet ihnen nach, so daß sie darin versinken. Schwellen. Wie hundert Ameisen einen Strohhalm schleppen, so schleppen hundert keuchende Männer mit eingeknickten Knien die mächtigen, dreißig Meter langen Schienen heran, die auf den Schwellen befestigt werden. Hinter ihnen kriechen andere mit den schweren Teilen der Rippen, die das ganze Tunneloval als Eisenfachwerk umschnüren sollen. Zusammengesetzt haben diese Rippen die Gestalt einer Ellipse, die an der Sohle etwas flach gedrückt ist. Vier Teile bilden eine Rippe: ein Sohlenstück, zwei Seitenstücke (die Widerlager) und ein Deckenstück, die Kappe. Diese Stücke sind aus zolldickem Eisen, und durch starkes Fachwerk untereinander verbunden. Die Nietmaschinen prasseln, der Stollen dröhnt. Rippe reiht sich an Rippe. Ein Gitterwerk von mennigrotem Eisen umschnürt den Stollen. Schon aber, da hinten, klettern die Maurer im Eisenfachwerk, um den Mantel des Tunnels auszumauern, einen meterdicken Panzer aus Eisenbeton, den kein Druck der Welt sprengen kann.
Zu beiden Seiten der mächtigen Schiene werden in angemessenem Abstand Röhren in allen Dimensionen gelegt, verschweißt, verschraubt. Röhren für Telephon- und Telegraphendrähte, für Stromkabel, ungeheure Röhren für Wasser, mächtige Röhren für die Luft, die die Maschinen draußen über Tag ohne Pause in die Stollen pressen sollen. Besondere Röhren für die pneumatische Expreßpost. Sand, Schotter bedeckt die Röhren; Schwellen und Schienen für die gewöhnlichen Materialzüge werden darüber gelegt, solide Geleise, die den Material- und Gesteinszügen erlauben, mit Schnellzugsgeschwindigkeit dahinzurasen.
Kaum haben sie da vorn die letzte Rippe genietet, so sind auch schon die Geleise für die Strecke von sechs Kilometern fertig. Die Züge werden hereingeleitet und fliegen dahin, während die Maurer noch im Eisenfachwerk hängen.
Dreißig Kilometer hinter dem Vortrieb, wo die Bohrmaschine donnerte, war der Stollen schon fertig ausgebaut.
3.
Das aber war nicht alles. Tausend Dinge mußten vorgesehen werden! Sobald die amerikanischen Stollen mit den Stollen zusammenstießen, die sich von den Bermudas aus durch den Gneis fraßen, mußte die ganze Strecke betriebsfähig sein.
Allans Pläne lagen seit Jahren bis auf die letzten Kleinigkeiten fertig vor.
Von zwanzig zu zwanzig Kilometern ließ er kleine Stationen in den Berg schlagen, in denen die Streckenwärter hausen sollten. Alle sechzig Kilometer plante er größere Stationen und alle zweihundertvierzig Kilometer große Stationen. All diese Stationen waren Depots für Reserveakkumulatoren, Maschinen und Nahrungsmittel. Die größeren und großen Stationen sollten Transformatoren, Hochvoltstationen, Kühl- und Luftmaschinen aufnehmen. Es waren ferner Seitenstollen nötig, in denen abgeleitete Züge Platz fanden.
Für alle diese Arbeiten waren verschiedene Arbeiterbataillone ausgebildet worden und all diese Horden fraßen sich in den Berg und schlugen Lawinen von Gestein heraus.
Wie ein Vulkan in höchster Raserei spien die Tunnelmündungen Tag und Nacht Gestein aus. Unaufhörlich, dicht hintereinander flogen die vollen Züge aus den gähnenden Toren hervor. Mit einer Leichtigkeit, die das Auge entzückte, nahmen sie die Steigung, um oben angelangt einen Augenblick zu halten. Was aber nur Gestein und Schutt schien, das bewegte sich plötzlich auf den Waggons und geschwärzte, beschmutzte, unkenntliche Gestalten sprangen herab. Der Gesteinszug aber wand sich über hundert Weichen und schoß davon. Er fuhr in einem großen Bogen durch „Mac City“ (wie die Tunnelstadt in New Jersey allgemein hieß), bis er auf eins der hundert Geleise am Meer einlenkte, wo er entladen wurde. Hier am Meer waren sie alle laut und heiter, denn sie hatten die „leichte Woche“.
Mac Allan hatte zweihundert Doppelkilometer Gestein herausgeschafft, genug um eine Mauer von New York nach Buffalo zu bauen. Er besaß den größten Steinbruch der Welt; aber er verschwendete keine Schaufel voll. Er hatte das ganze ungeheure Gelände zweckmäßig nivelliert. Er hatte das Gestade, das mählich abfiel, geebnet und das seichte Meer kilometerweit hinausgedrängt. Dort draußen aber, wo das Meer schon tiefer war, versanken täglich Tausende von Waggonladungen Gestein im Meer und langsam schob sich ein ungeheurer Damm ins Meer hinaus. Das war einer der Kaie von Allans Hafen, der die Welt auf dem Plan der Zukunftsstadt so verblüfft hatte. Zwei Meilen entfernt davon bauten seine Ingenieure den größten und gleichmäßigsten Badestrand, den irgendein Ort der Welt besaß. Hier sollten riesige Badehotels errichtet werden.
Mac City selbst aber sah aus wie ein ungeheures Schuttfeld, auf dem kein Baum, kein Strauch wuchs, kein Tier, kein Vogel lebte. Es flimmerte in der Sonne, daß die Augen schmerzten. Weithin war diese Wüste mit Geleisen bedeckt, übersponnen mit fächerförmig sich nach beiden Seiten ausbreitenden Geleisen, den magnetischen Figuren ähnlich, zu denen sich Eisenfeilstaub bei den Polen eines Magnets ordnet. Überall schossen Züge dahin, elektrische, Dampfzüge, überall qualmten Lokomotiven, heulte, schellte, pfiff und klingelte es. Draußen im provisorischen Hafen Allans lagen Scharen von qualmenden Dampfern und hohen Seglern, die Eisen, Holz, Zement, Getreide, Vieh, Nahrungsmittel aller Art von Chikago, Montreal, Portland, Newport, Charleston, Savanah, New Orleans, Galveston hierhergebracht hatten. Und im Nordosten stand eine dicke Mauer von Rauch, undurchdringlich: der Materialbahnhof.
Die Baracken waren verschwunden. Auf den Terrassen des Trasseneinschnittes blitzten Glasdächer: Maschinenhallen, Kraftstationen, an die turmhohe Bureaugebäude stießen. Mitten in der Steinwüste erhob sich ein zwanzigstöckiges Hotel: „Atlantic-Tunnel“. Es war kalkweiß, nagelneu und diente als Absteigequartier für die Scharen von Ingenieuren, Agenten, Vertretern großer Firmen, und für Tausende von Neugierigen, die jeden Sonntag von New York herüberkamen.
Gegenüber hatte Wannamaker ein vorläufig zwölf Stockwerke hohes Warenhaus errichtet. Breite Straßen, vollkommen fertig, liefen schnurgerade durch das Schuttfeld, Brücken spannten sich über den Trasseneinschnitt. An der Peripherie der Steinwüste aber lagen freundliche Arbeiterstädte mit Schulen, Kirchen, Spielplätzen, mit Bars und Saloons, die von ehemaligen Preisboxern oder Rennfahrern geleitet wurden. Fernab, in einem Walde kleiner Zwergföhren, stand einsam, vergessen und tot ein Gebäude, das einer Synagoge ähnlich sah: ein Krematorium mit langen leeren Kreuzgängen. Nur ein Gang enthielt schon Urnen. Und sie alle trugen die gleiche Inschrift unter den englischen, französischen, russischen, deutschen, italienischen, chinesischen Namen: Verunglückt beim Bau des Atlantic-Tunnels — beim Sprengen — verschüttet — von einem Zug überfahren: wie die Inschriften gefallener Krieger.
Nahe am Meere lagen die weißen neuen Hospitäler, nach modernsten Prinzipien erbaut. Hier unten, etwas abseits, stand in einem frischangelegten Garten eine neue Villa: Mauds Haus.
4.
Maud hatte soviel Macht als möglich in ihren kleinen Händen zusammengerafft.
Sie war Vorsteherin des Rekonvaleszentenheims für Frauen und Kinder von Mac City geworden. Ferner gehörte sie einem aus Ärzten und Ärztinnen gebildeten Komitee an, dem die Hygiene der Arbeiterwohnungen, die Pflege von Wöchnerinnen und Säuglingen oblag. Aus eigener Initiative hatte sie eine Handarbeits- und Haushaltungsschule für junge Mädchen gegründet, einen Kindergarten und einen Klub für Frauen und junge Mädchen, in dem an jedem Freitag kleine Vorlesungen und musikalische Vorträge stattfanden. Sie hatte reichlich zu tun. Sie hatte ihre „Office“, genau wie Mac, und beschäftigte eine Privatsekretärin und eine Stenotypistin. Eine Schar von Pflegerinnen und Lehrerinnen — übrigens Töchter der ersten Familien New Yorks — stand ihr zur Seite.
Maud tat niemand etwas zuleide, sie war rücksichtsvoll, freundlich, sonnig, ihr Anteil an fremden Schicksalen war aufrichtig, und so kam es, daß alle Welt sie liebte und viele sie verehrten.
Sie hatte in ihrer Eigenschaft als Mitglied des Hygienekomitees fast alle Arbeiterhäuser betreten. Im italienischen, polnischen und russischen Viertel hatte sie eine energische und siegreiche Kampagne gegen den Schmutz und das Ungeziefer ausgefochten. Sie hatte es durchgesetzt, daß alle Häuser von Zeit zu Zeit desinfiziert und von oben bis unten ausgefegt wurden. Die Häuser waren fast ganz aus Zement und ließen sich auswaschen wie eine Waschküche. Ihre Besuche hatten sie den Leuten nahe gebracht und sie stand ihnen mit Rat und Tat zur Seite, wo immer sie konnte. Ihre Wirtschaftsschule war bis auf den letzten Platz besetzt. Sie hatte ausgezeichnete Lehrerinnen engagiert, für die Küche sowohl als die Schneiderwerkstätte. Maud versäumte es nicht, zu kontrollieren und zu inspizieren, um ihre Institute fortwährend im Auge zu behalten. Eine ganze Bibliothek der einschlägigen Literatur hatte sie durchstudiert, um sich die nötigen theoretischen Kenntnisse anzueignen. Und es war ihr, bei Gott, nicht leicht geworden, alles so vortrefflich und gut zu schaffen, zumal sie von Natur aus keine besonderen organisatorischen Talente besaß. Aber es ging. Und Maud war stolz auf das Lob, das die Zeitungen ihren Einrichtungen spendeten.
Das Feld ihrer hauptsächlichen Tätigkeit aber war das Rekonvaleszentenheim für Frauen und Kinder.
Das Heim lag dicht neben ihrer Villa, sie brauchte nur zwei Gärten zu durchqueren. Sie erschien täglich Punkt neun Uhr morgens, um ihren Rundgang zu machen, interessierte sich für jeden einzelnen ihrer Schützlinge und half häufig aus eigener Kasse, wenn das Budget des Hospitals erschöpft war. Mit ganz besonderer Sorgfalt umgab sie die ihr anvertrauten Kinder.
Sie hatte Arbeit, Freude, Erfolge, ihre Beziehungen zu den Menschen und zum Leben waren fruchtbarer und reicher geworden, aber Maud war ehrlich genug sich einzugestehen, daß all das zusammen nicht imstande war, ihr das eheliche Glück zu ersetzen.
Zwei, drei Jahre lang hatte sie im reinsten Glück mit Mac gelebt — bis der Tunnel kam und ihn ihr entriß. Mac liebte sie ja noch, ja! Er war aufmerksam, liebenswürdig, gewiß, aber es war nicht mehr wie früher — keine Lüge!
Sie sah ihn jetzt häufiger als in den ersten Jahren des Baus. Er hatte wohl seine Bureaus in New York beibehalten, sich aber Arbeitsräume in der Tunnelstadt eingerichtet, wo er oft wochenlang mit kurzen Unterbrechungen blieb. Darüber hätte sie nicht klagen können. Aber Mac selbst hatte sich verändert. Seine Harmlosigkeit, sein naiver Frohsinn, die sie im Anfang ihrer Ehe so überrascht und entzückt hatten, verschwanden mehr und mehr. Ernst wie in der Arbeit und in der Öffentlichkeit war er auch zu Hause. Er gab sich Mühe, so heiter und gutgelaunt wie früher zu erscheinen, aber es gelang ihm nicht immer. Er war zerstreut, absorbiert von der Arbeit, und aus seinen Augen wich nicht jener scheinbar geistesabwesende Ausdruck, den die Konzentration auf ein und dieselbe Idee erzeugt. Seine Züge waren auch magerer und härter geworden.
Die Zeiten waren vorüber, da er sie auf den Schoß nahm und liebkoste, er küßte sie, so oft er kam und ging, sah ihr in die Augen, lächelte — aber ihr weiblicher Instinkt ließ sich nicht täuschen. Merkwürdigerweise hatte er, gehetzt von der Arbeit, all die Jahre hindurch nie mehr einen der „wichtigen Tage“ vergessen, wie Ediths oder ihren Geburtstag, ihren Hochzeitstag, Weihnachten. Aber Maud sah einmal zufällig, daß in seinem Taschenbuche diese Tage rot angestrichen waren — sie lächelte resigniert: er merkte sie sich mechanisch, nicht mehr mit dem Herzen, das ihn täglich daran erinnerte.
Es ging ihr nicht anders wie den meisten ihrer Freundinnen, deren Männer den Tag über in Fabriken, Banken und Laboratorien schufteten, sie anbeteten, mit Spitzen, Perlen und Pelzen behingen, sie zuvorkommend ins Theater führten, aber mit den Gedanken doch bei der Arbeit waren. Das Leben war nicht anders, aber sie, Maud, fand es entsetzlich, wenn es nicht anders war. Lieber wollte sie arm sein, unbekannt, fern von der Welt — dafür aber forderte sie ewige Liebe, ewige Zärtlichkeit. Ja, so wünschte sie es sich, obschon ihr das zuweilen töricht erschien.
Maud liebte es, nach getaner Arbeit bei einer Handarbeit zu sitzen und ihren Gedanken nachzuhängen. Dann kam sie immer auf die Zeit zurück, da Mac um sie warb. Er erschien ihr in der Erinnerung unendlich jung und naiv. Völlig unbewandert im Umgang mit Frauen, war er nicht auf originelle Gedanken verfallen, ihr seine Liebe zu verstehen zu geben. Blumen, Bücher, Konzert- und Theaterbillette, kleine Ritterdienste — ganz wie der banalste Mensch. Und doch gefiel ihr das an ihm, jetzt mehr als damals. Ganz unerwartet hatte er sein Benehmen aber dann geändert und war mehr jenem Mac ähnlich geworden, den sie jetzt kannte. Eines Abends hatte er ihr nach einer ausweichenden Antwort bestimmt und fast unhöflich gesagt: „Denken Sie darüber nach. Ich lasse Ihnen bis morgen um fünf Uhr Zeit. Wenn Sie sich dann noch nicht entschieden haben, so sollen Sie nie wieder ein Wort von mir darüber hören. Good bye!“ Und siehe da, Punkt fünf Uhr hatte er sich eingestellt ...! Maud erinnerte sich stets mit einem Lächeln an diese Szene, aber sie hatte auch nicht vergessen, mit welcher Bangigkeit sie die Nacht und den Tag darauf verbracht hatte.
Je weiter der Tunnel ihr Mac entführte, desto hartnäckiger, mit desto größerer Beharrlichkeit, die gleichzeitig wohltat und schmerzte, verweilten ihre Gedanken bei ihren ersten Spaziergängen, Gesprächen und harmlosen und doch so bedeutungsschweren kleinen Erlebnissen ihrer jungen Ehe. Sie hatte einen Groll gegen den Tunnel im Herzen! Sie haßte den Tunnel, denn er war stärker gewesen als sie! Ach, die kleine Eitelkeit der ersten Zeit war längst verflogen. Es war ihr einerlei, ob man Macs Namen in fünf Kontinenten kannte oder nicht. Wenn nachts der gespenstische Widerschein der brennenden Tunnelstadt in ihr Zimmer drang, so war ihr Haß dagegen oft so stark, daß sie die Läden schloß, um ihn nicht zu sehen. Sie hätte weinen mögen vor Groll, und zuweilen weinte sie auch, still und ungesehen. Wenn sie sah, wie die Züge sich in die Stollen stürzten, so schüttelte sie den Kopf. Es war Tollheit! Für Mac aber schien es nichts Selbstverständlicheres zu geben. Trotz alledem aber — und diese Hoffnung hielt sie aufrecht! — hoffte sie darauf, daß Mac wieder mit seinem Herzen zu ihr zurückkehren würde. Eines Tages mußte ihn der Tunnel doch wieder freigeben! Wenn der erste Zug lief ...
Aber, o guter Gott, das waren noch Jahre! Maud seufzte. Geduld, Geduld! Vorläufig hatte sie ihre Tätigkeit. Sie hatte ihre geliebte Edith, die sich zu einem kleinen Dämchen entwickelt hatte und mit neugierigen, klugen Augen ins Leben blickte. Sie hatte Mac öfter als früher. Sie hatte Hobby, der fast täglich bei ihr speiste, allerhand Schnurren erzählte und mit dem es sich so wunderbar plaudern ließ. Auch ihr Haushalt stellte größere Ansprüche an sie als früher. Denn Mac brachte häufig Gäste mit, berühmte Leute, deren Name so gewichtig war, daß ihnen Mac den Zutritt in den Tunnel erlaubte. Maud freute sich über jeden derartigen Besuch. Diese Berühmtheiten waren meistens ältere Herren, mit denen es sich leicht verkehren ließ. Denn alle hatten eine Eigenschaft gemeinsam: sie waren sehr einfach, um nicht zu sagen schüchtern. Es waren große Gelehrte, die geologische, physikalische und technische Fragen zu Mac führten und die oft wochenlang mit ihren Instrumenten in einer Station tausend Meter unter dem Meeresspiegel hausten, um irgend etwas herauszufinden. Mac aber verkehrte mit diesen Berühmtheiten ganz wie er mit ihr oder mit Hobby verkehrte.
Aber wenn sich diese großen Tiere verabschiedeten, so verbeugten sie sich vor Mac und drückten ihm die Hand und konnten ihm nicht genug danken. Und Mac lächelte sein bescheidenes und gutmütiges Lächeln und sagte: „Allright, sir!“ und wünschte ihnen gute Reise. Denn diese Leute kamen meist von weit her.
Einmal kam auch eine Dame zu ihr heraus.
„Mein Name ist Ethel Lloyd!“ sagte diese Dame und hob den Schleier in die Höhe.
Ja, es war Ethel, in der Tat! Sie errötete, denn sie hatte keinen eigentlichen Anlaß, Maud einen Besuch zu machen. Und Maud errötete ebenfalls — weil Ethel errötete, und weil ihr der Gedanke durch den Kopf schoß, daß Ethel sehr unverfroren sei, und weil sie dachte, Ethel müsse diesen Gedanken in ihren Augen lesen.
Ethel faßte sich aber sofort. „Ich habe soviel von den Schulen gelesen, die Sie ins Leben riefen, Frau Allan,“ begann sie, gewandt und fließend sprechend, „daß ich zuletzt den Wunsch hatte, Ihre Einrichtungen kennen zu lernen. Ich stehe ja persönlich ähnlichen Bestrebungen in New York nahe, wie Sie wissen werden.“
Ethel Lloyd trug einen angeborenen Stolz und eine natürliche Würde zur Schau, die nicht unangenehm wirkte, eine natürliche Offenheit und Herzlichkeit, die entzückte. Sie hatte das Kindliche, das Allan seinerzeit vor Jahren aufgefallen war, verloren und war eine vollkommene Dame geworden. Ihre früher etwas süßliche und zarte Schönheit war reifer geworden. Hatte sie vor Jahren den Eindruck eines Pastellgemäldes erweckt, so erschien jetzt alles an ihr klar und leuchtend, ihre Augen, ihr Mund, ihr Haar. Sie sah stets aus, als käme sie gerade aus ihrem Toilettezimmer. Die Flechte an ihrem Kinn hatte sich unmerklich vergrößert und war um eine Nuance dunkler geworden, aber Ethel suchte sie nicht mehr durch Puder zu verdecken.
Maud mußte aus Höflichkeit persönlich die Führung übernehmen. Sie zeigte Ethel das Hospital, die Schulen, den Kindergarten und die bescheidenen Klubräume des Frauenklubs. Ethel fand alles ausgezeichnet, ohne aber nach Art junger Damen übertriebenes Lob zu spenden. Und schließlich fragte Ethel, ob sie sich irgendwie nützlich machen könne? Nein? Es war Ethel auch so recht. Zu Hause plauderte sie so reizend mit Edith, daß das Kind augenblicklich Zuneigung zu ihr faßte. Nun überwand Maud ihre unerklärliche und durch nichts begründete Abneigung gegen Ethel und bat sie, zum Diner zu bleiben. Ethel telephonierte an ihren „Pa“ und blieb.
Mac brachte Hobby mit zu Tisch. Hobbys Anwesenheit gab Ethel eine große Sicherheit, die sie nie und nimmer gefunden haben würde, wenn nur der stille und schweigsame Mac dagewesen wäre. Sie führte die Unterhaltung. Hatte sie am Nachmittag Mauds Institute sachlich gelobt — nicht nach Art junger Damen übertrieben —, so lobte sie sie jetzt überschwenglich. Mauds Argwohn wurde wieder wach. ‚Sie hat es auf Mac abgesehen,‘ sagte sie sich. Aber zu ihrer größten Befriedigung schenkte ihr Mac kaum mehr als höfliches Interesse. Er betrachtete die schöne und verwöhnte Ethel mit denselben gleichgültigen Augen wie er etwa eine Stenotypistin betrachtete.
„Die Bibliothek im Frauenklub scheint mir noch etwas dürftig zu sein,“ sagte Ethel.
„Sie soll im Laufe der Zeit ergänzt werden.“
„Es würde mir große Freude machen, wenn Sie mir erlaubten, einige Bücher beizusteuern, Frau Allan. Hobby, nehmen Sie meine Partei.“
„Wenn Sie einige Bücher übrig haben,“ sagte Maud —
In den nächsten Tagen sandte Ethel ganze Ballen von Büchern, gegen fünftausend Bände. Maud dankte ihr herzlich, aber sie bereute ihr Entgegenkommen. Denn seitdem kam Ethel öfter herausgefahren. Sie tat, als sei sie innig befreundet mit Maud und überhäufte die kleine Edith mit Geschenken. Einmal fragte sie Mac, ob sie nicht gelegentlich in den Tunnel einfahren könne?
Mac sah sie erstaunt an, denn es war das erstemal, daß eine Dame diese Frage an ihn stellte.
„Das können Sie nicht!“ antwortete er kurz und fast etwas schroff.
Aber Ethel war gar nicht gekränkt. Sie lachte herzlich und sagte: „Aber, Herr Allan, habe ich Ihnen Anlaß gegeben, ärgerlich zu werden?“
Seitdem kam sie etwas seltener. Und Maud hatte nichts dagegen. Sie konnte Ethel Lloyd nicht lieben, so sehr sie sich auch Mühe dazu gab. Und Maud gehörte zu den Leuten, die nur mit jemand verkehren können, wenn sie ihm aufrichtig zugetan sind.
Aus diesem Grunde war ihr Hobbys Gesellschaft so angenehm. Er verkehrte täglich in ihrem Hause. Er kam zum Lunch und Diner, einerlei ob Allan da war oder nicht. Es kam dahin, daß sie ihn vermißte, wenn er ausblieb. Und das selbst in Zeiten, da Mac bei ihr war.
5.
„Hobby ist immer bei so prächtiger Laune!“ sagte Maud des öfteren.
Und Allan erwiderte: „Er war von jeher ein wunderbarer Bursche, Maud.“
Er lächelte dazu und ließ sich nicht merken, daß er aus Mauds häufigem Hinweis auf Hobbys gute Laune einen leichten Vorwurf heraushörte. Er war nicht Hobby. Er hatte nicht Hobbys Talent zur Fröhlichkeit, nicht Hobbys leichten Sinn. Er konnte nicht wie Hobby nach zwölfstündiger Arbeit Niggertänze und Songs zum besten geben und allerlei lustige Dummheiten inszenieren. Hat jemand Hobby schon anders gesehen als lachend und scherzend? Hobby grinst über das ganze Gesicht, Hobby rollt die Zunge im Mund und eine witzige Bosheit kommt heraus. Wo Hobby hinkommt, macht sich alles schon zum Lachen bereit, Hobby ist verpflichtet, witzig zu sein. Nein, er war nicht Hobby. Das einzige, was er konnte, war, kein Spielverderber zu sein und er gab sich alle Mühe dazu. Viel schlimmer aber war es, daß sein Verhältnis zu Maud im Laufe der Jahre an Innigkeit eingebüßt hatte. Er belog sich nicht. Es schien ihm, als ob es für einen Mann wie ihn besser wäre, keine Familie zu haben — trotzdem er Maud und sein Töchterchen innig liebte.
Hobby tat seine Arbeit und war fertig. Er aber, Allan, war nie fertig! Der Tunnel wuchs und die Arbeit wuchs mit ihm. Und dazu hatte er noch seine besonderen Sorgen, über die er mit keinem Menschen sprach!
Schon jetzt zweifelte er daran, den Tunnel in fünfzehn Jahren fertig bauen zu können. Nach seinen Berechnungen wäre es im günstigsten Falle möglich gewesen. Er hatte kaltblütig diesen Termin angesetzt, um für sein Unternehmen die öffentliche Meinung und das Geld des Volkes zu gewinnen. Hätte er zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre angegeben, so würde man ihm nicht das halbe Geld gegeben haben.
Kaum die Doppelstollen Biscaya-Finisterra und Amerika-Bermuda würde er in dieser Zeit bewältigen können.
Am Ende des vierten Baujahrs waren die Stollen der amerikanischen Strecke zweihundertvierzig Kilometer weit von der amerikanischen Küste aus vorgetrieben, achtzig Kilometer von Bermuda aus. Auf der französischen Strecke waren rund zweihundert von Biscaya aus, siebzig von Finisterra aus gebohrt. Von den atlantischen Strecken dagegen war noch nicht der sechste Teil fertiggestellt. Wie sollten die gewaltigen Strecken — Finisterra-Azora, Azora-Bermuda — bewältigt werden?
Dazu kamen finanzielle Schwierigkeiten. Die Vorbereitungsarbeiten, die Serpentinen auf Bermuda hatten weitaus größere Summen verschlungen, als er in seiner Kalkulation angenommen hatte. Vor dem siebten Baujahr, frühestens dem sechsten, war aber unter keinen Umständen an die zweite Drei-Milliarden-Anleihe zu denken. Er würde bald gezwungen sein, den Tunnel auf große Strecken vorläufig einstollig fortzuführen, wodurch die Arbeit unendlich erschwert wurde. Wie sollte es bei der einstolligen Bauweise möglich sein, das Gestein herauszuschaffen, dieses Gestein, das wuchs und anschwoll und die Stollen heute schon zu ersticken drohte. Überall lag es, zwischen den Geleisen, in den Querschlägen und Stationen und die Züge keuchten unter der Last.
Allan verbrachte Monate im Tunnel, um raschere Arbeitsmethoden ausfindig zu machen. In den amerikanischen Stollen wurde jede einzelne Maschine, jede neue Erfindung und Verbesserung ausprobiert, bevor sie an den übrigen Arbeitsstellen Verwendung fand. Hier wurden die Mannschaften geschult, die „Höllen-Männer“ und „Fegfeuer-Leute“, um sodann nach den anderen Stationen als Pacemaker verpflanzt zu werden. Ganz allmählich mußten sie an das rasende Tempo und die Hitze gewöhnt werden. Ein untrainierter Mann wäre in der ersten Stunde in der „Hölle“ niedergebrochen.
Jeden noch so unscheinbaren Handgriff suchte Allan mit dem geringsten Aufwand an Kraft, Geld und Zeit zu leisten. Er führte eine bis ins minimale gehende Arbeitsteilung ein, so daß der einzelne Arbeiter jahraus, jahrein dieselben Funktionen zu erfüllen hatte, bis er sie automatisch und immer schneller verrichtete. Er hatte seine Spezialisten, die die Kolonnen schulten und drillten, bis sie Rekorde schufen (z. B. im Abladen eines Waggons) und diese Rekorde wurden als normale Arbeitsleistung gefordert. Eine verlorne Sekunde war nie mehr einzuholen, nie mehr, und kostete ein Vermögen an Zeit und Geld. Wenn ein Mann in der Minute nur eine Sekunde verlor, so machte das bei einem Heer von 180000 Mann, wovon ununterbrochen 60000 tätig waren, an einem Arbeitstag 24000 Arbeitsstunden! Von Jahr zu Jahr hatte Allan die Arbeitsleistung um fünf Prozent zu steigern vermocht. Trotz alledem ging es zu langsam!
Besonders der Vortrieb machte Allan große Sorgen. Es war absolut unmöglich, mehr Menschen in die letzten fünfhundert Meter zu werfen, wenn sie sich nicht gegenseitig die Kniescheiben einrennen sollten. Er experimentierte mit den verschiedensten Sprengstoffen, bis er ein Mittel fand — „Tunnel 8“ —, das den Berg in ziemlich gleichmäßige, leicht wegzuräumende Blöcke zerriß. Er hörte stundenlang die Vorträge seiner Ingenieure an; ohne je zu ermüden, diskutierte er ihre Vorschläge, prüfte, erprobte.
Unerwartet, wie aus dem Meer gestiegen, erschien er auf den Bermudas. Schlosser flog. Er wurde in die Konstruktionsbureaus nach Mac City gesandt. Ein junger, kaum dreißigjähriger Engländer namens John Farbey trat an seine Stelle. Allan rief die Ingenieure, die schon atemlos waren von dem jetzigen Arbeitstempo, zusammen und erklärte ihnen, daß sie ihre Arbeit um ein Viertel beschleunigen müßten. Müßten! Denn er, Allan, müsse seinen Termin einhalten. Wie sie das täten, sei ihre Sache ...
Unerwartet erschien er auf den Azoren. Es war ihm gelungen, für diese Baustelle einen Deutschen, Michael Müller, zu gewinnen, der einige Jahre eine leitende Stelle beim Bau des Kanaltunnels eingenommen hatte. Müller wog zwei Zentner fünfzig Pfund und war allgemein unter dem Namen „der fette Müller“ bekannt. Er war beliebt bei seinen Leuten — zum Teil lediglich dank seiner Fettleibigkeit, die Anlaß zur Komik gab — und ein unermüdlicher Arbeiter! Müller drang gegenwärtig mit seinen Stollen sogar rascher vor als Allan und Harriman in New Jersey. Müller, dieser ewig lachende, rasselnde Fettberg, wurde förmlich vom Glück verfolgt. Seine Baustelle war geologisch die interessanteste und produktivste und bewies zur Genüge, daß diese Teile des Ozeans in früheren Perioden trocken lagen. Er war auf mächtige Kalilager gestoßen und auf Eisenerze. Die Pittsburg-Smelting and Refining Company, die seinerzeit das Verhüttungsrecht für alle geförderten Materialien erworben hatte, verdankte seinem Glück, daß ihre Papiere um 60 Prozent gestiegen waren. Die Förderung kostete sie dabei keinen Cent, ihre Ingenieure hatten lediglich die betreffenden Waggons zu bezeichnen und sie wurden ausrangiert. Und täglich, stündlich bebte sie vor Aufregung, es könnten ihr unerhörte Schätze in den Schoß fallen. In den letzten Monaten war Müller auf ein Kohlenflöz von fünf Meter Mächtigkeit gestoßen, „prächtige Kohle“, wie er sagte. Das aber war nicht alles. Dieses Flöz lag ausgerechnet in der Achse der Stollen und hatte kein Ende. Müller schoß durch den Berg. Sein einziger Feind, sein Erzfeind, war das Wasser. Seine Stollen lagen nun achthundert Meter tief unter dem Meeresboden und doch troffen sie von Wasser. Müller hatte eine Batterie von Mammut-Kreiselpumpen stehen, die unaufhörlich einen Strom schmutzigen Wassers ins Meer preßten.
Allan erschien in Finisterra und Biscaya und erklärte hier wie auf den Bermudas, daß er seinen Termin einhalten müsse und beschleunigte Arbeit fordere. Den Chefingenieur der französischen Baustelle, Monsieur Gaillard, einen weißhaarigen, eleganten Franzosen von großen Fähigkeiten, sägte er ab und ersetzte ihn durch einen Amerikaner, Stephan Olin-Mühlenberg, ohne sich um das Geschrei in der französischen Presse zu kümmern.
Wie aus dem Boden gewachsen, erschien Allan in den einzelnen Kraftstationen, und es entging ihm nichts, nicht das geringste, und die Ingenieure atmeten auf, wenn er wieder fort war und sie noch ihren Verstand behalten hatten.
Allan erschien in Paris und die Zeitungen brachten spaltenlange Artikel über ihn und zusammengelogene Interviews. Acht Tage später wurde bekannt, daß eine französische Gesellschaft die Konzession erhalten habe, eine Schnellbahn Paris-Biscaya zu bauen, so daß also die Tunnelzüge direkt bis Paris laufen konnten. Gleichzeitig wurden alle großen europäischen Städte mit Plakaten überschwemmt, die eine von Hobbys Zauberstädten zeigten: die Tunnelstation „Azora“. Hobbys Feenstadt erregte ein ähnliches ungläubiges Kopfschütteln, eine ähnliche Begeisterung auf der anderen Seite, wie seinerzeit die Zauberstadt in Amerika. Hobby hatte wiederum seine Phantasie spielen lassen. Besondere Verwunderung aber rief eine Skizze in einer Ecke des Riesenplakats hervor, die den ursprünglichen Bestand an Grund zeigte und den zukünftigen. Das Syndikat hatte einen Streifen der Insel San Jorgo erworben, dazu ein paar kleine Inseln und eine Gruppe von Sandbänken. In wenigen Jahren aber sollte sich der Grund vervierfachen. Die Inseln waren durch enorme, breite Dämme miteinander verbunden, die Sandbänke mit dem Hauptkomplex verschmolzen. Man dachte im ersten Augenblick nicht daran, daß Allan an dieser Baustelle viertausend Doppelkilometer Gestein (und mehr, wenn er wollte) ins Meer stürzen und somit recht gut diese merkwürdig geformte große Insel schaffen konnte ...
Wie in der amerikanischen Phantomstadt gab es in dem zukünftigen „Azora“ einen ungeheuren, herrlichen Hafen mit Dämmen, Molen, Leuchttürmen, und besonders fiel die zauberhafte Badestadt ins Auge: Hotels, Terrassen, Parks, ein unübersehbarer Strand.
Die weitaus größte Bewunderung, um nicht zu sagen Bestürzung erregten aber die vom Tunnel-Syndikat geforderten Bodenpreise. Sie waren für europäische Verhältnisse exorbitant! Das Syndikat aber hatte seine Blicke kühl und unbarmherzig auf das europäische Kapital geheftet, wie die Schlange auf einen Vogel. Es war ja leicht einzusehen, daß Azora den gesamten Personenverkehr Südamerikas verschlingen würde. Es gehört auch nicht viel Verstand dazu, um zu begreifen, daß Azora — von Paris in vierzehn, von New York in sechzehn Stunden zu erreichen — der berühmteste Badeort der Welt werden mußte, das Rendezvous der vornehmen Welt Englands, Frankreichs und Amerikas.
Und das europäische Kapital kam. Es bildeten sich Ringe von Terrainspekulanten, die große Gebiete kauften, um sie in zehn Jahren in Quadratruten zu verschachern.
Aus Paris, London, Liverpool, Berlin, Frankfurt, Wien floß das Geld und strömte in S. Woolfs große Tasche, in S. Woolfs „big pocket“, die im Volke sprichwörtlich geworden war.
6.
S. Woolf strich dieses Geld ein, wie er die drei Milliarden des Kapitals und des Volkes einstrich und die Summen, die Bermuda, Biscaya, Finisterra und Mac City brachten. Ohne Danke zu sagen. Es hatte seinerzeit nicht an Warnern gefehlt, die eine Lawine von Bankerotten prophezeiten, wenn ein solch ungeheurer Strom von Geld einer Seite zuflute. Diese Prophezeiungen von Finanzdilettanten hatten sich nur zum allergeringsten Teil erfüllt. Ein paar Industrien waren trocken gelegt worden, hatten sich aber in kurzer Zeit wieder erholt.
Denn S. Woolfs Geld rostete nicht. Kein Heller rostete! Es begann augenblicklich wieder den alten Kreislauf, kaum daß es in seine Hände gelangt war.
Er sandte es um den ganzen Erdball.
Die Springflut von Gold rollte über den Atlantik nach Frankreich, England, Deutschland, Schweden, Spanien, Italien, die Türkei, Rußland. Sie übersprang den Ural und rollte hinein in die Wälder Sibiriens, in die Berge des Baikal. Sie flutete über Südafrika, Kapland, Oranje, über Australien, Neuseeland. Sie flutete nach Minneapolis, Chikago und St. Louis, in die Rocky Mountains, nach Nevada, nach Alaska.
S. Woolfs Dollar waren Milliarden rasender kleiner Krieger, die sich mit dem Geld aller Nationen und aller Rassen schlugen. Sie waren alle kleine S. Woolfs, mit S. Woolfschem Instinkt bis zum Hals gefüllt, deren Losung: Money! war. Sie stürzten sich in Heeren durch den Draht auf dem Grund des Meeres, sie flogen durch die Luft. Sobald sie aber den Kampfplatz erreicht hatten, verwandelten sie sich! Sie wurden zu kleinen stählernen Hämmern, die Tag und Nacht prasselten vor Gier, sie wurden zu flinken Weberschiffchen in Liverpool, sie rutschten als Hottentotten über die Sandflächen der Diamantfelder Südafrikas. Sie wurden zu einer Pleuelstange an einer Maschine von tausend Pferdekräften, zu einem Riesenschenkel aus blankem Stahl, der vierundzwanzig Stunden jeden Tag wütend den Dampf besiegte und stets vom Dampf zurückgeschleudert wurde. Sie wurden zu einem Zug voll Eisenbahnschwellen, der von Omsk nach Peking unterwegs ist, zu einem Schiffsbauch voller Gerste, von Odessa nach Marseille. Sie stürzten in Südwales im Förderkorb achthundert Meter in die Tiefe und rasten mit Kohlen herauf. Sie hockten auf tausend Gebäuden der Welt und wucherten, sie mähten Getreide in Kanada und standen als Tabakpflanzen in Sumatra.
Sie kämpften! Auf einen Wink Woolfs wandten sie Sumatra den Rücken und pochten Gold in Nevada. Sie verließen Australien im Fluge und fielen als ein Schwarm in der Baumwollenbörse Liverpools ein.
S. Woolf gönnte ihnen keine Ruhe. Tag und Nacht hetzte er sie durch hundert Verwandlungen. Er saß im Sessel seiner Office, kaute Zigarren, schwitzte, diktierte gleichzeitig ein Dutzend Telegramme und Briefe, den Telephonhörer am Ohr, nebenbei ein Gespräch mit einem Prokuristen führend. Er lauschte mit dem rechten Ohr auf die Stimme im Apparat, mit dem linken auf den Rapport des Beamten. Er sprach mit einer Stimme zu dem Beamten, schrie mit einer zweiten in das Telephon hinein. Er übersah mit einem Auge seine Stenographen und Typewriter, ob sie auf die Fortsetzung warteten, mit dem anderen sah er auf die Uhr. Er dachte, daß Nelly nun schon zwanzig Minuten auf ihn warte und ein Gesicht schneiden würde, wenn er so spät zum Diner käme, er dachte gleichzeitig, daß der Prokurist im Falle Rand Mines ein Idiot sei, im Falle Garnier frères aber weitsichtig denke, er dachte — ganz im Hintergrund seines haarigen, dampfenden Schädels — an die große Schlacht, die er morgen an der Wiener Börse schlagen und gewinnen würde.
Jede Woche hatte er über eineinhalb Millionen Dollar flüssig zu machen für Löhne und an den Quartalen für Zinsen und Abschreibungen Hunderte von Millionen. An diesen Zeitpunkten kam er tagelang nicht aus seiner Office heraus. Dann war die Schlacht in vollem Gange und S. Woolf erkaufte sich den Sieg mit einem großen Verlust an Schweiß und Fett und Atem.
Er rief seine Armeekorps zurück. Und sie kamen, jeder Dollar ein kleiner heroischer Sieger, der Beute gemacht hatte, acht Cent oder zehn, zwanzig Cent. Viele kehrten als Krüppel heim und manche waren auf der Walstatt gefallen — das war der Krieg!
Diesen atemlosen, rasenden Kampf focht S. Woolf seit Jahren aus, Tag und Nacht auf der Witterung nach dem günstigsten Angriff, Überfall und Rückzug. Stündlich gab er seinen Befehlshabern in fünf Erdteilen Befehle und stündlich prüfte er ihre Schlachtberichte.
S. Woolf leistete erstklassige Arbeit. Er war ein Geldgenie, er roch das Geld auf Meilen Abstand. Er hatte ungezählte Millionen Aktien und Anteilscheine nach Europa geschmuggelt, denn des amerikanischen Geldes glaubte er sicher zu sein, wenn er seine goldenen Reservearmeen unter Waffen rufen mußte. Er hatte Prospekte verfaßt, die sich wie Gedichte Walt Whitmans lasen. Er verstand es wie kein anderer, zur rechten Zeit das rechte Trinkgeld in die rechte Hand zu drücken. Dank dieser Taktik machte er in weniger zivilisierten Ländern (wie Rußland, Persien) Geschäfte, die fünfundzwanzig und vierzig Prozent abwarfen und die nur im Finanzleben für erlaubt gelten. Bei den jährlichen Generalversammlungen ging er aufgerichtet durchs Ziel und das Syndikat hatte im Lauf der Jahre sein Gehalt auf dreihunderttausend Dollar erhöht. Er war unersetzlich.
S. Woolf arbeitete, daß seine Lungen rasselten. Jedes Blatt Papier, das er in die Hand nahm, zeigte den fetten Abdruck seines Daumens, trotzdem er hundertmal am Tage die Hände wusch. Er schied ganze Tonnen Talg aus und wurde trotzdem immer fetter. Sobald er aber den schweißfeuchten Kopf unter kaltes Wasser gesteckt, Haare und Bart gebürstet, einen frischen Kragen umgelegt hatte und die Office verließ, war er ein würdevoller Gentleman, der nie Eile und Hast verriet. Er bestieg bedächtig seinen eleganten pechschwarzen Car, dessen silberner Drache wie das Nebelhorn eines Ozeandampfers brummte und rollte den Broadway hinab, um den Abend zu genießen.
Das Diner nahm er gewöhnlich bei einer seiner jungen Freundinnen ein. Er liebte es, gut zu speisen und ein Glas starken, kostbaren Weins dazu zu trinken.
Jeden Abend um elf erschien er im Klub, um zwei Stunden zu spielen. Er spielte besonnen, nicht zu hoch und nicht zu niedrig, schweigsam, zuweilen mit den roten, wulstigen Lippen in seinen schwarzen Bart plusternd.
Im Klub trank er stets eine Tasse Kaffee, nichts sonst.
S. Woolf war das Muster eines Gentleman.
Er hatte nur ein Laster und er verbarg es sorgfältig vor der Welt. Das war seine außerordentliche Sinnlichkeit. Seinen dunkeln, tierisch glänzenden, schwarzbewimperten Augen entging kein schöner Frauenkörper. Das Blut begann in seinen Ohren zu knacken, sobald er ein junges hübsches Mädchen mit runden Hüften sah. Er kam jedes Jahr viermal mindestens nach Paris und London und in beiden Städten hielt er ein oder zwei hübsche Mädchen aus, denen er luxuriöse Wohnungen mit spiegelverschalten Alkoven eingerichtet hatte. Er gab einem Dutzend junger süßer Geschöpfe Sektsoupers, bei denen er im Frack erschien und die Göttinnen in ihrer schönen schimmernden Haut. Häufig brachte er von seinen Reisen „Nichten“ mit, die er nach New York verpflanzte. Die Mädchen mußten schön, jung, schwellend und blond sein; besonders Engländerinnen, Deutschen und Skandinavierinnen gab er den Vorzug. S. Woolf rächte auf diese Weise den armen Samuel Wolfsohn, den die Konkurrenz gutgebauter Tennisspieler und großer Monatswechsel vor Jahren bei allen schönen Frauen aus dem Felde geschlagen hatte. Er rächte sich an jener hochmütigen blonden Rasse, die ihn früher mit dem Fuß ins Gesicht trat, indem er jetzt ihre Frauen kaufte. Und er entschädigte sich vor allem für eine entbehrungsreiche Jugend, die ihm weder Zeit noch Möglichkeit ließ, seinen Durst zu stillen.
Von jeder Reise brachte er eine Anzahl Siegestrophäen mit, Locken und Strähnen, vom kühlen silbrigen Blond bis zum heißesten Rot, die er in einem japanischen Lackschrank in seiner New Yorker Wohnung aufbewahrte. Aber davon wußte niemand etwas, denn S. Woolf schwieg.
Auch aus einem anderen Grunde liebte er seine trips nach Europa. Er sah seinen alten Vater, an dem er mit einer sonderbaren Sentimentalität hing. Zweimal im Jahre kam er auf zwei Tage nach Szentes und Telegramme flogen vor ihm her. Ganz Szentes war in Aufregung. Der große Sohn des alten Wolfsohn! Der Glückliche! Dieser Kopf! Er kam.
S. Woolf hatte seinem Vater ein hübsches Haus gebaut und einen schönen Garten anlegen lassen. Fast wie eine Villa. Musikanten kamen und fiedelten und tanzten, während ganz Szentes sich gegen das eiserne Gartengitter drängte.
Der alte Wolfsohn wiegte sich hin und her und wackelte mit dem kleinen, abgemagerten Kopf und vergoß Freudentränen.
„Groß bist du geworden, mein Sohn! Wer hätt’ gedacht! Groß, mein Stolz! Ich danke Gott jeden Tag!“
S. Woolf aber war ob seines freundlichen Wesens in ganz Szentes beliebt. Mit hoch und niedrig, jung und alt verkehrte er mit der gleichen amerikanisch-demokratischen Einfachheit. So groß und so bescheiden!
Der alte Wolfsohn hatte nur noch einen Wunsch, bevor ihn Gott abrief.
„Ihn möchte ich sehen!“ sagte er. „Diesen Herrn Allan! Was für ein Mann!“
Und S. Woolf entgegnete darauf: „Du wirst! Kommt er wieder nach Wien oder Berlin, und er kommt, so telegraphiere ich dir. Du gehst ins Hotel, sagst, du bist mein Vater, er wird sich freuen!“
Der alte Wolfsohn aber streckte die kleinen Greisenhände empor und schüttelte den Kopf und weinte: „Nie werd’ ich ihn sehen, diesen Herrn Allan. Nie werd’ ich es wagen, bei ihm vorzusprechen. Die Füße trügen mich nicht.“
Der Abschied fiel jedesmal beiden sehr schwer. Der alte Wolfsohn schlürfte noch ein paar kleine Schritte mit eingeknickten Füßen neben dem Salonwagen seines Sohnes einher und jammerte laut, und S. Woolf rannen die Tränen übers Gesicht. Sobald er aber das Fenster geschlossen und die Augen getrocknet hatte, war er wieder S. Woolf, dessen dunkler Rabbinerschädel auf keine Frage Antwort gab.
S. Woolf hatte seine Bahn durchmessen. Er war reich, berühmt, gefürchtet, die Finanzminister großer Reiche empfingen ihn mit Achtung, er war, von dem bißchen Asthma abgesehen, gesund. Sein Appetit und seine Verdauung waren vorzüglich und sein Appetit auf Frauen ebenso. Und doch war er nicht glücklich.
Sein Unglück war, daß er alle Dinge analysieren mußte und daß er Zeit gehabt hatte nachzudenken, in Pullmancars, in Steamerchairs. Er hatte an alle Menschen gedacht, denen er im Leben begegnet war und die sein Gedächtnis kinematographiert hatte. Er hatte diese Menschen untereinander verglichen und sich selbst mit diesen Menschen. Er war klug und kritisch. Und er hatte zu seinem nicht geringen Schrecken herausgefunden, daß er ein ganz alltäglicher Mensch war! Er kannte den Markt, den Weltmarkt, er war ein Kursbericht, ein Börsentelegraph, ein Mensch mit Zahlen angefüllt bis unter die Nägel seiner Zehen — aber was war er sonst? War er, was sie eine Persönlichkeit nannten? Nein. Sein Vater, der zweitausend Jahre hinter ihm zurück war, war trotz allem mehr Persönlichkeit als er. Er aber, er war Österreicher geworden, Deutscher, Engländer, Amerikaner. Bei all diesen Verwandlungen hatte er Haut gelassen und nun — was war er nun? Ja, der Teufel hätte sagen können, was er nun eigentlich war! Sein Gedächtnis, dieses abnorme Gedächtnis, das auf Jahre hinaus mechanisch die Nummer eines Eisenbahnwaggons behielt, in dem er von San Franzisko nach Chikago gefahren war, dieses Gedächtnis war wie ein ewig waches Gewissen. Er wußte, woher er diesen Gedanken hatte, den er als originales Produkt vorführte, diese Art, den Hut zu ziehen, diese Art, zu sprechen, diese Art, zu lächeln und diese Art, jemanden anzusehen, der ihn langweilte. Sobald er all dieses erkannt hatte, begriff er, weshalb sein Instinkt ihn gerade zu jener Pose geführt hatte, die die sicherste war: Ruhe, Würde, Schweigsamkeit. Und selbst diese Pose war aus Millionen Elementen zusammengesetzt, die er von anderen Menschen entlehnt hatte!
Er dachte an Allan, Hobby, Lloyd, Harriman. Sie alle waren Menschen! Bis auf Lloyd hielt er sie alle für beschränkt, für Leute, die nur „viereckig“ denken konnten, die überhaupt niemals dachten! Aber trotzdem waren sie Menschen, originelle Menschen, die man — selbst wenn man es nicht definieren konnte — als selbständige Persönlichkeiten empfand! Er dachte an Allans Würde. Worin lag sie? Wer konnte sagen, weshalb er würdig erschien? Niemand. Seine Macht, der — Schrecken, den er einflößte? Worin lag es? Niemand konnte es sagen. Dieser Allan hatte keine Pose, er war stets natürlich, einfach, er selbst und er wirkte! Er hatte oft Allans braunes, sommersprossiges Gesicht beobachtet. Es drückte weder Adel noch Genie aus und doch konnte er seinen Blick nicht sättigen an der Einfachheit, der Klarheit dieser Züge. Wenn Allan etwas sagte, nur leichthin, so genügte das schon. Niemand würde auch nur daran gedacht haben, seine Anordnungen zu ignorieren.
Nun, S. Woolf war nicht der Mann, der sich Tag und Nacht mit diesen Dingen beschäftigte. Zuweilen nur gab er sich damit ab, wenn der Zug durch die Landschaft glitt. Dann aber geriet er stets in eine unbehagliche und gereizte Verfassung.
Bei diesen Betrachtungen stieß er immer auf einen Punkt: das war sein Verhältnis zu Allan. Allan achtete ihn, er behandelte ihn zuvorkommend, kollegial — aber er behandelte ihn doch nicht wie die anderen, und er, S. Woolf, bemerkte das wohl.
Er hörte, wie Allan fast alle Ingenieure, Chefingenieure und Beamte einfach bei ihren Namen rief. Warum aber nannte er ihn stets „Herr Woolf“, ohne sich je zu versprechen? Aus Respekt? O nein, mein Sohn, dieser Allan hatte nur vor sich selbst Respekt! So lächerlich es S. Woolf auch selbst erschien, es war einer seiner intimsten Wünsche, daß Allan ihn eines Tages auf die Schulter klopfte und sagte: „Hallo, Woolf, how do you do?“ — Aber er wartete seit Jahren darauf.
Dann wurde es S. Woolf stets klar, daß er Allan haßte! Ja, er haßte ihn — ohne jeden Grund. Er wünschte, Allans Sicherheit erschüttert zu sehen, Allans Blick sollte einmal flackern, Allan sollte einmal abhängig von ihm sein.
S. Woolf war ganz heiße Leidenschaft, wenn er diese Gedanken erwog. Es war ja auch recht wohl möglich! Es konnte ein Tag kommen, da er, S. Woolf —! Weshalb sollte es nicht möglich sein, daß seine Stellung eines Tages einer absoluten Beherrschung des Syndikats gleichkäme?
S. Woolf legte die orientalischen Augendeckel über seine schwarzen, glänzenden Augen und seine fetten Wangen zitterten.
Das war der kühnste Gedanke, den er in seinem Leben gedacht hatte, und dieser Gedanke hypnotisierte ihn.
Er brauchte ja nur eine Milliarde Aktien im Rücken zu haben — und dann sollte Mac Allan sehen, wer S. Woolf war.
S. Woolf zündete sich eine Zigarre an und träumte seinen ehrgeizigen Traum.
7.
Edison Bio machte immer noch glänzende Geschäfte mit ihrem wöchentlich neuen Tunnel-Film.
Sie zeigte die schwarze Wolkenbank, die ewig über dem Materialbahnhof in Mac City steht. Sie zeigte die unübersehbare Armee von Waggons, die von tausend qualmenden Lokomotiven aus allen Staaten Amerikas hierhergeschleppt wurden. Verladebrücken, Drehkrane, Laufkatzen, Hochbahnkrane. Sie zeigte das „Fegfeuer“ und die „Hölle“ voll rasender Menschen, der Phonograph gab gleichzeitig den Lärm wieder, wie er, zwei Meilen hinter der „Hölle“ durch die Stollen tobte. Obwohl durch einen Dämpfer aufgenommen, war der Lärm so überwältigend und entsetzlich, daß das Auditorium sich die Ohren zuhielt.
Edison Bio zeigte die ganze Bibel der modernen Arbeit. Und alles mit einem bestimmten Ziel: dem Tunnel!
Und die Zuschauer, die sich vor zehn Minuten an einem schauerlichen Melodrama ergötzt hatten, fühlten, daß all die bunten, rauchenden und dröhnenden Bilder der Arbeit, die die Leinwand zeigte, nichts anderes waren als Szenen eines weitaus größeren und mächtigeren Dramas, dessen Held ihre Zeit war.
Edison Bio verkündete das Epos des Eisens, größer und gewaltiger als alle Epen des Altertums.
Eisengruben in Bilbao, Nordspanien, Gellivara, Grängesberg Schweden. Eine Hüttenstadt in Ohio, die Luft ein Aschenregen, die Schlöte dicht wie Lanzen. Flammende Hochöfen in Schweden, Feuerzacken ringsum am nächtlichen Horizont. Inferno. Ein Eisenhüttenwerk in Westfalen. Paläste aus Glas, Maschinen, vom Menschen ersonnen, Mammute mit ihrem zwerghaften Erzeuger und Lenker zur Seite. Eine Gruppe dicker Teufel, turmhoch, schwelend, die Hochöfen, umschnürt von Eisengürteln, zuweilen Feuer gegen den Himmel speiend. Die Erzkarren sausen hinauf, der Ofen wird beschickt. Die Giftgase brausen durch die Bäuche der dicken Teufel und erhitzen den Wind auf 1000 Grad, so daß Kohle und Koks von selbst zu glühen beginnen. 300 Tonnen Roheisen schmilzt der Ofen am Tage. Das Stichloch wird angestochen, ein Bach von Eisen schießt in die Gießhalle, die Menschen glühen, ihre Totengesichter blenden. Die Bessemer- und Thomasbirnen, geschwollene Spinnenleiber, Stockwerke hoch, bald stehend, bald liegend, vom Druck des Wassers bewegt, Luft durch das Eisen blasend, Feuerschlangen und Funkengarben weit hinausspeiend. Glut, Hitze, Hölle und Triumph! Die Martinsöfen, die Rollöfen, die Dampfhämmer, die Walzwerke, Rauch, Funkentänze, brennende Menschen, jeder Zoll Genie, Sieg. Der Eisenblock glüht und knistert, läuft über die Walzenstraße zwischen den Walzen hindurch, streckt sich wie Wachs, wird länger, länger, läuft zurück durch das letzte Profil und liegt da, heiß und schwitzend, schwarz, besiegt, fertig: „Krupp, Essen, walzt eine Tunnelschiene.“
Zum Schluß: Ein Stollen in einem Kohlenbergwerk. Ein Pferdekopf, ein Pferd, ein kleiner Junge in hohen Stiefeln, der daneben hergeht, ein endloser Zug von Kohlenkarren dahinter. Ewig nickt das Pferd mit dem Kopf, stapft der Junge, bis er ganz nahe ist und mit seinem geschwärzten, fahlen Gesicht ins Publikum grinst.
Der Konferencier: „Solch ein Kohlenjunge war Mac Allan, der Erbauer des Tunnels, vor zwanzig Jahren.“
Ein ungeheurer Jubel bricht los! Der menschlichen Energie und Kraft jubelt man zu — sich selbst, seinen eigenen Hoffnungen!
In dreißigtausend Theatern führte Edison Bio die Tunnelfilme täglich vor. Es gab kein Nest in Sibirien und Peru, wo man die Filme nicht sah. So war es natürlich, daß all die Höchstkommandierenden des Tunnelbaus ebenso bekannt wurden wie Allan selbst. Ihre Namen prägten sich dem Gedächtnis des Volkes ein wie die Namen von Stephenson, Marconi, Ehrlich, Koch.
Nur Allan selbst hatte noch nicht Zeit gehabt, sich den Tunnelfilm anzusehen, obgleich die Edison Bio wiederholt versucht hatte, ihn an den Haaren hineinzuziehen.
Denn die Edison Bio versprach sich einen besonderen Erfolg von dem Film: „Mac Allan sieht sich selbst im Edison Bio.“
8.
„Wo ist Mac?“ fragte Hobby.
Maud hielt im Schaukeln inne.
„Laß sehen! — In Montreal, Hobby.“
Es ist Abend und sie sitzen beide auf der Veranda im ersten Stock des Hauses, die auf das Meer hinausgeht. Der Garten liegt schweigend unter ihnen im Dunkel. Die müde Dünung des Meeres rauscht und zischt gleichmäßig, und fern braust und klingt die Arbeit. Sie haben vor Tisch vier Games Tennis geklopft, zu Abend gegessen und nun ruhen sie noch ein Stündchen aus. Das Haus liegt ganz ruhig und dunkel.
Hobby gähnt müde und klopft sich dabei auf den Mund. Das gleichmäßig feine Zischen des Meeres schläfert ihn ein.
Maud aber saß und schaukelte sich und ihre Augen waren ganz wach.
Sie betrachtete Hobby. In seiner hellen Kleidung, mit seinen lichtblonden Haaren, sah er in der Dunkelheit fast weiß aus, und nur sein Gesicht und sein Schlips waren dunkel. Wie ein Negativ. Maud lächelte, denn sie erinnerte sich an die Geschichte, die ihr Hobby beim Essen erzählte — eine Geschichte von einer der „Nichten“ S. Woolfs, die S. Woolf verklagte, weil er sie auf die Straße setzte. Von der Geschichte kam sie aber sofort wieder auf Hobby selbst zurück. Er gefiel ihr. Selbst seine Albernheiten gefielen ihr. Sie waren die besten Kameraden, hatten keine Geheimnisse vor einander. Zuweilen wollte er ihr sogar Dinge erzählen, die sie gar nicht wissen wollte und sie mußte ihn bitten, den Mund zu halten. Hobby und Edith waren so herzlich und vertraut miteinander wie Vater und Kind. Und oft sah es aus, als ob Hobby der Herr des Hauses wäre.
„Hobby könnte ebensogut mein Mann sein wie Mac,“ dachte Maud und fühlte, wie sie heiß und rot wurde.
In diesem Augenblick lachte Hobby leise vor sich hin.
„Warum lachst du, Hobby?“
Hobby dehnte sich, daß der Sessel knirschte.
„Ich habe eben gedacht, wie ich die nächsten sieben Wochen leben werde.“
„Hast du wieder verloren?“
„Ja. Wenn ich full hand in der Hand habe, so werde ich doch halten? Ich habe sechstausend Dollar verpulvert. Vanderstyfft gewinnt, die reichen Kerle gewinnen immer.“
Maud lachte.
„Du brauchst ja nur ein Wort zu Mac zu sagen.“
„Ja, ja, ja —“ erwiderte Hobby und gähnte wieder und klopfte sich auf den Mund. „So geht es, wenn man ein fool ist!“
Und beide hingen wieder ihren Gedanken nach. Maud hatte einen Trick ersonnen, wie sie mit dem Schaukelstuhl vorwärts und rückwärts wandern konnte, während sie schaukelte. Bald war sie einen Schritt näher, bald einen Schritt ferner. Und immer behielt sie Hobby im Auge.
Ihr Herz war voller Verwirrung, Resignation und Verlangen.
Hobby hatte die Augen geschlossen und Maud fragte plötzlich dicht neben ihm: „Frank, wie wäre es geworden, wenn ich dich geheiratet hätte?“
Hobby öffnete die Augen und war sofort ganz wach. Mauds Frage hatte ihn aufgeschreckt und der Klang seines Vornamens, mit dem ihn seit Jahren niemand mehr angesprochen hatte. Er erschrak, denn Mauds Gesicht war ganz nahe und doch war sie vor einem Augenblick noch zwei Schritt fern gewesen. Ihre weichen, kleinen Hände lagen auf der Lehne seines Stuhles.
„Wie kann ich das wissen?“ entgegnete er unsicher und versuchte es mit einem leisen Lachen.
Mauds Augen standen dicht vor ihm. Ein goldener Glanz leuchtete warm und flehend aus ihrer Tiefe. Ihr Gesicht schimmerte bleich und schmal, wie vergrämt, aus dem dunkeln Scheitel.
„Warum habe ich dich nicht geheiratet, Frank?“
Hobby holte Atem. „Weil dir Mac besser gefiel,“ sagte er nach einer Weile.
Maud nickte. „Wären wir zusammen glücklich geworden, Frank?“
Hobbys Verwirrtheit steigerte sich, zumal er sich nicht regen konnte, ohne Maud zu nahe zu kommen.
„Wer weiß es, Maud?“ Hobby lächelte.
„Hast du mich früher wirklich geliebt, Frank, oder tatest du nur so?“ flüsterte Maud.
„Ja, wirklich!“
„Wärst du glücklich mit mir geworden, Frank, glaubst du?“
„Ich glaube es.“
Maud nickte und ihre feinen Brauen zogen sich träumerisch in die Höhe. „Ja?“ flüsterte sie, noch leiser, voller Glück und Weh.
Hobby ertrug die Situation nicht länger. Wie konnte es Maud nur in den Sinn kommen, an diese alten Dinge zu rühren? Er wollte ihr sagen, daß das alles Nonsens sei, er wollte einlenken. Ja, zum Teufel, Maud gefiel ihm immer noch und er hatte seinerzeit böse Tage gehabt ...
„Und nun sind wir gute Freunde geworden, Maud, nicht wahr?“ fragte er in so harmlosem alltäglichen Tonfall, als er es in diesem Augenblick vermochte.
Maud nickte, ganz unmerklich. Sie sah ihn immer noch an und so saßen sie eine, zwei Sekunden und sahen einander in die Augen. Plötzlich geschah es! Er hatte eine kleine Bewegung gemacht, weil er nicht länger stillhalten konnte — ja, wie war es doch gekommen? —: ihre Lippen berührten sich wie von selbst.
Maud fuhr zurück. Sie stieß einen kleinen, erstickten Schrei aus, stand auf, stand eine Weile regungslos da und verschwand im Dunkel. Eine Türe ging.
Hobby kletterte langsam aus dem Korbsessel und sah mit einem verwirrten, geistesabwesenden Lächeln ins Dunkle hinein, während er noch Mauds Mund auf seinen Lippen fühlte, weich und warm, und seine Arme vor Müdigkeit abzufallen drohten.
Dann fand er sich zurecht. Er hörte plötzlich die Dünung wieder zischen und einen Zug in der Ferne klingeln. Er zog gedankenlos die Uhr und ging durch die dunklen Zimmer in den Garten hinunter.
„Nie wieder!“ dachte er. „Stop, my boy! Maud wird mich sobald nicht wieder sehen.“
Er nahm den Hut vom Nagel, zündete sich mit zitternden Händen eine Zigarette an und verließ das Haus, immer noch erregt, beglückt, verwirrt.
„Ja, zum Teufel, wie kam es nur?“ dachte er immer wieder und hielt den Schritt an.
Unterdessen saß Maud zusammengeduckt in ihrem dunklen Zimmer, die Hände im Schoß, blickte mit erschrockenen Augen vor sich auf den Boden und flüsterte: „Die Schande — die Schande — o Mac, Mac!“ Und sie weinte still und zerknirscht. Nie mehr würde sie Mac in die Augen sehen können, nie mehr. Sie mußte es ihm sagen, sie mußte sich scheiden lassen, ja, das mußte sie! Und Edith? Sie konnte wirklich stolz auf ihre Mutter sein, in der Tat!
Sie erschrak. Hobby ging drunten. Er geht so leicht, dachte sie, sein Schritt ist so leicht. Ihr Herz pochte im Hals. Sollte sie aufstehen, rufen: „Hobby, komm —!“ Ihr Gesicht glühte und sie rang die Hände. O Himmel, nein — die Schande — was war über sie gekommen? Den ganzen Tag über hatte sie schon törichte Gedanken im Kopf gehabt und am Abend die Augen nicht von Hobby losreißen können und gedacht — ja, nun wollte sie schon ganz ehrlich sein! — wie es wäre, wenn er sie küßte ...
Maud weinte noch im Bett vor Kummer und Reue. Dann wurde sie ruhiger und faßte sich. „Ich werde es Mac sagen, wenn er kommt, und ihn bitten, mir zu verzeihen, ihm schwören ... Laß mich nicht so allein, Mac, werde ich sagen. Übrigens war es doch schön — Gott, Hobby erschrak bis ins tiefste Herz hinein. Schlafen, schlafen, schlafen!“
Am andern Morgen, als sie mit Edith zusammen badete, spürte sie nur noch einen kleinen Druck im Herzen, der auch blieb, wenn sie gar nicht an den gestrigen Abend dachte. Es würde alles wieder gut werden, gewiß. Es kam ihr vor, als habe sie Mac nie heißer geliebt. Aber er sollte sie nicht so vernachlässigen! Nur manchmal versank sie in Nachdenken und sah mit blickleeren Augen vor sich hin, von heißen, raschen, unruhigen Gedanken erfüllt. Wenn sie nun aber Hobby wirklich liebte ...?
Hobby kam drei Tage nicht. Er arbeitete am Tage wie ein Teufel und abends war er in New York und spielte und trank Whisky. Er borgte sich viertausend Dollar und verlor sie bis auf den letzten Cent.
Am vierten Tag sandte ihm Maud eine Note, daß sie ihn bestimmt erwarte am Abend. Sie habe mit ihm zu reden.
Hobby kam. Maud errötete, als sie ihn sah, empfing ihn aber heiter und lachend.
„Wir wollen nie wieder eine solche Dummheit begehen, Hobby!“ sagte sie. „Hörst du? O, ich habe mir solche Vorwürfe gemacht! Ich habe nicht geschlafen, Hobby. Nein, nie wieder. Ich bin ja schuldig, nicht du, ich lüge mich nicht an. Zuerst dachte ich, ich müsse es Mac beichten, nun aber bin ich entschlossen, ihm nichts zu sagen. Oder meinst du, ich sollte?“
„Du kannst es ja gelegentlich tun, Maud. Oder ich —“
„Nein, du nicht, hörst du, Hobby! Ja, gelegentlich — du hast recht. Und nun wollen wir wieder die alten, guten Kameraden sein, Hobby!“
„All right!“ sagte Hobby und nahm ihre Hand und dachte, wie hübsch ihr Haar glänze und wie hübsch ihr diese leichte Röte und Verwirrtheit stehe und wie gut und treu sie sei, und daß ihn dieser Kuß viertausend Dollar gekostet habe. Never mind!
„Die Balljungen sind da, willst du spielen?“
So waren sie wieder die alten Kameraden, und nur Maud konnte dann und wann nicht umhin, Hobby durch einen Blick daran zu erinnern, daß sie ein Geheimnis zusammen hätten.