Sechster Teil
Reading edition
1.
Der Tunnel war tot.
Ein Schritt hallte weithin in den öden Stollen und eine Stimme rumorte wie in einem Keller. In den Stationen sangen gleichmäßig still Tag und Nacht die Maschinen, von schweigsamen, verbitterten Ingenieuren bedient. Vereinzelte Züge klirrten hinein, hinaus. Nur in der submarinen Schlucht wühlten noch immer die Arbeiter der Pittsburg Refining and Smelting Co. Die Tunnelstadt war verödet, verstaubt und ausgestorben. Die Luft, die sonst wetterte vom Mahlen der Betonmischmaschinen und Hämmern der Züge, war still, die Erde zitterte nicht mehr. Im Hafen lagen Reihen von toten Dampfern. Die Maschinenhallen, die früher wie Feenpaläste glitzerten, lagen bis auf einzelne in der Nacht schwarz wie Ruinen und ohne Leben. Das Blinkfeuer des Hafens war erloschen.
Allan bewohnte das fünfte Stockwerk des Bürogebäudes. Seine Fenster gingen auf ein Meer von Geleisen hinaus, die sich leer und staubbedeckt hinzogen. In den ersten Wochen verließ er das Haus überhaupt nicht. Dann verbrachte er einige Wochen in den Stollen. Er verkehrte mit niemand außer Strom. Freunde hatte er nicht in Mac City. Hobby hatte schon lange sein Landhaus verlassen. Er hatte seinen Beruf aufgegeben und eine Farm in Maine gekauft. Im November hatte Allan eine dreistündige Besprechung mit dem alten Lloyd, die seine letzten Hoffnungen vernichtete. Entmutigt und bitter ging er noch am gleichen Tage mit einem Dampfer des Syndikats in See. Er besuchte die ozeanischen und europäischen Stationen und die Zeitungen brachten kurze Notizen darüber. Aber niemand las sie. Mac Allan war tot wie der Tunnel, neue Namen blendeten über der Welt.
Als er im Frühjahr nach Mac City zurückkehrte, kümmerte sich kein Mensch darum. Nur Ethel Lloyd!
Ethel wartete einige Wochen auf seinen Besuch bei ihrem Vater. Als er aber nichts von sich hören ließ, schrieb sie ihm ein kurzes, freundliches Billett: Sie habe erfahren, daß er wieder hier sei. Pa und sie würden sich sehr freuen, wenn er sie gelegentlich besuche. Tausend Grüße!
Allein Allan antwortete nicht.
Ethel war erstaunt und gekränkt. Sie ließ den ersten Detektiv New Yorks zu sich kommen und gab ihm den Auftrag, augenblicklich Informationen über Allan einzuziehen. Am nächsten Tag erstattete ihr der Detektiv Bericht: Allan arbeite Tag für Tag im Tunnel. Zwischen sieben Uhr und zwölf Uhr abends kehre er gewöhnlich zurück. Er lebe vollkommen abgeschlossen von der Welt und habe seit seiner Rückkehr keinen Menschen vorgelassen. Der Weg zu ihm führe über Strom, und Strom sei unerbittlicher als ein Gefängnisschließer.
Am gleichen Tage noch erschien Ethel gegen Abend in der toten Tunnelstadt, um sich bei Allan melden zu lassen. Man sagte ihr, sie möge sich an Herrn Strom wenden. Ethel, die damit rechnete, hatte schon ihre Vorbereitungen getroffen. Mit diesem Herrn Strom wollte sie schon fertig werden! Sie hatte Strom bei Allans Prozeß gesehen. Sie haßte und bewunderte ihn zu gleicher Zeit. Sie verabscheute seine unmenschliche Kälte und Menschenverachtung, aber sie bewunderte seinen Mut. Heute würde er auf Ethel Lloyd stoßen! Sie hatte sich ausgesucht gekleidet, Pelz aus sibirischem Silberfuchs, Fuchskopf und Pranken auf der Mütze. Sie setzte ihre verführerischste und siegreichste Miene auf, überzeugt, Strom augenblicklich zu blenden.
„Ich habe die Ehre, Herrn Strom zu sprechen?“ begann sie mit ihrer einschmeichelndsten Stimme. „Mein Name ist Ethel Lloyd. Ich möchte gerne Herrn Allan besuchen.“
Strom aber verzog keine Miene. Weder ihr allmächtiger Name, noch der Silberfuchs, noch ihre schönen lächelnden Lippen machten auf ihn den geringsten Eindruck. Ethel hatte das demütigende Gefühl, daß ihr Besuch ihn tödlich langweile.
„Herr Allan ist im Tunnel, Fräulein Lloyd!“ sagte er kühl. Sein Blick und die Frechheit, mit der er log, empörten Ethel und sie legte augenblicklich ihre liebenswürdige Maske ab und wurde bleich vor Zorn.
„Sie sind ein Lügner!“ antwortete sie mit einem leisen, empörten Lachen. „Man hat mir soeben gesagt, daß er hier sei.“
Strom regte sich nicht auf. „Ich kann Sie nicht zwingen, mir zu glauben, leben Sie wohl!“ entgegnete er. Das war alles.
So etwas hatte Ethel Lloyd noch nie erlebt. Bebend und blaß vor Wut erwiderte sie: „Sie werden noch an mich denken, mein Herr! Bis heute hat es noch niemand gewagt, mich so unverschämt zu behandeln! Eines Tages werde ich, Ethel Lloyd, Ihnen die Türe weisen! Hören Sie!“
„Ich werde dann weniger Worte machen als Sie, Fräulein Lloyd,“ erwiderte Strom kühl.
Ethel sah in seine eisigen Glasaugen und sein totes Gesicht. Sie hatte Lust, ihm geradeheraus zu sagen, daß er kein Gentleman sei, aber sie beherrschte sich und schwieg. Sie warf ihm ihren verächtlichsten Blick zu (ein Blick, guter Gott!) und ging.
Und während sie mit Tränen der Wut in den Augen die Treppe hinabstieg, dachte sie: ‚Er ist ja auch wahnsinnig geworden, dieser Basilisk! Alle machte der Tunnel wahnsinnig, Hobby, Allan — sie brauchen nur ein paar Jahre dabei zu sein.‘
Ethel weinte vor Zorn und Enttäuschung, als sie in ihrem Wagen nach New York zurückfuhr. Sie hatte sich vorgenommen gehabt, alle ihre Künste gegen diesen Strom, hinter den sich Allan verschanzte, spielen zu lassen, aber sein unverschämt kalter Blick hatte sofort ihre Überlegung weggefegt. Sie weinte aus Wut über ihre schlechte Taktik. „Nun, dieser Patron wird an Ethel Lloyd denken!“ sagte sie rachsüchtig und lachte zornig. „Ich werde den ganzen Tunnel kaufen, nur um diesen Burschen hinauswerfen zu können. Just wait a little!“
Bei Tisch saß sie an diesem Abend blaß und schweigsam ihrem Vater gegenüber.
„Reichen Sie Herrn Lloyd die Sauciere!“ herrschte sie den Diener an. „Sehen Sie denn nicht?“
Und der Diener, der Ethels Launen recht wohl kannte, kam ihrem Befehl nach und wagte keine Miene zu verziehen.
Der alte Lloyd blickte scheu in die kalten, herrischen Augen seiner schönen Tochter.
Ethel ließ sich durch Hindernisse nicht abschrecken. Sie hatte ihr Auge auf Allan geworfen. Sie hatte sich vorgenommen, ihn zu sprechen, und sie schwor sich es zu tun, koste es, was es wolle. Um keinen Preis der Welt aber hätte sie sich noch einmal an Strom gewandt. Sie verabscheute ihn! Und sie war überzeugt, auch ohne diesen Strom, der kein Gentleman war, ihr Ziel zu erreichen.
An den folgenden Abenden war der alte Lloyd in die üble Lage versetzt, allein speisen zu müssen. Ethel ließ sich entschuldigen. Sie fuhr jeden Tag um vier Uhr nachmittags nach Mac City und kam um halb elf Uhr mit dem Abendzuge zurück. Von sechs bis neun Uhr aber wartete sie in einem Mietsautomobil, das sie von New York nach Mac City beordert hatte, zehn Schritte vom Haupteingang des Bürogebäudes entfernt. Eingehüllt in Pelze saß sie im Wagen, zitternd vor Frost, eigentümlich abenteuerlich erregt und gedemütigt durch die Rolle, die sie spielte, und spähte durch die gefrorenen Scheiben, in die sie von Zeit zu Zeit Löcher hauchen mußte. Trotz einiger Bogenlampen, die gleißende Höhlen in die Nacht rissen, war es draußen tiefdunkel und nur das wirre Netz der Geleise schimmerte matt. So oft sich etwas regte und jemand kam, machte Ethel ihre Augen ganz scharf und ihr Herz pochte.
Am dritten Abend sah sie Allan zum erstenmal. Er kam mit einem Herrn quer über die Trassen und sie erkannte ihn augenblicklich am Gang. Der Herr aber, der ihn begleitete, war Strom. Ethel verwünschte ihn! Die beiden gingen ganz nahe am Auto vorüber und Strom wandte das Gesicht gegen das glitzernde, vereiste Fenster. Ethel bildete sich ein, daß er erraten habe, wer im Wagen saß, und sie fürchtete schon, er werde Allan auf das Automobil aufmerksam machen. Allein Strom ging weiter, ohne ein Wort an Allan zu richten.
Ein paar Tage darauf kam Allan schon um sieben Uhr aus dem Tunnel zurück. Er sprang von einem langsam fahrenden Zug ab und stieg ohne Hast über die Geleise. Immer näher kam er, still und nachdenklich ging er seiner Wege. Gerade als er den Fuß auf die Stufen des Eingangs setzte, öffnete Ethel den Schlag des Autos und rief seinen Namen.
Allan blieb einen Moment stehen und sah sich um. Dann machte er Miene, die Stufen hinaufzusteigen.
„Allan!“ rief Ethel nochmals und eilte näher.
Allan wandte sich ihr zu und forschte mit einem raschen Blick unter ihrem Schleier.
Er trug einen weiten braunen Mantel, ein Halstuch und hohe Stiefel, die voller Schmutz waren. Sein Gesicht war mager und hart. Eine Weile sahen sie einander schweigend an.
„Ethel Lloyd?“ fragte Allan langsam, mit tiefer gleichgültiger Stimme.
Ethel wurde verlegen. Sie hatte Allans Stimme nur undeutlich in der Erinnerung gehabt und nun erkannte sie seine Stimme wieder. Sie zögerte, den Schleier hochzunehmen, da sie fühlte, daß sie rot geworden war.
„Ja,“ sagte sie unsicher, „ich bin es,“ und schob den Schleier in die Höhe.
Allan sah sie mit ernsten, klaren Augen an. „Was tun Sie hier?“ fragte er.
Aber da fand Ethel ihre Fassung. Sie sah ein, daß ihre Sache verloren wäre, wenn sie in dieser Sekunde nicht den richtigen Ton träfe. Und sie traf ihn, instinktiv. Sie lachte so froh und herzlich wie ein Kind und sagte: „Es fehlte gerade noch, daß Sie mich auszankten, Allan! Ich habe mit Ihnen zu sprechen und da Sie niemand vorlassen, habe ich Ihnen zwei Stunden lang in diesem Wagen aufgelauert.“
Allans Blick änderte sich nicht. Aber seine Stimme klang nicht unfreundlich, als er sie bat einzutreten.
Ethel atmete auf. Der gefährliche Augenblick war vorüber. Sie fühlte sich froh und leicht und glücklich, als sie den Lift betrat.
„Ich habe Ihnen geschrieben, Allan?“ sagte sie lächelnd.
Allan sah sie nicht an. „Ja, ja, ich weiß,“ erwiderte er zerstreut und blickte zu Boden, „aber, offen gestanden, hatte ich damals —“ Und Allan murmelte etwas, was sie nicht verstand. Im gleichen Augenblick hielt auch der Lift. Lion öffnete die Tür zu Allans Wohnung. Ethel tat sehr erfreut und überrascht, Lion wiederzusehen.
„Da ist ja unser alter Lion!“ rief sie aus und streckte dem alten, dünnen Chinesen wie einem lieben Bekannten die Hand hin. „Wie geht es, Lion?“
„Thank you,“ wisperte der verblüffte Lion kaum hörbar und verbeugte sich schlürfend.
Allan bat Ethel, ihn einen Augenblick zu entschuldigen, und Lion führte sie in ein großes, wohlgeheiztes Zimmer und entfernte sich sofort wieder. Ethel knöpfte den Mantel auf und zog die Handschuhe aus. Das Zimmer machte einen nüchternen und geschmacklosen Eindruck. Offenbar hatte Allan die Möbel telephonisch bei einem Warenhaus bestellt und das Arrangement einem Tapezierer überlassen. Dazu kam, daß die Vorhänge gerade abgenommen waren und man die Fensterstöcke nackt erblickte, schwarze Rechtecke mit drei, vier kalt glitzernden Sternen darin. Nach geraumer Weile kam Lion wieder und servierte Tee und Toast. Dann trat Allan ein. Er hatte sich umgekleidet und die hohen Stiefel mit Schuhen vertauscht.
„Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Fräulein Lloyd,“ sagte er ernst und ruhig und nahm in einem Sessel Platz. „Wie geht es Herrn Lloyd?“ Und Ethel sah an seinem Gesicht, daß er sie nicht brauchte.
„Vater geht es gut, danke,“ antwortete sie zerstreut. Sie konnte nun Allan deutlich sehen. Er war stark ergraut und sah um Jahre gealtert aus. Seine scharf gewordenen Züge waren vollkommen bewegungslos, steinern, voll verborgener Verbitterung und stummem Trotz. Seine Augen waren kalt, ohne Leben und erlaubten dem Blick nicht, in sie einzudringen.
Ethel hätte nun, wenn sie überlegt gehandelt hätte, vorerst ein belangloses Gespräch mit Allan geführt, um ihn und sich selbst mit der Situation nach und nach vertraut zu machen. Sie hatte es sich auch vorgenommen, sie wollte sogar über Strom Klage führen, aber als sie Allan so verändert, fremd und abweisend vor sich sah, ließ sie sich von ihrem Impuls fortreißen. Ihr Herz sagte ihr, daß es eine Möglichkeit geben müsse, Allan zu packen und festzuhalten.
Und augenblicklich schlug sie einen herzlichen und vertrauten Ton an, als seien sie früher die allerbesten Freunde gewesen. „Allan!“ sagte sie mit einem leuchtenden Blick ihrer blauen Augen und streckte ihm die Hand hin. „Sie können nicht wissen, wie sehr ich mich freue, Sie wiederzusehen!“ Sie hatte Mühe, ihre Erregung zu verbergen.
Allan gab ihr die Hand, die rauh und hart geworden war. Er lächelte ein wenig, aber in seinen Augen stand eine leise, gutmütige Verachtung für diese Art weiblicher Sympathie.
Ethel kümmerte sich nicht darum. Sie war nun nicht mehr einzuschüchtern.
Sie sah Allan an und schüttelte den Kopf. „Sie sehen nicht gut aus, Allan,“ fuhr sie fort. „Das Leben, das Sie gegenwärtig führen, ist nichts für Sie. Ich begreife recht wohl, daß Sie für einige Zeit Ruhe und Abgeschlossenheit nötig hatten, aber ich glaube nicht, daß es für Sie auf die Dauer gut ist. Seien Sie nicht böse, daß ich Ihnen das sage. Sie brauchen Ihre Arbeit — der Tunnel fehlt Ihnen! Nichts sonst!“
Sie traf die Wahrheit, sie traf Allan mitten ins Herz. Allan saß da und starrte Ethel an. Er erwiderte kein Wort und machte auch nicht den geringsten Versuch, sie zu unterbrechen.
Ethel hatte ihn überrumpelt und sie nützte seine Verblüfftheit nach Kräften aus. Sie sprach nun so rasch und erregt, daß es überhaupt unmöglich gewesen wäre, ihr, ohne unhöflich zu werden, ins Wort zu fallen. Sie machte ihm Vorwürfe, daß er sich selbst von seinen Freunden völlig zurückgezogen habe, daß er sich in dieser toten Stadt vergrabe; sie schilderte ihm ihr Erlebnis mit Strom, sie sprach von Lloyd, von New York, von Bekannten und kam immer wieder auf den Tunnel zurück. Wer sollte denn den Tunnel vollenden, wenn nicht er? Wem würde die Welt diese Aufgabe anvertrauen? Und ganz abgesehen von all dem, sie wolle es ihm offen heraussagen: er würde zugrunde gehen, wenn er die Arbeit nicht bald wieder aufnähme ...
Allans graue Augen waren dunkel und düster geworden, soviel Gram, Schmerz, Bitterkeit und Verlangen hatte Ethel in ihm aufgewühlt.
„Weshalb sagen Sie mir all das?“ fragte er, und ein unwilliger Blick traf Ethel.
„Ich habe gar kein Recht, Ihnen das zu sagen, das weiß ich wohl,“ antwortete sie, „wenn nicht etwa das Recht einer Freundin oder Bekannten. Aber ich sage Ihnen das, weil —“ Jedoch Ethel konnte keinen Grund angeben und fuhr fort: „Ich mache Ihnen nur Vorwürfe, daß Sie sich in diesem gräßlichen Zimmer hier vergraben, anstatt Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen und den Tunnel fertig zu bauen.“
Allan schüttelte nachsichtig den Kopf und lächelte resigniert. „Fräulein Lloyd,“ entgegnete er, „Sie werden mir vollkommen unverständlich. Ich habe ja Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt und ich versuche noch täglich das Mögliche. Vorläufig ist an die Aufnahme der Arbeit nicht zu denken.“
„Warum nicht?“
Allan sah sie erstaunt an. „Wir haben kein Geld,“ sagte er kurz.
„Wer soll aber Geld schaffen können, wenn nicht Sie?“ versetzte Ethel rasch, mit einem leisen Lachen. „Solange Sie sich hier einsperren, wird Ihnen allerdings niemand Geld geben.“
Allan wurde des Gesprächs müde. „Ich habe alles versucht,“ erwiderte er und Ethel hörte am Ton seiner Stimme, daß sie ihm lästig wurde.
Sie griff nach den Handschuhen, und während sie in den linken Handschuh schlüpfte, fragte sie: „Haben Sie auch mit Papa gesprochen?“
Allan nickte und wich ihrem Blick aus.
„Mit Herrn Lloyd? Gewiß!“ entgegnete er.
„Nun, und?“
„Herr Lloyd machte mir nicht die geringsten Hoffnungen mehr!“ erwiderte er und sah Ethel an.
Ethel lachte, ihr leichtes, kindliches Lachen.
„Wann,“ sagte sie, „Allan, wann war das?“
Allan dachte nach. „Das war im verflossenen Herbst.“
„Ja, im Herbst!“ fuhr Ethel fort und tat erstaunt. „Papas Hände waren damals gebunden. Jetzt liegt die Sache ganz anders —“ und Ethel Lloyd feuerte nun ihre Breitseite ab — „Papa hat mir gesagt: ich würde vielleicht den Bau übernehmen. Aber ich kann natürlich nicht an Allan herantreten. Allan müßte zu mir kommen.“ Das sagte sie ganz leichthin.
Allan saß still und in sich versunken da. Er erwiderte gar nichts. Ethel hatte ihm mit dieser Eröffnung Feuer ins Herz geworfen. Das Blut stieg ihm ins Gesicht. Plötzlich hörte er den donnernden Gang der Arbeit in seinen Ohren. Sollte es möglich sein? Lloyd —? Seine Erregung war so mächtig, daß er aufstehen mußte.
Er schwieg eine Weile. Dann sah er zu Ethel hin. Sie knöpfte ihre Handschuhe zu und dieses Geschäft schien ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen zu haben.
Ethel stand auf und lächelte Allan zu. „Papa hat mir allerdings nicht den Auftrag gegeben, Ihnen das zu sagen, Allan. Er darf nie erfahren, daß ich hier war,“ sagte sie leiser und streckte ihm die Hand hin.
Allan sah sie mit einem dankbaren, warmen Blick an. „Es war in der Tat sehr liebenswürdig von Ihnen mich aufzusuchen, Fräulein Lloyd!“ entgegnete er und drückte ihr die Hand.
Ethel lachte leise. „Bitte,“ sagte sie, „ich hatte in diesen Tagen nichts zu tun und da dachte ich, ich will doch sehen, was Allan treibt. Good bye!“ Und Ethel ging.
2.
An diesem Abend war Ethel während des Diners in so vorzüglicher Laune, daß dem alten Lloyd das Herz aufging. Und nach Tisch schlang sie die Arme um seinen Nacken und sagte: „Hat mein kleiner, lieber Pa morgen vormittag Zeit, mit mir eine wichtige Sache zu besprechen?“
„Heute noch, wenn du willst, Ethel.“
„Nein, morgen. Und will mein lieber, kleiner Pa alles tun, worum seine Ethel ihn bitten wird?“
„Wenn es mir möglich ist, mein Kind?“
„Es ist dir möglich, Pa!“
Am nächsten Tage erhielt Allan eine eigenhändig geschriebene, äußerst freundschaftlich gehaltene Einladung von Lloyd, die deutlich Ethels Diktion verriet.
„Wir werden ganz unter uns sein,“ schrieb Lloyd, „nur wir drei.“
Allan fand Lloyd in vorzüglicher Laune. Er war noch mehr eingeschrumpft und Allan gewann den Eindruck, als ob er anfange, etwas kindisch zu werden. So hatte er Allans Besuch im vorigen Herbst vollkommen vergessen. Er erzählte ihm wiederum alle Einzelheiten von Ethels Prozessen und lachte Tränen, als er schilderte, wie Ethel der Behörde ein Schnippchen schlug und auf dem Meere herumsegelte. Er schwatzte über all die neuen Dinge, die im Laufe des Herbstes und Winters geschaffen worden waren, über Skandale und Wahlen. Trotzdem sein Gehirn zu verfallen begann, war er noch lebhaft, voller Interesse für alles Neue, listig und bauernschlau. Allan plauderte zerstreut, denn er war zu sehr mit den eigenen Gedanken beschäftigt. Indessen fand er keine Gelegenheit, die Sprache auf den Tunnel zu bringen. Lloyd legte ihm Pläne zu Sternwarten vor, die er verschiedenen Nationen schenken wollte, und als Allan gerade im Begriff stand, überzulenken auf das, was ihm am Herzen lag, meldete der Diener, daß Miß Lloyd die Herren zum Diner erwarte.
Ethel war gekleidet wie zu einem Hofball. Sie blendete. Alles an ihr war Glanz, Frische, Hoheit. Ohne die entstellende, wuchernde Flechte auf dem Kinn wäre sie die erste Schönheit New Yorks gewesen. Allan war merkwürdig überrascht, als er sie sah. Denn er hatte nie gesehen, wie schön sie war. Noch mehr aber verblüffte ihn das schauspielerische Talent, das sie bei der Begrüßung entfaltete.
„Da sind Sie ja, Allan!“ rief sie aus und sah Allan mit strahlenden, aufrichtigen, blauen Augen an. „Wie lange haben wir uns nicht gesehen! Wo in aller Welt steckten Sie nur die ganze Zeit?“
Lloyd sagte rügend: „Ethel, sei nicht so neugierig!“
Und Ethel lachte! Bei Tisch war sie in prächtigster Laune.
Sie speisten an einem großen, runden Mahagonitisch, der zwei Meter im Durchmesser maß und den Ethel selbst täglich mit Blumen schmückte. Lloyds Kopf erschien grotesk, wie ein brauner Mumienschädel, zwischen den Bergen von Blüten. Ethel war unausgesetzt um den Vater bemüht. Er durfte nur essen, was sie ihm erlaubte, und lachte kindisch, wenn sie ihm etwas verweigerte. Alles, was ihm schmeckte, hatten ihm die Ärzte verboten.
Sein Gesicht verzerrte sich vor Vergnügen, als ihm Ethel etwas Hummermayonnaise vorlegte.
„Heute wollen wir nicht so streng sein, Dad,“ sagte sie, „weil Herr Allan zu Gast ist.“
„Kommen Sie recht oft, Allan,“ gluckste Lloyd. „Sie behandelt mich besser, wenn Sie hier sind.“
Bei jeder Gelegenheit, die sich bot, gab Ethel Allan zu verstehen, wie erfreut sie über seinen Besuch sei.
Nach Tisch nahmen sie den Kaffee in einem hohen Saal, der einem Palmenhaus ähnlich sah. In einem kolossalen echten Renaissancekamin, einem wundervollen, kostbaren Werk, glühten täuschend nachgeahmte große Buchenscheite. Irgendwo plätscherte ein unsichtbarer Springbrunnen. Es war hier so dunkel, daß man einander nur in den Umrissen sah. Lloyd mußte seine entzündeten Augen schonen.
„Singe uns etwas, Kind,“ sagte Lloyd und rauchte eine große, schwarze Zigarre an. Diese Zigarren wurden speziell für ihn in Havanna angefertigt und waren der einzige Luxus, den er sich erlaubte.
Ethel schüttelte den Kopf. „Nein, Dad, Allan liebt Musik nicht.“
Der braune Mumienschädel Lloyds wandte sich Allan zu. „Sie lieben Musik nicht?“
„Ich habe kein Gehör dafür,“ erwiderte Allan.
Lloyd nickte. „Wie sollten Sie auch?“ begann er mit der bedächtigen Wichtigkeit des Greises. „Sie haben zu denken und brauchen keine Musik. Bei mir war es früher genau so. Aber als ich älter wurde und sich bei mir das Bedürfnis zu träumen einstellte, da liebte ich sie plötzlich. Musik ist nur für Kinder, Frauen und schwache Köpfe —“
„Pfui, Vater!“ rief Ethel aus ihrem Schaukelstuhl.
„Ich genieße das Privilegium des Alters, Allan,“ fuhr Lloyd schwatzhaft fort. „Übrigens hat mich Ethel für die Musik erzogen — meine kleine Ethel, die nun dasitzt und über ihren Vater lacht!“
„Ist Papa nicht lieb?“ warf Ethel ein und sah Allan an.
Dann — nach einem kleinen, hitzigen Geplänkel zwischen Vater und Tochter, wobei Lloyd jämmerlich geschlagen wurde — begann Lloyd ganz von selbst vom Tunnel zu sprechen.
„Wie geht es mit dem Tunnel, Allan?“
Aus all seinen Fragen war deutlich zu erkennen, daß Ethel mit dem Vater vorher alles besprochen hatte und Lloyd es ihm leicht machen wollte, „an ihn heranzutreten“.
„Die Deutschen wollen nun eine regelmäßige Luftschiffverbindung einrichten,“ sagte Lloyd. „Sie sollten sehen, daß es bald wieder vorwärts geht, Allan!“
Der Augenblick war gekommen. Und Allan sagte klar und laut: „Geben Sie mir Ihren Namen, Herr Lloyd, und ich beginne morgen!“
Darauf erwiderte Lloyd bedächtig: „Ich wollte Ihnen schon lange Vorschläge machen, Allan. Ich dachte sogar daran, Ihnen ein Wort in diesem Sinne zu schreiben, als Sie verreist waren. Ethel aber sagte ‚Warte, bis Allan selbst zu dir kommt‘. Sie erlaubte es nicht!“
Und Lloyd gluckste triumphierend, Ethel einen Hieb versetzt zu haben. Unvermittelt aber zeigte sich in seinem Gesicht ein Ausdruck der größten Bestürzung, denn Ethel schlug plötzlich empört mit der flachen Hand auf die Lehne des Sessels, stand auf, bleich bis in die Mundwinkel und rief mit blitzenden Augen: „Vater! Wie konntest du es wagen, so etwas zu sagen!“
Sie warf die Schleppe herum und ging und schlug die Türe so heftig zu, daß der Saal bebte.
Allan saß fahl und stumm: Lloyd hatte sie verraten!
Lloyd aber drehte bestürzt den Kopf hin und her.
„Was tat ich ihr denn?“ stammelte er. „Es war ja nur ein Scherz! Es war gar nicht so gemeint. Was sagte ich denn Schlimmes? O, wie böse sie werden kann!“ Er faßte sich und gab sich Mühe, wieder heiter und zuversichtlich zu erscheinen. „Nun, sie wird ja wiederkommen,“ sagte er ruhiger. „Sie hat das beste Herz der Welt, Allan! Aber sie ist unberechenbar und launisch, ganz wie ihre Mutter es war. Aber, sehen Sie, nach einer Weile, da kommt sie dann zurück und kniet neben mir und streichelt mich und sagt: ‚Verzeih, Pa, ich habe heute einen schlechten Tag!‘“
Ethels Stuhl schaukelte noch immer. Es war ganz still. Der unsichtbare Springbrunnen rieselte und gluckste. Auf der Straße tuteten die Automobile wie Dampfer im Nebel.
Lloyd blickte auf Allan, der schweigend dasaß, dann sah er nach der Türe und lauschte. Nach einer Weile klingelte er dem Diener.
„Wo ist Miß Lloyd?“ fragte er.
„Miß Lloyd ist auf ihre Zimmer gegangen!“
Lloyd senkte den Kopf. „Dann sehen wir sie heute nicht mehr, Allan,“ sagte er nach einer Weile leise und niedergeschlagen. „Dann sehe ich sie auch morgen nicht! Und ein Tag ohne Ethel ist verloren für mich. Ich habe nichts als Ethel!“
Lloyd schüttelte den kleinen, kahlen Kopf und konnte sich nicht beruhigen. „Versprechen Sie mir morgen wiederzukommen, Allan, damit wir Ethel besänftigen. Wer versteht so ein Mädchen? Wenn ich nur wüßte, was ich Schlimmes getan habe?“
Lloyd sprach in traurigem Ton. Er war aufs tiefste niedergeschlagen. Dann schwieg er und sah mit geneigtem Kopf vor sich hin. Er machte den Eindruck eines unglücklichen, verzweifelten Menschen.
Nach einer Weile erhob sich Allan und bat Lloyd, ihn zu entschuldigen.
„Auch Ihnen ist die Laune verdorben durch meine Albernheit,“ sagte Lloyd und nickte und gab Allan die kleine Hand, die weich war wie die eines Mädchens. „Sie hatte sich so gefreut, daß Sie kamen! Sie war in so prächtiger Laune! Den ganzen Tag nannte sie mich Dad!“
Und Lloyd blieb allein in dem halbdunkeln Palmensaal sitzen, ganz klein in dem großen Raum, und starrte vor sich hin. Er war ein alter, verlassener Mann.
Unterdessen aber zerriß Ethel vor Zorn und Scham in ihrem Zimmer ein halbes Dutzend Taschentücher und stieß unzusammenhängende Vorwürfe gegen ihren Vater heraus. „Wie konnte Vater das sagen ... wie konnte er nur ... was soll Allan jetzt von mir denken ...“
Allan hüllte sich in den Mantel und verließ das Haus. Auf der Straße wartete Lloyds Automobil, aber er lehnte es ab. Er ging langsam die Avenue hinab. Es schneite, der Schnee fiel in lautlosen, weichen Flocken und Allans Schritt war unhörbar auf dem Schneeteppich.
Allan hatte ein bitteres, erstarrtes Lächeln auf den Lippen. Er hatte verstanden! Sein Wesen war schlicht und offen und er dachte selten über die Motive seiner Mitmenschen nach. Er hatte keine Leidenschaften und so verstand er die Leidenschaften anderer nicht. Er war ohne Raffinement und so vermutete er nicht Intrigen und Raffinement bei den andern.
Er hatte nichts Besonderes darin gefunden, daß Ethel ihn in der Tunnelstadt aufgesucht hatte. Sie hatte ja vor Jahren viel in seinem Hause verkehrt und war mit ihm befreundet. Einen Freundschaftsdienst hatte er darin erblickt, daß sie zu ihm kam und ihm verriet, daß Lloyd zur Hilfe bereit sei. Nun aber durchschaute er Ethel plötzlich! Ihr persönlich sollte er zu Dank verpflichtet sein! Er sollte den Eindruck gewinnen, als ob sie, Ethel, ihren Vater zu großen finanziellen Wagnissen überredet hätte. Mit einem Wort, von Ethel Lloyd sollte es abhängen, ob er weiterbauen könne oder nicht — aber Ethel Lloyd stellte ihre Bedingungen! Er selbst war der Preis! Ethel wollte ihn! Aber, bei Gott, Ethel kannte ihn nicht!
Allans Schritt wurde immer langsamer. Es war ihm, als versinke er in Schnee, Nacht, Bitterkeit und Enttäuschung. Seine letzte Hoffnung war Lloyd gewesen. Unter diesen Umständen aber war nicht daran zu denken! Elend war seine letzte Hoffnung heute abend zugrunde gegangen ...
Am nächsten Morgen erhielt er ein Telegramm von Lloyd, worin ihn der alte Mann dringend bat, zum Abendessen zu kommen. „Ich werde Ethel bitten, mit uns zu speisen und ich bin sicher, sie wird nicht nein sagen. Ich habe sie heute noch nicht gesehen,“ telegraphierte Lloyd.
Allan depeschierte zurück, daß er diesen Abend unmöglich kommen könne, da große Mengen Wassers im Nordstollen eingebrochen seien. Das war die Wahrheit, aber seine Anwesenheit wäre keineswegs notwendig gewesen.
Tag um Tag war er in den toten Stollen und sein Herz hing an der Finsternis da drinnen. Die Untätigkeit, zu der er gezwungen war, fraß wie ein Gram in ihm.
Etwa acht Tage später, an einem klaren Wintertag, kam Ethel Lloyd nach Mac City.
Sie kam in Allans Büro, gerade als er mit Strom konferierte. Sie war ganz in schneeweißen Pelz gehüllt und sah frisch und strahlend aus. „Hallo, Allan!“ begann sie ohne Umschweife, als sei gar nichts vorgefallen. „Wie reizend, daß ich Sie antreffe! Papa schickt mich, ich soll Sie abholen!“ Sie ignorierte Strom vollständig.
„Herr Strom!“ sagte Allan, von Ethels Sicherheit und Ungeniertheit verblüfft.
„Ich hatte schon die Ehre!“ murmelte Strom, verbeugte sich und ging.
Ethel nahm nicht die geringste Notiz davon.
„Ja,“ fuhr sie heiter fort, „ich komme um Sie mitzunehmen, Allan. Heute abend konzertieren die Philharmoniker und Papa bittet Sie, mit uns ins Konzert zu kommen. Mein Auto steht unten.“
Allan blickte ruhig in ihre Augen.
„Ich habe noch zu arbeiten, Fräulein Lloyd,“ sagte er.
Ethel prüfte seinen Blick und tat betrübt.
„Mein Gott, Allan,“ rief sie aus, „ich sehe, Sie zürnen mir noch wegen neulich! Ich war gewiß unartig, aber hören Sie, war es denn nett von Pa, so etwas zu sagen? Ganz als ob ich gegen Sie intrigierte? — Nun, Pa sagte, ich solle Sie unbedingt heute mitbringen. Wenn Sie noch zu tun haben, kann ich ja warten. Das Wetter ist herrlich und ich fahre unterdessen spazieren. Aber ich darf doch auf Sie rechnen? Ich werde Pa sofort telephonieren ...“
Allan wollte absagen. Aber als er in Ethels Augen blickte, wußte er, daß diese Absage ihren Stolz tödlich verletzen würde und damit seine Hoffnungen für immer begraben wären. Aber auch zu einer Zusage konnte er sich nicht entschließen und so antwortete er ausweichend: „Vielleicht, ich kann das jetzt noch nicht sagen.“
„Bis sechs Uhr aber können Sie sich wohl entscheiden?“ fragte Ethel freundlich und bescheiden.
„Ich denke. Aber ich glaube nicht, daß es mir möglich sein wird.“
„Adieu, Allan!“ rief Ethel heiter. „Ich werde um sechs anfragen und ich hoffe, Glück zu haben.“
Punkt sechs stand Ethel wieder vor dem Hause.
Allan bedauerte und Ethel fuhr ab.
3.
Allan hatte die Brücken hinter sich abgebrochen.
Trotz der Hoffnungslosigkeit der Situation entschloß er sich aber, noch einen letzten Versuch zu machen. Er wandte sich an die Regierung, was er schon früher, ohne Erfolg, getan hatte. Er blieb drei Wochen in Washington und war Gast des Präsidenten. Der Präsident gab ihm ein Diner und man erwies ihm Achtung und Respekt wie einem abgesetzten Monarchen. Allein an eine Beteiligung am Tunnel konnte die Regierung vorläufig nicht denken.
Hierauf versuchte es Allan ein letztes Mal mit den Banken und den Finanzgroßmächten. Gleich erfolglos. Einzelne Banken und Großkapitalisten gaben ihm aber zu verstehen, daß sie sich eventuell beteiligen würden, wenn Lloyd vorangehe. So kam Allan wiederum zu Lloyd zurück.
Lloyd nahm ihn sehr freundlich auf. Er empfing ihn in seinem stillen Arbeitszimmer. Er sprach mit ihm über die Börse und den Weltmarkt, schilderte ihm haarklein das Petroleum, den Stahl, Zucker, die Baumwolle und die Frachtsätze. Eine unerhörte Baisse nach einer unerhörten Hausse. Die Welt war immer noch um zehn Jahre in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zurück, so verzweifelt sie auch aufzuholen versuchte.
Sobald es Allan möglich war, Lloyd zu unterbrechen, ging er geradeswegs auf sein Ziel los. Er schilderte ihm die Haltung der Regierung und Lloyd lauschte mit geneigtem Kopf.
„Das ist alles richtig! Man hat Ihnen nichts vorgeflunkert, Allan. Sie können ja schließlich noch drei bis fünf Jahre warten.“
Allans Gesicht zuckte. „Ich kann das unmöglich!“ rief er. „Drei bis fünf Jahre! Ich habe meine Hoffnung auf Sie gesetzt, Herr Lloyd!“
Lloyd wiegte den Kopf nachdenklich hin und her. „Es geht nicht!“ sagte er dann bestimmt und preßte die Lippen zusammen.
Sie schwiegen. Es war zu Ende.
Als Allan sich aber verabschieden wollte, bat ihn Lloyd, zum Diner zu bleiben. Allan war unentschlossen — aber es war ihm nicht möglich, Lloyd jetzt zu verlassen. Trotzdem es vollkommen unsinnig war, log er sich noch immer eine leise Hoffnung vor.
„Ethel wird vor Überraschung sprachlos sein! Sie ahnt ja nicht, daß Sie hier sind!“
„Ethel — Ethel ...“ Nun, da Lloyd einmal den Namen seines Abgotts genannt hatte, konnte er von nichts anderem mehr sprechen. Er schüttete Allan sein Herz aus.
„Denken Sie,“ sagte er, „Ethel war vierzehn Tage mit der Jacht fort, gerade als das Wetter so schlecht war. Nun hatte ich den Telegraphisten bestochen — ja, bestochen, denn so muß ich es bei Ethel machen — aber er telegraphierte nicht. Ethel hatte mich durchschaut. Sie ist in schlechter Laune und wir haben uns wieder gezankt. Jeder Tag aber, da ich Ethel nicht sehe, ist für mich eine Qual. Ich sitze und warte auf sie. Ich bin ein alter Mann, Allan, und habe nichts als meine Tochter!“
Ethel war äußerst verwundert, als sie Allan plötzlich eintreten sah. Sie runzelte die Stirn, aber dann ging sie ihm rasch entgegen und gab ihm erfreut die Hand, während sie leicht errötete.
„Sie sind hier, Allan! Wie schön! — Ich war nicht gut zu sprechen auf Sie — viele Wochen lang, das muß ich Ihnen sagen, wenn ich ehrlich sein soll.“
Lloyd kicherte. Er wußte, daß Ethel nun wieder besser gelaunt sein würde.
„Ich konnte damals nicht mit ins Konzert kommen.“
„Allan, Sie lügen doch nicht? Höre doch, Pa, wie Allan lügt. Er wollte nicht! Sie wollten nicht, Allan. Sagen Sie es offen.“
„Nun — ich wollte nicht.“
Lloyd machte ein erschrockenes Gesicht. Er fürchtete ein Ungewitter. Ethel konnte einen Teller zerschlagen und aus dem Zimmer laufen. Er war erstaunt, als Ethel nur lachte.
„Siehst du, Pa, so ist Allan! Er sagt stets die Wahrheit.“
Und Ethel war den ganzen Abend fröhlich und liebenswürdig.
„Hören Sie aber nun, Allan, mein Freund!“ sagte sie, als sie sich trennten. „Ein zweites Mal dürfen Sie nicht so häßlich zu mir sein — ich würde es Ihnen nicht mehr verzeihen.“
„Ich werde mir alle Mühe geben!“ antwortete Allan scherzhaft.
Ethel sah ihn an. Der Ton, in dem er dies sagte, gefiel ihr nicht. Aber sie verriet sich nicht und sagte lächelnd: „Nun, ich werde sehen.“
Allan stieg in Lloyds Wagen und hüllte sich in den Mantel. Er sann vor sich hin und sagte: „Der alte Lloyd wird nichts ohne sie tun — und alles für sie.“
Einige Abende später betrat Allan mit Ethel die Loge Lloyds im Madison-Square-Palast.
Sie traten während des Konzerts ein und ihr Eintreten erregte solch großes Aufsehen, daß die Egmont-Ouvertüre fast vollkommen verloren ging.
„Ethel Lloyd und — Mac Allan!!“
Ethels Robe repräsentierte ein Vermögen. Sie hatte die Phantasie der drei ersten Bekleidungskünstler New Yorks angepeitscht. Die Robe war ein Gewebe aus Silberstickerei und Hermelin und brachte ihren Hals und Nacken herrlich zur Geltung. Im Haar trug sie einen Schopf Reiherfedern an einer sprühenden Brillantagraffe.
Sie waren allein. Denn Ethel hatte es fertiggebracht, Lloyd, der schon fürs Konzert angekleidet war, im letzten Augenblick zu bestimmen, zu Hause zu bleiben, da er nicht wohl aussähe. Sie hatte ihn „my dear little dad and pa“ genannt, „my honey-father“, so daß Lloyd in seiner Affenliebe überglücklich war, drei Stunden im Sessel auf seine Tochter zu warten.
Ethel wollte, daß man sie allein mit Allan sah, und sie wollte, daß die Loge erleuchtet war. In der Pause richteten sich alle Gläser auf die Loge und Stimmen wurden laut: „Mac Allan! — Mac Allan!“
Allans Glanz kam in dem Augenblick zurück, da er sich an der Seite einer Milliardärin zeigte. Er zog sich beschämt tiefer in die Loge zurück.
Ethel aber wandte sich an ihn mit einem intimen Lächeln, das nicht mißzuverstehen war, und dann beugte sie sich über die Brüstung und zeigte ihre schönen Zähne und ihr schönes Lächeln und kassierte den Triumph ein.
Allan überstand diese Szene nur mit Anspannung all seiner Kräfte. Er dachte an jenen Abend, da er mit Maud in der Loge gegenüber saß und darauf wartete, daß Lloyd ihn zu sich rief. Er erinnerte sich deutlich an Mauds transparentes rosiges Ohr und ihre vor Erregung geröteten Wangen, an den verträumten Blick, mit dem sie vor sich hinsah. Und ebenso deutlich erinnerte er sich an die Stimme Ethels, als sie ihm zum erstenmal die Hand reichte und sagte: „How do you do, Mr. Allen?“ Er fragte sich in Gedanken: Würdest du wünschen, daß Lloyd damals nicht gekommen wäre, daß man den Tunnel niemals begonnen hätte? — Und er entsetzte sich über sich selbst, als sein Inneres antwortete: Nein! — Selbst für Maud und Edith würde er nicht sein Werk hingeben.
Schon am nächsten Tage stiegen die Tunnelpapiere um sieben Prozent! Eine unverschämte Zeitung brachte am Morgen die Notiz, daß Ethel Lloyd sich im nächsten Monat mit Mac Allan verloben würde.
Am Mittag brachte eine andere Zeitung Ethels Dementi.
Miß Lloyd erklärte: „Der Mann, der diese Nachricht verbreitete, ist der größte Lügner der Welt. Ich bin eine gute Freundin Mac Allans. Das ist die Wahrheit, und ich bin stolz darauf.“
Aber die Zeitungsschreiber lagen im Hinterhalt. Nach einigen Wochen ging die mit durchsichtigen Anspielungen gespickte Notiz durch die Blätter, daß Mac Allan wieder nach New York übergesiedelt sei.
Das entsprach der Wahrheit, hatte aber nicht das geringste mit Allans Beziehungen zu Ethel Lloyd zu tun. Allan richtete sich im Gebäude der Tunnelstation Hoboken ein. Dieses Gebäude war noch im Bau und wurde nach Hobbys Entwürfen ausgeführt. Es bestand aus einem Mittelbau von dreißig Stockwerken bei einer Front von fünfzig Fenstern, den zu beiden Seiten zehn Fenster breite Türme von fünfundzwanzig Stockwerken flankierten. Mittelbau und Türme ruhten auf kolossalen Bogen, die direkt in die Bahnhofhalle führten. Die Türme waren mit dem breiten Mittelbau durch zwei Brückenpaare verbunden. Zur Abwechslung sollte das Gebäude Säulen auf den Dächern tragen, lustige Dachgärten-Arkaden.
Das Gebäude war bis zum sechsten Stockwerk fertig — und oben das dreißigste und neunundzwanzigste. Dazwischen ragte das wirre Gitterwerk der Eisenkonstruktion, in dem am Tage winzige Menschen kletterten und hämmerten.
Allan bewohnte das erste Stockwerk, direkt über dem großen Mittelbogen der Halle. Er hatte seinen Arbeitsraum in den großen Restaurationssaal verlegt, der einen herrlichen Ausblick auf den Hudson und die Wasserfront New Yorks gewährte.
Ethel hatte es sich nicht nehmen lassen, einiges zur Ausschmückung des ungastlichen Riesensaales beizutragen, dessen bloßer Anblick einen Menschen melancholisch machen mußte. Sie hatte Wagenladungen von Zimmerpflanzen aus ihren Treibhäusern in Massachusetts kommen lassen. Sie hatte persönlich Ballen von Teppichen im Auto herübergebracht.
Das Aussehen Allans mißfiel ihr. Seine Hautfarbe war fahl und ungesund. Er ergraute rasch. Er schlief schlecht und aß wenig.
Ethel schickte ihm einen Koch ihres Vaters, einen französischen Künstler, der aus dem Aussehen eines Menschen auf den Speisezettel schließen konnte, der ihm zusagte. Sie erklärte ferner, daß ihm nichts mehr nötig sei als frische Luft, da die Stollen sein Blut vergiftet hätten. Ohne viele Worte zu machen, erschien sie jeden Tag Punkt sechs Uhr mit ihrem elfenbeingelben Car und fuhr Allan genau eine Stunde spazieren. Allan ließ sie gewähren. Sie wechselten auf der Spazierfahrt zuweilen kein Wort.
Das Gerücht von der baldigen Verlobung tauchte wieder und wieder in den Zeitungen auf. Die Folge davon war, daß die Papiere des Syndikats zu steigen begannen. (Lloyd hatte in aller Stille für zehn Millionen Dollar aufkaufen lassen, als man die Aktien nahezu umsonst bekam, und verdiente jetzt schon ein Vermögen!)
Die Papiere der schweren Industrie zogen an. In allen Dingen — den kleinsten — zeigte sich eine Besserung. Der bloße Umstand, daß Ethels Car jeden Tag um sechs Uhr vor Hoboken-Station stand, beeinflußte die Weltbörse.
Allan war der Komödie, die ihn peinigte und beschämte, überdrüssig und beschloß zu handeln.
Bei einer Spazierfahrt machte er Ethel einen Antrag.
Ethel aber lachte belustigt und sah Allan mit großen, erstaunten Augen an. „Sprechen Sie keinen Unsinn, Allan!“ rief sie aus.
Allan stand auf und klopfte dem Chauffeur. Er war totenbleich.
„Was wollen Sie, Allan?“ fragte Ethel erschrocken und ungläubig und wurde rot. „Wir sind dreißig Meilen von New York!“
„Das ist ganz einerlei!“ antwortete Allan brüsk und stieg aus. Er ging ohne jeden Gruß.
Allan wanderte ein paar Stunden durch Felder und Wälder, knirschend vor Grimm und Beschämung. Es war aus mit dieser Intrigantin! Aus! Nie mehr, nie mehr in seinem Leben würde sie sein Gesicht sehen! Der Teufel mochte sie holen ...
Schließlich stieß er auf eine Bahnstation und fuhr nach Hoboken zurück. Mitten in der Nacht kam er an. Er bestellte sofort sein Auto und begab sich nach Mac City.
Tagelang lebte er im Tunnel. Er wollte weder Menschen noch das Licht sehen.
4.
Ethel Lloyd machte einen Trip mit ihrer Jacht und blieb acht Tage auf See. Sie hatte Vanderstyfft eingeladen und quälte ihn, daß er nahezu über Bord ging und heilige Eide leistete, Ethels Wege fortan nicht mehr zu kreuzen.
Nach New York zurückgekehrt, fuhr sie noch am gleichen Tage bei der Hoboken-Station vor und erkundigte sich nach Allan. Man sagte ihr, daß er im Tunnel arbeite. Augenblicklich jagte Ethel eine Depesche nach Mac City. Sie bat Allan, ihr zu verzeihen. Sein Antrag habe sie überrascht und sie habe in ihrer Hilflosigkeit eine große Dummheit begangen. Sie bitte ihn, morgen abend zum Diner zu kommen. Sie erwarte nicht einmal Antwort und daraus möge er ersehen, daß sie bestimmt auf ihn rechne.
Allan kämpfte nochmals den schweren Kampf. Er erhielt Ethels Telegramm im Tunnel. Er las es im Lichte einer verstaubten Glühlampe. Ein Dutzend solcher Lampen sah er aus der Finsternis des Stollens glimmen, nichts sonst. Er dachte an die toten Stollen. Er sah sie! Die amerikanischen, europäischen und ozeanischen. Er sah all die tausend Maschinen, die nutzlos liefen. Er sah die entmutigten Ingenieure in den einsamen Stationen, erschöpft von der Monotonie der Beschäftigung. Viele Hunderte hatten ihn schon verlassen, weil sie die einförmige Arbeit nicht mehr ertrugen. Seine Augen brannten. Während er Ethels Depesche zusammenfaltete, begann es plötzlich in seinen Ohren zu brausen. Er hörte die Züge durch die Stollen donnern, die Tunneltrains, die triumphierend von Amerika nach Europa fegten. Sie klirrten und rauschten in seinem Gehirn und berauschten ihn mit ihrem rasenden Takt ...
Ethel empfing ihn mit scherzhaften Vorwürfen: Er müsse doch wissen, daß sie ein verzogener, launischer Fratz sei! — Von diesem Tage an stand ihr Car wieder Punkt sechs Uhr vor der Tunnelstation. Ethel änderte nunmehr ihre Taktik. Sie hatte Allan vorher mit Aufmerksamkeiten überschüttet. Das unterließ sie fortan. Dagegen verstand sie es, Allan zur Erfüllung ihrer kleinen Wünsche zu bewegen.
Sie sagte: „Die Blanche spielt morgen. Ich würde gern hingehen, Allan.“
Allan besorgte eine Loge und sah die Blanche spielen, wenn es ihn auch langweilte, ein hysterisches Frauenzimmer von Wein- in Lachkrämpfe übergehen zu sehen.
Von nun an sah New York Allan und Ethel Lloyd häufig zusammen. Ethel fuhr fast täglich den Broadway entlang in Allans Car. Und Allan steuerte selbst, wie in der Zeit, da seine Gesundheit noch nicht gelitten hatte. Im Fond saß Ethel Lloyd, in Mäntel und flotte Schleier gehüllt und blinzelte auf die Straße.
Ethel drängte Allan, sie einmal mit in den Tunnel zu nehmen. Allan erfüllte ihr auch diesen Wunsch.
Als der Zug die Trasse hinabflog, schrie Ethel vor Vergnügen auf und im Tunnel kam sie aus ihrer Verwunderung nicht heraus.
Sie hatte die ganze Tunnelliteratur studiert, aber ihre Phantasie war in technischen Dingen nicht geschult genug, als daß sie sich eine klare Vorstellung von den Stollen hätte machen können. Sie ahnte nicht, was vierhundert Kilometer in einem nahezu dunkeln Tunnel bedeuten. Das Donnern, das den Zug einhüllte und so stark war, daß man schreien mußte, um sich zu verständigen, erschreckte sie angenehm. Die Stationen rissen sie zu lauten Ausrufen der Bewunderung hin. Sie hatte keine Vorstellung gehabt, welch ungeheure Maschinen hier standen und Tag und Nacht arbeiteten. Das waren ja Maschinenhallen unter dem Meer! Und die Wetterführung, pfeifend wie ein Sturmwind, der einen fast in Stücke blies!
Nach einigen Stunden glühte ein rotes Licht wie ein Leuchtfeuer aus der Finsternis.
Der Zug hielt. Sie waren bei der Unglücksschlucht angekommen. Beim Anblick der Schlucht verstummte Ethel. Was bedeutete es für sie, wenn sie wußte, daß die Schlucht sechzig bis achtzig Meter tief war, hundert Meter breit und daß tausend Menschen Tag und Nacht Erz förderten.
Nun aber sah sie, daß sechzig bis achtzig Meter eine schauerliche Tiefe, eine zwanzig Stockwerktiefe waren. Tief unten in dem Staubnebel, der den übersehbaren Teil der Schlucht anfüllte, zwanzig Stockwerke tief unten glühten Scharen von Bogenlampen und unter ihnen wimmelte es — das waren Menschen! Plötzlich stieg eine kleine Staubwolke auf und ein Kanonenschuß rollte durch die Schlucht, in den Tunnel hinein.
„Was war das?“
„Sie haben gesprengt.“
Darauf bestiegen sie den Förderkorb und fuhren ab. Sie stürzten an den Bogenlampen vorbei und die Menschen schienen rasch senkrecht zu ihnen emporzukommen. Sie waren unten und nun konnte Ethel nicht genug staunen über die Höhe, aus der sie kamen. Die Tunnelmündung erschien wie ein schwarzes, kleines Tor. Riesenschatten, Schatten von turmhohen Dämonen bewegten sich an den Wänden hin und her ...
Ethel kam verwirrt und entzückt aus dem Tunnel zurück und erzählte Lloyd den ganzen Abend, wie es da drinnen sei und daß die Schleusen des Panama Kinderspielzeuge im Vergleich zum Tunnel seien.
Am nächsten Tag wußte ganz New York, daß Ethel mit Allan im Tunnel war. Die Zeitungen brachten spaltenlange Interviews.
Am übernächsten verkündeten sie die Verlobung Allans und Ethels. Ihr Doppelbildnis erschien.
Ende Juni fand die Hochzeit statt. Am gleichen Tage stiftete Ethel Lloyd einen Pensionsfonds von acht Millionen Dollar für die Tunnelleute. Die Hochzeit wurde mit fürstlichem Aufwand im großen Festsaal des Atlantic gefeiert, desselben Hotels, auf dessen Dachgarten vor neun Jahren das berühmte Meeting stattgefunden hatte. Drei Tage lang gab die sensationelle Heirat den Zeitungen Stoff. Sunday Mirror beschäftigte sich eingehend mit Ethels Trousseau. Zweihundert Paar Schuhe! Tausend Paar Seidenstrümpfe! Ethels Wäsche war bis ins Detail beschrieben. Und wenn Allan in diesen Tagen die Zeitungen gelesen hätte, so hätte er erfahren, welch ungeheures Glück der ehemalige Pferdejunge von Uncle Tom hatte, eine Ethel Lloyd heimzuführen, deren Strumpfhalter mit Brillanten besetzt waren.
Seit Jahren hatte New York keine so glänzende Gesellschaft vereinigt gesehen wie die Hochzeitsgesellschaft. Der menschenscheue, alte Lloyd aber fehlte. Er war mit seinem Arzt auf dem „Goldkarpfen“ abgedampft.
Ethel glitzerte. Sie trug den Rosy Diamond und erschien jung, strahlend, heiter und glücklich.
Allan schien ebenfalls glücklich zu sein. Er scherzte und lachte sogar: niemand sollte die allgemeine Ansicht bestätigt finden, daß er sich verkauft habe an Ethel. Aber er tat alles wie im Fieber. Seine große Qual, diese Komödie spielen zu müssen, sah niemand. Er dachte an Maud, und Gram und Ekel schnürten ihm die Brust zusammen. Niemand sah es. Um neun Uhr fuhr er mit Ethel nach Lloyds Haus, wo sie die ersten Wochen wohnen wollten. Sie sprachen kein Wort, und Ethel verlangte auch nicht, daß Allan sprach. Allan lag im Wagen, müde und erschöpft, und blickte mit halbgeschlossenen Augen teilnahmlos auf die wimmelnde Straße voll tanzender Lichter hinaus. Einmal machte Ethel den Versuch, seine Hand zu fassen, aber sie fand diese Hand eiskalt und ohne Leben.
Bei der dreiunddreißigsten Straße wurde ihr Car aufgehalten und mußte eine Minute stoppen. Da fiel Allans Blick auf ein Riesenplakat, dessen blutrote Lettern in die Straße leuchteten:
„Tunnel! Hunderttausend Mann!“
Er öffnete die Augen, seine Pupillen weiteten sich, aber trotzdem verließ ihn nicht eine Sekunde die schreckliche seelische Müdigkeit, die ihn lähmte.
Ethel hatte den Palmensaal beleuchten lassen und bat Allan, ihr noch ein wenig Gesellschaft zu leisten.
Sie kleidete sich nicht um. Sie saß in ihrer glitzernden Hochzeitsrobe in einem Sessel, den Rosy Diamond auf der Stirn, und rauchte eine Zigarette und hob von Zeit zu Zeit die langen Wimpern, um verstohlen nach Allan zu sehen.
Allan ging hin und her, als sei er allein, und besah sich, dann und wann innehaltend, zerstreut Möbel und Blumen.
Es war sehr still im Saal. Der verborgene Springbrunnen plätscherte und schwätzte. Manchmal raschelte geheimnisvoll eine Pflanze, die sich dehnte. Man glaubte die Worte zu verstehen, die auf der Straße gesprochen wurden.
„Bist du sehr müde, Mac?“ fragte Ethel nach langem Stillschweigen. Sie fragte es ganz leise und demütig.
Allan blieb stehen und sah Ethel an.
„Ja,“ sagte er mit klangloser Stimme, während er sich gegen den Kamin lehnte. „Es waren so viele Menschen!“ Von ihm zu ihr waren nur zehn Schritte zu gehen, aber doch war es, als seien sie meilenweit voneinander entfernt. Nie war ein Hochzeitspaar einsamer.
Allan sah fahl und grau im Gesicht aus. Seine Augen waren glanzlos und erloschen. Er hatte keine Kraft mehr, sich zu verstellen. Ethel aber erschien er nun endlich ein Mensch geworden zu sein, wie sie einer war, ein Mensch mit einem Herzen, das fühlen und leiden konnte.
Sie stand auf und ging näher. „Mac!“ rief sie leise.
Allan blickte auf.
„Höre, Mac,“ begann sie mit ihrer weichsten Stimme, „ich muß mit dir sprechen. Höre zu. Ich will nicht, daß du unglücklich bist, Mac. Im Gegenteil, ich wünsche von ganzem Herzen, daß du glücklich wirst — so gut es geht! Glaube nicht, ich sei so töricht anzunehmen, du habest mich aus Liebe geheiratet. Nein, so töricht bin ich nicht. Ich habe nicht das Recht, Ansprüche an dein Herz zu stellen und ich stelle sie auch nicht. Du bist genau so frei und ungebunden wie früher. Du brauchst dir auch keine Mühe zu geben, mich glauben zu machen, daß du mich ein wenig liebtest, nein! Es würde mich beschämen. Ich verlange nichts von dir, gar nichts, Mac. Nur das Recht, das ich schon seit Wochen genoß, immer ein wenig in deiner Nähe sein zu dürfen ...“
Ethel hielt inne. Aber Allan sagte nichts.
Und Ethel fuhr fort: „Ich spiele jetzt nicht mehr Komödie, Mac. Das ist vorbei. Ich mußte Komödie spielen, um dich zu bekommen, aber nun, da ich dich habe, brauche ich es nicht mehr. Nun kann ich ganz aufrichtig sein und du wirst sehen, daß ich nicht nur ein launenhaftes und garstiges Geschöpf bin, das die Menschen quält. Höre, Mac, ich muß dir alles sagen, damit du mich kennen lernst ... Du hast mir gefallen, als ich dich zuerst sah! Dein Werk, deine Kühnheit, deine Energie bewunderte ich. Ich bin reich, ich wußte es schon als Kind, daß ich reich sei. Mein Leben sollte groß und wunderbar werden, so dachte ich bei mir. Ich dachte es nicht klar, aber ich empfand es. Mit sechzehn Jahren träumte ich davon, einen Prinzen zu heiraten und mit siebzehn wollte ich mein Geld verschenken an die Armen. Das war alles Nonsens. Mit achtzehn hatte ich schon keinen bestimmten Plan mehr. Ich lebte genau wie andere junge Leute, die reiche Eltern haben. Aber das wurde bald schrecklich langweilig. Ich war nicht unglücklich, aber ich war auch nicht gerade glücklich. Ich lebte von einem Tag zum andern, amüsierte mich und schlug die Zeit tot, so gut ich es konnte. Ich dachte in dieser Zeit überhaupt nichts, so scheint es mir wenigstens jetzt. Dann kam Hobby zu Pa mit deinem Projekt. Aus purer Neugierde drang ich in Pa, mich einzuweihen, denn die zwei taten sehr geheimnisvoll. Ich studierte mit Hobby deine Pläne und tat, als verstände ich alles. Dein Projekt interessierte mich außerordentlich, das ist die Wahrheit. Hobby erzählte mir von dir und was für ein prachtvoller Mensch du seist und schließlich war ich ungeheuer neugierig, dich zu sehen. Nun, ich sah dich! Ich hatte einen solch riesenhaften Respekt vor dir, wie noch nie vor einem Menschen! Du gefielst mir! So einfach, so stark und gesund sahst du aus. Und ich wünschte: möchte er doch nett zu mir sein! Aber du warst ganz gleichgültig. Wie oft habe ich an diesen Abend gedacht! Ich wußte, daß du verheiratet warst, Hobby hatte mir ja alles erzählt, und es kam mir auch gar nicht in den Sinn — damals — daß ich dir mehr werden könnte als eine Freundin. Später aber fing ich an, auf Maud eifersüchtig zu werden. Verzeihe, daß ich ihren Namen nenne! Wo man stand und ging, hörte und sah man deinen Namen. Und ich dachte, warum könntest du nicht an Mauds Stelle sein. Das wäre herrlich! Es hätte dann auch Sinn, reich zu sein! Das war nicht möglich, ich sah es ein und ich wollte mich zufrieden geben, wenn ich zu deinen Freunden zählen dürfte. Um das zu erreichen, kam ich damals öfter zu euch hinaus, aus keinem anderen Grund. Denn wenn ich auch verrückte Pläne schmiedete: wie ich es anstellen könnte, dich in mich verliebt zu machen, so verliebt, daß du Frau und Kind verließest, so meinte ich das doch nicht ernst und glaubte selbst nicht daran. Aber auch freundschaftlich kam ich dir nicht näher, Mac! Du verschlossest dich, du hattest weder Zeit noch Gedanken für mich. Ich bin nicht sentimental, Mac, aber damals war ich sehr, sehr unglücklich!
Dann kam die Katastrophe. Glaube mir, ich hätte alles hingegeben, um das Schreckliche ungeschehen zu machen. Ich schwöre es dir! Es war grausam und ich litt schrecklich damals. Aber ich bin ein Egoist, Mac, ein großer Egoist! Und während ich noch weinte um Maud, kam es mir zum Bewußtsein, daß du ja nun frei warst, Mac! Du warst frei! Und von diesem Augenblick an trachtete ich dir näher zu kommen. Mac, ich wollte dich haben! Der Streik, die Sperre, der Bankerott, all das kam mir gelegen — das Schicksal arbeitete mir plötzlich in die Hände. Ich drang monatelang in Vater, sich für dich einzusetzen. Aber Pa sagte: ‚Es ist unmöglich!‘ In diesem Januar bestürmte ich ihn von neuem. Aber Pa sagte: ‚Es ist ganz unmöglich!‘ Da sagte ich zu Pa: ‚Es muß möglich sein, Pa! Denke nach, du mußt es möglich machen!‘ Ich quälte Pa, den ich liebe, bis aufs Blut. Tagelang. Endlich sagte er zu. Er wollte an dich schreiben und dir seine Hilfe anbieten. Da aber dachte ich nach. Was dann? dachte ich. Mac wird Pas Hilfe annehmen, ein paarmal bei uns speisen — und dann wird er sich wieder in die Arbeit vergraben und du siehst ihn nicht mehr. Ich sah ein, daß ich nur eine einzige Waffe gegen dich hatte — und das war Pas Geld und Name! Verzeih, Mac, daß ich so offen bin! Ich zögerte nicht, diese Waffe zu gebrauchen. Ich verlangte von Pa, nur zu tun, was ich wollte, einmal in seinem Leben, und nicht nach meinen Gründen zu fragen. Ich drohte ihm, meinem kleinen, lieben, alten Pa, daß ich ihn verlassen würde und er mich nie, nie mehr sehen sollte, wenn er mir nicht gehorchte. Das war schlecht von mir, aber ich konnte nicht anders. Ich hätte Pa ja doch nicht verlassen, denn ich liebe und verehre ihn, aber ich jagte ihn ins Bockshorn. Mac, und das andere kennst du. Ich handelte nicht schön — aber es gab für mich keinen anderen Weg zu dir! Ich habe gelitten darunter, aber ich wollte bis ans Äußerste gehn. Wie du mir im Car den Antrag machtest, hätte ich gleich annehmen wollen. Aber ich wollte doch auch, daß du dir ein wenig Mühe um mich gäbest, Mac —“
Ethel sprach mit halblauter Stimme und oft flüsterte sie nur. Sie lächelte dabei, weich und anmutig, sie zog die Wangen lang und legte die Stirn in Falten, daß sie traurig aussah, sie schüttelte den schönen Kopf, sie sah schwärmerisch zu Allan empor. Häufig hielt sie bewegt inne.
„Hörtest du mich, Mac?“ fragte sie nun.
„Ja!“ sagte Allan leise.
„Das alles mußte ich dir sagen, Mac, ganz offen und ehrlich. Nun weißt du es. Vielleicht können wir trotz allem gute Kameraden und Freunde werden?“
Sie sah mit einem schwärmerischen Lächeln in Allans Augen, die müde und vergrämt waren wie vorhin. Er nahm ihren schönen Kopf in beide Hände und nickte.
„Ich hoffe es, Ethel!“ erwiderte er und seine fahlen Lippen zuckten.
Und Ethel folgte ihrem Gefühl und schmiegte sich einen Augenblick an seine Brust. Dann richtete sie sich mit einem tiefen Atemzug auf und lächelte verwirrt.
„Eines noch, Mac!“ begann sie nochmals. „Wenn ich dir schon das sagte, muß ich dir alles sagen. Ich wollte dich haben und nun habe ich dich! Aber höre nun: jetzt will ich, daß du mir vertraust und mich liebst! Das ist nun meine Aufgabe! Nach und nach, Mac, hörst du, es soll meine Sache sein, und ich glaube daran, daß es mir gelingen wird! Denn wenn ich das nicht glaubte, so wäre ich todunglücklich. — — Gute Nacht nun, Mac!“
Und langsam, müde, wie schwindlig ging sie hinaus.
Allan blieb am Kamin stehen und regte sich nicht. Während er mit müden Augen durch den Saal blickte, in dem er ein Fremder war, dachte er, daß sein Leben an der Seite dieser Frau am Ende doch weniger trostlos werden würde, als er befürchtet hatte.
5.
„Tunnel!“ „Hunderttausend Mann!“
Sie kamen. Farmhands, Miner, Taglöhner, Strolche. Der Tunnel zog sie an wie ein Riesenmagnet. Sie kamen aus Ohio, Illinois, Iowa, Wiskonsin, Kansas, Nebraska, Colorado, aus Kanada und Mexiko. Extrazüge rasten durch die Staaten. Aus Nord-Carolina, Tennessee, Alabama und Georgia fluteten die schwarzen Bataillone herauf. Viele Tausende der großen Armee, die einst der Tunnelschrecken verscheucht hatte, kehrten zurück.
Aus Deutschland, England, Belgien, Frankreich, Rußland, Italien, Spanien und Portugal strömten sie den Baustellen zu.
Die toten Tunnelstädte erwachten. In den grünen, staubigen Riesenglashallen glühten wieder die bleichen Monde; die Krane bewegten sich wieder; weiße Dampfschwaden jagten dahin, der schwarze Qualm brodelte wie früher. Im Eisenfachwerk der Neubauten kletterten Schatten, es wimmelte von Menschen oben und unten. Die Erde bebte, gellend und brausend spien die Schuttstädte wieder Staub, Dampf, schwarzen Qualm, Licht und Feuer zum Himmel empor.
Die schlafenden Dampfer in den Friedhöfen der Häfen von New York, Savannah, New Orleans und San Franzisko, von London, Liverpool, Glasgow, Hamburg, Rotterdam, Oporto und Bordeaux stießen plötzlich wieder dicken Rauch durch die Kamine, die Winden rasselten. Die verödeten Hüttenwerke lärmten und tobten, bestaubte Lokomotiven kamen aus ihren Schuppen und holten Atem. Die Förderkörbe der Zechen klirrten mit erhöhter Schnelligkeit in die Schächte hinab. Die große Maschine, die sich seit der Krise langsam dahingeschleppt hatte, zog mit einem plötzlichen Ruck an. Die Asyle der Arbeitslosen, die Säle der Hospitäler leerten sich, die Vagabunden verschwanden von den Landstraßen. Die Banken und Börsen waren in lauter Erregung, als platzten Granaten in der Luft. Die Industriepapiere kletterten in die Höhe, Mut und Unternehmungslust kehrten zurück. Die Tunnelaktien kamen wieder zu Ehren.
„Lloyd übernimmt den Tunnel!“
Lloyd ganz allein! Ein einzelner Mann!
Der Tunnel holte tief Atem. Wie eine Riesenpumpe begann er Menschenleiber einzusaugen und auszuspeien und am sechsten Tage schon arbeitete er mit seiner alten Geschwindigkeit. In den Stollen donnerten die Bohrmaschinen, die glühenden, wütenden Nashörner aus Allanit rasten wie früher trillernd und heulend ins Gestein. Die Stollen tobten, lachten und delirierten. Die schweißtriefenden Menschenhaufen wälzten sich wieder im gleißenden Licht der Scheinwerfer vor und zurück. Als sei nie etwas geschehen. Streik, Katastrophe — alles war vergessen! Allan peitschte zu dem alten Höllentempo an und auch er dachte nicht mehr daran, daß es einst anders gewesen war.
Die amerikanische Strecke war am leichtesten zu bewältigen. Die Unglücksschlucht nahm achtzig Doppelkilometer Gestein auf. Tag und Nacht ergoß sich eine Lawine von Gestein und Geröll in die Tiefe. Ein dreihundert Meter breiter Damm überquerte sie. Er war übersponnen von Geleisen und ohne Pause flogen die Gesteinszüge aus den Stollen und stürzten ihren Inhalt hinab. Der nördliche Abschnitt war nach einem Jahre ausgefüllt und planiert und trug riesige Maschinenhallen mit Dynamos, Kühlmaschinen und Ozonapparaten. Fünf Jahre nach Wiederaufnahme der Arbeit hatten sich die Stollen Amerikas und der Bermudas einander soweit genähert, daß Allan drahtlos mit Strom, der in Bermuda befehligte, durch den Berg telephonieren konnte. Er ließ Richtungsstollen vortreiben und die ganze Welt wartete voller Spannung auf den Augenblick, da die Stollen zusammenstoßen würden. Es gab selbst in wissenschaftlichen Kreisen Leute, die bezweifelten, daß die Stollen sich überhaupt treffen würden. Die ungeheuren Gesteinsmassen, die Hitze, die enormen Massen an Eisen und elektrischen Energien mußten die genauesten Instrumente beeinträchtigen. Aber schon, als sich die Richtungsstollen bis auf fünfzehn Kilometer genähert hatten, verzeichneten die Seismographen die Sprengungen in den Stollen. Im fünfzehnten Baujahr stießen die Richtungsstollen zusammen. Die Berechnungen ergaben eine Höhenabweichung von dreizehn Metern und eine seitliche Abweichung von zehn Metern, Differenzen, die sich spielend leicht ausgleichen ließen. Zwei Jahre später waren die Doppelstollen Amerika-Bermuda durchgeschlagen und mit dem Eisenbetonmantel umspannt.
Das war von ungeheurem Vorteil: Die Züge konnten Eisen, Zement, Schienen und Mannschaften nach den Bermudas befördern.
Die Tunnelaktien stiegen um zwanzig Prozent! Das Geld des Volkes kam zurück.
Schwieriger gestaltete sich der Ausbau der französischen Strecke, die Allan vorerst einstollig weiterführen ließ. Hier ereignete sich im vierzehnten Baujahr ein großer Schlammeinbruch. Der Stollen war auf eine der ozeanischen „Falten“ gestoßen. Drei Kilometer des gebohrten Stollens mußten preisgegeben werden mit kostbaren Maschinen und Apparaten. Eine zwanzig Meter starke Mauer aus Eisenbeton wurde gegen die eindringende Schlamm- und Wassermasse errichtet. Bei diesem Schlammeinbruch verloren zweihundertzweiundsiebzig Menschen das Leben. Der Stollen aber wurde in großem Bogen um die gefährliche Stelle herumgeführt. Er stieß hier wiederum auf Schlammmassen, aber sie wurden nach verzweifelten Anstrengungen bewältigt. Fünf Kilometer dieses Teils der Strecke kosteten die ungeheure Summe von sechzig Millionen Dollar. Der Stollen wurde im einundzwanzigsten Baujahr vollendet.
Mit der Fertigstellung der französischen und amerikanischen Strecke verringerten sich die Baukosten ganz beträchtlich. Von Monat zu Monat konnten Arbeiterbataillone abgestoßen werden. Aber trotzdem verschlang der Tunnel noch Milliarden. Ethel hatte ihr ganzes ungeheures Vermögen in den Tunnel geworfen, bis auf den letzten Cent! Sie war an dem Tage bettelarm, an dem der Tunnel nicht vollendet wurde. Lloyd selbst war am Bau so stark beteiligt, daß er seine ganze finanzielle Strategie aufbieten mußte, um sich aufrechtzuerhalten.
Die schwerste Arbeit bereiteten die atlantischen Strecken mit ihren enormen Ausdehnungen. Tag und Nacht, Jahre hindurch tobten schweißbedeckte Menschenhaufen gegen das Gebirge. Je tiefer sie vordrangen, desto schwerer wurden Transport und Verpflegung, zumal auch diese Strecken vorläufig größtenteils einstollig gebaut wurden. Hier war der Feind der Tunnelmen nicht das Wasser, sondern die Hitze. Die Stollen stiegen hier bis zu einer Tiefe von sechstausend Meter unter dem Meeresspiegel hinab. Die Hitze war so ungeheuer, daß zur Verzimmerung nicht mehr Holz verwandt werden konnte, sondern nur noch Eisen. Die Luft in dem heißen, tiefen und langen Stollen war um so schlechter, als nur durch Doppelstollen eine einigermaßen genügende Ventilation erzielt werden kann. Von zehn zu zehn Kilometern mußten Stationen in den Berg geschlagen werden, in denen Kältemaschinen, Ozonapparate und Luftpumpen Tag und Nacht arbeiteten.
Es war die schwerste und gigantischste Arbeit, die jemals Menschen vollbracht haben.
Von zwei Seiten fraßen sich die Bohrmaschinen immer tiefer. Der „dicke Müller“ von den Azoren herüber, Strom von den Bermudas. Strom leistete Übermenschliches. Er war nicht beliebt bei seinen Leuten, aber sie bewunderten ihn. Er war ein Mensch, der tagelang ohne Essen, Trinken und Schlaf sein konnte. Er war fast täglich im Stollen und leitete stundenlang persönlich die Arbeiten am Vortrieb. Tagelang kam er zuweilen nicht aus dem glühenden Stollen heraus. Seine Leute gaben ihm den Namen „der russische Teufel“.
Täglich spien die Stollen viertausend Waggons Gestein nach Azora und dreitausend Waggons nach Bermuda aus. Enorme Terrains waren geschaffen worden. Klippen, Sandbänke, Untiefen, Inseln zu einem Kontinent zusammengeschweißt. Es war vollkommen neues Land, das Allan geschaffen hatte. Seine Hafenbaumeister hatten die modernsten Hafenbauten, Molen und Wellenbrecher, Docke und Leuchtfeuer geschaffen. Die größten Dampfer konnten anlaufen. Seine Städtebaumeister hatten neue Städte aus dem Schutt gezaubert. Es gab Hotels, Banken, Warenhäuser, Kirchen, Schulen — alles ganz neu! Ein Merkmal aber hatten Allans fünf neue Städte: sie waren ohne jede Vegetation. Auf Schutt von Gneis und Granit standen sie, ein blendender Spiegel in der Sonne und eine Staubwolke im Wind. In zehn Jahren aber würden sie ebenso grün sein wie andere Städte, denn es waren Plätze, Gärten, Parke vorgesehen, wie London, Paris und Berlin sie besitzen. Seine Baumeister importierten die Erde in Schiffsladungen, Chile sandte den Salpeter, das Meer gab den Tang. Seine Baumeister importierten Pflanzen und Bäume. Und in der Tat, es gab da und dort schon gespensterhafte Parkanlagen zu sehen: mit bestaubten Palmen und Bäumen und einer jämmerlichen Grasnarbe.
Allans Städte hatten dafür aber etwas anderes. Sie besaßen die geradesten Straßen der Welt und die schönsten Strandanlagen aller Kontinente. Sie glichen einander wie Brüder. Sie waren alle Ableger Amerikas, vorgeschobene Forts des amerikanischen Geistes, gepanzert mit Willenskraft und angefüllt mit Aktivität.
Mac City hatte gegen das Ende der Bauzeit schon über eine Million Einwohner!
Wiederholt ereigneten sich kleinere und größere Unglücksfälle und Katastrophen beim Bau. Aber sie waren nicht größer und häufiger als bei anderen großen technischen Unternehmungen. Allan war vorsichtig und ängstlich geworden. Er hatte nicht mehr die Nerven wie früher. Am Anfang war es ihm nicht auf hundert Menschen angekommen, aber jetzt lastete jedes einzelne Menschenleben, das der Tunnel forderte, auf seiner Seele. Die Stollen waren voll von Sicherheits- und Registrierapparaten, und beim geringsten Anzeichen, das zur Vorsicht mahnte, verlangsamte er das Tempo. Allan war grau geworden, „old gray Mac“ hieß er jetzt. Seine Gesundheit war untergraben. Er schlief fast gar nicht mehr und war jeden Augenblick in Unruhe, irgendein Unglück könne sich ereignen. Er war ein einsamer Mann geworden, dessen einzige Erholung darin bestand, am Abend eine Stunde allein in seinem Park spazieren zu gehen. Was in der Welt vorging, interessierte ihn kaum mehr. Schöpfer des Tunnels, war er zu seinem Sklaven geworden. Sein Gehirn kannte keine anderen Ideenassoziationen mehr als Maschinen, Wagentypen, Stationen, Apparate, Zahlen, Kubikmeter und Pferdekräfte. Fast alle menschlichen Empfindungen waren in ihm abgestumpft. Nur einen Freund hatte er noch, das war Lloyd. Die beiden verbrachten häufig die Abende zusammen. Da saßen sie in ihren Sesseln, rauchten und schwiegen.
Im achtzehnten Baujahr brach ein großer Streik aus, der zwei Monate währte und bei dem Allan verlor. Nur der Kaltblütigkeit Stroms war es zu danken, daß eine zweite Panik und Massenangst im Keim erstickt wurde. Eines Tages stieg die Hitze im Stollen um volle fünf Grad. Die Erscheinung war unerklärlich und mahnte zur Vorsicht. Die Arbeiter weigerten sich einzufahren. Sie befürchteten, der Berg werde sich jeden Augenblick öffnen und ihnen glühende Lava entgegenspeien. Es gab Leute, die den unsinnigen Gedanken verbreiteten, der Stollen nähere sich dem glühenden Erdinnern. Viele Wissenschaftler vertraten den Gedanken, daß die Tunnelachse den Krater eines submarinen Vulkans tangiere. Die Arbeiten wurden unterbrochen und genaue Forschungen der entsprechenden Komplexe des Meeresgrundes angestellt. Die Temperatur am Meeresboden wurde gemessen, aber von einem Vulkan oder heißen Quellen fand sich keine Spur.
Strom wählte Freiwillige aus und blieb vier Wochen Tag und Nacht im Stollen. „Der russische Teufel“ gab es erst auf, als er ohnmächtig zusammenbrach. Acht Tage später aber war er wieder in der „Hölle“.
Die Menschen arbeiteten hier vollkommen nackt. Wie schmutzige, ölige Molche glitten sie da unten im Stollen hin und her, halb bewußtlos, durch Reizmittel aufrecht erhalten.
Im vierundzwanzigsten Baujahr, da die beiden Stollenköpfe der Berechnung nach sechzig Kilometer voneinander entfernt waren, gelang es Strom, drahtlos mit dem „fetten Müller“ von den Azoren durch den Berg zu sprechen. Nach sechsmonatiger mörderischer Arbeit waren beide Stollen soweit vorgetrieben, daß sie sich in nächster Nähe voneinander befinden mußten. Aber die Seismographen registrierten keine einzige Detonation, obwohl Müller täglich dreißigmal sprengte. Durch alle Zeitungen ging die aufregende Depesche, daß die Stollen sich verfehlt hätten. Die Ingenieure in den beiden Richtungsstollen waren unaufhörlich miteinander in Verbindung. Die Entfernungen von Azora und Bermuda waren bis auf den Meter bestimmt worden, über und unter dem Meere. Es konnte sich also nur um wenige Kilometer Abstand handeln. Man hatte eigens empfindliche Apparate, die der Hitze standhielten, gebaut, aber die Apparate reagierten nicht.
Gelehrte aus Berlin, London und Paris eilten herbei. Einige von ihnen wagten sich sogar bis in den kochenden Stollen hinein, ohne Erfolg.
Allan ließ Stollen schräg in die Höhe und schräg in die Tiefe treiben, er ließ ein Netz von Seitenstollen bohren. Es war ein vollkommenes Bergwerk. Die Arbeit ins Dunkle und Ungewisse hinein war höllisch und erschöpfend. Die Hitze warf die Menschen nieder wie eine Seuche. Wahnsinnsausbrüche kamen fast täglich vor. Obwohl die Pumpen unaufhörlich gekühlte Luft in die Stollen drückten, blieben die Wände doch heiß wie Kachelöfen. Blind von Staub und Hitze kauerten die Ingenieure, vollkommen nackt, mit Staub und Schmutz bedeckt, in den Stollen und beobachteten die Registrierapparate.
Es war das schrecklichste Stück Arbeit, das aufregendste, und Allan fand keinen Schlaf mehr.
Sie suchten vier Monate lang, denn das Bohren der Seitenstollen beanspruchte viel Zeit.
Die Welt lag in einem Krampf von Spannung. Die Tunnelpapiere aber begannen zu sinken.
Eines Nachts jedoch wurde Allan von Strom angerufen, und als er durch den Stollen kroch, kam ihm Strom entgegen, triefend von Schweiß, schmutzig und kaum mehr menschenähnlich. Und zum erstenmal sah Allan diesen kühlen Menschen in Erregung und sogar lächeln.
„Wir sind Müller auf der Spur,“ sagte Strom.
Am Ende eines tiefgehenden Schrägstollens, wo die Luft durch den Schlauch pfiff und kühlte, stand ein Registrierapparat unter einer Grubenlampe und zwei geschwärzte Gesichter lagen daneben.
Der Registrierapparat verzeichnete zwei Uhr eine Minute eine millimeterfeine Schwankung. Müller mußte in genau einer Stunde wieder sprengen, und die vier hockten eine Stunde lang in atemloser Erregung vor dem Apparat. Genau drei Uhr zwei Minuten zitterte die Nadel wieder.
Die Zeitungen gaben Extrablätter aus! Wäre Müller ein großer Verbrecher gewesen, dessen Spur eine Meute von Detektiven aufstöberte, die Sensation hätte nicht größer sein können.
Die Arbeit war von nun an leicht. Nach vierzehn Tagen stand es fest, daß Müller unter ihnen sein mußte. Mac telephonierte ihm „heraufzukommen“. Und Müller ließ den Stollen in die Höhe treiben. Nach vierzehn weiteren Tagen waren sie einander so nahe, daß der Apparat sogar das Arbeiten der Bohrer verzeichnete. Nach drei Monaten hörte man mit eigenen Ohren den Knall des Sprengens. Ganz dumpf und fein wie ein Donner in der Ferne. Nach weiteren dreißig Tagen hörte man die Bohrer! Und dann kam der große Tag, da ein Bohrloch die beiden Stollen verband.
Die Arbeiter und Ingenieure jubelten.
„Wo ist Mac?“ fragte der „fette Müller“.
„Hier bin ich!“ antwortete Allan.
„How do you do, Mac?“ sagte Müller mit fettem Lachen.
„We are all right!“ antwortete Allan.
Diese Unterhaltung stand noch am Abend in allen Extrablättern, die über New York, Chicago, Berlin, Paris und London niederregneten.
Sie hatten vierundzwanzig Jahre lang gearbeitet — es war der größte Augenblick ihres Lebens! — und doch hatten sie keine Phrase gesprochen! Eine Stunde später konnte Müller eine gekühlte Flasche Münchner Bier an Allan schicken und am nächsten Tage konnten sie durch ein Loch zusammenkriechen — alle übermüdet, schwitzend, nackt, schmutzig, sechstausend Meter unter dem Meeresspiegel.
Allans Rückfahrt durch den Stollen war eine Triumphfahrt. Die Arbeiterbataillone, die hier in der Finsternis wühlten, schrien und jubelten.
„Nehmt die Kappe ab vor Mac, Mac ist unser Mann ...“
Hinter Allan aber donnerten schon wieder die Bohrer gegen den Berg.
6.
Ethel war aus anderem Material als Maud. Sie ließ sich nicht an die Peripherie der Arbeit drängen, sie siedelte sich im lärmenden Mittelpunkt an. Sie absolvierte einen regulären Ingenieurkursus, um „mitreden zu können“.
Von dem Tage an, da sie Allan die Hand gereicht hatte, verteidigte sie in würdiger Weise ihre Rechte.
Es schien ihr genug zu sein, wenn sie Allan für den Lunch freigab. Um fünf Uhr aber, Punkt fünf Uhr war sie da — ob Allan in New York weilte oder in der Tunnel-City, einerlei — und bereitete still, ohne ein Wort zu sprechen, den Tee. Allan konferierte mit einem Ingenieur oder Architekten, darum kümmerte Ethel sich nicht im geringsten.
Sie wirtschaftete lautlos in ihrer Ecke oder im Nebenzimmer, und wenn der Teetisch fertig war, so sagte sie: „Mac, der Tee ist fertig.“
Und Allan mußte kommen, allein oder in Gesellschaft, das war Ethel einerlei.
Um neun Uhr stand sie mit dem Car vor der Türe und wartete geduldig, bis er kam. Die Sonntage mußte er bei ihr verbringen. Er konnte Freunde einladen oder ein Rudel Ingenieure bestellen, ganz wie er wünschte. Ethel führte ein gastliches Haus. Man konnte kommen und gehen, wann man wollte. Sie hatte einen Park von fünfzehn Automobilen zu ihrer Verfügung, die jeden Gast zu jeder Stunde des Tages und der Nacht hinbrachten, wohin er wollte. An manchen Sonntagen kam auch Hobby von seiner Farm herüber. Hobby produzierte jährlich zwanzigtausend Hühner und Gott weiß wie viele Eier. Die Welt interessierte ihn nicht mehr. Er war religiös geworden und besuchte Betsäle. Zuweilen blickte er Allan ernst in die Augen und sagte: „Denke an dein Seelenheil, Mac —!“
Wenn Allan reiste, so reiste Ethel mit ihm. Sie war mit ihm wiederholt in Europa, auf den Azoren und den Bermudas.
Der alte Lloyd hatte ein Stück Land bei Rawley, vierzig Kilometer nördlich Mac City, gekauft und dort ein riesiges Landhaus, eine Art Schloß für Ethel bauen lassen. Das Land reichte bis ans Meer und lag mitten in einem Park alter Bäume, die Lloyd von japanischen Gärtnern hatte für die Verpflanzung präparieren und nach Rawley bringen lassen.
Lloyd kam jeden Tag, um sie zu besuchen, und von Zeit zu Zeit brachte er ganze Wochen bei seiner abgöttisch geliebten Tochter zu.
Im dritten Jahre ihrer Ehe gebar Ethel einen Sohn. Dieser Sohn! Er wurde von Ethel wie ein Heiland gehütet. Es war Macs Kind, Macs, den sie liebte, ohne viele Worte zu machen, und er sollte in zwanzig Jahren das Werk des Vaters übernehmen und vervollkommnen. Sie nährte ihn selbst, sie lehrte ihn die ersten Worte sprechen und die ersten Schritte tun.
In den ersten Jahren war der kleine Mac zart und empfindlich. Ethel nannte ihn „rassig und aristokratisch“. Im dritten Jahre aber ging er in die Breite, sein Schädel wurde dick und er bekam Sommersprossen. Sein blondes Haar wurde brandrot: er verwandelte sich in einen richtigen kleinen Pferdejungen. Ethel war glücklich. Sie liebte zarte und empfindliche Kinder nicht, stark und kräftig mußten sie sein und tüchtig schreien, damit die Lungen wuchsen — genau wie der kleine Mac es tat. Sie, die nie Angst gehabt hatte, lernte nun die Angst kennen. Sie zitterte stündlich um ihr Kind. Ihre Phantasie war erfüllt von Entführungsgeschichten, die sich zugetragen hatten, da man Kinder von Millionären gestohlen, verstümmelt, geblendet hatte. Sie ließ eine Stahlkammer, wie in einer Bank, in ihr Haus zur ebenen Erde einbauen. In dieser Stahlkammer mußte der kleine Mac mit der Nurse schlafen. Ohne sie durfte er nie den Park verlassen. Zwei auf den Mann dressierte Polizeihunde begleiteten ihn und stets schnüffelte ein Detektiv die Gegend drei Meilen im Umkreis ab. Nahm sie ihn mit sich, so fuhren zwei Detektive im Wagen mit, bewaffnet bis an die Zähne. Der Chauffeur mußte ganz langsam fahren, und Ethel ohrfeigte ihn einmal auf offener Straße in New York, weil er „hundred miles an hour“ fuhr.
Jeden Tag mußte ein Arzt den Kleinen, der prächtig gedieh, untersuchen. Wenn das Kind sich nur räusperte, so depeschierte sie sofort nach einem Spezialisten.
Überall sah Ethel Gefahren für ihr Kind. Aus dem Meer konnten sie steigen, ja sogar aus der Luft konnten Verbrecher herabkommen, um den kleinen Mac zu stehlen.
Im Park war eine große Wiese, die, wie Ethel sagte, „geradezu zur Landung von Aeroplanen einlud“. Ethel ließ ein Rudel Bäume darauf pflanzen, so daß jeder Aeroplan, der eine Landung versuchte, elend zerschmettern mußte.
Ethel stiftete eine Riesensumme für die Erweiterung des Hospitals, das sie „Maud Allan Hospital“ taufte. Sie gründete die besten Kinderheime der ganzen Welt in allen fünf Tunnelstädten. Schließlich war sie nahe am Bankerott und der alte Lloyd sagte zu ihr: „Ethel, du mußt sparen!“
Die Stelle, wo Maud und Edith getötet worden waren, ließ Ethel umzäunen und in ein Blumenbeet verwandeln, ohne Allan ein Wort davon zu sagen. Sie wußte recht gut, daß Allan Maud und die kleine Edith noch nicht vergessen hatte. Es gab Zeiten, da sie ihn des Nachts zuweilen stundenlang auf und abgehen und leise sprechen hörte. Sie wußte auch, daß er in seinem Arbeitstisch sorgfältig ein vielgelesenes Tagebuch aufbewahrte: „Leben meines kleinen Töchterchens Edith und was sie sagte.“
Die Toten hatten ihre Rechte und Ethel dachte nicht daran, sie ihnen zu schmälern.
Schluß
Die Bohrmaschinen zermalmten den Berg in den atlantischen Stollen und täglich kamen die Tunnelköpfe einander näher und näher. Die letzten dreißig Kilometer waren eine Sträflingsarbeit. Allan war gezwungen, für zwei Stunden zehn Dollar zu bezahlen, denn kein Mensch wollte hinein in den „Krater“. Der Mantel dieser Stollenabschnitte mußte mit einem Netz von Kühlröhren übersponnen werden. Nach einem Jahr furchtbarer Arbeit war auch dieser Stollen bewältigt.
Der Tunnel war fertig. Die Menschen hatten ihn unternommen, die Menschen hatten ihn vollendet! Aus Schweiß und Blut war er gebaut, rund neuntausend Menschen hatte er verschlungen, namenloses Unheil in die Welt gebracht, aber nun stand er! Und niemand wunderte sich darüber.
Vier Wochen später nahm die submarine pneumatische Expreßpost den Betrieb auf.
Ein Verleger bot Allan eine Million Dollar, wenn er die Geschichte des Tunnels schreiben wolle. Allan lehnte ab. Er schrieb lediglich zwei Spalten für den Herald.
Allan machte sich nicht bescheidener als er war. Aber er betonte wieder und wieder, daß er nur mit Hilfe solch ausgezeichneter Männer wie Strom, Müller, Olin-Mühlenberg, Hobby, Harriman, Bärmann und hundert andern den Bau habe vollenden können.
„Ich muß indessen bekennen,“ schrieb er, „daß mich die Zeit überholt hat. Alle meine Maschinen über und unter der Erde sind veraltet und ich bin gezwungen, sie im Laufe der Zeit durch moderne zu ersetzen. Meine Bohrer, auf die ich einst stolz war, sind altmodisch geworden. Man hat die Rocky-Mountains in kürzerer Zeit durchbohrt, als ich es hätte tun können. Die Motorschnellboote fahren heute in zweieinhalb Tagen von England nach New York, die deutschen Riesenluftschiffe überfliegen den Atlantic in sechsunddreißig Stunden. Noch bin ich schneller als sie und je schneller Boote und Luftschiffe werden, desto schneller werde ich! Ich kann die Geschwindigkeit leicht auf 300-400 Kilometer die Stunde steigern. Zudem fordern Schnellboote und Luftschiffe Preise, die nur der reiche Mann bezahlen kann. Meine Preise sind populär. Der Tunnel gehört dem Volke, dem Kaufmann, dem Einwanderer. Ich kann heute vierzigtausend Menschen täglich befördern. In zehn Jahren, wenn die Stollen alle doppelt ausgebaut sein werden, achtzig bis hunderttausend. In hundert Jahren wird der Tunnel den Verkehr nicht mehr bewältigen können. Es wird Aufgabe des Syndikats sein, bis dahin Parallelstollen zu bauen, die relativ leicht und billig herzustellen sein werden.“
Und Allan kündigte in seinem schlicht und unbeholfen geschriebenen Artikel an, daß er genau in sechs Monaten, am ersten Juni des sechsundzwanzigsten Baujahrs, den ersten Zug nach Europa laufen lassen werde.
Um diesen Termin einhalten zu können, peitschte er Ingenieure und Mannschaften zu einem tollen Finish an. Monate hindurch rasten Züge voll alter Schwellen und Schienen ans Licht. Die Geleise für die Tunneltrains wurden instand gesetzt, Probefahrten in allen Stollen ausgeführt. Ein Bataillon von Führern wurde ausgebildet, wozu Allan Leute wählte, die an hohe Geschwindigkeiten gewöhnt waren: Automobil- und Motorrad-Rennfahrer und Flugzeugführer.
In den Stationen Biskaya und Mac City waren in den letzten Jahren gespenstische Riesenhallen emporgewachsen: die Tunnel-Wagenbau-Fabriken. Diese Wagen riefen eine neue Sensation hervor. Sie waren etwas höher als Pullmancars, aber nahezu zweimal so lang und doppelt so breit. Panzerkreuzer, die auf einem Kiel von vier Doppelpaaren dicker Räder liefen und Kreisel, Kühler, Behälter, Kabel und Röhren, einen ganzen Organismus im Bauche hatten. Die Speisewagen waren Prunksäle. (Kinematographische und musikalische Vorführungen sollten die Reise durch den Tunnel verkürzen.)
Ganz New York stürmte Hoboken-Station, um in diesen neuen Wagen vorerst wenigstens bis Mac City zu fahren. Die Tunneltrains selbst waren für die ersten drei Monate bis auf den letzten Platz seit vielen Wochen belegt.
So kam der erste Juni heran ...
New York hatte geflaggt. London, Paris, Berlin, Rom, Wien, Peking, Tokio, Sidney hatten geflaggt. Die ganze zivilisierte Welt feierte Allans erste Fahrt wie ein Völkerfest.
Allan wollte um Mitternacht die Reise antreten und um Mitternacht des zweiten Juni (amerikanische Zeit) in Biskaya eintreffen.
Schon Tage vorher liefen Extrazüge von Berlin, London und Paris nach Biskaya, von allen großen Städten der Staaten nach Mac City. Flotten von Dampfern gingen nach den Azoren und Bermudas in See. Am ersten Juni flogen von frühmorgens an stündlich zwanzig Züge nach Mac City, vollgestopft mit Menschen, die mit eigenen Augen sehen wollten, wie sich der erste Amerika-Europa-Flieger in den Tunnel hineinstürzte. Die großen Hotels in New York, Chikago, San Franzisko, Paris, Berlin, London veranstalteten Bankette, die um zehn Uhr ihren Anfang nehmen und volle achtundzwanzig Stunden dauern sollten. Edison-Bio wollte in allen diesen Hotels ihren Riesentunnelfilm vorführen, der sechs volle Stunden dauerte. In den Varietés und Concerthalls traten Chöre von früheren Tunnelmen auf, die die Tunnellieder sangen. Auf den Straßen wurden Millionen von Postkarten mit Allans Porträt verkauft, Millionen von „Tunnel-charms“, kleine in Metall gefaßte Gesteinsplitter aus den Stollen.
Allan startete Punkt zwölf Uhr nachts. Die ungeheure Bahnhofhalle von Hoboken-Station, die größte der Welt, war bis auf den letzten Quadratfuß mit erregten Menschen angefüllt und alle reckten die Hälse, um einen Blick auf den mächtigen Tunneltrain zu werfen, der zur Abfahrt bereit stand. Grau war er wie Staub und ganz aus Stahl.
Der Zug, der mit dem Führungswagen aus sechs Waggons bestand, war hell erleuchtet, und die Glücklichen, die nahe genug standen, blickten in prächtige Salons. Es waren Salonwagen. Man vermutete, daß Ethel die erste Fahrt mitmachen werde, denn trotz phantastisch hoher Angebote waren Passagiere abgelehnt worden. Ein Viertel vor zwölf wurden die eisernen Rolläden heruntergezogen. Die Spannung der Menge wuchs mit jeder Minute. Zehn Minuten vor zwölf bestiegen vier Ingenieure den Führungswagen, der an ein Torpedoboot mit zwei runden Augen am scharfen Bug erinnerte. Allan mußte nun jeden Augenblick erscheinen.
Allan kam fünf Minuten vor zwölf Uhr. Als er den Perron betrat, brandete ein solch donnerndes Geschrei durch die Halle, daß man hätte glauben können, Hoboken-Station krache in sich zusammen.
Als junger Mann hatte Allan den Bau begonnen und nun stand er da, schneeweiß, verbraucht, mit fahlen, etwas schwammigen Wangen und gutmütigen, blaugrauen Kinderaugen. Mit ihm kam Ethel heraus, die den kleinen Mac an der Hand führte. Hinter ihr ein kleiner gebückter Mann mit aufgestülptem Mantelkragen und weiter Reisemütze, die tief übers Gesicht sank. Er war kaum größer als der kleine Mac und man hielt ihn allgemein für einen farbigen Groom. Es war Lloyd.
Die meterhohe Mumie gab Ethel und dem kleinen Mac die Hand und kletterte behutsam in den Waggon: Lloyd also war der Passagier! Nicht ein Kaiser oder König, nicht der Präsident der Republik, die Großmacht Lloyd, das Geld, war der erste Passagier!
Ethel blieb mit ihrem Knaben zurück. Sie hatte den kleinen Mac von Rawley herübergebracht, damit er diesen großen Augenblick miterlebe. Allan verabschiedete sich von seinem Sohn und Ethel, und Ethel sagte: „Well, good bye, Mac. I hope you will have a nice trip!“
Die Kreisel begannen zu rotieren und füllten die Halle mit einem hohlen, pfeifenden Sausen. Die Stützbacken lösten sich automatisch, als die Kreisel die erforderliche Tourenzahl erreicht hatten — und der Zug glitt unter dem tobenden Jubel der Menge aus der Halle. Die Scheinwerfer schleuderten ihre bleichen Lichtkegel über Hoboken, New York und Brooklyn, die Sirenen der Dampfer in den Docken, auf dem Hudson, der Bai, dem East-River tuteten und heulten, die Telephone klingelten, die Telegraphen spielten — — New York, Chikago, San Franzisko brausten auf, der Jubel der ganzen Welt begleitete Allan auf die Reise. Zur gleichen Zeit blieben alle technischen Betriebe der Welt auf fünf Minuten stehen, alle Schiffsschrauben, die in diesem Augenblick die Weltmeere peitschten, zur gleichen Zeit heulten und tuteten die Pfeifen und Sirenen aller Eisenbahnzüge und Dampfer, die unterwegs waren: ein brutaler, gewaltiger Schrei der Arbeit, die ihrem Werk zujubelte.
Der alte Lloyd ließ sich entkleiden und legte sich zu Bett.
Sie waren unterwegs. —
In den Hotels hatten Tausende von Menschen um zehn Uhr diniert und erregt über den bevorstehenden Start gesprochen. Musikkapellen konzertierten. Das Fieber wuchs und wuchs. Man wurde exaltiert und sogar poetisch. Man nannte den Tunnel „die größte menschliche Tat aller Zeiten“. „Mac Allan hat das Epos vom Eisen und der Elektrizität gedichtet.“ Ja, Mac Allan wurde sogar im Hinblick auf seine Schicksale in den fünfundzwanzig Jahren des Baus „der Odysseus der modernen Technik“ genannt.
Zehn Minuten vor zwölf flammte die Projektionsfläche der Edison-Bio auf und darauf stand: „Ruhe!“
Sofort wurde alles vollkommen still. Und augenblicklich begann der Telekinematograph zu arbeiten. In allen Weltstädten der Erde sah man zur gleichen Sekunde die Bahnhofhalle von Hoboken-Station, schwarz von Menschen. Man sah den gewaltigen Tunneltrain, man sah, wie Allan sich von Ethel und seinem Sohn verabschiedete — die Zuschauer schwingen die Hüte: der Zug gleitet aus der Halle ...
Ein unbeschreiblicher, donnernder Jubel, der minutenlang währte, erhob sich. Man stieg auf die Tische, Hunderte von Sektgläsern wurden zerbrochen und zertreten. Die Musik intonierte das Tunnellied: „Three cheers and a tiger for him!...“ Aber der Lärm war so ungeheuer, daß niemand einen Ton hörte.
Hierauf erschien eine Schrift auf der Leinwand: „Die fünfundzwanzig Köpfe.“ Allan, als er den Bau begann, Allan, wie er heute aussah. Ein zweiter Orkan der Begeisterung brach los. Hobby, Strom, Harriman, Bärmann, S. Woolf, der „fette Müller“, Lloyd. Dann begann der eigentliche Film. Er begann mit dem Meeting auf dem Dachgarten des „Atlantic“, dem „ersten Spatenstich“, er führte im Laufe der Nacht mit Unterbrechungen durch alle Phasen des Baus, und so oft Allans Bild erschien, erhob sich neuer, begeisterter Jubel. Der Riesenfilm zeigte die Katastrophe, den Streik. Man sah wieder Mac Allan durch das Megaphon zu dem Heer von Arbeitern sprechen (und der Phonograph brachte Teile seiner Rede!), die Prozession der Tunnelmen, den großen Brand. Alles.
Nach einer Stunde, um ein Uhr, erschien auf der Projektionsfläche ein Telegramm: „Allan in den Tunnel eingefahren. Ungeheure Begeisterung der Menge! Viele Menschen im Gedränge verletzt!“
Der Film ging weiter. Nur von halber zu halber Stunde wurde er durch Telegramme unterbrochen: Allan passiert den hundertsten Kilometer — — den zweihundertsten — Allan stoppt eine Minute. Ungeheure Wetten wurden abgeschlossen. Niemand sah mehr auf den Film. Alles rechnete, wettete, schrie! Würde Allan pünktlich in Bermuda eintreffen? Allans erste Fahrt war zu einem Rennen geworden, zu einem Rennen eines elektrischen Zuges und zu nichts anderem. Der Rekordteufel wütete! In der ersten Stunde hatte Allan den Rekord für elektrische Züge gedrückt, den bis dahin die Züge Berlin-Hamburg behaupteten. In der zweiten war er den Weltrekorden der Flugmaschinen auf den Leib gerückt, in der dritten hatte er sie geschlagen.
Um fünf Uhr erreichte die Spannung einen zweiten Höhepunkt.
Auf der Projektionsfläche erschien telekinematographisch übermittelt die von greller Sonne durchflutete Bahnhofhalle der Bermudastation: wimmelnd von Menschen und alle sehen gespannt in die gleiche Richtung. Fünf Uhr zwölf taucht der graue Tunnelzug auf und fliegt herein. Allan steigt aus, plaudert mit Strom, und Strom und Allan steigen wieder ein. Fünf Minuten und der Zug fährt weiter. Ein Telegramm: „Allan erreicht Bermuda mit zwei Minuten Verspätung.“
Ein Teil der Banketteilnehmer ging nun nach Hause, die meisten aber blieben. Sie blieben über vierundzwanzig Stunden wach, um Allans Fahrt zu verfolgen. Viele hatten auch Zimmer in den Hotels gemietet und legten sich auf ein paar Stunden schlafen, mit dem Befehl, sie augenblicklich zu wecken, „im Falle etwas passierte“. Über die Straßen regneten schon die Extrablätter nieder. —
Allan war unterwegs.
Der Zug flog durch die Stollen, daß sie meilenweit vor und hinter ihm dröhnten. Der Zug legte sich in den Kurven zur Seite wie eine meisterhaft konstruierte Segeljacht: der Zug segelte. Der Zug stieg, wenn es in die Höhe ging, gleichmäßig und ruhig wie eine Flugmaschine: der Zug flog. Die Lichter im dunkeln Tunnel waren Risse in der Dunkelheit, die Signallampen buntglitzernde Sterne, die sich in die runden Bugfenster des sausenden Torpedoboots stürzten, die Lichter der Stationen vorbeischwirrende Meteorschwärme. Die Tunnelmänner (verschanzt hinter den eisernen Rolltüren der Stationen), feste Burschen, die die große Oktoberkatastrophe trockenen Auges mitgemacht hatten, weinten vor Freude, als sie „old Mac“ vorüberfliegen sahen.
Lloyd ließ sich um acht Uhr wecken. Er nahm sein Bad, frühstückte und rauchte eine Zigarre. Er lachte, denn hier gefiel es ihm. Endlich war er ungestört, endlich war er fern von den Menschen und an einem Ort, wohin niemand kommen konnte! Zuweilen promenierte er durch sein lichterblitzendes Appartement, zwölf Gemächer, die die Maschine hinter sich herschleppte und die von einer köstlichen, ozongesättigten Luft erfüllt waren. Um neun Uhr telephonierte ihn Ethel an und er unterhielt sich zehn Minuten mit ihr. („Don’t smoke too much, Pa!“ sagte Ethel.) Dann las er die Telegramme. Plötzlich hielt der Zug. Sie stoppten in der großen Station im „heißen Stollen“. Lloyd sah durch ein Guckloch und unterschied eine Gruppe von Menschen, in deren Mitte Allan stand.
Lloyd dinierte, schlief und wieder hielt der Zug und die Fenster seines Salons waren geöffnet: er sah durch eine Glaswand hindurch auf ein blaues Meer hinaus und auf der andern Seite über eine unübersehbare Menschenmenge, die begeistert schrie. Azora. Sein Diener berichtete ihm, daß sie vierzig Minuten Verspätung hätten, da ein Ölbehälter leck geworden sei.
Hierauf wurden die Fenster wieder geschlossen. Der Zug stürzte sich in die Tiefe, und der alte, vertrocknete, kleine Lloyd begann vor Vergnügen zu pfeifen, was er seit zwanzig Jahren nicht getan hatte.
Von Azora an führte Strom. Er schaltete den vollen Strom ein und der Geschwindigkeitsmesser stieg auf zweihundertfünfundneunzig Kilometer die Stunde. Die Ingenieure wurden unruhig, aber Strom, dem die Hitze in den heißen Stollen wohl die Haare abfressen konnte aber nicht die Nerven, ließ sich nicht ins Handwerk pfuschen.
„Es wäre eine Blamage, wenn wir zu spät kämen,“ sagte er. Der Zug fuhr so rasch, daß er stillzustehen schien; die Lichter schwirrten ihm wie Funken entgegen.
Finisterra.
In New York wurde es wieder Nacht. Die Hotels füllten sich. Die Begeisterung raste, als das Telegramm die ungeheure Speed meldete. Würde man die Verspätung einholen oder nicht? Die Wetten stiegen ins Unsinnige.
Die letzten fünfzig Kilometer führte Allan.
Er hatte vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen, aber die Erregung hielt ihn aufrecht. Bleich und erschöpft sah er aus, mehr nachdenklich als freudig: viele Dinge gingen ihm durch den Kopf ...
In wenigen Minuten mußten sie ankommen und sie zählten Kilometer und Sekunden. Die Signallampen fegten vorbei, der Zug stieg ...
Plötzlich blendete weißes, grausames Licht ihre Augen. Der Tag brach herein. Allan stoppte ab.
Sie waren mit zwölf Minuten Verspätung in Europa eingetroffen.
Ende
Werke von Bernhard Kellermann
Yester und Li
Die Geschichte einer Sehnsucht. (Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane.) Geb. 1 M., in Leinen M. 1.25.
Die Geschichte einer Sehnsucht ist es, die der Verfasser erzählt — einer zarten, zitternden, tastenden Sehnsucht. Einer so verzehrenden, wahnwitzigen, ungeheuerlichen Liebessehnsucht, wie sie nur ein Dichter, ein Auserwählter unter den Menschen, zu einem auserwählten, seltenen, wundervollen Weibe empfinden kann. — Henri Ginstermann heißt er. Und sie heißt Bianka Schuhmacher. Ganz einfache, alltägliche Namen. Aber was für Menschen! Ihre Seelen sind — ein triviales Bild zu gebrauchen — wie äußerst verfeinerte phonographische Platten. Und zwischen diesen beiden Menschen schwebt eine innige, keusche, unausgesprochene Liebe. Beide wissen: sie ist hoffnungslos, diese Liebe. Und doch trägt sie jeder im Herzen, sorgsam, wie ein anvertrautes Gut, ein Heiligtum, einen köstlichen Schatz. In stummer Duldung klammert er sich an sein jämmerliches Leben, das ihn, den um unbesonnener Jugendstreiche willen Verstoßenen, Verfemten, so oft grausam geneckt. Seiner heiligen Sehnsucht zuliebe tut er es. Sein ganzes Sein und Wesen strömt in dies eine große Gefühl zusammen. Er treibt einen Kultus mit dieser Frau. Besingt sie in überschwenglichen, himmelhochjauchzenden Hymnen. Und macht doch allem ein Ende durch einen leisen, müden Verzicht. Wunderbar ergreifend ist dieser Schluß. Ein Dichter hat dies Buch geschrieben. Ein wirklicher Dichter. Mit sanfter, zagender Hand sind die letzten Hüllen von menschlichen Seelen gezogen. Und doch erscheint alles wie durch zarte Schleier, von einem seltsamen matten Glanz umsponnen. Letzte Menschlichkeiten werden aufgedeckt. Feines, Leises wird gegeben, wie mit dem Silberstift gezeichnet.
(Königsberger Allgemeine Zeitung)
Ingeborg
Roman. 18. Auflage. Geheftet 4 M., gebunden 5 M.
Frauen und Jünglinge, leset dies neue Buch — Ingeborg —, diesen zweiten Roman von Bernhard Kellermann. Die Liebe lebt darin und die Romantik. Und der Wald lebt darin und alle Jahreszeiten. Wahrhaftig ein närrisches Buch, aber weise und klug bei aller Narretei, denn die unerforschlichen, unabänderlichen Lebensgesetze sprechen daraus. Jung ist es, ganz jung-jung, und das Blut macht es unruhig, es fiebert vor Liebe. In einigen Märznächten, als der Föhn vor den Fenstern stürmte, habe ich es gelesen; mein Herz kam völlig aus dem Takt, und ich glaube nicht, daß der Föhn allein schuld war ... Mit einer kindlich zarten und zugleich unerhört verfeinerten Gabe wird hier von den heiligsten und besten Dingen gesprochen. Von Gott, von der Liebe, vom Wald ... Ich will mich mit diesem Buche nicht allein freuen. Jedem möchte ich es in die Hände drücken, der überhaupt noch einen Roman lesen kann.
(Die Zeit, Wien)
Der Tor
Roman. 10. Auflage. Geheftet 5 M., gebunden 6 M.
Hier sind Menschen, eine Fülle Menschen, nicht nur scharf voneinander geschieden und als Einzelgestalten deutlich in der Phantasie, sondern in Bewegung, im Zusammensein, im Gespräch in einer Vielzahl von Aktionen. Ich sehe alle, die im Eisenbahnkupee den Selbstmord des Dienstmädchens erörtern — wie hört man das Laute ihrer Reden, die Heftigkeit ihrer Diskussion und Überzeugungssucht das Rasseln und Knattern des Zuges übertönen! Der Liederkranzball, den fünf Kapitel umschließen, bleibt wie ein Erlebtes unverlöschlich in der Erinnerung: hier ist ein solcher Sturm, ein solches Getöse, ein solches Ineinanderspielen von Tätigkeiten und Gesprächen, von Trunk, Spiel, Streit und Hohn, ein solches Chaos bewegter Menschlichkeiten, aus dem die Gestalten des Helden und seiner Geliebten leuchtend hervortreten, ein solches Auf- und Abstürmen des lebendigsten Lebens, daß man im Lesen den Atem anhält, von der Fülle und Intensität einer ganz nahen Wirklichkeit bis an das eigene Fühlen wunderbar beherrscht ... Nicht Vergangenes erzählt dieser Dichter, wie alle vor und neben ihm: er trägt die Gegenwart. Sein Stil, knapp, rasch, ungeduldig, reißt hin. Kurze Sätze jagen hintereinander her, überstürzen sich, erleuchten und verdunkeln einander — dann wieder langsam hintereinander schreitend, lassen sie der Einbildungskraft Raum, das Bild, das sie halten, zu betrachten, das Gefühl, die unsichtbare Gottheit, der sie dienen, zu begreifen. Und wie sie dem Gefühl dienen! Jedes Wort, jeder Ausruf glaubt sich stark genug, das Göttliche durch sich offenbaren zu können, und ist doch so gering, daß alles nur hingestammelt wird, bebend, flehend, erstickt, überwältigt. Alles ist da, ist Leben, ist Augenblick. Geschehnis und Gedanke gehen ineinander über, eins aus dem andern hervor. Eh man sich’s versieht, biegt der Weg um: neue Landschaft erschließt sich dem Staunenden — man muß das Buch für Augenblicke sinken lassen, um sich zurückfinden zu können.
(Neue Freie Presse, Wien)
Das Meer
Roman. 10. Auflage. Geheftet 4 M., gebunden 5 M.
Diese Schilderung des Ozeans, des ewig unruhigen, brausenden, tobenden, gefräßigen, gespenstischen Ozeans, ist so ungeheuer plastisch und namentlich schon durch die Sprache so ausdrucksvoll, daß dem Leser gleichsam aus den Zeilen fortwährend das Rollen und Grollen des Meeres entgegentönt. Wie Wellen kommen die Sätze daher, häufen, übersprudeln sich, stehen still, plötzlich nur zu einem oder zwei Worten verdichtet, die gleich einem Kahn auf einer Wogenreihe tanzen, dann wieder in heftige, rasend schnelle, bizarr verknäuelte Bilder sich auflösend — es ist eine Tonmalerei, die wie orchestrale Symphoniemusik wirkt. Eine Sprachsymphonie: „Das Meer“! Und wir sehen und hören nicht nur das Meer, an der bretonischen Küste — nein! Mit einer grandiosen Phantasie führt er uns auf den Boden der See, in die Geisterhöhlen der Klippen, zwischen die Eisberge der nordischen Strömung, in die chinesischen Baien. Das Meer in der Mondnacht, im Sturm, in der Stille, den Schiffbruch des Dampfers und den Kampf des Fischerboots — alles zaubert dieser Poet mit vollendeter Kunst vor die staunende Seele. Dazu die Leute dieser Insel. Urzeit. Menschen ohne Kultur, aber auch ohne Kulturfäule. Prächtige, spitzbübisch-naive, tiertreue Menschen, die wie Kinder dumm, morallos, vertrauensselig und heftig sind ... Es ist eine Apotheose des Meeres, wie aus dem Munde heidnischer Priester. Gleichsam die Apotheose alles Großen, Unbekannten, nie zu Enträtselnden, das wir Natur nennen.
(Augsburger Abendzeitung)
Im gleichen Verlag ist erschienen:
Amerika Heute und Morgen Reiseerlebnisse von Arthur Holitscher
Fünfte Auflage. Mit 69 Abbildungen. Geheftet 5 M., gebunden 6 M.
Das Beste des Buches liegt in der Unmittelbarkeit der Erlebnisse und der Darstellung. Es geht über ein paar Weichen hinweg, daß uns manchmal die Haare zu Berge stehen, aber die volle Fahrt ist doch das Besondere an dem Buche. Man stutzt und möchte um Mäßigung bitten, aber schon ist man bei der nächsten Sache, und wir treiben wirklich hingerissen, gerührt, verführt, ergriffen und nur selten einer kühl nachdenklichen Stimmung überlassen, mitten durchs Leben der Staaten, mitten durch die weiten, zukunfthellen Ebenen Kanadas. In den Hauptstädten Kanadas erleben wir die Ankunft der Kolonistenzüge mit ihren frisch vom Schiff auf den neuen Boden gesetzten Insassen: irische Proletarier, belgische Handwerker, slowakische und russische Bauern, denen nun ohne Unterschied das Land, dem sie entgegenfahren, gehört von diesem Morgen an. Der Reisende besucht die neuen Siedler auf ihren Heimstätten, auf ihren Dörfern einsam draußen auf der Prärie. Und in den zauberischen Städten der Westküste am glitzernden Meer erleben wir den Tummel einer harten jugendlichen Bevölkerung, in die zum Überfluß noch die kleinen Vorläuferscharen gelber und brauner Asiaten hineingemischt sind. Wir lesen bei Holitscher Interessantes über Literatur und Theater in Amerika, über die Frage der Juden, der Einwanderer, der Neger und des Sozialismus, über alle die Probleme, die impulsive und unruhige Menschen drüben mehr auf dem Weg der Revolte als der Staatskunst zu lösen gedenken. Wir wissen, wie viele Dinge, die auch die unseren sind, drüben doch ganz anders liegen und ebenso anders gelöst werden müssen ... Wir nehmen dieses neue Amerikabuch gern auf in unser Arbeitszimmer. Es trägt uns, wie durch eine geöffnete Saaltür, den großen verworrenen Schall der Gegenwart herein, aber wir lassen uns nicht hindern, Europa nur noch mehr zu lieben, weil es, auf einen andern Kontinent verpflanzt, auch eine andere Welt zu erzeugen vermocht hat.
(Frankfurter Zeitung)
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig