zur zweiten Auflage. (continued 5)
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Ehe Ilse in den Wagen stieg, wurde sie von Johann feierlich begrüßt. Zur besonderen Ueberraschung hatte er Bob mitgebracht, der nun in toller, ausgelassener Freude seine Herrin begrüßte. Johann vergaß dabei seine Empfangsrede, die er sich mühsam zurechtgedacht hatte. Verlegen drehte er seine Mütze und sein breiter Mund zog sich von einem Ohre zum andern.
»Da ist der Hund, Fräulein Ilschen,« sagte er. »Das unvernünftige Vieh hat das Fräulein gewissermaßen gleich erkannt. Ich auch, wenn auch das Fräulein gewissermaßen schön und stattlich geworden sind, wie ein Kürassier.« – Diesen wunderlichen Vergleich gebrauchte Johann nur bei ganz außergewöhnlichen Gelegenheiten, er galt für ihn als höchster Ausdruck des Vollkommnen.
Alle lachten und Ilse reichte dem Freunde ihrer Kindheit die Hand.
»Es ist gut, Johann,« sagte der Oberamtmann, »du hast eine schöne Rede gehalten. Nun aber steige auf und lasse die Pferde tüchtig zugreifen, in einer halben Stunde müssen wir in Moosdorf sein.«
Im Vaterhause war alles festlich bereitet. Fahnen, Kränze, Blumen, sogar eine Ehrenpforte mit einem mächtigen »Willkommen!« begrüßten die heimkehrende Tochter. – Aber sie hatte nur einen flüchtigen Blick für alle Herrlichkeiten, ihre Ungeduld trieb sie hinein in das Haus, sie mußte zuerst das Brüderchen sehen.
Frau Anne, die vor ihr hineingegangen war, trat ihr schon mit demselben entgegen.
»Du süßer, süßer Junge!« rief Ilse im höchsten Ent[pg 241]zücken und der prächtige Knabe streckte ihr jauchzend seine Aermchen entgegen.
»Er will zu mir, Mama, darf ich ihn nehmen?« Glücklich lächelnd reichte die Frau ihr den Kleinen. Und Ilse tanzte mit ihm im Zimmer herum und küßte und herzte ihn, bis er zu weinen anfing.
Die Mutter nahm ihr den kleinen Schreihals ab. »War ich zu wild, Mama?« fragte Ilse bedauernd, »sei mir nicht böse darum! Ich freue mich ja zu furchtbar über ihn! – Was er für dicke Aermchen hat,« fuhr sie zärtlich fort und küßte dieselben. »Ach, und die lieben, schönen Guckäuglein schwimmen in Thränen! Daran ist nur die böse, böse Schwester schuld, mein kleines Herz!«
So plauderte Ilse bunt durcheinander und war so glücklich wie ein Kind am Weihnachtsabend, wenn es seine neue Puppe begrüßt. Sie mochte sich gar nicht von dem Kinde entfernen, bis endlich die Mama dasselbe der Wärterin übergab.
»Nun ist es genug, Kind,« scherzte Frau Anne, »du verwöhnst mir sonst den Jungen, auch vergißt du uns andre darüber. Sieh! Papa und der Onkel stehen schon wartend da, sie wünschen, daß du sie in das Speisezimmer hinüber begleitest. Oder möchtest du erst einmal hinauf in dein Zimmer gehn?«
Sie ergriff Ilses Arm und führte sie in die obere Etage, die beiden Herren folgten ihnen, und Ilse mußte darüber lachen, sie ahnte ja nicht, weshalb sie es thaten.
Es war eine großartige Ueberraschung, die ihrer wartete. Als sie ihr Zimmer betrat, blieb sie sprachlos an der Thüre stehen. Sie erkannte die früheren Räume nicht wieder. Wohn- und Schlafgemach hatten die Eltern im altdeutschen Stil eingerichtet. Nichts war vergessen. Vom Schreibtisch bis auf [pg 242]die kleine Schmucktruhe, die vor dem Spiegel auf einem Schränkchen stand. Sogar eine Staffelei war am Fenster aufgestellt.
Ilses Freude war unbeschreiblich, die Eltern hatten ja ihre kühnsten Wünsche erfüllt. – Etwas befangen betrachtete sie Staffelei und Maltisch. »O, Papa,« sagte sie schüchtern, »das ist zu schön für mich, ich kann ja noch gar nicht malen.«
»Bedanke dich bei dem Onkel dafür, er ist der Anstifter davon!« entgegnete der Oberamtmann. »Er hat versprochen, dein Lehrmeister zu sein, das heißt: solange der Wandervogel bei uns aushalten wird.«
Nach dem Essen schlich sich Ilse hinaus in den Hof, sie mußte es fast heimlich thun, denn der Papa konnte sich heute nicht von ihr trennen. Johann hatte auf diesen Augenblick längst gewartet und stand schon bereit, das Fräulein zu führen.
Zuerst mußte sie ihm in den Pferdestall folgen, und als sie die Runde durch sämtliche andre Ställe gemacht, alle Kühe, Hunde u. s. w. begrüßt hatte, da wollte er ihr auch noch den neuen Schweinestall zeigen, diesen Besuch aber schob Ilse bis auf eine andre Zeit auf.
»Schade, schade,« meinte Johann und machte ein niedergeschlagenes Gesicht, »ich hätte dem Fräulein so gern das neue Schweinehaus gezeigt. Es ist gewissermaßen schön drin, man könnte selbst drin wohnen.«
»Morgen, Johann,« entgegnete Ilse, »heute habe ich keine Zeit mehr dazu, ich muß zu den Eltern.«
Kopfschüttelnd blickte der Kutscher ihr nach. »Früher hätte sie das nicht gesagt,« sprach er für sich und bedenklich setzte er hinzu: »Sollte sie vornehm geworden sein?«
Als der Tag zu Ende war, als Ilse allein in ihrem Zimmer saß, um zur Ruhe zu gehen, hielt sie zuvor noch eine [pg 243]Einkehr in ihr Herz. Der heutige Tag war so reich an wechselvollen und freudigen Eindrücken gewesen, was lag nicht alles zwischen Abend und Morgen! Trennung und Wiedersehn! War sie wirklich erst heute früh von Lindenhof abgefahren, und hatte sie erst gestern morgen die Pension verlassen? Der Abschied von dort schien schon so weit hinter ihr zu liegen. –
Es war so süß, mit wachen Augen noch etwas zu träumen, und sie mochte noch nicht an den Schlaf denken. Ihr Blick fiel auf den geöffneten Reisekoffer und sie bekam Lust, denselben auszupacken. Sie fing auch an, einige Sachen herauszunehmen und in die herrlich geschnitzte Kommode zu räumen, dabei mußte sie sich an Nellie erinnern; es fiel ihr ein, wie treu und lustig sie ihr geholfen hatte, damals, am ersten Tage in der Pension. Die gute, geduldige Nellie! Wäre sie doch gleich bei ihr!
Als sie ihr Tagebuch aus dem Koffer nahm, behielt sie es sinnend in der Hand. Was es enthielt, waren nur weiße Blätter, denn nie hatte sie das Bedürfnis gefühlt, ihm etwas anzuvertrauen. Wie in halber Zerstreuung schloß sie es auf und legte es geöffnet auf den Schreibtisch. Sie griff nach der Feder, tauchte sie ein und plötzlich – wie von einer inneren Macht getrieben, schrieb sie die Worte nieder: »Seit ich ihn gesehen –«
Weiter kam sie nicht. Sie warf die Feder weit von sich und hielt beide Hände vor ihr heißerglühtes Gesicht. Eine tiefe Beschämung preßte ihr die Brust zusammen. Was hatte sie geschrieben, wessen Bild hatte ihr die Worte diktiert?
Als ob sie sich auf einem schweren Unrecht ertappt, so schnell schloß sie das Buch und barg es in einem versteckten Fach ihres neuen Schreibtisches. Fort mit den thörichten Gedanken, die ihr Unruhe machten und an denen nur Cha[pg 244]missos Lieder die Schuld trugen! Sie wollte sie niemals wieder lesen – niemals! –
Drei Wochen waren Ilse im elterlichen Hause vergangen und sie fühlte sich so glücklich und wohl darin, wie nie zuvor. Gleich in den ersten Tagen hatte sie ihre Zeit nützlich eingeteilt. Auf ihren Wunsch gab ihr der Prediger noch einige Nachhilfestunden in verschiedenen wissenschaftlichen Fächern. Er war überrascht über die Fortschritte seiner früheren Schülerin, besonders aber freute er sich über ihren Ernst, ihre Beständigkeit beim Lernen. Er hatte sich nicht geirrt, als er die Pension einen Segen für Ilse genannt.
Auch Frau Anne segnete das Institut, das aus dem wilden Kinde eine liebliche, sinnende Jungfrau geschaffen hatte. Eine solche Umwandlung hatte sie vor Jahr und Tag kaum für möglich gehalten. An Ilses gutem Herzen hatte sie niemals gezweifelt, aber sie war überrascht von der geduldigen Liebe, die sie dem kleinen Bruder entgegenbrachte. Nur der Amtsrat konnte sich noch nicht in sein verändertes Kind finden. Manchmal sah er es prüfend von der Seite an, als ob er fragen wollte: »Ist sie es, oder ist sie es nicht?«
»Ich weiß nicht,« sagte er eines Tages zu seiner Gattin, »Ilse ist mir zu zahm geworden. Ich kann mir nicht helfen, aber mein unbändiges Kind mit dem Loch im Kleide gefiel mir besser, als die junge Dame im modischen Anzuge.«
»Aber Ilse ist jetzt wirklich eine junge Dame, lieber Richard,« lachte Frau Anne, »sie ist kein Kind mehr und du mußt dich daran gewöhnen, sie nicht mehr als solches anzusehn. Uebrigens ist sie so heiter und ausgelassen wie früher, nur hat sie gelernt, ihren Uebermut zu zügeln. Ich bin sehr zufrieden, wie sie ist, und bin ganz stolz auf mein Töchterchen.«
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»Du magst ja recht haben,« entgegnete Herr Macket, ohne indes von der Wahrheit ihrer Worte überzeugt zu sein, »und mit der Zeit werde ich mich auch an das erwachsene Mädchen gewöhnen, aber ich glaube, es wird noch mancher Tag darüber hingehn.«
»Wer weiß! Wer weiß! Ilse reißt dich vielleicht, ehe du es denkst, aus deiner Täuschung und giebt dir den Beweis, daß sie kein Kind mehr ist.«
»Ich verstehe dich nicht, liebe Anne,« sagte der Oberamtmann und sah seine Frau fragend an, »du sprichst so geheimnisvoll und machst mich neugierig.«
»Ich habe eine Beobachtung gemacht und glaube nicht, daß ich mich täusche. Der junge Gontrau ist Ilse nicht gleichgültig geblieben.«
Sprachlos blickte Herr Macket seine Frau an. Eine solche Möglichkeit zu fassen, war er nicht im stande, sie war ihm noch niemals in den Sinn gekommen.
»Du irrst, Anne,« sprach er endlich, »das ist geradezu unmöglich. Oder,« fügte er besorgt hinzu, »hat sie dir etwa ein Geständnis abgelegt?«
»Behüte Gott,« wehrte Frau Anne ab, »wo denkst du hin? Ilses Herz ist wie eine Sinnpflanze, die ihre Blätter schließt bei der leisesten Berührung. Noch weiß und ahnt sie selbst nichts von ihren Gefühlen, in ihrer kindlichen Unbefangenheit hat sie mir ihr Geheimnis verraten. Sie spricht gern und oft von Gontraus und weilt am liebsten in ihrer Erinnerung bei dem Sohne, von dem sie ausführlich jede Kleinigkeit erzählt. Du müßtest sie hören, wenn sie die Erkennungsszene am Bahnhof in Lindenhof erzählt, und sehen, wie ihre Augen dabei strahlen.«
»Nun ja,« fiel er ihr ins Wort, »das war romantisch! Du bist eine so kluge Frau, mein Annchen, weißt du denn nicht, daß alle Backfischchen gern schwärmen?«
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»Höre nur weiter zu, Richard. Neulich fragte sie mich ganz aus dem Stegreife, ob ich den Namen ›Leo‹ schön fände, und ob Juristen kluge Menschen wären? Den Rosenstrauß, den sie bei ihrem Abschied erhielt, hat sie aufbewahrt. Als neulich die Hausmagd denselben wegwerfen wollte, ward sie fast ärgerlich. Sie nahm ihr denselben aus der Hand und steckte die vertrockneten Blumen in eine Vase, die heute noch auf ihrem Schreibtische steht.«
»Ist das alles, was du weißt?« lachte der Oberamtmann vergnügt und auch sehr erleichtert, »dann muß ich dir sagen, liebes Kind, daß deine Beobachtungen auf sehr wacklichen Füßen stehen. Ich kenne meinen Wildfang besser und weiß, daß er noch fern von solchen Allotrias ist. Ilschen verliebt! Ha, ha, ha! Vergieb, Frauchen, daß ich dich auslache, aber ich kann nicht anders!«
Sie mochte nicht weiter seine sichere Unbefangenheit stören und brach das Gespräch ab. »Was kommen soll, kommt doch,« dachte sie, »und wer kann sagen, wie bald!« – Wenige Tage nach diesem Gespräche fand das Erntefest statt. Frau Macket und Ilse befanden sich am Morgen dieses Tages in dem großen Gartensaale. Sie ordneten noch hier und da einiges an der gedeckten Tafel, die festlich geschmückt und zum Empfange vieler Gäste bereit stand. Ilse beschäftigte sich damit, die Vasen mit Blumen zu füllen. Es war ihr so vergnügt und froh um das Herz und singend und trällernd verrichtete sie ihre Arbeit.
»Mama,« unterbrach sie sich plötzlich, »weißt du, daß ich eigentlich recht betrübt heute bin?«
»Nein,« entgegnete die Angeredete lächelnd, »davon habe ich noch nichts gemerkt. Weshalb wolltest du auch betrübt sein?«
»Weil Nellie mir nicht geschrieben hat. Ich habe sie so herzlich zu unsrem Erntefeste eingeladen und sie hat mir keine [pg 247]Antwort darauf gegeben. Heute sind es sechs Tage, daß ich ihr schrieb.«
»Sie wird keine Erlaubnis erhalten haben, Kind. Du zweifeltest selbst daran, hast du das vergessen? Es wird ihr sehr schwer werden, dir der Vorsteherin abschlägige Antwort mitzuteilen. Oder sollte sie dich heute unangemeldet überraschen?«
»Das wäre famos, himmlisch! Gontraus und Nellie hier – dann wären alle meine Wünsche erfüllt! Aber daran ist nicht zu denken, Fräulein Raimar erlaubt das auf keinen Fall. Nellie muß immer lernen und immer lernen. Ach Mama! Es muß furchtbar schrecklich sein, eine Gouvernante zu werden! Findest du nicht auch?«
Frau Anne versuchte, Ilse von ihrem Vorurteile zu heilen, aber vergeblich. Sie blieb dabei, Gouvernanten könnten nur alte Mädchen werden und ihre Nellie passe gar nicht dazu.
Plaudernd und singend hatte Ilse endlich sämtliche Vasen gefüllt und auf der Tafel verteilt. Sie stand noch bewundernd vor ihrem Werke, als die Mutter sie antrieb, sich anzukleiden.
»Es ist hohe Zeit, Ilse, wir müssen uns eilen, in einer Stunde wird Papa mit Gontraus zurück sein.«
Wie ein Vogel flog Ilse die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Kaum hatte sie indessen mit ihrer Toilette begonnen, als ihr die Magd einen Brief überbrachte, den der Briefträger soeben für sie abgegeben hatte. Er war von Nellie. Sie erbrach ihn sofort und las.
Die ersten Worte schon brachten sie in eine lebhafte Aufregung, kaum vermochte sie weiter zu lesen. Mit stockendem Atem überflog sie die Zeilen, und als sie zu Ende war, eilte sie mit dem Briefe hinunter in der Mutter Gemach. Sie hätte es nicht ausgehalten, die wichtige Neuigkeit, die sie eben erhalten, länger für sich zu behalten.
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»Mama!« rief sie ganz atemlos, »ein Brief von Nellie! Ich muß ihn dir vorlesen!« – Und sie begann:
»Mein süß Ilschen!
»Ich bin eine Braut! O! und ein sehr glückliches Braut! Errätst Du, mit wem? Ja? O Ilse, Doktor Althoff ist meiner liebe, liebe Schatz! Ich möchte gleich Deine liebes Gesicht schauen, wenn Du diese groß Ereignis liest, ich sehe, wie Du Dein braun Lockenkopf schüttelst und höre Dir rufen: ›Nellie will mir pfoppen!‹ Aber nein, sie pfoppt Dir nicht, alles, was sie heute schreibt, ist wahr. Du sollst alles wissen, meine liebe Freundin, ich will erzählen, wie es kam. O, es ist ein schwer’ Aufgabe für mich, – ich bin so zerwirrt vom Glück und ich finde mir so schlecht zurecht mit der deutsch Sprache. Du mußt Geduld mit Dein Nellie haben, die eigentlich sehr dumm ist! Ich schäm’ mir, Ilse, wenn ich denke an mein furchtbaren Dummheit. Es ist mir ein Rätsel, wie Alfred mir lieb haben kann. – Doch still darüber. – Höre weiter.
»Mit Dein lieber Brief, den Du mir schriebst, wo Du mir zu Dein Erntefest einladest, kam ein andern Brief an Fräulein Raimar. Als ich nun begriffen war, in ihr Zimmer zu steigen, um sie recht für die Erlaubnis zu bitten, tritt sie ganz plötzlich – ohne Anmeldung bei mir ein. Das war ein Wunder, denn sie macht uns niemals ein Visite, immer läßt sie uns rufen, wenn sie einiges von uns will. Ich errötete vor Schreck, Du kannst denken. ›Nellie,‹ spricht sie und hält ein offner Brief in ihr Hand, ›dieses Schreiben hier enthält die Anfrage an mir, ob ich nicht ein junge Engländerin zu sofortiger Antritt empfehlen kann. Vollkommen deutsch braucht diese nicht zu sprechen, sie soll nur die drei Kinder englisch beibringen. Ich denke Dir vorzuschlagen, Nellie, bist Du einverstanden? Die Dame bietet hohe Gehalt.‹
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»Ich glaube, daß ich ein sehr traurig Gesicht machte zu ihr Vorschlag und ich konnte auch gar nix sagen. Dein Brief hielt ich noch in die Hand, aber ich habe nicht gewagt, Fräulein Raimar zu sprechen, sie hätte doch mein Bitten abgeschlagen.
»›Du hast wohl keine Lust,‹ fragte sie, weil ich schweigend war.
»›O, gar keine Lust,‹ dacht’ ich, aber ich durft’ nicht sagen, wie furchtbar schrecklich mich der Gedanke war, ein Vierteldutzend Kinder zu unterrichten. Immer so weise und artig sein, – immer so mit der guten Beispiel vorangehn – nein, das macht mir gar nicht Spaß.
»›Bestimmen Sie für mir, Fräulein,‹ sagte ich, ›ich werde thun, wie Sie denken. Werde ich aber klug genug sein, zu ein’ so großer Aufgabe?‹
»›Laß das meine Sorgen sein,‹ sagte Fräulein Raimar sehr bestimmend, ›ich würde Dich nicht empfehlen, wenn ich nicht wüßte, daß Du diese Stellung vollkommen erfüllen kannst.‹
»Damit verließ sie mir und ich blieb tief betrübt zurück.
»Die Zubereitung für mein Abreise wurde gemacht und ich hatte viel zu thun, o – und viel zu hören!
»Miß Lead hielt langen, strengen Predigten und vorbereitete mich zu eine würdige Gouvernante. Fräulein Raimar mahnte mir täglich zu Ernst und Gediegenheit, nur Fräulein Güssow sah mir oft mit ein lang traurigen Blick an, der zu mich sprach: Thust mich leid, Darling, daß Du unter fremde Leute dienen mußt.
»Der ernste Abschiedstag war da. Es war der achtundzwanzigste September, morgens 11 Uhr, ein Stunde vor meine Abreise. Ich saß in mein Zimmer auf mein Reisekoffer und weinte. Ich war so gefüllt von Kummer, das [pg 250]Herz drückte mir so schwer wie ein Mühlstein in der Brust. Kannst Du Dich das vorstellen? Nein, süß Ilschen, Du kannst nicht. Als Du von uns gingst, weintest Du auch und warst sehr betrübt, aber Du kehrtest in ein liebe Vaterhaus heim und Deine Eltern trocknete Deine Thräne, – wer trocknet meine? Niemand. Ich ging fort in die Fremde und ›ka Katzerl, ka Hunderl‹ kümmert sich um mir. Ich wünschte mir tot zu liegen, wie unsre süße Lilli.
»Wie ich mir so ganz verlassen fühle und laut schluchze, steht plötzlich Doktor Althoff, mein Doktor Althoff vor mir. Ich hatte ihn nicht gehört, als er anklopfte und die Thür öffnete. Du kannst mein Schreck denken! Ich spring’ von mein Reisekoffer und halt’ das Tuch vor mein weinend Gesicht, ich schämte mir so.
»Leise zog er es fort und fragte mich mit seiner schöner, tiefer Organ: ›Warum weinen Sie, Miß Nellie? Thut Sie es weh, aus dem Institut zu scheiden, möchten Sie hier bleiben!‹
»Ich sagte gar nix, weil ich nicht konnte vor lautes Schluchzen.
»›Sehen Sie mich an, Miß Nellie,‹ bat er, ›ich möchte gern in Ihr Auge sehen bei das, was ich Sie fragen will.‹
»Ich versuchte ihn anzublicken, aber ich mußt’ mein Auge niederschlagen, er hatte ein so sonderlicher Blick, niemals hat er mir so angesehen. O, ich ward so angst und es lief mich ganz heiß über mein Gesicht. Er griff mein’ Hand und hielt sie fest und dann – ich weiß nicht, wie es kam – mit einem Male hatte er mir in seinen Arm genommen und fragte: ›Haben Sie mich lieb, Nellie?‹
»Ilse, kannst Du Dich denken, was ich empfand bei diese Frage? Es war, als ob der Himmel plötzlich offen war und alle Seligkeit auf mein Haupt schüttelte. Im Wachen und im Träumen immer hör’ ich dieser Wort in mein Ohr und [pg 251]zuweilen denk’ ich, es ist alles nicht wahr! Doch höre weiter. Du bist mein best’ Freundin und nichts soll dir verborgen sein.
»›Hast Du mich lieb?‹ fragte er noch einmal, ›willst Du mein kleines Frau sein?‹
»›O ja – herzlich gern,‹ sagte ich und ich weiß nicht, ob es sehr geschickt (schicklich) vor mich war, daß ich so schnell und ohne Besinnen mein Jawort gab, aber ich konnte nicht anders, ich hatte ja mein Alfred schon lange still in mein tiefster Herz geliebt.
»Und nun küßte er mir auf die Stirn und nannte mir seine Braut. Mein Seligkeit war ohne Grenzen, ich war nicht mehr verlassen, hatte mit ein Mal ein wonnige Heimat gefunden.
»Als wir uns verlobt hatten, gingen wir sogleich zu Fräulein Raimar und Alfred stellte mir als seine Braut vor. O, Ilse! Du hättest die erstaunte Gesichter sehen müssen! Es war zu spassig! Fräulein Raimar weniger, sie weiß immer so gut ihr Gesicht in die gleiche Falte zu legen, man weiß nicht, ob sie Freude oder Trauer hat. Aber ich glaube, diesmal hatte sie Freude, denn sie nahm mich in ihr Arm und küßte mir. Zu Alfred sagte sie: ›Wie ist das so schnell gekommen, Herr Doktor? Ich habe niemals von Ihr Neigung gemerkt.‹
»›Ich bin selbst erst klar geworden, als ich Nellie verlieren sollte,‹ sagte Alfred und bat Fräulein Raimar, die Gouvernante abzubestellen und mir unter ihr mütterlicher Schutz zu behalten, bis wir heiraten. Sie hat es versprochen. So blieb ich hier und packte meine ganze Siebensachen wieder aus.
»Miß Lead glückwünschte mir auch, aber wenn sie auch meiner Landsmann ist, war sie doch kalt wie ein Frosch. Ich glaube, sie hat viel Neid. Aber ich mache mir nix davon [pg 252]und strahle voll Wonne. Fräulein Güssow freut sich furchtbar über mein Glück, ich habe sie so lieb als eine Schwester und bitte jetzt alle Tag der liebe Gott, daß er sie von ihr schwer’ Beruf ablöse, sie ist zu gut für ein streng’ Lehrerin.
»Unsre Freundinnen waren reizend nett! das heißt nicht alle, denn Melanie und Grete sind schnell abgereist, weil ihr Mutter krank war, sie wissen noch nichts. Orla beschenkte mir gleich mit ein kostbar Armband zum Andenken und zur Freude über unsre Verlobung. Das klein’ Lachtaube konnte vor Lachen kein Wort sagen. Rosi sprach ›artige‹ Worte wie immer, und Flora? Sie machte ein lang Gesicht und sah Alfred mit ein schwärmerischer Blick an, dann drückte sie uns stumm die Hände. Gestern hat sie mir mit ein lang ›Elegie an ein Braut‹ beglückt, sie ist sehr schön wie alle Gedichte von Flora.
»Heute früh ist mein Alfred abgereist zu sein Mutter, das war ein sehr schwer’ Abschied! Wir fühlten uns gegenseitig ein wenig schwanken, doch ließe wir die Kopfe nicht fallen. Ich schluckte die Thränen tapfer hinter, Fräulein Raimar sollte mir nicht schwächlich sehen. Alfred kommt ja auch bald zurück, nur acht Tage ist er fort.
»Nun leb’ wohl, dear Ilschen. Ich habe Dir ein langer, langer Brief geschrieben, nun antworte mich gleich, bitte, bitte! Ich freu’ mir furchtbar auf Dein Brief, Du kommst doch zu mein Hochzeit? Neujahr werden wir getraut. Tausend Küsse, mein Herzkind, und grüße Deine lieber Eltern und das klein Babi von
Dein seligste Nellie.«
»Nellie Doktor Althoffs Braut!« rief Ilse jubelnd. »Nun wird sie keine Gouvernante, Mama!«
»Nein, nun hat sie die beste Heimat gefunden!« entgegnete Frau Macket, die zuweilen über Nellies komische Aus[pg 253]drücke gelacht, zuweilen aber auch eine Thräne der Rührung nicht zu unterdrücken vermocht hatte, »sie ist dem alleinstehenden Kinde von Herzen zu gönnen. Es muß ein liebes, drolliges Geschöpfchen sein, ihr Brief giebt ein sprechendes Zeugnis davon.«
Wenn Ilse auf dieses Kapitel kam, war sie unerschöpflich. Frau Anne mußte sie ernstlich mahnen, sich anzukleiden.
![[Illustration]](/illustrations/8f17a128033051fb.jpg)
»Gleich, Mama, gleich! Ich werde mich furchtbar eilen!« Aber zwischen Thür und Angel wandte sie sich noch einmal, um zu fragen, warum Doktor Althoff sich wohl gerade in Nellie verliebt haben möge. Die Antwort auf diese sonder[pg 254]bare Frage wartete sie indes nicht ab, sondern sprang die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.
»Nellie Braut!« Ihre Gedanken konnten sich nicht davon trennen. Sie durchlebte mit der Freundin das wichtige Ereignis von Anfang bis Ende und war so der Gegenwart entrückt, daß sie lauter Verkehrtheiten machte.
Anstatt des weißen Battistkleides hatte sie ihr Morgenkleid übergezogen, sie merkte es erst, als sie die blaßroten Schleifen daran befestigen wollte. Eilig machte sie ihren Fehler gut. Aber ihre Toilette war noch nicht vollständig vollendet, als sie dem Verlangen nicht widerstehen konnte, erst noch einmal Nellies Brief zu durchfliegen. »Haben Sie mich lieb?« »Willst Du mein kleine Frau sein?« Diese Stelle war zu schön, sie mußte sie nochmals lesen, dann ließ sie den Brief in den Schoß sinken und sann und träumte, ohne daß sie es wußte, wiederholten ihre Lippen die Worte: »Hast Du mich lieb?«
Der Ruf der Mutter, die an die verschlossene Thür klopfte, schreckte sie auf und brachte sie in die Wirklichkeit zurück. Da lagen die Schleifen, dort die Blumen, an nichts hatte sie gedacht.
»Geh nur hinunter, Mama, ich folge dir gleich!« rief sie und sprang in die Höhe.
Aber Frau Anne ließ sich nicht abweisen, »sie müsse erst Ilses Anzug prüfen,« rief sie zurück.
»Noch nicht fertig!« schalt sie eintretend. »O, du böse Ilse, was hast du gemacht? Warum ließest du dir nicht von Sofie helfen, wenn du allein nicht fertig werden konntest! Nur schnell, schnell! Jeder Augenblick ist kostbar!«
Unter ihren geschickten Händen stand Ilse bald fertig geschmückt da. Frau Anne betrachtete sie mit freudigen Blicken, so reizend hatte sie ihr Kind noch niemals gesehen. [pg 255]War der duftige Anzug daran schuld? Oder hatten die Augen einen besonderen Glanz?
* * *
Kaum zehn Minuten später kam der Wagen vom Bahnhof zurück und brachte die Gäste. Der Landrat stieg zuerst aus demselben. Ungeniert nahm er Ilse, die mit ihrer Mama zum Empfange bereit stand, in die Arme und küßte sie auf die Wange. Leo begrüßte die Damen mit einem Handkuß. Ilse wußte jetzt, wie sie sich bei einem so kritischen Falle zu benehmen hatte, sie zog die Hand nicht fort, die Mama hatte es auch nicht gethan.
Die Eltern führten Gontraus hinauf in die bereitstehenden Gastzimmer, Leo blieb noch zögernd auf der Veranda stehen. Er trat zu Ilse, die etwas entfernt von ihm stand. Sie lehnte gegen einen Pfeiler und zupfte sehr eifrig an einer Weinranke. Sein Blick ruhte auf dem reizenden Mädchen, das ihm in den wenigen Wochen, seit er sie nicht gesehen hatte, größer und schöner geworden schien.
»Sie sind so still und so ernst,« redete er sie an, »gar nicht wie im Lindenhof. Wo ist Ihr fröhlicher Uebermut geblieben? Drückt Sie ein Kummer?«
»Kummer? o nein!« Und ihre Augen lachten ihn mit der alten Fröhlichkeit an. »Im Gegenteil, eine große, große Freude habe ich gehabt!« Und sie verkündete ihm Nellies Verlobung.
Eigentlich wunderte es sie, daß er so wenig darauf zu erwidern hatte. Fast keine Miene hatte er bei dieser hochwichtigen Nachricht verzogen. Sein Blick hing unverwandt an ihren Lippen, und doch schien es, als wären seine Gedanken in weiter Ferne.
[pg 256]
»Ist sie sehr glücklich?« fragte er in halber Zerstreuung.
»Glücklich?« wiederholte Ilse verwundert über seine Frage. »Selig ist sie! Sie müssen nur ihren Brief lesen!«
»Lesen Sie ihn mir vor,« bat er. »Lassen Sie uns die schöne Einsamkeit benutzen, jetzt sind wir ungestört.«
»Das geht nicht! Nein, gewiß nicht!« rief sie beinahe ängstlich. Es schreckte sie plötzlich der Gedanke: Wie kannst du ihm Nellies geheimste Empfindungen offenbaren? – Doch war es dieser Gedanke allein, der sie so seltsam beklommen machte? Entsprang die Furcht, mit ihm allein zu sein, aus derselben Quelle?
»Wenn ich Sie sehr darum bitte, auch dann nicht?«
Sie war schon halb auf der Flucht, als seine dringende Bitte ihr Ohr berührte.
»Ich kann nicht! Ich habe im Hause zu thun! Später!« rief sie ihm verwirrt zu, flog über die Veranda hinweg durch den Speisesaal bis in die offenstehende Thür des kleinen Boudoirs der Mama.
Er sah ihr nach, bis der Zipfel ihres weißen Kleides entschwunden war. Auf seinem Antlitz spiegelten sich die verschiedensten Gefühle, sie drückten Zweifel, Hoffnung und Entzücken aus.
Als Ilse so hastig in das kleine Zimmer trat, atemlos und mit heißen Wangen, erschrak sie fast, als sie den Onkel antraf.
»Nun, Backfischchen, was ist dir denn begegnet?« fragte er und legte das Buch, in welchem er gelesen, aus der Hand.
»O nichts, nichts, gar nichts!« rief sie schnell. »Ich bin nur so heiß und mein Herz klopft so furchtbar.«
Ehe er noch nach der Ursache ihrer Erregung fragen konnte, schnitt sie ihm das Wort ab. »Eine furchtbar interessante Neuigkeit, Onkel Curt! Nellie ist Braut!«
[pg 257]
Wer Nellie war, wußte er längst, oft genug hatte Ilse ihm in den Malstunden, die sie mit vielem Eifer nahm, von ihr erzählt, aber wie sie aussah, wußte er noch nicht, heute konnte sie ihm das Bild derselben zeigen. Es war ihr jetzt das Album nachgesandt, welches Fräulein Raimar ihr bereits bei der Abreise versprochen hatte. Es enthielt die Bilder der Lehrerinnen und Freundinnen.
»Also Nellies Verlobung macht dir Herzklopfen?« meinte er etwas zweifelhaft lächelnd. »So, so! Sag’ mal, Fischchen, sind Gontraus schon da?«
Diese Frage hatte Ilse überhört. »Hier ist Nellie!« fiel sie dem Onkel in die Rede und reichte ihm das Album. »Sag’, ist sie nicht reizend?«
»Reizend? Das kann ich nicht finden,« entgegnete er etwas gedehnt und nach einigen prüfenden Kennerblicken. »Anmutig, graziös, ja, der Mund ist lieblich, Augen und Nase aber –«
»Ach, Onkel,« unterbrach ihn Ilse, »du darfst sie nicht mit so kritischen Blicken ansehen, du kannst mir glauben, Nellie ist reizend! Das Bild ist auch schlecht, in Wirklichkeit ist sie viel hübscher!«
Er hatte in dem Album weiter geblättert und nach dieser oder jener sich erkundigt. Plötzlich fragte er erregt: »Wie heißt diese Dame hier?«
»Das ist meine liebste Lehrerin, Fräulein Güssow. Wir hatten sie alle furchtbar lieb und schwärmten für sie. Du kennst sie wohl?« wandte sie sich fragend an ihn. Es fiel ihr auf, daß er das Bild so starr betrachtete.
»Ich kenne sie nicht, nein. Aber es muß mir im Leben ein Mädchen begegnet sein, das diesem Bilde glich. Doch, das ist lange her. Wie alt ist deine Lehrerin?«
»Sie ist nicht mehr jung, schon siebenundzwanzig Jahre alt,« entgegnete Ilse nach echter Backfischart.
[pg 258]
»Ja, da ist sie schon ein altes Mädchen,« bestätigte der Onkel. Aber nur seine Lippen scherzten, sein Auge hing mit Ernst und Wehmut an dem getreuen Bilde der Lehrerin.
Wäre Ilse nicht so jung und allzu sehr mit ihrer eigenen kleinen Person beschäftigt gewesen, es hätte ihr auffallen müssen, wie andächtig und wie lange er das Bild betrachtete. »Du findest sie wohl hübsch?« fragte sie unbefangen.
»Wie heißt sie? Güssow?« fragte er, und jetzt hatte er ihre Frage überhört. »Wie ist ihr Vorname?«
»Charlotte.«
»Lotte,« nickte er zustimmend, »ein schöner Name!«
Er schloß das Album und nahm sein Buch wieder zur Hand. Ilses Anwesenheit schien er vergessen zu haben.
Sie kannte ihn schon als einen Sonderling, darum fiel ihr sein Wesen nicht auf.
»Komm mit hinaus auf die Veranda, Onkel,« bat sie, »Gontraus sind gekommen.« Diese letzten Worte setzte sie mit abgewandtem Gesicht hinzu.
»Ja, ja, bald!« entgegnete er zerstreut und ließ sich nicht stören. »Ich folge dir gleich.«
Zögernd und auf den Fußspitzen durchschritt sie den Speisesaal. Mehrmals blieb sie stehen und lauschte. Alles war still. Als sie die geöffnete Thüre erreicht hatte, bog sie den Kopf etwas vor und spähte nach beiden Seiten; als sie die Veranda völlig vereinsamt sah, wagte sie sich hinaus. Der Frühstückstisch stand bereit, sie machte sich daran zu schaffen, horchte dann wieder, ob die Eltern noch nicht kämen. Sie blieben recht lange. Wo sie nur verweilten? Wenn sie gewußt hätte, daß sie mit dem Landrat und seiner Frau oben im Wohnzimmer waren, wo sie durchaus erst dem kleinen Bruder eine Visite abstatten wollten, wie würde sie zu ihnen geeilt sein.
Endlich vernahm sie Schritte. War das der Onkel? Es war nicht sein Schritt, auch würde er nicht durch die Haus[pg 259]flur und von außen herum auf die Veranda gekommen sein. Vorsichtig lugte sie durch das Blätterwerk und erkannte zu ihrem Schrecken – Leo.
Das Blut schoß ihr in die Wangen und der Atem stockte ihr in der Brust. Unmöglich konnte sie ihm jetzt gegenüberstehen! Sie würde nicht im stande gewesen sein, ein Wort hervorzubringen, und wenn sie so stumm und dumm vor ihm stand, was sollte er von ihr denken?
Flucht! das war das einzige, was sie aus dieser peinlichen Lage befreien konnte, aber es war zu spät, er hatte sie gesehen, und gerade, als sie ihren eiligen Rückzug nahm, als sie den Salon bereits halb durchschritten hatte, holte er sie ein.
»Jetzt müssen Sie bleiben, gnädiges Fräulein,« sprach er scherzend, »ich lasse Sie nicht fort! Sie haben mich auf ›später‹ vertröstet und jetzt ist es ›später‹, und Sie werden sich allergnädigst herablassen, mir Miß Nellies Brief vorzulesen! eine Frau – ein Wort!«
Nun war sie gefangen! Entfliehen konnte sie ihm nicht mehr, es wäre zu einfältig gewesen. Sie drückte die Hand fest auf das stürmisch klopfende Herz und wandte sich um. Scheu, wie eine wilde Taube, die sich im Netze gefangen hat, erhob sie das braune Auge und sah ihn an.
Ihre Befangenheit entging ihm nicht, aber mit feinem Gefühle brachte er sie mit leichtem Scherze darüber hinweg. Er bot ihr den Arm und führte sie zu einer Ecke der Veranda, in welcher ein kleiner eiserner Tisch und zwei Stühle standen. Die Oktobersonne stahl sich durch das blutrote Weinlaub und neckte das junge Mädchen. Gerade in die Augen blitzte sie ihm ihre Strahlen hinein, so daß sie dieselben schließen mußte.
»Die Sonne blendet,« bemerkte Ilse und war froh, ein gleichgültiges Wort gefunden zu haben. »Es ist auch so warm hier,« fuhr sie fort und erhob sich.
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»Die böse Sonne! Wir wollen ihr aus dem Weg gehen!« Und er führte sie auf die entgegengesetzte Seite.
Hier war es schattig und kühl und Ilse hatte keinen Grund mehr, sich zu erheben. Sie war auch nach und nach mehr Herrin ihrer Beklommenheit geworden, und als er noch einmal an den Brief erinnerte, fand sie sogar den früheren scherzhaften Ton.
»Sie sind ein Quälgeist,« sagte sie. »Was kann es Sie interessieren, ›wie‹ – und ›was‹ Nellie mir schreibt! Sie wollen nur darüber spotten und das dürfen Sie nicht!«
»Wie können Sie mich in so bösem Verdacht haben!« wehrte er ab. »Sie haben mir Ihre Freundin so liebenswürdig geschildert, daß mein Wunsch, von ihr zu hören, wie sie mit eigenen Worte von ihrem Glücke schreibt, ganz natürlich ist.«
Ilse sah ihn noch etwas ungläubig an, doch, da sie den spottenden Zug um seinen Mund nicht entdeckte, glaubte sie ihm und zog den Brief aus der Tasche. Sie schlug ihn auf und las ihn für sich.
»Nun?« fragte er.
»Immer Geduld, Herr Assessor! Erst muß ich die Stellen aussuchen, die Sie hören dürfen! Der ganze Inhalt ist nicht für Ihre Ohren bestimmt!«
»Das wäre grausam!« protestierte er dagegen, »das ist gerade so, als ob Sie einem Kinde ein Stückchen Zucker hinhalten und sagen zu ihm: du, lecke mal dran! Den Zucker aber steckten Sie selbst in den Mund.«
Sie lachte lustig über seinen Vergleich, er brachte sie ganz in die alte, fröhliche Laune zurück. »Nun hören Sie zu, aber nicht spotten!« drohte sie ihm mit dem Finger.
Es war ein anmutiges Bild, das die jungen, schönen Menschenkinder boten. Dicht nebeneinander saßen sie beide, sie lesend und er aufmerksam ihren Worten lauschend. Er [pg 261]hatte den Arm auf den Tisch gestützt und sah auf Ilse herab, die den Kopf etwas vornübergebeugt hielt. Plötzlich hielt sie inne.
»Lesen Sie weiter, bitte! Warum hören Sie auf? Denken Sie an das Stück Zucker?« Sie schwieg, wie mit sich selbst überlegend.
Warum eigentlich wollte sie ihm das Schönste im ganzen Briefe verschweigen? Nellie hatte ihre Verlobung so drollig, so gemütvoll geschildert, ihre ganze Eigenart sprach sich darin aus.
Als er sie noch einmal so dringend bat, fortzufahren, that sie es. Erst etwas zögernd, dann aber las sie fließend, ohne nur einmal zu stocken, zu Ende.
Warum saß er so stumm? Sein Schweigen mußte sie verletzen. Sie hatte so fest erwartet, daß er sein Entzücken laut äußern würde! Nun sagte er gar nichts. Fast vorwurfsvoll sah sie ihn an, aber wie schnell senkte sie ihr Auge. Es traf sie sein Blick so sonderbar. Sie mußte an Doktor Althoffs ›sonderlicher‹ Blick denken.
»Ihre Freundin hat ein warmes, tiefes Empfinden,« bemerkte er endlich, aber es kam gezwungen heraus. Er fühlte das selbst und brach ab.
»Fräulein Ilse,« fuhr er nach einer kleinen Pause ganz ohne Zusammenhang fort, »was würden Sie antworten, wenn – wenn jemand Sie fragen würde: Haben Sie mich lieb?«
Sie war so verwirrt, so erschrocken bei seiner Frage, die sie wie ein Blitz aus blauem Himmel traf. Ihr heißes Blut wallte auf bei dem Gedanken, daß er sie verspotten könne.
Fast hastig erhob sie sich. »Nein, würde ich sagen!« fuhr sie heraus, »ich habe niemand lieb! Niemand!« wiederholte sie, als ob sie erst noch einen Trumpf darauf setzen wollte.
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Wenn der Brausekopf nur einen Blick auf ihn geworfen hätte, wie bald würde sie ihn verstanden haben! Sein Auge hing mit Entzücken an ihr, der Widerstand verlieh ihren Zügen einen neuen Reiz für ihn.
»Ilse,« sagte er zärtlich und ergriff ihre Hand. »Wenn ich es wäre, der Sie fragte: Haben Sie mich lieb, wollen Sie meine kleine Frau sein? Würden Sie auch dann so sprechen?«
Hastig entzog sie ihm ihre Hand und verhüllte das Gesicht.
»Hast du mich lieb, Ilse?« – Seine Stimme klang weich und innig und traf ihr Herz – ein »Ja« aber brachte sie nicht über die Lippen. Ihr spröder Sinn ließ es nicht zu, oder regte sich noch einmal der alte Widerspruch in ihr?
»Nein! Niemals!« sagte sie schnell und wandte sich heftig ab.
»Nein! – niemals?« wiederholte er und sah sie in schmerzlicher Erregung an, »o Ilse! nehmen Sie das Wort zurück, es hängt das Glück meines Lebens davon ab! – Ich war zu schnell mit meiner Frage – nicht wahr? Ich habe Sie erschreckt! – Nicht jetzt geben Sie mir die Antwort, erst wenn Sie ruhiger sein werden, dann –«
Er sank auf einen Stuhl und bedeckte die Augen mit der Hand.
Ilse stand noch immer von ihm abgewandt, in ihr kämpften die widerstreitendsten Gefühle. Ihr Herz zog sie zu ihm hin, aber sie konnte die Brücke nicht finden, die über den breiten Strom führte, der sie noch von ihm trennte. Da war es plötzlich, als stiege Lucies Bild vor ihr auf, als vernähme sie eine Stimme, die ihr warnend zurief: »Willst du ihn verlieren? – Denke an mein Geschick!«
»Leo,« sagte sie schüchtern und trat ihm einen Schritt näher, aber erschreckt über ihre Kühnheit blieb sie hocherrötend und mit niedergeschlagenen Augen stehen.
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Wie ein Hauch fast war sein Name über ihre Lippen gekommen, aber er hatte ihn doch vernommen. Jubelnd [pg 264]sprang er auf und sein Auge, das eben noch so verzagt und traurig geblickt hatte, leuchtete in freudigem Glanze.
»Nun bist du meine Ilse!« rief er aus und zog sie an sein Herz, doch als er den ersten Kuß auf ihre Lippen drücken wollte, da wendete sie den Kopf zur Seite und die spröde, widerspenstige Ilse meldete sich noch einmal.
»Küssen ist nicht erlaubt,« erklärte sie mit aller Entschiedenheit, »wie könnte ich mich von einem fremden Manne küssen lassen?«
»Aber die Hand,« bat er lachend, »die Hand darf ich küssen!«
Das wurde ihm gnädig bewilligt.
Er hielt sie noch in dem Arm, als die beiden Elternpaare auf der Veranda erschienen. Alle hatten sofort begriffen, was hier geschehen war, nur der Oberamtmann stand wie versteinert da. Der Landrat und seine Gattin waren die ersten, die das Brautpaar begrüßten, beglückt nahmen sie Ilse als ihr Töchterchen an ihr Herz. Herr Macket hatte sich noch nicht vom Flecke gerührt.
Frau Anne trat zu ihm und legte die Hand auf seinen Arm. »Siehst du, Richard, aus dem Kinde ist eine Jungfrau geworden, glaubst du es nun?« fragte sie zärtlich.
»Ilse! Meine kleine Ilse!« brachte er endlich mühsam hervor und seine Brust hob und senkte sich im heftigen Kampfe. »Ist es wahr? Willst du mich verlassen?«
Da flog sie an seinen Hals und küßte ihn stürmisch, dabei rief sie unter Weinen und Lachen: »Mein kleiner, einziger Herzenspapa, ich habe ihn ja so lieb!«
* * *
Nun ist eigentlich meine Erzählung zu Ende, denn die überraschten Gesichter der Gäste zu schildern ist langweilig, selbst wenn die Ueberraschung ihnen so unerwartet kam, wie [pg 265]Ilses Verlobung am Erntefeste. Eins aber muß ich meinen lieben Leserinnen noch mitteilen, wie nämlich Onkel Curt an demselben Tage plötzlich verschwunden war. Während alle fröhlich bei der Tafel saßen, hatte er sich von Johann still und ohne Aufsehen nach dem Bahnhof fahren lassen.
Frau Macket fiel seine Flucht nicht weiter auf, sie kannte ihren Bruder als einen unstäten Geist, der, wie es ihm einfiel, kam und verschwand. – Drei Wochen vergingen ohne das geringste Lebenszeichen, da endlich langte ein Brief aus München von ihm an. Sein Inhalt versetzte alle auf Moosdorf in sprachloses Erstaunen. Ilse aber kam darüber ganz außer Rand und Band. Sie klatschte in die Hände, tanzte im Zimmer umher und rief jubelnd: »Ich bin die Ursache ihres Glückes, durch mich haben sie sich gefunden! Was wird Leo dazu sagen? Wie freue ich mich!« – Doch ich will nicht vorgreifen, sondern lieber den kurzen Inhalt des Briefes mitteilen.
»Wir sind auf der Hochzeitsreise. Lotte und ich wollen den Winter in Italien zubringen. Ihr wundert Euch, nicht wahr? Ist aber gar nichts dabei zu verwundern. Lotte und ich waren schon uralte Brautleute, haben nur niemals davon gesprochen. – Im Frühjahr kehren wir zurück, ich werde Euch dann meine junge Frau vorstellen. – Dem Fischchen besonderen Gruß – sie weiß schon warum. Soll übrigens fleißig weitermalen, wenn der Brautstand ihr die Zeit dazu läßt.« –
»Nun bin ich Deine Tante, mein Liebling! Wer hätte das gedacht!« schrieb seine Frau, ehemals Fräulein Güssow, unter den Brief. »Wie gern hätte ich Dir längst die ganze wunderbare Geschichte, – und wie alles gekommen ist, mitgeteilt, aber ich durfte es nicht. Onkel Curt wollte erst nach unsrer Verheiratung die Erlaubnis dazu geben. Auch heute kann ich nur wenige Zeilen Dir schreiben, mein Mann steht hinter mir und treibt, daß ich aufhöre.
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»Denkst Du noch an Lucies Geschichte? – Jene Lucie hieß Lotte und war ich selbst – und der Maler? – Nun, Du errätst schon, wer es war, ohne daß ich ihn nenne.
»Wenn wir zurückkehren, bist Du am Ende auch eine junge Frau? Wie habe ich mich gefreut über dein sonniges Glück, Herz! Der Himmel erhalte es Dir!«
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