zur zweiten Auflage. (continued 4)
Reading edition
* * *
Lilli war in die Erde gebettet. Unter Schneeglöckchen und Veilchen schlummerte sie. Der kleine Sarg war mit den holden Frühlingskindern über und über bedeckt gewesen. Tief betrauert wurde das kleine Wesen von allen, die mit ihm in nähere Berührung gekommen, und es hatte allgemein schmerzliche Verwunderung erregt, daß die Mutter fern geblieben war.
Am Todestage Lillis war ein Telegramm angekommen, worin sie meldete, daß sie erst am Dienstag abend eintreffen könne. Es sei ihr unmöglich, früher zu kommen, da sie am Montag in einem neuen Stücke die Hauptrolle zu spielen habe. [pg 179]Als ihr an diesem Tage der Tod ihres Kindes gemeldet wurde, kam umgehend ein Brief voll überschwenglicher Klagen, aber sie blieb fern. Kostbare Blumen hatte sie gesandt, auch der Vorsteherin den Auftrag gegeben, ein Marmormonument, einen knieenden Engel darstellend, für des Kindes Grab anfertigen zu lassen, mit goldenen Buchstaben solle auf dem Sockel eingegraben werden: ›Teures Kind, bete für mich.‹
Aeußerlich war somit alles geschehen, aber das Herz blieb kalt bei diesen pomphaften Kundgebungen.
»Meine Mama wäre gekommen, wenn sie mich sterbenskrank gewußt hätte,« bemerkte Ilse, als sie Nellie den Brief vorlas, den ihr die Mutter so herzlich und tröstend geschrieben hatte.
»O sicher, sie wär von der Welten Ende zu dich gereist,« beteuerte Nellie lebhaft.
»Und sie ist nicht einmal meine rechte Mutter,« fuhr Ilse nachdenklich fort. »Ach Nellie, ich habe sie oft recht sehr gekränkt! Glaubst du wohl, daß sie mir vergeben wird?«
Ilses Herz war so weich und empfänglich durch den Schmerz geworden und eine ernste, weihevolle Stimmung durchdrang ihr ganzes Wesen. Nie waren ihr bis dahin ähnliche Gedanken gekommen, und wäre es der Fall gewesen, hätten sie früher einmal bei ihr angeklopft, sie würden keinen Einlaß gefunden haben. Heute war es anders, sie hatte das Bedürfnis, sich gegen ihre Herzensfreundin auszusprechen und sich anzuklagen.
»O mach dich kein Kummer darum, Kind. Deine Mutter hat ein so liebesreiche Herz, kein Titelchen Bosheit für dir ist darin. Sie vergebt dir alles. Du warst ja auch noch ein ungezogen, dumm’ Baby, als du bei sie warst, jetzt aber bist du eine sehr anständige (sie meinte verständige) junge Dame.«
»Ist das dein Ernst, Nellie?« fragte Ilse und sah mit ihren Kinderaugen Nellie zweifelnd an.
[pg 180]
»Es ist mein Ernst, und ich gebe dir den guter Rat, schreibe an deiner Mutter ein lang’ Brief und bitte ihr um Verzeihung.«
Ilse überlegte einen Augenblick. »Du hast recht, Nellie,« sagte sie dann entschlossen, »ich werde ihr schreiben, ich bin es ihr schuldig. Heute noch will ich es thun! Wenn sie mir nur bald darauf antwortet, ich werde nicht eher ruhig sein!«
Als sie sich eben niedergesetzt hatte, ihr Vorhaben auszuführen, trat Flora mit strahlenden Augen ein.
»Ich muß euch meine neuesten Gedichte vorlesen,« sagte sie erregt, »sie sind das beste, was ich bis jetzt geschrieben habe! Ihr müßt mich anhören!«
Und sie entfaltete ein starkes Heft, in welchem sie Lillis Tod in den verschiedensten Dichtungsarten besungen hatte.
Elegie auf den Tod einer vom Sturm geknickten Rosenknospe!
begann sie zu lesen.
Nellie hielt sich die Ohren zu. »Schweig still! Ich mag dir nicht anhören mit dein dumm Zeug! Aergere mir nicht damit!«
Ilse stimmte ihr bei. »Laß uns zufrieden, Flora,« sagte sie, »wir sind noch zu traurig, als daß wir lachen möchten! Und du weißt doch, daß alle deine Gedichte uns lustig machen.«
Tief verletzt schloß Flora ihr Heft, auf dessen Umschlag mit großen Buchstaben zu lesen stand: »Floras Klagelieder!« – »Ihr habt keinen Sinn für erhabene Dichtkunst, und ich will Gott danken, wenn es Ostern ist und ich diesen prosaischen Aufenthalt verlassen kann!«
Sie verließ die Undankbaren und suchte Rosi auf. Wenn niemand ihre Dichtkunst bewundern wollte, fand sie an ihr stets eine geduldige Zuhörerin. »Das rechte Verständnis freilich fehle ihr,« meinte Flora mit einem ergebungsvollen Seufzer.
[pg 181]
Der Brief an die Mutter war abgeschickt. Acht Tage waren seitdem vergangen und noch war keine Antwort eingetroffen. Ilse war unruhig und aufgeregt darüber. Nellie, ihre einzige Vertraute, tröstete sie.
»Es ist ja noch kein’ Ewigkeit vorbei, seit du schriebst,« sagte sie. »Es scheint dich nur so, weil du immer daran denkst. Ich wette, heute wirst du ein schön, lang Brief haben. Mich ahnt das!«
Und richtig, Nellies Ahnung, die eigentlich gar nicht so ernst gemeint war, ging in Erfüllung. Es kam ein Brief an Ilse.
»Komm sogleich in mein Zimmer, Ilse, ich habe dir etwas mitzuteilen!« Mit diesen Worten empfing Fräulein Raimar dieselbe, als sie eben aus der Kirche kam.
Klopfenden Herzens folgte ihr das junge Mädchen, sich den Kopf zerbrechend, welch eine geheimnisvolle Mitteilung ihrer wartete. –
»Ich habe soeben einen Brief von deinem Papa erhalten, liebes Kind, worin er mich bittet, dir etwas recht Erfreuliches zu verkünden. Ahnst du nicht, was es sein könnte?«
»Nein,« entgegnete Ilse und blickte die Vorsteherin erwartungsvoll fragend an.
»Dir ist ein Brüderchen beschert worden! Da, hier lies selbst, der Papa hat für dich einen Brief eingelegt.«
Aber Ilse vermochte nicht zu lesen in diesem Augenblick. Die Nachricht hatte sie bis in das Innerste erfreut und durchzittert. Das Blut schoß ihr heiß in die Wangen, und ehe sie noch ein Wort über die Lippen bringen konnte, flog sie dem Fräulein an den Hals und küßte dieselbe. Sie mußte an jemand ihre jubelnde Freude auslassen.
Als sie zur Besinnung kam, schämte sie sich ihrer Uebereilung. Wie konnte sie allen Respekt außer acht lassen und so ungeniert die Vorsteherin umarmen!
[pg 182]
»Verzeihen Sie,« sagte sie befangen und trat bescheiden zurück. Aber Fräulein Raimar schnitt ihr das Wort ab und nahm sie noch einmal herzlich in den Arm.
»Komm her, mein Kind,« sagte sie warm, »und laß mich die erste sein, die dir von ganzem Herzen Glück wünscht.« – Später äußerte sie gegen Fräulein Güssow, daß Ilses strahlende Freude ihr so recht den Beweis für deren kindlich unbefangenes Herz gegeben habe. Anfangs habe sie nicht geglaubt, daß Ilses trotzige Natur sich jemals zügeln lassen werde.
Der Brief an Ilse war nur kurz und von der Mutter schon vor mehreren Tagen an sie geschrieben. Der Papa trug an der Verzögerung schuld, er hatte noch einige Zeilen hinzufügen wollen und war nicht gleich dazu gekommen.
»Lies erst, was sie schreibt!« bat Nellie, zu der Ilse jubelnd in das Zimmer gestürzt war, »lies erst, nachher sprechen wir von die Baby.«
Und Ilse las:
»Mein teures Kind!
Dein letzter Brief hat mich sehr glücklich gemacht! Ich kann den Augenblick kaum erwarten, wo ich Dich an mein Herz nehmen darf, um Dir mit einem herzlichen Kuß zu sagen, daß ich Dir niemals böse war. Ich wußte immer, daß mein Trotzköpfchen schon den Weg zu mir finden werde. Mache Dir nur keine Sorgen um vergangene kleine Sünden, sie sind längst in alle Winde verweht, denke lieber an die zukünftige Zeit, in der wir wieder beisammen sind, und male sie Dir so rosig aus, wie Deine junge Phantasie es nur zu thun vermag. Ich habe Dich sehr, sehr lieb! Mit zärtlichen Küssen
Deine Mama.«
Und der Papa hatte gestern flüchtig dazu geschrieben:
»Hurra! Wir haben einen prächtigen Jungen! Ich [pg 183]habe nur den einen Wunsch, ihn Dir, mein Kleines, gleich zeigen zu können. Er sieht Dir ähnlich, hat gerade so lustige, braune Augen wie Du! Morgen schreibe ich Dir mehr.«
![[Illustration]](/illustrations/0830338779681913.jpg)
»O!« jammerte Ilse unter Lachen und Weinen, »wenn ich doch gleich dort sein könnte! Ich habe so große Sehnsucht, die Mama, den Papa und das kleine Brüderchen zu sehen!« Dabei umarmte und herzte sie Nellie, und als Fräulein Güssow hinzutrat, fiel sie auch dieser um den Hals. Sie hätte in ihrer Seligkeit am liebsten die ganze Welt umarmt! –
Am Nachmittag, als der erste Freudenrausch sich gelegt hatte, kehrten Ilses Gedanken zu der verstorbenen Lilli zurück. Sie machte sich Vorwürfe, daß sie deren Andenken heute so ganz vergessen konnte!
»Komm, Nellie,« sagte sie, »laß uns im Garten Veilchen pflücken zu einem Kranz auf Lillis Grab.«
Fräulein Güssow stimmte diesem Vorschlage bei und begleitete gegen Abend die Freundinnen hinaus auf den stillen [pg 184]Friedhof. Ilse beugte sich nieder und legte den Kranz auf den frischen Grabhügel. Noch lagen die vielen andern Kränze von dem Begräbnisse darauf, aber sie waren verwelkt und trocken, und in den langen, weißen Atlasbändern spielte der Abendwind. –
Die Tage kamen und gingen, und das Osterfest war vor der Thür. Die Prüfungen waren bereits vorüber, und die ausgeteilten Zeugnisse hatten Freude oder Kummer hervorgerufen, je nachdem sie für die Betreffenden ausgefallen waren. Ilse konnte zufrieden sein. Mit Ausnahme einzelner Fächer, bei denen obenan das Rechnen stand, hatte sie sehr gute Fortschritte gemacht. Ihr ernstes Streben, ihr Betragen, das besonders seit dem Tode Lillis tadellos geworden war, wurde von ihren Lehrern und Lehrerinnen rühmend hervorgehoben, nur die englische Lehrerin schloß sich dieser Ansicht nicht an. Sie blieb bei ihrem Vorurteile und fand, daß Ilse nach wie vor ohne jede Manier und Grazie sei, auch tadelte sie sehr ihre englische Aussprache.
»Laß dir nix vormachen, Ilse,« sagte Nellie, als sie allein waren. »Du sprichst schon ganz nett englisch und drückst dir stets sehr fein aus. Uebrigens tröste dir mit mir, sieh, was sie hier geschrieben haben,« – und sie reichte betrübt der Freundin ihr Zeugnis, und Ilse las: Besondere Bemerkung: ›Nellie macht sehr langsame Fortschritte in der deutschen Sprache.‹ – »Ist das nicht unrecht?« fragte sie. »Ich gebe mich so furchtbar große Mühe mit eure schwere Sprache.«
Nun war die Reihe zu trösten an Ilse. Dieselbe versprach ihr von jetzt an, keinen Schnitzer mehr durchgehen zu lassen, Nellie dagegen wollte täglich eine volle Stunde nur englisch mit der Freundin plaudern.
Flora war in höchster Aufregung. Sie fand es geradezu großartig, daß Doktor Althoff ihr eine II in der Litteratur geben konnte. »Mir das!« rief sie aus, sobald er sich entfernt hatte, »mir das! die ich selbst schon so lange litterarisch thätig bin! [pg 185]Aber Sie werden sich wundern, Herr Doktor, Sie werden sich wundern!«
Diese geheimnisvolle Anspielung bezog sich auf ihr jüngstes Werk. Sie hatte gestern den letzten Federstrich daran gethan und es dann sogleich mit einem Briefe auf rosa Papier dem Lehrer zur Durchsicht gegeben. Mit bescheidenem Selbstbewußtsein hatte sie hinzugefügt, sie rechne darauf, daß ihr Zauberspiel am Geburtstage der Vorsteherin aufgeführt werde. Sollte Herr Doktor einige kleine Aenderungen für notwendig finden, so würde sie sich gern seinem Rate fügen. –
Es waren einige Tage darüber vergangen und noch hatte sie keine Antwort erhalten. Warum mochte er zögern? Gefallen mußte ihm »Thea, die Blumenfee«, darüber war sie nicht im Zweifel. Sie hatte sich so hineingelebt in ihre Zauberposse, und ihre Phantasie flüsterte ihr einen großartigen Erfolg in das Ohr. Sie hörte den stürmischen Beifall der Anwesenden, – die Dichterin wurde gerufen! – Sie träumte wachend, langsam – gesenkten Auges trete sie aus den Kulissen hervor. – »Flora!« ruft es von allen Seiten, und voller Staunen richten sich aller Augen auf sie. – Ja, staunt nur, ihr Ungläubigen, die ihr die arme Flora so oft verkannt habt! Jetzt hat sie euch überzeugt, daß ihre Dichtkunst kein leerer Wahn ist! – Bescheiden und demütig verneigt sie sich nach rechts und links – ohne den Blick zu erheben – sie war vor den Spiegel getreten, um Blick und Verbeugung einzustudieren. – »Die Blumenfee werde ich vorstellen,« träumte sie weiter, »natürlich! Wer anders könnte sich so in den Geist der Rolle versetzen, als ich! Wie herrlich wird mir das Kostüm stehen! Ein Kleid von Silbergaze mit Rosen durchwebt, eine goldene Krone auf dem Haupte, ein langer, duftiger Schleier und offnes, wallendes Haar!«
Ganz in Gedanken versunken löste sie die aufgesteckten Flechten und drapierte das Haar malerisch um ihre Schultern. Unwillkürlich kamen ihr dabei die ersten Verse ihres großen [pg 186]Werkes auf die Lippen und laut, mit pathetischer Stimme, fing sie an zu deklamieren:
»Heraus, ihr Blumen, aus euren Kelchen,
Ich will mit euch spielen!
Eilt euch, ihr lieben Tulpen und Nelken,
Laßt mich nicht warten, ihr vielen, vielen,
Heraus, heraus!«
Ein lautes Pochen an der Thür und ungestümes Auf- und Niederdrücken des Griffes unterbrach sie höchst unangenehm. Zugleich wurde Gretes Stimme laut.
»Warum schließt du dich denn ein? Mach’ schnell auf, ich bringe dir etwas!«
In aller Eile befestigte Flora ihr Haar, schob dann den Riegel zurück und fragte ärgerlich: »Was willst du denn?«
Grete war in das Zimmer getreten und sah sich verwundert um. »Du sprachst doch eben laut,« sagte sie, »mit wem hast du dich denn unterhalten?«
Flora blieb ihr die Antwort schuldig; sie sah ihr Manuskript in Gretes Hand, ungestüm nahm sie es an sich.
»Gieb her! Wie kommst du zu meinem Hefte?«
»Nur nicht so heftig,« entgegnete Grete, »was fällt dir denn ein? Es ist die reine Gefälligkeit, daß ich es dir bringe. Doktor Althoff hat es mir für dich übergeben.«
»Warum ließ er mich nicht selbst rufen? Du wirst dich wohl wieder vorwitzig aufgedrängt haben, es ist so deine gewöhnliche Art. Uebrigens jetzt kannst du wieder gehen, ich möchte allein sein!«
Aber Grete verspürte keine Lust, sie zu verlassen, sie witterte ein Geheimnis, das mußte sie erst heraus haben!
»Ich habe aber keine Lust, dich zu verlassen,« sagte sie und setzte sich mit aller Gemütlichkeit nieder.
»Du bist wirklich unausstehlich!« stieß Flora ärgerlich heraus und drehte Grete den Rücken. Plötzlich kam ihr ein [pg 187]Gedanke. »Wenn du durchaus hier bleiben willst, so thue es meinetwegen,« fuhr sie fort und näherte sich der Thür, »mich geniert es nicht.«
Und sie hatte die Thür geöffnet und war hinaus, noch ehe Grete sich erhoben hatte. Schnell drehte sie den Schlüssel im Schloß um und – das neugierige Gretchen war eine Gefangene.
Geflügelten Schrittes eilte sie in den Garten, der Traueresche zu. Sie huschte zwischen den bis auf den Boden herabhängenden Zweigen hindurch und sank auf einem Bänkchen von Birkenstämmen nieder. Hier war sie vor jedem Lauscherblicke sicher.
Sie preßte die Hand auf das hochklopfende Herz und ein Zittern überlief sie vor der Entscheidung! Wie wird sein Urteil ausgefallen sein? Nicht lange hielt die zagende Schwäche an und ihre Zuversicht kehrte zurück. Mutig und siegesbewußt schlug sie das Heft auf. Natürlich suchte sie zuerst nach einigen Zeilen von seiner Hand. Aber sie blätterte und fand nichts. Sie breitete das Heft auseinander, hielt es hoch, schüttelte es tüchtig, der erwartete Brief fiel nicht heraus. Sie war höchst betroffen, da sie bei einer flüchtigen Durchsicht des Manuskripts auch nicht die kleinste Notiz entdecken konnte. Schon wollte sie es unwillig beiseite legen, als ihre Augen zwei Worte entdeckten, die Doktor Althoff mit seiner zierlichen und doch festen Handschrift mit roter Tinte gerade in den Schnörkel hineingeschrieben, den sie dem Schlußworte »Ende« malerisch angehängt hatte. Sie las und fiel wie gebrochen hintenüber.
»Abscheulich!« riefen ihre bebenden Lippen, »empörend!«
Floras Entrüstung war wohl natürlich, zertrümmerten doch die beiden kleinen Wörtchen den ganzen Prachtbau ihres Luftschlosses. »Konfuses Zeug!« stand da deutlich geschrieben und erbarmungslos war hiemit das Todesurteil ihrer Dichtung besiegelt.
[pg 188]
Sie ballte die Hände in ohnmächtiger Wut und haßte den Mann, den sie bis dahin so schwärmerisch angebetet hatte. Warum verkannte er ihr Genie, oder vielmehr, warum wollte er dasselbe nicht anerkennen? Sie wollte zu ihm eilen ... sogleich ... er sollte ihr Rechenschaft über sein vernichtendes Urteil geben!
Aber sie verwarf diesen Entschluß, weil sie befürchtete, vor Aufregung ohnmächtig zu werden. Und schwach sollte er sie nicht sehen ... nimmermehr! Sie wollte ihm schreiben und zwar sofort!
Sie zog ein Notizbuch aus ihrer Tasche und begann einen stürmischen Brief aufzusetzen. Kaum hatte sie indes einige Sätze niedergeschrieben, als sie durch den grünen Blättervorhang Grete gerade auf die Esche losstürmen sah, es blieb ihr eben noch Zeit genug, das Notizbuch zu verbergen, als dieselbe bereits vor ihr stand.
Floras Gedanken waren nur mit dem Briefe beschäftigt gewesen, sie hatte darüber ihr Manuskript, das sie neben sich auf die Bank gelegt hatte, vergessen. Grete hatte es indes mit ihren Spüraugen sofort entdeckt. Wie ein Vogel schoß sie darauf los, ergriff es und eilte mit ihrer Beute davon.
»Etsch, Fräulein Flora!« rief sie noch triumphierend, »nun werde ich doch hinter deine Geheimnisse kommen! Jetzt bist du meine Gefangene!«
»Grete, gieb her!« rief Flora angstvoll und eilte derselben nach, »bitte, bitte! Ich will dir auch schenken, was du haben willst!«
Grete aber blieb taub bei ihren Bitten. Lachend eilte sie weiter.
»Du mußt mir mein Eigentum zurückgeben, ich will es!« drohte Flora, als sie einsah, daß Güte nicht half, »ich befehle es dir!«
Darüber brach Grete in ein lautes Gelächter aus. »Du befiehlst es mir? Das ist reizend!« rief sie, »du bist wirklich [pg 189]furchtbar naiv!« Und sie hatte das Haus erreicht, während Flora weit hinter ihr zurückblieb. Trotz ihrer schwerfälligen, plumpen Figur war sie doch weit schneller als letztere, die etwas steif und ungelenk war.
Als Flora einsah, daß ihre Verfolgung nutzlos war, blieb sie weinend stehen. Einen wahrhaft verzweiflungsvollen Blick warf sie der Räuberin ihres Schatzes nach, denn nun war sie verloren, das heißt preisgegeben dem Hohn und Spott der Mitschülerinnen, an die sie Grete verraten würde.
Aber es kam anders. Gerade als Grete die paar Stufen zum Korridor hinaus sprang, lief sie beinahe Doktor Althoff in die Arme. Sie hatte ihn nicht gesehen, weil sie den Kopf nach rückwärts gewandt hielt. Das Heft hoch in der Luft schwenkend, hatte sie der armen Flora zugerufen: »Jetzt lese ich deine Geheimnisse!«
Mit einem Blick hatte der Lehrer erkannt, um was es sich handelte; er wäre darüber nicht im Zweifel gewesen, selbst wenn ihn Grete weniger erschrocken angesehen hätte.
»Sie sollten ja dies Heft an Flora abgeben,« sagte er vorwurfsvoll, »wie kommt es, daß Sie es noch mit sich herumtragen?«
Sie antwortete nicht und sah ziemlich betreten und beschämt aus, auch war sie rot bis über die Ohren geworden.
»Ich werde Ihnen nie wieder einen Auftrag geben,« fuhr er fort, »da ich sehe, wie wenig ich mich auf Sie verlassen kann. Geben Sie mir das Heft, ich werde es selbst an Flora abliefern.«
Grete reichte ihm das Verlangte. »Sie ist selbst schuld daran,« stieß sie zu ihrer Entschuldigung hervor und warf den ohnehin großen Mund noch mehr auf; »sie hat ... sie hat mich eingeschlossen! Zur Strafe habe ich ihr das Buch fortgenommen!«
»Zur Strafe!« wiederholte Doktor Althoff mit einem zweifelnden Lächeln, »und was wollten Sie jetzt damit machen?«
[pg 190]
»Ach,« verriet sie sich, »hineingesehen hätte ich ganz gewiß nicht! Floras Dichtungen sind viel zu überspannt und langweilig! Ich wollte sie nur necken.«
»Grete, Grete!« drohte der junge Lehrer lächelnd mit dem Finger, »wenn dies Wort eine Brücke wäre, ich ginge nicht hinüber. Seien Sie in Zukunft nicht wieder so indiskret und neugierig, Neugierde ist kein schöner Schmuck für ein junges Mädchen.«
Er wandte sich von der Beschämten ab und ging auf Flora zu, die langsam heran kam. Noch zitterten Thränen in ihren Augen, die sie wie in Verklärung auf ihren Erretter richtete. Wo war der Haß geblieben, der soeben noch in ihrem Innern getobt hatte? Verschwunden und verweht! Die alte Liebe und Begeisterung für Doktor Althoff hatten ihn zurückgedrängt und waren wieder eingezogen in ihr großmütiges Herz. So mächtig wallte die Begeisterung in ihr über, daß sie plötzlich, hingerissen von Dankbarkeit, sich niederbeugte, seine Hand ergriff und einen heißen Kuß darauf drückte.
»Ich danke Ihnen,« hauchte sie leise, dann eilte sie fort, zurück zu ihrer Friedensstätte, ihrem Musentempel, und anstatt den angefangenen Brief zu vollenden, dichtete sie ein Sonett, das die Aufschrift trug: »An ihn.«
Doktor Althoff blickte der Davoneilenden kopfschüttelnd nach. »Ein überspanntes, verdrehtes Wesen!« mußte er unwillkürlich sagen, »und das schlimmste ist, sie wird niemals zu heilen sein.« –
Der Geburtstag des Fräulein Raimar, der in den Mai fiel, war stets ein großartiges Fest. Tagesschülerinnen und Pensionärinnen wetteiferten mit einander, dasselbe durch musikalische und theatralische Aufführungen, durch lebende Bilder u. s. w. so bunt und unterhaltend zu gestalten als möglich. Auch in diesem Jahre wurde keine Ausnahme gemacht, trotzdem Lilli kaum vier Wochen in der Erde ruhte.
[pg 191]
»Ich würde gern auf eine größere Feier verzichten,« sprach eines Tages die Vorsteherin zu der englischen Lehrerin und Fräulein Güssow, »aber ich darf es unsrer Zöglinge wegen nicht thun. Mehr oder weniger hat sie Lillis Tod sehr ergriffen und sie hängen die Köpfe; da ist das beste Mittel, sie wieder aufzumuntern, daß wir ihnen eine Zerstreuung schaffen. Mit aller Trauer können wir ja den Tod des lieben Kindes nicht ungeschehen machen.«
Die beiden Damen stimmten ein und beschlossen untereinander, mit den Vorbereitungen zu dem Feste zu beginnen. Miß Lead übernahm es, ein englisches Stück, Fräulein Güssow, ein französisches Lustspiel einzustudieren. Erstere wählte nur Tagesschülerinnen zu ihren Mitwirkenden, während letztere ihre Rollen nur mit Pensionärinnen besetzte. Sie hatte aber erst einen kleinen Kampf mit den Mädchen, bevor dieselben die ihnen zugedachten Rollen annahmen. Flora, die eine alte Dame vorstellen sollte, war durchaus nicht damit einverstanden, sie behauptete, Rosi passe weit besser zu dieser Rolle, diese aber hatte nicht einen Funken schauspielerischen Talentes und würde sich niemals dazu verstanden haben, Theater zu spielen. Sie sprach auch weniger fließend französisch als Flora.
Fräulein Güssow machte nicht viel Umstände. »Wie du willst, Flora,« sagte sie, »macht es dir kein Vergnügen, diese allerliebste Rolle zu übernehmen, so wähle ich eine Tagesschülerin dafür und du kannst diesmal nur Zuschauerin sein.«
Das behagte Flora noch weniger. Nach einigem Zögern entschloß sie sich, freilich wie sie sagte, mit großer Selbstüberwindung, die Alte zu spielen. Ilse und Melanie stellten deren Töchter dar und paßten in ihren Charaktereigentümlichkeiten prächtig dazu. Melanie putzsüchtig, elegant und eitel, Ilse das Gegenteil. Wild und unbändig, trotzig und widerspenstig, natürlich nichts weniger als elegant führt sie die übermütigsten Streiche aus und die schwache Mutter ist nicht im stande, sie zu zügeln. Da erscheint ein junger, entfernter Verwandter, [pg 192]interessiert sich für den Wildfang und versteht es, durch Güte und Festigkeit die Tugenden in demselben zu wecken und die Widerspenstige zu zähmen. Zum Schlusse wird sie seine Braut.
»Orla, du kannst die Rolle des Vetters übernehmen,« bestimmte die Lehrerin.
»Orla?« fragte Ilse verwundert, »sie kann doch keinen Mann darstellen?«
Es erhob sich ein wahrer Sturm unter den jungen Mädchen bei Ilses unschuldiger Frage. Die Stimmen schwirrten durcheinander, denn jede war bemüht, Ilse über ihre Unwissenheit aufzuklären.
»Weißt du denn nicht, wie es bei uns Sitte ist?« fragte Orla.
»Mit Herren dürfen wir nicht Theater spielen,« bemerkte Flora spottend, »sie sind verpönt in der Pension!«
»Du bist naiv, Ilse!« rief Melanie. »Das ist ja eben so ledern und furchtbar öde, daß wir Mädchen auch Männerrollen geben müssen!«
»Herren, Herren!« wiederholte Annemie unter lautem Lachen, »es ist zum totlachen!«
»Ja, wenn Herren mitspielten, dann möchte ich Ilses Rolle spielen,« überschrie Grete mit ihrer kräftigen Stimme alle übrigen, »so aber –«
»So aber wirst du den Bauernjungen übernehmen, Grete,« fuhr Fräulein Güssow dazwischen. Die Aufgeregten hatten ganz deren Gegenwart vergessen. »Und jetzt bitte ich mir Ruhe aus, ihr unbändigen Kinder! Fräulein Raimar hat ihre triftigen Gründe zu ihren Bestimmungen, wie könnt ihr euch dagegen auflehnen? Daß ihr noch zu kindisch seid, dieselben zu verstehen, habe ich in diesem Augenblicke klar und deutlich gesehen! Schämt euch! ... Jetzt macht euch daran, eure Rollen auszuschreiben, morgen werden wir eine Leseprobe [pg 193]halten.« Mit diesen Worten verließ sie die aufrührerische Gesellschaft.
Alle schwiegen bis auf Grete, sie konnte nicht unterlassen, noch einmal zu sagen: »Langweilig ist es doch ohne Herren! Und den dummen Bauernjungen spiel’ ich nicht!«
Aber sie spielte ihn doch und es zeigte sich bald, daß sie ganz vortrefflich dazu paßte.
Die täglichen Proben brachten die gewünschte Zerstreuung. Ilse besonders fand viel Freude an einem Vergnügen, das ihr bis dahin unbekannt gewesen war. Die anfängliche Befangenheit überwand sie bald und sie spielte ihre Rolle zur vollen Zufriedenheit Fräulein Güssows, die zuweilen ein Lächeln über die höchst natürliche Darstellung nicht unterdrücken konnte.
Zur Hauptprobe mußten alle in ihren Kostümen erscheinen, damit sie sich gegenseitig an den veränderten Anblick gewöhnten. Diese Bestimmung war sehr gut, denn als sie sich in ihren komischen Anzügen betrachteten, konnten sie das Lachen nicht zurückhalten.
Flora mit langen Scheitellocken und einer Spitzenhaube, mit einem Lorgnon, das sie vor die Augen hielt, war kaum zu erkennen. Das elegante, schwarze Schleppkleid ließ sie weit größer erscheinen, als sie war. Sie war übrigens ganz ausgesöhnt mit ihrer ›alten‹ Partie und das Lob, welches Fräulein Güssow ihr einige Male erteilte, hatte sie zu der Idee gebracht, daß ihr eigentlicher Beruf der einer Schauspielerin sei, und sie träumte Tag und Nacht ›von der Welt, welche die Bretter bedeuten‹, ›Dichterin – Schauspielerin‹. Eine große Zukunft stand ihr bevor!
Orla sah in ihrem Jägeranzuge, den grünen Hut keck auf das eine Ohr gesetzt, wirklich gut aus, und der kleine Stutzbart, mit dem sie die Oberlippe geziert hatte, gab ihr ein keckes Ansehen und stand ihr allerliebst.
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»Famos siehst du aus, Orla!« meinte Melanie und betrachtete mit besonderem Entzücken deren Stulpenstiefel.
»Du solltest immer so gehen,« setzte Flora ganz ernsthaft hinzu. Natürlich wurde sie ausgelacht.
![[Illustration]](/illustrations/a8f40711117b7bef.jpg)
Grete war ein Bauernjunge, wie er sein muß. Plump und ungeschickt, dreist und laut. Melanie fühlte sich himmlisch wohl in dem koketten und eleganten Kostüm, das sie sich gewählt hatte. Sie stand vor dem Spiegel und putzte noch hie und da an sich herum. Und Ilse?
Sie trat als letzte herein und bei ihrem Anblick erhob sich ein so stürmisches Gelächter, daß Fräulein Güssow Mühe hatte, es zu dämmen.
»Wie siehst du aus, Mädchen?« sprach sie lachend, »komm näher, ich muß dich genau betrachten. Willst du wirklich in diesem Aufzuge spielen? Nein, Ilse, so geht es wirklich nicht. Wir müssen an deinem Kleide durchaus Verschönerungen anbringen! Du bist auch gar zu wenig eitel, sonst würdest du wohl selbst darauf gekommen sein.«
»Lassen Sie mich so!« bat Ilse inständigst, sie war ja so glücklich, ihr geliebtes Blusenkleid bei dieser Gelegenheit tragen zu dürfen. Sie war aus demselben herausgewachsen, [pg 195]zu eng und zu kurz war es geworden, natürlich erhöhte dieser Mangel noch den komischen Eindruck.
»Nein, Kind, unmöglich! Du siehst wie eine Bettlerin aus. Der Aermel darf nicht ausgerissen sein, der schlechte Gürtel muß durch einen neuen ersetzt werden, um den Hals wirst du einen Matrosenkragen legen und die fürchterlichen Stiefel laß vor allen Dingen blank putzen. Dann wird es gehen. Man darf nicht übertreiben,« fügte sie hinzu, als Ilse ein etwas betrübtes Gesicht machte, »stets muß das richtige Maß inne gehalten werden. Auch die Locken dürfen dir nicht so wirr über die Augen fallen, du kannst ja kaum sehen. Vergiß nicht, daß du die Tochter einer Baronin bist, dein Anzug darf verwildert, aber nicht zerrissen sein.«
»Wollen wir nicht anfangen?« trieb Miß Lead, die sich mit ihren Künstlerinnen ebenfalls zur Hauptprobe eingestellt hatte. Sie war schon etwas ungeduldig bei der genauen Musterung der Kostüme geworden und fand es höchst überflüssig, daß Fräulein Güssow überhaupt Wert darauf legte. Die Hauptsache war nach ihrer Meinung die vollständige Beherrschung der fremden Sprache, und daß die Mädchen ihre Rollen gut gelernt hatten, alles andre war Nebensache. Viel Gesten litt sie um keinen Preis, wollte ja eine Mitspielende es wagen, sich frei und natürlich zu bewegen, geriet sie förmlich außer sich und rief: »Ruhe! Ruhe! Wo bleibt die Plastik?«
Wie es fast immer der Fall ist, so war es auch hier; die Hauptprobe fiel herzlich schlecht aus. Die Mädchen waren schon aufgeregt in Erwartung des nächsten Tages und wurden es noch mehr durch die Ungeduld von Miß Lead, die heftig erklärte, daß sie es für das beste halte, wenn die ganze Theateridee aufgegeben werde. Das französische Stück fand sie entsetzlich und sie gab Fräulein Güssow den guten Rat, es nicht aufführen zu lassen. »Ich bitte Sie,« rief sie aus, »es [pg 196]handelt sich um eine Liebesgeschichte! Das wird den größten Anstoß erregen!«
Fräulein Güssow setzte der Engländerin lächelnd auseinander, daß nicht Kinder, sondern erwachsene Mädchen das Stück aufführten. »Die Liebesgeschichte,« wandte sie ein, »ist nur eine harmlose Nebensache, es handelt sich hauptsächlich um die Heilung eines widerspenstigen Mädchens.«
Miß Lead schüttelte mißbilligend den Kopf, sie wollte sich nicht davon überzeugen. »Ilse wird Ihnen, wenn Sie wirklich auf Ihrem Vorsatz bestehen, alles verderben. Wie sieht sie aus, und wie spielt sie? Plump, ohne jeden Anstand! Das Podium der kleinen Bühne erdröhnt förmlich bei ihren furchtbaren Schritten, ihre Bewegungen sind frei und keck.«
Fräulein Güssow schwieg zu diesem harten, ungerechten Urteil. Sie hatte es längst aufgegeben, die Engländerin von ihrem Vorurteile zu heilen. Starr hielt dieselbe daran fest. Ilse war und blieb ihr ein Dorn im Auge.
Miß Lead hatte sich geirrt. Am nächsten Abend ging alles über Erwarten gut. Der glänzend erhellte Saal, die festlich versammelte Gesellschaft brachten eine belebende Stimmung unter das junge Volk. Die ganze Festlichkeit leitete ein Prolog ein, den eine Schülerin der ersten Klasse gedichtet hatte. Sie trug ihn selbst recht hübsch vor und erntete wohlverdienten Beifall. Nur Flora, die hinter den Kulissen stand, zuckte die Achseln. »Kein Schwung, keine Poesie und kein Talent!« lautete ihr kritischer Ausspruch.
Die Aufführung des englischen Stückes ging vorüber, glatt, reizlos und langweilig. Und wenn die Anwesenden sich dies in ihrem Innern auch einstimmig eingestanden, so waren sie doch am Ende des Stückes mit Beifallsspenden nicht sparsam. Die Mitspielenden wurden herausgerufen, und als der rote Vorhang in die Höhe ging und die Mädchen sich dankend [pg 197]verneigten, strahlte Miß Lead vor Stolz und Seligkeit. »Very well,« rief sie laut, »ihr habt eure Sache gut gemacht!«
Nachdem verschiedene lebende Bilder und musikalische Aufführungen vorüber waren, bildete das französische Lustspiel den Schluß.
»Wollen Sie es wirklich wagen?« wandte sich die englische Lehrerin in wohlwollendem, etwas herablassendem Tone zu Fräulein Güssow. »Schreckt Sie der große Erfolg, den wir erzielten, nicht ab? Folgen Sie meinem Rate, treten Sie zurück! Wir werden eine Entschuldigung finden. Der französische Flattersinn muß abfallen gegen die englische Gediegenheit.«
Trotz Miß Lead’s Bedenken begann das französische Stück, und sie mußte die niederschlagende Erfahrung machen, daß es weit beifälliger aufgenommen wurde, als das englische. Die Gesellschaft amüsierte sich köstlich und kam aus dem Lachen nicht heraus. Zweimal wurde Ilse bei offener Szene gerufen, so drollig und natürlich spielte sie.
»Sie ist charmante, charmante!« rief Monsieur Michael feurig, »ich habe Ursache, stolz auf sie zu sein. Leicht und elegant wie eine Pariserin spricht und spielt sie!«
»Sie spielt sich selbst!« entgegnete Doktor Althoff lachend, »aber ich hätte dem Wildfang kaum so viel Anmut zugetraut.«
Einen kleinen Triumph sollte Miß Lead doch noch feiern, – Ilse verdarb die Liebesszene am Schluß. In dem Augenblick, als Orla sie umarmen wollte, kam ihr das so komisch vor, daß sie in ein lautes Gelächter ausbrach.
»Wie schade!« rief Nellie halblaut. »Warum muß sie lachen? Sie war zu nett, nun verderbt sie die Schluß.«
Doktor Althoff, der zufällig in Nellies Nähe stand, hörte ihren Ausruf. »Trotzdem, Miß Nellie,« entgegnete er, auf einem leeren Stuhl neben ihr Platz nehmend, »ist ihre Freundin die Siegerin des Abends; aber warum wirkten Sie nicht mit, [pg 198]warum sind Sie nur Zuschauerin? Sie würden gewiß eine gute Schauspielerin sein.«
Nellie senkte die Augenlider. »O, Sie sind sehr gütig,« sagte sie befangen, »aber ich weiß nicht zu spielen, Herr Doktor, ich hab’ nicht Talent.«
»Das käme auf einen Versuch an! Sehen Sie Ilse an, wer hätte geglaubt, daß sie eine so allerliebste Schauspielerin sein könne!«
»Nicht wahr?« stimmte Nellie lebhaft und mit aufrichtiger Freude bei, »sie ist reizend und ich bin entzückend über ihr!«
Der junge Lehrer schwieg und sah sie teilnahmvoll an. Wie neidlos kamen ihr die Worte aus dem Herzen, wie leuchteten ihre Augen freudig auf, als sie die Freundin lobte! Und im Vergleich zu Ilse, wie wenig hatte sie doch von der Zukunft zu hoffen! Jene ein Kind des Glückes – und diese? Ein armes Wesen, das den mühevollen Pfad einer Lehrerin pilgern sollte!
»Nicht wahr, ist sie nicht reizend?« wiederholte Nellie und blickte fragend auf.
»Gewiß, gewiß!« gab der Lehrer zerstreut zur Antwort, und von dem Gegenstand plötzlich abspringend, fragte er: »Woher haben Sie die herrlichen Veilchen?« und deutete dabei auf einen Strauß, den sie in der Hand hielt. »Sie duften wundervoll! Ich liebe die Veilchen sehr.«
Sie hörte nur, daß er die Veilchen liebe, bedurfte es da einer großen Ueberlegung? »O nehmen Sie,« sagte sie naiv und errötete dabei, »bitte, es macht mich großer Freude!«
»Nicht alle,« entgegnete er lächelnd und zog einige Blumen aus dem Strauß, den sie ihm gereicht, »so, nun habe ich genug. Haben Sie Dank dafür.«
Er erhob sich und verließ sie. Mit glänzenden Augen sah sie ihm nach, sie hatte bemerkt, wie er ihre Veilchen im Knopfloch befestigte.
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»Wie taktlos von dir!« redete Miß Lead, die ihren Platz dicht hinter Nellie hatte, dieselbe an und riß sie mit ihrer scharfen Stimme aus allen Himmeln. »Welch ein Betragen! Ich habe jedes Wort mit angehört. Schämst du dich nicht, einem Herrn Blumen anzubieten?«
Als ob ein eisiger Wind plötzlich in eine kaum erschlossene Blütenknospe gefahren wäre, so wurde Nellies kurze Freude zerstört.
»Habe ich ein Unrecht gemacht?« fragte sie geängstigt. »O bitte, Miß, sagen Sie, war ich ungeschickt? Wird Herr Doktor mich für unbescheiden halten?«
Dieser Gedanke peinigte sie sehr und übergoß sie mit heißer Glut. Mit wahrer Angst wartete sie auf ein beruhigendes Wort und sah in der Lehrerin Gesicht, das indes nicht aussah, als ob sie zur Milde geneigt sei.
»Jedenfalls wird er dich für sehr einfältig halten,« erwiderte sie unbarmherzig, »wenn er nicht vielleicht deine Handlungsweise zudringlich nennt.«
»O nein, nein!« rief Nellie beinahe entsetzt, »er wird nicht so hart von sein Schüler denken!«
»So, weißt du das so bestimmt?« quälte Miß Lead sie weiter, »du bist kein Kind mehr, dem man allenfalls dergleichen Taktlosigkeiten vergiebt, ein erwachsenes Mädchen darf niemals blindlings seinem Gefühle folgen!«
»Ich will bitten, daß er mir die Blumen wiedergiebt,« sagte Nellie tief beschämt.
»Das darfst du nicht, wenn du dich nicht noch mehr bloßstellen willst. Du wirst schweigen und dich niemals wieder vergessen! Eine zukünftige Gouvernante muß jedes Wort, jeden Blick, und vor allem jede Handlung reiflich überlegen. Das merke dir!«
Traurig sah Nellie nach diesem harten Verweise zu Boden. Dahin war ihre fröhliche Laune, sie hatte keine Lust mehr an dem Feste. Eine heiße Thräne tropfte ihr aus dem [pg 200]Auge und fiel auf die Veilchen, die Urheber ihres Kummers. Sie brannten ihr förmlich in der Hand und am liebsten hätte sie dieselben weit von sich geschleudert. Still und einsilbig blieb sie den ganzen Abend, und sobald Doktor Althoff in ihre Nähe kam, wich sie ihm ängstlich aus. Es war ihr unmöglich, ihm in das Auge zu blicken. Miß Lead hatte ihre frohe Unbefangenheit zerstört.
Als die Freundinnen sich nach dem Feste zur Ruhe begaben, saß Nellie ganz gegen ihre Gewohnheit noch einige Zeit sinnend da. »Du bist so still,« fragte Ilse, »was hast du?«
»O nichts, nichts!« erwiderte Nellie schnell und erhob sich aus ihrer träumenden Stellung, »es ist gar nix!«
Zum ersten Male verschwieg sie der geliebten Freundin die Wahrheit, sie vermochte es nicht, über ihren Kummer zu reden, und doch – was war es, das trotz allen Kummers ihr Herz schneller klopfen ließ und wie ein Frühlingswehen durch ihre Seele zog?
* * *
Holunder und Maiblumen hatten ausgeblüht und die Rosen öffneten ihre duftigen Kelche. Nellie und Ilse wandelten nach dem Abendessen durch den Garten, und als sie im Gebüsch die Nachtigall schlagen hörten, blieben sie stehen und lauschten.
»Wie süß!« rief Nellie, »komm, laß uns auf der Bank setzen und lauschen.«
Sie hielten sich beide umschlungen und sprachen kein Wort. Der herrliche, duftende Abend, der Mond, der silbern am Abendhimmel aufstieg, der schmelzende Gesang der Nachtigall weckten eine ahnungsvolle, nie gekannte Stimmung in ihren jungen Herzen.
»O Ilse,« unterbrach Nellie mit einem Seufzer die feier[pg 201]liche Stille, »wie bald gehst du fort und läßt mir allein zurück! Ich bin sehr traurig, wenn ich daran denke!«
Auch Ilse war wehmütig und der Gedanke, von Nellie scheiden zu müssen, machte ihr das Auge feucht. Aber sie unterdrückte mutig die weiche Stimmung und versuchte, die Freundin zu trösten. »Es ist noch lange hin, bis ich die Pension verlasse,« sagte sie, »du weißt ja, daß meine Eltern meinen Aufenthalt bis zum ersten September verlängerten. Noch acht Wochen sind wir beisammen, Nellie, das ist noch eine sehr lange Zeit, denk’ einmal, acht volle Wochen!«
Nellie schüttelte traurig den Kopf. »O nein, es ist nur sehr kurze Zeit,« erwiderte sie, »es sind auch nicht acht Wochen voll, du mußt ordentlich rechnen. Heute haben wir schon der siebente Juli, – macht bis zu der erste September vierundfünfzig Tage – fehlt also zwei volle Tag an der achte Woch –«
Trotz ihres Kummers mußte Ilse lachen. »Du liebe, süße Nellie,« rief sie und küßte diese herzlich auf den Mund, »du bist doch immer komisch, selbst wenn du traurig bist! Weißt du, wir wollen uns das Herz nicht heute schon schwer machen mit dem Gedanken an unsre Trennung, wir gehen ja nicht für immer auseinander! Du besuchst mich bald, – ja?«
Aber Nellie war einmal weich gestimmt heute abend und der Freundin Trost fand keinen Eingang in ihrem Herzen. Sie versuchte zwar die Thränen zu unterdrücken, aber sie brachen immer neu hervor. Ilse lehnte den Kopf an ihre Schulter und schwieg. In ihrem Innern kämpften der Schmerz und die Freude. Sie hätte so gern sich auf das Wiedersehen ihrer Lieben, besonders des kleinen Brüderchens, gefreut, sie vermochte es nicht ungetrübt, weil der Abschied von Nellie dazwischen stand. –
»Hier sind sie! Kommt, hierher! Sie sitzen beide unter dem Holunderbusch!«
[pg 202]
Keine andre als Grete war es, die durch ihren lauten Ruf die Träumenden aufschreckte. Unbemerkt war sie aus einem Seitenweg hervorgetreten und stand nun wie aus der Erde gewachsen vor ihnen.
Ilse sprang auf und trat den andern Mädchen, die herbeigeeilt kamen, entgegen. Nellie trocknete verstohlen ihre Thränen und machte wieder ein heitres Gesicht.
»Wir haben euch überall gesucht,« sagte Orla, »was macht ihr denn hier?«
»Ich glaube wahrhaftig, ihr schwärmt im Mondenschein, Kinder,« lispelte Melanie, »ihr macht so furchtbar schmachtende Augen alle beide, habt ihr geweint?«
Grete mußte sich hiervon genau überzeugen, sie trat zu Nellie und sah sie neugierig prüfend an. »Du hast geweint, Nellie – und du auch Ilse –« behauptete sie entschieden. »Was habt ihr denn? Warum weint ihr?«
»Um nix!« entgegnete Nellie ärgerlich über die unzarte Grete.
»Um nichts weint man doch nicht,« fuhr dieselbe unbeirrt fort, »bitte, sagt es doch, warum ihr geweint habt.«
»Laß deine zudringlichen Fragen,« verwies sie Flora, »und wenn sie dir sagen würden: ›Der silberne Mond, die duftenden Rosen, der entzückende Sommerabend, so recht zur Liebe und Traurigkeit geschaffen, haben unsern Herzen Wehmut und Thränen entlockt,‹ – würdest du das verstehen? Niemals! Denn du hast keinen Sinn für die höhere Sphäre – du bist zu prosaisch!« Sie begleitete ihre Worte mit einem schwärmerischen Aufschlag ihrer wasserblauen Augen.
Floras hochtrabende Aeußerung stellte sofort die fröhlichste Stimmung her. Nellie vergaß ihr Herzeleid darüber und sagte lachend: »O Flora, was für ein zarter Seel’ du hast! Sei bedankt du hoher Dichterin, du hast uns verstanden!«
[pg 203]
»Kinder!« unterbrach Orla die Sprechenden, »nun hört auf mit euren Albernheiten, ich habe euch eine höchst wichtige Mitteilung zu machen!«
Wichtige Mitteilung! Grete sperrte Mund und Nase auf und sah gespannt auf Orla, zu der sie sich ganz dicht herangedrängt hatte.
»Nicht hier!« fuhr diese fort, »folgt mir unter die Linde!«
»Unter die Linde?« fragte Annemie ängstlich. »Laß uns doch hier, es ist ja schon dunkel unter dem alten, großen Baum!«
»Ja, und es ist schon spät, wir müssen uns eilen,« fiel die ebenfalls furchtsame Flora ein.
»Mache dir keine Sorge darum, liebste Flora,« gab Orla zurück, »denn höre und staune: Weil heute mein Geburtstag ist, hat Fräulein Raimar auf dringendes Bitten die hohe Gnade gehabt, unsern Aufenthalt im Garten heute abend bis um zehn Uhr zu verlängern!«
»Himmlisch! Furchtbar reizend! Zu nett!« u. s. w. rief es durcheinander und Grete machte sogar einen kleinen, ungeschickten Sprung in die Luft.
»Also auf zur Linde!« kommandierte Orla und schlug den Weg dorthin ein.
Ohne Gegenrede folgten ihr alle, in wenigen Augenblicken waren sie dort. Orla stieg auf eine Bank, die dicht am Stamme lehnte, schlug die Arme untereinander und sah schweigend auf die Mädchen herab, die einen dichten Halbkreis um sie bildeten und mit höchster Spannung auf sie blickten.
»Meine lieben Freundinnen,« hub sie an, da raschelte es über ihnen in den Zweigen. Die Mädchen schraken zusammen.
»Was war das?« fragte Annemie, »Gott, wenn sich im Baume jemand versteckt hätte!«
[pg 204]
»Oder wenn ein Gespenst wieder seinen Spuk triebe!« sprach Melanie mit bebenden Lippen.
»Wie unheimlich ist es hier!« fiel Grete ein, »ich fürchte mich!«
»So ein Gespenst mit großer Feuerauge und fliegender Haar,« meinte Nellie und stieß Ilse an, »o, es wäre furchtbar!«
Orla stand ruhig und unerschrocken da, sie kannte keine Furcht. »Schämt euch!« rief sie den Zagenden zu, »seid ihr erwachsene Mädchen? Kann euch eine harmlose Fledermaus in die Flucht treiben? Geht zurück, wenn ihr euch fürchtet, für Kinder passen meine Worte nicht! Wollt ihr vernünftig sein?«
»Ja, ja!« tönte es zurück, zwar etwas zaghaft, aber die Neugierde trug doch den Sieg über die Furcht davon.
»So hört mich an! Hier an dieser Stätte, unter dem Schutze unsrer geliebten Linde laßt uns einen Bund schließen, der uns in Freundschaft für das ganze Leben vereinen soll. Wie lange wird es dauern und wir verlassen die Pension, und das Schicksal zerstreut uns in alle Winde!«
»In alle Winde!« wiederholte Flora halblaut.
»Nun frage ich euch, soll uns dasselbe für immer trennen? Ich sage: nein! wir werden uns wiedersehen! Wir haben stets treu zusammengehalten, unsre Freundschaft darf nicht wie ein leerer Wahn verrauschen –«
»Wie ein leerer Wahn verrauschen –« gab Flora als Echo zurück.
»Ruhig!« geboten die andern, »laß Orla sprechen!«
»So frage ich euch denn: wollt ihr mit mir in diesem feierlichen Augenblicke geloben, daß ihr heute in drei Jahren zurückkehren wollt? Hier unter der Linde, am siebenten Juli, morgens elf Uhr, soll uns ein frohes Wiedersehen vereinen. Seid ihr mit meinem Vorschlage einverstanden?«
»Ja!« rief es einstimmig und begeistert, »wir kommen!«
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»Schwört einen Eid darauf!«
Sie erhob drei Finger der rechten Hand und alle übrigen folgten ihrem Beispiele. Nur Rosi zögerte.
»Es könnten doch Hindernisse eintreten, die eine Reise hierher unmöglich machten,« warf sie mit ihrer sanften Stimme ein.
»Hindernisse, das heißt, nur wichtige Hindernisse heben den Eid auf!« erklärte Orla. »In diesem Falle ist die Ausbleibende verpflichtet, durch einen ausführlichen Brief den Grund ihres Eidbruches anzugeben. Beschwört auch das!«
Wieder erhoben sich die Hände und diesmal zögerte Rosi nicht, sich dem Schwure anzuschließen.
»Nun haben wir uns für ewig verbunden!« nahm Orla wieder das Wort, »und jede von uns wird ihren Eid halten, damit wir indes stets desselben gedenken, mache ich euch einen Vorschlag. Wir wollen zur Erinnerung an diese heilige Stunde einfache, silberne Ringe anfertigen lassen, die wir an dem kleinen Finger der linken Hand tragen. Jede von uns erhält einen solchen und trägt ihn bis zu ihrer Sterbestunde.«
»Bis zu ihrer Sterbestunde!« sprach Flora langsam und elegisch nach.
Die Ringidee wurde von allen reizend, famos und entzückend gefunden und mit Begeisterung angenommen. Orla, die von ihrem erhabenen Platze heruntergesprungen war, wurde umringt und mit schmeichelhafter Anerkennung überhäuft. Melanie prophezeite ihr geradezu eine große Zukunft als Rednerin, sie habe ›furchtbar reizend‹ gesprochen.
Alle befanden sich übrigens in einer gehobenen Stimmung, sie fielen sich in die Arme, küßten sich und versicherten sich gegenseitig der zärtlichsten Freundschaft, die nur mit dem Tode enden könne.
Sie glaubten ganz ernst an ihre Versprechungen, kein Zweifel vergiftete ihre unschuldsvolle Zuversicht. Der Mond lugte wischen den Zweigen hindurch und blickte wie [pg 206]spottend mit einem Auge auf das rührende Schauspiel. Vielleicht verstand ihn der alte Baum, vielleicht bedeutete das leise Rauschen in seinem Wipfel die Antwort: Du Zweifler da oben, spotte nicht über die gläubigen Kinder. Weißt du nicht, daß es immer so war und immer so sein wird? Die Träume der Jugend gehören zur jungen Brust, wie der Tau zur Rose. Enttäuschung und Nüchternheit töten früh genug diese Blüten der kurzen Maienzeit.
»Orla,« sagte Flora, als sie langsam in das Haus zurückkehrten, »auch ich möchte einen Vorschlag machen. Wenn eine von uns Freundinnen, die wir uns bis in den Tod verbunden haben, in den Bund der heiligen Ehe tritt, so soll es ihre Pflicht sein, ihre Genossinnen zu diesem hohen Feste einzuladen.«
»Ja,« stimmte Orla bei, »das ist ein guter Gedanke, wir wollen denselben mit einem Handschlag besiegeln.«
Sie schlossen einen Kreis und reichten sich die Hände, verzogen auch keine Miene dabei. Nur Ilse konnte das Lachen nicht lassen, die Hochzeitsgedanken kamen ihr gar zu komisch vor.
»Ich trete zwar niemals in den Bund der heiligen Ehe, aber ich gebe doch mein Handschlag zu die Einladung,« neckte Nellie.
»Spotte nicht über so ernste Dinge,« sprach Flora zürnend. »Wir sind nicht aufgelegt zu deinen Scherzen.«
»O, ich scherz’ gar nix, aber wie soll ein arm’ häßlich Engländerin mit sehr viel Sommerspross’ auf der Nas’ ein Mann bekommen?«
Diese komische Bemerkung verscheuchte den Ernst von den jugendlichen Stirnen und Scherz und Frohsinn kehrten zurück.
Ehe sich Flora zur Ruhe begab, schrieb sie in ihr Tagebuch:
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»Welch ein großer, ereignisvoller Tag! O, ich zittere noch, wenn ich daran denke! Mondschein! Rosenduft! Linde! Sang der Philomele! Orla hinreißend gesprochen (Meine nächste Heldin Orla heißen!) Freundschaftsbündnis! Schwur! Hochzeitsversprechen! (Meine entzückende Idee!) Handschlag darauf! Wie heißt die Hochbeglückte, die zuerst denselben löst? Schicksal, du dunkles, laß mich den Schleier heben! Giebt es Ahnungen, sollt’ ich? –«
Sie legte die Feder nieder, schloß das Buch und verbarg es tief in ihrem Kommodenkasten. Ihre Hand zitterte und ihre Gedanken verwirrten sich. Sie legte sich nieder und schlief ein. Träumend sah sie sich im Brautkranz und weißen Atlaskleide.
* * *
Die acht Wochen, oder wie Nellie sagte: »vierundfünfzig Tage«, waren vorübergegangen. Der erste September brach an. Nellie hatte die ganze Nacht nicht schlafen können vor Herzeleid, der Abschied von der geliebten Freundin raubte ihr die Ruhe. Auch Ilse war es gleich ergangen und es war rührend, wie beide Mädchen bemüht waren, ihre Schlaflosigkeit und ihre Thränen sich gegenseitig zu verbergen.
Als der Morgen anbrach, hielt Nellie es nicht mehr aus. Sie stand auf, warf ihr Morgenkleid über und schlich an Ilses Bett.
»Wachst du?« fragte sie, als dieselbe sie mit offenen Augen ansah, »das ist schön, nun können wir noch eine ganze Stunde plaudern, es hat eben Fünf geschlagen.«
Sie setzte sich auf Ilses Bettrand und ergriff deren beide Hände, und als sie aufblickte und Thränen in Ilses Augen schimmern sah, da war es aus mit ihrer künstlichen Fassung. Sie beugte sich zu der Freundin nieder und indem sich beide fest umschlungen hielten, vermischten sich ihre heißen Thränen.
[pg 208]
»O, Ilse! Wie einsam wird es sein, wenn dein Bett leer ist! Oder wenn ein anderer Gesicht mir daraus ansieht, o, ich bin sehr, sehr traurig!«
Ilse hatte sich aufgerichtet und drückte die Weinende innig an sich. Zu sprechen vermochte sie nicht, es war ihr zu weh.
»Wir sehen uns bald wieder,« sprach sie endlich mit zitternder Stimme und versuchte Nellie zu trösten. »Du besuchst uns in Moosdorf; den ganzen Winter über wirst du bei uns bleiben.«
Nellie schüttelte ungläubig den Kopf. »Das wird nix, ich werde nicht Erlaubnis bekommen zu ein so lang’ Besuch. Meine Zeit ist Ostern vorbei, dann heißt es: fort aus der Pension! Ich muß ein’ Stell’ annehmen und Kinder Unterricht geben. Aber ich weiß noch nicht viel und muß sehr fleißig lernen, Fräulein Raimar sagt es alle Tage.«
»Aber die Michaelisferien darfst du gewiß bei uns zubringen. Meine Eltern werden selbst an Fräulein Raimar schreiben und sie dringend darum bitten, sie wird es ihnen nicht abschlagen,« entgegnete Ilse.
»Es geht nicht, ich muß lernen!«
Ilse sah die Freundin traurig und bedauernd an. »Wenn du wirklich eine Gouvernante werden mußt, Nellie, so versprich mir fest, daß du all’ deine Ferien bei uns in Moosdorf zubringen willst. Meine Heimat soll auch die deinige sein.«
Mit einem Handschlage wurde dies Versprechen besiegelt. »Du bist sehr gut, Ilse, ich werde nie wieder ein Mädchen lieben wie dir. Vergiß mir nie! Sieh dieser klein’ silbern’ Ring recht oft an und denk’ dabei immer an dein’ Nellie, die in Einsamkeit zurückgeblieben ist.«
»Nicht einsam,« tröstete Ilse, »sie haben dich alle so lieb im Institute.«
[pg 209]
»Und wenn ich fort bin, aus der Auge, aus der Sinn, dann bin ich fremd für sie.«
»Nein, Nellie, du wirst Fräulein Raimar und Fräulein Güssow nie eine Fremde sein!« entgegnete Ilse mit vollster Ueberzeugung. »Sie haben dich furchtbar lieb!«
»O ja, ich weiß; aber sie sind nicht mehr in Jugend und werden mir nie verstehn, wie du. Sie haben vergessen, wie man ein dumm’ Streich macht! Denkst du noch an der Apfelbaum?«
Die Erinnerung an diese lustige Fahrt trocknete ihre Thränen und rief ein fröhliches Lächeln auf ihre Lippen. Jede geringe Kleinigkeit durchlebten sie in Gedanken noch einmal. Die Spukgeschichte. Miß Lead in ihrem wunderbaren Aufzuge. Die Stiefelspitze, die sie beinahe verriet, ach, und die Angst, die sie ausgestanden! – »Und es war doch schön!« rief Nellie aus, »ich wünsche, daß wir noch einmal alles machen könnten!«
»Wenn du nach Moosdorf kommst,« sagte Ilse, »dann wollen wir in die Bäume klettern nach Herzenslust! Du wirst es bald lernen! O, es wird dir bei uns gefallen! Wir haben ein großes, schönes Wohnhaus mit Türmchen und Söllern, fast wie ein Schloß. Du wirst dein Zimmer dicht neben mir haben, das ist doch reizend, nicht wahr? Ich fahre dich alle Tage mit meinen Ponies spazieren, und Hunde haben wir zum Entzücken!«
So plauderte Ilse von der Heimat und schilderte der Freundin lebhaft und feurig die dortigen Herrlichkeiten. Auf diese Weise kamen sie für den Augenblick über das Weh des Abschieds hinweg, die Aussicht auf ein nicht allzufernes Wiedersehen versüßte ihren herben Trennungsschmerz. –
Wenige Stunden später stand Ilse reisefertig vor Fräulein Raimar und sagte ihr Lebewohl. Die Vorsteherin hielt sie im Arme und redete liebevoll auf sie ein.
[pg 210]
»Es thut mir leid, daß dein Vater verhindert ist, dich abzuholen,« sagte sie, »nun mußt du die weite Reise allein machen! Gern hätte ich ihn auch noch einmal gesprochen und mancherlei mitgeteilt, was ich nun schriftlich thun mußte. Wie erstaunt wird er sein, wenn er dich wiedersieht, er wird die frühere Ilse gar nicht wieder erkennen! Weißt du wohl noch, wie ungern du damals zu uns kamst?«
»Verzeihen Sie mir,« bat Ilse unter Thränen, »und vergessen Sie, wenn ich Sie kränkte!«
»O, rede nicht davon! Du bist uns allen eine liebe Schülerin geworden und ungern sehen wir dich scheiden. Ich hoffe, du schreibst mir zuweilen, liebe Ilse, und giebst mir Nachricht, ob du gute Fortschritte in der Musik und besonders im Zeichnen machst. Ich habe den Papa gebeten in diesem Briefe,« sie übergab Ilse denselben, »daß er dir noch in einigen Fächern Nachhilfe geben lassen möge, besonders möge er für einen tüchtigen Lehrer im Zeichnen sorgen, da du viel Talent dazu habest.«
Fräulein Güssow trat ein und meldete, daß der Wagen vor der Thüre stehe, sie und Nellie begleiteten Ilse zur Bahn.
»Leb wohl denn, mein Kind,« sagte die Vorsteherin, »und wenn du einmal Sehnsucht nach der Pension bekommen solltest, so kehre zu uns zurück, jederzeit wirst du uns von Herzen willkommen sein.«
Im Hausflur standen die Freundinnen versammelt. Sie umringten die Scheidende und reichten ihr Blumensträuße. Natürlich küßten und herzten sie sich unter Thränen.
»Vergiß uns nicht!« »Schreib bald!« »Ich habe dich furchtbar lieb gehabt!« so und ähnlich klang es durcheinander, und ehe Ilse in den Wagen stieg, flüsterte Flora ihr zu: »Gedenke deines Schwurs!«
»Die Blumen werden dir lästig sein unterwegs, Ilse,« meinte Fräulein Güssow, die bereits mit Nellie im Wagen [pg 211]Platz genommen hatte, »laß sie zurück und nimm aus jedem Strauße nur einige Blümchen mit.«
Aber welches junge Mädchen würde auf diesen vernünftigen Vorschlag eingegangen sein! Eine Abreise ohne Strauß ist gar keine richtige Abreise nach heutigem Begriffe. Natürlich schüttelte Ilse den Kopf und sah das Fräulein bittend an. »Ich möchte sie so gern alle mitnehmen,« sagte sie.
»Aber wie?« Darauf gab Rosi die Antwort. Sie hatte ein offenes Körbchen herbeigeholt und legte den ganzen Blumenvorrat vorsichtig hinein.
Und nun zogen die Pferde an; noch ein »Lebewohl«, ein letzter Abschiedsblick, ein Grüßen mit dem Tuche und hinter ihr lag die Stätte, an der sie eine glückliche und lehrreiche Zeit verlebt. Ilse lehnte sich im Wagen zurück und weinte laut.
Als die Damen am Bahnhofgebäude anlangten, war der Zug soeben eingefahren. Er hatte fünfzehn Minuten Aufenthalt und Fräulein Güssow hatte Zeit, ein passendes Koupee für Ilse auszusuchen.
»Wo ist ein Damenkoupee? fragte sie den Schaffner, »diese junge Dame fährt nach W.«
»Hier! hier!« rief es aus dem Fenster eines Koupees hinter ihr, »hier können junge, hübsche Damen Platz nehmen!«
Das Fräulein wandte den Kopf und blickte in ein fröhliches Studentenangesicht. Das Cereviskäppchen saß ihm keck auf einem Ohre und kaum geheilte »Schmisse« schmückten Kinn und Wange. Hinter ihm standen noch einige andre Studenten und lachten zu dem Scherze ihres Freundes. Laut und ungeniert bewunderten sie die jungen Mädchen.
»Entzückend! Wunderbar! Fortuna mit dem Füllhorne!« riefen sie den Damen nach, die sich eilig entfernten. – Fräulein Güssow ergriff unwillkürlich Ilses Hand, die hocherrötet war.
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![[Illustration]](/illustrations/9d53066b8c98475f.jpg)
»Wie unverschämt!« sagte sie entrüstet, »wie konnten sie das wagen! Ach Ilse, ich bin in Sorge um dich!« – Und sie ließ einen recht besorgten Blick über das junge Mädchen hingleiten, das in seinem schottischen Reisekleide, dem passenden Barett mit blau schillerndem Flügel an der Seite, überaus lieblich aussah. – »Du reistest noch niemals allein, und jetzt mußt du ohne Schutz die lange Fahrt machen. Wenn doch dein Papa dich abgeholt hätte!«
[pg 213]
»Das war nicht möglich!« entgegnete Ilse. »Er mußte daheim bleiben, um Mamas einzigen Bruder, der zehn Jahr in der Welt umhergereist ist, heute zu begrüßen. Ich habe ihn selbst darum gebeten, als er mir schrieb, daß er trotzdem kommen wolle. Ich bin auch gar nicht ängstlich, es ist ja heller Tag. Papa hat mir auch die ganze Reiseroute so genau aufgeschrieben, daß ich mich nicht irren kann.«
»Lies mir das noch einmal vor,« sagte Fräulein Güssow. »Ich möchte dich gern mit meinen Gedanken begleiten. Du, Nellie, könntest indessen Ilses Handgepäck in das Koupee legen.«
Ilse nahm aus einem roten Ledertäschchen, das sie an ihrem Gürtel befestigt an der Seite trug, einen Brief und las:
»Um elf Uhr Abfahrt von dort, um zwei Uhr Ankunft in M. Bis drei Uhr Aufenthalt daselbst. Dann Weiterfahrt ohne umzusteigen bis Lindenhof. Um fünf Uhr langst du dort an, steigst aus und wirst von meinem alten Freunde, Landrat Gontrau mit seiner Frau, empfangen. Sie nehmen dich mit hinaus nach Lindenhof, wo du, auf ihre dringenden Bitten, übernachtest.
»Am andern Mittag fährst du weiter und Gontrau hat mir versprochen, dich sicher zur Bahn zu befördern und alles Nötige für deine Weiterreise zu besorgen.
»Vergiß nicht, eine Photographie von mir in die Hand zu nehmen; Gontraus, denen du ja unbekannt bist, werden dich daran erkennen.«
»Hast du das Bild?« fragte das Fräulein, und als Ilse bejahte, gab sie derselben noch mancherlei gute Lehren mit auf den Weg. »Ich weiß, du bist verständig und wirst auch vorsichtig sein, aber du bist noch unerfahren und kennst die Welt und die Menschen nicht; – es giebt Leute, die gar zu gern unsre ganzen Lebensverhältnisse herauslocken möchten und höchst geschickt zu fragen verstehen; weiche ihnen soviel [pg 214]wie möglich aus und sei höchst vorsichtig in deinen Aeußerungen. Für alle Fälle warne ich dich aber, in keiner Weise eine Aufmerksamkeit oder eine Gefälligkeit, wenn sie dir überflüssig erscheint, von einem Herrn, sei er jung oder alt, anzunehmen. Folge nur stets deiner zurückhaltenden Natur, liebes Herz, dann wirst du auch das Rechte thun.«
»Einsteigen!« rief der Schaffner und unterbrach die liebevollen Ermahnungen der jungen Lehrerin. Weinend umarmte Ilse dieselbe, und alles, was sie an Liebe und Dankbarkeit für dieselbe empfand, stammelte sie in zwei Worten mühsam hervor: »Dank – Dank –«
»Leb’ wohl denn, mein geliebtes Kind!« entgegnete diese und schloß ihr den Mund mit einem innigen Kusse.
Und Nellie? Der Abschied von ihr war der schwerste Augenblick für Ilse. »Behalt’ mir lieb,« bat sie kaum hörbar und sah dabei so unglücklich aus, als ob das Glück für immer von ihr scheide. Und Ilse hielt sie fest umschlungen und vermochte kein Wort hervorzubringen, – dann riß sie sich los und stieg ein.
Im letzten Augenblicke stieg noch eine alte Dame mit weißen Locken ein. Sie war ganz außer Atem von dem eiligen Gehen und schien etwas ängstlich und unbeholfen zu sein. Fräulein Güssow war ihr beim Einsteigen behilflich und als der Schaffner ihr Billett koupierte, erfuhr sie zu ihrer großen Freude, daß die Dame und Ilse die gleiche Reisetour hatten. Sie richtete die herzliche Bitte an dieselbe, daß sie das junge Mädchen unter ihren Schutz nehmen möge. Mit größter Liebenswürdigkeit versprach dies die Dame.
Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Ilse lehnte zum Fenster hinaus und grüßte mit dem Tuch die Zurückbleibenden. – Schmerzlich bewegt blickte Fräulein Güssow dem Zuge nach, es war ihr, als ob er ein Stück von ihrem Herzen mit sich nähme! Noch nie hatte sie mit so vieler Liebe und Hingebung sich der Erziehung einer Schülerin gewidmet, [pg 215]noch nie hatte sie sich durch den glücklichen Erfolg so belohnt gefühlt. – Nun ging sie fort und wer konnte sagen, ob sie das Kind je wiedersehen werde?
»Komm,« wandte sie sich der laut schluchzenden Nellie zu, »wir wollen gehen!« Und sie zog Nellies Arm durch den ihrigen und sprach tröstende Worte zu ihr – und hatte doch selbst ein so tiefbetrübtes Herz.
* * *
Im Flug entführte der Dampfwagen Ilse dem Orte, den sie unter so verschiedenartigen Gefühlen betreten und wieder verlassen hatte. Reichlich flossen ihre Thränen. Sie hielt das Tuch gegen die Augen gedrückt und die liebliche Gegend, an der sie vorüberfuhr, die Berge, die ihr vertraute Bekannte geworden, erhielten keinen Abschiedsgruß von ihr. Ein Sonnenstrahl stahl sich zum Fenster hinein, fiel auf ihr lockiges Haar und färbte es golden, aber Trost in ihrem Kummer vermochte er ihr nicht zu bringen.
Die Dame sah teilnehmend auf die Weinende, aber sie störte sie nicht in ihrem Schmerze. Erst als sie bemerkte, daß Ilse ruhiger wurde, knüpfte sie ein Gespräch mit ihr an.
»Ich verstehe Ihren Kummer wohl, liebes Kind,« sagte sie herzlich, »und kann Ihnen nachempfinden, wie Ihnen um das Herz ist. So ein Abschied von der Pension ist ein wichtiger Abschnitt, es thut weh, von den Freundinnen scheiden zu müssen, die man lieb gewonnen hat, – aber Kind, so gar trostlos müssen Sie das alles nicht ansehen. Die Trennung ist ja nicht für das ganze Leben, die Freundinnen werden Sie in Ihrer Heimat besuchen. Es ist wohl schön in Ihrer Heimat?«
Das war eine Frage zur rechten Zeit. Ilses Kinderaugen lachten noch unter Thränen die Fragerin an. Sie fing an, lebhaft zu erzählen, ihre Gedanken kehrten in das Eltern[pg 216]haus zurück, und zum erstenmale dachte sie seit längerer Zeit mit ungetrübter Sehnsucht an dasselbe.
»Wie werden Sie sich freuen, die Eltern wiederzusehen!« fuhr die Dame fort, die großes Wohlgefallen an dem jungen Mädchen fand.
»O sehr, sehr!« entgegnete Ilse, »und besonders freue ich mich auf den kleinen Bruder, den ich noch gar nicht kenne! Ich habe sein Bild bei mir, darf ich es Ihnen zeigen?«
![[Illustration]](/illustrations/5e5bed628d6ccf77.jpg)
Sie nahm eine Ledertasche von oben herab, öffnete dieselbe und nahm ein Album daraus hervor.
»Das ist er!« sagte sie und zeigte mit Stolz auf einen kleinen, dicken Buben, der im Hemdchen photographiert war.
»Ein schönes Kind!« bewunderte die Dame, »und ist das Ihre Mama, die den Kleinen auf dem Schoße hält?«
Ilse bejahte. »Hier ist mein Papa,« fuhr sie fort und holte sein Bild aus dem Saffiantäschchen. Was war natür[pg 217]licher, als daß sie bei dieser Gelegenheit erzählte, daß ihr das Bild zum Erkennungszeichen dienen solle, wenn Gontraus sie empfangen würden.
»Gontrau?« fragte die alte Dame, »Landrat Gontrau? Das sind ja liebe Bekannte von mir. Mein Mann, Sanitätsrat Lange, ist seit langen Jahren Arzt in ihrem Hause! Wir wohnen in L., das ist die nächste Station von Lindenhof. Wie sich das wunderbar trifft! Nun stecken Sie das Bild Ihres Papas nur getrost ein, wir haben es nicht mehr nötig; jetzt werde ich Sie meinen Freunden zuführen! So viel Zeit habe ich bei meinem kurzen Aufenthalte!«
Ilse war sehr erfreut über diesen wunderbaren Zufall, und im Geplauder mit der liebenswürdigen, feingebildeten Frau Rat verging ihr die Zeit mit Windesschnelle. Sie war ganz erstaunt, als der Schaffner das Koupee öffnete und hineinrief: »Station M.! Sie müssen aussteigen, meine Damen!«
»Schon!« rief Ilse und griff nach ihren Sachen.
Frau Rat hatte sich auch erhoben und suchte ihr Handgepäck zusammen. Es geschah alles mit ängstlicher Hast, ihre Hände zitterten etwas in nervöser Aufregung. Eine Ledertasche, die sie von oben herabnahm, entfiel ihrer Hand. Das Schloß an derselben sprang auf und verschiedene kleine Gegenstände kollerten auf den Boden.
»O Gott!« rief sie erschrocken, »was habe ich da gemacht!« – Sie wollte sich bücken und ließ eine Schachtel dabei fallen.
»Bitte, lassen Sie mich alles besorgen!« beruhigte sie Ilse. Schnell hatte sie alles aufgesucht und wieder in die Tasche gethan. Das Portemonnaie der Frau Rat, das sich ebenfalls unter den herausgefallenen Dingen befand, steckte sie tief hinein in die Tasche, verschloß dieselbe vorsichtig und gab sie der geängsteten Dame in die Hand.
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»So,« sagte sie, »nehmen Sie das an sich, für Ihre übrigen Sachen werde ich Sorge tragen.«
Sie legte sämtliches Handgepäck zusammen auf den Sitz, stieg dann hinaus, ließ sich dasselbe von der Dame zureichen, übergab es einem bereitstehenden Packträger und half endlich der Frau Rat vorsichtig die hohen Stufen hinabsteigen.
»Danke, danke, liebes Kind,« sagte diese. »Wie umsichtig und verständig Sie alles besorgen! Ich hätte das bei Ihrer Jugend kaum erwartet.«
Ilse wunderte sich selbst darüber, wer weiß aber, ob ihre Selbständigkeit sich so plötzlich entwickelt hätte, wenn die hilflose Art und Weise ihrer Begleiterin dieselbe nicht herausgefordert hätte. – Ganz stolz hob sie den Kopf bei diesem Lobe und wünschte: wenn Fräulein Güssow doch gleich dasselbe hören könnte! Sie hatte so große Besorgnisse gehabt, und jetzt war sie Beschützerin, anstatt daß sie beschützt wurde! – Es war wirklich ein recht erhebendes Gefühl für sie, leider nicht von langer Dauer!
Als sie mit Frau Rat langsam dem Stationsgebäude zuschritt, hörte sie laute Zurufe aus einem Koupee des noch haltenden Zuges. Ein flüchtiger Blick und sie hatte sofort die Studenten erkannt. Ganz ängstlich ergriff sie den Arm der Dame, denn in diesem Augenblick war all ihre frohe Sicherheit geschwunden und sie fühlte sich recht eines Schutzes bedürftig.
»Leb wohl – leb wohl – du süße Maid! – Nur einen Abschiedsblick, reizendes Lockenköpfchen!« riefen die Uebermütigen, und als der Zug schon im Weiterfahren war, warf einer von ihnen ihr eine herrliche Rose zu, sie fiel gerade zu ihren Füßen.
Ilse wandte sich ab, sie wußte vor Scham und Verlegenheit nicht, wohin sie den Blick wenden sollte.
»Kannten Sie die jungen Herren?« fragte Frau Rat. –
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Ilse verneinte und erzählte, daß sie dieselben zum ersten Male bei ihrer Abreise gesehen.
»Ja, das ist lustiges Blut!« meinte Frau Rat. »Die ganze Welt gehört ihnen und man darf es ihnen nicht übel nehmen, wenn sie sich mehr herausnehmen als andre. – Wollen Sie die Rose nicht aufnehmen, Kind?«
Ilse hatte wohl den Wunsch, aber sie schüttelte doch den Kopf. »Ich darf nicht,« sagte sie, und Fräulein Güssows Worte: »keine Aufmerksamkeit von einem Herrn anzunehmen,« standen mahnend vor ihrer Seele. – Der Werfer fuhr freilich auf und davon und niemals hätte er erfahren, ob sie die Rose nahm oder nicht, – trotzdem schwankte sie nicht, ihre Gewissenhaftigkeit und das eigne Bewußtsein waren die Wächter, die sie zurückhielten.
Frau Rat verstand sofort Ilses Benehmen und freute sich über ihr Taktgefühl. »Sie haben recht, Kind,« sagte sie, »und eigentlich beschämen Sie mich etwas. Aber ich dachte nicht gleich daran, wer die Blume geworfen hat. Ich sah das herrliche Prachtexemplar im Staube liegen und es that mir leid um die unschuldige Rose.«
Nach einer Stunde Aufenthalt fuhren die Damen weiter. Ilse hatte die Zeit benützt, eine Korrespondenzkarte an Fräulein Güssow zu schreiben. Als sie schrieb, meldete sich der Abschiedsschmerz aufs neue. Es verwischten sogar einige Thränen die frische Schrift; aber sie meldete, daß ihr die Reise bis jetzt furchtbar schnell vergangen sei, und Frau Rat wäre eine zu entzückende Frau.
Die Erwähnte dachte ungefähr ebenso von ihrer jungen Reisegefährtin. Sie hatte in der kurzen Zeit eine warme Zuneigung zu derselben gefaßt. Ilse war so ganz anders als all die jungen Mädchen ihrer Bekanntschaft. Sie verglich sie mit einem sprudelnden Waldquell, dessen Wasserspiegel bis auf den klaren Grund sehen läßt. Wahr und offen und doch nicht geschwätzig, natürlich und ohne jede Ziererei. Und doch, wie [pg 220]hübsch war die Kleine! – Frau Rat blickte mit innerer Freude in Ilses rosiges Gesicht, in ihre braunen Augen, die ein so getreuer Spiegel ihrer Seele waren; die sie traurig und thränengefüllt, fröhlich und schelmisch aufleuchten sah, und deren dunkle Wimpern sich sittsam senkten, als übermütige Studenten ihr huldigen wollten.
»Nun sind wir in wenigen Minuten in Lindenhof und müssen uns trennen,« sagte Frau Rat. »Es thut mir von Herzen leid, ich habe Sie sehr lieb gewonnen. Versprechen Sie mir fest, mich zu besuchen, wenn der Zufall Sie in die Nähe von L. führen sollte.«
Ilse versprach das gern und gestand, daß auch ihr das Scheiden schwer werde. Frau Rat hätte so ›himmlisch‹ verstanden, sie zu trösten.
»Da sind wir schon!« rief Frau Rat und steckte den Kopf zum Fenster hinaus, um sich nach Gontraus umzusehn. Sie waren nicht zu erblicken. Einige Bauernfrauen standen wartend mit ihren Tragkörben da, sie wollten mit dem Zuge weiterfahren, das war alles. – Ilse hatte auch hinausgeschaut und als sie niemand anwesend sah, der sie erwartete, wurde es ihr recht bange.
»Ach!« seufzte sie, »was fange ich nun an! Ich bin ganz verlassen hier! Lassen Sie mich mit Ihnen weiterfahren, liebe Frau Rat, und nehmen Sie mich für die eine Nacht auf. Bitte, bitte!«
»Wie gern thäte ich das, mein Kind; aber das wäre gegen die Bestimmung Ihrer Eltern. Gontraus werden noch kommen, auf jeden Fall! Sie haben sich etwas verspätet, Sie können es glauben. Was würden sie sagen, wenn Fräulein Ilse davongeflogen wäre?«
Ilse seufzte schwer und stieg aus. Ihr Gepäck, auch die Blumen, die trotz des häufigen Besprengens mit frischem Wasser die Köpfchen traurig hängen ließen, hatte sie aus dem [pg 221]Koupee gehoben, – nun stand sie da und sah sich hilflos nach beiden Seiten um.
»Machen Sie nicht ein so trostloses Gesicht, liebes Kind,« beruhigte die alte Dame, »es wäre ja noch immer kein Unglück, wenn Gontraus durch irgend ein Mißverständnis Sie heute nicht erwarteten! In diesem Falle bestellen Sie einen Wagen im Stationsgebäude und fahren nach Lindenhof hinaus. In einer guten Stunde sind Sie dort, und daß Sie bei den lieben Menschen mit offnen Armen empfangen werden, dafür stehe ich ein.«
»Nein, nein! das thue ich nicht! Das würde ich nicht wagen!« rief Ilse ganz erschrocken. »Ich weiß ja gar nicht, ob man mich haben will! Ich kann doch nicht unbekannten Leuten in das Haus fallen!«
Es leuchtete so etwas vom alten Trotze dabei aus ihren Augen und die Oberlippe kräuselte sich in verdächtiger Weise. Frau Rat lächelte über den jugendlichen Ungestüm.
»Man will Sie haben, und fremde Leute sind es auch nicht, zu denen Sie kommen, kleine Ungeduldige,« sprach sie scherzhaft. »Der Landrat ist ein sehr guter Freund Ihres Vaters.«
Ilse konnte sich nicht dabei beruhigen, sie wurde sogar noch niedergeschlagener.
Als Frau Rat bemerkte, daß sie nur noch fünf Minuten beisammen sein würden, füllten sich ihre Augen mit Thränen.
»Gehen Sie einmal schnell um das Gebäude, dort können Sie die ganze Chaussee überblicken, die nach dem Rittergute führt. Vielleicht sehen Sie den Wagen kommen.«
Sie that, wie ihr geraten wurde. Im vollen Laufen öffnete sie das Saffiantäschchen und nahm Papas Bild heraus. »Es ist zwar doch vergeblich,« dachte sie, »aber ich will es für alle Fälle in die Hand nehmen.«
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![[Illustration]](/illustrations/757af8b0cdd3d67d.jpg)
Kaum hatte sie sich entfernt, kaum war sie links um das Haus gegangen, als von der andern Seite desselben ein junger, schlanker Mann mit leichtem, elastischen Schritt eilig hervortrat. Sein Auge glitt suchend über den Perron, dann ging er dicht an dem Zuge entlang und spähte forschend in jedes Koupee. Frau Rat hatte ihn sofort entdeckt und ihre Züge verklärten sich, – der Suchende war niemand anders als der Sohn des Landrats. »Leo! Leo!« rief sie ihn an, »komm, schnell! Wo sind deine Eltern? Du suchst sie, nicht wahr? Ich bin mit ihr gefahren – sie ist ein reizendes, junges Mädchen! Frisch wie eine Waldblume, sage ich dir. Dort ist sie um das Haus gegangen!«
»Was für eine Waldblume meinst du, Tante Rat?« fragte der junge Mann etwas erstaunt und sah mit seinen [pg 223]offenen, klugen Augen die Angeredete, die sehr schnell und mit lebhaften Gesten gesprochen hatte, an. »Von wem sprichst du?«
»Von ihr – von ihr!« rief sie zurück. »Von Ilse, die ihr erwartet,« wollte sie eigentlich sagen, aber der Name fiel ihr im Augenblick nicht ein; das betäubende Läuten der Glocke, die das Zeichen zur Abfahrt gab, machte sie nervös und verwirrte sie, es kam noch hinzu, daß der junge Mann ihren Worten wenig Aufmerksamkeit schenkte und immer auf dem Sprunge stand, sie zu verlassen.
»Ich muß dich verlassen, Tante!« sagte er denn auch, »ich muß mich nach einem Kinde umsehen, das ich mit diesem Zuge erwarte –«
»Sie ist es! Sie ist es!« rief sie lebhaft, aber er hörte ihre Worte nicht mehr, sondern von neuem ging er suchend den Zug entlang.
»Haben Sie ein allein reisendes Kind bemerkt – und ist dasselbe vielleicht hier ausgestiegen?« fragte er einen Schaffner.
»Nein!« antwortete dieser und schwang sich auf seinen hohen Sitz hinauf, denn der Zug setzte sich langsam in Bewegung.
Als Frau Rat an ihm vorüberfuhr, rief sie ihm einige Worte zu, leider vergeblich, er verstand sie nicht.
Assessor Gontrau blieb stehen, etwas ratlos und nachdenklich. Der Oberamtmann Macket hatte seinen Vater gebeten, daß er sofort bei Ilses Ankunft telegraphieren möge, ob sie glücklich angekommen sei. Was sollte er jetzt thun? Es blieb ihm nichts andres übrig, als eine Depesche abzusenden mit den Worten: »Nicht angekommen!«
Eben im Begriffe, sich zu diesem Zwecke in das Bureau zu begeben, fiel sein Blick auf einen Brief, der auf der Erde dicht vor ihm lag. Er hob ihn auf und las die Aufschrift auf dem geöffneten Kouvert. Nicht wenig erstaunte er, als [pg 224]er die Adresse las: »Fräulein Ilse Macket,« – sonderbar! Der Schaffner und die Leute hier haben kein Kind aussteigen sehen und doch muß es angekommen sein!
»Wissen Sie nicht, wer den Brief verloren hat?« wandte er sich an eine Frau, die einen kleinen Obststand in der Nähe hatte.
»Gesehen habe ich es gerade nicht,« meinte die, »aber ein junges Fräulein mit Locken hat ihn gewiß mit aus der Tasche gezogen. Ich sah, daß sie etwas herausnahm. Die dort war es,« unterbrach sie sich plötzlich und zeigte auf Ilse, die um das ganze Haus gegangen war und von der entgegengesetzten Seite gerade hervortrat, als der Zug abfuhr.
Ihre alte Freundin grüßte noch einmal zärtlich zum Fenster hinaus, machte auch allerhand bedeutungsvolle Zeichen, winkte nach der andern Seite zu Leo hinüber, – Ilse verstand nichts von allem.
Höchst unglücklich stand sie da und blickte dem Zuge nach, der ihre einzige Bekannte hier in die Ferne führte. »Nun bin ich verlassen!« sprach sie für sich, »was soll ich nun anfangen!« Es war merkwürdig, wie ihre mutige Sicherheit ein so schnelles Ende genommen hatte. – Wie recht hatte Fräulein Güssow mit ihrer Besorgnis! Auf diesen Fall war sie gar nicht vorbereitet! Was sollte sie nun beginnen? Am liebsten hätte sie wie ein kleines Kind angefangen zu weinen, sie schämte sich nur vor dem jungen, blonden Postbeamten, der zu einem Parterrefenster hinauslehnte und sie neugierig beobachtete.
Aus ihrer peinlichen Ratlosigkeit schreckten sie plötzlich eilige Schritte auf und gleich darauf erfolgte die Anrede: »Gnädiges Fräulein, ich bitte um einen Augenblick!«
Ilse wandte den Kopf, und als ihr Auge flüchtig die Gestalt eines jungen Mannes streifte, erfaßte sie eine unnennbare Angst. Was wollte er von ihr – warum redete er sie an? Sie verlor alle ruhige Fassung und nur der eine Gedanke beherrschte sie: Du darfst ihn nicht anhören! – Als [pg 225]ob sie nichts gehört habe, ging sie weiter, und als sie bemerkte, daß sie verfolgt wurde, beschleunigte sie ihre Schritte. Wie ihr das Herz klopfte vor Angst und Aufregung!
»Sie haben etwas verloren, gnädiges Fräulein, wollen Sie nicht die Güte haben, mir einen Augenblick Gehör zu schenken!« rief er dringend.
Nun stand sie still, aber sie wagte nicht, sich nach ihm umzusehen. Er benützte schnell diesen Moment und trat vor sie hin. Mit einem leichten, spöttischen Lächeln betrachtete er den kleinen Backfisch, der so ängstlich und blöde vor ihm davonlief. Schon schwebte ihm eine etwas ironische Bemerkung auf den Lippen, die er indes unterdrückte, als er in das liebliche, rosige Antlitz sah. Mit niedergeschlagenen Augen und in ängstlicher Verlegenheit stand sie vor ihm. – ›Wie eine Waldblume‹ hatte Tante Rat zu ihm gesagt, jetzt wußte er, wen sie damit gemeint.
»Ich fand diesen Brief dort,« sprach er, »gehört er vielleicht Ihnen?«
Ein flüchtiger Blick belehrte Ilse, daß er den Brief ihres Papas in der Hand hielt. »Ja,« sagte sie, ziemlich beschämt über ihr albernes Davonlaufen, »er gehört mir.« – Sie nahm ihn in Empfang, ohne den jungen Mann anzusehen.
»Ich danke Ihnen,« fügte sie noch hinzu und wollte mit einer schüchternen Verbeugung weitergehen.
»Und war die Adresse an Sie gerichtet?« fragte er weiter, so daß sie zögernd still stand.
Doch bevor er noch ihre Antwort abwartete, rief er plötzlich erfreut und lachend zugleich: »Sie – Sie sind Fräulein Ilse Macket! ich sehe die Photographie in Ihrer Hand! Das ist ein wundervoller Spaß!«
Erstaunt blickte Ilse ihn an, und nun sah sie zum ersten Male in das hübsche, von der Sonne etwas gebräunte Gesicht des jungen Gontrau.
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»Verzeihen Sie mein unschickliches Lachen,« entschuldigte er sich, »aber Sie werden dasselbe verstehen, wenn ich Ihnen Aufklärung gegeben habe. – Zuvor erlauben Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle, mein Name ist Gontrau.« – Er hob den weichen Filzhut ab und begrüßte sie in liebenswürdiger, ehrerbietiger Weise.
»Gontrau!« rief Ilse strahlend vor Freude, »ist’s wahr, Gontrau? Aber Sie sind doch nicht – doch nicht –«
»Der Landrat?« ergänzte er ihre Frage. »Nein, der bin ich nicht, nur sein Sohn.«
»Ich war recht einfältig, daß ich Ihnen davonlief,« sprach sie errötend, »aber ich wußte nicht, wer Sie waren; ich hielt Sie für einen fremden Herrn, der mich ausfragen wollte. Ach, Sie glauben nicht, wie ich mich geängstigt habe, als ich so ganz allein hier stand! Wie ein verirrtes Kind kam ich mir vor, das nicht weiß woher und wohin. Nun bin ich froh, furchtbar froh! Aber wo sind Ihre Eltern?« plötzlich fiel es ihr ein, daß dieselben nicht anwesend waren. »Bitte, führen Sie mich zu ihnen.«
»Leider konnten sie nicht die Freude haben, Sie hier zu begrüßen,« entgegnete Leo, den ihr kindliches Geplauder geradezu entzückte. »Meinem Vater ist ein kleiner Unfall zugestoßen. In dem Augenblick, als er den Wagen besteigen wollte, um hierher zu fahren, vertrat er sich den Fuß und zwar so böse, daß er zurückbleiben mußte. Die Mutter konnte zu ihrem Kummer nun auch nicht fort, sie mußte dem Vater behilflich sein. Dieser Unfall ist denn auch an meiner Verspätung schuld, die ich von ganzem Herzen bedaure, doppelt bedaure, da sie Ihnen Sorge und Kummer bereitet hat. Mama hatte sich so darauf gefreut, ›die Kleine‹ in Empfang nehmen zu können! Ja, ja, ›die Kleine‹,« wiederholte er und amüsierte sich über ihr verwundertes Gesicht. »Ihr Herr Papa trägt die Schuld an dem Irrtum, in dem wir befangen waren. Er sprach in seinen Briefen nur von seiner ›Kleinen‹, [pg 227]oder von ›seinem Kinde‹, das er allein und schutzlos die weite Reise machen lassen müsse, er fürchtete, daß dem ›kleinen Mädchen‹, das die Pension verließ, etwas zustoßen könne. Natürlich erwarteten wir nun auch ein Kind, so ein halberwachsenes Mädchen von zwölf, höchstens dreizehn Jahren.«
»Nein, aber der Papa!« rief Ilse und lachte, aber nicht so frisch und frei wie gewöhnlich, es klang etwas gezwungen. Es war ihr nicht ganz angenehm, daß der Papa noch eine so kindliche Meinung von ihr hatte. »Papa ist zu komisch! Er hält mich noch immer für die halberwachsene Ilse! Wie wird er sich wundern, wenn er mich wiedersieht! Mit siebzehn Jahren ist man kein Kind mehr, nicht einmal ein Backfisch!«
»Bewahre!« stimmte der Assessor ihr bei, »mit siebzehn Jahren ist ein junges Mädchen eine vollendete Dame.«
Es kam halb wie leichter Spott heraus, aber er machte ein ganz ernstes Gesicht und verzog keine Miene. So glaubte sie denn mit Stolz an die »vollendete« Dame.
Nur ihr Handgepäck nahm Ilse mit hinaus nach Lindenhof, dasselbe war schon in dem Wagen untergebracht, den Korb mit den Blumen stellte der Kutscher eben hinein.
»Die vielen Sträuße!« bemerkte Leo Gontrau und diesmal lächelte er wirklich etwas. »Der Korb muß Ihnen doch eine Last gewesen sein?«
»O nein, nein!« sprach sie eifrig dagegen, »es sind ja lauter Abschiedsgrüße von meinen Freundinnen!«
»So viele Freundinnen!« meinte er und sah in den Korb.
»Es sind sieben Sträuße,« belehrte ihn Ilse, die nämlich glaubte, er wolle dieselben zählen.
»Sie waren schön,« meinte er, »jetzt sind sie schon etwas welk. Nur dieser Rosenstrauß mit der Vergißmeinnichteinfassung ist noch frisch.«
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Ilse ergriff denselben und beugte ihr Antlitz darauf. Eine augenblickliche Rührung überkam sie, als sie der Geberin gedachte.
»Ich habe ihn von meiner liebsten Freundin,« sagte sie innig – »von Nellie Grey.«
»Nellie Grey?« fragte er. »Wohl eine Engländerin? Ist sie hübsch und liebenswürdig?« setzte er scherzend hinzu.
»Sie ist reizend!« rief Ilse und geriet förmlich in Feuer, als sie von der Freundin erzählte.
Er hörte ihr stillschweigend zu und amüsierte sich über die Begeisterung, mit der sie lobte, und besonders über die überschwenglichen Ausdrücke, die dabei ihren Lippen entschlüpften. Sie wußte es gar nicht, wie sehr sie sich Melanies Angewohnheit zu eigen gemacht hatte und wie Ausrufe, als: furchtbar reizend! himmlisch! entzückend! süß! u. s. w. u. s. w. ihr ebenso geläufig waren als Melanie und den übrigen Backfischen.
»Wollen Sie nicht erst im Bahnhofsgebäude eine kleine Erfrischung einnehmen?« fragte Leo und bot ihr den Arm, um sie dorthin zu führen.
Dankend lehnte sie sein Anerbieten ab, trotzdem sie es eigentlich gern angenommen hätte. Sie war nämlich hungrig und ihr Magen trug rechtes Verlangen nach einem kräftigen Imbiß. Eine vollendete Dame aber durfte den Hunger nicht merken lassen, es wäre doch geradezu kindisch gewesen.
»Es ist kühl,« bemerkte er, als er ihr in den Wagen geholfen, »und mein Auftrag lautet: Hülle ›das Kind‹ gut ein, damit es sich nicht erkältet in der halboffenen Chaise.« Und er nahm ein warmes Tuch, das schon bereit lag, und wickelte sie fest darin ein, auch eine Decke schlug er um ihre Füße.
Sie ließ es gern geschehen, denn der Herbstwind pfiff kalt über die leeren Felder; sie lachte sogar über seine Für[pg 229]sorge; aber hinterher kamen die Bedenken. War es recht, daß sie sich von ihm einhüllen ließ? War es nicht eine Vertraulichkeit, die sie gestattet hatte? Würde Fräulein Güssow ihr Benehmen schicklich finden? Ob Nellie wohl so gehandelt haben würde, wie sie, oder ob sie nicht lieber ihren Regenmantel angezogen hätte! Sie konnte es auch thun, er lag im Riemen geschnallt dicht bei ihr.
Mitten in ihren peinlichen Zweifeln und Sorgen vernahm sie ein herzliches Lachen ihres Nachbars. Natürlich brachte sie es sofort mit ihren Gedanken in Verbindung.
»Lachen Sie über mich?« fragte sie beinahe ängstlich.
»Nein, nein!« entgegnete er, »wie kommen Sie zu dieser Frage? Wie würde ich mir je erlauben, eine junge Dame auszulachen! Diese Birne ist an meiner Heiterkeit schuld. Sie fiel mir soeben aus der Wagentasche auf die Hand und erinnerte mich an Mamas letztes Wort, das sie mir nachrief, als ich fortfuhr.«
»Was sagte sie?« fragte Ilse und sah ihn neugierig an.
»Vergiß ja nicht, ›dem Kinde‹ die Birnen zu geben, Leo, sprach sie. Die Kleine wird wohl hungrig sein. Ich glaube,« unterbrach er sich und griff in die Seitentasche, »sie sprach auch von einem Stück Kuchen. Richtig!« rief er lachend und zog ein kleines Paketchen hervor, »da ist er! Darf ich es wagen, gnädiges Fräulein, Ihnen Kuchen und Birnen anzubieten?«
Dieser Verlockung konnte sie nicht widerstehen. »Warum nicht?« entgegnete sie unbefangen und griff zu. »Obst ist meine ganze Leidenschaft und Kuchen esse ich furchtbar gern! In der Pension haben wir nicht viel davon zu sehen bekommen, Fräulein Raimar behauptete, der Magen werde schlecht vom vielen Kuchenessen. Ist das nicht eine furchtbar öde Ansicht?«
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»Ja, eine furchtbar öde Ansicht!« wiederholte er mit ganz ernsthaftem Gesicht, »ich begreife nicht, wie Sie es aushalten konnten, ohne Kuchen zu leben!«
»Manchmal,« erzählte sie, »ließen wir uns heimlich ein Stückchen holen, über Mittag, wenn das Fräulein schlief.«
»So, so!« lachte er, »das sind ja schöne Geschichten, das muß ich sagen!«
»Wir thaten es nicht oft,« entschuldigte sich Ilse, »nur dann und wann, wenn wir gar zu großen Appetit darauf hatten. Finden Sie das unrecht?«
»Daß Sie den Kuchen aßen, finde ich durchaus nicht unrecht,« neckte er sie, »aber daß Sie ihn heimlich holen ließen, gefällt mir nicht. Warum fragten Sie nicht die Vorsteherin um Erlaubnis?«
»Sie sind aber klassisch!« rief Ilse, »dann hätten wir es doch nicht gedurft! Es war doch nichts Böses, was wir thaten, nur ein ganz harmloses Vergnügen, Fräulein Raimar hatte nicht den geringsten Schaden davon, ob wir Kuchen aßen oder nicht.«
»Sie sind eine kleine Rechtsverdreherin!« tadelte er sie lachend, »ob Schaden oder nicht, darauf kommt es gar nicht an. Die Dame hatte ihre Gründe, weshalb sie Ihnen den Genuß des Kuchens verbot. Nummer I: Sie handelten gegen ihren Willen – folglich sind Sie strafbar! Nummer II: Sie thaten es heimlich – das erschwert das Vergehen!«
Sie lachte höchst vergnügt. »Herrgott, sind Sie aber pedantisch!«
»Ich bin Jurist, gnädiges Fräulein, und gehe jeder Sache auf den Grund.«
»Jurist!« wiederholte Ilse und sah ihren Nachbar etwas mißtrauisch an. »Das glaube ich nicht! Sie sehen nicht so aus.«
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»Warum nicht? Haben die Juristen ein besonderes Aussehen?«
Diese Frage brachte sie etwas in Verlegenheit. Sie hätte ihm keine andre Antwort daraus geben können, als daß die Juristen, die öfters auf Moosdorf zu Gaste kamen, ganz anders ausschauten. Es waren lustige Herren, die gerne ein Glas Wein liebten, aber jung und schön waren sie nicht. Sie sah ihn an und schüttelte ungläubig den Kopf. »Sie sind nicht Jurist,« widerstritt sie.
»Nun, ich bin doch neugierig, wofür Sie mich halten,« fragte er höchst amüsiert, »jetzt legen Sie eine Probe von Ihrer Menschenkenntnis ab!«
»Sie sind Künstler – vielleicht Musiker – oder Maler?«
Er lachte laut. »Musiker!« rief er, »ich ein Musiker! Wenn Sie wüßten, gnädiges Fräulein, welch ein großes Wort Sie gelassen aussprachen! Ich verstehe keine Note und bin so unmusikalisch wie ein Stock! Es thut mir leid, daß ich Ihre für mich so schmeichelhafte Illusion zerstören muß, indes was kann es helfen! Ich muß mich Ihnen leider als ein ganz gewöhnliches Menschenkind vorstellen, das weder Maler noch Musiker ist. Trotz Ihres Zweifels bin ich Jurist und seit vier Wochen Assessor. Sind Sie nun überzeugt?«
»Also kein Künstler, ach, wie schade!« sprach Ilse bedauernd. »Es müssen doch reizende Menschen sein!«
»Nicht immer,« wollte er sagen, doch that er es nicht. Warum ihre naiven Anschauungen zerstören? Sie war noch so jung und sah so gläubig aus.
»Sehen Sie dort die Kirchturmspitze?« brach er das Gespräch ab, »die Wetterfahne darauf glänzt hell im Mondenscheine, das ist die Kirche von Lindenhof! In zehn Minuten sind wir dort.«
Als der Wagen vor dem Portale des Hauses hielt, trat Frau Gontrau schnell auf denselben zu, um ihren kleinen Gast [pg 232]in Empfang zu nehmen. Als das erwachsene Mädchen dafür ausstieg und Leo den Irrtum erklärte, nahm sie dasselbe lachend in den Arm.
»Ob groß, ob klein,« sagte sie mit Wärme, »Sie sind mir von Herzen willkommen!«
Und sie führte Ilse in das Speisezimmer, in welchem sich der Landrat befand. Er saß in halbliegender Stellung auf dem Sofa und streckte dem jungen Mädchen beide Hände entgegen.
»Das ist eine kostbare Ueberraschung!« rief er aus, »eine kostbare Ueberraschung! Anstatt des Kindes kommt eine junge Dame an! Hat uns Freund Macket mit Absicht getäuscht?«
Ilse lachte und zeigte die weißen Zähne.
»Wie Sie dem Papa ähnlich sehen!« fuhr er lebhaft fort, »derselbe Mund, die Zähne, das Kinn, es ist auffallend!« Er schob die Lampe näher zu ihr, damit er sie noch besser betrachten könne. »Das Haar haben Sie von der Mutter geerbt, auch die braunen Augen, das heißt nur in Farbe und Schnitt. Der Ausdruck der Ihrigen ist lebhafter, er verrät nicht das sanfte Taubengemüt der seligen Mama. Können Sie zornig blicken?« fragte er scherzend.
»Aber lieber Mann,« unterbrach ihn Frau Gontrau lachend, »erst stellst du ein peinliches Examen mit dem Aeußeren unsres lieben Gastes an, nun gehst du auch noch auf die Charaktereigenschaften über! – Kommen Sie, liebes Kind, ich will Sie erlösen. Ich werde Sie auf Ihr Zimmer führen, damit Sie sich von der langen Reise etwas erfrischen können. Ich habe Sie dicht neben mein Schlafzimmer einquartiert, die Fremdenzimmer liegen eine Treppe höher, und ich dachte, die Kleine fürchte sich, allein dort zu schlafen.«
»O wie reizend!« rief Ilse kindlich erfreut und verriet, daß sie im Punkte der Furcht noch ganz wie ein richtiges Kind empfand.
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»Leo,« redete der Amtsrat den Sohn an, als die Damen das Zimmer verlassen hatten, »ist sie nicht ein reizendes Kind?«
Der Angeredete schien sehr vertieft in seiner Zeitungslektüre, wenigstens mußte der Vater noch einmal die Frage wiederholen, bevor er eine Antwort erhielt.
»Ja, ja,« gab er gleichgültig zur Antwort, »sie ist ein ganz netter, kleiner Backfisch!«
»Netter Backfisch! Ist das ein Ausdruck für ein so liebliches Wesen! Hast du denn gar keine Augen im Kopfe? Ich sage dir, Temperament steckt in dem ›kleinen Backfisch‹, mehr als du dir träumen läßt! Ein Blick und ich weiß Bescheid! Du hast kein Urteil, mein Junge, darin ist dein Vater dir über!«
Leo gab keine Antwort darauf und las andächtig weiter.
Die Abendstunden entschwanden in Frohsinn und Heiterkeit. Ilse plauderte und erzählte ganz ohne Scheu. Sie fühlte sich heimisch bei den lieben Menschen. Der Landrat liebte es, sie zu necken, und sie verstand seinen Scherz.
»Bleiben Sie einige Tage hier,« redete er ihr zu, »die Zeit ist so kurz bis morgen mittag. Wir telegraphieren den Eltern, daß wir Sie hier behielten, sie werden nicht böse darüber sein.«
Leo warf einen schnellen Blick zu Ilse hinüber, der fast wie eine Bitte aussah, auch erbot er sich, ganz früh am andern Morgen nach dem Stationsgebäude zu reiten, um ein Telegramm aufzugeben. Frau Gontrau unterstützte die Bitte ihres Mannes mit großer Wärme.
»Es wäre eine große Freude für uns, wenn Sie blieben,« sagte sie, »es fehlt uns ein frisches Element in unsrem Hause. Sie haben die glückliche Gabe, Leben und Frohsinn um sich zu verbreiten!«
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»Bitte, bitte, quälen Sie mich nicht,« bat Ilse, »ich kann nicht bleiben! Ich kann es nicht, so reizend es mir auch hier gefällt! Meine Eltern erwarten mich morgen und ich habe auch große Sehnsucht nach ihnen und auf den kleinen Bruder freue ich mich furchtbar! Er weiß noch gar nicht, daß er eine große Schwester hat!«
Dagegen war nichts einzuwenden. Ilses Antwort war so echt kindlich und natürlich.
Frau Gontrau strich ihr die krausen Locken zurück und klopfte ihr leicht die Wange.
»Sie haben recht, liebe Kleine, Ihren Entschluß nicht zu ändern. Wir wollen auch gar nicht weiter in Sie dringen mit unsren Bitten. Besuchen Sie uns bald auf längere Zeit, Leo verläßt uns in einigen Wochen und dann ist es einsam in unsrem großen Hause.«
»Daraus wird doch nichts!« erklärte der Landrat. »Ich kenne meinen Freund Macket und weiß, daß er so bald sein Töchterchen nicht wieder fortgiebt. Halt, da fällt mir ein guter Gedanke ein! In seinem letzten Briefe ladet der Papa uns zum Erntefeste ein, das in vier Wochen etwa stattfinden soll. Ich nehme die Einladung an für uns, Punktum! Aber ich knüpfe die Bedingung daran, daß er Sie mit uns zurückreisen läßt.«
Ilse jubelte vor Vergnügen, »das wär’ zu – zu himmlisch!« rief sie aus. »Aber Sie müssen auch Wort halten, geben Sie mir die Hand darauf.«
Mit einem kräftigen Handschlag besiegelte er sein Versprechen.
»Ein Handschlag galt bei uns in der Pension für den höchsten Eid,« sagte sie mit einem ernsten Kindergesicht, »dagegen handeln heißt meineidig sein. – Sie werden doch mitkommen?« wandte sie sich an Leo.
»Natürlich,« entgegnete er freudig, »der feierliche Eid [pg 235]gilt auch für mich. Wollen wir ihn auch mit einem Handschlag besiegeln?«
»O nein,« entgegnete sie leicht errötend, »ich glaube Ihnen schon auf Ihr Wort.«
Als es elf schlug, mahnte Frau Gontrau zur Ruhe. »Sie werden müde und abgespannt sein von der Reise und den vielen fremden Eindrücken, liebe Ilse.«
»Ich empfinde gar keine Müdigkeit,« entgegnete diese, »und könnte noch lange aufbleiben!«
Sie hätte es auch gethan, wenn sie nur Papier und Feder in ihrem Zimmer gefunden hätte! Wie gerne hätte sie ihrer Nellie so ganz frisch ihre Reiseerlebnisse erzählt!
Am andern Morgen gleich nach dem zweiten Frühstück rüstete sich Ilse zur Weiterreise. Eben trat sie mit dem Korbe mit den Blumen vor die Thüre, sie hatte sie noch einmal mit Wasser besprengt.
»Wollen Sie denn die welken Sträuße wirklich wieder mit sich nehmen?« fragte Assessor Gontrau.
Ilse blickte auf den Korb und stand unschlüssig da. »Freilich,« sagte sie betrübt, »sie sehen traurig aus, meine lieben, schönen Blumen, nun sind sie alle welk!«
»Wissen Sie was, Fräulein Ilse,« riet der Assessor heiter, »wir wollen ein Autodafee anstellen und sie verbrennen! Dann sammeln wir die Asche und Sie bewahren dieselbe in einer kostbaren Urne auf, welche die Inschrift trägt: Diese Urne birgt die Asche der Blumensträuße meiner geliebten sieben Freundinnen in der Pension. – Wie gefällt Ihnen diese Idee?«
»O, Sie sind abscheulich!« rief sie. »Sie wollen sich über mich lustig machen? Trotzdem,« fügte sie echt logisch hinzu, »gefällt mir das Verbrennen ganz gut. Errichten Sie schnell einen Scheiterhaufen, so viel Zeit bis zu meiner Abfahrt bleibt mir noch, ich will die Blumen in Flammen aufgehen sehen! Die Asche aber sammeln wir nicht!«
[pg 236]
Leo trug eilig etwas trockenes Reisig auf dem Kiesplatze vor dem Hause zusammen und in wenigen Sekunden flackerte ein lustiges Feuer auf.
Ein Strauß nach dem andern verfiel dem Feuertode, nur als Nellies Rosen an die Reihe kamen, hielt Ilse ihm den Arm fest. »Halten Sie ein!« rief sie, »der darf nicht geopfert werden, die Blumen meiner lieben Nellie bewahre ich bis zu meinem Tode auf!«
»Mit in das Grab,« fügte er neckend hinzu.
Frau Gontrau, die mit ihrem Sohne Ilse bis zur Bahn begleiten wollte, erschien jetzt fertig angekleidet in der Thüre und mahnte zum Aufbruch.
Ilse ging in das Haus und nahm Abschied von dem Landrate. So gerne wäre er mitgefahren und mußte nun des bösen Fußes wegen zurückbleiben. Es war eine rechte Geduldsprobe für ihn. Noch einmal erinnerte sie ihn dringend an seinen Schwur. »Sie müssen kommen!« war ihr letztes Wort.
»Es bleibt dabei!« rief er ihr nach, »der Schwur gilt!«
Als sie im Begriffe war, in den Wagen zu steigen, überreichte ihr Leo ein kostbares Rosenboukett.
»Die Blumen sind aus der Asche erstiegen,« sprach er, »Sie werden dieselben nicht verschmähen,« fügte er hinzu, als sie vor Ueberraschung vergaß, dieselben in Empfang zu nehmen.
»O, wie reizend! Wie furchtbar liebenswürdig! Sie glauben nicht, wie ich mich freue!« Mit holdem Erröten reichte sie ihm die Hand. »Ich danke Ihnen tausendmal! Ich liebe die Rosen so sehr und so schön wie diese sah ich noch keine. Wie sehr, wie furchtbar haben Sie mich erfreut!« Und sie konnte den Blick nicht von den herrlichen Blumen wenden und wiederholte noch einige Male: »ich freue mich zu sehr!«
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Leo lächelte seine Mutter an und sie verstand ihn wohl. War doch auch sie entzückt über die kindliche Freude und die Anmut, mit der Ilse zu danken verstand.
Die Stunden vergehen schnell, besonders die glücklichen. Die Fahrt bis zum Bahnhof war geschwunden, Ilse wußte nicht wie. Jetzt saß sie im Dampfwagen und fuhr der Heimat zu. Ihre Gedanken schwirrten bunt durcheinander, sie flogen voraus und träumten vom Wiedersehen – und sie kehrten zurück und führten sie wieder nach Lindenhof. Es hatte ihr himmlisch dort gefallen! Der Abschied war ihr beinahe schwer geworden. Leo hatte ihr die Hand geküßt und sie hatte es sich gefallen lassen. Ob das wohl recht war? Am Ende hätte sie ihm die Hand entziehen müssen? – »Ach,« seufzte sie laut, zum Glück war sie allein im Koupee, »ach! Es ist doch zu öde, wenn man gar nicht weiß, wie man sich zu benehmen hat! Am Ende spottet er jetzt über mich!« Sie errötete bei diesem furchtbaren Gedanken. Da fiel ihr Blick auf den Rosenstrauß, und wie sie den süßen Duft desselben einatmete, stand plötzlich sein Bild lebhaft vor ihr. Ein wunderbares Gefühl überkam sie, aber es war ihr fremd und sie schreckte davor zurück. Sie legte den Strauß aus der Hand und erhob sich. Sie wollte nicht weiter an ihn denken, sie wollte es nicht!
Um sich zu zerstreuen, blickte sie zum Fenster hinaus. Erst auf der einen, dann auf der andern Seite. Aber sie sah nicht viel, nichts als leere Stoppelfelder, das war langweilig.
Sie setzte sich wieder und nahm ihre Handtasche vor. Nachdem sie ein Weilchen darin gekramt, fiel ihr ein Buch in die Hände, das Nellie ihr hineingesteckt hatte, damit sie Unterhaltung habe. Sie hatte gar nicht daran gedacht, jetzt griff sie freudig nach Chamissos Gedichten. Im Begriffe, das Buch zu öffnen, fiel ihr etwas ein. »Halt,« sagte sie für sich, »jetzt werde ich das Orakel befragen, wie Flora uns gelehrt hat.« [pg 238]Sie schlug drei Kreuze über das Buch und sah gen Himmel dabei, dann öffnete sie es schnell und die erste Zeile, auf die ihr Blick fiel, hieß:
»Helft mir, ihr Schwestern, Kränze zu winden –«
»Unsinn! Ich will es nicht gelten lassen!« rief sie, »also noch einmal!« Das Buch wurde wieder geschlossen und recht, recht fest zusammengedrückt, dann wieder die drei üblichen Kreuze, wieder langsam und feierlich geöffnet – und siehe da, dieselben Worte gaben ihr Antwort auf ihre Frage.
»Sonderbar! furchtbar sonderbar!« dachte sie sinnend und einen Augenblick war sie in Versuchung, der prophetischen Stimme zu glauben, dann aber siegte ihre gesunde Vernunft.
»Es ist doch nur ein Zufall und die ganze Geschichte dummes Zeug!« Mit diesem vernünftigen Gedanken gab sie alle Schicksalsfragen auf und vertiefte sich in Chamissos herrliche Gedichte. Einige Male freilich ertappte sie sich auf dem Wege nach Lindenhof und Leos Bild neckte sie aus den Zeilen, aber sie wehrte sich tapfer gegen diese Traumbilder. Sie schwanden von selbst, je näher sie der Heimat kam. Sie legte das Buch beiseite und blickte zum Fenster hinaus. Schon erkannte sie verschiedene Ortschaften, die in der Nähe von Moosdorf lagen, schon konnte sie den Bahnhof erkennen! Ihr Herz schlug vor Erwartung und Freude, ihre Augen flogen voraus und jetzt erkannte sie die Eltern, die auf dem Perron standen, um sie in Empfang zu nehmen.
Welche Seligkeit ein Kind empfindet, wenn es nach langer Trennung zu den geliebten Eltern zurückkehrt, das, meine jungen Leserinnen, kann nicht geschildert, sondern muß empfunden werden. Ilse lag in den Armen ihres Vaters und dachte an nichts weiter, als an das Glück, wieder daheim zu sein.
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![[Illustration]](/illustrations/d356b4a4df7d9613.jpg)
»Bist du groß geworden!« rief der Oberamtmann und betrachtete sie mit stolzer Freude; »ich hätte dich kaum wiedererkannt! Als halbes Kind gingst du von uns und jetzt kehrst du heim als junge Dame!«
Er hielt sie noch immer in seinen Armen und konnte sich nicht satt sehen an ihr. Sanft entwand sie sich ihm, noch hatte sie die Mutter nicht begrüßt, die mit Thränen im Auge daneben stand und ihr die Arme entgegenstreckte. Ilse flog an ihr Herz und umschlang sie innig.
»Meine liebe Mama!« das war alles, was sie sagen konnte. Und Frau Macket verstand sie, innig drückte sie ihr Kind an sich, sie wußte, daß sie jetzt sein Herz für immer gewonnen hatte.
»Hier ist noch jemand, der dich begrüßen will, Kleines,« unterbrach der Oberamtmann die kleine rührende Szene, die ihn selbst schon ganz weichmütig machte, »sieh, Onkel Curt, berühmter Maler und Afrikareisender, möchte gern deine Bekanntschaft machen!«
Ilse reichte ihm die Hand und stand nun einem wirklichen Künstler gegenüber. Ob sie ihn »reizend« fand? – Als sie ihn ansah, den mittelgroßen, etwas breitschultrigen Mann, in der Samtjoppe, die mehr bequem als elegant saß, mit dem breitkrempigen Hute, der ein braun gebranntes, etwas ver[pg 240]wittertes Gesicht tief beschattete, da drängte sich unwillkürlich ein andrer in ihre Gedanken und sie verglich. »Die Juristen gefallen mir doch besser als die Künstler,« – so meinte sie still in ihrem Herzen.