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Der Trotzkopf

zur zweiten Auflage. (continued 3)

Reading edition

Natürlich versprach Ilse, ihr diesen Herzenswunsch zu erfüllen, und zur Besiegelung drückte sie dem kleinen Liebling einen Kuß auf die roten Lippen.

»Ich habe eine famose Idee!« (famos war seit kurzer Zeit Modewort im Institute) rief Ilse am Abend desselben Tages aus, als sie mit Nellie allein war. »Ich kaufe für Lilli eine neue Puppe und kleide sie selbst an. Was meinst du dazu?«

»O, das ist wirklich ein famos Gedanke,« entgegnete Nellie, »aber lieb Kind, hast du auch an der viele Geld gedacht, die so ein’ Puppe mit ihrer Siebensachen kostet? Wie steht’s mit dein’ Kasse?«

»O, das hat keine Not, ich habe sehr viel Geld!« versicherte Ilse sehr bestimmt. Und sie nahm ihr Portemonnaie aus der Kommode und zählte ihre Schätze.

»Zwölf Mark,« sagte sie, »das ist mehr, als ich brauche, nicht?«

»Sie sind ein sehr schlecht’ Rechenmeister, mein Fräulein,« riß Nellie sie unbarmherzig aus ihrer Illusion, »ich mein’, Sie reichen lang’ nicht aus.«

Ilse sah die Freundin zweifelnd an. »Du scherzest,« meinte sie, »zwölf Mark ist doch furchtbar viel Geld?«

»Reicht lang nicht!« wiederholte Nellie unerbittlich, »hör zu, ich will dir vorrechnen:

1) Ein Nähtischdecken für Fräulein Raimar macht vier Mark,

2) ein Arbeitstaschen für Fräulein Güssow macht drei Mark,

3) eine schöne Geschenk für die liebe Nellie und all die andren junge Fräulein – macht – sehr viele Mark.

Wo willst du Geld zu der Puppen nehmen?«

»Ach,« fiel Ilse ihr ins Wort, »und unser Kutscher da[pg 119]heim und seine drei Kinder! – daran habe ich noch gar nicht gedacht!«

Sie machte ein recht betrübtes Gesicht, denn sie hatte es sich gar zu reizend ausgedacht, wie sie Lilli überraschen wollte. Nun konnte es nichts werden.

Nachdenklich saß sie einige Augenblicke, dann leuchteten plötzlich ihre Augen freudig auf.

»Halt!« rief sie aus, »ich weiß etwas! Heute abend schreibe ich an Papa und bitte ihn, mir Geld zu schicken. Er thut es, ich weiß es ganz bestimmt. Mein Papa ist ja ein zu reizender Papa!«

»Und dein’ Mutter?« fragte Nellie, »ist sie nicht auch ein’ sehr gütiger Frau? Wie macht sie dich immer Freude mit die viel’ schöne Sachen, die sie an dir schickt. Freust du dir sehr auf Weihnachten? Ja? Es ist doch schön, die lieben Eltern wieder sehen.«

Ilse zögerte mit der Antwort. Es fiel ihr ein, wie sie im Sommer ihrem Vater entschieden erklärt hatte, zum Christfest nicht in die Heimat zu reisen. Ihr Sinn hatte sich nicht geändert. Noch hatte sie den Groll gegen die Mutter nicht überwunden. Trotzdem sie sich sagen mußte und zuweilen auch ganz heimlich eingestand, wie nötig für ihr Wissen und ihre Ausbildung der Aufenthalt in einer tüchtigen Pension war, so hielt sie immer noch an dem Gedanken fest: ›Sie hat mich fortgeschickt.‹

»Ich werde hier bleiben,« sagte sie, »ich will das Weihnachtsfest mit euch verleben.«

»Das ist famos!« rief Nellie entzückt, »ich freue mir furchtbar, daß du nicht fortreisen willst! All unsre Freunde reisen auch nicht, und es ist so schön hier, die heilige Christ. – Alles bekommt eine große Kiste von Haus, mit allen Bescherung und Schokolad’ und Marzipan! – und die Christabend wird jede Kiste aufgenagelt, und ich helfe auspacken bald der eine, bald der andre.«

[pg 120]

»Erhältst du keine Kiste?« fragte Ilse.

»Du weißt ja – ich hab’ kein’ Eltern – wer sollte mir beschenken?«

»Gar, gar nichts bekommst du?«

Ilse konnte es nicht fassen.

»Zu Neujahr schenkt mein Onkel für mir Geld, da kaufe ich mir, was ich notwendig habe.«

Ilse sah die Freundin schweigend an. Am Abend aber schrieb sie einen langen Brief in die Heimat, worin sie zuerst ihren Entschluß mitteilte, daß sie die Weihnachtstage mit den Freundinnen feiern möchte. Dann ging sie zu dem Geldmangel über und schilderte dem Papa mit vielen zärtlichen Schmeichelnamen ihre Not, und zuletzt gedachte sie mit warmen Worten Nellies. – »Noch eine dringende Bitte habe ich zum Schlusse,« fuhr sie in ihrem Briefe fort, »an Dich, Mama,« wollte sie schreiben, aber sie besann sich und schrieb: »an Euch, liebe Eltern. Meine Freundin Nellie ist nämlich die einzige in der Pension, die keine Weihnachtskiste erhalten wird. Sie ist eine Waise und steht ganz allein in der Welt. Ihr Onkel in London läßt sie zu einer Gouvernante ausbilden. Ist das nicht furchtbar traurig? Ach! und die arme Nellie ist noch so jung und immer so fröhlich, ich kann mir gar nicht denken, daß sie eine Gouvernante wird! Es ist doch schrecklich, wenn man kein liebes Vaterhaus hat! – Nun wollt’ ich Euch recht von Herzen bitten, Ihr möchtet die Geschenke, die Ihr mir zugedacht habt, zwischen mir und meiner Nellie teilen und zwei Kisten daraus machen. Bitte, bitte! Ihr schenkt mir stets so viel, daß ich doch immer noch genug habe, wenn es auch nur die Hälfte ist. Ich würde gewiß keine rechte Freude am heiligen Abend haben, wenn Nellie gar nichts auszupacken hätte.

Ihr hattet mir Erlaubnis gegeben, an den Tanzstunden nach Weihnachten teilnehmen zu dürfen, und du, liebe Mama, versprachst mir ein neues Kleid dazu, kaufe mir keins, mein [pg 121]blaues ist noch sehr gut und ich komme damit aus. Schenkt Nellie dafür etwas – bitte, bitte!

[Illustration]
[Illustration]

Mit diesem heißen Wunsche umarmt Euch

Eure dankbare Ilse.

N. S. Das Geld schicke nur recht bald, einziges Papachen, ich habe es furchtbar nötig.«

Umgehend erhielt denn auch Ilse das Gewünschte. Der zärtliche Papa hatte in seiner Freude über die Herzensgüte seines Kindes eine große Summe schicken wollen, Frau Anne hielt ihn davon zurück. Sie stellte ihm vor, daß es für Ilse weit besser sei, wenn sie mit geringen Mitteln sich einrichten lerne und stets genügsam bleibe.

Ihr Wunsch, Weihnachten nicht in die Heimat zu kommen, wurde gern erfüllt, der Papa schrieb sogar, er lobe ihren verständigen Entschluß. Die weite Reise war im Winter nicht ratsam. Freilich werde er seinen Wildfang schmerzlich vermissen und es werde der Mama und ihm recht einsam sein, aber er wolle sich mit dem Gedanken trösten, daß das nächste Christfest desto schöner ausfallen werde. –

Beinah kränkte sie diese bereitwillige Zustimmung, indes [pg 122]sie kam zu keinem Nachdenken darüber, der Briefträger kam und brachte ihr dreißig Mark.

»Dreißig Mark!« jubelte Ilse. »Nellie, nun sind wir reich! – Komm, laß uns gleich gehen und unsre Einkäufe machen, ich kann die Zeit nicht erwarten.«

»O nein, Kind,« entgegnete Nellie bedächtig, »erst müssen wir ein langer Zettel aufschreiben mit alle Sachen, die wir kaufen werden. Wir müssen doch rechnen, was sie kosten.«

Daran hatte die lebhafte Ilse gar nicht gedacht. Ohne zu überlegen, würde sie blind drauf los gekauft und am Ende wieder nicht gereicht haben.

Die beiden Mädchen machten sich nun daran, eine Liste aufzusetzen. Die nötigen Geschenke wurden aufgeschrieben und von der praktischen Nellie der ungefähre Preis dahinter gesetzt. Als Ilse für die Kinder des Kutscher Johann ebenfalls Sachen zu kaufen aufschrieb, rief Nellie:

»Halt! Du kannst von deine alte Sachen die Kutschermädchen schenken, dann sparen wir Geld.«

»Ich habe nichts,« meinte Ilse, »kaufen geht schneller.«

Nellie hatte sich bereits daran gemacht, in Ilses Kommode und auch im Schranke nachzusehen, um sich zu überzeugen, ob sie nichts fände.

»Man muß sparen und nicht seine Geld aus die Fenster schmeißen.«

Und siehe da, es fand sich allerhand unter Ilses alten Sachen. Schürzen, die sie nicht mehr trug, ein Kleid, das ihr zu eng und zu kurz geworden war, und zuletzt noch das vorjährige Pelzzeug, welches die gütigen Eltern durch neues, weit kostbareres ersetzt hatten.

»Siehst du, Verschwender!« triumphierte Nellie. »Du weißt nicht deine große Schatze. Nun kaufen wir für dein’ Kutscher ein Paar warme Handschuh und fertig ist die ganze Kutschergesellschaft.«

[pg 123]

Die wenigen Wochen bis zum heiligen Abend vergingen in rasender Schnelle. Nellie und Ilse hatten neben so mancherlei andern Arbeiten auch noch die neue Puppe anzukleiden. Das war für Ilse eine schwere Aufgabe, und ohne ihre geschickte Freundin wäre sie niemals damit zu stande gekommen.

»Wie geschickt du bist, Nellie,« sagte Ilse, als diese der Puppe das schottische Kleid anprobierte, »das hast du doch geradezu klassisch gemacht. Ich hätte es wirklich nicht fertig gebracht.«

»Aber hast du niemals ein Kleid für dein’ Puppen genäht – oder eine Hut – oder ein Mantel?«

»Nein,« antwortete Ilse aufrichtig, »niemals! Ich habe an den toten Dingern mein Lebtag keine Freude gehabt. Viel lieber habe ich mit den Hunden gespielt.«

»Da ist kein Wunder, wenn du ein klein’, dumm’ Ding geblieben bist! Deine Hunde brauchen kein Kleid,« lachte Nellie. »Nun mußt du auf dein’ alt’ Tage nähen lernen, siehst du.«

Ilse lachte fröhlich mit und bemühte sich, das weiße Batistschürzchen für die Puppe, an welchem sie rings herum Spitzen setzte, recht sauber und nett fertig zu bringen. – Einen Tag vor der Bescherung erhielten die erwachsenen Mädchen, denen es Vergnügen machte, die Erlaubnis, die schöne, große Tanne auszuputzen. Das war ein Fest und für Ilse ganz und gar neu. Niemals hatte sie sich bis dahin selbst damit befaßt, und sie kannte es nicht anders, als daß am Weihnachtsabend ein mit vielem kostbaren Zuckerwerk behangener Baum ihr hell entgegengestrahlt hatte, – hier lernte sie kennen, daß auch ohne Zuckerwerk derselbe herrlich zu schmücken war.

Nach dem Abendbrot, als die jüngeren Mädchen und auch die Engländerinnen, die kein Verständnis für das harm[pg 124]lose Vergnügen hatten, zu Bett gegangen waren, begann das Werk.

Orla brachte einen großen Korb mit Tannenzapfen, selbst gesucht auf den Spaziergängen im Walde, und setzte denselben auf die Tafel. Annemie stellte zwei Schälchen mit Gummiarabikum daneben, in das eine schüttete sie Silber-, in das andre Goldpuder und rührte es mit einem Stäbchen um.

»Wer will mir helfen,« rief Orla.

»Ich! ich!« antwortete es von allen Seiten; nur Ilse schwieg, sie hatte keine Ahnung, was eigentlich mit den vielen großen und kleinen Tannenzäpfchen geschehen solle. – Daheim verkamen dieselben unbeachtet im Walde. – Es sollte ihr bald kein Geheimnis mehr sein.

Melanie und Rosi hatten die Pinsel ergriffen und fingen an, den unansehnlichen braunen Dingern ein goldenes oder silbernes Gewand zu geben. Und wie schnell das ging. Kaum hatten sie ein paarmal darüber gepinselt, so waren sie fertig.

»Sieh nur, Rosi,« rief Melanie aus und hielt einen vergoldeten Zapfen unter die Gaslampe, »ist der nicht furchtbar reizend? Wundervoll, nicht? Gleichmäßig, wirklich künstlerisch ist er vergoldet, kein dunkles Pünktchen ist an ihm zu sehen!« Und sie betrachtete das Prachtexemplar höchst wohlgefällig nach allen Seiten.

Orla und Rosi hatten fleißig weitergepinselt und stillschweigend einen Tannenzapfen nach dem andern beiseite gelegt.

»Du bist im höchsten Grade langweilig mit deinem ewigen Selbstlobe,« tadelte Orla, »ich habe noch nie jemand kennen gelernt, der sich so vergöttert wie du. Pinsle lieber weiter und halte dich nicht bei unnützen Lobhudeleien auf.«

Melanie fühlte sich sehr getroffen und errötete. »Wie grob du bist, Orla!« sagte sie gereizt, »du hast freilich keinen Sinn für harmlose Vergnügen.«

»Kinder!« unterbrach Fräulein Güssow, die am andern Ende der Tafel saß und Aepfel und Nüsse vergoldete, »keinen [pg 125]Streit! Melanie, komm zu mir, du kannst mir helfen, und du Ilse, versuche einmal, ob du Melanies Stelle ersetzen kannst.«

Ilse ließ sich das nicht zweimal sagen. Eilig griff sie zum Pinsel und flink und gesandt that sie ihre Arbeit. Orla war sehr zufrieden damit.

»Nur nicht ganz so dick aufstreichen,« mahnte sie, »sonst reichen wir nicht mit unsrem Gold- und Silbervorrat.«

Flora und Annemie fertigten Netze aus Goldpapier an. »Eine geisttötende Arbeit,« flüsterte Flora Annemie zu, »und außerdem ohne jede Poesie. Warum die Tanne mit allerhand Tand aufputzen? Ist sie nicht am herrlichsten in ihrem duftigen, grünen Waldkleide? – Lichter vom gelben Wachsstocke in ihr dunkles Nadelhaar gesteckt, – ein goldener Stern hoch oben auf ihrer schlanken Spitze, – schwebend – strahlend! – das nenn’ ich Poesie!« –

Hier hielt sich Annemie nicht mehr, sie bekam einen solchen Lachreiz, daß sie aufsprang und hinauslief, um sich draußen erst auszulachen.

Dicht unter dem Baume standen Grete und Nellie. Letztere hoch auf einer Trittleiter, eine große Düte Salz in der Hand haltend. Die andre mit einem Leimtiegel in der Hand war ihr Handlanger. Das heißt, sie reichte Nellie den Pinsel zu, damit diese die Zweige mit dem Leim bestrich, bevor sie Salz darauf warf.

»Jetzt bin ich eine große Sturmwind und mache der Baum voller Schnee,« scherzte Nellie.

»Wirklich! – die Zweige werden weiß!« rief Ilse und verließ einen Augenblick ihre Arbeit, um sich das Schneetreiben genau anzusehen. »Das ist aber klassisch! Das gefällt mir! Nein, das sieht zu reizend aus!«

Freilich fiel ein großer Teil Salz unter den Baum, indes Nellie ließ sich die Mühe nicht verdrießen, immer wieder kehrte sie dasselbe zusammen und strich es mit der Hand dick auf den Leim.

[pg 126]

»Du alt’ Baum wirfst sonst alles Schnee auf die Erde,« meinte sie. »Aber das ist schlechte Arbeit, alle meiner Finger kleben.«

Rosi trat jetzt auch an den Baum heran, um ihn mit den glänzenden Tannenzapfen zu schmücken. Sie sah heute ganz anders aus als sonst. Ihre sonst so gleichmäßigen Züge trugen den Ausdruck froher Erwartung, ihre milden Augen strahlten und rosig waren ihre Wangen angehaucht.

»O du selige, o du fröhliche Weihnachtszeit,« summte sie mit ihrer frischen Stimme leise vor sich hin, und Fräulein Güssow rief ihr zu:

»Singe nur laut heraus, Rosi, das bringt uns bei unsrer Arbeit so recht in die echte Weihnachtsstimmung.«

»Wir wollen alle singen!« riefen Grete und Annemie, »bitte, Fräulein Güssow!«

»Meinetwegen, aber hübsch gedämpft, Kinder, damit die Kleinen nicht davon erwachen.«

Und nun erklang aus den jugendlichen Kehlen das schöne Lied vierstimmig. – – Die junge Lehrerin senkte den Kopf herab, – der Gesang stimmte sie traurig. Ihre Kindheit – ihre erste Jugendzeit stand mit einemmal lebendig vor ihrer Seele. – – Was hatte sie gehofft – – und wie hatten sich ihre Träume erfüllt! – – Durch ihre eigne Schuld! –

Mitten im Gesange wurde plötzlich die Thür geöffnet und Fräulein Raimar, begleitet von Herrn Doktor Althoff, trat herein. Sie hatten soeben eine notwendige Besprechung in der Vorsteherin Zimmer beendet.

Das war eine Ueberraschung, die niemand vermutet hatte. Der Gesang verstummte und die Mädchen wurden mehr oder weniger verlegen, als der Gegenstand ihrer stillen Verehrung so unerwartet vor ihnen stand. Flora errötete bis an die Haarwurzeln.

»Nun, warum singt ihr nicht weiter, Kinder?« fragte [pg 127]die Vorsteherin. »Laßt euch nicht stören durch unsre Gegenwart.«

Aber es wollte nicht wieder so recht in Zug kommen. Orla setzte zwar ein, aber falsch, sie war sehr wenig musikalisch. – Annemie mußte über den Mißton lachen, und da Lachen ansteckt, – stimmten die übrigen ein.

[Illustration]
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»Was machen Sie denn, Miß Nellie?« fragte Doktor Althoff und trat auf sie zu. »Warum verstecken Sie Ihre Hände so ängstlich?«

Er lächelte sie an. Flora warf einen verstohlenen Blick auf ihn, und bevor sie sich zur Ruhe legte, schrieb sie in ihr Tagebuch:

»Er hat sie angelächelt! Beneidenswerte Nellie! – Bezaubernd – hinreißend – sah er in diesem Augenblicke aus! Die geistvollen, dunklen Augen sprühten Feuer – um die schmalen Lippen zuckte es sarkastisch – wunderbare Perlenzähne schimmerten durch den dunkelblonden Bart. – Aber Nellie ist kokett! Leider! – Dieser Augenaufschlag!« –

»O,« entgegnete Nellie höchst verlegen, »ich habe die Finger verklebt mit der häßliche Leim!« und schnell lief sie hinaus, um sich gründlich zu reinigen. Doktor Althoff sah ihr wohlgefällig nach.

»Nellie spricht doch sehr schlecht deutsch,« bemerkte Flora [pg 128]etwas spöttisch, »ich begreife das eigentlich nicht. Ein Jahr ist sie bereits in der Pension und wie falsch drückt sie sich noch immer aus.«

Sie hatte ihre Bemerkung so laut gemacht, daß der junge Lehrer sie hören mußte.

»Die deutsche Sprache ist schwer zu erlernen, Flora,« entgegnete er, »und ich muß gestehen, Nellie hat in dem einen Jahre schon sehr gute Fortschritte gemacht. Uebrigens klingen die kleinen Schnitzer, die sie zuweilen macht, ganz allerliebst und naiv, – wir wollen sie nicht deshalb verdammen.«

Fräulein Raimar blickte etwas erstaunt auf den Sprechenden, der sich so warm Nellies annahm. Vielleicht fand sie seine Entschuldigung in Gegenwart der übrigen Mädchen nicht ganz passend.

»Es ist sehr spät, Kinder,« unterbrach sie das Thema, »wollt ihr nicht für heute aufhören und morgen in eurer Arbeit fortfahren?«

Aber die Mädchen baten so sehr, heute schon ihr Werk vollenden zu dürfen, daß sie die Erlaubnis erhielten. Zu Floras Aerger, welche die Zeit nicht abwarten konnte, bis sie die vielen großartigen Gedanken, die in ihrem Kopfe spukten, erst schwarz auf weiß vor sich hatte.

Fräulein Raimar und Doktor Althoff entfernten sich und Nellie trat gleich darauf wieder in das Zimmer. Flora konnte nicht umhin, ihr einen kleinen Seitenhieb zu versetzen.

»Warum verstecktest du deine Hände auf dem Rücken?« fragte sie. »Ich fand das furchtbar komisch von dir. Du dachtest wohl, Doktor Althoff wolle dir die Hand geben?«

Die arme Nellie war über diesen Angriff so erschrocken, daß sie nicht darauf antworten konnte. Aber Ilse half ihrer Freundin aus der Verlegenheit.

»Ich finde nichts Komisches darin, Flora,« sagte sie lustig, »wenn Nellie nicht gern beschmutzte Finger sehen lassen [pg 129]will; aber daß du ihr deine eignen Gedanken zutraust, das finde ich komisch! – Ja, ja, Florchen, du bist erkannt!«

Flora errötete, aber sie war klug und antwortete nur mit einem wegwerfenden Achselzucken. –

Alle Vorbereitungen waren zu Ende. Die Mädchen trugen Ketten, Netze, kurz allen Schmuck herbei, um den Baum zu behängen.

Wie er sich füllte! Wie festlich geschmückt er bald dastand! Ilse bewunderte hauptsächlich die glänzenden Tannenzapfen, die sich zwischen den dunklen Nadeln ganz herrlich ausnahmen.

»Wie ein Märchenbaum!« rief sie fröhlich, und »Bäumchen rüttle dich und schüttle dich!« setzte sie übermütig hinzu.

»O, nein!« rief Nellie in komischem Ernste, »nicht schüttle und rüttle dir, Baumchen, es fallt sonst all der Salz von deiner Nadel und ich muß mir noch einmal die Finger zerkleben.«

»Nie in meinem Leben sah ich einen so schönen Christbaum!« erklärte Ilse.

»Wir sind noch nicht fertig, Ilse,« entgegnete Fräulein Güssow, »bald hätte ich das Gold- und Silberhaar vergessen.« – Und nun begann sie feine Fäden rings um den Baum zu spinnen.

»Wie schön! wie schön!« jubelte Ilse und schlug wie ein Kind vor Freude in die Hände. Dann nahm sie Nellie in den Arm und tanzte mit ihr um den Baum.

»Du wirst mit deiner lauten Freude die Schlafenden aufwecken,« ermahnte Fräulein Güssow; aber sie sah Ilse mit inniger Teilnahme an. – Es gab eine Zeit, wo auch sie so fröhlich hinausgejubelt hatte in die Welt, – bis der Sturm kam und ihr die Blüte des Frohsinns abstreifte und verwehte. –

»Geht nun zu Bett, Kinder,« bat sie, »aber leise, hört ihr? Gute Nacht!«

[pg 130]

»Gute Nacht, gute Nacht!« rief es zurück und Ilse setzte hinzu: »Ach, Fräulein! Wenn es doch erst morgen wäre!« –

Das war ein Leben am andern Tage! Die Mädchen waren ganz außer Rand und Band. Ilse war ausgelassen fröhlich und Nellie stand ihr darin bei. Annemie lachte über jede Kleinigkeit, ja selbst Rosi, die stets Vernünftige, machte heute eine Ausnahme und schloß sich der allgemeinen Stimmung an. Als Flora ein selbstgedichtetes Weihnachtslied zum besten gab, und die ganze übermütige Schar sie dabei auslachte, lachte Rosi mit, – nur als Nellie an zu necken fing, bat sie sanft:

»Bitte, Nellie, nicht spotten! Wir haben die arme Flora schon genug gekränkt, als wir sie auslachten.«

Melanie und Grete waren die einzigen, die eine leise Verstimmung nicht unterdrücken konnten. Sie hatten gehofft, Weihnachten zu Hause verleben zu können, und waren enttäuscht, als die Eltern ihnen nicht die Erlaubnis gaben, weil sie es nicht passend fanden, daß junge Mädchen allein eine so weite Reise machten.

Melanie fand diesen Grund geradezu furchtbar kränkend. »Als ob ich noch ein Kind wäre!« sprach sie ärgerlich zu Orla. »Ich bin siebzehn Jahre alt! Und doch wahrhaftig alt und verständig genug, uns beide zu schützen!«

»Aber du bist hübsch,« entgegnete die Angeredete mit leichter Ironie, »und das ist gefährlich. Denk’ einmal, wenn dir unterwegs ein Abenteuer begegnete! Das wäre doch furchtbar schrecklich!«

»Ich bitte dich, Orla, verschone mich mit deinen albernen Spöttereien!« wehrte Melanie entrüstet ab. Aber sie fühlte sich doch in ihrem Inneren geschmeichelt, die kleine Eitelkeit.

»Du hörst es ja doch gern, Herzchen,« lachte Orla. »Warum auch nicht? Hübsch zu sein ist ja keine Schande, – besonders wenn man so wenig eitel ist wie du! Uebrigens tröste dich mit uns, wir sind ja fast alle zurückgeblieben, bis [pg 131]auf die wenigen Pensionärinnen, die in der Nachbarschaft wohnen, und die vier Engländerinnen, die Miß Lead wieder zurück in ihre Heimat bringt. – Störe nicht unsre fröhliche Laune durch ein verstimmtes Gesicht. Sieh doch nur Lilli an, – kannst du bei dem Anblicke so seliger Freude noch mißmutig sein?«

Das Kind lief nämlich von einer zur andern, treppauf, treppab und fragte jede Viertelstunde, ob es noch nicht dunkel würde, und ob das liebe Christkindl noch nit bald käm. –

Endlich, endlich brach der Abend herein. Die Vorsteherin und Fräulein Güssow verweilten schon seit zwei Uhr in dem großen Saale, und in einer Klasse, die dicht daneben lag, saßen erwartungsvoll die Pensionärinnen. Natürlich im Dunkeln, denn Licht durfte vor der Bescherung nicht angesteckt werden.

Lilli fühlte sich etwas unheimlich in der Finsternis. Sie kletterte auf Ilses Schoß und schlang den Arm um ihren Hals.

»Kommt denn das Christkindl noch nit bald?« fragte sie wieder. »Schau, es ist halt schon stockfinster.«

»Nun bald,« tröstete Ilse und drückte Lilli zärtlich an sich. Das Anschmiegen des Kindes that ihr so wohl und seine Liebe machte sie so glücklich. »Bald kommt das Christkind, ach, und wie schön wird das sein! – Soll ich dir ein Märchen erzählen, damit dir die Zeit schneller vergeht?«

»Bitt schön! Vom Hansel und Gretel!«

Ilse hatte indes kaum begonnen »es war einmal«, als Lilli ihr den Mund zuhielt.

»Nit weiter!« unterbrach sie, »ich mag das heut nit hören! Ich muß immer an das Christkindl denken. Kennst du das liebe Christkindl, Ilse? Hast du’s schon g’schaut?«

»Nein,« sagte Ilse, »gesehen habe ich es noch niemals. Niemand kann es sehen, es wohnt nicht auf der Erde.«

»Wohnt es im Himmel?« fragte Lilli. »Schau, da möcht’ ich halt auch wohnen, da ist’s schön, nit? Da singen [pg 132]die lieben Englein, und die lieben Englein, die wohnten früher auf der Erde, das waren die artigen Kinder, nit? – Der liebe Gott hat sie in sein Himmelreich geholt, nit wahr, Ilse?«

Die Worte des Kindes riefen sentimentale Ahnungen in Flora hervor, sie war auch im Begriff, dieselben auszusprechen, als Nellie ihr das Wort abschnitt.

»Was schwatzt der kleine Kind für Zeug?« sagte sie und streichelte liebkosend Lillis Hand. »Wo hast du dies gehört? Keiner Mensch hat noch in der Himmel geschaut.«

»Aber die Mama hat’s gesagt, – sie weiß es, nit wahr, Ilse?« rief Lilli heftig.

Die gab ihr keine Antwort darauf, sie versuchte, das Kind auf andre Gedanken zu bringen.

»Möchtest du wieder zu deiner Mama?« fragte sie.

»Nein,« entgegnete Lilli, »ich bleib’ lieber bei euch. Die Mama kümmert sich halt so wenig um mich, sie hat kein’ Zeit. Sie muß immer studieren,« setzte sie altklug hinzu. »Alle Abend geht sie ins Theater.«

»Denn es kümmert sich ka Katzerl – ka Hunderl um mi!« recitierte Flora schwärmerisch.

»Komm zu mir, Lilli,« bat Melanie, »ich will dir eine herrliche Weihnachtsgeschichte erzählen.«

»Bitt’, bitt’, laß mich bei Ilse bleiben, Melanie, ich will ganz gewiß recht genau zuhören auf dein G’schicht.«

Und während Melanie ihre Erzählung zum besten giebt, wollen wir einen Blick in den Weihnachtssaal werfen.

Die beiden Damen waren so ziemlich fertig mit ihrer großen Arbeit. Fräulein Güssow war dabei, noch einige versiegelte Pakete auf verschiedene Plätze zu verteilen. Es waren in denselben die Geschenke enthalten, welche die junge Welt sich untereinander bescherte. Der Name der Empfängerin war darauf geschrieben, die Geberin mußte erraten werden.

Fräulein Raimar stand neben dem Gärtner, der eifrig beschäftigt war, die angekommenen Kisten zu öffnen, die Deckel [pg 133]wurden lose wieder darauf gelegt, denn das Auspacken besorgten die Empfängerinnen selbst.

Nur mit Lilli wurde eine Ausnahme gemacht, Fräulein Raimar packte deren Kiste aus und schüttelte den Kopf, als sie damit beschäftigt war.

»Sehen Sie nur den Tand, liebe Freundin,« sagte sie. »Nicht ein vernünftiges Stück finde ich dabei. Zwei weiße Kleider, so kurz, daß sie dem Kinde kaum bis an die Knie reichen, aber schön gestickt, hier eine breite rosa Atlasschärpe, ein kleiner Hermelinmuff, ein Paar feine Saffianstiefel und eine Puppe im Ballstaat. Und vieles Zuckerwerk – das ist alles! Warme Strümpfe und eine warme Decke, um die ich so sehr gebeten, und die dem Kinde so nötig sind, – sie fehlen ganz.«

»Hier scheint ein Brief für Sie zu sein,« sagte Fräulein Güssow und nahm ein duftiges rosa Billet von der Erde auf. Wahrscheinlich war dasselbe aus dem Muff gefallen, den die Vorsteherin noch in der Hand hielt. Sie erbrach das an sie gerichtete Schreiben und las wie folgt:

»Ich ersuche Sie freundlich, meiner Lilli die Kleinigkeiten unter den Baum zu legen. Hoffentlich ist das liebe Herzl recht gesund. Nun ich hab halt nit nötig, mich zu sorgen, weiß ich doch das goldene Fischel in so gute Händ! – Wollne Strümpf und a Jackerl hab i halt nit mitgeschickt, i wünsch das Kind nit zu verwöhnen. Es soll immer a weiß Kleiderl anziehn, – Hals frei und Arme frei, – so ist sie’s gewohnt, und dabei möcht ich’s halt lassen.

Geben Sie mein Herzblatterl tausend Schmazerl, und daß es die Mama nit vergißt!

Mit dankbaren Grüßen verbleib ich

Ihre ergebene Toni Lubauer.«

[pg 134]

»Weiße Kleider und dünne Strümpfe!« wiederholte Fräulein Raimar kopfschüttelnd. »Es ist gut, daß wir für einiges gesorgt haben, ich könnte es nicht vor mir selbst verantworten, das kleine Ding so durchsichtig und wenig bekleidet zu sehen.«

Die junge Lehrerin stimmte bei und warf einen recht befriedigten Blick auf all die schönen und nützlichen Sachen, die auf Lillis Tischchen aufgebaut lagen.

Der Gärtner war mit seiner Arbeit fertig und hatte das Zimmer verlassen – die Damen zündeten die Lichter des Baumes an, und als auch das geschehen war, ergriff die Vorsteherin eine silberne Klingel und läutete.

Wie mit einem Zauberschlage flogen die Flügelthüren auf und die junge Schar stürmte herein.

Einen Augenblick standen sie wie geblendet da. So plötzlich aus der Dunkelheit in das helle Licht, – der Kontrast war fast zu grell.

Lilli besonders stand wie gebannt da und hielt Ilses Hand krampfhaft fest.

»Komm,« redete Fräulein Raimar sie an, »ich will dich an deinen Tisch führen, du bist ja ganz stumm geworden.«

Als das Kind vor seiner Bescherung stand, kehrte seine Lebhaftigkeit zurück.

»Die schöne Puppe!« rief es entzückt und schlug die Händchen zusammen.

»Die ist aber halt zu schön! Meine alte Lori ist lang nit so süß! – Und ein Strohhüterl hat sie auf – ach Gotterl! und die langen Zopferl! Und ein Schultascherl tragt sie am Arm! Bitt schön, Fräulein, darf ich sie in die Hand nehmen? Ich möcht sie ganz nah anschaun! Bitt schön, erlaube mir’s!«

Fräulein Raimar erfüllte gern die Bitte des Kindes, das behutsam sein Püppchen in den Arm nahm.

»Sie kann die Augerl schließen!« fuhr dasselbe fort. »Schau, Fräulein, sie will schlafen!« Das Kind war ganz [pg 135]außer sich vor Entzücken bei dieser Entdeckung und hielt sein Plappermäulchen nicht einen Augenblick still. »Meine Lori hat die Aeugerl immer auf, sie kann nit schlafen, nit wahr, Fräulein? Die ist dumm, lang nit so gescheit wie diese. – Hast du mir die Puppe geschenkt, Fräulein?«

»Nein,« entgegnete diese, die sich an Lillis jubelnder Freude erquickte. »Ilse und Nellie haben sie dir angezogen. Aber sieh einmal, hier hast du noch eine Puppe, die hat dir deine Mama geschenkt.«

Kaum einen Blick hatte sie für die kostbare Balldame. »Die ist mir zu geputzt,« sagte sie, »die kann ich doch nit in das Bett legen! Die kann mein Kind nit sein!« – Und mit der Puppe im Arme lief sie zu Ilse, um sich zu bedanken.

Diese aber war sehr beschäftigt. Sie packte ihre Kiste aus und hatte nicht Zeit, an etwas anderes zu denken. »Später, Liebling,« sagte sie, und fertigte die Kleine mit einem flüchtigen Kuß ab. – Soeben hielt sie einen prächtigen rosa Wollstoff in der Hand und Nellie stand neben ihr und bewunderte denselben lebhaft.

»O wie süß!« rief sie. »Wie von Spinnweb so fein! Und wie er dir kleidet,« fuhr sie fort und hielt den Stoff der Freundin an, »das wird ein schön’ Tanzstundenkleid! Du wirst dir wie eine Fee darin machen!«

Ilse aber war gar nicht recht vergnügt über das kostbare Geschenk, es malte sich sogar etwas wie Enttäuschung in ihren Zügen. Warum mochten die Eltern ihre Bitte nicht berücksichtigt, ja nicht einmal eine Antwort darauf gegeben haben?

Und Nellie war so gut – so neidlos teilte sie ihre Freude.

So mochte auch Fräulein Güssow denken, die näher getreten war. Sie legte den Arm um Nellies Schulter und fragte: »Warum packst du nicht deine eigene Kiste aus?«

»Meine Kiste?« wiederholte Nellie. »O Fräulein, Sie spaßen! Für mir giebt es das nicht!«

[pg 136]

Ilse horchte auf. Einen schnellen, fragenden Blick warf sie der jungen Lehrerin zu und diese antwortete mit einem geheimnisvollen Lächeln.

»Wer weiß!« fuhr sie fort, »sieh einmal nach, vielleicht hat eine gütige Fee dir etwas beschert.«

Ilse erhob sich schnell aus ihrer knieenden Stellung und nahm die Freundin unter den Arm. »Komm,« sagte sie, »wir wollen suchen.«

Kiste an Kiste stand da in der Reihe, jede indes war bereits in Besitz genommen, Ilses Auge aber flog voraus. Sie hatte am Ende des Saales eine herrenlose Kiste entdeckt, dorthin zog sie Nellie.

Und richtig, da stand mit großen Buchstaben auf dem Deckel: »An Miß Nellie Grey.« – Es war kein Zweifel, die Adresse lautete an sie.

»O, was ist dies!« rief Nellie überrascht und ihre Wangen röteten sich, »wer hat an mir gedacht? Ist es gewiß für mir?«

»Ja, sie ist wirklich für dich,« versicherte Ilse strahlend, denn nun hatte sie erst die echte Weihnachtsfreude, »nimm nur den Deckel hoch.«

Immer noch etwas zögernd folgte Nellie dieser Aufforderung. Welche Ueberraschung! Da lag obenauf ein gleicher Stoff in blaßblau, wie sie soeben denselben in rosa bei Ilse bewundert.

Und wie sie nun weiter auspackten, jetzt eine jede ihre eigene Kiste, da hielten sie sich jubelnd stets die gleichen Herrlichkeiten entgegen. Bald war es eine gestickte Schürze, dann kamen farbige Strümpfe an die Reihe, Handschuhe, sogar die Korallenkette, die schon lange ein sehnlicher Wunsch Ilses war, fehlte bei Nellies Bescherung nicht. Auch die vielen Leckereien waren gleichmäßig verteilt.

Ilse hatte in einem Karton mit Briefpapier einen langen [pg 137]zärtlichen Brief der Eltern gefunden und als Nellie den ihrigen öffnete, lag auch für sie ein kleines Briefchen darin.

»Meine liebe Nellie,« schrieb Ilses Mama, »ich darf Sie doch so nennen als meiner Ilse liebste Freundin? Mein Mann und ich möchten Ihnen so gern einen kleinen Beweis geben, wie dankbar wir Ihnen sind für die Liebe und Freundschaft, die Sie stets unsrem Kinde zu teil werden ließen. Zwei Freundinnen aber müssen auch gleiche Freuden haben – und mit diesem Gedanken bitten wir Sie herzlich, den Inhalt der Kiste freundlich anzunehmen.

Mit dem aufrichtigen Wunsche, daß Sie auch fernerhin unsrer Ilse eine treue Freundin bleiben mögen, grüßt Sie herzlich

Anne Macket.«

Nellie fiel Ilse um den Hals und vermochte kein Wort hervorzubringen. Die Rührung schnürte ihr die Kehle zu – Thränen waren seltene Gäste bei unsrer Nellie. Das frühverwaiste Mädchen, das sich von klein auf stets bei Verwandten herumdrücken mußte, dem das Sonnenlicht der elterlichen Liebe fehlte, hatte das Weinen beinah verlernt. Wer hätte auch auf seine Thränen achten sollen?

»Dein Mutter ist ein Engel!« brachte sie endlich, so halb unterdrückt, heraus. »Wie soll ich sie für alles danken?«

»Ja, meine Mama ist sehr gut!« bestätigte Ilse, und zum erstenmal stieg ein warmes, zärtliches Gefühl für dieselbe in ihrem Herzen auf.

Für sentimentale Stimmungen waren Ilse und Nellie indes nicht angethan, und als erstere ein Stück Marzipan der Freundin in den Mund steckte, war die Rührung zu Ende. Thränenden Auges verzehrte es Nellie, und dieser Anblick kam Ilse so possierlich vor, daß sie lachen mußte, – natürlich stimmte Nellie ein.

[pg 138]

»Seid ihr fertig, Kinder? Habt ihr alle eure Kisten ausgepackt!« rief Fräulein Raimar und unterbrach das Gewirr von Stimmen, das laut und lebhaft durcheinander klang.

»Ja, ja!« rief es zurück und nun beeiferte sich eine jede, die heimatliche Bescherung vorzuzeigen, und die Vorsteherin blickte in lauter freudig erregte und zufriedene Gesichter. Nur Flora sah etwas enttäuscht aus. Sie hatte anstatt »Jean Pauls Werke«, die sie sich so glühend gewünscht, »Schlossers Weltgeschichte« erhalten mit dem Versprechen vom Papa, daß, wenn sie erst reifer für solche Lektüre sei, sie dieses Werk erhalten werde.

Reifer! Es klang ihr wie bittrer Hohn. Sie fühlte sich mit ihren sechzehn Jahren schon so überreif, daß sie selbst poetische Werke in das Leben rief – und sie – sie sollte nicht »Jean Paul« lesen!

Nachdem die Geschenke der Eltern auf eine leer gelassene Tafel aufgebaut waren, und nachdem die Mädchen auch diejenigen der Lehrerinnen in Empfang genommen hatten, kamen endlich die versiegelten und verpackten Ueberraschungen an die Reihe.

Da kamen denn allerhand drollige Dinge zum Vorschein und der Jubel und das Lachen wollten kein Ende nehmen.

Flora hatte soeben einen langen, blauen Strumpf aus zahllosen Papieren herausgewickelt und hielt ihn hoch in der Hand. Etwas verwundert drehte sie diese wunderbare Gabe nach allen Seiten, die ironische Anspielung fiel ihr nicht sogleich ein.

»Ein Strumpf?« fragte sie, »was soll ich damit?«

»Er ist dein Wappen, lieber Blaustrumpf,« belehrte sie Orla. »Die Idee ist wirklich famos!«

»Er ist von dir!« beschuldigte sie Flora.

»Leider nein,« entgegnete Orla.

Annemie lachte so laut und herzhaft, daß sie sich als die Geberin verriet.

»Bist du mir böse, Flora?« fragte sie gutmütig.

[pg 139]

[Illustration]
[Illustration]

Sonderbare Frage! Ganz im Gegenteil, Flora fühlte sich höchst geschmeichelt, daß man sie zu den Blaustrümpfen zählte. Der gestickte Schlips, den Annemie in den Strumpf versteckt hatte, erfreute sie nicht halb so wie die dichterische Anerkennung. – In bester Stimmung löste sie jetzt den Bindfaden von einem Pappkasten. Derselbe war eng damit umschnürt. Auf dem Deckel war ein Weinglas gemalt und mit großen Buchstaben stand »Vorsicht« daneben geschrieben.

Ganz behutsam nahm sie denn auch den Deckel ab, warf die Papierschnitzel heraus und fand in feines Seidenpapier eingeschlagen ein zerbrochenes Herz von Bisquit!

»Wie abscheulich von dir, Nellie!« rief sie gekränkt und wandte sich sofort an die richtige Adresse. Das Herz warf sie achtlos beiseite.

»Nicht so hitzig, Flora,« riet Grete, »sieh doch das zerbrochene Herz erst näher an.«

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Zögernd entschloß sie sich dazu, und als sie ein reizendes, kleines Toilettekissen höchst künstlich verborgen entdeckte, söhnte sie sich einigermaßen mit der bösen Nellie aus.

Aber nicht Flora allein, auch all die übrigen mußten manche kleine Neckerei in den Kauf nehmen, so manche schwache Seite wurde an das Tageslicht gefördert und schonungslos gegeißelt. Die Vorsteherin wachte darüber, daß diese Reibereien stets in den Grenzen des Scherzes blieben; im allgemeinen hielt sie dieselben für ein gutes Mittel, sich gegenseitig auf die Fehler aufmerksam zu machen, es half oft mehr als alle ernsten Ermahnungen.

Nellie stand vor einem großen Berg Eßwaren, die sie aus ihren Paketen, in welchen sie außer einem kleinen Geschenke immer noch nebenbei allerhand Süßigkeiten fand, herausgewickelt hatte.

Schokolade, Marzipan, Apfelsinen, Rosinen und Mandeln, Lebkuchen, und in einem reizenden Kasten von Porzellan zwei saure Gurken. Diese waren eine besondere Lieblingsspeise von ihr.

Sie lachte und fragte, ob sie ein so hungrig Mädchen sei. »O, da ist ja noch ein Paket,« fuhr sie fort, »was für ein leckerer Bissen wird wohl darin sein?«

Aber sie irrte sich, diesmal kam ein Buch zum Vorschein und wie sie es aufschlug, las sie auf dem Titelblatte: »Deutsche Grammatik.« Ein Blatt Papier mit einem kleinen Gedichte lag dabei. Nellie las es vor.

»Lerne fleißig die deutsche Sprache –

Willst du begreifen holde Poesie.

Dies Buch ist einer Verkannten Rache,

Die du verstanden hast noch nie!«

»Flora!« rief Nellie. »Du hast mir mit deine edle Rache sehr beschämt! Ich werde lernen aus dieser Buch und dir verstehen! – Komm, gieb dein’ Hand, ich verspreche dich, [pg 141]daß ich nie wieder dein’ holde Poesie auslachen will, und wenn sie voll lauter zerbrochene Herzen ist.« –

Orla hatte unter anderm einen Klemmer erhalten und – o Schrecken! auch ein Etui mit Cigaretten. Fräulein Raimar stand neben ihr und sah das verräterische Ding.

»Was ist denn das?« fragte sie. »Ich will nicht hoffen, Orla, daß du wie eine Emanzipierte rauchst! Du würdest mich sehr erzürnen, wenn das der Fall wäre. Doch,« unterbrach sie sich, »wie komme ich dazu, einen Scherz für Ernst zu nehmen, am Weihnachtsabend sind dergleichen Witze erlaubt.« Leiser und nur für die Russin vernehmbar setzte sie hinzu: »Ich habe das feste Vertrauen zu dir, daß du niemals rauchen wirst!«

Die Angeredete schwieg und senkte die Augen. Der Tadel traf die Wahrheit, sie hatte wirklich manchmal im Verborgenen eine Cigarette geraucht. War es doch in ihrer Heimat nichts Auffallendes, wenn eine Dame sich ein kleines Rauchvergnügen machte.

Innerlich schalt sie die Pedanterie der Deutschen, der sie eine so harmlose Freude zum Opfer bringen mußte, denn niemals würde es ihre Wahrheitsliebe gestattet haben, gegen das Verbot der Vorsteherin zu sündigen, – mit einiger Ueberwindung reichte sie derselben die Cigaretten.

»Bitte, bewahren Sie mir dieselben,« bat sie und lächelnd fügte sie hinzu: »Damit ich nicht in Versuchung komme ...«

Melanie liebäugelte mit einem zierlichen Handspiegel. Sie freute sich sehr über denselben, noch mehr aber über ihr eignes Bild, das ihr entgegenlachte.

Grete blickte ihr über die Schulter. »Das ist eine Anspielung auf deine Eitelkeit, Melanie! Ich habe nichts bekommen, was mich ärgern oder wodurch ich mich getroffen fühlen könnte!«

»Nun glaubst du dich wohl fehlerfrei, liebe Grete!« spottete Melanie. »Bilde dir das ja nicht ein, liebes Kind, [pg 142]du bist noch längst kein vollkommnes Wesen. Es giebt sehr vieles an dir auszusetzen!«

Und als ob ihre Worte sofort in Erfüllung gehen sollten, rief Fräulein Güssow: »Grete, da steht noch eine vergessene Schachtel auf deinem Platze! Du hattest Papier darauf geworfen und wirst sie deshalb übersehen haben!«

Vergnügt und erwartungsvoll öffnete Gretchen die Schachtel. O weh! als sie den Deckel abhob, lachte ein glänzendes, zierlich gearbeitetes Vorlegeschloß sie boshaft an.

»Das ist eine Anspielung für dich, teures Plappermäulchen!« rief Melanie mit schwesterlicher Schadenfreude, und hielt das Schloß an Gretes Lippen.

»So, damit du in Zukunft hübsch schweigst und nicht so vorlaut bist.«

Unwillig wandte Grete sich ab, sie war gar wenig erbaut von der Ueberraschung. Sie warf das Schloß wieder in die Schachtel, schloß den Deckel und verriet durch ihre Empfindlichkeit, wie sehr sie sich getroffen fühlte ....

Ilse hatte aus einer mächtigen Kiste, die bis obenhin mit Heu gefüllt war, einen Hund herausgeholt. Keinen lebendigen, o nein! es war nur einer aus Pappe. Braun sah er aus und hatte weiße Pfötchen. Um den Hals trug er einen Zettel am roten Bande, auf welchem mit großen Buchstaben »Bob« geschrieben stand.

»Orla!« erriet Ilse sofort. Dieselbe hatte sie oft genug mit ihrem Hunde aufgezogen. Es kam ihr jetzt selbst recht lächerlich vor, wenn sie sich ihren Einzug in der Pension mit Bob auf dem Arme ausmalte. Wie einfältig war sie gewesen – wie unnütz hatte sie den armen Papa gequält! – Ilse hatte noch eine Ueberraschung, bei der sie fast erschrak. In einem reizenden Arbeitskorbe fand sie mehrere Aepfel von Marzipan.

Nellie stand neben Ilse und flüsterte ihr zu: »Diese sind Aepfel von der Baum – weißt du noch?«

[pg 143]

Als die Angeredete ängstlich zur Seite blickte, fuhr sie beruhigend fort: »Du darfst nicht Angst haben, niemand hört uns.«

Sie hatte recht. Die Aufmerksamkeit aller war auf einen Vogelbauer gerichtet, in welchem eine lebendige Lachtaube saß. Annemie hielt denselben höchst angenehm überrascht in der Hand.

»Nun könnt ihr um die Wette lachen,« scherzte die Vorsteherin, »denn das Täubchen darfst du behalten und in deinem Zimmer aufhängen. Aber vergiß niemals, Annemie, daß du das Tierchen regelmäßig füttern mußt, hörst du?«

So erhielt eine jede ihre scherzhafte Rüge, nur Rosi nicht. Sie zerbrachen sich den Kopf, um einen Tadel an ihr zu entdecken, aber zu ihrem Bedauern fanden sie keinen. »Ganz ohne Scherz darf sie nicht sein,« erklärte Nellie, ging hin und kaufte ein Bilderbuch, auf dessen Titelblatt in goldenen Buchstaben drei Worte glänzten: ›Für artige Kinder‹. – »Dies paßt sehr für ihr,« sagte sie, und die übrigen Mädchen stimmten ein.

Rosi nahm das Buch, lächelte und legte es beiseite. Sie konnte nicht so recht begreifen, was es bedeuten sollte ....

Nachdem die Bescherung zu Ende und nachdem auch für die beiden Damen ein Tisch mit allerhand selbstgearbeiteten Sachen ausgebaut war, wurde der Thee eingenommen und kurze Zeit darauf zur Ruhe gegangen. Lilli wurde es schwer, sich von ihren schönen Sachen zu trennen, sie wollte nicht zu Bett gehen, aber der Sandmann kam und streute ihr den Schlaf in die Augen. Schlafend wurde sie entkleidet und in ihr Bett, das in Fräulein Güssows Zimmer stand, getragen.

Und nun wurde es still und dunkel im Hause. Der schöne Christabend war zu Ende mit seiner frohen Erwartung, seinem Lichterglanze ....

[pg 144]

Ob wohl der Baum im nächsten Jahre für alle wieder angezündet wird, die heute unter ihm versammelt waren? –

* * *

Nun war alles wieder im alten Geleise! Der Unterricht hatte begonnen und Miß Lead war wenige Tage nach Neujahr von ihrer überseeischen Reise zurückgekehrt. Sie hatte sechs junge Engländerinnen mitgebracht, die kein Wort Deutsch verstanden und sehr viel Heimweh hatten.

Nellie versuchte es, sie zu trösten, aber sie verschlossen sich starr gegen jedes Trosteswort, sie fühlten sich unglücklich im fremden Lande. Sie wollten nicht Deutsch lernen, sie haßten diese Sprache und die Menschen, erklärten sie. Lange Jammerbriefe sandten sie in die Heimat, in denen sie die Angehörigen himmelhoch baten, sie wieder zurückkehren zu lassen.

Es war diese Art und Weise nichts Auffallendes und nichts Neues. Fräulein Raimar legte keinen Wert darauf, ähnliche Erfahrungen machte sie stets mit den Engländerinnen. Es war schon vorgekommen, daß diese oder jene sich vornahm, zu verhungern, und Speise und Trank hartnäckig verweigerte. Vor Hunger gestorben war indes noch keine, wenn der Magen zu energisch sein Recht verlangte, entsagten sie dem Hungertode.

»Ich mag meine Landsmänner gar nicht sehr!« bemerkte Nellie eines Tages zu Ilse. »Die Deutsche liebe ich mehr. Ich will nicht zurück in meine Heimat.«

»Landsmänner!« wiederholte Ilse. »Gleich sage einmal, wie es richtig heißt. Neulich habe ich es dir erst gesagt.«

»O ja, ich weiß, Landsfrauen heißt es,« verbesserte sich Nellie.

»Du bist klassisch!« lachte Ilse laut. »Lands–männ–innen heißt es. Sag einmal nach – so – und nun ver[pg 145]giß dieses Wort nicht wieder, du liebe, englische Deutsche! Du bist auch ganz anders wie deine Landsmänninnen, lange nicht so steif, so zurückhaltend und so hochmütig wie die! Sie sehen immer auf uns herab, als ob sie sagen wollten: ›Gott sei Dank, daß ich keine Deutsche bin!‹«

»O nein!« wehrte sich Nellie, in der plötzlich der Nationalstolz wach wurde, »so schlimm darfst du nicht sagen! Es hat den Schein, daß sie hochmütig sind, weil sie dir nicht verstehen, sie macht ein fremdes Gesicht, weiter nix!«

»Sie sind hochmütig, Nellie!« neckte Ilse. »Entschuldige deine langweiligen Engländerinnen nicht. Eben sagtest du selbst, daß du sie nicht leiden möchtest.«

Das gestand Nellie zu. Sie meinte aber, sie selbst könne so sprechen, ein gleiches Urteil aus einem andern Munde könne und dürfe sie nicht anhören. Sie wolle es auch nicht.

»Du bist doch aber ganz wunderlich, Nellie,« lachte Ilse, »Doktor Althoff würde sagen: ›Sie haben verdrehte Ansichten, Miß Nellie.‹«

»O nein,« entgegnete Nellie eifrig und leicht errötend, »Doktor Althoff würde mir verstehn. Er weiß, wie es in mein Herz aussieht!«

Das kam Ilse äußerst komisch vor und sie neckte die Freundin damit sehr. »Er hätte viel zu thun, wenn er in alle eure Herzen blicken wollte!« rief sie lachend, »und wenn er sich wirklich einmal die Mühe gäbe, so würde er euch schön verhöhnen, dich und alle die andern, die ihr für ihn schwärmt.« –

Ilse lernte jetzt mit rechtem Eifer und schon längst war ihr das Arbeiten keine Last mehr. Das Zeichnen machte ihr besondre Freude, und seitdem der Papa so glückselig über die ihm geschenkte Rose geschrieben, strebte sie darnach, auch das zu erreichen, was derselbe in seiner blinden Liebe zu ihr schon erreicht sah. Er hielt sie bereits für eine Künstlerin [pg 146]und mit Stolz hatte er ihr geschrieben, daß er die Rose habe einrahmen lassen und daß sie nun über seinem Schreibtisch hänge. Ilse war gar nicht damit einverstanden, sie wußte ja genau, wie der zärtliche Papa jeden Besuch, der zu ihm kam, zu ihrem schwachen Erstlingswerk führen werde.

Auch die Mama war hocherfreut über Ilses Weihnachtsgeschenke gewesen. Sie gaben ihr ein glänzendes Zeugnis von deren Fortschritten und der Ausdauer, die der Wildfang bis dahin nicht gekannt hatte. Die größte Freude indes hatte sie an Ilses Dankesbrief gehabt. Es war das erste Mal, daß sie in so herzlich warmer Weise das Wort an sie richtete und Frau Annes Augen füllten sich mit Thränen freudiger Rührung. Sie fühlte jetzt bestimmt, daß die Zukunft ihr Ilses volle Liebe bringen werde. –

Die längst ersehnten Tanzstunden hatten bereits seit vierzehn Tagen begonnen und brachten etwas Abwechselung in das gleichmäßige Pensionsleben. Zweimal in der Woche kam von sechs bis acht Uhr abends der Tanzlehrer mit einer Geige und unterrichtete im großen Saale.

Nicht alle Zöglinge nahmen teil daran. Die kleineren Mädchen nicht und auch die Engländerinnen schlossen sich aus, sie verstanden noch zu wenig Deutsch, auch konnten sie vorläufig keinen Geschmack an den einförmigen Pas finden. Melanie konnte das freilich auch nicht und fand bis jetzt die Tanzstunde ›furchtbar öde‹.

»Es ist ein furchtbar langweiliges Vergnügen, diese Hüpferei,« äußerte sie auf einem Spaziergange zu Flora, »wozu diese Pas – diese Verbeugungen? Wir können doch alle schon tanzen, und wie wir uns zu verbeugen haben – und grüßen müssen, das wissen wir doch erst recht. Wir sind doch erwachsene Mädchen!«

»Ach!« seufzte Flora und ein schwärmerischer Blick glitt seitwärts über den spiegelglatten Teich – zu den schlittschuhlaufenden Gymnasiasten hinüber – »ach! das möchte noch [pg 147]alles gehen. Das Fürchterlichste ist doch, daß wir zwei volle Monate ohne Herren tanzen müssen!«

»Wie furchtbar öde!« Melanie rief es ordentlich entrüstet. »Man behandelt uns wahrhaftig mit puritanischer Strenge! Ohne – Herren! Es ist kaum zu glauben!«

»Ja, mit puritanischer Strenge!« wiederholte Flora, der dies Wort außerordentlich gefiel. »Ich begreife nicht, warum uns der Verkehr mit den Herren so lange entzogen wird. Man behandelt uns eben wie Kinder!«

Die ›furchtbar öden‹ Monate gingen indessen auch zu Ende und Fräulein Raimar schickte Einladungen aus an junge, wohlerzogene Herren, die das Gymnasium besuchten, und ersuchte sie, die letzten vier Wochen an dem Tanzunterrichte teilzunehmen.

Mit welcher Freude diese Einladungen begrüßt wurden, brauche ich nicht zu sagen. Die jungen Leute schätzten es sich zur besonderen Ehre, zu den Tanzabenden in der Pension zugezogen zu werden. Diesmal brannten sie besonders darauf, weil sie behaupteten, daß noch niemals so hübsche Mädchen in dem Institute gewesen seien. Sie kannten dieselben von Ansehen sehr genau, denn, wenn irgend möglich, suchten sie ihnen auf den Spaziergängen zu begegnen. Nun sollten sie mit ihnen tanzen, sich mit ihnen unterhalten dürfen, es war zu famos!

»Ihr werdet heute abend zum ersten Male mit Herren tanzen, Kinder,« kündigte Fräulein Raimar eines Mittwochs bei der Mittagstafel an. Und als sie bemerkte, wie vergnügt die meisten diese frohe Botschaft entgegennahmen, fügte sie hinzu: »Ich hoffe, daß ihr euch nicht zu lebhaft mit den jungen Leuten unterhalten werdet! Vergeßt nicht, daß dieselben nur des Tanzes, nicht der Unterhaltung wegen da sind!«

Annemie kamen diese Ermahnungen so komisch vor, daß sie zu kichern anfing. Ein strafender Blick traf sie dafür.

[pg 148]

»Für dich sind meine Worte besonders gesprochen, Annemie,« nahm die Vorsteherin wieder das Wort, »ich fürchte, du wirst dich durch dein albernes Lachen auffallend machen, hüte dich davor. Und dich, Grete, ermahne ich ernstlich, nicht so viel zu schwatzen. Ueberlege erst, was du sagen willst, damit kein Unsinn herauskommt.«

So und in ähnlicher Weise warnte und ermahnte sie ihre jungen Zöglinge, die in ihrer erwartungsvollen Aufregung heute nur mit halbem Ohre hörten, was ihnen so eindringlich vorgestellt wurde. Viel wichtiger erschien ihnen die Frage: »Was werdet ihr heute abend anziehen? Womit werdet ihr euch schmücken?«

Sie hatten auch kaum das Speisezimmer verlassen, als sie die Treppen hinaufstürmten, um in Orlas und der Schwestern Zimmer eine große Beratung zu halten.

Melanie holte einen großen Pappkasten hervor und fing an, Blumen und Bänder herauszukramen. Sie hatte sich vor den Spiegel gestellt und hielt eine Rose in ihr schönes aschblondes Haar.

»Wie findet ihr diese Rose?« fragte sie. »Bitte, seht doch einmal! Kümmert sich denn kein Mensch um mich?« rief sie laut und ungeduldig den Durcheinanderschwatzenden zu und stampfte sogar etwas mit dem Fuße auf.

»Sie steht dir gut, Melanie,« antwortete Rosi, die eben erst eingetreten war und die letzten Worte hörte, an ihre eigene Toilette dachte sie nicht. »Das dunkle Rot in deinem blonden Haar sieht prächtig aus!«

»Du hast nicht viel Geschmack, liebste Rosi. Nimm mir nicht übel, daß ich es dir frei heraussage,« fertigte Melanie die Aermste ab. »Orla, bitte, gieb du dein Urteil ab.«

Die Russin galt als die eleganteste, deren Toilette stets am geschmackvollsten war. Mit Kennermiene musterte sie denn auch Melanie.

[pg 149]

»Die dunkle Rose ist zu grell,« entschied sie, »für dein Haar paßt eine blaßrote besser. Uebrigens, was willst du denn anziehen? Das ist doch am Ende die Hauptsache und darnach mußt du die Blumen wählen.«

»Mein blaues Batistkleid, denke ich.«

»Dein bestes Kleid!« rief die vorlaute Grete erstaunt. »Gut, dann ziehe ich mein geblümtes an!«

Gerade wie die Verhandlungen am lautesten waren, öffnete sich die Thür und Fräulein Güssow trat ein.

»Fräulein Raimar läßt euch sagen, ihr möchtet heute abend eure Sonntagskleider tragen,« verkündete sie.

»O! ...« Langgedehnt und unzufrieden kam es über Melanies Lippen. »O, Fräulein Güssow, die alten, dunklen Kleider! Die hellen sind so viel besser!«

Aber es blieb bei den Wollkleidern. Gegen das Machtgebot der Vorsteherin galt kein Widerstreben.

Bevor sie in den Tanzsaal hinuntergingen, fanden sich die Mädchen noch einmal bei Orla ein. Diese hielt erst eine allgemeine Musterung über die Toiletten, besserte hier und dort und verstand es, durch eine Kleinigkeit dem einfachsten Anzuge einen netten Anstrich zu geben.

Melanie hatte sich nach besten Kräften elegant herausgeputzt. Ein weißes Spitzenfichu schmiegte sich in weichen Falten um ihren Hals, und eine blaßrote Rose, seitwärts an demselben befestigt, kleidete sie ganz allerliebst. Sie war tadellos und sah trotz des einfachen braunen Kleides sehr geputzt aus.

An Gretes ungeschickter Figur war nicht viel zu ändern. Lange Arme, große Füße, schlechte Haltung und dicke Taille, das waren Dinge, die leider nicht zu verbergen waren, auch trugen die ungraziösen Bewegungen durchaus nicht zur Verschönerung bei.

»Für dich ist die dunkle Tracht ganz vorteilhaft,« meinte Orla, indem sie eine dicke Korallenkette aus ihrem Schmuck[pg 150]kasten nahm und sie dem darüber hocherfreuten Gretchen um den Hals schlang. »So, die will ich dir leihen, damit du nicht zu einfach aussiehst.«

Flora unterwarf sich keiner Musterung, sie fand es unnütz, da ihr Geschmack weit eigenartiger sei als Orlas. Sie hatte mit endloser Mühe eine griechische Haartour zurechtgebracht. Im Nacken trug sie ihr Haar im Knoten, mit einigen herausfallenden Locken, vorn hatte sie dasselbe mit einem schwarzen Sammetbande, das mit weißen Perlen benäht war, dreimal abgebunden. In die Stirn fielen gekräuselte Fransen.

Sie fand sich entzückend, diese Haartour söhnte sie sogar mit dem grünen Wollkleide aus, in dem sie lang und schlank wie eine wirkliche Hopfenstange aussah.

Rosi hatte sich nicht besonders geschmückt. Ihr schwarzes Kaschmirkleid war unverändert geblieben. Eine weiße Spitze am Halsausschnitt, zusammengehalten von einer Spitzenschleife, die einen silbernen Pfeil trug. So ging sie Sonntags gekleidet und Fräulein Raimars Vorschrift lautete, daß sie sich heute sonntäglich kleiden sollten.

»O Gott, wie hausbacken siehst du aus, Rosi! Als ob du in die Kirche gehen wolltest, so ernst und feierlich!« rief Orla. »Hast du denn nicht ein farbiges Band anstatt der weißen Schleife?«

Sie hatte keins und jetzt half Melanie aus. Bereitwillig lieh sie Rosi eine ganz neue rosa Atlasschleife und freute sich herzlich, wie furchtbar nett sie derselben stand.

»Betrachte dich nur einmal,« sagte sie und hielt ihr den Handspiegel vor die Augen. »Nun, was meinst du dazu? Nicht wahr, jetzt siehst du nicht mehr aus wie ›Gottesfurcht vom Lande‹!«

»Die Schleife gefällt mir wohl gut,« meinte Rosi, »aber es ist mir ein peinliches Gefühl, geliehene Sachen zu tragen.«

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»O sancta simplicitas!« rief die geniale Flora. »Kind, du gehst in deiner Pedanterie wirklich zu weit! Unter Freundinnen herrscht Gleichheit, da kann von geliehenen Sachen keine Rede sein!«

Und um dies Wort gleichsam zur That zu machen, griff sie in Melanies offenstehenden Blumenkasten, nahm eine feuerfarbene Nelke heraus und befestigte dieselbe an ihrem Gürtel.

»Du erlaubst doch, Melanie?« fragte sie so nebenhin, »die rote Farbe steht mir wirklich brillant!« und mit einem wohlgefälligen Blick betrachtete sie sich in dem Spiegel.

»Nellie und Ilse, wo bleiben sie nur?« fragte Orla.

Eben traten sie ein. Beide waren geschmackvoll gekleidet. Nellie im schottischen Kleide, am Hals und den Aermeln mit echten Spitzen garniert, sah graziös und vorteilhaft aus, ebenfalls Ilse, die über ihr blaues Kleid einen breiten Spitzenkragen gelegt hatte. Darüber trug sie die Korallenkette, mit welcher auch Nellie sich geschmückt hatte.

»Schnell noch diese Margueriten in dein Haar!« rief Melanie und machte Miene, dieselbe Ilse in ihren Locken zu befestigen. Aber die wehrte es ab.

»Geh mit deinen Blumen!« entgegnete sie abwehrend, »ich mag die toten, nachgemachten Dinger nicht leiden!«

»Wie du willst,« sagte Melanie etwas schnippisch und warf die verschmähten Gänseblümchen wieder in den Kasten.

Die Mädchen verließen das Zimmer und stiegen die Treppe hinunter.

»Orla ist doch die eleganteste von uns,« bemerkte Melanie nicht ohne einen Anflug von Neid zu Nellie, und musterte die vor ihr Gehende, die allerdings in der blauen Samttaille und einem gleichfarbig seidenen Rocke höchst vornehm erschien. »Freilich in Samt und Seide kleiden mich meine Eltern nicht, so reich sind wir nicht.«

[pg 152]

»Thut nix!« erwiderte Nellie, »man muß mit weniges auch zufrieden sein!«

»Bitte, bitte – wartet einen Augenblick!« rief es plötzlich hinter ihnen.

Annemie war es, die in voller Eile allen nachgelaufen kam. »Ich bin noch nicht ganz fertig,« fuhr sie atemlos fort, »ich kann aber nichts dafür! Als ich mein Kleid überzog, riß ein Band irgendwo, – nun hängt der eine Zipfel vom Ueberwurfe bis auf die Erde. Bitte, seht einmal nach!«

Alle waren stehen geblieben und betrachteten Annemie. Nellie, praktisch wie immer, untersuchte gleich, wo der Schaden saß.

»Komm her,« sagte sie, »ich werde dir ausbessern. Aber ein Nadel und Faden muß ich haben, dann nähe ich dir gleich mit weniger Stich in Ordnung.«

»Sei nicht umständlich,« meinte Flora. »Hier hast du eine Stecknadel, damit wirst du es ebenso gut machen können. Wie manchmal habe ich mir schon ein Band oder einen kleinen Riß schnell mit der Nadel gesteckt.«

Aber davon wollte die Engländerin nichts wissen. Sie nahm Annemie mit in ihr Zimmer und nähte die wenigen Stiche.

»Bitte, liebe, gute Nellie, mir ist hier am Aermel ein Endchen Spitze abgerissen, willst du mir nicht die gleich annähen? Du bist auch ein Engel!«

Nellie brachte auch diesen Schaden in Ordnung, und als sie fertig war, zupfte sie an Annemie hier und dort zurecht, nichts saß an der kleinen, runden Lachtaube, wie es sitzen mußte. Die Handschuhe waren nicht zugeknöpft, die Halskrause saß schief und an dem halbhohen Lackschuh fehlte ein Knöpfchen.

»Du bist aber ein sehr unordentlich’ Mädchen, liebes Lachtaube,« schalt Nellie, »aber ich kann dich nicht helfen, du [pg 153]mußt mit deiner abgerissener Knopf gehen. Es schlägt sechs, wir müssen pünktlich erscheinen.«

Die übrigen Mädchen hatten an der Treppe gewartet, jetzt gingen alle zusammen hinunter und an der Thür des Saales blieben sie stehen, sie hatten mit einem Male keinen Mut, hineinzugehen.

»Ich höre sprechen,« sagte Orla gedämpft, »ich glaube, die Herren sind schon da.«

Sie legte das Ohr an die Thür und horchte.

»Wirklich, sie sind da!« bestätigte sie.

»Lass’ mich durchs Schlüsselloch sehen, Orla,« bat die neugierige Flora und schob die erstere leicht beiseite.

Sie beugte den Kopf, als sie das Auge an die Thür legen wollte, packte Grete der Uebermut, so daß sie Flora einen Stoß gab und diese mit dem Haupte gegen die Thür flog. Das war ein Schreck! Wie der Wind flogen alle bis an das andre Ende des Vorsaals, – wenn Fräulein Raimar das Geräusch gehört hätte! »Dann sind wir einfach furchtbar blamiert,« erklärte Melanie und schalt Grete albern und ungezogen.

»Du bist ein Tollpatsch, Grete, im höchsten Grade ungebildet!« sagte Flora entrüstet, und Annemie lachte, daß ihr die hellen Thränen über die Wangen liefen.

»Sei mir nicht böse, daß ich dich auslache, Flora,« sagte diese, »aber ich kann nicht anders. Du sahest zu komisch aus und machtest ein so entsetztes Gesicht, als du mit deinem griechisch frisierten Kopf gegen die Thür flogst.«

Fräulein Raimar hatte wirklich ein Klopfen an der Thür vernommen, sie öffnete dieselbe, und als sie die Mädchen stehen sah, rief sie ihnen zu, sich zu beeilen.

Das war ein kritischer Moment. Unbemerkt stießen sie sich untereinander an und stritten sich leise, wer die erste sein solle.

[pg 154]

»Du mußt vorangehen, Orla, du bist die älteste,« flüsterte Ilse.

»Ich bin die jüngste, ich komme zuletzt!« rief Grete, die sonst immer mit ihrem Munde die erste war.

»Laß mich die letzte sein, Grete,« bat Annemie, »ich habe mich noch nicht ausgelacht.«

Rosi war die verständige, wie immer. »Komm, Orla,« sagte sie, »wir dürfen Fräulein Raimar nicht warten lassen. Wir benehmen uns überhaupt höchst kindisch, finde ich. An allem ist Gretes Albernheit schuld.«

Das gute Beispiel der beiden Aeltesten wirkte wohlthuend auf die übrigen. Sie nahmen sich zusammen und gingen ruhig und ernst in den Saal.

»Meine Damen, erlauben Sie, daß ich Ihnen die Herren vorstelle,« mit diesen Worten empfing sie der Tanzlehrer. Es folgten Verbeugungen von beiden Seiten.

Flora schwamm in Seligkeit, sie hatte unter den Herren einen Primaner erkannt, für den sie bereits längst im Geheimen schwärmte. Erst kürzlich hatte sie ihn als Apoll in Jamben besungen.

Fräulein Güssow stand neben der Vorsteherin und hatte ihre Freude an den jungen Mädchenblüten. An Ilse hing ihr Auge am zärtlichsten. Wie reizend hatte sich ihr Liebling entfaltet! Körperlich und seelisch. Wie viel gleichmäßiger war das stürmische Kind geworden. Wo war der böse Trotz geblieben?

Sie verglich Ilse mit den übrigen und fand, daß sie nicht allein die hübscheste, sondern auch weit natürlicher und unbefangener war, als die meisten andern. Keine Spur von Koketterie äußerte sich in ihrem Wesen, frei und fröhlich blickte sie mit den großen Kinderaugen in die Welt und schien die glückliche Frage auszusprechen: »Liebe Welt, bist du immer so schön?«

[pg 155]

Melanies Züge waren regelmäßiger, aber längst nicht so unbewußt lieblich, man merkte dem hübschen Mädchen an, daß sie schon gar zu oft den Spiegel um seine Meinung befragte.

Flora und Melanie standen beisammen und machten ihre Bemerkungen über die Herren, zu denen sie verstohlen hinüber schielten. Natürlich gaben sie sich den Schein, als ob sie sich gar nicht um dieselben kümmerten.

Orla war aufrichtiger. Sie hatte den Klemmer auf die Nase gesetzt und betrachtete die Jünglinge ganz ungeniert. Später erhielt sie einen Tadel deswegen von der Vorsteherin.

Grete und Annemie hatten sich in eine Fensternische gesetzt und kicherten und schwatzten das dummste Zeug. Sogar Nellie war nicht ganz frei von einer harmlosen Gefallsucht. Sie hatte sich so zu setzen gewußt, daß ihr kleiner, schmaler Fuß im Goldkäferstiefel wie absichtslos unter ihrem Kleide hervorsah. Rosi war natürlich weder kokett, noch empfand sie die geringste Erregung. Ruhig und freundlich, wie immer, saß sie da, und so tadellos gerade hielt sie sich, daß sie auch in der Tanzstunde das Musterkind für die andern war.

»Anfangen!« rief der Tanzlehrer und klatschte in die Hände.

Und das Orchester, das aus einem Klavier und einer Geige bestand, begann.

Wie herrlich klang die Musik den jungen, unverwöhnten Ohren, wie »furchtbar entzückend« fanden sie die Walzerklänge. –

»Bitte die Herren, sich zu engagieren!« kommandierte der Tanzlehrer, und wie von einem Zauberstabe berührt stürzten die tanzlustigen Jünglinge auf die Dame zu, die sich ein jeder bereits still und verschwiegen als Ziel seiner Wünsche ausgesucht hatte.

Vor der blendenden Melanie verbeugten sich zugleich drei Herren. Welch ein Triumph für ihr eitles Herz! – [pg 156]Leider konnte sie nicht mit allen dreien auf einmal tanzen und mußte sich mit der Genugthuung begnügen, daß alle Anwesende doch sicher diese Auszeichnung bemerkt hatten. – Alle wohl nicht, aber Flora und Grete hatten sie bemerkt und mußten die schmerzliche Erfahrung machen, daß die Verschmähten zu ihnen kamen, um sie zu erlösen. Sie waren von all den jungen Damen die allein Uebriggebliebenen. Flora fühlte sich besonders tief gekränkt und mit neidischen Blicken folgte sie Ilse, die eben mit »Apoll« an ihr vorüberwalzte.

Recht lebhaft war die Unterhaltung am ersten Herrenabend nicht. Die Gegenwart der Vorsteherin, ihre beobachtenden Blicke legten einigen Zwang auf. Nellie, die sich sehr zusammennahm, um ja keinen Sprachfehler zu machen, war ganz besonders schweigsam, und einige Male, als sie angeredet wurde und sich recht gewählt ausdrücken wollte, brachte sie die drolligsten Dinge zum Vorschein.

Ein junger Mann erzählte ihr, daß er in einigen Jahren, wenn er ausstudiert habe, nach England gehen werde. »Werden Sie dort verständig (beständig, meinte sie) sein?« fragte sie. – Ein andrer fragte, ob sie gern in Deutschland weile. »O ja, ich bin ganz verliebt in der Deutsche!« gab sie freudig zur Antwort.

Aber Nellie konnte nie mißverstanden werden. Ihre kindliche Naivetät nahm sofort alle Herzen für sie ein. Die jungen Herren waren denn auch sämtlich entzückt von der jungen Engländerin, und da sie obenein sehr gut tanzte, wurde sie bald zum allgemeinen Liebling erkoren.

Grete wurde ihre schweigsame Zurückhaltung äußerst sauer, verschiedene Male fiel sie aus der Rolle. Einmal ertappte sie Orla, die gerade hinter ihr stand, auf einer argen Indiskretion.

»Wie heißt die junge Dame mit den Locken?« wurde sie von ihrem Tanzherrn gefragt.

[pg 157]

»Das ist Ilse Macket,« gab Grete schnell zur Antwort. Und nun fing sie an, ausführlich über dieselbe zu berichten. »Sie ist erst seit Juli hier,« fuhr sie fort und der Mund ging ihr wie eine Plappermühle, »ihr Vater brachte sie hierher. Sie ist nämlich weit her, aus Pommern, und, denken Sie sich, sie hatte ihren Hund mitgebracht und wollte ihn durchaus mit in die Pension nehmen! Natürlich Fräulein Raimar erlaubte es ihr nicht. Ach, und ungeschickt war sie! Kein Mensch kann sich davon einen Begriff machen. Einmal hat sie einen ganzen Stoß Teller –«

»Grete,« unterbrach Orla ihren Redefluß, »du verlierst eine Nadel. Tritt einen Augenblick mit mir zur Seite, damit ich sie wieder befestige.«

»Wie ungezogen, wie abscheulich von dir!« schalt Orla, indem sie sich scheinbar an Gretes Kragen zu schassen machte. »Warum blamierst du Ilse so? – Du siehst den Herrn heute zum ersten Male und machst ihn sofort zum Mitwisser unsrer Pensionsgeheimnisse! Möchtest du denn, daß die arme Ilse verspottet würde?«

Grete erschrak. Daran hatte sie gar nicht gedacht! Die Schwatzhaftigkeit war wieder einmal mit ihr durchgegangen und hatte ihr einen bösen Streich gespielt.

Höchst betrübt und niedergeschlagen trat sie wieder in die Reihe der Tanzenden. Sie faßte auch den festen Entschluß, in Zukunft vorsichtiger zu sein, aber wie lange! Es ist so schwer, eine lebhafte Zunge zu zügeln!

Doch es liegt nicht in meiner Absicht, die Tanzstundenereignisse genau und ausführlich zu schildern. Ich nehme an, meine Backfischchen, denen ich meine Erzählung widme, haben die Leiden und Freuden derselben aus eigener Erfahrung bereits kennen gelernt. Es ist immer dasselbe. Harmlose Koketterien, kleine Eifersüchteleien, ein wenig Neid, schwärmerische Verehrung, etwas Courschneiderei, zuweilen auch Klatscherei – u. s. w. Dazu noch die kleinen Aufmerksamkeiten, die [pg 158]hinter den Kulissen spielen, z. B. Fensterparaden, duftige Blumenspenden, manchmal sogar eine gemeinsame Schlittschuhpartie auf dem Eise.

Die letztgenannten Aufmerksamkeiten waren natürlich vollständig ausgeschlossen in der Pension. Fräulein Raimar würde dieselben nicht geduldet haben. Streng hielt sie darauf, daß außer den Tanzstunden nicht die geringste Annäherung mit den Herren stattfand. In diesem Punkte kannte sie keine Nachsicht.

Schon in höchstem Grade unangenehm war es ihr, daß die jungen Leute sich herausnahmen, ihre täglichen Spaziergänge mit den Zöglingen zu durchkreuzen und grüßend an ihnen vorüberzuschreiten. Es war ihr geradezu unbegreiflich, wie sie es herausbrachten, welchen Weg sie wählte. Denn wenn sie ihre junge Schar heute durch den Park – morgen in dieses Thal – übermorgen über jenen Berg führte, immer konnte sie überzeugt sein, die roten Primanermützen auftauchen zu sehen – sie konnte ihnen nicht entgehen. Die Lösung dieses Rätsels war einfach genug, der Verrat wurde durch die Tagesschülerinnen ausgeführt. Sie waren die Vermittlerinnen zwischen ihren Brüdern, Vettern oder Bekannten und den Pensionärinnen. Sie schmuggelten Grüße, Gedichte, sogar Photographien ein und Flora benutzte diesen Weg, ihr Album den Herren zuzusenden mit der Bitte, ein selbstverfaßtes Gedicht hineinzuschreiben.

Eines Tages, es war so ziemlich gegen den Schluß der Tanzstunden, erhielt Nellie nach dem Schulunterricht ein kleines Billet zugesteckt. Sie ging auf ihr Zimmer, wo Ilse anwesend war, und öffnete dasselbe.

»Wie albern!« rief sie hocherrötend aus, als sie die wenigen Zeilen gelesen hatte. »Wie kann der einfältige Mensch sich so dreist gegen mir benehmen! Ich habe ihm nie Ursach’ zu so große Dreistigkeit gegeben!« Und sie zerriß die Zeilen.

[pg 159]

Ehe noch Ilse ihre Meinung aussprechen konnte, kam Melanie hereingestürzt, strahlend vor Eitelkeit und Freude.

»Kinder!« rief sie mit ihrer lispelnden Stimme, »ich muß euch etwas mitteilen! Aber verratet mich nicht! Schwört, daß ihr niemand etwas sagen werdet! Du auch, Grete,« wandte sie sich an die eintretende Schwester.

Natürlich wartete sie in ihrer Erregung den Schwur gar nicht ab, sondern geheimnisvoll die Thür verriegelnd zog sie ein kleines Briefchen aus ihrer Kleidertasche und begann vorzulesen.

»Mein gnädiges Fräulein!

Sie würden mich zu dem glücklichsten aller Sterblichen machen, wenn Sie mir Ihre Photographie verehrten! – Meine Bitte ist kühn, ich weiß es, aber Sie werden mir diese Kühnheit großmütig verzeihen, wenn ich Ihnen gestehe, daß es mein glühendster Wunsch ist, Ihre wunderbar klassischen Züge täglich, stündlich sehen und anbeten zu können.

Darf ich auf Ihre Gnade hoffen?

Georg Breitner.«

Nellie hatte die Papierstückchen von der Erde aufgenommen und dieselben so ziemlich wieder zusammengesetzt auf ihrer Kommode. Nun las sie die Zeilen vor. Sie waren von demselben Verfasser und enthielten die gleiche Bitte, nur waren die Worte ein wenig anders gesetzt, auch nannte er Nellies Züge ›liebreizend‹ anstatt ›klassisch‹.

Sie wurde doch etwas herabgestimmt bei dieser Entdeckung, die siegesstrahlende Melanie! Einen Augenblick schwieg sie und sah Nellie an.

»Was thun wir, Nellie?« fragte sie dann, »wir können doch Herrn Breitner die Bitte nicht abschlagen!«

»Du darfst dein Bild nicht geben!« platzte Grete, die nebenbei etwas Neid gegen die weit hübschere Schwester [pg 160]empfand, heraus. »Auf keinen Fall, oder ich schreibe es dem Papa!«

»Dich habe ich nicht um deine Meinung gefragt!« gab Melanie kurz zur Antwort. »Nellie, was sagst du?«

»Aber, Melanie!« rief Ilse ganz erregt, »wie kannst du nur einen Augenblick im Zweifel sein! Du wirst doch wahrhaftig dein Bild nicht an einen Herrn verschenken, der dir eigentlich ganz fremd und noch kein ordentlicher Herr ist! Er will dich zum Narren halten, weiter nichts!«

»Du schwatzest geradezu Unsinn, liebe Einfalt vom Lande!« entgegnete Melanie gereizt. »Was verstehst du denn unter ›ordentliche Herren‹?«

»Solche, die nicht mehr in die Schule gehen und auf Schulbänken sitzen!« erklärte Ilse. »Herr Georg Breitner wird dein Bild mit in die Klasse nehmen und die ›Herren‹ Schüler werden es bewundern. Dann bist du furchtbar blamiert!«

»Nellie, du bist ja so still!« wandte sich Melanie etwas kleinlauter als vorhin an diese, »sage doch, was wir thun sollen!«

»O gar nix!« entgegnete dieselbe trocken, »wir werden thun, als ob wir der dumm’ Brief nicht bekommen haben.«

»Und wenn er fragt? Was sagen wir dann, Nellie?«

»O, auch nix. Wir zucken mit die Schulter und schweigen. Das nennt man in Deutsch: Mit Nichtachtung verstrafen!«

Einverstanden war Melanie durchaus nicht mit dieser Entscheidung, sie hätte so gern ihr »klassisches Konterfei« vergeben, trotzdem mußte sie sich der Notwendigkeit fügen. Warum mußte er auch noch um Nellies ›liebreizendes Bild‹ bitten?

»Ihr habt furchtbar öde Ansichten!« sagte sie spottend und verließ das Zimmer.

* * *

[pg 161]

Die Tanzstunde nahte ihrem Ende. »Leider!« seufzten die jungen Leute. Fräulein Raimar indes atmete auf, denn wenn sie auch der Jugend gern fröhliche Stunden bereitete, so sehnte sie doch wieder Ruhe und Gleichmäßigkeit zurück, weil sie die Erfahrung gemacht hatte, daß durch die Zerstreuung stets der rechte Ernst zum Lernen etwas abhanden kam.

Den Schluß und Glanzpunkt bildete alljährlich ein kleiner Ball, und morgen, am Sonnabend, sollte derselbe stattfinden.

Die Benennung »Ball« klingt eigentlich zu hoch für das kleine Fest. Es wurden noch einige Gäste geladen, das Orchester schwang sich zu einer zweiten Geige auf, dem Thee nebst belegten Butterbroten folgte eine leichte Bowle mit Pfannkuchen, und die jungen Mädchen zogen ihre besten Kleider an. Das war alles!

Aber der große Saal erhielt ein festliches Ansehen, dafür trug stets Fräulein Raimar Sorge. Sie liebte es, den Schönheitssinn ihrer jungen Zöglinge zu wecken, damit dieselben späterhin imstande seien, mit wenigen Mitteln auch dem einfachsten Feste ein künstlerisches Ansehen zu geben.

Soeben stand sie neben dem Gärtner und ordnete an, wie er die Tannen, die er am Morgen aus dem Walde geholt, mit blühenden Topfgewächsen zu lauschigen Ecken und Plätzen gruppieren solle. Als das geschehen war, mußte er Konsolen von rotem Thone zwischen verschiedenen Wandleuchtern befestigen, – üppige Schlingpflanzen wurden darauf gestellt und fielen anmutig herab. Auch der altmodische Kronleuchter, geformt wie eine bronzene Schale mit Lichterarmen, erhielt seinen grünen Schmuck. Es wurde eine Schlingpflanze in die Schale gestellt, so daß die grünen Ranken zwischen den Armen herabfielen. Am Abend, wenn die Kerzen brannten, machte dieser einfache Schmuck einen reizend malerischen Eindruck.

Als alles fertig war, übersah die Vorsteherin noch einmal den Saal, und recht befriedigt verließ sie denselben.

[pg 162]

Die jungen Mädchen waren natürlich in großer Aufregung. Es war der erste Ball, der ihnen bevorstand, und dieses wichtige Ereignis nahm all ihre Gedanken in Anspruch. Einige betrachteten wieder und wieder die duftigen Kleider, andre versuchten besondere Haartrachten, so Flora, die eine Passion dafür hatte, wieder andre probierten die Kleider an, der Sicherheit wegen, wie Nellie meinte, die soeben mit Ilse die Weihnachtskleider von der Schneiderin erhalten hatte. Gerade als beide angekleidet dastanden, kam Lilli hereingejubelt.

»Ich geh mit auf euren Ball!« rief sie, »das Fräulein hat es mir erlaubt. Und mein neues, weißes Kleiderl zieh ich an und die rote Atlasschärpe bind’ ich um, – und ich darf halt mittanzen! Ich freu mich halt zu sehr auf morgen!«

Und sie faßte mit beiden Händchen an ihre Schürze und tanzte zierlich und graziös durch das Zimmer.

Es war schon ziemlich dunkel, und die Kleine hatte nicht bemerkt, wie geputzt Nellie und Ilse waren. Als die erstere Licht anzündete, blieb sie plötzlich überrascht stehen und sah erstaunt von einer zur andern.

»Wie schön schaut ihr aus!« rief sie bewundernd und mit gefaltenen Händen, und fast andächtig sah sie die beiden Mädchen an.

»Weißt, Ilse,« fuhr sie lebhaft fort, »du schaust aus gerad wie des Kaisers Tochter! Ich führ’ dich morgen in den Saal – bitt’ schön!«

Ilse nahm ihren Liebling zärtlich in den Arm und küßte ihn herzhaft auf den Mund. »Du bist ja so heiß, Lilli,« sagte sie und befühlte Stirn und Wange des Kindes. »Fehlt dir etwas?«

»Der Kopf thut mir halt a bissel weh,« entgegnete Lilli, »aber gar nit viel, – gewiß nit,« beteuerte sie, als Ilse sie besorgt ansah. »Morgen thut er nit mehr weh, – morgen geh ich ganz gewiß auf den Ball! Du gehst auch mit,« [pg 163]sagte sie zu ihrer Puppe, die nach ihrer Geberin, Ilse, getauft war. »Aber artig mußt halt sein, sonst wirst in dein Bett gesteckt!« –

»Doch mit des Geschickes Mächten

Ist kein ew’ger Bund zu flechten

Und das Unglück schreitet schnell.«

Acht Tage später schrieb Flora diese inhaltschweren Worte in ihr Tagebuch. –

Am andern Morgen lag Lilli heftig fiebernd in ihrem Bette. Der herbeigerufene Arzt machte ein ernstes Gesicht. »Sie hat starkes Fieber,« sagte er und verordnete Eisumschläge auf den Kopf, die jede halbe Stunde gewechselt werden mußten. Das lebhafte Kind lag still und teilnahmlos da.

Fräulein Güssow saß recht sorgenvoll an Lillis Bett, die eben etwas eingeschlummert war. Die Vorsteherin beruhigte sie und meinte, daß Lillis ganze Krankheit ein heftiges Schnupfenfieber sein werde, sie habe bei Kindern oftmals ähnliche Fälle erlebt.

Die junge Lehrerin schüttelte ungläubig den Kopf. »Wenn nur der Ball heute abend nicht wäre!« sprach sie seufzend. »Der Lärm im Hause und das kranke Kind – es will mir nicht in den Kopf! – Wenn wir ihn hinausschöben, Fräulein?«

»Sie sehen zu schwarz, liebe Freundin,« entgegnete die Vorsteherin. »Der Lärm wird Lilli nicht stören, wie sollte er aus dem Vorderhause bis hierher in Ihr stilles Zimmer dringen? Bedenken Sie, wie sehr sich die Kinder auf den heutigen Abend gefreut haben; wie grausam wäre es, wollten wir ihre Freude zerstören! Noch sehe ich keine Gefahr und wir können unbesorgt den Ball stattfinden lassen.«

»Ball!« wiederholte Lilli, die erwacht war und das Wort gehört hatte; »ich will tanzen! Zieh mich an, Fräulein! Bitt schön, laß mich tanzen!«

[pg 164]

Fräulein Güssow warf der Vorsteherin einen verständnisvollen Blick zu, jetzt mußte dieselbe sich doch überzeugen, wie krank die Kleine war, – sie phantasierte.

Aber Fräulein Raimar war nicht überzeugt und auch nicht erschrocken. Sie trat zu Lilli an das Bett und ergriff deren Hand.

»Es ist ja noch heller Tag, Lilli,« sagte sie freundlich; »siehst du nicht, wie die Sonne scheint? Heute abend sollst du tanzen, jetzt ist es noch viel zu früh. Lege dich nieder und schlafe noch etwas; wenn du aufwachst, bist du gesund und ziehst dein gesticktes Kleid an.«

»Die liebe Sonn scheint,« wiederholte das Kind, wie aus einem Traume erwachend, und sah mit müden Augen zum Fenster hinaus. Dann legte sie die Hand gegen die Stirn und sagte leise: »Ach Gotterl, Fräulein, mir thut der Kopf halt so weh!«

»Das wird sich geben, mein Herz. Nimm nur recht artig deine Medizin ein.«

Sie küßte Lilli und versicherte der sehr geängstigten Lehrerin, das Phantasieren der kleinen Kranken habe nichts zu bedeuten, bei lebhaften Kindern stelle sich dasselbe bei einem harmlosen Schnupfenfieber ein. Und mit diesem aufrichtig gemeinten Troste verließ sie das Zimmer.

Es schien, als habe sie wahr gesprochen. Gegen Mittag schlief Lilli ein. Das Fieber hatte etwas nachgelassen und Fräulein Güssow atmete erleichtert auf. Als Ilse kam und teilnehmend mit trauriger Miene nach Lillis Befinden fragte, winkte sie derselben freudig zu und flüsterte: »Sie schläft, – es scheint eine Besserung eingetreten zu sein.«

Ilse teilte sofort diese gute Nachricht den Freundinnen, die schon in ängstlicher Sorge um den kleinen Liebling waren, mit, und brachte sie alle wieder in fröhliche Stimmung. Nur Flora blieb bei ihren düsteren Prophezeiungen.

[pg 165]

»Meine ahnungsvolle Stimme täuscht mich nicht, ich fühle es, der Tod wird diese zarte Knospe brechen,« sagte sie in tragischem Tone und probierte dabei ihre neuen Ballschuhe an, streckte den Fuß weit von sich und bewunderte mit sehr befriedigter Miene die zierliche, elegante Form des Schuhes. Es war ihr wenig ernst mit ihren düstern Ahnungen!

Lillis Besserung war leider nur trügerisch gewesen. Während die jungen Mädchen heiter und glücklich Toilette zum fröhlichen Feste machten, lag sie im heftigsten Fieber.

Fräulein Güssow wich nicht von ihrem Bette und erklärte mit aller Bestimmtheit, daß sie diesen Platz nicht verlassen werde. Auf Fräulein Raimars Wunsch wurde die Verschlimmerung der Krankheit vorläufig geheim gehalten; sie mochte keinen Mißklang in die unbefangene Freude ihrer Zöglinge bringen, mußte sie sich doch bei ruhiger Ueberzeugung sagen, daß nichts damit gebessert werde. – So blieb denn die junge Lehrerin allein im Krankenzimmer. Sie hörte das unruhige Getappel im Vorderhause; dann und wann schlug wohl ein fröhliches Lachen an ihr Ohr – und endlich vernahm sie die gedämpften Töne der Polonaise.

»Ilse, komm!« rief Lilli plötzlich und Fräulein Güssow fuhr erschreckt zusammen. »Ilse, bitt, bitt schön, komm! Ich führ dich in den Saal, komm!« – Hoch hatte sie sich im Bett aufgestellt und machte alle Anstrengungen, aus demselben zu springen.

Fräulein Güssow legte den Arm um das fiebernde Kind und versuchte es niederzulegen, aber Lilli stieß sie von sich.

»Geh fort!« rief sie; »du bist nit des Kaisers Tochter, du hast kein schönes Kleiderl an! – Ilse! Ilse komm!«

Angstvoll und gellend stieß sie ihre Worte heraus und mit starren Augen blickte sie ihre Pflegerin an.

»Wenn du ruhig bist, wird Ilse kommen,« sagte dieselbe mit zitternder Stimme, die Angst schnürte ihr fast die Kehle zu. »Sei ruhig, mein Liebling, willst du? Lege dich nieder [pg 166]– ganz still – so.« Und sie bettete mit sanfter Gewalt die immer noch aufrechtstehende Lilli in die Kissen.

»Ganz still,« wiederholte das Kind mechanisch; »Ilse komm, – ganz still!«

Fräulein Güssow zog an der Klingelschnur, und nach einiger Zeit ängstlichen Harrens erschien die Köchin. Sie war die einzige, welche die Glocke vernommen hatte, die beiden andern Dienstboten waren im Vorderhause beschäftigt.

»Rufe sofort Fräulein Ilse,« gebot sie mit halblauter Stimme, »und dann hole den Arzt. Das Kind ist sehr krank. Aber still und ohne Aufsehen, Bärbchen, niemand darf es wissen.«

»Aber wenn mich Fräulein Raimar fragen sollte,« wandte die etwas schwerfällige Köchin ein, »dann muß ich es ihr sagen, nicht?«

»Sie wird dich nicht fragen, wenn du deine Sache klug machst. Eile dich nur, ich bitte dich!«

Der Zufall kam Bärbchen zu Hilfe. Gerade als sie sich dem Saale näherte, traten Ilse und Nellie lachend und plaudernd, mit ganz erhitzten Wangen, Arm in Arm, aus der Thür desselben.

Geheimnisvoll winkte ihnen die Köchin zu. »Fräulein Ilschen,« sagte sie, »Sie möchten gleich zu Fräulein Güssow kommen!«

»Es ist doch nichts passiert, Bärbchen?« fragten beide Mädchen fast zugleich.

»O nein, passiert gerade nichts, aber das Kind ist kränker geworden, ich soll gleich den Doktor holen. Es soll aber niemand etwas wissen. Sie brauchen keine Angst zu haben, Fräuleinchens,« beruhigte sie, als sie die erschrockenen Gesichter vor sich sah, »so schnell geht das nicht mit so kleinen Kindern. Krank – tot – gesund – man weiß nicht, woher es kommt! Aber nun will ich laufen!« Und wie der Wind war sie die Treppe hinunter und zum Hause hinaus.

[pg 167]

»Ich gehe mit dich,« sagte Nellie, aber Ilse wehrte ihr ab.

»Du mußt in den Saal zurückkehren, Nellie,« erklärte Ilse entschieden, »es würde Aufsehen erregen, wenn wir beide fehlten. Ich gehe allein und bringe dir bald Bescheid.«

Traurig sah Nellie der Freundin nach, dann kehrte sie zurück in den hellerleuchteten Saal. Schwer legte es sich auf ihr Herz, als sie ringsum nur glückliche, fröhliche Menschen sah – unwillkürlich füllte sich ihr Auge mit Thränen.

Aber ihr betrübtes Gesicht durfte niemand sehen, sie trat deshalb unbeachtet hinter eine Tannengruppe.

Einer indes hatte sie doch beachtet und das war Doktor Althoff. Als er sie mit so ernstem Gesicht eintreten und gleich darauf verschwinden sah, näherte er sich ihr langsam.

»Weshalb suchen Sie die Einsamkeit, Miß Nellie?« fragte er herzlich. »Haben Sie Kummer?«

»O Herr Doktor, ich ängstige mir so um das Kind! Bärbchen hat Ilse gerufen und holt jetzt der Arzt!« Und Nellies sonst so fröhliche Augen blickten in Angst und Trauer den jungen Mann an.

Doktor Althoff hatte sie nie so lieblich gesehen als in diesem Augenblicke.

Die schelmische, lustige Nellie in dem duftigen, hellblauen Kleide, den Kranz von Tausendschön im goldblonden Haar, hatte ihn schon den ganzen Abend erfreut, die trauernde Nellie, die ein so warmes Mitgefühl verriet, entzückte ihn geradezu.

»Beruhigen Sie sich,« tröstete er, »ich werde sofort in das Krankenzimmer gehen und verspreche Ihnen, Sie zu benachrichtigen, wie es dort steht.«

Als er die Thür desselben nach leisem Anklopfen öffnete, bot sich ihm ein rührender Anblick dar. Ilse kniete an dem Bett und hatte ihr Haupt dicht neben Lillis Köpfchen gelegt, so daß ihre braunen Locken sich mit den lichtblonden des Kindes mischten. Eine frische, rote Rose, der einzige Schmuck, [pg 168]den sie heute abend getragen, hatte sich aus ihrem Haar gelöst und lag halb entblättert auf dem Boden. Fräulein Güssow legte soeben einen neuen Eisumschlag auf der Kranken glühende Stirn.

Doktor Althoff fragte nicht, – ein Blick auf die kleine Kranke sagte ihm alles. Groß und fremd sah sie ihn an, ihre Händchen zuckten und griffen unruhig in die leere Luft. Als Ilse sich erheben wollte, klammerte sie sich fest an sie.

»Du sollst nit fortgehn, du bist des Kaisers Tochter!« stieß sie in abgerissenen Sätzen heraus, »du bist die Schönste! – Tanz mit mir – komm!«

Plötzlich sprangen ihre Phantasien davon ab, und sie sah Ilse für das Christkind an.

»Du liebes Christkindl hast ein goldenes Kleiderl an, – und ein Kronerl tragst auf dem Kopf – ah, wie das strahlt! Du willst mit mir spielen,« fuhr sie geheimnisvoll lächelnd fort, »wart nur, ich komm zu dir, zu den lieben Engelein! – Ich komm – nimm mich mit!«

Ermattet sank sie nach diesem Anfall in die Kissen zurück.

Ilse war wie gelähmt vor Schreck. Niemals zuvor hatte sie an dem Lager eines Schwererkrankten gestanden, es war daher natürlich, daß sie ganz fassungslos war. Sie umklammerte Fräulein Güssow und wurde totenblaß, ohne ein Wort über die bebenden Lippen zu bringen.

»Kehren Sie in den Saal zurück, Ilse,« riet Doktor Althoff und ergriff ihre Hand. »Kommen Sie, ich werde Sie führen.«

Aber sie schüttelte den Kopf. »Ich bleibe hier,« sagte sie leise aber fest, »ich verlasse Lilli nicht.«

Und wie auch die Strauß’schen Klänge der blauen Donau schmeichelnd und verlockend durch die Nacht in das stille Krankenzimmer drangen, Ilse dachte nicht daran, zur Lust und Freude zurückzukehren. Ihre ganze Seele war von den Leiden ihres Lieblings erfüllt.

[pg 169]

Nur wenige Augenblicke lag Lilli still und mit geschlossenen Augen da, dann fing sie von neuem weit heftiger an zu phantasieren. Bald rief sie nach Ilse, um mit ihr zu tanzen, bald wollte sie mit dem Christkindl spielen, zuletzt fing sie an, mit leiser, matter Stimme zu singen: »Kommt a Vogerl geflogen –«

Wie klang heute des Kindes Lied so weh und traurig! Ilse mußte sich abwenden, heiße Thränen rannen über ihre Wangen, es war, als müsse ihr das Herz zerspringen.

»Ich befürchte das Schlimmste!« sprach Fräulein Güssow tief ergriffen. »Wenn nur der Arzt käme!«

Nach kurzer Zeit, die den Wartenden eine Ewigkeit dünkte, trat derselbe ein. Sein Blick fiel auf das Kind, und er erschrak. Wie hatte es sich verändert, seitdem er es verlassen, was war seit gestern aus dem blühenden, lebensfrohen Wesen geworden! Die runden Wangen waren eingefallen und die großen, schwarzen Augen starrten wie abwesend in die leere Luft. Er nahm ihre Hand und fühlte nach ihrem Puls, – sie merkte nichts davon, leise fing sie wieder an zu singen: »Und es kümmert sich ka Hunderl –«

»Au, au!« schrie sie plötzlich auf und griff nach ihrem Kopfe. »Das Katzerl beißt mich! Nimm es weg, Fräulein! Au weh!«

Der Arzt rührte ein Pulver in ein Glas Wasser und reichte es ihr. Nur mühsam war ihr dasselbe beizubringen und erst auf Ilses sanftes Zureden öffnete sie die Lippen. Nachdem sie getrunken, wurde sie ruhiger und verfiel in einen Halbschlummer.

»Wo wohnen die Eltern der Kleinen?« wandte der Arzt sich an Fräulein Güssow. »Ich rate, dieselben unverzüglich von der Krankheit zu benachrichtigen. Ich kann für den Ausgang nicht stehen. – Wir haben es mit einer bösartigen Gehirnentzündung zu thun.«

[pg 170]

»Nur die Mutter lebt,« nahm Doktor Althoff das Wort und erbot sich, sofort ein Telegramm an dieselbe abgehen zu lassen. Nach seiner Berechnung konnte sie schon am Abend des nächsten Tages eintreffen.

Bevor er das Haus verließ, kehrte er noch einmal in den Saal zurück, um die Vorsteherin mit dem Ausspruch des Arztes bekannt zu machen. Nellie, die gerade mit Georg Brenner Française tanzte und nicht aus der Reihe treten konnte, warf einen ängstlich fragenden Blick auf ihn, flüchtig nur streifte sie sein Auge, und doch erriet sie, daß er nichts Gutes zu melden habe. O, wäre nur der Tanz erst zu Ende, daß sie ihn fragen könnte! Aber er wartete nicht darauf, nach wenigen Minuten verließ er schon wieder den Saal und ließ Nellie in den peinlichsten Zweifeln zurück. War es schlimmer geworden? Der Vorsteherin ruhiges Gesicht gab ihr keine Antwort auf ihre Frage. Es lag dasselbe wohlwollende Lächeln auf demselben wie zuvor. Sie unterhielt sich mit einigen Gästen ohne jede sichtbare Erregung.

Und doch war sie bis in das Innerste erregt. Aber sie verstand die seltene Kunst, sich meisterhaft zu beherrschen. Warum sollte sie plötzlich Schreck und Aufregung in die Freude bringen? In einer Viertelstunde war der Tanz vorüber, dann sollten die jungen Mädchen sich niederlegen, ohne zu erfahren, wie es mit der Kranken stand. Die Jugend bedarf des Schlafes, sagte sie sich, besonders nach einer halb durchtanzten Nacht. Verschlimmerte sich Lillis Zustand, so erfuhren sie diese traurige Botschaft am Morgen noch früh genug.

Ilses Verschwinden, das allgemein bemerkt wurde, hatte Nellie auf ihre Art entschuldigt, sie hatte jedem Fragenden geantwortet: »O ja, sie wird gleich wieder da sein, sie hat nur auf ein Augenblick Kopfschmerzen.« Der Vorsteherin hatte sie so halb und halb die Wahrheit gesagt. Aber der Ball ging zu Ende und Ilse war nicht wiedergekehrt. –

Miß Lead hatte von der Vorsteherin den Auftrag erhalten, [pg 171]dafür Sorge zu tragen, daß die Mädchen still und geräuschlos ihre Gemächer aufsuchten, das wurde befolgt, aber als sie sich sicher glaubten, als die englische Lehrerin sich in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, da huschten sie alle noch auf eine kurze Zeit zu Rosi hinüber, deren Stübchen ganz am Ende des Korridors lag. Sie mußten noch einen kurzen Austausch haben, ihre jungen Herzen waren zu voll von dem herrlichen Feste.

Melanie brachte ihre duftigen Sträuße, die sie im Cotillon erhalten hatte, mit und breitete sie auf dem Tische aus. Mit wehmütiger Freude betrachtete sie den reichen Segen. »Ach!« rief sie aus, »wie schade, daß alles vorbei ist!«

»Alles Schöne ist vergänglich, nur die Erinnerung bleibt!« entgegnete Flora weise. Und sie betrachtete bei ihren Worten die Photographie eines jungen Mannes, die sie vorsichtig und geschickt in ihrem Taschentuche verborgen hielt. – Es war Georg Breitners Bild. Er hatte dafür das ihrige eingetauscht.

»Ach, Kinder, es war doch zu schön!« brach Annemie in plötzlicher Begeisterung aus. »O, was ich euch alles erzählen könnte!«

»Und ich! Und ich!« klang es durcheinander.

»Ihr würdet staunen, wenn ich sprechen wollte!« rief Melanie stolz und schlug ihr Auge kokett gen Himmel, »ich habe viel erlebt!« – In ihrem Eifer vergaß sie ganz, ihre Stimme zu dämpfen.

»Nicht so laut, Melanie,« ermahnte Rosi und Orla stimmte ihr bei. »Wir wollen zu Bett gehen,« riet sie ernstlich, »denn wenn ihr erst anfangt, eure Erlebnisse zu erzählen, dann können wir bis zum hellen Morgen hier sitzen.«

»Morgen ist Sonntag, da können wir ausschlafen!« meinte Grete, die darauf brannte, die geheimnisvoll angedeuteten Geschichten zu hören. »Wo sind denn aber Ilse und [pg 172]Nellie?« unterbrach sie sich plötzlich und sah sich um; »ich habe Ilse den ganzen Abend nicht gesehen. Hatte sie wirklich Kopfschmerzen? Kommt, wir wollen uns zu ihnen schleichen und nachsehen!«

Doch dieser allgemein Beifall findende Vorschlag kam nicht zur Ausführung. Eben als sie auf den Zehen einige Schritte gethan, stand Miß Lead wie ein Nachtgespenst vor ihnen.

»Wo wollt ihr hin?« fragte sie erzürnt. »Habe ich euch nicht Ruhe geboten? Sofort legt euch nieder, – und morgen werde ich euren Ungehorsam der Vorsteherin melden!«

So wurde es denn still in den oberen Räumen. Die plaudernden Lippen verstummten nach und nach – die Augen schlossen sich zu süßem Schlummer und ein gütiger Traumgott führte die Schlafenden zurück in den festlichen Saal. Noch einmal ließ er die Musik erklingen und die junge Schar im lustigen Tanze dahinfliegen. –

»O wie öde ist die Wirklichkeit!« war Melanies erstes Wort, als sie erwachte.

* * *

In dem Krankenzimmer dachte man nicht an Schlaf, noch weniger an glückliche Träume. Traurig sah es dort aus. Lilli tobte zwar nicht mehr, aber sie lag ohne Teilnahme da. Das Fieber war noch immer im Zunehmen begriffen. Als die Vorsteherin eintrat, erhob sich der Arzt und teilte ihr seine Befürchtung mit. Ilse schluchzte leise in sich hinein; es wurde ihr so schwer, sich zu beherrschen.

»Geh zu Bett, Ilse,« sprach Fräulein Raimar sanft zu ihr, »du darfst nicht länger hier verweilen.«

Der Arzt stimmte energisch bei, und so schmerzlich bittend das junge Mädchen auch die Vorsteherin ansah, dieselbe beharrte bei ihrem Willen.

[pg 173]

»Du bist ein gutes Kind,« sagte sie weich und ihre Stimme klang wie verhaltene Thränen, »aber ich darf deinen Wunsch nicht erfüllen. Ein längerer Aufenthalt hier könnte deiner Gesundheit schaden. Du kannst dem Kinde auch nicht helfen, – sieh hin – es kennt dich – uns alle nicht mehr!«

[Illustration]
[Illustration]

Bevor sie das Zimmer verließ, trat Ilse noch einmal zögernd und leise an Lillis Bett. Zitternd ergriff sie die kleine, fieberheiße Hand, beugte sich nieder und drückte einen Kuß darauf. »Gute Nacht, Liebling,« hauchte sie leise, »gute Nacht!«

Und mit einem langen, thränenschweren Blick auf das blasse Gesichtchen nahm sie Abschied, ach, sie fühlte es, es war ein Lebewohl für immer. Dann eilte sie hinaus, das Taschen[pg 174]tuch fest vor den Mund gepreßt, damit sie vor Herzeleid nicht laut aufschreie.

Draußen, dicht vor der Thür, stand Nellie. Unbemerkt war sie der Vorsteherin gefolgt und hatte die Freundin erwartet. Ilse fiel ihr um den Hals und Nellie führte die Trostlose hinauf in ihr Zimmer. Dort angelangt warf Ilse sich verzweifelnd auf ihr Bett und begrub ihr Gesicht laut weinend in die Kissen.

»Ist sie so sehr krank?« fragte Nellie.

»Sie stirbt, Nellie!« schluchzte Ilse außer sich, »unser süßer, kleiner Liebling stirbt!«

Nellie wurde blaß und ein heftiges Zittern überfiel ihren Körper, aber sagen konnte sie nichts. Sie vermochte niemals ihren Schmerz laut herauszujammern, die ungestüme Art Ilses war ihr fremd. War das zu verwundern? Ilse hatte Kummer und Leid noch niemals Aug in Auge gesehen, ihre frohe Jugendzeit war bis dahin einem sonnigen Maientag zu vergleichen, der wolkenlos mit blauem Himmel auf die Erde niederlacht, – wie anders Nellie! So mancher trübe Schatten hatte bereits ihr junges Dasein verdunkelt! Sie mußte an den Tod des geliebten Vaters denken, der sie so jung als Waise zurückließ!

Still setzte sie sich neben die Freundin auf den Bettrand und ergriff deren Hand.

»Komm,« sagte sie mit unsichrer Stimme, »setze dir hoch. Du machst dir auch krank, wenn du so hitzig bist! Und wenn wir uns tot weinen, wir machen doch der arm’ klein’ Herz nicht gesund. Wenn der liebe Gott sagt: ›Ich will der klein’ Engel zu mich nehmen,‹ was können wir da machen? – O Ilse! es ist gar nicht so schrecklich, als ein jung Kind zu sterben! Wer weiß, welch’ traurig Schicksal unsre Lilli aufwartete: Ist es nicht besser, da tot zu sein? – Ich wär’ sehr glücklich, wenn mich der liebe Gott als klein’ Kind zu sich genommen hätte!«

[pg 175]

Wie traurig das klang! Sofort wendete sich Ilses ganzes Mitleid ihrer einzigen Nellie zu. Sie antwortete nichts, aber sie erhob sich und umschlang dieselbe fest und innig. Und die beiden jungen Mädchengestalten in ihren duftigen Ballgewändern, die sie nur zur Freude zu tragen gehofft hatten, schlossen in diesem ernsten Augenblick einen innigen Freundschaftsbund für das ganze Leben. Der Mond trat plötzlich hinter dem dunklen Gewölk hervor und verklärte mit seinem blassen Schimmer die lieblichen, thränenvollen Gesichter der Freundinnen wie zwei betaute Rosen, die an einem Stengel erblüht sind. –

* * *

Es war ein trübseliger Sonntag, der dem Ballfeste folgte. Als die junge Schar, noch ganz erfüllt von der Erinnerung an dasselbe, beim Morgenkaffee saß, trat Fräulein Güssow ein. Bei ihrem Anblick verstummte das fröhliche Geplauder, ihr blasses und verweintes Gesicht verkündete nichts Gutes. Ilse und Nellie waren sofort an ihrer Seite, sie hatten bis dahin seitwärts gestanden; es war ihnen unmöglich, an der Fröhlichkeit der andern teilzunehmen.

»Ist es besser?« fragte Ilse hoffend und bangend zugleich.

Traurig schüttelte die Angeredete den Kopf und ihre Augen füllten sich mit Thränen. »Nein,« sagte sie, »es ist nicht besser. Die Krankheit hat sich gesteigert und ihr müßt euch auf das Schlimmste gefaßt machen. Ich teile euch dies mit, Kinder, damit ihr nicht allzusehr erschreckt, wenn –« Sie konnte den Satz nicht vollenden, Thränen erstickten ihre Stimme.

Eine augenblickliche Todesstille trat bei dieser Eröffnung ein. Als aber Ilse laut zu schluchzen anfing, da erhob sich ein allgemeines Jammern und Wehklagen. Kein Auge blieb [pg 176]trocken bei dem Gedanken, den herzigen Liebling für immer hergeben zu müssen.

Die junge Lehrerin entfernte sich und Ilse eilte ihr nach.

»Lassen Sie mich zu ihr,« bat sie dringend und erhob die Hände. »Bitte!«

Sie konnte ihr diesen Wunsch nicht erfüllen. »Du darfst sie nicht wiedersehn, Ilse,« sagte sie fest und entschieden. »Sie hat sich so verändert, daß deine lebhafte Phantasie ihr trauriges Bild für lange Zeit nicht vergessen würde. Sie ist nur noch ein Schatten des schönen, fröhlichen Kindes.«

Und sie küßte die trostlose Ilse und kehrte in das Krankenzimmer zurück, das Fräulein Raimar seit Mitternacht nicht wieder verlassen hatte.

Als Ilse wieder in den Speisesaal eintrat, stand Miß Lead fertig zum Kirchgang angekleidet mit dem Gesangbuch in der Hand da. Sie trieb zur Eile an, da es hohe Zeit sei, zur Kirche zu gehen.

»Ich kann Sie heute nicht begleiten, Miß Lead,« entgegnete Orla, die ganz gegen ihre Gewohnheit sich vom Gefühle übermannen ließ und heftig weinte; »ich kann es nicht!«

»Ich auch nicht! – Ich auch nicht!« erklärten die übrigen. Selbst Rosi, die stets Sanfte und Gefügige, bat um Verzeihung, wenn sie ebenfalls zurückbleibe. »Ich bin so aufgeregt und könnte nicht andächtig auf die Predigt hören,« fügte sie hinzu.

»Ich begreife euch nicht,« sprach die Engländerin höchst erstaunt von einer zur andern sehend. »Ist das Gotteshaus nicht der beste Ort für ein gequältes Herz? Sagt nicht der Herr: ›Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!‹ Ich gehe und will für die Kranke beten, vielleicht erhört mich der Herr.«

[pg 177]

Und sie ging, und die englischen Pensionärinnen schlossen sich ihr an. Sie teilten in ihrem strenggläubigen Herzen die Ansicht der Lehrerin. Nur Nellie blieb zurück. Nicht weil sie weniger gläubig war – o nein! Sie hatte ein kindlich frommes Gemüt, aber sie hatte auch ein tiefempfindendes, warmes Herz; es wäre ihr unmöglich gewesen, das Haus, das ihr eine liebe Heimat geworden war, in einem Augenblicke zu verlassen, wo der Todesengel seinen Einzug halten konnte.

»Ich will auch beten,« sagte sie leise wie für sich. Und sie trat in den Hintergrund des Zimmers, kniete nieder, legte die gefalteten Hände auf einen Stuhl und beugte den Kopf darüber. In dieser andächtigen Stellung verbrachte sie lange Zeit und betete heiß und innig zu Gott, daß er Lilli am Leben erhalten möge. –

Aber es stand anders in den Sternen geschrieben. Gegen Abend öffnete die Vorsteherin plötzlich weit die Fensterflügel im Krankenzimmer – Lilli war tot.

Sanft hatte der Todesengel sie auf die Stirn geküßt und sie hinweggetragen in sein dunkles Schattenreich. Wie ein sorglos schlummerndes Kind lag sie da, der krampfhaft entstellende Zug war geschwunden und ein friedliches Lächeln lag über den leise geöffneten Lippen.

Die beiden Lehrerinnen standen stumm und mit gefalteten Händen am Bette der kleinen Verstorbenen und konnten den Blick nicht von ihr trennen. Die Abendsonne verklärte mit rosigem Schimmer das zarte Gesicht und in dem knospenden Apfelbaume vor dem Fenster sang ein Star sein melodisches Abendlied – draußen erwachendes Frühlingsleben – hier die junge Menschenknospe – gebrochen, ehe sie sich zur Blüte entfalten konnte.

»So früh und in der Fremde mußtest du sterben, armes Kind!« unterbrach Fräulein Güssow die feierliche Stille.

»Sie fühlte sich glücklich und heimisch bei uns,« entgegnete Fräulein Raimar tief ergriffen. »Die eigentliche Heimat war [pg 178]ihr fremd geworden. – Sie hat nicht einmal nach der Mutter verlangt.«

»Wie sanft sie schlummert, als ob sie leben und atmen müßte. O, sie ist glücklich!« Und in einem plötzlich überwallenden Gefühle beugte sich die junge Lehrerin laut weinend über Lilli und küßte ihr die kalte Stirn. »Schlaf wohl, schlaf wohl, teures Kind! Gott hatte dich lieb, darum nahm er dich zu sich!«

»Fassen Sie sich, liebe Freundin,« ermahnte Fräulein Raimar, indem sie die Hand auf der Erregten Schulter legte, »uns bleibt jetzt die schwere Aufgabe, die Kinder mit dem traurigen Ausgang bekannt zu machen. So ruhig als möglich müssen wir ihnen diese Mitteilung machen, damit die ohnehin erregten Gemüter nicht ganz außer Fassung kommen.«

Aber sie kamen doch außer Fassung, besonders Ilse, deren lebhafte Natur sich dem Schmerze zügellos hingab. Sie glaubte vergehen zu müssen. Noch nie hatte sie sich so unglücklich gefühlt, als in der ersten Nacht nach Lillis Tode, selbst damals nicht, als sie den Wagen fortfahren sah, der den geliebten Vater entführte, und sie fremd und verlassen an der Pforte dieses Hauses stand.

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