Zehntes Kapitel.
Reading edition
Ilse Selder saß am Fenster und nähte an ihrer Ausstattung; bisweilen hob sie die linke Hand und betrachtete strahlenden Gesichtes den glatten goldenen Reif, der den Ringfinger schmückte. Lene kauerte in einer Sofaecke und blickte mit spöttischen Augen auf die Schwester.
»Also in vierzehn Tagen sind wir Dich endgültig los,« bemerkte sie schließlich liebenswürdig, »sag' einmal, Ilse, warum trägst Du eigentlich Trauer um Tante Margarete?«
Ihre Schwester schaute sie erstaunt an. »Es fehlen doch noch zehn Tage zum Trauerhalbjahr.«
»Ach so, richtig. Eigentlich mußt Du doch sehr froh sein, daß sie gestorben ist; ohne die Erbschaft hätte Dein Adolf Dich nie und nimmer geheiratet.«
»Aber Lene!«
»Aber Lene, glaubst Du ich weiß nicht, daß Du uns alle ruhig sterben ließest, bloß um zu einem Mann zu kommen? Was hast Du denn eigentlich vom Heiraten?«
»Das verstehst Du nicht, dazu bist Du zu jung. Wir lieben einander und werden ein trautes Heim haben.«
»Und dann?«
»Was meinst Du?«
»Na ja, trautes Heim, das ist ja sehr schön. Aber was wirst Du mit Deinem Leben anfangen, was wirst Du leisten?«
»Meine Pflichten als Gattin ...«
Lene pfiff durch die Zähne. »Jedes Jahr ein Kind, nicht wahr?«
»Lene, davon spricht man doch nicht.«
»So, das tut man bloß.« Sie betrachtete forschend die Schwester. »Jetzt bist Du noch ganz hübsch, in vier, fünf Jahren wirst Du eine dicke Kuh sein, wie Deine Freundin Käthe, oder ausgemergelt und verdrossen, wie unsere arme Mutter. Und Dein Mann wird Dir aus der »Deutschen Tageszeitung« vorlesen und am Sedantag und Kaisers Geburtstag betrunken nach Hause kommen.«
»Ich verbiete Dir, so über Adolf zu sprechen.«
»Dein Adolf! Warum hat er Dir denn erst einen Antrag gemacht, als Tante Margaretes Testament veröffentlicht wurde? Ja, die große Liebe ...«
»Du bist gemein.«
»Nein, bloß weniger dumm als Du. Sag' mir, Ilse, hast Du denn nie über das Leben nachgedacht?«
»Ich verstehe Dich nicht.«
»Über die große Welt, und was wir ihr schuldig sind?«
»Du kannst nicht behaupten, Lene, daß ich je pflichtvergessen war.«
»Nein, nein. Du warst eine gute Tochter, wirst eine liebende Gattin und Mutter werden, immer nur sehen, was vor Deiner Nase liegt, und allgemein geachtet sterben. Herrgott, wenn ich so leben müßte, lieber würde ich mich gleich aufhängen.«
Die ältere Schwester schüttelte mißbilligend den Kopf. »Was Du für Gedanken hast! Daran ist Johannes mit seinen verrückten Ideen schuld. Wenn Du jetzt zu Hause die einzige Tochter bist, wird sich das geben.«
Lene schnellte auf. »Sprich nicht davon, mir graut vor dem Gedanken, daheim sitzen, Handarbeiten machen, in Kaffeekränzchen gehen! Und den erstbesten Mann heiraten, nur um von hier fortzukommen. Wenn Tante Margarete lebte, ich ginge zu ihr.«
Frau Selder trat ins Zimmer. »Kinder, was ist denn schon wieder los? Weshalb schreist Du so, Lene? Ich habe eine gute Nachricht erhalten, Friedrich kommt übermorgen.«
»Das auch noch,« murmelte Lene halblaut und schob sich vorsichtig in die Nähe der Tür.
»Wohin gehst Du, Lene? Es regnet.«
»Ich habe Besorgungen zu machen.«
»Dann bring uns Knöpfe mit und weiße Nähseide. Und bürste vorerst Dein Haar, Du siehst gar zu unordentlich aus.«
Ein kalter Herbstnachmittag hüllte die Stadt in trostlose Gräue. Von den entlaubten Bäumen perlten große Tropfen ab, die Häuser verschwammen im Nebel.
Lene hastete durch die Straßen, mit feindseligen Blicken betrachtete sie die wohlbekannten Häuser, die Vorübergehenden. Immer das gleiche Einerlei; farblos, öde, tot. Wird auch sie gleich der Schwester ihr Leben in dieser entsetzlichen Kleinstadt verbringen müssen?
Vor dem Papierladen des Herrn Silberblatt pfiff sie die ersten Takte der Marseillaise. Im ersten Stock öffnete sich ein Fenster, ein dunkler Kopf schaute heraus.
»Komm spazieren, Anatol!« rief sie hinauf.
»Bei dem Wetter!«
»Komm nur!«
Wenige Augenblicke später trat Anatols große, hagere Gestalt aus der Ladentür.
»Bist Du ganz verrückt, Lene? Bei diesem Regen spazieren gehen!«
»Sei gut, Anatol, ich muß mich auslüften. Wir wollen an den Fluß gehen.«
Breit und träge wälzten sich die grauen Fluten des mächtigen Flusses, die endlose Ebene versank in den Wolken, ungeheure Traurigkeit lastete schwer auf der ganzen Landschaft.
Lene schwieg; dies war bei ihr eine solche Seltenheit, daß Anatol schier besorgt fragte: »Was ist denn wieder los, Kleine?«
Sie wandte ihm tränenfeuchte Augen zu. »Ich halte es nicht mehr aus! Jetzt, da Ilse fortgeht, ich habe sie ja nie leiden können, das alberne Ding, aber sie war nützlich, weil sich die Mutter hauptsächlich mit ihr beschäftigt hat. Aber jetzt muß ich dann die Haustochter spielen. Und Du gehst auch nach Berlin, und Johannes kommt nächstes Jahr aus dem Hause. Ich wollte, ich wäre tot!«
Er klopfte ihr beschwichtigend auf die Schulter. »Wie alt bist Du denn eigentlich?«
»Siebzehn vorbei.«
»Ja, dann mußt Du eben noch vier Jahre warten, bis Du frei bist.«
»Das halte ich nicht aus. Wann fährst Du fort?«
»Nächste Woche.«
»Und Du willst wirklich Journalist werden?«
»Ja, aber erzähle es nicht meinem Vater, der glaubt, ich würde beim Jus bleiben.«
»Anatol!«
»Was?«
»Weißt Du, daß ich sehr praktisch bin und sogar kochen kann?«
Er schaute sie verständnislos an. »Kann schon sein, weshalb erzählst Du mir das?«
»Weil ...« Sie stockte, das schmale Gesicht rötete sich. »Anatol, lieber Anatol, willst Du mich nicht heiraten?«
»Bist Du ganz verrückt geworden?«
Sie überwand ihre augenblickliche Verlegenheit. »Weißt Du, so wie die russischen Studentinnen es taten, früher, um von daheim fortzukommen. Ich würde Dich gar nicht stören. Bitte, Anatol, heirate mich.«
Er lachte. »Nein, Du kleine Närrin.«
»Weshalb?«
»Ich heirate keine Christin,« entgegnete er unliebenswürdig, »und dann wäre es für mich lächerlich, mit neunzehn Jahren heiratet man doch noch nicht. Um Gotteswillen, weine nicht, ich wollte Dich ja nicht kränken.«
Lene hatte sich an einen Baumstamm gelehnt und schluchzte bitterlich. »Das nennt man Freundschaft, eine so geringfügige Sache schlägst Du mir ab? Und wir haben doch geschworen, zusammenzuhalten, immer!«
Er war ernst geworden; das war kein trotziges Kind mehr, das hier so verzweifelt weinte, war eine gequälte junge Seele, die nach Freiheit schrie. Plötzliches Mitleid erfaßte ihn; er zog sie an sich. »Weine nicht, kleine Lene, verlier' nicht den Mut. Wenn es für Dich Arbeit gibt, komme ich Dich holen.«
»Bestimmt?«
»Ganz bestimmt!«
Man saß beim Hochzeitsdiner, Frau Selder wischte sich unentwegt die Augen, der Gymnasialprofessor plauderte liebenswürdig mit der Mutter des Bräutigams, das Brautpaar flüsterte miteinander und Friedrich, der Oberleutnant, machte seiner neuen Schwägerin den Hof.
»Eine gute Partie,« meinte eine alte Tante von Frau Selder zum Gymnasialdirektor, »Gerichtsassessor und ein so schneidiger junger Mann.«
»Ja, er muß ein forscher Student gewesen sein, sehen Sie nur die vielen Schmisse.«
»Haben Sie je ein Fliegenauge unter dem Mikroskop betrachtet, gnädiges Fräulein?« fragte Gustav seine Nachbarin. »Ein wahres Kunstwerk.« Das junge Mädchen sah ihn schier erschrocken an. »Nein, Herr Selder.«
»Nun werden bald Sie an die Reihe kommen, Fräulein Helene,« bemerkte der Brautführer, ein eleganter junger Offizier, »Sie müssen aber in die Armee heiraten, schon Ihrem Bruder zuliebe.«
»Ich hasse Offiziere,« entgegnete sie gedankenlos, dann etwas erschrocken über ihre Unliebenswürdigkeit, »ich meine, überhaupt das Militär.«
»Das kann doch nicht Ihr Ernst sein?«
Johannes saß am untersten Ende der Tafel, neben dem jüngsten Bruder des Bräutigams, einem Studenten. Er fühlte sich vereinsamt und traurig. Wie fremd waren ihm doch alle diese Menschen, trotz der vielen unter ihnen verbrachten Jahre. Nur Lenes trotziges, kleines Gesicht mutete ihn vertraut an. »Was werden Sie studieren?« fragte sein Nachbar. »Medizin? Sehen Sie nur zu, daß Sie in eine gute Verbindung kommen, ich werde Ihnen gerne behilflich sein.«
»Danke, ich will in keine Verbindung eintreten.«
»Das müssen Sie doch; das ist doch die Hauptsache im Studentenleben! Wann beenden Sie die Schule?«
»Nächstes Jahr.«
»Wir werden uns ja wohl in Berlin sehen!«
Der Gymnasialprofessor erhob sich und schlug an sein Glas. In einer wohleinstudierten Rede trank er auf das Wohl seiner Gäste und verlieh der Freude Ausdruck, sein teueres Kind den Händen eines so wackeren Mannes anvertrauen zu dürfen. Während des allgemeinen Anstoßens glitt Lene unbemerkt zu Johannes hinüber. »Wir wollen uns drücken,« flüsterte sie, »der alte General wird bestimmt ein Hoch auf den Kaiser ausbringen, und da tue ich nicht mit.«
»Du bist kindisch, Lene.«
Sie sah ihn vorwurfsvoll an. »Man darf keine Kompromisse schließen. Komm, niemand wird bemerken, daß wir fehlen.«
Er folgte ihr; sie eilte ihm voraus, die Bodentreppe hinauf, das lange Kleid mit beiden Händen hochhaltend.
»Mein Gott, war das gräßlich!« rief sie, sich auf eines der alten Polster werfend.
»Was denn?«
»Die ganze Komödie und diese Leute; widerlich. Aber was machst Du für ein Gesicht, Johannes, Du schaust ja ganz traurig drein.«
»Lene, glaubst Du, daß Dein Vater recht hat, und ich ein undankbarer Charakter bin?«
»Weshalb?«
»Ich bin nun doch seit vielen Jahren bei euch, und als wir unten saßen, fühlte ich ganz deutlich, daß ihr mir alle fremd seid, ja, sogar Du, Lenchen, ich gehöre nicht zu euch, es ist dasselbe, wie in der Schule; stets war ich allen fremd, gehöre nirgends hin. Ich habe Heimweh und weiß nicht, wonach.«
»Vielleicht nach Rußland; aber daran kannst Du Dich ja gar nicht mehr erinnern.«
»Nein; bisweilen ist mir, als hätte ich Heimweh nach einem anderen Land, das ich noch vor Rußland gekannt habe, nach Menschen, die eine Sprache reden, die ich nie gehört habe. Weißt Du, Lene, wie mir oft zu Mute ist? Wie dem Ahasver, der wandern mußte, immer wandern, und niemals heimfand.«
Sie war nachdenklich geworden.
»Erinnerst Du Dich, was uns Anatol neulich schrieb; von der neuen Welt, die wir aufbauen müßten, der glücklichen gerechten Welt?«
»Ja, ich weiß nicht weshalb, aber wenn ich an diese Worte denke, sehe ich immer einen Hügel, auf dem eine Stadt liegt. Und von dieser Stadt strömt Licht nach der ganzen Welt hin.«
Lene lachte auf. »Ich weiß, was für ein Bild Du meinst; warte, ich werde es Dir gleich zeigen.« Sie kramte in der Bücherkiste und brachte ein altes illustriertes Liederbuch zum Vorschein. Die staubigen, vergilbten Blätter umwendend, fand sie das Bild. Von einer Anhöhe strebte ein gewaltiger Tempel auf, dessen Helle die tiefer liegende Landschaft erleuchtete. Die beiden Köpfe beugten sich über das Bild, und Lene las halblaut die erste Strophe des Kirchenliedes:
»Jerusalem, du hochgebaute Stadt ...«