Prolog.
Reading edition
Schwarze Baumstämme ragen trostlos aus dem schmutziggrauen Schnee auf. Von den belebten Straßen klingeln gedämpft die Schlittenschellen herüber. Das Herdfeuer in der Küche der alten Frau Bernstein wirft blasse Lichtarabesken auf die schmierigen Wände, spielt auf dem Glas einer verblaßten Photographie, die einen Mann in Arrestantentracht darstellt, und läßt den Samowar aufblitzen wie Gold. Die großen Scheite knistern geheimnisvoll, der Samowar summt und treibt feine bläuliche Dampfwolken in die Höhe.
Die alte Jüdin sitzt vor dem Herd, neben ihr hockt auf dem Boden ein vierjähriges Knäblein, der kleine Moische. Die knochigen, abgearbeiteten Hände der Großmutter fahren liebkosend über das dichte schwarze Haar, und die müde alte Stimme erzählt, wohl zum hundertsten Mal, des kleinen Jungen Lieblingsgeschichte.
»Da die Fremden, Gott möge sie strafen, unseren herrlichen Tempel zerstört hatten, gab es unter den Frommen großes Weinen und Wehklagen, besonders ein gottliebender Jüngling namens Simon vermochte keinen Trost zu finden. Tag und Nacht strich er um die Stätte, wo der Tempel des Herrn gestanden, und weinte wie eine Mutter, die den einzigen Sohn verloren hat. Der Schmerz riß Furchen in seine Wangen und ließ sein Gebein verdorren, so daß er dahinschritt wie ein Greis, obgleich er noch jung an Jahren war. Seine Stimme ward heiser vom vielen Weinen, und er sprach mit niemand ein Wort, nicht mit Vater, noch Mutter, nicht mit Bruder, noch Schwester. Nur zum Ewigen schrie er auf aus der Nacht seiner Trauer und küßte den heiligen Boden, wo der Tempel gestanden hatte.
Nicht Trank, noch Speise wollte er genießen, und als drei Monde vergangen waren, war er so schwach geworden, daß er nicht mehr heimzugehen vermochte. Und er lag auf dem Hügel und rief nach dem Tod.
Da erbarmte sich seiner der Herr und sandte ihm des Nachts ein Gesicht. Auf die Stelle, wo der Tempel gestanden hatte, fiel aus den Himmeln helles Licht, und Simon sah eine ungeheure Schar, die nahte und trug Steine in den Händen, Steine und Mauerkellen und Äxte und Hämmer. Und siehe, sie legten Stein an Stein, und meißelten und hämmerten, und andere trugen Gold herbei und Edelsteine und machten sich damit zu schaffen. Da begriff Simon, daß der heilige Tempel wieder aufgebaut würde, und sein Herz jauchzte und sprang vor Freude. Doch verwunderte ihn eines gar sehr; nicht alle, die an dem heiligen Tempel bauten, waren Juden; es gab auch Fremde unter ihnen, deren Sprache er nicht verstand.
Lange sah Simon den Bauleuten zu; bisweilen aber kam einer und zog einen Stein aus dem Bau, gerade dort, wo er am nötigsten war, und dann hatten die anderen viel Arbeit, das Unheil wieder gut zu machen. Manche stürzten erschöpft zu Boden, etliche wurden von Balken tödlich getroffen, oder gerieten in Kampf mit jenen, die heimtückisch den Bau zu hindern trachteten, und erlagen unter deren Schlägen. Doch kamen immer neue hinzu, und der Tempel wuchs auf, herrlich gebaut, schimmernd und gleißend im überirdischen Licht, bis daß er endlich in vollendeter Herrlichkeit in den Himmel ragte. Und aus den Wolken schlug eine Stimme an Simons Ohr: »Trauere nicht mehr, und laß den Quell deiner Tränen versiegen. Siehe, mein Tempel wird aufragen von neuem am Tage des Heils und der Erlösung; jeder, der vom Weibe geboren, ist bestimmt, an ihm zu bauen, und jede befreiende Handlung, jede Tat der Liebe ist ein Stein, aus dem das Haus meiner Herrlichkeit erbaut wird. Und alle, die sich einfinden, am Tempel zu bauen, werden Brüder sein, und es wird nicht mehr geben Fremdlinge unter ihnen, denn sie werden sein ein Volk. Der vollendete Tempel aber wird aufragen wie ein Licht am Himmel, und seine Strahlen werden die ganze Welt erleuchten.«
Und Simon sah, wie sich das Licht, das vom Tempel ausging, gleich Wellen verbreitete, über die Hügel und die zerstörte Stadt floß und seinen Lauf gegen das Meer nahm.
Als das Gesicht ihm entschwand, war sein Herz leicht geworden wie eine Feder, und all seine Kraft war wiedergekehrt.
Er verließ den Hügel und berichtete daheim sein Gesicht, und ehe er starb, erzählte er es seinem Sohne, und dieser erzählte es auf dem Totenbett wieder seinem Sohne, und so ward die Prophezeiung bewahrt bis an den heutigen Tag.«
Die alte Stimme verstummt, träge und schläfrig knistern die verkohlenden Scheite, die Nacht steht vor dem Fenster wie eine schwarze Mauer; in der Ferne winselt leise ein Hund.