← Table of contents
Der Tempel

Neuntes Kapitel.

Reading edition

»Komm mit, Johannes, ich will Dir etwas zeigen.« Lene zog ihn am Arm in die Bodenkammer. Hier unter altem Gerümpel, Koffern und Kisten hatten sich die beiden eine Art Wohnzimmer eingerichtet; eine große Kiste diente als Tisch, Lene hatte unbemerkt aus einigen Kissen Federn entwendet und aus alten Kleidern zwei Polster gemacht, auf denen sich's herrlich sitzen ließ; eine kleine Kiste barg einige Lieblingsbücher, Äpfel und Birnen. Diesen Raum nannten die beiden »unser Heim« und hier fühlten sie sich wirklich behaglich.

Lenes Augen glänzten, ihre Wangen waren dunkelrot. »Jetzt weiß ich, warum man lebt!« rief sie eifrig. »Was man mit seinem Leben anfangen muß.«

»Was hast Du denn entdeckt?«

Sie wühlte in der Kiste und brachte ein Buch zum Vorschein. »Da, das mußt Du lesen, das ist heiliger als die Bibel.«

Johannes warf einen Blick auf das Buch. »›Das unterirdische Rußland‹ von Stepniak, das kenne ich.« Er lächelte ein wenig; trotzdem er zwei Jahre jünger war, als das Mädchen, verlieh ihm seine ruhige Art eine gewisse Überlegenheit über das impulsive, quecksilberige junge Ding.

»Du kennst es und hast mir nie davon erzählt!« rief Lene empört. »Du bist ein schlechter Freund!«

»Woher hast Du das Buch?«

Sie lachte vergnügt. »Vom Zahnarzt.«

»Vom Zahnarzt?«

»Ja, vorige Woche mußte ich dort so lange warten, und einer, der vor mir daran kam, ließ das Buch im Wartezimmer liegen. Da fing ich darin zu lesen an. Und als er dann herauskam, fragte ich ihn ganz einfach, ob ich das Buch mitnehmen und zu Ende lesen dürfte? Er kennt Dich aus der Schule, sagte, Du mögest es ihm zurückbringen.«

Johannes nickte. »Und Du hast so ohne weiteres einen fremden Menschen angesprochen?«

»Ich mußte das Buch lesen; er war auch sehr freundlich und ich kenne ihn doch vom Sehen, aus dem Papiergeschäft seines Vaters. Er hat mir noch andere Bücher versprochen.«

Johannes lachte. »Wenn Dein Vater wüßte, daß Du Dir vom Sohn des alten Mendel Silberblatt Bücher ausleihst!«

»Mein Vater ist ein ...«, mit einem letzten Rest kindlicher Pietät verschluckte Lene den »Esel«, der ihr auf den Lippen lag. Das Verhältnis zwischen dem Gymnasialprofessor und seiner Jüngsten hatte sich in den letzten Jahren immer mehr zugespitzt, und Lenes Kritik machte vor keiner Autorität Halt. Dann wandte sie sich wieder dem Buch zu. »Johannes, daß es solche Menschen gibt, so mutig, so selbstlos, kannst Du Dir das vorstellen? Und das arme russische Volk. Du, man muß nach Rußland gehen und ihm helfen.«

»Weshalb nach Rußland gehen? Glaubst Du, unser Volk braucht keine Hilfe, glaubst Du, die Arbeiter des Grafen Stramwitz sind weniger geknechtet als die russischen Bauern?«

Sie sah ihn mit großen Augen an. »Das ist mir nie eingefallen. Johannes, weshalb sprachst Du mit mir nie über derlei Dinge?«

»Du bist doch ein Mädchen,« meinte er halb entschuldigend.

»Haben die russischen Frauen sich nicht auch für das Volk geopfert? Das ist eine faule Ausrede, sag' die Wahrheit.«

Johannes zögerte, schließlich bemerkte er: »Siehst Du, Lenchen, ich denke schon lange über diese Dinge nach, und – und sie sind für mich wie etwas Heiliges. Ich hatte Angst, Du würdest sie nicht verstehen, würdest am Ende darüber lachen, und das hätte mir weh getan.«

»Bin ich denn Ilse, die nur ans Heiraten denkt, oder Gustav mit seinem ewigen Mikroskop? Ich bin doch ein Mensch und auch kein Kind mehr.«

Er blickte sie sinnend an; sie war klein und zart geblieben, mit raschen, nervösen Bewegungen. Die Worte, die sie als kleines Mädchen der Mutter gegenüber ausgesprochen hatte: »Wenn ich groß bin, werde ich maßlos sein,« schienen sich zu verwirklichen. Die ehrbare Nüchternheit, die in strengen Grenzen gehaltene, für feierliche Gelegenheiten aufgesparte Begeisterung des Elternhauses waren ihr fremd; sie gab sich mit ursprünglicher Kraft jedem Eindruck ganz hin, haßte oder liebte, bewunderte oder verachtete aus allen Kräften ihrer jungen Seele. Einer kurzen Periode religiöser Begeisterung war für sie eine große Leere gefolgt, sie tastete, suchte nach etwas, das dem Leben Sinn verleihen konnte, ohne recht zu wissen, wonach es sie eigentlich verlangte.

»Du,« ihre Finger strichen schier liebkosend über das Buch, das auf ihren Knien lag, »der Anatol Silberblatt, glaubt der auch daran?«

»Freilich, von ihm weiß ich ja alles, was ich weiß. Wir haben oft darüber gesprochen, er hat mir Bücher geliehen ...«

»Wie kommt er auf solche Gedanken?«

»Das habe ich ihn auch gefragt; er meint, dies komme daher, weil er Jude sei, und da die Juden immer geknechtet und unterdrückt worden seien, verstanden sie die Armen und Gequälten besser.«

Lene schwieg, zog einen Apfel aus der Kiste und biß hinein. Plötzlich schien ihr ein Gedanke zu kommen, noch mit vollem Mund sagte sie:

»Johannes, wir müssen einen Bund schließen.«

»Einen Bund?«

Sie warf den Rest des Apfels zum Bodenfenster hinaus. »Ja, Du und ich und Anatol; wir müssen schwören, für das Volk zu leben, es zu befreien. Heimlich müssen wir zusammenkommen und aufs Evangelium schwören.«

»Das geht nicht, Du dummes Ding, er glaubt doch nicht ans Evangelium.«

Sie sah verblüfft drein. »Das ist wahr. Was macht man dann? Gibt es denn nichts, was den Juden und Christen gleich heilig ist?«

Johannes dachte nach; Lenes Frage eröffnete ihm einen neuen Horizont; es mußte doch etwas geben, in dem sich die Menschen aller Völker, aller Rassen und Glauben finden konnten, etwas, das für sie das Kruzifix des Rechtgläubigen, das Evangelium des Protestanten war. Lenes Worte durchschnitten seine Gedanken.

»Wenn man das Gute will, so ist es doch einerlei, was man ist, ob Jude oder Christ, Deutscher oder Russe; es muß etwas geben, das über allem steht, das die Menschen vereinigt.«

Johannes verharrte noch immer stumm. Seine Schweigsamkeit brachte Lene oft zur Verzweiflung; sie war nicht fürs Nachdenken, bei ihr mußte immer alles blitzartig, wie eine Erleuchtung kommen.

»Johannes,« drängte sie, »es muß doch etwas geben.«

Er hatte inzwischen in seinem Gehirn eine Lösung gefunden. »Ja, Anatol hat mir selbst davon erzählt, es ist mir nur nicht gleich eingefallen, Du schwätzt so viel und das verwirrt mich. Erinnerst Du Dich, Lenchen, wie Dein Vater neulich bei Tisch über die ›Internationale‹ schimpfte, die Leute Verräter, vaterlandslose Gesellen nannte?«

Lene zuckte die Achseln. »Der Vater schimpft immer, aber was hat das mit unserer Sache zu tun? Weshalb sprichst Du jetzt davon?«

»Weil die ›Internationale‹ das ist, in dem sich alle Menschen finden können, der heilige Bund, in dem es keine Nationen und Konfessionen gibt. Anatol kann Dir die Sache besser erklären, als ich.«

»Gut. Sag' ihm, um was es sich handelt. Am Sonntag machen die Eltern einen Ausflug, ich werde nicht mitgenommen, weil ich neulich gegen den dummen Affen, der Ilse heiraten soll, grob war, und Du sagst, Du müßtest lernen. Dann bringst Du den Anatol her, in ›unser Heim‹, und wir schließen den Bund und schwören auf die ›Internationale‹!«

Gustav Selder hob die kurzsichtigen, wasserblauen Augen von seinem Buch, als Johannes das gemeinsame Zimmer betrat und grinste mitleidig: »Was hast Du denn eigentlich angestellt, Johannes?«

»Ich?«

»Ja, der Vater kocht vor Wut, Du wirst etwas Schönes erleben.«

»Ja, aber ... Ich habe doch gar nichts getan.«

»Was habt ihr denn diese Woche für einen Aufsatz gehabt? Der Vater hat Deinen sogar der Mutter vorgelesen; das tut er nur, wenn er ganz besonders wütend ist. Das wird heute ein angenehmes Mittagessen werden.«

Bis nach der Suppe herrschte bei Tisch eisige Stille. Dann ging es los.

»Ich wundere mich, daß Du mir noch in die Augen zu sehen wagst, Johannes,« begann der Gymnasialprofessor.

Der Angeredete schwieg. Lene horchte auf.

»Ich habe Deinen Aufsatz korrigiert und frage Dich nun, wie kannst Du es wagen, Verbrecher und Mörder als Helden hinzustellen?«

»Das habe ich nicht getan.«

»Ich gebe euch einen Aufsatz über ›Helden‹, bespreche das Thema mit euch, nenne euch als Anhaltspunkte einige Namen, wie Friedrich der Große, Blücher, Moltke, Wilhelm I., und was machst Du? Du schreibst über Freiheitshelden, erwähnst nicht etwa Arndt und Theodor Körner, was noch angegangen wäre, nein, es beliebt Dir nicht einmal, deutsche Namen zu nennen. Deine Weisheit muß nach Rußland gehen. Und was für Leute preist Du als Helden? Revolutionäre, Aufrührer, gemeine Schurken, die es gewagt haben, sich wider ihren Herrn und Monarchen zu erheben! Und nicht genug, daß Du solche Beispiele aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nimmst, nein, Du treibst es noch ärger – Du wagst es, die niederträchtigen Schufte, die jetzt in Rußland Revolution machen, die das Leben des Zaren, eines Freundes und Verwandten unseres allergnädigsten Kaisers, bedrohen, Helden zu nennen, Freunde der Menschheit.«

»Aber ...«

»Schweig! Du bist in einem christlichen loyalen Haus aufgewachsen, von gutem Beispiel umgeben. Ich selbst habe versucht, Dich zu einem treuen, redlichen Bürger zu erziehen. Dein Bruder trägt des Kaisers Rock und wird demnächst Oberleutnant werden, und Du, Du schreibst wie ein, wie ein ... Sozialist. Schäme Dich!«

»Aber ...«

»In diesem Haus kannst Du dergleichen nicht gehört haben, unsere Freunde, mit denen Du zusammentrafst, sind keine Mörder und Räuber, die ›Deutsche Tageszeitung‹, die ich Dir zu lesen gestattete, aus reiner Güte, denn einen Jungen Deines Alters geht es nichts an, was in der Welt geschieht, hat sicherlich niemals derartige Ansichten geäußert. Ich frage mich, wie ist es möglich, daß ein Kind unseres Hauses so verrucht sein kann? Wie ist es möglich?!«

»Ich ...«

»Schweig. Seit Monaten erregst Du meine Unzufriedenheit; immer sehe ich Dich mit diesem Judenbengel zusammenstecken. Was hat ein deutscher Jüngling mit einem Juden gemein? Die Juden sind Schädlinge am Körper unseres Volkes. Glaubst Du, daß Friedrich mit Juden verkehren würde, oder Gustav?«

Gustav schmunzelte vergnügt und brummte: »Warum denn nicht, wenn ich von ihnen etwas lernen kann.« Doch beachtete sein Vater diesen Einwurf nicht, mit sich überschlagender, kreischender Stimme fuhr er fort: »Dein Aufsatz hat mir bewiesen, daß unsere ganze liebende Sorge, all unsere Opfer vergeblich waren. Du bist kein Deutscher! Was Dich empören sollte, erfüllt Dich mit Bewunderung, was Du verdammen solltest, preist Du. Du bist ein verkommenes Subjekt, ein hergelaufener Bursche, gehörst nicht zu uns!«

Frau Selder warf ihrem Manne einen bewundernden Blick zu; wie gut er sprach, fast wie ein Pastor. Auch des Gymnasialprofessors Zorn entwich. Er fühlte sich groß und gewaltig, als gerechter Richter, und dies tat ihm wohl. Da ereignete sich ein Zwischenfall, der seinen Zorn von neuem entflammte. Eine helle Mädchenstimme schrie über den Tisch: »Nein, er gehört wirklich nicht zu euch, aber ich auch nicht, Gott sei Dank!«

Frau Selder sah ihre Tochter entsetzt an, Ilse machte sich ganz klein auf ihrem Stuhl, Gustav grinste schadenfroh.

»Helene!« Jedes weitere Wort blieb dem Gymnasialprofessor in der Kehle stecken.

»Um nichts in der Welt möchte ich zu euch gehören!« fuhr die zornige junge Stimme fort, »ihr seid gemein und niederträchtig. Dumme Kaiser und Könige verehrt ihr, ja, sie sind dumm und schlecht, und wahre Helden schmäht ihr. Ihr mästet euch vom Blute der Armen, saugt sie aus, lebt in Luxus und Üppigkeit ...«

Dem Gymnasialprofessor fiel jählings inmitten des entsetzten Zornes sein Gehalt ein. Mit dem Brustton tiefster Überzeugung schrie er: »Schweig, Helene, das ist nicht wahr!« Aber seine Tochter fuhr unbeirrt fort: »Ausbeuter seid ihr, Knechter des Proletariats, Liebediener der Fürsten. Unsere geknechteten Brüder im Osten suchen sich zu befreien, und ihr wollt es verhindern, weil euch um euer unrecht erworbenes Gut bang ist!«

Johannes konnte ein Lächeln nicht unterdrücken; Lene war eine gelehrige Schülerin. Der »Bund« gab natürlich eine Zeitung heraus, in drei Exemplaren, fein säuberlich mit der Hand geschrieben, und Lene zitierte fast wörtlich den von Anatol Silberblatt verfaßten Leitartikel. Der Gymnasialprofessor saß wie zu Stein erstarrt; seine Tochter, und woher hatte sie diese Ausdrücke: Proletariat, Ausbeuter, geknechtete Brüder im Osten? Er rang nach Atem, und erst als Lene, vom Leitartikel ablassend und wieder zu ihrem eigenen Sprachschatz zurückkehrend, rief: »Ihr seid schreckliche Menschen. Ich schäme mich, solche Eltern zu haben!« fand er Worte und befahl ihr, sofort das Zimmer zu verlassen. Sie ging, einen letzten Trumpf ausspielend, zog Johannes mit sich fort, reckte auf der Türschwelle die kleine Gestalt hoch empor: »Komm', Johannes, wir gehören nicht zu den Kapitalisten!«

Die anderen blieben verstört zurück. Frau Selder weinte, Ilse wagte nicht, die Augen zu heben, Gustav murmelte etwas wie »wichtige Schularbeit« und verließ hastig das Zimmer. Der Gymnasialprofessor ging mit großen Schritten auf und ab. Schließlich blieb er vor seiner Frau stehen: »Ein böser Geist ist in unser Haus gedrungen, Annie. Wir müssen die Kinder strenger halten. Ich begreife nicht, was Helene eingefallen ist.«

Frau Selder nickte noch immer schluchzend, dann fiel ihr Blick auf die Füße ihres Mannes: »Wilhelm, Du mußt Dir ein Paar neue Stiefel kaufen, ein drittesmal kann man sie nicht mehr sohlen.«

Der Gymnasialprofessor sah auf die abgewetzten Stiefel nieder. »Luxus und Üppigkeit, Ausbeuter, Kapitalisten!« schrie er jählings auf und schlug mit der geballten Faust wütend auf den Tisch.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings