DIE VIERTE UNTERWEISUNG: BUDDHO DER ÖST-WESTLICHE
Reading edition
DAS HEILIGE JA LASST UNS BEKENNEN DAS HEILIGE JA ÜBER DIE AUF- UND NIEDERGÄNGE — DAS HEILIGE JA ÜBER GEBURT UND TOD, GESTIRN UND SCHICKSAL — DAS HEILIGE JA ERSCHAFFE DIESE WESEN UND ERHALTE SIE, DAMIT SIE IN DER FÜLLE STEHN WIE EINE HUNDERTBLÄTTERROSE IN IHRES MITTSOMMERS MITTAGGLÜCK — DAS HEILIGE JA ZERSCHMELZE DIESE WESEN IN SEINES EWIGEN FEUERS TIEGEL UND HÄRTE SIE DARIN, BIS SIE GEDIEHEN SIND, BIS SIE GEDIEGEN SIND — UND ALSO VERLÖSCHE DAS HEILIGE JA DIESE WESEN IN SEINES EWIGEN WASSERS BORN UND BRING IN IHM DIE WESEN WIEDER EWIGLICH — WILLKOMMEN DEM JA-SELBST ALLE WESEN UND WILLKOMMEN IHM GLEICHERMASSEN DIE GEGEN- UND WIDERWESEN ALLE — DIES IST DAS HEILIGE JAWORT UND FROHWORT UND DES FROHWORTES HEILIGE GRUSSSPENDE, ANDACHTSPENDE, OPFERSPENDE — DIES IST GELÄUTERTEN HERZENS ERSTGEBURT, DARGEBRACHT IM FESTWEIHTEMPEL DER WELT — WER DU AUCH BIST, O MENSCH, IN VIERTEN VIERTELS EDLER MONDSCHWELLUNG DEINER MENSCHLICHKEIT ODER IN IHRES DRITTEN, ZWEITEN, ERSTEN VIERTELS BEDAUERLICHER SCHWINDUNG:
— ICH WILL DIR WOHL — DIES IST DIE LETZTE UNTERWEISUNG
Es ist uns etwas zugestoßen, ihr Christen, während dieser Mitternachtstunde in der Völkergruft Europas. Es ist uns etwas zugestoßen, wofür es noch keinen Namen gibt; es ist uns ein Zeichen geworden, welches noch niemand deuten kann. Mit nichten aber ist es dieser Krieg oder was ihm noch folgen wird auf seiner qualmenden Bahn. Auch der drohende Niedergang ist es nicht einer dreitausendjährigen Gesittung, die ihren Weg einst vom Südosten des Festlands aus genommen hatte, dann den Westen und die Mitte wie mit artenreichem Pflanzenwuchs verschwenderisch berankte, und jetzt im Nordosten des Festlands jählings endigt. Gehört doch derlei jeweils zu dem Leben der Geschichte: daß Siebenjährige, Dreißigjährige Kriege wüten, daß volkreiche Staaten gegründet und zerstört werden, daß rühmliche Gesittungen reifen und entarten. Sogar Umwälzungen von heftigster Gewaltsamkeit, die wir, käme es nur auf uns an, höchstens als grausame Ausnahmen gelten ließen, gehören offenbar zu den gebräuchlicheren Mitteln der Geschichte. Wären wir zum Beispiel genauere Kenner unseres Mittelalters, als wir in der Regel sind, dann wäre uns bewußt, daß in unserer eigenen Vergangenheit ein gesellschaftlicher Umsturz nach dem andern pausenlos eintrat wie das Feuern aus den Geschützen einer Batterie. Erlauchte Rassen und Stämme, eben noch Träger weithin wirkender geschichtlicher Bewegungen, sind schon einen Augenblick später von den Wirbeln des Todes fast spurlos verschlungen. Und wo die Rassen oder Stämme als solche dauern, da schichten sich ihre Stände in desto stärkeren Erschütterungen um und um. Was das für ein Trauerspiel gewesen sein mag, wenn etwa die freien Bauernschaften der taciteischen Germanen unter den fränkischen, sächsischen, salischen Königen unwiderstehlich zu Hintersassen, zu Hörigen erniedrigt wurden, das ahnen wir vielleicht in diesen Tagen, wo ein blühender Mittelstand einem ähnlichen Verhängnis verfallen zu sein scheint. Was damals den freien Bauern der Dorf- und Markgenossenschaft geschah, ist später dem Laienadel nicht erspart geblieben, der seinerseit vom Aufstieg der Städte und von der Ausbreitung der Geldwirtschaft an in fortschreitende Abhängigkeit vom bürgerlichen Geldgeber gerät. Bis dann im Dreißigjährigen Krieg auch diesem Bürger wiederum die Stunde geschlagen hatte und er zu seinem Teil dem dominus terrae mehr oder minder schimpflich untertänig ward... Umwälzungen dieser Art, wie bitter sie von den Betroffenen empfunden werden und wie zahlloses Menschenglück ihnen zum Opfer fällt, gehören also dennoch dem unbegreiflichen Leben und Weben der Geschichte an. Wir Gegenwärtigen verwundern uns mutmaßlich über sie nur darum so ungemein, weil wir in vierzig Jahren gleißender Befriedung und Verbürgerung die schicksalhafte Härte und Unabänderlichkeit geschichtlichen Geschehens höchstens noch in den Annalen der Vergangenheit fanden. Welch ein unterschwürig bedrohtes, stets der Bedrängnis seitens des Mächtigeren ausgesetztes Dasein der geschichtliche Mensch bis dahin zu fristen verdammt war, hatten wir gründlich vergessen, — vielleicht mit alleiniger Ausnahme derer, die sich mit Recht oder Unrecht die Enterbten zu nennen pflegten. Erschüttert und aufgewühlt, ja in tiefster Seele recht eigentlich außer uns gesetzt, erfühlen wir’s erst seit Neunzehnhundertundvierzehn wieder, was es heißt, um Luft und Licht, Freiheit und Leben zu ringen auf jenem fürchterlichen Kampfschauplatz, der Geschichte heißt...
Trotzdem kann es nicht diese mit Blut und Tränen erkaufte Erkenntnis sein, die uns aus jedem wohltätigen Gleichgewicht der Seele gebracht hat. Da es der geschichtlichen Menschheit nur in wunderseltensten Feierstunden besser erging als uns, meist jedoch wesentlich schlechter, müßte sie folgerichtig auch ihrerseit die Merkmale, und zwar die verstärkten Merkmale unserer dermaligen Gemütsverfassung aufweisen, — weist sie aber dessen unerachtet nicht auf! Im Gegenteil. Je unsicherer, gesetzloser, verbrecherischer die Zeiten waren, je heftiger der Einzelne unter sittlicher und bürgerlicher Willkür zu leiden hatte, je fragwürdiger sich sein ganzes gesellschaftliches Dasein ausnimmt, desto hochwertiger bedünken uns oft die Leistungen unserer geschichtlichen Vorfahren. In einer Chronik des dreizehnten oder sechzehnten Jahrhunderts blätternd, verstehen wir’s schlechterdings nicht, wie es die Menschen unter den geschilderten Verhältnissen hatten überhaupt nur aushalten können. Uns aber dann von diesen Chroniken her den Denkmalen jener Zeiten zuwendend, den Denkmalen in Erz und Stein, in Holz und Glas, auf Leinwand und auf Pergament, — wie sind wir nicht erstaunt und ergriffen von der Weitatmigkeit des Schwungs, der die Besten ihres Zeitalters zu solchen Werken, solchen Taten hinriß! Und wie wir denn im Leben wohl hie und da einen Mann kennenlernen, der von wilden Leidenschaften hin- und hergetrieben wird und dennoch auf dem Grunde seines Wesens einen tiefen, schönen Frieden göttlich spiegelt, so scheinen just die Zeitalter klassischer Erfüllung nach außen hin zwar stürmischer als alle anderen bewegt, jedoch nach innen in jenem Zustand seelischer Ausgeruhtheit durchaus zu verharren, wie er nach traumlos erquickendem Schlaf das menschliche Gehirn allein zu seinen schöpferischen Eingebungen stärkt und befähigt. Diesen beneidenswerten Anblick indes bieten wir selbst heute in keinerlei Betracht dar, wenigstens nicht für uns selbst als unsere eigenen Beobachter und Beurteiler. Im Unterschied zu so begünstigten Zeitaltern ist das unsrige vielleicht, nach außen gewendet, nicht einmal stürmisch bewegt zu nennen, — wie ungereimt dies auch klingen mag! — geschweige, daß es, nach innen gewendet, den Zustand gestärkten Ausgeruhtseins, Ausgeruhthabens nach irgend einer Richtung hin darbieten würde. Die entnervende Unruhe, die uns ergriff, ist nicht die Unruhe des aufbrandenden Lebens, sondern des fiebernden Blutes. Unserm Betätigungdrang fehlt bei aller Rastlosigkeit der weit ausholende Pendelschlag organischer Rhythmik. Unserm Übereifer zu Lebenserneuerungen um jeden Preis mangelt die sichere Einstellung in die letzten Welt- und Lebensziele. Unserer Geschwätzigkeit über Gott und Geist gebricht das unbeirrbare Zutrauen zu uns selbst und der von uns gewählten Richtung. Darum überzeugt keiner den andern, traut keiner dem andern, glaubt keiner dem andern. Ein unbestimmbares Etwas, eine Tugend, eine Gnade ist uns offenbar abhanden gekommen, welche unsere Vorfahren in den schlimmsten Zeiten der Vergangenheit nicht zu missen hatten. Irgend ein Gut, dessen der geschichtliche Mensch unerläßlich zum Leben bedarf, wurde uns entwendet; irgend welche Gewichte, die den Uhrgang unserer Zeitlichkeit zu regeln haben, sind ausgehängt worden. Aber es ist wahrhaftig schwer, ein Ding zu suchen und wieder zu finden, von welchem man nicht einmal eine deutliche Vorstellung hat und das man trotzdem verlor...
Vor einem halben Jahrhundert, etwas früher oder etwas später, mag es sich zugetragen haben, daß unsere europäische Gesellschaft allmählich in diese seltsame Schwankunglage hineinglitt, von der hier die Rede ist. Mit einigen ganz unverkennbaren Anzeichen von beängstigender Übereinstimmung setzt ein Zeitalter ein, das mit einigem Fug das Zeitalter der Entblößungen genannt werden dürfte: denn eine Entblößung der Gattung Mensch vor sich selbst beginnt, wie sie mit ähnlicher Unerbittlichkeit, mit ähnlicher Schamlosigkeit von keinem der geschichtlich bekannten Zeitalter geübt worden ist. Das war wie wenn ein vornehm und kostbar gekleidetes Weib sich eines Abends vor dem Stehspiegel auszöge und nun, da sie ein Kleidungstück nach dem andern ablegt, erst mit Befremden, dann mit Mißbehagen, dann mit Kummer, dann mit Abscheu, dann mit Haß auf sich selber die vormals nie beachteten Mängel ihres unvollkommenen Leibes wahrnähme: dies also bin ich, dies ist mein dünnes, ausgekämmtes Haar, dies mein verbrannter Hals und Nacken, dies meine abgeblühte Büste, dies meine wulstig gepolsterten Hüften, dies meine kurzen und gekrümmten Beine, dies mein flach und platt geformter Fuß... Ähnlich einem solchen Weibe, das sich vor ihrem Spiegel peinlich entkleidet und ihre arme Nacktheit nach all ihren Häßlichkeiten streng durchmustert, zornig und traurig zumal, daß sie nur ist wie sie ist, und dennoch außerstand, auf ihre grausame Selbstprüfung zu verzichten, — ähnlich beginnt der europäische Mensch zu einer ganz bestimmten Zeit im abgelaufenen Jahrhundert sich vor sich selber ohne Schonung zu entblößen und alles, was er bisher tat und schuf, auf seinen Unwert hin zu erforschen. Da ist vor allem sein höchster Stolz und Abgott, der sogenannte Staat: bei Licht besehen nur die Anstalt einer kleinen Anzahl Mächtiger zur dauernden Knechtung und Entrechtung machtloser Massen. Da ist des ferneren die sogenannte Gesellschaft: bei Licht besehen nur die angemaßte Herrschaft einer Kaste, einer Klasse über andere Kasten und Klassen, die herkömmlich als nicht geeignet für die Ausübung der Herrschaft gelten. Da ist die sogenannte Wirtschaft: bei Licht besehen nur die regelrecht betriebene Ausbeutung menschlicher Arbeitkräfte als einer käuflichen Ware durch den einzelnen oder vergenossenschafteten Unternehmer. Da ist die sogenannte bürgerliche Lebensordnung: bei Licht besehen nur die als Ehrbarkeit vermummte Heuchelei und die als Sittenstrenge sich aufspielende Zuchtlosigkeit. Da ist die sogenannte Ehe: bei Licht besehen nur der Lebens- und Todeskampf der ewig feindlichen Geschlechter. Da ist die sogenannte Liebe: bei Licht besehen nur die wilde Gier der gegenseitigen Besitzergreifung. Da ist die sogenannte Sittlichkeit: bei Licht besehen nur die Bemäntelung selbstsüchtiger Leidenschaften durch angeblich selbstlose Beweggründe und Triebfedern. Da ist die sogenannte Religion: bei Licht besehen nur die Übertragung niemals erfüllter und unerfüllbarer Menschenwünsche auf die Gestalten erdichteter Götter. Da sind die sogenannten Ideale: bei Licht besehen nur die bewußten Widerspiegelungen jeweils wirtschaftlicher Vorgänge und Verhältnisse, wenn nicht am Ende gar die aus Angst vor der Wirklichkeit erzeugten Welt- und Selbstbeschönigungen. Da ist die sogenannte Seele: bei Licht besehen nur ein Bündel von unersättlichen Trieben und Begehrungen, von denen niemand wissen kann, welche in der nächsten Sekunde die Oberhand gewinnen werden. Da ist der sogenannte menschliche Verstand, die menschliche Vernunft sogar: bei Licht besehen nur eine Waffe mehr im Kampf ums Dasein, um den Nächsten zu überlisten und womöglich über seine Leiche eine Stufe höher zu turnen hinauf zum Besitz, zur Macht und zum Erfolg. Da ist das sogenannte Recht: bei Licht besehen nur die Verewigung menschlicher Rachsucht und Vergeltungwut, die das Verbrechen ahndet, indem sie’s wiederholt, und den Verbrecher straft, indem sie ihn foltert oder tötet... Dieser Art fühlte sich der homo europaeus jener Jahrzehnte gedrungen, die Summe seiner bisherigen Anstrengungen mit einer gewissen Lust an Selbstzerstörung dämonisch zwangsläufig zu ziehen; — solchermaßen fand er alles Geleistete verdammungwürdig, verächtlich, schlecht. Nicht wollte und konnte er eher ruhen, bis er sich die letzten Fetzen jener prachtvollen, aber lügenhaften Verhüllungen von seinem Leib gerissen hatte, — Verhüllungen, die ihm bisher prahlerisch verheimlicht hatten, daß er das böse Tier der Eis- und Steinzeit je und je geblieben war: „säuischer als Schweine, grimmiger als Löwen, geiler als Böcke, neidiger als Hunde, unbändiger als Pferde, gröber als Esel, versoffener als Rinder, listiger als Füchse, gefräßiger als Wölfe, närrischer als Affen und giftiger als Schlangen und Krotten,“ wie unser herzhafter Simplizissimus derb und heftig herausgesagt hat... Der Mensch, das Tier der Urzeit: so zweigte ihn ja jetzt die Wissenschaft selber zoologisch, morphologisch ein in den Stammbaum der lebendigen Wesen, die das Tierreich bilden. Aber der Mensch ist nicht nur das Tier der Urzeit, sondern das böse Tier der Jetztzeit, weil er sich trotz seiner Abkunft aus dem Tierreich ein menschliches Wissen um Böse und um Gut erworben hatte. In dieser Jetztzeit ist der Augenblick für ihn gekommen, in dieser Jetztzeit, und keineswegs schon am Anfang, wie es das Alte Testament will, wenn es vom ersten Menschenpaar berichtet: „da wurden ihrer beiden Augen aufgetan, und wurden gewahr, daß sie nacket waren“... In dieser Stunde der gnadenlosen Selbstentblößung und Selbstbeschämung sieht sich der europäische Mensch nacket, — hier übermannt ihn die Erkenntnis, daß alles, was er aufgewendet hatte in den Jahrtausenden, die seine Erinnerung umspannt und mehr noch in den anderen, die seine Erinnerung nicht umspannt, dem eigenen Urteil nirgends standhalten konnte. Nun er mit unsäglichem Aufgebot dies wilde böse Tier in sich gebändigt hatte, mußt’ er sich überzeugen, daß er von seiner Wildheit zwar manches abgegeben, die Bosheit jedoch bewahrt und gemehrt hatte, und daß verrucht war, was ihm von Herz und Händen ging...
Jahraus jahrein hatte so der europäische Mensch durch die Zunge solch unentwegter Selbstankläger zu sich selbst gesprochen. Jahraus jahrein hatte er sich mit eigener Zunge selbst gestochen und zerstochen, bis er zuletzt noch einmal durch die Stimme dreier Propheten sprach, die am Werk der Selbstentblößung ihrerseit am eifrigsten beteiligt waren. Und was sie lautbar machten, hörte sich freilich schon wie der zerberstende Hornstoß Heimdalls, des Zeichengebers an, als er von der Zinne Walhalls Schiff Naglfar draußen am Rand des brüllenden Nordmeers kreuzen sah... Von diesen denkwürdigen Dreien durchlitt der Erste zum voraus in eigener Person alles Leid, welches in Bälde eine Menschheit würde überkommen müssen, wenn sie wirklich die letzte Scham von sich geworfen hatte und mit der eigenen Nacktheit Unzucht trieb. Wie er indes in Wahrheit keines Rats sich wußte, und sogar nicht einmal ein Wort, ein trostspendendes oder aufrichtendes, finden konnte, verbeugte er sich nur tief bis auf die Erde, etwa wie sich der Staretz Sossima vor Mitjä Karamassoff verbeugt hat, — und ging vorüber. Der Zweite dieser Drei aber tat sich in eigener Person alle Qualen an, mit welchen binnen kurzem der arme Teufel Mensch seinen Mitmenschen foltern würde: er weiß es selber nicht, warum und zu wessen größerer Ehre. Zwar fand auch dieser Zweite nicht eigentlich einen Rat, aber immerhin doch ein Wort der Klage. Und legte sein Wort, seltsam genug! der Tochter des indischen Himmelskönigs in den Mund, welche wie weiland der blonde Held Krischna auf die Erde herabgefahren war, damit ihr des Menschlichen ferner nichts fremd bleiben möchte. Mit innigem Erbarmen sagt Indras Tochter immer nur das eine, was allerdings wenig helfen oder bessern konnte: Es ist schade um die Menschen, es ist schade... und also wehklagend ging auch der zweite Prophet vorüber. Der Dritte jedoch, höheren, helleren Geistes als die beiden andern und von dem Merkmal auf des Merkmals Ursache schließend, erkannte die elende Unzulänglichkeit der bisherigen Gattung Mensch, die soviel schwerer zieht und wiegt als sogar ihre Bosheit. Dieser erschütternden Unzulänglichkeit gewahr werdend, leuchtet ihm eine Botschaft auf, die Rat zu schaffen scheint, wenn nicht schon für den Augenblick, so doch für die Zukunft: der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muß. Diese Botschaft ging nicht vorüber, auch wenn ihr Künder vorüberging, und haftete zitternd wie der Schuß eines befiederten Pfeiles in den Herzen...
Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muß; die menschliche Unzulänglichkeit ist Etwas, das überwunden werden muß! Es wird also eine Zeit sein, wo sich der Mensch seiner Nacktheit vor dem Spiegel nicht mehr länger zu schämen braucht, weil sie ihm keine Mängel und Gebresten, sondern Schönheiten und Vollkommenheiten zeigt. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muß und folglich auch hoffentlich überwunden werden kann? — dies Ziel lockt stärker als irgend eines. Aber wie kann er denn überwunden werden? Den Menschen zu überwinden, roh, tierhaft und unmenschlich, wie er aus den Händen der Schöpfung hervorging: darauf hatten doch sicherlich schon alle die Anstalten gezielt, welche der ehrlichen Selbstprüfung von vorhin nicht standgehalten hatten. Den Menschen zu überwinden waren die sämtlichen Erfindungen, Einrichtungen, Gründungen, Hervorbildungen gemacht worden, die eine wesentlich menschheitliche Werkwelt zu unserer Genugtuung umfassen. Mit welcher Sorgfalt hatte der Mensch nicht diese Werk- und Werkzeugwelt, die er Kultur nennt, zwischen seinen frühesten Ursprung und seine späteste Mündung geschichtet. Mit welcher Künstlichkeit hatte er nicht seine Sinne vervielfältigt und seinen Sinn geschärft, um mit vervielfältigten Sinnen und geschärftem Sinn eine höhere und menschenwürdigere Umwelt selbsttätig um sich zu schaffen. Jede Erfindung und jedes Werkzeug bedeutete ja oder sollte wenigstens bedeuten eine Steigerung menschlichen Könnens, eine Verringerung menschlichen Arbeitaufwandes, eine Bewehrung menschlicher Schutzlosigkeit, eine Ausweitung menschlichen Machtbereichs. Jede Kraft und Eigenschaft der Natur wurde derart zu einer Kraft und Eigenschaft des Menschen erhoben, und so ging an ihm schier buchstäblich das hoffmannsche Märchen von Klein-Zaches, genannt Zinnober, in Erfüllung, wonach alles Nützliche, Angenehme, Tüchtige, das in Gegenwart dieser kleinen Mißgestalt von anderen geleistet ward, durch eine wunderliche Übertragung dieser Mißgestalt selber als dem eigentlichen Urheber dankbarst zuerkannt wurde... Das bevorzugte Mittel also, welches insonderheit dem europäischen Menschen zur Überwindung des Menschen, wie er sie verstand und allein verstehen konnte, verhelfen sollte, heißt infolgedessen mit einem einzigen Wort umschrieben: Werkwelt, Werkzeugwelt. Die Werk- und Werkzeugwelt sollte ihn über sich selbst hinaus steigern, über sich selbst hinaus erhöhen. Mußte er jetzt, aufs bitterste enttäuscht, mit sich selber die Erfahrung machen, daß diese Werk- und Werkzeugwelt als Mittel zu diesem Ziel versagte und er umsonst Pelion auf Ossa getürmt hat, um den Olymp zu zwingen, — was bleibt ihm übrig oder was kann er ins Auge fassen, dies Ziel auf andere Weise zu erreichen? Wie kaum eine geschichtliche Menschheit zuvor hatte der Europäer diese Werkwelt nach Umfang und Inhalt, Beschaffenheit und Zahl gemehrt und alle seine Geisteskräfte, Seelenkräfte dafür hingegeben. War es jetzt nicht mehr wie nur ein bloß zufälliger Fehlschlag, daß es just bei ihm schlimmer als in irgend einer Vorzeit menschelte: war es in Wahrheit ein zwangsläufig getaner Fehlgriff, — wo kann, wie soll der Europäer alsdann noch Hoffnung für sich selber schöpfen?
Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muß, — so spricht zu allen Zeiten jede Religion, die ihren Blick auf die nächst höhere Verkörperung des Menschen heftet, die sie Gott nennt. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muß, — so lautet die knappste, treffendste und erschöpfendste Formel aller Religionen, die ihren eigenen Willen zur Selbstvergöttlichung als das ewige Bedürfnis erkennen müssen, welches sie stets wieder von neuem zur Erscheinung bringt: als „la tendence, qui les a produit“, wie Jean Marie Guyeau sinngemäß sagt. Zugleich aber ist dies die ewige Tragödie aller Religionen, daß sie das hauptsächliche Mittel zur Erzielung dieser angestrebten Überwindung, nämlich die Herausstellung jener wesentlich menschheitlichen Werk- und Werkzeugwelt, die wir Kultur nennen, als ungeeignet zu ihrem Endzweck schlechterdings verneint und sich auf diese Weise mit dieser Werk- und Werkzeugwelt selbst aufs entschiedenste entzweit und überwirft. Denn keine einzige der bekannten höchsten Religionen, am wenigstens aber die Religion als solche, gebietet ihren Anhängern und Bekennern: Erfinde du Werkzeuge und vervielfältige deine Sinne! Gründe du Staaten, schaff’ Rechts- und Wirtschaftordnungen, laß’ Gesittungen erstehen, ersinne Wissenschaften, befleißige dich der Verbürgerung, alles damit du in dir selbst den Menschen überwindest! Wenn solche oder ähnliche Gebote je ergangen sind, wie beispielweis in der ursprünglichen Verkündigung des iranischen Zarathuschtra, ist sich die Religion ihres stärksten Antriebes noch nicht inne geworden. Wo sie sich aber dieses Antriebs wirklich inne geworden ist, findet sie sich im günstigsten Fall mit der Gegebenheit dieser Werk- und Werkzeugwelt ab, aber fördert sie von sich aus keineswegs, geschweige denn, daß sie dieselbe fordert. Die Welt gewinnen und dadurch die Seele schädigen, — die Welt verlieren und dadurch die Seele erfüllen: das ist in schroffer Unzweideutigkeit die Wahl, vor welche jede der höheren Religionen ihre Gläubigen stellt und auf diese Weise in tödlichen Widersatz bringt zu allen sonstigen Bemühungen um Fortschritt und Aufstieg, Entwicklung und Gesittung. Ist es also dem Menschen im heiligsten Sinne Ernst mit des Menschen Überwindung, so weiß die Religion unstreitig dafür Rat, — nur daß eben dieser Rat allen eingeborenen Neigungen zur Selbststeigerung durch Kultur stracks zuwiderläuft. Und in der Tat, ihr, die ihr euch Christen nennt! Sogar in dieser Kummerstunde, da niemand mehr woaus woein weiß, sogar in dieser Stunde vollkommener Ratlosigkeit ist keiner unter euch, der nicht in der heimlichsten Falte seines Herzens mindestens ein einziges unfehlbares Mittel wüßte, diese eisige Hölle um uns herum in ein blühendes Paradies umzuzaubern. In der Kenntnis dieses Mittels, ich sage nicht in seiner Anwendung, sind wir Europäer unfehlbare Christen und werden Christen bis zu unserem bitteren Ende bleiben, ob wir nun wollen oder widerstreben. Wir haben das Gebot empfangen, welches die Verirrungen des Lebens ins gleiche zu setzen vermöchte: Ἀγαπήσεις τὸν πλησίον σου ὡς σεαυτόν, — wolle du deinem Nächsten wohl wie dir selbst... Dies Wort, melodisch aus dem Königreich der Himmel tönend, von dem geschrieben steht, es sei mitten in uns, — dies Wort konnten wir in der Wüste unserer Gehässigkeit verschmachten und in der Sintflut unserer Begierden ertrinken lassen: aber wir konnten die Tatsache nicht aus der Welt entfernen, daß es an uns ergangen ist. Dies Wort ist an uns ergangen und auch der Verstockteste ist außerstand, sich weiszumachen, er habe nie etwas davon vernommen. Ist es somit wirklich die Religion, die da befiehlt, den Menschen in sich zu überwinden, dann ist zumindest uns westlichen Bekennern des Christentums von diesem das rechte Mittel zu diesem rechten Ziel bezeichnet worden. Denn wer seinem Nächsten wohl will wie sich selber, der überwindet in seinem Wohlwollen sich selber und seinen Nächsten dazu; der überwindet in sich und seinem Nächsten alles, was nicht das Wohlwollen selber ist; und derart überwindet er den Menschen in sich, der noch nicht Wohlwollen selber ist, und mit dem Menschen die ganze Welt, die noch nicht Wohlwollen selber ist. Drum lüge oder leugne keiner, daß er nicht wissen könne, wie der Mensch den Menschen zu etwas überwinden könne, das mehr oder höher und stärker ist wie der Mensch. Das Mittel ist erfunden, die Botschaft ist ergangen, das Wort steht und steht ewig...
Das Mittel ist erfunden, — und hat dennoch seinen Zweck verfehlt.
Die Botschaft ist ergangen, — und hat dennoch nichts gefruchtet.
Das Wort steht und steht ewig, — aber schwindelnd fällt der Mensch in der Zeit von einem Abgrund in den andern...
Wie aber dies, ihr Christen? Sind wir denn in Wahrheit so bös, so unmenschlich, so teuflisch, daß wir zwar auf unsern Lippen den Honig der frohen Botschaft zu schmecken geben, in unsern Herzen aber schwarze Galle keltern? Liegt es in Wahrheit nur auf uns, daß uns jener evangelische Weg zur Überwindung unserer Menschheit zum Ab- und Irrweg sondergleichen geworden ist? Müssen wir uns in diesem unwiederbringlichen Augenblick der Selbsteinkehr und Gewissensprüfung in Wahrheit als den Auswurf aller geschichtlichen Geschlechterfolgen verdammen, weil wir mit dem Bekenntnis des Wohlwollens und Brudersinnes die Tat des Wohlwollens und Brudersinns am sichersten erstickten? Heute, wo die Schuppen der Beschönigung von den Augen fallen, ziemt uns vor allen Fragen diese Frage: von der Antwort auf sie hängt jede Zukunft ab. Rund tausend Jahre sind es, daß wir des Nazoräers Bekenntnis zur Nächstenliebe als unsere erwählte religio, will heißen Bindung, Verpflichtung, Treue angenommen haben. Und nun ängstigt uns nach rund tausend Jahren mehr fast als alle Angst der Argwohn, wir könnten vielleicht nicht trotz dieses Bekenntnisses, sondern wegen seiner, nur immer böser und schlechter, liebloser und härter, unedler und grausamer geworden sein seit jenen Tagen etwa, da der große Sachsenkaiser Otto dem mittelalterlichen Reich Europa seine dreihundertjährige Verfassung gab. Am Ende ist es eben diese Verpflichtung, diese Bindung gewesen, die unsere Anlage zum Wohlwollen und Brudersinn, die wir doch auch in uns wie in jedem lebendigen Geschöpf vermuten müssen, verkümmern und verkrüppeln ließ. Verkümmern und verkrüppeln ließ zwar nicht deshalb, weil etwa diese Religion uns Menschen, wie wir einmal sind, zu hoch und schwer wäre, — denn jede Religion, ihr Christen, ist dem Menschen, wie er einmal ist, zu hoch und schwer: und daß sie’s ist, macht ihren unschätzbaren Wert als Religion aus! Verkümmern und verkrüppeln ließ aber trotzdem, weil sie befahl und forderte, gebot und heischte, was durch Befehl und Forderung, Gebot und Heischung nimmer zu bewirken ist. Es könnte demnach sein, ihr Christen, daß uns just das Christentum zeitweilig zum Verhängnis geworden ist, indem es eine übermenschlich-überschwängliche Botschaft zwar erließ, aber auf keine Weise andeutete oder zeigte, wie der irdische Mensch, das wilde böse Tier, nun dieser Botschaft auch entsprechen könne. Wohlwollen unserm Nächsten, Brudersinn unserm Fernsten noch, wer wäre Wolf genug zu leugnen, daß beides heute noch die Welt zum Paradies gestalten würde, wo wir sie alle christlich übten. Aber der Mensch, obschon von Natur ganz offenbar mit einer Anlage zum Wohlwollen und Brudersinn begnadet, ist darum noch lange nicht wirklich wohlwollend, wirklich brudersinnig, — und wird es auch nicht, wenn man ihm kurzerhand gebietet: Sei’s! Das aber ist das letzte und schleichendste Unheil, welches uns Abendländer betroffen hat und unsern dermaligen Höllensturz mit verursacht: wir wissen, wissen alle unheimlich genau, was not tut, um die Not zu wenden und den Menschen seiner nächst höheren Verkörperung des großen Wohlwollenden und Brudersinnigen zuzuführen. Aber es war niemand, der uns gewiesen und bedeutet hätte, wie das geschehen könne. Wir wissen, wissen es, aber können es nicht. Und sogar wo es einer als Land- und Meerwunder wirklich kann, da ist er’s nicht, sondern kann es nur. Das aber, ihr Christen, ist des Abendländers Untergang...
Das aber, ihr Christen, ist des Morgenländers Aufgang, ist insonderheit des Buddho Gotamo Aufgang! Denn wo wir nur wissen, hat er das Können aufgewiesen, und wo wir nur können, hat er angeleitet und geweckt zum Sein. Dabei ist sein heiliges Ziel in Ansehung menschheitlicher Emporstufung haargenau das christliche. Vielleicht mit dem einzigen Unterschied, daß der Buddho die Gestalt des großen Wohlwollenden mit soviel höherer Künstlerschaft umrissen habe wie der Christus, — eben jene Gestalt nämlich, die ich zum Beschluß der Dritten Unterweisung dem christlichen Abendland als das Urbild des Strahlenden Mönches vorzustellen gewagt habe: „Liebevollen Gemütes weilend strahlt er nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend, durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem Gemüte, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem. Erbarmenden Gemütes — freudevollen Gemütes — unbewegten Gemütes strahlt er“... In Ansehung dieses göttlich Wohlwollenden, übermenschlich Wohlwollenden also ist das religiöse Endziel im Westen und im Osten streng dasselbe, und nichts würde von dieser Gewißheit aus einer völligen Durchdringung des Christentums mit dem Buddhismus hinderlich sein, — wenn eben nicht die Art und Weise, wie Jesus und wie Gotamo die Verwirklichung dieses Zustands betreiben, so stracks einander zuwiderliefe, daß hier die Grundkräfte europäischer und indischer Religiosität als Gegenkräfte in Erscheinung treten. Das evangelische Wohlwollen nämlich für den sogenannten Nächsten wurzelt ausgesprochenermaßen im Wohlwollen für das eigene Selbst, will heißen in der Selbstliebe und Eigensucht. Ἀγαπήσεις τὸν πλησίον σου ὡς σεαυτόν, wolle du deinem Nächsten wohl wie dir selber, gebietet der Herr des Evangeliums, — und manches spricht dafür, daß wir hier auf die ausschlaggebende Ursache stoßen, warum die Nächstenliebe des Christentums ein freundlicher Traum geblieben ist und sehr wahrscheinlich sogar hat bleiben müssen. Denn wie verhält sich’s doch damit? Jesus erachtet Wohlwollen für Mitmensch und Bruder durchaus für möglich, sonst würde er es nicht als Notwendigkeit gefordert haben. Aber nicht hält er’s für möglich, dies Wohlwollen auf andere Weise zu erzielen als gleichsam auf dem Umweg über das eigene Ich und Selbst. Das Ich und Selbst der eigenen Person steht hier im Brennpunkt aller Wirklichkeiten, und folglich im Brennpunkt auch aller Handlungen und Taten, die sich auf Wirklichkeiten beziehen. Die vorzüglich religiöse Leistung der Persönlichkeit krönt sich darin, dem fremden Ich grundsätzlich denselben Grad von Wirklichkeit zuzubilligen wie dem eigenen Ich und aus dieser Billigung heraus ihm keine mindere Berechtigung zu schenken wie diesem. Der naive Mensch, heißt das der selbstische Mensch, wird hier sozusagen feierlich aufgeboten zur freiwilligen Anerkenntnis des fremden Du, — durch die Erwägung zwar, daß auch dies Du zuletzt ein Ich mit sämtlichen Eigenschaften und Merkmalen eines solchen sei. Der naive, will sagen selbstische Mensch ist also böse nicht eigentlich deshalb, weil er seine eigene Persönlichkeit und persönliche Eigenheit instinktiv als Wirklichkeit setzt und voraussetzt, sondern weil er jede fremde Persönlichkeit und Eigenheit nur als eine Wirklichkeit zweiten, dritten, zehnten Grades gelten läßt, — kurz als eine Wirklichkeit derart verminderten Erlebensgrades, daß er kaltblütig über ihre Ansprüche und Rechte, über ihr Sosein und Dasein wegschreitet, nicht anders, wie man im Gedränge über viele menschlische Schatten auf der Straße schreitet. Und kein Zweifel! Wer jemals ein wenig über die Beschaffenheit des Verbrechens und mehr noch des Verbrechers nachgedacht hat, wird hier, in dieser von Jesus berührten Tatsache, fast jeden gewünschten Aufschluß finden: daß der Verbrecher von Haus aus unfähig ist, in rein erkenntnismäßiger Schätzung sein Opfer in dieselbe Reihe von Wirklichkeiten mit sich selber einzustellen, — er selber füllt diese Reihe mit sich ganz alleinig. Überall, wo ein Mensch in gräßlicher Verhärtung gegen Wohl und Weh des Mitmenschen beharrt und dieser Verhärtung entsprechend handelt, darf man behaupten, er sei Verbrecher, darf man behaupten, ihm sei die heilige Um- und Neuschöpfung der fremden Wesenheit zum vertrauten Ich, zum Ich überhaupt, noch nicht gelungen. Tatsächlich macht Jesus hier die erste, unerläßlichste Bedingung der Möglichkeit menschenwürdigen Gemeinschaftlebens namhaft: jedwedes menschengleiche, ja nur menschenähnliche Geschöpf ist im Bewußtsein ebenso als wirklich, ebenso als seiend, ebenso als wesenhaft zu erschaffen wie das eigene Ich und Selbst. Auch Du ein Ich, wie Ich zuletzt nur Du, folglich auch Du meines Wesens Mark und Mitte nicht abgelegener als Ich ihm bin: das ungefähr wäre die rechte Formel für Jesu Auffassung von Wohlwollen, Brudersinn, Nächstenliebe; — auch Du, Du ein Ich, wie Ich zuletzt ein Du, und folglich all meiner Taten und Gedanken nicht minder Sinn, Zweck und Ziel als Ich es ihnen selber bin. Das Maß der Welt, in welches sie gefüllt und geschöpft wird, ist durchaus hier das menschliche Selbst und seine unerschütterliche Wirklichkeit. Im besten Fall kann jeder Einzelne sich selber höchstens dazu bestimmen, jedem Anderen das gleiche Maß von Wirklichkeit im Bewußtsein einzuräumen. Ein übermenschlich verwegenes Ideal aber wäre dieses, wenn jeder Einzelne seine Bewußtheit derart unendlich auszuweiten vermöchte, daß darin die Wirklichkeiten aller menschlichen Welterscheinungen in einem einzigen brüderlich umhalsten Chore miteinander reigten, — jeder Fernste in solch gottgeweiteter Bewußtheit zum Nächsten aufgerückt und nahgerückt, jeder Nächste aber gleichbürtig, gleichgewichtig, gleichwertig mit Mir selbst...
Das Selbst also, ihr Christen, die eigene Person ist dem Herrn unseres Evangeliums die Schwelle, über welche jedes Ich getragen werden muß, um überhaupt als Ich geehrt zu werden. Das Selbst, sag’ ich, die eigene Person und ihre ganz unumstößliche Wirklichkeit und Gewißheit ist die Schwelle, die vom Ich zum Du, vom Ich zum Wir führt, — was aber jenseit dieser Schwelle stehn oder liegen bleibt, kann dem Bereich ichbürtiger Wesenheiten auch nicht angehören. Wobei schon hier keineswegs übersehen und vergessen werden darf, daß auch im günstigsten von allen möglichen Fällen alles jenseit der Schwelle stehn und liegen bleibt, was nicht menschengleich oder menschenähnlich ist, was mithin nicht Nächster und nicht Bruder werden kann... Dem sei indes, wie ihm wolle. Unter allen Umständen besteht das evangelische Mysterium, wie nochmals mit Nachdruck ich zusammenfassend sagen möchte, in der Verwirklichung des Mitmenschen als Nächster und als Bruder, und diese Verwirklichung zwar vollzogen auf dem Umweg über die Wirklichkeit des eigenen Selbstes. Das gotamidische Mysterium hingegen, so einig es im Hinblick auf menschheitliche Emporstufung zur Gestalt des großen Wohlwollenden mit dem evangelischen Mysterium offenkundig ist, wird dennoch gerade durch die Umdrehung dieses evangelischen Verfahrens erwirkt. Nicht dadurch wird das ausnahmlose Wohlwollen beim Strahlenden Mönch gegen alle Wesen (nicht nur gegen den Nächsten und den Bruder) erzeugt, daß er diese durch eine Tathandlung fortschreitende Erkenntnis auf dieselbe Wirklichkeitstufe mit seiner eigenen Person befördert. Sondern ganz im Gegenteile dadurch, daß er den Wirklichkeitgrad der eigenen Person, den scheinbar unbezweifelbaren, auf den Wirklichkeitgrad aller übrigen Welterscheinungen herunterdrückt, kraft einer nicht zu widerlegenden religiösen Selbsterfahrung, Selbstbewertung, die er an sich und mit sich macht. Wenn daher Jesus befiehlt: Wolle du deinem Nächsten wohl wie dir selber; wenn somit der nämliche Jesus das Wohlwollen für das eigene Selbst ohne weiteres als die gegebene Voraussetzung des Wohlwollens für andere hinnimmt und bestätigt, — so fußt der Christus auf einer Einstellung, welche den Buddho sicherlich über die Maßen befremdet haben würde, falls er hätte Kenntnis von ihr erlangen können. Denn eben dieses Selbst der eigenen Persönlichkeit, in europäischer Sprache das Individuum oder die unzerstückelbare Lebenseinheit, Wirkungeinheit, Zweckeinheit geheißen, welche jeder westliche Mensch mit der ganzen Heftigkeit seiner Instinkte gleichsam als sein ens realissimum umklammert hält und niemals fahren läßt solang er lebt, — eben diese Ur- und Musterwirklichkeit aller sonstigen Wirklichkeiten hat sich ja dem Buddho längst entlarvt als ein Ding, welches um keinen Deut wesenhafter oder wirklicher als jedes andere Ding unter der Sonne genannt werden darf. Und hier, wo die Religiosität des Ostens mit der Religiosität des Westens wie Ja und Nein zusammenstößt, aber leider nicht zusammenklingt, hier ist es angezeigt, uns noch einmal jenes herzlich seltsame Wort in den Sinn zurückzurufen, welches uns in der Ersten Unterweisung hat so scharf aufhorchen machen. N’etam mama, das gehört Mir nicht, hat dies Wort gelautet, zu welchem der Buddho sein schneidendstes Nein gleichsam gerinnen und erhärten lassen. N’etam mama, das gehört Mir nicht: was da entsteht und vergeht, was da gezeugt wird und verwest, was da wechselt und abändert, was da erscheint und verschwindet. Solches alles gehört Mir nicht, solches alles bin Ich nicht: folglich gehört auch diese Meine eigene Person Mir nicht, folglich bin auch Meine eigene Person Ich nicht! Alles Wirkliche aus zweiter, dritter und letzter Hand gehört Mir nicht und bin Ich nicht. Aber auch alles Wirkliche aus erster Hand gehört Mir nicht und bin Ich nicht: nämlich Ich selber nicht, wie ich mir in der raumzeitlichen Gliederung bewußtes Erlebnis und Begebnis ward! Diese ganze Erscheinungunendlichkeit, wie sie gestalthaft abgegrenzt im Bewußtsein auftaucht und gestalthaft abgegrenzt im Unbewußtsein wieder untersinkt, einschließlich meiner höchsteigenen Icherscheinung, sie gehört Mir nicht und sie bin Ich nicht! Sie gehört Mir nicht und sie bin Ich nicht, weil sie eben auf Grund ihrer Eigenschaft als Erscheinung nicht bis dahin reichen kann, wo ich als religiös Erlebender zutiefst Mich Wesen weiß. Keine Verkörperlichung und keine Verpersönlichung, nicht einmal meine eigene, faßt dort noch Fuß und Grund, wo Ich — oder vielmehr nicht mehr Ich! — in dem Augenblicke gesammeltster Selbstvertiefung Grund und Fuß zu fassen fähig bin. Damit jedoch ist des evangelischen Jesus Selbsterfahrung, den die Wirklichkeit des Ich aller Wirklichkeiten Ur- und Musterbild zu sein bedünkte, durch eine Selbsterfahrung entgegengesetzter Art zwar nicht getilgt und aufgehoben, aber eingeschränkt und ergänzt. Nicht ist fremdes Ich für ebenso wirklich, daseiend und wesenhaft wie eigenes Ich zu erachten: sondern umkehrt eigenes Ich hier für ebenso unwirklich, nichtseiend, wesenlos wie fremdes Ich. Jene bevorzugte Wirklichkeit, vom evangelischen Herrn als Hebelpunkt gebraucht, um von ihr her die eingefleischte Eigensucht und Selbstliebe, die bruder- und nächstenmörderische, aus ihrem natürlichen Schwerpunkt zu wälzen, — jene Wirklichkeit gilt dem Buddho auf keine Weise für bevorzugt. Im Gegenteil ist sie es, die sich dieselbe Dämpfung gefallen lassen muß, welche das ‚N’etam mama‘ auf alle Wirklichkeiten legt. Auch ich selber gehöre Mir nicht; auch ich selber erschöpfe Mich nicht in der Erscheinung Meiner, die sich gestalthaft vor meinen Sinnen ausbreitet; auch Ich selber bin über Meine raumzeitliche Wirklichkeit hinaus noch Etwas, das die Sprache einer Wirklichkeit nicht mehr zu verlautbaren vermag: wenn auch sicherlich nicht ‚Ich‘ mehr...
Wer aber, ihr Christen, von dieser beziehungreichen Tatsache her seinen Blick nun schweifen ließe in die beiden Welten, in welchen getrennt voneinander der Buddho und der Christus eingebürgert hausen, der fände sich wohl nicht wenig überrascht: so buchstäblich weltverschieden, weltgeschieden stellten ihm sich beide Welten dar. Den christlichen Erlöser erblickte ein derartiger Betrachter inmitten einer Wirklichkeit wimmelnd bis zum Rand mit gestalthaften Lebenseinheiten nach Art der menschlichen Persönlichkeit. Wie etwa ein stätig fortlaufendes Gebilde der Anschauung, eine geometrische Gerade oder Fläche, von der Einwirkung des Gedankens in zusammenhanglose Einzelpunkte zerlegt wird, oder wie eine stätig zusammenhängende Flüssigkeit unter der Einwirkung von Wärme oder Witterung zu einem Haufen einzelner Flocken stockt, — nicht anders zersetzt sich unter dem Einfluß dieser evangelischen Einstellung eine vorher noch kaum gestalthaft belebte Umwelt zu einer immer ausschließlicher gestalthaft belebten. Wenn unsere europäische Wissenschaft, vielleicht mehr als sie ahnt ‚christliche‘ Wissenschaft, nie und nimmer geruht hat, bis sie jede Wahrnehmungstätigkeit der Sinne allmählich in eine womöglich zahlenhaft zu erfassende Menge von letzten, das heißt unteilbaren Beziehungknoten zergliederte; wenn sie, um altbekannte Beispiele anzuführen, den Einen Grundstoff der Welt in viele Kräfte, die Eine Materie in viele Atome, das Eine Leben in viele Lebenseinheiten, die eine Zelle in viele Zellteile, das Eine Licht in viele Farben, die Eine Farbe in viele Bewegungvorgänge, die Eine Qualität in viele Intensitäten, ja zuletzt das Eine Atom in einen ganzen Kosmos von zentralen Kernen und umlaufenden Elementarquanten aufgelöst hat, — sie folgte damit ihrem christlichen Instinkt, der unersättlich ist nach Wirklichkeiten im Sinn der eigenen Individuität. Christentum ist Individualismus, Christentum ist Personalismus, — von diesem Gedanken aus läßt sich unschwer so etwas wie die Kurve der abendländischen Seele aufzeichnen, die schicksalhaft die christliche Seele gewesen ist und ist, so sehr, daß sie auch nach ihrer bevorstehenden Umgestaltung des christlichen Einschlags nie völlig mehr entbehren wird. Christentum ist Individualismus, Christentum ist Personalismus; folglich erschafft es sich überall individuelle, individuierte, personifizierte Wirklichkeiten. Diese feststehende Tatsache ist für das westliche Festland Europa, welches das Christentum aufgenommen und verarbeitet hat, geradezu Fatum geworden. Wo das Christentum aufblüht, blüht der persönlich gestaltete, persönlich ausgeformte Mensch auf, denn dem evangelischen Christus bedeutet das raumzeitlich verkörperte Selbst Alpha und Omega aller Wirklichkeit überhaupt. Und wiederum: wo das raumzeitlich verkörperte Selbst Alpha und Omega aller Wirklichkeit als solcher erscheint, da müssen folgerechterweise alle Kräfte des Geistes und der Seele der möglichst plastischen Herausmeißelung der jeweiligen Lebenseinheit und Lebenseinzelnheit dienen. Die Wirklichkeit trachtet nach Verwirklichung, und wo das Selbst erste und letzte Wirklichkeit für sich beansprucht, trachtet das Selbst zuerst und zuletzt nach seiner eigenen Verwirklichung. Der Christ beginnt sich demnach vielkantig nach allen Achsen des Raumes auszuwachsen. Zwar ist des Wunderns seit langem schon kein Ende gewesen, daß das geschichtliche Christentum aus dem Europäer so etwas ganz anderes gemacht habe als den friedfertigen, selbstverleugnenden, bruderlieben Heiligen der evangelischen Schriften. Heut’ wäre es endlich an der Zeit, sich darüber erschöpfend ausgewundert zu haben. Denn alle diese evangelischen Tendenzen haben zu ihrer unanfechtbaren Voraussetzung die unanfechtbare Wirklichkeit der eigenen Person nebst den auf sie selbst bezüglichen Trieben und Begierden, Neigungen und Leidenschaften. Das Grundrecht auf Selbsttrotz und Eigensucht ist der rocher de bronce, vom Herrn des Evangeliums in eigener Person feierlich stabiliert und sanktioniert, — das ist der Fels, in welchen die Fundamente der sichtbaren und unsichtbaren Kirche eingesprengt worden sind. Wer sich darüber Klarheit verschafft hat, wird es auch nur als aufrichtige Konsequenz aus diesem Umstand betrachten, wenn gerade der europäische Christ den Anblick nie gesehener Härte und Ungerührtheit darbietet: es ist ein heute nicht mehr statthafter Irrtum, wenn immer noch die weichmütigen Romantiker eines unverfälschten Urchristentums dem evangelischen Heiland die römische Kirche oder die Kirchen überhaupt als die gesellschaftlichen Verkörperungen des eigentlichen Antichristentums entgegenzustellen und zu verdammen belieben. Die Kirche ist nun einmal nicht die babylonische Hure, sondern sie hat nur im Übermaß Ansätze entwickelt, die im Evangelium selber vorhanden sind. Diese ganze romantische Auffassung, am übertreibendsten bekanntlich in Dostojewskis Großinquisitor herausgestellt, ja wie eine weltgeschichtliche Fanfare herausgeschmettert, ist ungerecht nach beiden Seiten. Denn in der Christustendenz evangelischen Wohlwollens glimmt und glutet eben heimlich schon die Tendenz des Antichrists, das Selbst zu behaupten über jedes Maß und Ziel hinaus: glimmt und glutet mithin heimlich schon der Funke, der das ganze europäische Mittelalter hindurch Scheiterhaufen um Scheiterhaufen entzündet hat, bis nach dem Krieg von Dreißig Jahren das mittlere Europa selbst nur noch ein Scheiterhaufen war... Dieser Scheiterhaufen gemahnt uns, ihr Christen, daran, daß Jesus Christus schon geboten hat: wolle du wohl deinem Nächsten wie dir selbst, — daß mithin schon Jesus Christus die Selbstliebe (und die Puritaner wußten das sehr genau!) in die Rechte feierlich eingesetzt hat, die sie seither für sich in Anspruch nimmt. Nie wäre von diesem Gebot her einzusehen, warum das eigene Selbst etwa zugunsten des fremden hätte verleugnet oder unterdrückt werden sollen, — nie, warum es auch nur nach Tunlichkeit abgeblendet hätte werden sollen. Sogar den äußersten Fall gesetzt, es hätte der evangelische Herr geboten, was er in Wahrheit nicht geboten hat: Wolle du deinem Nächsten wohl mehr als dir selbst, — wie wäre da nicht sofort die Gegenfrage zu stellen gewesen: Warum denn, o Herr, dem Nächsten mehr Wohlwollen als mir selber? Mit welchem Fug wird sein Selbst dem meinigen vorgezogen? Sind wir nicht just vom Urteil der Selbstschätzung, Selbstwertung aus alle gleich? Bin ich mir minder Ich als sich mein Nächster Ich ist? Oder wie könnte mir das Ich des Nächsten näher sein als mein Ich! Was stellt das Ich des Andern über Mich und weshalb sollte ich Mich auslöschen, damit Er heller brennt, flackert und zackert? Mit welchem Recht der Götter oder Menschen geht des Nächsten Selbstsucht über meine eigene? Und sind wir Brüder für uns selbst nur vor uns selbst, wie darf der Bruder hier über dem Bruder stehen, der Bruder hier vor dem Bruder gehen? Wahrlich und Wehe! der Altruismus ist immer nur der Egoismus des Nächsten..
Ziehen wir derart die Summe von zwei christlichen Jahrtausenden für Europa, so muß sich also notwendig ergeben, daß niemals noch sonstwo die menschliche Person zu diesem Grad von Stärke und Selbstherrlichkeit heraufgezüchtet ward wie im christlichen Europa. Was unter günstigen Bedingungen ein Christ und Europäer aufbringt an Entschlossenheit und Arbeitkraft, Willen und Umsicht, Kaltblütigkeit und Tapferkeit, Genauigkeit und Zähigkeit, — es übertrifft alles Dagewesene bei weitem. Mit dem alleinigen Ziel vor Augen, sich durchzusetzen gegen jeden Widerstand, setzt dieser Christ und Europäer sich denn in Wirklichkeit auch durch, — mit welchen Mitteln freilich oft, das frage niemand. Tatmensch, Geschäftmensch, Gewaltmensch noch wider jeden Einwand des Gewissens, betreibt er von früh bis spät ausschließlich seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Selbstverwirklichung. In dem Bewußtsein seiner persönlichen Einzelnheit und Einzigkeit, in dem Bewußtsein folglich seiner unbedingten Einmaligkeit und Unersetzlichkeit, welches ihm eine streng christliche Philosophie anerzogen, angezüchtet hat, findet er eine höchste Rechtfertigung für die rücksichtloseste Ausprägung seiner Eigenheit; in eben dieser Ausprägung vermutet er den Endzweck und das Amen alles Geschehens überhaupt. Sei der, der du bist und werde, der du bist, beides in seiner Aufgipfelung und Vollendung, — diese Quintessenz der religiösen Belehrung, welche in der Bhagavad-Gîtâ Gott Krischna dem Prinzen Arjuna widerfahren läßt, ist auch die Quintessenz, wir wissen es seit Pindaros, aller europäischen Wirklichkeitauffassung: nur freilich aus dem Indischen ins Europäische übersetzt und damit einigermaßen entseelt, entadelt, entgeistigt. Der europäische Mensch wird, der er ist; das heißt er setzt sich durch um jeden Preis und auf jede Weise. Die Erste Unterweisung hat es erwähnt, die Vierte erinnert hiermit daran, wie der Erfolg dieses persönlichen Sich-Durchsetzens in der Welt vom Kalvinismus und Puritanismus geradezu als der schlüssige Beweis vor Gott und Menschen erachtet wird, daß einer berufen und erwählt sei. Wer seine Eigenheit zur Anerkennung bringt, wer den Erfolg an seine Seite zwingt, wer das Glück zur Treue überredet, der hat sich bewiesen, genau wie er sich im entgegengesetzten Falle widerlegt hat. Solchermaßen statuiert der christliche Europäer ein Recht auf Persönlichkeit, und wer feiner hinhorcht, wird sich vielleicht davon überzeugen, daß er sogar eine Pflicht zur Persönlichkeit statuiert. Lediglich unter diesem Gesichtswinkel vermag er sich überhaupt noch ein erstrebenswertes Lebensziel vorstellig zu machen. Nur um Gottes willen von der formlosen Masse und Massenhaftigkeit abrücken! Nur um jeden Preis ein eigenes Gesicht, und sei es ein hoffärtiges und freches, zur Schau tragen! Nur unter allen Umständen aus der flüssigen Mutterlauge zum festen Kristall aufschießen! Das ist der heiß begehrte Preis, der dem Sieger nach zermürbendem und zerrüttendem Kampfe winkt...
Denn Kampf bis aufs Messer, Kampf in einer noch nirgends zu erfahrenden Grausamkeit des Begriffs ist das Leben dieses christlichen Europäers. Die Selbstverwirklichung bis zum äußersten als die einzig anerkannte Lebenspflicht muß selbstredend in heftigen Widerstreit geraten mit derselben Lebenspflicht jeder Persönlichkeit, welche der ersten gesellschaftlich oder wirtschaftlich irgendwie benachbart ist, — ein selten eindringliches Beispiel übrigens, wie manchmal die Möglichkeit einer Gemeinschaft nicht durch Verschiedeninhaltlichkeit der ergriffenen Zwecke, sondern durch Gleichinhaltlichkeit derselben vernichtet wird. In diesem christlichen Europa will in Wahrheit jedermann genau dasselbe: nämlich die denkbar reichstgeschliffene Ausformung seiner jeweiligen Eigenheit und Einzelnheit. Und das Ergebnis davon heißt eben Kampf, Krieg, Wettbewerb, ἀγών, struggle for life, Zuchtwahl... Kampf der Vater aller Wirklichkeiten, das ist in Wirklichkeit die Überschrift, welche der Vater der europäischen Menschlichkeit auf seiner Völkerbrücke zu Ephesos an das Tor zu unserm Festland schlug und hämmerte. Kampf der Vater und Kampf die Mutter, das ist die Wahrheit geblieben, die auch vom Christentum nicht nur nicht widerrufen, sondern bestätigt worden ist, denn der Herr des Evangeliums scheint es erraten zu haben, warum er, vorzugweis er sich als denjenigen bezeichnete, der nicht den Frieden, aber das Schwert bringen werde: nicht einmal das Kreuz von Golgatha konnte die Pforten des Janustempels sperren, die ewig offenklaffenden, und tatsächlich hat das Christentum sein Öl der Linderung ins Feuer statt aufs Wasser ausgegossen... Kampf brandet und Kampf entbrennt also schon im kaum befruchteten Keim, wo offenbar das Männliche mit dem Weiblichen im Hader liegt, bis entweder das Männliche über das Weibliche oder das Weibliche über das Männliche Herr ward und dadurch das Geschlecht des künftigen Wesens entschied. Und derselbe Kampf wird ausgetragen, wo die vererbten Eigenschaften einer Ahnenreihe mit den vererbten Eigenschaften anderer Ahnenreihen streiten, oder wo den vererbten Eigenschaften neue hinzuerworbene von Grund auf widerstreben. Wohin der Blick des Christ-Europäers fällt, gewahrt er Kampf und Krieg im Kleinen wie im Großen, und sogar noch wenn er an Sommerfeierabenden, an endlos schwalbenzwitschernden und grillenzirpenden, besinnlich auf der Gartenbank vor seinem Hause sitzt und eine Weile ruht, fühlt er vom Grausen plötzlich sich geschüttelt beim Anblick eines räuberischen Tausendfüßlers, wenn dieser sich auf einen verzweiflungvoll aufbäumenden Regenwurm stürzt und dessen unbewehrten Leib mitten entzweibeißt: so hat dem Rabbi von Bacharach die Eiskralle des Entsetzens ins Herz gegriffen, als er am Vorabend vor Pascha unter dem schimmernden Tafellinnen plötzlich die eingeschmuggelte Leiche eines Kindes sah... In einem Augenblick derart hellsehenden Weltverstehens mag es sein, daß dem Christ-Europäer das furchtbare Gesetz des Lebens aufleuchtet, welchem zufolge jedes organische Gebild der glücklich Überlebende und Überstehende zahlloser sicht- und unsichtbarer Einzelkämpfe ist. Weit entfernt, daß ihm als Menschen, ihm als Christen diese Kämpfe erspart blieben oder wenigstens in ihrem Grad gemildert, in ihrer Form ‚vermenschlicht‘ würden, findet er ganz im Gegenteil gerade sich in seiner Eigenschaft als Mensch zu einer Kampfweise genötigt, wie sie gleich wahllos in den Mitteln und gleich böse die außermenschliche, untermenschliche Natur nicht kennt. Wohl frißt auch dort ein Tier das andere Tier, ein Tier die Pflanze und gelegentlich auch eine Pflanze das Tier ganz unbedenklich. Aber im allgemeinen spielt sich dieser Kampf doch meist zwischen den verschiedenen Arten als solchen ab, seltener zwischen den Vertretern ein und derselben Art, was leider bei uns Menschen die selbstverständliche Regel wird. Sind wir ganz offenkundig schon dadurch gegen das Tier vielfach im Nachteil, daß mit verhältnismäßig geringen Schwankungen die geschlechtliche Brunst bei uns das Jahr über ununterbrochen dauert, was für nicht wenig Menschen eine Hölle von Anfechtungen bedeutet, so sind wir auch in dieser Beziehung schlimmer daran als das Tier, daß wir uns fortwährend gegen unsresgleichen wenden und wehren müssen, — und dies wie gesagt obendrein mit Mitteln, Pfiffen, Schlichen, die das Tier verschmäht: „Denn heimlich wie die Höhle, o Herr, ist der Mensch, und offen wie die Ebene, o Herr, ist das Tier“, sagt Pesso, der Sohn des Elefantenlenkers, zum Erhabenen...
Der sogenannte Kampf ums Dasein also, von seinem europäischen Entdecker zu seiner Zeit sicherlich zu Unrecht herangezogen, um die Wandlung einer Art zur anderen und ‚höheren‘ erklärlich zu machen, — zu Unrecht herangezogen, sag’ ich, weil er sich zwischen verschiedenen Arten eigentlich gar nicht ereignen kann, wofern verschiedene Arten jeweils auch in verschiedenen Umwelten leben, verschiedenen Daseinsbedingungen unterliegen und darum streng genommen um diese Daseinsbedingungen auch nicht wirklich kämpfen können! — beim Menschen wird dieser Kampf ums Dasein dennoch schauerliche Wahrheit. Kämpft doch der Mensch mit dem Menschen in der Tat um die nämliche Ackerscholle, um die nämlichen Bodenschätze, um die nämlichen Weideplätze, um die nämlichen Absatzmärkte, um die nämliche Arbeitstelle, um den nämlichen Güteranteil, um das nämliche Weib, um das nämliche Glück, um die nämliche Ehre, um den nämlichen Rang. Der Mensch kämpft ums Dasein, das heißt, er kämpft um sich selber und um seine Selbstverwirklichung, und beides winkt ihm nur, wo er seinen Wettbewerber übermächtigt. Schon daß er lebt, bedeutet unter allen Umständen eine Übermächtigung unbekannt wie vieler Ansätze und Möglichkeiten, die zum gleichen Leben drängten; so kann er von allen Wesen am buchstäblichsten von sich selbst bekennen: denn wir sind teuer erkauft. Sub specie dieses Gedankens war es dann nicht weniger als Die europäische Vision, das Leben überhaupt als Willen zur Macht aufzufassen und zu entlarven. Zum mindesten sind alle Gipfelungen und Aufhöhungen des Lebens in diesem unserm christlichen Europa unmittelbar eins mit dem stolzen Gefühl erworbenen Machtzuwachses durch den Sieg über andere Mächte, andere Mächtige. Die Macht ist die einzige und letzte Tugend des Christ-Europäers, an die er noch wirklich glaubt, zu welcher er betet und der er opfert. Macht über den Feind ist die Tugend des Kriegers, Macht über den Sklaven die Tugend des Freien, Macht über das Weib die Tugend des Mannes, Macht über den Stoff die Tugend des Künstlers, Macht über das Werkzeug die Tugend des Handwerkers, Macht über das Betriebsmittel die Tugend des Unternehmers, Macht über die Masse die Tugend des Führers, Macht über das Element die Tugend des Technikers, Macht über die Unordnung die Tugend des Wissenschafters, Macht über den Zufall die Tugend des Weisen, Macht über den Trieb die Tugend des Bändigers. „Jeder von uns“, so steht im pseudoplatonischen Theages zu lesen, „möchte womöglich aller Menschen Herr sein, am liebsten Gott...“ Der Wille zur Macht als der oberste und im Grund sogar einzige Wert des Lebens, die Macht und ihre Ausbreitung, Steigerung das eigentliche Ziel und der eigentliche Sinn des Lebens, das ist der kardinale europäische Gedanke, und wer wird zu behaupten wagen, er sei nicht irgendwie auch der kardinale christliche Gedanke gewesen? Denn war der christliche Gott nicht vorzugweis der pater omnipotens, war nicht die All-Macht an und für sich das summum bonum oder der höchste Wert: nur eben in der Sprache der Scholastik statt in der Sprache Nietzsches? Wer unbefangen hinsieht, gewahrt denn auch gerade in jenem Mittelalter die ragendsten Vertreter des Machtgedankens überhaupt, welche unser Festland bis auf die neue Zeit hervorgebracht hat, — sei es in der Gestalt jenes Innozenz des Dritten oder Bonifaz des Achten, sei es in der Person jenes Heinrich von Hohenstaufen, der Deutschland, Italien, Sizilien als ein einziges Reich kaiserlich beherrschte und über das Mittelmeer schon seine gewaltige Hand auf Kleinasien gelegt hatte, als er alexandrisch früh und unbegreiflich aus einer ungeheuern Bahn geschleudert ward: seit Heinrich des Dritten gleichfalls allzu jungem Tod das zweite Beispiel übrigens aus unserer deutschen Geschichte, wie eine Entwicklung mit schwindelerregenden Adspekten verhängnisvoll abgerissen ward... Schon damals also, und wie erst recht heute, kommt der Europäer erst zu sich im Gefühl der Macht; in ihm allein genießt er seiner selbst und schwelgt er in seinem Selbst. Unter den Gesichtswinkel der Macht gerückt, erscheint dem Europäer jedes vorhandene Dasein und jeder vorhandene Gegenstand ein Widerstand, an welchem er sich mißt: vermag er ihn wirklich zu überwinden, so fühlt er triumphierend das verstärkte Bewußtsein seiner Eigenheit. Was ihn nicht umwirft, macht ihn mächtiger, — folglich wirft der Europäer vieles, ja alles um, damit er dadurch mächtiger würde...
Im Zeichen dieses machthaft gesteigerten, machthaft gespannten Daseins beginnt dann dieser homo europaeus, homo christianissimus sich auf eine Art rein biologisch auszuleben, wie sich das keine einzige Menschheit der bekannt gewordenen Geschichte vorher je gestattet hatte. Vernunft, Maß, Mitte, Zweck, Ziel, Übereinkunft, Herkommen, Norm, Gesetz, Urteil, Geschmack, die ehemals aus einer begründeten Angst vor dem Leben zwischen den Menschen und das Leben absondernd eingeschaltet wurden, liegen jetzt zertrümmert an der großen Straße, die das Leben selbstherrlich wie nie zuvor beschreitet. Der Bios und der Logos, mutmaßlich von Heraklit zum erstenmal in ihrer Gleichwertigkeit und Gleichunentbehrlichkeit trotz ihres verschiedenen Vorzeichens miteinander verkoppelt zu jenem doppelten System von Kräften, dessen Arbeitertrag eben Europa heißt, — der Bios und der Logos werden jetzt durch die Vehemenz des Lebens, Nichts-als-Lebens, auseinander gerissen, und der Bios dem Logos unbedingt und unbedenklich übergeordnet. Womit ein Rangstreit voreilig und unsachlich entschieden wird, der in zwei langen Jahrtausenden vielleicht der stärkste Antrieb zu dem Aufbau unserer europäischen Gesittung war und uns jedenfalls in dieser ganzen Zeit geschichtlich bei Atem erhalten hatte. Nunmehr aber heißt der Zweck und Sinn des Lebens Leben selbst und darf dem Leben nicht länger durch eine metaphysische, richtiger metabiotische Einlegung vom Geist oder der Vernunft her unterstellt werden. Die einmal angetretene Erscheinung aber des Lebens, sei sie collectivum, sei sie individuum, gilt als das höchste Gut, dem gegenüber jedes Lebendigen höchste Pflicht darin besteht, sich selber bis zum eigenen Untergang und noch darüber hinaus lebendig auszuwirken: koste es, was es wolle; koste es sogar die Vernichtung, die Zerstörung aller übrigen Erscheinungen des Lebens. Das Leben selbst, im christlichen Europa ganz folgerichtig ergriffen und begriffen als das höchste Gut, schwillt tosend über alle Dämme, und da ist kein Opfer vornehm und edel genug, — am wenigsten aber das einst so gefürchtete, jetzt leichthin dargebrachte sacrifizio dell’intelletto! — welches nicht mit Recht von ihm gefordert werden dürfte. Kindlich über die Maßen das alte Vorurteil, menschlicher Verstand oder Geist könnten das Leben meistern oder wenn nicht geradezu meistern, so wenigstens gängeln oder zügeln. Kindlicher noch das Vorurteil, das Leben als solches sei da, um höheren Vernunftabsichten, sittlichen Weltordnungen, göttlichen Heilsplänen irgendwie zu dienen. Bis hierher freilich war das Menschenleben in seiner vorbildlichsten Führung wesentlich ein Dienen, und wer am würdigsten gelebt hatte, der durfte am rühmlichsten zuletzt von sich bekennen: In serviendo consumatus sum, im Dienen hab’ ich mich aufgezehrt... Aber derlei Romantik ist jetzt wahrlich nicht mehr an der Zeit, der fortgeschrittenen. Das Leben ist erfaßt als Unbedingtheit, Unbezüglichkeit. Vielleicht als das letzte sogenannte absolutum unserer abendländischen Philosophie hat es niemanden und nichts mehr über sich, dem es selbst beim besten Willen dienen könnte, — indes ihm selber, wohlverstanden, alles dienen muß und soll. Ars longa, vita brevis, sagte sich vormals der europäische Mensch zu seinem Trost und seiner Stärkung, wenn er sein kleines Leben an große Dinge demütig und dennoch stolz dahin gab. Vita longa, ars brevis, lächelt er jetzt (etwas beklommen und beklemmend freilich) sich selber zu, wenn er im heißatmigen Föhn des Lebens all’ die zarten und zartesten Flocken schmelzen sieht, die er im Ablauf der Zeit zu den herrlichen Kristallgebilden seiner geschichtlichen Kulturen, wie er einst meinte und hoffte, für die Ewigkeit geformt hat. Weh’, ihm schmolz im Föhn des Lebens auch der Kristall der Ewigkeit dahin, und unter dem niederschmetternden Eindruck dieses unvergleichlichen Verlustes geschieht es denn, daß er seine letzte Rückkehr zur Natur, zum Leben in Szene setzt, — diese Rückkehr, zu welcher man ihn seit anderthalb Jahrhunderten mit immer größerer Dringlichkeit zu überreden bemüht gewesen ist: bezeichnenderweis von demselben Frankreich aus, welches nunmehr in Henri Bergson den Vollender und Vollstrecker unseres europäischen Biologismus verkörpert zeigt. Der Europäer, sag’ ich, kehrt einmal noch zurück zur Natur, enttäuscht von allen bisherigen Kulturen. Er kehrt zurück zur Natur, will meinen, er beginnt sich biotisch, biologisch auszutoben, auszurasen, auszutanzen, — und dieser Vorgang ist am Ende immer noch wichtig genug, um unsere Aufmerksamkeit ein wenig auf sich zu ziehen.
Denn vergessen wir, ihr Christen, vor allen Dingen dieses eine nicht, daß der Europäer der heutigen Zeitläufte, längst ehe er zum Biotiker wurde, er Energetiker gewesen war. Energetiker zwar nicht etwa im Sinn einer besonderen physikalischen Auffassung und Deutung, sondern Energetiker ganz unmittelbar in der Betätigung seiner schaffenden und gestaltenden Kräfte. Aus dieser sehr beachtenswerten Ursache heraus kann er gar nicht umhin, sich nun auch die Tatsache des Lebens selber energetisch zurechtzulegen. Auch das Leben, ja das Leben erst recht offenbart sich ihm als ein energetisches Geschehen, als ein Umsatz von Energie in Energie, und der Lebendigste ist ihm ganz ohne Zweifel der, welcher den ‚größten Umsatz‘ hat. Wer da die meiste Arbeitfähigkeit und Arbeitkraft entwickelt, wer sich mit Energie am unerschöpflichsten geladen zeigt, ist der Lebendigste von allen und als Lebendigster ohne Frage auch der Wirklichste. Unter allen anderen, die gleichzeitig mit ihm leben und mit ihm wirken, hat er am unwiderleglichsten zu Allem recht: erlaubt ist, was da lebt, verboten nur der Tod. So lädt sich denn jeder Einzelne mit einer Menge von Lebenskräften, das ist Arbeitkräften, welche genügen würden, ihn selber samt der Hälfte der Welt in die Luft zu sprengen. Und Gott weiß, ihr Christen, die Luft um uns herum zittert von den Stößen der Sprengungen, die sich ringsherum alle Augenblicke ereignen: irgendwer, irgendwas fliegt in jedem Zeitteil dieser vorgerückten Zeigerstellung in die Luft... Der Einzelmensch ist nur mehr eine Zusammenballung und Zusammenkernung von positiven Kräften, die ihre Umgebung negativ laden und mit furchtbarer Gewalt von sich abstoßen. Eine unheimliche Spannung zwischen den einzelnen Lebensträgern entsteht und steigert sich schnell bei ihnen, ob sie nun im engern Sprachverstand als individua oder im weiteren als collectiva anzusprechen sind, zur wahren Unerträglichkeit: jedes collectivum, jedes individuum empfindet das andere schlechthin als unerträglich. Eine schreckliche Einsamkeit zieht sich um jeden Menschen zusammen wie eine schwarze Wolke, die nur noch in flammenden Blitzen redet, wenn sie nicht dann und wann etliche Tropfen auf die verschmachtende Erde fallen läßt, die aussehen wie Blut... Kaum in den wildesten Vergangenheiten mögen sich Einzelmenschen, Stände, Berufe, Klassen, Stämme, Völker, Staaten, Rassen derart indianerhaft bis zum Tod am Marterpfahl gehaßt haben wie heute, wo die frohe Botschaft vom Leben wie ein Fünftes Evangelium ergangen ist. Zu einem Sammelbecken der Energie staut jeder das Gefälle seines Lebens, aber weil er wegen der allzu großen Nähe und Widerstandskraft anderer diese gestauten Energien nirgends abfließen lassen kann, beginnt er sehr bald unter seinem eigenen Zuviel zu leiden. Aus diesem unvermeidlichen Leiden am andern nährt sich ebenso unvermeidlich sein Haß auf den andern. In diesem an sich schon übervölkerten Europa bedeutet jedes einzelne dieser lebendigen Energiezentren, Energiequanten ein Höchstmaß an Störung, Hemmung, Ablenkung für die andern mit lauter magnetischen und elektrischen Gewittern in der Folge. In unglaublichem Ausmaß hat sich ein ahnungvolles Wort Nietzsches aus seinen Niederschriften zu einer Philosophie des Willens zur Macht als ein prophetisches erwiesen: „Die europäische Tatkraft wird zum Massenselbstmord treiben“... Die europäische Tatkraft, will sagen der europäische Energismus und Biologismus, der den Europäer ohne jede Schutzmaßregel dem Leben und seinen Entladungen preisgibt, hat wirklich zum Selbstmord der Massen getrieben. (Was wir aber darunter ungefähr zu verstehen haben, hat der nunmehr sieben Jahre gegen Deutschland geführte Vernichtungkrieg einigermaßen offenbar gemacht)...
So hat das Leben, das Nichts-als-Leben und Nur-noch-Leben die europäische Menschheit dieser Stunde angefallen, wie es dann und wann, anscheinend grund- und ursachlos, eines jener chemischen Elemente anfällt, die der Gruppe von radioaktiven Stoffen zugehören. Das Leben befiel uns und überfiel uns gleichsam, und es leitete mit diesem Überfall anscheinend bei uns denselben Zustand des Zerfalls ein wie bei diesen mehr wie rätselhaften Elementen. Wunderbar zwar, wir alle wissen es, beginnt ein solch’ plötzlich auflebendes Element leuchtende Teilchen von sich selber fort und fort zu schleudern und alle jene märchenhaften Phänomene aufzuweisen, welche zu unserm unermeßlichen Erstaunen ein für alle mal an den Namen Radium klassisch geknüpft sind. Dies wie gesagt wissen wir alle. Aber wir wissen auch das andere, daß eben mit diesen fortgeschleuderten und vergeudeten Teilchen der atomistische Zerfall des ganzen Elementes zum Vollzug gelangt: das Element lebt auf, indem es seine eigene Substanz verausgabt. Zum Leben irgendwie gereizt, verführt, bestimmt, — das alles ist ja vollkommener Mythos innerhalb der Grenzen strengster Wissenschaft! — gestaltet das Element sein bisher ausschließlich physikalisch-chemisches Dasein in ein biologisches um, wobei ihm just wiederum diese Umgestaltung Sterblichkeit, Tod und Untergang bringt. Etwas ganz Ähnliches, deucht mich, geschehe nun auch hier, wo wir europäische Menschen, die wir vormals wohl ein wesentlich humanes, ja humanistisches Dasein zu führen wenigstens beflissen waren, vom Leben als solchem nun gereizt, verführt, bestimmt sind, uns einem vorwiegend biologischen Dasein unbedingt hinzugeben, — und so bringt auch uns diese Umgestaltung Sterblichkeit, Tod und Untergang. Luziferisch glutend wie ein feuerspeiender Berg in der Nacht loht heute Europa in den Bränden seiner Lebenswut und Lebensgeilheit, — aber wer wäre im ernstlichen Zweifel, was dieses prachtvolle Nachtschauspiel, Machtschauspiel zu bedeuten hätte! Ein oder zweitausend Jahre europäischen Christentums haben endlich auch die verborgensten Voraussetzungen des Christentums zum Reden und das Eis des Schweigens unter weithin vernehmlichem Krachen zum Bersten gebracht. Und sieh’ da, es zeigte sich folgendes: diese Voraussetzungen waren nicht geradezu nachweisbar falsch oder irrig, aber sie mußten irgendwie dennoch lückenhaft und unvollständig gewesen sein, denn ihnen mangelte offenbar etwas zum Schutz gegen des Lebens Un- und Übermaß. Sicherlich hat das Christentum niemals Ja gesagt zu den selbstzerstörerischen Konsequenzen, welche ein nunmehr abgelaufener Äon mit zunehmender Unzweideutigkeit aus dem Christentum selbst gezogen hatte. Aber ebenso sicherlich hilft ihm auch die ehrlichste Verwahrung und Entrüstung nichts, daß es trotz alles Gegenscheins zuletzt doch christliche Voraussetzungen gewesen, oder sagen wir etwas vorsichtiger und gerechter: mit-gewesen sind, welche diesen Konsequenzen zugesteuert haben. Genau diesen nämlichen Konsequenzen würde homo europaeus, homo christianissimus unabänderlich noch einmal zusteuern, falls er durch die Vergangenheit noch nicht genug gewitzigt, noch einmal sich entschließen würde oder entschließen könnte, als Christ seine Geschichte von vorne zu beginnen: „Noch einmal sattelt mir den Hippogryphen, ihr Musen, Zum Ritt ins alte romantische Land“... Unabänderlich würde der europäische Christ auch bei einer Wiederholung seines weltgeschichtlichen Pensums seine persönliche Selbstverwirklichung, Selbstverlebendigung um jeden Preis zum letztgewollten Ziel seines Daseins machen, nachdem es nun einmal sogar seine Religion nicht besser kennt und weiß, als daß Lebenseinheit und Ichgestalt, Individuität und Personität die letztmögliche und höchstmögliche Ausformung des Wirklichen überhaupt darstellten ... Gegen diese Wucherungen der Individuität, die sich notwendig aus dieser Auffassung ergeben müssen, kann man post festum mancherlei taugliche Maßregeln ergreifen, wie sie der Herr des Evangeliums und die sogenannte christliche Ethik denn auch in der Folge mit größerer oder geringerer Entschiedenheit ergriffen haben. Aber alle diese Maßregeln sind im besten Fall nur dazu geeignet, die Selbstsucht und den Eigentrutz der einzelnen Person etwa ein wenig abzuschwächen oder gelegentlich sogar zu unterdrücken zugunsten der Selbstsucht und des Eigentrutzes einer anderen Person: beides jedoch von innen heraus zu überwinden, vermögen auch diese Maßregeln keineswegs bei der Grundsätzlichkeit der christlichen Gesamteinstellung zu Welt und Wirklichkeit Dasein und Leben...
Indessen sei es nochmals hier mit allem Nachdruck bemerkt, daß uns nichts dazu berechtigen würde, diese Gesamteinstellung des Christentums zu Welt und Wirklichkeit eine irrtümliche oder falsche zu nennen. Wahr oder Falsch, Wahr oder irrig, das sind wahrhaftig nicht die Maßstäbe, die an die entscheidenden Einstellungen des Menschen zur Welt und zur Wirklichkeit gelegt werden dürfen, wenn sie nicht zu Weiterungen führen sollen, die handgreiflich unzulässig, weil unsinnig und widersinnig sind. Es geht nicht an zu sagen, zwei Jahrtausende europäischen Christentums seien abwegig, irrig oder falsch gewesen. Das Schicksal ganzer Kontinente ist so wenig wie das Schicksal eines Individuums rückblickend anders vorstellig zu machen, als es eben gewesen ist, und wenn jemals das gewaltige Wort vom amor fati angewendet zu werden verdient, so hier. Ist es aber, ihr Christen, unter keinen Umständen zulässig zu behaupten, zweitausend Jahre christlichen Weltauffassens, Lebensgestaltens seien verkehrt gewesen, — so dürfte andererseit freilich die Behauptung doch ihren guten Sinn haben, daß diese zwanzig Jahrhunderte ein Verhältnis zur Wirklichkeit für allein möglich, allein wertvoll und allein sälig machend erachtet hätten, dessen Einschichtigkeit, Unvollständigkeit, Halbschlächtigkeit uns unter dem Druck und Eindruck gegenwärtiger Erfahrungen offenbar geworden ist. Die Behauptung ist erlaubt, die Behauptung ist gefordert, daß wir mit dieser christlichen Einstellung allein nicht länger als Menschen zu leben vermögen: nicht länger zu leben mit einer Einstellung, welche just das Dasein europäischer Menschheit und Christenheit, wie es heute geführt werden muß, zum mensch- und tierunwürdigsten aller Zeitalter stempelt. Wer die Europa-Dämmerung dieser Jahre erlebt, wer sie erlitten hat, der wird den Argwohn nimmer in sich unterdrücken können, daß diese ganze christliche Gesittung bei der Veranschlagung des Lebens eine unbekannte Größe, — es braucht mit nichten ein unbekannter Gott zu sein! — vergessen haben möchte, welches Vergessen dann in der Folge zu all den unsäglichen Störungen des Lebens führt, die wir heute an uns selbst und am Körper der Gesellschaft beobachten müssen...
Vielleicht wär’ es dabei von etlichem Gewinn, uns an dieser Stelle zuletzt der nicht ganz unähnlichen Krisis zu entsinnen, welche auf wissenschaftlichem Gebiet heute bekanntlich die klassische Mechanik durchzumachen hat. Diese klassische Mechanik, seit langem das verwöhnteste Kind europäischer Wissenschaftlichkeit, wankt heute ja, genau wie der Bau unserer ganzen Gesellschaft, in ihren unterirdischsten Gewölben, und dieser Tatbestand hat seither zur Entdeckung eines Weltgesetzes Anlaß gegeben, welches den Gebildeten unter dem Namen des Satzes von der Relativität, das ist: Verhältniswertigkeit, allgemein bekannt geworden ist. Nun wohl! Was ist dabei im letzten Sinn geschehen? Etwas im Grunde sehr Schlichtes, Einfältiges, Allzumenschliches, wie mir scheinen will. Eine Wissenschaft nämlich, bis vor kurzem die Wissenschaft schlechthin, hat als die sogenannt klassische Mechanik der Galilei, Kepler, Newton, Descartes ein Weltbild in Begriffen entworfen und bis in die feingliedrigsten Einzelheiten hinein durchdacht und durcharbeitet, welches gewissermaßen die Wirklichkeit, wie sie an und für sich sei, darzustellen beflissen war: die Wirklichkeit mithin ganz ohne jene erkenntnismäßigen Zutaten, Zusätze, Formungen, mit welchen sonst (nach philosophischer Auffassung wenigstens) das erkennenwollende und erkennende Ich diese Wirklichkeit ‚subjektiv‘ zu färben und zu tönen pflegt. Auf diese Weise hatte die klassische Mechanik von Masse, Geschwindigkeit, Bewegung, Schwerkraft, Raum und Zeit gesprochen, — nicht anders, als ob derlei Wesenheiten vollkommen unabhängig von allen Einstellungen und Beeinflussungen jenes erkennenden, beobachtenden und rechnenden Ich an und für sich bestünden. Das ging solang es ging: just nämlich solang, bis zuletzt sogar die Planeten widerspenstig wurden und nicht mehr in den errechneten Zeiten ihre errechneten Bahnen zurücklegten. Die klassische Mechanik der Galilei, Kepler, Newton, Descartes hatte so getan, als ob eine wissenschaftliche Darstellung des unbegrenzt großen Körpers ‚Welt‘ zu geben wäre, ohne daß man die Einwirkungen weiter berücksichtigte, welche der kleine und begrenzte Körper ‚Mensch‘ auf jede derartige Darstellung notwendig schon durch seine unumgängliche Gegenwart ausüben mußte. Jetzt endlich unter dem Druck der gedachten Umstände begann man sich dieser Einwirkungen des physiopsychischen Systems Mensch auf das maschinelle System Welt grundsätzlich zu besinnen; jetzt traf man Anstalten, jenes System als den lebendigen und insofern auch abhängig-veränderlichen ‚Bezugknoten‘ in die Maschen des wissenschaftlichen Begriffsgespinstes hinein zu stricken. Die vorher unbedingt gedachte, unbedingt gesetzte Wirklichkeit bewegter Massen im Raum erwies sich jetzo als bedingt, nämlich durchaus als zugeordnet und folglich als verhältniswertig und verhältnismäßig zu diesem lebendigen Bezugknoten Mensch. Dieser Gedanke war kaum in seiner grundsätzlichen Bedeutsamkeit zugelassen worden, als die Störungen zum Verschwinden gebracht werden konnten, welche schließlich die gesamte klassische Mechanik in Frage gestellt hatten. Im wesentlichen handelte es sich nur noch darum, jenen neu aufgefundenen Bezugknoten in seinem veränderlichen Wert irgendwie mathematisch-analytisch in die Rechnung einzufügen, — ein Vorgang, dessen Wie uns hier begreiflicherweis nichts weiter angeht. Wohl aber gibt uns das Daß desselben, obgleich auch seinerseit in erster Linie eine Angelegenheit der Mechanik, einen schätzbaren Wink, wie man etwa auch außerhalb der strengen Wissenschaft Unstimmigkeiten und Störungen einschneidender Art zu beheben vermöchte: Unstimmigkeiten und Störungen wahrhaftig nicht in den Umlaufbahnen des Merkur oder in der Fortpflanzungrichtung der Lichtstrahlen, sondern Unstimmigkeiten und Störungen in der Gesamtlebensführung eines Zeitalters, — Unstimmigkeiten und Störungen so schwerster, ausschweifendster, verderblichster Art, daß sie schließlich die allgemeine Tatsache des Lebens selber gefährden müssen. Jene klassische Mechanik euerer Galilei, Kepler, Newton, Descartes, ihr Christen, hatte den wechselnden Bezugknoten Mensch und menschlicher Beobachter bei ihrer mathematischen Substruktion einer dreidimensionalen Weltwirklichkeit in Anschlag zu bringen vergessen: einen veränderlich-abhängigen Wert also je nach der örtlichen Einstellung zu den wahrgenommenen Erscheinungen und Erscheinungabläufen. Das Christentum aber, welches nun einmal euer europäisches Schicksal geworden ist, ihr Christen: dies Christentum hat unzweifelhaft etwas anderes vergessen. Was dieses andere freilich sei, ist schwer zu sagen, schwer zu suchen, schwer zu finden...
Sichten wir noch einmal alles ineinander, was hier gesagt ward über das Verhältnis des europäischen und mithin doch wohl auch des christlichen Menschen zu seiner Welt, so wäre etwa als grundsätzlicher Ertrag das Urteil festzuhalten: der Abendländer formt diese Welt aus seinen Sinnen und mit seinem Sinn restlos in eine Unendlichkeit gestaltartiger Gebilde aus. Das All zerlegt sich ihm in wechselnd wechselseitige Beziehung solch wohl ausgeformter, festabgegrenzter Gegenständlichkeiten zueinander, und vollends das Leben erscheint ihm lediglich unter dem Gesichtswinkel ewig bewegter und veränderlicher Grundgestalt. Die Wirklichkeit des Europäers ist durchgängig aufgeteilt in letzte Einzelnheiten, letzte Einheiten, die er schon früh in seiner dreitausendjährigen Geschichte die Unteilbarkeiten, ἄτομοι, individua zu nennen liebte. Nichts liegt seiner Gewohnheit ferner als der Argwohn, diese vielfach gegliederte Wirklichkeit könne am Ende doch nicht das Wirkliche schlechthin sein, und buchstäblich hat er sein Sach’ auf Sich gestellt, wofern er sich die ganze wahrnehmbare und unwahrnehmbare Welt so deutet, als ob sie sich zusammensetze aus lauter mehr oder weniger ähnlichen Wiederholungen seiner eigenen Individuation. Im fließenden Wandel der Gestaltungen deucht ihn die Gestalt allein das Dauernde und Beharrliche, und sein Blick erlischt, sein Auge erblindet jäh, wo man es abzuziehen trachtet von den streng ausgeprägten Gegenständen und genau abgegrenzten Besonderungen seiner vielgegliederten Wirklichkeit. Die Welt unterworfen dem Gesetz fortschreitender Besonderung, das ist die vorzugweis abendländische Welt, und wo das Gesetz nicht mehr gilt, wird mit naiver Selbstverständlichkeit angenommen, daß auch die Welt selber nicht mehr gelte. Diesseit und jenseit der Unterscheidung beginnt das Nichts und Abernichts, — das ist europäische Einstellung und Überzeugung, und wir hier vermögen jetzt sogar zu begreifen, inwiefern dies christliche Einstellung, evangelische Überzeugung gewesen ist. Wie der mathematische Dividendus einer rationellen Zahl durch Teilung restlos aufgeht in seine Divisoren, so geht die abendländische Wirklichkeit restlos in ihre Besonderungen auf. In dieser Auffassungweise verrät sich ein gar nicht auszurottender Rationalismus europäischen Weltdenkens und Weltwissens, auch wenn dieses Weltdenken und Weltwissen seit der Mathematik der Griechen aufs tiefste sich beunruhigt zeigt von dem Problem des Irrationalismus, bis dieser Irrationalismus schließlich in der gegenwärtigen Philosophie Deutschlands, Frankreichs, Amerikas Trumpf geworden ist. Die Welt ein aufteilbares Ursein, die Welt grundsätzlich ein Dividuum, und nur die letzten Einheiten ihres Bestands unteilbares Dasein oder Individuum: in dieser Deutung krönt die Abendlandsmenschheit ihr höchstes Wissen von der Wirklichkeit.
Nicht aber krönt in derselben Deutung die indische Menschheit dieses ihr Wissen, und am wenigsten der Buddho mit Namen Gotamo. Wer die unermeßliche Paradoxie, welche für abendländischen Geschmack der Lehre und Tat des Buddho immer anhaften wird, mit ihrer ungeminderten Wucht auf sich prallen lassen will, braucht sich nur diesen nämlichen Umstand zu vergegenwärtigen: denn die Erfahrung einer vollkommen entstalteten und entformten Wirklichkeit diesseit und jenseit aller Besonderungen und Unterscheidungen, diese Erfahrung aller Erfahrungen macht geradezu das religiöse Erlebnis des Buddho aus: namentlich aber besteht das gotamidische Mysterium der Erlösung einzig und ausschließlich in der vollbrachten Ablösung von eben dieser Wirklichkeit restloser Ausformung und Ausgestaltetheit. Wo Sinn und Sinne des europäischen Menschen unermüdlich in eine gestalthafte Welt schweifen und mit der Schärfe astronomischer Refraktoren sogar noch jede nebelungewisse Milchstraße am Himmel in ein Gewimmel von lauter einzelnen Sternen optisch zerbrechen, da sammelt sich der Geist des gotamidischen Menschen in stiller Einfaltung auf das versiegelte Geheimnis einer Gegen-Welt, für welche jeder Begriff von Gestalt, Form, Mannigfaltigkeit, Unterschied, Einzelheit, Größe oder Zahl seine Gültigkeit einbüßt. Diese Wirklichkeit des Abendländers ist mehr oder weniger eine Vervielfältigung seiner selbst, eine Vervielfältigung seines Selbstes. Jede Erscheinung seiner Umwelt dünkt ihn gleichsam ein Doppelgänger seines Ich, wie er denn unbefangen genug eben sein Ich der gesamten Wirklichkeit als ihr individuelles Modell philosophisch unterstellen zu dürfen wähnt. Das Ich setzt Sich und das Ich setzt das Nicht-Ich, sagt Fichte bekanntlich mit einer verräterischen Offenherzigkeit, und er hätte vielleicht gut getan hinzuzufügen: das Ich setzt das Nicht-Ich als das Spiegelbild und Ebenbild des Ich...
Natürlich kann und darf man nun nicht behaupten, daß diese gestalthaft besonderte und ausgeformte Wirklichkeit für Gotamo und den gotamidischen Menschen nicht vorhanden wäre. Auch der östliche Mensch, das versteht sich, schafft sich seine Welt und seine Wirklichkeit ihm zum Bilde, wenn er auch in der Ausformung und Aufteilung dieser Welt, in ihrer Zerlegung und Zerfällung nicht annähernd so weit gegangen ist wie der wissenschaftlich verfahrende Europäer. Im Unterschied zu diesem betrachtet er jedoch diese instinktiv betriebene Vermenschlichung der Welt keinen Augenblick als Endgültigkeit, und zwar eben darum nicht, weil sie der Welt sein menschheitlich geprägtes Selbst zugrunde legt: denn just dieses menschheitlich geprägte Selbst betrachtet er keinen Augenblick lang als Endgültigkeit. Vielmehr wertet er es kühl und besonnen, wie etwa ein scharfer Denker eine wohlgelungene Gleichnisrede bewertet, von der er nur allzu gut weiß, daß sie das Unsägliche zwar immerhin in einer gewissen Sinnfälligkeit verdeutlicht, — verdeutlicht aber eben doch nur in der Weise einer Gleichnisrede. Allzu treuherzig, allzu leichtgläubig nimmt dagegen der Abendländer sein eigenes Selbst für bare Münze, mit welcher er alle großen und kleinen Forderungen der Welt begleichen zu können wähnt, indes der Buddho, längst nicht mehr treuherzig und noch weniger leichtgläubig, die mehr wie fragwürdige Beschaffenheit auch dieses Selbstes durchschaut hat: er ahnt ein rätselhaftes Sinnbild, wo sich der Abendländer kindisch an die sogenannte Wahrheit klammert. Die Annahme, diese durchgängig menschheitlich gebildete Wirklichkeit, welche den Kosmos als den Makranthropos, Megistanthropos, den Anthropos und Autos zuletzt aber als den Mikrokosmos begreiflich zu machen glaubt, sie könnte die Wirklichkeit schlechthin oder die einzig ‚wahre‘ Wirklichkeit sein, — diese Annahme hätte der Buddho schwerlich für glaubwürdiger erachtet, als wenn zum Beispiel aus der Schar der Wesenheiten ein Wurzelfüßer, eine Koralle, ein Ringelwurm, eine Schnecke, eine Wespe, ein Sperling vor ihn hingetreten wären mit der geflissentlichen Beteuerung: Diese meine Wurzelfüßerwelt, o Gotamo, ist die Wirklichkeit schlechthin, ist die einzige und wahre Wirklichkeit! Diese meine Korallenwelt, diese meine Ringelwurmwelt, diese meine Schneckenwelt, diese meine Wespenwelt, diese meine Sperlingwelt, o Gotamo, ist die Wirklichkeit schlechthin, ist die einzige und wahre Wirklichkeit! Wähne doch ja nicht, Herr, daß es da neben oder außer oder über oder unter oder zwischen dieser jeweiligen Welt noch eine andere Welt gäbe, etwa eine sogenannte Menschenwelt, oder gar, verzeih’ uns! eine gotamidische Welt, von der wir wahrlich weder etwas zu ertasten noch zu erriechen, zu erschmecken, zu erspähen vermögen!... Ich meine, das Lächeln ist zu erraten, mit welchem der Buddho diesen vielerlei Wesenheiten ihr ungebärdiges Drängeln, ihr unvernünftiges Schwören, ihr lästerliches Pressen beantwortet hätte. Ein begütigendes, ja ein überredendes Lächeln, welches am Ende die klügsten dieser unduldsamen Geschöpfe zu der neuen Einsicht geführt haben möchte, daß ihre jeweilige Welt, eben weil ihre, nur ihre Welt, nun und nimmer mit der Welt überhaupt dem Umfang und Inhalt nach sich decken könne. Und vielleicht, wer weiß, hätte sich der Buddho sogar noch zu der Erläuterung herbeigelassen: Ein jegliches von euch guten Wesen schuf sich seine Welt nach Maßgabe und Bedarf seiner eigenen Gestalt. Wie aber die Gestalt von euch Wurzelfüßern, Korallen, Ringelwürmern, Schnecken, Wespen, Sperlingen sowohl im einzelnen wie der ganzen Gattung nach vergänglich ist, so ist auch euere ganze Welt vergänglich. Unvergänglich, unsterblich, ewig aber ist allein, was nicht und nirgendwo Gestalt annahm nach euerer Gestalt, und darum nirgends auch Gestalt verlieren kann, ihr Wesen... „Weiter sodann, Ânando: nach völliger Überwindung der Formwahrnehmungen, Vernichtung der Gegenwahrnehmungen, Verwerfung der Vielheitwahrnehmungen gewinnt der Mönch in dem Gedanken ‚Nichts ist da‘ das Reich des Nichtdaseins. Und was dabei noch fühlbar, wahrnehmbar, unterscheidbar, bewußtbar ist, solche Dinge sieht er als wandelbar, wehe, siech, bresthaft, schmerzhaft, übel, gebrechlich, ohnmächtig, hinfällig, eitel, als nichtig an. Und von solchen Dingen säubert er sein Herz. Und hat er sein Herz von solchen Dingen gesäubert, so lenkt er es zu ewiger Artung hin: ‚Das ist die Ruhe, das ist das Ziel: dieses Aufgehn aller Unterscheidung, die Abwehr aller Anhaftung, das Versiegen des Durstes, die Wendung, Auflösung, Erlöschung‘“...
Es gibt also eine Welt diesseit und jenseit aller Unterscheidungen, diesseit und jenseit aller Besonderungen, diesseit und jenseit aller Gestaltungen, diesseit und jenseit aller Mannigfaltigkeiten. Es gibt eine Welt, von keinem Begriff zu umspannen und von keinem Wort zu treffen, und dennoch eine unumstößliche Gewißheit. So sicher wie es über der Wurzelfüßerwelt eine Korallenwelt gibt, über der Korallenwelt eine Ringelwürmerwelt, über der Ringelwürmerwelt eine Schneckenwelt, über der Schneckenwelt eine Wespenwelt, über der Wespenwelt eine Sperlingwelt, über der Sperlingwelt eine Menschenwelt, so sicher gibt es über der Menschenwelt eine solche, die überhaupt nicht mehr dieser oder jener Art von Lebewesen und ihren leiblich-geistigen Erkenntnismitteln entspricht: ein Welt-Sein nicht für diese oder jene Wesen, sondern ein Welt-Sein schlechtweg, ein Welt-Sein an und für sich, — ein Welt-Sein mithin, wie es in ihren lichtesten Augenblicken sogar die europäische Philosophie geahnt hat. Von dieser Welt als ‚Ding an sich‘, die von keinem irgendwie beschaffenen Wissen erreicht wird und erreicht werden kann, weil es ein Wissen in unserm menschheitlichen Sinn nur dort gibt, wo unterschieden und besondert und gestaltet und vermannigfacht wird, — von dieser Welt ist dennoch eine Kunde zu dem Buddho hingedrungen. Es ist eine Kunde zu ihm gedrungen in Form einer schwer erkämpften, schwerer noch bewahrten Seelenverfassung, die eben als solche nicht mehr dieser, sondern jener Wirklichkeit entspricht: „Das ist die Ruhe, das ist das Ziel; dieses Aufgehen aller Unterscheidung, die Abwehr aller Anhaftung, das Versiegen des Durstes, die Wendung, Auflösung, Erlöschung...“ Denn in der Tat gesetzt den Fall, diese Allerwelts-Wirklichkeit unserer menschheitlichen Sinneswahrnehmungen entstehe gerade dadurch, daß wir ihr unser vorgefundenes Selbst irgendwie als ihr Vorbild, Urbild, Musterbild zu beliebiger Vervielfältigung unterstellen, — müßte es denn nicht in genialischer Umkehrung dieses Sachverhaltes grundsätzlich möglich sein, durch planmäßig betriebenen Abbau dieses Selbstes auch die ihm angepaßte, ihm entsprechende Wirklichkeit abzubauen? Dies muß möglich sein und dies ist möglich. Denn just dieser Abbau des Selbstes gelangt zum Vollzug, wenn der Buddho auch das Selbst der Grundformel seiner Heilslehre unterwirft: ‚N’etam mama, das gehört Mir nicht!‘ Auch Ich selbst gehöre Mir nicht, auch Ich selbst bin nur eine veränderliche Gestalt, ein gleitendes Werden unter veränderlichen Gestalten und unter gleitendem Werden. Auch Ich selbst habe weder Bestand noch Dauer; auch mein Selbst durchläuft nur die Grade der Wirklichkeit vom Nullwert bis zu einem bestimmten Höchstwert und von diesem Höchstwert wieder zum Nullwert...
Dennoch ist es aber eben dieses Selbst, ich sagte es schon mehrmals, welches sich gleichsam quer wie eine starke Schwelle vor die Welt des Abendländers legt und nichts in das Erlebnis dringen läßt, was nicht irgendwie diesem Selbst gleich oder ähnlich ist: das individuum, von sich und seiner Erstgültigkeit, Letztgültigkeit ein für allemal durchdrungen, stimmt seinen gesamten aufnehmenden und empfangenden Apparat wiederum nur auf das individuum ab und baut sich auf diese Weise seinen Kosmos, der zuletzt nichts anders ist als das, was nach dem Dafürhalten Platons das vollkommene Staatswesen sein sollte und sein wollte, — nämlich der Mensch im Großen und Größesten, der Makranthropos, der Megistanthropos!... Nun wohl! Setzen wir jetzt einmal, dem Vorgang des Buddho folgend, den Wert dieser Schwelle gleichsam zum Versuch soweit herab, daß er sich der Null annähert: sind wir alsdann in diesem Fall unserer ganzen Voraussetzung gemäß nicht zu der Erwartung berechtigt, wenn nicht sogar verpflichtet, daß diesem veränderten Schwellenwert ein verändertes Erleben von Wirklichkeit und Welt wechselbezüglich entsprechen wird? Dürfen wir jetzt nicht mit Recht und Fug erwarten, daß über diese nunmehr beinah’ eingeebnete Schwelle ausgeformter Eigenheit, Einzelnheit und Besonderheit das Erlebnis einer zwar unausgeformten und darum auch unausdenklichen und unaussprechlichen, dennoch aber bestehenden Weltwirklichkeit auf wunderbare Art vorgelassen, zugelassen wird? Dies nun freilich keineswegs so, als ob diese Gegenwelt zu unserer Welt, unseren Erkenntnismitteln als solchen unzugänglich, trotzdem nachträglicherweis und hinten herum von unserem Verstand noch etwa auf frischer Tat zu ertappen wäre: als ob man doch irgendwie durch allerlei Künste der Verdrehung diese verborgene Welt auf Einen Nenner mit unserer offenbaren Welt zu bringen vermöchte. Davon ist keine Rede. In keinem Augenblick verfällt der Buddho auf den plumpen Irrtum der europäischen, insonderheit aber deutschen Philosophie nach Kant, die sich in totgeborenen Versuchen erschöpft, das verbotene Ding an sich einer Welt diesseit und jenseit aller Unterscheidungen doch noch heimlich auszukunden. Mit solchen Bemühungen einer sich in lächerlichen Graden selbst mißverstehenden Wissenschaftlichkeit hat der Buddho im mindesten nichts zu schaffen. Die vollkommen unverbrüchliche, niemals zu entsiegelnde Unerkennbarkeit dieser uns nun einmal abgekehrten Seite der Welt gilt gleichmäßig für die wissenschaftliche Neugier der Philosophen und Kosmologen wie für die nicht mehr wissenschaftliche, aber desto unbezähmtere Neugier der Theosophen und Okkultisten, und sie wird mit solcher Strenge geachtet, daß man umsonst im ganzen Pâli-Kanon nach einem Ausdruck fahnden würde, der diese Gegenwelt diesseit und jenseit aller Unterscheidungen auch nur durch Verneinungen zu bezeichnen bestimmt wäre. Denn was das gotamidische nibbânam oder nirvânam betrifft, mit welchem wir neuzeitlichen Europäer denselben taktlosen Unfug, um nicht zu sagen dieselbe schamlose Unzucht getrieben haben wie mit dem Tao des großen Lao-Tse, dieses nibbânam oder nirvânam heißt ja doch, entsinnen wir uns, nichts anderes als Wunschversiegung, Wunscherlöschung, Wunschverwindung. Alles, was wir demnach von dieser Gegenwelt wissen können, beschränkt sich auf einen selbsttätig erzeugten Zustand und Urstand des Gemütes und schließt jedes Urteil, jedes Bild, jede Vorstellung von der Wirklichkeit aus, die diesem Zustand oder Urstand entsprechen mag. Was von jener entformten und entstalteten Welt diesseit und jenseit aller Unterscheidungen etwa als Ahnung in die Seele des entselbsteten Menschen dringt, das wäre höchstens jenem zarten, falben, feierlichen Abglanz zu vergleichen, der auch in mondlosen Nächten als schwer bestimmbarer Lichtschein von unbekannten Lichtursprüngen, unbenannten Lichtquellen her durch unser irdisches Geräume träuft und flutet...
Dieser gotamidisch entselbstete, gotamidisch enteignete Mensch, soviel mag uns am Ende sacht umschreibend zu sagen vergönnt sein, weilt fortab in einer entselbsteten und enteigneten Wirklichkeit, wo mindestens er selbst keinen Anspruch mehr erhebt auf den Besitz eines lebendigen Wesens oder eines toten Dinges: wo mindestens er selbst nie mehr die Hand legt auf irgend jemanden oder irgend etwas, um es zu seinem Eigentum zu machen. Mit seiner unvergeßlich einprägsamen Formel ‚N’etam mama, das gehört Mir nicht, Ich selber gehöre Mir nicht, das All und Alles gehört Mir nicht‘, — mit dieser ewigen Formel eines allgemeinen Freispruchs, Losspruchs, Ledigspruchs streicht der Buddho aus dem Schatz unserer Sprache jedes besitzanzeigende Für-Wort und Wort: streicht er über das Wort hinaus jede Tat der Aneignung und Besitzergreifung aus der Vollzahl aller Taten. Mit diesem Handgriff, diesem Geistgriff von beispielloser Entschiedenheit versetzt sich der Buddho mitten hinein in eine vorher nie auch nur geträumte Wirklichkeit, wo jeder Titel des Besitzes selbst im geläutertsten Sprachverstand erloschen und jede Gebärde der Besitzergreifung verboten ist: „Das ist die Ruhe, das ist das Ziel! Das ist die Wendung, Auflösung, Erlöschung.“ An diese ganze hochgebäumte Menschenwelt und Menschenumwelt legt der Buddho seine Axt, indem er einen unübertrefflich genauen und nervigen Hieb durch die Wurzel führt, aus welcher die erstickende Wucherung aller irdischen Individuation und Spezifikation als Geiltrieb in das Kraut schießt. Denn Wille zur Besitzergreifung und Aneignung, Wille zum Nießbrauch und folglich auch zum Mißbrauch fremden Seins und fremden Wesens heißt die Wurzel dieser Menschenwelt: die Axt aber, die sie mitten auseinanderschneidet, ist die erlangte Einsicht, daß jegliches Verhältnis und Verhalten, durch welches ein Wirkliches Hand auf ein Wirkliches legt, zuletzt auf eine Täuschung, auf einen Irrtum hinauslaufen müsse. Ich selber gehöre ja Mir nicht, — wie sollte oder könnte da Mir anderes gehören? Ich selber gehöre Mir nicht, oder in der Sprache unseres westlichen Evangeliums, welches hier in gewissem Sinn seinen eigenen Voraussetzungen vorübergehend untreu zu werden scheint: Unser keiner lebt ihm selber! Mir selber gehöre Ich nicht, oder abermals in der Sprache dieses Evangeliums: Unser keiner stirbt ihm selber! Wahrhaftig, wer diesen Sachverhalt mit dem Geist erfaßt und mit der Seele angenommen hat, er heiße Jesus oder Gotamo, der Gesalbte oder der Erwachte: wie sollte der noch nach Besitz von Wirklichkeit gieren?
Von Haus aus gipfelt freilich alles Menschendichten und -trachten wesentlich darin, diese nun einmal angetretene Welt tunlichst mit Wirklichkeiten vollzustopfen, etwa wie ein wohlhabender Mann seine Wohnung tunlichst mit Geräten vollstopft, und diese planmäßige Vermehrung von Wirklichkeiten pflegt im weitesten Ausmaß als Vermehrung des Besitzes empfunden zu werden. In einem höchst eindeutigen, ja einsilbigen Wortverstand ist für uns alle das Gesetz der größten Zahl bestimmend: je mehr Wirklichkeit, desto besser für uns, die wir wirklich sind! Wie der Bauer einen unersättlichen Hunger nach Land verspürt, so hungert uns alle ganz unersättlich nach Wirklichkeiten gleichviel welcher Art, und es verdient bemerkt zu werden, daß wir diesen Hunger als die sacra auri fames schon frühzeitig heilig gesprochen haben. Vermehrte Nachkommenschaft, vermehrte Bevölkerungdichte, vermehrte Arbeitleistung, vermehrte Gütererzeugnis, vermehrte Betriebsmittel, vermehrter Umsatz, vermehrter Verkehr, vermehrter Wissensstoff, vermehrte Weltgeltung, vermehrte Bedürfnisse, vermehrte Beeindruckbarkeit, vermehrte Reizquellen, vermehrte Lustgefühle, — all das bedeutet grundsätzlich eine unendliche Steigerung dessen, was der Einzelne möglicherweis sich aneignen kann. Je zahlreicher die Wirklichkeiten, desto häufiger und mannigfaltiger die Gelegenheit, von ihnen her Wirkungen zu empfangen, auf sie Wirkungen zu übertragen und schließlich in beiderlei Geschehen die eigene Wirklichkeit zu bereichern. Jede neue Wirklichkeit, sei sie nun ein Gefühlsreiz, eine Erfindung, ein Kunstwerk, eine Gründung, eine Heilquelle, ein Weltbegriff, kann von jedem Mitglied der menschlichen Gesellschaft besessen und eben dadurch dem Zweck von dessen Selbstverwirklichung dienstbar gemacht werden: wird doch sogar das geliebte Weib vom Mann geliebt, damit er ‚von ihr Besitz ergreife‘, — will doch sogar die Liebe selbst (nach einer großen Aufrichtigkeit der Sprache) besitzen, was sie liebt, und im Besitz der Liebe Wirklichkeit genießen... Womöglich einmal aber in den Besitz aller Wirklichkeiten überhaupt zu gelangen und ihr Inhaber, ihr Herr, ihr Gott zu sein, womöglich einmal alle Wirklichkeit wie ein Weib zu umfangen, — das ist der brünstige Traum, der vielleicht jeden einmal in einer schwachen oder starken Stunde anfällt. Denn wer mehr besitzt, der ist mehr; wer mehr ist, der ist auch mehr wert, — diese ebenso naive wie zynische Schätzung, welche ganz unbedenklich Rang und Wert der Wesen nach ihrer Fähigkeit zur Aneignung und Besitzergreifung bemißt, entbehrt trotz aller Einwände, die wider sie erhoben werden können und müssen, dennoch von dieser gewohnheitmäßigen Einstellung her auf die Wirklichkeit nicht einer höheren Berechtigung. An Wirklichkeiten und durch Wirklichkeiten sich staffelweis selbst empor zu erwirklichen: das ist bewußt oder unbewußt das Ziel unbefangener Menschlichkeit. Das ist insonderheit das Ziel, dem unser heutiges Europäertum mitsamt seinen kolonialen Abkömmlingen mit Ausschließlichkeit zustrebt...
Diesem Ziel aller Ziele nun stellt der Buddho Gotamo gleichsam seine reine Umkehrung entgegen, — und dies ist wohl die weltgeschichtlich entscheidendste Leistung dieses stärksten Exponenten des indischen Kontinents! Was nach der Lehre Gotamos nottut, ist eben nicht diese Erwirklichung des eigenen Selbstes an den Wirklichkeiten der Welt neben und außer ihm. Was hier nottut, ist vielmehr ganz im Gegenteil die Entwirklichung aller Wirklichkeiten auf Grund einer zuerst zu vollziehenden Selbstentwirklichung. Und zwar hat diese notwendige Entwirklichung ganz schlicht zu geschehen durch die Besinnung auf eben jenen Sachverhalt, welchen der Buddho in die Mitte seiner Lehre rückt: Besitz von Dingen, Besitz von Wesenheiten, Besitz von Wirklichkeiten ist unmöglich, — wo er aber möglich scheint, äfft uns ein ungeheuerer Irrtum. Noch eh’ wir uns dazu überredet haben, dies oder jenes zu besitzen, ward es uns auch schon aus der vollen Hand gerissen, und unverlierbar ist allein die Gewißheit, daß dem so ist, und also auch die Folge, die wir dieser Gewißheit geben. Diese Welt, von welcher der Europäer überzeugt ist, daß er sie beherrsche, und nicht allein beherrsche, sondern ganz und gar besitze, diese Welt ist in Wahrheit Niemandens Welt, am wenigsten aber die Welt des Menschen. Eine Niemands-Welt, eine Niemands-Wirklichkeit ist es, die wir arme Narren in verzeihlich-unverzeihlicher Selbsttäuschung die unsrige zu nennen pflegen, und erst jenes gotamidische ‚N’etam mama‘ ist es, welches wie ein Donnerkeil die Nebel dieser Selbsttäuschung zerstreut und zerteilt. Als Niemandens-Welt, die Mir nicht gehört und nicht gehören kann, als Niemandens-Wirklichkeit, die Mir nicht gehört und nicht gehören kann, entweltet der Buddho diese Welt und entwirklicht er diese Wirklichkeit. Denn was wir Welt heißen und was Wirklichkeit, ist eben nur die Gesamtheit alles dessen, von dem wir wähnen, daß es als möglicher Besitz von uns besessen, als möglicher Besitz von uns angeeignet, als möglicher Besitz von uns verbraucht werden könne, — das Verbum ‚besitzen‘ heißt bekanntlich im älterem Deutsch ‚vermögen‘. Wer uns diese Möglichkeit nimmt, der nimmt gewissermaßen auch den Dingen und Erscheinungen um uns her ihre Wirklichkeit, wofern diese Wirklichkeit eben nur der Ausdruck ist für die besitzergreifende Beziehung von uns zu allen Dingen und Erscheinungen. Und das ist wohl der letzte, das der tiefste Sinn dieser vielleicht hier allzuoft benutzten, hoffentlich aber darum doch noch nicht abgenutzten Formel ‚N’etam mama, das gehört Mir nicht‘, — wofern durch sie der Buddho vollkommen deutlich macht, daß es ein Verhältnis des Besitzes zwischen Mensch und Welt nicht gibt, leitet er damit gleichzeitig eine Entwirklichung größten Stiles dieser nie und nimmer zu besitzenden Welt ein! Denn was auch immer wir als Wirklichkeit erleben und als Wirklichkeit setzen, das erleben oder setzen wir im Interesse etwaniger Besitzergreifung als wirklich: indes uns alles zu fernster Unwirklichkeit verdämmert und verdampft, was ein Interesse künftiger Besitzergreifung grundsätzlich nicht zuläßt. Die scheinbar so unerschüttert wirkliche, unverwüstlich wirkliche Welt entwirklicht sich demnach in dem Augenblick, wo sie in des Wortes höchster und tiefster Bedeutung enteignet wird. Diesen paradoxen Zusammenhang von Wirklichkeit und möglicher Besitzergreifung, möglicher Aneignung dürfte von sämtlichen Menschen der Buddho zuerst durchschaut und zuerst — zerschnitten haben. Wer an die Welt der Dinge, bedeutet der Buddho uns, nicht mehr mit irgendeinem offenkundigen oder versteckten Anspruch des Besitzes herantritt, der erlebt sie auf eine andere Weise wie vorher. Was ihm vorher Wirklichkeit zu sein deuchte, das erscheint ihm jetzt gleichsam als Bild, und was er vorher rund als Körper sah, enttieft sich ihm nunmehr gleichsam zur Fläche. In unbeabsichtigter, aber darum nicht weniger eindrucksvoller Symbolik hat die buddhistische Plastik diesen Tatbestand auf ihre Art dargestellt, wenn sie den vielgestaltigen Schildereien des Menschenlebens, mit welchen sie verschwenderisch die Tempelwände des Boro-Budur schmückt, dennoch in keinem Fall die Tiefe der vollen Körperhaftigkeit zugesteht, sondern ihnen die aufgehöhte Fläche des Reliefs alleinig vorbehält: wogegen rund, körperlich, allseitig im Raum nur der Buddho selber thront, — freilich abseit vom eigentlichen Leben und seiner hinreißenden Bilderflucht, vollkommen aus- und abgeschieden in der Einsamkeit seiner ihm geweihten Nischen: „Das ist die Ruhe, das ist das Ziel“...
Eine Entwirklichung der Wirklichkeit als Ziel der Ziele anstatt der sonst betriebenen Erwirklichung an Wirklichkeiten, — hier wird der Europäer stutzig. Denn sei dieses asketische Ziel seinen lebendigsten Instinkten auch noch so widersprechend, ja widerwärtig, — irgendwann hat doch auch er sich schon einmal mit diesem Ziel befaßt: irgendwann ist er auf diesem Weg dem Buddho schon einmal ein Stück weit entgegen gegangen. Entwirklichung der Wirklichkeit: weist nicht auch dieser fremdeste aller Gedanken zuletzt wie alles maßgeblich Europäische auf den Namen Kant zurück? Gibt es nicht auch nach der unzweideutigen Erklärung Kants ein menschheitliches Verhältnis zur Umwelt, dessen Sinn und Wert sich darin ausspricht, daß der Mensch Dinge und Wesenheiten auffaßt, als seien sie gar keine Wirklichkeiten als solche, sondern ein entwirklichter Schein? Fordert nicht Kant, dieser genugsam nüchterne und jeder Ausschweifung abholde magister mundi europaei bei besonderer Gelegenheit geradezu die Preisgabe jedes menschheitlichen Interesses an dem, was eine Sache zur Wirklichkeit macht, zugunsten dessen, was eine Sache zum bloßen Schein herunterdrückt? Fußt nicht auf diesem ganz bewußten Verzicht auf das, was wirklich in allen Wirklichkeiten ist, nach dem Dafürhalten Kants die ungemeine Tatsache der sogenannten Schönheit, der sogenannten Kunst? Adelt nicht gerade das die Welt zur schönen Welt, daß der Mensch ihre einzelnen Gegebenheiten und Erscheinungen von ihren wirklichen Zwecken ablöst und sich selber jede Bezugnahme auf eine mögliche Besitzergreifung, mögliche Aneignung, mögliche Nutzbarmachung freiwillig zwar, aber mit desto größerer Entschiedenheit verbietet? Hat nicht mithin Kant auf seine Weise, auf europäische Weise, das ungeheuere Gesetz dieser gotamidischen Entwirklichung der Wirklichkeit anerkannt und mehr wie nur anerkannt, wenn er zwar nicht die europäische Religion, immerhin aber die europäische Kunst grundsätzlich auf den Tatbestand zurückzuführen lehrt, daß die Welt als Wirklichkeit erlebt niemals eigentlich schön sei, die Welt als Schönheit erlebt aber niemals eigentlich wirklich? Leuchtet dem europäischen Denker, wenn er also von jener Entwirklichung der Wirklichkeit durch den indischen Buddho Gotamo hört, nicht als das einzig gültige Gleichnis dieses Vorgangs eine freilich in anderer Absicht vollzogene, aber trotzdem doch vollzogene Entwirklichung auf, eine ästhetische Entwirklichung, mit welcher er sich in seiner eigenen Vergangenheit höchst sinnvoll beschäftigt findet? Und kann bei dieser seltsamen Entdeckung der europäische Denker umhin, sich volle Rechenschaft darüber abzulegen, daß diese Entwirklichung der Wirklichkeit, obzwar zugestandenermaßen viel weniger religiös als ästhetisch gemeint, des unerachtet einer Tathandlung zu verdanken ist, die man mit nicht geringerem Recht eine Ablösung, eine Entsagung, eine ‚Askesis‘ zu nennen befugt ist wie die entsprechende Tathandlung des Buddho? Wo wir uns jeglichen Interesses entschlagen an dem, was die Wirklichkeiten der Welt zur Wirklichkeit stempelt, sagt Kant, da schaffen wir die Möglichkeit einer schönen Welt, die uns interesseloses Wohlgefallen einflößt. Kaum aber ist dies in seinen Weiterungen so uneuropäische Bekenntnis den Lippen Kants entschlüpft, dieses Bekenntnis zur Schönheit als einem richtigen ‚asketischen Ideale‘ im Sinne Nietzsches, ja wenn man recht verstehen will sogar als einem Asketen-Ideal entwirklichter, das heißt entgifteter und entstachelter Wirklichkeit, — kaum, sag’ ich, hat sich der repräsentative europäische Denker dieses Bekenntnis fast etwas widerwillig selber abgerungen, als schon der europäische Künstler, wir wissen es, die schwer zu ermessende Bedeutungsfülle dieses Bekenntnisses dahin erwägt und überschlägt, daß es seinerseit die Welt als Spiel zu nehmen und als Spiel zu genießen zuläßt. Kants Entwirklichung der Wirklichkeit im Vorgang der ästhetischen Einstellung zur Welt erlaubt in Wahrheit nämlich zweierlei: entweder dem Gang der Welt unbeteiligt, unverstört und ungekränkt als Zuschauer zu folgen, — und das ist ungefähr die Folgerung Schopenhauers aus Kant gewesen. Oder aber als Mitspieler spielend in das ergötzliche Spiel selber einzugreifen, — und das war die fruchtbarere Folgerung Schillers. Im einen wie im anderen Fall indes bedeutet dieses Verhalten in aestheticis eine derart unverbrauchte und zukunftversprechende Möglichkeit, sich auch auf europäische Weise menschlich mit der Wirklichkeit abzufinden, daß der kantische Gedanke wie ein Frühlingsüdwind die Seele Europas sogar dort, wo sie bisher am härtesten zugefroren war, auftauen macht und einen schier schon verwinterten Samen unbegreiflich schnell ins Schwellen bringt. Als Spiel betrachtet oder gar als Spiel gespielt ist diese alte Welt sozusagen über Nacht jung und hell und schön geworden; als Spiel gewertet und erlebt wird sie überhaupt erst erträglich und aushaltbar: Spiel freilich jetzt am besten und glücklichsten in jener überaus sinnvollen Bedeutung genommen, welche Karl Bücher diesem Begriff gegeben hat, wenn er von einem gewissen Zustand sagt, daß „es nur eine Art der menschlichen Tätigkeit gibt, welche Arbeit, Spiel und Kunst in sich verschmilzt. In dieser ursprünglichen Einheit der geistig-körperlichen Betätigung des Menschen erkennen wir bereits die spätere wirtschaftlich-technische Arbeit, die Hauptformen des Spiels und aller Künste“... Interesseloses Wohlgefallen aber an einer Wirklichkeit, die eben durch den Verzicht auf jegliches ‚Interesse‘ sich entwirklicht zeigt, das ist mit andern (und vielleicht auch etwas stärkeren) Worten lustvolles Genießen dieser entwirklichten Wirklichkeit: lustvolles Genießen mithin gerade dort, wo bisher der Mensch und insonderheit der christeuropäische Mensch so überwiegend von den Gefühlen dunkler Furcht und dumpfen Argwohns bedrängt war, daß er sich vor dieser seiner Wirklichkeit immer wieder zu den Göttern rettete. Als Kunstwerk oder Spielwerk aber scheint nun die Wirklichkeit mit einemmal entleidet, auch wenn sie voller Leids ist. Mag dieses Spiel nur niedere Komödie sein, wo sich die zerstörenden Gegenkräfte der Welt noch kurz, bevor der Vorhang fällt, in fröhlichem Gelächter innig gepaart zueinander finden, — oder mag es im Gegenteil Tragödie höchsten Stiles sein, wo Götter und Helden, feierlich den Opferreigen tanzend, am Ende der Nacht wie Sternbilder des Himmels still verbleichen und edel untergehen: dies Spiel verlockt doch immerzu, umbuhlt doch immerzu, bestrickt doch immerzu mit jener feurig kecken Überredsamkeit des Don Giovanni, welcher nicht einmal der steinerne Komtur als leibhaftiges Symbol des Todes hat widerstehen können: „Willst du mein Gast sein? — Ja!“...
Ist aber die Wirklichkeit, von Kant zuerst bei uns zum schönen Schein, von Schiller dagegen zum schönen Spiel entwirklicht, nichts anderes als ein Gebild der Kunst, dann offenbar bedarf sie zu ihrer steten Neu-Hervorbringung des Künstlers. Als Kunstwerk, Spielwerk ist diese Welt das Werk des Künstlers: der Künstler aber eben der, der alle seine menschheitlichen Spannungen im Werk zur Lösung bringt. In diesem Sinn also Wirklichkeit und Welt als Werk des Künstlers aufzufassen, den Menschen aber eben als den Künstler dieses Werks, darin besteht der wesentlich europäische Vollzug einer Entwirklichung des Wirklichen. Wie wir übrigens jetzt doch sehr bestimmt wahrnehmen, von jenem gotamidisch-indischen Vollzug bei aller inneren Übereinstimmung des Zieles in den Mitteln tief verschieden. Denn diese europäisch entwirklichte Wirklichkeit, sie bleibt ja wohlgemerkt kraft ihrer Eigenschaft als Kunstwerk mit all den heißen Leidenschaften und Begierden, Sehnsüchten und Wünschen des Künstlers bis zum Rand geladen. Sie ist nicht trotzdem, sondern weil sie dem Künstler-Menschen nur noch Spiel ist, nicht matter, abgekühlter, lebensferner wie vorher, vielmehr im Gegenteil farbiger, glühender, atembeklemmender wie je. Der Künstler, das sehen wir jetzt deutlich, entwirklicht die Welt auf andere Art wie das Religiöse, und dementsprechend entwirklicht der Europäer die Welt auch auf andere Art wie der Inder. Selbst wo der Künstler sich seiner Absicht nach also in seinem Werk von seiner Welt erlöst und damit augenscheinlich eine religiöse Leistung zum Vollzug bringt, — und welcher Künstler wäre erfahrener in diesen Selbst- und Welterlösungen gewesen wie Goethe? — selbst dort erlöst er dessen unerachtet nur als Künstler und nicht als Religiöser. Er bringt den Lebensstrom nicht wie der Büßer in sich zum Stocken, sondern er schaltet ihn nur gleichsam wie einen Kraftstrom in einen anderen Kreislauf ein. Imgleichen bringt er den Lebensdrang in sich nicht zur Unterbindung, sondern verpflanzt ihn gleichsam nur in eine andere Welt-Seins-Lage, Welt-Scheins-Lage. Ist doch der Künstler schlechterdings der Schaffende und folglich sein Erlösen zuletzt nichts anderes als ein Schaffen: wogegen sich der Büßer in einer Gegenwelt aufhält, für welche der Begriff des Schaffens seinen deutbaren Sinn nicht minder wie der Begriff der Gestalt verlor. Ein Schaffen bleibt sonach das entwirklichende Spiel des Künstlers im Gegensatz zu den Erlösungen des Büßers, und derart gipfelt mit unentwegter Folgestrenge, Folgetreue dieser europäische Vollzug der Welt-Entwirklichung more aesthetico im Schaffen. Als Schaffender lernt es der homo europaeus in dieser Welt endlich aushalten; als Schaffender weiß er sie endlich zu genießen; als Schaffender erlöst er sich endlich von ihrer Wirklichkeit zu ihrer Bildlichkeit und Sinnbildlichkeit. Nicht zufällig aber, wahrhaftig nicht! ihr Christen, heißt der europäische Oberbegriff alles europäischen Philosophierens schon beim alten, niemals alternden Platon — ποίησις, das ist Erschaffung, das ist Schöpfung. „Denn die Ursache von jedwedem“, so lesen wir im Gastmahl, „was aus dem Nicht-Sein ins Sein übergeht, ist insgesamt ποίησις“. Als Schaffender wagt der Europäer, sonst vielleicht eine schlechte und mißratene species Mensch, sein heiliges Ja zur Welt zu sprechen, da auch er als Nicht-Schaffender nur das Nein aufgebracht hatte. Als Schaffender verlernt er Leidender zu sein und an der Wirklichkeit, am Leiden selbst länger noch zu leiden. Als Schaffender verlernt er im Gesetz des Schaffens den Zufall des Leidens, dem er als Nicht-Schaffender wehrlos ausgesetzt bleibt. Unendlich beziehungreich hat darum der letzte Europäer, Nietzsche, dieses Erschaffen und Umschaffen der Welt zum Kunstwerk, Spielwerk, Künstlerwerk auf den Namen des Künstler-Gottes Dionysos getauft: seit Messer Ariosto bis zu Byron und Shelley, seit Cervantes bis zu Hoffmann und Keller, seit Shakespeare bis zu Büchner und Grabbe, seit Pier della Franceska bis zu Delacroix und Marées, seit Meister Rabelais bis zu Balzac und Rolland, seit Orlando di Lasso bis zu Mozart und Schubert befindet sich Europa auf seiner Höhe nur dann, wenn es die goldene Flöte des Dionysos bläst. Im Zeichen des dionysischen Schaffens vollendet sich Europa, — der Rest, an Umfang ungeheuer, an Wert gering, gehört Fabrikarbeit und Werkeltag, Berufsfron und Geschäft, Gelehrsamkeit und Schulfuchserei, Dienst und Drill. Die Welt aber ein dionysisches Begebnis: so heißt bisher Europas beste Stunde, so heißt bisher Europas ewigste Vollendung, die ihm niemand, nicht einmal der Europäer, streitig machen soll; — zugleich das einzige Ergebnis, welches der Mühe lohnt, daß diese kleine Teil-Welt, kaum mit Fug ein Welt-Teil zu nennen, nicht auch geschichtlich nur Asiens Halbinsel und Anhängsel geblieben ist. Als dionysisch Schaffender indes, angesichts seiner zu einem Kunst-Werk, Spiel-Werk schöpferisch erlösten Europa-Welt erklimmt der Europäer den Gipfel seines Kontinents, der da die Wasser zwischen Europa und Asien scheidet und gleichsam der ‚Ewige Ort‘ ist für alle guten und hohen Geister seit den Tagen des Herakleitos und Pythagoras, des Empedokles und Platon bis hinauf zu der Gegenwart Kants und Jean Pauls, Goethes und Nietzsches. Nur noch ein einziger kurzer Schritt, und dieser dionysische Europäer, Künstler und nicht Büßer zwar, aber dennoch ein Entwirklicher der Wirklichkeit und ein Erlöser von der Wirklichkeit, — nur ein Schritt noch, und er bekommt seine große Aufgabe zu Gesicht und mit ihr den großen Orient. Nur ein einziger kurzer Schritt noch, und der dionysische Europäer erschaut das Wunder aller Wunder, wie nämlich Europas Gott Dionysos dem indischen Buddho auf der Ost-Westbrücke begegnet und magisch mitten durch ihn hindurch schreitet. Nur ein einziger kurzer Schritt noch, und die Zeit ist erfüllt, da ein neuer Held Alexandros Europa und Asien aus Einem Mischkrug trinken wird...