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Der alte Trapper

Sechstes Kapitel Hartherz

Friedrich Meister translation

Es war der junge Pawnee, den die erstaunte Gesellschaft so plötzlich und unerwartet vor sich stehen sah. Eine Minute lang musterte man sich gegenseitig, stumm, forschend und mißtrauisch, dann brach der Trapper das Schweigen.

„Die Sache ist klar,“ sagte er. „Der Junge ist im Schlaf von dem Feuer überrascht worden und hat, nachdem er sein Pferd verloren, unter der Haut eines frisch geschlachteten Büffels Schutz gefunden. Gar nicht übel, wenn man kein Pulver hat, um ein Gegenfeuer anzuzünden. Ein gescheiter, tüchtiger Bursche, den ich wohl als Reisegefährten haben möchte. Mein Bruder ist willkommen,“ fuhr er in der Pawneesprache fort. „Die Tetons haben ihn geräuchert, als wäre er ein Waschbär.“

„Die Tetons sind Hunde,“ antwortete der junge Indianer rollenden Blickes. „Wenn der Kriegsruf der Pawnees in ihren Ohren ist, dann heult die ganze Nation.“

„So ist es. Die Spitzbuben sind uns auf der Fährte, und ich freue mich, einen Krieger gefunden zu haben, der den Tomahawk zu führen weiß und jene Schufte nicht liebt. Will mein Bruder meine Kinder in sein Dorf geleiten? Wenn die Tetons unserer Spur folgen, werden meine jungen Männer ihm beistehen, sie zu bekämpfen.“

Der Pawnee betrachtete jeden einzelnen der Gesellschaft mit durchdringendem Blick, dann antwortete er:

„Mein Vater ist willkommen. Die jungen Männer meines Volkes sollen mit seinen Söhnen jagen, und die Häuptlinge werden am Beratungsfeuer mit dem Graukopf rauchen. Die Pawneemädchen werden seinen Töchtern ins Ohr singen.“

„Und wenn wir den Tetons begegnen?“ fragte der Trapper, der bei diesem neuen Bündnis völlig klar sehen wollte.

„Die Feinde der Langmesser sollen die Streiche des Pawnee fühlen.“

„Es ist gut. Möge mein Bruder jetzt mit mir Rat halten, damit unser Weg zu seinem Dorfe nicht gewunden, sondern gerade sei wie der Flug der Tauben.“

Der Pawnee nickte und folgte dem alten Jäger auf die Seite. Die Unterredung, in der bilderreichen und würdevollen Sprache der Indianer geführt, war nur kurz.

„Dieser junge Krieger,“ erklärte der Trapper seinen erwartungsvollen Freunden nach dem Schluß der Beratung, „ist auf Kundschaft gegen die Sioux aus. Da seine Begleiter nicht zahlreich genug waren, um es mit den Feinden aufzunehmen, hat er dieselben heimgesandt, um Verstärkung aus den Dörfern zu holen. Der Junge muß ein tapferes Herz haben, da er ganz allein den Spitzbuben auf den Fersen blieb. Aber er hat mir noch mehr mitgeteilt. Der verschmitzte Mahtoree hat, anstatt sich in einen Kampf gegen den Squatter einzulassen, mit ihm Frieden geschlossen, so daß nun die gesamte Halunkenbande, die weiße wie die rote, brüderlich vereint hinter uns her ist.“

Das war eine beunruhigende Nachricht, und es galt nun vor allem, die Flucht so rasch als möglich fortzusetzen. Der Pawnee warf sich die Büffelhaut über die Schultern und übernahm die Führung. Es ging nun geradeswegs zum Flusse, dessen Ufer nach Verlauf einer Stunde erreicht war. Es war einer der hundert Nebenströme des Mississippi, nicht tief, aber wasserreich und reißend.

Es galt jetzt, über das breite Wasser hinüberzukommen.

„Oft habe ich diesen Fluß durchwatet, ohne das Knie zu netzen,“ sagte der Alte, „jetzt aber ist die Flut durch die Wasser aus den Bergen geschwollen. Unsere Siouxpferde schwimmen jedoch wie die Hirsche.“

„Trotzdem möchte ich Ellen nicht ihrem Rücken in diesem strudelnden und tobenden Hexenkessel anvertrauen,“ entgegnete der Bienenjäger.

„Recht, Knabe,“ nickte der Trapper. „Wir müssen auf etwas anderes für die Frauenzimmer denken.“

Er wendete sich zu dem Pawnee und erklärte diesem die entstandene Schwierigkeit. Der junge Pawnee hörte ernst und aufmerksam zu; dann aber warf er seine Büffelhaut auf die Erde und begann sogleich, unter dem Beistande des schnell auf seine Gedanken eingehenden Jägers und mit Hilfe von Riemen und leichten Holzstäben ein Fahrzeug daraus herzustellen, das zwar eher einem umgekehrten Regenschirm als einem Boote glich, dennoch aber sich als durchaus zweckentsprechend herausstellte.

Middleton und Paul Hover prüften das Fahrzeug auf seine Sicherheit und Tragfähigkeit, dann stiegen Inez und Ellen hinein. Der Pawnee, der eins der drei Rosse bestiegen hatte, ritt ins Wasser, stieß seine Lanze durch den obersten Rand des Fahrzeugs und bugsierte dasselbe mit großer Kraft und Geschicklichkeit in den Strom hinaus. Der Hauptmann und der Bienenjäger folgten auf ihren Pferden, und alle erreichten glücklich das jenseitige Ufer.

Hier löste der Pawnee die das Fahrzeug zusammenhaltenden Bänder, warf sich die Haut wieder über den Rücken, nahm die Holzstäbe in die Hand und ritt in den Fluß zurück, den Doktor und den Trapper zu holen.

„Jetzt weiß ich, daß diese Rothaut unser volles Vertrauen verdient,“ sagte der alte Jäger zu seinem Genossen. „Wäre er ein Teton oder ein Mingo, dann hätte er uns im Stich gelassen und wäre mit unserem besten Pferde auf und davon gegangen. Ich fürchtete schon so etwas, als ich ihn das Tier auswählen sah, aber ich tat ihm unrecht. Der Junge ist ehrlich; und hat man solch eine Rothaut erst einmal zum Freunde, dann bleibt er das, solange man ihn offen und aufrichtig behandelt.“

Der Pawnee landete, das Boot wurde wiederhergestellt, und jetzt nahmen der Trapper, sein Hund und der Doktor darin Platz, der letztere freilich nur mit Zittern und Zagen.

„Ehrwürdiger Jäger,“ stammelte der kleine Mann, angstvoll auf die wirbelnde Flut blickend, „dieses Fahrzeug ist so gänzlich unwissenschaftlich bereitet, daß eine innere Stimme mich abhält, ihm zu trauen. Das Schiff hat ja weder Form noch Proportionen.“

„So schön wie ein Rindenkanu ist es freilich nicht,“ versetzte der alte Mann lächelnd, „man kann aber Ruhe und Bequemlichkeit ebensogut in einem Wigwam wie in einem Palast finden.“

„Ja, aber ein Machwerk, das so jeglicher Wissenschaft Hohn spricht —“

Der Doktor unterbrach sich mitten im Satze, denn von der Uferseite her, die sie soeben verlassen hatten, ertönte ein Geschrei, so durchdringend und übernatürlich, daß er mit offenem Munde und entsetzten Augen lauschen mußte. Der junge Pawnee spitzte die Ohren wie ein Hirsch, denn der Ton war ihm neu und rätselhaft; der Trapper aber hatte das Geschrei sogleich erkannt. Er schaute zurück und sah des Doktors Esel in gestrecktem Galopp daherkommen, zu übermäßiger Eile angetrieben von Weucha, dem Sioux, der auf seinem Rücken saß.

Die Blicke des Tetons und die der Flüchtlinge begegneten sich. Der erstere stieß einen laut gellenden Ruf aus, der im nächsten Augenblick fünfzig seiner Genossen zum Flußufer brachte, die sofort anhuben, einen Hagel von Pfeilen den Entweichenden nachzusenden. Die Geschosse fielen jedoch harmlos ins Wasser, da das Fahrzeug inzwischen bereits über die Hälfte der Strombreite durchmessen hatte. Jetzt erschien auch die hohe Gestalt Mahtorees unter der Schar der Verfolger. Mehr als einmal erhob der Trapper die lange Büchse zum Schusse, aber immer wieder ließ er sie sinken, als widerstrebe es ihm, Menschenblut zu vergießen. Die Augen des jungen Pawnee aber funkelten wie die eines Kuguars bei dem Anblick so vieler Feinde; er schwenkte mit verächtlicher Gebärde die Rechte hoch in der Luft und ließ dabei schallend den Kriegsruf seines Volkes ertönen. Diese Herausforderung war mehr, als die Tetons ertragen konnten; wie Wasserratten stürzten sie sich in den Fluß, der gleich darauf wie besät mit den dunkeln Gestalten der Reiter und der Rosse erschien.

Obgleich der Pawnee seine und seines Pferdes Kraft auf das äußerste anstrengte, so verringerte sich die Entfernung zwischen den Flüchtlingen und den Verfolgern dennoch von Minute zu Minute. Am jenseitigen Ufer erschienen jetzt Middleton und der Bienenjäger, die ihre Schutzbefohlenen in einem kleinen Dickicht untergebracht hatten.

„Zu Pferde!“ rief ihnen der Trapper zu. „Macht, daß ihr mit den wehrlosen Frauen davonkommt, und laßt uns in der Hand des allmächtigen Gottes!“

„Ei was, bückt Euch lieber, alter Freund!“ rief Paul Hover zurück. „Bückt Euch tief in den Kahn hinein; der rote Satan ist gerade hinter Euch, und Euer Kopf verbirgt mir das Ziel! Bückt Euch, sage ich, und gebt den Weg frei für eine Kentuckykugel!“

Der Greis blickte schnell hinter sich und gewahrte ganz in der Nähe den wilden Mahtoree, der in seiner Ungeduld allen anderen vorausgeeilt war. Er bückte sich, und des Bienenjägers Büchse krachte. In demselben Moment aber hatte der Häuptling sich auch schon vom Pferde herab und ins Wasser geworfen; das Tier aber, von der Kugel getroffen, bäumte sich hoch auf und trieb dann mit dem reißenden Strome fort, das Wasser mit seinem Blute färbend.

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Wohl schwang sich der Häuptling zu einem seiner Krieger auf das Roß, der Schuß aber hatte den Eifer der Tetons gedämpft; sie kehrten eiligst zum Ufer zurück, so daß die Verfolgten in Ruhe den jenseitigen Strand erreichen konnten.

„Schnell zu Pferde!“ war hier des Trappers erstes Wort an Middleton und den seines erfolgreichen Schusses sich höchlichst freuenden Paul. „Reitet nach jenem Hügel; hinter demselben findet ihr einen zweiten Strom, in dessen Wasser ihr den Weg fortsetzen müßt, bis ihr zu einer sandigen Ebene gelangt; dort wartet auf uns. Der Pawnee, mein tapferer Freund Obed Bat und ich, wir halten den Strand hier noch eine Weile schon allein dadurch, daß wir uns und diese lange Büchse den Tetons zeigen.“

Die beiden Männer folgten ohne Einrede; sie saßen auf, nahmen die Frauen hinter sich und waren bald hinter dem Hügel verschwunden. Drüben gewahrte man die Schar der Tetons und in ihrer Mitte den Häuptling Mahtoree, der ab und zu drohend den Arm gegen die drei Wächter auf dem diesseitigen Ufer schüttelte. So vergingen etwa dreißig Minuten, dann erhoben die Tetons ein wildes Jubelgeschrei; sie begrüßten damit ihre neuen Verbündeten, Ismael Busch und seine Mannen, die langsam herangezogen kamen. Der Emigrant nahm die Sachlage mit seiner gewöhnlichen Kaltblütigkeit in Augenschein und entsendete auch, wie um die Tragweite seiner Büchse zu erproben, eine Kugel gegen seine Feinde, die in bedrohlicher Nähe über die letzteren hinpfiff.

„Jetzt laßt uns aufbrechen!“ rief Obed, sich noch nachträglich duckend. „Wir haben lange und mutig genug ausgehalten, und ein Rückzug erfordert nicht weniger Tapferkeit als eine Schlacht.“

Der Trapper machte keine Einwendung; er überließ dem Doktor das dritte Pferd, auf dem dieser sich unverweilt aus dem Staube machte. Er selber und der Pawnee entfernten sich unter geschickter Benutzung der Unebenheiten des Bodens, so daß sie bald den Tetons aus den Augen kamen. Sie erreichten ihre Freunde an der bezeichneten Stelle, und nun machte der alte Jäger den Vorschlag, hier auf einige Stunden zu kampieren.

Middleton, Paul und der Doktor waren über dieses Ansinnen ganz erstaunt, da sie meinten, daß es jetzt vor allem auf schleunigste Fortsetzung der Flucht ankommen müsse.

„Warum sollen wir fliehen?“ entgegnete der Alte. „Meint ihr, wir könnten zu Fuß und mit unseren schwer belasteten und abgejagten Tieren den schnellen Rennern der Tetons entgehen? Oder meint ihr, daß die Feinde sich schlafen legen werden? Zum Glück liegt der größte Teil unserer Fährte im Wasser, so daß wir immerhin Aussicht haben, vor der Hand unentdeckt zu bleiben. Aber die Prärie ist kein Wald; von jenem Hügel überschaut ein Kundschafter beinahe so viel Land wie ein Habicht aus der Luft. Nein, wir müssen die Nacht abwarten, ehe wir weiterziehen. Hören wir aber noch die Ansicht des Pawnee, der ist ein erfahrener Krieger. Hält mein Bruder unsere Fährte für lang genug?“ fragte er den Indianer in dessen Sprache.

„Ist ein Teton ein Fisch, daß er sie im Wasser sehen kann?“ versetzte dieser.

„Meine jungen Männer wünschen sie zu verlängern, bis sie über die ganze Prärie reicht.“

„Mahtoree hat Augen; er wird sie sehen.“

„Was rät mein Bruder?“

Der junge Krieger schaute prüfend zum Himmel auf und schien zu zögern. Eine Weile ging er mit sich selber zu Rate, dann aber sagte er mit Festigkeit:

„Die Dakotas schlafen nicht; wir müssen uns ins Gras legen.“

Der alte Jäger nickte im Einverständnis, und jetzt fügten sich auch die anderen. Ellen und Inez wurden unter das Büffelfell gebettet; die Pferde band man und warf sie zu Boden, und dann streckten sich auch die Männer nieder. Das Präriegras stand hier so hoch, daß schon aus ganz kurzer Entfernung nichts von diesen Veranstaltungen wahrgenommen werden konnte. Da es galt, hier wenigstens fünf Stunden zuzubringen, so überließ man sich dem Schlaf, der sich nach all den Anstrengungen auch bald einstellte.

Stundenlang lag alles in tiefem Schweigen, dann hörten die scharfen Ohren des Trappers und des Pawnee einen leisen Ruf, der aus Inez' Munde kam. Auf alles gefaßt, sprangen sie auf und gewahrten zu ihrem Schrecken, daß die ganze Prärie dicht mit blendend weißem Schnee bedeckt war.

„Gott möge uns gnädig sein!“ rief der alte Mann schmerzlich. „Jetzt weiß ich auch, Pawnee, weshalb du die Wolken so genau betrachtetest; aber nun ist's zu spät! Selbst ein Eichhörnchen würde Spuren auf diesem losen Schnee hinterlassen. Ha! Da sind auch schon die roten Teufel! Nieder! Nieder! Zwar wird's nicht viel nützen, man darf aber keine Vorsicht außer acht lassen!“

Alle warfen sich aufs neue platt auf den Boden, jeder aber spähte verstohlen durch das hohe Gras nach den Feinden, die, noch etwa eine halbe englische Meile entfernt, von allen Seiten kreisförmig heranrückten und dem Versteck der Flüchtlinge langsam aber sicher näher kamen.

Paul und Middleton machten ihre Büchsen schußfertig, und als Mahtoree, der die Blicke unverwandt suchend auf den Boden geheftet hielt, bis auf fünfzig Schritte herangekommen war, da drückten sie beide fast gleichzeitig auf ihn ab. Allein ein Knipsen der Hähne war die einzige Wirkung dieses voreiligen Tuns.

„Genug,“ sagte der Trapper, sich langsam und würdevoll erhebend; „ich war's, der euch das Pulver aus den Pfannen schüttete; eure Schüsse hätten unser aller sicheren Tod zur Folge gehabt. Laßt uns unserem Geschick wie Männer ins Auge sehen. Klagen und bitten würde uns in den Augen der Indianer nur verächtlich machen.“

Ein Geschrei, das sich über die ganze Prärie fortzusetzen schien, begrüßte sein Erscheinen, und im Nu sprengten hundert Wilde herbei. Mahtoree empfing seine weißen Gefangenen mit großer Selbstbeherrschung; erst später richtete sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Pawnee, der stumm und unbeweglich wie eine Statue abseits gestanden hatte, und nun erkannte der Trapper sowohl aus dem unbeschreiblichen Jubelgeheul, das aus hundert Kehlen in die Lüfte stieg, als auch aus dem wie ein Lauffeuer die Runde machenden gefürchteten Namen, daß sein junger Freund kein anderer war als der bisher noch nie besiegte Krieger, der gewaltige Hartherz selber.

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